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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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Einleitung.

Nichts vollendet so sehr dm absoluten Werth eines Gedichts, als wenncs, »eben seinen übrigen cigcnthümlichcn Vorzügen, zugleich den sichtbarenAusdruck seiner Gattung und das lebendige Gepräge seines Urhebers ansich trägt. Denn wie groß auch die einzelnen Schönheiten sein mögen,durch welche ein Kunstwerk zu glänzen im Stande ist, wie regellos dieBahnen, welche selbst das echte Genie manchmal verfolgt; so bleibt eSdoch immer gewiß, daß dasselbe da, wo es in seiner vollen Kraft thätigist, auch immer in einer reinen und entschiedenen Individualität anstritt,und sich ebenso wieder in einer reinen und bestimmten Form auSprägt.Wenn daher andere Prodncte der Kunst nur eine einseitige Bewunderungoder eine flüchtig aufbrausende Begeisterung hervorbringcn; so sind esallein die, welche jenen Grad der Vollkommenheit besitzen, in welchen derLeser seine volle und dauernde Befriedigung findet, und ans denen er wie-der die Stimmung zu schöpfen vermag, die ihnen selbst das Dasein gab.Vorzüglich aber sind sie ein dankbarer Gegenstand für die ästhetische Bc-nrtheilnng. Denn sie erheben zugleich mit sich auch ihren Beurtheilerempor, und führen von selbst eine Art der Kritik herbei, die in dem ein-zelnen Beispiel zugleich die Gattung, in dein Werke zugleich den Künstlerschildert.

Eine solche Bcurthcilnng schien mir Goethe's Hermann und Doro-thea vorzugsweise zu verdienen. Denn in dein eigenthümlichen Geiste,der diese Dichtung beseelt, glaubte ich in vorzüglich sichtbarer Stärkedie doppelte Verwandtschaft zu erkennen, in welcher derselbe ans der einenSeite mit der allgemeinen Dichter- und Künstlernatur überhaupt, auf deranderen mit der besonder» Eigcnthnmlichkeit ihres Verfassers steht. Diepoetische Gattung und die epische Art erscheint nur selten so rein und so

W. v. Hum bol r t. über Goctbe's Hermann nnd Dorothea. 1