XVIII
Standpunkt Humboldt's im Wesentlichen derselbe ist wie sein kunstwissen-schaftlicher; nur durchgebildeter und abgeschlossener.
Wie Humboldt's Aesthetik, wenn auch nicht in ihrer Durchführung,so doch in ihrer Grundanschauung durchaus auf eine Physiologie derPhantasie angelegt war, so ist ihm die Sprachwissenschaft eine Physiologiedes allgemeinen menschlichen Sprachvermögens. Die vergleichende undgeschichtliche Grammatik, an deren Ausbau Humboldt selbst noch seineschöpferische Hand legte, ist die großartige Frucht dieser Auffassungsweise.
Liegt es nicht nahe, diesen innerlich folgerichtigen Ausbau derSprachwissenschaft auch für den gleichen folgerichtigen Ausbau der Kunst-wissenschaft nutzbar zu machen?
Erscheint cs immer mehr und mehr als unabweisbar, in der wissen-schaftlichen Grundlegung der Kunstwissenschaft den Boden der Schelling-Hegelschen Aesthetik zu verlassen, oder, mit anderen Worten, nicht von demin dieser als fertig vorausgesetzten Begriff der Schönheit und des Kunst-ideals, sondern vielmehr von dem thatsächlich geschichtlichen Anfang undUrsprung der Kunst, von der Natur und Gesetzmäßigkeit der menschlichenPhantasiethätigkeit auszugehcn, und deren stilistische Bedingtheit durch dieNatur des künstlerischen Darstellungsmittels und die Verschiedenheit derschaffenden Völker und Zeitalter darzustellen, so ist bestimmt das Zielausgesprochen, welches die Kunstwissenschaft, nach dem ruhmreichen Vor-gang der verwandten Sprachwissenschaft, fest ins Auge zu fassen hat.
Die Aesthetik, soll sie in Wahrheit Wissenschaft sein, ist wesentlichvergleichende Kunstgeschichte.
Wer dieses lockende und fruchtbringende Werk unternimmt, wird dieAufgabe haben, Wilhelm von Humboldt, den Kunstforscher, durch Wil-helm von Humboldt, den Sprachforscher, zu ergänzen und fortzubilden.