Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten tus nus die Kegenwnrl. Aus Len (Quellen nen bearbeitet von vr. S. Graeh, weil. ProsrM- an der AnivrrpA und am indisch - theologischen Seminar ;n Breslau Sechster Banv. Dritte Auflage. -ceiPzig, Oskar Leiner 1894 . vom Aufblühen -er jüdisch-spanischen Cultnr ( 1027 ) bis Maiinuni'ü Tod. Vo» vi-. H. Graetz, weil. j?rosrffor an der Universität und am jüdisch-theologischen Seminar zn Vreslan. Dritte Auflage. Leipzig, Oskar Leiuer. 18 !U. O,rs Nkcht der ^l«l»cvsei>»»g in fl'rnidc Sprnchrn U0tl>el,nltr». tsndes-- u. 5tgdt-- n Zidiioth^k l i H DüsMol-s ^ ZnhcE. Zweite Periode des dritten Zeitraumes. ßrstcs Kapitel. Seite Untergang desGaonats und erstes rabbinisches Zeitalter. Epoche des Jbn-Nagrcla und Jbn-G'ebirol's. N. Hat Gaon, sein Charakter und seine Bildung; Samuel b. Chofni; Chiskija, der letzte Gaon. Die Afrikaner Gemeinde, N. Chananel und N. Nissiin, ihre Leistungen und Schriften. Der Staatsmann, Dichter und Rabbiner Samuel Jbn-Nagrela. — Der Grammatiker Jona Jbn- G'anach und seine Bedeutung.l — 23 Zweites Kapitel. Zeitalter des Jbn-Nagrela und Jbn-G'ebirol's. (Fortsetzung.) Jbn-G'ebirol, sein Leben, Charakter, seine Lieder und seine Philosophie. Der Staatsmann Jekutiel Jbn-Hassan. Bachja (Bechaja) und seine Moralphilosophie. — Der Bibelkritiker Jizchaki Jbn-Jasus. Der Dichter Joseph b. Chasdar. Tod des Samuel Jbn-Nagrela. Sein Sohn Joseph, sein Charakter und sein tragisches Ende. Der jüdische Staatsmann und Dichter Abu- Fadhl b. Chasdai. Jbn-G'ebirot's Tod. — Die französischen und deutschen Gemeinden; Joseph Tob Elein, die Brüder Menahem b. Chelbo und Simon Knra. R. Mose aus Narbonne. Die lothringischen Weisen. Die Wormser Synagoge. Jacob b. Jakar, Isaak Halevi und Isaak b. Jehuda. Das Buch Zeru- babel., Die Juden in Böhmen und Polen. Die Karäer . . .24 — 57 Drittes Kapitel. Zweites rabbinisches Zeitalter. Epoche der fünf Isaak und Jizchaki's. Isaak Jbn-Albalia, seine Stellung und Leistung. Isaak Jbn-Giat, Isaak Alsnsst. Raschi, sein Leben, seine Leistungen und seine Schule Dis Juden Italiens; R. Nathan aus Rom. Die Juden im christlichen Spanien. Die jüdischen Räthe Isaak Jbn-Schalbib und Cidellus. Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. im Verhältnis; zu den Juden. Alfonso von Castilien und seine jüdischen Räthe Tod Jbn-Schalbib's, Jbn-Giat's und Jbn Albalia's. Alfäßi in Spanien. Die Karäer in Spanien. Jbn-AltaraS; Jesna Abu Alsarag. Verfolgung der Karäer durch Joseph Alcabri. Cidellus' Ungnade.58 — 81 Wertes Kapitel. Scüc Der erste Kreuzzug und seine Leiden. Stellung der Juden in Deutschland vor dein Krcuzzuge. Die Gemeinde von Speier und Heinrich IV. Die Märtyrer von Trier und Speier. Emmerich von Leiningcn und die Märtyrer von Mainz. Blutige Verfolgung der Kölner Gemeinde in der Umgegend dieser Stadt. Leiden der Juden von Böhmen. Elender Tod der Juden Jerusalem's. Kaiser Heinrich's Gerechtigkeit gegen die Juden. Rückkehr der gewaltsam Getauften. Verkümmerung der deutschen Juden. Der Tod AlfLßi's und Raschi's.82 — 9d Mnstes Kapitel. Trittes rabbiuisches Zeitalter. Epoche des Joseph Jbn-Migasch und des Jehuda Halevi, Jbn-Esra's und N. Tam's. Höhepunkt der jüdisch-spanischen Kultur. Lage der Inden unter den Almoraviden. Die jüdischen Wesire, Jbn-Almuallem, Jbn- Kamnial, Jbn-Mohagar. Der Polizciminister und Astronom Abraham b. Chija. Dis Rabbinen Joseph Jbn-Sahal, Varuch Jbn-Albalia, Joseph Jbn-Zadik, Joseph Jbn-Migasch. Die Dichter Jbn-Tabbün, Jbn-Sakbsl und Jbn-Esra.99— 119 Sechstes Kapitel. Abulhassan Jehuda Halevi. Seine Biographie, seine Jugendpossie und seine Stellung. Sein Dichtermerth, seine Zioniden. Sein philosophisches System im Buch Chozari. Seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande. Seine Reise. Sein Aufenthalt in Egypten. Der Fürst Samuel Almanßur. Jehuda's Aufenthalt in Jerusalem. Seine Klage über Verkommenheit und seine letzte Zionide. Sein Tod und die Sage darüber.117—l-l» Siebentes Kapitel. Trittes rabbiuisches Zeitalter. (Fortsetzung.)— Verfolgung durch den zweiten Krcuzzug und die Almohadcn.— Zustand der nordfranzösischen Gemeinden. Jüdische Prevüts. Nathan Official und seine Disputationen mit Prälaten. Die Tossafistcnschule. Joseph Kara. Elieser b. Nathan's Martyrologium. Ter zweite Krcnzzug. Peter Venerabilis und der Mönch Rudolph. Bernhard von Clairvaux und Kaiser Konrad, Annehmer der Juden. Die Verfolgung der Almohaden. Abdulmumen und sein Edikt. Der Fürst Jehnda Jbn-Esra. Die Kartier in Spanien. Jehuda Hadassi. Der Geschichtsschreiber Abraham Jbn-Daud und seine Religionsphilosophie. Abraham Jbn-Esra und seine Leistungen. R. Tam und die synodal-rabbinischcn Verordnungen . . . .1-11 — 189 Inhalt. Achtes Kapitel. Sme Viertes rabbinischcs Zeitalter. Maimunische Epoche. Rundblick. Die Juden Spaniens; Toledo; Joseph Jbn-Schoschan; Abraham Jbn-Alfachar; der Dichter Charisi. Abraham Jbn-Dand^S Märtyrertod und die Jüdin Formosa Rahel. Scheschet Ben- veniste; der Dichter Abraham b. Chasdai. Der Tourist Benjamin von Tudcla. Serachja Halevi Girondi. Die Provence; Narbonne; Abraham b. Isaak und die Kimchiden. Die Gemeinden Veziers, Montpellier und LUnel; Meschnllain b. Jakob und seine Söhne. Jonathan Kohen und die Tibboniden. Die Gemeinde Posquiores und Abraham b. David. Der judenfreundliche Graf Raymund von St. Gill und Toulouse und Isaak b. Abba-Mari. Die Gemeinde Marseille. Philipp August und die erste Vertreibung der Juden aus Nordfrankreich. Der Tossasist Isaak der Asltere (Ri). Die Märtyrer von Bray. Verkümmerung der nordfranzösischen Juden. Simson von Sens und Jehuda Sir Leon der Fromme. Das Buch der Frommen. Die Juden Englands: Jakob von Orleans. Das Judengemetzel in London. Richard Lüwenherz. Das Gemetzel der Juden in England. Die Belagerung der Juden von Jork. Johann ohne Land und die Juden. . . . 187 — 225 Neuntes Kapitel. Rundblick. (Fortsetzung.) Die Juden in Deutschland und ihr Verhältnis; zu den Kaisern. Die Kammerknechtschaft. Die letzte Spur ihrer Selbstständigkeit. Die Verfolgungen. Die rabbinisch-deutsche Schule; Elieser von Metz. Jehuda der Fromme von Regsnsburg. Der Martyrologe Ephraim von Bonn. Der Minnesänger Süsz- kiud von Trimberg. Petachja, der Tourist. Die Juden Italiens. Papst Alexander III. Die Juden im byzantinischen Reiche. Die Gemeinden in Syrien und Palästina. Die Bagdader Gemeinde. Das erneuerte Exilarchat. Der Exilsfürst Samuel Chasdai. Die Moßuler Gemeinde. Die kriegerischen Juden in Adherbeig'an. Der Pseudomessias David Alrui. Die kriegerischen jüdischen Stämme um Nischabuhr. Die Gemeinde von Susa und das Daniel-Grab. Die Juden in Indien. Die freien jüdischen Stämme in Arabien. Der Exilsfürst Daniel und das Schulhaupt Samuel b. Ali. Tartaren als jüdische Proselyten. Das Grabmal des Propheten Ezechiel als Wallfahrtsort. Esra's Grabmal. Die zum Islam abgefalleuen Juden, Nathanael Hibat-Allah Abulbarkat, Isaak Jbn-Esra und Samuel Jbn- Abbas. Die Karäer; Jephet b. Said. Die egyptischen Gemeinden und ihr Oberhaupt (HaZick); Nathanael Hibat Allah Algami. Die karäischen Gemeinden in Egypten. Die Mose-Synagoge in Dimuh 226—266 VIII Inhalt. Zehntes Kapitel. Leite Maimuni (Maimonides). Seine Geburt, Jugendgeschichte und Jugendarbeiten. Seine Auswanderung nach Fez. Maimun's, des Vaters, Ermahuungs- und Trostschreiben an die afrikanischen Gemeinden. Maimuni's erste Streitschrift zu Gunsten der Schein- niohannnedaner. Auswanderung der Familie Maimnn von Fez nach Palästina und Egypten. Maimuni's Schicksalsschläge. Sein Mischnah-Commentar und dessen Bedeutung. Maimuni's Dogmatik und Glaubensartikel. Saladin's Verhalten gegen die Juden. Verfolgung der Juden in Südarabien; Maimuni's Sendschreiben nach Jemen. Das Ende des falschen Messias in Südarabien. Maimuni's Verordnungen als Rabbiner. Maimuni's Neligionscodex und seine Bedeutung.26 l—294 Hkstes Kapitel. Maimuni. (Fortsetzung.) Folgenreiche Wirkung von Mainiuni's Religionscodex. Gegnerschaft gegen denselben. Joseph Jbn-Aknin. Maimuni wird Hofarzt. Seins Bedeutung als medicinischer Schriftsteller Jerusalem wieder von Juden bevölkert. Samuel b. Ali's Feindseligkeit gegen Maimuni. Der Norö Ustniduin und seine Bedeutung. Maimuni's Abhandlung über die Auferstehung. Maimuni's Einfluß auf die Gemeinden der Provence. Maimuni Leibarzt des Sultans Alafdhal und seine Makrobiotik. Maimuni's Lebensweise im Alter. Sein Tod und die Trauerfeierlichkeit um ihn. Sein Grab.285—326 Noten. 327—390 Register. 391 — 398 - Einleitung. vLs klingt zwar befremdlich und ruhmredig, ist aber darum nicht minder wahr, daß die Geschichte der Inden im Mittelalter, d. h. die Geschichte des jüdischen Stammes in Knechtsgestalt, auch eine Glanzperiode hat. Freilich, wenn man geschichtlichen Glanz leuchtende Strahlen nennt, die die Oberfläche des Daseins mit Schimmer überziehen, aber das Innere ausdörren, oder wenn man darunter versteht hellznckende Blitze im Gefolge von rollenden Donner, welche zwar ein prächtiges Schauspiel bieten, aber dabei den Anbau der Jahrhunderte schonungslos zerstören: dann ist allerdings die mittelalterliche jüdische Geschichte vollständig glanzlos. Begreift man aber darunter still wachsende geschichtliche Saaten, die, vom Thau befeuchtet und von den Winden hin und her bewegt, sich frisch und erfreulich ansnehmen und das Gefühl der Befriedigung in's Herz gießen: dann darf man mit Fug und Recht die Periode der jüdischen Geschichte von dem staatsmännischen Rabbinen Samuel Nagid bis zum rabbinischen Weltweisen Mose Maimuni als eine reiche und glanzvolle, als eine klassische bezeichnen. Geräuschlos blühte die Saat wissenschaftlicher Forschungen, die Saat einer lebenswarmen, wahren, reichen Poesie, die Saat einer höheren Gesittung unter den Gemeinden der pyrenäischen Halbinsel und der Kolonieen, die von dort ausgegangen sind. Aus der Dürftigkeit der sabnräischen Epoche hat sich die jüdische Geschichte, X Einleitung. angeregt im Morgenlande durch den Gaon Saadia und im Abendlande durch den geistvollen Staatsmann Chasdai Jbn-Schaprnt zu einer reichen, gediegenen Cnlturhöhe emporgearbeitet, welche die Beschränktheit und Einseitigkeit der naivgläubigen Lebensanschanung überwunden, läuterndes Denken in die Religion hineingetragen hat und die tiefsten Gedanken künstlerisch und anmuthig zu gestalten vermochte. Die Entfaltung dieser Cnlturhöhe bildet den Inhalt des beinah zweihnndertjührigen rabbinischen Zeitalters bis Maimnni. War der jüdische Stamm bis dahin Träger der unvermittelten Religion und hatte er in seiner Wandlung zwei Religionsformen ans sich hcrausgesetzt, so wird er in dieser Periode zugleich Bewahrer des heilbringendeil Denkens, des an Gott anknüpfenden Gedankens. Die Lehre des Sinai ließ sich von dem Lichte philosophischer Erkenntlich dnrchlenchren, brachte dadurch eine neue, eigenthümliche Erkenntnis; hervor und kehrte eine neue Seite des menschlichen Geistes heraus. Man spricht jetzt nicht mehr so verächtlich voll der mittelalterlich-christlichen Scholastik, ja man überschätzt sie sogar hin und wieder, räumt ihr jedenfalls ein, daß sie den Geistesfunken in der mönchischen Finsternis; unterhalten hat Wohlan! diese Scholastik ist eine Tochter des Jlidenthums und ist von jüdischen Denkern groß gezogen worden, wenn sie auch eine eigene jnden- thnm-feindliche Richtung einschlng, so wie das Christenthnm und der Islam Söhne des Jlldenthums sind, wenn sie sich ihm auch entfremdet haben. Als das Christenthnm erst zaghaft an die philosophische Erkenntnis; herantrat, bestand bereits eine vollendete jüdische Philosophie, und ehe noch die romanische lind germanische Poesie dem Wickelbande entwachsen war, hatte bereits die neuhebräische Poesie ihre Meisterschaft erreicht. Wohl haben im Alterthume die Griechen und an der Grenze des Mittelalters und der Neuzeit die Italiener- Größeres in Kunst und Wissenschaft geleistet, aber diese Geistesgüter blieben dort ans einen kleinen Kreis Anserwühlter beschränkt, Einleitung. XI um den herum sich die Unwissenheit und die Sittenlosigkeit behaglich ausdehnte. Innerhalb des Judenthums dagegen, wie es sich in Spanien gestaltete, wurden der Forschergeist und der Geschmack an dichterischen Schöpfungen Gemeingut ganzer Gemeinden und übten auf deren sittliches Verhalten einen wohlthätigen Einfluß. Wie innerhalb der Judenheit in Betreff der Religion der Unterschied vom Priesterthum und Laienthum nicht bestand, so auch in Betreff des Forschens und geistigen Strebens in dieser Periode. Die jüdische Wissenschaft und die jüdische Poesie in der klassischen Zeit hat zugleich einen Gesinnungsadel, eine Gehobenheit der Stimmung und der Anschauung, einen mächtigen Schwung erzeugt, welche von den vielfachen Hemmnissen politischen und kirchlichen Druckes sich nicht bewältigen ließen, ja sie kaum gewahrten. Es traten zahlreiche große, reichbegabte Persönlichkeiten in dieser Periode auf, wie sie kaum irgendwo in so reicher Fülle vorkamen, und diese bilden die Merkzeichen der einzelnen Epochen innerhalb derselben. Markirte Einschnitte hat diese Periode nicht. Zweite Periode des dritten Zeitraumes Erstes Kapitel. Untergang des Gaonats und erstes rabbinisches Zeitalter, Epoche des Jbn-Nagrela und Jbn-G'ebirol's. R. Hai Gaon, sein Charakter und seine Bildung; Samuel b. Chofni; Chiskija, der letzte Gaon. Dis Afrikaner Gemeinde, R. Chananel und R. Nissim, ihre Leistungen und Schriften. Der Staatsmann, Dichter und Rabbiner Samuel Jbn-Nagrela. — Der Grammatiker Jona Jbn-G'anach und seine Bedeutung. (1027 — 1070 ). Die arabische Cultur, von Osten nach dem äußersten Westen, von Damaskus und Bagdad nach der Pyrenäischen Halbinsel verpflanzt, hatte bereits die Mittagslinie überschritten. Mit dem Untergang des ommejadischen Chalifats in Cordova und mit der Zersplitterung desselben in kleine Königreiche (Emirate) neigte sie sich dem Untergange zu. Die jüdische Cultur dagegen, gleicherweise vom Osten hierher versetzt, begann in demselben Lande erst ihre zunehmende Bewegung von der Dämmerung zur Mittagshöhe. Ihr Aufgang war hell und sonnig. Während das Karäerthum folgerichtig einem Versteinerungsproceß verfiel, entwickelte sich das auf den Talmud begründete rabbanitische Judcnthum immer mehr zum Selbstbewußtsein und zur Reife, sog neue Säfte ein und entfaltete neue Blüthen. Das jüdische Andalusien concentrirte in sich alle Seiten des religiös-wissenschaftlichen Lebens und wurde, nachdem das Gaonat vollständig erlosch, einigender Mittelpunkt des Judenthums. Es traten in diesem halben Jahrhundert eine lange Reihe so bedeutender Persönlichkeiten auf, daß jede derselben für sich allein dem Zeitalter ihren Namen aufzndrücken vermocht hätte. Die Namen der Fürsten Samuel und Joseph, des Dichters Jbn-G'ebirol, und des tiefen Bibelforschers Jbn- G'anach haben einen Klang, der über den jüdischen Kreis hinaus tönt. Babylonien erzeugte zwar in dieser Zeit zwei Männer von hoher Bedeutung: R. Hai und Samuel b. Chofni, aber sie ver- Graetz, Geschichte der Juden. VI. 1 Geschichte der Juden. 2 klärten nur das untergehende Gaonat mit farbigem Abendglanze. Auch die Zahl der Männer zweiten Ranges, deren Leistungen nicht unbedeutend waren, ist in diesem Zeitabschnitte nicht klein. Das erste rabbinische Geschlecht, wie diese Zeitepoche genannt wird, hat klassische Bedeutung; es wirkte nach allen Seiten hin schöpferisch und originell und überstrahlte seine Vorgänger. Die hebräische Sprachwissenschaft wurde zur Vollendung gebracht, die nenhebräische Poesie erreichte ihre Meisterschaft, das Talmudstndinm schuf sich eine Methodologie, welche das Vereinzelte und Unzusammenhängende unter Regeln brachte. Die Philosophie, bis dahin unter Inden und Arabern in niedriger Sphäre gehalten, erhob sich zu einer Gedankenhöhe, von der ans die Welt in einem anderen Lichte erschien. An dem Höhen- und Breitenmesser der Cultnr nahmen die rabbanitischen Juden dieser Zeit den höchsten Grad ein, die Mohammedaner den zweiten und die christliche Bevölkerung erst den dritten oder sie stand vielmehr auf Nnllgrad- Alles Erhabene, Edle und Befreiende, das im menschlichen Geiste liegt, wurde in dieser Zeitepoche von jüdischen Denkern ans Licht gefördert. Die Gedankenklarheit, welche selbst die Vertreter des Talmud in den babylonischen Schulen offenbarten, sucht man vergebens bei ihren hervorragenden Zeitgenossen in der christlichen und islamitischen Welt. R. Hat (oder Haja, geb. 969, gest. 1038), im achtzehnten Lebensjahre zum höchsten Rang nächst dem Gaon erhoben, als Dreißiger Nachfolger seines Vaters Scherira mit der Gaonwürde von Pumbadita bekleidet, dessen Name beim Amtsantritt in öffentlicher Vorlesung aus den Propheten genannt und der mit dem König Salomo verglichen wurde (B. V.g S. 351), verdiente den hohen Vorzug, den ihm die auswärtigen Gemeinden wie die babylonischen einräumten. Er war ein ebenso edler, strengsittlicher Charakter wie selbstständiger Denker, in allen Fächern der Wissenschaft, wie sie damals gelehrt wurden, heimisch und nach vielen Seiten hin schriftstellerisch thätig. R. Hal erinnert an Saadia, den er als Ideal verehrte und gegen Angriffe in Schutz nahm, nur war er mehr Talmudist, Saadia dagegen mehr Religionsphilosoph. Gleich ihm verstand Hai das Arabische so meisterhaft, daß er viele rechtsgutachtliche Anfragen in dieser Sprache beantwortete und wissenschaftliche Gegenstände darin behandelte. In dieser Sprache schrieb er ein Verzeichniß der hebräischen Wurzeln (Otmwi, illsasssk), das von einem späteren Kenner (Jbn-Esra*) sehr gerühmt wurde. In diesem Wörterbuche erklärte er manche dunkle Schriftverse, aber ein exegetisches *) Jbn-Esra Einleitung zu Mosnajim. Vergl. Note 1. Hai Gcwn. 3 Werk hat er wohl nicht verfaßt. Gleich dem Gaon aus Fajum war Hai frei von jener engherzigen Ausschließlichkeit, welche die Wahrheit nur im eigenen Religionskreise finden will und außerhalb desselben nur Unwahrheit sieht. Er war mit dem geistlichen Oberhaupt der morgenländischen Christen von Bagdad befreundet, und als er in seinen exegetischen Bortrügen auf eine Schwierigkeit stieß, scheute er es nicht, bei dem damaligen Katholikos (Mar-Elia I.) anzufragen, der ihm auch bereitwillig aus seiner syrischen (Übersetzung Auskunft ertheilte. Einer seiner Zuhörer, der aus Sicilien nach Pumbadita gekommen war, um an der Quelle talmudische Weisheit zu schöpfen, Mazliach Jbn-Al-Bazak, konnte sein Erstaunen über diesen freundlichen Verkehr zwischen dem Gaon und dem Katholikos und über die Autorität, welche jener diesem einräumte, nicht zurückhalten. Darauf bedeutete ihm R. Hai: Nach der talmudischen Lehre sei der Jude verpflichtet, die Wahrheit von Jedermann anzunehmen ^). Zur Erklärung seltener und veralteter Wörter in der Bibel nahm R. Hai ohne Scheu den Koran und die alten Traditionen der Mohammedaner zu Hilfe, um ihre Bedeutung festzustellen"). Er war überhaupt ein vorurtheilsloser Weiser, der das Licht und nicht die Finsterniß liebte. Er disputirte öfter mit mohammedanischen Theologen über das Ver- hältniß des Judenthums zum Islam und soll sie vermöge seiner Rednergabe zum Schweigen gebracht haben ^). Seine starke Seite war indessen der Talmud und darin glich er seinem Vater Scherira, nur hat er darin mehr als sein Vorgänger geleistet. Er verfaßte einen ganz knappen worterklärenden Commentar zu dem schwierigsten Theil der Mischna und des Talmud. Das talmudische Civilrecht über Verträge, Darlehn, Grenzbestimmungen, Eide behandelt R. Hai mit systematischem Geiste^), wie noch keiner vor ihm, und er wurde dadurch Muster und Autorität für Spätere. Metaphysische Forschung war aber seine Sache nicht, obwohl er auch für die Gotteseinheit geschrieben hat^). Aber obwohl R. Hai nicht Philosoph von Fach war, hatte er doch gesunde Ansichten über den Werth des mystischen Wahnglaubens, dessen verdüsternder Nebelst Sendschreiben des Mazliach an Samuel Nagid, citirt von Mose Jbn- Esra in dessen (handschriftlicher) Poetik und von Joseph Jbn-Aknin in dessen Commentar zum Hohenlied (ebenfalls Ms.), mitgetheilt in Ersch und Gruber's Encyclopädie 8so. II. Theil 31 S. 56 Note 86; vergl. Zeitschrift d. deutsch, morgen!. Gesellschaft Jahrg. 1858 S. 373. 2) Note 2. st Das. st Rapaport Biographie des Hai Gaon in Bikkure Ha-Jttim. Jahrg. X. st Vergl. die Notiz bei Llunlr, Auicls äss sZarss I. x. 162. 1 * 4 Geschichte der Juden. schleier, mit dem Nimbus der Religion gefärbt, den Schwachköpfigen als eine Sonne erschien, ihm aber als ein Irrlicht galt. Der Wunderglaube, der unter allen Zonen, in allen Religionsformen und zu allen Zeiten die gedankenlose Menge befangen macht und ihr den freien Blick in die Weltordnung und in die göttliche Weisheit raubt, hatte unter den Juden, von mannigfachen Elementen genährt, einen breiten Platz gefunden, ebenso wie in der christlichen und islamitischen Welt. Er war besonders heimisch in Palästina und Italien und machte auch in anderen Ländern Propaganda. Die Wahnbefangenen glaubten, der wahrhaft Fromme könne zu jeder Zeit Wunder thun, ebenso bedeutende und überraschende, wie ehemals die Propheten. Sie mußten sich aber dazu magischer Formeln, namentlich der Buchstabenversetzung des heiligen Namens bedienen. Schriebe man den Gottesnamen auf gewisse Blätter oder Scherben, so könne man damit Räuber bändigen, sich unsichtbar machen, große Räume im Nu durchlaufen, das stürmische Meer besänftigen, einem Menschen augenblicklich den Tod geben und noch andere Wunder verrichten. Aeltere mystische Schriften, welche Mittel für Munderthätigkeit an- gaben und als Spiel einer ausschweifenden Phantasie verfaßt wurden, galten den Späteren als unfehlbare Weisheit. R. Haii's wahre Religiosität sah dagegen in solchem Wahnglauben eine Schändung und Entweihung der Religion und sprach sich mit Entrüstung darüber aus, obwohl sein Vater, für ihn eine Autorität, nicht frei davon war. Ein Jünger des Jakob b. Nissim aus Kairuan hatte bei R. Hai einst angefragt, was von der magischen Wunderkraft der Gottesnamen, deren sich Manche rühmen, zu halten sei, und er antwortete darauf bündig und einsichtsvoll: all das sei Wahn und Aberwitz. Aber die Kairuaner fühlten sich von dieser Antwort nicht befriedigt, zumal sie von palästinensischen und römischen Weisen gehört hatten, daß diese selbst Wuuderthaten vermittelst der mystischen Formeln des Gottesnamens erlebt hätten. Sie baten daher R. Hai wiederholentlich, ihnen gründlichen Bescheid darüber und über manches andere zu geben, wie über die Bedeutung von Träumen und Zaubereien. Sie wünschten besonders, daß er ihren Zweifel lösen möge, da sie auch im Talmud die Wunder - Wirksamkeit von ausgeschriebenen Gottesnamen bestätigt fänden. Auf diese zwei Anfragen schrieb R. Hai eine ausführliche, kernige, einschneidende Antwort, die wegen ihrer vernünftig nüchternen Haltung um so mehr inhaltlich bekannt zu werden verdient, als Spätere R. Hai zum Parteigänger der Mystik gemacht haben. „Wenn es Jedermann möglich wäre, durch Formeln (blussollim) Wunder zu Hat Gaon. 5 thun und die Nciturordnung aufzuheben, wodurch wären dann die Propheten bevorzugt gewesen?" -— so lautete seine Antwort. Einige Autoritäten haben sogar behauptet, daß nicht einmal fromme Männer, wie die Talmudisten, Wunder zn thun vermocht hätten. Denn die Macht, in den Naturgesetzen zeitweise eine Störung hervorznbringen, habe die Gottheit nur den Propheten eingeränmt, damit sie sich dadurch als wahre Gottgesandte bewähren könnten. Wenn nun jeder Fromme dasselbe zu thun vermöchte, und wenn ihrer gar sehr viele wären, so würden sie das Wunderbare zn einer ganz gewöhnlichen Erscheinung machen, es zu einer Alltäglichkeit Herabdrücken, und die Bewegung der Sonne von West nach Ost würde nicht mehr Eindruck machen als die umgekehrte oder gewöhnliche Bewegung, kurz das Wunder hörte dann ans, Wunder zu sein. Es sei sogar sündhaft, bemerkt R. Hai, sich des Gottesnamens zum Zwecke der Wnnder- thuerei zu bedienen. Er machte sich ferner in diesem Sendschreiben lustig über das vorgebliche Sichunsichtbarmachen vermittelst des Gottesnamens; das sei ebenso unmöglich wie lächerlich. Die Erzählungen, ans welche sich die Fragesteller beriefen, daß der Gaon R. National, den Raum überspringend, von Babylonien nach Frankreich gewissermaßen geflogen sei, erklärte er für erfunden und von einem Betrüger ausgesprengt. In seiner Gegend selbst wisse man davon nichts. Man erzählte sich zwar, daß der Gaon R. Mose sich mit Amuleten und Beschwörungen abgegeben; aber Einiges davon halte er für erlogen und Anderes sei auf Rechnung des Umstandes zu setzen, daß dieser R. Mose in Sura gelebt hat, wo wegen der Nähe des alten Babylon dergleichen Aberglauben sich aus dem Alter- thume fortgepflanzt haben mochte; Pumbadita dagegen, das entfernt von jenem Ursitze des Wahnglaubens ist, sei ganz frei von solchen Vorstellungen. R. Hal warnte endlich die Kairuaner, solchem Wahngebilde Raum zu geben; es sei in diesen Dingen viel Zweifel und wenig Wahrheit, und „ein Thor ist, der alles gläubig aunimmt" Z. In demselben Sinne sprach er sich auch über einen anderen Aberglauben aus. Er wurde angefragt, warum man im Anfänge der astronomischen Jahreszeiten sich scheue, Wasser zu trinken. Die Personen, welche diese Frage an ihn richteten, erwarteten vielleicht eine mystische Auskunft. Er aber erwiderte: Es sei ein lächerlicher Brauch, um den Beginn der Jahreszeiten nicht mit Wassergenuß, sondern mit etwas Schmackhaftem einzuleiten, „ich aber sage, süß ist das Jahr des Arbeiters, sei es viel oder wenig, er genießt es" fl. — fl Note 2. fl Ibii-Usia. IgZsrst lla-Lallabbat scl lüvorno x. LI b. Z .. ^ , 6 Geschichte der Juden. Anstößige Talmudstellen deutete R. Hai nur, um ihnen einen zusagenderen Sinn zu geben. Er wurde einst gefragt, wie es mit dem talmudischen Ausspruche zu halten sei, daß ein des Gesetzes Unkundiger (Lm-Im-^rori) kein Fleisch genießen dürfe, daß sein Vermögen herrenlos und er selbst als vogelfrei zu betrachten sei. Manche hielten sich ernstlich an diesen Ausspruch und machten sich kein Gewissen daraus, sich das Vermögen solcher Ungebildeten widerrechtlich anzueignen. R. Hal erwiderte darauf sehr scharf und entschieden, daß diejenigen, welche den Talmud in diesem Sinne auffaßten, selbst vogelfrei erklärt zu werden verdienten^. — In seiner freieren Auffassung des Judentums gestattete er den Umgang mit Karäern^) und erlaubte sogar, daß sie ihre Kinder am Sabbat beschneiden. R. Hai hatte sich auch in der Dichtkunst versucht, aber die Ueberbleibsel seiner Muse zeugen nicht von bedeutender poetischer Begabung. Er hat zwar den jüdisch-spanischen Dichtern die Anwendung des Versmaßes entlehnt und es für ein liturgisches Stück benutzt; aber der regelrechte Versbau verdeckt nicht die Poetischen Blößen. Indessen wenngleich die poetischen Erzeugnisse R. Hai's von Seiten der Form verfehlt erscheinen, so sind sie inhaltlich um so bedeutender. Sein hundertneunundachtzig Verse enthaltendes Sinngedicht iMnesar dasstsl) ist eine Perlenschnur von kernigen Sittenregeln, die er aus der Schrift, dem Talmud und dem eignen Herzen geschöpft und epigrammatisch zugespitzt hat. Es erinnert an die Salomonischen Sprüche und an das phokylideische Mahngedicht (B. Ill.g S. 288). Dieser gediegen sittliche Inhalt des Gedichtes ist würdig befunden worden, ins Lateinische übersetzt zu werden^). Durch R. Ha'i's Verdienste hatte sich die pumbaditanische Hochschule wieder ein wenig gehoben. Er wurde von vielen Seiten als Autorität anerkannt. Die großen Lehrer R. Nissim und R. Chananel aus Kairuan, R. Abraham Kabasi (aus Kabes in Nordafrika), die Gemeinde von Fez, der Wesir R. Samuel Nagid, R. Gerschom aus Mainz und noch andere Autoritäten und Gemeinden dreier Welttheile wendeten sich an ihn mit Anfragen und huldigten ihm, als dem *) Nssxonss. Claonim Lollaars Tssolludall Ilo. 23 2) Ns.iin.ruii rssponsrun in der Briefsnmmlung sä. ^.rnsbsl. p>. 45 s, l> und Nssponss. David Jbn-Abi-Simra II. Ilo. 798 p>. 37 ä. 2) Das Gedicht ist abgedruckt in Duke's Ehrensäulen. Die lateinische Ueber- setzuug von Jean Mercier esnties. sruäibionis iubsllseinis susbors xersslsdri A. Hai (Paris 1561), zuletzt von Caspar Seidel; os.rrnsii rnors-ls arpnPv- slsAsntissirnuiii R.. Ollai, in dessen rnsuixuli liuANss saaiotss «Leipzig 1638); vergl. Fürst Lidliobllsos. jrräsioa I. 356. Das Gedicht sührte auch den arabischen Titel (rmiin) von dem Versmaße. Hai Gaon und R. Samuel b. Chofni. 7 Hauptvertreter des Judenthums. Man nannte ihn „den Vater Israels". Da das Exilarchat seit dem Tode des Enkels von David b. Sakkai erloschen war (V.^ S. 299), so bildete R. Hai die Spitze des Judenthums, und es konnte durch keinen Besseren vertreten werden. Ungleich den früheren pumbaditanischen Gaonen, die mit scheelen Augen auf das Bestehen der Schwesterakademie blickten, ungleich seinem Vater, der eine Art Schadenfreude darüber empfand, daß Snra ohne Oberhaupt war, trug R. Hai, wie es scheint, selbst dazu bei, ihr einen gaonischen Vertreter zu geben. In Snra fungirte nämlich während dessen Gaonat R. Samuel b. Chofni,R. Hai's Schwiegervater und ihm ebenbürtig an Kenntnissen und Tugenden. Er verfaßte mehrere Werke über Ritualien in systematischer Ordnung, commentirte den Pentateuch und philosophirte gleich den Mutaziliten über die Einheit Gottes. Sein pentateuchischer Commentar wird zwar nicht sehr gerühmt; er war nach Art der karäischen Erläuterungen weitläufig angelegt und enthielt Untersuchungen über Gegenstände, die gar nicht zur Sache gehören. Aber mag auch seine exegetische Leistung keinen Fortschritt bezeichnen, so ist doch die Thatsache nicht gering anzuschlagen, daß die Gaonen die von Saadia vorgezeichnete Bahn, das Judenthum in wissenschaftliche Form zu bringen, verfolgten. Samuel b. Chofui blieb der vernunftgemäßen Richtung treu, das scheinbar Uebernatürliche in der biblischen Erzählung in den Kreis des Natürlichen zu ziehen, sogar im Widerspruche mit der talmudischen Auffassung. Die Erscheinung des Propheten Samuel, durch die Zauberin von Endor heraufbeschworen, und die Erzählung von Bileam's Eselin erklärte er als eine Tranmerscheinung^). Auch gegen das Karäerthum richtete er Angriffe, wie Saadia es gethan, wie denn überhaupt in der letzten Stunde des Gaonats noch ein heftiger Federkrieg zwischen Rabbaniten und Karäern ausbrach. Der Inhalt seiner Polemik ist nicht bekannt. Gegen Samuel schleuderte ein zeitgenössischer Karäer Israel ben Daniel Jskandri (Dajan) hebräische Epigramme, welche aber ohne poetischen Reiz und überhaupt ohne Werth sind^). — Von S. ben Chofni's Wirsamkeit ist sonst nichts bekannt; er starb vier Jahre vor seinem Schwiegersöhne R. Hai (1034^) und schloß die Reihe der suranischen Gaonen. st Vergl. W. Bacher, läs oornrasirbairs äs Laransl Ilm-Hokni. Rsvus äss Ilbuäss srüvss N. XV. p. 277 ff. L. XVI. p. 106 st. 2> Vergl. darüber Rapaport, Biographie des R. Hai. Note 8. 2) Bei Pinsker Likuts Note XI. S. 174 ff. st Abraham Jbn-Daud. 8 Geschichte der Juden. Die Hochschule scheint nach seinem Tod nicht einmal den Versuch gemacht zu haben, sich fortzusetzen. Die Zeiten waren dem Gaonate nach allen Seiten hin ungünstig, und es vermochte sich mit aller Kraftanstrengung nicht zu behaupten. Als R. Hai starb (20. Nissan — 28. März 1038^), von der Gesammtjudeuheit betrauert und von dem größten Dichter der Zeit Jbn-G'ebirol sowie von seinem afrikanischen Verehrer R. Chananel in Versen verherrlicht^), hatte auch die letzte Stunde der pumbaditanischen Hochschule geschlagen. Zwar wählte das Collegium sofort einen Nachfolger in einem Manne, welcher beide Würden, das Gaonat und Exilarchat, in sich vereinigte, aber gewissermaßen nur damit beide in einer Person zu Grabe getragen werden sollten. Chiskija^), Urenkel jenes streitsüchtigen Exilarchen David den Sakkal, wurde zum Schulhaupte ernannt. Aber der Glanz, den man sich von ihm versprochen haben mochte, konnte sich nicht zeigen. Chiskija hatte boshafte Feinde, die ihm seine Rangerhöhung mißgönnten. Sie verläumdeten ihn bei Hofe, man weiß nicht aus welchem Grunde oder unter welchem Vorwände. Der Inhaber der Politischen Gewalt im morgenländischen Chalifate war damals der Bujide G'elal Addaulah, der dem Schattenchalifeu den Titel „König der Könige" und die Einnahmen von Christen und Juden abgetrotzt hatte. Dieser Großsultan mochte die gerechte oder ungerechte Anklage gegen Chiskija benutzt haben, um sich zu bereichern. Der letzte Exilsfürst wurde in den Kerker geworfen, gefoltert, wahrscheinlich um seine Schätze anzugeben, aller Güter beraubt und zuletzt hingerichtet st040^). Das Gaonat starb unter der Folterqual von Seiten des ohnmächtigen Chalifats. Babylonien hatte seine Rolle in der jüdischen Geschichte hiermit ausgespielt und sank eine Zeitlaug zur völligen Bedeutungslosigkeit herab. Chiskija's zwei Söhne, auf die ebenfalls gefahndet wurde, entflohen, irrten lauge umher und fanden erst Rast in Spanien, wo sie als die letzten Sprößlinge des Davidischen Hauses geehrt wurden und sich unter dem Namen Jbn- Daudi der friedlichen Beschäftigung mit den Musen Hingaben^). Auch Nordafrika, das unter Isaak Israeli, Dnnasch b. Tamim und dem eiugewauderten R. Chuschiel eine kurze Blüthezeit feierte, hatte in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts seine letzten Auto- fl Das. ") Die zwei Elegieen auf R. Hai in Edelmann's Ollsmäs, Osuusa x. XVI. und Rapaport Biographie des R. Chananel in Bikkure Ha-Jttim Jahrg. XI, x. 37 f. Graetz, hebr. Blumenlese S. 48. 3) Vgl. Bd. V- 2 , S. 428. Rsvas ciss lAuäss suivss VIII. 125. fl Abraham Jbn-Daud. fl Das. Chananel und Nissim in Kairnan. 9 ritäten und fiel dann ebenfalls der Vergessenheit anheim. Diese zwei Autoritäten waren, wie schon erwähnt, R. Chananel b. Chnschiel und R. Nissim b. Jakob Jbn-Schahin lblühten um 1015 bis 10551). Obwohl diese zwei Rabbinen an einem Orte lebten und so oft zusammen genannt werden, daß sie wie ein unzertrennliches Zwillingspaar auftreten, scheinen sie doch keineswegs mit einander befreundet gewesen zu sein. Es scheint vielmehr zwischen beiden dieselbe Eifersüchtelei stattgefunden zu haben, wie zwischen R. Chanoch nnd Jbn-Abitur, indem R. Nissim ein Eingeborener und R. Chananel der Sohn eines Eingewanderten war. Man weiß auch nicht einmal recht, welcher von beiden officieller Rabbiner von Kairnan war. Beide standen aber dem Lehrhause vor. R. Chananel betrieb dabei ein großartiges Geschäft, R. Nissim dagegen war so arm, daß er von dem zeitgenössischen jüdischen Minister in Granada unterstützt werden mußte 2). In Beiden zeigt sich indeß eine auffallende Jdeengleichheit, so daß beide fast denselben Gedankengang hatten, dieselben Studien pflegten und Werke fast desselben Inhalts und in derselben Form schrieben, nur daß R. Chananel sich der hebräischen, R. Nissim aber der arabischen Sprache bediente. Beide brachten ein neues Element zum Talmudstudium hinzu und machten es daher gründlicher, als es selbst die Gaonen zu betreiben vermocht hatten. — Der jerusalemische Talmud, obwohl an der Quelle der Ueberliefernng geboren und älter als der babylonische, litt an der Ungunst des Geschickes, dem Bücher wie Menschen ausgesetzt sind. Während der babylonische Talmud im Osten bis nach Chorasan und Indien und im Westen bis an das Ende der alten Welt bekannt war, blieb sein Zwillingsbrnder außerhalb seiner Gebnrtsstätte lange unbekannt. Während der Erstere zahlreiche Ausleger nnd Erklärer fand, die ihn bis in die innersten Falten untersuchten, wird von dem jerusalemischen nur ein einziger Commentator aus älterer Zeit namhaft gemacht, der noch dazu unbekannt ist 3). Erst in Folge der Eroberung Palästinas durch die fatimidischen Chalifen trat Nordafrika in Verbindung mit dem heiligen Lande, und palästinensische Weise kamen nach Kairnan^). Diese brachten wohl den jerusalemischen Talmud dahin. Die zwei Rabbinen Kairuans beschäftigten sich nun zuerst eingehend mit ihm und zogen U Vgl. Note 3. I. 2) Abraham Jbn-Daud. 2) Der Commentator des Jeruschalmi Jakob b. Ephraim wird von Salmon b. Jerucham citirt in dessen arabischem Psalm-Commentar, mitgetheilt von Pinsker Likutd S. 14, also vor dem Jahre 950. Vergl. R. Hai's Responsum in lllaain Lsllsnira S. 54. 10 Geschichte der Juden. ihn in den Kreis des Talmudstudiums ^). R. Nissim verfaßte einen Schlüssel zum Talmud (Ulaktvadi -), worin er kurze und dunkle Stellen im babylonischen Talmud theils aus dem jerusalemischen und theils aus Parallelstelleu ergänzte und erläuterte. Nach den im „Schlüssel" aufgestellten Grundsätzen stellte er auch Entscheidungen für das Ritual- und Civilrecht zusammen in einem anderen Werke (Usxillat Lstariw). Ganz ähnliche Werke verfaßte auch R. Chauauel: eine Wort- und Sacherklärung zum Talmud (ksrusdi) mit Rücksichtnahme auf den jerusalemischen und praktische Entscheidungen (Ulilrrwcit verf. 1038). Beide verfaßten auch Commentarien zum Pentateuch, R. Cha- nanel auch zu den übrigen heiligen Schriften. Beide huldigten jener von Saadia ungebahnten Richtung der vernunftgemäßen Auffassung, vermöge welcher sie allzuderbe Wunder und anstößige agadische Aussprüche umdeuteten ^). Diese zwei Autoritäten standen mit Babylonien und Spanien in lebhafter Verbindung, bildeten die Mittelglieder zwischen Beiden und erlebten das völlige Erlöschen des Gaonats und den ausgehenden Glanz der andalusischeu Gemeinden. R. Chananel starb ohne männliche Nachkommen und hiuterließ sein reiches Vermögen neun Töchtern. Auch R. Nissim hatte keinen Sohn, der sein Amt hätte fortsetzen können, aber mehrere Jünger, sogar aus Spanien^), die zu seinen Füßen saßen. Nach dem Tode dieser beiden afrikanischen Autoritäten war die kairuanische Schule ganz bedeutungslos^). Einer ihrer Jünger ans der neuerbauten zauatischeu Hauptstadt Kalah Jbn- Hammad O) wurde später eine talmudische Größe, verdankte aber seinen Ruhm lediglich seiner Uebersiedelung nach Spanien. Das jüdische Spanien übernahm also die ganze Erbschaft von Daß sich R. Nissim mit Jeruschalmi beschäftigte, hat Rapaport in der Biographie nachgewiesen (Note 17). Aber auch R. Chananel that dasselbe. Vgl. Orient. Litbl., Jahrg. 1850, Nr. 16. Rapaport's Untersuchungen über R. Chananel und Nissim liegen meiner Darstellung zu Grunde. Nur zwei Resultate derselben haben sich nicht bestätigt. Das Lstsr-Obsts? gehört nicht R. Chananel, sondern einem R. Chefez an (Orient. Jahrg. 1840. S. 110, 247), und der kairuanische N. Nissim ist nicht der Verfasser der lllaasdot, sondern ein späterer Enkel des Asketen R. Ascher b. Meschullam aus dem dreizehnten Jahrhundert. Reifmann, Orient, Jahrg. 1841 Ltbl. S. 617. 2) Zum Theil herausgegeben von Goldenthal. Wien 1847. o) Zu den von Rapaport gegebenen Belegen kommt noch hinzu N. Nissim's Responsum in Heilberg's Mts dlaaruanära. S. lös. Der mystische Schluß darin, der an Jbn-Esra und die Kabbalisten erinnert, ist sicherlich interpolirt. R. Nissim's Ulattss-dr sä. Goldenthal p. 4 a. und 25 a. b) Abraham Jbn-Daud. ") Bergl. über diese Stadt (erbaut 1007 — 8) äs 8Isms Idu-Llluläoun llistoirs äss lZsrbsrss II. 43. Samuel Nagid. 11 Judäa, Babylonien und Nordafrika und mehrte das ererbte Gut für die kommenden Geschlechter vielfältig. Als wenn Andalusien ein jüdischer Staat wäre, suchten die flüchtigen Söhne des jüdisch- chazarischen Fürsten und die Söhne des letzten Exilarchensprößlings dort Zuflucht und Ruhe. An der Spitze der spanischen Gemeinden stand ein Mann, der durch Weisheit, Tugend und Stellung den Vorrang verdiente, Samuel Jbn-Nagrela (oder Nagdela), der erste in der Reihe der nachgaonäischen Lehrautoritäten. Er hat das Rabbinenthum zu einem idealen Glanze gebracht; einen würdigeren Vertreter konnte es nicht finden. Samuel Jbn-Nagrela vereinigte in seiner Person allein die verschiedenen Eigenschaften des Triumvirats, welches den Ruhm des jüdischen Spanien begründet hat. Er war zugleich Chasdai, der hochherzige, wissensfördernde Fürst, Mose ben Chanoch, der tiefe Talmudkundige, und Dunasch ben Labrat, der Dichter und Grammatiker. Der Lebensgang des Samuel (Jsmael) Halevi Jbn-Nagrela war eigentümlich. Geboren in Cordova (993 *), wohin sein Vater Joseph aus Merida nbersiedelt war, wurde er im Lehrhause des R. Chanoch mit dem reichen und schwierigen Stoff des Talmud vertraut. In die Feinheiten der hebräischen Sprache weihte ihn Jehuda Chajug, der Begründer der hebräischen Sprachknnde, ein. Für andere Wissensfächer und namentlich für das Arabische, das er sich mit großer Meisterschaft aneignete, bot ihm die andalnsische Hauptstadt, welche damals ans dem Höhepunkt der Cultur stand, Gelegenheit genug. Als zwanzigjähriger Jüngling mußte Samuel mit vielen Anderen wegen des erbitterten Bürgerkrieges Cordova verlassen. Der berberische Häuptling Sulaiman, der im Kampfe mit den Arabern und der sclavonischen Leibwache der Chalifen Sieger über dieselben geblieben war, zerstörte mit afrikanischer Wnth die Prachtgebäude der Hauptstadt, ließ Frauen und Töchter schänden und brachte die reichsten Familien an den Bettelstab (April 1013). Die angesehenen jüdischen Familien wanderten wegen solcher Drangsale nach Granada, Toledo und sogar nach dem entfernten Saragossa aus. Samuel Jbn-Nagrela ließ sich in der Hafenstadt Malaga nieder, man weiß nicht, ob mit oder ohne seine Eltern. Er lebte von einem kleinen Kram und betrieb dabei Talmud- und Sprachstudien. Er verstand nächst dem Hebräischen, Arabischen und Chaldäischen noch fl Die Hauptguellen über denselben sind: Abraham Jbn-Daud und die interessanten Notizen von Mnnk in dessen biobias snr .^bonlvaliä (p 87 ff.), die ich hier zu Grunde lege. Nur für neue Thatsachen gebe ich Belege. Vergl. darüber andere Quellen Nr. 3 I. 12 Geschichte der Juden. vier Sprachen, Wohl Lateinisch, Castilianisch und Berberisch. Ungleich den übrigen Juden, welche das Arabische meistens mit hebräischen Schriftzügen schrieben, war Jbn-Nagrela in der arabischen Schönschrift Meister^), worauf die Araber damals einen besonderen Werth legten. Seiner Sprachkenntniß und Kalligraphie verdankte er eine so hohe Stellung, wie sie kein Jude bis dahin seit dem Untergange des jüdischen Staates inne hatte. Bürgerkriege und der Ehrgeiz der Statthalter (Emire) hatten den von den ommejadischen Chalifen geschaffenen Organismus des andalusisch-mohammedanischen Reiches in kleine Gebietsiheile zerstückelt. Es entstand in Andalusien nach dem Untergange der letzten Omme- jaden eine Kleinstaaterei ähnlich wie ehemals in Deutschland und Italien; die arabischen Geschichtsschreiber nennen daher die Regenten dieser Zeit „die Könige der Zerrissenheit". Ein Stamm der Berber^), die Sinh agah, gründeten unter einem Häuptling Maksen ans der Familie der Ziriden im südlichen Spanien ein eigenes Königreich (1020). Das von Juden reich bevölkerte Granada wurde Hauptstadt dieses Königreichs und Malaga gehörte ebenfalls dazu. In Malaga hatte der Wesir des zweiten granadischen Königs Habus, mit Namen Abulkasim Jbn-Alarif, einen Palast neben Samuels Kramladen. Diese Nachbarschaft brachte dem kümmerlich lebenden jungen Gelehrten Glück, enthob ihn den beengenden Nahrnngssorgen und stellte ihn auf eine Höhe, die seiner Bedeutung entsprach. Eine vertraute Sklavin des Wesirs, welche ihrem Herrn Bericht zu erstatten hatte, ließ sich nämlich regelmäßig die Briefe von ihrem Nachbar, dem jüdischen Krämer, schreiben. Die Briefe verriethen aber so viel sprachliche und kalligraphische Gewandtheit, daß der Wesir Jbn-Alarif begierig war, den Schreiber kennen zu lernen. Als er dessen Namen erfuhr, ließ er Samuel zu sich rufen und bewog ihn, in seinen Dienst als Geheimschreiber zu treten (um 1025). Bald gewahrte Habus' Wesir, daß Jbn-Nagrela eben so tiefe politische Einsicht besaß wie geschmackvollen arabischen Styl und zog ihn bei wichtigen Staatsangelegenheiten zu Rathe. Da nun Samnel's Rathschläge sich durch glückliche Erfolge als treffend bewährten, so unternahm der arabische Staatsminister nichts ohne dessen Zustimmung. Samuel sollte bald noch höher steigen. Jehuda Jbn-Tibbon Mahnungsschreiben an seinen Sohn (sä. Berlin). S. 4. 2) Juden und Araber nannten die Berbern Philister, weil sie glaubten, daß die von David geschlagenen Philister nach Afrika ausgewandert wären. Vergl. Abraham Jbn-Daud und Jbn-Alhakim bei äs Klans, llistoirs äss Lsrdsrss, apxsnäios I. S. 3ül. Samuel Nagid. 13 Jbn-Alarif war erkrankt, und der König Habus war in Verzweiflung, was er ohne ihn in den verwickelten Verhältnissen, in denen er zu den Nachbarstaaten stand, anfangen sollte. Der sterbende Wesir verwies ihn aber ans seinen jüdischen Geheimschreiber, gestand ihm, daß er seine gelungenen Operationen lediglich dessen weisen Eingebungen verdankte, und empfahl ihn Habus dringend zu seinem Rathgeber. Der granadische König, der als Berber weniger Vor- urtheile gegen Juden hatte als die arabischen Muselmänner, nahm keinen Anstand, Samuel Jbn-Nagrela mit der höchsten Würde als seinen Staatsminister (Katib^) zu bekleiden und ihm die Leitung der diplomatischen und militärischen Angelegenheiten anzuvertrauen (1027). Der Krämer von Malaga wohnte seitdem im königlichen Palaste, und der Talmudjünger R. Chanoch's hatte eine gewichtige Stimme in der Politik der Pyrenäischen Halbinsel. Denn ein mohammedanischer König, der sich einen Wesir wählte, herrschte wohl und hatte despotische Launen, aber regierte nicht. Das war Sache seines Hauptministers der ihm dafür mit seinem Kopfe verantwortlich war. Samuel hatte also sein Glück zunächst seiner Feder zu verdanken und er feierte sie auch durch ein Sinngedicht^). Habus hatte seine Wahl nicht zu bereuen. Sein Königreich gedieh unter der Hand des einsichtsvollen und thätigen jüdischen Staatsmannes. Die Launen des berberischen Königs wußte Samuel zu beschäftigen und ihn für sich einzunehmen. Er verfaßte auf ihn ein Lobgedicht in sieben Sprachen^), und nichts war einem mohammedanischen Herrscher schmeichelhafter, als sich in kunstreichen Versen verherrlicht zu sehen. Bei der moslemischen Bevölkerung machte er sich durch sein bescheidenes Auftreten beliebt. Mit Geduld ertrug er Widerwärtigkeiten. Er verband mit einem Hellen überlegenen Geiste, mit sanften einnehmenden Manieren einen festen Charakter. Gewandt, klug, immer Herr seiner selbst, war Jbn- Nagrela stets von ausgesuchtester Höflichkeit, verstand die Umstände zu benutzen und besaß die Gabe, seine Gegner zu entwaffnen. Ungeachtet seines lebhaften Geistes sprach er wenig, dachte dafür aber viel4). Jbn-Nagrela entwarf selbst mit Meisterhand das Bild eines würdigen Herrschers, das sein Leitstern gewesen zu sein scheint. *) Samuels Zeitgenosse Jbn-Ch'ajan bemerkt ausdrücklich, daß jener den Titel Katib führte, bei llistoirs äs l'7l.Irigus sb cks lltösMAirs in- titrckös Ll-LLjuno-l-LIa.Alli'ib par Idn-^älluri I. introckuotion x. 84, 86. Vergl. daselbst llistoirs cks8 Llusulroans ä'ÜSMgiLS IV. 35 fg. 2) Jbn-Tibbon a. a. O. o) Saadia Jbn-Danan im Ollsracks, 6-siruss,. "fl So schildert ihn der mohammedanische Zeitgenosse Jbn-Ch'ajan bei vo^ a. a. O. 97. 14 Geschichte der Juden. „Wessen Rath lauter ist gleich dem Sonnenlicht, wer rein ist von der Lüste Flecken, wessen Augen sich nicht dem Schlafe schließen, wessen Gedanken fest wie Thürme, wen die Würde gleich Waffenglanz umstrahlt, wer den Willen Anderer sich unterthan zu machen weiß und sich fern hält von dem, was Schande bringt, der ist der Herrschaft würdig" ^). Seine Weisheit und Frömmigkeit bewahrten ihn vor jenem Hochmuth, der Emporkömmlingen so eigen ist und sie verhaßt macht. Daher konnte sich Samuel fast drei Jahrzehnte in seiner hohen Stellung als Regent des Königreichs Granada behaupten. Seine Sanftmuth, mit der er seine Gegner zu entwaffnen wußte, vergegenwärtigt eine Anekdote. In der Nähe von Habus' Palaste hatte ein muselmännischer Gewürzkrämer einen Laden, und so oft dieser den jüdischen Minister in Begleitung des Königs sah, überhäufte er ihn mit Schimpfwörtern und Flüchen. Habus, darob erzürnt, befahl einst Samuel, den lästigen Fanatiker zu züchtigen und zwar ihm die Zunge ausschneiden zu lassen. Der jüdische Wesir kannte aber ein anderes Mittel, den Fluchenden stumm zu machen. Er gab ihm Geld, und dieses verwandelte sein Fluchen in Segen für ihn. Als Habus einst den Gewürzkrämer wieder bemerkte, war er darüber verwundert und stellte Samuel zur Rede. Dieser antwortete: „Ich habe ihm die böse Zunge ausgerissen und ihm dafür eine gute gegeben" ^). Uebrigens war dieser Gewürzkrämer nicht sein einziger Feind, er hatte deren manche und sehr gefährliche. Fanatische Mohammedaner sahen in der Erhebung eines „Ungläubigen" zu einem so hohen Range, der ihm die vollziehende Regierungsgewalt in die Hände gab, eine Verhöhnung ihrer Religion. Es erregte ihren Unwillen, daß die zahlreiche jüdische Bevölkerung des Königreichs Granada das Haupt erhob und sich den Moslemin ebenbürtig fühlte. Das Glück war aber auch diesem jüdischen Wesir günstig, obwohl er nahe daran war, seine Stellung und vielleicht auch sein Leben zu verlieren. Als der König Habus gestorben war (1037), entstanden in Granada zwei Parteien, die sich um zwei Prinzen schaarten. Die meisten berberischen Großen und auch einige einflußreiche Juden: Joseph-Jbn-Migasch, Isaak b. Leon und Nehemia Eskafa st Samuel's Usn-LIIoollls bei Dukes Blumenlese, S. 56, Graetz, Blumen- lese S. 33. st Handschriftliche Anekdoten-Sammlung in hebräischer Sprache, im Besitz des Herrn Carmoly, der die Freundlichkeit hatte, mich davon Einsicht nehmen zu lassen. Samuel Nagid. 15 waren für den jüngeren Sohn Balkin (oder Bologgin*). Eine kleinere Partei und darunter auch Samuel wünschten den älteren Sohn, Namens Badis zum Nachfolger. Schon war die zahlreichere Partei bereit, Balkin zu huldigen, als dieser selbst zu Gunsten seines älteren Bruders abdankte. Badis wurde König (October 1037), und Samuel behielt nicht nur seine bisherige Stellung, sondern war der That nach König von Granada, da sich der den Lüsten ergebene Badis noch weniger als sein Vater um Regierungsgeschäfte kümmerte. Später bereute Balkin seine Großmuth gegen seinen Bruder und legte dessen Regierung Hindernisse in den Weg. Badis gab in Folge dessen Balkin's Leibarzt einen Wink, ihm während einer Krankheit keine Arzneimittel zu reichen, was seinen Tod herbeiführte. Nach dessen Tode blieben Badis' Regierung und Jbn-Nagrela's Stellung unangefochten. Balkin's Anhänger mußten Granada verlassen, darunter auch die drei eben genannten Juden. Sie wanderten nach Sevilla aus und wurden freundlich von dem dortigen Könige, dem Abbadiden Mohammed Algafer ausgenommen, der ein Gegner des Königs von Granada war. Einer der drei Flüchtigen, Joseph Jbn-Migasch I., von dem König von Sevilla zu einem hohen Posten erhoben^), wurde der Ahn eines bedeutenden Mannes. Das Glück oder Gottes Beistand wendete von Jbn-Nagrela eine höchst drohende Gefahr ab, dieüber seinem Haupte und den Gemeinden des Fürstenthums Granada schwebte. Um sich gegen die feindliche arabische Bevölkerung und deren Häupter in Sevilla und Cordova zu halten, mußte sich der berberische Fürst mit dem sklavonischen Fürsten Zohair verbinden, welcher sich des Gebietes von Almeria am Meer bemächtigt hatte. Dieses Bündniß sollte nach Habus' Tod mit seinem Nachfolger Badis erneuert werden. Zohairs Minister Jbn-Abbas, ein hochmüthiger und fanatischer Mohammedaner, suchte es aber zu vereiteln, so lange der jüdische Minister Samuel Badis' Rathgeber bliebe. Jbn-Abbas und sein Gesinnungsgenosse Jbn- Bekanna, Statthalter von Malaga, arbeiteten gemeinschaftlich auf Samuels Sturz hin, zuerst mit Verleumdung bei Badis und, als diese fehlschlng, mit Herausforderung. Zohair traf Plötzlich mit seinem Minister und zahlreichem Gefolge in Granada ein, stellte freche, harte Bedingungen für die Erneuerung des Bündnisses und verlangte in erster Linie Samuels Entfernung vom Amte. Wäre Badis darauf ') cts Klans, Munk und Dozy sprechen nach Jbn-Khaldun dm Namen Bologgin aus. Gayangos weist aber nach, iin seiner lristor^ ok tlls ina- llomsts-n ä^nastiss II), daß diese Aussprache falsch ist. Auch Abr. Jbn- Daud's Orthographie spricht für dis Aussprache Balkin. Abraham Jbn-Daud. 16 Geschichte der Juden. eingegangen, so wäre es um Samuels Leben geschehen gewesen, und auch seine Stammesgenossen wären in Mitleidenschaft gezogen worden. Aber gerade die übermüthige Frechheit, mit der Jbn-Abbas diese Forderung ertrotzen wollte, erbitterte den Fürsten und die berberische Kriegspartei gegen ihn und seinen Herrn. Als diese mit ihrem Gefolge von Granada abzogen, lauerten ihnen berberische Schaaren an den Engpässen auf und brachen die Brücke bei Alpuente ab, welche nach Almeria führte. Diese Kriegslist gelang. Zohairs Truppen wurden zum Theil aufgerieben, zum Theil in die Flucht gejagt, zum Theil gingen sie zum Feinde über. Jbn-Abbas wurde gefangen, in den Kerker geworfen und nach mehrwöchentlicher Kerkerhaft erstochen, gerade an dem letzten Tage des Hüttenfestes, an dem Freudentage. Samuel Jbn-Nagrela mit der jüdischen Gemeinde zu Granada jubelte und dankte Gott für diese unerwartete Rettung. Er dichtete ein schwungvolles Danklied auf dieses Ereigniß und wollte den Tag der Errettung zum ewigen Andenken gefeiert wissen gleich der Purimfeier. Er stieg nach diesem Vorfall noch mehr in Gunst bei Badis. Zur selben Zeit hatte Samuel einen bedeutsamen Traum in Versen: „Untergegangen ist Jbn-Abbas, Und nnt ihm seine Freunde und Genossen. Auch der andere Fürst wird bald vergehen'"). In der Thal erlitt Jbn-Bekanna später einen schmählichen Tod 2). Jbn-Nagrela hatte indeß auch warme Anhänger unter den Arabern. Ein Dichter Montafil pries ihn mit überschwenglichen Versen: „Statt Gott in Mekka zu suchen Und dort den schwarzen Stein zu küssen, Würden die Menschen, wüßten sie Wahrheit von Wahn zu scheiden — Dir, o Jsmael, die Hände küssen, Die den Segen spenden. Ich bekenne mich in deinem Hause Offen zum Gotte, der den Sabbat eingesetzt; Unter meinem Bolke bekenne ich ihn heimlich^)." Interessant ist es von einem zeitgenössischen Geschichtsschreiber zu erfahren, wie der jüdische Minister an die mohammedanische Bevölkerung Regierungserlasse formulirte. Samuel, oder wie ihn die Araber nannten, Jsmael Jbn-Nagrela gebrauchte ohne Skrupel in den Circularen die den moslemitischen Regenten eigenen Formeln. H Mose Jbn-Esra Poetik, vergl. Graetz, Blumenlese 34, l>. vorizr das. x. 58. 3) Das. x. 98 aus Jbn-Nassau. Samuel Nagid. 17 Er eröffnete die Erlasse mit den Worten: Olmwäu -1 - lilabi (Gott Lob), fügte, wenn er Mohammed's Namen zu nennen hatte, den Beisatz hinzu: „Gott möge über ihn beten und ihn segnen." Er mahnte diejenigen, an welche die Regiernngsschreiben gerichtet waren, ferner nach der Vorschrift des Islam zu leben; kurz seine Erlasse waren ganz und gar in mohammedanischem Style gehalten^). Ohne Zweifel haben Halms und später Badis dem jüdischen Wesir auch eine gewisse Macht über die jüdischen Gemeinden des granadischen Königreichs eingcräumt, wie sie vor ihm Chasdai und Jbn-G'au in Cordova besaßen. Samuel war nämlich Oberhaupt und „Fürst" (Nagid) der Juden; diesen Titel führt er bei jüdischen Schriftstellern. Der Staatsminister war zugleich Rabbiner, stand einem Lehrhause vor, hielt Vorträge vor Jüngern über den Talmud"), erließ gutachtliche Bescheide ans religiöse Anfragen, kurz er fungirte vollständig wie ein Rabbiner jener Zeit. Mit derselben Feder, mit der er Regiernngserlasse ausfertigte) schrieb er auch Gutachten und Abhandlungen über den Talmud. Samuel Nagid stellte zuerst eine Methodologie des Talmud (ülobo-ba-Nalmnä ^) auf, worin er die technischen Ausdrücke klar und faßlich erläuterte. Als Eingang dazu fügte er die Traditionskette zusammen, die Reihenfolge der mit Autorität bekleideten Träger des Jndenthums von den Männern der großen Versammlung durch die Tanaiten, Amoräer, Saburäer und Gaonen hindurch bis auf R. Mose und R. Chanoch, seine Lehrer. Er verfaßte auch einen Commentar zum ganzen Talmud für die religiöse Praxis, der von den Späteren sehr geschätzt und als Norm anerkannt wurde (Ililobkta dsbriats "). Samuel Jbn-Nagrela war auch neuhebräischer Dichter und verstand Reim und Versmaß gewandt zu handhaben. Er verfaßte Gebete nach Psalmeuart mit voller Glaubensinnigkeit und Hingebung und nannte die Sammlung den jungen Psalter (Len NelüIIiw). Er componirte gedankenreiche Sentenzen und Parabeln, eine Frucht ^) Jbn-Chajan a. a. O. S. 96. 2 ) Folgt aus Abraham Jbn-Daud's Darstellung 8. Iia-La.bbs.la.li sä. Lwstsiäam, 73 bis Ende, 74 a, und aus dem Lobgedichte des Dichters Joseph b. Chasdai bei Dukes Lavbal Lsckulliim p. 20. In der Gutachten-Sammlung l?ssr ba-vor Lo. 185 und an andern Stellen. Ist zum Theil gedruckt in den Talmudausgaben; der historische Theil ist von Abraham Jbn-Daud und Anderen benutzt. Fragmente daraus befinden sich im Besitze Carmoly's handschriftlich. °) lilsiri lZsb ba-lZsobira sci. Stern Einleitung S. ll. Vergl. Asula sub voos 8amusl RaZicl. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 2 18 Geschichte der Juden. seiner tiefen Beobachtung der Menschen und Verhältnisse, und nannte diese Komposition das junge Spruch buch (8sn Llisoklö). Endlich stellte er eine Lebensphilosophie nach dem Muster des „Predigers" zusammen (Lon Lolislsy. Da er das letztere in reifem Alter verfaßte, so war es das gelungenste seiner schriftstellerischen Werke, voll Erhabenheit und Beredsamkeit Z. Er dichtete auch Epigramme und Lobgedichte, aber seine dichterischen Compositionen, die weltlichen und geistlichen, sind schwunglos, schwerfällig und dunkel, gedankenreich, aber ohne schöne Form. Man urtheilte schon vor Alters von ihnen: „Kalt wie der Schnee des Hermon oder wie die Lieder des Leviten Samuel" Kein Wunder, daß ein solcher Mann von lauterem Seelenadel und tiefem Sinn für Weisheit und Religion überall Segen verbreitete, Wissenschaft und Poesie förderte und die Pfleger des Geistes mit fürstlicher Freigebigkeit unterstützte. Samuel stand mit den bedeutenden Männern seiner Zeit in Irak, Syrien, Egypten und Afrika in brieflicher Verbindung, namentlich mit dem letzten großen Gaon R. Hat und mit R. Nissim, spendete ihnen von seinen Reichthümern, ließ Bücher copiren und verschenkte sie an arme Studirende, munterte schlummernde Talente auf und war der Schutzgeist seiner Stammgenossen in der Nähe und Ferne. Den größten Dichter der Zeit Jbu-G'ebirol tröstete er mit herzgewinnender Freundlichkeit in seinem Trübsinn. Mit Recht schildert ihn ein Schriftsteller der nachfolgenden Generation mit den Worten: „Zu Samnel's Zeit erhob sich das Reich der Wissenschaft aus seiner Niedrigkeit, und die Gestirne der Erkenutniß erglänzten wieder. Gott hat chm einen hohen Geist verliehen, der die Sphären erreichte und den Himmel berührte, auf daß er die Wissenschaft und ihre Pfleger liebe und die Religion und ihre Träger verherrliche" st. Die Stellung der Juden in dem Königreich Granada, dessen Zügel ihr Glaubensgenosse leitete, war gehoben. Sie hatten Antheil an den Staatsämteru und dienten sogar im Heere st. In keinem Lande der Welt genossen sie damals eine so durchgreifende Gleichstellung, wie st Munk dloties a. a. O, p. 107 und Dukes lsss.obs.1 Usclurnirn S. 31 ff. Von den 432 Sentenzen des Leu illiselrlö sind noch etwa 100 vorhanden, zum Theil zerstreut gedruckt: Zion I. 131; Orient. Ltbl., Jahrg. 1840 eol. 811; 1843, 357; 1845, 652, 607, 614; 1846, 797, 807; 1851, 308, 327; vergl. Jehuda Jbn-Tibbon Ermahnungsschrciben, .das viele Sentenzen von Samuel enthält. 2) Dukes Naolial Lsäinniin, S. 5. 2) Mose Jbn-Esra Poetik bei Munk, dlotios p. 108. st Folgt aus den Notizen bei Munk, daselbst 98 und 104. Oo^, liistoirs äos Uusulnaans cl'DsxaANö daselbst x. 113 fg. Jbn-G'anach. 19 in dein ziridischen Staate. Es war ein freundlicher Sonnenblick nach vielen düsteren Tagen. Sie waren bei dem herrschenden Stamm, den Berbern, noch beliebter als die stockarabische Bevölkerung, welche mit stillem Ingrimm die Herrschaft der Sinhagiten ertrug und ihren Blick auf den Nachbarstaat Sevilla richtete, wo ein König aus arabischem Vollblute regierte. Der Staatsminister und Rabbiner Jbn-Nagrela beschäftigte sich auch mit der Erforschung des Baues der heiligen Sprache, aber das war seine schwache Seite. Er war über die von Chajug aufgestellten Regeln nicht hinaus gekommen. Für die Verdienste seines Meisters war er aber so sehr eingenommen, daß er für neue Leistungen kein Ver- ständniß hatte. Samuel verfaßte zweiundzwanzig Schriften über die hebräische Grammatik. Indessen wird nur eine einzige, „das Buch des Reichthums" (Zolsr Im - Osolwr Z, als nennenswerth angeführt. Die übrigen waren wohl nur gelegentliche Streitschriften, die er gegen den größten hebräischen Sprachforscher Jbn-G'anach geschleudert hatte. Denn mit diesem lebte Samuel in Unfrieden. Dieser tiefste Kenner der hebräischen Sprache in alter Zeit, der nicht weniger eine Zierde der spanischen Judenheit war als der Wesir Jbn-Nagrela, verdient ein besonderes Blatt in der jüdischen Geschichte, zumal er eine lange Zeit unbekannt und verkannt blieb. Jona Marinus (mit dem arabischen Namen Abulwalid Merwan Jbn-G'anach, geb. um 995, gest. um 1050^) verdankte seine Heranbildung ebenfalls Cordova in der nachchasda'ischen Zeit, als der Enthusiasmus für Kenntnisse und die schwärmerische Liebe für die heilige Sprache die Herzen entzündet hatten. Sein Lehrer in der hebräischen Grammatik war der Menahemist Isaak Jbn G'ikatilla und in der Poetik Isaak Jbn-Sahal (B. V.? S. 355). Die Arzneikunde erlernte er wohl an der Hochschule von Cordova, die der Chalife Alhakem ins Leben gerufen hatte. In seiner Jugend machte Jbn-G'anach wie alle Welt damals hebräische Verse, von denen ihm einige selbst später, als er einen besseren Geschmack und Urtheil hatte, nicht ganz schlecht vorkamcn. Aber er gab die Reimerei Der arabische Titel dieser Schrift lautete Litab al-IstaAllnaa, (Munk das. 107, Note 1, und Ersch und Gruber Encyclop. II. B. 31, S. 57, Note 86, 87). Diese grammatische Schrift verfaßte Samuel bereits als Staatsmann, denn er erwähnt darin R. Hat als eines Verstorbenen, also nach 1038. 2) Das Biographische und Literaturhistorische über Jbn-G'anach ist zu finden bei Munk in dessen klassischer dlobios snr ^.bonlvvaliä Ibn-Ujanali; in Kirch- heim's Einleitung zu 8. Räüuaaü und in Ewald's und Dukes Beiträge I. und II. Ueber die Zeit seiner Schriftstellerei vergl. Note 3, II. auf, um sich ganz und gar in die hebräische Sprache zu vertiefen und ihr feinstes Geäder zu erkennen. Er lebte ganz in der Erforschung der heiligen Schrift und erlangte eine Meisterschaft darin, die bis auf den heutigen Tag noch nicht übertroffen ist. Vieles hat die Nachwelt von Jbu-G'anach gelernt, aber noch viel mehr können die hebräischen Sprachforscher und Bibelkundigen von ihm lernen. — Auch er mußte, wie sein Gegner Jbn-Nagrela, Cordova wegen der Zerrüttung unter dem Berber Sulaiman (1013) verlassen und ließ sich in Saragossa nieder. Hier, im spanischen Norden, wo eine ganz andere Luft weht, war die Naivetät der Uu- cultur heimisch. Die Juden Saragossa's oder der größte Theil von ihnen waren noch in dem Vornrtheil befangen, daß das Judenthum, das rabbinische Judenthum, durch Forschung und namentlich durch grammatische Untersuchungen gefährdet werden könnte. In Nordspanien gab cs nämlich karelische Gemeinden, wenn auch in winziger Zahl. Und darum galten im rabbanitischen Kreise hebräische Grammatik und tiefere Bibelforschung nicht als harmlose Studien, sondern als Weg zur karäischen Ketzerei und wurden beargwöhnt. Aber diese Ketzerriecherei hinderte Jbn-G'anach nicht, sich immer tiefer in den Bau der hebräischen Sprache und in die Erforschung des einfachen Bibelwortes zu versenken. Er betrieb zwar auch die Arzneikunde praktisch und theoretisch, schrieb einige Werke über Medici» Z, aber sein Hauptaugenmerk war auf eine gründliche Bibelexegese gerichtet, und der grammatische Apparat war ihm nicht Hauptsache, sondern lediglich Mittel zum sinugemäßeu Verständniß der heiligen Schrift"). In seinen gründlichen und mit Geist geführten Untersuchungen kam Jbn-G'anach auf ganz neue Resultate, welche von Chajug nicht erkannt worden waren. Er mußte daher an dessen grammatischem System manche Ausstellungen machen. Er that dies mit Bescheidenheit und mit voller Anerkennung von Chajug's Verdiensten und bemerkte dabei, daß er den ersten Begründer der hebräischen Sprachforschung zwar sehr hochschätze, indem „er selbst und viele Andere an der Brust seiner Weisheit gesogen haben", aber er müsse mit Aristoteles sagen: „seine Liebe zur Wahrheit sei noch größer, als die zu Plato" ^). Noch vor seiner Auswanderung ans Cordova nach Saragossa, also noch in seiner Jugend, hatte er gegen Chajug's Z Vergl. Munk a. a. O. S. 81. Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Aerzts, Nr. 150. 2) Daß Jbn-G'anach die Vulgata gekannt und mit Christen disputirt hat, erwähnt Bacher, Rsvus äss Illmäss juivss IV. x. 273. 2) Citirt von Serachja Halevi im Nuor Vorwort. Jbn-G'anach. 21 Gesichtspunkte in einem Schriftchen angekämpft. Sein selbstständiges über Chajug hinausgehendes Verhalten hatte aber dessen warme Anhänger, darunter Samuel Jbn-Nagrela, welcher einer der ersten war, tief verletzt. Es entstand daher ein heftiger Federkrieg zwischen Jbn- G'anach und den Jüngern der Chajug'schen Schule, der in leidenschaftliche persönliche Angriffe ausartete, ebenso wie der Streit zwischen der Schule Menahem's und Dunasch's. Samuel Jbn-Nagrela und Jona Jbn-G'anach drückten gegeneinander Pfeile des Witzes und der Ironie ab. Grammatische Streitschriften folgten auf einander von der einen und der anderen Seite. Der letztere giebt einmal zu verstehen, daß ihn Samuel aus Neid verunglimpft und ausgesprengt habe, eine von ihm ursprünglich aufgestellte Bemerkung sei ein Plagiat an älteren orientalischen Grammatikern ^). Die zwei Hauptträger der jüdischen Cultur in diesem Zeitabschnitte, der feinsinnige Fürst und das Genie der hebräischen Sprachforschung, waren bittere Gegner, und ihre Feindschaft scheint niemals zur Versöhnung gekommen zu sein. Persönliche Antipathie und die Zwischenträgerei geschäftiger Freunde mögen gleichen Antheil daran gehabt haben. Im Gefühle des herannahenden Alters, das Jbn-G'anach mit Plato die „Mutter der Vergeßlichkeit" nennt, arbeitete er sein Hauptwerk aus, worin er die Summe seiner Forschungen und den ganzen Reichthum seines innern Lebens uicderlegte. Er hat darin Grundsätze der hebräischen Grammatik entwickelt, die wegen ihrer Tiefe und Kühnheit th eils nicht erfaßt und theils verdammt wurden. Jbn-G'anach war nicht blos der Schöpfer der hebräischen Syntax, sondern hat sie auch der Vollendung nahe gebracht. Aber noch bedeutender als seine grammatischen Gesichtspunkte sind die lichtvollen exegetischen Grundsätze, die er in diesem Werke auseinandersetzte, wie die Bibel ansgelegt und wie sie verstanden sein soll. Keiner vor ihm und nur sehr Wenige nach ihm bis auf den heutigen Tag haben die Kunstwerke der heiligen Literatur in allen ihren Feinheiten so richtig verstanden und so treffend zu beleuchten gewußt wie Jbn-G'anach. Von der Höhe, zu der er die Bibelforschung erhoben, erscheinen alle voranzegangenen Leistungen, von dem ersten karäischen Bibelforscher bis auf Saadia, Menahem, Dunasch und Chajug nur als Schülerarbeiten. Die Karäer hatten zwar jedes Wort der heiligen Sprache auf die Goldwage gelegt, seine Bedeutungen durch Vergleichung zu erforschen gesucht und um Sinn und Zusammenhang sich vielfach abgemüht, aber sie hatten die Exegese in Dienst genommen, in den st Likms.Ii sä. Kirchheim x>. 18L. 22 Geschichte der Juden. Dienst ihres talmudfeindlichen Bekenntnisses, und sie blieb ihnen stets eine stumpfe Sklavin. Auch Saadia hatte die Exegese nur als Mittel gebraucht, um das Karäerthum zu bekämpfen und gewisse philosophische Theorien biblisch zu färben. Andere wiederum gebrauchten sie lediglich als Sthlmuster für elegante Prosa und Poesie. Erst Jona Jbn- G'anach erhob die Bibelforschung zu einer selbstständigen Wissenschaft, die ihren Zweck in sich selbst hat. Er wollte der heiligen Schrift zu ihrem eigenen göttlichen Inhalt verhelfen. Der verschrobenen Auslegungsweise, welche die heilige Schrift die Sprache der Kinder und Gedankenlosen reden läßt, setzt er eine einfache, tief in den Sinn eindringende Erklärungsweise entgegen, welche den Geist der heiligen Verfasser um so strahlender erscheinen läßt. Jbn-G'anach machte zuerst auf die Ellipse und ans die Wort- und Versversetzung in den heiligen Büchern aufmerksam und war kühn genug, manches Unverständliche, Räthselhafte und scheinbar Ungereimte darin ans Rechnung einer Laut- und Wortveränderung zu setzen. Ueber zweihundert dunkle Stellen erklärte er ganz einfach und sinngemäß durch die Annahme, daß dem betreffenden Schriftsteller ein ungehöriges Wort für ein passendes entfahren sei ^). Durch die Angabe des rechten Wortes stellte Jbn-G'anach den richtigen Sinn in vielen Versen wieder her, welche bis dahin kindisch gedeutet worden waren. Er war der erste verständige Bibelkritiker. Obwohl er von der Göttlichkeit der heiligen Schrift ganz durchdrungen war, stellte er nicht wie Andere ihre Redeweise so hoch, daß sie baarcn Unsinn aussagen dürfe, sondern nahm an, daß sie, wenn auch des göttlichen Geistes voll, sobald sie an Menschen gerichtet ist, den Regeln menschlicher Ausdrncksweise unterliege. Jbn-G'anach behauptete nicht geradezu, daß die Abschreiber und Punktatoren aus Mißverständniß Wörter oder Formen in der heiligen Literatur verändert oder verdorben hätten, sondern nur daß die heiligen Männer als Menschen auch den Tribut des Menschlichen gezahlt hätten. Mit Recht nannte er sein Hauptwerk (das er wie andere fünf Schriften in arabischer Sprache verfaßte), Kritik (LI-RanolnIe) und theilte es in zwei Theile: in Grammatik mit Exegese verbunden (^.1 - Unbma', Ilikwab, Bnntgewirktes), und in Lexikon (Litab nl - ^.88>vsl). ") ft Rtlrrnab. o. 28; vergl. dazu Jbn-Esra zu Daniel l I. und 2asllob sä. Lippmann S. 72 und Anmerk. dazu. ft Das arabische Original ist noch Handschrift in der Bodleiana bis auf die Einleitung, welche Munk in dessen Uotüvs sbe. veröffentlicht hat. Der erste Theil in hebräischer Uebersetzung von Jehuda Jbn-Tibbon ist von Kirch- heim herausgegeben worden unter dem Titel Librnall (Franks, a. M. 1857). Dieses großartige Werk, das nächst der religions-philosophischeu Schrift Saadia's die bedeutendste Erscheinung in der jüdischen Literatur des Mittelalters bis ins elfte Jahrhundert ist, zeugt nicht blos von des Verfassers hohem, lichtvollem Geiste sondern auch von seiner sittlichen und religiösen Größe. Jbn-G'anach bemerkt in der wissenschaftlich gehaltenen Einleitung: er habe sich der Mühe der Ausarbeitung unterzogen, nicht aus Eitelkeit und Ruhmsucht, sondern um ein tieferes Verständniß der heiligen Schrift und dadurch wahre Frömmigkeit zu fördern. Er sei dazu von einem unwiderstehlichen Drange getrieben worden, und die Lust an der Arbeit habe ihm nicht Ruhe, nicht Erholung gelassen. In der ernsten Beschäftigung damit seien ihm die Gedanken wie durch höhere Eingebung prophetischer Art zugekommen. — Obwohl Jbn-G'anach vielfache Feinde hatte an solchen, welche sein Verdienst schmälerten, und an solchen, welche ihn wegen seiner wissenschaftlichen Auffassung der Bibel als Ketzer verdammten, so sprach er in seinem Werke durchaus nicht feindselig von ihnen, ja nannte sie nicht einmal beim Namen, und wenn es auf ihn angekommen wäre, so würde die Nachwelt von der Gegnerschaft des Ministers Samuel Jbn-Nagrela gegen ihn nichts erfahren haben. — Mit der Philosophie war Jbn-G'anach nicht unbekannt; er spricht von Plato und Aristoteles mit Kennermiene ^). Er schrieb auch ein Buch über Logik, wohl im aristotelischen Geiste. Aber metaphysischen Untersuchungen über das Verhältnis; Gottes zur Welt und über die Urprincipien, womit sich seine jüdischen Zeitgenossen und Landsleute und namentlich Jbn-G'ebirol beschäftigt haben, war er abhold und sprach sich darüber tadelnd aus, daß sie nicht zur Gewißheit führen, sondern den Glauben untergraben 2). Jbn-G'anach war ein nüchterner Denker und Feind jeder schwärmerischen, excentrischen Richtung. Darum blieb ihm auch die Poesie fern; er gestand ein, daß ihm im reifen Alter kein Vers gelingen wollte, obwohl er sich Mühe damit gegeben"). Er war der Gegenfüßler der dritten Größe im Triumvirate dieses Zeitabschnittes, des Jbn-G'ebirol, mit dem er, obwohl in einer und derselben Stadt lebend, nicht im besten Einvernehmen gestanden zu haben scheint^). *) NilrrasR Einleitung p. XI. 2) Das. Text x. 161. °) Das. p. 185 s. ch Geiger's Vermuthung, daß Ihn-G'ebirol's Gedicht in der Sannnlung Lallirs Lollslomo von Dukes Nr. 22 sich auf Jona Jbn-G'anach bezieht, wird durch den Inhalt selbst widerlegt. Zweites L Zeitalter des Jbn-Nagrcla und Jbn-G'ebirol's. (Fortsetzung.) Jbn-G'ebirol, sein Leben, Charakter, seine Lieder und seine Philosophie. Der Staatsmann Jekutiel Jbn-Hassan. Bachja (Bechaja) und seine Moralphilosophie. — Der Bibelkritiker Jizchaki Jbn-Jasus. Der Dichter Joseph b. Chasdai. Tod des Samuel Jbn-Nagrela. Sein Sohn Joseph, sein Charakter und sein tragisches Ende. Der jüdische Staatsmann und Dichter Abu-Fadhl b. Chasdai. Jbn-G'ebirol's Tod. — Die französischen und deutschen Gemeinden; Joseph Tob Elem, die Brüder Menahem b. Chelbo und Simon Kara. R. Mose aus Narbonne. Die lothringischen Weisen. Die Wormser Synagoge. Jacob b. Jakar, Isaak Halevi und Isaak b. Jehuda. Das Buch Zerubabel. Die Juden in Böhmen und Polen. Die Kartier. 1027 - 1070. Eine ganz ideale Erscheinung, eine reich begabte Persönlichkeit, lieblicher Dichter und zugleich tiefsinniger Denker war Salomon b. Jehuda Jbn-G'ebirol, oder wie sein Name nach arabischer Umlantung klang: Abu-Ajub Sulaiman Jbn-Jachja (geb. um 1021 st. 1070 Jeder Zoll an ihm war Sang und Gedanke, und Alles, was nicht mit Poesie und Philosophie im Zusammenhang steht, erschien ihm kleinlich und nichtig. „Fliehend die irdischen Tinge, weihte Jbn-G'ebirol seine Seele, welche sich von der Befleckung niedriger Wünsche erhoben hatte, ganz den geistigen Interessen. Jünger als seine gelehrten Zeitgenossen übertraf er sie durch die Anmuih seines Wortes" ^). Obwohl uns der Himmelsflug seines originellen Geistes und die Ergüsse seines warmen Herzens vollständig erschlossen sind, so herrscht doch noch über seinen Lebensgang tiefes Dunkel, und man ist bei der Darstellung einer Persönlichkeit, an der jeder Schritt interessant ist, auf Muthmaßungen angewiesen. Sein Vater Jehuda, der in Cordova gewohnt, scheint während der Kriegsunrnhen zugleich mit Samuel Jbn-Nagrela nach Malaga ausgewandert zu sein. In diesem Orte wurde das dichterische und philosophische Genie des Jahr- lieber das Biographische vergl. Note 3 II. Die christlichen Scholastiker haben seinen Namen in Avicebrol und Avicebron verstümmelt. 2) Mose Jbn-Esra bei Munk UslsmAss S. 263. 25 Jbn - G'ebirol. Hunderts, der jüdische Plato, geboren und erzogen, an dem sich viele Herzen erwärmt und viele Geister erleuchtet haben. Es scheint, daß Jbn-G'ebirol seine Eltern früh verloren hat, und daß sie ihm kein Vermögen hinterlassen haben. Er hatte nicht einmal einen Bruder, in dessen Brust er sein weiches Gemüth hätte ausschütten tonnen. Er klagt daher über seine tiefe Verwaistheit mit Worten, die den Leser zum Mitgefühl Hinreißen: „Schmerzgebeugt ohne Vater und Mutter, Jung und vereinzelt stehe ich da. Keinen Bruder, keinen Freund nenne ich mein/") Sein weichgestimmtes, Poetisches, zur Schwärmerei geneigtes Gemüth wurde in Folge dieser Verlassenheit noch mehr verdüstert. Der Knabe kannte nicht den Frohsinn der Jugend, und über die Züge des Jünglings streifte niemals der Sonnenstrahl des Lächelns. Jbn- G'ebirol vergegenwärtigt das Bild eines Jünglings, den Melancholie und Forschung frühzeitig zum Greise gemacht haben. Er selbst malt sich in diesem Bilde: „Ich bin das Kind, mit dem Herzen eines Achtzigers. Mein Leib wandelt auf Erden, mein Geist schwebt auf Wolken." fl Er zog sich, von der Außenwelt abgestoßen, in sich selbst zurück und vertiefte sich in sein reiches Innere, das voller Sang und Ideen war. Die Poesie und der philosophisch durchleuchtete Glaube waren die beiden Engel, die ihre Fittige schützend über ihn ausbreiteten und ihn vor Verzweiflung bewahrten. Aber sie vermochten nicht, ihm Freude ins Herz zu gießen, seine Gesinnung blieb ernst, und seine Lieder haben daher einen vorherrschend düsteren Zug. Die ersten dichterischen Ergüsse seiner Seele waren sicherlich Gebete, die ganz eigen geartet sind, die Seele vom Irdischen loslösen und sie vor Gottes Thron unter die Chöre lobsingender Engel versetzen. Noch an der Grenze des Knabenalters dichtet Jbn-G'ebirol über Kunstformen mit einer Vollendung, die das geborene Genie kennzeichnet. Aus seinem sechszehnten Lebensjahre stammt ein Gedicht, das voller Trauer ist und das Merkwürdige hat, daß der junge Dichter darin altersreife Betrachtungen über sich und sein Geschick anstellt: fl Lollirs Lolisloino, Sammlung der weltlichen Lieder Jbn-G'ebirol's, herausgegeben von Dukes (Hannover 1858) Nr. 1. Auch zum Theil zusammengestellt in Graetz Blumenlese und Geiger's G'ebirol 1864. Seine liturgischen Lieder von S. Sachs herausgegeben und erläutert, fl Bei Dukes das. Nr. 9. S. 14. 