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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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vollständig, als in dcr meisterhaften Composition dieses Ganzen, der dich-terischen Wahrheit dieser Gestalten, dein stetigen Fortschreiten dieser Er-zählung; und wenn Gocthe's Eigenthümlichkeit in einzelnen ihrer Vor-züge stärker und leuchtender aus anderen seiner Werke hervorstrahlt, sofindet man in keinem, so wie in diesem, alle diese einzelnen Strahlen inEinem Brennpunkt versammelt.

Die kritische Zergliederung dieses Werkes zu übernehmen, hieß ineinem noch eigentlicheren Verstände, als es die ästhetische Bcurtheilungimmer thun muß, in das Wesen dcr dichterischen Einbildungskraft einzn-dringen; und so trieb mich die Begierde, dieser gehcimnißvollsten unterallen menschlichen Kräften mit Begriffen näher zu kommen, nicht weniger,als die Liebe zu diesem Gedicht, den Versuch zu wagen, aus dem dieseSchrift entstand.

Diesen! Gesichtspunkte, von dein ich ansging, habe ich mich bemüht,in der Ausführung getreu zu bleiben. Ich habe die Betrachtung deSGedichts so wenig als möglich von dcr Betrachtung des Dichters getrennt,und dasselbe, so viel ich immer konnte, nur als den lebendig dargestelltcnGedanken einer individuellen dichterischen Einbildungskraft bcurthcilt. Denndie Natur eben dieser Einbildungskraft zu studieren, war mein haupt-sächlichster Endzweck. ,

Dies bitte ich den Leser nicht ans den Augen zu verlieren, wenn ervielleicht finden sollte, daß ich mich bisweilen zu sehr von meinem Gegen-stände entferne, zu hoch zu allgemeinen Grundsätzen erhebe, oder zu weitans andere Dichtungsartcn und Dichternaturcn verbreite. Beides warauf dein Wege, den ich einmal nahm, unvermeidlich. Denn um zu zeigen,daß dies Gedicht die allgemeine Natur dcr Poesie und der Kunst reiner,als nicht leicht ein anderes, sich zum besonder!! Charakter aneignet, mußteich nothwcndig, das Wesen dcr Kunst in ihren ersten Gründen aufsuchend,bis auf die höchsten Principien dcr Elementar - Aesthetik znrückgehcu; undum demselben, so wie dem Dichter selbst, die ihnen gebührende Stelleunter den übrigen Kunstwerken und Künstlern anzuweisen, eben so noth-wcndig die verschiedenen Ncbcnarten aufführcn, welche dieselbe Gattungmit ihnen befaßt.

Ich wählte aber diese Methode, immer zugleich bei meinem Gegen-stände etwas Allgemeineres, die Poesie und die Dichtcrnatnr überhaupt,im Auge zu haben, nicht ohne Absicht. Jede philosophische Bcurtheilungkann auf einen zwiefachen Endzweck hinarbciteu, mehr auf die objcctive