1
316
Geschichte der Jude»
Anhaltspunkte für seine Ansichten von dem Zwecke mancher Gesetze imJndenthume. Bemerkenswerth ist, daß er den geordneten Tempelcnltusdes Judenthnms nur deßwegen eingeführt wissen wollte, um das Opfer-wesen zu beschränken, um es nach und nach als unwesentlich zu beseitigen.Der Cultus sei nur für das israelitische Volk auf der damaligenCulturstufe angeordnet worden, weil es sich damals nicht von seinerGewohnheit und von seiner Anschauungsweise: man könne sich der Gott-heit nur durch Opfer nähern, hätte abbringen lassen. Das Opferwesenim Jndenthume sei bloß ein Zugeständniß an die menschliche Schwächegewesen, und darum hätten die Propheten so wenig Gewicht daraufgelegt i). Die zwei Cherubim auf der Bundeslade bedeuteten zwei Engel,um das Volk von dem Dasein reiner Geister augenscheinlich zu über-zeugen, weil dadurch das Dasein Gottes und die Prophetie bewiesenwerde 2). Die levitischen Reinheitsgesetze seien dazu bestimmt, das Volkvom öftern Betreten des Heiligthnms fernzuhalten, weil durch allzuoftenBesuch desselben sich die Ehrfurcht vor der Gottheit, welcher der Tempelgeweiht ist, vermindere und sich allmälig ganz abstumpfe"). Die Speise-gesetze zielten darauf ab, dem Körper nur gesnndheitsgemäße Nahrungzuzuführen oder die Menschen von ekligen Speisen fernzuhalten ^).Viele Gesetze, namentlich die Keuschheitsgesetze, bezweckten, die thierischenBegierden der Menschen zu beschränken und zu regeln, weil diese ammeisten dem Geistesanfschwung hinderlich seien, und der grobe Tastsinneigentlich eine Schwäche für den zu Hohem berufenen Menschen sei.Nächst diesen will eine Gruppe von religiösen Pflichten auch den Wohl-thätigkeitssinn und das Mitgefühl für Arme und Hilflose einprägen.
Haben solchergestalt sämmtliche Vorschriften des Judenthnms einenvernünftigen Zweck, so dürfe der geweckte Sinn auch nicht an den un-wichtigen und kleinlich scheinenden Erzählungen in der Thora Anstoßnehmen, denn auch sie hätten den Zweck, Lehren und richtige Auffassungs-Weisen einzuprägen oder Mißverständnissen vorznbeugen^). Auffallendist es, daß Maimuni, obwohl er nicht bloß das Bibelwort, sondernauch die agadischen Aussprüche vernunftgemäß und philosophisch sichzu deuten bemühte und nur hin und wieder sie mißbilligte, die talmudischeGesetzesauslegnng bei der Auseinandersetzung der Zweckgründe für dieGesetze nicht berücksichtigte und ausdrücklich bemerkte: er wolle nur diehöhere» Bezüge der Thora aufsuchen, die talmudische Auslegungdagegen ziehe er nicht mit hinein"), als wollte er das biblische
^ Das. III. 32 und an andern Stellen.
2) Das. III. 45. -) Das. III. 47.
->) Das. III. 48.
°) Das. III. 50. ") Das. III. 4t.