26 Geschichte der Juden. „Sehe ich lachen, weint mein Herz, Weil das Leben mir verkümmert ist. O Freund! Soll ein Sechszehnjähriger stets nur klagen, Der sich seiner Jugend freuen sollte, gleich einer Lilie im Thau! Mein Herz richtet mich von Kindheit an, Darum ist meine Seele gebeugt. — Indessen was nützt's, sich zu härmen. Schweig' und hoff' mein Herz, für jede Wunde giebt's Balsam. Was nützt's zu klagen über Drangsal, Was frommt die nimmer ruhende Thräne"!*) In dem Alter, in welchem die meisten Menschen noch tändeln, war Jbn - G'ebirol bereits ein vollendeter Dichter und bekundete eine Meisterschaft, durch welche er alle Vorgänger verdunkelte. Man sieht es seinen Gedichten an, daß er nicht nach Wort und Reim, nicht nach Gedanken und Bild zu suchen brauchte, sondern daß ihm Alles in Fülle zuströmte. Dabei weiß er Maß zu halten, um die Linie, welche das Schöne vom Uebertriebenen scheidet, nicht zu überschreiten. Die greise hebräische Sprache verjüngte sich an dem gluthvollen Herzen dieses dichterischen Kindes und wurde die treue Dolmetscherin seiner Gedanken und Gefühle. Wie ernst und tief muß er sich schon in zarter Jugend mit der heiligen Sprache beschäftigt haben, daß er sie wie eine lebendige, mit der Muttermilch eingesogene zu beherrschen vermochte! Er machte sie biegsam, glättete und verfeinerte sie, und sie schmiegte sich ihm wie einem Liebling an. Das hebräische Versmaß erweiterte dieser junge Dichter vielfach und veredelte es zu ohrenschmeichelndem Klange. Die Muse, die weder in der biblischen noch in der ncuhebräischen Poesie unter einem Bilde angeschaut wurde, personificirte er zart und sinnig, im Geist der hebräischen Sprache, als Taube mit goldnen Fittigen und süßem Laute ^). Mit Recht wurde er Meister der Dichtkunst und der Beredtsamkeit genannt und zog die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf sich "). In seiner Verlassenheit und Noth fand der junge Dichter einen Tröster und Beschützer an einem Manne, den Jbn-G'ebirol's Poesie verherrlicht und verewigt hat, ohne welche er ganz unbekannt geblieben wäre. Jekntiel Jbn-Hassan oder Alhassan^) scheint in r) Das. Nr. 3. °) Das. Nr. 14, 22, 34. 2) Mose Jbn-Esra bei Munk, NslavAss x. 263 f. Vergl. über ihn Frankel Monatsschrift Jahrg. 1858, S. 454 ff. und .Zeitschrift der deutsch, morgenländischen Gesellschaft. 1859. S. 515. Jekntiel b. Hassan mit dem Astronomen Hassan b. Hassan zu identificiren, ist deswegen unzulässig, weil dieser bereits im Jahre 971, als er sein astronomisches Werk ausarbeitcte, ein Greis genannt wird, also nicht im Jahre 1039 ermordet worden sein kann. Auch schildert ihn Jbn-G'ebirol nicht als Greis. Jekutiel Jbn-Hassan und Jbn-G'cbirol. 27 Saragossa eine hohe Stellung unter dem König Jachja Jbn-Mondhir eingenommen zu haben ähnlich der Samuel Jbn-Nagrela's in Granada. Er wird als Fürst über Fürsten geschildert, „auf dessen Worte Hohe lauschen." — „Die Regierung der Könige ruhte auf seiner Schulter, nach seinem Ausspruche verwalteten die Fürsten und auf seinen Wink traten die Räthe zusammen." Jekutiel Jbu-Hassan wird auch als fürstlicher Spender besungen, „der wie ein Vater für Alle sorgt, dessen Mund für Jedermann eine Heilsbotschaft, dessen Herz voll milder Freigebigkeit ist, und dessen Lippen stets die Treue bewahren." — „Er beherrschte mit seinem Herzen die Herzen, flehte die Armen an, von ihm Gaben anzunehmen, und zwänge sie dazu, weigerten sie sich deß." Dieser hochgestellte Mann Saragossa's nahm sich des verlassenen Dichters Jbn-G'ebirol liebend an, unterstützte ihn und sänftigte sein aufgeregtes Gemüth durch freundliche Reden (um 1038 ^). Jbn-G'ebirol's Mund floß auch zum Lobe seines Gönners über. Seine Phantasie entlehnte der Natur ihre Reize und der Bibel ihre Bilderpracht, um Jekutiel damit zu verherrlichen. Er legte ihm die ganze Welt zu Füßen. „Jekutiel's ernstes Wort ist wie ein Feuerbrand, sein mildes wie erfrischender Thau." — „Geböte er der Welt zu wanken, so würde sie gehorsam seinen Befehl vollziehen." — Wer will dem siebzehnjährigen Dichter mit beflügelter Phantasie lieb ertreibungen zum Vorwürfe machen? Im Schutze seines hochgestellten Gönners öffnete sich Jbn-G'ebirol's Herz einer heiteren Lebeusanschauung. Er konnte in Saragossa ein wenig aus sich selbst, aus seiner brütenden Gedankenwelt heraustreten und an der Gegenwart Genüge finden. Sein weiches, zärtliches Gemüth war für Freundschaft geschaffen, und er erwarb sich mehrere Freunde, an denen er mit der ganzen Gluth seines schwärmerischen Herzens hing und deren Zuneigung er mit dem Golde der Poesie belohnte. Seine Muse besang in dieser Zeit seinen Gönner, seine Freunde, die Weisheit, die Natur. Seine Natnrschilderungen sind lebhaft, anschaulich, feurig. Aber als gönnte ihm das Geschick keine behagliche Stimmung, entriß es ihm den Beschützer, ehe er sich noch in ein freundliches Dasein einleben konnte. Jekutiel wurde ihm und allen Edeln plötzlich entrissen. Er wurde wahrscheinlich in den Sturz des Königs von Saragossa hineingezogen, welchen eine Palastrevolution herbeigeführt hatte. Abdallah Jbn-Hakam, ein Vetter des Königs Jachja Jbn-Moudhir, verschwor sich gegen seinen königlichen Verwandten, überfiel ihn plötzlich in dessen Palaste, schlug ihm das Haupt ab st Bergt Note 3 II. ^7 28 Geschichte der Juden. W und bemächtigte sich seiner Schätze (1039). Jachja's Günstlinge wurden von dem Verschwörer nicht verschont, und auch Jekutiel Jbn- Alhassan scheint zur selben Zeit von einem traurigen Loose betroffen worden zn sein. Er wurde gefesselt und dann von Uebelthätern erschlagen. Die Trauer um den tragischen Tod des gefeierten Jekutiel war in Nordspanien groß. Die Dichter wetteiferten, sein Grab mit den Blumengewinden der Poesie zu schmücken. Jbn-G'ebirol's Schmerz war grenzenlos, und sein Klagelied auf seinen Wohlthäter ist wahrhaft erschütternd, aber auch Muster schwungvoller Poesie. Das Gedicht von mehr als zweihundert schöngeformten Versen ist ein Ehrendeukmal für den Verblichenen wie für den Sänger. Schon der erste Vers drückt tiefsinnig den ganzen Werth Jekutiel's ans, und der Dichter hätte zu seinem Preise nichts hinzuzufügen brauchen: „Jekutiel's Leben ist abgelaufen. So sind denn auch die Himmel vergänglich!'") Jbn-G'ebirol's Schmerz um den Hingerichteten Gönner war um so aufrichtiger, als er ihm ganz besonders gestorben war. Der Halt, den Jekutiel der Verlassenheit des jungen Dichters gegeben hatte, war entschwunden. Er klagt darum: „Lasset mich weinen, sehet mich nicht an, Fraget nicht, warum meine Lippen beben. Von meinem Haupte ist der Schatten gewichen, Jekutiel ist hin, der die Schwachen mit Kraft gerüstet." Die düstere Stimmung bemächtigte sich seit diesem tragischen Vorfälle von neuem seines Gemüthes. Er sah Alles Grau in Grau, beklagte sich über Verkennung, über Verrath von Seiten seiner Freunde, über Verfolgung. Mit der den auserwählteu Dichtern eigenen selbstquälerischen Empfindlichkeit drückte er sich den Pfeil des Schmerzes in die eigene Brust, sah sich überall von Feinden umgeben, von Neidern verkleinert. Seine Poetischen Erzeugnisse seit dieser Zeit tragen wieder den Trauerflor. Was aber Andere niedergebeugt hätte, das gab ihm noch mehr Schwungkraft) er näherte sich jetzt erst dem Höhepunkt seiner poetischen und literarischen Größe. Das Versemachen war ihm so leicht, daß er im neunzehnten Jahre (1040) eine hebräische Grammatik mit allen trockenen Regeln in vierhundert Versen ansarbeitete und sich dabei die Fesseln akrostichischer Künsteleien und eines Reimes auflegte, der sich mit demselben Klange durch die ganze Versreihe hiudurchzieht. (^.naü.) Im Eingänge zu diesem Lehrgedichte Alles hier dargestellts findet sich in den 8olrirs Lolislorao und Graetz Blumcnlese S.-ll f. Uebrigens stammen sicherlich nicht sämmtliche Elegien auf Jekutiel von Jbn-G'ebirol. Jbn-G'ebirol. 29 verherrlichte Jbn-G'ebirol die heilige Sprache als die gottbegnadigte, „in welcher Engelchöre täglich ihren Schöpfer Preisen, in welcher Gott das sinaitische Gesetz offenbart, die Propheten geweissagt, die Psal- misten gesungen." Er tadelte seine Landsleute, die Saragossaner, „die blinde Gemeinde", wegen ihrer Gleichgültigkeit gegen ein correctes Hebräisch: „Ein Theil von ihnen spricht Jdumäisch (Romanisch) und ein anderer die Sprache Kedars" (Arabisch). Seine versificirte hebräische Grammatik *) sollte Liebe für die Sprache der Bibel erwecken und eine Methode an die Hand geben, ihre Gesetze zu begreifen. In Saragossa verfaßte Jbn-G'ebirol auch ein moralphilosophisches Werk (1045), das zwar nicht die Tiefe seiner späteren philosophischen Arbeiten zeigt, aber doch merkwürdig genug ist wegen des eigenthüm- lichen Geistes, der darin weht, und der Vertrautheit, welche der noch kaum zum Manue herangereifte Verfasser mit den Meistern der Philosophie bekundet. Neben Aussprüchen der heiligen Schriften und ethischen Sentenzen aus dem Talmud verwebte Jbn-G'ebirol darin Kernsprüche von „dem göttlichen Sokrates", seinem Jünger Plato, von Aristoteles, arabischen Philosophen und besonders von einem jüdischen Moralphilosophen Alkuti (vielleicht Chefez Alkuti st. Diese Schrift „zur Veredelung der seelischen Neigungen" st stellt ein eigenthümliches System der menschlichen Temperamente und Leidenschaften auf, zählt zwanzig Triebe und Neigungen, entsprechend den vier Gemüthsmischungen, multiplicirt mit den fünf Sinnen, und giebt an, wie der Hang der Seele nach der einen Seite ins sittliche Gleichgewicht gebracht werden könne. Erstaunlich ist es, wie der junge Verfasser einen so tiefen Einblick in die Seeleuzustände der Menschen und in die Weltverhältnisse haben konnte, als wenn er ihn aus der reifen Erfahrung in einem vielbewegten, geschäftigen Leben gewonnen hätte! Jbn-G'ebirol's moralphilosophische Schrift enthält hämisch geißelnde Anspielungen auf Persönlichkeiten der Saragossaner Gemeinde, die er wohl geflissentlich verletzen wollte, und die sich um so empfindlicher getroffen fühlen mußten, als er hinzufügte: „Namen brauche ich nicht zu nennen, sie sind bekannt genug." Er schildert die Hochmüthigeu, die sich über ihre Genossen erheben, ihnen den Rücken zukehren, ihre st Ein Theil des grammatischen Gedichtes ist abgedrnckt in Parchows Llnoli- ksrst und in Dukes Lollirs Lellslomo Nr. 55. st Dieser Alkuti wird in Mose Jbn-Esrws Poetik als Verfasser einer gereimten Phrase des Parapsalters genannt; vergl. Steinschneider, cksrvislr Icktsrnbursx. 101. st Der arabische Titel: Islaell s.1-^,olilnl:, der hebräische llMllnn. Llickob lia-lilstssckb, das Original befindet sich in der Bodlejana; die hebräische Ueber- setzung von Jehuda Jbn-Tibbon ist oft abgedruckt. Die Jahreszahl ist im Ms. angegeben 4805 — 1045. 30 Geschichte der Juden. Einsicht für die beste halten; die Haßerfüllten, welche Liebe auf den Lippen tragen. Im Eingänge bemerkt er, er sei überzeugt, daß Feinde und Neider seine Schrift als günstige Gelegenheit benützen werden, ihn zu verfolgen. Er wolle sich aber dadurch nicht hindern und ihren Ueber- muth ruhig über sich ergehen lassen. „Mögen sie mich dafür hassen, daß ich das Gute erstrebe." Jbn-G'ebirol hielt es für nöthig zu versichern, daß die Untersuchung aus seinem Geiste entsprungen sei, und er sich keines andern dabei bedient habe. Kurz das Schriftchen scheint eine Herausforderung gegen einige Saragossaner zu sein, welche seine Gegner waren. Was Jbn-G'ebirol gefürchtet hatte, traf bald ein; er wurde aus Saragossa von einflußreichen Männern, die gegen ihn erbittert waren, ausgewiesen (nach 1045^), gewiß durch angesehene Gemeindeglicder. Dafür brandmarkte er die Stadt als ein zweites Gomorrha in einem schwermüthigeu, herzzerreißenden Klageliede, das ein Nothschrei der Verzweiflung in schönen Rythmen ist. Wohin er sich darauf gewendet hat, ist nicht bekannt. Der unglückliche junge Dichter war so trostlos, daß er im Unmuthe sich vorsetzte, Spanien ganz den Rücken zu kehren und nach Egypten, Palästina und Babylonien auszuwandern ^). Er ermuthigt in einem Gedichte seine Seele zu dem Entschlüsse, den Staub Spaniens abzuschütteln. Er rief sich das Beispiel der Patriarchen und des größten Propheten in Erinnerung, welche ihr Geburtsland verließen und auf Wanderungen gingen. Apostrophisch redete er Spanien an: „Wehe dir, Land meiner Feinds, Ich Hab' kein Theil an dir, Magst Freud' du oder Leid erfahren/"). Er führte indessen diesen Entschluß nicht aus, sondern wanderte in Spanien umher, erfuhr wirkliches oder eingebildetes Mißgeschick, klagte über die Unbeständigkeit der Zeit und seiner Freunde und brachte seine Klagen wieder in schön gegossene Verse: „Scheltet mich nicht ob meiner reichen Thronen, Ohne sie war' mein Herz verkohlt. Meine Wanderungen haben die Kraft mir gelähmt. Eine Fliege könnte mich mit einem Arme tragen." U Salomo Bonfied, mitgetheilt in Edelmann's Oibrs lübsksr: S 21 und an andern Stellen. Vergl. die Notiz von Mose Jbn-Esra bei Munk a. a. O p. 264. H Zobirs Lobslorao Nr. 2, S. 6. Graetz, das. S. 47, 9. Lolürs Lollsloww das. Nr. 2. Graetz das. Das. Nr. 29. Von seinen Wanderungen spricht auch das Gedicht Nr. 46, s im Hebräischen ebenso schön wie unübersetzbar ist: mn wx ponnp >o nv nmo 'mm, 'pm'2 nn.2 io on 'o mi-2 ob wnnv onin on .m '2 mrp2 mnv PVLN bm ooi riv.m» novo N20 Jbn-G'ebirol. 31 Der Schutzgeist der spanische» Juden, Samuel Jbn-Nagrela, scheint sich seiner angenommen und ihm eine Ruhestätte bereitet zu haben. Dafür verherrlichte ihn Jbn-G'ebirol in wohlklingenden Weisen i). Unter dem mächtigen Schutze des jüdischen Ministers beschäftigte er sich mit philosophischen Forschungen, welche neben der Poesie seinen Geist erfüllten. Wenn die Dichtkunst seine Geliebte war, so War ihm die Weltweisheit eine Mutter. Er singt: „Wie sollt' die Weisheit ich verlassen, Hab' ich doch einen Bund mit ihr geschlossen! Sie ist meine Mutter, ich ihr Lieblingskind, Sie ist meine Zier, mein Halsgeschmeid', Sollt' meinen Schmuck ich ablegen? So lang' ich leb', wird sich mein Geist Zu ihrer Himmelshöhe schwingen, Ich ruhe nicht bis ich ihren Urquell aufgefunden/'2). Wie Jbn-G'ebirol noch halb als Kind die schwierigsten Kunstformen für die hebräische Poesie schuf und sie wie mit spielender Leichtigkeit behandelte, so stellte er, noch halb Jüngling, ein Gedankensystem über die höchsten Probleme ans, welche den menschlichen Geist beschäftigen. Wohin geht das höchste Ziel des Menschen? Was ist das Wesen und der Ursprung der Seele, und wohin gelangt sie nach dem Scheiden vom irdischen Schauplatze? Wie ist das höchste Wesen zu begreifen, und wie hat es, einig und vollkommen, das Vielfache, Gespaltene und Mangelhafte, die sichtbare Welt, hervorgebracht? Für diese und noch viele andere metaphysische Fragen versuchte Jbn-G'ebirol eine Lösung, aber nicht für das gläubige Gemüth, sondern für den urtheilsfähigen menschlichen Geist, um ihm im unendlichen Weltenraume seine Stelle anzuweisen, ihm den Blick zu öffnen für die unsichtbare Geisterwelt über ihm und für das Verständniß der Sinnenwelt unter ihm, damit er dem innigen Zusammenhang beider nachspüre. In diesem System entwickelte er einen so übersprudelnden Jdeenreichthum und eine so überwältigende Gedankentiefe, daß der Denker sich zusammennehmen muß, ihm folgen zu können. Ihm aber entwirrten sich die so sehr Auch eine klagende Aeußerung in seiner Bußhymne (Lstsr Llalellnt) spricht davon, worauf Or. M. Sachs aufmerksam gemacht hat (religiöse Poesie der Juden in Spanien 213, 3). y Vergl. Note 3 II. 2) Das. Nr. 7 Ende. Schon in dem Gedichte nach der Verbannung aus Saragossa deutet er an, daß er sich fortan der Metaphysik zuwenden wolle und in ihr Ruhe zu finden hoffe (Nr. 1 Ende) Daraus ergiebt sich, daß er sein philosophisches System nach 1045 geschrieben hat. In L. Llal. deutet er an, daß er die Hälfte seines Lebens — 35 Jahre — bereits hinter sich hatte, es also um 1055 verfaßte. 32 Geschichte der Juden. verwickelten Gedanken, welche das ganze Weltall von dem Urwesen, die ganze Stufenleiter der Wesenheiten, bis znm starren Stein herab umspannen, so leicht und so faßlich, daß er für Alles das passendste Wort und das entsprechendste Bild fand. Ja, einen Theil dieser Gedanken goß er in ein Gedicht, — in Gebetform (Lster Llalokut) — das an Erhabenheit, Schwung und Wahrheit seines Gleichen sucht. Allerdings waren die leitenden Ideen des Jbn-G'ebirol'schen Systems bereits früher von älteren Denkern ausgesprochen worden, namentlich hat er sie aus der Philosophenschule der Neuplatonikcr entlehnt, welche den letzten Ausläufer der griechischen Philosophie bildeten. Er knüpfte daran an, weil diese halb poetische, halb gedankliche Weltanschauung seiner Dichterseele am meisten zusagte. Allein da Jbn-G'ebirol diese Gedanken nicht aus direktem Verkehr mit der neuplatonischen Schule überkommen hatte — über ein halbes Jahrtausend war verflossen seitdem sie der Kaiser Justinian in Athen schließen ließ — sie ihm vielmehr in verstümmelter Gestalt und in schlechter Uebersetznng durch syrische und arabische Dolmetscher Angeführt worden waren, und da er auch den Gedankenkreis des Judenthums über Gott und Weltschöpfung damit in Verbindung brachte, so kann man sein metaphysisches System dennoch sein Eigenthum nennen. Er war mindestens origineller als die mohammedanischen Philosophen Alfarabi und Jbn-Sina (Abicenna), welche Aristoteles sklavisch folgten. Jbn-G'ebirol hat aus zerstückelten Gedankengliedern ein organisches Ganzes geschaffen. Sein System entwickelte er in einem Werke, das er die „Quelle des Lebens" (Llekor Oinffiw, laus vitas) oder auch „lieber den allgemeinen Weltengrund" (äs nmtsrla universal!) nannte, und zwar in arabischer Sprache, die er eben so gewandt wie das Hebräische beherrschte. — Ein christlicher Kaiser hat den Tempel der Philosophie in Athen aufgehoben und ihre letzten Priester in die Verbannung geschickt. Sie war daher seit der Zeit in Europa geächtet, mindestens fremd und mußte ihre Heimath in Asien anfschlagen. Der jüdische Denker Jbn-G'ebirol verpflanzte sie zuerst wieder nach Europa und baute ihr einen Altar in Spanien, wo sie seit der Zeit eine bleibende Stätte fand. si Die neuplatonich-christlich-mystische Philosophie des Johannes Scotus Erigena um 858 hat wenig Einfluß geübt und war in Europa ziemlich verschollen. Der arabisch-spanische Philosoph Jbn-Baga (Aven-Pace> schrieb erst 1118, die ersten namhaften christlichen Scholastiker, Wilhelm von Champeaux und Abelard, traten um dieselbe Zeit auf. Folglich war Jbn-G'ebirol der erste Philosoph des Mittelalters in Europa. Er war aber bis im Anfang des jetzigen Jahrhunderts vollständig vergessen. Jourdain hat ihn erst unter dem Namen Avicebron erweckt, ohne etwas Bestimmtes über ihn und sein System zu wissen. Munk bleibt das ungeschmälerte Verdienst, ihn der Geschichte Dichterisch gestimmt wie Plato, hat Jbn-G'ebirol diesem geistesverwandten griechischen Philosophen die Dialogform entlehnt. Sein System wickelt sich in einer lebendigen Unterredung zwischen Meister und Jünger ab. Er überwand dadurch die Trockenheit, welche metaphysischen Untersuchungen anhaftet und sie ungenießbar macht. Als Ergänzung zu seiner „Lebensquelle" verfaßte er eine andere philosophische Schrift über den schöpferischen Willen Gottes (oriAo Ini-AitAtis et causa esssmU ^), die aber nicht mehr vorhanden ist. Dem verwickelten Gange der Jbn-G'ebirol'schen Philosophie zu folgen, ist überflüssig, da sie für die Auffassung und Durchleuchtung des Judenthnms sehr wenig gethan hat. Er nahm in seinem System so wenig Rücksicht darauf, daß, wenn man nicht wüßte, daß er ein Jude, ein treuer, seiner Religion innig ergebener Jude war, man es daraus nicht erkennen könnte. Ein Ueberblick über die leitenden Gedanken der höchst subtilen Auseinandersetzung wird daher für den Zweck der jüdischen Geschichte genügen. Jbn-G'ebirol ging zwar, um seinen Gedankengang recht faßlich zu machen, von der sichtbaren Welt aus, um vermittelst fortgesetzter Abstraktionen nachzuweisen, daß auch die irdische Welt auf geistigem Grunde beruhe. Allein zum leichteren Verständniß seines Systems scheint es angemessener, von der Spitze, dem Urgeiste, auszugehen, um von da aus den Stufengang bis in die niedrigsten Sphären hinabzusteigen. Gott ist wesentlich die in sich geeinte Ursubstanz, deren enggeschlossene Einheit durch nichts gestört ist, sie ist nicht wie die Zahlcn- einheit, die vermehrt und vermindert, getheilt und verändert werden kann; in ihr ist der Unterschied von Wesen und Form (Substanz und Accidenz) unstatthaft. Diesen Satz weitläufig zu beweisen hielt Jbn-G'ebirol für überflüssig, eben so wie die Existenz Gottes. Wozu erst den Nachweis führen, daß ein höchstes Wesen wirklich vorhanden ist, da doch alles Vorhandene, Geistiges und Irdisches, nur in Gott der Philosophie wiedergegeben zu haben. Er hat Fragmente einer hebräischen Uebersetzung des .Visstor Obajirn und eins vollständige lateinische Uebersetzung desselben, unter dem Trtel Ions vitas, aus der Bibliothek St. Victor ans Licht gezogen und sie durch französische Uebersetzung und Erläuterung zugänglich gemacht (in seinen mÄnnASs äs IRilosoxllis jnivs st nrabs, Paris 1857— 5g). Zu gleicher Zeit fand ein anderer Gelehrter, Or. Seyerlen, eine lateinische Uebersetzung in der Bibliothek Mazarine und gab davon Rechenschaft und eine eingehende Exposition in den theologischen Jahrbüchern, Jahrgang 1858— 57. Ritter hat in Folge dessen Jbn-G'ebirol in die Geschichte der Philosophie eingereiht (in seiner Geschichte der christliche» Philosophie, Göttingen 1858. Bd. I. S. 610 ff.). h Bei Munk a. a. O. S. 223 aus der lateinische» Uebersetzung. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 3 34 Geschichte der Juden. und aus Gott ist! „Du, o Gott, bist das alleinige Sein, aus dessen Lichtesstrahlen alle Wesen geworden, und in dem wir Alle leben." Alles außer Gott ist nur möglich, er allein ist aber nothwendig seiend i). Außer dem Begriffe der Einheit und Einheitlichkeit (die aus dem Gottesbewußtsein des Judenthums als unbestrittene Voraussetzung herübergenommen wird) läßt sich ihm kein Attribut (Eigenschaft) beilegen"). Die Ursubstanz ist daher unerkennbar und unbegreiflich, weil sie über Allem erhaben und unendlich ist^). Der menschliche Geist vermag nur aus seiner eigenen Anlage und aus der sorgfältigen Weltbetrachtung das Wesen Gottes zu erfassen Z. — Diesem licht- ersüllten, einheitlichen, unendlichen Urwesen steht die endliche Welt gegenüber wie eine dunkle, zerklüftete, unbeholfene Masse. Wie verhalten sich die irdischen, getheilten, zusammengesetzten dürftigen Wesenheiten zu der absoluten Ursubstanz? Sind sie von ihr unmittelbar ins Dasein gerufen worden? Waltet die göttliche Fülle in dieser armseligen, niedrigen Welt? In der Beantwortung dieser Fragen liegt der Schwerpunkt des Jbn-G'ebirol'scheu Gedankensystems. Es konnte sich weder mit der gläubigen Annahme einer unmittelbaren Weltschöpfung aus Nichts, noch mit der aristotelischen d. h. überhaupt heidnischen Hypothese befreunden, daß die Gottheit einen Urstoff der Welt neben sich vorgefunden und ihn bloß geformt und gemodelt habe. Gegen das Eine sträubt sich das philosophische, gegen das Andere das religiöse Bewußtsein. Das Eine scheint die Unendlichkeit ins Endliche herabzuziehen, das Andere eine tiefe Kluft zwischen Gott und Welt zu setzen. Die Unmittelbarkeit der Schöpfung schmälert den Gottesbegriff, indem sie ihn mit dem niedrigen Irdischen in unmittelbare Verbindung bringt, die Annahme der bloßen Formenspendung an den selbständig auftretenden Urstoff beeinträchtigt die göttliche Allmacht und entgeistigt die Welt, indem sie Gott und Welt als eine verschiedenartige Zweiheit auseinanderhält. Jbn-G'ebirol beantwortete die Frage über das Verhältniß Gottes zur irdischen Welt auf eigenthümliche Weise. In der Ursubstanz ist eine spendende, bewegende, schöpferische Kraft vorhanden, die sich als Wille oder als das Wort Gottes äußert. In diesem göttlichen Willen, der eins und gleichartig mit dem Wesen Gottes ist, schlummert eine unendliche Fülle vollkommener Wesenheiten. Er Z Dieser Gedanke, der in Nsllor Obsg'ira nur hin und wieder zum Vorschein kommt, ist im Lstsr Nalobut in Gebetsorm auseinandergesetzt (im Eingang), Nsllor Obajirn s<1. Munk: C. III. Z 8; IV. 30; V. 3i. ") Uslsr-lilalollul. Das. Nsllor Obsgina I. 5; V. 55. Z Das. II. 5. Jbn-G'ebirol's Philosophie. 35 gleicht einem unendlichen Lichte, fähig eine Unendlichkeit Non Welten zu durchleuchten. Diesem Urlichte, dem göttlichen Willen, entströmen ohne Mittel, ohne Bewegung und ohne Zeitmaß Kräfte, die ihm gleichartig sind, einfache, unendliche, geistige, schöpferische Kräfte, die auch in derselben Art weiter zu wirken vermögen. Zunächst entströmen ihm zwei Kräfte, die eine als Vermögen, eine unendliche Fülle der Wesenheiten hervorzubringen und zu gestalten, und die andere, sie zu tragen und festzuhalteu, die Grundbedingungen alles Seins, die allgemeine Wesensform und der allgemeine Wesensgrund (lornm univaroalis et matsrin univeroslis). Diese Kräfte scheinen zwar zwiefach und getrennt, sind aber doch geeint, der göttliche Wille ist es, der sie eint, so daß die Wesensform nicht einen Augenblick ohne ihren Grund ist, und dieser nie ohne die Form. Sie bilden zwar keine durchgreifende Einheit, aber eine vermittelte. Der göttliche Wille ist gewissermaßen der geistige Raum, der sie eint und hält. Dadurch sind sie von ihm verschieden, obwohl sie mit ihm zusammen ein einheitliches Attribut Gottes ausmacheu und zu einander in einem Verhältniß stehen, wie Schreiber, Schrift und Tafel^). Alle Wesenheiten, die dem göttlichen Willen entströmen, haben an ihrem Ursprünge Theil, hangen untereinander und mit ihm zusammen und bestehen ebenfalls aus geistigem Grunde und geistiger Form. „Du, o Gott, hast den Willen aus Dir entlassen, den Künstler, das Sein aus Nichts zu ziehen, wie Strahlen sich aus dem Licht- quell ziehen. Er schöpft aus dem Lichtborn ohne Eimer und bewirkt Alles ohne Mittel. — Die Kraft reicht bis au den äußersten Saum der niedrigsten Creatur" Indessen je weiter sich die Wesen von ihrem Urquell entfernen, je mehr büßen sie an Einfachheit, Kraft, Helligkeit und Geistigkeit ihres Ursprungs ein und werden immer mehr und mehr mannigfaltig, zusammengesetzt, theilbar, schwach, dunkel, dicht, körperlich und eben darum den Sinnen wahrnehmbar. Die dem göttlichen Willen entströmten Wesen bilden daher eine abführende Stufenreihe, von denen je die höheren geistiger, feiner und kräftiger sind, als die unter ihnen befindlichen. Die ganze Wesensfülle wird aber von dem allumfassenden Wesensgrund, der allgemeinen Materie getragen; sie bilden gewissermaßen seine Theile. Die letzte Stufenreihe bildet der Raum und die Körperlichkeit, welche ihre Formen an dem Größeuverhältniß, an den Figuren und Farben haben. Diese niedrigsten Wesen sind wegen ihrer Entfernung von u Das. I. 2; III. 39; II. 20, 28; III. 10, 12, 39; V. 42, 60, 62. 2) Hstsr Nslolllli. 3 « 36 Geschichte der Juden. ihrem Ursprünge, dem göttlichen Willen und der ersten Wesensfülle, getrübl, verdichtet, an sich unbeweglich und daher zur Leidentlichkeit herabgesetzt. Das von oben strömende Licht können sie nur schwach empfangen und vermögen daher statt Wesenhafter Gestaltungen nur Schatten aus sich zu entlassen st. Zwischen der Ursubstanz und der letzten verdichteten und verkörperten Wesensreihe muß es Mittelstufen geben, welche nach oben mit dem göttlichen Willen und nach unten mit der irdischen Welt in Verbindung stehen. Ohne diese Verbindung bestände nicht nur eine bodenlose Kluft zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten, sondern das letzte könnte ohne die spendende Einwirkung von oben nicht einen Augenblick bestehen 2) Solcher Mittelstufen gebe es drei, die allgemeine oder Weltvernunft (intoltootus universstis), „die höchste, zehnte Sphäre, welche aus dem Silber der Wahrheit und aus dem Golde des Geistes gegossen ist"; ferner die allgemeine Weltseele (aoima uuivsrsalis) und endlich die allgemeine Natur. Es sind drei absteigende Stufen des Geistigen, von denen jedes Höhere die niedrigere Stufe umspannt, umkreist und durchdringt. Der Weltgeist ist vermittelst der zwei ersten Kräfte dem göttlichen Willen entstrahlt, und die Natur steht mit der Körperwelt in Verbindung, beseelt und bewegt sie. Die mittlere Stufe, die Weltseele, ist der Raum für die Geister und Engelschaaren, und auch die beseelten, geistigen neun Sternenkreise haben Theil an ihr st. Solchergestalt steht die ganze Wesensreihe in stetigem Zusammenhang mit einander; die niedern Stufen empfangen von den höhern, wenden sich ihnen in Sehnsucht und Liebe zu und werden von dem geistigen Raum, dem göttlichen Willen, gehalten und getragen. Das ganze Weltall, Geistiges und Körperliches, wird von dem göttlichen Urwesen vermittelst des Willens erfüllt, und kein einziges Wesen ist ganz leer davon. So verschieden auch Geistiges und Körperliches ist, so bildet diese Verschiedenheit doch nicht einen wesentlichen, sondern nur einen Gradunterschied, im Verhältniß von Mehr und Minder, von Höher und Niedriger. Sie haben sämmtlich Verwandtschaft und Aehnlichkeit mit einander, beruhen allesammt auf den zwei Kräften des Wesensgrundes und der Wesensform. Die körperliche Welt ruht ebenfalls auf geistigem Grunde und bildet das Spiegelbild st Das. I. 3; II. 6, 10; III. 13, 32; IV. 29; V. 26. Auch Lstsr ülslollut st Das. III. I—8; vergl. auch Lslsr Ualollat Ho. 23, 24. st Das. III. 24; IV. 19; V. 18. Jbn-G'ebirol's Philosophie. 37 der Gcisteswelt; die niedere Well enthält Eindrücke und Spuren der höheren Welt Die Seele entstammt dem allgemeinen Weltgeiste, hat Theil an ihm und ist mit ihm gleichen Wesens, einfach, geistig, unendlich und ewig. Sie durchdringt alle Wesen, trägt sie in sich in geistiger Verklärung und erfaßt sie mit eines Blickes Schnelle. „Ans dem Feuer der Seele ist der Leib erschaffen und aus Nichts ins Dasein getreten. Die Gottheit ist in ihn in Feuer eingegangen." Mit dem Leibe geeint und Mensch geworden, tritt die Seele mit der Sinnenwelt in innige Verbindung, wird aber eben dadurch ihrem höheren Ursprünge entfremdet. Ihre höheren Kräfte, als Eindrücke der Geistcswelt, werden gebunden, die Dunkelheit des Körperwesens bedeckt sie und trübt ihren ursprünglichen Glanz: sie wird gewissermaßen verdichtet. Sie gleicht dann einem Hellen Spiegel, auf einen dichten und trüben Körper angebracht. Um sich indessen ans der Dunkelheit zum Licht emporarbeiten und erheben zu können, verlieh der Schöpfer ihr in ihrem leiblichen Zustande das Vermögen der Sinnes- wahrnehmungeu, damit sie vermittelst der Erkenntniß der niedrigen Wesenssphäre zu der der höheren Welt sich erheben könne. Wendet sich die Seele ihrem Ursprünge, dem Weltgeiste und damit der Ur- substauz zu, so kann sie über die sinnliche Beschränktheit hinwcgkommen. Bleibt sie bei der letzten, so büßt sie ihr höheres Sein und ihren Zusammenhang mit der höheren Welt ein"). Daß die Seele unsterblich ist, versteht sich nach dieser Auffassung so sehr von selbst, daß es gar nicht bewiesen zu werden braucht. — Der Mensch bildet in seiner Zusammensetzung von Seele und Leib eine Welt im Kleinen (Mikrokosmus) und ist in Bau und Ordnung ein getreues Abbild der höheren Welt. Das Wesen des Weltgeistes, das feinste, einfachste und erhabenste in der Stufenleiter der Substanzen, ist in ihm vermittelst der Seele und des Lebensodems geeint. Aus der Betrachtung seiner selbst vermag der seelenbegabte geistesentsprungeue Mensch die Natur und den Zusammenhang der höheren Welt zu erkennen, selbst die Gottheit, wenn auch dunkel, zu begreifen ^). Der edelste Theil des Menschen ist daher sein Erkenntnißvermögen, vermittelst dessen er das Weltall umspannt und dnrchdringt. Dadurch kann er ewige Glückseligkeit erreichen. Für diese Glückseligkeit ist er erschaffen, das ist sein höchstes Gut, sein letztes Ziel. Die Handlungsweise des Menschen soll seiner Erkenntniß entsprechend sein. Vermöge richtigen st Das. II. I, 12, 23, 30; III. I, 21, 27, 36; IV. 3—4, 24; V. 47-49. st Das. I. 5; II. 5; III. 24; V. 65. Hstsr iVlalollllt Ko. 28—30. st Das. III. 6, 44. 38 Geschichte der Juden. Erkennens und demgemäßer Thätigkeit kann sich der Mensch der ein- engenden Bande der Natur eutschlagcn, sich von der ihm als leiblichem Wesen anhaftenden Getrübtheit und Dunkelheit befreien und mit der höheren Welt in unvermittelte Verbindung treten Z. Bei diesem Gedanken bricht Jbn-G'ebirol's System ab, es deutet den Uebergang von der philosophischen Weltbetrachtung zn dem religiös-sittlichen Leben (Ethik) nur wie hingehaucht au, ohne auch nur auzudeuten, welche Art von Thätigkeit der Erkenntniß entspricht und befreiende Wirkung hat. Eben so wenig verrieth Jbn-G'ebirol, wie er sein System mit dem Judenthum ausgeglichen hat, und ob er sich damit in Uebereinstimmnng oder im Widerspruch zu befinden glaubte. Nur aus einem entlegenen Zeugniß scheint hervorzugchen, daß auch er wie Philo und Saadia Schriftverse allegorisirte um sie den Ideen seiner Philosophie anzubeguemen. — In Ueberein- stimmung mit der Lehre des Judeuthums ist nun Jbn-G'ebirol's Gedankengang allerdings nicht. So sehr er sich auch bemüht, mit Worten die Schöpfung aus Nichts zu betonen^), so kann im Grunde in seinem System von einem eigentlichen Schaffen im buchstäblichen Sinne keine Rede sein. Das Weltall, die geistigen und körperlichen Sphären entströmen dem göttlichen Willen und stufen sich ab: sie müssen daher eben so ewig wie dieser Wille und das Urwesen sein. „Der Wille Gottes wirkt und schafft ohne Zeitmaß" ^). Die Welt muß daher nach dieser Anschauungsweise eben so ewig sein wie die Gott innewohnende Schöpferkraft. Auch in einem andern Punkte weicht das Jbn-G'ebirol'sche System von der Lehre des Judenthums ab. Diese bezeichnet die Schöpfung der Welt als einen freien Willensakt Gottes; er war keineswegs dazu geuöthigt, nicht einmal durch sein eigenes Wesen. Die Ursnbstanz und der göttliche Wille Jbn- G'ebirol's dagegen müssen nothwendig schaffen, die Fülle der Wahrheit muß entströmen, es liegt in der Natur der göttlichen Schöpferkraft, sich zu entäußern ^). Endlich scheint auch diese Anschauungsweise, so sehr sie auch im Weltkreise den Menschen hochstellt, ihm die Willensfreiheit zu rauben. Die Seele ist, wie sie ist, ein Ausfluß höherer Kräfte und muß gewissermaßen dem Zuge ihrer Natur folgen. y Das. I. 1—2. 2 ) Vergl. darüber das Citat von Jbn-Esra Orient. Jahrg. 1850. Ltbl. 515. Jellinek, Beiträge zur Geschichte der Kabbala. S. 30. Vergl. den Passus aus der lateinischen Uebersetzung des LIsllor Ollsgi.ru bei Munk NslauMS P. 191. Note 1. Vergl. lllsllor Ollsiiiu III. >5: V. 34, 59, 63. ») Das. V. 68. Jbn- G'ebirol. 39 Jbn-G'ebirol's Gedankengang hat daher zunächst im jüdischen Kreise wenig Anklang gefunden und kaum bemerklichen Einfluß geübt. Die jüdischen Denker fanden den Inhalt in dem sie sich nicht heimisch fühlten, fremdartig, und die Form der Beweisführung zu sehr verwickelt, sprungweise auseinandergesetzt, wenig folgerichtig und unbefriedigend. Desto mehr Aufmerksamkeit erregte Jbn - G'ebirol's System Anfangs unter Arabern und christlichen Scholastikern. Ein Jahrhundert nach seinem Erscheinen wurde sein Hauptwerk ins Lateinische übersetzt. Ein christlicher Priester und ein getaufter Jude arbeiteten an der Uebertragnng. Einige Hanptlehrer der christlichen Scholastik bekannten sich zu Jbn-G'ebirol's Anschauungsweise, Andere bekämpften sie, Alle nahmen Rücksicht darauf ^). Später hat die Kabbala ihm einige Formen entlehnt. Ein anderer jüdischer Philosoph in dieser größenreichen Zeit verfolgte eine andere Richtung als Jbn-G'ebirol und zog, obwohl er auf dem Standpunkte des Judenthums stand, ebenfalls fremde Elemente hinein. Bach ja (Bechaja, Bachiel?) b. Joseph Jbn-Pnknda (Bakuda) stellte in seiner Persönlichkeit das Muster tiefsinniger Religiosität und hingebungsvoller Sittlichkeit dar und begründete eine ganz originelle Moraltheologie des Judenthums. Bachja war eine jener Naturen, deren Seelenenergie und tiefsittliche Kraft, wenn von den Zeitumständen begünstigt, eine religiöse Reformation zu Wege bringen. Von den Lebensnmständen dieses jüdischen Moralphilosophen ist gar nichts bekannt, nicht einmal in welchem Theile Spaniens er ') Daß die Araber Jbn-G'ebirols Philosophie benutzen, behauptet Ritter, Geschichte der christlichen Philosophie I. 611. Ins Lateinische wurde der LIslror dkajiill übersetzt von dem Convertiten Johannes Avendeath und dem Diakonus Domingo (Dominicus) Gonsalo (Gundisalvi) von Toledo (um 1130 — 50), und zwar so, daß der erstere es ins Castilianischs, der letztere dieses ins Lateinische übertrug. Der Epilog zur Uebersetzung lautet in dem Codex der Libliotlldgus Nariarins, mitgetheilt von Seyerlen (theologische Jahrbücher, Jahrg. 1856 S. 488): tlnitus sst trastatns guintus gui sst äs ruatsris, urävsrsali st lorrus. univsrsali, st sx sjus eonsuminations oonsuinrnatus sst totus iibsr, suin arixilio Osi st sjns missrisoräin, Il.vsu ssdrol. — Dranstulit läs^anis intsrprss linAuas llobannis ta.no sx arabioo non absgus javans Domingo. Vergl. über diese zwei Uebersetzer und ihre Zeit llouräain, Usollsrollss oritigass sur l'ÜAS st l'oriAins äss traäaotions latinss 1. III. 8. Benutzt haben Jbn-G'ebirol's philosophische Schriften: Wilhelm von Auvergne, Bischof von Paris sst. 1248), Albertus Magnus, Dominikaner, Bischof von Regensburg (schrieb um 1250), Thomas d' Aguino, ebenfalls Dominikaner (schrieb nach 1260), und Duns Scotus (st. 1308). Vergl. darüber Munk a. a. O. S. 29 ff. — Ins Hebräische wurde er erst um 1270 von Echem-Tob Falaguera im Auszuge übersetzt, den Munk edirt hat. 40 Geschichte der Juden. gelebt, nur so viel, daß er Zeitgenosse Jona Jbn-G'anach's und Jbn- G'ebirol's war (schrieb 1050 — 60), ohne daß er auf den letzteren Rücksicht genommen hätte. Bachja geht für uns in seinem Werke „Anleitung zu d e n i nn er e n P f l i ch t e n" (das er in arabischer Sprache verfaßte ganz ans. Ein tiefer religiös-sittlicher Ernst weht den Leser aus diesem Werke an, an dem Nichts so wichtig erscheint, als völlige Hingebung an innerliche Religiosität und an gottdnrch- drungene Lebensheiligkeit. Bibelforschung, Grammatik, Dichtkunst, speculative Philosophie, Alles, was die Geister der Zeit so mächtig beschäftigte, sind nach Bachja's Ansicht ganz untergeordnete Fächer, kaum der Mühe Werth, sich ernstlich damit abzngeben. Selbst das Talmudstudinm hatte in seinen Augen keinen hohen Werth, in so fern es lediglich die äußerliche Religiosität, die Ausübung der Satzungen, „die Pflichten der Glieder", fördert^). Bachja Jbn-Paknda strebte nach Verinnerlichung des Judenthums; die inneren Pflichten, welche das Gewissen auflegt, standen ihm unendlich höher als die Vorschriften, welche der Religionscodex einschärft. Er zerlegte, wie die heiden-christlichen Lehrer in den ersten Jahrhunderten, das Judenthum in zwei Bestandtheile: in das Reinreligiöse, Sittengesetzliche einerseits und in das Ceremonial-Religiöse andererseits und räumte dem erstern viel höheren Werth als dem letzteren ein. Die vollständige Hingebung an das Göttliche und die selbstlose Lebensheiligkeit, die Bachja als das Höchste hinstellte, waren ihm aber nicht Sache der Theorie, sondern füllten sein ganzes Wesen aus und steigerten seine Gewissenhaftigkeit bis zur Peinlichkeit. Er läßt uns selbst in seinem Werke einen Blick in sein Inneres werfen, wie er dazu kam, das Werk zu verfassen. Er habe sich nämlich vergebens in der damals vorhandenen jüdischen Literatur nach einem Wegweiser für ein innerlich religiöses Leben umgesehen. Und doch gäbe es nichts Wichtigeres als ein solches: Verstand, Schrift und Tradition, die drei Grundqnellen der Wahrheit, bezeugten es, daß ohne ein innerliches Erfassen des Religiösen, ohne „die Herzenspflichten" als den Grnndzug, die Religion zu einem mechanischen Thun herabsinke. Das Bedürfniß nach einem Leitfaden für die innerliche Religiosität und der Mangel an einem Lehrbuche für die Moraltheologie des Judenthums bestimmten nun Bachja, zunächst für sich ein solches aus- Der arabische Titel lautet Lids-b al Uiclusulr 1IL Uara.iälr sl-Lnlnb; hebr. Olaobot lm-Usbabot, in vielen Editionen vorhanden. Ich citire nach Jellinek's Edition (Leipzig l846) und verweise auf die Einleitung des Herausgebers, wo das Literarhistorische und Bibliographische fleißig zusammengctragen ist. 2) Das. S. 14, IN, 151. Bachja Jbn-Paknda. 4t zuarbeiten. Es war für ihn eine Gewissenssache, sich klar zn machen, wie er zn jeder Stunde und bei jedem vorkommenden Falle seine Pflicht erfüllen könnte, „damit sein Denken, Fühlen und Thun eins sei in Gott." Nachdem er sich einen solchen Leitfaden angelegt hatte, hielt es Bachja für seine Pflicht, das Licht, das ihm aufgegangen war, auch seinen Glaubensgenossen leuchten zn lassen, „die lan sind im Ausüben der religiösen Satzungen und noch mehr in der Erfüllung der Herzenspflichten." Zwar stiegen ihm Bedenken an seiner Befähigung dazu auf, da seine Kraft für die Behandlung eines so hochwichtigen Gegenstandes unzulänglich sei, und besonders, da er keine Gewandtheit im arabischen Style zu besitzen glaubte. Aber er mußte sich andererseits gestehen, daß nur die Trägheit ihm die Aufgabe schwieriger darstelle, als sie es in Wirklichkeit ist. „Denn die Seele ist zum Bösen geneigt und lässig, das Gute zu thun, sucht sie Ausflüchte, um der Ruhe fröhnen zn können. Jeder Mensch hat seinen Feind in sich." Bachja hatte Selbstüberwindung genug, um die in ihm aufgestiegenen Bedenklichkeiten zum Schweigen zu bringen, und diesem Entschlüsse verdankt die jüdische Literatur ein Werk, das Tausende zu inniger Frömmigkeit erweckte und das kein Seitenstück gefunden hat. Obwohl Bachja das Ziel alles menschlichen Strebens in Läuterung des Herzens und in Gesinnungsreinheit setzte, dem Wissen dagegen einen untergeordneten Werth beilegte, so konnte er doch der Zeitrichtung innerhalb des jüdischen Kreises, welche der philosophischen Erforschung huldigte, seinen Tribut nicht vorenthalten. Auch er mußte die Untersuchung über die göttliche Einheit an die Spitze seines Moralsystems setzen und den Grundsatz unterschreiben, daß nur eine geläuterte Er- kenntniß von Gott die Pflichtenlehre zn regeln vermöge. Das erste Kapitel seines Werkes „über die Gotteseinheit" hat daher nichts Originelles. Bachja folgte darin der jüdischen Scholastik (Mntazila), wie sie von Saadia und David Almokammez angebaut war. Aus der Erhabenheit Gottes folgerte er die Untergeordnetheit des Menschen, als einer beschränkten Kreatur, und daß die Erkenntniß der Abhängigkeit des Menschen von Gott der Grund der Pflichtlehre sei. Es folge zunächst daraus, daß der Mensch verpflichtet sei, sich zum Diener Gottes zn machen und seinen heiligen Willen zu erfüllen. Dieser göttliche Wille sei in dem schriftlichen und mündlichen Lehrinhalt des Judenthums niedergelegt. Unbedingtes Gottvertranen und Gleichgültigkeit gegen das äußere Geschick seien die zweite Consequenz der wahren Gotteserkenntniß. Dadurch werde ungetrübte Seelenruhe erworben. Der Gottesdienst habe nur Werth, wenn er auf dem Geschichte der Juden. 42 Goldgründe lauterer Gesinnung ruhe. Die höchste Tugend des Menschen sei Demnth und ihr Beweggrund Liebe zn Gott. Die Verinnerlichung der Religion führte Bachja zu einer ausschreitenden Consequenz, zur strengen Askese, die ihm die höchste Stufe der Lebensweisheit däuchte, welche der Mensch erreichen könne. Das Judenthum schärfe nach seiner Ansicht Genügsamkeit und Enthaltsamkeit ein. Die Patriarchen von Henoch bis Jakob hätten zwar keine gennßbeschränkenden Gesetze gehabt, auch deren nicht bedurft, weil ihr Geist stets Sieger über das Fleisch geblieben sei. Aber deren Nachkommen, das jüdische Volk, sei zur Enthaltsamkeit verpflichtet worden, weil es durch Berührung mit den Eghptern verderbt und durch die erbeuteten Güter bei der Besitznahme des Landes Kanaan der Genußsucht verfallen sei. Darum habe das Gesetz das Nasiräerthum empfohlen. Je entarteter das jüdische Volk wurde, desto mehr hätten sich Einzelne und namentlich die Propheten bewogen gefühlt, den Umgang mit der Gesellschaft und weltliche Beschäftigung auf- zngeben, sich in Einöden zurückzuziehen und ein beschauliches Leben zu führe». Diesem Beispiele müsse man folgen. Es sei zwar unmöglich, daß alle Menschen der Welt und ihrer Thätigkeit entsagen; denn das würde zur Verödung führen, die von Gott nicht beabsichtigt sei. Aber es müsse eine Klasse Beschaulicher und Weltentsagender lUsi'usollim) geben, welche den Weltkindern znm Muster dienen sollen, wie die Leidenschaften gezügelt und geregelt werden könnten. Bachja war nahe daran, das Mönchthum zn verherrlichen und es in das Judenthum einzuführen, wozu das Mittelalter in der mohammedanischen wie in der christlichen Welt eine entschiedene Neigung hatte. Er hätte, obwohl mit der Philosophie vertrant wie sein jüngerer Zeitgenosse, der mohammedanische Philosoph Algazali, als jüdischer Sufi sein Leben der klösterlichen Zurückgezogenheit und dem beschaulichen Hinbrüten geweiht, oder den karelischen „Trauernden um Zion" nachgeahmt, wenn nicht ini rabbinischen Judenthum der Boden für ein solches Uebermaß von Schwärmerei fehlte. Bachja's Moraltheologie hat daher noch weniger als Jbn-G'ebirol's neuplatonisch gefärbte Philosophie einen bedeutenden Einfluß gewonnen. Das erste rabbinische Zeitalter war so reich an originellen Geistern, daß es auch eine Persönlichkeit erzeugte, deren Richtung dahin ging, den festen Grund des Jndenthums zu erschüttern. Es war ein Mann, dessen tiefe Kenntniß , der Philosophie und der Arzneiknnde auch von den Arabern gerühmt wurde. Er führte eine lange Namenreihe: Abn-Jbraham Isaak Jbn-Kastar (oder Saktar) ben Jasus und noch dazu den Schriftstellernamen Jbn-Jasus Jizchaki. 43 Jizchaki^). Aus Toledo stammend (geb. 982 st. 1057), war er Leibarzt der Fürsten von Denia, Mugahid und seines Sohnes Ali Jkbal-Addanla. Ben-Jasus verfaßte eine hebräische Grammatik unter dem Titel „Zusammensetzungen" und ein anderes Werk unter dem Namen Sefer Jizchaki^), worin er eine überraschende Kühnheit in der Bibelanffassung zeigte. Er behauptete nämlich, daß das Stück des Pentateuch's (Genesis), welches von den Königen Jdumäa's handelt, nicht von Mose geschrieben, sondern erst viele Jahrhunderte später hinzugefügt sei, eine kritische Behauptung, welche im Mittelalter ganz vereinzelt dasteht und erst in jüngster Zeit geltend gemacht wurde. Sonst ist von Ben-Jasus Jizchaki nichts weiter bekannt. Nicht mit Stillschweigen darf ein Dichter übergangen werden, der an Flug der Phantasie, Tiefe der Gedanken und Schönheit der Form nur an Salomo Jbn-G'ebirol einen Ebenbürtigen hatte, aber so viel bekannt ist, nur ein einziges Gedicht hinterließ, „ein verwaistes Lied", wie er selbst es nannte. Abn-Amr Joseph b. Chasda'i war wahrscheinlich aus Cordova gebürtig. Seine zwei Brüder, welche bei den Kriegsunruhen in Spanien zum Auswandern gezwungen waren, wurden von dem Staatsmanne Samuel Jbn- Nagrela beschützt; einer dieser Brüder Abulwalid war ein hebräischer Grammatiker und wird von Jbn-G'anach rühmend genannt. Aus Verehrung und Dankbarkeit für den edlen Beschützer dichtete Joseph b. Chasdai jenes tiefsinnige, kunstvolle, phantasiereiche Lied, worin er Samuel und seinem jungen Sohne Joseph mit schwärmerischer Begeisterung huldigte (um 1044 — 46 ^). Samuel, der sich Nichts schenken ließ, nicht einmal eine Lobesspendung, dichtete zum Lobe Joseph b. Chasdal's ein ähnliches Lied in demselben Versmaß, das aber schwerlich denselben poetischen Reiz gehabt hat. Joseph b. Chasdai hinterließ einen Sohn, der später in Saragossa eine ähnliche Stellung einnahm, wie Jbn-Nagrela in Granada. st Ueber das Biographische des Ben-Jasus vergl. Zeitschrift der deutsch, morgen!. Gesellschaft, Jahrg. 1854 S. 55t und 1855 S. 838 aus Mose Jbn- Esra's Poetik. Die Identität von Ben-Jasus und Jizchaki stellt richtig Joseph b. Elieser Tob-Elem Sephardi auf in dessen Supercommentar zu Jbn- Esra (Handschr.), mitgetheilt in Zion I. 46. Unter Jizchaki Isaak Israeli zu verstehen, wie Jakob b. Reuben in seiner polemischen Schrift (Handschr.) thut, ist gar nicht zu denken, weil Isaak Israeli nichts Exegetisches geschrieben hat, sondern nur eine Abhandlung über die ersten Kapitel der Genesis. Auch nennt Jbn-Esra diesen, wo er von demselben spricht, durchaus nicht Jizchaki. Ueber Ben-Jasus' Grammatik s. Note 1. II. und über dessen biblische Kritik Jbn-Esra zu Genesis 36, 32. st Jbn-Esra Lstsr da. Loftsrn. st Vergl. Note 3. II. 44 Geschichte der Jude». Samuel, der Stolz der spanischen Juden, der, wie sein Biograph von ihm sagt, vier Kronen trug: die Krone der Lehre, des Levitenthums, des Ruhms und darüber die Krone der Hochherzigkeit*), der über ein viertel Jahrhundert die Seele der jüdisch-spanischen Gemeinden war, starb von seinen Zeitgenossen aufrichtig betrauert (1055). Vor dem Elvirathore in Granada setzten sie seine Hülle bei, und sein Sohn errichtete ihm ein kunstvolles Denkmal. Ein noch schöneres Denkmal setzte ihm Salomo Jbn-G'ebirol in wenigen, aber inhaltsreichen Versen: In meinem Herzen ist dein Ort. Fest steht dein Zelt für immer dort. Dich such' ich da, dich find' ich da, Bist mir wie meine Seele nah 2). Samuel's vortrefflicher Sohn Abu Hussain Joseph Jbn- Nagrcla igeb. 1031 folgte ihm in allen seinen Würden. Der König Badis, der an ihm ebenso viel Wohlgefallen wie an seinem Vater fand, übertrug ihm das Wesirat und damit auch die Oberhoheit über die jüdische Gemeinde von Granada. Diese erkannte ihn als ihren Rabbiner und Führer (Nagid) an, obwohl er erst ein Zwanziger war. Joseph hatte eine fürstliche Erziehung genossen. Sein Vater hatte ihn von einsichtsvollen Lehrern aus verschiedenen Gegenden unterrichten lassen, »nd er zeigte schon in der Jugend eine entschiedene Geistesreife. Im Arabischen ebenso gewandt wie sein Vater, war Joseph noch bei dessen Leben Sekretär des Erbprinzen Balkin ^). Mit achtzehn Jahren hatte ihm der Vater eine Gattin zugeführt, die er nicht unter den Reichen und Vornehmen Andalusiens ausgesucht hatte, die gelehrte und tugendhafte Tochter des armen R. Nissim aus Kairuan. Erbe aller Größe seines Vaters, lebte er, obwohl reich und von ausnehmender Schönheit, in der Vollkraft der Jugend in einer Mäßigkeit"), welche einen grellen Gegensatz gegen die Schwelgerei mohammedanischer Großen bildete. Als Minister sorgte Joseph für das Staatswohl und regierte ebenso selbstständig wie sein Vater. Die Wissenschaft und ihre Pfleger unterstützte auch er, und so groß war seine Freigebigkeit und so überwältigend sein Gesinnungsadel, daß ihn auch arabische Dichter besangen. „Grüße sein Gesicht," sagte ein *) Abraham Jbn-Daud. 2) Lellirs Lollslouao Ho. 28. Auch l^o. 27 das. ist auf Samuel's Tod gedichtet; ob aber von Jbn-G'ebirol, ist fraglich. 2) Vergl. über Joseph das Nähere Note 3. I. *) Jbn-Ch'ajan bei Ooszu Einleitung zu Jbn-Adhari I. 97. °) Das. S. 99. °) Das. 100. Joseph Jbn-Nagrela. 45 Mohammedaner von ihm, „und du findest Glück und Hoffnung. Niemals hat ein Freund Fehl an ihm gefunden" ^). Als die Söhne des letzten Gaon von exilarchischer Abkunft nach Spanien flüchteten, nahm sie Joseph Jbn-Nagrela gastfreundlich ans und ließ sie in Granada eine neue Heimath finden °). Der junge jüdische Wesir leitete wie sein Vater ein Lehrhaus und hielt Vorträge über den Talmud "). Nur in zwei Punkten wich Joseph vom Benehmen seines Vaters ab: er beförderte allzu auffallend seine Glaubensgenossen zu Staatsämtern und benahm sich gegen Untergebene hochfahrend ^). Ein naher Verwandter seines Hauses nahm die nächste Stelle im Staate nach ihm ein"). Dadurch erregte Joseph den Haß der Berbern, der herrschenden Bevölkerung in Granada, gegen sich und die Juden. Sie beneideten seine so fürstliche Pracht; er besaß einen Palast, der mit Marmor ausgelegt war"). Einige Vorfälle während seines Wesirats steigerten den Haß zum Jngrimme. Zwischen dem Erbprinzen Balkin und Joseph, der früher dessen Sekretär gewesen war, herrschte eine gegenseitige Antipathie. Plötzlich starb Balkin, man glaubte durch Vergiftung. Der König Badis ließ hierauf einige Diener und Frauen des Prinzen als Schuldige hinrichten. Die klebrigen entflohen aus Furcht vor derselben Strafe (1064). Das Volk aber glaubte, Joseph habe dem Prinzen Gift gegeben^). Ein anderer Vorfall, wobei sich Joseph ebenso menschlich wie staatsklug und seinem Herrn ergeben zeigte, scheint ihm Badis' Gunst entzogen zu haben. Zwischen den zur Herrschaft gelangten Berbern in Granada und anderwärts in Spanien und den echten Arabern herrschte ein so erbitterter Racenhaß, daß jede Stadt von gemischter Bevölkerung fast in zwei Lager getheilt war. Als einst König Badis erfuhr, daß der berberische Beherrscher von Ronda durch eine von dem Könige von Sevilla angezettelte Verschwörung der Araber seinen Tod gefunden hatte, war er voller Mißtrauen gegen die Araber seiner Hauptstadt. Er fürchtete jeden Augenblick in eine Schlinge zu gerathen und gleich seinem Stammgenossen als Opfer einer Verschwörung zu falleu. Badis faßte daher einen teuflischen Plan, sämmtliche Araber seiner Hauptstadt während des Gottesdienstes an einem Freitag von seinem Heere Mmakkari bei Munk dlotios sur ^.bonlvsltck. S 106. 2) Abraham Jbn-Daud. Ders. vergl. Zeitschrift Ollslrm, Jahrg. II. S. 61. Ders. bei Munk a. a. O. S. 99, 104; bei das. S. 100. ") Bei Oo^. S. 90. °) liisboirs IV. x. 114. h Das. S. 84, 98. 46 Geschichte der Juden. niedermachen zu lassen. Diesen Plan theilte er seinem jüdischen Minister mit, ohne den er nichts unternahm, und fügte hinzu, daß sein Entschluß so fest stehe, daß er durch Gegengründe nicht wankend gemacht werden könnte. Auch erwartete er von ihm strengste Verschwiegenheit darüber. Joseph hielt aber den Mordplan für einen unheilvollen politischen Fehler und unterließ nichts, dem blutdürstigen König dieselbe Ueberzeugnng beizubringen. Er stellte ihm eindringlich vor, daß der Plan scheitern könne, und die Araber der Stadt und Umgegend zur Selbstrettung die Waffen ergreifen würden; aber selbst im Falle, daß die ganze arabische Bevölkerung ohne Gegenwehr fallen sollte, würde die Gefahr nicht schwinden, sondern nur noch wachsen, denn die rein arabischen Nachbarstaaten, wie der von Sevilla, würden dadurch zu um so größerer Wuth anfgestachelt werden und einen Rachezug gegen den Verderber ihrer Stammgenossen unternehmen. „Ich sehe sie schon," sprach Joseph lebhaft, „ich sehe sie schon wuth- entbrannt herbeiströmen, jeder von ihnen schwingt sein Schwert um dein Haupt, o König, und unzählige Feinde wie die Wogen des Meeres stürzen sich ans dich, gegen welche du und dein Heer nichts vermögen." So der jüdische Staatsmann. Badis beharrte aber bei seinem Entschlüsse und ertheilte in diesem Sinne seine Befehle an seine Truppenführer. Allein Joseph hielt es für seine Pflicht, ein solches Unheil vom Haupte der arabischen Bevölkerung und des Königs wider dessen Willen abzuwenden, und setzte dabei sein Leben aufs Spiel. Durch Frauen, denen er vertrauen durfte, ließ er die angesehenen Araber der Hauptstadt heimlich warnen, sich am nächsten Freitag nicht in die Moschee zu begeben, sondern sich versteckt zu halten. Sie verstanden den Wink und befolgten ihn. Am Freitag waren die Truppen in der Nähe des Palastes aufgestellt. Badis' Spione fanden daher in der Moschee nur Berbern und wenige Araber ans der niederen Volksklasse. Badis mnßte den Plan aufgeben, aber sein Zorn wandte sich gegen seinen Minister, den er in Verdacht hatte, sein Geheimniß verrathen zu haben, und er machte ihm bittere Vorwürfe darüber. Joseph leugnete die Thatsache, die Araber gewarnt zu haben, und behauptete, sein Plan habe sich in Folge der geheimnißvollen militärischen Vorkehrung ohne Zweck von selbst verrathen. Schließlich bemerkte er: der König möge Gott danken, daß er ihn vor unausbleiblicher Gefahr geschützt habe. „Die Zeit wird kommen, wo Du meine Anschauung von der Sache billigen und die Rathschläge, die ich Dir ertheilt, gntheißen wirst." Auch ein berberischer Scheich unterstützte die Worte des Wesirs, und Badis beruhigte sich. Allein ein Stachel blieb ihm im Joseph Jbn-Nagrela. 47 Herzen gegen seinen jüdischen Minister zurück, und er war voller Argwohn gegen ihn. Joseph konnte sich ans seinem Posten nur durch Spione behaupten, welche ihm von jeder Aeußerung des Königs Kunde brachten*). Die berberische Bevölkerung merkte aber wohl, daß der jüdische Wesir nicht mehr die volle Gnade ihres Herrschers genoß und durfte es wagen, sich gegen ihn zu verschwören und ihren Haß an ihm und an den Juden zu kühlen. Immer mehr nachtheilige Gerüchte wurden gegen ihn in Umlauf gesetzt. Seine Feinde gewannen die Oberhand. Ein fanatischer mohammedanischer Dichter Abu- Jschak al-Elviri stachelte durch ein zündendes Gedicht den Judenhaß der Moslemin von Granada zur Thätlichkeit auf: „Sag den Sinhagiten, den Vollkräftigen der Zeit und den Löwen der Wüste — Euer Herr hat gefrevett, er gab Ehre den Ungläubigen. Er machte zum Minister (KLtib) einen Juden, während er einen solchen unter den Gläubigen finden konnte. Die Juden wiegen sich in thörichten Hoffnungen, erheben sich zu Herren und behandeln mit Stolz die Moslemin. Ich sah, als ich in Granada ankam, daß die Juden die Allein- berrschaft haben, daß sie Hauptstadt und Provinzen unter sich theilen. Ueberall befiehlt einer dieser Verfluchten 2 ) Dieses aufregende Gedicht war bald im Munde aller Mohammedaner, es war das Eulengekrächze für Joseph's Tod. Ein Vorfall entfesselte die Wuth seiner Gegner zum Morde. Truppen eines Nachbarfürstcn, Almotassem von Almeria, hatten einen Einfall in das Gebiet von Granada gemacht, und diese sollen ausgesagt haben, daß ihr Herr im Einverständniß mit dem Minister Joseph stehe, und daß sie auf dessen Anregung gerufen worden seien, weil er beabsichtigte, das Land Almotassem zu überliefern. Das Wahre an der Sache läßt sich nicht mehr ermitteln. Möglich, daß Almotassem selbst dieses Lügengewebe gegen den umsichtigen jüdischen Wesir gesponnen hat, um dessen Untergang herbeizuführeu. Sobald sich die Aussage der almerischen Soldaten verbreitet hatte, stürzten sich noch an demselben Tage, an einem Sonnabend, die Sinhagiten, begleitet von einer Menge niedrigen Gesindels, auf Joseph's Palast. Als dieser die Nachricht von der Aufregung erhalten hatte, verbarg er sich in einer Kohlenkammer und schwärzte sich das Gesicht, um sich unkenntlich zu machen. Die wüthenden Feinde erkannten ihn nichtsdestoweniger, tödteten ihn und kreuzigten ihn vor dem Thore von Granadas. Eines solchen elenden Todes starb der jugendliche Minister *) Bei und Note 3. I. 2 ) Ummlelnri bei Munk a. a. O. S. 182 f.; Oori)-, büstoirs IV. x. 112 fg h Bei voriz- das. 101. 48 Geschichte der Juden. im fünfunddreißigsten Lebensjahr (9. Tebet — 30. December 1066 st. Auch fämmtliche Juden Grauada's, welche sich nicht durch die Flucht gerettet hatten, traf die Wuth der aufgeregten Meuchelmörder. Ueber 1500 jüdische Familien fanden an demselben Tage ihren Tod, und ihre Häuser wurden zerstört st. Nur Wenige entgingen dem Gemetzel, darunter Joseph's Frau mit ihrem jungen Sohne Asaria, welche nach Lucena entflohen. Diese hatten aber von den Reichthümern so wenig retten können, daß sie auf Kosten der Lucener Gemeinde unterhalten werden mußten. Joseph's bedeutende Büchersammlung wurde theils zerstört, theils verkauft. Die Trauer um die jüdischen Märtyrer Granada's und den edlen jüdischen Fürsten war groß. Selbst ein arabischer Dichter, Jbn-Alfara, der Joseph beim Leben besungen hatte, weihte ihm ein Trauerlied, worin die Worte Vorkommen: „Mir ist die Treue Religion und diese befiehlt mir, für den Juden eine Thräne zu weinen." Wegen dieser Thräne wurde der mohammedanische Dichter am Hofe des Königs von Almeria angeschwärzt, und dieser wurde gewarnt, ihm Gastfreundschaft zu gewähren. Der Fürst bemerkte aber dagegen: „Dieser Dichter muß ein edles Herz haben, daß er einen Juden nach dessen Tode beweint hat; denn ich kenne Moslemin, die sich um ihre lebenden Glaubensgenossen wenig kümmern" st. Der Aufstand gegen Joseph Jbn-Nagrela in Granada war die erste Judenverfolgung auf der pyrenäischen Halbinsel seit der Herrschaft des Islam. Sie scheint noch einige Zeit fortgedauert zu haben. Denn die Juden des ganzen Königreichs Granada waren gezwungen, auszuwandern und ihre liegenden Güter zu verkaufen st. Indessen hatte sie keine Folgen für die jüdischen Bewohner in anderen Theilen Spaniens st. Die Fürsten oder Könige der einzelnen Landstriche, welche sich nach dem Sturze des Chalifats von Cordova unabhängig gemacht hatten, waren so gehässig und eifersüchtig auf einander, daß die von einem derselben Verfolgten Schützlinge seines Gegners wurden. Die drei angesehenen Juden, welche aus Granada ausgewiesen worden waren (o. S. 15), wurden von dem Abbadiden Almuthadid, König von Sevilla, freundlich ausgenommen. Joseph Jbn-Migasch I. erhielt von ihm einen hohen Posten. Der König von Saragossa Almuktadir Billah, ein Beförderer der Wissenschaft und Poesie, hatte ebenfalls einen jüdischen Wesir, Abu-Fadhl, einen r) Vergl. Note 3. I. 2) Bei das. Abraham Jbn-Daud; Jbn-Verga Lobsdsb llsüuäs, dl o.5. 2) Almakkari bei Munk a. a. O. S. 10S f. st Folgt aus AlfLßl Lösxouss. dlo. 131. st Abraham Jbn-Daud. Jbn-G'ebirol's Tod. 49 Sohn jenes Dichters Joseph Jbn-Chasdak, der mit Jbn-G'ebirol um die Palme der Poesie rang (o. S. 43). Dieser Abu-Fadhl Chasdai (geb. um 1040) war ebenfalls Dichter, aber obwohl er auch das Hebräische verstand, so sang sein Mund doch nur arabische Lieder. Von ihm urtheilte ein arabischer Kunstrichter: „Wenn Abn- Fadhl dichtete, glaubte man Zauberei wahrzunehmen; er reihte nicht Verse, sondern Wunder aneinander" *). Abu-Fadhl war ebenso ausgezeichnet in anderen Wissenszweigen; er verstand Musik theoretisch und praktisch. Seine Lieblingsbeschäftigung scheint indessen spekulative Philosophie gewesen zu sein. Die glänzenden Eigenschaften seines Geistes zogen die Augen des Herrschers von Saragossa auf sich, und er wurde dessen Wesir (1066). Spätere arabische Geschichtsschreiber behaupten, Abu-Fadhl sei zum Islam übergetreten, weil er sonst nicht die Wesirwürde hätte bekleiden können, und sie fügen hinzu, er sei aus leidenschaftlicher Liebe zu einem mohammedanischen Mädchen vom Judenthume abgefallen. Indessen ist nicht viel auf diese Nachrichten zu geben, da die jüdischen Quellen ihn als Juden aufführen ^), und es von den Arabern bekannt ist, daß sie aus Neid, eine ausgezeichnete Persönlichkeit in den Reihen der Juden zu wissen, sie gerne zum Apostaten stempelten. Den Schluß des ersten rabbinischen Zeitalters bildet das Hinscheiden des edlen philosophischen Dichters Salomo Jbn-G'ebirol. Sein verdüstertes Gemüth scheint durch die tragischen Vorgänge in Granada noch trüber gestimmt worden zu sein, sei es, daß er selbst zur Zeit des Gemetzels in Granada war, oder daß er auch aus der Ferne den innigsten Antheil an dem Untergange Joseph's und vieler Glaubensgenossen nahm. Mit Joseph Jbn-Nagrela scheint er befreundet gewesen und von ihm unterstützt worden zu sein. Seine letzten Dichtungen waren daher elegische Klänge über das harte Loos, das Israel von jeher traf: „Warum herrscht der Sklave über Fürstensöhne? Schon tausend Jahre dauert meine Verbannung, und ich gleiche dem heulenden Wüstenvogel. Wo bleibt der hohe Priester, der das Ende mir erfrügel" (1068^). Im letzten Lebensjahre klagte Salomo Jbn-G'ebirol in derselben Weise: „Unsere Jahre schwinden in Dürftigkeit und Elend, wir harren auf Licht, und uns ereilet st Jbn-Chakan bei Munk, Uotios, S. 209, wo auch alles Uebrige über Abu-Fadhl zusammengestellt ist. st Saadia Jbn-Danan in Ollsraäs. Osnusa x. 16a st Jbn-G'ebirols liturgische Poesieen, das erste beginnend! 'lr- 1:2 wi»; das zweite minr wo 'ninnr>, worin die Zahl: muri pvin: o-wir- — Hgi der Hagira vorkommt. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 4 50 Geschichte der Juden. Düster und Niedrigkeit, Sklaven herrschen über uns. Babylon herrschte über mich bis zu seinem Falle, es engten mich dann Rom, Jawan und Persien ein und zerstreuten mich, und nun reibt mich Jsmael auf schon vierhundert und einundsechzig Jahre" (seit der Hegira 1069). Das waren wohl Jbn-G'ebirol's Schwauengesäuge. Seine letzten Lebensjahre brachte er nach vielfacher Wanderung in Valencia zu, wo er, kaum fünfzig Jahre alt, starb (1069 oder 1070). Die Sage erzählt, ein arabischer Kunstgenosse habe ihn aus Neid auf seine treffliche Sangesweise erschlagen und seine Leiche unter einem Feigenbäume eingescharrt. Dieser Feigenbaum habe in Folge dessen einen außerordentlichen Blüthenschmuck gezeigt und die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich gezogen, bis die Unthat an dem edlen Dichter entdeckt worden sei. Israel war der Feigenbaum, den Jbn- G'ebirol mit dem Safte der Poesie durchlräukt und dessen Blüthen- schmnck er gefördert hat. In der Zeit als Spanien eine Fülle ausgezeichneter Persönlichkeiten erzeugte, waren Frankreich und Deutschland arm an bedeutenden, schöpferischen Männern und die Geschichte der Inden dieser Länder hat noch immer einen dürftigen Charakter. Ihre Existenz war ihnen zwar nicht verkümmert, sie waren noch immer Landbesitzer, trieben Weinbau, Handwerke und Handel unbeschränkt, nur mußten sie an die Fürsten, in deren Gebiet sie wohnten, eine Art Judensteuer zahlen *), Hin und wieder kamen auch Wohl Verfolgungen vor, wie zu Lyon (1049), wo die Juden erschlagen wurden, und ihre Habe an die Geistlichkeit übergingt). Die französischen Krieger, welche nach Spanien zogen, um einen Kreuzzug gegen die Mohammedaner zu eröffnen, tödteten unterwegs manchen unschuldigen Juden (1065); der Graf Berengar von Narbonne schützte bei dieser Gelegenheit die Juden seiner Stadt b). Es ist belehrend, welche Umwandlung in der Stimmung gegen die Juden im elften Jahrhundert eintrat. Früher pflegten Geistliche den Pöbel gegen die Söhne Jsrael's zu Hetzen, wie Avitus von Clermont, Agobard und Amolo von Lyon. In dieser Zeit dagegen schützten sie die Geistlichen vor der Wuth der verblendeten Mengest. Der Papst Alexander II. lobte sie dafür und wies auf die Aussprüche des Papstes Gregor I. hin, daß den Inden st Responsa des Meir von Rothenburg Nr. 940 und 941; Vaisette, Histoirs äs UruAusäos II. p. 2l>0. 2> Menestrier, bistoirs sivils äs ln vills äs I^ou, S. 244. st Uistoirs äs UnuZusäoe II, 214. st So Gilbert Crepin, Abt von Westininstcr (1084— 1117) in seiner Schrift: ^Itsros-tio äuänsi äs üäs sbrisbiaun, vergl. darüber Israel Levi: Oontro- vsrss sutrs um juit sb um ollrsbisu in Usvus äss Utuäss 1 V. p. 240. Die Juden in Deutschland und Frankreich. 51 keine Gewalt angethan werden dürfe. Die Saracenen zu tödten sei Christenpflicht, weil sie die Christen verfolgten, die Inden dagegen, die sich ruhig Verhalten, sollen verschont bleiben. — Solche vorübergehende traurige Vorfälle wären nicht im Stande gewesen, den Geist der Juden niederzuhalten, wenn er gehoben gewesen wäre; allein es fehlte den französischen und deutschen Inden Schwung und Hochsinn. Sie standen nicht tiefer als ihre christlichen Landsleute, aber auch nicht höher. Ihre Hauptbeschäftigung diesseits und jenseits des Rheins war das Talmudstudium, das R. Gerschom bei ihnen geweckt hatte'). „Sie verscheuchen ihren Schlaf, um sich in den Talmud zu vertiefen." Der bedeutendste unter den talmudischen Autoritäten Frankreichs dieser Zeit war R. Joseph b. Samuel Tob-Elem^) (LonLIs), Rabbiner der Gemeinden von Limousin und Anjou, der aber nichts Selbstständiges schuf, sondern nur ältere Sammelwerke, die Ordnung der Tanaiten und Amoräer, die Entscheidungen des Jehudai Gaon und gaonäische Gutachten redigirte und für deren Verbreitung sorgte. Tob-Elem war auch ein fruchtbarer liturgischer Dichter, aber seine Verse sind holprig und durchaus unpoetisch, ganz im Geschmacke der deutsch-französischen Reimerei. Neben ihm werden genannt drei Brüder (aus Is iilaos?): Elia der alte, Jekutiel und Isaak, Söhne Menahem's, die letzten zwei talmudischen Autoritäten in Orleans. Der Erstere, ein Schwager R. Hai's, war ein liturgischer Dichter, der ebenfalls, wie viele Vorgänger und auch sein Zeitgenosse Salomo Jbn-G'ebirol, die 613 Pflichten des Judenthums in Verse brachte (L^barst^). Aber welcher Abstand zwischen dem spanischen und französischen Dichter! Diese drei Brüder hatten auch eine talmudisch gelehrte Schwester, Namens Bellet''). Noch sind von französischjüdischen Schriftstellern aus dieser Zeit zu nennen zwei Brüder, die sich beide auf Schrifterklärung verlegten, aber in entgegengesetzter Richtung; beide lebten wohl in 1s Linus. Der Eine, Menahem b. Chelbo"), gab sich Mühe, den einfachen Wortsinn der heiligen Sckrift zu suchen. Tief eingehend ist zwar Menahem's Erklärung keineswegs; denn die jüdischen Gelehrten Frankreichs und Deutschlands waren mit der hebräischen Grammatik noch wenig vertraut; sie kannten nur die Anfängerleistung des Ben-Sarnk und Dunasch. ') Selicha des Simon b. Abun von Mainz. 2) Vergl. über denselben die gründliche Abhandlung von Luzzato Lsb lra- O^ar x. 48 ff. und Landshuth ^.rnnclä ^.boäa 86 f. Vergl. über die Quellen Landshut a. a. O., S. 13 f. ') Note I III. Vergl. darüber Geiger I?s.isolraiicls.ta, S. 17. 52 Geschichte der Juden. Allein die erste Regung einer nüchternen Bibelanslegnng uns französischem Boden ist als solche eine interessante Erscheinung. Menahem b. Chelbo schrieb einen Commentar zur ganzen Bibel, von dem sich jedoch nur kleine Bruchstücke erhalten haben. — Sein Bruder Simeon b. Chelbo Kara*) (der seinen Namen von dem Vorlesen der Sabbatabschnitte hat) wußte nichts von einer nüchternen Bibelerklärung, sondern hielt sich an die agadische Auslegung, wie sie in den jüdischen Kreisen Deutschlands und Frankreichs üblich war. Simeon Kara sammelte zu diesem Zwecke sämmtliche ihm bekannte agadische Aussprüche aus älteren Werken, stellte sie zum betreffenden Verse zusammen und nannte das Sammelwerk Jalkut. — Ein eben solcher Agadasammler war R. Mose aus Narbonne^), Kanzelredner svar- selian) dieser Gemeinde; diese Sammlung ist unter dem Titel „Bereschit Rabba" bekannt. Das klassische Land für Talmudstndinm war Lothringen, das damals eine weitere Ausdehnung hatte und die mittlere Rheingegend umfaßte. Die „Weisen Lotharien's" (Obaobms Iwtbar) galten als maßgebende Autoritäten. Man verstand unter dieser Bezeichnung zunächst die Vorsteher der Talmudschulen von Mainz und Worms. In Worms wurde in dieser Zeit eine Synagoge vollendet (1034), welche im byzantinischen Style mit Säulen und Kapellen erbaut, zu ihrer Zeit als ein Prachtwerk, als ein Tempel im Kleinen gegolten hat und durch Wundersagen noch mehr verherrlicht wurde. Ein kinderloses Ehepaar, Jakob b. David und seine Frau Rahel, haben sie auf ihre Kosten bauen lassen, und die dankbare Gemeinde hat ihre Namen durch eine Inschrift und durch eine jährliche Ge- dächtnißfeier verewigt^). Die lothringischen Autoritäten waren zu dieser Zeit R. Isaak Halevi (Segan Levija) b. Eleasar in Worms, Vater dreier gelehrter Söhne, ferner R. Jakob b. Jakar in Mainz und R. Isaak b. Jehuda, zuerst in Worms und später Rabbiner ^ Vergl. die gediegene Abhandlung von Rapaport Lsrsrn Oüsrasä VII, S- 4 ff. 2) Vergl. Zunz, gottesdienstliche Vorträge, S. 287 ff. Die Inschriften sind am correctesten nütgetheilt in L. Levysohn's Epitaphien des Wormser Friedhofes (S. t04). Dis Jahreszahl der Vollendung der Synagoge ist deutlich angegeben: Ellul 794 der Weltaera (1034). Ein anderes Datum ist durch einen Vers ausgedrückt, dessen Zahlenwerth 946 beträgt. Diese Zahl gilt als ein Räthsel, weil sie die erstgenannte aufhebt. Mir scheint sie eine Jahreszahl nach der Aera der Tempelzerflörung zu sein 946 -l- 68 — 4014, und das Datum zu bedeuten, an dem der Bau der Synagoge begonnen hat, so daß der ganze Bau von 1014 bis 1034 gedauert hätte. Daß sie damals bloß restaurirt worden sei, wie Levysohn behauptet, geht aus der Inschrift nicht hervor. Das Buch Zerubabel. 53 in Mainz i). Sämmtlich Jünger des R. Gerschom beschäftigten sie sich mit mündlicher und schriftlicher Auslegung des Talmud, mit Beantwortung von Rechtsfragen und allenfalls auch mit Erklärung der heiligen Schrift in agadischer Manier. Bedeutende Leistungen sind von ihnen nicht geblieben. Wenn man noch den liturgischen Dichter Benjamin b. Samuels ans Constanz (?) nennt, der sehr viele synagogale Gebetstücke dichtete und den Ehrentitel „der Po et an" führte, so ist damit Alles erschöpft, was das jüdische Deutschland und Frankreich damals an Berühmtheiten aufzuweisen hatte. Welche Armuth gegen die Gestaltenfülle im jüdischen Spanien! Die Frömmigkeit der Juden dieser Länder und namentlich ihrer Führer war düster und büßermäßig. Sie glaubten nie genug gethan zu haben. Aus übertriebener religiöser Skrupulosität feierten sie den Versöhnungstag zwei Tage und fasteten an beiden Tagen ohne Unterbrechung^). Für die westeuropäischen Juden rief ein Mystiker, vermutlich aus Italien, in dieser Zeit messianische Hoffnungen wach. Er verfaßte eine messianische Geheimschrift (Apokalypse) unter dem Titel „das Buch Zerubabel"^), worin er prophezeite, daß zwischen ff Vergl. darüber Zunz in dessen Zeitschrift zu Raschi's Biographie und zur Geschichte S. 63, die Ergänzungen dazu von Simson Bloch S. 7 f., Levy- sohn a. a. O. S. 14 und 101. ff Vergl. darüber Landshuth ^.naucks ^.bocka S. 53. ff Raschi Us-rckss S. 44 ä und R. Hai, mitgetheilt von einem Kariier bei Pinsksr Likutb, Noten S. 144, Anmerk. ff Das mystische 8stsr 2siu.ba.bs1 hebt wiederholentlich hervor- nach Ablauf von 990 Jahren seit der Tempelzerstörung, d. h. 1068 werde der Sohn David's auftreten. Fünf Jahre vorher wird der ephraimitische Messias erscheinen und erschlagen werden. Diese Schrift ist zuerst gedruckt Constantinopel 1519 in der Sammlung amir- L-uopff Neuerdings hat sie Jellinek nach zwei Handschriften edirt (Ust ba-Nickrasob II. 54 — 57). Beide Editionen sind sehr corrumpirt (die Wilnaer von 1819 kenne ich nicht) und können einander ergänzen. In Betreff des ephraimitischen Messias heißt es in der Uctilio Jellinek: mwo ° 1 vv inu lluw um- '-sn p, was falsch ist, richtiger in der xiiuesxs: na ' 2 sn. Die Schrift scheint mir in Italien verfaßt zu sein, ich schließe dies theils daraus, daß gegen das päpstliche Rom polemisirt wird, und theils daraus, daß der Autor sich mit der römischen Geschichte dieser Länder vertraut zeigt. Er giebt nämlich an: Es werden 70 Könige über Rom herrschen, der zehnte wird den Tempel zerstören: vap:a.n ma an.n- -n'L-v.m (sä. ck. p>. 55). Und allerdings war Titus der zehnte Imperator: Octavianus Augustus, Tiberius,. Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasianus, Titus. Tie Kunde von den drei ephemeren Cäsaren Galba, Otho, Vitelius setzt sine Vertrautheit mit der römischen Geschichte voraus, wie sie nicht einmal der geschichtskundige Spanier Abraham Jbn-Daud (in -vm 'aaa pari) hatte, um wie viel weniger ein deutscher oder französischer Jude, oder gar ein Orientale! Nur ein Italiener konnte diese Episode in der römischen Geschichte kennen. Die Schrift ist demnach um 54 Geschichte der Juden den Jahren 1063 und 1068 die Wnnderzeichen der messianischen Erlösnngszeit eintreten werden. Seine Prophetengabe hat sich zwar nicht bewährt, aber seine Darstellung von dem Ende der Leiden Israels verdient nichtsdestoweniger wegen ihrer Form, die nicht ohne dichterischen Anflug ist, einige Aufmerksamkeit. — Der davidische Königssohn Zernbabel, der den Uebergang der davidischen Dynastie vom Königthum znm Exilsfürstenthume bildet — Zerubabel wird vom Drange getrieben, etwas über die Zukunft Jsrael's und des messianischen Erlösers zu erfahren, seine Seele ergießt sich in ein inbrünstiges Gebet. Ein Geist trägt ihn zwischen Himmel und Erde nach Rom, „der Blntstadt". Hier tritt er durch höhere Weisung in ein Schandhans ans einem Markte und gewahrt einen unansehnlichen, wundenvollen, häßlichen Mann, der ihm auf seine Frage aufklärt, daß der Ort das große Rom sei. Der Mann in abschreckender Gestalt giebt sich Zerubabel als der Messias, der Sohn David's, zu erkennen, und da dieser ungläubig das- Gesicht abwendet, verwandelt jener sich plötzlich in die Gestalt eines schönen kräftigen Jünglings und eröffnet ihm, daß er bis zur Zeit des Endes in Rom gefesselt sei. Auch der Angesichtsengel Metatoron erscheint Zerubabel, bestätigt die Worte des Messias und erklärt, derselbe sei zur Zeit Nebnkadnezar's geboren, von einem Geiste nach Rom versetzt und dort in unkenntlicher Gestalt verborgen gehalten. Der Messias führe den Namen Me nahem b. Amiel (der Tröster, Sohn des Gottesvolkes). Der Engel Metatoron offenbart ferner die Zeit, wann das Licht Jsrael's aufsteigen und der Messias offenkundig auftreten werde. Zuerst werde der Vorläufer des Messias vom Stamme Ephraim oder Joseph unter dein Namen Nehemia b. Chnschiel erscheinen, werde Israel sammeln, es nach Jerusalem führen und dort drei MonateZ opfern. Aber Armilaos, der von einem Marmorstein in Weibsgestalt und vom Satan erzeugte Feind des Messias (Antimessias), mit rothcm Haare, affenartigen langen Händen, riesiger Gestalt, tiefliegenden Augen und einem Doppelwirbel, werde gegen ihn Krieg führen, ihn erschlagen und Israel in die Wüste zersprengen. Dann werde Gott der Mutter des Menahem, Namens Chefzi-Bah, einen Wunderstab übergeben, den blüthen- treibenden Aronsstab, der in Liberias aufbewahrt war. Mit diesem Wunderstab werde die Messiasmutter ansziehen und trotz ihrer Schwäche zwei mächtige Könige besiegen. 