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Aesthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea
Entstehung
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vollendete hier das herrliche Idyllion von Hermann nnd Dorothea. Wienatürlich, daß die Gespräche oft und gern bei dem Wesen des Epos nnd derTragödie nnd deren inneren Gegensätzen verweilten! Goethe las an jenenAbenden bei Humboldt mehrfach sein Gedicht vor, dnrchsprach cS mit denFreunden, und nahm für die Prosodie die kundige Unterstützung und NachhilfeHumboldt's in Anspruch. Humboldt war ganz erfüllt von der Einzigkeit diesesGedichtes, das ihm sein reines Menschheitsideal und seine liebevoll gehegteUeberzengung von der inneren Verwandtschaft des griechischen und deut-schen Volksgeistes in der herzgewinnenden Einfachheit idealster Kunst-schöpfung cntgegentrug. Humboldt fühlte sich in seinem tiefsten Wesenbereichert. Es drängte ihn, alle die mannichfachen und tiefergrcifendcnEindrücke und Anregungen, welche er seit Jahren von Schiller nnd inden letzten Monaten von Goethe bekommen hatte, selbstgestaltcnd zu festerEinheit zusammenzuschließen. Schon früher hatte er einmal daran ge-dacht, seine Ideen über Kunst und Dichtung in eine Besprechung vonVossen's Luise niederznlegen. Jetzt hatte er einen glücklicheren Anhalt.Alles, was ihn bewegte und beschäftigte, hatte seine Erfüllung in derlebendigen Anschauung und Erkenntniß jenes Goethe'schen Gedichtes gefun-den, das er nicht zu kritisiren, sondern nur in seinen Motiven und in sei-ner Gesammtstimmnng zn erklären brauchte, mn die probehaltige Nichtig-keit seiner Ansichten zu erweisen.

Dies ist der geschichtliche Ursprung des hier vorliegenden Buches UberGocthe's Hermann und Dorothea. EndeApril 1797 warHumboldt von Jenanach Berlin gegangen. Es folgten rasch wechselnde Aufenthalte in Dresden,Wien und Paris. Im Trubel der Reise reiften die keimenden Entwürfe;in Paris wurde das Buch vollendet. Am 15. Mai 1798 war, wie auseinem an diesem Tage geschriebenen Briefe Schiller's an Goethe erhellt,die Handschrift in Schiller's Händen. Die Schnelligkeit der Abfassunginmitten der buntbewegten und zerstreuenden äußeren Umgebung bezeugt,wie unvertilgbar der Stoff sich der Seele Humboldt's bemächtigt hatte.

Haym sagt in seiner vortrefflichen Biographie Wilhelm von Hnm-boldt's (Berlin 1856. S. 151) sehr bezeichnend: „Als Humboldt Jena