1050 —1000 verfaßt. Citirt wird sie zuerst von Jbn-Esra um 1150 und zwar als Pseudepigraphie im Commentar zu blxoäns 2. 22. i) So in der sä. prinosPs, in der sä. Jellinek dagegen corrumpirt 40 Jahre statt 40 Tage. 2 ) Bergt, über diese Sage Geschichte B. V. 2 , S. 448. Die Juden in Böhmen, Mähren und Polen. 56 Dann, wenn »eunhundertundneunzig Jahre seit der Zerstörung des zweiten Tempels abgelaufen sein werden (1068), werde Chefzibah diesen Stab ihrem Sohne überreichen, dieser wird plötzlich im Thale Arbel auftreten. Aber die Weisen Jsrael's werden an ihn wegen seiner Knechtsgestalt nicht glauben. Da wird er sich in seiner Würde zeigen, wird mit dem Propheten Elia in die Thore Jernsalem's cin- ziehen und den erschlagenen Nehemia auferwecken. Das messianische Triumvirat, Menahem und die beiden Vorläufer, werden aus dem Weltmeere alle diejenigen erwecken, welche wegen Religionsverfolgung ihren Tod in den Wellen gefunden. Die Erde wird in ihrem Innersten erzittern. Berge werden einstürzen, der Oelberg wird sich spalten. Die Israeliten werden sich aus der Nähe und Ferne sammeln, und der Messias wird der verwittweten Mutter Zion ihre Söhne zuführen. Mit seinem Hauch wird er den Wütherich Armilaos tödten. Der Tempel wird sich wieder in seinem Glanze erheben und auf fünf hohen Bergen erbaut sein. — Aber weit entfernt, sich unter dem Banner des Messias zu sammeln, zerstreuten sich die Söhne Jnda's immer mehr und mehr und besetzten sich in jedem von der Cultur halb eroberten Landstrich. Allmälig treten die Juden des östlichen Europa aus der Dunkelheit ihres Daseins heraus. Sie waren in diesem Zeitraum bereits in Böhmen, Mähren und Polen angesiedelt. Die Prager Gemeinde behauptet zwar eine der ältesten in Europa zu sein, und ihr hohes Alter will sie durch einen Grabstein bekunden, der bereits ein Jahrhundert vor der Entstehung des Christenthums gesetzt worden sei. Allein da sie zu viel beweist, beweist sie gar nichts. Sicher ist nur das Vorhandensein der Juden in Böhmen im zehnten Jahrhundert, wo sie christliche Sklaven besaßen; der Apostel der Preußen, früher Erzbischof von Prag, Woytech Adalbert, hatte unruhige Träume darüber, daß die Gläubigen den Juden dienen sollten (vor 990 Z. Im elften Jahrhundert galten die der Vorstadt Wyssehrad für so sehr reich, daß eine mährische Fürstin ihrem habsüchtigen, feindseligen Schwager, dem Böhmcnkönig, sagen konnte: „Reiche Leute, die du bei uns suchst, findest du in der Mitte deines eigenen Landes, in der Prager Vorstadt und im Dorfe Wyssehrad, die voll sind von st Vita 8t. ^.clalbsrti in Oanisius, lllrssaurus nronrnusutorurn soelssias- tiooruin sivs lsotionss antiguas tll. III pars t p. 4V, eo. Die alten Grabsteine der Prager Gemeinde sind in der Verfolgung von 1388 zerstört worden, und der jetzt vorhandene älteste datirt von 1438; vergl Rapapvrt's Einl. zu SsI.-Lä. x. LXXVII. 56 Geschichte der Juden. Silber und Gold; halte dich an diese" Alles was sonst von den böhmischen Juden erzählt wird, daß sie von den Christen zur Bekämpfung der Heiden von Prag zu HüCe gerufen worden, daß sie dann wieder vertrieben und ihre Köpfe gezählt worden seien, die sich auf 5200 belaufen haben sollen, ist eitel Erdichtung späterer Schriftsteller 2). In Mähren gab es im elften Jahrhundert ebenfalls Juden. Einer derselben, Namens Podiva, baute eine Burg, der er seinen Namen beilegte (unweit Lnndenburg an der Grenze von Mähren und Oesterreich, vor 1067 ^>. In dem neubegründeten Königreiche Polen, namentlich in der damaligen Hauptstadt Gnesen besaßen die Juden im elften Jahrhundert ebenfalls christliche Sklaven, und es wurde ihnen nicht verwehrt, obwohl die Herrscher Christen waren An der Cnltnr ihrer Brüder im Westen hatten die osteuropäischen Juden keinen Antheil. Auch vom Talmud hatten sie keine Kunde, und erst ein Jahrhundert später werden Talmndkundige ans Böhmen, und auch nur spärlich, genannt. Man kann nicht einmal entscheiden, ob die osteuropäischen Juden ursprünglich von Westen oder von Südrußland eingewandert waren, und ob sie zu den Rabbaniten oder zu den Karäern gehörten. — Die Karäer waren in dieser Zeit so sehr verkommen, daß sie nicht einen einzigen Mann von Bedeutung aufznstellen vermochten. Der einzige karäische Schriftsteller aus dieser Zeit, Jakob b. Reubeiw'l, Verfasser eines biblischen Commentars (Lokor Im-Osodor, um 1050), wahrscheinlich im byzantinischen Reiche lebend, hat keinen selbstständigen Gedanken aufgestellt, sondern nur geistlos die Ansichten älterer Autoritäten zusammengetragen. Selbst ihr Lieblingsstudium, die hebräische Grammatik, an dem sie von ihrem ersten Auftreten an gearbeitet si Oosrrms von Prag Llbrolliaon Bosmorum II 45 bei Pertz raonn- msiita dsrnranias ill. XI. x. 98 vor dem Jahre 1091. st Bergt, über Hagek's Lügengewebe in Betreff der böhmischen Juden vor dem ersten Kreuzzug Ersch und Gruber's Encyciopädie 8sot II. N. 27 x. 127 b, wo es kritisch widerlegt ist. 2) Oograas bei Pertz das. p. 80. Anonymus Ororäaa iLolonorana bei Pertz das. p. 445 noch vor dem Jahre 1085. Die Annahme von dem noch frühern Vorkommen der Juden in Polen ist durch keine einzige authentische Quelle documentirt. Die hebräischpolnischen Münzen, welche als Beweise angeführt werden, sind augenscheinlich spmria Pinsker hat sehr glücklich nachgewiesen, daß dieser Karäer nicht zur Zeit des ersten Kreuzzuges geschrieben hat, sondern zwischen 1010, dem von Jephet ausgestellten messianischen Jahre, und 1088, dem Jahre der Abfassung des Commentars von Abulfarag Jeschua. Vergl. Inlrats Xallraonstot Beilage Nr. 8. Die Karäer. 57 haben, war bei ihnen noch so wenig ausgebildet, daß der Verfasser eines hebräischen Lexicon (in arabischer Sprache) in dieser Zeit, Ali Jbn-Sulaiman, genöthigt war, die von Chajug aufgestellten Regeln und grammatischen Bemerkungen aufzunehmen *). Die Rabbaniten, obwohl in manchen Fächern Jünger der Karäer, hatten diese in kaum einem Jahrhundert auf deren eigenem Gebiete so sehr überflügelt, daß dieselben ihnen nicht mehr folgen konnten. Diese Meisterschaft erreichten die spanischen Rabbaniten am meisten. r) Das. Text S. 195 ff. Drittes Kapitel. Zweites rabbinisches Zeitalter. Epoche der fünf Isaak und Iizchaki's. Isaak Jbn-Albalia, seine Stellung und Leistung. Isaak Jbn-Giat, Isaak AlfLßi. Raschst sein Leben, seine Leistungen und seine Schule. Die Juden Italiens; R. Nathan aus Rom. Die Juden im christlichen Spanien. Die jüdischen Räthe Isaak Jbn-Schalbib und Cidellus. Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. im Verhältniß zu den Juden. Alsonso von Castilicn und seine " jüdischen Räthe. Tod Jbn-Schalbib's, Jbn-Giat's und Jbn Albalia's. Al- fnßi in Spanien. Die Karäer in Spanien. Jbn-Altaras; Jesua Abu Alfarag. Verfolgung der Karäer durch Joseph Alcabri. Cidellus' Ungnade. 1070 — 1196 . Die erste Judenverfolgung auf andalusischem Boden, durch die mohammedanischen Fanatiker in Granada ausgeführt, erschütterte zwar im ersten Augenblick sämmtliche Gemeinden Spaniens, War aber nicht im Stande, sie für die Dauer zu eutmuthigen und einen Stillstand in ihren edlen Bestrebungen zu erwirken. Die Beschäftigung mit Wissenschaft und Poesie war den südspanischen Juden so sehr zur Natur geworden, daß nur gehäufte Schicksalsschläge sie in ihnen unterdrücken konnten. Die Verfolgung blieb überhaupt vereinzelt und fand keine Nachahmung. Granadeuser hatten den jüdischen Wesir und sämmtliche Juden ermordet, das hinderte aber andere Könige oder Emire nicht, befähigte Inden an ihren Hof zu ziehen, ihnen ! wichtige Geschäfte anznvertrauen und dadurch den Juden überhaupt bis auf einen gewissen Grad gleiche Stellung mit der herrschenden Bevölkerung im Staate einzuräumen. Ein arabischer Geschichtsschreiber klagte darüber, daß die Fürsten der Gläubigen, der Genußsucht ergeben, ihre Macht in die Hände der Inden gelegt und sie zu HaHib's, Wesiren und Geheimschreibern gemacht Habens. Das Beispiel der mohammedanischen Höfe wirkte sogar auf die christlichen Staaten. Auch sie begannen ausgezeichnete Inden in den Staatsdienst zu nehmen und zogen von deren Gewandtheit, Brauchbarkeit und Treue ft Ein anonymer Autor bei Leripbornin ^.rabrwa loci II. p. 16. Talmudstudium. 59 einen nicht geringen Gewinn für das Wachsthum ibrer Macht. Daher blieb die Stellung der spanischen Juden Anfangs von den Fortschritten der christlichen Waffen und der allmäligen Auflösung der mohammedanischen Fürstenthümer vollständig unangetastet. Sie fühlten sich unter der Herrschaft des Kreuzes ebenso heimisch in Spanien, wie unter dem Halbmonde und konnten ihrem Drange nach Forschung ungehemmt folgen. Der Wetteifer auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Poesie, weit entfernt zu erkalten, nahm womöglich noch immer mehr zu, und die Zahl derer, welche ihren Geist damit erfüllten, mehrte sich von Jahr zu Jahr. Doch tritt in dem Zeitalter nach Jbn-Nagrela und Jbn-G'ebirol die Erscheinung auf, daß Poesie, Sprachforschung, Schrifterklärnng und Philosophie, obwohl auch sie eifrige Pflege fanden, mehr gegen das Talmudstudium zurücktraten; dieses wurde eifriger als die übrigen Fächer betrieben und bildete gewissermaßen den Mittelpunkt. Der Talmud selbst wurde nicht mehr in hergebrachter Weise, sondern selbstständig kritisch erforscht und erklärt Die Talmudisten und Rabbinen fingen an von der traditionellen Erklärungsweise, wie sie durch die Gaonen vermittelt worden ist, abzuweichen und sich durch Vergleichung und scharfsinnige Anwendung einen eigenen Weg zu bahnen. Die Dialektik, welche im Talmud liegt, wurde wieder emporgeschnellt und zu gleicher Zeit in Spanien, Afrika und Frankreich wieder angebaut. Gediegene poetische Erzeugnisse dagegen hat dieser Zeitabschnitt nur wenig gefördert. Grammatische und exegetische Forschungen, von Mose Jbn-G'ikatilla und Jbn-Balam vertreten, haben nur Unbedeutendes zu den bereits gewonnenen Resultaten hinzugefügt; auf philosophischem Gebiete wurde gar nichts erzeugt. Aber das Talmndstndium, von genialen Männern vertreten, nahm einen solchen Aufschwung, daß die Leistungen der gaonäischen Vorgänger allmälig ganz in den Schatten gestellt wurden. Diese Männer, von denen fünf den Namen Isaak führen und der sechste Jizchaki hieß, sind als die Hauptträger des zweiten rabbinischen Zeitalters anzusehen. Isaak Jbn-Albalia, auch durch eine politische Stellung ausgezeichnet; Isaak Jbn-Giat und Isaak b. Renben, beide zugleich Talmudisten und liturgische Dichter; Isaak Jbn-Sakni, minder bedeutend als die eben genannten; Isaak AlfLßi und Salomo Jizchaki, beide Schöpfer einer selbstständigen, über die gaonäische Methode hinansgehenden Lehrweise. An die Biographie dieser Männer ist die Geschichte dieser Epoche geknüpft. Isaak b. Baruch Albalia führte seinen beurkundeten Ursprung auf einen edlen jerusalemischen Exulanten, Baruch, zurück, den Titus einem Proconsul nach Merida zngeschickt haben soll, um für ihn die 60 Geschichte der Juden. Seidenfabrikation, die in seiner Familie heimisch war, in Spanien zu betreiben (B. V. 2 , S. 56). Später waren die Albalia nach Cordova ausgewandert und gehörten zu den vornehmsten Familien der anda- lnsischen Hauptstadt. Der junge Isaak (geb. l035, gest. 1094) verrieth frühzeitig viele Begabung und brennenden Wissensdurst. Seine Neigungen waren zwischen Astronomie, Mathematik, Philosophie und Talmud getheilt. Sein Lehrer für's Talmndische war ein gelehrter Franzose Perigors. Samuel Jbn-Nagrela ermunterte ihn zum Studium durch Geschenke und Schriften, und sein Sohn Joseph bereitete ihm mit seinem Reichthum ein unabhängiges Dasein. Abwechselnd lebte Isaak Jbn-Albalia in Cordova und bei seinem edlen Gönner in Granada Z. Obwohl er auch mit Poesie tändelte, und ein Geschmacksrichter (Charisi) von seinen Versen sagt: „sie dringen in's Herz" ^), so war sein Geist doch mehr dem ernsten Studium zugewendet. Kaum dreißig Jahre alt, hatte Isaak Jbn-Albalia Hand an einen Commentar gelegt, um die schwierigsten Stellen im Talmud zu erläutern, den er „buntes Allerlei" ^) nannte, aber wegen des bedeutenden Umfanges nicht vollendete. Zn gleicher Zeit arbeitete er an einem astronomischen Werke über die Prinzipien der jüdischen Kalenderberechnung, unter dem Titel Jbbnr, das er seinem Gönner Joseph Jbn-Nagrela widmete (um 1065^). Isaak Albalia polemisirte in diesem Werke gegen seine Vorgänger ans diesem Gebiete, gegen Saadia, von dem er jedoch mit großer Verehrung spricht, und gegen Hassan b. Mar Hassan, der ebenfalls über dieses Thema geschrieben"). Dem Gemetzel an dem blutigen Tage von Granada (1066) entging Isaak Jbn-Albalia, der sich zur Zeit bei seinem Freunde Joseph befand, glücklich und nahm dann seinen bleibenden Wohnsitz in Cordova. Hier lernte ihn der für Wissenschaft und Poesie glühende edle abbadidische Prinz Abnlkassim Mohammed kennen und schätzen. Als dieser den Thron von Sevilla unter dem Namen al-Mutamed bestieg (Mai 1069), berief er ihn an seinen Hof nach Sevilla und erhob ihn zu seinem Sternkundigen, doch weniger um den Lauf der Sterne zu berechnen, als vielmehr um ans der Stellung der Gestirne die Zukunft zu deuten. Der König von Sevilla, obwohl r) Abraham Jbn-Daud. ^ g?g,stiksinorck Pforte 3. Lupab bs,-Roollslim. Abraham b. Chija Lstsr ba-Ibbur sä bälixorvslri p. 55 und Abraham Jbn-Daud. ö) Das z>. 54, 55, 60, 94 ^ vergl B. V- 2 , S. 356. Isaak Albalia und Isaak Jbn-Giat. 61 hochgebildet und kühn, war dem astrologischen Wahn der Zeit ergeben^). Er ernannte wohl auch Isaak Albalia zum Fürsten über sämmtliche Gemeinden seines Reiches, das durch glückliche Eroberungen das mächtigste des mohammedanischen Spaniens war und sich nördlich bis Cordova und östlich bis Murcia erstreckte. Isaak führte daher gleich Jbn-Chasdal, Jbn-G'an und Jbn-Nagrela den Titel Fürst (Mssi^). Zugleich war er Rabbiner über die Gemeinden des sevillanischen Reiches, und auch auswärts wurde er als solcher anerkannt. Da sich al-Mutamed sehr freigebig gegen seinen Astronomen zeigte, so war Isaak im Stande, eine große Büchersammlung anzulegen. Er brachte nämlich den größten Theil der zerstreuten Bibliothek seines unglücklichen Gönners Joseph Jbn-Nagrela durch Kauf an sich. Wie sein Herr al-Mutamed der angesehenste Fürst in Spanien war, so auch Isaak der angesehenste und gelehrteste Mann unter den spanischen Juden. Das schöne Sevilla wurde durch ihn Mittelort des jüdischen Spanien, wie früher Cordova und Granada. Al-Mntamed, der letzte edle Herrscher aus dem Stamm der Araber in Spanien, hatte auch einen andern jüdischen Beamten an seinem Hofe, Jbn- Mischa'l, den er zu diplomatischen Sendungen brauchte^). Von seinem Zeitgenossen Isaak b. Jehuda Jbn-Giat, auch b. Moschia' genannt (geb. um 1030, st. 1089), sind nur wenige biographische Züge bekannt. Er stammte aus einer angesehenen und reichen Familie, die ihren Wohnsitz in Lucena (unweit Cordova) hatte. Beide Jbn-Nagrela gaben auch ihm in seiner Jugend viele Beweise ihrer Hochachtung, und er war ihnen mit ganzem Herzen zugethan. Nach dem tragischen Ende des Joseph Jbn-Nagrela gab sich Jbn-Giat viele Mühe, dessen Sohn Abunaßar Asaria zum Rabbinen von Lucena zu befördern. Aber der Tod raffte den letzten Sprößling dieses edlen Hauses hin. Wahrscheinlich wurde auf Jbn- Giat's Verwenden Joseph Jbn-Nagrela's Frau, die gelehrte Tochter des Kairnaners R. Nissim, von der Lucener Gemeinde bis an ihr Lebensende ehrenvoll unterhalten^). Wegen seiner Gelehrsamkeit und Tugend wählte diese Gemeinde Isaak Jbn-Giat zu ihrem religiösen Oberhaupte. Liturgische Poesie, Philosophie und Talmud, das waren die drei Gebiete, die er anbaute. h Oonäs, lristorls äs 1s äorränsoion äs los ^.rsbss sn l2sxs.no. II. 20. 2) So wird er genannt bei Abraham Zbn-Daud, in dem Rssxonsu.ro in ilsmiin Os'im Nr. 224 und von Serachja Halevi in li-Isor zu Lsdbst H. ds^snZos, lristor^ ot blrs ä^nsstäss, ^.pxsnäios II. x XXXII Abraham Jbn-Daud. 62 Geschichte der Juden. Jbn-Giat's Poesie hat indeß nicht viel Originelles*). Jener geschmeidige Fluß der Sprache wie des Reimes, jene Anmnth und Zierlichkeit, jene hinreißende Wärme und Pracht der Bilder, jene saubere, künstlerische Ausarbeitung des Einzelnen, der poetische Schmelz und Duft, wie sie den Gedichten Jbn-G'ebirols eigen sind, blieben Jbn-Giat durchaus fremd. Oft dunkel und schwerfällig, hart und rauh in seinen Ausdrücken, räthselhaft in seinen Bezeichnungen, wortkarg bei gedrungener Gedankenfülle, könnte Isaak Jbn-Giat füglich der Kalir der spanischen Schule genannt werden. Er schwängerte oft seine Hymnen mit naturgeschichtlichen und philosophischen Stoffen, die ihnen einen gelehrten Anstrich gaben. Ansprechend sind jedoch seine Büßlieder. In zierlicher Form und reiner Sprache bilden sie in ihrer gedrungenen Kürze gleichsam Ruhepnnkte für die betrachtende Seele. Es sind Gebete um Vergebung der Sünden, Mahnungen zu bußfertiger Reue, Rückkehr zu Gott, fromme Wünsche für die Erhaltung des gebeugten Volkes und seines Heiligthums. Seine zahlreichen liturgischen Dichtungen sind in einigen Gemeinden Bestandtheile des Gottesdienstes geworden und haben ältere Stücke verdrängt ^). Seine philosophische Kenntniß verwendete Isaak Jbn-Giat, um das räthselhafte Buch mit philosophischem Charakter, das Buch Kohelet, zu erklären. Die Arbeit ist von Späteren sehr gerühmt worden, hat sich aber nicht erhalten. Am fruchtbarsten war seine Thätigkeit auf talmudischem Gebiete. Er stellte eine Art Compendium für die rituelle Praxis über Fest- und Fasttage zusammen, das die religiös-gesetzlichen Bestimmungen übersichtlich aus Talmud und den gaonäischen Entscheidungen auseinandersetzt ^.) Isaak b. Reuben Albergeloni (geb. 1043) war in der Jugend von Barcelona nach der befestigten Meeresstadt Denia ausgewandert, wo eine bedeutende, durch Reichthnm und Edelsinn ausgezeichnete Gemeinde war. Ein angesehener Mann daselbst, Jbn- Alchatosch, gab ihm seine Tochter zur Frau, und er wurde dann zum Rabbinen und Richter ernannt. Die Commentirung des Talmud schien auch diesem dritten Isaak eine würdige und ernste Aufgabe*). Er hatte auch Sinn für systematische Darstellung. Im füufund- dreißigsten Lebensjahre übertrug er R. Hal's Abhandlung über talmudisches Handelsrecht ans dem Arabischen in's Hebräische und *> Sachs, religiöse Poesie der Juden in Spanien S. 261. 2) Vergl. Landshuth Zurücks ^.boäa I. III ff. Seine sind jüngst edirt von Rab. Bamberger, Fürth 1862, und auch llmos besonders von Zomber, Berlin 1864. *) Abraham Jbn^Daud. Isaak AlfLßi. 63 bemerkte dabei bescheiden, daß die etwaigen Fehler ihm, dem Ueber- seher, und nicht dem Verfasser zur Last gelegt werden mögen (1078). In hohem Alter verfaßte er ein selbstständiges systematisches Werk über das talmudische CivilrechtZ. Auch ihn begeisterte die Muse in ernster Art. Er dichtete neue Asharot, in kerniger aber ungelenker Sprache und zierte seine Verse mit Bibclverseu in überraschend witziger Anwendung. Isaak Albergeloni ist der erste, welcher den hebräischen Musivstyl durch Verweben von Bibelversen in witzig geistreicher Umdeutung angebaut hat^). — Als er nach Deuia gekommen war, wanderte der vierte Isaak (b. Mose) Jbn-Sakuai von dort aus, wahrscheinlich wegen erfahrener Zurücksetzung. Er nahm seinen Weg nach Osten und wurde in Pumbadita zum Gesetzeslehrer mit dem Titel Gaon ernannt. So sehr hatten sich die Zeiten geändert. Während das Abendland früher auf die Worte der Gaoneu im Morgenlande lauschte, konnte es jetzt, kaum ein halbes Jahrhundert nach dem Tode des Gaon Hai, Lehrer dem Lande zusenden, wo die Wiege des Talmud stand, und ein Manu, der in Spanien keine Anerkennung fand, war für das einst stolze Pumbadita noch immer eine Autorität 3). Sämmtliche vier Isaake übertraf an Talmudkenntniß und scharfsinniger Auffassung desselben der fünfte: Isaak b. Jacob AlfLßi oder Alkalai. Geboren in Kala-Jbn-Hammad, in der Nähe von Fez (1013), hörte er die letzten afrikanischen Autoritäten, R. Nissim und Chananel, und wurde nach deren Tod (um 1050) Träger des Talmud in Westafrika. Gleichgültig gegen die wissenschaftlichen Fächer, welche die begabten Juden Spaniens und Afrikas aus innerem Drang und wohl auch aus äußerem Vortheil pflegten, wendete AlfLßi seinen durchdringenden Geist der Liefern Erforschung des Talmud zu. AlfLßi war eine tief-ernste, selbstständige Natur, die sich nicht in dem gebahnten Pfade des Hergebrachten hielt, sondern neue Wege anbahnte. Da im Talmud öfter über ein und denselben Gegenstand widersprechende Entscheidungen Vorkommen, so war man bis dahin gewöhnt, sich in der Praxis von den Gaonen leiten zu lassen und ihre Erklärungen und Entscheidungen als Norm anzunehmen. AlfLßi dagegen ging von den Commentarien zum Texte vor und suchte mit seinem Scharfsinn das Sichere, Kernhafte und Ernstgemeinte im Talmud von dem Zweifelhaften, nur obenhin Aufgestellten und dem Nothbehilflichen Lallaurs Lollsbuot 2) Proben seiner Dichtungen bei Geiger: jüdische Dichtungen der spanischen Schule S. 4, und O^ar Usakurrucl II. 188 f. ") Abraham Jbn-Daud. 64 Geschichte der Juden. zu unterscheiden. Die Aussprüche der gaonäischen Autoritäten waren nicht maßgebend für ihn. In diesem Sinne verfaßte er ein Werk, das, obwohl in seiner Zeit angefochten, Norm für die Gesammtjudenheit geworden ist. Seine Halachot heben nur das für die Praxis Geltende ans dem Talmud heraus, aber erheben es auch über allen Zweifel hinweg zur vollen Gewißheit. Das AlfLßi'sche Werk brachte alle ähnlichen Arbeiten früherer Zeit, die im Laufe von drei Jahrhunderten seit Jehudal Gaon entstanden waren, allmälig in Vergessenheit. Alfüßi's Name klang wegen seines Werkes über die Meerenge nach Spanien hinüber, und er hatte diesseits noch mehr Verehrer als in der Heimath. Eine AlfLßi ebenbürtige talmudische Größe war der Franzose Salomo Jizchaki, ebenso scharfsinnig und selbstständig, nur weniger kühn und rücksichtslos, aber vielseitiger. Salomo Jizchaki, unter dem Namen Raschi bekannt, wurde in Trohes (Champagne) in dem Jahre geboren, in welchem der letzte Gaon das Märtyrerthum erlitt, als sollte damit angedeutet werden, die durch Raschi vertretene neue Richtung werde den Untergang der alten Institution vollkommen ersetzen. Seine Mutter war die Schwester des wegen seiner Verdienste um die Mainzer Gemeinde und seiner liturgischen Poesie hochgeachteten Simon b. Isaak (V.^ S. 366), und sein Vater war ebenfalls ein Talmudkundiger. So war Raschi gewissermaßen an der Brust des Talmud genährt worden, und er lebte und webte ganz darin. Sicherlich wurde er nach talmndischer Vorschrift im achtzehnten Jahre verheirathet, ehe er noch seine vollständige Geistesreife erlangt hatte. Um sich im Talmudstudium zu vervollkommnen, besuchte er die von R. Gerschom begründete, von Jakob b. Jakar fortgeführte Tal- mndschule von Mainz, war aber auch Zuhörer des Isaak Halevi und des Isaak b. Jehuda in Worms und des R. Eliakim in Speier^). Gleich R. Akiba verließ er Haus und Weib, um der Lehre in der Z Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Alfsßi seine Halavliot noch in Afrika verfaßt. Das geht aus dein Zeugnisse R. Serachja's hervor, daß der Verfasser im Alter von seiner srühern Ansicht zurückgekommen ist (Naor zu Ussaotiiua II. und, llboäa 8urs. V.), auch daraus, daß Isaak Albalia weniae Jahre nach Alfllßi's Uebersisdlung gegen die Halavlrob polemisirt hat. (Rsiuiiu Oslm. Uo. 224., 2) Vergl. darüber Raschi Uarckss p. 49 a, l>; 34 s. oben und Levpsohn Epitaphien der Wormser Gemeinde. S. 101. lieber Raschi schrieb ausführlich Zunz in seiner Zeitschrift und in „zur Geschichte und Literatur", ferner Simson Bloch, Leben Raschi's. Doch ist für das eigentlich Biographische darin nur wenig gegeben. Ich belege daher die neu gefundenen Momente, das klebrige findet sich in den genannten Schriften. Raschi. 65 Fremde zu obliegen. Er erzählt von sich selbst, in welchen dürftigen Verhältnissen er das Studium betrieb, „in Mangel an Brod, entblößt von Kleidern, und das Joch der Ehe tragend" Z. Hin und wieder, wahrscheinlich zu den Feiertagen, besuchte er seine Gattin, kehrte aber immer wieder nach den deutschen, oder wie es damals bieß, lothringischen Lehrstätten zurück. Im Alter von 25 Jahren (1064) ließ er sich bleibend in Trohes nieder. In seiner Bescheidenheit ahnte er nicht, daß man ihn schon damals als einen Meister im Talmud verehrte^). Nathan b. Machir, aus einer edlen Familie Machiri, richtete Anfragen an ihn über Punkte, die nur halb zum talmudischen Bereich gehören, und Raschi beantwortete sie gewandt und tief eingehend mit rührender Bescheidenheit, wie sie nur ihm eigen warst. Einem alten Rabbinen R. Dorbal, der eine civilrechtliche Anfrage an ihn gerichtet hatte, entgegnete er, wie er, der Greis, denn darauf komme, von ihm, dem Jüngling, Auskunft zu verlangen; es müßte denn sein, daß er aus Liebe zu ihm ihn nur prüfen wolle, um sich der Antwort eines Jugendlichen zu erfreuen st. In Raschi's ersten gutachtlichen Antworten aus seiner Jugendzeit gewahrt man nicht den tastenden Neuling, sondern den gewandten, den Stoff beherrschenden Meister. Auch spendeten ihm seine Lehrer die schmeichelhaftesten Lobeserhebungen in ihren Briefen an ihn. Isaak Halevi aus Worms schrieb an Raschi: „Durch Dich ist das Zeitalter nicht verwaist, und solcher, die Dir gleichen, möge es viele in Israel geben." Er versicherte ihm, daß er sich bei jedem Reisenden von dort nach dessen Befinden erkundige und sich seines Wohlergehens freue 5). Isaak b. Jehuda redet Raschi in dem Eingang eines Briefes an ihn an: „Dem im Himmel Geliebten und auf Erden Wohlgelittenen, der da beherrscht die Königsschütze (Talmud), um tief in das Verborgenste einzudringen""). Sicherlich hat ihn die Gemeinde zu Trohes und der Umgegend zu ihrem Rabbinen gewählt, obwohl kein Zeugniß darüber vorliegt. Aber Gehalt bezog er keineswegs von diesem Amte. In der Zeit, in welcher ein ruhiger Schriftsteller von den Kirchenfürsten aus der Zeit des Papstes Hildebrand (Gregor Vll.) schreiben konnte: „Keiner konnte im Reiche Bischof oder Abt werden, der nicht viel Geld best Raschi Ussponsu üi Obstes Uslrnornra, von Goldberg Nr. 1. S. 2 oben, st Das. Uuräss 34 u. st Nssx. das. kommt auch inhaltlich in Uuräss 23 b vor. st Das. Nr. 12. Das Rssxonsuua kommt auch in Uuräss 23 und 'Naräoebaä zu Obobn VII. Ans. vor. Der Herausgeber von Raschi's Lssxonss, hätte durch Vergleichung den verunstalteten Text seines Codex berichtigen können. st Das. Nr. 13. st Das. 14. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 5 66 Geschichte der Juden. saß und an Lastern Theil nahm; unter den Priestern wurde derjenige am meisten gelobt, der die prächtigste Kleidung, die üppigste Tafel, die schönsten Concubinen hatte" ^), in dieser Zeit und auch noch lange nachher galt es in jüdischen Kreisen für Schmach und Sünde, wenn die Rabbinen sich ihr Amt bezahlen ließen. Das Rabbinat war in den Ländern der Christenheit und des Islam ein Ehrenamt, das nur dem Würdigsten übertragen wurde, und der Rabbine mußte nicht nur in Wissen, sondern auch in Tugend der Gemeinde voranleuchten. Nüchternheit, Genügsamkeit, Gleichgültigkeit gegen den Mammon war dasjenige, was sich bei einem Rabbinen von selbst verstand. — Dem Muster eines Rabbinen entsprach Raschi am vollkommensten, und die jüdische Nachwelt sah in ihm ein fleckenloses Ideal. Auch seine Mitwelt verehrte ihn als die höchste Autorität. Aus allen Theilen Deutschlands und Frankreichs ergingen gutachtliche Anfragen an ihn, und seine Antworten zeugten ebenso sehr von tiefer Sachkcnntniß als von liebenswürdiger Milde des Charakters. Nach dem Tode der lothringischen Talmudlehrer (um 1070) strömten die Jünger aus Deutschland und Frankreich zu Raschi's Lehrhans nach Trohes; man betrachtete ihn als deren würdigen Nachfolger. Er trug ihnen Bibel und Talmud vor. Raschi hatte sich in den Talmud so eingelesen, daß ihm nichts dunkel darin blieb. In der Erklärung desselben übertraf er sämmtliche Vorgänger, so daß man mit Recht von ihm sagte, ohne ihn wäre der babylonische Talmud vernachlässigt worden, wie der jerusalemische^). Seine Erklärungen, die er unter dem Namen Commentar (konteros) über einen großen Theil der Talmndtraktate niederschrieb, sind ein Muster für Scholien, einfach, wortkarg und doch deutlich und lichtvoll. In dem verständlichen talmudischen Idiome geschrieben, setzte er kein Wort zu viel und keins zu wenig. Die Wort- und Sacherklärung ist für den Anfänger, wie für den tiefeingehenden Fachmann berechnet. Raschi verstand die Kunst, den Text durchsichtig zu machen, sich in die Seele des Lesers zu versetzen und durch einen geschickt angebrachten Ansdruck oder eine Wendung dem Mißverständlich vorzubeugen, Einwürfen zu begegnen, Fragen abzuschneiden. Größtentheils gab Raschi die Erklärungen seiner Vorgänger in deutlicherer Fassung wieder; nur da, wo sie ihm unangemessen erscheinen und dem Text Gewalt anthnn, stellte er seine eigenen Ansichten auf, die voller Verstandesschärfe und doch in überraschender Faßlichkeit dargestellt sind. Raschi ist als -) Schlosser, Weltgeschichte VI. 225. 2) Nsuabsra b 2srs,ob Einleit, zu 2säa 1a - Osi-soll. Commeiitator ein Künstler zu nennen. Auch verdrängte er bald die Commentarien des R. Gerschvm und seiner Lehrer. Raschi verfaßte auch Erklärungen zu den meisten Büchern der heiligen Schrift, und darin war er nicht weniger selbstständig. Sein richtiger Takt und sein Wahrheitssinn leiteten ihn ans den richtigen Wortsinn und den passenden Zusammenhang. Nur ließ er sich dabei öfter von der agadischen Auslegungsweise führen, in der Voraussetzung, daß die im Talmud und in den Agadawerken vorkommende Verserlänterung ernst gemeint sei. Doch hatte er ein, wenn auch nicht ganz klares Bewußtsein, daß der einfache Schriftsinn (I'ssolratz) zur agadischen Erklärungsweise (Dsrasolia) im Widerspruch stehe. In seinem Alter wurde dieses Bewußtsein beller in ihm, und er äußerte gegen seinen gelehrten Enkel und Jünger, daß er seine Bibel- commentarien im Sinne einer nüchternen, wortgemäßen Schriit- erklärung umarbeiten würdest. Raschi stand damals viel höher als seine zeitgenössischen christlichen Bibelausleger, welche durchweg alles Ernstes glaubten, die heilige Schrift enthalte einen vierfachen Sinn. Symbolisirend nahmen sie an, die vierfache Auslegungsweise bedeute „die vier Füße am Tische des Herrn", oder „die vier Ströme, welche vom Paradies ausgehen". Der Buchstabe gebe die Thatsache an, die Allegorie lehre den Glauben (wie Alles und Jedes auf Jesus, seine Leidensgeschichte und auf die Kirche Hinweise), der moralische Schriftsinn wolle das Thun regeln, und endlich die Mystik (^.naZoZs) weise auf die Ordnung der jenseitigen Geisterwelt hin st. Raschi dagegen wußte noch nichts von einer mystischen Auslegungsweise, machte sich auch hin und wieder von der agadischen Erklärnngs- weise frei und traf auch in den meisten Fällen das richtige Verständniß. Er erhielt von seiner Bedeutsamkeit als Schrifterklärer den witzigen Ehrennamen Parschandatast (Gesetzerläuterer). Raschi's Gewandtheit im Erklären erscheint um so überraschender, als ihm die bedeutenden Leistungen der spanischen Schule unbekannt waren. Er kannte nur die Anfänge der hebräischen Grammatik von Menahem b. Sarnk und Dunasch, denen er sich als Führer anvertraute, Chajng st Breithaupt hat einen Theil von Raschi's Commentar übersetzt. Gotha 1710. 2) Samuel b Me'ir (Nasolrburn) in seinem Pentateuch-Commentar zu Genesis, Kap. 37. st Bergt, über den Stand der christlichen Exegese zu Raschi's Zeit: Schröck, christliche Kirchengeschichte Th. 28. S. 324 ff. st Mose Danon theilt einen witzigen Vers darüber mit: 7,0212 'uars bo xoiiS 121 u7ii:L'i->2 pm .i.ier'lch (bei Asular Lolrsin lrs, - Osäoliiir sä. lZsir äaood I 185). tZsir-l?orata soll einen Exegeten R. Joseph, Raschi's Urenkel bedeuten, eher noch Joseph Bechor-Schor. 68 Geschichte der Juden. und Jbn-G'anach's Werke dagegen, weil sie in arabischer Sprache verfaßt waren, blieben ihm fremd. Daher sind seine grammatischen Bezeichnungen unbeholfen und öfter dunkel. Dennoch ist kein Kommentar zur heiligen Schrift so populär geworden, wie Raschi's, so daß es eine Zeit gab, in der Viele ihn mit dem Texte wie ein Zwillingspaar eng verbunden hielten, jedes seiner Worte wurde weitläufig erklärt und beleuchtet. — Raschi war auch liturgischer Dichter, wie es denn damals Mode war, hebräische Verse zu machen. Poetischen Werth haben aber seine Verse nicht. Die französisch-deutsche Schule war groß in der Gedankenentwickelung, entbehrte aber den Schönheitssinn. Diese Schule, welche von R. Gerschom aus Mainz begründet wurde, hob Raschi zu hoher Bedeutung. Sein Geist ging auf seine Schwiegersöhne und Enkel über, welche seinen vorzüglichen Jüngerkreis bildeten. Er hatte nämlich keine Söhne, nur drei Töchter, von denen eine im Talmud so gelehrt war, daß sie während der Krankheit ihres Vaters die eingelanfenen talmudischen Anfragen vorlas und die ihr dictirte Antwort zu Papier brachte^). Sämmtliche drei Töchter wurden an gelehrte Männer verheirathet und brachten gelehrte Söhne zur Welt. Der eine Schwiegersohn Raschi's R. Melr aus Ramarü (unweit Trohes) war der Vater dreier ausgezeichneten Söhne; der zweite hieß R. Jehuda b. Nathan, und der Name des dritten ist unbekannt. Durch Raschi und seine Schule wurde das nördliche Frankreich, die Champagne, die Heimath des Talmud wie früher Babylonien. Es wurde darin tonangebend in Europa. Die französischen Talmudkundigen wurden selbst in Spanien gesucht und reichlich für ihren Unterricht belohnt"). Die Führerschaft, welche das jüdische Spanien von Babylonien übernommen hatte, mußte es seit Raschi's Zeit mit Frankreich theilen. Während jenes das klassische Land für die hebräische Poesie, Sprachkunde, Exegese und Philosophie blieb, mußte es diesem die Palme der talmudischen Gelehrsamkeit überlassen. Zwei Männer in Spanien haben in dieser Zeit sich ausschließlich mit Grammatik und Bibelknnde beschäftigt, und wenn sie auch diese Fächer nicht besonders bereichert, so haben sie dieselben doch lebendig fortgepflanzt: Mose b. Samuel I b n-G'i ka t i lla ans Cordova und Jehuda Jbn-Balam aus Toledo (blühte um 1070 bis U Uarckss. p. 33 ck. 2) Alfaßl Rssxonsa dlo. 223. G'ikatilla.und Jbu-Balani. 69 1100') Der erstere, ein Jünger Jbn-G'anach's, folgte in der Erklärung der heiligen Schrift ganz der freien Richtung seines Meisters. Einige Psalmen versetzte Jbn-G'ikatilla in spätere Zeit^), während in jüdischen und christlichen Kreisen damals die Meinung vorherrschte, daß der ganze Psalter von dem königlichen Sänger gedichtet worden sei. Auf die massoretische Versabtheilnng gab er nicht mehr als Saadia und zog den Schluß eines Verses zum folgenden gegen die massoretische Ordnung^). Von seinen exegetischen Leistungen, die nicht unbedeutend waren, sind indeß nur kurze Bruchstücke erhalten. Auch seine grammatische Arbeit über den Geschlechtsgebrauch der hebräischen Hauptwörter^) ist nicht mehr vorhanden. Mose Jbn- G'ikatilla verließ Cordova und ließ sich in Saragossa nieder, wo er von einem jüdischen Gönner Namens Samuel mit Ehren behandelt wurde. Ans den Wunsch von dessen Sohn Isaak, dem Jbn-G'ikatilla viel Lob spendete, übersetzte er Chajug's grammatische Werke ins Hebräische, weil die nordspanischen Inden größtentheils des Arabischen unkundig waren 5). Sein Zeitgenosse und literarischer Gegner Jehuda Jbn- Balam, der in Sevilla lebte, verräth weniger Geist und Selbstständigkeit. Er behauptete die Autorität der Massora und schrieb zwei Werke über massoretische Regeln. Er hinterließ grammatische Schriften und auch einen Commentar zum Pentateuch. Obwohl Jbn- Balam sich mehr an das Hergebrachte ancklammerte, so konnte er sich st Das Zeitalter dieser beiden Exegeten ist im Allgemeinen bekannt. Sie waren Zeitgenossen und polsmisirten gegen einander. Jbn-Balam giebt selbst an, daß er Zeitgenosse von Isaak Jbn-Giat war (Derenburg in Geiger's Zeitschrift V. 408 Note) und daß er einen Jünger des Joseph Jbn-Nagrela gesprochen hat (Ollaiu? II. 61). Neuerdings giebt I. Derenburg das Jahr 1020 als wahrscheinliches Geburtsjahr Jbn-Balam's, jedenfalls aber als äußerste Grenze an. (Rsvus äss illuäss.juivss K VII. p. 176). st Jbn-Esra zu Ps. 42. st Derselbe 2aob.ob gegen Ende, st Note 1 II. st Man nimmt gewöhnlich an, daß M. Jbn-G'ikatilla nach Frankreich ausgewandert sei. Dem steht aber entgegen, daß Mose Jbn-Esra von ihm erzählt: er stammte aus Cordova und wohnte in Saragossa. In der Einleitung zu Chajug Werken sagt er, daß die meisten ranr das Arabische nicht verstehen. Also doch Einige! Ist das denkbar? Dozy hat aber nachgewiesen, daß die Araber Katalonien und Nordspanien überhaupt 2 H-l?ranA (Frankreich) nannten, weil es ehemals eine Provinz desselben war (Rsobsrsbss sur Nstsz^oirs st, 1a littsraturs äs l'üspaAns). In diesem „spanischen Frankreich" lebte nun sicherlich Jbn-G'ikatilla, und dessen Einwohner nennt er osir . Heber seine Schriften Ewald und Dukes Beiträge II, III. 70 Geschichte der Juden. doch dem Einflüsse der andalnsischen Richtung nicht entziehen und deutete gleich Jbu - G'ikatilla manches Wunderbare in der heiligen Schrift philosophisch in einen natürlichen Vorgang umZ. Beide Schriftforscher waren auch liturgische Dichter, aber ihre poetische» Leistungen wurden nicht zu den gelungenen gezählt. Die Vertreter der spanischen Juden ragten also durch Wissenschaft und Poesie hervor, in Frankreich nahm das Talmudstudium einen hohen Aufschwung. Die Inden der italienischen Halbinsel dagegen erscheinen noch immer auf einer sehr niedrigen Kulturstufe. Ihre Dichtungen, synagogale und außersynagogale — von Sab Katar b. Mose aus Rom (um 1150), von seinem Sohn Kalonymos und R. Jechiel aus Rom von der Familie Auaw (äsi Llansi) — sind alles poetischen Reizes bar und ihre Sprache ist hart und barbarisch. Ihre Talmudkenntniß erhielten sie von auswärts. Ein R. Mazliah Jbn-Al-Bazak^), Rabbiner in Sicilien, war Zuhörer des R. Hai Gaon in Pumbadita und kehrte erst nach dessen Tode zurück. Einer seiner Jünger, Nathan, Sohn des genannten R. Jechiel aus Rom, der auch Zuhörer des R. Mose Darschan in Narbonne so. S. 52) war, ist der einzige Italiener aus dieser Zeit, der einen Namen in der jüdischen Literatur hat. Er stellte nämlich neuerdings ein talmudisches Lexikon zusammen unter dem Titel Aruch (um 1001—2), vollständiger als die früheren Leistungen, aber mit geringer Selbstständigkeit, nur zusammengetrageu aus älteren Werken und namentlich aus den Schriften des R. Chanauel ans Kairuan^). Dieses Lexikon wurde der Schlüssel zum Talmud. Auch R. Kalonymos aus Rom wird als eine talmudische Autorität genannt. Raschi sprach von ihm mit großer Verehrung; die Wormser Gemeinde ernannte ihn zu ihrem Rabbinen (nach 1096). Allein Schriftliches hat er nicht hinterlassen und irgend einen Einfluß scheint er nicht geübt zu haben. — Von der politischen Lage der italienischen Juden in dieser Zeit schweigen die Geschichtsbücher, ein Beweis, daß sie nicht schlimm war. Das Papstthum war damals 1) Maimuni Mastabus äs rssnrrsabioirs sä. ^.rasb. 130 s, oben, lieber Jbn-Balam's Schriften Dukes das. II; Orient, Jahrg. 1816. Ltbl. Nr. 29. (Rain? II. S. 6t f. Eine kleine Schrift von ihm über die poetischen Accentzeichen, edirt von Mercier und neuerlich von G. Pollak Amsterdam 1859 und von Nutt 1870. 2) Vergl. die Belege oben S. 3 Anmerk. 1. R. Tam 8. Im-äusoliar Xc>. 225. lieber Nathan Romi vergl. Rapa- port's Biographie desselben in Liknrs bs.-Ibt1rn. Jahrg. XI. lieber seines Vaters Werke vergl. Geiger's Zeitschrift III. Die Juden in Spanien. 71 durch äußere und innere Kämpfe so sehr verwickelt, daß es die Inden in Ruhe ließ. Ereignisse von welthistorischer Bedeutung in Westeuropa, die ausgedehnten Eroberungen der Christen im mohammedanischen Spanien und der erste Kreuzzng gegen die Mohammedaner im Morgenlande führten tiefe Veränderungen für die Juden Westeuropas herbei, die größtentheils einen tragischen Verlauf nahmen und die friedliche Beschäftigung mit der Lehre unterbrachen. Bei den Vorgängen in Spanien spielten die Juden keine ganz unbedeutende Rolle, wenn auch ihr Eingreifen in die Ereignisse nicht im Vordergründe sichtbar ist. Sie haben gewissermaßen die Pulvermine mit anlcgen 'Helsen, welche ihre Urenkel in die Luft sprengen sollten. Der erste gewaltige Stoß, welcher die Zertrümmerung der islamitischen Herrschaft ans der pyrenäischen Halbinsel herbeiführte, ging von dem eben so staatsklugen wie tapferen castilischen König Alfonso VI. ans, der mehr auf die Degenspitze und diplomatische Kunst, als auf das Kreuz und Gebete vertraute. Das Ziel, welches er seiner Thätigkeit steckte, die mohammedanischen Königreiche und Fürstenthümer zu unterwerfen und die Bekenner des Islam aus dem Lande zu jagen, war aber nur dann erreichbar, wenn er die islamitischen Herrscher in ihrer Uneinigkeit und Eifersüchtelei erhalten und bestärken, sich der Einen gegen die Andern bedienen und sie auf diese Weise sämmtlich schwächen konnte. Dazu bedurfte er gewandter Diplomaten, und von seinen Uuterthanen waren die Juden am geeignetsten dazu. Seine Ritter waren zu plump und seine Bürger zu unwissend, um für Sendungen zarter Natur tauglich zu sein. An den mohammedanischen Höfen von Toledo, Sevilla, Granada herrschte nämlich ein feiner, gebildeter, geistreicher Ton, voller Anspielungen auf die glänzende Geschichte und Literatur der Araber. Wollte ein Gesandter an diesen Höfen etwas durchsetzen oder erfahren, so mußte er nicht nur die arabische Sprache mit allen feinen Wendungen verstehen, sondern auch mit dem beziehnngsreichen Hoftone vertraut und literatnrkundig sein. Dazu waren die Juden besonders brauchbar. Denn die Christen Spaniens konnten sich nicht recht in das arabische Element hineinleben. Alfonso verwandte daher Juden zu diplomatischen Sendungen an die Höfe der mohammedanischen Fürsten. Ein solcher jüdischer Diplomat am Hofe des Königs Alfonso war Amram b. Isaak Jbn-Schalbib st, ursprünglich Leibarzt desselben. Da Jbn-Schalbib die arabische Sprache gut verstand und Einsicht in die politischen st Vergl. Note 4. 72 Geschichte der Juden. Verhältnisse der damaligen Zeitlage hatte, so ernannte ihn der König von Castilien zn seinem Geheimsecretär und vertraute ihm wichtige Geschäfte an. Alfonso hatte auch einen anderen jüdischen Rathgeber Namens Cidellus, dem er trotz seiner Verschlossenheit und Unzugänglichkeit ein so vertrautes Verhältniß gestattete, daß derselbe freimüthig mit ihm sprechen durfte wie keiner der spanischen Edelleute und Granden des Reiches *). Alfonso, der von kirchlicher Bigotterie fern war und durch den Verkehr mit den mohammedanischen Fürsten sich einen freien Blick gewahrt hatte, zeichnete nicht blos einige Juden ans, sondern räumte sämmtlichen in seinen Staaten wohnenden Söhnen Jakob's Gleichstellung und Beförderung zu Ehrenämtern ein 2 ), Die bürgerliche Gleichheit zwischen Juden und Christen in vielen Theilen des christlichen Spanien hatte der König Alfonso allerdings vorgefunden. Obwohl das alte westgothische Gesetzbuch skorum luäionm) mit seinen judenfeindlichen Titeln und Paragraphen (B. V.y S. 138) noch zu Recht bestand, so hatte sich doch ein Gewohnheitsrecht aus- gebildet, welches jenem geradezu entgegenlief. Nach dem westgothischen Codex durften die Juden kaum im Lande geduldet, jedenfalls sollten sie als Verworfene behandelt, eigenen Bestimmungen unterworfen und zn keinem Zeugnisse zugelassen werden. Nach dem Gewohnheitsrechte (insros) dagegen hatten Christen, Inden und Mohammedaner derselben Stadt und desselben Landes ein und dasselbe Recht. Der Jude sollte gegen den Christen auf die Thora den Eid oblegen. Hatten Juden und Christen einen Prozeß mit einander, so sollten sie einen christlichen und einen jüdischen Schiedsmann (^Iksläs) zum Schiedsrichter wähle». Wollte Jemand sein Haus verkaufen, so sollten zwei Christen und ebenso viele Juden den Werth desselben abschätzen. Nach einem andern Gewohnheitsrechte (tusro äs XLjöra) wurden die Juden nicht höher, aber auch nicht geringer als Edelleute Roderich von Toledo äs rsbns Hispanias VI. 34: Hnsnäain änäusnin Oiäsllnin nornins s.ooivsrnnt (rnuAvatss st sornitss) gut satis srat larniliaris rs^i (Xäslonso) proxtsr inänstriarn st soisntiuin nrsäisinas. Bei einem Rath, den Cidellus dem König ertheilte, bemerkte dieser heftig: Hon tibi irnpnto, gnoä boo äiosrs xrasonrnxsisti, ssä rnibi, onjns lanai- liaritats in tantuin anäusiain xrornpisti. 2» In dem Dialog zwischen dem Apostaten Petrus Alfonsus und einem Juden Mose (um II »6) bemerkt der letztere: Viäss autsrn, c^uia. Osns nos (ckaäasos) st vivsrs xsrrnittit, st gnotiäis gnantnin nrnat, ostsnäit, onin nobis in oonspsotn inünioornin nostrorurn Avatiain xrasstat st opi- bns loonplstut, st bonoribns sxa-ltut. OialoAus II in inaxiins, bibliotbsos, xatrnin R. XXI x>. I8ö 12. Gleichstellung der Juden mit den Christen. 73 und Geistliche behandelt; ein und dieselbe Summe wurde als Blut- geld für einen Mord, begangen an einem Inden, Edelmanne oder Geschorenen (Tonsurirten) festgesetzt ^). Und so bis in's Einzelne der Lebensverhältnisse war die Gleichheit der Juden mit den Christen vor dem Gesetze dnrchgeführt. Da nun Alfonso diese städtischen Gewohnheitsrechte bestätigte, so wurde die bürgerliche Gleichstellung der Juden gesetzlich anerkannt, und die Schmach der westgothischen Gesetzgebung gegen die Inden war hiermit ausgelöscht. Inden wurden sogar unter Umständen zur Ehre des Zweikampfes zngelassen und machten Kriegsdienste mit 2). Das Mittelalter schien sich zu lichten, und die von Theodosins II. ansgegangene römisch-christliche Engherzigkeit — daß die Inden keiner Ehre theilhaftig werden sollten — schien schwinden zu wollen. Allein die auf Unduldsamkeit gebaute Kirche durfte die Ehrenstellung der Juden in einem christlichen Lande nicht gut heißen. Ihr damaliger Hauptvertreter, der Papst Hildebrand, der unter dem Namen Gregor VII. durch seine Legaten und Bannpfeile ganz Europa in Währung und Spaltung versetzte, legte Protest dagegen ein. Er, der Mächtigste der Mächtigen, vor dem Könige und Völker im Staube krochen, wollte auch die ohnmächtigen Juden demüthigeu und ihnen die Achtung und die Ehren rauben, die ihnen durch ihr Verdienst zu Theil wurden. Auch Kaiser Heinrich IV. hatte den Juden von Worms gleich den übrigen Bürgern dieser Stadt günstige Privilegien ertheilt. Als Fürsten und Geistliche, Städte und Dörfer, ihres Eides uneingedenk und vom Papste aufgestachelt, ihm die Treue brachen und ihn wie einen Vogelfreien behandelten, hatte die Stadt Worms, treu zu ihm gehalten. Juden hatten gleich den Christen die Waffen ergriffen, um ihren Kaiser zu schützen. Dafür gewährte er den ersteren Zollfreiheit in den kaiserlichen Städten Frankfurt a. M., Boppard, Hammerstein, Dortmund, Goslar und Nürnberg (13. Jan. 1074^). st Vsrgl. Helfferich, Entstehung und Geschichte des Westgothen-Reiches S. 23K, 339, 347; die Ilsabioi van Barcelona vom Jahre 1068. Das. S. 432. No. IIS. 456. Xo. 129; Vla-nsi oonoilia XIX. 340. Oaria Alfonso's bei 1?1ois2, Vspuva, saArslls. N. 35 a-ppsndix. st 6unobis rsAni prineipidns in nos, nsAlsots. rsli^ions, sasvisntidns, bi soll 'kVorrna.tisnsis oivitatis llubitatorss gns-si in naortsrn rnsntsa, eontra, ornninin volnntatsrn nodis aclllasssrö. 8int srZo ssrvitii rsrnnns- rations primi. Nllsloninin — gnocl tllsntonios. linAua. intorprstatuin sst llbll, gnoct in ornnibns loois rsZis-s potsstasti ucisiAns-tnr, viäsliost Vranbknrt sto. llncia.si st osbsri IVorinabisnsso solvsrs xras- tsrsnnts8 äsbiti srant, ^Vorins.bisn8ss ns ultsrins solvent Noll. Bei Ludewig rslignias Nss. cilplornntuin N. II. p. 176, älplornata III. Böhmer rsMsta Xo. 18S9. 74 Geschichte der Juden. Vielleicht rührt von diesem Umstande das Sprichwort her: „Wormser Juden, fromme Juden". Ueberhaupt war dieser schwache aber gutmüthige, deutsch - gemüthliche Kaiser freundlich gegen die Inden. Ein Jahr, nachdem Papst Gregor diesen Kaiser im Armensünderhemd wie einen Knaben behandelt hatte, war er auch darauf bedacht, die Juden zu demüthigen. Ans der Kirchenversammlung zu Rom (1078), wo er zum zweiten Male den Bannstrahl gegen die Feinde des Papst- thnms schleuderte, wurde von ihm ein kanonisches Gesetz erlassen, daß die Juden keinerlei Amt in der Christenheit bekleiden und keinerlei Ueberordnnng über Christen inne haben sollten. Dieser kanonische Beschluß war zunächst an das christliche Spanien gerichtet, wo wegen der eigenthümlichen Lage unter dem steten Kampfe mit den Arabern sich eine gewisse Unabhängigkeit vom römischen Stuhle behauptet hatte. Wie Gregor dem König Alfonso ausländische Bischöfe als gefügige Werkzeuge zur Vollstreckung seines Willens anfzwingen wollte, so trachtete er auch, den Einfluß der Inden an dem christlichen Hofe Castiliens zu hemmen. Er richtete daher ein geharnischtes Sendschreiben an Alfonso (um 1080), worin die Worte vorkamen: „Wie wir uns gedrungen fühlten, dir zu den Fortschritten deines Ruhmes Glück zu wünschen, so müssen wir auch an dir tadeln, was du Unrechtes thust. Wir ermahnen Deine Liebden, daß du nicht ferner zugeben mögest, daß Juden über Christen herrschen und über sie Gewalt ausüben. Denn Christen den Inden unterzuordnen und sie deren Urtheil zu unterwerfen, ist nichts Anderes, als die Kirche Gottes unterdrücken und die Synagoge des Satans erhöhen. Christi Feinden gefallen wollen, heißt Christus selber verachten" ^). Viel mehr zufrieden war der Papst mit Wilhelm dem Eroberer, König von England und Herzog der Normandie, welcher den Beschluß der Kirchenversammlung von Rouen bestätigte, daß die Inden nicht nur keine christlichen Leibeigenen, sondern auch keine christlichen Ammen halten dürfen^). Alfonso hatte aber andere Interessen wahrznnehmen, als die Unduldsamkeit der Kirche zu vertreten. Er kümmerte sich wenig um h Narrst oorrstlia XX. p. 508. Os Inckasts rrorr prasporrsrrtts Obrr- stiarris. Nur die Ueberschrift hat sich von diesem Kanon des sorrstlinm Uorrrarrrrm erhalten. 2) Oilsotioirsm Imam morrsmrrs, nt irr tsrra tna Inäasos Obristtants äomtrrart vsl snpra sos xotsstatsm sxsrosrs, nttsrlns rrullatsirus sinas. Hntck snirrr sst Inckasts Obrrtstiarros snpporrsrs as Iros tllornm fnckteto snbjaosrs, irrst soslsstam Ost opxrtmsrs st 8atnrras szmaAoMM sxaltars, st clnm trrtmiets Olrrtstt vslis plassrs, ipsrrm OIrrtstnm eorrtsmnsrs, bei Narrst sorisilia XX. x. 341; Oxistolas (irsMrii VII. l. IX. 2. Narrst das. XIV. 399. Alfonso VI. und die Juden. 75 den Beschluß der großen Kirchenversammlung von Rom und um das Handschreiben des Papstes und behielt seine jüdischen Räthe. Er ging gerade damals mit dem Plaue um, das Königreich Toledo zu erobern. Um ihn auszuführen, mußte er den Beherrscher desselben von den glaubens- und stammgenössischeu Nachbarfürsten trennen und sich deren Neutralität oder gar Mithilfe bei der Eroberung versichern. Dazu brauchte er aber seine jüdischen Diplomaten und konnte nicht daran denken, die Zumnthungen des Papstes zu befriedigen. Durch ein Bündniß mit dem edlen und tapfern König von Sevilla Al- Mutamed Jbn-Abbad, das sicherlich durch jüdische Agenten zu Stande gebracht worden war, eroberte Alfonso die alte und bedeutende Stadt Toledo (1085), das erste Bollwerk der spanischen Mohammedaner gegen die anstürmende Macht der Christen. Der Sieger von Toledo sicherte den Juden dieser Stadt und des dazu gehörigen Gebietes alle die Freiheiten zu, die sie unter den mohammedanischen Regenten genossen hatten. Der letzte unglückliche mohammedanische König von Toledo, Jachja Alkader, der nach Valencia auswandern mußte, hatte einen jüdischen Vertrauten in seiner Umgebung, der ihm über den Tod hinaus treu blieb ^), während ihn seine nächsten stammgenössischen Freunde verriethen. Alfonso begnügte sich nicht mit dem Besitze Toledo's, das wieder zur Hauptstadt des Landes erhoben wurde, sondern wollte die Uneinigkeit und Eifersüchtelei der mohammedanischen Fürsten benutzen, um weitere Eroberungen zu machen. Zunächst hatte er es aus das Gebiet des Königs von Sevilla, seines Bundesgenossen, abgesehen, dem auch Cordova zugefallen war. Er ließ mit einem Male die Maske der Freundschaft fallen und stellte Forderungen an Al-Mutammed, von denen er voraussetzen konnte, daß dieser edle Fürst ehrenhalber nicht darauf eingehen werde. Mit der gefahrvollen Sendung, dem König von Sevilla die Augen zu öffnen und ihm gegenüber fest und herausfordernd aufzutreten, betraute Alfonso seinen jüdischen Staatsdiener Isaak Jbn-Schalbib, der den Auftrag hatte, keine Rücksicht der Höflichkeit walten zu lassen. Fünfhundert christliche Ritter begleiteten den jüdischen Botschafter Alfonso's an den Hof von Sevilla, um seinem Auftreten Nachdruck zu geben. — Dieser Auftrag kostete Jbn-Schalbib das Leben. Er führte nämlich im Sinne seines Herrn eine so feste Sprache, und bestand so unbeugsam auf der ihm zugewiesenen Forderung, daß Al-Mntammed in einen so heftigen Zorn gerieth, daß er das Gesandtenrecht verletzte, Jbn-Schalbib tödten st Quelle bei Oo^, Rsollsrobss I. 5lt>. 76 Geschichte der Juden. und an einen Galgen nageln Z und seine Begleiter einkerkern ließ. Vielleicht hatte der schlaue Alfonso ans einen solchen Ausgang gerechnet, um Gelegenheit zu haben, mit Al-Mntammed anzubinden, lieber die Einzelnheiten der Gesandtschaft und die Todesart Jbn- Schalbib's weichen die arabischen Quellen ab; sie überbieten sich nämlich, sein Auftreten in ein gehässiges Licht zu stellen, weil sich an diese Thatsache der Untergang der Freiheit der Araber in dem andalusischen Spanien knüpfte Denn die Spannung, welche in Folge derselben zwischen Alfonso und dem König von Sevilla entstand, bewog den Letzteren, sich dem Rathe der übrigen mohammedanischen Fürsten anzuschließen, den Sieger von Nordafrika, den morabethischen (almoravidischen) Fürsten Jussuf Jbn-Teschnfin (Taschfin) zu Hilfe gegen Alfonso zu rufen. Al-Mntammed gab den Ausschlag für diesen unheilvollen Plan; der afrikanische Held erschien in Folge der Einladung und brachte den andalusischen Fürsten Knechtschaft und Untergang. Das Geschick der Juden im mohammedanischen Spanien wurde damals entschieden. Jussuf Jbn-Teschnfin führte ein zahlreiches Heer ans Afrika hinüber, das durch die Contingente der mohammedanisch-spanischen Truppen zu einer erstaunlichen Zahl anwuchs. Alfonso sammelte ebenfalls ein großes Heer, und in beiden Reihen kämpften Inden. 40,000 derselben gleich uniformirt mit gelben und schwarzen Turbanen sollen damals unter Waffen gestanden haben ^). Christenthum und Islam rüsteten sich auf spanischem Boden zu einem Kampfe auf Leben oder Tod, beide von großen Feldherren vertreten. Al-Mntammed betrieb die Rüstungen zum Kriege gegen seinen falschen Freund Alfonso mit unermüdlichem Eifer zu seinem eigenen Verderben. Als die beiden Heeressäulen kampfbegierig einander gegenüberstanden, ließ er durch seine Astrologen — darunter auch Isaak Jbn-Albalia — die Sterne um den Ansgang des Kampfes befragen. Anfangs lauteten die Zeichen ungünstig für die Waffen der Mohammedaner. Aber der Schlachttag wurde durch Alfonso mit einem Male verändert. Denn als die beiden Heere Freitag (23. October 1086) schlagfertig waren, Vergl. Note 4. 2) Bei Onnäs, lristoria äs lo. äominnoloir II. 0. 18, 17. Schreiben Alfonso's: sl sabdaäo äs los g'aäios ^ sn awlios nnssbros sssrsibos llnz- mnelros saäios. äi-ornsv, bistoirs ä'DsxnAns V. 477. — Man sprach bisher den Familiennamen des almoravidischen Eroberers, nach einem arabischen Geschichtsschreiber Jachja Jbn-Taschfin aus, Oorizr in der zweiten Ausgabe seiner rsollsrollss sar l'lüsxnAns giebt an, daß die richtige Aussprache Jbn- Teschusin lautet. Die Juden in Spanien. 77 machte Alfonso dem Feinde den Vorschlag, den Zusammenstoß ans den nächsten Montag aufzuschieben, damit weder am Freitag, als dem Ruhetag der Moslemin, noch am Sonnabend wegen der jüdischen Soldaten in beiden Heeren, noch am Sonntag gekämpft werden sollte. Als Jnssnf auf diesen Vorschlag einging, gedachte Alfonso das mohammedanische Heer am Freitag unvorbereitet zu überrumpeln, da er es auf eine Kriegslist abgesehen hatte; er fand es aber geordnet. Die Schlacht bei Zalaca begann, welche mit dem vollständigen Siege der Moslemin endete; Alfonso entkam mit nur wenigen Rittern. Aber der Sieg brachte nur den afrikanischen Almoraviden Vortheil. Die einheimischen Fürsten wurden von Jnssnf gedemüthigt. Das südliche Spanien wurde auf lange Zeit der Schauplatz blutiger Kämpfe. Die Juden litten viel durch die Kriegsdrangsale, welche die Almoraviden, Alfonso und der durch Romanzen verewigte abenteuernde Ritter Rodrigo Cid mit seinem zusammengelaufenen christlichen und mohammedanischen Gesindel über das schöne Land brachten. Aber als Bekenner des Judenthums litten sie nicht mehr als die übrigen Einwohner. Die Almoraviden waren keine Fanatiker, verfolgten nur Politische Zwecke, wenn auch der Krieg, den sie gegen die Christen führten, ein heiliger genannt wurde. Selbst die in Granada unter Badis verfolgten Inden (o. S. 48) erhielten von den erobernden Afrikanern ihre Besitztümer zurück'), deren sie zwanzig Jahre beraubt waren. Während dieser Unruhen mußte Isaak Alfnßi seinen Wohnort Kalah Jbn-Hammad verlassen und nach Spanien fliehen (1088). Er war dort im Gebiete Jussuf's von zwei nichtswürdigen Angebern eines wahrscheinlich politischen Vergehens angeklagt worden. AlfLßi begab sich darauf nach Cordova, in das Gebiet des Al-Mutammed, der damals mit Jbn-Teschufin gespannt war. Ein angesehener Mann in Cordova, Joseph Jbn-Schartamikasch nahm ihn gastfreundlich und schützend auf^). AlfLßi's Erscheinen auf spanischem Boden machte Aufsehen, er wurde als talmudische Autorität begrüßt, und von vielen Seiten ergingen an ihn Anfragen"). War es die Bevorzugung, diesem fremden, nicht officiellen Rabbinen eingeräumt, welche die zwei hervorragenden Persönlichkeiten Südspaniens, Isaak Albalia und Isaak Jbn-Giat, so sehr kränkte, daß sie sich feindlich gegen ihn verhielten? Oder war es die kühne Art, mit der AlfLßi ') Folgt aus AlfLßi rssxonsnm Nr. 131. 2) Abraham Jbn-Daud. ') AlfLßi's rssponss,, 322 an der Zahl (gedruckt zuerst Lioorno 1781) scheinen sehr gekürzt. Sie reflectiren meistens spanische Zustande. 78 Geschichte der Juden. den Talmud behandelte, die sie gegen ihn einnahm? Oder waren Zwischenträger geschäftig, sie in Spannung gegen einander zu setzen? Genng, sie waren offene Gegner AlfLßi's und zeigten ihre Gegnerschaft mündlich und schriftlich. AlfLßi wehrte sich gegen ihre Angriffe, und so entstand ein erbitterter Federkampf, der bis zum Tode Jbn- Giat's und Jbn-Albalia's dauerte. Der erstere starb in Cordova (1089), wohin ihn seine Diener zur Stärkung seiner Gesundheit gebracht hatten. Seine Hülle wurde nach seinem Wohnorte Lncena gebracht und dort bestattet Z. Isaak Jbn-Giat hinterließ einen zahlreichen Jüngerkreis, darunter die später berühmt gewordenen: sein eigener Sohn Jehuda, Mose Jbn-Esra und Joseph Jbn-Sahal. Nach dem Tode Jbn-Giat's begab sich AlfLßi nach Lncena von Granada aus. wohin er inzwischen übergesiedelt war^), und wurde wahrscheinlich an der Stelle seines Gegners zum Rabbinen dieser Gemeinde ernannt. Hier hatte er einen Kreis zahlreicher Jünger um sich, dem er lediglich den Talmud auslegte. Für andere Wissensfächer hatte er kein Interesse, nicht einmal für die von Jedermann gepflegte hebräische Dichtkunst. Seine Gegnerschaft mit Isaak Albalia dauerte fort. Der letztere büßte seine Stellung am Hofe von Sevilla mit dem Unglück seines Königs ein. Der edle, tapfere, dichterische Al-Mutammed verlor durch Jnssuf Jbn-Teschufin Thron und Freiheit, seine Hauptstadt wurde erobert, und er selbst nach Afrika geschleppt und eingekerkert (1091). Die Poesie war in der Nacht des Kerkers bis an seinen Tod seine Trösterin. Jbn-Albalia scheint nach dem Unglück seines Gönners Sevilla verlassen und sich in Granada niedergelassen zu haben, wo er auch seine Tage beschloß. Auf seinem Todtenbette zeigte er eine Seelengröße, die nur wahrhaft sittlichen Naturen eigen ist. Sein siebzehnjähriger Sohn Baruch weinte an seinem Bette über die Verlassenheit, der er nach dem Hinscheiden seines Vaters entgegengehen sollte. Da gab ihm der Sterbende einen eigenthümlichen Auftrag: Er möge gleich nach seinem Ableben sich zu seinem Gegner AlfLßi nach Lncena begeben und ihm die Worte überbringen, daß er an der Pforte des Grabes ihm Alles verziehen habe, was AlfLßi mündlich und schriftlich gegen ihn geäußert, und er erwarte, daß jener ihm auch verzeihen werde. Er hoffe, daß AlfLßi den Sohn seines Gegners mit offenen Armen aufnehmen werde. Isaak Albalia starb (1094). Sein Sohn Baruch that, wie ihm sein Vater befohlen. Und Isaak AlfLßi schloß unter Thränen U Abraham Jbn-Daud. 2) Saadia Jbn-Danan in Oirsraäa. Olsnass. x. 30. Karäer in Spanien. 79 den Sohn seines Gegners in seine Arme, sprach zn ihm die Trostes- worie: „Ich will dir fortan Bater sein" *), und hielt Wort. Man weiß nicht, wessen Seelengröße man mehr bewundern soll, dessen, der in den Edelmuth seines Feindes das höchste Vertrauen setzte, oder dessen, der diesem Vertrauen entgegenkam! Das jüdische Spanien, das alle Richtungen des Jndenthums in sich concentrirte und sie um viele Stufen höher brachte, sah in dieser Zeit auch eine karäische Bewegung. Karäer gab es seit langer Zeit in Spanien, aber sie waren so bedeutungslos, daß man nicht weiß, weder in welchen Städten sie Gemeinden bildeten, noch wer ihre Führer waren, noch in welcher Verfassung sie lebten. Erst gegen Ende des elften Jahrhunderts brachte ein Mann einige Bewegung in diese träge Masse. Dieser Mann war Jbn-Altaras, von dem man weiter nichts weiß, als daß er Jünger eines angesehenen karäischen Lehrers war. Seit dem Tode der karäischen Autoritäten Joseph Albaßir, Jephet b. Ali und Albnsari Sahal tauchte nämlich wieder aus der Zahl der Mittelmäßigkeiten ein hervorragender Karäer Namens Jcschua b. Jehuda Abulfarag (arabisirt Fortan Jbn- Assad^) auf. Da die Karäer für ihre eigene Geschichte wenig Sinn hatten und über ihre Autoritäten nur das Allerdürftigste überlieferten, so haben sie auch über diesen Abulfarag Jeschua nur mitgetheilt, daß er ein großer Lehrer war und als der „Alte" (>m-2aksn, ul 8ebaidi) beigenannt wurde. Man kennt weder seinen Geburtsort noch seinen Lebensgang und weiß von ihm nur so viel, daß er in Jerusalem eingewandert war und sich glücklich pries, Bewohner der heiligen Stadt zu sein. Hier verlegte er sich auf die Erforschung der Fächer, welche den Kreis der karäischen Gottesgelehrtheit umschlossen: Bibelerklärungen mit hebräischer Grammatik, Gesetzesknnde, Polemik gegen die Rabbaniten und Religionsphilosophie. Abulfarag berücksichtigte auch den Talmud und nahm manches daraus für das Karäerthnm auf. Zum Muster nahm er sich Joseph Albaßir (Roeh) H S. 275), dessen Fnßtapfen er so sehr folgte, daß ihn die Später» ans Unkunde zn dessen Jünger stempelten. Wie dieser, so faßte auch Abulfarag Jeschua das Jnden- thum philosophisch auf, aber nach dem altmodischen Standpunkte der mutazilitischen Scholastik; auch sprach er sich für die Verringerung st Abraham Jbn-Daud. 2) Bergt, über denselben Munk, dlobi.es sur ^boulvalick p, 4 ff und Pinsker IMubs Lackruouijob Text Nr 210 und Note Nr. X. Sein Zeitalter hat der Letztere richtig dargestellt aus dem Umstande, daß in einer seiner Schriften angegeben wird, seit der Tempelzerstörung sei 1020 Jahre und seit der Hegira 480 Jahre, gleich 1087 — 88. 80 Geschichte der Juden. der verbotenen Verwandtschaftsgrade aus, nur in einigen Punkten von Albaßir abweichend. In diesem Sinne war Abulfarag Jeschua ein fruchtbarer Schriftsteller und verfaßte viele Werke, von denen die berühmtesten sind: eine Erklärung zum Pentateuch (1088 verfaßt) und ein Werk über die Verwandtschaftsgrade. Obwohl seine exegetischen Leistungen auch nicht den geringsten Vergleich mit denen der Rabbaniten, namentlich Jbn-G'anach's und des Mose Jbn- G'ikatilla aushalten, so galt er doch darin nicht bloß als Autorität für seine Bekenntnißgenossen, sondern auch für die verkümmerten Samaritaner und für morgenländische Christen. Aus weiter Ferne wanderten Karäer zu ihm, um Weisheit aus seinem Munde zu vernehmen, wurden seine Jünger und verbreiteten seine Lehren. Drei derselben werden namhaft gemacht *): Tobia aus Constantinopel, mit dem Beinamen Ha-Obed, Ha-Baki; ferner Jakob b. Simon und endlich Jbn-Altaras aus Castilien. Durch die Thätigkeit der Jünger ans Abulfarag's Schule wurde im karäischen Kreise die weite Ausdehnung der Verwandtschaftsgrade um vieles eingeengt und die Reform der Ehegesetze durchgeführt. Jbn-Altaras brachte nun die karäische Lehre mit philosophischem Anstrich nach Castilien, begnügte sich aber nicht, sie unter die Karäer zu verbreiten, sondern suchte auch dafür Anhänger unter den Rabbaniten Spaniens zu gewinnen (um 1090—95). Nach seinem Tode setzte seine Frau, welche sich Gelehrsamkeit angeeignet hatte, seine Thätigkeit fort. Für die Karäer Spaniens, die sich der Unwissenheit noch nicht entwunden hatten, waren die Aussprüche der Karäerin Orakel, und bei jedem Zweifel in religiösen Dingen holten sie sich Rath bei der Gelehrten (s1-L1a1ims.1i). Die Rabbaniten waren aber zu mächtig, als daß sie sich die Proselytenmacherei der Karäer hätten gefallen lassen sollen. Einer von Alfonso's jüdischen Günstlingen mit Namen Joseph Jbn-Alfarug' Alkabri (aus der Stadt Cabra^) ließ sich von dem judenfreundlichen Könige die Vollmacht ertheilen, die Karäer in dessen Staaten verfolgen zu dürfen, trieb sie aus den meisten Städten Castiliens und ließ ihnen nur eine einzige Stadt zum Aufenthaltsorte. Joseph Alkabri (der vielleicht mit Cidellus, Alfonso's Vertrauten identisch ist) hätte die Karäer sogar blutig verfolgt, wenn ihn nicht der Umstand gehindert hätte, daß es nach der Tempelzerstörung nicht gestattet ist, Todesstrafe zu verhängen ^). *) Pinsker das. Text S. 210 und Noten dazu. 2 ) Vergl. über dis Stadt niop im Gebiets von Jaen Oasiri Uidliotüses. arabioo - üispana II. ^>. 31. a. I. und Usolisrollss x>. 2o dä. 2) Nach Abraham Jbn-Daud. Dis Zeit Jbn-Altaras' und der Verfolgung Karäer in Spanien 81 Schwerlich waren die angesehenen Rabbinen Spaniens mit einem so unduldsamen Verfahren einverstanden. Cidellus, Alfonso's jüdischer Günstling gerieth in dem letzten Regierungsjahr dieses Königs in Ungnade, weil er sich von den -Grafen und Granden des Reiches zu einem kühnen Schritte gebrauchen ließ, der jenen in Zorneswallung versetzen mußte. Alfonso hatte nämlich trotz seiner sechs legitimen und mehrerer andern Frauen keinen männlichen Erben, nachdem sein Sohn in der Schlacht umgekommen war. Da beschlossen die castilischen Großen, dem Könige beizubringen, seine Tochter Urraca, welche die Krone erben sollte, an einen aus ihrer Mitte zu verheirathcn, wagten aber nicht, diesen Wunsch zu äußern, sondern ließen ihn von dem jüdischen Günstling aussprechen. Alfonso, der einen andern Plan verfolgte, war daher so gereizt gegen Cidellus, daß er ihn aus seiner Nähe verwies Z. der Karäer kann nicht zweifelhaft sein. Einerseits fällt sie nach Abfassung von Abulfarags Coinmentar, also nach 1088. Andrerseits heißt es bei dem genannten Chronographen, daß sich die Karäer wieder von der Verfolgung erholt hatten, bis sie abermals von Jehuda Jbn-Esra 1148 verfolgt wurden. Sie hatten sich also unter der Regierung der Königin Uraca erholt, wurden demnach zum ersten Male von Joseph Alkabri unter Alfonso VI. verfolgt, d h. zwischen 1088—1109. -h Roderich von Toledo cls rsbus Hisxunias VI. v. 34. Graetz, Geschichte der Jude»/ VI. 6 Der erste Kreuzzug und seine Leiden. Stellung der Juden in Deutschland vor dem Kreuzzuge. Die Gemeinde von Speier und Heinrich IV. Die Märtyrer von Trier und Speier. Emmerich von Leiningen und die Märtyrer von Mainz. Blutige Verfolgung der Kölner Gemeinde in der Umgegend dieser Stadt. Leiden der Juden von Böhmen. Elender Tod der Juden Jerusalem's. Kaiser Heinrich's Gerechtigkeit gegen die Juden. Rückkehr der gewaltsam Getauften. Verkümmerung der deutschen Juden. Der Tod MLßi's und Raschi's. 1096 — 1105 . Gegen Ende des elften Jahrhunderts erfolgte der erste Anlauf zu einem Kampfe zwischen dem Christenthum und dem Islam, zwischen Europa und Asien auf einem andern Schauplatz, welcher die Weltgeschichte in neue Bahnen leitete und in der Geschichte der Inden ein bluttriefendes Blatt einfügte. Peter's von Amiens aufregende Wehklagen über die Behandlung der Pilger in Jerusalem, welche in der Kirchenversammlung von Clermont tausendfachen Widerhall fanden, hatten die Frömmigkeit, die romantische Ritterlichkeit, den Ehrgeiz, die Raubsucht und eine Menge anderer edelen und gemeinen Leidenschaften zu einem Kreuzzuge aufgestachelt. Die Politik hatte sich derselben bemächtigt, um kleinliche Zwecke mit engem Gesichtskreise zu erreichen. Es entstand eine märtyrerreiche Zeit, aber das größte Märtyrerthum erlitten die deutschen Juden, welche wiederum Gelegenheit fanden, in ausgedehntem Umfange ihr Be- kenntniß mit ihrem Blute zu besiegeln. Der Wendepunkt, der durch die Kreuzzüge in der Entwickelung des Menschengeschlechtes eintrat, kam zwar auch indirekt dem Judeuthum zu Gute, aber zunächst war er für dasselbe von niederbeugender Wirkung. Es ist eine Fälschung der Geschichte, wenn behauptet wird, die Juden Deutschlands hätten die Gräuel, die sie getroffen, zum Theil selbst verschuldet; sie hätten sich durch betrügerischen Handel und Wucher den Haß der Bevölkerung zugezogen, und — wie entschuldigend hinzngefügt wird — sie wären dazu gezwungen worden, Die Jude» in Deutschland. 83 da sie kein Grundeigeuthum besessen hätten Weder lebten die Juden Deutschlands vor den Kreuzzügen in einem Zustande des Druckes und der Verachtung, noch waren sie vom Grundbesitz ausgeschlossen. Als der Bischof Rüdiger Huozmann von Spcier den Weiler Alt- speier zur Stadt zog, glaubte er das Ansehen der Stadt nicht besser heben zu können, als wenn er den Inden darin Wohnplätze und Privilegien einränmte. Neben der Handelsfreiheit in der ganzen Stadt bis zum Schiffshafen und im Hafen selbst besaßen sie auch Ländereien, Gebäude, Gärten, Weinberge und Aecker^). Der Bischof Rüdiger räumte den speier'schen Juden eigne Gerichtsbarkeit ein, und ihr Synagogeuvorstcher oder Rabbiner (^.rollisMaZoAns) sollte dieselbe Befugniß haben, Prozesse zu schlichten, wie der Bürgermeister. Sie durften Sklaven besitzen und von Christen Ammen und Knechte miethen, gegen das kanonische Gesetz und den Willen des Papstes Gregor VII. Auch geschlachtetes Vieh, das nach jüdischem Gesetze ihnen zum Genüsse verboten ist, durften sie an Christen verkaufen.— Um sie jedoch vor Belästigungen des Pöbels zu schützen, wies ihnen Rüdiger einen eigenen Stadttheil an, der mit einer Mauer umgeben war, die sie selbst befestigen und vertheidigen durften. Sie hatten also auch das Recht, Waffen zu tragen. Diese Privilegien, für die sie jährlich 3^ Pfund Goldes speier'sches Gewicht zu zahlen hatten, sollten ihnen für alle Folgezeit verbrieft sein (September 1084). Rüdiger fügte in der Urkunde hinzu, er habe den Juden so günstige Gesetze eingcränmt, wie sie sie sonst in keiner deutschen Stadt genießen'^). Der Kaiser Heinrich IV. bestätigte diese Privilegien durchweg und fügte noch neue günstigere Bestimmungen hinzu. Vermuthlich genügte der Gemeinde der Schutz nicht, den ihnen der Bischof Rüdiger zugesagt; ihre Vertreter, Juda b. Caloniu (Kalonymos), David b. Meschullam, Mose b. Guthiel (Jekuthicl), verwendeten sich daher beim Kaiser, daß er ihre Privilegien in den kaiserlichen Schutz nehmen möge. Heinrich, der trotz seines Leichtsinns und seines Wankelmuthes nie ungerecht war, stellte ihnen ein Diplom aus, das durchaus günstig für die Juden lautet! Niemand dürfe Juden noch ihre Sklaven zur Taufe zwingen, bei Strafe von zwölf Pfund Goldes, an den kaiserlichen Fiscus zu leisten. Will sich Jemand ans freien Stücken taufen lassen, so sollen ihm drei ') Würdtwein novs snbsiclis cliplorn. I. x. 127: Os rsbns sornin guos zurs bs.srsclits.rio xossiclsnt cknässi in srsis, in sssis, in ortis, in vinsis, in sAris. 2) Das. scl snlnrnsin oonssssi illis Inclssis lsAsrn, ^usinonngns rns- liorsm bsbst popnlns Inässornrn in gnslibst nrbs tsutcmisi rsAni. 6 * 84 Geschichte der Juden. Tage Reuezeit gegeben werden, damit er den Schritt nicht voreilig thue; der jüdische Täufling verliert seinen Erbschaftsantheil. In einem Prozesse zwischen Juden und Christen, soll nach jüdischem Rechte verfahren und vereidet werden. Zn den Ordalien der Feuer- unv Wasserprobe dürfen sie nicht gezwungen werden. Diese Urkunde wurde von Heinrich IV. für die speier'sche Gemeinde ausgestellt (19. Februar 1091 Z. Sechs Jahre darauf wurde sie von geweihten Streitern für den heiligen Krieg verhöhnt; denn nicht die Bürger und nicht die Ritterschaft hatten etwas gegen die Juden, sondern eine zügellose Horde. Die deutschen und nordfranzösischen Juden waren damals gerade voller Messiashoffnnngen. Ein Mystiker hatte ausgerechnet, der Sohn David's werde sich gegen Ende des 256 ten Mondcyclus, zwischen dem Jahre 4856 und 64 (1096—1104s offenbaren^ und die zerstreuten Söhne Jnda's nach dem gelobten Lande führen. Aber statt der Posaunen der messianischen Erlösung hörten sie das wilde Geschrei der Wallbrüder: „die Juden haben unfern Heiland gekreuzigt, sie müssen sich zu ihm bekehren oder sterben." Die ersten Scharen der Krenzzügler, die eine von dem begeisterten, frommen Peter von Amiens und seinen acht Rittern, die andere von dem Presbyter Gottschalk angeführt, fügten den Inden kein besonderes Leid zu; sie plünderten Inden und Christen gleicherweise. Aber die nachfolgenden Schwärme, die aus dem Auswnrfe der französischen, englischen, lothringischen und flandrischen Länder bestanden, begannen das heilige Werk des Mordens und des Plünderns in Ermangelung der Mohammedaner mit den Inden. Es war dieses ein schamloses Gesindel, Männer und Weiber vermischt, welche sich den frevelhaftesten Ausschweifungen überließen ^). Aber diese lasterhaften Wallbrüder waren geweihte Streiter, die Sünden waren ihnen alle vergeben, die vergangenen wie die zukünftigen. Sie galten als unverletzbare Personen. Ein Mönch warf den zündenden Gedanken unter diese Bande, daß die Inden mit Gewalt zum Christenthnme gezwungen werden müßten; eine Schrift, die auf Jesu Grab gefunden worden, mache dieses den Gläubigen zur Pflicht. Dieser Gedanke schien den wilden Kreuzbrüdern ebenso vortheilhaft, wie leicht faßlich und gottgefällig. Sind doch die Inden ebenso ungläubig wie die Saracenen, beide Erzfeinde des Christenthums! Der Kreuzzug kann ja auf der Stelle beginnen, wenn mit den Inden der Anfang gemacht st Das. 2) LUsssr 5 dlntlian Lontrss der Leiden von 1096 Eingang nnd mehrere Liturgieen. st lieber alles den ersten Kreuzzug Betreffende vergl. Note 5. Die Märtyrer in den rheinischen Gemeinden. 85 wird! Wie sich die Scharen in Frankreich und Deutschland sammelten, waren sie gezeichnet durch das Kreuz an ihren Kleidern und durch das vergossene Blut von Juden. Indessen blieben solche Metzeleien in Frankreich vereinzelt, weil die Fürsten und Geistlichen energisch für die Juden auftraten. Nur in Rouen, das zu England gehörte, trieben die Kreuzfahrer die Juden in die Kirche, setzten ihnen die Degenspitzen auf die Brust und ließen ihnen die Wahl zwischen Tod und Taufe. Auch in andern Städten haben sie wohl auf ihrem Zuge von Westen nach Osten, nach dem Rheine zu, ähnliche Excesse begangen. Von Metz erzählt es die Chronik ausdrücklich. Einen besonders tragischen Charakter und einen schrecklichen Ausgang erhielten die Verfolgungen erst auf deutschem Boden. Die Schar, welche sich von Frankreich und Flandern nach den deutschen Gauen wälzte, hatte zum Führer einen französischen Ritter, Wilhelm der Zimmermann genannt, dessen Habgier gewissermaßen gerechtfertigt war, da er nicht reich war und schon bei seinem Auszuge das Geld für die Ausrüstung seiner Schar von den Bauern plündern mußte. Die übrigen Ritter unter Wilhelm's Schar, Graf Hermann, Thomas de Feria, Clarenbald de Vendeuil, vermochten entweder nichts über das blntbrünstige, übelgeleitete Gesindel oder waren selbst nicht besser. Den Geist, von dem Wilhelm's Wallbrüder beseelt waren, charakterisirt ein einziger Zug. Sie ließen eine Gans und einige Ziegen vor sich hergehen, von denen sie fest glaubten, sie seien von göttlichem Geiste angehaucht und würden ihnen den Weg nach Jerusalem zeigen. Solchen Feinden waren die jüdischen Gemeinden der Mosel und des Rheins schutzlos Preisgegeben! Kaiser Heinrich war damals in Italien mit schlimmen Händeln vollauf beschäftigt, und in Deutschland herrschte dadurch die unbändigste Anarchie. Als die Juden des Rheinlandes von dem Hernnziehcn dieser Bande hörten, wendeten sie sich im Gebet an den Gott ihrer Väter. Schon bei der Nachricht von dem Herannahen der Blutmenschen war die Gemeinde von Trier von einem solchen Entsetzen ergriffen, daß einige ihre Kinder und sich mit Messern erstachen. Frauen und Mädchen beschwerten sich mit Steinen und stürzten sich in die Mosel, um nicht von den heiligen Mördern zur Taufe gezwungen oder geschändet zu werden. Der Name einer dieser Märtyrinnen ist in Erinnerung geblieben: Esther, Tochter des Gemeindevorstehers Chiskija. Die übrigen Gemeindeglieder flehten den Bischof Egilbert um Schutz an. Doch dieser harte Kirchenfürst, der sich vielleicht 86 Geschichte der Juden. durch Bekehruugseifer von dem auf ihm lastenden Verdachte der Ketzerei reinigen wollte, erwiderte ihnen: „Jetzt sind über euch, Elende, eure Sünden gekommen, daß ihr den Sohn Gottes verwerft und seine Mutter schmäht. Bekehrt euch, so gebe ich euch Frieden und ruhigen Genuß eurer Güter. Bleibt ihr aber verstockt, so wird mit eurem Leibe auch eure Seele nntergehen." Da traten die Juden zur Berathnng zusammen und beschlossen auf Antrag eines ihrer gelehrten Mitglieder Micha (Michäas) das Christenthum, wohl zum Scheine, anzunehmen. Dieser sprach hierauf zum Bischof: „Du hast Recht: es ist besser für uns, uns dem christ- liehen Glauben anzuschließen, als von Tag zu Tag von solchen Gefahren für unsere Habe und unser Leben bedroht zu sein. Sage uns daher schnell, was wir glauben sollen, und stehe uns bei, daß wir befreit werden von denen, welche vor der Thür warten, um uns zu erwürgen." Darauf leierte der Priester das katholische Glaubensbekenntniß ab, das die Juden nachplappern mußten, und nahm die Taufhandlung an ihnen vor. Micha erhielt den Namen des Bischofs. Es war ein schimpflicher Sieg, den das Christenthum über die Gemeinde von Trier feierte, der auch nicht lange dauerte. Darauf wälzte sich die Schar nach Speier, dessen Gemeinde erst jüngsthin vom Bischof und Kaiser Unantastbarkeit und Freiheit verbrieft erhalten hatte. Die Kreuzzügler trafen am Sabbat ein und schleppten im ersten Anlauf zehn Juden in eine Kirche, um sie unter Androhung des Todes zu taufen. Diese weigerten sich aber die Taufe zu empfangen und wurden hingeschlachtet. Eine fromme Frau, welche für ihre Standhaftigkeit unter den Händen der Blutmenscheu fürchtete, nahm sich selbst das Leben (8. Jjar — 3- Mai 1096). Die übrigen Juden hatten sich indessen theils in den Palast des Bischofs Johannsen und theils in die Burg des Kaisers geflüchtet. Der Bischof, menschlicher und frommer als Egilbert, der die Bekehrung durch Henkershand verabscheute, ließ gegen die wüthende Schar einschreiten; die Juden selbst verteidigten ihr Leben standhaft, und es fiel kein Opfer mehr von ihrer Seite. Johannsen ließ sogar auf einige Wallbrüder fahnden und sie hinrichten, was ihm die chronikschreibenden Mönche natürlich verargten. Sie sprengten aus, er sei von den Juden bestochen worden. Es ist nicht zu verwundern, daß die Juden ein förmliches Entsetzen vor dem Christenthum empfanden und sich nicht bloß gegen die Taufe sträubten, sondern sich schon für befleckt hielten, wenn sie auch nur im Zustande der Betäubung und Bewußtlosigkeit vom Taufwasser berührt worden waren. Sie konnten in dem Christenthum, wie es im Die Märtyrer in Worms. 87 elften Jahrhundert gestaltet war, nur ein arges Heidenthum erblicken. Die Verehrung der Reliquien und Bilder, der geist- und gemüthlose Gottesdienst in der Kirche, das Verfahren des Oberhauptes der Kirche, welcher die Völker ihrer heiligen Eide entband und zum Kaisermord rmffordcrte, das schwelgerische, sittenlose Leben der Geistlichkeit, die verdummte, von Unwissenheit strotzende Anschauungsweise der Menge, das verthierte Treiben der Kreuzzügler, dieses alles gemahnte sie weit eher an die in der heiligen Schrift verabscheuten Götzendiener, als an Bekenner eines heiligen Gottes. Wie ihre Vorfahren in der Makkabäerzeit sich gegen den aufgezwungenen Zeus- cultus sträubten und die Berührung mit der Ceremonie des Götzenthums für befleckend hielten, ebenso dachten die deutschen Juden von dem Christenthnm ihrer Zeit. Der Schwarm, welcher den Angriff ans die Gemeinde von Speier unternommen hatte, scheint nicht stark gewesen zu sein, daher konnte er zurückgeschlagen werden. Er wartete nun, um sein blutiges Werk fortzusetzen, Verstärkung ab. Erst vierzehn Tage später zog eine größere Zahl Wallbrüder, „Wölfe der Wüste", wie sie der zeitgenössische jüdische Chronist nennt, in stets zunehmender Zahl nach Worms. Der Bischof Allebrandus konnte oder mochte den Inden keinen ausreichenden Schutz gewähren. Doch scheint er das Niedermetzeln der Juden nicht gut geheißen zu haben, da er einen Theil der Gemeindeglieder, wahrscheinlich die angesehenen und reichen, in seinen Palast aufnahm. Die klebrigen waren ans sich selbst angewiesen, setzten sich Wohl Anfangs zur Wehr, aber der Uebermacht der zahlreichen Bande erliegend, fielen sie unter den Streichen der Blutmenschen mit dem Bekenntnißrufe: „Der Herr unser Gott ist einzig." Nur sehr Wenige ließen sich zur Nothtanfe zwingen, die Andern kamen ihr durch Selbstentleibnng zuvor. Man sah Frauen ihre zarten Kinder schlachten. Die Wallbrüder zerstörten die Häuser der Juden, plünderten deren Habe und ließen ihre blinde Wuth auch au den heiligen Schriften aus, die sie in den Synagogen und in den Häusern fanden (Sonntag, 23. Jjar — 18. Mai). — Nach sieben Tagen kam die Reihe auch an diejenigen, welche im bischöflichen Palaste Schutz gefunden hatten, sei es, daß die Wallbrüder einen Angriff darauf gemacht und die Auslieferung der Schlachtopfer ungestüm verlangt hatten, oder daß Allebrandus selbst den Juden nur zu dem Zwecke ein Asyl eingeränmt hatte, um sie durch Milde zur Bekehrung zu bewegen. Der Bischof eröffnete ihnen mit ememmale, er könne sie nicht länger beherbergen, wenn sie sich nicht der Taufe fügten. Die Angesehensten unter ihnen baten sich darauf 88 Geschichte der Juden. eine kurze Frist zur Berathung aus. Vor deni Palaste harrten die Wallbrüder, um die Juden entweder in die Kirche oder in den Tod zu führen. Als aber die Zeit abgelaufen war, und der Bischof die Thür öffnen ließ, fand er sämrntliche Juden im Blute schwimmen. Sie hatten den Tod durch Bruderhand vorgezogen. Bei der Nachricht davon fiel die rasende Menge über die Uebriggebliebenen her, mordete die Lebenden und schleifte die Leichen auf den Straßen umher. Nur Wenige retteten ihr Leben durch die scheinbare Annahme des Christenthums (Sonntag, 1 Siwan — 25. Mai). Ein Jüngling, Simcha Kohen, der durch die Wallbrüder seinen Vater Mar-Isaak und seine sieben Brüder verloren hatte, wollte nicht un- gerächt aus der Welt scheiden. Er ließ sich in die Kirche führen und im Augenblick, als er das Sacrament empfangen sollte, zog er ein verborgen gehaltenes Messer hervor und erstach damit einen Neffen des Bischofs. Er wurde, wie er es nicht anders erwartet hatte, in der Kirche zerfleischt. Erst als die Kreuzzügler die Stadt verlassen, wurden die jüdischen Märtyrer von Worms von jüdischen Händen bestattet, und die Todtengräber zählten beinah achthundert Leichen, nahe an 140 Familien, darunter auch die Söhne und Jünger des Isaak Halevi, der lothringischen Autorität. Das Andenken an die Märtyrer oder Heiligen (Leäoselnoa) erhielt die Gemeinde H, die sich später bildete, zur Verehrung und zum Muster in Glaubensstandhaftigkeit. Den Tag nach der Niedermetzelung des Restes in Worms traf die Krenzschar in Mainz ein. Hier war ihr Anführer ein Graf Emmerich oder Emicho von Leiningen, ein naher'Verwandter des Erzbischofs Ruthard, ein gewissenloser, blutdürstiger Mann. Jhij, gelüstete ebenso sehr nach den Reichthümern der Mainzer Inden, als nach deren Blut, und er scheint mit dem Erzbischof, einem Hauptgegner Heinrich's IV., zu diesem Zwecke eineu teuflischen Plan verabredet zu haben. Der Erzbischof lud sämmtliche Inden ein, in seinem Palaste Schuch zu suchen, bis der Sturm vorüber sein werde. Darauf übergaben sie ihre Schätze Ruthard, und in seinem Hofe und dem Söller des weitläufigen Gebäudes lagen über 130st Juden mit bangem Herzen und in inbrünstigem Gebete. Aber schon mit Tagesanbruch (Dienstag, 3 Siwan — 27. Mai) führte Emmerich st Memorbuch der Wormser Gemeinde: von den umgekommenen Gelehrten werden nahmhaft gemacht: R. Isaak b. Eliakim, beim Lesen des Talmud erschlage»: Jakob, Samuel, Ascher,' wohl Söhne des Isaak Halevi; Isaak b. Meir und Jakob b. Simson; vergl. A. Adler in Jost's, Annalen Die Märtyrer von Mainz und Köln. 89 von Leiningen die Kreuzfahrer vor die bischöfliche Residenz und verlangte mit wildem Geschrei die Auslieferung der Juden. Der Erzbischof hatte zwar Bedeckung zum Schutze aufgestellt; aber diese wollte nicht gegen Christen und Wallbrüder die Waffen gebrauchen. Leicht durchbrachen die Kreuzfahrer die Thüren des Palastes und ergossen sich in die Räume, um die Juden aufzusnchen. Hier wiederholte sich das entsetzliche Schauspiel von Worms. Mit dem Einheits- bekenntniß auf den Lippen fielen Männer, Frauen, Kinder und Greise durch das Schwert ihrer Brüder oder ihrer Feinde. Dreizehnhundert Märtyrerleichen wurden später aus dem Palaste auf Wagen aus der Stadt geführt. Die Träger der Talmudgelehrsamkeit aus R. Gerschom's Schule wurden damals hingerichtet, deren Namen so wie die vieler anderer Märtyrer das Erinnerungsbuch der Mainzer Gemeinde (Memor-Buch) aufbewahrt hat. Die Schätze der Juden behielt der Erzbischof und theilte sie mit Emmerich. Sechszig Juden hielt Ruthard in dem Dom verborgen und ließ sie später nach dem von der Straße abgelegenen Rheingau bringen. Aber auch sie wurden ergriffen und geschlachtet. Die Taufe nahmen nur Wenige. Zwei Männer und zwei Mädchen, Urijah und Isaak mit zwei Töchtern, welche im Taumel oder aus Schwäche getauft worden waren, trieb die Reue zu einer schaudererregenden, heroischen That. Isaak schlachtete' zwei Tage später, am Vorabende des Pfingstfestes, seine Töchter in seinem Hause und legte seine Wohnung in Brand. Darauf begab er sich mit seinem Gefährten Urijah in die Synagoge, zündete sie ebenfalls an, und beide starben den Feuertod durch eigene Hand. Durch dieses Feuer wurde ein großer Theil von Fltainz in Asche gelegt. Indessen sammelte sich ein Haufen entarteter Kreuzfahrer unter Hermann dem Zimmermann um Köln, gerade am Vorabende des Wochenfestes. Die älteste Gemeinde Deutschlands machte sich auf das Gräßlichste gefaßt; doch flehten die Juden die Bürger und den Bischof um Schutz au. Von Mitleid mit ihren jüdischen Mitbewohnern ergriffen, zahmen die menschlich gesinnten Kölner Bürger sie in ihre Häuser ^,auf. Als das rasende Gesindel des andern Tages, am jüdischen Wochenfest (Freitag 30. Mai), mit dem frühesten Morgen in die Häuser der Juden drangen, fanden sie sie menschenleer und konnten ihre Wuth nur an Stein und Holz kühlen, zerstörten sie, raubten den Inhalt und zertraten die Gesetzrollen, die sie vorfanden, gerade am Tage, der Gesetzgebung. Ein Erdbeben, das an diesem Tage gespürt wurde, stachelte die wahnbethörteu Blutmenschen, statt sie. zu schrecken^ nur zu neuem Rasen auf, indem sie cs als Zeichen 90 Geschichte der Juden. der Zustimmung von Seiten des Himmels betrachteten. Jndeß fiel nur ein Mann und eine Frau an diesem Tage als Opfer. Der fromme Mann Mar-Isaak ging freiwillig in den Märtyrertod, er wollte sich nicht retten und blieb im Gebet versunken in seinem Hause sitzen, ließ sich von dem Gesindel in die Kirche schleppen, und als ihm das Krucifix hingehalten wurde, spie er darauf und wurde getödtet. Die übrigen Kölner Juden blieben in den Häusern der Bürger und in dem Palaste des Bischof's verschont. Der edle Bischof Herman III., dessen Name der Nachwelt zur Verehrung überliefert zu werden verdient, ließ sogar die Juden heimlich aus Köln entfernen und in die ihm gehörigen sieben Städte und Dörfer zur Sicherheit nnterbringen. In Neuß, Wevlinghofen, Stadt und Dorf Aldenahr, Mörs und Kerpen brachten sie drei Wochen (vom 3.—24. Juni) in banger Erwartung zu. Sie beteten viel und fasteten täglich, ja in den letzten Tagen, als sie hörten, daß die Wallbrüder nach Neuß zum Johannisfest (1. Tamus — 24. Juni) kommen sollten, fasteten sie zwei Tage hintereinander. Aber der Himmel schien taub gegen ihr inbrünstiges Flehen. Die Kreuzfahrer hatten sich am Johannistag durch die Messe zu neuem Morden gestärkt und schlachteten an demselben Tage sämmtliche Inden, welche in Neuß Zuflucht gefunden (nach einer nicht ganz verbürgten Nachricht zweihundert an der Zahl). Einen Mann, Namens Samuel b. Ascher, der wahrscheinlich die Uebrigen zur Standhaftigkeit ermahnt hatte, mißhandelten die Mörder auch nach dem Tode sammt seinen zwei Söhnen und hängten die Leichname vor seiner Thüre ans. Die Mallbrüder hatten endlich die Spur der Kölner Inden aufgefunden und suchten dieselben in ihren Zufluchtsstätten auf. Eine Schar drang Tags darauf nach Wevlinghofen (an der Erft, südlich von Köln) und mordete die jüdischen Flüchtlinge aus Köln. Darunter wird namhaft gemacht: Levi b. Samuel nebst seiner ganzen Familie und eine Greisin Rachel, welche den Andern das Beispiel des Opfermnthes gegeben hatten. Viele hatten ihrem Leben in Seen und Sümpfen ein Ende gemacht. Ein gelehrter Greis Samuel b. Jechiel gab das Beispiel dazu. Er schlachtete seinen schönen, kräftigen Sohn mitten im Wasser, sprach den Segen dazu, und das Opfer fiel mit „Amen" ein, während die Umstehenden ihr „Höre Israel" anstimmten und sich in's Wasser stürzten. Der Greis reichte nach der verzweifelten That einem andern Jüngling, Namens Menahem (einem Synagogendiener) sein Messer und ließ sich von ihni tödten. — Tags darauf kam die Reihe an die Flüchtlinge in Aldenahr (an der Ahr, unweit Bonn), die auf dieselbe Weise um- kamen. Ein gelehrter Mann Isaak Halevi, den die Wallbrüder gemartert nnd in der Betäubung getauft hatten, begab sich, nachdem seine Wunden geheilt waren, nach Köln in sein Haus, bestellte dasselbe nnd stürzte sich daun in den Rhein. Die Wallbrüder machten ein förmliches Geschäft daraus, die Juden aufzusuchen. Sie begaben sich (Freitag 4. Tamus — 27. Juni) in das Dorf Aldenahr, um mit den dortigen Flüchtlingen wie mit den andern zu verfahren. Die Juden hatten aber Wind davon bekommen und gelobten einander, lieber durch eigne Hand zu sterben. Fünf beherzte Männer wurden ausgewählt, die andern und dann einander zu entleiben. Sie thaten es bei verschlossenen Thüreu, und der Letztgebliebene mit Namen Peterb. Joez, stieg auf einen Thurni nnd stürzte sich von da hinab. Nur zwei Jünglinge und zwei Kinder, denen das Messer nicht tief genug in den Hals gedrungen war, genasen von der Wunde und blieben am Leben. Die Wallbrüder fanden also da nichts mehr zu tödten und zogen nach einem andern Orte (Sinzig?), kamen aber so spät an, daß die Juden bereits den Sabbat feierten. Aber die Nacht störte sie nicht in ihrem blutigen Handwerke; die Juden dieses Ortes hauchten ihr Leben aus mit dem Weihsegen (Liäuscrb) für den Sabbat auf den Lippen. Ein Franzose hatte ihnen mit erschreckendem Gleichmuth die Art gezeigt, wie sie sich entleiben und zugleich ihr Grab finden sollten. Er höhlte die Erde aus, stellte sich hinein und tödtete sich; die Andern thaten es ihm nach. Die Flüchtlinge von Köln in Mörs glaubten schon der Gefahr entronnen zu sein; denn die Stadt war befestigt und der Commandant hatte ihnen Schutz zugesagt, auch wenn er sein Leben dafür einsetzen müßte. Aber plötzlich erschien eine zahlreiche Kreuzzüglerschaar vor Mörs und verlangte mit Ungestüm die Auslieferung der Juden (Montag 7. Tamus — 30. Juni). Der Stadthauptmann zweifelte an erfolgreichem Widerstand und versuchte einerseits die Wallbrüder um Aufschub ihres Angriffs zu bitten und andrerseits die Juden zur Bekehrung zu bewegen. Er überzeugte die Letztem:, daß er die Stadt unmöglich vertheidigen könne. , Darauf erwiderten sie ihm: sie seien alle bereit, für ihren Glauben zu sterben. Auch ein Schreckmittel, das er angewendet, um sie zum Nachgebeu zu bewegen, machte keinen Eindruck auf die standhaften Juden. Da ließ sie der Stadthauptmann vereinzelt in Gewahrsam bringen, um sie den Wallbrüdern lebend zu überliefern; denn es war kein Geheimniß mehr, daß die Juden lieber einander tödteten, als sich der gewaltsamen Taufe zu fügen. In Mörs selbst hatten zwei Frauen, die eine siech, die andere — eine Wöchnerin — ein junges schönes Mädchen geschlachtet, das neugeborene Kind mit der Wiege vom Thurme zur.Erde geschleudert und daun sich 92 Geschichte der Juden. selbst entleibt. Darauf wurden die übrigen Juden in Mörs gefesselt zu den Wallbrüdcrn außerhalb der Stadt geschleppt, welche einen Theil tödteten und die andern gewaltsam tauften. — Tags darauf (1. Juli) erlitten die Juden in Kerpen das Märtyrerthum. Im Ganzen sollen in den rheinischen Städten in zwei Monaten (Mai bis Juli) zwölftausend Juden getödtet worden sein. Die Uebrigen hatten zum Schein das Christenthum angenommen, jedoch nur in der Erwartung, daß der gerechte Kaiser bei seiner Rückkehr aus Italien ihren Klagen Gehör schenken werde. Ueberall wo die wilden Wallbrüder durchzogen und Inden trafen, wiederholten sich die tragischen Scenen. Namhaft gemacht wird noch als Dulderin die große Gemeinde in Regensbnrg. Die Juden Böhmen's treten durch die Vorfälle des Kreuzzuges in die Geschichte ein. Sie hatten bis dahin das Joch des Druckes nicht empfunden, da das Christentum in den finnischen Ländern noch nicht zur Macht gelangt war. Manche unter ihnen waren wohlhabend und vermittelten den Sklavenhandel, der meistens mit Slaven (Sclavoniern) betrieben wurde, aus der ersten Hand nach dem europäischen Westen und Spanien. Aber sie kamen dadurch in Konflikt mit der Geistlichkeit, und der Bischof Adalbert von Prag eiferte gegen sie mit Nachdruck und gab sich Mühe, viel Geld znsammenzubringen, um den Juden die Sklaven abzukansen. Gewaltsam entziehen durfte er sie ihnen nicht, so wenig Gewicht hatte damals die Geistlichkeit im Böhmerlande. Da kam der Kreuzzug und verpflanzte den Giftsamen des Fanatismus auch dahin. Als die Wallbrüder durch Böhmen zogen, war der mächtige Herzog Wratislaw (Bracislaw) II. mit einem auswärtigen Krieg beschäftigt, und Niemand da, der dem Unfug steuern sollte. Das kreuzzüglerische Gesindel hatte also volle Freiheit, seinen Fanatismus zu befriedigen, schleppte die Inden Prags zur Taufe und tödtete die Widerstrebenden. Vergebens predigte der Bischof Cosmas gegen diese GewaltthätigkeitZ. Die Kreuzzügler verstanden ihr Christenthum besser, als der Kirchenfürst. Zum Glücke für die Juden Westeuropas und namentlich Deutschlands und zur Ehre der Menschheit war nur der Abschaum des Volkes von blutigem Fanatismus erglüht. Die Fürsten und Bürger dagegen verabscheuten die Mordthaten, und die höhere Geistlichkeit selbst, mit Ausnahme des Erzbischofs Ruthard von Mainz und Egilberts von Trier, standen auf Seiten der Juden. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die drei Mächte, Fürsten, Völker und Geist- U Liosirms UiÄAsnsis Obronieon Uosmornrn p. 125. Rückkehr der Zwangstäuflinge. 93 lichkeit, in Judenhaß und Judenverfolgung eins waren. Da bald darauf die Nachricht einlief, daß die 200000 Wallbrüdcr unter Emmerich und Hermann zum großen Theil ein schmähliches Ende gefunden, die Meisten von den Ungarn erschlagen wurden, und die Führer schmachbedeckt mit dem geringen zerlumpten Rest nach Deutschland zurückkehrten, so betrachteten es Christen und Inden in gleicher Weise als ein gerechtes Strafgericht Gottes. Inzwischen war Kaiser Heinrich IV. aus Italien zurückgekehrt, sprach bei der Nachricht von den Gräuelthaten der Wallbrüder gegen die Juden seinen Abscheu darüber aus und gestattete auf Verwendung des Gemeindevorstehers von Speier, Mose Ben-Gnthiel, den gewaltsam Getauften zum Judenthum zurückzukehren. Dies war eine Freudenbotschaft für den Rest der Juden in Deutschland. Die Getauften säumten nicht, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen und die Maske des Christenthnms abzuwerfen (1097). Nur Micha von Trier, der seiner Gemeinde das Beispiel des Abfalls gegeben, blieb dem Christenthum trennst Damit waren nun die Vertreter der Kirche keineswegs zufrieden. Selbst der vom Kaiser gehaltene Papst Clemens III. rügte die Menschlichkeit des Kaisers, weil sie gegen die Lehre der Kirche verstieß. „Wir haben gehört", schrieb derselbe an Heinrich IV. „daß den getauften Juden gestattet worden ist, von der Kirche abzufallen. Es ist dieses etwas Unerhörtes und Sündhaftes, und wir fordern dich und alle unsere Brüder auf, Sorge dafür zu tragen, daß das Sakrament der Kirche nicht an den Juden geschändet werdet". Aber der Kaiser kehrte sich wenig an den unheiligen Eifer der Geistlichkeit. Weit entfernt den Juden die Rückkehr zu ihrer Religion zu verbieten, leitete er sogar eine Untersuchung gegen die Verwandten des Erzbischofs Rnthard von Mainz ein wegen des Raubes an den Gütern der jüdischen Gemeinde. Die Juden von Mainz hatten nämlich beim Kaiser Klage geführt, daß Emmerich von Leiningen und seine Verwandten im Einverständniß mit dem Erzbischof sich ihre Schätze, die sie im erzbischöflichen Palast niedergelegt hatten, angeeignct hätten. Aber keiner der Angeklagtem erschien der Aufforderung gemäß, sich zu vertheidigen. Ruthard, der kein gutes Gewissen hatte, beschämende Entdeckungen fürchtete und ohnehin beim Kaiser nicht am besten angeschrieben war, entfloh gar nach Erfurt. Darauf zog der Kaiser die st Ossts, llrsviroruin in Histoirs äs lliorrerius I. prsuvss p. 40. Von der Rückkehr der getauften Juden sprechen fast sännntliche Chroniken des ersten Kreuzzuges. 2) Väslrisus Labsubsr^snsis soäsx spistols.ru.in. dlo. 170. 94 Geschichte der Juden. Einkünfte seines Erzbisthums ein (1098 ^). Rnthard rächte sich dafür an ihm, indem er sich mit dessen Feinden verschwor, ihn zu demüthigen. Den Inden in Böhmen erging es aber in diesem Jahr sehr unglücklich. Auch sie hatten bei der Nachricht, daß der Kaiser die Rückkehr zum Judenthnm gestattete, das Scheinchristenthum schnell fahren lassen, fürchteten sich aber, im Lande zu bleiben, wo sie keine Gerechtigkeit fanden. Sie rafften daher ihr Hab und Gut zusammen, um es voraus zu senden, in Sicherheit zu bringen und dann selbst theils nach Polen und theils nach Panonien (Oesterreich und Ungarn) auszuwandern. Da kehrte der Böhmenfürst Wratislaw von seinem Kriegszuge zurück und erfuhr, daß die Juden ihre Reichthümer außer Landes bringen wollten. Sofort ließ er ihre Häuser mit Soldaten besetzen. Ein Kämmerer des Herzogs rief die Aeltesten zusammen, erklärte ihnen in dessen Namen, daß Alles, was sie besitzen, dem Herzog gehöre, daß es ein an ihm begangener Raub sei. „Bon Jerusalems Schätzen habt ihr nichts nach Böhmen gebracht. Durch Bespasian besiegt und um Spottpreis verkauft, seid ihr über den Erdkreis zerstreut worden. Nackt seid ihr ins Land gekommen, nackt möget ihr ausziehen. Wegen eures Abfalls von der Kirche mag der Bischof Cosmas mit euch rechten". Einer solchen Logik ließ sich nichts entgegensetzen; es war die Logik der schamlosen Gewaltthat Und so wurden die böhmischen Juden von Kopf bis zur Fußsohle ausgeplündert und ihnen nur so viel gelassen, als sie augenblicklich zur Stillung des Hungers bedurften. Mit einer gewissen Schadenfreude erzählt der chronikschreibende zeitgenössische Bischof, daß damals den Juden mehr Geld abgenommen wurde, als den Bewohnern Trojas ') Obronioon IlspsrAsnss und ungedruckte Chronik bei Schaab: die Juden von Mainz S. 12 f. 2) Cosrnas Üra^snsis bei Pcrtz raonnrnsnta XI. S. 103. Die Anrede des Kämmerers ist in Bersen wiedergegeben, die des merkwürdigen Inhalts wegen hier einen Platz finden mögen. O Asus prvASnita inarmsribns Isrnabslita! Ilb sibi ckioabis, äux raanclat, onr tuAiatis. lüb partis gratis our Za^as attsnnatis? Intsrsa gaasourngus ross, sunt, snnt. rasa, vnnota. Xnllas cks Lolirais rss äivioiasvs bulisbis Uno pro nnrnrao tsr äsni Vsspa.sia.no Oassars praesoripti, sparst sio sstis in orbs. iblsori vsnistns, inaori guo vnltns satis Hnoä baptnüati sibis, Osns ssb rnibi bsstns, Xon ins, ssck Oornino sunt isba snbsnts pabrata. Hnock autsrn itsrurn rslapsi ssbis in cknäarsrnura; Oosinas spisoopns viäsab, gnicl incls aZsrs clsbsat. Die Kreuzzügler in Jerusalem. 95 nach deren Besiegung von den Griechen. Es scheint, daß sie, ihrer Habe beraubt, die Auswanderung aufgegeben haben. Denn der zeitgenössische Geschichtsschreiber erzählt noch Manches von den böhmischen Juden, so daß einer unter ihnen, Namens Jakob, eine hohe Stellung als Stellvertreter des Herzogs einnahm ^). Schlimmer noch erging es den Juden von Jerusalem. Als das Kreuzheer unter Gottfried von Bouillon nach vielen Mühseligkeiten die heilige Stadt mit Sturm genommen und ein Blutbad unter den Mohammedanern angerichtet hatte, trieb es die Juden, Rabbaniten und Karäer untereinander, in eine Synagoge, steckte sie in Brand und bereitete ihnen einen qualvollen Tod (15. Juli 1099"). Das elfte Jahrhundert endete für die Söhne Jakobs eben so blutig, wie cs begonnen hatte. Dem Kaiser Heinrich war es aber mit der Be- schützung der Juden seines Reiches völlig Ernst. Er ließ bei seiner Anwesenheit in Mainz, als er den Schauplatz haarsträubender Mord- scenen gewahrte, Fürsten und Bürger einen Eid schwören, daß sie den Juden Frieden gewähren und sie nicht mißhandeln lassen würden (1103 2). Der Schutz, den der Kaiser den Juden bewilligte, war für sie nur für den Augenblick von günstiger Bedeutung, hatte aber nachtheilige Wirkungen in seinem Gefolge. Sie kamen dadurch in ein abhängiges, der Leibeigenschaft verwandtes Verhältniß znm Landesherrn. Dieser Umstand war aber nicht die einzige üble Folge des ersten Kreuzzuges für die deutschen Juden. Auf der einen Seite beanspruchte der Papst Clemens III. die unter Todesfurcht Getauften für die Kirche, uneingedenk dessen, daß sich ihr ganzes Wesen dagegen empörte und sie nur Verachtung und Haß gegen ein solches Christenthum empfinden mußten. Auf der andern Seite wollten sie die frommen, treugebliebenen Juden von sich stoßen, sie nicht mehr als ihresgleichen anerkennen, sich nicht mit ihnen verschwägern, sich nicht mit ihnen in Speise und Trank mischen, obwohl sie ihre Anhänglichkeit an das Judeuthnm durch ihre sofortige Rückkehr hinlänglich bekundet hatten. So wurden diese Unglücklichen von zwei Seiten als Abtrünnige und als Geächtete angesehen. Als aber diese engherzige Anschauung Raschi zu Ohren gekommen war, sprach er in seiner innigen Frömmigkeit sich entschieden dagegen aus: „Ferne sei es uns, uns von den Zurückgebliebenen abzusondern und sie zu beschämen! Alles was sie st Das. x. 112, 125, 18—28 aus den Jahren 1107, 1122, 1124. st Elmacin bei Willen, Geschichte der Kreuzzügs I. S. 296; Renaud in Uiebaaä's bibliotbsqas «Iss oroisaäsg IV. 92 nach Jbn-G'uzü st Onris, NoAnntias bei Pertz a. a. O. IV. 60. 96 Geschichte der Juden. gethan haben, geschah aus Furcht vor dem Schwerte, und sie hatten nichts Eiligeres zu thun, als zum Judenthnm zurückzukchren" Z. Schlimmer noch waren die Nachwehen des ersten Kreuzzuges. Der Sinn der deutschen Juden, der sich ohnehin zu übertriebener, büßender Frömmigkeit neigte, wurde durch die beispiellosen Leiden noch mehr verdüstert. Jeder Frohsinn war unter ihnen verscheucht, sie waren seitdem stets in Sack und Asche gekleidet. Es bemächtigte sich ihrer eine Gedrücktheit, der sie sich lange nicht entwinden konnten. Von der katholischen Kirche, die sie nicht genug verabscheuen konnten, nahmen sie nichtsdestoweniger den Brauch an, die Gräber ihrer Märtyrer, die sie auch Heilige (Uoäosollim) nannten, zn besuchen, dabei Todtengebete zu verrichten nnd sich deren Fürbitte im Himmel zu empfehlen. Das Judenthnm in Deutschland erstarrte seit der Zeit immer mehr zu einem düsteren Wesen. Freilich waren namentlich die Träger desselben von außerordentlicher Sittenstrenge; allein ihre Sittlichkeit hatte keinen Schwung, wie denn auch die Poesie bei den deutschen Juden keinen Eingang finden konnte. Ihre Dichter, wenn man sie so nennen darf, variirten nur die Klage über das grausige Leid und die Verlassenheit Jsrael's in Bußgebeten nnd Trauerliedern. Von den deutschen Poetanen, welche die Leiden des ersten Kreuzzuges in herzzerreißende, aber unpoetische Verse gesetzt haben, sind bekannt: Benjamin b. Chija, David b. Me schult am, David b. Samuel Halevi, Jakob b. Isaak Halevi, Kalonymos b. Jehuda aus Spei er und Samuel b. Jehuda aus Mainz"). Gegen die überhandnehmende, büßermäßige Richtung der deutschen Juden bildete der Talmud ein günstiges Gegengewicht. Das Talmudstudium, wie es Raschi angebant hat, schützte vor Verdumpfung, gedankenlosem Hinbrüten und mönchischem Wesen. Wer sich in den verschlungenen Gängen des Talmud zurechtfinden wollte, mußte das Auge für die Welt der Thatsachen stets offen haben, durfte sein Denken nicht einrosten lassen. Das tiefe Talmudstudium war der Balsam für die Wunden, welche das kreuzzüglerische Gesindel den Gemeinden der Rheingegend geschlagen hatte. Im Lehrhanse herrschte die Freudigkeit gedanklichen Schaffens, hier war keine Sorge, kein Trübsinn zn bemerken. Das Lehrhaus wurde auf diese Weise die Welt für die Unglücklichen. Die beiden Männer, welche dem Talmud- stndium Schwung und Tiefe gegeben haben, starben im Anfänge des Z Uasolli Uarclss x 23 dnIa.l>. Fünftes Kapitel. Drittes rabbinisches Zeitalter. Epoche des Joseph sssbn-Migasch und des Yehuda Halevi, j)bn - Lsra's und N. Tam's. Höhepunkt der jüdisch-spanischen Kultur. Lage der Juden unter den Almoraviden. Die jüdischen Wesire, Jbn-Almuallem, Jbn-Kamnial, Jbn-Mohag'ar. Der Polizeiminister und Astronom Abraham b. Chija. Die Rabbinen Joseph Jbn-Sahal, Baruch Jbn-Albalia, Joseph Jbn-Zadik, Joseph Jbn-Migasch. Die Dichter Jbn-Tabben, Jbn-Sakbsl und Jbn-Esra. 1105 — 1140. In Südspanien, wo die Cultur heimisch war, herrschten in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts die Almoraviden (Mora- bethen). Unter diesen lebten die Juden in gesicherter Ruhe; denn sie waren keine Fanatiker. Nur ein einziges Mal setzte sich der almoravische Fürst der Gläubigen Jussuff Jbn-Teschusin in den Kopf, die Juden seines Gebietes zur Annahme des Islam zu zwingen. Als er nämlich durch Lucena reiste und die reichbevölkerte jüdische Gemeinde wahruahm, welche durch AlfLßi die tonangebende in Spanien geworden war, ließ ir deren Vertreter zusammenrufen und verkündete ihnen Folgendes: Er habe in einem Buche eines mohammedanischen Theologen gelesen, Mohammev habe den Juden nur Religionsfreiheit bewilligt unter der Bedingung, daß der von ihnen erwartete Messias innerhalb eines halben Jahrtausends eintreffcn werde. Sollte derselbe bis zum Jahre 500 der Hegira nicht erscheinen, dann müßten die Inden ohne Widerrede Mohammed als den letzten Propheten anerkennen und den Islam annehmen. Die Juden seien damals diese Bedingung eingegangen. Da nun diese Frist beinahe abgelaufen sei, so verlangte er, der Fürst der Gläubigen, daß sie diese Bedingung erfüllen mögen, sonst würde er ihnen den bis dahin eingeräumten Schutz entziehen und sie für vogelfrei erklären (1105). Indessen brachten ihn die von den Juden Luceua's zusammcugebrachten Summen und der kluge Wesir Abdallah Jbn-Ali von diesem Vorhaben ab*). 0 Oouäs la cloratimoiou sie. II. o. 23. p 108. 7 2 100 Geschichte der Juden. Unter dem zweiten almoravidischen Herrscher Ali (1106 — 1143) lebten die Juden nicht nur unangefochten, sondern Einige von ihnen wurden mit der Einnahme der Kopfsteuer von der jüdischen und christlichen Bevölkerung betraut Z, andere ausgezeichnete Männer erhielten eine Ehrenstellung an seinem Hofe. Wissenschaft und Poesie waren auch unter ihm die Beförderungsmittel zu hohen Aemtern. Ein jüdischer Arzt und Dichter, Abn-Ajnb Salomon Jbn- Almuallem aus Sevilla, war Leibarzt des Chalifen Ali und führte den Titel Fürst und Wesir"). Von seinen Dichtungen urtheilt ein Kunstrichter, daß sie die Lippen der Stummen beredt nnd das Auge der Blinden hellsehend machten ^). Eine hohe Stellung am Hofe Ali's nahm auch der Arzt Abulhassan Abraham ben Meir Jbn-Kamnial aus Saragossa 4) ein, der ebenfalls den Titel Wesir führte. Die größten Dichter der Zeit verherrlichten ihn wegen seines Gesinnungsadels, seiner Freigebigkeit und seiner Theilnahme an dem Schicksal seiner Glaubensgenossen in schwungreichen Versen. „Ein Fürst, der zwar auf Erden wandelt, aber sein Ziel in den Sternen hat. Er eilt dem Blitze gleich, Milde zu üben, während die Andern schleichen. Die Thüren seiner Spenden sind Heimischen und Fremden geöffnet. Durch sein Vermögen rettete er die dem Tode Geweihten und gab Leben den dem Untergange Verfallenen." — „Der Fürst (Jbn-Kamnial) ist für sein Volk Schutz und Wehr; er weilt in Spanien, seine Liebe aber reicht bis Babylonien und bis zum Egypterlaud" ^). Den Titel Wesir führte auch Abu-Jschak Jbn-Mohagar°), den dieselben Dichter durch Verse verewigten. Hochgerühmt von Zeitgenossen wird der Fürst Salomo Jbn-Farußal. Er stand vermuthlich im Dienste eines christlichen Fürsten und wurde mit einer Sendung an den Hof von Murcia betraut. Kurz vor der Schlacht bei Ucles, wo die mohammedanischen Waffen über die christlichen abermals einen entscheidenden Sieg errangen, wurde Jbn-Farußal ff Das. o, 25 S. 414. ff Divan des Jehuda Halevi bei Geiger, S. 120; Maimuni's Aphorismen bei Munk in arellivss israslitss 1851, S. 326, Note. Das Gedicht (Oinss Oxlorä, S. 18) stammt nach einer Ueberschrift von Jbn-Almuallem. ff Alcharisi Lalllllrsmoiii, Pforte III. ff Edelmann hat richtig combinirt, daß der Abraham b. Metr, dem Mose Jbn-Esra seinen Tarschisch gewidmet hat, identisch ist mit Abulhassan Jbn- Kamnial, (Hass Oxtorä XIV. 1. Ihm widmete auch Jehuda Halevi sieben Gedichts, Luzzatto Ustmlat, bat-llslluäa.. S. 19. Vergl. über ihn als Arzt Munk a. a. O. aus Maimuni's Aphorismen. ff Mose Jbn-Esra larsabisoli bei Luzzatto Lsrsm Ollsrasck IV. S. 69, 70. ff Desselben Divan das. S. 92 und Ustmlab S. 20. Abraham ben Chija. 101 ermordet (1108, 20. Jjar — 2. MaiZ. Der junge Dichter Jehuda Halevi war gerade mit einem übersprudelnden Lobgedichte zu dessen feierlichem Empfange von seiner wichtigen Reise beschäftigt, als die Trauerbotschaft von der Ermordung des Besungenen eintraf. Darauf wandelte der Dichter das Jubellied in eine kunstvolle Elegie um. Eine hohe Stellung unter einem andern mohammedanischen Fürsten nahm auch der astronomische Schriftsteller Abraham b. Chija Albargeloni (geb. 1065 st. 1136) ein; er war eine Art Polizeiminister (2avbib as-Loborta) und führte ebenfalls den Titel „Fürst". Er hielt sich eine Zeit lang in Soria (in Altcastilien) auf und im Alter in der catalonischen Hauptstadt Barcelona ^). Wegen seiner astronomischen Kenntnisse stand er bei Fürsten in hohem Ansehen disputirte mit gelehrten Geistlichen, bewies ihnen die Richtigkeit des jüdischen Kalendersystems und widerlegte den Einwurf, daß die Juden im neunzehnjährigen Cyclns zwei Mal das Passahfest um einen Monat zu frühe feierten ^). Vier Schriften verfaßte Abraham b. Chija über Astronomie und theoretische und Praktische Kalenderberechnung, wobei er auch auf die Zeitrechnung der Christen, Mohammedaner, Syrer, Perser und Egypter Rücksicht nahm. Auch über Moraltheologie schrieb er ein kleines Werk, das keine besondere Bedeutung hat^). Er huldigte aber auch der Afterwissenschaft der Astrologie und stellte das Hor> scop für günstige und ungünstige Tageszeiten. Einst wollte er einen Bräutigam hindern, sich zur Trauung zu begeben, weil gerade die dazu bestimmte Stunde von dem Unheil bringenden Sternbilde Mars beherrscht sei O), wurde aber dafür von den Frommen getadelt, weil das Horoscopstellen nach dem Talmud verboten sei. Das hinderte ihn aber nicht, nach astrologischem Verfahren zu berechnen, daß der Messias im Jahre 5118 der Welt (1358) erscheinen werde ^). Obwohl es solchergestalt nicht an einflußreichen, wissensfördernden, freigebigen Männern in diesem Zeitabschnitt auf der pyrenäischen Halbes Gedicht von Jehuda Halevi, mitgetheilt von Schorr in Olls-Irm I. p. 15l f. Graetz, Blumenlese 83. 15; mnu p bedeutet vielleicht Schwestersohn des Gläsllns lo. S. 72). Statt 1105 ist das Datum richtiger 1108. Die Schlacht von Ucles fand statt am 29. Mai 1108. 2) 8slsr ba-Ibbar sä. UiliporvsIU lLondon 1851) 4. Tabellen das. S. 119. r>s^ bedeutet auch hier Catalonien; vergl. o. S. 69, Aumerk. 5, vergl. Lsrsrn Gllsrnsä VII. 77 f., woraus das Todesjahr hervorgeht; auch Rapaport's Einl. zu UsArori. Im-Dlstssvli. b) Schreiben an Jehuda Albargeloni in Ilsrsrn Gllsrasä VIII. S. 59. ^) 8stsr üa-Ibbnr, x. 45. 5) Usgion Ira-Uslssoll sä. Freimann (Leipzig 1860). °) Schreiben an Jehuda Albargeloni a. a. O. h NsAillat 1ia-VlsAs.11sll bei Filipowski a. a. O. 102 Geschichte der Juden. insel gefehlt hat, so bildete doch Keiner von ihnen einen Einigungspunkt gleich Chasdai Jbn-Schaprut und Samuel Jbn-Nagrela, die schlummernden Kräfte zur Entfaltung zu wecken, oder der literarischen Thätigkeit die Richtung vorzuzeichnen. Es gab keinen festen Mittelpunkt, dem sich die Geister wie einer belebenden Sonne zuwenden konnten; aber die Zeit bedurfte dessen nicht mehr. Der Wetteifer für sämmt- liche Fächer göttlichen und menschlichen Wissens war so mächtig, daß er nicht mehr von oben, von einer hochgestellten Persönlichkeit, angeregt zu werden brauchte. Die erste Hälfte des zwölften Jahrhunderts hat ein wahres Füllhorn genialer Männer im jüdischen Kreise ausgeschüttet, Dichter, Philosophen, Talmudisten, und ihre Erzeugnisse tragen fast sämmtlich den Stempel der Vollendung. Das jüdische Culturleben in dieser Zeit glich einem veredelten Garten, reich an duftenden Blüthen und saftigen Früchten, dessen Erzeugnisse, wie verschieden auch an Farbe und Geschmack, doch gleich an Pracht und Werth, in demselben Boden wurzeln. Der kleinliche Neid, über den sich Menahem b. Saruk und Jbn-G'ebirol zu beklagen hatten, die feindliche Stimmung, die zwischen Jbn-G'anach und Samuel JbmNagrela, zwischen AlfLßi und Jbn-Albalia herrschte, waren aus dem Kreise der Culturträger dieser Zeit verbannt. Die Dichter besangen einander und priesen die Männer, welche andern Wissenszweigen zngewendet waren, ans voller Seele. Sie nahmen den innigsten Antheil an den gegenseitigen glücklichen Ereignissen, trösteten einander und betrachteten einander in Wahrheit als Glieder einer einzigen Familie. Die Seeleneinigkeit, welche unter den Trägern der jüdischen Wissenschaft und Poesie in dieser Zeit herrschte, legt das vollgültige Zengniß für deren Gesinnnngsadel und reiche Begabung ab. Die Geschichte hat Mühe, die Fülle der genialen Persönlichkeiten ans dieser Zeit in Spanien aufzuzählen und sie würdig zu schildern. Ausgezeichnete Rabbinen hat dieser Zeitabschnitt sieben ausgestellt, meistens Jünger Alfnßi's, die neben dem Talmudstudium tiefen Sinn für Poesie und Wissenschaft bekundeten oder sie selbst pflegten. Ein Bruder des genannten Wesirs Abu-Jschak Jbn-Mohagar mit Namen Abu-Sulaiman David Jbn-Mohagar*), war Rabbiner (vajan) in Granada. Jünger Alfaßi's, verfaßte David ein systematisches Werk über die talmudische» Bestimmungen der Ehescheidung; ein Sohn spanischer Cultnr, beschäftigte er sich mit der hebräischen Grammatik, schrieb ein Werk darüber (8stsr im - Uslaobiin) und brachte seine Huldigung dem Dichtergenins dieser Zeit dar. ') Vergl. über ihn Note 6. Die Rabbiner nnd Dichter in Spanien. 103 Ein anderer Jünger AlsLßi's, Abulfatach Eleasar b. Nachman Jbn-AsharU, war Rabbiner in Sevilla. Es ist nur wenig von ihm bekannt, nnd eigentlich nur das, was die Muse von ihm verewigt hat. Jbn-Ashar war reich, angesehen, dichterisch begabt und stand mit den beiden größten Dichtern der Zeit, mit Mose Jbn-Esra und Jehuda Halevi in freundschaftlichem Verkehr. Uebertreibend sang der Erstere von ihm: „Wenn die Sterblichen der Gerechtigkeit entblößt sind, so bekleidest Du sie, o Fürst, mit Deiner Tugend Gewand. Sind sie von thicrischer Unreinheit besudelt, so weihst Du sie wieder mit Deines Herzens Lauterkeit. In Deiner Linken ist Neichthum und mit Deiner Rechten befruchtest Du die Dürre. Gott hat Dir Vorzug vor den Sterblichen verliehen, wie er den Mann über das Weib gestellt. Singst Du ein Lied, so schweigen die Dichter, öffnest Du den Mund, so verstummen die Hörer bescheiden." Bei seinem Tode verfaßte derselbe Dichter eine Elegie, von der der Anfang lautet: „Die Sonne ging unter, er sank in den Staub, Darob verdunkelt sich der Himmel und die Sterne erblassen" ^). In Cordova fungirte als Rabbiner der als Weise nnd Dichter gerühmte Abu-Amr Joseph b. Jakob Jbn-Sahal (geb. um 1070, fungirte 1103, st. 1124^), ein Jünger des Jbn-Giat. Er scheint im beginnenden Mannesalter mit Ungemach gekämpft zu haben und klagte in seinen Versen über persönliche Verkennung und Mißachtung der Poesie. An Mose Jbn-Esra, mit dem er einen Herzensbund geschlossen hatte, schrieb er einen Brief in Versen ^), worin die Klage vorkommt: „O, daß ich bei Thieren, bei Schafheerdcn weilen muh! Wende ich mich rechts, kennt mich Niemand, und links, werde ich nicht beachtet. Klage ich über Unrecht, finde ich kein Gehör, Finde keine Ruhe, schwanke wie Binsenrohr." Darauf tröstete ihn der Freund, der selbst des Trostes bedurfte, mit einem Gedichte in demselben Versmaß und Reim gehalten^): U Divan des Mose Jbn-Esra Nr. 192 Lsrsra Ollsrasä IV. 93 und Dukes Mose Jbn-Esra S. 103, 19. Vergl. über dessen Aufenthaltsort Rotel, I. Der im Divan Jehuda Halevi's vorkommende Nachman Jbn-Ashar (Us- tulut 2V) ist entweder derselbe oder dessen Vater. Mose Jbn-Esra, Divan Nr. 10. Hsrsru Ollsrasä das. 8ö. Statt p nun muß man lesen: i.nm p. Derselbe, Poetik; vergl. Note 1, l. und Abraham Jbn-Daud. Ders. Diva'n bei Dukes Mose Jbn-Esra, S. 101. Nr. 11. ö) Das. 103, ILsrsru Ollsrusä das. 89. 104 Geschichte der Juden. „Womit soll ich dem Meister der Wissenschaft danken Für die Auszeichnung, die er mir gewährt? Die Zeit vergeht wie Moder, aber die Liebe ist ewig." Die Verse des Joseph Jbn-Sahal sind leicht, fließend, glatt, wenn auch ohne Pracht und Reichthum. Seinen innig religiösen Sinn bekundet er in demselben Gedichte an seinen Freund Z: „Wenn das Verhängnis; dich peinigt, so besiege es mit starker Seele. Thürmen Meereswogsn sich über Dein Haupt, so setze ihnen ein starkes Herz als Damm entgegen. Vertraue auf Gott, dessen Gnadenspende gleich dem Sternenheer unermeßlich ist. Die Zeit kann Dir Nichts geben, Nichts nehmen. Auf ihn allein vertraue, verfolgt Dich der Feind und umschwirren Dich die Pfeile." Als eine bedeutende talmudische Autorität galt seiner Zeit Baruch b. Isaak Jbn-Albalia aus Cordova, (geb. 1077, st. 1124 ^). Im siebzehnten Lebensjahr wurde er Jünger und Adoptivsohn von seines Vaters ehemaligem Gegner AlfLßi (o. S. 78) und eignete sich von demselben die gründliche Behandlung des Talmud an. Philosophisch gebildet, reich und durch einen alten Adel hervorragend, wurde Baruch Albalia bei jedem Anlasse von den Dichtern seiner Zeit aus voller Seele gefeiert: „Dem Verschmachtenden ist er frischer Quell, Licht dem im Dunkel Tastenden. Segen ist er, wie sein Name lautet" (Baruch). so sang von ihm der Dichterkönig seiner Zeit Er erzog einen Kreis von Jüngern, unter ihnen den später berühmt gewordenen Geschichtsschreiber Abraham Jbn-Dand. In Nordspanien war Jehuda b. Barsila'i aus Barcelona eine talmudische Autorität dieser Zeit, Jünger des Isaak b. Rauben. Von seinen Lebensumständen ist weiter nichts bekannt, als daß er mit dem Astronomen Abraham b. Chija (o. S. 101) befreundet war Z. Jehuda Albargeloni verfaßte mehrere talmudische Werke über Ehegesetze und Festeszeiten (8etsr bu-lttim), die sehr geschätzt waren °). Obwohl philosophisch gebildet und Verfasser eines Commentars zum „Buche der Schöpfung", hatte dieser Rabbiner von Barcelona bereits Mißtrauen gegen die freie philosophische Forschung. Man dürfte nicht, meinte er, philosophische Sätze vom ersten besten aufnehmen, sondern sich nur den Ergebnissen der als fromme Rabbaniten bewährten Denker anvertrauen, wie Saadia, Samuel b. Chofni und allenfalls David r, Das. Dukes, S. 101, Nr. 11. 2) Abraham Jbn-Daud. b) Bei Luzzatto llsimlat S. 2b, vergl. 6-iuss Oxlorä XIII. Z Xsrsra Obsrasä VIII. 58. 5) Vergl. Asulai Labsru ba-Osäolim sä. Lsii-äaoob, p> 64, Nr. 22. Joseph Jbn-Zadik. 105 Almokammez, weil man sonst Gefahr liefe, dem Unglauben zu verfallen st. Berühmter als diese war der Rabbiner von Cordova, Abn-Amr Joseph b. Zadik-Jbn-Zadik (geb. um 1080, st. 1148—49 st, Nachfolger des Joseph Jbn-Sahal im Rabbinate. Obwohl Jbn- Zadik als ein tiefer Kenner des Talmud gerühmt wird, so verfaßte er doch kein talmudisches Werk, sondern lediglich philosophische in arabischer Sprache, eine Logik und eine religionspchilosophische Schrift (OIuw Luton st Lllarooosmos), und obwohl als ein höchst frommer Rabbiner geschildert, war er nicht nur mit Plato und Aristoteles vertraut, sondern hatte auch die Schrift eines Karäers, des Joseph Albaßir, benutzt st — sicherlich der erste Rabbanite, der dem Karäer- thum ein solches, wenn auch geringes Zugeständniß machte. Das religionsphilosophische Werk verfaßte Jbn-Zadik für seine Zeitgenossen, die er als das niedrigste ddr vorangegangenen Geschlechter, versunken in Begierden, Unwissenheit und Blindheit, schildert st, um sie durch eine leichte Methode zur Erkeuntuiß der höchsten Wahrheiten zu erheben. Er widmete es einem Jünger, der ihn nach der Natur des höchsten Gutes, das der Mensch zu erstreben berufen sei, fragtest. Seine Methode besteht darin: während die Religionsphilosophen die höchste Erkenntniß auf dem laugen Wege der Mathematik, der Musik, der Astronomie und der Dialektik erreichen lassen, macht sich diese anheischig nachzuweisen, daß der vernunftbegabte Mensch sie ohne diese mühsame Vorbereitung aus sich selbst schöpfen könne. Der Mensch ist eine Welt im Kleinen; in ihm spiegeln sich zwei Welten ab, die endliche und die unendliche. Durch Selbsterkenntniß vermöge der Mensch zu der Wahrheit zu gelangen, ohne welche das Leben ein verfehltes sei. Neu sind nun die Gedanken keineswegs, die Jbn-Zadik aufgestellt, es sind vielmehr die gangbaren der arabischen Zeitphilosophie; er wendete sie nur auf das Judenthum an. Die Selbsterkenntniß führe zu Gotteserkenntniß, zum lauteren Gottesbegriffe und zur Annahme einer Weltschöpfung aus Nichts durch den göttlichen Willen. st Luzzatto in Hs-Iialrot Lsclsrn 60 und 72. Orient. Litbl. 1847, 217 f. Abraham Jbn-Daud und Mose Jbn-Esra, Note 1, I. st Herausgegeben von Jellinek 1854, mit einer literarhistorischen Einleitung. st Das von ihm citirte Buch Mansuri des Abu-Jakub (x. 43, 46, 7V) ist von Joseph Roeh; vergl. darüber Pinsker I-ilrnts Beilagen und Noten x. 196. st Olarn Laton Eingang S. 1 und S. 74. st Das. Eingang. 106 Geschichte der Juden. Das höchste Gut sei eben diese Gotteserkenntniß und die Vollstreckung seines heiligen Willens. Dieser Wille ist in der Offenbarung, der Thora, enthalten. Diesen seinen Willen offenbarte Gott nicht um seiner selbst willen — da er reich, bedürfnißlos und selbgeuügsam ist — sondern lediglich um die Glückseligkeit der Menschen jenseits zu fördernZ. Die erste Pflicht des Menschen, des Juden, des Gottesdieners seif seinen Geist zu pflegen, sich Weisheit und Einsicht anzueignen; denn nur dadurch vermöge er seinen Gott auf eine würdige, geistige Weise zu verehren und sich die Freuden des jenseitigen Glückes zu erringen. Nebenher bemerkt Jbn-Zadik, daß auch die rituellen Pflichten des Judenthums, wie der Sabbat, vernunftgemäß seien und göttliche Weisheit verkünden °). Da der Mensch Willensfreiheit hat, so ist es in der Ordnung, daß die Gottheit Lohn und Strafe für seine Handlungen bestimmt hat. Lohn und Strafe seien aber nicht leiblicher Art zu verstehen. So wie die Belohnung der Seele nur darin bestehen könne, daß sie mit ihrem Urquelle, dem Allgeiste vereint werde, so darf die Strafe auch nur so gedacht werden, daß die durch Verbrechen und Sünde befleckte Seele ihr Ziel nicht erreichen könne. Jedes Wesen strebe seinem Grunde zu, um die Vereinigung mit ihm wiederherzustellen. Der der Erde enthobene Stein falle wieder der Erde zu, wenn er sich frei bewegen kann; die von der allgemeinen Atmosphäre getrennten Lufttheilchen beeilen sich, sich wieder mit ihrem Elemente zu vereinigen. Eben so erstrebe der den körperlichen Banden entronnene, freie Geist die Vereinigung mit seinem Ursprung. Hingegen vermöge die mit irdischen Schlacken behaftete und gebundene Seele des Sünders nicht den Himmelsflng anzutreten, flattere vielmehr im Weltall ruhelos umher, und das eben sei ihre Strafe. Das Eintreten der Messiaszeit und die Auferstehung, die Jbn-Zadik als gewiß eintreffend voraussetzt, vermochte er nicht gedankenmäßig darzustellen. Da er kein tiefer Denker war, so war er nicht im Stande, den gewaltigen Widerspruch, welcher zwischen der Annahme einer ewigen Glückseligkeit für die dem Leibe entrückte Seele in Vereinigung mit Gott, und dem Glauben an die Rückkehr der Seele in ihr leibliches Gefäß liegt, zu bewältigen; er eilt daher über diesen Punkt hinweg. Jbn-Zadik's philosophisches Werk ist wegen seiner Mittelmäßigkeit von den Zeitgenossen und der Nachwelt wenig beachtet worden. Auch sein Dichterruhm ist nicht bedeutend, obwohl seine liturgischen und weltlichen Verse leicht und gefällig sind; aber sie U Die für die Auffassung des Judenthums wichtigen Punkte sind im vierten Abschnitt von S. 57 an zusammengestellt. 2) Das. S. 61. In Zeile 17 verräth sich eine Lücke. Joseph Jbii-Migasch. 107 entströmten nicht dem Drange eines übervollen Dichtergemüths, sondern sind gewissermaßen nur ein Zoll an die Mode. Sämmtliche Zeitgenossen der spanischen Schule übertraf an tiefer Talmudknnde Joseph b. Meilr Jbn-Migasch Halevi (geb. Adar 1077, st. Jjar 1141 Z. Enkel eines am Hofe der Abba- diden zu Sevilla angesehenen Mannes und Sohn eines gelehrten, geachteten Vaters, der mit Isaak Jbn-Albalia befreundet war, genoß Jbn-Migasch zuerst den Unterricht seines Vaters und wurde im zwölften Jahre Jünger der AlfLßi'schen Schule, die er vierzehn Jahre ununterbrochen besuchte. Sein Meister war stolz auf ihn, und die Zeitgenossen betrachteten ihn als dessen natürlichen Nachfolger. Als Jbn-Migasch während seiner Jüngerschaft heirathete (um 1100), dichtete der junge Jehuda Halevi ein feuriges Hochzcitslied, worin er das junge Ehepaar besang; er drückte sich überschwenglich über ihn aus: „Das Levitenthum erhebt sich durch ihn über der Aaroniden Geschlecht und spricht: Ich bin das Haupt und Joseph ist meines Hauptes Krone^). AlfLßi selbst, der ihn ordinirte, sagte von ihm: seinesgleichen habe sich in Mose's Zeitalter nicht gefunden ^). Noch vor seinem Tode ernannte er Jbn-Migasch zu seinem Nachfolger im Rabbinate der Hauptgemeinde Lucena, und darin zeigte sich abermals Alfußi's edler Charakter. Denn obwohl er einen gelehrten Sohn hinterließ, so zog er doch seinen begabten Jünger vor und empfahl ihn zum Rabbinen^). Die Wahl des Sechsundzwanzigjährigen zu einem so bedeutenden Amte scheint von einigen Mitgliedern angefochten worden zu sein, und die Bestätigung derselben (Siwan — Mai 1103) besang derselbe Dichter als einen über Gegner errungenen Sieg: „Heute hat die Wahrheit gesiegt, Das Recht ist in sein Amt gesetzt, Die Lehre hat ihre Würde erlangt — Deine Feinde sind mit Schmach bedeckt^). Joseph Jbn-Migasch verdiente auch das Lob, das ihm der Dichter spendete, wegen seines Geistes und seiner hohen Gesinnung. Seine Abkunft aus altem, edlem Geschlechts, seine hohe Stellung als Oberhaupt der angesehensten Gemeinde raubten ihm nicht die Bescheidenheit, der Ernst des wichtigen Amtes nicht die Sanftmuth. Vor seinem zahlreichen Jüngerkreise legte er in der Weise seines ') Abraham Jbn-Daud. 2) Luzzatto Lstulst S. 37 ff. Graetz, Blumenlese 76, 77. 2) Abraham Jbn-Daud. ch SaadiaJbn-Danan in Lbsracis Osuuss S. 30s,; Abraham Jbn-Daud. ö) Divan des Jehuda Halevi in Otiuss Oxtorä XIII. f. 108 Geschichte der Juden. Lehrers AlfLßi aus, tiefeingehend, scharfsinnig, kritisch, und in diesem Sinne arbeitete er seine Commentarien zu mehreren talmudischen Traktaten unter dem Titel „Geheimrolle" Z ans. Schon beim Leben genoß Jbn-Migasch einen ausgebreiteten Ruf als talmudische Autorität und als Mann von Gesinnung. Von nah und fern ergingen Anfragen an ihn, und er beantwortete sie gutachtlich mit ebenso viel Klarheit wie Gründlichkeit. Mit einer bei Gelehrten seltenen Wahrheitsliebe gestand er ein, sich geirrt zu haben, und widerrief seine irrthümliche Ansicht"). So milde aber auch sein Charakter war, so verfuhr er doch mit äußerster Strenge, wenn es galt, das Wohl der Jndenheit zu wahren. Spanien war nämlich damals in hohem Grade aufgeregt und in Parteiungen gespalten. In Andalusien standen die Nationalaraber den siegenden almoravidischen Berbern gegenüber und führten mit einander einen bald heimlichen, bald offenen Krieg. Die in der Gegend von Granada angesiedelten Christen (die Mozarabi) machten heimlich eine Verschwörung gegen ihre mohammedanischen Zinsherren, riefen den Eroberer Saragoffa's, Alfonso von Aragonien, herbei und versprachen ihm Granada zu überliefern. Das christliche Spanien war nicht minder zersplittert. Obwohl Castilien und Aragonien mit ihren Nebenländern durch die Ehe zwischen Alfonso von Aragonien und Urraca, Königin von Castilien, der Tochter Alfonso's VI., vereint sein sollten, so hat gerade diese unglückliche Ehe sie mehr denn je getrennt. Eine Partei hielt es mit dem König, eine andere mit der Königin und eine dritte gar mit dem jungen Jnfanten Alfonso VII., dessen Erzieher ihn gegen Mutter und Stiefvater zugleich aufstachelten. Oefter sah man Christen und Mohammedaner unter einer Fahne kämpfen, bald gegen einen christlichen Fürsten, bald gegen einen mohammedanischen Emir. Bündnisse und Bundesbrüche folgten schnell aufeinander. Falschheit und Vcrrath kamen täglich vor, und selbst hochgestellte Geistliche wechselten die Partei, bekämpften ihre ehemaligen Bundesgenossen und standen ihren früheren Feinden bei. Die Juden Spaniens blieben bei dieser anarchischen Bewegung sicherlich nicht unbetheiligt, und freiwillig oder gezwungen hielten die Einen zu dieser, die Anderen zu jener Partei, je nachdem das Interesse oder die politische Gesinnung es erheischten. Aber wenn Christen oder Mohammedaner Verschwörung anzettelten, so konnten sie im Falle des Verrathes bei ihren mächtigen Glaubensgenossen Schutz finden. *) Serachja Halevi zu Labs Nssis. I. Anfang und an andern Stellen; vergl. Asulai s. v. 2) Fsbits. illslenbsLst zu Labs. iKsma sä. ^.rnst. x. 203 a unten. Joseph Jbn-Migasch. 109 Die Juden aber entbehrten dieses Schutzes und konnten ihn nur in der eigenen Mitte, in dem festen Zusammenhalten untereinander haben. Berrätherei aus der eignen Mitte war um so verderblicher für sie, als die Strafe eines erzürnten Fürsten nicht bloß die Verschwörer oder die Gemeinde, sondern die Judenheit des Landes überhaupt betroffen hätte. Als daher in der Gemeinde Lucena einst ein Verräther seine Glaubensgenossen anzugeben gedachte, vollzog der Rabbiner und Richter Joseph Jbn-Migasch eine exemplarische Strafe an demselben. Er ließ den Angeber am Versöhnungstage, der damals auf einen Sonnabend fiel, in der Dämmerungsstunde durch Steinigung hinrichten *). Sicherlich stand das Wohl der ganzen Gemeinde damals auf dem Spiele, sonst würde der milde Rabbiner nicht eine so harte Strafe über den Verräther verhängt haben. Als dieser hochangesehene Rabbiner von Lucena starb (Ende Jjar — Mai 1141), hauchte ein Dichter Mar-Jekutiel eine rührende Elegie auf ihn aus: „Das Wehklagen dringt bis Babel, es weinet bitterlich Egypten, da sie hörten, daß das Lehrhaus verwaist ist. Schmerzlich fragen sie einander: wo ist die Bundeslads? Die Gesetztafeln sind nun zum zweitenmale zerbrochen. Die Thora ist ihres Schmuckes entkleidet am Todestag des Gaon. Die Himmlischen beneideten die Sterblichen um jenes Geisteslicht und versetzten es von der Erde in den Himmel. Zu Gott stieg seine Seele auf, und die Himmelschar kam ihr jubelnd entgegen"^). Joseph Jbn-Migasch hinterließ einen gelehrten Sohn Me'ir und einen großen Kreis von Jüngern, darunter auch Maimun aus Cordoba, dessen Sohn einen Wendepunkt in der jüdischen Geschichte eröffnen sollte. In dem Maße als das Talmudstndium in Spanien einen Aufschwung nahm, trat in Bibelerklärung und Pflege der hebräischen Grammatik in diesem Zeitabschnitte eine Erschlaffung ein. Diese Fächer wurden nicht weiter fortgeführt. Nur zwei hebräische Sprachforscher nennt die Erinnerung dieser Zeit: Abulfihm Levi b. Joseph Jbn-Tabbsn (oder Altabben aus Saragossa und Jakob b. R-sspousa llsllncta ^sallsri p. Söll. 2) Vergl. über diese Elegie Graetz, Blumenlese S. 112. 2) Vergl. Note 1. II. Die richtige Aussprache des Namens gisbt Charisi, der Tabbän mit Matbsn reimt, falsch bei Geiger und Andern: Thabban, noch sinnloser, den Namen mit Tibbon zu identificiren. Bei Charisi lautet der Name des Vaters Joseph. Es ist nun die Frage, ob dieser Levi b. Joseph identisch ist mit jenem Levi b. Jakob, von dem liturgische Stücke im Cyclus von Tripolis und Avignon Vorkommen (Sachs, religiöse Poesie S. 290). Der Name Abulfihm kommt in der Einleitung zum Divan des Jehuda Halevi (bei Geiger Divan S. 169) vor. 110 Geschichte der Juden. Eleasar aus Toledo. Der Erstere, ein Freund des Dichters Jehuda Halevi, verfaßte eine hebräische Grammatik in arabischer Sprache unter dem Titel „der Schlüssel" (Nastssob), deren Werth unbekannt ist; aus einem seiner Verse zu schließen, war er kein Meister darin. Auch seine Poesie scheint nicht sehr wohlklingend gewesen zu sein; denn ein unparteiischer Knnstrichter beurtheilte seine Leistung und die seines Bruders folgendermaßen: „Levi und Jakob, die Söhne Tabbän, dreschen Verse gleich Stroh" st. Sein Freund rühmte zwar Jbn-Tabbäns Muse außerordentlich und sang von ihm: „Wie sollte der Gesang nicht dein Wirken sein, bist du doch König des Liedes!" st. Indessen sind solche Ueberschwänglichkeiten ans Rechnung der Freundschaft zu setzen, die gern den Mund voll nimmt. Man kennt indcß nur liturgische Gebetstücke von Jbn-al-Tabbän, von denen eines die innige Sehnsucht der Seele nach ihrer himmlischen Heimath ansdrückt. In einem Stücke schildert Jbn-al-Tabbäu die Leiden der Gemeinde, die sie wahrscheinlich während der Kriege Alfonso's von Aragonien um Saragossa bis zu dessen Eroberung (1118) erduldet hat: „In die Gewalt von Herrschern, die wie Schlangen beißen, sind sie geliefert; es kamen Männer und raubten Frauen, wie es ihnen gefiel. Wehrlos werden die Starken weggeführt, ruhelos irren sie als Flüchtlinge umher" st. Abnlhassan Esra f?> Jakob b. Eleasar verfaßte ein grammatisches Werk „die Vollendung" (Im - 8olmlew) genannt, worin er, nach einigen Bruchstücken zu nrtheilen, gute syntaktische Bemerkungen machte. Um die Lesart des Bibeltextes festzustellcn, benutzte er den aus Hilla stammenden Bibelkodex (Lstsr Hillnli), der als alt und correkt galt. Ben-Eleasar wollte aber auch als Ritter für die hebräische Sprache auftreten, die, wie er klagt, von Arabern und arabisirenden Jude» wegen ihrer Armuth und Ungelenkigkeit verachtet und der arabischen nachgesetzt werde. Er wollte daher Nachweisen, daß sic mit der arabischen einen Wettlauf anzustelleu vermöge, und dichtete (1133) zu diesem Zwecke Sprüche und Epigramme. Aber seine Verse sind nicht im Stande, die hebräische Muse zu Ehren zu bringen, sie sind lahm und aller Anmuth bar. Der Dichter Mose Jbn-Esra, dem der Verfasser seine Verse zugesendet, spöttelte darüber in einem Gedichte, das wie Lob klingt st. st Charisi Rs-olrlrsraoni Pforte III. st Ormr Usoliiimä redigirt von Blumenfeld II. S. 81 — 83. st Sachs a. a. O. st Osar Usolrrrmä II. S. 159 ff. In M. Jbn-Esra's Poetik wird ein Name Abnlhassan Esra b. Eleasar erwähnt, der wahrscheinlich mit dem Grammatiker identisch ist. Die neuhebräische Poesie. 111 Wenn diese Zeitepoche ziemlich arm an Forschern der heiligen Schrift und der Sprachknnde war, so war sie desto reicher an Dichtern. Die hebräische Sprache war seit den zwei Jahrhunderten von Ben-Labrat an so biegsam und geschmeidig geworden, daß wenig Kunst dazu erforderlich war, Verse zu machen und Reim und Maß zu handhaben. Die Knnftformeu, welche namentlich Salomon Jbn-G'ebirol erweitert hatte, fanden mehr oder weniger glückliche Nachahmung. Die Mode der Araber, den Inhalt eines Briefes an Freunde zu versificiren, welcher die spanischen Inden huldigten, machte die Dichtkunst z» einem Bedürfniß; wer nicht als ungebildet erscheinen wollte, mußte reimen lernen. Die Zahl der Gedichte, welche gerade in dieser Zeitepoche zu Tage gefördert wurden, ist Legion. Doch nur wenige enthalten wahre Poesie. Zu den nennenswerthen Dichtern gehören außer den schon, genannten, die sich auch mit andern Fächern beschäftigt haben, Inda Jbn-Giat, Juda Jbn-Abbas, Salomon Jbn-Sakbäl und die Gebrüder Jbn-Esra. Sie alle überragt der Dichterfürst Jehuda Halevi, welcher schon von seinen Zeitgenossen als Meister des Sanges begrüßt und anerkannt wurde. Abu Zacharia Inda Jbn-Giat erbte von seinem Vater, dem Rabbinen und liturgischen Dichter Isaak Jbn-Giat, die Dichtergabe,, und seine Poetischen Ergüsse weltlichen und religiösen Inhalts wurden von den Zeitgenossen und der noch strengeren Nachwelt sehr gerühmt. Juda Halevi sang von ihm: Juda's Lieder ragen Gar stolz und kühn hervor. Mit Cherubsslügeln steigen Zum Himmel sie empor. Dis Einen sanfte Tropfen, Ein Balsam, stillend Schmerz, Die Anderen Feuerfunken Entflammen mild das Herz. O hiitt ich Adlerflügel, Ich flöge bald zu dir, Zu dir nach weiter Ferne, Zu dir, der nahe mir — Bist nahe meinem Herzen In Liebe eng verwebt st. Abul Baku Jehuda (Jachja) b. Abbnn Jbn-Abbas, Rabbiner von Fez (geb. 1080, st. 1163), dichtete meistens liturgische Hymnen,, denen indcß nur bedingtes Lob ertheilt wird. Er stand mit dem st Divan von Geiger S. 39, Original Orient. Ltbl. 1850 ool. 640. Sachs, a. a. O. S. 257. 112 Geschichte der Juden Dichterfürsten von Castiticn in freundschaftlichem Verkehr und huldigte in überschwänglicher Weise dessen Talent. Während die Muse der genannten beiden Dichter nur ernsten Schöpfungen zngewendet war, gebraucht Salomon b. Salböls von Cordova, ein Verwandter des Rabbiners Joseph Jbn-Sahal, die hebräische Sprache für erotische Tändeleien. Die neue Dichtungsform des arabischen Makamendichters Hariri aus Basra, dessen Ruhm nach Spanien gedrungen war, regte Jbn-Sakbsl an, etwas Aehnliches in der hebräischen Sprache zu versuchen. Er schrieb eine Art satyrischen Romans unter dem Titel Tachkemoni, dessen Held, Ascher b. Jehuda, Wandlungen und Täuschungen dnrchmacht. Der Held erzählt selbst seine Abenteuer in gereimter Prosa, von Versen unterbrochen, wie er früher längere Zeit in Waldeinsamkeit, nur von der Geliebten begleitet, zugebracht, daun aber des einförmigen Lebens überdrüssig, sich nach Geselligkeit gesehnt, im Kreise von Freunden an vollen Tafeln zu zechen. Von einer unbekannten, verführerischen Schönen durch ein räthselhastes Briefchen verlockt, habe er sie lange gesucht, sich in Liebes- gram verzehrt, sei dann in einen Harem eiugeführt worden, wo ihm der Herr desselben „mit Berbermicne" den Tod gedroht. Es war aber nur eine Maske, die eine Schöne vorgenommen, um ihn zu schrecken, und diese, welche nicht seine Herzenskönigin, sondern nur deren Dienerin war, habe ihm die Erfüllung seiner Wünsche versprochen. Endlich glaubte er dem Ziele nahe zu sein; er kommt mit der Geliebten zusammen, aber es war nur eine Mummerei, die einer seiner Freunde veranstaltet hat. So wird Ascher b. Jehuüa von Täuschung zu Täuschung geführt. — Die Kunstform hat keinen allgemein gültigen poetischen Werth und ist nur eine Nachahmung des arabischen Musters. Zu bewundern ist nur die Leichtigkeit, mit der Jbu-Sakbsl die hebräische Sprache handhabt, und wie er das Tiefernste zu leichten Tändeleien verwendete. Reichbegabte Persönlichkeiten waren die vier Brüder Jbn-Esra ans Granada, begütert, edel, gelehrt und knnstgeübt: Abu-Ibrahim Isaak der älteste A b u H a r u n M o s e, Abu lh a s s a n I eh u d a und Abuhagag Iosephder jüngste. Ihr Vater Jakob hatte unter dem König Halms oder richtiger unter Samuel Jbn-Nagrela ein 1) Die Makamen dieses Dichters, welche Charisi citirt und den seinigen zum Muster genommen, hat Schor, in Olls.lu .2 III. S. 154 ff. veröffentlicht. 2) Abraham Jbn-Daud und Edelmann Einl. zu 6-inss Oxlorck. Der , Elftere aiebt ausdrücklich an, daß Isaak der älteste war. Falsch daher bei ' Geiger (Divan S. 38), daß Juda der älteste gewesen sei. S. auch Luzzatto's Vstulab p. 18 Mose Jbn-Esra. 113 Amt bekleidet. „Man erkannte," sagte ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber, „an dem Edclmuth dieser vier fürstlichen Söhne Jbn-Esra, daß sie von davidischem Blute und von altem Adel abstammen" Z. Ter bedeutendste unter ihnen war Abu Harun Mose (geb. um 1070, st. um 1139), der sich rühmte, der Schüler seines ältesten Bruders zu sein. Er hatte auch die Vorträge des Isaak Jbn-Giat von Lucena gehört ^). Er war der fruchtbarste Dichter dieser Zeit. Ein Mißgeschick scheint seine Muse geweckt zu haben. Er verliebte sich nämlich in seine Nichte, wahrscheinlich die Tochter des Isaak, und erhielt Gegenliebe. Der Bruder versagte ihm jedoch die Hand der Tochter, und die jüngeren Brüder scheinen den Entschluß des älteren gebilligt zu haben; er war deswegen mit allen dreien zerfallen"). Mose floh darauf das Vaterhaus und seine Brüder und wunderte nach Portugal und Castilien aus (um 1100). Liebesgram verzehrte ihn, und die balsamstreueude Zeit vermochte seine Wunden nicht zu heilen. Einige Zeit nach der Selbstverbannung trug er sich mit der Hoffnung, seine Wünsche gekrönt zu sehen. In diesem Sinne dichtete er schwärmerische Verse an einen Freund in der Heimath, worin er seiner Nichte Liebesworte zuflüstert Falsche Freunde scheinen indessen den Bruch zwischen ihm und den Brüdern erweitert zu haben"). Seine Geliebte wurde einem jüngeren Bruder zu Theil und kam nach Cordova, hatte aber ebensowenig wie Mose die Jugendliebe vergessen"). Er aber scheint unverheirathet geblieben zu sein und brachte sein Leben in der Fremde zu. Der Liebesschmerz hatte seinem Gemüthe Verse entlockt, und die Muse blieb seine Trösterin. Er suchte seinen Schmerz durch ernste Studien zu betäuben, die Wissenschaft sollte ihm Geliebte und Brüder ersetzen ^). Er erwarb sich Freunde und Bewunderer, die ihm bis in den Tod treu blieben. Ein hochgestellter Mann, Namens Salomon (vielleicht Salomon b. Krispin), im christlichen Spanien, der als edler Wohlthäter und Gönner seiner Glaubensgenossen geschildert st Abraham Jbn-Daud. st M. b. Esra's Elegien auf den Tod seines Bruders in Oidrs Olls.- elmmün p, 82 f. und Saadia Jbn-Danan in Ollsrnäa. 6-snnsa x. 30. Da Isaak Jbn-Giat 1089 starb, so ergiebt sich daraus das ungefähre Geburtsjahr des Jüngers. st Xsrsin Olrsmsä IV. S. 83, Oänss Oxlorck. S. 19. Divan 58. st Divan 131. °) Hvrsrn Olrsrnsä a. a. O. S. 98, Tukes Ehrensäulen M. b. Esra 105. st Das. 92; Geiger hebräische Dichtungen der spanisch, und ital. Schule. Text S. 5. st Oinss Oxlorä S. 19. Graetz, Geschichte der Jaden. VI. 8 114 Geschichte der Juden. wird, nahm sich des unglücklichen Mose an nnd wendete ihm treue Freundschaft zu, obwohl Neider sie zu untergraben suchten. Mose Jbn-Esra verherrlichte seinen Gönner in einem schönen Gedicht von dreißig Verseng. Mose Jbn-Esra hatte viel Ähnlichkeit mit Salomon Jbn-G'ebirol. Gleich ihm klagt er über Verrath und Neid, über der Zeit Härte und Treulosigkeit. In seinen Gedichten spiegelt sich ebenso wie in denen des Dichters von Malaga das Selbstische ab; auch er hatte kein großes Ziel für seinen dichterischen Drang. Aber Mose Jbn- Esra war nicht so zart besaitet, nicht so weich und empfindsam wie jener, er hatte eine derbere Natur und auch weniger poetische Zerflossenheit. Er war darum auch nicht so schwermüthig und grämlich wie Jbn-G'ebirol, sondern sang zu Zeiten heitere Lieder nnd konnte auch mit der Muse tändeln. Als Dichter steht er Jbn-G'ebirol um vieles nach. Seine Poesie trägt den Stempel der Künstelei und Geschraubtheit, seine Bilder sind überladen, seine Verse oft hart und schwülstig nnd entbehren des Wohlklangs und Ebenmaßes, der Lieblichkeit nnd Frische. Es ist zu viel Gesuchtheit und Berechnung in seinen Versen. Mose Jbn-Esra liebte es besonders, Wörter von demselben Klange nnd verschiedener, oft entgegengesetzter Bedeutung zu gebrauchen, eine Manier, die er den arabischen Dichtern abgesehen batte (NsAnio). Zn bewundern ist nur an ihm die Herrschaft, die er über die hebräische Sprache hat, die sich ihm schmiegt und fügt, die Fruchtbarkeit seiner dichterischen Leistung und die Mannichfaltigkeit des Versmaßes, mit der er die hebräische Poesie bereichert hat. Er dichtete einen Liederkranz, den er Perlenschnur (L.rimü, Narsolnsek) nannte, von 1210 Versen in zehn Abtheilungen; sie waren seinem Gönner Jbu-Kamnial (o. S. 100) gewidmet. Diese Verse sind ebenso mannichfaltig an Maß wie an Inhalt. Der Dichter verherrlicht in der Liedersammlung seinen Gönner, singt von Wein, Liede und Freude, preist das schwelgerische Leben unter Laubbaldachinen und Vogelgesang, klagt dann wieder über die Trennung von Freunden nnd über Treulosigkeit, jammert über das herannaheude Greisenalter, ermahnt auch gelegentlich zu Gottvertrauen und verherrlicht zuletzt die Dichtkunst Neben diesem Kranze dichtete Mose Jbn-Esra dreihundert Gelegenheitsgedichte von mehr als 10 000 Versen (in einen Divan gesammelt) und endlich nahe an zweihundert Gebetstücke für das Neujahr und den Versöhnungstag, welche Bestandthcile des Kultus in vielen Gest Bei Dukes a. a. O. S. 95, über S. b. Krispin Llinsa Oxtorck 13. st Lsrsai Obswöck ci. a. O. 68 — 74. meinden wurden (der Gemeinden Spaniens, Montpelliers, Avignons und der Romagnolen Von seiner Fruchtbarkeit als Bnßgebetdichter erhielt er den Namen Salach. Aber mir wenige seiner religiösen Gedichte haben einen wahrhaft poetischen, seelenerhebenden oder herzzerknirschenden Hauch 2). Sie zeigen mehr Wortschwall als Schwung °*), sind sämmtlich nach den Regeln der Kunst gebaut, aber es fehlt ihnen der Duft. Die Kunstregeln verstand Niemand besser als eben Mose Jbn-Esra. Er schrieb eine Abhandlung über Rede und Dichtkunst unter dem Namen: Unterredung und Erinnerung^, welche zugleich eine Art Literaturgeschichte über die poetischen Leistungen der spanisch-jüdischen Poesie seit ihren ersten Anfängen bildet^). Sie ist an einen gelehrten Jünger gerichtet, der ihm die Frage über Poesie und Dichter vorgclegt, die der Verfasser gründlich beantwortet hat. Mose Jbn-Esra spricht in der Poetik auch von arabischer und castilischer Poesie und liefert darin einen Schatz für die Literaturgeschichte Spaniens. Die schwächste Leistung des Mose Jbn-Esra ist sein philosophisch sein sollendes Werk (^rugnt Im-Uosoem) in hebräischer Sprache, worin er die dürre Zeitphilosophie nach arabischen Mustern auseinandergesetzt hat. So viel ans den vorhandenen Bruchstücken zu schließen ist, hat der Verfasser keinen einzigen selbständigen Gedanken erzeugt, er entwickelt nur die Ideen der griechischen und arabischen Denker; von den jüdischen führt er noch Saadia und Jbn-G'ebirol an"). Trotz seiner Unbedeutendheit als Philosoph und seiner Mittelmäßigkeit als Dichter stand Mose Jbn-Esra wegen seiner Leichtigkeit zu schreiben bei seinen Zeitgenossen hoch in Ehren. Mit allen hervorragenden Persönlichkeiten stand er in freundschaftlichem Verkehr, und sie verherrlichten ihn in Prosa und Versen, wie er sie seinerseits hochpries. Mit seinen Brüdern scheint er lange Zeit die Verbindung abgebrochen zu haben. Als er einst die Gräber seine Eltern besuchte, entrang ihm der Schmerz folgende Verse: „Mich treibt es, die Gräber aufzusuchen, die meine Eltern, meine Freunde bergen. Ich grüßte sie, mein Gruß blieb unerwidert. h Dukes a. a. O. S. 8—11 Note. 2 ) Zu den besten gehören die von Dukes a. a. O. mitgetheilten S. 62 Nr. 3; 79 Nr. 15; 86 Nr. 23. 2) Seine künstliche Manier veranschaulicht am besten das im Orient. Lrtbl. 1847 ool. 403 mitgetheilts Gedicht. Utab ul Naoliu'äsrs. rv'al - lllaäsnlrara vergl. Note 1. I 5) Handschriftlich in der Bodlejana eoäsx Huntington Nr. 599; vergl. IVoll, Libltotlrsou Ilsbrasa III p. 3 f. °) Ein Auszug daraus in Zion II. 117 ff 116 Geschichte der Inden. Wie, haben auch die Eltern mir die Treue gebrochen? Da vernahm ich ihre lautlose Mahnung; sie wiesen mir zur Seite meinen Platz an*). Er versöhnte sich erst mit den Brüdern, als seine Jugendgeliebte an der Geburt eines Knaben starb <1114). Auf dem Todtenbette hatte sie seiner in Liebe gedacht, und ihre Worte, die ihm eine heilige Erinnerung waren, brachte er in elegische Verse, die, weil wirklich empfunden, poetischer sind als seine übrigen Dichtungen: „Schreib' meinem Oheim auch, der um mich gelitten, Verzehrt von heißer Liebesschmerzen Gluthen. Ein Fremdling wandert er irr umher, Daß tief ihm der Drangsal Wunden bluten, Er sucht des Trostes Kelch, nun muß des Leidens Zum Rand gefüllter Kelch ihn überfluthen"^). Diese Elegie schickte Mose Jbn-Esra seinem älteren Bruder zu, und das war der erste Schritt zu ihrer Versöhnung. Als seine Brüder nach und nach von der Erde schieden, zuerst Abulhassau Jehuda, dann der älteste Isaak und endlich der jüngste Abulhagag (nach 1120), konnte sich der Ueberlebende vor Schmerz nicht fassen und weihte ihrem Andenken tief empfundene Verses. Mose Jbn-Esra behielt seine Dichterkraft bis ins hohe Alter und noch kurz vor seinem Tode (1138) dichtete er ein poetisches Trostschreiben an seine Freunde Abn- Amr und Abn-Jbrahim Jbn-Maschkahan, denen der Tod die Mutter entrissen4). Jehuda Halevi widmete ihm einen seelenvollen Nachrufs). 1) Sein Divan Nr. 118 in Lsrsru Obsrusck das. S. 89. 2) Das. Nr. 177. Geiger jüdische Dichtungen Text S. S. Uebersetzung S. 13. 6-io.ss Oxlorck p, VIl. Note 7, Oibrs Ollacliamilu S. 32 f. Das. S. 46. Xsrsiu Ollsrnsä a. a. O. 89, 92. °) (Hass x. XI. Keckstes Kapitel. Abulhassan Jehuda Halevi. Seine Biographie, seine Jugendpoesie und seine Stellung. Sein Dichterwerth, seine Zioniden. Sein philosophisches System im Buch Chozari. Seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande. Seine Reise. Sein Aufenthalt in Egypten. Der Fürst Samuel Almanßur. Jehuda's Aufenthalt in Jerusalem. Seine Klage über Verkommenheit und seine letzte Zionide. Sein Tod und die Sage darüber. 1105 — 1145. Der Glanzpunkt dieser Zeit und ihr Hauptträger war eben dieser Abnlhassan Jehuda b. Samuel Halevi (Jbn-Allevi) aus Alt- castilien (geb. um 1086 st. Er verdient in den Jahrbüchern der Menschheit ein eignes Blatt mit einem Goldrande. Um ihn würdig zu schildern, müßte die Geschichte der Poesie ihre glänzendsten Farben und lieblichsten Töne entlehnen. Jehuda Halevi war ein Auserwählter, an dem die Bezeichnung, „ein Ebenbild Gottes", weder eine Lüge, noch eine Uebertreibung ist. Lichtumflossen hat ihn der Himmel entsendet, und er blieb während seiner irdischen Laufbahn unbefleckt von irdischem Staube. Er war eine abgerundete volle Persönlichkeit ein vollendeter Dichter, ein vollendeter Denker, ein würdiger Sohn des Jndenthums, das er durch Dichten und Denken verklärt und idealisirt hat. Wenn einst Spanien seine Vorurtheile besiegt haben und seine geschichtlichen Größen nicht mit kirchlichem Maßstabe messe» wird, so wird es in seinem Pantheon Jehuda Halevi einen Ehrenplatz an- 0 Sein Geburtsjahr zu ermitteln haben sich bemüht Rapaport, Luz- zatto (Lsrsra Odsrusä VII. 267), Edelmann (Olnss Oxlorcl VIII f.), Geiger (Divan 116 f.), D. Cassel (Ousari S. 5. Note 6). Am richtigsten ist Rapaport's Annahme, daß seine Geburt zwischen 1085 — 86 fällt, da er seine Reise nach Palästina nicht vor dem Jahre 1141 unternahm und in einem Gedichte, das ihn zu seiner Wallfahrt ermuthigen sollte, sich selbst als „in den Fünfzig stehend" schildert. Nehmen wir an, daß er damals im sünfundfünf- zigsten Lebensjahre stand — älter darf man ihn zu der Zeit nicht denken — so fiele sein Geburtsjahr 1086. 118 Geschichte der Juden. weisen. Die jüdische Nation hat ihm längst die Lorbeerkrone der Poesie und den Preis inniger Frömmigkeit und fleckenloser Sittlichkeit zuerkannt. „Rein und wahrhaft, sonder Makel War sein Lied wie seine Seele. Als der Schöpfer sie erschaffen. Diese Seele, selbstzufrieden Küßte er die schöne Seele, Und des Kusses holder Nachklang Bebt in jedem Lied des Dichters, Das geweiht durch diese Gnade'"). Sein tiefsittlicher Ernst war mit Lebensheiterkeit verbunden. Die Bewunderung, die ihm zu Theil wurde, störte seine Bescheidenheit nicht, und bei aller Hingebung an Freunde wahrte er sich sein Eigenthum, seine Selbstständigkeit der Anschauung. Seine reichen Kenntnisse gruppirten sich um einen Mittelpunkt, und wie sehr er auch Dichter im schönsten Sinne des Wortes war, hatte er doch ein lebendiges Bewußtsein von seinen Gefühlen, Gedanken und Handlungen. Er schrieb sich selbst Regeln vor und blieb ihnen getreu. Bei aller tiefen Empfindung war er weit entfernt von Schwärmerei. Jehuda Halevi's äußere Geschichte hat nichts Außerordentliches. Im christlichen Spanien geboren^), besuchte er die Lehranstalt des Alfußi zu Lucena, weil Castilien und Nordspanien überhaupt damals noch arm an talmudischen Autoritäten war. An der Grenze des Knabenalters weckte ihn, gleich Jbn-G'ebirol, die Muse, aber nicht gleich diesem mit wehmuthsvollen Accorden, sondern mit heitern, lebensfrohen Weisen. Er besang die glücklichen Erlebnisse seiner Freunde und Mitjünger, die Hochzeit des Jbn-Migasch, die Erstgeburt im Hause des Baruch Jbn-Albalia (um 1100). Das Glück lächelte diesem Liebling der Muse von Jugend au, und kein schriller Mißton entfuhr seiner Sängerbrust. In Südspanien wurde er mit der edlen und kunstliebenden Familie Jbn-Esra in Granada bekannt. Als er erfuhr, daß Mose Abu-Harun von Liebesgram und Selbstverbannung getroffen war, versuchte der junge Dichter den altern Kunstgenossen fl Heine, Romanzero „Jehuda b. Halevi". -) Toledo war sicherlich nicht seine Geburtsstadt, da diese Stadt erst 1086 von Alfonso VI. erobert wurde, und diese Provinz von jüdischen Schriftstellern immer noch Sefarad genannt und von Castilien und Leon genau unterschieden wurde. Toledo wurde nie zum Lande „Edom", zum christlichen Spanien, gerechnet. Der Dichter Jehuda Halevi. 119 zu trösten und redete ihm sauft zu Herzen. Dieser, ganz überwältigt von den schönen Versen und dem gedankenreichen Inhalt, erwiderte ihm: „Dein Schreiben, Freund, erkräftigt mich, Zur Zeit, da Muth und Freude wich. Ein Schreiben, gleich dem Morgenglanz, Ein Lied, ein Geistesblüthenkranz, So kräftigen Klangs, so zart und weich, Voll edlen Sinns und tief zugleich. Du, Knabe noch, du zarter Sohn, Wie kommt's, daß du ein Weiser schon. Schon in des Wissens Tiefe drangst, Zu solcher Höh' empor dich rangst"9? Jehuda Halevi scheint noch in Lucena gewesen zu sein, als Alsüßi starb und Joseph Jbn-Migasch ihm im Rabbinate nachfolgte (1103). Ans den Tod des Eine» dichtete er eine schöne Elegie und zum Amtsantritt des Andern ein Huldignngslied voller Verehrung. Der Jüngling empfand auch der Liebe Lust und Weh; er besang die Gazellenaugen seiner Geliebten, ihre Rosenlippen, ihr Rabenhaar. Er seufzte über deren Trennung und Untreue und über die Wunden, die sie seinem Herzen geschlagen. Seine Liebeslieder athmen jugendliches Feuer und raschen Flug. Der südliche Himmel spiegelt sich in seinen Versen ab, aber auch die grünen Matten, die blauen Flüsse. Seine Jngendpoesie trägt schon den Stempel künstlerischer Vollendung, reicher Phantasie und schönen Ebenmaßes, Gluth und Lieblichkeit. Da ist kein Wortgeklingel, kein gedankenleerer Reim, Alles zeigt Maß und Sicherheit^). Den Liebesdrang scheint Jehuda Halevi vollständig überwunden zu haben, wenigstens zeigt sich in seinem späteren Leben und seinen Gedichten keine Spur mehr davon. Jehuda Halevi hatte sich nicht bloß die hebräische Sprache und die Kunstform neuhebräischer Poesie so sehr zu eigen gemacht, daß er sie meisterhaft beherrschte, sondern er hatte sich auch Verständniß des Talmud verschafft, sich in Naturwissenschaften umgethan, in die Tiefe der Metaphysik versenkt und mar in allen Fächern der Wissenschaft heimisch. Arabisch schrieb er mit Eleganz, und die junge castilianische Poesie war ihm geläufig ^s. Seinen Lebensunterhalt zog er von der Arzneiknnde, die er, in seine Heimath zurückgekehrt, übte. Er scheint als Arzt viel Vertrauen genossen zu haben; denn er schrieb einmal an einen seiner Freunde, daß er, in einer großen Stadt lebend, viel beschäftigt sei. Aber bei der Beschäftigung mit dem Leibe unter st Dukes a. a. O. S. 99. Divan des Castiliers Abulhassan S. 15. st 6-inss Oxüorcl 23. Divan 123. st Vergl. Divan 28 und 127. Siechen und Sterbenden ging ihm die Seele nicht unter, und er rettete seine ideale Lebensanschauung. Interessant ist der Brief, den er im reifen Alter (um 1130) an einen Freund schrieb. „Ich beschäftige mich selbst in den Stunden, die weder zum Tage noch zur Nacht gehören, mit der Eitelkeit der Heilkunde, obgleich ich nicht zu heilen vermag. Die Stadt, in der ich lebe, ist groß, die Bewohner sind Riesen, aber es sind harte Herren. Womit könnte ich sie beschwichtigen, als indem ich meine Tage mit der Heilung ihrer Krankheit vergeude! Ich heile Babel, aber es bleibt immer siech. Ich flehe zu Gott, daß er mir bald die Erlösung sende und mir die Freiheit gewähre, die Ruhe zu genießen, daß ich zu einem Orte lebendigen Wissens, zur Quelle der Weisheit wandern könnte" "h. Die Stadt, von der Jehuda hier spricht, ist Toledo, wo er im Mannesalter weilte 2). Er sehnte sich daraus hinweg, weil Toledo damals noch nicht Sitz der jüdischen Wissenschaften war^). Die ganze Kraft seines schöpferischen Geistes verwendete er für die Dichtkunst und für die gedankenmäßige Erforschung des Judenthums. Von der Poesie, die ihm als etwas Heiliges und Gottentstammtes galt, hatte er eine richtigere Vorstellung als seine arabischen und jüdischen Zeitgenossen. Er sprach es deutlich aus, daß der Dichter- draug etwas Ursprüngliches, Angebornes sein müsse, und nicht eine Kunst, die erlernt werden könne. Er spottet über diejenigen, welche Regeln über Versmaß und Reim ertheilen und groß damit thun. Der wahre, berufene Dichter trage die Regel in sich und werde, ohne zu fehlen, stets das Richtige treffen^). So lange er jung war, verschwendete er das Gold seiner reichen Poesie an leichten Flitterkram, machte wie alle Welt lobschäumende Kaziden, um seine zahlreichen Freunde zu verherrlichen. Er sang von Wein und Freuden und dichtete Räthsel. Als ihn die Freunde darob tadelten (um 1110), erwiderte er ihnen in jugendlichem Uebermuthe: „Sah vierundzwanzig Jahre noch nicht scheiden, Und sollt' den Weinkrug grämlich meiden?"''). In diesen leichtgeschürzten Dichtungen gefiel er sich, die Schwierigkeit künstlich verschlungener Versmaße zu überwinden. Oefter brachte er am Ende eines Gedichtes einen arabischen oder castilianischen Vers >) Das. 129. 2) Vergl. Landshut ^.nanäs H>oäa. 1. S. 77. Ussxonsura des Joseph Jbn-Migasch in 1?ssr lla-Oor Ho 211, 214. Ollo2g.ri V. Ho. 16. 5) Orient. Litbl. I8L0 oot. 398. Seine Zioniden. 121 a„Z. Man erkennt an Wort und Wendung den großen Meister, der mit wenigen kühnen Zügen ein vollendetes Bild zu zeichnen vermag. Seine Naturschilderungen dürfen den besten, welche die Poesie in allen Sprachen geschaffen, an die Seite gesetzt werden. Man sieht die Blumen sprießen und glitzern, mau schlürft iu vollen Zügen den Balsam ein, mit dem seine Verse dnrchduftet sind. Die Zweige erliegen der Last ihrer goldenen Früchte, die Sänger der Luft hört man Liebeslieder anstimmen, er malt Sonnenschein und Luftkühlung mit meisterhafter Hand. Beschreibt er den Aufruhr eines sturmbewegten Meeres, so theilt er seinen Lesern die ganze Erhabenheit und Angst mit, die er empfunden"). Aber das alles spiegelt den Kern seiner großen Seele nicht ab, es war nur gewissermaßen der Tribut, den er der menschlichen Seite und der Mode gezollt hat. Nicht einmal seine religiösen Dichtungen, in denen er an Fruchtbarkeit seinem altern Kunstgenüssen Mose Jbn-Esra nicht nachstand — er dichtete deren dreihundert — vielmehr an Tiefe, Innigkeit und Formglätte ihn wie alle seine Vorgänger bei weitem übertraf, offenbaren seine wahre Dichtergröße. Jehnda Halevi's Bedeutung als Dichter liegt in seinen national-religiösen Schöpfungen. Da, wo er aus der Tiefe seiner Dichterbrust schöpfte, wo sein ganzes Wesen in Begeisterung aufgeht, wo er Zion und seine einstige und zukünftige Herrlichkeit besingt, wo er über seine jetzige Knechtsgestalt sein Haupl verhüllt, da ist seine Dichtung Wahrheit, da ist nichts Gekünsteltes, nichts Gemachtes, Alles ist tief empfunden. Jehnda Halevi's Zioniden (Gesänge von Zion) erinnern unter allen neuhebräischen Dichtungen am meisten an die Psalmen. Wenn er seinen Schmerz um Zion's Witwenschaft aushaucht, oder wenu er vou Zions künftigem Glanze träumt, wie es mit seinem Gotte und seinen Kindern vereint sein wird, glaubt man einen Korachiden zu hören. Jehnda Halevi's reif gewordene Muse hatte ein großes Ziel: Israel, seinen Gott und seine Heilig- thümer, seine Vergangenheit und Zukunft, seine Hoheit zu besingen und seine Niedrigkeit zu beweinen. Er war Nationaldichter, darum ergreifen seine Lieder jeden Leser mit unwiderstehlicher Gewalt. Jbn- G'ebirol's Klagen um die eigene Verlassenheit vermögen nur schwaches Interesse zu erregen; Mose Jbn-Esra's Schmerz über unglückliche Liebe und deren Folgen lassen kalt; dagegen Jehnda Halevi's Trauer um seine Herzensgeliebte Zion lassen kein fühlendes Herz ungerührt. Jehnda Halevi's Nationalpoesie erhält einen um so höhern Werth, st Divan 135, 137, 138, 141. st Oiuss Oxkorck 41. Die Seestücks in llstmlsck 86 und Orient 1851, 462 122 Geschichte der Juden. wenn man wahrnimmt, daß sie keiner dichterischen Laune entstammte, sondern von einer tief ernsten Ueberzengung getragen war. Er war nicht bloß vollendeter Dichter, er war auch geistvoller Denker, aber in der Art, daß Empfinden und Denken in seinem Innern in Eins zusammenflossen. Poesie und Philosophie waren in seiner Brust innig verschwistert, aber beide nicht als etwas Fremdes, Erborgtes, künstlich Angeeignetes, sondern als etwas Ureigenes. Wie er die Nationalgefühle Israels in seinen Zioniden zum Ausdruck brachte, so verdolmetscht er auch, wenn man so sagen darf, die Nationalgedanken des Judenthums auf eine sinnige, geistvolle Weise. Poesie und Philosophie dienten ihm nur dazu, Israels Erbe zu verklären und zu vergeistigen. Er stellte eigene Gedanken auf über das Verhältniß Gottes zur Welt, des Menschen zu seinem Schöpfer, über den Werth der metaphysischen Spekulation, über ihr Verhältniß zum Judenthum und über die Bedeutung desselben gegenüber dem Christenthum und Islam. Alle diese tief einschneidenden Fragen löste er nicht in trockener, scholastischer Weise, sondern lebendig, warm, überwältigend. Ist er in seinen Liedern einem Korachiden ähnlich, so gleicht er in seiner Gedankeneniwickelung dem Verfasser des Hiob, nur inhaltsreicher, tiefer, umfassender als dieser. Diesem oder dem dichterischen Philosophen Plato hat Jehuda Halevi die Form seines religiös-philosophischen Systems entlehnt, die Gedanken nicht bloß in Zwiegesprächen auseinander zu legen, sondern sie an eine geschichtliche Thatsache zu knüpfen, eine Form, welche das Interesse für den Gegenstand um Vieles erhöht und den Eindruck dauernd macht. Als einige Jünger ihn fragten, wie er sich das rabbanitische Judenthum zurechtlege, und wie er die Einwendungen, welche die Philosophie, das Christenthum, der Islam und das Karäcrthnm gegen dasselbe Vorbringen, zurückzuweisen vermöge, antwortete Jehuda Halevi mit einem umfassenden, gedankenreichen Werke in Dialogform, in einem eleganten Arabisch geschrieben. Das Werk sollte die Wahrheit des Judenthums beweisen und die geschmähte Religion rechtfertigen, wie sein Titel lautet (Litab al-OlinZZali v' ^.äckalil L. Unsra.Ii Oin aääsali). Ein Heide, der weder etwas von der Schulweisheit, noch von den bestehenden drei Religionen weiß, aber das Bedürfniß fühlt, sich mit seinem Schöpfer in eine innige, kindliche Verbindung zu setzen, wird von der Wahrheit des Judenthums überzeugt. Dieser Heide ist der Chazarenkönig Bnlan, welcher sich zur Religion Israels bekannte (B. V.z S. 188). Ihn nahm der Philosoph von Castilien zum geschichtlichen Ausgangspunkt, und davon erhielt das Werk seinen Namen Chozari (falsch Knsari). Die künstlerische Einleitung spannt das Interesse des Lesers durch eine sachgemäße Einkleidung. Jehuda Halevi's Chozari. 123 Dem Chazarenkönig, der ein eifriger Anhänger seines Götzenkultus war und fromme Gesinnungen hatte, sei wiederholentlich ein Engel im Tranm erschienen, der ihm die bedeutungsvollen Worte zugerufen: „Deine Gesinnung ist gut, aber dein gottesdienstliches Thun ist verwerflich." Um Gewißheit zu erlangen, auf welche Weise die Gottheit verehrt werden sollte, habe er sich an einen Philosophen gewendet. Der Weltweise, halb dem aristotelischen, halb dem neuplatonischen System huldigend, entwickelte dem Könige mehr den Unglauben als den Glauben. Er setzte ihm auseinander, daß die Gottheit zu erhaben sei, um znm Menschen in irgend einem Verhält- niß zu stehen oder von ihm gottesdienstliche Verehrung zu verlangen. Die Welt und das Menschengeschlecht seien ebenso urweltlich wie die Gottheit. Man bedürfe keines persönlichen Gottes, da dieser ohnehin vermöge seiner Unveränderlichkeit gar nicht auf die niedere Welt einwirken könne. Der physisch und geistig gut ausgestattete Mensch vermöge ganz ohne Religion den höchsten Grad der Vollkommenheit zu erreichen durch philosophische Theorie und sittliches Leben, daun habe er Theil an dem allgemeinen Weltgeiste (der intellektuellen Welt, dem thätigen Verstände), erlange dann eine Engelsnatur und gehe ein zu der Schar der Denker, der Hermes, Asklepios, Sokrates, Plato und Aristoteles. Eine ans Glauben beruhende und in religiösen That- handlungen bestehende Religion sei für diesen hohen Standpunkt ganz bedeutungslos, ja solch ein vollkommener Mensch könne selbst eine Religion erfinden, lehren und ausbreiten. Möglich, daß ein solcher durch Theilhaben am Weltgeiste die Zukunft durch Träume und Gesichte zu offenbaren im Stande sei. Der Chazarenkönig habe sich aber durch diese erstarrende Auseinandersetzung wenig befriedigt gefühlt. Er empfand es, wie es ihm auch der Engel im Tranm angedeutet hat, daß es gottesdienstliche Handlungen von unbedingtem Werthe geben müsse, ohne welche die fromme und sittliche Gesinnung ohne Bedeutung sei. Es wäre sonst auch gar nicht zu begreifen, wie das Christenthnm und der Islam, welche die Welt unter sich getheilt haben, einander bekämpfen können und sogar das gegenseitige Niedermetzeln für ein frommes Werk halten, wodurch sie das Paradies erlangen würden, wenn gottesdienstlicher Cultus etwas ganz Gleichgültiges wäre. Beide Religionen berufen sich außerdem ans göttliche Offenbarungen und weisen Propheten auf, welche mit Berufung auf die Gottheit Wunder gewirkt haben. Gott müsse also doch in irgend einer Weise eine Beziehung zu den Menschen haben, es müsse irgend etwas Geheimnißvolles geben, wovon die Philosophen nichts ahnen. Darauf habe sich der König entschlossen, 124 Geschichte der Juden. die Vertreter des Christenthums und des Islams zu berufen, um von ihnen die wahre Religion kennen zu lernen. Die Juden mochte er Anfangs gar nicht zn Rathe ziehen, weil aus ihrer niedrigen Stellung nnd der allgemeinen Verachtung, der sie anheimgefallen sind, die Niedrigkeit ihrer Religion hinlänglich zn erkennen sei. Das Christenthum habe darauf dem Chazarenkönig sein Glaubens- bekenntniß durch den Mund eines Priesters eröffnet. Die christliche Religion nehme die Urweltlichkeit Gottes und der Weltschöpfnng an, lehre auch, daß alle Menschen von Adam abstammen, glaube an Alles, was die Thora nnd die Grundschriften des Judenthums lehren, habe aber zum Grnnddogma die Menschwerdung der Gottheit vermittelst einer Jungfrau aus dem jüdischen Fürstenhause. Die Christenlehre nehme an, diese Jungfrau habe einen sichtbaren Menschen, aber unsichtbaren Gott, einen erscheinenden Propheten, aber ein unsichtbares Gotteswesen zur Welt gebracht. Der Gottessohn sei eins mit dem Vater nnd dem heiligen Geiste. Dieser dreieinige Gott werde von den Christen als eine Einheit verehrt, wenn auch der Ausdruck ihn als eine dreifache Persönlichkeit bezeichne. Viele Inden haben an diesen Gottessohn geglaubt, die meisten aber ihn verworfen, darum habe auch Gott sie verworfen, und die Christen seien als die wahren Israeliten zu betrachten; die zwölf Apostel seien an die Stelle der zwölf Stämme getreten. Der Chazarenkönig habe sich auch von der Auseinandersetzung des Christen nicht befriedigt gefühlt, weil diese Annahme sich mit dem Verstände nicht vertrage, sie müßte denn auf eine unwiderleglich überzeugende Weise dargethan werden, wodurch sich die menschliche Vernunft genöthigt sähe, sich gefangen zn geben. Ihm aber leuchte der Grnndglanbe des Christenthnms nicht ein, da er nicht in-demselben erzogen sei; er habe es daher als seine Pflicht angesehen, noch weiter der wahren Religion nachznforschen. Er habe darauf einen mohammedanischen Theologen gefragt, der ihm die Grnndlehre des Islams auseinandersetzte. Diese nehme die Einheit und Urweltlichkeit Gottes nnd die Weltschöpfnng aus Nichts an, die Verähnlichung Gottes mit einem Menschen weise sie zurück. Sie lehre, daß Mohammed das Siegel der Propheten sei, der alle Völker zum Glauben berufen, den Gläubigen das Paradies mit allen Wonnen von Essen, Trinken und Liebesgennß verheißen, dem Ungläubigen aber das ewige Feuer der Verdammniß zugewiesen habe. Die Wahrheit des Islams beruhe auf dem Umstande, daß kein Mensch im Stande sei, ein so vortreffliches Buch, wie der Koran, oder auch nur eine einzige seiner Suren zu verfassen. — Auch ihm habe der Chazaren- Jehuda Halevi's Religionsphilosophie. 125 könig entgegnet, daß der vertrante Umgang Gottes mit den Sterblichen auf unumstößlichen Beweisen beruhen müsse, dergleichen der Beweis von der Göttlichkeit des Koran für ihn nicht ist. Denn wenn sein Styl auch einen Araber zu überzeugen vermöge, so habe dieses für ihn, der des Arabischen unkundig sei, keine Beweiskraft. Da sich der Christ und der Moslim auf das Judenthum als auf die bewahrheitenden Voraussetzungen ihrer beiden Religionen berufen, so habe sich der Wahrheit suchende Chazarenkönig denn doch entschließen müssen, das Vorurtheil gegen das Judenthum zu überwinden und einen jüdischen Weisen zu befragen. Ein solcher, den er nach seinem Glaubensbekenntniß gefragt, habe es ihm solchergestalt auseinandergesetzt. Die Juden glauben an den Gott ihrer Vorfahren, der die Israeliten aus Egypten befreit, für sie Wunder gethan, sie ins heilige Land geführt, ihnen Propheten erweckt hat, mit einem Worte, sie glauben an das, was die heilige Schrift ihres Bundes lehrt. Darauf der Chazarenkönig: „Ich hatte wohl Recht, die Inden nicht zu befragen, weil die Niedrigkeit ihrer Stellung sie um jede vernünftige Ansicht gebracht hat. Du, o Jude! hättest doch vorausschicken müssen, daß ihr an einen Weltschöpfer und Weltlenker glaubt, statt mir so trocken und abweisend ein Bekennt- niß abzulegen, das nur für euch Bedeutung hat." Darauf der jüdische Weise: „Aber gerade diese Annahme, daß Gott Schöpfer und Erhalter sei, bedarf erst des weitläufigen Beweises, und die Philosophen sind verschiedener Ansicht darüber, während der Glaube, daß Gott uns Israeliten Wunder gethan hat, keines Beweises bedarf und auf unumstößlicher Augenzeugenschaft beruht"^). An diesem Entscheidnngspunkte angelangt, hat es der Religionsphilosoph Jehuda Halevi leicht, die Beweise für die Wahrheit und Göttlichkeit des Judenthums zu entwickeln. Die Philosophie weist Gott und die Religion aus der Welt, sie weiß nichts damit anzufangen. Das Christenthum und der Islam wenden der Vernunft den Rücken, sie finden sie im Widerspruch mit den Hauptlehren ihrer Religion, wenigstens wissen sie nicht etwas allgemein Ueberzeugendes zur Begründung ihres Bekenntnisses vorzubringen. Das Judenthum dagegen geht von einer sinnesgewissen Thatsache aus, welche keine Vernunft wegzudeuteln vermag; es kann sich daher mit der Vernunft vertragen, weist sie jedoch in Schranken und läßt die leicht zur Sophisterei ausartenden Verstandesschlüsse nicht zu, wo die Gewißheit auf anderem Wege zu erreichen ist. h Obosai'i 1 — 13. - 126 Geschichte der Juden. Mit seiner richtigen Ansicht über den Werth des speculativen Denkens der dogmatischen Metaphysik steht Jehuda Halevi nicht nur in seiner Zeit allein, sondern er eilte damit auch mehrere Jahrhunderte voraus. Während die Denker seiner Zeit, Juden, Mohammedaner und Christen. Rabbiner, Ulema's und Kirchenlehrer das Knie vor Aristoteles beugten, dessen philosophische Aussprüche über Gott und sein Verhältniß zur Welt fast über die heilige Schrift setzten, wenigstens die Bibelverse so lange zwängten und deuteten, bis sie einen philosophischen Sinn aussagen mußten, und also in einem Athemzuge gläubig und ungläubig waren, hatte Jehuda Halevi den Muth, dem menschlichen Denken seine naturgemäße Grenze zuzuweisen und ihm zuzurufen: Bis hierher und nicht weiter! Die Philosophie habe keine Berechtigung, gegen offenkundige Thatsachen anzurennen, sondern müsse dies als unumstößliche Wahrheit hinnehmen, und erst von da aus ihre Wirksamkeit einsetzen, sich die Thatsachen zurecht zu legen und sie mit Gedanken zu durchleuchten. Wie im Reich der Natur das Denken die thatsächlichcn Erscheinungen, so auffallend und vernunftwidrig sie auch auftreten, uicht weglcugnen darf, sondern sich bemühen muß, sie zu fassen, ebenso müsse es sich auf dem Gebiete der Gotteserkenntniß verhaltenst. Diesen trefflichen und unerschütterlichen Gedanken, der erst in der neuesten Zeit nach vielen Jrrgängen der Philosophie sich Bahn bricht, hat Jehuda Halevi zuerst aufgestellt. Von den Resultaten des griechischen Geistes, welchen gelehrige Philosophenjünger gierig einsogen, nrtheilte er in einem ebenso schönen, als wahren Gedichte: „Laß dich durch griechische Weisheit nicht verlocken, Die keine Früchte treibt, nur schöne Blüthen. Und ihr Inhalt? Das Weltall nicht von Gott erschaffen, Von Urbeginn an da, umhüllt mit Mythen. Lauschst du gierig auf ihr Wort, du kehrst zurück Mit geschwätzigem Mund, das Herz leer, unzufrieden" st. Der Philosophie dürfe man, nach Jehuda Halevi's Ansicht, in religiösen Dingen schon deßwegen keine entscheidende Stimme einräumen, weil sie öfter Schwankungen unterworfen ist, und die Jünger derselben oft entgegengesetzte Ansichten aufstellen. Wenn sie die Erkenntlich Gottes anstrebt, so verbindet sie damit nur einen theoretischen Zweck, um den Drang nach Wissen zu befriedigen, aber nicht ein höheres Ziel erreichen zu lassen. Das Judenthnm könne daher nach diesem System gar nicht von der Philosophie angefochten werden, weil es ans einem festen Grunde st Das. I, 5 . st tZstalab 56 , Ende; Geiger, Divan 86. Seine Religionsphilosophie. 127 beruhe, den der Denker respectiren müsse, auf dem Grunde der Thatsachen. Die jüdische Religion sei nicht allmälig durch eine fortschreitende Entwickelung entstanden, daß sie etwa von einem weisen Manne ausgedacht, von zuströmenden Anhängern anerkannt und verbreitet worden wäre. Sie sei vielmehr plötzlich wie eine Schöpfung in's Leben getreten. Sie sei vor einer großen Volksmenge, vor Millionen Menschen geoffenbart worden, die es wohl nicht an Prüfung und Untersuchung haben fehlen lassen, ob sie nicht von einem Blendwerk getäuscht worden seien. Auch alle die Wunder, welche der sinaitischen Offenbarung vorangegangen und während der Wüstenwanderung sich fortsetzten, seien vor vielen Augen geschehen, wobei keine Täuschung möglich war. Aber nicht bloß ein einziges Mal, etwa in den Anfängen des israelitischen Bolksthums, hat sich die sichtbare Einwirkung Gottes auf dasselbe erwiesen, sondern sie zeigte sich öfters und äußerte sich ein halbes Jahrtausend hindurch in dem Ansgießen des prophetischen Geistes auf Einzelne und ganze Kreise. Vermöge dieses Charakters augenscheinlicher Thatsächlichkeit wohne dem Judenthume eine größere Gewißheit inne, als sie die Weltweisheit zu geben vermöge. Das Dasein Gottes ist durch die Offenbarung am Sinai kräftiger bewiesen, als durch Verstandesschlüsse. Wenn also das Jndenthum die Schöpfung des All ans Nichts, die Einheit Gottes, dessen Vorsehung und väterliche Waltnng über das Menschengeschlecht lehrt, so seien hiermit die das Gegentheil behauptenden Voraussetzungen der Philosophie wie weggeblasen. Damit glaubte Jehnda Halevi nicht bloß der philosophischen Weltanschauung seiner Zeit, sondern zugleich dem Christenthnm und dem Islam den Boden entzogen und das Kriterium angegeben zu haben, wodurch die wahre Religion von der falschen unterschieden werden könnte'). Das Jndenthum vertröstet seine Bekenner nicht ans ein seligkeitsvolles Jenseits, sondern zeigt ihnen schon hienieden einen Einblick in das göttliche Reich und erhebt durch fortdauernde, unleugbare Thatsachen die Hoffnung auf Unsterblichkeit der Seele zur Gewißheit 2). Indessen hatte er hiermit nur das Jndenthum im Allgemeinen denkmäßig begründet, noch nicht seinen reichen Inhalt. Um diesen zu rechtfertigen, stellte Jehnda Halevi eine Ansicht auf, die jedenfalls originell und geistreich ist. Die Wahrheit der Weltschöpfung, wie sie die Thora erzählt, voraussetzend, geht er von dem Gedanken ans, daß der erste Mensch, da er aus der Hand des Schöpferrs ohne störende elterliche Einflüsse hervorgegangcn ist, geistig und körperlich vollkommen gewesen ') OboMiä I. 27 — 91. 2 ) Aas. 104—109. l28 Geschichte der Juden. sei und das Ideal, welches je Menschen erreichen könnten, rein dargestellt habe. Alle Wahrheiten, die dem menschlichen Geiste zugänglich sind, habe Adam ohne mühsames Erlernen durch innere Anschauung gewußt, er habe gewissermaßen eine prophetische Natur besessen und heiße darum Gottes Sohn. Diese Vollkommenheit, das geistig-sittliche Gut, habe er auf diejenigen seiner Nachkommen vererbt, die dafür vermöge ihrer seelischen Organisation empfänglich waren. Durch die lange Kette der Geschlechter, nicht ohne Unterbrechung, sei diese angeborene Tugendhaftigkeit auf den Stammvater der Israeliten, auf Abraham, übergegangen und habe sich auf die Ahnen der zwölf Stämme vererbt. Das israelitische Volk bilde daher das Herz und den Kern der Menschheit, das für die göttliche Gnade, namentlich für die Prophetengabe, ausschließlich befähigt seiest Diese ideale Natur erhebe die Inhaber zu einem höhern Grade, sie bilde gewissermaßen die Zwischenstufe zwischen den gewöhnlichen Menschen und den Engeln. Um diese göttliche Eigenthümlichkeit zu erhalten und zu Pflegen, dazu bedurfte es eines Schauplatzes, der vermöge seiner klimatischen Verhältnisse das höhere Geistesleben zu fördern im Stande sei. Dazu habe Gott das Land Kanaan ausersehen. Wie das israelitische Volk, so sei auch das heilige Land auserwählt worden, weil es im Mittelpunkte der Erde liege. Dort habe sich die Waltung Gottes durch Erweckung von Propheten und durch einen von der Natur unabhängigen, außerordentlichen Segen oder Fluch sichtbarlich gezeigt 2). Auch die Gebote und Verbote, welche das . Judenthum vorschreibt, seien Mittel, um die göttlich-prophetische Natur in der israelitischen Nation zu Pflegen und zu erhalten. Dazu waren die Priester aus dem Hause Aarons berufen, dazu der Tempel erbaut, dazu die Opfergesetze vorgeschrieben und der ganze Cultus ungeordnet. Die Gottheit allein, die alle diese Gesetze gegeben, wisse, inwiefern sie den Hauptzweck fördern. Menschliche Klügelei dürfe daran nicht mäkeln oder ändern, weil der Zweck durch eine noch so geringfügig scheinende Aendernng leicht verfehlt werden könnte, ebenso wie die Natur durch eine geringe Veränderung des Bodens und des Klimas andere Erzeugnisse hervorbringe ^).. Nicht die Pflichten der Sittlichkeit und nicht die Bernunftgesetze machten die Eigenthümlichkeit des Judenthums aus (wie Manche annehmen); diese seien vielmehr nur als Grundbedingungen zur Constitnirnng und zum Zusammenhalten st Das. 47. 95, 103, IV. 15. st Das. 109, II. 10-14, 22 V. 22. st Das. 99, II. 50. Seine Religionsphilosophie. 129 des Gemeinwesens anzusehen, wie denn auch eine Räuberbande des Rechts und der Billigkeit nicht entrathen kann, wenn sie sich nicht auflösen will. Den Kern des Judeuthums bilden vielmehr die R eli g i o n s P fli ch t e u, die dazu geeignet sind, das göttliche Licht, die göttliche Gnade, die fortdauernde prophetische Erweckung im israelitischen Volke zu erhalten^). Obwohl die eigentliche Bedeutung der Religionsgesetze dem menschlichen Denkvermögen entzogen ist, entzogen sein soll, spiegele sie doch in ihnen die Weisheit ihres Urhebers ab. Das Jndenthum schreibe weder ein einsiedlerisches Leben, noch asketische Kasteiung vor, sei überhaupt Feind des brütenden Tiefsinns, es verlange vielmehr von seinen Bekennern freudige Stimmung. Es weise jeder Seelen- thätigkeit und jeder Herzensregnng Maß und Begrenzung zu und erhalte dadurch das Einzelleben und das Gesammtleben der Nation in harmonischem Gleichgewicht. Ein Frommer im Sinne des Judenthums flieht weder die Welt, noch verabscheut er das Leben und wünscht sich den Tod, um alsbald znm ewigen Leben zu gelangen, versagt sich nicht die Lebensfreuden, sondern ist ein gerechter Herrscher über sein Gebiet, den leiblichen und seelischen Organismus. Er theilt jeder Kraft des Leibes und der Seele das Gebührende zu, hütet sie vor Mangel und Ueberfluß, macht sie dadurch gefügig und gebraucht sie dann als willige Werkzeuge, um die hohe Stufe des in Gott wurzelnden, höheren Lebens zu erzielen"). Nachdem Jehnda Halevi den hohen Werth des religiösen Thuns gefunden hatte, war es ihm ein Leichtes, das talmudische Jndenthum gegenüber dem Karäerthum zu rechtfertigen und ihm auch dem Islam und dem Christenthnm gegenüber einen höheren Glanz zu verleihen. Sobald die Religionsgesetze, die Ritualien des Judenthums, Hebel sind, um die göttliche Gnade und die prophetische Natur des israelitischen Volkes stets wach und thätig zu erhalten, so dürfen sie nicht beliebig ausgelegt, nicht willkürlich geübt, sondern müssen von vorn herein fest und unverrückbar geregelt werden. Die Regelung gebe die talmudische lleberlieferung, welche die feine Grenzlinie zwischen dem erlaubten und unerlaubten Thun genau verzeichne. Das Karäerthum ist selbst genöthigt, eine Tradition anzunehmen, aber es ist nicht folgerichtig, verwirft das Eine und nimmt das Andere ohne Grund und leitendes Prinzip an. Daher komme es, daß die karäischen Autoritäten über manche wichtige Punkte des Judenthnms verschiedener Ansicht sind^). fl Das. III. 48. 2) Das. II. 1 — 5. fl Das. 23—38. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 9 _. '.^ 24 '/'.! 130 Geschichte der Juden. Das rabbinische Judeuthum gewähre dagegen dem religiösen Gewissen Beruhigung, indem es keine Schwankungen zulasse, und morgen dasselbe religiös geboten oder verboten bleiben werde, wie heute, während das Karäerthum von der Deutung der Schrift abhängig ist und jeden Augenblick einer verschiedenen Auffassung der Religionsgesetze gewärtig sein muß i). Die Annahme, daß das Judenthum eine Anstalt sei zu dem Zwecke, die göttlich-prophetische Natur in einem geschlossenen Kreise, in einem Stamme, der die innere Anlage dazu von Adam durch die Patriarchen und Abraham geerbt hat, zu erhalten und zu fördern, mußte den kastilischen Philosophen zur Consequenz führen, daß die Proselyten, die sich dem Judenthum anschließen, so innig religiös sie auch sein mögen, dieser höheren Natur nicht theilhaftig werden können. Das Judenthum hat nur die Nachkommen Israels zu seinem Dienste berufen, die andern Völker dagegen seien nicht dazu verpflichtet. Treten sie zum Judenthume über, so haben sie Theil an den äußerlichen Segnungen, welche Gott den Israeliten für Befolgung der Gesetze verheißen hat, aber nie können sie den hohen prophetischen Grad erreichend. Die Christen und Mohammedaner, obgleich sie auf dem Judenthume fußen und das heilige Land verehren und dahin wallfahrten, betrachtete Jehuda Halcvi als Götzendiener, die nur mit dem Gegenstand der Verehrung gewechselt haben. Es war allerdings richtig, was er von den Anhängern der beiden Religionsformen zu seiner Zeit behauptete, daß die Christen ein hölzernes Kreuz und die Mohammedaner den schwarzen Stein der Kaaba verehrten, also ganz in biblischem Sinne Verehrer von Holz und Stein waren ^). Aber dem Christenthum und dem Islam in ihrer ursprünglichen Gestalt ließ Jehuda Halevi Gerechtigkeit widerfahren; sie seien Veranstaltungen zur Läuterung und Veredelung der Menschheit. Die Knechtsgestalt, die Israel in der Verbannung unter den Völkern der Erde angenommen hat, ist nach der Ansicht des dichterischen Philosophen kein Beweis für seine Verkümmerung und seine Hoffnungslosigkeit. Ist doch auch die Machtentfaltung, deren das Christenthum und der Islam gleicherweise sich rühmen, kein Beweis für die Göttlichkeit ihrer Lehre. Denn es könne doch nur das Eine oder das Andere die wahre Religion sein, wenn von der äußeren Stellung auf die innere Würdigkeit geschlossen werden sollte. Armuth und Elend, verachtet in den Augen der Menschen, stehen in den Augen Gottes höher als aufgeblähte l) Das. 50. 2 ) Das. I. 27, 101. °) Das. IV. 11. Jehuda Halevi's System. 131 Größe und Stolz. Sind doch auch die Christen nicht stolz auf ihre Machthaber, sondern auf die Dulder, auf Jesus selbst, der da empfahl, dem, der die rechte Wange schlägt, auch die linke zu reichen, und auf die Apostel, welche in Niedrigkeit und Verachtung das Märtyrerthnm erlitten haben. Ebenso rühmen sich die Mohammedaner der Gehilfen ihres Propheten, die viel Leid seinetwegen erduldet haben Z. Der größte Dulder ist aber Israel, weil er im Menschengeschlechte das ist, was das Herz im menschlichen Organismus. Wie dieses an allen Leiden des Körpers den lebhaftesten Antheil hat, ebenso wird die jüdische Nation von jedem Mißgeschick, das geflissentlich oder unwillkürlich von den Völkern ausgeht, am unbarmherzigsten getroffen. Von Israel gelte das Wort, welches der große Prophet die Völker der Erde sprechen läßt: „Es trägt unsere Krankheit und unsere Schmerzen sind ihm anfgeladen." Das jüdische Volk ist aber trotz seines namenlosen Elendes nicht erstorben, es gleicht vielmehr einem gefährlich Kranken, den die Kunst der Aerzte allerdings anfgegeben hat, der aber seine Rettung von einem Wunder erwartet. Von Israel gelte das Bild von den zerstreuten Todtengebeinen, welche auf des Propheten Wort sich aneinander fügten, Fleisch und Haut annahmen und von Odem belebt, wieder anferstanden; das Alles sei vollständig Israel in seiner verkümmerten Gestalt^). Die Zerstreuung Israels ist eine wunderbare göttliche Veranstaltung, um die Völker der Erde mit dem ihm verliehenen Geiste zu durchdringen. Der israelitische Stamm gleiche einem Samenkorne, das in die Erde gelegt, dem Auge eine Zeitlang verwest, in die Elemente seiner Umgebung verwandelt erscheint und keine Spur seines frühern Wesens behalten hat, dann aber, wenn es keimt und sprießt, seine ursprüngliche Natur wieder annimmt, die entstellenden Hüllen von sich stößt, die Elemente läutert und sie nach seinem Wesen umwandelt, bis es sie von Stufe zu Stufe zur höheren Entfaltung bringt. Wenn das Menschengeschlecht einst, durch das Christenthum und den Islam vorbereitet, die wahre Bedeutung der jüdischen Nation als Trägerin des göttlichen Lichtes anerkennen wird, so wird es die Wurzel ehren, auf die es früher mit Verachtung herabgesehen hat. Es wird sich mit ihm innig vereinen, wird geläuterte Frucht werden, wird in das Messiasreich eingehen, welches die Frucht des Baumes ist^). Gewiß, die hohe Bedeutung des Judenthums und des Volkes, das es bekennt, ist noch nie beredter gepredigt worden. Gedanken st Das. I. 113, IV. 22 2 ) Das. II. 34-42. st Das. IV. 23. 9 » 132 Geschichte der Juden. und Gefühle, Philosophie und Poesie haben sich in diesem originellen System Jehnda's, des Castiliers, verschmolzen, um ein hohes Ideal anfznstellen, das der Vereinigungspnnkt von Himmel und Erde sein soll. Die Kunstgriffe, welche die früheren jüdischen Religionsphilosophen gebrauchten, um das Judenthnm als göttlich darzustellen und vor dem Tribunal der Vernunft zu rechtfertigen — daß seine Grundwahrheiten der Philosophie nicht widerstritten, und daß es auf reine Sittlichkeit abziele — diese Kunstgriffe verwarf Jehuda Halevi, da sie gerade den Grundkern des Jndenthums gewissermaßen verstecken oder nur obenhin berühren. Der castilische Religionsphilosoph verschmähte jeden äußern Maßstab als unzureichend für die Größe des Judenthums. Er verachtete das Gerüste aufeinander gethürmter Schlußfolgerungen, weil sie trotz ihrer scheinbaren Festigkeit keine beruhigende Gewißheit für das religionsbedürftige Gcmüth gewähren. Er dagegen geht von festen That- sachen aus, denen so viel Beweiskraft innewohne, daß sie der eigensinnigste Zweifler selbst nicht anzufechten vermöge, und auf diesen Grund erbaut er den Tempel des Judenthums, sogar des rabbinisch- talmndischen Jndenthums, an dem ihm kein Titelchen unwichtig und unwesentlich erscheint. Sein System, so viel schwache Seiten es auch dem tiefen Blick verräth, enthält dennoch viel Wahres, vor Allem ist es national, und der Weg, den er eingeschlagen, ist der einzige, der zum richtigen Verständniß des Jndenthums führt. Eigen ist es, daß das religionsphilosophische System des Chozari, obwohl das Werk kaum drei Jahrzehnte nach dem Erscheinen in's Hebräische übersetzt wurde, keinen nachhaltigen Eindruck auf die Denker der Zeitgenossen hervorgebracht und nur sehr wenig zur Fortentwickelung des Jndenthums im Mittelalter beigetragen hat. Man verehrte den Verfasser hoch, wendete auf ihn den Vers an: „Hüte dich, den Leviten zu verlassen", man eignete sich manches ans seinem Systeme an, ließ sich aber nicht davon befruchten Die Zeit hatte noch kein Verständniß für die vollendete Schöpfung, welche die jüdischspanische Cnltnr erzeugt hatte. So wie Jbn-G'anach's großartige Leistungen auf dem Gebiete der Bibelforschung, so blieben auch Jehuda Halevi's Ideen über das Judenthnm unbeachtet; Beide finden erst in der Jetztzeit ihre gerechte Würdigung. Abnlhassan Jehuda gehörte nicht zu denen, welche erhaben denken und niedrig handeln; Gesinnung und Thal flössen bei ihm in eins zusammen. ' Sobald er zur Ueberzeugung gekommen war, daß der hebräischen Sprache und dem Lande Kanaan eine eigene Göttlichkeit innewohne, daß sie geweihte Gefäße für einen heiligen Inhalt seien, Jehuda Halevi. 133 beherrschte diese Ueberzeugung auch seine Handlungsweise. Er ließ eine Zeit lang die Schätze seines Dichtergeistes unbenutzt, weil er cs für eine Entweihung hielt, die heilige Sprache zum Affen der arabischen Versmaße zu machen. Wären Reim und Versmaß wesentliche poetische Schönheiten, meinte er, so hätten sich ihrer die Propheten und Psalmisten bedient; sie ließen sie aber unbeachtet, weil diese Knnstform den ausdrucksvollen hebräischen Styl nur verunstalte ^). Zu seiner Abneigung gegen die neuhebräische Poesie trugen auch viel die Pfuscherarbeiten von Dichterlingen bei, welche den großen Meistern die Handgriffe abmerkten und ihr abgemessenes Reimgeklingel als vollendete Poesie ausgaben. Seine Verehrer konnten aber seine Unlust an dichterischem Schaffen nicht begreifen und tadelten sein Verstummen. Einer derselben, ein Rabbiner Jechiel, stellte ihn einst darüber zur Rede in einem Doppelverse: „Warum will Juda uns kein Lied mehr singen? Hat seine Jugendliebe er vergessen?" Darauf antwortete der Dichter in Unmnth: „Des Sanges Quell ist Schlamm und Sumpf geworden. Daran mag meine Seele sich nicht laben. Wie soll der Leu noch Lust an Pfaden haben, Darauf sich tummeln niederer Thiere Horden?"2). Indessen wie ernst gemeint auch das Gelübde gewesen sein mag, nicht mehr hebräisch zu dichten, auf die Dauer konnte es der vollendete Meister nicht erfüllen. Brauchte er doch die Poesie, um die Ideale seines Innern lebensvoll zu verkörpern; war es ihm doch ein unab- weisliches Bedürfniß, sich und Andere mit des Liedes Zauberwort zu begeistern. Er vergaß daher bald sein Gelübde und dichtete weiter. Aber einen anderen Entschluß, den er in tiefster Seele faßte, vollführte er und brachte ihm die größten Opfer. Es stand dem philosophischen Dichter fest, daß das heilige Land die Spuren göttlicher Gnade trage. Seine Dichterseele war ganz erfüllt von der geistigen Herrlichkeit Palästinas. Aus dem verblichenen Glanze seines verkümmerten Zustandes könne man noch höhere Erleuchtung sangen. Die Wollust des Schmerzes durchzuckte sein Herz bei dem Gedanken an die heiligen Trümmer. Für ihn mündeten die Pforten des Himmels noch immer i« die Thore Jerusalems ein, dort ergießt sich noch immer die göttliche Gnade und vermag dem empfänglichen Gemüthe Beseeligung und höhern Frieden zu gewähren. Dorthin wollte er ziehen, dort seiner Innerlichkeit leben und sich vom Gotteshauche durchwehen lassen. st 0llo2ari, H. 66. l?arollon Einl. S. 56. st Divan 55, 113. 134 Geschichte der Juden. Als er sein religionsphilosophisches Werk begann, sprach er schmerzlich davon, daß er gleich Andern so abgestumpft gegen das heilige Land sei und mit den Lippen Sehnsucht nach demselben ausdrücke, aber sie nicht zu verwirklichen strebe ^). Je mehr er sich aber in die Wichtigkeit des heiligen Landes zur Empfänglichkeit für göttliche Gnadengaben hineindachte, je mehr reifte in ihm der Entschluß, dorthin zu wallfahrten und sein Alter dort zu beschließen"). Die Schwierigkeit und Gefahren, denen er entgegengehen würde, verhehlte sich Jehuda nicht, aber doch war er in einer Täuschung begriffen. Er schien nämlich zu glauben, da das heilige Land den übermüthigen Moslemim entrissen wurde und unter christlicher Herrschaft stand, werde er die Erlaubniß erhalten, in einem stillen Winkel seiner Andacht zu leben, oder gar da die mcssianisckie Zeit der Erlösung zu erwarten. Am meisten verhaßt war ihm, der im christlichen Spanien geboren war, die Herrschaft des Islam, „des Sohnes der Sklavin Hagar". Ans ihn bezog Jehuda Halevi, wie die meisten Juden Andalusiens, Daniel's Bild von dem vierten Reich, das aus Erz und Thon gemischt, auf thönernen Füßen ruht und von göttlicher Hand zertrümmert werden würde. Dann werde die Herrschaft an den Menschensohn, an Israel gelangen. Die Selbstzerfleischung der Mohammedaner in Spanien und die häufigen Siege der christlichen Fürsten über dieselben ließen ihn die Zeit als nahe bevorstehend erwarten. Seine Seele war so tief ergriffen von dem Gedanken an die heilige Stätte, daß er ihm in Traumgestalten vorgankelte. So hatte er einst einen sein Gemüth tief erschütternden Traum, der ihm den Sturz des Islam zeigte. Diesen Traum und die daran geknüpfte Hoffnung verkörperte er in einem meisterhaften Gedicht: „Ziehe ein den stolzen Arm, Hagar's Sohn! Der Deiner Herrin Kind bedroht mit Hohn. Ich Hab' im Traume Deinen Sturz gesehen, Vielleicht ist's wachend schon um Dich geschehen. Trifft das Jahr achthundert und neunzig ein — (1130), Dann wird Dein Hochmuth gebrochen sein st. Das war die Täuschung, der sich Jehuda's glanbensvolles Herz hingab. Der nationale Gedanke, der ihn ganz beherrschte, hob ihn über die beengte Gegenwart hinweg. Ein andermal sah er im Traume den Tempel wieder hergestellt, die Priester beschäftigt mit weihevollen Handlungen und Hörle den Levitenchor an sein Ohr rauschen. st Ollo2s.ri II. 24 — 25. 2 ) Das. V. Ende. st Orient 1850, 39g ff. Divan 81, >59. Jehuda Halevi. 135 Diesem unwiderstehlichen Drang nach Zion, der gnadenreichen Stadt, entsprang ein Kranz der gemüthvollsten Lieder, die eben so wahr empfunden, wie schön gebaut sind. Die Zionide, deren Schöpfer Jehuda Halevi ist, bildet die höchste Blüthe der neuhebräischen Poesie und darf mit den Psalmen wetteifern. O, Stadt der Welt, Du schön in holdem Prangen, Aus fernem Westen sieh' mich nach Dir bangen. O, hätte ich Adlers Flug, zu dir entflöge ich, Bis deinen Staub ich netz' mit feuchten Wangen. Im Osten weilt mein Herz, Ich selbst an Westens Rand. Wie soll erfreuen mich, Woran sonst ich Lust empfand? Wie mein Gelübde lösen, Wenn ich in Edom's Haft Zion — ich selbst in Arabiens Joch gebannt? Wie gilt Hispaniens Gut mir nichts. Wie mir so hoch dein Staub zu schauen, Die Stätte, wo einst dein Tempel standst. Das ist der Grundton, der durch alle Zionsgesänge dnrchklingt. Aber wie mannigfach weiß er das Thema zu behandeln! Welch einen Reichthnm von Empfindungen, Bildern und Wendungen entfaltet er dabei! Die israelitische Vorzeit entsteht in seinen Versen in verklärter Gestalt, der Volkskörper in der Gegenwart erscheint bald mit der Dornenkrone tausendfachen Leids, bald mit der Strahlenkrone einer glorreichen Zukunft. Der Inhalt seiner lyrischen Ghazelen ergießt sich unwillkürlich in die Seele des Lesers und theilt ihm Schmerz und Wehmuth, Hoffnung und Jubel mit, und lange bleibt sein tiefer Eindruck haften, gemischt aus Schwärmerei und Ueberzeugnng. Der national-begeisterte Dichter gab sich Mühe, seinen Glaubensbrüdern die Sehnsucht nach Jerusalem mitzntheilen und sie zu einer Art Heimkehr zu bewegen. Ein Lied, schwungvoll und lieblich, forderte die Nation, „das ferne Täubchen", auf, die Gefilde Edom's und Arab's (der Christenheit und des Islams zu verlassen und ihr heimathliches Nest in Zion aufzusuchen st. Es blieb ohne Echo. Es gehörte eine hochgespannte, ideale Auffassung dazu, wie sie den frommen Dichterphilosophen durchdrang, um au einen so kühnen Flug auch nur zu denken. Einer seiner Freunde versuchte, ihm selbst den schwärmerischen Entschluß wankend zu machen, in einem Briefe von ernstem und spöttelndem Inhalte. Jehuda Halevi blieb die Antwort nicht schuldig st Lstmls.b 53, Sachs, religiöse Poesie 292 f. st Divan l58. und rechtfertigte seinen Entschluß mit leidenschaftlichem Feuer. „Haben wir im Morgen- oder Abendlande eine feste Stätte, wo wir sicher weilen dürfen?" macht er unter andern Gründen geltend Wie mit unsichtbaren Banden fühlte sich seine Seele zu der Urheimath hingezogen, er konnte sich ihnen nicht entwinden. Als er sein unsterbliches Werk, den Dialog des Chozari, vollendet hatte (um 1141), dachte er ernstlich daran, die heilige Reise anzntreten. Eine Veränderung in seinen Lebensverhältnissen, die er nur andentet, beseitigte jede Bedenklichkeit. Er traf nun alle Vorkehrungen dazu. Nicht geringe Opfer brachte er diesem bewunderungswürdigen, wenn auch abenteuerlichen Entschlüsse. Er tauschte sicheres, behagliches Leben für Unruhe und Ungewißheit ein, er verließ seine einzige Tochter und seinen Enkel Jehuda, die er wie seinen Augapfel liebte. Er verließ das Lehrhaus, das er in Toledo gegründet, und einen Kreis von Jüngern, die er als Söhne liebte, und die ihn als Vater verehrten Er sagte Lebewohl seinen zahlreichen Freunden, die ihm neidlos als einer anerkannten Größe huldigten, und von denen Einer sagte: „Ganz Jakob bekennt sich zu Jehuda" ^). Aber dieses Alles schien ihm gering gegen die Liebe zu Gott und zum heiligen Lande. Er wollte sein Herz zum Opfer auf der geweihten Stätte bringen und sein Grab in dem gebenedeiten Staube finden ^). Als er, mit reichen Mitteln ausgestattet, seine Reise antrat, glich sein Zug durch Spanien einem Triumphe. Seine zahlreichen Verehrer in den Städten, die er durchzog, erschöpften sich in Aufmerksamkeiten gegen ihn. Der greise, philosophisch gebildete und dichtende Rabbiner Joseph Jbn-Zadik übereichte ihm im Namen der Freunde ein Geschenk, begleitet von einem Huldigungsgedichte, das herzenswarm und tiefempfunden klingt. Er nennt ihn Vater des Gesanges, als wäre die Dichterin Debora seine Amme gewesen, und als hätte Agar ihn erzogen. „Wer vermag zu Deiner Größe hinanzudringen?" Jehuda wies das Geschenk taktvoll zurück und lehnte die Huldigung mit Bescheidenheit ab ^). In Granada bereiteten ihm die Freunde ebenfalls einen schmeichelhaften Empfang, und der Rabbiner David Jbn-Mohagar überreichte ihm einen reich verzierten Betmantel zum *) Lstmlat S. 54 Nr. 4. H Lsinlal 62 und Luzzatto's Anmerk. Muss 45 und Orient 1850. 474, Divan 73. 2) Nidjs.lia.ckiiii (m-mmL.) Divan 143. Seine Liedersammlung, 1, 36. Lstuls.1 58 f. Jehnda Halevi's Wallfahrt nach Palästina. 137 Andenken, den er annahm; seinen Dank dafür sprach er in einem Gedichte aus. Dem Dichter Jehnda Jbn-Giat, den er nicht sprechen konnte, hinterließ er ein schönes Gedicht, worin er zugleich den Grana- densern für die Aufmerksamkeit dankte ^). Mit einigen treuen Begleitern schiffte er sich auf ein Fahrzeug ein, das nach Egypten segelte (um 1141). In die enge Bretterwelt eingeschlossen, wo er keinen Raum fand zu sitzen und zu liegen, ansgesetzt den gemeinen Späßen roher Seeleute, seekrank und gebrochenen Körpers, hatte seine Seele doch die Flugkraft, sich zu lichten Kreisen zu erheben. Seine Ideale waren seine treuesten Begleiter. Die Stürme, welche das Schiff wie einen Kinderball den Wellen znschleuderten und „zwischen ihm und dem Tode nur eine Spanne ließen", entlockten seiner Brust Seelieder, die au Wahrheit der Schilderung und Gefühlstiefe wenig Seitenstücke haben ^). „Das Meer stürmt, meine Seele ist froh. Sie naht sich dem Tempel ihres Gottes!" Durch widrige Winde verzögert, mußte gegen das Hütteufest (September) das Schiff in Alexandrien in den Hafen cinlaufen, und Jehuva begab sich zu Religionsgenoffen mit dem festen Entschlüsse, nur kurze Zeit unter ihnen zu weilen und das Ziel seiner Reise nicht aus den Augen zu lassen. Aber kaum wurde sein Name genannt, so flogen ihm die Herzen zu. Der angesehenste Mann der alexan- drinischen Gemeinde, der Arzt und Rabbiner Aaron-Ben-Zion Jbn-Alämüni, mit Glücksgütern und Söhnen gesegnet und selbst liturgischer Dichter, beeilte sich ihn als einen hohen Gast in sein Haus aufzunehmen, ihm die höchsten Ehren zu erweisen und ihm und seinen Begleitern sein gastfreundliches Haus zur Verfügung zu stellen. Unter der sorglichen Pflege herzlicher Freunde erholte er sich von der Seereise und drückte seine Dankbarkeit in schöngeformten hebräischen Kaziden aus. Das Haus Jbu-AlämLui's gab sich so viel Mühe, ihn zu fesseln, daß er trotz seiner Sehnsucht statt weniger Tage nahe an drei Monate, bis znm Chanukafeste, in Alexandrien blieb ^). Mit Gewalt riß er sich vom Herzen so lieber Freunde los, um nach der Hafenstadt Damiette zu reisen, wo er einen guten Freund Abu Said b. Chalfou Halevi hatte, mit dem er schon von Spanien aus bekannt war"). Aber er mußte seine Reise ändern; denn der jüdische fl Das. 19. fl Folgt aus dem Brief an Samuel Abu-Manßur das 111. fl Das. 62—67. fl Lstulat 77 ff., 83, III. fl Das. 89. Luzzatto's Anmerkung. 138 Geschichte der Juden. Fürst Abu Manßnr Samuel b. Chauauja, der ein hohes Amt am egyptischen Chalifeuhofe bekleidete, sandte ihm ein dringendes Einladungsschreiben, seine Gastfreundschaft in Kahira anznnchmen. Abn-Manßur Samuel scheint Leibarzt des fatimidischen Chalifen von Egypten, Al-Hafidh Leddin-Allah gewesen zu sein, der ihn wegen bewiesener Rechtlichkeit sehr hoch schätzte. Der Chalife hatte nämlich einen nngerathenen Sohn Hassan, der als Wesir eine Plage des Landes war. Der Vater wollte sich seiner entledigen und forderte seinen jüdischen und mohammedanischen Arzt ans, dem Sohne Gift zu geben. Der Jude, weigerte sich dessen hartnäckig und erwiderte: „Ich verstehe mich nur ans Brechmittel, Kornwasser und dergleichen." Der mohammedanische Arzt ging aber darauf ein und räumte Hassan ans dem Wege. Nach geschehener That aber scheint den Chalifen die Reue angewandelt zu haben, er verwies den Giftmischer, den jüdischen Arzt dagegen stellte er so hoch, daß er in seinem Palaste wohnen mußte (um 1134 — 35^). In Folge dessen scheint Abu- Manßnr die Oberhoheit über die jüdisch-egyptischen Gemeinden mit dem Titel Fürst (iklaAiä) erhalten zu haben. Von diesem Manne wurde nun der pilgernde Dichter eingeladen. Jehuda Halevi konnte diese schmeichelhafte Einladung um so weniger ablehnen, als ihm daran lag, von dem jüdischen Fürsten, dessen Ruf weit verbreitet war, Empfehlungsbriefe für seine Reise nach Palästina zu erhalten. Aber die Andeutung Abu-Manßur's, daß er ihn auch mit reichen Geldmitteln unterstützen wolle, wies er in einem Schreiben zart ab, „indem ihn Gott mit Gütern so sehr gesegnet, daß er viel aus seinem Hause mitgenommen, und noch Manches zurückgelassen habe" ^). Dem Briefe folgte er selbst auf einem Nilschiffe nach. Der wunderbare Fluß rief in ihm Erinnerungen ans der israelitischen Vorzeit wach und mahnte ihn an sein Gelübde. Die Erinnerung verewigte er durch zwei schöne Gedichte^). Von dem Fürsten Abn-Manßur gastlich in Kahira empfangen, sonnte er sich in dessen Glanze und besang dessen Freigebigkeit, Ruhm und drei edle Söhne ^). Einen ergebenen Freund fand der Pilger noch dort an dem Vorsteher des Lehrhanses, Nathan b. Samuel, dem er das größte Lob spendete^). In *) Jbn-Alathir schwedische Uebersetzung I, x. 25. 2) Erster Brief Lstulab 110 ff. Wunderlich ist es von dem Manne, dessen Sehnsucht nach Zion ihn von seiner Heimath und dem Herzen der Seinen losgsrissen hat, anzunehmen, er habe sich in Egypten mit Handelsgeschäften abgegeben. Der Passus in dem Briefe lLsimlab S. 112), woraus dieses Factum gefolgert wurde, ist sicherlich corrumpirt, da auch der Reim nicht paßt. °) Lstmlat 91. Das. 92, 98. >y Aas. gg, uz ff. Jehuda Halevi in Palästina. 139 Kahira überkam ihn wieder die Lust, sich in Liebesliedern zu versuchen und es gelang ihm, obwohl nahe an sechzig, ganz vortrefflich. In einem Gedichte an Aaron AlLmLni vereinte er Heiterkeit der Liebes- gesänge, Lob auf den Freund mit seiner Sehnsucht nach der heiligen Stätte i). Doch lange ließ es ihm keine Ruhe in Kahira, er eilte, nach der Hafenstadt Damiette zu kommen, wo er gegen den Fasttag des Debet (December fl um 1141—42) eintraf. Viele Freunde empfingen ihn in dieser Stadt, vor Allem sein Freund Abu-Said Chalfon Halevi, ein Mann von großen Verdiensten. Ihm und den anderen Freunden widmete er schöne Denkverse. Die Freunde versuchten auch hier seinen Entschluß, nach Palästina zu reisen, wankend zu machen; sie schilderten ihm die Gefahren, denen er sich aussetzen würde, und bemerkten ihm, daß sich auch an Egypten Erinnerungen göttlicher Gnadenwaltung in den Uranfängen der israelitischen Geschichte knüpfen 2). Er aber erwiderte: „In Egypten hat sich die Vorsehung nur wie in der Hast gezeigt, bleibenden Sitz hat sie erst im heiligen Lande genommen" fl. Nun riß er sich endlich von den neuen cgyptischen Freunden und Bewunderern los, um seinem Ziele zuzueilen. Wohin er sich zunächst wendete, ist ganz dunkel. In Palästina herrschten damals die christlichen Könige und Fürsten, die Seitenverwandten des Helden Gottfried von Bouillon, und diese gestatteten den Juden wieder im heiligen Lande und sogar in der christlich gewordenen Hauptstadt zu wohnen. Die Gegend war zur Zeit von Jehuda's Reise keineswegs durch Kriegszüge beunruhigt, da die seit einem Menschenalter in Palästina angesiedelten Christen, die verweichlichten Pullanen, die Ruhe liebten und sie um jeden Preis Von den feindlichen islamitischen Emiren erkauften. Die Juden waren auch an den kleinen Höfen der christlichen Fürsten Palästinas angesehen, und ein christlicher Bischof beklagte sich, daß diese durch Einfluß ihrer Frauen sich lieber jüdischen, samaritanischen und saracenischen Aerzten anvertrauten, als lateinischen (christlichen fl, wahrscheinlich weil die letzteren Quacksalber waren. Jehuda Halevi scheint auch das Ziel seiner Sehnsucht erreicht zu haben und in Jerusalem gewesen zu sein, aber nur auf kurze Zeit. Die christlichen Bewohner der heiligen Stadt scheinen ihm viel zugesetzt und ihm den Aufenthalt in derselben verleidet zu haben. fl Das. 100. 2) Das. 89, Nr. 27. fl Das. 109, Nr. 43. fl Das. 106 s. fl Wilhelm von Tyrus llisloria, B. XVII, o. 3. zum Jahr 1161. 140 Geschichte der Juden. Darauf mag sich eines seiner innigen, religiösen Gedichte beziehen, das in den Mittelstrophen klagt: „Mein Auge sehnte sich. Deinen Glanz zu schauen, Aber als war' ich dessen unwürdig, Konnte ich nur Deines Tempels Schwelle betreten. Meines Volkes Leid mußte auch ich ertragen, Wandere darum irr' umher, Mag andern Wesen nicht dienen."') Seine letzten Lebensschicksale sind unbekannt geblieben, wir wissen nur, daß er in Tyrus und Damaskus war. Die jüdische Gemeinde in Tyrus nahm ihn ehrenvoll auf, und er prägte das Andenken an sie in sein liebevolles Herz. In einem Gedichte an seinen lyrischen Freund klagte er über seine getäuschte Hoffnung, über seine geschwundene Jugend, über seine Verkommenheit, Verse, die sich nicht ohne Rührung über die Mnthgesunkenheit eines so heldenmüthigeu Kämpfers lesen ^). In Damaskus dichtete er sein Schwanenlied ^), die herrliche Zionide, welche wie die Assaf-Psalmen Sehnsucht nach Jerusalem wecken. Sein Todesjahr und seine Grabstätte sind ebenfalls unbekannt. Die Sage dichtete von ihm, er sei von einem mohammedanischen Ritter überritteu worden, als er seine wehmnthsvolle Zionide sang^), und läßt ihn in Kephar-Kabul begraben sein''). Die gedrungene Grabschrift, die ihm ein unbekannter Verehrer weihte, lautet: „Frömmigkeit, Sanftmuth, Edelsinn, Sprechen: wir sind mit Jehuda hin"°). Sie drückt aber nicht den kleinsten Theil dessen aus, was diese ätherische und doch gefestigte Persönlichkeit bedeutete. Jehuda Halevi war das verklärte Bild des sich selbst bewußten israelitischen Volkes, das sich in seiner Vergangenheit und Zukunft gedanklich und künstlerisch darzustellen sucht. ') In Lsrsm Obsrasck IV. S. 25. Graetz, Blumenlese x. 11V. dir. 37 2) (Lass Oxlorcl, S 18 b. 2) Das. Vorrede p. IX. Anmerk. 1. ch Jbn-Jachja in Lobnlsobslst bn-Lg.bbs.ln. ö) 2nonto lloobnsin. ") 6luss Oxtorä p. 27. Graetz das. III. Siebentes Kapitel. Drittes rabbinisches Zeitalter. (Fortsetzung.) Verfolgungen durch den zweiten Areuzzug und die Almohaden. Zustand der nordsranzösischen Gemeinden. Jüdische Prevöts. Nathan Official und seine Disputationen mit Prälaten. Die Tossafistenschule. Joseph Kara. Elieser b. Nathan's Martyrologium. Der zweite Kreuzzug. Peter Venera- bilis und der Mönch Rudolph. Bernhard von Clairvaux und Kaiser Konrad, Annehmer der Juden. Die Verfolgung der Almohaden. Abdulmumen und sein Edikt. Der Fürst Jehuda Jbn-Esra. Die Karäer in Spanien. Jehuda Hadassi. Der Geschichtsschreiber Abraham Jbn-Daud und seine Religionsphilosophie. Abraham Jbn-Esra und seine Leistungen. R. Tam und die synodal-rabbinischen Verordnungen. 1145—1171. In Spanien hatte die jüdische Cultur sich zum Gipfelpunkt erhoben, sie hatte ihre schönste Blüthe in dem größten neuhebräischen Dichter erreicht; in Frankreich zeigte sich in derselben Zeit ein Ansatz dazu. Wie unter Ludwig dem Frommen, so wurden die Inden des französischen Nordens unter den zwei Capetingischen Königen Ludwig VI. und VII. (1108—1180) in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts sehr begünstigt. Die nordfranzösischen Gemeinden lebten in einem Wohlstände, welcher den Neid zu erregen im Stande war. Ihre Scheunen waren gefüllt mit Getreide, ihre Keller mit Wein, ihre Magazine mit Maaren und ihre Truhen mit Gold und Silber. Sie besaßen nicht blos Häuser, sondern auch Aecker und Weinberge, die von ihnen selbst oder von christlichen Knechten bearbeitet wurden. Die Hälfte der allerdings damals noch nicht bedeutenden Stadt Paris soll jüdischen Besitzern gehört haben Z. Die jüdischen Gemeinden waren als selbständige Körperschaften anerkannt und hatten an ihrer Spitze einen eignen Bürgermeister mit dem Titel Prevot (praeposituo), welcher auch die Befugniß hatte, der christlichen Bevölkerung gegenüber die Interessen der Gemeindeglieder zu wahren und christliche Schuldner zum Zahlen si Vergl. Note 7. 142 Geschichte der Juden. an die jüdischen Gläubiger anzuhalten, allenfalls auch zu verhaften. Der jüdische Prevot wurde von der Gemeinde gewählt und von dem Könige oder dem Baron, dem die Stadt gehörte, bestätigt *). Juden verkehrten bei Hofe und hatten Aemter inne. R. Jakob Tam, die größte rabbinische Autorität in dieser Zeit, war beim König sehr angesehen. Ein anderer talmudischer Gelehrter, Nathan Official, war, wie sein Titel aussagt, ein einflußreicher Beamter, vermuthlich des Erzbischofs von Sens °). Ungezwungen disputirten jüdische Gelehrte mit Geistlichen über Religionsgegenstände und durften ihre wahre Meinung über die Dreieinigkeit, über Maria und Heiligenverehrung , über Ohrenbeichte und Wunderthätigkeit der Reliquien äußern, namentlich um die christologischen Beweise ans dem alten Testament zu widerlegen ^). Nathan Official war einer der lebendigsten und freimüthigsten Disputatoren jener Zeit. Als ihm einst der Erzbischof von Sens den tausendmal wiederholten Beweis für die Dreieinigkeit aus dem Verse: „Wir wollen einen Menschen schaffen", anführte, erwiderte Nathan mit einem Gleichniß: „Ich habe einem deiner christlichen Unterthanen Geld zum Ankauf von Maaren vorgeschossen, um sie nach Paris zu Markte zu bringen und den Gewinn mit mir zu theilen. Da sie aber im Preise sanken, hat sie derselbe im Unmuthe, ohne mich zu Rathe zu ziehen, vernichtet. Da du weißt, daß ich nicht auf Zins leihe, so bitte ich dich um Gerechtigkeit gegen den Mann, der mein Vermögen zerstört hat." Als darauf der Erzbischof schwor, der Christ müsse ihm Kapital und Gewinnantheil erstatten, weil er ohne Zustimmung seines Genossen die Waare vernichtet habe, erwiderte Nathan: „Und glaubst du, daß Gott minder gerecht sei? Wenn er bei der Schöpfung des Menschen die andern zwei Personen, Sohn und heiligen Geist, zu Rathe gezogen haben sollte, müßte er nicht um so mehr mit ihnen bei dem Untergang des Menschengeschlechts zu Rathe gehen? Und doch heißt es in der Schrift: „ich will den Menschen von der Erde vertilgen" in der Einzahl. — Einst wurde er am Hofe desselben Erzbischofs in Gegenwart vieler Kirchenfürsten gefragt: Warum die Juden Jesus zum Tode vernrtheilt haben, und er gab ihnen eine Antwort darauf, die von Geist und Freimuth zeugt. Ebenso freimüthig erwiderte U Folgt aus einem Schreiben Ludwig's VII. an die Stadt Utaraxss, bei Lonqnst, rsonsil XI. p. 314 und Rssxonsuin des Me'tr aus Rothenburg S. 112 ä. 2) Vergl. darüber Note 7. b) S. Rsvns des HtuässR. XVIII x. 131 ff. (David Kaufmann, lss jnits st ls. Uibls äs l'llbbs Xtisnns äs Oitssmx.) Nathan Ofsicial. Das Talmudstudium in Frankreich. 143 er dem Bischof von Joiguy in Gegenwart des Erzbischofs und anderer Prälaten auf die Frage: Warum er nicht an Maria glaube. Auch mit dem Papste Alexander III., der während seines Exils im Streit mit dem Gegenpapste Victor IV. einige Zeit in Sens wohnte, scheint Nathan Ofsicial ein religiöses Gespräch geführt zu haben, und seine Aeußerungen klingen scharf und rücksichtslos. Der König fragte ihn einst, wer seine Frau sei, und als er antwortete: seine Base, fiel ein Mönch mit der Bemerkung ins Wort: „Diese Leute heirathen in naher Verwandtschaft wie die Thiere." Darauf bewies Nathau, daß in der Bibel selbst Beispiele von Ehen unter Geschwisterkindern Vorkommen, und daß demnach das katholische Ehegesetz, daß nur der Papst das Eingehen einer solchen Ehe dispensiren könne, gegen die Bibel sei. Auch seine Söhne, Joseph und Ascher, und sein Oheim Joseph aus Chartres disputirten ohne Scheu mit Geistlichen über die Dogmen und Beweisführung der Kirche. In dieser günstigen Lage ungeschmälerter Duldung konnten sich die jüdischen Denker Nordfrankreichs ihrem Drange überlassen, die von Raschi angebahnte Richtung zu verfolgen. Den Talmud dem ganzen Umfange nach zu begreifen und zu erklären, war den französischen Juden zur Leidenschaft geworden. Der Tod hatte den Talmnd- commentator von Trohes inmitten seiner Arbeit abgerufen; seine Jünger bemühten sich, die von ihm gelassenen Lücken zu ergänzen. Er hatte den Geist des rücksichtslosen Forschens und Grübelns, der haarscharfen Dialektik, der feinen Zergliederungskunst auf seine Schule vererbt, und sie hat das Erbe reichlich vermehrt. Das richtige, sachgemäße Verstäudniß des Talmud war den Jüngern Raschi's eine so heilige Gewissenssache, daß sie sich nicht scheuten, die Erklärungen ihres Meisters einer scharfen Kritik zu unterwerfen. Aber ihre Verehrung für denselben war wiederum so groß, daß sie ihre eigenen Meinungen nicht selbständig hinstellen mochten, sondern sie als bloße Zusätze stloooakot) an Raschi's Commentarien anlehnten. Von diesem Umstande erhielt diese Schule ihren Namen, die tossafistische. Sie hat theils die von Raschi gelassenen Lücken ausgefüllt, thetls die von ihm gegebenen Erläuterungen berichtigt und erweitert. Der Hauptcharakter der tossafistischen Richtung ist, daß sie nichts auf Autoritäten giebt, sondern mit eigenen Augen sehen, das ihr Vorliegende mit eigenem Verstände begreifen will. Vermöge ihrer tiefen Ein- gelesenheit und Vertrautheit lag den Trägern dieser Schule der umfangreiche Talmud sammt der Nebenlitteratur mit seinem Gewimmel von Lehrgegenständen und einander überrennenden Aussprüchen, Sätzen und Meinungen wie ein scharfgezeichnetes engrahmiges Bild vor. 144 Geschichte der Juden. Vermöge ihres Scharfsinnes zerlegten sie mit erstaunlicher Zergliedernngs- knnst jeden Satz und jeden Begriff in seine Urelemente, brachten ans diese Weise das scheinbar Verwandte weit auseinander und das scheinbar Entfernte in nähere Beziehung. Kaum kann man dem Nichteingeweihten einen annähernden Begriff von der kritisch-scharfsinnigen Methode der Tossafisten beibringen. Die schwierigsten logischen Operationen vollführten sie mit einer Leichtigkeit, als wären es einfache Rechenexempel für die Stufe des Kindesalters. Der spröde talmndische Stoff wurde unter ihren Händen zu einem Weichen Teige, ans dem sie überraschende, halachische (gesetzliche) Gebilde und Compositionen formten. Für Verhältnisse anderer Zeitlagen, für welche der oberflächlichen Anschauung auch nicht eine Andeutung vorliegt, fanden sie darin Analogien in Fülle. Den Kreis der ersten Tossafisten bildeten größtentheils Raschi's Verwandte: seine zwei Schwiegersöhne Me'lr b. Samuel aus Ramerü (einem Städtchen unweit Trohes) und Jehuda b. Nathan (abgekürzt Uibsn), die noch zu den Füßen der lothringischen Weisen saßen, aber unter Raschi ihre letzte Ausbildung erreichten; ferner seine drei Enkel Isaak, Samuel und Jakob Tam, Söhne Mei'rs (Lidsm, Lnoobbsw und U. Dam) und endlich ein Deutscher R. Isaak b. A s ch er Halevi (kibn) aus Speier, ebenfalls mit Raschi's Familie verwandt. Das Talmndstudium zerfiel durch die Arbeit der Tossafisten- Schule in zwei Fächer: in eine theoretische Erörterung, welche das gründliche Verständnis) der talmudischen Partien vermittelte (Obiä- ckuoobioa) und in eine praktische Ausbeutung zur Anwendung der gewonnenen Resultate für die Rechtspflege, das Eherecht und das religiöse Ritual (Lssakim, Lesponss). Tie scharfsinnigen Com- binationen brachten neue Gesetzesbestimmungen zu Tage. Neben dem Talmudstudium, das die Geisteskraft der nord- französischen und rheinischen Inden in Spannung erhielt, konnte kein anderes Fach Pflege finden. Die Poesie gedieh nicht in einem Kreise, wo die Logik das Scepter führte, und die Phantasie nur in so weit zugelassen wurde, um neue Fälle und Verwickelungen talmudischen Stoffes zu ersinnen. Die Schriftauslegung wurde ebenfalls in tal- mudischer Weise behandelt. Die meisten Tossafisten waren zwar auch Exegeten, aber sie kümmerten sich nicht um den eigentlichen Sinn der Schrift, sondern sahen sie durch die Brille der agadischen Auslegung an. Es wurden eben so Tossafot zum Pentateuch ausgearbeitet, wie zum Talmud. Tobia b. Elieser aus Mainz verfaßte Com- mentarien zur Thora und den fünf Megillot in der Weise, daß er Joseph Kara und Samuel b. Me'ir. 145 ältere Agadas zusammentrug (um 1107; Dmlcaoli lob auch ?ssistta sutra äi 11. lobia). Nur zivei Männer machten eine rühmliche Ausnahme und führten die von der Agada beherrschte Schrifterklärung (I)sru8vü) auf das einfache Wort- und Sinuverständniß (?68olmt) zurück; Joseph Kara und Samuel Meir (blühten um 1100-1160). Beide haben eine um so größere Bedeutung, als sie sich gewissermaßen mit ihren Erzeugern, welche der deutelnden Auslegungsweise huldigten, in Widerspruch setzen. Joseph Kara war der Sohn des Agada- sammlers Simon Kara, Verfassers des Jalkut (o. S. 52), und Samuel b. Me'ir war ebenfalls von seinem Großvater Raschi in Ehrfurcht vor der Agada großgezogeu. Beide haben dennoch, wahrscheinlich angeregt durch die nüchterne Schrifterklärung des Menahem b. Chelbo (o. S. 51) und durch einen eingewauderteu Spanier Obadia, den alten Weg verlassen und sich der auf strenger Grammatik beruhenden Exegese beflissen. Samuel, welcher Raschi's Commentar zu Hiob und zu einigen talmudischen Traktaten ergänzte, hat seinen Großvater von der Richtigkeit der sinngemäßen Schrifterklärung so sehr zu überzeugen gewußt, daß dieser bemerkte: er werde, wenn ihm Kraft bliebe, seinen Commentar zum Pentateuch nach andern exegetischen Grundsätzen umändern *). Samuel commentirte in diesem nüchternen Sinne den Pentateuch und die fünf Megillot, Joseph Kara die meisten prophetischen und hagiographischen Bücher"). Freilich halten die beiden französischen Exegeten keinen Vergleich mit den spanischen, namentlich mit Jbn-G'anach und Mose G'ikatilla aus; ihre Arbeiten haben nur insofern Bedeutung, als sie die Fesseln der agadischen Schriftauslegung durchbrochen haben. Sie sind im Ganzen weit entfernt von einer ganz freien Ansicht über die heilige Schrift. Samuel betrachtet noch immer das hohe Lied als ein Wechselgespräch zwischen Gott und der israelitischen Nation, um Israels Verhältnis) in den Zeiten des Glanzes und des Elends zu veranschaulichen. Versteigen sie sich hin und wieder zu einer kühnen Annahme, so bleibt das eine vereinzelte Erscheinung, welche ihre Anschauungsweise und ihr religiöses Verhalten nicht erschüttert. Samuel b. Me'ir behauptet zwar, der biblische Tag beginne mit dem Morgen ') Vergl. oben S. 67. Die überraschende taktvolle und rationalistische Exegese des Pentateuch des rrr-i (Samuel b. Me'ir) verdiente eine eingehende Untersuchung. 2) Davon ist indeß nur abgedruckt sein Commentar zu Hiob in Frankel's Monatsschrift, Jahrg. 18ö8 — SS, sein Commentar zu Hosca gedr. in Breslau 18KI, zu Jeremia edirt von Schlotzberg, Paris 1881 und zu Kohelet edirt von Dr. Einstein in Berliners Magazin 1886. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 10 146 Geschichte der Juden. und nicht in hergebrachter Weise mit dem Abends, allein diese Ansicht übte weiter keinen Einfluß auf seine Denkweise und führte ihn nicht zu Konsequenzen. — Andere nennenswerthe literarische Leistungen hat das jüdische Frankreich in dieser Zeit nicht hervorgebracht, und die deutschen Juden, welche seit Raschi's Auftreten ihre Führerschaft an die Champagne abtraten, waren noch ärmer daran. Nur zwei jüdische Schriftsteller Deutschlands gleichen Namens verdienen eine Erwähnung: Elieser b. Nathan aus Mainz, Verfasser eines talmudischen Sammelwerkes <2olnat LaanoaLÜ, Lbsn ImHrsr), und Elieser b. Nathan Halevi aus Köln, der die Leiden des ersten Kreuzznges als Augenzeuge und Leidensgenosse mit düstern Farben schildert (Lontoros Natnu^). Seine Schilderung ist, obwohl schmerzerfüllt, doch wahrheitsgetreu und verdient als treueste Quelle den Vorzug vor den Berichten christlicher Zeitgenossen. Sein Styl ist fließend und nicht ohne poetische Färbung, hin und wieder sind elegische Verse eingestreut. — Kaum Ivar der Bericht über die Leiden in Folge des ersten Kreuzzugs vollendet, so lieferte der anfgestachelte Fanatismus wieder Stoff zu neuen Martyro- logien. Die gleichzeitige Verfolgung der Juden von Seiten der Kreuz- ziigler in Frankreich und Deutschland und der Almohaden in Afrika und Spanien drohte das Haus Jakob's von dem Erdboden zu vertilgen. Als der größte neuhebräische Dichter klagte: „Haben wir denn eine sichere Stätte in West oder Ost," mochte er wohl in seinem zartbesaiteten Herzen die Unsicherheit der Stellung seiner Glaubensgenossen geahnt haben. Nur allzubald sollte der jüdische Stamm die erschreckende Wahrheit erkennen, daß er keine Heimath auf Erden habe und daß er in den Ländern des Exils seine Duldung mir der Jnconsequenz verdankte. Nur so lange das von Hause aus unduldsame Religions- princip der Kirche und des Islam in Gleichgültigkeit, Gewohnheit oder Eigennutz seiner Bekenner schlummerte, konnten die Juden ihres Daseins halb nnd halb froh werden. Sobald dasselbe aber aufgerüttelt wurde, stellte sich die fürchterliche Consequenz mit Leiden und Märtyrerthum für Israel ein, und es mußte wieder zum Wanderstabe greifen und die liebgewordene Stätte mit blutendem Herzen verlassen. Obwohl die Juden im Allgemeinen nnd besonders ihre Führer, Rabbinen und Weisen, den christlichen und mohammedanischen Völkern durchschnittlich an inniger Gottergebenheit, an tiefer Sittlichkeit, an gediegenen Kenntnissen und Bildung überlegen waren, so dünkten sich die, denen die Erde gehörte, doch höher und blickten mit Herren- übermuth auf jene wie auf niedrige Knechte herab. In christlichen *) Dessen Commentar zum ersten Capitel der Genesis; vergl. Note 8. 2) Zum ersten Male edirt von Jellinek; vergl. Note 5. Verfolgung in Europa und Afrika. 147 Ländern wurden sie für vogelfrei erklärt, weil sie an Gottes Sohn und noch an manches Andere nicht glauben mochten, und in einem mohammedanischen Reiche wurden sie verfolgt, weil sie Mohammed nicht als Propheten anerkennen wollten. Hier muthete man ihnen zu, ihrer Vernunft Gewalt anznthun, um Kindermärchen als tiefe Wahrheit anzunehmen, und dort forderte man von ihnen, ihrem Glauben zu entsagen, um dafür trockene Formeln mit philosophischem Anstriche einzntanschen. Beide stellten ihnen die traurige Wahl zwischen Tod oder Verleugnung ihres alten Glaubens. Franzosen und Deutsche wetteiferten mit wilden Berbern, um das schwächste der Völker noch mehr zu schwächen. An der Seine, am Rhein, an der Donau und an den Gestaden Afrikas und Südspaniens entstand gleichzeitig wie auf Verabredung eine blutige Hetzjagd im Namen der Religion gegen die Bekenner des Judenthums, uneingedenk dessen, daß das Gute und Göttliche, was in ihr vorhanden ist, eben diesem Bekenntnisse entlehnt ist. Bis dahin kamen Judenverfolgungen nur vereinzelt vor; vom Jahre 1146 an aber werden sie häufiger, stetiger, consequenter, hartnäckiger, als wollte der Zeitraum, in dem das Licht der Einsicht im Menschengeschlechte zu dämmern begann, die Zeit finsterer Barbarei an Unmenschlichkeit übertreffen. Diese Leidenszeit drückte dem jüdischen Stamme jene Duldermiene auf, welche die freie Gegenwart selbst nicht ganz zu verwischen vermochte, jenen Märtyrerzug, von dem ein klarblickender Schriftsteller sagt: „Die Schilderung des Propheten: ,er wird gegeißelt und wird gepeinigt und öffnet seinen Mund nicht*, bedarf keiner Erklärung weiter, denn jeder Jude im Exile ist Beleg dafür. Wird er gepeinigt, so öffnet er seinen Mund nicht, seinem Peiniger darzuthnn, daß er gerechter sei als dieser. Er hat seinen Blick nur auf Gott gerichtet, aber kein Fürst und kein Großer springt ihm in der Noth bei" ^). Die Verfolgung, welche gleichzeitig in Europa und Afrika sich verbreitete, hatte ihre letzten Fäden in Katastrophen, welche in Asien und Afrika vorgingen. Wäbrend die christlichen Ritter im neuen Reiche Jerusalem und den daran grenzenden Fürstenthümern immer mehr erschlafften, trat der türkische Held Nureddin auf, der die Christen aus Asien zu treiben Miene machte. Das wichtige Edessa war in seine Hände gefallen, und die rathlosen Kreuzstreiter mußten Europa um Hilfe anflehen. Da wurde der zweite Kreuzzng in Frankreich und Deutschland gepredigt, und der blutdürstige Fanatismus von neuem gegen die Juden anfgestachelt. ') Jbn-Esra Kommentar zu Jesaias 53, 7. 10 * 148 Geschichte der Juden. Der König Ludwig VII. von Frankreich, von Gewissensskrnpeln gepeinigt, nahm selbst das Kreuz und mit ihm die junge und leichtsinnige Königin Eleonore sammt ihren Hofdamen, welche ans dem Lager der Gottesstreiter einen Minnehof machen sollten. Da auch der Abt Bernhard von Clairvaux, ein wahrhaft heiliger Mann von apostolischer Herzenscinfalt und hinreißender Beredtsamkeit, zur Theilnahme an dem Kreuzznge anfforderte, so wuchsen die Scharen der Wallbrüder von Tag zu Tag ins Unglaubliche. Diesmal lenkte der Papst Eugen III. die Aufmerksamkeit der Kreuzfahrer auf die Inden. Er erließ eine Bulle, daß alle diejenigen, welche sich dem heiligen Kriege anschlössen, nicht gehalten sein sollten, den Inden den Zins für ihre Schulden zu zahlen. Es sollte eine Triebfeder sein, die zahlreichen Schuldner der Juden für das Kreuzheer zu werben und ivar eigentlich nur eine verblümte Redeweise, welche die Erlaub- niß einschloß, sich von den Schulden an die Inden frei zu machen. Der Abt Bernhard, der es sonst verschmähte, nnheilige Büttel zu heiligem Zwecke zu gebrauchen, mußte auf die Aufforderung des Papstes diese Schuldenerleichternng oder Schuldenerlasse predigen st. Ein anderer Abt Peter der Ehrwürdige (Vsoeradilis) von Clügny wollte die Sache noch weiter getrieben wissen. Er stachelte den König Ludwig und das Kreuzheer förmlich gegen die Juden auf. Peter häufte Anklagen auf Anklagen gegen sie und übertrieb ihr Vergehen, um den für die Inden eingenommenen König zu einer Judenverfolgung, oder mindestens zu einer Judenplündernng zu bewegen. In einem Sendschreiben an Ludwig VIl. wiederholte er die sophistischen Verdrehungen, welche das Raubgesindel des ersten Kreuzznges ansgedacht hatte, um die Plünderung der Inden im Namen der Religion zu beschönigen. „Was nützt es," schrieb Peter von Clügny, „in entfernten Gegenden die Feinde des Christenthums aufzusuchen, wenn die gotteslästerlichen Juden, weit schlimmer als die Saracenen, in unserer Mitte ungestraft Christum und die Sacramente schmähen dürfen! Glaubt doch der Saracene gleich uns, daß Christus von einer Jungfrau geboren, und ist doch fluchwürdig, weil er dessen Fleischwerdung leugnet, um wie viel mehr die Inden, die alles leugnen und verspotten? Doch fordere ich nicht, die Fluchbeladenen dem Tode zu weihen; denn es steht geschrieben: „Tödte sie nicht." Gott will nicht, daß sie ansgerottet würden, sondern sie sollen wie der Brudermörder Kain zu großen Qualen, zu größerer Schmach, zu einem Leben ärger als der st lchüstolas 8t. Löi-almräi Ho. 363. Der zweite Kreuzzug. 149 Tod aufbewahrt bleiben. Sie sind abhängig, elend, seufzend, furchtsam und flüchtig und sollen es bleiben, bis sie sich zu ihrem Heile bekehren. Nicht tödten sollst Du sie, sondern sie auf eine ihrer Niederträchtigkeit angemessene Weise bestrafen." Und nun zählt der Abt von Clügny die Verbrechen der Juden auf, daß sie Heiligthümer, die der Kirche entwendet wurden, kauften. „Diese Gefäße werden nicht etwa, wie einst die Tempelgeräthe bei den Chaldäern, einfach gefangen gehalten, sondern sie erfahren allerlei Schmach. Christus selbst fühlt die Schmähung, die dem geweihten Kelche und dem Kreuze von den Juden angethan wird. Dabei schützt sie das Gesetz, daß sie die Gefäße nicht einmal znrückzuerstatten brauchen, während eine solche Handlung für einen Christen die größte Strafe nach sich ziehen würde." Zuletzt fordert der fromme Mann den König auf, den Juden ihre erworbenen Güter ganz oder theilweise zu nehmen; denn das christliche Heer, welches zum Kriege gegen die Saracenen seine eigne Habe und Ländereien nicht schont, hat die unredlich gewonnenen Schätze der Juden nicht zu schonen. Man lasse ihnen das nackte Leben, nehme ihnen aber ihr Geld, damit die Keckheit der Saracenen durch die Hand der Christen, gekräftigt durch das Vermögen der gotteslästerlichen Inden, leichter gedemüthigt werden könnte ^). In diesem Gedankengang liegt Consequenz,' es ist die Logik des Mittelalters. Der König Ludwig, so sehr er auch die Inden begünstigte, konnte nicht weniger thun, als einen Befehl im Sinne der päpstlichen Bulle zu erlassen, daß die Kreuzfahrer ihrer Schulden gegen die Juden ledig sein sollten ^). Für den Augenblick hatte es also sein Bewenden bei der Plünderung der reichen Inden, welche dadurch den Armen gleich wurden. Zur allgemeinen blutigen Verfolgung ließen es der gutgesinnte König, seine klugen Minister, der Abt Süger und namentlich der fromme Bernhard nicht kommen, der die Gemüther zu lenken verstand. Anders verhielt es sich in Deutschland und namentlich in den rheinischen Städten, deren jüdische Gemeinden kaum von den Wunden des ersten Krenzzuges geheilt waren. Der Kaiser Konrad III. war ohnmächtig; die Bürger, welche beim ersten Kreuzzug im Allgemeinen für die Inden Partei genommen und sie beschützt hatten, waren beim Beginn des zweiten gegen sie eingenommen worden. Ein französischer Mönch Rudolph, der ohne Erlaubniß seiner Obern das Kloster verlassen hatte, ein Mann von feuriger Beredsamkeit, entzündete den 9 Bei Longnsb, rsausil XIV. 642, Ou-Ollssns sorrptorss Lrsnc. IV, 460. 2) Lpllrsrirr aus Bonn, Martyrologium, abgedruckt als Anhang zur Uebersetzung von Lrnsll lls.-Lg.oIra x. 105. 150 Geschichte der Juden. Fanatismus der Deutschen gegen die Juden; er glaubte ein frommes Werk zu vollbringen, die Bekehrung oder Vernichtung der Ungläubigen durchzusetzen. Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zog Rudolph, den Kreuzzug predigend, und flocht in seine Predigten die Mahnung ein, der Kreuzzug müsse mit den Juden beginnen. Es wäre den deutschen Juden diesmal noch schlimmer ergangen, als das erste Mal, wenn der Kaiser Konrad, der Anfangs eine tiefe Abneigung gegen die Schwärmerei des Krenzzuges empfand, nicht für die Sicherheit der Juden gesorgt hätte. In seinen Erblanden räumte er ihnen die Stadt Nürnberg und einige andere Festungen als Asyle einU, wo sie die Hand der aufgeregten Kreuzfahrer nicht erreichen konnte, lieber das Gebiet der Fürsten und Prälaten konnte er zwar nicht verfügen; aber er scheint Allen eingeschärft zu haben, die Inden kräftig zu schützen. Indessen hatte das Wort des Kaisers damals keine überwältigende Autorität. Im August 1146 fielen die ersten Opfer der von Rudolph aufgestachelten Verfolgnugssucht; ein Mann, Simon der Fromme ans Trier, welcher, aus England heimkehrend, in Köln weilte, wurde von den Wallfahrern im Augenblicke, als er ein Schiff besteigen wollte, angepackt, zur Taufe gezwungen und auf seine Weigerung ermordet und verstümmelt; ferner eine Frau Miuna aus Speier, welche standhaft schaudererregende Folterqualen erlitt und doch ihrem Glauben treu blieb. Diese Vorgänge nölhigten die Juden des Rheinlandes, sich nach Schutz umzusehen; sie zahlten bedeutende Summen an die Fürsten, damit ihnen Burgen und Schlösser zu ihrer Sicherheit eingeräumt würden. Der Kardinal-Bischof Arnold von Köln, edel und menschlich gesinnt wie sein Vorgänger Hermann zur Zeit des ersten Krenzzuges, übergab ihnen die Burg Wolken bürg bei Königswinter und gestattete ihnen, sich mit Waffen zu vertheidigen. Wolkenburg wurde eine Zufluchtsstätte für viele Gemeinden des Landes. Auch Staleke bei Bacharach wurde ihnen zum Schutz überlassen. So lange die Juden in ihrem Asyle weilten, waren sie geborgen, sobald sie sich aber daraus entfernten, um sich nach ihren Angelegenheiten umzusehen, lauerten Wallbrüdcr ihnen auf, schleppten sie zur Taufe und tödteten diejenigen unter unmenschlicher Mißhandlung, welche sich widcrsctztcn Den Kirchenfürsten des Rheins waren aber die aufrührerischen Kreuzzugspredigten des Mönches Rudolph und das Gemetzel an den Juden widerwärtig, zumal dadurch überall Zwistigkeiten und Reibungen entstanden, und Rudolph das Volk geradezu zum Ungehorsam gegen die ff Otto von Freisingen äs Mstüs Ursäsrioi I. B, I. s. 37. ff Ephraim aus Bonn das. Der zweite Kreuzzug. 151 Bischöfe aufforderte. Der Erzbischof von Mainz Heinrich I., zugleich Reichskanzler und Stellvertreter des Kaisers, hatte einige vom Gesindel verfolgte Juden in sein Haus ausgenommen. Der irregeleitete Pöbel drang ein und ermordete sie vor seinen Augen. Da wandte sich der Erzbischof an die angesehenste Person der Christenheit damaliger Zeit, an Bernhard von Clairvaux, der noch mehr galt als der Papst. Er schilderte ihm die Gräuel, welche Rudolph in den Rheinlanden angestiftet und bat ihn, seine Autorität geltend zu machen. Bernhard, der Rudolph's Treiben verabscheute, ließ sich gleich zur Hülfe bereit finden. Er übersandte dem Erzbischof von Mainz ein Sendschreiben, das bestimmt war, öffentlich verlesen zu werden, worin er den Aufwiegler hart verdammte. Er nannte Rudolph einen ausgestoßenen Sohn der Kirche, der sein Kloster verlassen, der Regel untreu geworden, die Bischöfe verachte und Mord und Todtschlag der Juden wider die Absicht der Kirche einfältigen Christen predige. Die Inden sollen ganz besonders geschont werden. Die Kirche setze ihre Hoffnung darauf, daß sie einst sämmtlich bekehrt werden würden, daher habe sie ein ganz besonderes Gebet am Charfreitag dazu eingesetzt. Würde die Hoffnung der Kirche sich erfüllen, wenn die Juden sammt und sonders todtgeschlagen würden Z? Ein Sendschreiben in demselben Sinne erließ Bernhard auch an die Geistlichkeit und das Volk von Franken und Bayern, worin er sie nachdrücklich zur Schonung der Inden ermahnte. Indessen machte Bernhard's Sendschreiben keinen Eindruck auf Rudolph und die verführte Menge, sie waren auf Niedermetzelung der Juden versessen und lauerten ihnen überall auf. Der Abt von Clairvaux fand es daher nöthig, persönlich vom Gemetzel der Juden ab- zurathen. Als er daher eine Reise nach Deutschland machte, um den Kaiser Konrad zur Betheiligung am Kreuzzuge zu bewegen, hielt er sich in den rheinischen Städten auf, um Rudolph's teuflischem Werke entgegen zu arbeiten. Er traf ihn in Mainz, lud ihn vor sich, strafte ihn mit harten Worten und bewog ihn, seine Judenmordpredigtcn einzustellen und ins Kloster zurückzukehren. Das verblendete Volk murrte aber über Bernhard's Verfahren gegen den blutdürstigen Mönch, und wenn ihn der Geruch der Heiligkeit nicht geschützt hätte, so hätte das Volk sich an ihm vergriffen ^). Rudolph verschwand vom öffentlichen Schauplatz, aber der von ihni ausgestreute giftige Samen ging für die Juden verderblich auf. Je mehr sich die Menge durch Bernhard's ff 8i. lZsrnbnrcli spistolas dlo. 365. 2) Otto von Freisingen a. a. O. c. 39. 152 Geschichte der Juden. Predigten für den Krenzzug begeisterte, desto mehr wüthete sie gegen die Inden. Das Volk war conseguentcr als der Heilige von Clairvaux und die-Bischöfe; es ließ sich die richtige Logik nicht ausreden: „Wenn es ein gottseliges Werk ist, ungläubige Türken zu erschlagen, so kann es keine Sünde sein, unglänbige Juden niederzumetzeln." Als daher zerstückelte Glieder eines Christen bei Würzburg gefunden wurden, glaubten die dort angesammelteu Kreuzfahrer oder gaben vor, es zu glauben, die Juden hätten die Unthat begangen und hielten sich für berechtigt, die Würzburger Gemeinde zu überfallen. Sie war nämlich unter dem Schutz des Bischofs Embicho ruhig in der Stadt geblieben und hatte es nicht für nöthig gehalten, sich nach einem Asyle umzusehen. Um so größer war ihr Schrecken, als sie plötzlich von einem Schwarm Kreuzfahrer aufgestört wurde (22. Adar — 24. Febr. 1147). Mehr als zwanzig erlitten den Märtyrertod, darunter der angesehene, sanftmüthige, freundliche Rabbiner Isaak b. Eljakim, der beim Lesen eines heiligen Buches erschlagen wurde. Einige wurden so mißhandelt, daß die Mörderschaar sie für entseelt hielt und liegen ließ. Diese wurden später von milleidigen Christen ins Leben gerufen und gepflegt. Der menschliche Bischof von Würzburg ließ den Leichen der Märtyrer in seinem Garten eine Ruhestätte bereiten und schickte die Lebenden in eine Burg nahe bei Würzburg. Noch schlimmer erging es den deutschen Juden, als der Kaiser Konrad mit den Rittern und dem Hauptheer den Kreuzzug angetreten hatte, und das Nachzüglergesindel, die Gegenwart des Kaisers nicht fürchtend, ungestraft Unthaten verüben durfte (Anfangs Mai 1147). Bei dieser Gelegenheit wurden drei Juden von Bacharach, welche die Luft von den schwärmenden Wallbrüdern gereinigt glaubten und ihre Burg Staleke verließen, von dem Gesindel verfolgt, zur Taufe geschleppt und für ihre Weigerung, sich taufen zu lassen, erschlagen (5. Siwan — 6. Mai Z- Der wilde Geist frommen Mordes pflanzte sich unwiderstehlich von Deutschland nach Frankreich fort, als die Kreuzzügler sich im Frühjahr sammelten. In Carenton (Deport. iVIauolw) entstand eine förmliche Schlacht zwischen Wallbrüdern und Juden, da die Letztem in einem Hofe versammelt, sich gegen den Ueberfall vertheidigten. Zwei Brüder von französischer Tapferkeit kämpften heldenhaft, theiltcn Wunden aus und tödteten manchen Wallbrudcr, bis die durch den Verlust noch mehr ergrimmten Feinde Eingang in den Hof im Rücken der Juden fanden und sie sämmtlich niedermetzelten. Als Märtyrer *) Ephraim aus Bonn a. a. O. Annalen von Würzburg bei l?srt 2 , raormrnsuts, XVI b. 3 f. Folgen des zweiten Krenzzuges. 153 fiel auch in dieser Zeit in Frankreich ein junger Gelehrter, R. Peter, ein Jünger des Samuel b. Meir und R. Tam's, der trotz seiner Jugend sich schon unter den Tossafistcn einen Namen gemacht hatte. Selbst unweit des Klosters Clairvaux, unter den Augen des Abtes Bernhard, trieb die wilde Kreuzfahrerbande ungescheut ihr blutiges Handwerk. Sie überfiel die jüdische Gemeinde Ramerü am zweiten Wochenfesttage, drang in das Hans des wegen seiner Tugenden und Gelehrsamkeit unter der europäischen Judenheit angesehensten Mannes R. Jacob Tam, raubte seine ganze Habe, zerriß eine Thorarolle und schleppte ihn aus's Feld, um ihn unter Martern zu tödten. Weil R. Tam der angesehenste Jude war, wollten die Kreuzfahrer an ihm Jesu Wunden und Tod rächen. Fünf Kopfwunden hatten sie ihm schon versetzt, und er war nahe daran zu erliegen, als glücklicherweise ein ihm bekannter Ritter des Weges einherzog. R. Tam hatte noch soviel Bewußtsein, ihn um Hilfe auzuflchen, die der Ritter ihm aber nur unter der Bedingung zusagte, wenn er ein stattliches Roß als Belohnung erhalten sollte. Der nicht sehr edle Ritter redete hierauf der Mörderbaude zu, ihm das Opfer zu überlassen, er werde es zur Taufe bewegeu oder ihren Händen wieder überliefern*). So wurde der Manu gerettet, der den deutschen und französischen Juden Führer und Vorbild war (8. Mai 1147). Bernhard's Einfluß ist es Wohl zuzuschreibeu, daß außer in Carenton, Ramerü und Sülly keine Judenhetzen in Frankreich vorkameu. In England, Ivo seit Wilhelm dem Eroberer sich viele Juden niedergelassen hatten und in lebhaftem Verkehr mit den französischen Gemeinden standen, kam keine Judenverfolgung vor, da der König Stephan sie energisch schützte^). Aber die böhmischen Juden litten wiederum beim Durchzuge der Wallbrüdcr 150 fielen als Märtyrer. Erst nachdem das französische Kreuzheer durch Deutschland ziehend die deutschen Grenzen überschritten hatte, durften die Juden das Asyl der Burgen verlassen (15. Ab — 14. Juli 1147) und wurden nicht mehr angefochten. Selbst diejenigen Juden, welche schwach genug waren, sich die Nothtaufe gefallen zu lassen, durften zum Judenthume znrückkehreu. Ein ebenso frommer wie menschlicher Geistliche, dessen Namen leider nicht bekannt geworden ist, war ihnen dazu behülflich; er führte die gewaltsam getauften Inden nach Frankreich und in andere Gegenden, wo sie so lange weilten, bis ihre kurze Zugehörigkeit zur Kirche vergessen war; dann kehrten sie in ihre Heimath und zu ihrem Glauben wieder zurück''*). *) Ders. vergl. Note 5. Anm. ^ Ders. °) Ders. 154 Geschichte der Juden. Im Ganzen hat der Fanatismus des zweiten Kreuzznges weniger Opfer verschlungen als der erste, theils weil die weltlichen und geistlichen Fürsten sich angelegen sein ließen, die Juden zu schützen, und theils, weil die Theilnahme des deutschen Kaisers und des Königs von Frankreich kein kreuzzüglerisches Raubgesindel wie das von Wilhelm dem Zimmermann und Emicho von Leiningen aufkommen ließ. Aber die Inden mußten für den ihnen gewährten Schutz einen hohen Preis zahlen, ja die ganze Zukunft dafür einsetzen. Der deutsche Kaiser wurde seit der Zeit von den Juden als ihr Schirmherr betrachtet, und er selbst sah sich als solcher an und beanspruchte dafür Gegenleistung. Die deutschen Juden, die früher ebenso frei waren wie die Germanen und Römer, wurden dadurch die Kammerkuechte (sorvi vamsrae) des römisch-deutschen Reiches. Dieser gehässige Name bedeutete Anfangs zwar nur, daß die Juden unverletzbar seien, wie die kaiserlichen Diener und daß sie an Kaiser und Reich für den gewährten Schutz ordentliche Abgaben, Schutzgeld und außerordentliche Leistungen zahlen müssen. Aber nach und nach wurde das Wort in seiner ursprünglichen, gehässigen Bedeutung gebraucht und die Juden beinah als Leibeigene und unselbständige Hörige betrachtet. Die deutschen Juden, welche sich eben aus der Unkultur aufraffen wollten wurden dadurch in bodenlose Niedrigkeit zurückgeworfen, aus der sie sich erst nach sechs Jahrhunderten ein wenig zu erheben vermochten. Ihre Geisteserzeugnisse tragen daher den Stempel der Verkümmerung, ihre Dichtungen waren nichts als Klagelieder, geschmacklos und barbarisch wie ihre Sprache, und selbst ans dem Gebiete des Talmuds haben sie nur selten Außerordentliches geleistet. Die deutschen Juden bildeten die Parias in der Geschichte bis zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts. In Frankreich dagegen, wo andere politische und sociale Verhältnisse herrschten, konnte die jüdische Cultur noch einige Blüthen treiben. Während die Juden Frankreichs und Deutschlands noch unter dem Schrecken der kreuzzüglerischen Banden standen, traf die Juden des nördlichen Afrika's eine Verfolgung, die länger anhielt und andere Wirkungen hervorbrachte. Sie ging von einem Manne aus, der, theils Philosoph, theils Reformator und theils Eroberer, eine eigene politisch- religiöse Schwärmerei erzeugte. Abdallah Jbn-Tumart ans dem nordwestlichen Afrika war in Bagdad von dem mystischen Philosophen Alghazali zu einem sittenstrengen Schwärmer fanatisirt worden. Nach Afrika zurückgekehrt, predigte er den einfältigen Berberstämmen Einfachheit in Lebensweise und Kleidung, Haß gegen Dichtkunst, Musik und Künste überhaupt und Krieg gegen die almoravidischen Könige, Der Fanatismus der Almohaden. 155 welche der Verfeinerung des Lebens huldigten. Nach der anderen Seite verwarf Jbn-Tnmart die sunnitische Lehre der mohammedanischen Orthodoxie und die buchstäbliche Auslegung der Koranverse, daß Gott menschlich fühle und nach Gemüthsbewegnngen handle. Er fand einen großen Anhang unter den Berbern und stiftete eine Sekte, welche von dem Umstande, daß sie die strenge Einheit Gottes ohne körperliche Vorstellung (Danolriä) zum Bekenntnisse hatte, sich Almowachiden oder Almohaden nannte. Die Sekte erkannte Jbn-Tnmart als Mahdi, als Gottgesandten Imam des Islam an. Mit der Trommel der Empörung und dem Schwerte des Krieges gegen die Almoravid- herrschaft verbreitete Jbn-Tnmart seine religiös-sittliche Reformation im nordwestlichen Afrika. Nach seinem Tode übernahm sein Jünger Abdulmumen die Führerschaft der Almohaden und wurde als Fürst der Gläubigen (Emir al-Llnmsnin) anerkannt. Von Sieg zu Sieg fortschreitend, stürzte er das Reich der Almoraviden und beherrschte das ganze Nordafrika. Abdulmumen war aber ein Fanatiker. Wie er die Almoraviden nicht bloß als politische Gegner, sondern auch als Andersgläubige mit Feuer und Schwert vertilgte, so wollte er kein anderes Bekenntniß in seinem Reiche dulden. Als die Hauptstadt Marokko nach langer und hartnäckiger Belagerung in die Gewalt Abdulmumen's gefallen war (1146), ließ der neue Herrscher die zahlreichen Juden dieser Stadt zusammenberufen und redete sie folgendermaßen an: „Ihr leugnet die Sendung des Propheten Mohammed, und ihr glaubt, daß der Messias, der verkündet ist, euer Gesetz bestätigen und eure Religion befestigen wird. Eure Vorfahren haben aber behauptet, daß dieser Messias spätestens ein halbes Jahrhundert nach Mohammed's Auftreten erscheinen werde. Wohlan! dieses halbe Jahrhundert ist längst abgelaufen, ohne daß ein Prophet unter euch anfgestanden wäre. Die Duldung, die euch unter dieser Bedingung gewährt wurde, soll aufhören. Wir können euch nicht mehr in eurem Unglauben lassen. Wir wollen euren Zins nicht mehr. Ihr habt nur die Wahl zwischen der Annahme des Islam oder dem Tode." Die Verzweiflung der Juden bei dieser ernstgemeinten Ankündigung war groß. Es war das zweite Mal, daß ihnen unter mohammedanischer Herrschaft diese traurige Wahl gestellt wurde, das Leben oder die Religion aufzngeben. Durcb Vorstellung bewogen, änderte Abdulmumen das Verfolgungsedikt dahin ab, daß es jedem Juden gestattet sei, auszuwandern. Er gewährte auch den Auswanderern eine Frist, um ihre Ländereien und bewegliche Habe, die sie nicht mitführen konnten, zu veräußern. Diejenigen aber, welche im afrikanischen Reiche zu bleiben gedachten, wurden zur Annahme des 156 Geschichte der Juden. Islam gezwungen und im Weigerungsfälle hingerichtet. Diejenigen nun, denen das Judenthum thener war, verließen Afrika und wunderten nach Spanien, Italien oder anderswohin aus. Der Dichter und Rabbiner Jehuda Jbn-Abbas (o. S. 112) verließ Fez und ließ sich in Aleppo nieder. Die Meisten aber fügten sich für den Augenblick, nahmen znm Scheine den Islam an und warteten günstigere Zeiten ab (1142^). Nicht bloß die Juden Marokkos, sondern auch diejenigen, welche in Nordafrika zerstreut lebten, traf die Verfolgung, und so oft die Almohaden eine neue Stadt eroberte», wurde dasselbe Edikt auf sie angewendet. Auch die Christen traf dieselbe Verfolgung, aber weil ihnen das christliche Spanien offen stand und sie von ihren Glaubensgenossen mit offenen Armen ausgenommen zu werden hoffen durften, waren sie standhafter und wanderteu sämmtlich aus. Synagogen und Kirchen wurden im ganzen Almohadenreich, das nach und nach vom Atlasgebirge bis zur Grenze Egyptens reichte, zerstört, und die Wanderer fanden keine Spur, daß hier je Inden oder Christen gewohnt hätten 2). Obgleich viele afrikanische Juden den Islam angenommen hatten, so war es nur sehr Wenigen Ernst damit, die meisten aber thaten es nur zum Scheine, da weiter nichts von ihnen verlangt wurde, als daß sie an Mohammed's prophetische Sendung glauben und dann und wann die Moscheen besuchen sollten. Heimlich aber beobachteten sie die Vorschriften des Judeuthnms mit aller Genauigkeit, da die Almohaden keine Polizei-Spione unterhielten, um das Treiben der Neubekehrten zu beobachten^. Nicht bloß die Menge, sondern auch fromme Rabbiner bekannten sich zu diesem Scheine und beschwichtigten ihr Gewissen damit, daß von ihnen doch nicht Götzendienst oder Verleugnung des Judenthums verlangt wurde, sondern nur das Aussprechen der Glaubensformel, daß Mohammed ein Prophet gewesen, >) Dshebi bei Munk Xoties sur äosspll p. llslluäa p>. 42 ff. und Jbn- Alathir II. p. 88. Das Datum ergiebt sich aus dem Klagelied über das Gemetzel in Afrika Südspanien und mit der Usberschrift niip p Letterbode VI Jhrg. 1880—81 33 f.i Nosin: Reime und Gedichte von Abraham Jbn Esra im Jahresbericht des Breslauer Seminars Jhrg. 1894 S. 29. Lsvus äss ütuäss ckuivss XX S. 84 und S. 314—16. 2) Alkisti bei Oasiri lZIdliotllsoa arabioo -llisxs.ua. I. 294 und Dshebi a. a. O. Maimuni lAMrst lls-Lollsiusä sä. Gsi^sr x. 1—6; sä. Edelmann in Ollsruäs Gsuuss x. 6—12. Die fanatischen Almohaden in Spanien. 157 was doch nicht im entferntesten an Götzenthnm anstreife. Einige trösteten sich damit, daß sie nicht lange in diesem Zwange verharren werden; denn sie hofften, der Messias werde bald erscheinen und sie aus diesem Elend befreien Z. Als Scheinmoslemim betrieben die maghrebisch-jüdischen Gelehrten sogar das Talmudstudium eifrig und versammelten in Lehrhäusern die lernbegierige Jugend ^), die aber auch der Korauanslegung beiwohnen mußte. Indessen konnten sich gewissenhaft-fromme Männer nicht lange in dieser Zwiespältigkeit bewegen. Sie warfen die verhaßte Maske ab, bekannten das Jndenthum offen und erlitten dafür den Märtyrertod. Als Märtyrer von Maghreb wird ein Mann genannt, der als eine talmudische Autorität galt: Zehn da Hakohcn Jbn-Sussan aus Fez und er war nicht der einziges. Der siegreiche Abdulmnmen begnügte sich aber nicht mit dem Besitze der maghrebischen Länder, er betrachtete das schöne Andalusien als Anhängsel, das er den almoravidischen Statthaltern und den christlichen Herrschern leicht entreißen zu können vermeinte. Die Eroberung im mohammedanischen Südspanien war auch leicht, da verschiedene Parteien einander schwächten. Die Hauptstadt Andalusiens, Cordova, welche während des kurzen Zeitraumes von drei Jahren achtmal die Herren gewechselt hatte, fiel endlich in die Gewalt der fanatischen Almohaden (Juni 1148), und ehe ein Jahr verging, war der größte Theil Andalusiens in ihren Händen. Und in allen Gemeinden dieses Landstriches stellten sie den Juden die Wahl zwischen Annahme des Islam, Auswanderung oder Tod und wüthetcn gegen die jüdischen Heiligthümer. Die schönen Synagogen, welche die Frömmigkeit, die Prachtliebe und der feine Geschmack der andalusischen Inden erbaut hatten, wurden ein Raub der fanatischen Zerstörungswut!). Der greise Rabbiner von Cordova, der philosophisch gebildete Joseph Jbn-Zadik, erlebte noch den traurigen Untergang der ältesten und angesehensten Gemeinde, starb aber bald darauf (Ende 1148 oder Anfang 1149 4). Die glanzvollen jüdischen Hochschulen in Sevilla und Lucena wurden geschlossen. Der Sohn und Nachfolger des Joseph Jbn-Migusch, R. Meir, wunderte von Lncena nach Toledo aus und mit ihm alle diejenigen, welche im Stande waren, sich dem Zwange zu entziehen. Die Uebrigen machten es wie die afrikanischen Juden, fügten sich für den Augenblick dem Zwange, bekannten sich zum Schein ff Das. 2) Joseph b Aknin citirt von Munk in ^.rvklvss Israoiitss I8S1, n- 327. b) Saadia Jbn-Danan in Obsrnäa Osnass. x. 30. Abraham Jbn-Daud. 158 Geschichte der Juden. i zum Islam und beobachteten heimlich das Judenthum, bis sie Gelegenheit fanden, ihre Religion offen zu bekennen. Frauen, Kinder und Eigenthum der Auswanderer fielen den Eroberern in die Hände und die Schwachen wurden als Sklaven behandelt^. In dieser trüben Zeit, als der Schwerpunkt der Judenheit seine Tragkraft einbüßte, bildete sich durch eine günstige Wendung ein neuer Sammelpunkt. Das christliche Spanien, das unter dem Kaiser Alfonso Raimundez (1126—1157) die größte Macht entfaltete, wurde Zuflucht der aus Andalusien ausgewanderten Verfolgten, und das zur Hauptstadt des Reiches erhobene Toledo wurde ein neuer Brennpunkt für die Wissenschaft des Judenthums. Diese günstige Wendung ermöglichte ein Mann, den die Geschichte der Juden dem Jbn-Schaprut und dem Jbn-Nagrela zur Seite setzt. Der weise und menschenfreundliche Kaiser Alfonso Raimundez hatte einen jüdischen Günstling an dem noch jungen Jehuda Jbn-Esra fl, dem Sohne jenes Joseph Jbn-Esra, der mit seinen drei Brüdern in der jüdisch-spanischen Literatur verherrlicht wird (o. S. 112). Als er die Greuzfestnng Calatrava zwischen Toledo und Cordova dauernd erobert hatte (1146), setzte ihn fl der Kaiser, wahrscheinlich wegen seiner Tapferkeit, als Befehlshaber derselben ein und ernannte ihn zum Fürsten (ibls8si). Jehuda Jbu-Esra wurde ein rettender Engel für seine unglücklichen Glaubensgenossen, welche der Verfolgungswuth der siegreichen Almohaden entflohen waren. Er war eifrig bemüht, ihnen ein Unterkommen im christlichen Spanien zu bereiten und verwendete seine Reichthümer dazu, die in Gefangenschaft Gerathenen loszukaufen, die Nackten zu kleiden und die Hungrigen zu speisen. Die Gemeinde Toledo wurde von den emigrirten Juden zahlreich bevölkert. Meir Jbn-Migasch eröffnete daselbst ein Lehrhans für das Talmndstudium, und es fand sich ein Jüngerkreis ein. Von Toledo ging jetzt unter dem Schutze der christlichen Herrscher die jüdische Wissenschaft aus, nachdem sie im mohammedanischen Reiche verbannt war. Jehuda Jbn-Esra stieg noch mehr in der Gunst des spanischen Kaisers und wurde zum kaiserlichen Hausmeister ernannt (um 1149). Dieser jüdische Fürst ließ sich im Eifer für den Rabbanismus zu einer fl Jbn-Daud's Bericht wird ergänzt und beleuchtet von dem Obronieon ^.ltonsi irrixsratoris o. 101. p. 398. 6siitss vovsnt Nurirnotos vsnsrunt sx ^trios st t.rsnsisriint rnsrs Llsäitsirsnsuru — prssoseupsvsrunt Libillsiii st sliss sivirstss st opxiäs st osoiäsrunt iiobilss ssus st Obri- stisuos, guos vooa.bs.iit Nussrsbss — st ckackssos gui ibi srsnt sx snti- guis tsmxoribus st ssosxsraiit sibi uxorss soriim st äoiiius st ckivitiss. fl Abraham Jbn-Daud. fl Das. Jehuda Jbn-Esra. 159 Verfolgung Hinreißen, die einen Flecken an seinem Ruhme bildet. Die Karäer hatten sich seit ihrer letzten Verfolgung in Castilien (o. S. 80) wieder vermehrt und waren bemüht, ihren erloschenen Glanz wieder zu heben. Sie ließen die zahlreiche Literatur ihrer Lehrer im Orient und Egypten nach Castilien kommen und wurden dadurch in ihrer tiefen Abneigung gegen das rabbanitische Judenthum bestärkt. In dieser Zeit hatte ein Karäer aus Constantinopel, Jehuda b. Elia Hadassi, der sich ein Trauernder um Zion (Ha-Abel) nannte, von neuem den Kampf gegen die Rabbaniten ausgenommen und verfaßte ein umfangreiches Buch unter dem Namen Eschkol Ha-Kofer,, worin er die oft bestrittene Differenz zwischen den beiden jüdischen Bekenntnissen wieder lebhaft anregte (1149 ^) und die Feindseligkeit von neuem anfachte. Jehuda Hadassi schrieb mit vieler Leidenschaftlichkeit in einer harten Sprache mit alphabetischen Akrostichen und einer elenden eintönigen Reimerei. Dieses feindselige Buch mag auch nach Castilien gebracht worden sein und entzündete das Feuer des Streites von neuem. Anstatt die Streitschrift von einem tüchtigen Kämpfer widerlegen zu lassen, nahm Jehuda Jbn-Esra den weltlichen Arm in Anspruch und bat sich von dem Kaiser Alfonso die Gunst aus, die Karäer verfolgen zu dürfen. Er bedachte nicht, daß das schlummernde Feuer der Verfolgungswuth nicht angefacht werden darf, wenn es nicht über kurz oder lang über dem Haupte der Verfolger in Hellen Flammen zusammenschlagen soll. Mit des Kaisers Erlaubniß demüthigte Jehuda Jbn-Esra die Karäer so sehr, daß sie nicht mehr ihr Haupt erheben konnten ^s. Worin diese Demüthignng bestand, ist nicht bekannt, wahrscheinlich wurden sie aus den Städten, wo Rabbaniten wohnten, ausgewiesen (1150—57). Indessen war die Begünstigung der Juden in Castilien nicht von langer Dauer. Die Zeiten nach dem Tode des Kaisers und seines ältesten Sohnes, Königs von Castilien (1158), die Jehuda Jbn-Esra wahrscheinlich erlebt hat, waren trübe. Während der Minderjährigkeit des Jnfanten Alfonso entbrannte ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen den adeligen Häusern der de Castro und de Lara, an dem sich die andern christlichen Könige betheiligten; das schöne Land wurde verwüstet, und die Hauptstadt Toledo zum blutigen Schauplatz gemacht. Die christlichen Könige Spaniens waren nicht im Stande, ihre Grenzen gegen die fortwährenden Einfälle der Almohaden zu schützen und mußten den fanatischen Ritterorden, die früher bestanden und von ihnen ins Leben 0 Sein Werk ist gedruckt Goslow (Eupatoria) 1836, aber defect. Berf. giebt selbst das Abfassungsjahr an. 2) Abraham Jbn-Daud. 160 Geschichte der Juden. gerufen wurden, die Verteidigung derselben überlassen. Diese wirre blutige Zeit war der Geistescultur nicht günstig. Denn die spanischen Juden blieben nicht wie die deutschen und französischen bei dm politischen Händeln und Kriegen gleichgültige Zuschauer, sondern nahmen daran für oder wider den lebhaftesten Antheil. Die Juden Granada's betheiligten sich an einer Verschwörung, welche die Nationalaraber, die von ihrer Macht gestürzten Almoraviden, die Christen und überhaupt alle Unzufriedenen gemeinschaftlich und einträchtig anzettelten, um die Herrschaft der verfolgnngssüchtigen Almohaden zu stürzen. Der Stützpunkt sollte die Stadt Granada sein, welche unter allen Städten Andalusiens am spätesten von den almohadischen Berbern erobert wurde. Die Seele der Verschwörung waren zwei unzufriedene Anführer, Jbn- Mardansch und Jbn-Hnmschuh. Sie rückten mit einer zahlreichen Schaar vor Granada, und die Juden dieser Stadt, unter dem Com- mando eines gewissen Sachr Jbn-Ruiz Jbn-Dahri, erleichterten ihnen die Eroberung der wichtigen Stadt <1162). Indessen mißlang das Unternehmen, die Almohaden wurden wieder Herren Granada's, und die Juden, welche in ihre Hände fielen, wurden sicherlich hart bestraft Z. Indessen wurde die jüdische Wissenschaft von der Ungunst der Zeiten in fast allen Ländern der Zerstreuung keineswegs erdrückt, sie trieb vielmehr neue Blüthen und stand noch immer an der Spitze der Cultur. Zwei Männer, beide aus Toledo, fügten zu dem alten Ruhme neuen hinzu. Es war Abraham Jbn-Dand und Abraham Jbn-Esra, ungleich an Charakter, Streben und Lcbens- schicksal, aber gleich in Liebe zum Jndenthum und zur Wissenschaft. Abraham Jbn-Dand Halevi (geb. um 1110, st. als Märtyrer 1180") stammte mütterlicherseits von dem Fürsten Isaak Jbn-Albalia. lieber den Gang seiner Jugendbildung und seine Erlebnisse ist nichts bekannt. Er war indeß nicht bloß im Talmud, sondern auch in sämmtlichen Fachwissenschaften damaliger Zeit vollständig heimisch und verlegte sich auch, was die spanischen Inden gering schätzten, ans die Kenntniß der Geschichte, der jüdischen wie der allgemeinen, soweit ihm die Quellen bei dem dürftigen Stand derselben im Mittelalter zugänglich waren. Als Mann trieb er die Arzneikunde und vertiefte sich in die Wissenschaften. Jbn-Dand war kein tiefer, scharfsinniger Kopf, um K Bei Gayangos, blstor^ ol Ibs maliomslan clynastiss II appsnäix IV. x. 23. 2) Sein Geburtsjahr ergiebt sich daraus, daß er Jünger war des 1125 verstorbenen Baruch Albalia. Die Lesart imi pn haben Handschriften und auch Filipowski's llovliLsin; die Lesart im'i --- Dior ist eine Corruptet Daß er Arzt war, folgt aus seinen anatomischen Kenntnissen in Hrnurmb Rarrmlr. Jbn-Daud's Religionsphilosophie. 161 neue Gedanken zu Tage zu fördern; aber er war ein verständiger, klarer Geist, das Gegebene gründlich zu durchdringen und das Dunkel zu erhellen. Mit durchsichtiger Klarheit suchte er das Schwierigste darzustellen und verständlich zu machen. Ihn beschäftigten die höchsten Probleme des menschlichen Geistes, und er konnte nicht begreifen, wie man sich sein Lebenlang mit Kleinigkeiten, selbst mit Sprachknnde, Mathematik, theoretischer Heilkunde oder Gesetzeslehre beschäftigen könne, Fächer, welche nur einen beziehungsweisen Werth haben, und sein Augenmerk nicht auf die heiligste Lebensaufgabe richte. Diese Aufgabe ist nach Jbn-Daud's Ansicht die philosophische Erkenntniß, weil sie Gott zum Inhalte hat. Nur um dessentwillen genieße der Mensch, als das edelste der geschaffenen Wesen, einen Vorzug st. Er betonte diesen Punkt mit vielem Nachdruck gegenüber einer Klasse seiner religionsgenössischen Landsleute, welche bereits ein gewisses Mißtrauen gegen die Philosophie hegten. Jbn-Daud kannte auch recht gut den Grund dieses Mißtrauens gegen die selbständige Forschung. Es giebt Manche in unserer Zeit, bemerkt er, welche sich ein wenig in Wissenschaften umgethan haben, sie sind aber nicht im Stande, beide Lichter, das Licht des Glaubens in der rechten und das Licht der Erkenntniß in der linken Hand zu halten. Da nun bei Solchen das Licht der Erforschung das Licht des Glaubens ausgelöscht hat, so glaube die Menge, daß sie überhaupt schädlich sei, und ziehe sich davon zurück"). Im Judenthume aber sei die Erkenntniß Pflicht, darum dürfe man ihr nicht den Rücken kehren. Das Judenthum brauche gar nicht die Philosophie zu scheuen, da seine Grnndlehren mit ihr im Einklang stehen. Gott habe aber das israelitische Volk gewürdigt, ihm dasjenige ohne Mühe mitzutheilen, was die offenbarungslosen Völker erst nach zweitausendjährigen Geistesarbeiten erkannt haben st. Jbn-Daud stellt einen Punkt auf, der die Nothweudigkeit der philosophischen Forschung gebieterisch erweist. Die Frage, ob der Mensch in seinen sittlichen Handlungen frei oder von der vorwissentlichen Gottheit dazu genöthigt sei, könne ohne tiefe metaphysische Untersuchung nicht gelöst werden. Das Judenthum lehre zwar die Willensfreiheit des Menschen, aber es finden sich auch in seinen Quellen Aussprüche, welche dem zu widersprechen scheinen. Dieses Alles bedürfe der Ausgleichung auf philosophischem Wegest. Jehuda Halevi's tiefe Arbeit, welche der Philosophie der Religion gegenüber eine unterst 12illnits.Ii Lamsli sä. IVsil Franks, a. M. 1857. Hebr. Text, S.44—46. st Das. S. 2; 83. st Das. 4; 103. st Das. 4; 103. Graetz, Geschichte der Jude». VI. 11 162 Geschichte der Juden. geordnete Stellung anwies, hat selbst in Toledo so wenig die Geister beherrscht, daß Jbn-Dand zwei Jahrzehnte später das Uebergewicht der Philosophie anerkannt und neuerdings eine Ausgleichung zwischen ihr und dem Judenthnm versucht hat. Um die Zweifel eines Jüngers zu zerstreuen, verfaßte Jbn-Dand, „dessen Inneres Ruhe gefunden", ein religionsphilosophisches Werk^) unter dem Titel „der höchste Glaube" für Solche, welche von gleichen Zweifeln bewegt sind. In der Einleitung bemerkt der bescheidene Verfasser: er habe das Werk weder für reife, von der Philosophie durchdrungene Männer verfaßt, noch für schlichte Fromme, welche von dem Zwiespalt zwischen dem Glauben und dem Denken keine Ahnung haben, sondern nur für solche Denker, die sich zwischen den beiden Herren, „von denen der eine groß, der andere nicht klein ist" 2), nicht zurecht finden können. In der Darlegung seines religionsphilosophischen Systems zeigt sich Jbn-Dand vollständig von der Zeitphilosophie beherrscht. Aristoteles, der über die denkenden Köpfe in der Synagoge, Kirche und Moschee eine unumschränkte Herrschaft hatte, galt auch für den Philosophen von Toledo als unumstößliche Autorität. Auch Jbn-Dand knüpfte an die aristotelische Weltanschauung an und wollte nur Nachweisen, daß die heilige Schrift dieselben philosophischen Gedanken über die Stufenreihe der niedern und höheren Welt, wenn auch verhüllt, enthalte; hin und wieder giebt er zu verstehen, gleich den alexandrinisch-jüdischen und christlichen Denkern, daß die Philosophie der Griechen dem Judenthnme entlehnt sei ^). Mit Aristoteles nimmt er an, daß der Himmel und die Sternensphäre beseelte, körperliche, aber doch unveränderliche Wesen seien; über ihnen befinde sich eine Geisterwelt, eine Urvernunft, von der die Anregung zum Denken im menschlichen, sich empfänglich dazu verhaltenden Geiste ausgehe. Die Urvernunft oder der thätige Geist heiße im jüdischen Kreise „der heilige Geist" 4). Gleich den arabischen Philosophen findet er in dieser Geisterwelt die Engelschar wieder, die Gott als seine Boten an die Welt braucht. Es sind Mittelwesen zwischen Gott und der niedern Welt (Lelienijim). Vermöge dieser Mittelwesen wirke die Gottheit ans die Welt, die an sich als eine unveränderliche Einheit sich mit Wirkung und Veränderung nicht selbst befassen könne. So sehr unterliegt der fromme Abrahani Jbn-Dand der Zeitphilosophie, daß er in der Annahme schwankt, ob die niedere Welt von Gott selbst oder von *) Folgt aus S. 63; 78. Der arabische Titel lautet '^.Iriäa Naüa'. 2) Das. S. 82. 2) Das. 63. Das. 70, unten. Jbn - Daud's Religionsphilosophie. 163 den Mittelwesen erschaffen sei. Höchstens könne man annehmen, Gott habe die Ursubstanz mit der Urform in's Dasein gerufen, die wesenhafte Gestaltung der Welt aber sei sicherlich von den Mittelwesen ausgegangen Z. Jedenfalls aber gehe die Erhaltung des Weltganzen und die Fortdauer ihrer Ordnung, überhaupt die Veränderung in der Welt unter der Mondsphäre von den Mittelwesen aus. Von diesen Voraussetzungen der Zeitphilosophie geht Abraham Jbn-Dand aus, um das Judenthum und seine Glaubensansichten philosophisch darzustellen. Die Geistigkeit der Seele, ihre Lösbarkeit vom Körper und Unsterblichkeit stünden so fest, daß die heilige Schrift die Unsterblichkeit nicht einzuschärfen brauchte, weil sie dieselbe voraussetzte. Die Seele mit der Geisterwelt in innigem Zusammenhänge werde durch sie ' angeregt und gelange durch sie zu Kenntnissen und zur höchsten Stufe philosophischer Anschauung. Auf dem innigen Zusammenhang der menschlichen Seele mit der Urvernunft beruhe die Offenbarung Gottes an die Menschen vermittelst der Prophezeiung. Da das Wissen Gottes, der Geisterwelt lEngel) und der thätigen Urvernunft nicht in die Zeit falle, so daß Vergangenheit und Zukunft ihnen eben so klar vorlägen, wie die Gegenwart, so sei auch die Seele vermöge ihrer Theilhaftigkeit an diesen Wesen für ein solches, die Zeitschranke überspringendes, einheitliches Wissen empfänglich. Der niedrigste Grad von Prophezeiung zeige sich schon in den Träumen Indem die Seele im Schlafe von den Störungen der sinnlichen Einflüsse befreit ist, vermöge sie die Ausstrahlungen von der Geisterwelt ungehindert auf sich einwirken zu lassen und das wahrhafte Wissen zu empfangen. Doch seien nicht alle Träume prophetischer Natur, sondern nur solche, welche ganze Völker und Reiche betreffen und von hohen wichtigen Dingen erfüllt sind, weil sich darin die Losgebundenheit der Seele von den Einzelwesen und ihre Richtung auf's Allgemeine knnd- gebe. Dadurch seien die leeren Träume von den prophetischen zu unterscheiden. Jene seien von den Angelegenheiten des träumenden Individuums und von Eiuzeldingen erfüllt. Prophetische Träume bilden aber erst den niedrigsten Grad von Prophezeiung, wozu keine anderweitige Vollkommenheit nöthig sei. Ein höherer Grad der Prophetie sei aber das Schauen der zukünftigen Ereignisse und das Gewürdigtsein göttlicher Mittheilung in wachem Zustande. Diese hohe Prophetenstufe erfordere aber eine von der Schlacke der Sinnlichkeit geläuterte Seele und zwar von der Geburt an, so *) Das. S. 43. Vergl. darüber Guggenheimer, Religionsphilosophie des Abraham Jbn-Daud, Augsburg 1850, S. 44 ff. 11 * 164 Geschichte der Juden. daß die sittliche Vortrefflichkeit und tbeoretische Vertiefung sie immer mehr veredelt. Eine solche Seele, die durch prophetische Träume gewissermaßen Uebung im Schauen erlangt hat, könne sich nach und nach zu höherer Stufe erheben. Aber es gehören außer den Anlagen und der sittlichen Lauterkeit noch einige Vorbedingungen dazu. Weder jede Zeit, noch jedes klimatische Verhältniß, noch jede Volksumgebung seien dazu geeignet. Die geeignete Zeit lasse sich nicht bestimmen; man wisse nur so viel, daß selbst die für Prophetie empfänglichen Personen derselben nicht gewürdigt worden seien, weil die Zeitlage nicht damit im Einklang gewesen. Die geeignetste Sphäre für prophetische Offenbarungen sei das heilige Land; das Volk, aus dem wahre Propheten erweckt worden sind, und zwar nicht der Eine und der Andere, sondern in großer Zahl, sei erfahrungsmäßig das israelitische ^). Den höchsten Grad prophetischer Klarheit hätte Mose erlangt, und zwar weil er die beiden Grundtugenden, Gerechtigkeit und Demuth, in einer sonst nie erreichten Vollkommenheit besaßt). Diese Thatsache beruhe zwar nur auf geschichtlicher Ueberlieferung, aber ihr wohne eine eben so große Gewißheit inne, wie der logisch-richtigen Folgerung. Wollte man die geschichtliche Ueberlieferung überhaupt leuguen, so müßte jeder Mensch, indem er das von den Vorgängern Erfahrene und Erkannte verwürfe, jedesmal von neuem anfangen. Die Glaubwürdigkeit von Mose's Sendung liege aber darin, daß sie 600,000 Menschen zu gleicher Zeit wahrgenommen und unbezweifelt erfahren haben. Wollte man dieses leugnen, so müßte man sagen, daß der Verfasser der Thora selbst sich etwas erdacht habe, was des geschichtlichen Bodens vollkommen bar gewesen^). Das Ziel aller philosophischen Theorie sei die praktische Verwirklichung der sittlichen Zwecke; solche Zwecke stelle das Judenthum auf. Diesen richtigen Kerngedanken hat keiner seiner Vorgänger so scharf und klar ausgesprochen^), wie Abraham Jbn-Daud. Die Sittlichkeit erzielt gewisse Tugenden, ein gesundes Familienleben und eine gute, auf dieser Tugend beruhende Staatsverfassung. Demnach lassen sich sämmtliche religiöse Pflichten des Judenthums in fünf Klassen zusammeufassen °). Eine Klasse schärft wahrhafte Gottes- erkenntniß, geläuterten Glauben an einen Gott und Liebe zu demselben ein. Diese finde ihre stete Verwirklichung in gewissen religiösen st 12raruis.ll Rairmli S. 70 ff. st Das. 75 oben. st Das. 60 ff. st Das. 4; 98. st Das. 102. Jbn -Daud. 165 Uebungen wie Sabbat, in erinnernngsreichen Zeichen, Gebeten, in symbolischen Handlungen, wie Phylakterien (Tephillin), Thürkapseln mit Gottesnamen. Eine zweite Klasse der vom Judenthum ausgestellten Pflichten präge gewisse Tugenden ein, namentlich strenge Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit — das Haupt aller Tugenden — Versöhnlichkeit, Neidlosigkeit und Feindesliebe, die ihre Wurzeln in der Demuth haben. Das Verhältniß des Familienhanptes zu Frau, Kindern und Dienerschaft regle eine dritte Klasse von Vorschriften nach den Grundsätzen des Rechts und der Liebe. Eine vierte große Gruppe schreibe das Verhalten des Bürgers zum Staate und zum Mitbürger vor; sie dringe auf Nächstenliebe, Gerechtigkeit im Verkehr, Sorge für Schwache und Leidende, das Allervollkommenste gegenüber dem, was die philosophische Ethik lehrt. Es gebe endlich noch eine fünfte Klasse von Gesetzen, deren letzter Grund nicht leicht einleuchtet, wie die Opfer- und Speisegesetze (die Ritualien, Lolmmigot). Diese fünf Gruppen Von Pflichten seien einander ungleich an Wichtigkeit, so daß die Glaubenslehre die allerhöchste, die Ritualien die niedrigste Stufe einnehmen, daher diese auch von den Propheten öfters nachgesetzt worden seien st. Von einem andern Grundprinzip ausgehend, gelangte Jbn-Dand zu einem andern Resultate als sein Gesinnungsverwandter Jehnda Halevi. Während nach diesem die rein rituellen Vorschriften das Grundwesen des Judenthums ausmachen, um die prophetische Natur lebendig zu erhalten so. S. 129), haben sie nach jenem eine nur untergeordnete Bedeutung. Aber wie sehr Jbn-Dand die Ritualien, die er in sein System nicht nnterzubringen wußte, unterordnete, so verwahrte sich doch seine Frömmigkeit dagegen, als wenn er sie gering achtete. Der Mensch soll forschen, aber nicht grübeln und das nicht für bedeutungslos halten, was sich seinen Begriffen entzieht. Der Gläubige müsse bedenken, daß, da auch die Klasse ritual-religiöser Vorschriften von demselben Gesetzgeber stamme, der sich auf eine so wunderbare Art geoffenbart hat, sie nicht bedeutungslos sein könne "), Das von Gott geoffenbarte Judenthum bestimme Lohn für Beobachtung der Gesetze und Strafe auf deren Uebertretung, es setze also die Willensfreiheit des Menschen als gewiß voraus. Abraham Jbn-Daud begnügt sich aber nicht mit diesem Gegebenen, er will diese für die Sittlichkeit und Religiosität wichtige Lehre begründen und die Gegenansicht entkräften, als wenn die Freiheit des Menschen eine Schmälerung der göttlichen Allwissenheit wäre. Er geht davon aus, daß Gottes Wissen, indem es ein vollkommenes ist, auch die st Das 99 — 102. st Das. 192, 3. 166 Geschichte der Juden. Kreatur und ihre Aeußerungen ihrem wahren Wesen nach kenne. Nun giebt es neben einer bloß beziehungsweisen und scheinbaren Möglichkeit, wie die Sonnenfinsterniß — welche für die Unkundigen bloß möglich, für die Astronomen aber eine Gewißheit ist — eine wahrhafte Möglichkeit. Solchergestalt sei eben die sittliche Freiheit des Menschen. Gottes Wissen erkenne nun das Thun und das freie Wollen nicht als eine Gewißheit, sondern als eine Möglichkeit. Die Zurechnungsfähigkeit des Menschen stehe daher nicht im Widerspruch mit dem absoluten Wissen Gottes Z. In dieser Art baute sich Abraham Jbn-Dand das Judenthnm gedankenmäßig auf und glich es mit der Zeitphilosophie aus. Abraham Jbn-Dand war aber nicht bloß Religionsphilosoph, sondern auch gewissenhafter Geschichtsschreiber, und seine geschichtlichen Nachrichten haben der jüdischen Literatur mehr Dienste geleistet als seine philosophischen Arbeiten. Der nenausbrechende Kampf mit den Karäern Spaniens veranlaßte ihn, sich in deren Geschichte umznsehen und sie als Kampfesmittel zu gebrauchen. Dieselben hatten nämlich nach dem Tode des Kaisers Alsonso und dem wahrscheinlich darauf erfolgten Sturze seines Günstlings Jehuda Jbn-Esra wieder ihr Haupt erhoben und von neuem Streitschriften erlassen. Dagegen schrieb Abraham Jbn-Dand und widerlegte besonders die Werke des Jesua Abulfarag so. S. 79). Darauf unternahm er, geschichtlich nachznweisen, wie das rabbinische Judenthum auf einer ununterbrochenen Kette von Ueberlieferungen beruhe, die von Mose anfängt und bis Joseph Jbn- Migasch hinabreicht. Zn diesem Zwecke stellte er die Reihenfolge der geschichtlichen Träger der biblischen, nachexilischen, talmudischcn, sabu- räischen, gaonäischen und rabbinischen Zeit chronologisch zusammen (1161"). Er nannte dieses hebräisch geschriebene Werk „die Reihenfolge der Ueberlieferung" (Loäar da-lvabbalab). Von bedeutendem Werth sind seine Nachrichten von der Blüthezeit der spanischen Gemeinden an, wozu er die Quelle des Samuel Jbn-Nagrela benutzte oder selbständige, geschichtliche Forschungen anstellte. Seine Angaben sind kurz, aber äußerst genau und zuverlässig und lassen viel zwischen den Zeilen lesen. Sein hebräischer Styl ist fließend und nicht ohne poetische Färbung. Zur Ergänzung dieser geschichtlichen Skizze schrieb er eine kurze Geschichte Roms von der Gründung durch Romnlus bis ans den westgothischen König Reccared aus arabischen und spanischen Chroniken, und endlich die jüdische Geschichte während des zweiten ') Das. 96 f. 2) Das Datum giebt der Vers, selbst an bei der Geschichte der Saburäer. Jbn-Daud's Geschichtswerk. 167 Tempels, wobei er sich von dem Machwerke des Fälschers Josippon (B. V .2 S. 319) leiten ließ. Noch viel kenntnißreicher, umfassender und tiefer war Abraham b. Mei'r Jbn-Esra aus Toledo sgeb. 1088 — 89, st. 1167 ^), ein Mann von merkwürdigen Geistesgaben, der das Größte wie das Kleinste in der Wissenschaft mit gleicher Virtuosität umspannte, lebendig, geistreich, voll sprudelnden Witzes, aber ohne Gemüthswärme. Seine Belesenheit in allen Zweigen der göttlichen und menschlichen Wissenschaften war erstaunlich; auch in der Literatur der Karäer war er heimisch. Er war aber keine abgerundete, in sich gefestigte Persönlichkeit, sondern zerfahren, widerspruchsvoll, mit einer großen Dosis von Leichtsinn begabt; bald bekämpfte er das Karäerthum, bald machte er ihm Zugeständnisse. Seine Polemik ist schonungslos, und cs kam ihm weniger auf Ermittelung der Wahrheit, als darauf an, dem Gegner etwas zu versetzen. Er war ein Geist der Verneinung und bildet den vollsten Gegensatz zu Jehuda Halevi, mit dem er nahe verwandt gewesen sein soll. Jbn-Esra (so wird er schlechthin genannt) vereinigte in sich unausgeglichene Gegensätze. Sein Heller Blick, sein scharfer, zersetzender Verstand, seine kühne Forschung, welche so weit ging, daß er hart au den Pantheismus anstreifte, vertrugen sich mit strengem Autoritätsglauben, der wiederum ber ihni in so herben Fanatismus ausartete, daß er die freien Forscher verketzerte. Sein nüchterner Sinn, der jeder Erscheinung auf den Grund sah, hinderte ihn nicht, eine Geheimlehre aufzustellen, welche die Dinge in Halbdunkel hüllt. Voller Vertrauen auf Gott, dem er ruhig sein Geschick anvertraute, gab er sich dennoch dem Glauben an die Einwirkung der Gestirne auf das menschliche Leben hin, denen sich nach seiner Ansicht Niemand entziehen könne. So war Jbn-Esra zugleich unerbittlicher Kritiker und Buchstabenknecht, Vernünftler und Mystiker, innig religiös und Astrolog. Diese Gegensätze waren nicht etwa auf die verschiedenen Lebensstufen vertheilt, sondern beherrschten sein ganzes Leben. Seine Jugend- und Bildungsgeschichte ist in Dunkel gehüllt, man weiß nicht einmal, ob er zu der Familie der Jbn-Esra aus Granada gehörte. In seiner Jugend tändelte er mit der Muse, sang Loblieder auf hochstehende Personen und schmauste mit Mose Jbn- Esra Mit Jehuda Halevi hatte er ebenfalls Bekanntschaft; sie unterhielten sich öfter mit. Scharfsinn über philosophische Probleme, und es zeigt sich dabei, daß ihre Denkweise weit auseinander ging ^). 9 Vergl. Note 8. 2) 6liuss Oxtorä XIV, Note 1. Vergl. Geiger, Divan 149 f. 168 Geschichte der Juden. Ihre verschiedene Anschauungsweise charakterisirt Jbn-Esra selbst durch ein niedliches Epigramm. Jehuda's Schatten fordert ihn auf, ihm ins Jenseits zu folgen: „Süß i,l mein Schlummer mir, doch regt mich, Freund, Die Liebe an. Dir nochmals zu erscheinen. Des Himmels Schaaren wohlgefällt dein Lied. Darum wolle doch mit ihnen Dich vereinen! So laß uns zusammen singen dort. Wozu den Körper pflegen, den unreinen?" Jbn-Esra antwortet auf die Aufforderung des Schattens: „Geh' wieder ein zur Ruh, mein Juda! Gott Will mich noch nicht versammeln zu den Seinen. Noch soll ich Kinder zeugen, ird'sche Speis' Genießen, nicht himmlisch Manna von dem Deinen. Bekümmert sehr ob Deinem Tod kann doch Ich Deinen Rath nicht machen zu dem meinen'"). Jbn-Esra, der die mannigfachen Kunstformen der arabischen und neuhebräischen Poesieregel zu handhaben verstand, war darum doch kein Dichter. Seine poetischen Erzeugnisse sind künstlich, gelehrt, trocken, gemüthlos. Auch seine liturgischen Poesien, die er in jedem Lebensalter anbaute, tragen dasselbe Gepräge nüchterner Betrachtung. Es sind in Versen ausgesprochene Gedanken, Lehren der Weisheit oder rügende Ermahnungen, nicht der Erguß der im Gemüthe wogenden Fülle religiöser Empfindungen, die in inbrünstigen Gebeten hervorbricht. Das schwungvolle Aufjauchzen eines mächtig ergriffenen Innern in begeistertem Hymnus, die erhabene Majestät einer nach dem Höchsten ringenden und darum auch das Höchste erreichenden Poesie, wie sie Jbn-G'ebirol und Jehuda Halevi offenbarten, vermißt man in der religiösen Poesie Jbn-Esra'sNur wo es auf Witz und zugespitzte Epigramme ankam, in Räthseln und Stachelgedichten war er unübertrefflich. Sein Prosaischer Styl ist ebenfalls musterhaft, und man kann sogar behaupten, daß er ihn geschaffen hat. Er hält sich fern von Ueberladung und Wortgeklingel. Wenn Jbn-Esra in der Poesie keine hohe Stufe einnimmt, so behauptet er den ersten Rang als gründlicher und taktvoller Erklärer der heiligen Schrift, die er stets an der Hand richtigen grammatischen Verständnisses behandelte. Er war zum Exegeten wie geschaffen. An den Versen der heiligen Schrift konnte er seine mannigfachen Kenntnisse und Gedanken anbringen, ohne genöthigt zu sein, sie in logischen -) Das 15V. 2 ) M. Sachs, religiöse Poesie der Juden Spaniens 312 ff. Abr. Jbn-Esra. 169 Zusammenhang zu bringen. Denn sein unruhiger, flüchtiger Geist war nicht dazu geeignet, etwas Ganzes und Systematisches zu schaffen. In die hebräische Sprachkunde selbst vermochte er nicht Methode zu bringen und den Stoff übersichtlich zu ordnen. In der biblischen Exegese dagegen war er durchaus originell, erhob sie zu einer Wissenschaft mit bestimmten Grundsätzen, so daß er eine lange Zeit als Alleinherrscher auf diesem Gebiete stand. Auffallend ist es, daß er sich in seiner Heimath nicht angeregt fühlte, das Feld der Schrifterklärung anzubauen, obwohl er die bedeutendsten Anlagen dazu hatte. So lange er in Spanien weilte, galt er nur als ein tüchtiger Mathematiker und Astronom, keineswegs als Exeget. Er hatte überhaupt auf heimathlichem Boden kein literarisches Erzengniß ans Licht gesetzt, höchstens hebräische Gedichte religiösen und satirischen Inhalts. Das Einzige, was von ihm aus der Zeit seines Verweilens im Geburtslande bekannt geworden, ist seine Antwort auf eine astronomische Anfrage an David aus Narbonne (um 1138'). Im fünfzigsten Lebensjahr hatte der, den die späteren Geschlechter als einen hervorragenden Geist anstaunen sollten, in seiner Heimath noch keinen Namen und überhaupt die Aufmerksamkeit noch nicht auf sich gezogen. Die Fremde sollte erst die Keime seines Geistes zur Befruchtung treiben. Drückende Lebensverhältniffe in dem durch beständige Kriege verarmten Toledo bewogen Jbn-Esra auszuwandern. Er soll überhaupt immer mittellos gewesen sein^). In seiner epigrammatischen Weise machte er sich selbst über sein Mißgeschick, das ihn zum Noth- leiden verdammte, lustig: „Ich bemühe mich, reich zu werden, aber die Sterne sind mir feindlich. Machte ich mit Leichentüchern Geschäfte, würde Niemand sterben, hätte ich Kerzen als Waare, so würde die Sonne bis zur meiner Todesstunde nicht nntergehen" ^). Da er in der Heimath keine Unterstützung fand, so verließ er sie und ging auf Reisen (um 1138—39>. Sein Sohn Isaak, bereits erwachsen, war sein Begleiter. Er sah Afrika, Egypten, Palästina, verkehrte in Liberias mit den Weisen, die sich des Besitzes sorgfältig abgeschriebener Thora-Exemplare rühmten. Nirgends Ruhe findend, reiste er weiter nach Babylonien, war auch in Bagdad, wo wieder ein Exilsfürst mit Bewilligung des Chalifen eine gewisse Oberherrlichkeit über sämmtliche orientalische Gemeinden inne hatte. Auf diesen weiten Reisen beobachtete Jbn-Esra viel und scharf und bereicherte seinen Geist. Er soll ') Vergl. Note 8. Profiat Duran, mitgetheilt von Dukes, Orient. Litbl 1843, ool. 657. Note 1 u. a. a. O. ") Das. Dllsssr lDunsnsls, Oibrs Ollnoliurniiri., x. 85. 170 Geschichte der Juden. I<> nach einer Sage als.Gefangener bis nach Indien geschleppt worden sein, wo er nichts anderes als ungesäuertes Brod genossen haben soll. Z Es ist nicht recht begreiflich, warum er vom Morgeulande heimkehrte, ohne seine Heimath wiederzusehen. In Rom fand er erst die lang vermißte Ruhe (1140). Sein Erscheinen in Italien machte Epoche in der Culturentwickelung der italienischen Juden. Obgleich eine gewisse Freiheit genießend, so daß die römische Gemeinde keinerlei Abgaben unterworfen war, waren die Juden Italiens doch auf niedriger Bildungsstufe stehen geblieben. Den Talmud verstanden sie nur in hergebrachter, geistloser Weise. Von richtigem Verständniß der Schrift hatten sie keine Ahnung, die neuhebräische Poesie bestand für sie nur im Radebrechen des Hebräischen zu elender Reimerei. Ihre Muster waren Eliescr Kalir's holperige Reimverse, die sie dennoch für etwas Unerreichbares erklärten"). Allem Aberglauben des Mittelalters war ihr dumpfer Sinn geöffnet. Wie sehr stach gegen sie der spanische Reisende mit seinem Kunstgeschmack, seinem gesunden Sinne und seiner philosophischen Bildung ab! Auch der Zeitpunkt seiner Ankunft in Rom war günstig für die Erweckung einer höhern Cultur. Gerade um diese Zeit trat ein kühner Geistlicher, Arnold von Brescia, mit der Behauptung auf, die Päpste regierten nicht im Sinne des Evangeliums, es gezieme ihnen keine weltliche Herrschaft, sondern sie sollten wahrhafte Knechte in Demuth sein. Ein gewisser Forschergeist, verbunden mit dem Streben nach Freiheit, erwachte in der Residenz des Papstes. Das Volk lauschte auf die begeisterten Worte des jungen Reformators. In einem allgemeinen Concile im Lateran in den Bann gethan, mußte zwar Arnold die Flucht ergreifen, aber nur um im Triumph nach Rom zurückzukehren. Das römische Volk kündigte dem Papst den Gehorsam auf und erklärte sich zur Republik (1139 — 1143). In diese Zeit fällt Jbn-Esra's Aufenthalt in Rom. Sicherlich scharten sich Jünglinge und Männer um ihn, um den vielgereisten, kenntnißreichen spanischen Weisen zu hören, und er wußte sie durch seine kurze, lebendige, treffende, geistvolle Sprache zu fesseln. In Rom erschienen die Erstlingserzeugnisse des schon fünfzigjährigen Jbn-Esra. Zunächst erklärte er die fünf Mcgillot. Seine richtigen exegetischen Grundsätze hat er in den ersten Arbeiten geoffen- bart. Da, wo sein Heller Blick hindringt, schwindet alles Dunkel, es müßte denn sein, daß er sich selbst die Augen verbindet, um das Richtige nicht zu sehen, oder daß er sich stellt, als sähe er nichts. ff Joseph Ezobi bei L.bu<1irliarll zu HuAuckall 2) Jbn-Esra, Commentar zu Lollslst, ö, I. War es der Zweifel, der seine Brust durchwühlte, oder Charakterschwäche, die sich scheute, der Menge in ihrem Wahne eutgegeuzutreteu? Unwiderleglich ist es, daß Jbn-Esra öfter die Wahrheit verleugnet oder sie derart verhüllt hat, daß sie nur dem Gleichgesinnten erkennbar sein sollte. Der Erläuterung des hohen Liedes schickte er eine kurze Einleitung voran, worin er die Ansicht lächerlich macht, als sei in dieser großartigen Knnstschöpfnng die Mystik über das Verhalten der Welt zu Gott und das der Seele zu dem irdischen Leibe allegorisch angedeutet. Nach seiner Ansicht tönt durch das Ganze die Sehnsucht der Liebe durch, aber er deutete es auch nach Ansicht der Alten als das Verhältnis^ Jsrael's zu Gott in der gluthvollen Sprache eines treuen Liebesbnndes. So groß aber auch Jbn-Esra's exegetisches Talent war, reichte es doch nicht ans, um dunkle biblische Schriften im Zusammenhang als ein organisches Ganzes, als ein schön gegliedertes Kunstwerk zu begreifen und zu dnrchdringen. Sein Sinn war vielmehr nur ans Einzelnes, Losgetrenntes gerichtet, wie denn überhaupt sein unruhiger Geist nie bei der Sache verblieb, sondern immer auf andere Gegenstände, die nur lose damit verbunden sind, abzuschweifen Pflegte. Das philosophische Buch Kohelet, dessen Zusammenhang, Gliederung und geschichtlicher Hintergrund noch heutigen Tages sich der Erforschung entzieht, war für Jbn-Esra ein versiegeltes Buch, das aufzuhellen er nicht im Stande war. Die dürftige Philosophie der neuplatonischen Schule, der er huldigte und die er zur Erklärung heranzog, zeigte sich zum Verständniß dieses einem andern Lebenskreise entstammten Buches Kohelet unzulänglich. Nicht besser ging's ihm mit der Erklärung des großartigen philosophischen Dramas Hiob, das er ebenfalls während seiner Anwesenheit in Rom commentirte. Den römischen Inden brachte Jbn-Esra auch zuerst einen Begriff von der grammatischen Kenntniß der hebräischen Sprache bei, deren sie vollständig bar waren. Er übersetzte Chajng's grammatische Werke aus dem Arabischen in's Hebräische und legte ein selbständiges Werk unter dem Titel „die Waage" siVlorniaim) an, an dem jedoch nur die schön stylisirte, geschichtliche Einleitung über die Leistungen der Vorgänger auf dem Gebiete der hebräischen Sprachkunde von Saadia bis Jbn- M-Tabb6n interessant ist. Denn so sehr auch Jbn-Esra jeden Schritt an der Hand der Grammatik geht, so hat er doch wenig zum Verständniß des eigentlichen Baues der heiligen Sprache beigetragen; er benutzte meistens nur die Forschungen der großen Vorgänger, deren Resultate er kritisch gegeneinander abwog, um sich bald für das Eine, 172 Geschichte der Juden. bald für das Andere zu entscheiden. Aber er hat nicht eine einzige, wichtige grammatische Regel aufgestellt fl. Mehrere Jahre muß er wohl in Rom zugebracht haben. Was mag ihn bewogen haben, die ewige Stadt zu verlassen und den wandernden Fuß in's Weite zu setzen? Zunächst wohl die Unruhe oder die Lust, neue Kreise kennen zu lernen. Es scheint, daß er von da zunächst in Salerno, der größten italienischen Gemeinde, Halt machte. Wegen ihres reichen Handels und ihrer Weltverbindung war diese Stadt der Sammelplatz vieler Fremden. Obwohl in Salerno damals schon eine Hochschule für Heilkunde bestand, und ein gewisser Bildungsgrad darin heimisch war, so standen die Juden dieser Stadt doch auf niedriger Culturstufe. Jbn-Esra scheint hier nicht sehr freundlich empfangen und nur von einem Mäcen, R. Eljakim, der selbst spanischen Ursprungs war, mit Auszeichnung behandelt worden zu sein. Dagegen genoß ein eingewanderter Talmudist, R. Isaak b. Malki-Zedek, aus der griechisch-apulischen Stadt Siponte (Manfredonia) hohe Achtung. Er wurde später Verfasser eines Commentars zu sämmtlichen Ordnungen der Mischnah. Die Kenntnisse, die Jbn-Esra mitbrachte und lehren wollte: hebräische Sprachkunde, Bibelerklärung, neuhebräische Poesie, wurden von der Salerner Gemeinde gering geschätzt. „Im Christenland wird der Weise aus dem Araberland gering geachtet und verspottet", bemerkte Jbn-Esra. Man bezeichnte ihn und die Ein- gewauderten aus dem arabischen Spanien halb als Ketzer. Es scheint eine Reibung zwischen Jbn-Esra und R. Isaak aus Siponte entstanden zu sein, und der erstere machte seinem Zorn in einem beißenden Spottliede Luft, das voller Witz ist, aber auch voll persönlicher Schmähung auf seinen Gegner. Er nannte R. Isaak eine „griechische Heuschrecke", bespöttelte seinen Gang, sein Benehmen, seine heisere, kreischende Stimme, warf ihm vor, daß er weniger Hebräisch verstände als ein Kind. Der Gegensatz der Cultur zur Bildungslosigkeit tritt hier zum ersten Male schroff auf. Jbn-Esra scheint nicht lauge in Salerno geblieben zu sein, wenigstens hat kein schriftstellerisches Werk von ihm die Salerner Gemeinde verewigt. Im Sommer 1145 war er in Mantua und hier verfaßte er ein neues grammatisches Werk über die Feinheiten des hebräischen Styles (2aollot). Dieses Werk bietet ein vollständiges Muster von Jbn-Esra's unmethodischer, regelloser Darstelluugsweise. Es behandelt sämmtliche Theile der hebräischen Sprachkunde und nimmt sogar einen Anlauf zur Systematik, zerfließt aber in lauter Abschweifungen, bleibt fl Vergl. Profiat Duran (Efodi) Naasss Illock o. 7. Jbn-Esra's Exegese. 173 bei keinem Gegenstände stehen, sondern behandelt, wie sich die Gelegenheit darbietet, bald diesen, bald jenen Punkt und kehrt immer wieder zum Thema zurück, so daß es den Leser förmlich verwirrt. In diesem Werke kehrte er zum ersten Male seine Verketzerungssucht gegen solche hervor, welche von der massoretischen Autorität abwichen, die an ihm um so unleidlicher erscheint, als er sonst, freilich unter der Maske des Geheimnisses, sich noch mehr Freiheit gegen die Integrität der Bibel herausnahm. Von Jbn-G'anach's grammatischen Werken bemerkt er nämlich, sie verdienten dem Scheiterhaufen überliefert zu werden, weil der Verfasser von mehr als hundert Wörtern in der Bibel behauptet, sie müßten anders gelesen oder verstanden werden *). Sein Verdammungsurtheil trug auch viel dazu bei, daß Jbn-G'anach's bedeutende Leistungen den nachfolgenden Geschlechtern unbekannt blieben, und die Forscher gezwungen waren, ihren Durst aus zerbrochenen Cisternen zu löschen. Gegen Saadia polemisirte Jbn-Esra, daß derselbe abweichend manche massoretische Versabtheilung nicht anerkannte. Selbst die aus talmudischer Zeit stammende Tradition, daß mindestens achtzehn Bibelverse von den Sopherim aus gewissen Rücksichten ab- geäudert worden wären, war dem Massoragläubigcn Jbn-Esra zuwider, und er deutelte sophistisch an diesen Versen, um die geschriebene Lesart festzuhalten ^j. Wie Jbn-Esra einerseits eine auf Grammatik beruhende Schrifterklärung anbahnte, so hat er andererseits durch sein starres Festhalten an der Massora den Weg der freien Forschung abgeschnitten. In Mantua scheint er nicht lange geweilt, sondern sich von da nach Lucca begeben zu haben, wo er mehrere Jahre lebte und einen Kreis von Jüngern um sich sammelte. Hier beschäftigte er sich vielfach mit Astronomie, legte astronomische Tafeln an, schrieb über den richtigen Gebrauch des Astrolabs, gab sich aber auch der von Mohammedanern und Christen gepflegten Afterwissenschaft der Astrologie hin, in welcher er mehrere Schriften verfaßte unter verschiedenen Titeln (1148). Nach Jbn-Esra's Ansicht ist nämlich die Macht der Gestirne auf das menschliche Geschick unabänderlich, und dieser Einfluß mache sich zunächst bei der Geburt geltend. Doch räumt er der menschlichen Seele in ihrer Energie so viel ein, daß sie den bösen Einfluß der Gestirne, wenn nicht ganz aufheben, doch einigermaßen schwächen könne. Nach der Genesung von einer schweren Krankheit, wobei ihm ein gewisser Mose b. Meir, sein Gönner, hilfreich bei- st Vergl. darüber Kirchheim's Anmerk, zu LMrnad S. 149 f. st 2aaliot gegen Ende. 174 Geschichte der Juden. gestanden, gelobte er, sich mit der Erklärung der Thora zu beschäftigen, an die er wegen ihrer großen Schwierigkeit nur zaghaft ging. Er stand damals schon im Alter von vierundsechzig Jahren (1152—53). Aber dem Werke sieht man das herannahende Greisenalter nicht an, ! es trägt vielmehr das Gepräge der Frische und Jugendlichkeit. Jbn- Esra's pentateuchische Erklärung ist eine Art Kunstwerk nach Inhalt und Form. Die Sprache ist lebendig, fließend, witzig, die Auslegung tief eindringend, nüchtern und überhaupt mit vieler Hingebung gearbeitet. Sein reiches Wissen, seine Belesenheit und Erfahrung hatten ihn befähigt, das Buch der Bücher dem Verständnisse näher zu bringen und den Nebelschleier zu zerreißen, den das Halbwissen und das Vor- urtheil darüber gedeckt hatten. In der Einleitung charakterisirt er sehr treffend und geistvoll die vier üblichen unangemessenen Erklärungsweisen, die er vermeiden wollte. Die philosophisch gebildeten Erklärer aus der gaonäischen ! Zeit, Saadia, Samuel b. Chofni und Isaak Israeli, haben in ihre Commentarien fremde Materialien hineingezogen und sie daher weitschweifig und ungenießbar gemacht. Die Karäer haben, um die Tra- ( dition entbehren zu können, zu Deuteleien und Schwankungen greifen ^ müssen; die Mystiker haben in jedem Wort höhere Bezüge gesucht, und die agadischen Erklärer haben dem Wortsinn Hohn gesprochen. So erhebt er sich siegesgewiß über seine Vorgänger und erfüllt die Aufgabe, die er sich gestellt, den schlichten Sinn des Textes durchsichtig zu machen. Jbn-Esra war mit seinem Pentateuch-Commentar der Fahnenträger einer nüchternen, lichtvollen, wissenschaftlichen Auffassung der Bibel und bildet den Führer einer Minderzahl von erleuchteten Geistern, die sich gegen die Verdunkelung agadischer Auslegung stemmten, als deren Träger Raschi galt. Denn obwohl er sich Mühe gab, die talmudische Tradition durch seine Exegese zu stützen, und die karäische selbständige Auslegungsweise durch schlagenden Witz widerlegte, und obwohl er jede freie, von der Massora abweichende Auffassung verketzerte, so klammerte sich doch die Aufklärung an ihn, als ihre Autorität und der Unglaube selbst berief sich auf ihn, als ; auf seinen Gewährsmann st. In der That gab Jbn-Esra Veranlassung genug dazu, ihn zu den Chivi Albalchi, den Jizchaki und Andern zu zählen, welche die Autorität des Pentateuch's in Frage stellten. In dunkeln, rätselhaften Wendungen gab er zu verstehen, daß manche Verse in der Thora von späterer Hand hinzugefügt seien oder gar das Ganze erst ans späterer Zeit stamme"). Nur weiß man nicht st Vergl. Spinoza Nraotatms tlisoloZieo-xolitious e. 8. st Vergl den Commentar zu Deuteronomium Ans. und die sonderbare Apologetik des Joseph Tob-Elem Sephardi in LlopluautN Uaausuoli dazu. X' Jbn-Esra's Exegese. 175 recht, ob es ihm mit der Skepsis oder mit der Gläubigkeit Ernst war. — In Lucca verfaßte Jbn-Esra auch seinen lichtvollen Commentar zu Jesaia (1154—55), worin er seinen Zweifel, ob die letzten dreiundzwanzig Capitel von diesem Propheten stammen oder von einem späteren herrühren, andeutete. Hier verfaßte er auch zwei grammatische Schriften, eine selbständige <8. cksaock) und eine Widerlegung der Angriffe des Dunasch b. Labrat auf Saadia (B. V.g S. 339), dessen halb, verstümmeltes, polemisches Werk ihm in Egypten in die Hand gefallen war (8epdat stotsr). Diese Schrift arbeitete er für einen seiner Jünger, Chajim, aus. Wenn seine Zuhörer auch viel von ihm lernten, Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit in der Behandlung wissenschaftlicher Fragen hat er sie nicht gelehrt. Gerade in der Polemik gegen Dnnasch zeigte sich Jbn-Esra in hohem Grade ungerecht. Mit vieler Bitterkeit tadelt er Manches an Dnnasch, was er selbst sich angeeignet und in seine Commentarien verwebt hat, und wiederum rechtfertigt er hartnäckig Manches von Saadia, was er anderweitig verworfen hat. Nach Vollendung des Pentatenchcommcntars (1155) verließ Jbn- Esra Italien und begab sich nach einem neuen Schauplätze, nach Süd- Frankreich, welches wegen seines Zusammenhanges mit Catalonien mehr Theil an der spanisch-jüdischen Cultur hatte, als Nordfrankreich, Italien und Deutschland. Die Provence bildet in der jüdischen Geschichte die Grenzscheide zweier Richtungen, der streng talmudischen und der wisseus- und kunstliebenden. Die jüdischen Provencalen nahmen an beiden Richtungen aufrichtigen Antheil, brachten es aber in beiden nicht zur Meisterschaft, sondern blieben stets Bewunderer und Nachahmer. Jbn- Esra brachte in diesen Kreis ein neues, anregendes Element. Er ließ sich zuerst in der alten Gemeinde Beziers (Bedares) nieder, die viele Gelehrte in ihrer Mitte zählte. Sie behandelten den Weltwanderer mit großer Auszeichnung, Fromme und Gebildete ohne Unterschied. Isaak b. Jehuda, „Fürst der Juden" genannt, und Abraham b. Chajim, beide ausgezeichnet alsfrommeTalmudisten, erwiesen ihm so viel Aufmerksamkeit, daß er ihnen zu Ehren ein mathematisch-kabbalistisches Werk über die Gottesnameu verfaßte. Es enthält eine geistreiche Spielerei mit Buchstaben und Zahlen, die, in verschiedenen Werthen combinirt, die gehcimnißvollen Eigenschaften der Gottheit bezeichnen sollen. Diese von Jbn-Esra zuerst eingeführte Buchstaben- und Zahlencombination brachte die Zahlenkabbala zur Mode und nährte einen praktischen Wahnglaubeu, der viel Unheil gestiftet hat. — In demselben Jahre siedelte er nach der Stadt Rhodez über, Ivo es ihm so gut gefallen haben muß, daß er mehrere Jahre daselbst weilte (1155 — 57). Hier commeutirte er das Buch Daniel, den Psalter 176 Geschichte der Juden. und die zwölf Propheten. Sein Ruf drang indeß weithin und erwarb ihm Bewunderer. Die größte rabbinische Autorität jener Zeit, R. Jacob Tam, sandte ihm Huldigungsverse in metrischer Form zn, worüber Jbn-Esra so sehr verwundert war, daß er ihm darauf ein halb schmeichelndes, halb verletzendes Epigramm entgegnete: „Wer führte die Franzosen in des Liedes Tempel? Darf ein Uneingeweihter ihn betreten? Ist auch Jakob's Lied süß wie Manna, So bin ich die Sonne, die es in Nichts auflöst." Ein andermal schrieb ihm R. Tam ein so höfliches, demüthiges Gedicht zu, daß Jbn-Esra, davon ergriffen, in ähnlichem Tone erwiderte: ' „Gebührt's einem Volksführer sein Haupt vor einem Niedrigen zu beugen? > Unwürdig ist's, wenn ein Engel Gottes vor einem Unwürdigen sich demüthigt"st. j Seine Wanderlust führte ihn noch im siebzigsten Lebensjahre ! nach dem nebelreichen London, wo er einen freigebigen Mäcen fand, der ihn mit Liebe umgab. Hier verfaßte er eine Art Religionsphilosophie 2). Sie trägt aber so sehr das Gepräge äußerster Zerfahrenheit und Flüchtigkeit, daß mau außer Stande ist, seinem Ge- k dankengang zu folgen. Im Ganzen hat Jbn-Esra darin, wie in der Philosophie überhaupt, wenig geleistet. Die neuplatonische Weisheit: ^ daß Gott eine einheitliche Substanz ist, die nicht in unmittelbarem Zusammenhänge mit der Welt stehe, sondern durch Vermittelung eines ^ Urgeistes wirke, daß die göttliche Vorsehung sich nur über die Gattungen und nicht über die Einzelwesen erstrecke, daß die Seele vom § Urgeiste stamme, im Leibe wie in einem Kerker lebe und sich nach ihrer himmlischen Heimath sehne, diese billige Weisheit hat Jbn-Esra bald in klarer, bald in mystischer Fassung, oft in Zahlenspielerei ausgedrückt, in seine Schriften eingestreut, ohne die ihn bewegenden, philosophischen Gedanken zu einem Ganzen zu verbinden. Offenbarung, Judenthum, Prophetie, diese Vorgänge nahm er als gegebene That- sachen hin, ohne je anzudeuten, wie er sie sich mit seinem Gottesbegriff übereinstimmend dachte. Nur andeutungsweise bemerkte er, daß die Prophezeihuug ein traumhafter Vorgang sei, und daß der Prophetenberuf durch innerliche Anlage oder durch Uebuug erlangt werden könne. Der Prophet Jona sei keineswegs vor Gott geflohen, — denn das ! wäre thöricht gewesen, der Allgegenwart Gottes entgehen zu wollen — sondern er habe den prophetischen Drang innerlich bekämpft^). st Gavison Omer Iis.-8(:biollbalis., wiedergegeben lLsisra Obsmsck VIl. 35. st llssocl Nora; vergl. Note 8. st Im Commentar zu Jona Anfang. Seiner ganzen Geistesrichtung nach konnte Jbn-Esra die übernatürlichen Erzählungen in der Bibel nicht buchstäblich fassen, sondern mußte sie rationalistisch umdeuten. Nur that er es in versteckter Weise, unter dem Schleier des Geheimnisses. Nächst der religionsphilosophischen Schrift verfaßte er in London noch eine andere, eine Art Schutzrede für den Sabbat, die wegen ihrer Einleitung interessant ist. Er kleidete den Eingang in einen Traum ein, den er in einer Nacht gehabt haben will. Eine Tranmerscheinung habe ihm ein Sendschreiben vom personificirten Sabbat überbracht, worin dieser sich über ihn beklagt, daß sein Jünger in sein Haus Schriften gebracht hätte, worin auseinandergesetzt ist, daß der biblische Tag mit dem Morgen beginne, und daß folglich die Nacht von Freitag auf Sonnabend keine Heiligkeit habe. Die Erscheinung habe ihn darauf aufgefordert, den Sabbat zu vertheidigen. Beim Erwachen in der Nacht habe er die ihm Angebrachten, verdächtigen Bibelcommentarien beim Mondschein gelesen und in der That gefunden, daß darin behauptet wurde, der biblische Tag beginne nicht mit dem Abend, sondern mit dem Morgen, folglich sei die Vornacht nicht sabbatlich geweiht. Diese ketzerische Lehre, die übrigens von Raschi's Enkel, dem frommen Samuel b. Meir ausgestellt wurde (o. S. 145), brachte Jbn-Esra in Harnisch; er fühlte sich gedrungen, sie mit allen Waffen zu widerlegen, „damit Israel nicht in die Irre geführt werde". In frommer Entrüstung schreibt er: „die Hand dessen, der so etwas niedergeschrieben, müsse verdorren und sein Auge verdunkeln". Die Vertheidigung, welche ans Erläuterung von Bibelversen und astronomischen Auseinandersetzungen besteht, führt den Namen „das Sabbatsendschreiben". Obwohl es ihm in London an nichts fehlte, und viele Jünger sich um ihn scharten, so verließ er es doch nach kurzem Aufenthalte. Im Herbst 1160 war er in Narbonne und später (1165 oder 66) wieder in Rhodez, Ivo er bereits in hohem Alter seinen Pentateuch- commentar überarbeitete, ihn kürzer faßte, das Wesentliche aber beibehielt und endlich sein letztes, grammatisches Werk (Latalr Lorurab) auf Dringen eines seiner Jünger, Salomo, verfaßte. Bewunderungswürdig an diesem Schriftsteller ist die Geistesfrische, die er in hohem Alter bis an sein Lebensende sich erhalten hat; seine letzten Erzeugnisse tragen denselben Stempel der Lebendigkeit, Sicherheit und jugendlicher Kraft, wie die ersten. Er hat außer den genannten exegetischen, grammatischen, astronomischen und astrologischen, noch andere Schriften verfaßt, über Astronomie und Mathematik. Ob er in die Zahlenknude etwas Neues eingeführt, ist noch nicht mit Sicherheit ermittelt. Man Graetz, Geschichte der Juden. VI. 12 178 Geschichte der Juden. schreibt ihm eine geistreiche Rechnungsart zu, die er in einer gefahrvollen Lage angewendet haben soll. Er soll sich einst mit fünfzehn Jüngern auf einem Schiffe befunden haben, das voll von Passagieren war; ein heftiger Sturm brachte das Schiff dem Untergange nahe, und als letzte Rettung wurde die Erleichterung des Schiffes von der Hälfte seiner Mannschaft angesehen. Der Schiffscapitain berietst mit Jbn-Esra, jeden neunten Mann in's Meer zu werfen. Jbn-Esra soll aber seine Jünger so gestellt haben, daß sie die Reihe nicht betroffen habe (Rnoddulak). Es scheint, daß Jbn-Esra sich im Alter nach Spanien znrücksehnte und die Reise von Südfrankreich aus augetreten hat. Aber in Calahorra, an der Grenze von Navarra und Aragonien angekommen, starb er, und soll auf dem Todtenbette noch witzig einen Bibelvers auf sich angewendet haben: „Abraham war 78 Jahr alt, als er dem Fluch dieser Welt entwich" (st. Montag 1. Adar — 23. Januar 1167). Er hinterließ viele Jünger und einen begabten Sohn, der ihm aber keine Ehre machte. Auch das jüdische Frankreich hatte damals eine reichbegabte Persönlichkeit, welche nicht nur die Hauptrichtung der französischen Schule in sich concentrirte und dadurch Gesetzgeber für viele Jahrhunderte wurde, sondern auch an dem Geiste der jüdisch-spanischen Schule theilnahm. R. Jakob Tam aus Ramerü (geb. um 1100 st. 1171), welcher von den Kreuzfahrern dem Tode nahegebracht worden war, war die bedeutendste Erscheinung, welche aus Raschi's Schule hervorgegangen ist. Der jüngste der drei gelehrten Enkel des großen Lehrers von Trohes, konnte R. Tam nichts von seinem Großvater lernen, den er nur mit Kindesaugen kannte, und war der Schüler von dessen Jünger, von seinem Vater Me'tr und von Joseph Bonfils (Rod- lillkm II. i). Er erlangte eine solche Tüchtigkeit in der Talmudkunde, daß er seine Zeitgenossen und selbst seine älteren Brüder Isaak und Samuel (Hassüdam) überstrahlte. Die weitläufigen Gänge und verschlungenen Wege des talmudischen Labyrinths lagen ihm offen, und er beherrschte das ganze Gebiet mit seltener Meisterschaft. Er verband Klarheit des Geistes mit Verstandesschärfe und war der Hauptbegründer der Toffafistenschule (o. S. 143^). Keiner seiner Vorgänger offenbarte eine solche Gründlichkeit und überraschend dialektischen Scharfsinn in einem so hohen Grade auf dem Gebiete des Talmud. Obwohl Privatmann und ein Geschäft betreibend, galt er doch als der angesehenste Rabbiner seiner Zeit, dessen Ruf bis nach Spanien und *) Lstsr x. 74a. Vergl. über diesen Ben-Jakob, ^.cläita- rasnta zu Asulai's Lollsni lls,-Osäolirn II p. 16ö Nr. 29. 2) Vergl. llocllasiu sä. läliporvslri p. 217. R, Tam. 179 Italien drang. Die größte nnd reichste, mit Talmudgelehrten gefüllte Gemeinde von Paris ließ sich von ihm die Vorschriften nnd Formeln für die Ehescheidung anfertigen ^). Anfragen über schwierige Punkte wurden an ihn ausschließlich gerichtet nicht nur aus seiner Heimath, sondern auch aus Südfrankreich und Deutschland, und die rabbinischen Autoritäten der Zeit ordneten sich ihm mit der größten Verehrung unters. Schon in seiner Jugend hatte er einen Kreis von Jüngern um sich"), die in ihm das Ideal verehrten. Er war auch so sehr beschäftigt mit Beantwortungen von Anfragen, daß er zuweilen der Last erlag ^). Die Fanatiker des zweiten Kreuzzuges, die ihm beinahe das Leben raubten, plünderten seine ganze Habe und ließen ihm nichts weiter als das nackte Leben und seine Bibliothek "). Dennoch verfaßte er seinen Commentar auf den Talmud gerade in dieser schreckensreichen Zeit"). Er war ein fester, von Religiosität und Sittlichkeit durchdrungener Charakter, an dem nur ein Makel haftete, daß er Wucherzinsen von Christen nahm Z, wie er denn überhaupt die strengen talmudischen Wuchergesetze theilweise beseitigte und gestattete, an Juden durch Vermittelung eines Christen auf Zins zu leihen und an getaufte Juden sogar in directem Verkehrs, — von der Strenge seines Großvaters darin abweichend. Trotz der großen Verehrung, die er genoß, war R. Tam frei von Ueberhebung, kannte aber kein Ansehen der Person, wo ihm die Religiosität gefährdet schien. Dieses bewies er gegen den gelehrten Meschullam b. Nathan aus Melun, welcher Entscheidungen traf, die wie Neuerungen klangen, obwohl auch er sich auf Lesarten im Talmud und auf Autoritäten berief. R. Tam wies ihn Anfangs etwas derb zurecht und sagte ihm unter Anderm: „Ich höre, daß du dich bestrebst, volksthümlich zu sein, du solltest dich aber auch ein wenig unter die Kundigen mischen." Als Meschullam auf seiner Ansicht zu beharren schien, machte R. Tam ihm den Vorschlag, mit ihm auf halbem Wege zusammenzukommen, um ihn zu belehren h 8sksr llg-ckgsollgr No. 81. -) Vergl. Nsaxonsg Lsraira Osira No. 214, 24; Lolllbols I-sIrst 3g., Ibn-ckgrolli LlgulliA Ho. 6V8, 6Iö und p. 86 e. ff. Noch vor 1147, da in diesem Jahre sein Jünger R. Peter den Märtyrertod erlitt, o. S. 153. Z Lsksr llg-llgsolmr No. 595. Das. sä. "VVisn x. 81 o. °) Das. Nr. 492. °) Lssxonsg R. Me'ir aus Rothenburg Nr. 795, 96; Llgräooligi zu Ls.bg Nssig V, No. 338. s) Lsüsr bg-ckgsobgr No. 536, 798; Tossafot zu N. Llsmg p. 7 b. Isaak aus Wien zu ^.sobsri b. Listig V. No. 47. 12 * 180 Geschichte der Juden. und drohte ihm, falls er von seinen Jrrthümern nicht lassen werde, ihn in den Bann zu legen ^). Und so überwältigend wirkte R. Tam's Persönlichkeit, daß R. Meschnllam demüthig Abbitte that. R. Tam ist fast der einzige der nordfranzösischen Schule, der die Einseitigkeit der talmudischen Richtung überwunden und Theilnahme und Geschmack an den anderweitigen Studien der spanischen Inden bekundet. Er eignete sich von ihnen die Handhabung des hebräischen Versmaßes an und schrieb liturgische Gebetstücke und profane Gedichte in metrischer Knnstformst. Es ist bereits erzählt worden, daß er mit dem Vertreter der jüdisch-spanischen Cultur und dem halben Freidenker Jbn-Esra in Verbindung stand und mit ihm Gedichte wechselte o ou-.i pe-eon m '^>n . iiHu- niHo: mom .im navi — nnorchr ,112 rnomoi st Jechiel Heilperin 8säsr ba-Oorot snb voos N. Tara. 2) Tossatob zu Travtab Lstnbot x. 103 b. ch Gedalja Jachja in Lobalsobslst sä. Xinst. 40 f. 186 Geschichte der Juden. Schule, wie mit Jbn-Esra die Ursprünglichkeit der spanischen Schule. Es trat eine Persönlichkeit auf, welche beide Richtungen in vollendetem Maße in sich versöhnte, und mit welcher ein einschneidender Wendepunkt in der jüdischen Geschichte sich anbahnte, die allmälig durch äußere und innere Bewegungen einen ganz verschiedenen Charakter annahm. Acktes Kapitel. Viertes rabbinisches Zeitalter. Maimunische Epoche. Rundblick. Die Juden Spaniens; Toledo; Joseph Jbn-Schoschan; Abraham Jbn-Alfachar; der Dichter Charisi. Abraham Jbn-Daud's Märtyrertod und die Jüdin Formosa Rahel. Scheschet Benveniste; der Dichter Abraham b, Chasdai. Der Tourist Benjamin von Tudela. Serachja Halevi Girondi. Die Provence; Narbonne; Abraham b. Isaak und die Kimchiden. Die Gemeinden Veziers, Montpellier und Lünel; Meschullam b. Jakob und seine Söhne. Jonathan Kohen und die Tibboniden. Die Gemeinde Posqnisres und Abraham b. David. Der judenfreundliche Graf Raymund von St. Gilles und Toulouse und Isaak b. Abba-Mari. Die Gemeinde 'Marseille. Philipp August und die erste Vertreibung der Juden aus Nordfrankreich. Der Tossafist Isaak der Aeltere (Ri). Die Märtyrer von Bray. Verkümmerung der nordfranzösischen Juden. Simson von Sens und Jehuda Sir Leon der Fromme. Das Buch der Frommen. Die Juden Englands: Jakob von Orleans. Das Judengemetzel in London. Richard Löwenherz. Das Gemetzel der Juden in England. Die Belagerung der Juden von Dort. Johann ohne Land und die Juden. 1171 — 1205 . Ehe die finstern Wolken giftigen Hasses sich von allen Seiten über das Haus Jakob zusammenziehen, seinen Horizont verdüstern, nm ihm auch nicht eine Spanne blauen Himmels zu lassen; ehe sich die ver- derbenschwangern Elemente auf das Haupt der Gemeinde Israel niederschmetternd entladen; ehe das böse Prinzip im Namen der Gottheit Fürsten und Völker, Freie und Knechte, Groß und Klein gegen die schwachen Söhne Juda's hetzt und allen die Waffen des Mordes und die Stacheln des Hohnes gegen sie in die Hand drückt, um das kleine Häuflein zu vertilgen und im Koth zu schleifen; ehe das hochmüthige Papstthnm ans dem Throne Gottes als Richter über die Lebendigen und die Todten das Zeichen der Brandmarkung an die Kleider jüdischer Männer und jüdischer Frauen heftet, um sie den: Fußtritte und dem Gespötte des ersten besten preiszngeben; ehe der Wahn Folterwerkzeuge für die Unschuldigsten der Menschen bereitet, 188 Geschichte der Juden. um ihnen Verbrechen anzndichten, über welche die Angeklagten mehr schauderten als die Ankläger, um ihre Glieder zu verrenken und ihre Leiber zu verstümmeln; ehe die Lügen von Kindermord durch Inden, von Brunnenvergiftung durch Juden, von Verzauberung durch Juden allüberall überhand nehmen, um den Harmlosesten mit Abscheu gegen sie zu erfüllen; ehe sämmtliche Völker des christlichen Europa an Barbarei gegen Juden die wilden Mongolen übertreffen; ehe die tausendfachen Qualen das Blut aus ihrem Herzen, das Mark aus ihren Gebeinen, den Geist ans ihrem Gehirn heranstreiben, sie zu Schwächlingen machen und ihren Himmelsflug zu einem niedern Kriechen herabbringen; kurz ehe das gesteigerte Höllenlebeu für die Juden eintritt, welches mit dem Papste Jnnocenz III. beginnt und mit Ferdinand dem Katholischen von Spanien seinen Höhepunkt erreicht, ist es rathsam, einen Blick auf die über den damals bekannten Erdkreis zerstreuten jüdischen Gemeinden zu werfen, auf ihre Lage in den verschiedenen Ländern zu achten, um zu sehen, was sie damals noch besessen, und was ihnen der teuflische Fanatismus später geraubt hat. Die im Namen von zwei Religionen gegen sie gepredigte Lieblosigkeit hatte bis dahin noch nicht vermocht, sie überall als Auswürflinge zu stempeln. Hier waren sie allerdings schon als eine fluchwürdige Nation verachtet und gehaßt, aber dort galten sie noch als geachtete Bürger und Menschen. In dem einen Lande waren sie bereits Kammerknechte, aber in einem andern vertrauten ihnen noch Fürsten und Städte wichtige Aemter an; an einem Orte waren sie zu Leibeigenen erniedrigt, an andern führten sie noch immer das Schwert und kämpften für ihre Unabhängigkeit. Eine gedrängte Uebersicht über die Lage und die Bestrebungen der Juden in den Hauptländern der drei Erdtheile der alten Welt in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts bietet eine Fülle des Interessanten und giebt die richtigen Gesichtspunkte zur Würdigung der nachfolgenden Geschichte dar. Der Kopfzahl nach waren die Juden Asiens bedeutender als die europäischen, der Gehalt der Köpfe machte aber die letzteren überlegener, so daß Europa als Hauptsitz des Judenthums augesehen werden muß. Hier war das Selbstbewußtsein geweckt, hier suchten die jüdischen Denker die Lösung des Räthsels, was das Judenthum innerhalb der übrigen Religionen und Völker bedeutet, und welche Aufgabe dem Einzelnen in der Gesammtheit zufalle. In Afrika war das Denken im jüdischen Kreise ebenso getrübt wie im mohammedanischen Asien; man folgte in der Religion dem von den Aeltern breit getretenen Weg. Das Herz des Judenthums war noch immer auf der pyrenäischen Halbinsel. Das jüdische Spanien genoß noch immer Die Juden in Spanien. 189 den Vorrang, weil hier das Bewußtsein am meisten gekräftigt war. Juden wohnten in sämmtlichen fünf christlichen Königreichen, die sich auf dieser gesegneten und politisch zersplitterten Halbinsel ausgebildet hatten; in Castilien, Leon, Aragonien, Portugal und Navarra. Nur das südliche Spanien, das mohammedanische Andalusien, sah seit der Eroberung durch die unduldsamen Almohaden keine Inden, wenigstens keine offen auftretenden. Die ehemaligen Sitze der jüdischen Gelehrsamkeit: Cordova, Sevilla, Granada, Lucena waren verödet; an deren Stelle war Toledo, Hauptstadt Castiliens und des ganzen Landes, getreten. Die Toledaner Gemeinde wurde seit dieser Zeit tonangebend; sie zählte mehr als 12 000 Gemeindemitglieder *). Wie die Stadt überhaupt an Prachtgebäuden prangte, so besaß sie auch mehrere großartig angelegte Synagogen, „mit deren Schönheit sich keine andere vergleichen ließ"^). Es gab unter den toledanischen Juden nicht blos viele wohlhabende und gebildete, sondern auch tapfere Männer, die mit den Waffen umzugehen wußten^). Jüdische Jünglinge verlegten sich auf die Fechtkunst, um als Ritter aufzutreten ^). Unter Alfonso VIII., genannt der Edle (1166 — 1214), nahmen begabte Inden eine hohe Stellung ein, wurden zum Staatsdienste verwendet und trugen ihrerseits zur Größe des liebgewordenen Vaterlandes bei. Angesehen war an Alfonso's Hof Joseph b. Salomo Jbn- Schoschan (Aljachid Jbn-Omar), „der Fürst" genannt (geb. um 1135, gest. —5 5). Gelehrt, fromm, reich und wohlthätig, genoß Jbn- Schoschan die Huld des Königs und war wahrscheinlich in Staatsgeschäften thätig. „Die Gunst war ihm zugewendet, das Wohlwollen ihm zngekehrt von Seiten des Königs und der Großen" °). Mit seiner Freigebigkeit förderte er das Talmudstudium und erbaute in fürstlicher Pracht eine neue Synagoge in Toledo. Sein Sohn Salomo kam ihm in vielen Tugenden gleich. Hochgeehrt am Hofe Alfonso's war auch Abraham Jbn- Alfachar (Ilajorer, geb. um 1160, gest. nach 1223 ^), „gekrönt mit ') Nathan Jbn-Jarchi bei Zakuto. 2) Charisi lluotilsrnoni Pforte 46; vergl. Note 1. Anmerkung 1. °) Dieselbe Note 1. IV. Jbn-Verga Lolrsdst llslinäs. Nr. 9. 5) Dieselbe Note I. Anmerk. 1. ") Jbn-Schoschan's Epitaphium dieselbe Note. 0 lieber diesen Alfachar vergl. Epitaphien der Toledaner Gemeinde (^.bns 2Lks,ron), S. 68 und dazu Rapaport's Bemerkungen in Lsrsni Ollsrasä VII. p. 248; ferner ^IrnuIUrs.ri. bei Gayangos llistor^ ol tlls inolis.rnrnscls.n ä^nustiss in 8xuin und dazu Lebrecht's Bemerkungen in Literatur des Auslandes Jahrg. l84l, Nr. 36, Orient 1841, S. 25V. Das Todesjahr ergiebt 190 Geschichte der Juden. edlen Eigenschaften und hochherzigen Thaten. Er war hehr an Wort und That, eine Zierde des Königs, ein Ruhm der Fürsten." Meister in der arabischen Sprache, schrieb Jbn-Alfachar gewählte Prosa und dichtete wohlklingende Verse, deren hoher Werth einen arabischen Schriftsteller bewog, sie zu sammeln; darunter auch ein Lobgedicht auf den König Alfonso. Dieser edle König beorderte einmal Jbn-Alfachar zu einer Gesandtschaft an den marokkanischen Hof des Fürsten der Gläubigen Abu-Jakob Jussuff Almostansir. Obwohl dieser Almohaden- Fürst die unduldsame Politik seiner Vorgänger fortsetzte, keinen Inden in seinem Reiche wohnen ließ und selbst die zum Islam übergetretenen Juden durch eine vorgeschriebene, häßliche Tracht von den geborenen Mohammedanern abgesondert wissen wollte, mußte er doch den jüdischen Gesandten Alfonso's freundlich empfangen. Als sich Jbn-Alfachar zur Audienz bei Almostansir's Wesir begab, um sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen, wurde er durch zauberhafte Gärten des Palastes geführt, wo Pracht und Duft die Sinne gefangen nahmen. Der Gärtner war aber ebenso häßlich, wie der Garten schön. Auf die Frage des Wesirs, wie ihm der Garten gefiele, antwortete Jbn- Alfachar: „Ich würde ihn unbedingt für das Paradies halten, wenn ich nicht wüßte, daß dasselbe von einem schönen Engel (Redwan) bewacht wird, während dieser Garten einen häßlichen Teufel (Malek), der zur Hölle führt, zum Hüter hat." Der Wesir lachte über diesen witzigen Vergleich und hielt es der Mühe Werth, ihn Almostansir mitzutheilen. Dieser bemerkte nun gegen den jüdischen Botschafter: Der häßliche Pförtner sei geflissentlich gewählt worden, um dem Juden den Eintritt in dieses Paradies zu erleichtern, denn ein Redwan würde einen Ungläubigen gar nicht hineingelassen haben. — Auch ein Verwandter desselben Juda b. Joseph Jbn-Alfachar führte den Titel „Fürst" i). Obwohl die beiden Mäcene Toledo's in dieser Zeit, Jbn-Schoschan und Jbn-Alfachar, selbst talmndkundig waren und die talmudische Gelehrsamkeit unterstützten, so gedieh doch das Talmudstudium im hohen Style, wie AlfLßi, seine Jünger und Raschi's Schule es betrieben, in der spanischen Hauptstadt nicht. Toledo hat keinen einzigen sich annähernd aus dem Umstand, daß der Dichter Jehuda b. Isaak seine weibsrfeindliche Satyre (Ninobab äsbuäa) 1218 dem Abr. Ha-Jozer — Alfachar widmete (Laara 2sllsnira 12). Da nun Alf. nach seinem Epitaph. Mittw. 25. Lobst starb, so war die Jahresform seines Sterbejahres nrw, rwz oder wz. Diese Jahresformen kommen nach 1218 erst vor 1224, 1228, 1231. Im letzten Jahre war er sicherlich bereits todt. h Maimunische Briefsammlung sä. ^mst. x. 23. Alcharisi. 191 Talmudisten von bedeutendem Gehalte aufgestellt. Die Gemeinde mußte mehrere Jahrhunderte hindurch ihre Rabbinen von auswärts beziehen. Der Sohn und der Neffe des Joseph Jbn-Migaschso.S. 107), beide Namens Me'irff, hatten zwar nach ihrer Einwanderung aus Lucena wegen der Almohaden-Verfolgung in Toledo ein bedeutendes Lehrhaus gegründet; aber es gelang ihnen doch nicht, tiefere Talmnd- kenntniß in diesem Orte heimisch zu machen. Die Toledaner hatten mehr Sinn für Wissenschaft und Poesie. Sie beschäftigten sich lieber mit Philosophie, grübelten über Religion, und ihr Glaube kämpfte mit dem Zweifel. Sie waren die Aufgeklärtesten der spanischen Juden ff. In Toledo lebte damals eine Zeit lang der junge Dichter Jehuda b. Salomon Alcharisi (oder Charisi, geb. um 1170, st. um 1230 ff, der letzte Vertreter der ueuhebräischen Poesie in Spanien, welche mit Duuasch b. Labrat ihren Anfang, mit Jbn-G'ebirol und Jehnda Halevi ihre Kraft und mit dem Genannten ihre Abnahme datirt. Witzig, wie Abraham Jbn-Esra, gesangreich, wie die besten Sänger der Blüthe- zeit, dichtete Charisi mit einer Leichtigkeit, die gar keine Hindernisse kennt. Man könnte ihn den Ovid der neuhebräischen Poesie nennen, dem er auch an Leichtfertigkeit und Ausgelassenheit ähnelt. Sein Lebensgang wie sein Charakter erinnern an Abraham Jbn-Esra. Gleich diesem klagt Charisi über die Ungunst des Geschickes: „Flöß' meinem Leide nach der Thronen Quells — Es gäb' auf Erden keine trockene Stelle! Allein nicht bloß der Sintfluth wilden Wogen — Auch meinen Zähren gilt der Regenbogen!''^) Auch er mußte sich durch die Welt betteln, brachte viele Jahre auf der Wanderung zu, war in Südfrankreich, reiste über Egypten nach Palästina und Syrien und drang bis nach Persien. Alles, was er sah und erlebte, Weisheit und Dummheit, Sitten und Unsitten, ff Abraham Jbn-Daud und Charisi das. Pforte 46. ff So schildert sie Me'ir Halevi Abulnfia in seinem Sendschreiben an Nach- mani in der maimunischen Briessammlung. ff Aus dem Umstande, daß Charisi ein Theil von Maimuni's Mischnah- Commentar noch bei Lebzeiten des Verfassers übersetzte und Verse an denselben richtete, ergiebt sich, daß er gegen Ende des zwölften Jahrhunderts bereits reif war, und da er von Joseph b. Aknin in Haleb wie von einem Lebenden spricht, den Streit für und gegen Maimnui aber nicht mehr erlebte, so fällt sein Todesjahr 1226—1232. Ueber das Jahr seiner ersten Reisen vgl. Note 1. Anmerkung 1. ff Dieses Gedicht, das man früher Abr. Jbn-Esra zuschrieb, stammt von Charisi, wie Dukes nachgewiesen hat. Die Uebersetzung ist von Kämpf, auf dessen „erste Makamen des Charisi" (Berlin 1848! und „Nichtandalusische Poesie andalusischer Dichter" (Prag I8S9) ich in Betreff Charisi's verweise. 192 Geschichte der Juden. wurde ihm ein Gegenstand des Gesanges. Charisi's Muse besang Zion's ehemaligen Glanz und damalige Wittwentrauer und mit derselben Wichtigkeit den Wein und seine Freude. Er versistcirte die Unterredung der Seele mit Geist und Körper, die Glaubensverschiedenheit der Rabbanitcn und Karäer und zugleich die Plagen, welche der Floh verursacht. Charisi war für nichts ernstlich begeistert, höchstens für die hebräische Sprache. Und da er diese gegen die arabische selbst von Juden hintenangesetzt sah, unternahm er, an einer Uebersetzung des Abenteuerromans von dem arabischen Dichter Hariri zu beweisen, daß auch die hebräische Sprache bei ihrer Bescheidenheit reich und wohllautend sei. Dann änderte Charisi den Plan und verfaßte einen selbstständigen Roman nach dem Muster Hariri's und Jbn-Sakbcls (o. S. 112). Der Dichter maskirte sich unter dem Namen Heman der Esrahite, welcher interessante, launige und geistreiche Gespräche mit dem Abenteurer Heber, dem Keniten, führt. So stellt er eine Art dramatischen Romans zusammen unter dem Titel Tachkemoni. Er unterwirft darin auch die Leistungen älterer und zeitgenössischer Dichter einer strengen Kritik und zeigt sich als geschmackvoller Kunstrichter, der sehr gut versteht, wie Verse nicht beschaffen sein dürfen, wenn sie gefallen sollen. Aber Charisi's Verse selbst sind mehr geistreich als aumuthig, seine Reimprosa daher gefälliger, als seine strenggemessenen Verse. Sie zeigen schon den beginnenden Verfall der neuhebräischen Poesie. Sie geht mehr darauf aus, den Leser durch Ueberraschungen und witzige Anspielungen zu unterhalten, als dem Schönheitssinn zu gefallen. Charisi verstand es sehr gut, den lyrischen Schwung und Duft der Poesie Jbn-G'ebirol's und Jehuda Halevi's zu charakterisiren, aber nicht sie nachzuahmen. Die Poesie mar ihm nicht, wie Jbn-G'ebirol und Jehuda Halevi, Geliebte oder Schwester, sondern eine cognette Gespielin. Es charakterisirt seine spielende Dichtungsart, daß in einem langen Gedichte von ihm je der erste Vers hebräisch, der zweite arabisch und der dritte chaldäisch lautet. Charisi verstand auch etwas vom Talmud und etwas von Philosophie; aber seine Hauptbegabung bestand in leichtem Versemachen. Die hebräische Poesie hörte mit ihm auf Kunst zu sein, sie wurde Fertigkeit. Noch lebte damals der greise Geschichtsschreiber und Religionsphilosoph Abraham Jbn-Daud (o. S. 160) und war eine Zierde der Gemeinde Toledo. Erst im Jahre 1180') fiel er als Märtyrer in ') Zakuto, zweimal. In Jbn-Verga's Lallsbsb llsbuäa, Nr. 5 bezieht sich das dort erzählte Martyrium nicht auf Nbr. Jbn-Daud, sondern auf Joseph Jbn-Nagrela, nach der Lesart der Amsterd. Edition. Jbn-Daud. 193 einem Bolksauflaufe gegen die Inden, dessen Ursprung und Tragweite nicht recht bekannt sind, der aber sicherlich nur vorübergehend war. Möglich, daß gerade die allzugroße Judenfreundlichkeit des Königs Alfonso einen Krawall gegen dieselben hervorgernfen hat. Dieser Fürst, welcher mit einer englischen Prinzessin verheirathet war, hatte nämlich ein offenes Liebesverhältniß mit einem schönen jüdischen Mädchen Rahel, das von ihrer Schönheit den Namen Formosa führte. Das Verhältniß war nicht flüchtiger Natur, sondern dauerte sieben Jahre. Ein Romanzen-Dichter sang von dieser Liebe: Es vergaß der König seine Gattin Und zog mit ihr sich zurück, So sehr liebte sie der König, Daß er Reich und Volk darum vergaß." H Plötzlich überfielen Verschworene einst die schöne Jüdin auf ihrer reichgeschmückten Estrade, tödteten sie im Beisein des Königs und mit ihr ihre Freunde, wohl auf Anstiften der Königin und der Geistlichkeit. Bei dieser Gelegenheit mag auch ein Auflauf gegen die Juden stattgefunden haben, in dem Abraham Jbn-Daud umkam. Das hinderte aber die Juden Toledo's nicht, Alfonso in seinem Kriege gegen die Mauren kräftig beiznstehen. Als er sein zahlreiches Heer sammelte, um die Uebermacht der Almohaden, welche unter Jakob Almanßur von neuem in das Herz des christlichen Spaniens Vordringen wollten, zu brechen, schossen die Juden dem verarmten Könige ihre Reichthümer für die Kosten der Ausrüstung vor. Und als die Schlacht bei Alarcos (19. Juli 1195) unglücklich für ihn ausfiel, die Blüthe der christlichen Ritterschaft ans dem Wahlplatze blieb, die Almohaden das schöne Castilien weit und breit verheerten, und Alfonso genöthigt war, sich in seine Hauptstadt einzuschließen, um sie vor dem Falle zu retten, kämpften die Juden in Wetteifer mit den übrigen Einwohnern, um das Anstürmen des Feindes zurückzuschlagensie trugen dazu bei, daß sich der Feind zurückziehen mußte. Die Juden Castiliens hatten nämlich ein großes Interesse daran, die Almohaden nicht Herren der Hauptstadt werden zu lassen, um nicht dem islamitischen Fanatismus ausgesetzt zu sein. Freudig sahen sie daher den Rückzug derselben, als die Könige von Castilien und Aragonien eine ') vspxioA, romunosro vastsllano I. Nr. 206. Auch andere Quellen berichten von Alfonso's Liebe zu einer Jüdin, ein Factum, das nur jüngere spanische Historiker leugnen; vergl Aschbach, Geschichte Spaniens unter den Almoraviden und Almohaden ll. S. 332. 8b. Hiluirs, Irisboirs ci'D3ps.AQS V. x. 181, 527. 2) Vergl. Note 1. IV. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 13 194 Geschichte der Juden. Verbindung eingingen, um die Almohaden zu bedrängen. Durch diese Verbindung litten aber die Inden des Königreichs Leon, als die Verbündeten Heere verheerend durch das Gebiet desselben zogen. Bei diesem Kriegszuge wurde das älteste, hebräische Bibelexemplar in Spanien, das unter dem Namen Hillali (o. S. 110) bis dahin den Kopisten zum Muster diente (und um das Jahr 600 geschrieben worden sein soll), ein Raub des Feindes (9. Ab 1197^). In Aragonien, zu welchem seit Ramon Berenguer IV. auch Katalonien gehörte, lebten die Inden ebenfalls in glücklichen Verhältnissen und durften die Schwingen des Geistes entfalten. Alfonso II. (1162 bis >196), ein Beförderer und Pfleger der provenyalischen Poesie, war den Männern des Wortes und Gedankens hold, und als solche galten in dieser Zeit meistens die Inden. Obwohl Saragossa die Hauptstadt Aragoniens Ivar und von Alters her eine jüdische Gemeinde hatte, so galt doch in dieser Zeit die Stadt Barcelona als Mittelort des nördlichen Spaniens, wegen ihrer günstigen Lage am Meere und ihrer Berkehrsblüthe. Barcelona wird von dem Dichter Charisi als „die Gemeinde der Fürsten und Hochgestellten" pomphaft gerühmt'-fl. An ihrer Spitze stand Scbeschet Benveniste, philosophisch gebildet, Arzt, Diplomat, talmudknndig und Dichter (geb. 1131, st. um 1210^). Gewandt in der arabischen Sprache, wurde er von dem Könige von Aragonien zu diplomatischen Geschäften verwendet, erlangte Ehren und Reichthümer und verdankte diese günstige Lebensstellung wie Samuel Jbn-Nagrela zuerst seiner Feder. Gleich diesem jüdischen Fürsten unterstützte Scheschet Benveniste die Männer der Wissenschaft und der Talmndgelehrsamkeit. Die Dichter priesen seine edle Gesinnung und seine Freigebigkeit über die Maßen. Der Dichter Charisi nennt ihn „Fürst der Fürsten, von dessen Namen Ost und West verkünden": Fragt ihr mich nach dem edlen Scheschet? Er ist der Zeit höchste Spitze; Sein Leben nimmt ab, Aber nicht sein Hochsinn. Ein anderer Dichter in Barcelona, Joseph Jbn-Sabara widmete ihm sein dichterisches Werk, ebenfalls eine Art sittlichen Romans, worin viel Abenteuerliches erzählt wird, aber mit mehr 9 Zakuto sä. Filipowski x. 221, richtiger als sä. ^.rast, 99 b. In beiden muß übrigens das Datum in >") emendirt werden; denn „die Verwüstung des Landes durch zwei Könige" (wie Zakuto das Factum in sä. F. näher bezeichnet) fand erst 1197 statt; vergl. Schmidt, Geschichte Aragoniens im Mittel- alter, S. 192 f. 9 Charisi Laoliksmorn Pforte 46. 9 Vergl. Note l. Anmerkung 1. Benjamin Non Tudela und Serachja Halevi Gerundi. 195 Schwulst und weniger Geschmack als Charisi. Scheschet Benveniste selbst dichtete in seinem 72. Jahre ein langes Loblied von 142 Versen zu Ehren des Joseph Jbn-Schoschan in Toledo (o. S. 188). — Ihm zunächst an Ansehen stand in Barcelona Samuel b. Abraham Jbn-Chasdai Halevi (blühte 1165 — 1216^), „die Quelle der Weisheit und das Meer der Gedanken", wie ihn der Dichter Charisi übertreibend schildert. Er hatte fünf gelehrte Söhne, unter denen Abraham Jbn-Chasdal, der als Dichter eines moralischen Romans „der Prinz und der Derwisch" und als Uebersetzer philosophischer Schriften in der Literaturgeschichte einen Namen hat. Die Gemeinde Tudela's, einer kleinen Stadt am Ebro, welche der Zankapfel zwischen den Königen von Aragonien und Navarra war, hatte sich ihre Gleichberechtigung mit den Christen und Mohammedanern des Ortes zweimal durch muthiges Auftreten ertrotzt, und sie besaß zu ihrer Sicherheit ein eigenes CastellSie erzeugte einen gelehrten Reisenden, Benjamin b. Jona von Tudela, dem nicht bloß die jüdische Geschichte, sondern auch die allgemeine Völkergeschichte interessante und wahrheitsgetreue Nachrichten verdankt. Er durchwanderte (1165— 1173 einen großen Theil von Südeuropa, Asien und Afrika, man weiß nicht, ob als Kaufmann oder als neugieriger Frommer, um die Spuren der messianischen Erlösung aufznsuchen, beobachtete in jedem Lande und in jeder Stadt die Eigenthümlichkeiten, interessirte sich für Alles und schrieb seine Beobachtungen in einer Reisebeschreibung nieder (Uassot Lsujamln, Itiusrnrium), die in fast alle modernen Sprachen übersetzt wurde. — Die kleine Gemeinde Gerona am Terflusse in Catalonien war der Geburtsort mehrerer geistvollen Männer mit dem Beinamen Gerundi, welche ihre Stadt berühmt gemacht haben. Es war eine streng religiöse Gemeinde, vie sich von philosophischem Einflüsse fern hielt und den Talmud über Alles schätzte. Hier lebte Isaak Halevi, ein bedeutender Talmudist, Verfasser eines civil- rechtlichen Werkes. Berühmter als dieser war sein zweiter Sohn Serachja Halevi Gerundi (geb. um 1125, st. 1186). In der ') Bei Benjamin muß man wohl lesen Samuel b. Abr. b. Chasdat statt: Salomo, so daß derselbe identisch ist mit Samuel in Barcelona bei Charisi (46). Es war sicherlich der Vater des Abraham b. S. b. Chasdat, Verfassers von iimn p und Uebersetzers von Alghazali's Ethik, Pseud- epigraphie nwnn 'o und anderer Schriften. Das ethische Werk -str-.n p ist in's Deutsche übersetzt von Meisel. 2) Vergl. Kayserling, die Juden in Navarra. S. 11. 15. 2) Vergl. Note 16. Die meisten Angaben in diesem Capitel sind aus Benjamin von Tudela's Itinsrarirma geschöpft; ich citire daher nur die anderweitigen Quellen. 196 Geschichte der Juden. Schule von Narbonne erzogen, eignete er sich tiefe Kenntnisse des Talmud an, pflegte auch grammatische Studien, kannte die arabischen Werke des Jbn-G'anach, gab viel auf einen eleganten hebräischen Styl und ließ sich seine Briefe von dem tiefen Kenner der Feinheiten der hebräischen und arabischen Sprache, von Jehuda Jbn-Tibbon, corrigiren, damit sie tadellos in der Form seien *). Er verfaßte mehrere liturgische Gebetstücke und weltliche Gedichte ernsten und satyrischen Inhalts, die aber nur wenig poetischen Werth haben. Auch einen Anflug von philosophischer Bildung hatte R. Serachja Halevi und er war vielleicht der erste seines Landes, der sich damit befaßte. Seine Hauptstärke bestand aber im Talmud. Vertrant mit den Leistungen der spanischen und französischen Schule, vereinigte er in sich AlfLßi und Raschi, Joseph Jbn-Migasch und R. Tam, war zugleich tief und gründlich, kritisch und combinatorisch, wie denn sein Geist überhaupt zugleich analytisch und synthetisch war. Schon in der Jugend, mit neunzehn Jahren, verfaßte er talmudische Schriften und machte Glossen zu dem talmudischen Werke AlfLßi's; es erschien aber ihm selbst als eine so große Kühnheit, Ausstellungen an der Forschung des Meisters der talmudischen Gelehrsamkeit zu machen, daß er sie nicht zu veröffentlichen wagte. Er wurde in seiner Gemeinde wegen seiner frühreifen Gelehrsamkeit verspottet. Sie sprachen von ihm: „Dein Wein ist jung, weil der Behälter jung ist." R. Serachja scheint in der Gemeinde Gerona Verfolgung erlitten zu haben und zur Auswanderung gezwungen worden zu sein. Dafür rächte er sich an ihr durch eine Saiyre und sagte zu seiner Selbstermuthigung: „Jung bist du an Jahren, doch an Weisheit alt, Wirst noch den Adlersslug nehmen Und dein Nest zwischen Sterne setzen, Wirst lächeln ob deiner Stadtgenossen, Die arm sind an Weisheit" 2). Er begab sich von da nach Lünel, wo er viele Freunde hatte und wurde dort von einem Gönner der Wissenschaft wohlwollend geschützt. Hier verfaßte er mehrere talmudische Streitschriften gegen eine süd- französische Talmndautorität (Abraham b. David) und erst im vorgerückten Alter (um 1170—80 arbeitete er seine Glossen zu AlfLßi's h lieber R. Serachja vergl. die Monographie von Reifmann; Carmoly 17s, Uranos Israsllts und das Testament von Jehuda Jbn-Tibbon Berlin 1852, S. 9. lieber dessen Todesjahr Note 1, IV. 2) Bei Reifmann S. 3V. o) Daß der Maor nicht in den Jahren 1140 — 47, sondern später verfaßt wurde, dafür zeugt unwiderleglich, daß darin R. Tam ausdrücklich als ein bereits Hingeschiedener erwähnt wird; vergl. zu Obuliii III. p. 14 b. Das Datum des Sabbatjahres spricht nicht dagegen. Serachja Halevi Gerundi. Die Juden in der Provence. 197 Werk über einen großen Theil des Talmud aus und veröffentlichte sie nuter dem Titel Maor. In diesem kritischen Werke zeigt Serachja Gerundi kühne Selbstständigkeit, dringt überall auf gründliches Ver- ständniß des Talmud und schreckt vor keiner Consequenz zurück. Von ebensoviel Demuth wie Wahrheitsliebe durchdrungen, entschuldigt sich der Verfasser, daß er, obwohl voll Verehrung für den großen Meister von Lucena, seine Resultate zu kritisiren wagt. Die Wahrheit sei aber eine tyrannische Gebieterin, die sich nicht beschwichtigen läßt und kein Ansehen der Person kennt. Er beschwört die Abschreiber seines Werkes, die Vorrede nicht wegzulassen, damit die Leser der Nachwelt erfahren, daß er voller Hochachtung für AlfLßi gewesen sei. Als Ergänzung zu seinem Werke stellte R. Serachja in einer kleinen Schrift dreizehn Regeln auf, wie manches Dunkle und elliptisch Gehaltene im Talmud beleuchtet und ergänzt werden könne. Auch in diesen Regeln zeigt er viele kritische Kühnheit. Aber eben diese Selbstständigkeit mißfiel seinen Zeitgenossen, die gewöhnt waren, sich an Autoritäten zu halten. R. Serachja war seiner Zeit in der Auffassung des Talmud um Vieles voraus; daher wurden seine Leistungen stark angefochteu. Von seinem Lebensgange und seiner Lebensstellung ist weiter nichts bekannt. In dem Landstrich jenseits der Pyrenäen, in Languedoc oder der Provence, hatten die Juden gerade gegen Ende des zwölften Jahrhunderts die glücklichsten Tage. Obwohl das südliche Frankreich einen nordspanischen Charakter an Cultur und Sitten hatte, so gab ihm seine Getheiltheit nuter verschiedenen Herren eine Mannigfaltigkeit, welche eine Culturblüthe erzeugte, die es seit jener Zeit nicht mehr gehabt hat. Es gehörte zum Theil der französischen Krone und zum Theil dem deutschen Reiche als Lehnsland an, dann dem König von Aragonien, als Grafen der Provence, ferner dem Grafen von Toulouse und St. Gilles und endlich verschiedenen Vasallherren, Grafen, Vicegrafen und Freiherru, welche fast sämmtlich einer freier» Lebensrichtung huldigten, die damals blühende, proveuyalische Poesie liebten, Wissenschaften förderten und keine bigotten Diener der Kirche waren. Neben dem Adel hatte sich ein freier, wohlhabender Bürgerstand herausgearbeitet, welcher seine Unabhängigkeit wie seinen Augapfel bewahrte. Die innere Beziehung der Bewohner zu den Moslemin und den Juden hatte die abendländischen Vorurtheile gegen die Orientalen vielfach abgeschwächt Z. Dieselbe Geistessreiheit der Pro- y Vergl. darüber Christian Ulrich Hahn, Geschichte der Ketzer im Mittel- alter I. 1t9 ff. 198 Geschichte der Juden. venyalen, welche sich feindselig gegen die katholische Kirche kehrte, die päpstlichen Bullen verachtete, die hochmüthige Geistlichkeit verspottete, die Laster des römischen Hofes geißelte und die Sekte der Albigenser erzeugte, öffnete auch ihr Herz für das Judenthum und dessen Träger. Unter den provenyalischen Freidenkern, welche die starre katholische Kirche allerdings als Ketzer brandmarkte, gab es auch manche, die es heimlich und offen bekannten, „das Gesetz der Juden ist besser, als das der Christen" st. Viele große und kleine Herren Südfrankreichs stellten ohne Vorurthcile jüdische Beamte an und vertrauten ihnen das höchste Amt der Landvogtei (Lsjnlns, Lailli) an, mit welchem die polizeiliche und richterliche Gewalt in Abwesenheit des Landesherrn verbunden war. Die Juden dieses von der Natur gesegneten Landstriches fühlten sich daher auch gehoben, trugen ihren Kopf hoch, nahmen an den Interessen des Landes lebendigen Antheil und huldigten Geistesbestrebungen mit unermüdlichem Eifer. Wie unter den Christen jede Neuerung Eingang fand, so ruhten die südfranzösischen Inden nicht auf dem Gegebenen aus, sondern suchten es mit den Gedanken zu erfassen und vor dem Richterstuhle der Vernunft zu prüfen. Indessen soviel Eifer auch die Juden der Provence für die Wissenschaft an den Tag legten, so waren sie doch nicht Selbstdenker, um eine eigne Richtung innerhalb des Judenthums anzubahnen. Die jüdische Provence hat keine einzige Persönlichkeit erzeugt, welche in irgend einem Fache eine originelle Schöpfung zu Tage gefördert hätte, keinen tiefen Denker, keinen gediegenen Dichter, keine bahnbrechende Persönlichkeit in irgend einem Wissenszweige. Die jüdischen Proventzalen waren treue Jünger fremder Meister, sie eigneten sich deren Leistungen an, behaupteten sie standhaft mit vieler Hingebung, waren aber öfters nur die Handlanger der Wissenschaft, Uebersetzer und Verbreiter fremder Geisteserzeugnisse. Das Jndenthum aber liebten sie mit ganzem Herzen, obwohl sie freien Forschungen zugethan waren. Die jüdischen Tugenden waren unter ihnen in hohem Grade heimisch, ihre Häuser waren gastfrei jedem Fremden geöffnet; sie unterstützten die Dürftigen heimlich und übten Wohlthätigkeit zu jeder Stunde. Die Reichen ließen Kindern armer Eltern höhern Unterricht ertheilen und verabreichten ihnen Bücher, welche damals hohe Preise kosteten'st. Noch mehr hervorzuheben ist aber, daß die Gemeinden st Isti sunt srtiouli, in quibua srrsut ruollsrui lissrstioi — 10) llicmut quoll lsx .lullssoruru ruslior sst qus.ru lsx Okrisbisuoruru, bei Vaisette, lristoirs Zsusrsls lls ImuAUslloo III., prsuvss x. 372. st Nächst Benjamin von Tudela, D. Kimchi im zweiten Sendschreiben an Alfachar, Maimunische Briessammlung x. 25. Die Kimchiden. IW untereinander fest znsammcnhielten und aneinander den innigsten Antheil nahmen. Drohte irgend einer Gemeinde Gefahr, so waren die andern gleich bereit, ihr beizustehen nnd sie von ihr abzuwenden. Ihre durchgängige Wohlhabenheit beruhte theils ans Ackerban nnd theils auf dem Welthandel, welcher damals von den Hafenstädten ans mit Spanien, Italien, England, Egypten und dem Orient in höchster Blüthe stand. Die Hauptgemeinde des südlichen Frankreichs war Narbonne; sie zählte damals dreihundert Mitglieder. An ihrer Spitze stand unter der Regierung der klugen nnd männlichen Fürstin Ermcngarde Kalonymos b. Todros ans einer alten Familie, deren Urahn, R. Machir, unter Karl dem Großen eingewandert sein soll. Kalonymos besaß viele Ländereien, die ihm derart verbrieft waren, daß sie ihm Niemand streitig machen durfte. An der Spitze des alten Lehrhauses stand der als Autorität anerkannte Abraham b. Isaak, mit dem Titel Oberrichter (^b-6st-äin, st. Herbst 1178 ^). Es war ein Mann von streng talmudischer Richtung, den die Bildung kaum angehaucht hatte. Aber auch seine talmndische Gelehrsamkeit war mehr umfangreich, als tief; seine Jünger R. Serachja und Abraham b, David überflügelten ihn noch bei seinem Leben. Abraham b. Isaak verfaßte ein talmndisches Werk (Usolikol), das von den Später» sehr geschätzt wurde"). — In Narbonne lebten um diese Zeit die Kimchiden, deren Leistungen zwar nicht ihrem Ruhme entsprechen, die indeß unmittelbar für die Provence nnd mittelbar für die Nachwelt mehr gewirkt haben, als die größten Meister. Der Stammvater Joseph b. Isaak Kimchi (blühte 1150—70) war vermuthlich wegen der Religionsverfolgnng der Almohaden aus Südspanien nach Narbonne eingewandert. Er verstand das Arabische und übersetzte Bachjas moralphilosophisches Werk und manches Andere in reines, fließendes Hebräisch, verfaßte ein hebräisch-grammatisches Werk, schrieb eine Erklärung zur heiligen Schrift, deren Bruchstücke den Verlust des Ganzen nicht sehr bedauerlich erscheinen lassen, und endlich dichtete er viele Liturgien, die zwar äußerlich alle Bedingungen der in Spanien zur Vollendung gebrachten Knnstform der ncuhcbräischen Poesie erfüllen, aber nur wenig dichterischen Werth haben. Joseph Kimchi's Verdienst 0 Das Datum des Todesjahres 4919 --- 1159 bei Mstri (Einl. zu lZst da-Lsaliira 18 d.) worauf sich Carmoly beruft, kann nicht richtig sein, da Abraham b. I. des R. Tam als eines Verstorbenen erwähnt, wie Zunz bemerkt hat, in Geiger's Zeitschrift II. 309. 2) Asulni snd voas 200 Geschichte der Juden. besteht einzig und allein darin, daß er die jüdische Cultur Spaniens in Südfrankreich heimisch gemacht und Jbn-Esra's flüchtige Thätigkeit dauernd ergänzt hat. Man schreibt ihm auch ein polemisches Werk gegen das Christeuthum zu, das einen Dialog zwischen einem Gläubigen l^-minin) und einem Abgefallenen (LIin) darstellt Mag dieses Werk nun echt oder unecht sein, so gehört es jedenfalls dieser Zeit und diesem Lande an und wirft ein günstiges Licht auf den Stand der Sittlichkeit unter den Juden im Gegensätze zur christlichen Bevölkerung. Der Gläubige behauptet, die wahre Religion der Juden bewahrheite sich an dem sittlichen Verhalten ihrer Bekenner. Die zehn Gebote wenigstens beobachten sie mit äußerster Gewissenhaftigkeit. Nicht nur verehrten sie kein Wesen neben Gott, sondern scheuten falsche Eide. Es finden sich unter ihnen keine Mörder, keine Ehebrecher, keine Räuber, während christliche Wegelagerer nicht selten die Schwachen berauben, hängen und blenden. Die jüdischen Kinder werden in Zucht und Gottesfurcht erzogen, es darf ihnen kein gemeines Wort entfahren. Die jüdischen Mädchen sitzen züchtig in den Häusern, während die christlichen sich über die Züchtigkeit hinwegsetzen. Ein Jude beobachtet gegen den andern brüderlich Gastfreundschaft, löst die Gefangenen aus, kleidet die Nackten und speist die Hungrigen. Alle diese Tugenden der Inden giebt der christliche Gegner als allgemein bekannt zu und tadelt nur an den Inden, daß sie von den Christen hohe Zinsen nehmen. Diesen Vorwurf mildert der jüdische Sprecher dadurch, daß auch Christen Wucher treiben und sogar mit Glaubensgenossen, während die jüdischen Reichen ihren Stammgenossen ohne Zinsen leihen *). In die Fnßtapfcn ihres Vaters folgten seine zwei Söhne, Mose und David Kimchi. Der erste sblühte 1170 — 90 st war noch mittelmäßiger als sein Vater und diesen Charakter der Unbedeutendheit tragen seine grammatischen und exegetischen Arbeiten. Der jüngere Bruder David Kimchi (geb. 1160, st. um 1235 st wurde zwar der Lehrer der hebräischen Sprache für die Inden und Christen Europas, aber wenn man seinen grammatischen, lexicalischen und exegetischen Arbeiten irgend einen Werth beilegen will, so muß man vergessen, st slilollaraob Okobull sä. 6onst. p. 20 b. ff.; über Joseph Kimchi vergl. Orient 1850 Nr. 1 ff., Osur slsollirmä I. x. 96 ff. und Landshut ^.ranäs 2l.boäs, x>. 90 st. st Seinen Commentar zu den Sprüchen vollendete er 1178; vcrgl. Dukes in Orient 1847, sol. 26 Note. Der Jbn-Esra's Namen tragende Commentar zu den Sprüchen gehört M. Kimchi an, wie Mehrere nachgewiesen haben. st Vergl. O^ar Usollrauä II. 157 ff. Tie Juden in der Provence. 201 daß vor ik»n die großen Meister, Jbn-G'anach, Mose Jbn-G'ikatilla und Jbn-Esra, gelebt haben ^ mit diesen hält er keinen Vergleich aus. David Kimchi hat überhaupt keinen neuen Gesichtspunkt ausgestellt. In der Einleitung zu seinem grammatischen Werke (Nioläol) ist er aufrichtig genug, zu gestehen, daß er lediglich die mannigfaltigen und weitläufigen Vorarbeiten übersichtlicher machen wollte. Es kann ihm höchstens zu einigem Verdienste angerechnet werden, daß er in der hebräischen Sprache (nach europäischer Anschauung) den Unterschied von langen und kurzen Bocalen aufgefunden und dadurch das Ver- ständniß der Vocalwandlnngen erleichtert und endlich, daß er eine schwache Erinnerung an eine einfache, nüchterne, sinngemäße Exegese gegenüber der ausschweifenden, agadischen, kabbalistischen und after- philosophischen Anslegungsweise im jüdischen Kreise erhalten hat. Die alte Gemeinde in Beziers, welche Jbn-Esra so ehrenvoll ausgenommen (o. S. 175), hatte in dieser Zeit noch mehr als Nar- könne eine glückliche Lage unter ihrem Beherrscher, dem Vicegrafen Raymond-Trencaval und seinem Sohne Roger. Juden und Christen dieser Stadt huldigten einem freisinnigen Geiste. Viele Bürger waren Albigenser und kündigten dem Papst und der katholischen Kirche den Gehorsam ans. Dennoch bestand der alte Brauch fort, daß der Bischof am Palmsonntag die Pfarrkinder gegen die Juden als Gottesmörder hetzte, und daß diese, mit Steinen bewaffnet, die jüdischen Häuser überfielen. Da nun aber die Juden, welche in einem eignen, von Mauern umgebenen Quartier wohnten, jedesmal vorbereitet waren und sich zur Wehr setzten, so gab es jedes Jahr blutige Köpfe. Die Gemeindevorsteher arbeiteten nun daran, diesen die christliche Religion mehr als das Jndenthnm schändenden Brauch aufzuheben, und gewannen den Vicegrafen dafür. Auch der damalige Bischof Wilhelm, als schämte er sich eines so rohen Aktes, willigte ein, ihn nicht mehr wiederholen zu lassen. Am 2. Mai 1160 wurde ein Vertrag abgeschlossen, daß jeder Geistliche, der das Volk gegen die Inden aufhetzen würde, mit dem Bann belegt sein sollte. Die Inden verpflichteten sich dafür, jedes Jahr am Palmsonntag vier Pfund Silber zu zahlen Z. Der jndenfrenndliche Vicegraf Raymond Trencaval wurde plötzlich in der Kirche von mehreren Verschworenen an einem Sonntag (15. October 1167) meuchlings ermordet, aus Rache, weil er den Bürgern gegen einen Adligen seines Gefolges nicht volle Genngthuung gegeben hatte. Die Inden Beziers wurden in diese Händel verwickelt, Quellen bei Vaisstte llistoirs äs QuaZasäoa II. 486. 202 Geschichte der Juden. wahrscheinlich als Anhänger des Vicegrafen. Einige Bürger erhoben Beschuldigungen gegen sie und die Gemeindevorsteher wurden verhaftet. Nicht lange nachher ereilte indeß die Mörder des Grafen und die Ankläger der Juden eine harte Strafe. Roger verschaffte sich Hilfstruppen von dem aragonischen Könige Alfonso und belagerte Beziers. Indessen mußte er Anfangs mit den Bürgern Frieden schließen und ihnen Amnestie gewähren (1168), vergaß aber den Meuchelmord seines Vaters nicht und wußte aragonische Truppen in die Stadt zu bringen. Diese Truppen sielen über die Bürger plötzlich her, tödteten die Männer, hängten die am meisten Betheiligten an den Galgen und verschonten nur die Inden, als treue Anhänger seines Vaters, und außer ihnen nur Frauen und Kinder (Februar 1170Z. Der Vicegraf Roger, der die Albigenser begünstigte, hatte auch jüdische Landvögte, Moses de Cavarite und Nathan. Durch Begünstigung der Ketzer und Juden lud er aber den Zorn der Geistlichkeit und des Papstes auf sich und hatte dadurch ein tragisches Ende. Unter ihm standen auch die Gemeinden Carcassone, Rasez, Alet und Limoux, denen er einst schriftlich zusicherte, sie nicht mit Steuern zu überbürden'^). Eine bedeutende proventzalische Gemeinde war in der blühenden Handelsstadt Montpellier, welche die Hauptstadt des südlichen Frankreich war; sie zählte sehr reiche Gemeindeglieder, deren Wohl- thätigkeit sehr gerühmt wird. Gleich der von Beziers hatten sie Vorliebe für die Wissenschaft, welche die dort bestehende, medicinische Akademie und die darin herrschende Lehrfreiheit Wohl gefördert hat. Die Herren dieser Stadt waren aber keineswegs so judenfreundlich, wie ihre Nachbarn von Beziers. Wilhelm VIII. und sein Sohn bestimmten ausdrücklich in ihrem Testamente, daß kein Jude zum Amt eines Landvogtes zugelassen werden sollte (1178—1201), obwohl der Letztere einem Juden Bonet eine bedeutende Summe Geldes schuldete ^). Wer damals an der Spitze der Gemeinde von Montpellier stand, ist nicht bekannt. Eine Berühmtheit ist aus ihrem Schooße nicht hervorgegangen, obwohl sie gelehrte Talmudkundige in so reicher Fülle besaßt), daß man ihren Rabbinatssitz mit dem Synhedrin des Tempelberges (Ilur) verglich. Die jetzt winzige Stadt Lünel, unweit Montpellier, war damals unter den Herren de Gaucelin eine bedeutende Stadt, und die 1) Das. III. 24, vergl. Note 1. IV. 2) Dieselbe Note. h Vaisette a. a O. 119 und prsuvss 127. Vergl. Ilsrsru Ollsroeä V. x. 3 unten. Die Gemeinde von Lünel. 203 jüdische Gemeinde von beinahe dreihundert Mitgliedern galt neben Narbonne als Vorort für die jüdische Provence. Ihr talmndisches Lehrhaus, das mit dem in Narbonne wetteiferte, sah zahlreiche Jünger aus der Fremde, welche, wenn sie bedürftig waren, von der Gemeinde mit Allem versorgt wurden. An der Spitze der Gemeinde stand ein Mann, der von den Zeitgenossen außerordentlich gepriesen wurde, Meschullam b. Jakob (st. 1170), talmudisch gelehrt und reich, galt als die letzte Instanz in allen Fragen der Wissenschaft und des Rechtes. Sein Lob zu erwerben, war ein Stachel für die Schriftsteller. „Seine Seele hing an der Lehre seines Gottes, die Weisheit war sein Erbe. Er erleuchtete unser Dunkel und zeigte uns den rechten Weg", so und noch schwärmerischer schilderte ihn ein unabhängiger Zeitgenosse Z. R. Meschullam regte gelehrte Männer verschiedener Fächer an, dieses und jenes zu bearbeiten, namentlich arabische Werke jüdischer Autoren in's Hebräische zu übertragen. Er hat überhaupt zuerst den Sinn für Wissenschaft unter den Juden der Provence geweckt; er war für Südfrankreich von derselben Bedeutung, wie es Chasdai Jbn-Schaprut für Spanien gewesen war. Meschullam hatte einen gelehrten Schwager Mose b. Jehuda und fünf gelehrte Söhne, welche im Kleinen die zwei Richtungen bezeichneten, die in der nächsten Zeit mit einander in harten Kampf gerathen sollten. Der Eine der Söhne, R. Aaron (blühte 1170 —1210°), obwohl im Talmud eingeweiht, hatte eine besondere Vorliebe für die philosophische Auffassung des Judenthums; zwei andere dagegen, Jakob und Ascher huldigten jener Lehre, welche das Licht der Vernunft scheut. R. Jakob, obwohl reich, führte ein asketisches Leben, trank keinen Wein und erhielt davon den Namen Nasiräer. Er wird als der erste Beförderer der neuen Kabbala bezeichnet, der diese Geheimlehre von dem Propheten Elia empfangen haben soll^). Fast noch strenger lebte sein Bruder R. Ascher von Lünel, der ebenfalls vermögend war. Er fastete viel, aß nie Fleisch und frischte wieder die alte, halbvergessene Geheimlehre auf (in einem homiletischen Werke über die Zehn Gebotes. Im Ganzen war indessen die wissenschaftliche Richtung in der Gemeinde Lünel vorherrschend. Sie war von zwei Männern vertreten, welche einen guten Klang in der jüdischen Literaturgeschichte haben, von dem Stammvater der Tibboniden und von Jonathan Jbn-Tibbon, Einleitung zu Bachsa's Obodat üa-I-sbabot. 2) Note I. IV. Isaak von Akko in Ns'irs-t Hnsgirn Lls. Vergl. über ihn Asulai sul> voas Nr. 237 f. und Ben-Jakob's Anmerkungen, ferner Reismann, Biographie des R. Serachja S. 48 Note 18. 204 Geschichte der Juden. aus Lünel. Der letztere (b. David Kohen) war eine bedeutende talmudischc Autorität, der einen Commeutar zu Alfnßi's talmudischem Werke schrieb. Er liebte nichtsdestoweniger die Wissenschaft und war einer der ersten, der dafür in die Schranken trat, ihr im Judenthum das Bürgerrecht zu behaupten. — Jchuda b. Saul Jbn- Tibbon (geb. um 1120, st. um 1190) stammte aus Granada und war wegen der Judenverfolgung der Almohaden nach Süd-Frankreich ausgewandcrt. In Lünel betrieb er die Arzneiknnde und war ein so beliebter Heilkünstler, daß er von Fürsten, Rittern und Bischöfen gesucht und sogar über's Meer geholt wurde Z. Das Arabische verstand er gründlich, und die hebräische Sprache pflegte er mit Schwärmerei. Die Gelehrsamkeit hatte ihn aber zum Pedanten gezogen, er maß jeden Schritt ab und überlegte tiefsinnig, ob er ihn setzen oder unterlassen sollte. Seine bedeutende Büchersammlung, in schönster Ordnung gehalten, ging er von Zeit zu Zeit regelmäßig durch und war unglücklich, wenn eine Störung darin vorkam. Er gab sehr viel ans eine zierliche Schrift und ans dergleichen Acnßerlich- keiten mehr. Jbn-Tibbon war daher zum Uebersetzer wie geschaffen. Auf Anregung des R. Meschnllam, — mit dem er wie mit R. Serachja aus Gerona und Abraham b. David in freundschaftlicher Beziehung stand — nnd anderer Freunde übersetzte er nacheinander aus dem Arabischen in's Hebräische Bachja's „Herzenspflichten", Jbn-G'ebirol's Sittenlehre und Perlenschnüre, Jehuda Halevi's religionsphilosophisches Werk, Jbn-G'anach's bedeutendes grammatisches nnd lexikalisches Werk und endlich Saadia's Religionsphilosophie (1161 — 1186). Seine Uebersetzungen zeigen aber seinen ganzen pedantischen Charakter; sie sind wortgetreu, aber schwerfällig, sie binden sich sklavisch an das arabische Original und thun der hebräischen Sprache die schreiendste Gewalt an, indem sie den Wörtern eine unerhörte Bedeutung geben. Jehnda Jbn-Tibbon war sich der Pflichten eines gewissenhaften Ueber- setzers vollkommen bewußt, daß ein solcher die beiden Sprachen und den Inhalt des Werkes gründlich verstehen müsse; er entschuldigt die Steifheit seiner Uebersetzungsweise mit der Armnth der hebräischen Sprache"). Was sonst noch Jehuda Jbn-Tibbon geleistet hat, ist kaum der Rede Werth. Er verfaßte eine hebräische Stylistik (8oä 2aobot Im-Imsollon), die nicht mehr vorhanden ist, und hinterließ eine Ermahnung an seinen Sohn, die von seiner Zärtlichkeit für die Seinen, von seiner Hingebung an die Wissenschaft, aber auch von seiner *) Sein Testament S. 7 und die Einleitung dazu. ") I- Jbn-Tibbon's Einl. zu 6llobs,t> lln-I-sbabot und zu Jbn-G'anach's liillrnall. Jbn-Tibbon uud Abraham b. David. 205 Pedanterie Zeugnis; ablegt. Die Tibboniden haben nur als lieber- setzer einige Bedeutung, sowie die Kimchiden aus Narbonne als Grammatiker. Der zweite Tibbonide Samuel, Sohn des ersten (geb. um 1160, st. um 1230 *), war dem Charakter nach das Gegenstück des Vaters, begabter als dieser, aber leichtsinnig, verschwenderisch und von träger Lässigkeit. Sein Vater hatte die peinlichste Sorgfalt ans seine Erziehung verwendet, ihn selbst unterrichtet und ihm theure Lehrer gehalten. So erlernte Samuel Jbn-Tibbou die Arzueikunde, die arabische Sprache, den Talmud uud die übrigen dazu gehörigen Wissensfächer. Auch mit einer Frau versorgte ihn der zärtliche Vater frühzeitig; aber eben weil ihn derselbe immer bevormunden und ihm seine pedantische Natur aufzwingen wollte, schlug der Sohn die Ermahnungen uud Belehrungen desselben in den Wind, machte sich selbstständig, entfremdete sich ihm, machte waghalsige Geschäfte, statt der Heilkunde zu obliegen, verlor sein Geld und mußte von des Vaters Kasse seine und seiner Familie Existenz fristen. Während der Vater ihn aber halb und halb für einen verlorenen Sohn hielt, bildete dieser sich im Stillen aus und übertraf ihn in der Uebersetzungs- kunst und im Verständnisse philosophischer Materien. Er übertrug nicht blos Werke jüdischer Schriftsteller, sondern auch etwas von Aristoteles und von Alfarabi, verfaßte eine philosophische Erklärung zum Prediger (Lodsist) und eine Abhandlung über ein physikalisches Kapitel in der Genesis. Unweit Lüuel in Posquidres bestand damals eine kleine Gemeinde von nur vierzig Mitgliedern. In ihr wurde einer der bedeutendsten Talmudkenner geboren, Abraham b. David (um 1125, st. 1198^). Unter großen Lehrern gebildet, Schwiegersohn des Abraham b. Isaak aus Narbonne (o. S. 199) und sehr reich, unterhielt Abraham (Rabed II.) ein eigenes Lehrhaus, das viele Jünger ans der Nähe und Ferne anzog. Er sorgte nicht bloß für die Ausbildung seiner Jünger im Talmud, sondern auch für ihre leiblichen Bedürfnisse. Abraham b. David verfaßte noch in der Jugend, von R. Meschullam b. Jakob angeregt, talmudische Arbeiten von tiefer Bedeutung, commentirte einen Theil der Mischnah und ähnliche Schriften. Bon Natur rücksichtslos und die Regeln der Höflichkeit wenig beachtend, behandelt er diejenigen, deren Schriften er widerlegte, in einem wegwerfenden Tone. Namentlich verfuhr er schonungslos gegen R. Serachja Einl. zu Jbn-Tibbon's Testament. 2) Zunz in Geiger's Zeitschrift II. 309, OarraoJ', la Urnrms israslits. 206 Geschichte der Juden. aus Gerona, um Alfäßi gegen ihn in Schutz zu nehmen. Abraham beschuldigte diesen sogar öfter des literarischen Diebstahls. Er war ein gefährlicher Gegner. Von den Wissenschaften hatte er keine Ahnung, auch nicht von einer höheren Auffassung des Judenthums; er rühmte sich sogar seiner Unwissenheit in solchen Dingen; ihm genügte vollständig, in den Räumen des Talmud heimisch zu sein. Abraham b. David und Serachja Halevi waren die tiefsten Talmudisten nach dem Tode R. Tam's. Im Jahre 1172 erlitt Abraham b. David eine Verfolgung von Seiten des Landesherrn Namens ElzearZ, der wahrscheinlich von ihm Geld erpressen wollte, und wurde in Haft gebracht. Wie es scheint, nahm sich der Vicegraf Roger von Beziers und Carcassonne seiner an. Seit der Zeit verließ Abraham Posqniores und ließ sich in Nismes oder Carcassonne nieder. Bourg de St. Gilles, die zweite Hauptstadt des Herzogs Raymond V. von Toulouse, hatte eine Gemeinde von hundert Mitgliedern. Diese, sowie die anderen Gemeinden des Grafen Raymond, den die Troubadouren den guten Herzog nannten, lebten ebenfalls in glücklichen Verhältnissen und wurden zu Staatsämtern befördert. Abba-Mari b. Isaak von St. Gilles, der durch seinen gelehrten Sohn einige Bedeutung erlangt hat, war dessen Landvogt. Dieser Sohn Isaak b. Abba-Mari, wahrscheinlich ein Jünger des R. Tam, hatte sich von dein berühmten Lehrer aus Ramerü mehr die gründliche, als die scharfsinnige Behandlung des Talmud angeeignet und verfaßte schon im siebzehnten Jahre im Aufträge seines Vaters ein Compendium zu gewissen Ritualgesetzen. Darauf war er nach Barcelona ansgewandert und commentirte auf Verlangen des Scheschet Benveniste (o. S. 194j einen schwierigen Abschnitt des Talmud. Endlich stellte Isaak b. Abba-Mari (1179 — 1189) die Resultate seiner Forschungen im Talmud zusammen in einem Werke betitelt Jttnr-), über das rabbinische Civilrecht und Ritualien. Fast noch mehr als sein Vater begünstigte Raymond VI. von Toulouse die Juden und beförderte sie zu Aemtern (1195 — 1222). Dafür und für andere Verbrechen ähnlicher Art wurde er vom Papste Jnnocenz III. und der Geistlichkeit bis auf's Blut verfolgt und mußte zuletzt feierlich schwören, die jüdischen Beamten abzusetzen, sonst keinen Juden anzustellen und überhaupt die Juden nicht zu begünstigen ^). — Auch Beaucaire (Lsleairo), das zur Grafschaft Toulouse gehörte, hatte eine nicht unbedeutende Gemeinde, an deren Spitze st Note 1, IV. 2) Eigentlich Ittar Lopbsilur 9 Note I, IV. Die Juden von Nordfrankreich. 207 Kalonymos „der Fürst" stand ff. — In der blühenden Handelsstadt Marseille, die damals einen Freistaat bildete, lebten 300 jüdische Familien, die sich in zwei verschiedene Gemeinden grnppirten. Die untere Gemeinde, welche am Hafen wohnte und wahrscheinlich Schifffahrt oder doch wenigstens überseeischen Handel betrieb, hatte an ihrer Spitze einen edlen Mann Jakob Perpignano ist. 1170 ff. Die obere Gemeinde hatte ein talmudisches Lehrhaus, dem Simon b. Anatolio Vorstand. Auch in Marseille wurden Inden zu Aemtern zugelaffen ff. Für die Inden Nordfrankreichs, die theils unter dem Könige, theils unter mehr oder weniger abhängigen Baronen standen, bildete der Beginn der letzten zwei Jahrzehnte des zwölften Jahrhunderts die Grenzscheide zwischen Glück und Unglück. So lange der jnden- freundliche König Ludwig VII. (o. S. 141) lebte, behielten sie ihre günstige Lage und durften nicht einmal von den böswilligen Geistlichen angefochten werden. Selbst den Beschluß des latcranischen Concils, daß die Inden kein christliches Gesinde und keine christlichen Ammen halten dürfen ff, wollte Ludwig nicht ansführen. Auf Antrag der Inden ließ er den Papst anfragen, ob von diesem Beschlüsse nicht abgesehen werden dürfe, und ob den Inden nicht zu gestatten sei, neue Synagogen zu bauen ff. Er machte trotz der päpstlichen Entscheidung so wenig Ernst mit diesem kanonischen Gesetze, daß noch sein Sohn Philipp August, dem er kränklichkeitshalber die Krone übertrug (1179), sich nicht daran binden mochte. Und als der Erzbischof von Sens ans die Ausführung drang und noch andere übergreifende Bestimmungen der Kirche dem Königthum gegenüber geltend machen wollte, schickte ihn der junge König in die Verbannung ff. Nach und nach gewannen aber nicht andere Einflüsse, sondern andere Rücksichten die Oberhand ans das nicht sehr edle Gemüth des fünfundzwanzigjährigen Philipp August, änderten seinen Sinn gegen die Juden und machten aus ihm einen der judenfeindlichsten Könige in der jüdischen Geschichte. Er fignrirt darin neben Titus, Hadrian, Constantia, Firnz, Jnstinian, Heraklius, Sisebut, Hakim und Anderen. ff Charisi Naollllsraoni Pforte 48. ff Note >, IV. ff Charisi das. ff Upistola ^Isxanäri III. all Omarinrun Ditariosnssin arolrispis- oopam bei Dorrgrist, raonsil XV, p. 986. ff Note 7. ff Roberc von Auxerre bei IZorrgast XVIII. 248: l t80 Ullilffopo rsAS Xatals Domini Lsnonis oslsdrants orta. sst Intsr Omillonsrn nrolli- sgi8oopa.rn rsAsingus llisssnsio, so gaoll arollispisooxns guasclain llsersta oonoilii nullatsnas patsrstar iirlrinAi. — Volsdab itagas rsx Iris nsgrra- guarn bsnsri sto. 208 Geschichte der Juden. Obwohl Landesherr von ganz Frankreich und sogar Lehnsherr des mächtigen Königs von England, war der damalige König von Frankreich arm an eigenen Ländereien. Der kleine Landstrich Francien (Isis äs Graues), mit einigen Enklaven hier und dort, war sein einziges Erbe. Alles übrige Land stand unter mächtigen Baronen. Philipp August's Bestrebung war daher darauf gerichtet, die Armuth der französischen Krone mit Ländereien zu bereichern und die Scheinlehnsherrschaft über die Barone in eine wirkliche Macht zu verwandeln. Dazu brauchte er vor allem Geld und Truppen. Die Reichthümer der französischen Juden schienen ihm eine ergiebige Quelle dafür zu sein, und er sann auf Mittel, sie ihnen zu nehmen. Lange zu sinnen brauchte er eigentlich nicht, er brauchte nur den Vorurtheilen gegen sie das Ohr zu leihen, um das Recht zu haben, sie ausznplündern und zu bedrücken. Obwohl die Juden Frankreichs nicht emzig und allein Wuchergeschäfte trieben, sondern auch Christen trotz kirchlicher Verbote hohen Zins nahmen, und obwohl nicht sämmtliche Inden dieses Landes Wucherer waren, sondern höchstens die Reichen, so machte sie Philipp August doch sämmtlich für die Verarmung leichtsinniger Schuldcnmacher verantwortlich. Und obwohl er selbst nicht recht an den Lügenwahn glaubte, der im zwölften Jahrhundert, man weiß nicht woher und aus welchem Grunde, anftanchte, daß die Juden zu ihrer Osterzeit Christenkinder schlachteten und ihr Blut tränken, so that er doch, als wenn sie eingefleischte Mörder wären, um einen schicklichen Vorwand zu Erpressungen und Räubereien zu haben. Noch ehe der alte König die Angen schloß, ließ Philipp August sämmtliche Inden seines Gebiets am Sabbat, während sie in den Synagogen dem Gottesdienste oblagen, ohne irgend eine bestimmte Anklage, ergreifen und in den Kerker werfen (19. Januar 1180). Er hatte von vorn herein darauf gerechnet, daß die Inden viel, viel Lösegeld für ihre Befreiung bieten würden. Nachdem sie fünfzehntausend Mark Silbers zusammengebracht hatten, wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt i). Diese Erpressung war indeß nur ein Vorspiel. Ehe das U Das Richtige in Betreff der Thatsachen und des Datums hat Radulph de Diceto (irnsZinss llisforisrnra, in Nrv^stsn's bistoriss snZliesnss soriptorss äsesrn p. 6i)v): lllsnästo ikbilippi rsZis Hrsnoornin cknässi gnoenngns loeo psr Vrsneisrn äornioilinrn änrn ss.bbsti 2 g.rsnt, st in nnllo rsZsrn oüsnclsrsnt, XV. 6s1. Vsbrnsrii sunt srtss rns.neips.ti onsto- äiss; ssä tsnäsnr XV. initlis rnsresrnrn üseo solvsntss in intsZrnin rsspirsvsrnnt. Nebelhaft ist Rigord's Darstellung der Thatsache (in Onebssns) bistoriss Vrsnoornrn seriptorss V. 6 und Hongust rsousil XVII. p. 6). Dockern snno, gno ssers snsosprt (I?bil. XriA.) Anbsrnsorcks XVI Osl. Msrtii in ssbbsto espti snnt ckuässi psr totsrn Drsneisrn in L^nsZopsts Philipp Augnst's Erpressungen. 209 Jahr 1180 abgelanfen war, erklärte der König die Schuldforderungen der Inden an Christen für null und nichtig, ließ sich aber von den christlichen Schuldnern den fünften Theil der Schulden für den Fiskus zahlen. Ein Einsiedler von Bincennes ermuthigte ihn dazu*), indem er ihm auseinandersetzte, daß es ein gottgefälliges Werk sei, die Inden ihrer Reichthümer zu berauben. Philipp August begnügte sich noch nicht damit, daß er die reichen Juden zu Bettlern gemacht hatte, sondern erließ kurz darauf ein Edict, daß sämmtliche Juden seines Gebiets zwischen April und dem Johannistage (1181) dasselbe zu verlassen haben. Es war ihnen nur gestattet, ihre beweglichen Güter zu veräußern; dagegen sollten ihre unbewegliche Habe, ihre Aecker, Weinberge, Scheuern, Weinpressen dem König verfallen, was eine schöne Einnahme abgegeben haben muß. Die verlassenen Synagogen wurden in Kirchen nmgewandelt^). Wie unwahr es ist, daß die Inden in Frankreich wegen ihres Wuchers, ihrer Kinderschlächterei und anderer Verbrechen bei der Bevölkerung verhaßt waren, beweist nichts stärker, als der Umstand, daß Grafen, Barone und sogar Bischöfe sich viele Mühe gaben, den Sinn des Königs zu ändern und das Edict zur Vertreibung der Juden anfheben zu lassen. Aber vergebens, der junge Philipp August, der viel von Ludwig XIV. an sich hatte, war trotz seiner Jugend so eigensinnig, daß (wie sein Biograph sagt) eher ein Fels zum Wanken gebracht werden konnte, als sein Sinn. So blieb denn den Juden von Paris und der Umgegend, die seit vielen Jahrhunderten dort ihre Heimath hatten, nichts anderes übrig, als zum Wanderstabe zu greifen. Den Znmuthnngen, sich taufen zn lassen und dafür ihre Güter und ihre Heimath zu behalten, setzten sie ihr Einheitsbekenntniß entgegen- Nur Wenige gingen zum Christenthnm über^). Glücklicherweise für die Inden war, wie schon angegeben, das eigentliche Gebiet des Königs (Francien) damals nicht sehr groß, und die Vasallen waren noch unabhängig genug, sich nicht den Befehl zur Ausweisung der jüdischen Bekenner aus ihrem Lande aufzwingen zu lassen. So durften sie nicht nur in dem größten Theile Frankreichs wohnen bleiben, sondern auch die unter Philipp August Ausgewiesenen konnten sich dort niederlassen. Das talmudische Lehrhaus von Paris ging sb Inno sxpoliubi suiw s-nio sb urZ'snto sb vsstnbus. Vaisette emendirt XIV. Os-l. statt XVI., und so mutz man es auch bei de Diceto thun und zwar Oal. Usbrrmrii, nicht Nartii. Daß diese Thatsache ins Jahr 1180 und nicht erst ein Jahr später zu setzen ist, geht aus Rigord's Worten hervor und auch aus dem Umstande, datz Philipp's Vater damals noch am Leben war. st Rigord a. a. O. st Das. st Das. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 14 210 Geschichte der Juden ein, aber die Lehrhäuser in der Champagne, in welchen die Tossafisten- schule fortblühen konnte, blieben bestehen. Der Mittelpunkt des Studiums war noch immer das Städtchen Ramerü; hier lehrte Isaak b. Samuel ans Dampierre (Ri), ein Urenkel Raschi's ^). Er war Hauptantorität nach dem Tode seines Oheims R. Tam. Gelehrt und scharfsinnig, wie seine Ahnen, beschäftigte sich Isaak damit, Raschi's Commentar zu ergänzen, die Auslegung des ganzen Talmud zu sammeln und zu ordnen, oder die tossafistischen Fragen und Lösungen in Betreff schwieriger Talmudstellen abznschließen. Welche Eingelesenheit in den hochanfgeschichteten Talmudstoff gehörte dazu, diese Arbeit zu unternehmen, die allerentferntesten Partieen zusammenzubringen, um hier einen Widerspruch aufzufinden, dort einen zu lösen! Man erzählte sich später, im Lehrhause Jsaak's des Aelteren waren sechzig gelehrte Mitglieder, von denen je einer nicht bloß im ganzen Talmud heimisch war, sondern einen besondern Tractat von den Sechzig auswendig und tiefeingehend kannte °). Jsaak's erste Sammlung der Glossen hieß die alten Tossafot (loasukot Issolisuim), die sich aber nicht unverändert erhalten, sondern Zusätze und Ueberarbeitnng erfahren haben. In Folge des feindlichen Geistes, der durch Philipp August in Nordfrankreich zu herrschen begann, fiel Jsaak's Sohn, Namens Elchanan, der, obwohl jung, einen klangvollen Namen unter den Tossafisten hatte, noch beim Leben des Vaters als Märtyrer seines Glaubens (1184)^). Einige Jahre später (1191) machte Philipp August neue Märtyrer. In dem Städtchen Bray (an der Seine, nördlich von Sens), das zur Grafschaft Champagne gehörte, hatte ein Christ, ein Unterthan des Königs, einen Inden ermordet. Die Verwandten des Ermordeten führten bei der Gräfin Blanche, Wittwe Thibaut's von Champagne, Klage und erlangten von ihr durch reiche Geldgeschenke die Erlaubniß, den Mörder zu hängen. Aus boshafter Absicht oder zufällig geschah diese Hinrichtung von Seiten der Inden am Pnrimfeste, und sie dachten vielleicht dabei an den Hamangalgen. Sobald der König Nachricht von der Hinrichtung seines Unterthanen und noch dazu durch ein entstellendes Gerücht erfahren hatte, als hätten die Juden dem Mörder die Hände gebunden, ihm eine Dornenkrone auf's Haupt gesetzt und ihn durch die Straßen geschleift, eilte er mit Truppen nach Bray, ließ die Häuser der Juden mit Wachen umstellen, sich ihrer st Note 1, III. st Menahem b. Serach, Ein! zu seinem 2sllg.Ii Im-Vsrsoli. st Dies. Note. Die Märtyrer von Bray. 2l1 sämmtlich bemächtigen und stellte ihnen nur die Wahl zwischen Tod und Taufe. Die Gemeinde von Bray war aber nicht einen Augenblick zweifelhaft, was sie vorziehen sollte. Die Mitglieder ermuthigten einander, lieber durch die Bruderhand als durch Henkershand zu sterben. Nahe an Hundert ließ Philipp August lebendig verbrennen und verschonte nur die Kinder unter dreizehn Jahren (14. — 20. März^). Wenige Tage später reiste der König mit blutbefleckten Händen als ein Geweihter znm Kreuzzuge nach Syrien. Der sogenannte heilige Krieg hat ihn wenig gebessert. Alle Bemühungen, dem wahrhaften Helden Saladin Jerusalem mit dem dazu gehörigen Gebiete zu entreißen, waren bisher erfolglos geblieben. Richard Löwenherz selbst war bei aller Ritterlichkeit genöthigt, einen für die Christen schimpflichen Frieden einzugehen und erlangte nur die Begünstigung, daß christliche Pilger allenfalls die Grabeskirche in Jerusalem besuchen dürften. So mußte von Neuem ein Kreuzzug gepredigt, der verglimmende Funken des Fanatismus angeblasen werden, den wiederum die Juden zunächst schmerzlich empfanden. Der Papst Jnnocenz III., der rücksichtsloseste und selbstständigste aller Kirchenfürsten, nahm die Sache mit Feuereifer in die Hand. Er beauftragte einen Prediger, Fulko von Neuilly, welcher bis dahin ein leichtsinniger Vogel und ein arger Sünder gewesen war, in Städten und Dörfern den Kreuzzug zu predigen, und dieser, ein zweiter Rudolph (o. S. 149), gebrauchte Judenhaß und Judenplünderung als bequeme Mittel, Scharen für die Kreuzesfahnen za werben. Er predigte, daß die christlichen Schuldner ihrer Verpflichtungen gegen ihre jüdischen Gläubiger ledig sein sollten, wenn sie das Kreuz nähmen. Viele Barone des nördlichen Frankreich nahmen, von Fulko's fanatischen Reden begeistert oder sich begeistert stellend, das Kreuz, und da einmal ihr Judenhaß entflammt war, vertrieben sie die Juden, welche durch den Verlust ihrer Schuldforderungen verarmt waren, von denen also nichts mehr zu ziehen war, aus ihrem Gebietes. Wider alles Erwarten nahm Philipp August, der Erzjudenfeind, die ausgewiesenen Juden in seinen Staat auf und gestattete auch den früher von ihm selbst Verbannten, wieder in ihre Heimathstätte zurückzukehren (Juli l 198^). Dieser inconsequente Vergl. Note 9. 2) Robert von Auxerre bei Vonqnsb, Rsonsil XVIII. 274; Vllls-Ilnr- äouin, sbrorrigns äs ls. priss äs Oonstnirtinoxls I, Anfang. 2) Richard bei Oa-Odssns V. 42, bei Lonqnsb a. a. O. 71. Roger de Hovedcn bei Lonqnsb das. 695: Oonbra onaninra opinionsra äaäasos llarisüs rsänxib st sso1ssis.s Vsi Zravitsr xsissvntns 14« 212 Geschichte der Juden. und milde Schritt des sonst conseguenten und strengen Königs machte zu seiner Zeit viel Aufsehen. Es scheint, daß Philipp August damit der Geistlichkeit und dem Papste geflissentlich Aergerniß geben wollte, weil sie ihm den geistlichen Krieg erklärt hatten. Er hatte sich nämlich von seiner Frau, der dänischen Prinzessin Jngeburg, wegen angeblicher Blutsverwandtschaft geschieden und eine andere heimgeführt. Papst Jnnocenz, der sich als Vormund der Fürsten und Könige betrachtete, ohne dessen Zustimmung kein Akt geschehen durfte, verlangte von ihm, seine zweite Frau ans seinem Palaste und seinem Lande zu verbannen und Jngeburg wieder aufznnehmen, widrigenfalls er dem schweren Banne und sein Land dem Jnterdicte verfallen würde. Philipp August spottete Anfangs der geistlichen Drohung und in seinem Zorn gegen die anmaßende Kirche mag er Milde gegen die Juden geübt haben. Durch sein Beispiel angeregt, verfuhren auch einige Barone milder gegen ihre Inden und verhängten nicht mehr Verbannung über sie. Auf den ersten Blick sieht es sogar aus, als wenn der französische König und die Barone von einer Art Zärtlichkeit für die Juden erfüllt gewesen wären, als wären diese ihrem Herzen so theuer gewesen, daß sie sie gar nicht missen mochten. — Sie zeigen sich eifersüchtig ans einander, wenn Juden aus einem Gebiet in ein anderes übersiedelten, sie reklamiren sie, schließen Verträge unter einander, daß jene bei etwaiger Uebersiedelung dem ursprünglichen Herrn ausgeliefert werden müßten und ließen sie sogar einen Eid ablegen, nicht auszuwandern *). Aber hinter dieser scheinbaren Zärtlichkeit steckte die allerschmutzigste Geldgier. Die Juden des nördlichen Frankreich wurden vom Könige und den Baronen als Geldschwämme betrachtet, die sie auspreßten, und sie sahen es gern, wenn jene sich wieder mit dem Schweiß ihrer christlichen Untcrthanen füllten. Schon im Jahre 1198 schloß Philipp August mit dem Grafen Thibaut von der Champagne einen gegenseitigen Vertrag, daß sie die aus dem Gebiete des Einen in das des Andern übergesiedelten Juden nicht znrückhalten, sondern ausliefern wollten^). Philipp August war aber, wie die meisten Könige von Frankreich, kein Mann von Wort und lieferte die Juden, welche aus der von vielen Juden bevölkerten Champagne wegen allznharter Bedrückung nach Francien ausgewandert waren, nicht aus. Dadurch entstand eine Spannung zwischen dem Könige und der verwittweten Gräfin Blanche. Dieser Streit wiederholte sich, fl Sefer Chasidim Nr. 421. Mose von Coucy, Semag-Gebote Nr. 73. -) OräommiiLss äss rois äs IHo-nos I. 44. Lrnsssl, usnAS Zsnsrsl äss jnils sn IHancs I. 1. 2. p 36. Behandlung der nordfranzösischen Juden. 213 als ein sehr reicher Jude, Cresselin, ans der Champagne nach Paris übersiedelte. Halb durch Ueberredung und halb durch Zwang kehrte Cresselin in das Gebiet der Gräfin zurück, und der Vertrag wegen Auslieferung der Juden wurde erneuert ^). So verloren die Juden des nördlichen Frankreich seit Philipp August eines ihrer kostbaren Menschenrechte, die Freizügigkeit. Während sie früher wie die Ritter sich nach Belieben hier oder da niederlassen durften, wurden sie seit dieser Zeit wie Leibeigene an den Geburtsort gefesselt. Wanderten sie aus, so zog der Landesherr ihre unbeweglichen Güter zur Strafe ein und veräußerte sie. Anfangs konnten die Juden sich nicht darein finden, und die rabbinische Autorität dieser Zeit, R. Isaak der Aeltere, bestimmte, daß kein Jude die gewaltsamer Weise confiscirten Güter kaufen dürfe, und wenn er sie gekauft, dem Eigenthümer ausliefern müsse ^). Nach und nach wurde aber diese Gewalt zum Gesetz. Aber nicht nur das Recht der Freizügigkeit wurde ihnen genommen, sondern auch das Eigenthumsrecht. „Das Vermögen der Juden gehört dem Baron" ^), das war der leitende Gedanke in der nordfranzösischen Gesetzgebung in Betreff der Juden. Der König und die Barone gestatteten sogar den Juden, hohe Zinsen zu nehmen (zwei Deniers vom Livre die Woche), weil es ihnen zu Statten kam. In der Beschränkung, welche Philipp August mit Guido von Dampierre und der Herzogin von Trohes den jüdischen Kapitalisten auflegten, war ihr eigner Vortheil noch mehr, als der der christlichen Schuldner bedacht. Die Schuldscheine sollten nur von einem Notar ausgestellt und mit dem öffentlichen Siegel versehen sein, das in die Hände von zwei Notabeln niederzulegen sei. Dadurch konnte der Herr von dem Umfang der Geldgeschäfte Kunde erhalten. Von jedem abgeschlossenen Geschäfte erhob der Landesherr eine hohe Abgabe (Osns). Wenn noch verordnet wurde, die Juden dürften keine Kirchengeräthe in Pfand nehmen, so fehlte die Klausel nicht: es sei denn, daß der König selbst oder die Barone sie verpfänden. Die Juden hatten nur noch Werth durch das, was sie besaßen; sie wurden immer mehr als renteutragende Leibeigene behandelt, die nach dem Verhältnis) ihrer Ergiebigkeit und Tragfähigkeit höher oder niedriger veräußert werden konnten. Ein Edelmann verkaufte der Gräfin von Champagne seinen ganzen Besitz „an Sachen und Juden" ^). Freilich waren die Juden dadurch mehr vor Vertreibung und Verfolgung gesichert, weil st Lrusssl a. a. O. st lossakot zu Uaba Xarua p. 58 a. st Uss rusublss aux juiks sout au barou. st Lrusssl a. a. O. 214 Geschichte der Juden. man sie nicht gern mißte, allein sie erlagen tausendfachen Plackereien, und sie verkümmerten dadurch sittlich. Sie waren ans Gelderwerben angewiesen und suchten sich davon so viel als möglich anzueignen, um ihre Peiniger befriedigen zu können. Die Geistlichen schürten den Haß gegen die Inden immer mehr an und schlossen sie wie Aussätzige aus der christlichen Welt aus. Bischof Odo von Paris, welcher kanonische Constitutionen erließ (1197), verbot den Christen, von Inden Fleisch zu kaufen, mit ihnen zu disputiren und überhaupt Umgang mit ihnen zu haben i). Die Uebertrcter sollten der Excommunication verfallen. Wäre nicht das Talmudstudium eine glühende Leidenschaft der nordfranzösischen Juden gewesen, so wären sie Wohl so schlecht geworden, wie sie ihre Feinde gewünscht und geschildert haben; der Talmud einzig und allein bewahrte sie vor verthierter Selbstsucht und vor sittlicher Fäulniß. Drei Männer vertraten das Talmudstudium in Nordfrankreich nach dem Tode Jsaak's des Tossafotsammlers (um 1200), die aus dessen Schule hervorgegangcn waren: Zehn da Sir Leon b. Isaak der Fromme (bn-6Imsiä) in Paris (geb. 1166, st. 1224"), Simson b. Abraham in Sens (st. vor 1226 ^), und sein Bruder, Isaak der jüngere (Umba) in Dampierre. Alle drei trugen in den Lehr- hänsern den Talmud in hergebrachter Weise vor, entschieden die an sie ergangenen religiösen Anfragen und arbeiteten eigene Tossafot aus, von denen die Simson's sich als eine eigene unter dem Namen Sens- Tossafot erhalten haben. Eine eigene Richtung haben diese drei Rabbiner Nordfrankreichs nicht eingeschlagen, für Wissenschaft und Poesie hatten sie keinen Sinn, die heilige Schrift kannten sie nur im Lichte der agadischen Anslegungsweise. Die Bestrebungen des Menahem b. Chelbo, des Joseph Kara, des Samuel b. Mel'r, seines Bruders R. Tam und des Joseph Bechor-Schor aus Orleans, der, ein Jünger R. Tam's, sich von der agadischen Schriftauslegung fern hielt und die Exegese nüchtern behandelte, hatten keinen Einfluß ans sie geübt. Ihre ganze Weisheitsquelle war der Talmud, was darüber hinausging, das kannten oder beachteten sie nicht. Simson aus Sens erläuterte nach seiner Auswanderung nach Palästina (nach 1211) einige Theile der Mischnah ^), so weit ihr die talmudische Ergänzung si Llansi oonsilia R. XXII. x>. 683, 85. 2 ) S. Note I. III. 2) Er starb nämlich vor dem Tode Joseph b. Aknin's, wie aus Abraham Maimuni's Milchamot S. 16 hervorgeht. Heber ihn und seinen Bruder vergl. Zunz, zur Literatur S. 34 f. st Vergl. Frankel, Ourvlls lla-NisOllnall 329 f. Der zu ?sall I. 6. erwähnte Brief ist vielleicht der in Ooäivso äs Lossi erwähnte Brief Simson's an R. Me'ir (Nr. 772, 7). Die Tossasistcn. 215 abging, aber keineswegs selbstständig, sondern im tossafistischen Sinne. An Scharfsinn fehlte es diesen nnd andern zeitgenössischen Talmudisten nicht, aber an freiem Blicke. Simson hatte so wenig Augen für den Kern von Religiosität bei den Karäern, die des Guten eher zu viel als zu wenig thaten, daß er nicht bloß Verschwägerung mit ihnen für ungesetzlich hielt, sondern sie als Götzendiener angesehen wissen wollte, deren Wein ein Rabbanit nicht trinken dürfe'st. Jehuda Sir Leon verfaßte eine Schrift zur Anweisung für ein höheres, religiöses Leben (Lkkor da-Laboä^, dessen sich wahrhaft Fromme befleißigen sollen. Diese Schrift ist zwar voller Glaubens- ') Nssponss. David Jbn-Abi-Simra II. Nr. 796. 2 ) Zakuto bemerkt ausdrücklich, daß Jehuda Chasid b. Isaak, Jünger des Tossafisten Ri, d. h. Sir Leon von Paris, Verfasser des 8. Ua-Lafioä mar. Jbn-Jachja sagt Anfangs dasselbe, Jehuda von Paris, Verfasser des Testamentes, war ein Schüler des Ri, d. h. Verf. des 8. Okmssiäiin., dem das Testament beigefügt ist. Nur stört diesen die anderweitige Nachricht, daß Samuel, Vater des andern Jehuda Chasid, Verfasser des 8. Lllmssidtm gewesen sein soll. Asuläi sud voos ventilirt die Frage, ob Jehuda der Fromme von Paris oder Jehuda der Fromme von Regensburg Verf. des 8. Olr. gewesen sei und kommt zu keiner Entscheidung, weil er von falschen Prämissen ausgeht. Die Frage löst sich einfach durch die Annahme, daß das 8. Ollassi- äiin. und 8. lla-Laboä insofern identisch sind, als ein Späterer, (der sich Nr. 696 zu erkennen giebt), das letztgenannte Buch excerpirt, den Titel umgeändert und Manches aus andern Schriften (Saadia, R. Nissim, Maimuni und Andern) hinzugesügt hat. An drei Stellen wird bemerkt, daß das Ausführliche über gewisse Punkte in 8. lm-Kuvoä zu suchen sei (Nr. 197, 321, 461). Was Eleasar von Worms und Mose Taku (Ormr Usolrrnaä III. 65, 67) aus 8. fia-Laboä citiren, findet sich in 8. Llliassiäiur. Das 8. Ollussiä. hat das 8. lla-Lswoä absorbirt. Nun kommen in dem 8. Olr. (sä. LoloZns, 1538 sä. xrinssxs) mehrere französische Worte und Wendungen vor. So gleich im Anfänge: man solle beim Aussprcchen des Gottesnamens eine Preissormel hebräisch oder in einer anderen Sprache (ip'wi hinzufügen; a>w' mm', aov rn'w (soit bsnsäib ou soit lous); weiterhin: "w uiv pa lboir g'onr bsl all savius no(s)kra 8ir(s.) Is sornrnanäs (a); Ho. 463 : — Rmbsolss; Nr. 898 onvu p-npa' — tsnäsnr. Ja, heißt in diesem Buche geradezu französisch, im Unterschiede von pL'?. Es unterliegt demnach keinem Zweifel, daß der Verfasser des 8. Iis.-IIs,boä oder des 8. Olrusstäliri ein Franzose war, und nicht ein Deutscher, d. h. Jehuda Chassid von Paris (Sir Leon) und nicht der von Regensburg. Ohnehin reflektirt bei genauer Beachtung so Manches darin weit eher französische als deutsche Zustände jener Zeit. — Das 8. Ollassiäiin. führt auch den Titel mi-Ln.m 'r auch kurzweg: .isrnn 'o. Ich mußte diesen Punkt weitläufig beleuchten, weil Alles, was Zunz darüber aufgestellt (zur Literatur S 123 f.), unrichtig ist. — Es versteht sich von selbst, daß das „Testament" i-onn .nur,' welches jüngern Ausgaben angehnngt ist, spätem Ursprungs ist. 216 Geschichte der Juden. Innigkeit und kindlich reiner Sittlichkeit, aber auch voll von verkehrten Weltanschauungen und wüstem Aberglauben. Sie spiegelt den Geist jener Zeit treu ab, jene religiöse Aengstlichkeit, die sich bei jedem Schritte scheu bedenkt, ob sie nicht damit eine Sünde begehe oder zu einer Sünde Anlaß gebe, jene düstere Stimmung, welche in jeder natürlichen Regung die Anreizung des Satans erblickt, jenen Kleinlich- > keitsgeist, der jeden noch so geringfügigen Vorgang als etwas Bedeutungsvolles behandelt. Neben Sätzen, deren sich Weltweise nicht zu schämen < brauchten, kommen in diesem „Buche der Frommen" Abgeschmacktheiten s vor, welche nur die Verkümmerung aller Lebensverhältnisse, wie sie i seit Philipp August die Juden Frankreichs empfanden, erzeugen konnte. Hier kommt eine Bemerkung vor: „Schamgefühl und Treue sind ein z unzertrennliches Zwillingspaar; stirbt das Eine, stirbt das Andere > auch nach" st. — Es wird eingeschärft, in der Askese nicht zu weit zu .1 gehen: „Der Fromme soll nicht sagen: weil Neid, Gelüste und Ruhmsucht zur Sünde führen, will ich mich ganz fern davon halten, will weder Fleisch, noch Wein genießen, will schöne Wohnung, anständige Kleidungen meiden, will wie die Mönche einen groben Anzug tragen. Auch das ist ein schlechter Weg, und der ihn geht, ist ein Sünder" st. — „Fragt dich ein des Hebräischen Unkundiger oder eine Frau, wie sie beten sollen, so eröffne ihnen, daß sie es in der ihnen verständlichen Sprache thnn mögen; denn das Gebet hat nur Werth, wenn das Gemüth es erfaßt; welchen Nutzen hat ein solches, von dem das Herz nicht weiß, was der Mund spricht" st? — „Wie gegen den Glaubensgenossen, so sollst du auch redlich gegen den Christen handeln; hat dieser sich geirrt, sollst du ihn darauf aufmerksam machen, damit Gottes heiliger Name nicht durch dich entweiht werde" st. — Ist ein s Jude Zolleinnehmer und fordert den Christen mehr ab, so wird sein Loos Verarmung feinst. — Der Fromme soll weder gegen Juden, noch gegen Christen sich eines lügenhaften Vorwandes bedienen, nicht einmal einem unsichern Borger zu sagen, er sei nicht im Besitze von Geld st. ! — Gott steht den Bedrängten bei, seien sie Juden oder Christen; darum soll man den Christen eben so wenig etwas entwenden, wie den Juden st. — Bedroht ein Jude das Leben eines Christen, so soll der dabei stehende Jude dem Gefährdeten beispringen und allenfalls den jüdischen Mörder todtschlagen st. — Wucherer, solche, die Gelbst 8. OUassiäim Nr. 120. st Das. Nr. 52. st Das. 588 und 788. st Das. 395. st Das. 425. st Das. 426, 979. st Das. 6, 61. st Das. 1022. i »LEK-N Uten Das Buch der Frommen. 217 stücke beschneiden und die Unrecht mit Maß, Gewicht und Maaren thun, verlieren ihr Vermögen, kommen an den Bettelstab, und ihre Kinder müssen getrennt von einander in fremde Länder wandern ^). Und dabei wird eingeschärft: Jünglinge und Mädchen sollen nicht zusammenkommen, weil sie durch den Tanz zu Lüsternheiten kommen könnten, und als Beleg wird eine Gespenstergeschichte erzählt: Ein Reiter habe einst im Mondschein Wagenscharen voller Menschen gesehen, die von andern Menschen bis zur Ermüdung gezogen wurden. Auf seine Frage an einige Bekannte unter ihnen, die bereits verstorben waren, hätte der Reiter vernommen, daß die Ziehenden und die Gezogenen bei ihrem Leben mit Frauen und Mädchen gescherzt haben, darum seien sie vernrtheilt worden, wechselweise einander bis zur Ermattung zu ziehen ^). — An Gespensterglauben ist das „Buch der Frommen" überhaupt reich. Es hat schon die Schauersage, daß die Leichen sich um Mitternacht im Bethanse versammeln, in ihre Betmäntel gehüllt, und ein Lebender, der sie erblickt, ist des Todes ^). In der Nacht vor dem großen Hosiannatage steigen die Leichen aus ihren Gräbern und beten ^). — An Hexen- und Zaubergeschichten fehlt es auch nicht darin ^). — Eingeschärft wird ferner, heilige Bücher nicht mit Umschlägen von Romanzen zu umhüllen"). Man soll die verschiedenen Modulationen beim Vorlesen ans dem Pentateuch, den Propheten und den Hagiographen nicht mit einander verwechseln, nicht die eine für die andere gebrauchen, denn die Sangweisen stammten vom Sinai, „und du sollst die Grenze nicht verschieben, welche die Ersten gesetzt" ^). Eben so wenig soll man die liturgischen Gebetstücke älterer neuhebräischer Dichter, wie die Kaliri's, mit andern vertauschen b). Gebeten mit Versmaßen, welche die großen jüdisch-spanischen Dichter geliefert, soll man sich nicht bedienen, weil sie nichtjüdischen Mustern nachgebildet sind "). Manche Vorschriften in dem „Buche der Frommen" verlebendigen dann die traurige Zeit der kreuzzüglerischen Grausamkeiten. Wenn christliche Scharen anrücken, sollen Inden sich nicht ein Kreuz an ihre Kleider heften, auch nicht an ihre Häuser nageln und sich nicht wie die Geistlichen Tonsuren scheeren, um sich unkenntlich zu machen und der Gefahr zu entgehen^"). Die Wände eines Hauses, welche U Das. 1078 — 1081. 2) Das. 168, 169. °) Das. 711. U Das. 452. °) Das. 460 — 68, 477 und noch andere Stellen. °) Das. 142. ') Das. 301. °) Das. 114. ") Das. 784. ") Das. 221. 218 Geschichte der Juden. vom Märtyrerblut befleckt worden sind, dürfen nicht übertüncht werden, damit das unverdeckte Blut zu Gott anfschreien möge Z. Die Gemeinden sollen nicht für immer den Bann über eine Stadt aussprechen, deren Beherrscher die Inden verfolgt und zur Taufe gezwungen hat, weil der Bann auch dann haften würde, wenn die Stadt den Herrn gewechselt hätte") — Wenn die Juden übrigens über alle diejenigen Städte, welche ihren Glauben Anfechtungen ausgesetzt haben, hätten den Bann verhängen wollen, so hätten sie sich ans dem christlichen Europa hinausbannen müssen. — Das „Buch der Frommen" wurde eine Erbauungslectüre für Viele und impfte den düstern Geist von Geschlecht zu Geschlecht ein. R. Jehuda Sir Leon, der Fromme, wurde der Lehrer vieler Jünger, welche später einen klangvollen Namen erlangten: Salomo's von Montpellier, Mose's von Couch, Jsaak's von Wien und Anderer, welche Rabbinen und Pfleger des Talmudstudiums in Spanien, Frankreich und Deutschland wurden. Alle waren in seinem Geiste gebildet, kannten das Judenthum nur aus einer dichten Nebelhülle und wurden Gegner der freien Forschung. Die Anhänger seiner Schule traten später in einen feindlichen Gegensatz gegen die höhere Auffassung des Judenthums aus der spanischen Schule. In England und in den französischen Landstrichen, die damals zu England gehörten (Normandie, Bretagne, Anjou, Touraine, Main, Guienne, Poitou und Gascogne) lebten die Inden eine lange Zeit in ungestörter, glücklicher Ruhe unter dem von der Geistlichkeit angefeindeten Heinrich II. ^). Sie bewohnten die großen Städte, und in London waren Manche von ihnen zu solchen Reichthümern gelangt, daß ihre Häuser sich wie königliche Paläste ansnahmen ^). Der Aufruf zum ersten und zweiten Krenzzng fand keinen Widerhall unter den nüchternen Inselbewohnern, und darum hatten die Juden Englands keine Märtyrer in jener Zeit. Ihr Gemeinde- und Cultnrleben bezogen sie ans Frankreich, das damals mit England in engem Zusammenhänge stand. In London lehrte R. Jakob aus Orleans, ein ') Das. 449. -) Das. 424. 2) Raänlxll äs Oissäo (in Tivysden's Historias anAlioanas soriptorss ässsin 647): xax .Inäasorurn, gnarn ab antignis tsinporidns ssrnxsr odti- nnsrnnt (in ^.nglia). Wilhelm von Neubury (rsrnrn anAlioararn I. IV. t): lluäasi ns tvrts llabita snb rsZs xriors (Heinrich II.) Islisitus rninns sis arriäst snb novo (Richard); ders. IV. 10; llnäasi In L.nZlia snv rsAS ITsnrioo sssnnäo sonsistsntss oräins prasxostsro snpsr Obristianos tslisss st insliti Insrant. "ff Rudolph von Coggesdhale bei Longnst, Rssnsil XVIII. x. 63 : äornns sornrn (cknclasornrn) guas guasi xalatia rsZuin srsotas t'nsrant. Gemetzel der Juden in London. 219 Jünger R. Tcim's, der unter den Tossafisten einen klangvollen Namen hat. R. Benjamin ans Canterbnry war ebenfalls ein Jünger desselben Meisters aus Ramerü. Der ritterliche Sohn Heinrich's, Richard Löwen Herz, war ebenso von Verfolgnngssucht entfernt, und die jüdischen Gemeinden Englands hätten sich ruhig unter ihm entwickeln können, wenn nicht der durch Thomas von Becket angefachte Fanatismus auch sie in den Bannkreis gezogen hätte. An Richards Krönnngstage (3. Scpt. 1189) brach der erste Sturm gegen sie los, der damit endete, daß sie nach einem Jahrhunderte vollständig aus dem glücklichen Jnselreich ausgewiesen wurden. Richards Krönnngs- fest war für die Juden Englands die erste Scene eines bluttriefenden Dramas"). Als Richard von der Krönung in der Kirche nach seinem ') Siehe Note 1. III. Vergl. Wilhelm von Neubury (a. a. O. VI lO). HsZis äootor gui aä cloesnäos änäasos anAlioanos sx xartibns vsnsrat transinarinis. 2) So reich auch die Quellen über die an Richard's Krönnngstage ausgebrochene Judenverfolgung fließen, da sämmtliche englische Annalisten darüber berichten, so ist sie in neuerer Zeit nichts weniger als kritisch genau dargestellt worden. Als erste Veranlassung zur Verfolgung wird allgemein angegeben, die Juden hätten sich gegen des Königs Edikt als Neugierige in die Kirche gedrängt. Das ist aber falsch. Drei zeitgenössische Quellen geben an, die Juden seien im Palaste mit Duldigungsgeschenken erschienen, und eine derselben bezeichnet den Anreger der Verfolgung genau. Der anonyme Chronist von Laon (bei Longnst das. 7Ü7) berichtet: IZaläninns — arolrispisoopns Oantnarisnsis — onin viäsrst lluäasos intsrssss eonssorationi, novo rsM (Riolraräo) äona sua prasssntars volsntss, snWSssit rsM, ab anrovsrsntnr, ax llaäasornin, gnarn (o. S. 218 Anmerk. N) ab alisASnis intsrrunrpitnr. Also während des Festmahles und nicht in der Kirche. Ebenso Ephraim aus Bonn im Martyrologium a. a. O. 9): (nv^b.nxo) ono iwu v'i'L'vn o-rrpn o'n.ivi oi mwn .NM 2 nwn? Selbst Wilhelm von Neubury giebt noch genau die Localität an: oonti^it anbsrn rsZs äi?oninbsntö (in oonvivio) llnäasi lorss sie rsZias inbroibanb. Den Umstand von den Geschenken hat er nicht, dafür aber die Sage über die Ausschließung der Juden: vsrnin ills (rsxl rninns jarn sos (ckuäasos) aooszrtans c^nain xatsr, vsl nssoio czniä prasoavsns. snpsr- stitiosa c^uaäain äs oonsilio gnornnäain oanbsla, säioto — nt äioibur — intsräixir sis in^rsssuin vsl soolssias, änna ooronarstnr, vsl xalatii, äuin oonvivarstnr (a. a. O.). Johannes Bromton hat diese unbestimmt gelassene Sage halb als Geschichte ausgenommen: Lt liest ipss rsx säioto pnblioo, nt äioitnr, .Inäasis st innlisribns inZrsssnin sools- sias, änin ooronaretnr, st stiain xalasü, änrn spnlarstnr, intsräixsrat, xranäsntibus tainsn illis prineipss llnäasorurn — lorss rs^ias introibant. Also immer noch zum Theil der Palast (bei Ilvv^säsn p. 11ö9). Erst Matthäus Paris, der Compilator, hat den Umstand, daß die Juden pwoxtsr 220 Geschichte der Juden. Palaste heimgekehrt war, kam unter anderen Huldigenden auch eine jüdische Deputation der reichsten und angesehensten Männer sämmt- licher Gemeinden Englands in den Saal, um ihre Geschenke zu überreichen. Bei ihrem Anblicke bemerkte Balduin, Erzbischof von Canterbury, ein fanatischer Kirchenfürst, mit finsterer Miene, daß von den Juden keine Geschenke angenommen werden dürfen und sie selbst ans dem Saale entfernt werden mögen, weil sie durch ihren Glauben solche Gunst, unter anderen Völkerschaften zu figuriren, verwirkt hätten. Richard, der keine Ahnung hatte, welche bösen Folgen das Ausschließen der Juden nach sich ziehen würde, ging arglos auf die Weisung des Erzbischofs ein. Die Palastdiener, welche die Juden aus dem Palaste wiesen, glaubten sich aber dadurch berechtigt, sie zu mißhandeln. Das gaffende Volk griff ebenfalls zu und verfolgte die jüdischen Deputirten mit Fanstschlägen, mit Steinen und Knitteln. Bald verbreitete sich in allen Theilen Londons das falsche Gerücht, der König wünsche die Demüthigung und Ermordung der Juden, und alsbald rottete sich der Pöbel und das kreuzzüglerische Gesindel zusammen, um sich an den Besitztümern der Juden zu bereichern. Da diese sich aber in ihre festen Häuser eingeschlossen hatten, so machten die Raubbanden einen Angriff auf sie und legten Feuer an. Die Nacht war indeß eingebrochen und bedeckte mit ihrem Schatten das gräßliche Gemetzel an den Juden. Vergebens sandte der neugekrönte König einen seiner Hofleute, Ranulph de Granville, sich nach dem Aufruhr zu erkundigen und ihm zu steuern. Er konnte zuerst nicht zu Worte kommen und wurde noch dazu von den Wüthenden verhöhnt. So kamen viele Juden um, andere tödteten sich selbst, weil ihnen zngemuthet wurde, die Taufe zu nehmen, darunter auch R. Jakob aus Orleans. Die meisten jüdischen Häuser wurden verbrannt und die Synagogen zerstört. Der Brand, der deswegen angelegt war, um die Schuldforderungen der Inden an Christen zu vernichten, griff um sich und verheerte einen Theil der Stadt. Zum Christenthum ging nur ein einziger Jude über, der reiche Benedikt aus Jork, welcher mit seinem Mitdeputirten Joceus, aus dem Palast verjagt, in eine Kirche geschleppt wurde und zum Scheine sich die Taufe gefallen ließ. — Als Richard aber des anderen Tages den wahren Sachverhalt erfuhr, ließ er die am meisten Schuldigen hin- raa^iaas artss ausgeschlossen worden seien, und ad sclllssia. sos (ckuäasos) sjicisntas ssä. Doncton 154). Diesem ungenannten Annalisten sind die meisten Historiker gefolgt und haben das Factum unkritisch dargestellt. Der erste Urheber des Gemetzels an den Juden war Balduin, Erzbischof von Canterbury. Gemetzel der Juden in England. 221 richten Richard war so sehr für die Juden seines Reiches bedacht, daß er, besorgend, die Verfolgung in London könnte in England und in seinen französischen Besitzungen Nachahmung finden, die Unverletzlichkeit der Inden verkünden ließ und sogar Boten nach der Normandie und Poitou schickte, daß etwaige Judenkrawalle sofort verhindert werden sollten Er gestattete sogar Benedikt aus Jork, zum Jnden- thum zurückzukehren, als er seine gewaltsame Taufe erfuhr und von ihm das Geständniß hörte: er sei im Herzen Jude geblieben und wolle als solcher sterben. Der fanatische Erzbischof von Canterbury, der bei der Unterredung zugegen war und um seine Meinung gefragt wurde, antwortete: „Will er nicht ein Sohn Gottes sein, so sei er ein Sohn des Teufels" ^). So lange Richard in London weilte, hatten die Juden Ruhe, sowie er aber über den Kanal setzte, uni gemeinschaftlich mit Philipp August einen neuen Kreuzzug anzutreten, wiederholten sich überall im Lande die Scenen von London. Nicht Glaubenseifer allein war es, welcher die Wuth der Christen gegen die Juden Englands entfesselte, sondern mehr noch der Neid auf deren Wohlstand und vorzüglich Gier nach fremdem, leicht zu erwerbendem Gute^). Die Reihe kam zuerst an die reiche und bedeutende Gemeinde in der blühenden Handelsstadt Lynn. Wenn man den christlichen Schriftstellern trauen dürfte, so hätten die Inden von Lynn den Zorn der Christen zum Angriff gereizt. Sie sollen nämlich einen getauften Juden mit Waffen angefallen, und als dieser sich in eine Kirche geflüchtet hatte, dieselbe mit Sturm angegriffen haben. Darauf seien die Christen zur Wehr fl Dieselben Quellen. 2) Wilhelm von Neubury a. a. O-: krinosxs untsin post oiuäsin cknäasis paosrn sanoivit. Chronist von Laon bei Lougust a. a. O.: Rsx vsro ns siiniii vssanis. in diorinannia, st Riots-via nsoarsntnr cknäusi, nunoios illno äirsxit, gut iinpsäirsnt. 2) Es ist eigen, datz der jüngere Johannes Bromton bei diesem Punkte wahrheitsgetreuer ist, als Wilhelm von Neubury, seine Quelle. Der Erstere berichtet darüber: rsx — intsrroMvit illuin (Rsnsäiotnin Rboraosnssva), si sssst Oliristianus sllsotns. Ipss vsro rssponäit, guoä non. — ll'nno rsx intsrroAnvit arobispisoopnin Ountna-risnssrn — guiä sssst äs illo luoisnäurn, gut rssponäit rninns äisersts: si ipss non vult ssss lloino Ost, sit borno Oinboli. Der Letztere dagegen: Isisotns srpio (Rsnsäiotns) u taois rsZis, lluänsis sst rsääitus a-postata. Ollristianns, tüstusgus ülins dsbsnnas änpio gnain prius. fl Wilhelm von Neubury a. a. O. IV, I: Obristianoruin uävsrsns ckuäasos in ^.NAÜL 2 slns—vskisrnsntsr sxsunänit, non gniäsrn s^nosrs st snnss. lläsi tuntnrn, ssä sorncn vsl asrnnlnnäo IslioitLtsin, vsl in- bianäo lortnnis 222 Geschichte der Juden. zusammengerufeu worden. Kreuzzügler befanden sich ebenfalls in der Stadt. Non diesen geschlagen, hätten die Juden sich in ihre Häuser geflüchtet und wären daselbst mit Feuer und Schwert anfgerieben worden, so daß nur Wenige entkamen. Aber unmöglich können die Juden die ersten Angreifer gewesen sein; denn die Bürger wurden von den königlichen Beamten wegen der Vorfälle zur Verantwortlichkeit gezogen und schoben die Schuld auf die Kreuzzügler, welche sich indessen, mit der Beute der Inden beladen, auf und davon gemacht hatten. Ein jüdischer Arzt, der wegen seiner Geschicklichkeit und Bescheidenheit auch bei Christen beliebt war, wurde von den Barbaren ermordet, weil er die Seinigen allzusehr betrauert und die Gerechtigkeit des Himmels gegen die Mörder angernfen hatte ^). Darauf wurden die Juden von Norwich in ihren Häusern überfallen und ermordet (6. Febr. 1190^). Eine» Monat später (7. März) wurden die Inden von Stanford mißhandelt, weil gerade am Markttage viele Kreuzzügler und Fremde in der Stadt waren, welche sicher waren, in der Ueberzahl zu sein, falls die Juden vereint mit den Bürgern ihnen Widerstand leisten sollten. Sie glaubten ein gottgefälliges Werk zu thun, wenn sie diejenigen als Feinde behandelten, nach deren Besitztümern sie lüstern waren, und gedachten ihre Reisekosten zum Krenzzuge von den Inden zu erpressen. Ohne die geringste Veranlassung fielen sie die Juden an, ermordeten Einige, zwangen Andere, sich in das königliche Castell zu flüchten, erbrachen deren Häuser und trugen alles Werthvolle daraus fort. Um nicht den königlichen Richtern in die Hände zu fallen, machten sich die räuberischen Kreuzzügler mit der Beute ans dem Staube. Einer dieser Raubmörder, welcher seinen Raub bei einem Bekannten untergebracht hatte und von diesem aus Habsucht ermordet wurde, wäre um ein Haar ein Heiliger geworden ^). — Die Gemeinde von Lincoln war nahe daran, das Geschick ihrer Schwestern von Lynn, Norwich und Stanford zu theilen, als sie, sowie sie Wind von der ihr drohenden Gefahr erhielt, sich mit ihrer Habe unter den Schutz der königlichen Burg begab ^). Am meisten tragisch war das Loos der Juden von Jork, weil unter ihnen zwei Männer waren, welche fürstliche Reichthümer besaßen, sich Prachtpaläste erbaut und darum den Neid der Christen auf sich gezogen hatten. Es waren Joceus und Benedictus, welche 9 Das. 2 ) Radulph de Diceto, imnAinss bistoriarnia, bei Dvv^scksa a. a. O. 651. °) Wilhelm von Neubury das. IV, 8. Ders. IV, 9. Gemetzel der Juden in England. 223 bei der Krönung Richard's so arg mißhandelt worden waren (o. S. 220). Der Letztere, nach der Zwangstaufe wieder zum Jndenthum zurück- gekehrt, war den Wunden erlegen, welche ihm in London beigebracht worden waren. Kreuzzügler, welche sich bereichern wollten, Bürger, welche mißgünstig ans die Wohlhabenheit der Juden blickten, Edel- lente, welche deren Schuldner waren, Geistliche, welche von blutdürstigem Fanatismus verzehrt waren, alle diese Klassen verschworen sich zum Verderben der Juden von Jork. Bei einer zufälligen, oder geflissentlich angelegten Feuersbrunst in dunkler Nacht erstürmten Verschworene das Haus des Benedictus, das nur von seiner Frau und seinen Töchtern bewohnt war, trugen die Kostbarkeiten fort und zündeten es an. In der Voraussicht der ihnen drohenden Gefahr begab sich Joceus mit den Seinigen und die meisten Gemeindeglieder zum Burgwart und begehrten Schutz in der Festung, der ihnen auch zu Theil wurde; nur wenige Juden waren in der Stadt zurückgeblieben. Diese wurden auch Tags darauf von den nach gelungenem Versuch offen auftretenden Verschworenen angefallen, und es blieb ihnen nur die Wahl, sich taufen zu lassen oder zu sterben. Die Juden in der Burg aber wurden von einer großen Volksmenge aller Stände förmlich belagert und zur Annahme des Christcnthums aufgefordert. Eines Tages befand sich der Burgwart außerhalb der Festung, und da die Juden fürchteten, er werde sie verrathen und ihren Feinden überliefern, beschlossen sie, ihm den Eintritt in die Burg zu verweigern. Dieser beklagte sich über die Anmaßung der Juden, ihn ans der ihm anvertrauten Festung auszuschließcn, bei einem damals anwesenden, hohen königlichen Beamten, dem Gouverneur der Provinz, der, ebenfalls in hohem Grade erzürnt, nun die belagernde Volksmenge selbst aufforderte, die Burg zum Falle zu bringen und Rache an den Juden zu nehmen. Er ließ sogar neue Scharen aus der Provinz zuziehen, um desto sicherer Herr der Burg zu werden. Sechs Tage dauerte die Belagerung, die Juden wehrten die Angriffe tapfer ab. Schon bereute der Gouverneur den ertheilten Befehl zum Stürmen; viele Edelleute und ernste, vorsichtige Bürger zogen sich von einem Unternehmen zurück, welches, wenn der König cs erführe, üble Folgen für sie haben könnte. Da feuerte ein Mönch in weißem Gewände die Stürmenden zur Fortsetzung des Werkes mit Wort und That an. Er hielt eigens einen feierlichen Gottesdienst, las die Messe, nahm die Hostie, um sich der Hähern Hilfe zur Besiegung des schwachen, jüdischen Häufleins in der Burg zu vergewissern. Er wurde nichtsdestoweniger von einem Steine, von jüdischer Hand geschlendert, zu Boden gestreckt und hauchte seinen fanatischen Geist aus. 224 Geschichte der Juden. Den Juden waren aber indessen die Lebensmittel ansgegangen, und sie sahen dem sichern Tode entgegen. In der Berathung der Männer, was nun zu thnn sei, rieth ein Gesetzeskundiger, welcher aus Frankreich herübergekommen war, R. Jom-Tob ans Joigny, sich selbst zu entleiben: „Gott, dessen Rathschlüsse unergründlich sind, will offenbaren, daß wir für unsere heilige Lehre sterben. Der Tod ist vor der Thür, wenn ihr etwa nicht wegen einer kurzen Lebensspanne vorzieht, ihr untren zu werden. Da wir nun einmal einen rühmlichen Tod einem schandbaren Leben vorziehen müssen, so ist es gerathen, die ehrenvollste und leichteste Todesart zu wählen. Das Leben, welches der Schöpfer uns gegeben, wollen wir mit eigenen Händen ihm wiedergeben. Dieses Beispiel gaben uns viele fromme Männer und Gemeinden in alter und neuer Zeit." Viele waren damit einverstanden; die Feigen aber wollten sich nicht selbst die Möglichkeit der Rettung abschneiden. Indessen traf der heldenmüthige Rabbiner Anstalt zur Ausführung der Selbstopferung. Alle Kostbarkeiten wurden verbrannt, Feuer an die Thüren gelegt, und die Männer setzten das tödtliche Messer an den Hals ihrer Lieben mit zelotischem Muthe. Joceus, als Gemeindeführer, tödtete seine geliebte Frau Anna zuerst, und ihm wurde auch die Ehre zu Theil, von dem Rabbinen geopfert zu werden. Und so kamen die Meisten um, einer durch die Hand des anderen, am Vorabend des großen Sabbat, welcher die Vorfeier zum Feste der Erlösung aus egyptischer Knechtschaft bildet Z, gerade um dieselbe Zeit, als die letzten Zeloten nach der Tempelzerstörung sich in der Festung Masada auf dieselbe Weise den Tod gaben, um nicht in die Hände der Römer zu fallen. Die wenigen noch Uebriggebliebenen hatten in der Nacht mit dem umsichgreifenden Feuer zu kämpfen, um sich einen ungefährdeten Winkel zu sichern. Am andern Morgen des Sabbat (17. März 1190), als die Feinde zu einem Angriff anrückten, erklärten die Juden ihre Bereitwilligkeit, das Thor zu öffnen »nd die Taufe zu empfangen, und warfen die Leichen der Selbstentleibten von der Mauer herab, um jene von der schaudererregenden Selbstaufopferung zu überzeugen. Kaum waren aber die Thore geöffnet, so zückte der Anführer der christlichen Verschworenen mit seinen Trabanten die Schwerter gegen diejenigen, welche unter Thränen nach der Taufe verlangten, so daß nicht ein einziger Jude von der Jorker Gemeinde übrig blieb. Im Ganzen kamen beinah 500 um ff Wilhelm von Neubury das. IV 9, 10. In Betreff der Zeit vergl. Note 9. 2) äs Olosto a. a. O. Gemetzel der Juden in England. 225 Tags darauf, am Palmsonntag (18. März), wurden siebenundfünfzig Juden von den Kreuzzüglern in St. Edmund hingeschlachtet ^). Und überall, wo es Juden in England gab, fielen jüdische Märtyrer, soweit sie nicht von den Bürgern geschützt wurden ^). Eine Gemeinde von lauter jüdischen Proselyten, zwanzig Familien, erlitt ebenfalls den Märtyrertod fl. Der König Richard war über alle diese Grausamkeiten an den Juden höchst erzürnt und beauftragte seinen Kanzler, Untersuchung anzustellen und die Schuldigen zu bestrafen. Aber die Krenzzügler hatten sich aus dem Staube gemacht, die schuldigen Bürger und Edelleute flohen nach Schottland, die klebrigen entschuldigten sich. Nur der Gouverneur von Jork wurde seines Amtes entsetzt fl. Aber auch der Hilfe edler Bürger wurden sie beraubt, als Richard's Bruder zur Negierung gelangte, jener König Johann ohne Land, der durch seine Gewissenlosigkeit England zum Vasallenlande des päpstlichen Stuhles erniedrigt hat. Wenn er gegen alle Welt rücksichtslos verfuhr, so durften sich die Juden gewiß nichts Gutes von ihm versehen. Oester ließ er sie verhaften und ihnen durch schaudervolle Tortur ihre Reichthümer erpressen. Bekannt ist sein Verfahren gegen einen Juden von Bristol, von dem er 10 000 Mark Silbers verlangte, und dem er einen Zahn nach dem andern ausreißen ließ, bis der Unglückliche das Geld herbeischaffte fl. So sanken die Juden Englands nach und nach zu einer verachteten Menschcnklasse herab, der man alles zumuthen durfte und der stets „gieb, gieb" zugerufen wurde. Eine eigene Cultur konnte sich daher unter ihnen nicht entwickeln. fl Das. 2 ) fl Ephraim von Bonn, Martyrologium x. 10 fl Wilhelm von Neubury das. IV. 11. fl Matthäus Paris, lüstorls, raajor sä. Uoiiäou 1680 g. 229 aä armarn 1210. Graetz, Geschichte der Juden. VI. Id Rundblick. (Fortsetzung.) Die Juden in Deutschland und ihr Verhältnis! zu den Kaisern. Die Kammerknechtschaft. Dis letzte Spur ihrer Selbstständigkeit. Die Verfolgungen. Die rabbinisch-deutsche Schule; Elieser von Metz. Jehuda der Fromme von Regensburg. Der Martyrologe Ephraim von Bonn. Der Minnesänger Süßkind von Trimberg. Petachja, der Tourist. Die Juden Italiens. Papst Alexander III. Die Juden im byzantinischen Reiche. Die Gemeinden in Syrien und Palästina. Die Bagdader Gemeinde. Das erneuerte Exilarchat. Der Exilsfürst Samuel Chasdai. Die Moßuler Gemeinde. Die kriegerischen Juden in Adherbeig'an. Der Pseudomestias David Alrui. Die kriegerischen jüdischen Stämme um Nischabuhr. Die Gemeinde von Susa und das Daniel-Grab. Die Juden in Indien. Die freien jüdischen Stämme in Arabien. Der Exilsfürst Daniel und das Schulhaupt Samuel b. Ali. Tartaren als jüdische Proselyten. Das Grabmal des Propheten Ezechiel als Wallfahrtsort. Esra's Grabmal. Die zum Islam abgefallenen Juden, Nathanael Hibat-Allah Abulbarkat, Isaak Jbn-Esra und Samuel Jbn-Abbas. Die Karäer; Jephet b. Said. Die egyptischen Gemeinden und ihr Oberhaupt (UaZIct); Nathanael Hibat- Allah Algami. Die karäischen Gemeinden in Egypten. Die Mose-Synagoge in Dinmh. 1171 — 1205 . Etwas besser daran als die Juden Frankreichs und Englands waren die des damals weit ausgedehnten deutschen Reiches. Die deutschen Völker, von Natur religiöser und darum auch fanatischer als die Franzosen und andere Romanen, machten ihnen zwar öfter das Leben zur Höllenqual; aber da Kaiser und Fürsten ihnen zur Seite standen, konnte der Haß gegen sie nicht durchgreifend wirken. Durch den Beistand, den ihnen Heinrich IV. im ersten und Konrad III. im zweiten Kreuzzuge, so viel in ihrer Macht stand, leisteten, bildete sich die Meinung, daß der deutsche Kaiser Schntzherr der Juden sei, daß wer sich an ihnen vergreife, gewissermaßen eine Verletzung der Majestät begehe, und daß sie dafür seine und des Reiches Kammerknechte seien. Friedrich Barbarossa, der mächtigste deutsche Kaiser, der sich Karl den Großen zum Muster nahm, hat wohl zuerst diese Umwandlung der freien Juden in Kammerknechte begonnen U. st Die Zeit läßt sich allerdings nicht sixiren, vergl. Stobbe, Juden in Deutschland während des Mittelalters S. 11. 2Ü1. Aber da in England die Kammerknechtschaft bereits im 12. Jahrhundert ausgebildet war, und da die Die Juden in Deutschland. 227 Interessant ist die Sage, welche das Verhältniß der deutschen Kaiser z» den Juden im Zusammenhang der Geschichte ansprägt. Bei der Zerstörung Jerusalems durch Titus sei ein Theil der Inden durch Hnngersnoth, ein Theil durchs Schwert umgekommen und der dritte Theil sei als Sklaven verkauft worden, je dreißig um einen schlechten Pfennig. Diese im römischen Reich Zerstreuten seien Eigenthum des römischen Kaisers geworden und sollten Kammerknechte sein. Derselbe habe aber auch zugleich die Pflicht übernommen, sie zu schirmen, als Lohn dafür, daß Josephus, der Parteigänger der Römer, den Prinzen Titus von der Gicht geheilt habe. Rechte und Pflichten der römischen Kaiser gegen die Juden seien durch Karl den Großen auf die deutschen Kaiser übergegangen, und darum seien auch sie die Schirmherren derselben, und diese ihre Kammerknechte Z. Kammerknechte der Sache nach waren die Juden auch anderswo in Frankreich und England geworden, d. h. halb und halb Hörige des Königs oder der Barone, und ihre Säckel mußten die leer gewordene Kasse ihrer Herren stets von neuem unter einem oder dem anderen Titel füllen. In Deutschland hatten sie aber dafür den wenn auch nur idealen Schutz des deutsch-römischen Kaisers. Es war auch nicht zu verlangen, daß die Nachfolger Vcspasian's aus dem Hause Teut's dieses Schirmamt über die Juden ganz uneigennützig ausüben sollten. Im Gegentheil, sie brauchten mehr Einnahmen als andere Fürsten, da sie kein Erbland besaßen und von ihren Vasallen sehr knapp gehalten wurden. Es schien also nur gerecht, daß die Juden für den kaiserlichen Schutz dem Kaiser gewissermaßen Taschengeld zu liefern hatten So sehr aber auch die Juden Deutschlands Kammerknechte waren, so waren sie doch im zwölften Jahrhundert nicht aller persönlichen Rechte beraubt. Sie durften noch die Waffen führen, sogar den Zweikampf annehmen. Als Worms belagert wurde, kämpften die Inden gleich den Christen, und die Rabbinen erlaubten sogar am Sabbat die Waffen zur Vertheidigung zu gebrauchen^). Sie hatten meistens deutschen Kaiser den Juden Schutz verliehen, so muß in Deutschland die Kammer- knechtschast wohl ebenfalls im selben Jahrhundert begonnen haben: dazu kommt noch die Sage im Sachsenspiegel, welche die Kammerknechtschast als schon zu Recht bestehend voraussctzt. *) Diese Sage kommt schon im Sachsenspiegel vor (gesammelt um 1215 sä. Howayer, S. 125), ausführlicher behandelt im Schwabenspiegel, Nr. 214; sä. Wackernagel, S. 206 f. 2) Vergl. darüber Stobbe, das. S. 18, 31. fg. Es bleibt noch ungewiß, welche Steuer die Juden an die Kaiser zu leisten hatten, und wann die Krönungssteuor eingeführt wurde. ^ Sachsenspiegel a. a. O. und Eleasar von Worms, Nokss-sli Nr. 186. 15* 228 Geschichte der Juden. eigene Gerichtsbarkeit und brauchten nicht vor einem fremden Richter zu erscheinen *). Hin und wieder nahmen einige von ihnen eine höhere Stellung ein. Der tapfere Herzog Leopold von Oesterreich, der wegen der Gefangennehmung des Königs Richard von England geschichtlich berühmt wurde, hatte einen jüdischen Finanzverwalter Salomo, der trotz des kanonischen Beschlusses des Lateranconcils christliche Dienerschaft halten durfte 2). In Schlesien besaßen Juden noch einige Dörfer in der Nähe von Breslau mit den dazu gehörigen Leibeigenen Aber je mehr das Verbot, christliche Dienstboten zn halten, durchdrang, desto mehr mußten die Juden ihren Landbesitz nach nnd nach veräußern, sich in die Städte znrückziehen und dort sich auf Handel nnd Geldgeschäfte verlegen. Trotz des kaiserlichen Schutzes waren sie oft Mißhandlungen ansgesetzt. Die teuflische Erfindung, daß die Juden Christenblut brauchten, fand auch in Deutschland und hier noch mehr als anderswo Glauben, nnd wo immer ein christlicher Leichnam gefunden wurde, legten Volk und Fürsten den Mord ihnen zur Last. Ein Schiff, das Juden führte, war von Köln nach Boppard gefahren, nnd hinter ihm her segelte ein anderes mit christlichen Passagieren. Diese fanden bei Boppard eine todte christliche Frau, und alsbald hatten sie die Gewißheit, daß die Juden des ersten Schiffes sie erschlagen hätten, packten darauf viele von ihnen nnd stellten an sie die Forderung, sich taufen zu lassen, nnd auf ihre Weigerung stießen sie dieselben in die Fluthen des Rheins. Einen unter ihnen, Juda b. Menahem, schleiften sie von Stadt zu Stadt (Herbst 1l79). Aber nicht bloß die Inden auf dem Schiffe, sondern sämmtliche in der Umgegend sollten dafür büßen, und sie waren ge- nöthigt, ihr Leben durch reiches Lösegeld loszukaufen. Der Kaiser Friedrich Rothbart ließ sich deswegen fünfhundert Mark Silber, der Erzbischof Philipp, Graf von Heimsberg, zweiundvierzigtausend von den Gemeinden seines Sprengels zahlen. Die reiche Gemeinde von Bonn allein mußte vierhundert Mark beitragen ^). Der Bischof Philipp war überhaupt gegen die Juden nicht am Besten gesinnt nnd verfuhr ohne Erbarmen gegen sie. Als daher der Kaiser Friedrich den Kreuzzng antreten wollte, ließ er ihn zum Reichstag nach Mainz entbieten, und der Bischof mußte einen Reinigungseid ablegen, daß er Juden und Kaufleute nicht hart behandelt habe (1188^). In den ') Stobbe das. S. 80, 94, x. 140 fg. -) Ephraim von Bonn, Martprologium, S. 12. 2) L. Oelsner, Geschichte der Juden im Mittelalter (18öö), S. 6. 4) Ephraim von Bonn a. a. O. S. 9. °) v. Raumer, Hohenstaufen II. 412. Verfolgung der Juden in der Rheingegend. 229 Landfrieden, den der Kaiser vor seinem Zuge nach dem Morgenlande anordnete, waren auch die Juden eingeschlossen. Den Geistlichen und Mönchen legte er ans Herz, das Volk nicht gegen die Juden zu Hetzen; aber Gelder mußten diese doch zum Kreuzznge hergeben ^). Trotzdem wiederholte sich unter Friedrichs Nachfolger, Heinrich IV., eine gräßliche Scene in der Rheingegend. Ein geisteszerrütteter Jude hatte in einem Anfall von Raserei einem christlichen Mädchen in Neuß vor den Angen vieler Anwesenden den Hals abgeschnitten (1. Febr. 1194'). Statt den Unzurechnungsfähigen unschädlich zu machen, tödteten die anwesenden Christen nicht nur denselben, sondern auch sechs der angesehensten Gemeindeglieder, darunter auch einen Tossa- fisten Samuel b. National, flochten ihre Leichname aufs Rad und stellten sie vor der Stadt aus. Damit sich noch nicht begnügend, verhafteten die Richter nach fünf Tagen, an einem Sabbat, Mutter, Ephraim von Bonn, S. 12. 2) Ephraim von Bonn a. a. O. hat bei diesem Factum in dem vorliegenden Texte ein offenbar corrumpirtes Datum. Es soll vorgefallen sein: rovr ^2 pL'ni.n i-mo 'm; aber das genannte Jahr (1187) war kein Schaltjahr. Joseph Kohen (in Draslr du-Laolm) hat dafür — >1197; allein auch dieses ist unrichtig, denn die angegebenen Tage differiren allzusehr von der Jahresform. Ohnehin befolgt Ephraim ganz sichtlich eine chronologische Reihe in seinen Erzählungen, und so kann er unmöglich ein Factum von 1197 vor ein anderes von 1196 gesetzt haben. Wenn die Monat- und Wochentage stimmen sollen, so bietet nur die Jahresform '"-pnn — 1194 das Richtige. Da aber der 7. Adar niemals auf einen Montag fallen kann, so hat man -nsa 'na statt "o zu emendiren. Für das zweite Tagesdatum in derselben Erzählung existiren zwei Lesarten (im Text: nuv orr wimb coro und bei Joseph Kohen: s'"v). Man muß dafür setzen. Zunz hat alle diese kalendarischen Schwierigkeiten übersehen und setzt das Factum nach der Kopie 1197 (synagogale Poesie, S. 26). — Joseph Kohen in ülrnsll llu-Luolls, und nach ihm neuere Annalisten setzen in die Zeit Friedrich Barbarossa's den Vorfall von drei Christenknaben in Wien, die unter dem Eise umgekommen und deren Tod die Richter den Juden zur Last gelegt haben, so daß der Kaiser sie in Kerker werfen und dreihundert derselben verbrennen ließ, bis die Wahrheit ans Licht kam. Auch Manasse b. Israel in „Rettung der Juden" und Ouräoso las sxosllsuoius äs los Usbrsos p. 410 haben diesen Vorfall, geben aber nur den Namen eines Kaisers Friedrich ohne bestimmtes Datum an. Aus dem Umstande, daß Ephraim von Bonn dieses Martyrium verschweigt, und daß Friedrich Barbarossa keine Gerichtsbarkeit in Wien hatte, darf dieser Vorfall nur unter Friedrich III. aus dem Hause Oesterreich gesetzt werden. Doctor Eck aus Ingolstadt in seiner judenfeindlichen Schrift: „Aus Juden büechlein's Verlegung" (1541) theilt dieses Factum mit unter Erzherzog Albrecht von Oesterreich, Anno 1420, daß dieser dreihundert Juden wegen angeblich ermordeter Christenkinder hinrichten ließ. Der Jrrthum stammt aus Alfonso de Spina's Vortulibiura trägt., vergl. B. VIII. g S. 132. Anmerk. 230 Geschichte der Juden. Schwester und Oheime des Wahnsinnigen und stellten ihnen die Annahme der Taufe als Bedingung für die Schonung ihres Lebens. Indessen ließ sich nur die Schwester, ein junges Mädchen, die Zwangs- tanfe gefallen, die Mutter dagegen ertrug alle gräulichen Folterqualen um des Glaubens willen und wurde sogar lebendig begraben; ihre Brüder wurden gerädert und zur Schau ausgestellt. Alles dieses geschah mit Wissen des Landesfürsten, des Erzbischofs Adolf von Altenau. Ja er legte noch den übrig gebliebenen Juden von Neuß Strafgelder von 150 Mark Silber auf, und sämmtlichen Juden seines Sprengels wurden bei dieser Gelegenheit bedeutende Summen abgepreßt. Dann ließ sich noch der Erzbischof Gelder zahlen für die Gnade, die ausgestellten Märtyrer bestatten zu dürfen. Die Erlaubniß zur Bestattung der unschuldigen Märtyrer wurde erst fünf Wochen später ertheilt. Zwei Jahre später kam Aehnliches in Speier vor (Februar 1196 Z. Ein Christ wurde in der Nähe dieser Stadt todt gefunden, und der Verdacht des Mordes fiel wie immer auf die Juden. Der Pöbel lief zusammen und nahm seine Rache zuerst an einer jüdischen Leiche, der vor Kurzem bestatteten Tochter des Rabbiners Isaak b. Ascher Halcvi II. ^), Enkels des Tossafisten gleichen Namens (o. S. 144). Sie wurde in ihrer Grabesruhe gestört, nackt auf dem Markte aufgehängt und auf rohe Weise beschimpft. Durch Geldopfer gelang es dem unglücklichen Vater, sie wieder in ihre Ruhestätte zu bringen. Aber Tags darauf drangen die Wütheriche in das Haus des Rabbiners, erschlugen ihn und noch acht Juden und legten Feuer au die Gemeindehäuser. Der Bischof von Speier war mit den Mördern im Einverständnis Die Gemeindeglieder retteten sich auf den Söller der Synagoge und verteidigten sich so lange, bis ihnen Hilfe von außen kam. Ein angesehener, reicher Jude von Boppard, Chiskija b. Rauben, mit einem Genossen waren nämlich äußerst thätig, den bedrängten Glaubensbrüdern Rettung zu verschaffen. In der Nacht verließen diese den Söller und wanderteu aus; die Christen nahmen darauf Rache an der Synagoge, verbrannten sie, warfen die Thorarollen in den Fluß und plünderten die jüdischen Häuser. Als Otto, Bruder des Kaisers Heinrich Vl., Pfalzgraf von Burgund, Nachricht von den in Speier begangenen Unthaten erhielt, rückte er vor die Stadt und zerstörte die dem Bischof und den Bürgern gehörenden Dörfer, Felder 1) Oyhraim von Bonn, q>. 14. 2) Vergl. darüber Nareloob.s.1 zu Llosä Llatan dlo. 5V4. Woher Zunz die Nachricht hat, daß Isaak b. Ascher II. den Märtyrertod in Würzburg erlitten habe, weih ich nicht. Verfolgung der Juden in der Rheiugegeud und in Wien. 231 und Wälder. Darauf wurden die Rädelsführer und Mörder ergriffen, mußten Sühnegeld an die Juden zahlen und die Synagoge, sowie die beschädigten Häuser auf ihre Kosten wieder Herstellen. — Sieben Tage nach den Vorfällen in Speier überfielen einige Christen die Gemeinde von Boppard und tödteten acht Mitglieder derselben. Herzog Otto nahm sich wieder der Juden an und ließ zwei der Mörder blenden. Und als Kaiser Heinrich VI. in Boppard war (Anfang Juli 1196), nöthigte er die Bürger, an Chiskija 300 Mark Schadenersatz zu zahlen i). Zur selben Zeit (Juli 1196) fielen ähnliche Mordscencn in Wien vor 2). Der Papst und die Cardinäle hatten wieder nach dem schimpflichen Frieden Richard Löwenherz's mit Saladin einen neuen Krenzzug gepredigt, und in allen Theilen Deutschlands nahmen Edle und Bürger das Kreuz, darunter auch Friedrich, Herzog von Oesterreich und seine Unterthanen. Ein christlicher Diener des herzoglichen jüdischen Finanzverwalters Salomo (o. S. 228) hatte sich ebenfalls bekreuzt und glaubte damit das Recht erhalten zu haben, seinen jüdischen Herrn bestehlen zu dürfen. Dieser ließ ihn dafür in den Kerker werfen. Sowie die in Wien anwesenden Krcuzzügler Kunde von der Einkerkerung eines ihrer Mitstreiter durch einen Juden erhielten, vergaßen sie den Dieb in ihm, stürzten auf Salomo's Hans, ermordeten ihn und fünfzehn Juden mit ihm und befreiten den Gefangenen. Der Herzog war aber gerecht genug, zwei Rädelsführer der Mörderrotte hinrichten zu lassen. — Mehrere Monate später (November 1196^) begingen wilde Kreuzzügler noch weniger gerechtfertigte Excesse in Worms. Sie drangen in das Hans eines friedlichen Talmudisten, Eleasar b. Jehuda^), tödteten unter grausamer Mißhandlung seine Frau Dolce, die ihren Gatten und ihre Familie ernährte, seine zwei Töchter, seinen Sohn und seine mit dem Studium beschäftigten Jünger, plünderten seine Habseligkeiten und ließen dem unglücklichen Gatten und Vater nur das nackte Leben. Nur einer der Mörder wurde später hingerichtet. — Unter solchen drückenden Verhältnissen, da sie keinen Augenblick ihres Lebens sicher waren, konnten es die deutschen Juden zu keiner gedeihlichen Cultur bringen. Sie waren tief religiös, wohlthätig, U Ephraim x. 14. ^ Derselbe S. 12, 13. o) Die Nachricht stammt aus einer Handschrift; vergl. Landshut ^.rancts Hioäa I. 25. Das Datum ist wohl richtig rchrnn — Nov. 1196. Denn erst gegen Ende 1195 beschloß Heinrich der VI. den neuen Kreuzzug, 1193 dagegen gab es keine Kreuzzügler in Deutschland. Z Verfasser des Roksaolr und anderer Schriften. 232 Geschichte der Juden. unterstützten einander und die zugewanderten Fremden mit Allem, was sie besaßen Z; die Religion und der Zusammenhalt der Gemeindeglieder waren die Säulen, an die sich die Schwachen anlehnen mußten; sie waren aber ohne Schwung und ohne Sinn für irgend einen Wissenszweig. Die einzige Beschäftigung derer, welche geweckten Geistes waren, blieb das Talmudstudium; aber auch darin folgten sie nur der von Raschi und den Tossafisten angebahnten Richtung, ohne darüber hinauszugehen. Diejenigen, welche neben der Geistesschärfung auch ihrem Gemüthe geistige Nahrung geben wollten, vertieften sich in eine Art Geheimlehre, deren Sinn und Bedeutung aber uns verschlossen ist. Die namhaften, deutschen Talmudisten in dieser Zeit waren R. Elieser b. Samuel von Metz aus R. Tam's Schule, ein Tossafist, der das Bedürfniß fühlte, die jüdische Sittenlehre zu behandeln und die talmudischen Satzungen wieder an die Bibel anzukuüpfeu. In diesem Sinne verfaßte er sein Werk (Löksr cksroi'w), das nur unvollständig abgedruckt ist^); R. Baruch b. Isaak aus Worms, ein Jünger des Tossafisten R. Isaak des Aeltern (o. S. 210), der ein praktisches Werk für die talmudischen Ritualgesetze mit vieler Gründlichkeit und Klarheit verfaßte (1195—1200 Endlich R. Jehuda b. Samuel der Fromme (Im-OImosiä) aus Worms (st. 1226 ^), der gleich seinem Vater sich mit Mystik beschäftigt und ein Werk darüber verfaßt hat. Aus einer unbekannten Ursache verließ er seinen Geburtsort und wunderte nach Regensburg. Jehuda der Fromme war liturgischer Dichter, aber seine Poesien haben keinen besonder;: Werth. — Einen guten Klang hatte in dieser Zeit Ephraim b. Jakob von Bonn (geb. 1132, st. um 1200), der zwar nicht Rabbiner von Beruf war, aber darum nicht weniger vertraut mit dem Talmud Benjamin von Tudela, Itinsraräura gegen Ende. ch Vergl. Asulai snb voos. b) Lstsr bu-Dsrurnab vergl. Hilobob ^.boäa Lars, Ho. 135, woraus die Zeit der Abfassung folgt. U Vergl. Landshut ^.rnnäs ^.bocis, I. 776. Fälschlich schreibt man ihm die Abfassung des 8stsr Obnssiäirn zu (s. o. S. 2l5). Auch die Abfassung der Hymnen Lobär ba-ckiobnck gehört weder ihm noch seinem Vater an, denn sie setzen die Kenntniß des saadianischen Drnnnot voraus, das erst von Jehuda Jbn-Tibbon oder gar noch später von Berachja Nakdan inS Hebräische übersetzt, damals noch nicht nach Deutschland gedrungen sein konnte. Der Zeitgenosse Nachmani's, Mose b. Chasdai T aku (dessen Lstsb spnratrn jetzt veröffentlicht ist, bisobmacl III. 58 — 59, das älteste Zeugniß darüber) bemerkt, daß ein Theil des Lobär bs,-lliobnä von einem R. Samuel verfaßt sei (81). Derselbe hält viele Verse darin für Lästerung. Unmöglich können sich die deutschen Mystiker von Worms und Regensburg so hoch verstiegen haben. Die Juden in Deutschland. 233 und außerordentlich sprachgewandt war. Im Alter von dreizehn Jahren während der Verfolgung des zweiten Kreuzzuges mit seinen Verwandten in der Wolkenburg (o. S. 100) eingeschlossen, sah er die Leiden seiner Glaubensgenossen mit eignen Augen und beschrieb sie später nach dem Vorgänge des Elieser b. Nathan (o. S. 146) in einem Martyrologinm anschaulich, warm und durchaus unparteiisch. Während der Blutscene in Neuß so. S. 229) hätte auch ihn das Todesloos getroffen, wenn er nicht drei Tage vorher eine Reise nach Köln angetreten hätte; aber er litt bedeutende Einbuße an seinem Vermögen. Im Alter setzte er sein Martyrologinm bis zum Jahre 1196 — 97 fort. Ephraim war auch Versknnstler und dichtete mehrere liturgische Stücke und namentlich Klagelieder ans die Leiden seiner Zeit. Poetische Schönheit besitzen seine Dichtungen keineswegs, aber sie sind meistens sehr witzig gehalten durch überraschende Anspielung auf Bibelverse und Talmudstellen. Besonders künstlich ist sein chaldäisches Bußgebet (Da Loliswü), welches trockene Sätze aus dem Talmud für Gemüthsverhältnisse in kühnen Wendungen gebraucht. Er hatte eine solche Vorliebe für die Poetan-Literatur, daß er die ältern Bestandtheile durch einen Commentar erläuterte*). Es klingt kaum glaublich, daß das gegen Inden nicht sehr liebevolle Deutschland in dieser Zeit einen jüdischen Dichter in der Landessprache, einen jüdischen Minnesänger erzeugt hat, der in schönen Weisen zu singen, Reim, Versmaß und Strophenbau zu behandeln verstand und soviel Anerkennung fand, daß er in den Dichterkreis ebenbürtig ausgenommen wurde. Süßkind (Snezkint) von Trimberg (einem Städtchen an der fränkischen Saale) hatte sich die Sangweise Walther's von der Vogelweide und Wolfram's von Eschenbach angeeignet. In dem nahen Würzburg, wo die Burggrafen von Henneberg die deutsche Dichtkunst liebten und förderten, mag Süßkind seine poetische Bildung empfangen haben (um 1200) °). Er war vielleicht Arzt von Beruf, H Landshut Zurücks ^.boäa, das. 476. -) Von der Hagen, der gelehrte Herausgeber und Illustrator der deutschen Minnesänger (Leipzig 1838; Süßkind's sechs Gedichte, B. II. S. 258 ff. und B. IV. S. 536 ff. der gelehrte Apparat dazu), setzt den jüdischen Minnesänger um 1218 — 25. Der Beweis dafür ist aber sehr schwach. Er beruht auf zwei Urkunden; in der einen wird einem Juden Süßkind in Würzburg ein Grundstück verkauft und in der anderen wird ein Streit darüber erwähnt. Allein wo liegt da die Identität von Süßkind von Trimberg mit dem von Würzburg? Der Name Süßkind war unter Juden nicht so selten, daß daraus ohne weiteres die Identität der Person folgen sollte. Ohnehin schildert sich der Minnesänger als arm .) Indessen erinnern doch einige Verse daran, daß sie von einem Juden stammen. In III, 1: „Du liutest mit dem Tage und musterst mit der nacht," liegt wohl eine Reminiscenz an das jüdische Gebet und an v'ip 2 . In III, 2 zum Preis der Frau ist das letzte Kapitel der Sprüche von der biedern Frau stark benutzt; die Verse: „ir liecht vurleschet nicht in nacht, ihr hohe; Lop mit der meisten menge vert" sind ganz wörtlich daraus entlehnt. *) Jrs mnnnes krön' ist daz vil reine wip, ie mer in wol eret ir wohlwerder lip: er sälik man, dem diu guete sie beschert. 2) Gedanke nie man kann erwern den torn, noch den wisen. Gedanke slüsfen dur den stein, dur stahel unt durch isen. Der Minnesänger Süßkind von Trimberg. 235 Süßkind dichtete auch einen deutschen Psalm: „König Herr, hochgelobter Gott, was Du vermagst, Du leuchtest mit dem Tags und dunkelst mit der Nacht Davon die Welt viel Freude und Ruhe hat'"). Er schildert den markdnrchbohrenden Gedanken an Tod und Vergehen, ironisirt sich selbst in seiner Armnth und verschreibt eine Tugend- Latwerge. Einst schienen es ihn die Edelleute, deren Brod er aß, bitter empfinden zu lassen, daß er als Jude nicht zu ihrem anserwählten Kreise gehörte. Seinen Unmuth darüber brachte er in schöne Verse, womit er dem Dichten Lebewohl sagt: „Ich war auf der Thoren Fahrt Mit meiner Kunst zwar, Daß mir die Herren nicht wollen geben, Da ich ihren Hof will fliehen, Und will mir einen langen Bart Lassen wachsen mit grauen Haaren, Ich will in alter Juden Leben Mich fortan vorwärts ziehen, Mein Mantel der soll sein lang, Tief unter einem Hnte, Demüthiglich soll sein mein Gang, Und selten mehr singen höflichen Sang, Seit mich die Herren scheiden von ihrem Gute'"). Beim besten Willen konnten die Juden die deutsche Poesie nicht pflegen, da die jüdischen Dichter statt des Lorbeers Fußtritte hinnehmen mußten. Ans sich selbst und ihren Kreis angewiesen, stumpfte sich ihr Ohr für den Wohllaut der Sprache ab, und wer weiß, ob die deutsche Poesie dadurch nicht eben so viel verloren hat. ^) Künik herre, hochgelopter Got, waz Du vemaht, Du liutest mit dem Tage unt vinsterst mit der naht, Da von diu weit vil vröude unt rouwe hat. 2) Ich war uf der toren vart mit miner künste zwore, Daz mir die Herren nicht wullent geben, daz ich ir Hof wil vliehn, und wil mir einen langen bart lan wachsen griser hare, ich wil in alter Juden leben mich hinnan vürwert ziehen, Min mantel der soll wesen lang tief unter einem huste, demueteklich sol sin min gank, nnt selten me gestrigen hovelichen sank fit mich die Herren scheident von ihr guote 236 Geschichte der Juden. Auch Böhme» trat damals in den Kreis der talmndischen Gelehrsamkeit ein und hat einige Männer jüdischen Wissens erzeugt. Isaak b. Jakob Ha-Laban ans Prag nimmt eine Stelle unter den bedeutenden Tossafisten ein; er schrieb einen tief eingehenden Commentar zu einigen talmndischen Traktaten ff. Sein Bruder Petachja machte weite Reisen (um 1175—90) durch Polen, Rußland, Chazarien, Armenien, Medien, Persien, Babylonien, Palästina. Seine gekürzte Reisebeschreibnng (8ibub II. Lstaobjaff giebt interessante Notizen über die Inden des Morgenlandes. Endlich wird noch ein R. Elieser aus Böhmen als eine rabbinische Autorität genannt^). Auch die Juden in den Slavenländern fingen an Antheil an der talmndischen Gelehrsamkeit zu nehmen, die sie später lange Zeit als ein Monopol besitzen sollten. Ans dieser Zeit werden genannt R.Mardochai aus Polen und R. Isaak aus Rußland, d. h. ans der Gegend von Lemberg ff. Es ist ein Räthsel, daß die italienischen Inden in dieser Zeit fast noch ärmer an Geisteserzeugnissen erscheinen, als die Böhmens und Polens. Selbst auf talmndischem Gebiete haben sie nicht eine einzige Autorität ausgestellt. Wenn man zu R. Tam's Zeit sagte: „von Bari geht die Lehre aus und das Gotteswort von Otranto" ff, so war das weiter nichts als ein Compliment; denn in der That haben sie das Talmndstudium in nichts gefördert. Die Zeitlage war ihnen außerordentlich günstig, ebenso günstig wie den Juden Südfrankreichs. Von Verfolgungen weiß die Geschichte ans dieser Zeit nichts zu erzählen, mit Ausnahme eines einzigen Falles, daß die Juden aus Bologna vertrieben wurden (1171 ff. Der kluge Papst Alexander III. war ihnen gewogen ff und hatte einen gewandten jüdischen Finanzverwalter an R. Jechiel b. Abraham aus der Familie dei Mansi ('^narvim), einen Neffen jenes Nathan, der als Verfasser des Aruch einen wohlklingenden Namen hat. Bei dem Einzuge dieses Papstes in Rom nach seiner mehrjährigen Verbannung wegen eines Gegenpapstes zogen ihm auch die Juden mit der Thorarolle und mit Fahnen entgegen, und die Jahrbücher verfehlten nicht, solche dem Papste von Seiten der Juden erwiesene Ehren zu vermerken ff. Sie ff Noch handschriftlich in der Münchener Bibliothek vorhanden. ff Vergl. Note 10. ff ll?ossatot Xbocla Lara 76. ff 8. 1). Im^alto in Xsrsin Oksrvsä VII. x>. 69. ff 8stsr lra-llasolrar scl IVisn p. 74 a ff 6-lriraäaooi, istoria äl LoloAira I. p 91. ff Note 1, IV. ff Llnratori, Xntigu.it, at. clisssrtatio XVI. x. 896. Die Juden in Italien. 237 waren geehrt und hatten keinerlei Abgaben, keine Judeustener, zu leisten i). Alexanders günstige Gesinnung für die Inden zeigte sich besonders in den Beschlüssen des großen Concils in der Lateran- kirchc (1179),' bei welchem mehr als 300 Kirchenfürsten anwesend waren. Mehrere judenfeindliche Prälaten gedachten bei dieser Gelegenheit gehässige Gesetze gegen das Haus Jakob durchznsetzen. Die Inden, welche Kunde von dem feindseligen Geiste hatten, lebten in banger Besorgniß, und in vielen Gemeinden wurde ein dreitägiges Fasten und Beten angeordnet, damit der Himmel die Bosheit der Menschen vereitele. Was im Innern der großartigen Kirchenversammlung vorging, hat das Ohr der Geschichte nicht vernommen. Aber die endgültigen Beschlüsse legen Zengniß ab, daß der milde Sinn der Duldung den Sieg über die Verfolgungssucht davon getragen hat. Verboten wurde den Inden ans diesem Concil lediglich, christliche Dienstboten zu halten, oder eigentlich nur ein altes Kirchenverbot erneuert. Dagegen wurde besonders hervorgehoben, daß sie nicht mit Gewalt zur Taufe geschleppt, nicht ohne richterliches Urtheil angegriffen, nicht beraubt und nicht in ihren religiösen Feierlichkeiten gestört werden dürfen. Die Beschränkung eines Rechts der Inden, daß fortan auch Christen znm Zengniß gegen Juden zugelassen werden sollten, was gewiß nur billig ist, wurde durch Gründe entschuldigt: Denn es sei doch nicht in Ordnung, daß die Juden, welche eigentlich den Christen unterthänig sein sollten und nur aus reiner Menschenliebe geduldet werden, in diesem Punkte einen Vorzug vor den Christen genießen sollten, da doch ihr Zengniß gegen Christen Gültigkeit hat^j. Wie sehr sticht diese Auseinandersetzung ab gegen jenes byzantinische Gesetz und den Beschluß des westgothischen Concils, daß die Juden kein Zengniß gegen Christen ablegen dürfen! Nicht etwa war der Geist der Kirche in dem halben Jahrtausend milder geworden, sondern die Juden hatten sich Achtung abgernngen, und darum wagten die Vertreter des Christenthnms nicht, den Satz zu wiederholen: „Nicht kann der wahrhaft sein gegen Menschen, der gegen Gott, d. h. gegen den christlichen Gott, ungläubig ist." In Süditalien, im Neapolitanischen und auf der Insel Sicilien unter der Normannenherrschaft, waren die Juden noch weniger beschränkt. Roger II. und Wilhelm II. bestätigten ihnen ausdrücklich das Privilegium, daß sie, ebenso wie die Griechen und Saracenen, nur nach ihren Gesetzen gerichtet werden dürfen ^). In Messina ') Benjamin von Tudela. ^ Note 1, IV. Vergl. Ersch und Grubcr, allgemeine Encyclopädie Lsotäo II. B. 27, S. 142. Raumer, Geschichte der Hohenstaufen III. 486. 238 Geschichte der Juden. genossen sie Gleichberechtigung mit den Christen und wciren amts- fähig. Ein Günstling, Minister und Admiral des Königs Roger von Sicilien, Namens Philipp, hatte eine Zuneigung zum Judenthum und besuchte öfter die Synagogen, spendete Oel für deren Beleuchtung und lieferte überhaupt Gelder zur Bestreitung der Ge- meindebedürfuisse Z. Samen einer höher» Cultur waren damals vielfach in Italien ausgestreut in Folge der engen Verbindung mit dem Morgenlande während der Kreuzzüge und der Einwanderung der Griechen und Araber ins Königreich Neapel. Die Juden, welche eine besondere Gewandtheit haben, sich fremde Sprachen anzueigneu, sprachen auch, neben der Landeszunge und dem Hebräischen, das Arabische und Griechische"). Ter geniale Jbn-Esra hat durch seinen Aufenthalt in Rom, Lucca, Mantua und anderswo eine höhere Auffassung der heiligen Schrift und des Judenthums gelehrt. Sein Jünger Salomon b. Abraham Parchon aus Calatajud hielt sich eine Zeitlang in der Universitätsstadt Salerno auf und gab sich Mühe, die Italiener mit den Ergebnissen der hebräischen Sprachforschung und der Bibelexegese bekannt zu machen, „weil sie gar so unwissend in diesen Fächern waren," und verfaßte zu diesem Zwecke ein hebräisches Lexikon (1160 ^). Aber alle diese Anregungen waren für die italienischen Inden ohne Wirkung. Sie blieben in ihrer Unwissenheit, und die jüdische Literaturgeschichte hat bis zur zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts auch nicht das geringste Zeugniß eines Schriftstückes von einem italienischen Juden anfzuzählen. Das Land, von welchem später die Verjüngung der neuhebräischen Poesie ausging, hatte in dieser Periode nicht einen hebräischen Dichter aufzuweisen, wenn nicht etwa ein Joab b. Salomo in Rom identisch ist mit dem Dichter Joab, von dem mehrere liturgische Gebetstücke vorhanden sind, die nicht ganz der Schönheit entbehren^). Dem Umstande, daß die nord- und mittelitalischen Städte größtentheils Handel trieben, ist es Wohl zuzuschreiben, daß sie nicht so zahlreich von Juden bevölkert waren, als die süditalischen. Die ') Uomnaläus Lalsirribarms Ollroniaon bei Nurabori rsrnm ibali- oarnm sarixtorss 1. VII. p. 194: L^naAvAas ms.1iAria.rwi.niii t'rsgnsrwius visitabat (ptiilixxns UoAsri UniniaUus) sb sis olsnm aä ocmainiiariüs. iuminäria sb gnas srab nsosssaria ministrabat. 2) Folgt aus Zidkija's Lvbibols Uslrst Ns. mitgetheilt in Zion l. x>. 110 Note 21. 3) Naolibsrsb lla-^rnoll (herausgegeben von S. G. Stern, Prehburg 1843), vergl. Einl. und Schluß des Werkes. U Vergl. darüber Zunz' Analekten in Geiger's Zeitschrift III. Sachs, religiöse Poesie der Juden in Spanien 329 und Landshut, ^.mucis L.bocls.1. 81. Die Juden im byzantinischen Reiche. 239 großen christlichen Handelshäuser, welche in, Bürgerrathe entscheidende Stimme hatten, mochten die Concurrenz der Inden nicht zugelassen haben. In Genna wohnten nur zwei jüdische Familien, die vor der Verfolgung der Almohaden in Afrika von Centn dahin übergesiedelt waren. Pisa, Lucca, Mantua hatten nur kleine Gemeinden. Die größten bestanden in Rom von 200 Familien, und in Venedig von 1300 Seelen, nach einer Liste vom Jahre 1152 *). Dagegen wohnten in Neapel 500, in Capua 300 Familien, und sie waren wohl gelitten und geehrt. Die neapolitanische Gemeinde hatte einen Vorsteher, R. David, an der Spitze, welcher den Titel Fürst (prinoipino) führte. In Benevent bestand eine Gemeinde von 200, in Salerno von 600, in Trani von 200, in Tarent von 300, in Otranto von 500 Familien. In der Hafenstadt Brnndisium wohnten dagegen nur 10 jüdische Familien, welche Färberei trieben. Noch zahlreicher waren die jüdischen Gemeinden auf der Insel Sicilien. In Messina lebten 200 und in der Hauptstadt Palermo 1500 Familien, allerdings verstärkt durch die griechischen Inden, welche König Roger bei seinen Eroberungen dahin verpflanzt hatte, um durch sie den Seidenbau in seinen Staaten heimisch zu machen"). Wenn man damals von Brnndisium über das Adriatische Meer setzte, landete man im byzantinischen Reiche. Hier gab es zahlreiche und bevölkerte jüdische Gemeinden, namentlich im eigentlichen Griechenland, in Thessalien, Macedonien, Thracien. In Arta (oder Lartaj wohnten 100 Familien, deren Vorsteher, kurios genug, Rabbi Herakles hieß, in Lepanto ebensoviel, in Crissa am Fuße des Parnaßberges 200, welche Ackerbau trieben. In Korinth wohnten 300 Familien, in Negroponte 200, in Jabnstrissa 100, in Rovinaca ebensoviel, in Armiros 400, in Vissena 100, in Saloniki 500, welche einen eigenen jüdischen Bürgermeister (Lpdoros) hatten, der vom griechischen Kaiser eingesetzt war. In Rodosto lebten 400 jüdische Familien, in Gallipoli 200, auf der Insel Mytilene waren zehn Gemeinden, auf Chios 400 Familien, ans Samos 300, auf Rhodns ebensoviel und auf Cypern mehrere Gemeinden, unter denen auch eine, welche den Sabbat nicht mit dem Abend, sondern mit dem Morgen zu feiern begann und bis zum Sonntag Morgen fortsetztc. Die bedeutendsten Gemeinden im griechisch-byzantinischen Reiche waren die von Theben und Constantinopel, in beiden beinahe 2000 Familien, die letztere hatte noch außerdem 500 Karäer. Die Thebaner Juden *) dalltoioll rasmoris vsnsts II. blo. 874. Das Uebrige nach Benj. von Tudela. 2) Bei Pertz, Nonarasata. Osvino.nias x. !92 240 Geschichte der Juden, waren die geschicktesten Seiden- und Purpurfabrikanten von ganz Griechenland. Es gab unter ihnen auch viele Talmudkundige, sie nur die Gelehrten der Hauptstadt als Ebenbürtige anerkannten. Die Juden Constautinopels wohnten in der Borstadt Pera, in einem abgeschlossenen Ghetto, das Stenon oder Stanor hieß; es gab unter ihnen reiche Kaufleute, Seidenfabrikanten und Talmudgelehrte. Eine Mauer trennte die Rabbaniten von der karäischcn Gemeinde in Constantinopel. Wenn das byzantinische Reich in seiner Blüthezeit unter Justinian und Alexius die Juden verachtete und demüthigte, so war es in seiner Schwäche und Hinfälligkeit, als es in den letzten Zügen röchelte, nicht milder gegen sie gestimmt. Der Grundsatz, welcher in das Gesetzbuch ausgenommen wurde: die Juden und Ketzer sollen zu keiner Kriegscharge, zu keinem Amte zugelassen, sondern aus's äußerste verachtet werden (B. V. ^S. 18), ist unter allen wechselnden Gesetzen dieses launenhaftesten aller Reiche am meisten streng und consequent ausgeführt worden. Die reichen und armen, die guten und schlechten Juden wurden von den Griechen gleicherweise auf's Tiefste gehaßt. Kein Jude durfte ans einem Rosse, dem Zeichen des freien Mannes, reiten; nur ausnahmsweise gestattete es der Kaiser Emanuel seinem Leibarzte, Salomo demEgypter. Der erste beste Grieche durfte sich herausuehmen, Juden öffentlich zu mißhandeln, oder gar sie als Sklaven zu behandeln; das Gesetz schützte sie nicht. Das von jeher geldgierige Byzanz legte ihnen die drückendsten Steuern auf. Sie erduldeten diese beschimpfende Behandlung mit Märtyrerglcichmuth, waren darum nichtsdestoweniger mildthätig gegen Arme und reich an Tugenden Z. Aber der Geistespflege konnten die griechischen Juden nicht obliegen. Nicht einer ihrer Talmudkundigen hat seinen Namen durch irgend ein Werk verewigt. Wohl gab es unter ihnen hebräische Verskünstler, aber ihre Dichtungen waren unschön, „hart wie Laststeine, ohne Geschmack und Duft". „Sie waren nicht eigen in der Wahl der Wörter, vermischten Blumen mit Dornen, Perlen mit gemeinen Steinen, Weizen mit Unkraut." So urtheilt der sinnige und unparteiische Kunstrichter Charisi von den jüdisch - griechischen Dichterlingen der Zeit. Nur den Versen eines einzigen jüdischen Dichters M ichael b. Kaleb von Theben gesteht er einige Anmnth zu und erklärt es daraus, daß derselbe die Verskunst in Spanien erlernt hatte'). In Kleinasien, Syrien und Palästina konnte die jüdische Einwohnerzahl einen statistischen Maßstab abgebeu für das Berhältuiß st Benj, von Tudcla und Charisi Dnollksiuoni Pforte 18. st In 1s.olltrsmolü Pforte 18. In Palästina. 24t der Duldung im Christenthuin und Islam. So weit das Kreuz in diesen Gegenden herrschte, gab es wenige und gering bevölkerte jüdische Gemeinden, wo aber der Islam herrschte, gab es deren viele und diese waren zahlreich bevölkert. In Antiochien, das einem christlichen Fürsten gehörte, lebten nur zehn Familien, fast alle Glasarbeiter; in Lega (Laodicea) 200, in G'ebilS, das den Genuesern gehörte, 150, in Bairut (Berytus) 50, in Saida (Sidon) 10; nur in Tyrus war eine Gemeinde von 400 Mitgliedern, und die Juden besaßen daselbst Aecker und durften sogar Schifffahrt betreiben. An ihrer Spitze stand R. Ephraim (aus Kahira). Dagegen wohnten in Haleb (Aleppo), das durch den großen mohammedanischen Fürsten Nureddin zur zweiten Hauptstadt nächst Bagdad erhoben wurde, 1500 jüdische Familien, und es gab unter ihnen viele wohlhabende und bei Hofe angesehene Männer. Hier lebte der hebräische Dichter Jehuda b. Abbas, der Freund des Dichterfürsten Jehuda Halevi, der wegen des Religionszwanges von Feß hierher ausgewandert war ^). Eine große Gemeinde war auch in Hama (Hamat), die aber in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die meisten Mitglieder durch ein Erdbeben verloren hatte. In der Gegend des alten Palmyra wohnten beinahe 2000 jüdische Familien, deren Männer kriegerisch waren und öfter Fehden mit Christen und Mohammedanern führten. Die Gemeinde von Damaskus zählte 3000 Mitglieder^) und unter ihnen viele gelehrte Talmndisten und einen namhaften, Joseph b. Pilat^), welcher wohl aus Frankreich stammte und mit Abraham b. David von Posquisres H in gelehrter Correspondenz stand. In Damaskus gab es auch eine > karelische Gemeinde von etwa 200 und eine samaritanische von 400 Familien, die obwohl sie sich miteinander nicht verschwägerten, doch mit den Rabbaniten in friedlichem Verkehr lebten. — In ganz Palästina, das in christlichen Händen war, wohnten kaum mehr als 1000 Familien. Die größten Gemeinden von 300 Mitgliedern waren damals in Toron de los Caballeros, in Jerusalem und in Askalon, in den wichtigsten Städten Jndäa's wohnten dagegen nur je 200 Juden. Die jüdischen Bewohner Jerusalems trieben meistens Färberei, die sie von dem christlichen Könige pachteten; sie wohnten am Ende der -st Munk, dlotivs sur llossxll b. llsbucls. p. 8 Note, st Nach Benj. von Tudela, nach Petachja gar 10000. st Die Literaturhistoriker versetzen ihn nach Südfrankreich und machen ihn gar zum Lehrer des Abraham b. David von Posquitzres. Allein Benj. von Tudela traf ihn um 1170 in Damaskus (p. 48) als Vorsteher des Lehrhanses. Joseph b. Pilat stand vor 1177 in Correspondenz mit Maimuni (kssxonsa. l?ssr bn-Oor Nr. 18) sicherlich von Damaskus und nicht von Südfrankreich aus. — Die Aussprache 1?ilud ergiebt sich aus Lssx. illönaiirl Os'iin Nr. 40. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 16 242 Geschichte der Juden. Stadt, im Westen des ehemaligen Zionsberges. Zwischen 1169 und 1175 wurden sie sämmtlich bis auf einen Einzigen daraus vertrieben (wahrscheinlich unter dem unmündigen und aussätzigen Schattenkönig Balduin IV.), und dieser Einzige mußte die Färbereipacht mit hohen Steuern bezahlen fl. Die in Laster versunkenen Christen Jerusalems glaubten, die heilige Stadt werde durch die keuschen Juden entweiht werden. In Askalon wohnten damals 300 Samaritaner- und 40 Karäer- Familien. In Cäsaräa, das früher mehrere Tausend Juden beherbergte, wohnten damals nur 10 jüdische Familien, aber 200 Samaritaner. Von dieser Sekte wohnten auch viele in ihren Stammsitzen Samaria und Na plus (Sichem), aber kein rabbanitischer Jude unter ihnen. Kleinere Gemeinden von 50 gab es in Tiberias und Ulamma, 20 in Giskala, 22 in Betlehem, in den übrigen Städten zu drei und eine Familie. So war das Erbe Israels Fremden zugewendet. Die jüdischen Bewohner Judäas vegetirten mehr, als daß sie lebten' nicht einmal das Talmudstudium wurde von ihnen gepflegt. Nur Akko hatte einige Talmudgelehrte, einen R. Zadok und R. Jephet b. Elia, die wohl Eingewanderte waren. Ueberhaupt siedelten gerade in dieser Zeit viele Juden aus Europa und namentlich aus Südfrankreich nach Palästina über, und diese genossen vermöge ihrer geistigen Ueber- legenheit über die jüdischen Urbewohner eine solche Anerkennung, daß sie diesen den Brauch aufuöthigten, das Neujahrsfest zweitägig zu feiern, welches sie bis dahin seit uralter Zeit gleich den übrigen Festen nur eintägig zu begehen pflegten fl. Sähe mau lediglich auf die Menge und äußerliche Geltung und nicht auf die Geisteskraft, so müßte man den asiatischen Landstrich an den Zwillingsflüssen Euphrat und Tigris als Hauptsitz des Judenthums ausehen. Hier gab es noch immer Gemeinden, die zn Tausenden zählten. Die ehemaligen akademischen Städte Nahardea, Sura, Pumbadita waren zwar verschwunden, an ihrer Stelle hatten sich aber die Gemeinden von Bagdad und Moßul (Neu-Ninive genannt) zu tonangebenden für ganz Asien erhoben. Die Bagdadcr Gemeinde zählte 1000 jüdische Familien fl mit vier Synagogen und lebte in unangefochtener Ruhe, wie in den besten Zeiten des Chalifats. So frei fühlten sich die Juden dieser Gegend damals, daß sie es wagen durften, den mohammedanischen Ausrufer in einer Moschee in Madain (unweit Bagdad), welcher das Gebet der Juden wegen der Nähe der fl Folgt aus Vergleichung der Angaben bei Benj. von Tudela und bei Petachja, vergl. Charisi a. a. O. Pf. 28. fl Serachja Halevi in Naor zu 4om ll?ob. I. fl Beide zeitgenössische Touristen geben dieselbe Zahl an. Die Juden im Chalifat. 243 Synagoge störte, in seinem Amte hindern zu wollen *). Der Chalife Mohammed Almuktafi (1136 — 1160), selbständiger als sein Vorgänger, hatte einen angesehenen und reichen Juden Salomo (Chasda'i'?2) liebgewonnen, räumte ihm wieder die Würde des Exil- archats ein und ernannte ihn zum Fürsten über sämmtliche Inden des Chalifats. Der Exilsfürst durfte sich mit fürstlichem Gepränge umgeben, auf einem Rosse reiten, seidene Stickereien und einen Ehren-Turban tragen, von einer Ehrenwache sich begleiten lassen und ein officielles Jnsiegel führen. Erschien er öffentlich oder begab er sich zur Audienz, so war Jedermann gehalten, Juden und Mohammedaner, vor ihm aufzustehen, bei Strafe der Bastonade; ein Herold ging vor ihm her mit dem Rufe: „Machet Platz für unfern Herrn, den Sohn Davids." Der Exilarch ernannte und bestätigte die Rabbinen, Richter und Vorbeter im Gebiete des Chalifats von Persien bis nach Chorasan und dem Kaukasus hin und bis nach Jemen, Indien und Tibet. Er bestellte diese Beamten durch ein Diplom, mußte aber dafür Ehrengeschenke bekommen. Jeder Jude in diesen Ländern war verpflichtet, ihm eine Kopfsteuer zu zahlen; außerdem hatte er Einnahmen von Marktplätzen und Waren. Einen Theil davon mußte der Exilsfürst jedoch dem Chalifen abliefern. So erhob sich das Exilarchat wieder zum Glanze der Bostanaischen Zeit. — Auch ein bedeutendes Lehrhaus für das Talmndstudium entstand wieder in Bagdad, dessen Vorsteher sich wieder den Titel Gaon beilegte. Isaak Jbn-Saknai, der gegen Ende des elften Jahrhunderts von Spanien nach dem Orient eingewandert war (o. S. 63), scheint das Interesse für die talmudische Gelehrsamkeit in diesen Kreisen wieder geweckt zu haben. Der Exilarch Salomo (Chasda'i?) war selbst gelehrt im Talmud. Vorsteher des Lehrhauses, welches wieder eine zahlreiche Zuhörerschaft hatte, war damals R. Ali. — Die Stadt Akbara im Kreise Bagdad's hatte 10000 Juden, aber sie hatte keine besondere Bedeutung. Die Gemeinde von Moßul war noch bedeutender, als die zu Bagdad. Sie zählte beinahe 7000 Familien Diese Stadt wurde durch den Helden Zenki, den Vater des großen Nureddin — beide der Schrecken der Christen — zur Hauptstadt erhoben, und da Zenki kein Feind der Inden war, so genossen sie unter ihm ausgedehnte Freiheiten. Die arabischen Geschichtsschreiber erzählen folgenden Zug von ihm. Als er einst mit seinem Heere nach der Stadt G'esirad- ul-Omar (am oberen Tigris) kam, wo 4000 jüdische Familien wohnten, st Jbn-Alathir schwedische Uebersetzung II. x. 352. 2) Vergl. Note 10. st Beide Touristen übereinstimmend 244 Geschichte der Juden. die eine noch von Esra erbaute Synagoge zu besitzen glaubten, nahm er in dem Hause eines Juden Quartier. Sein Wirth klagte ihm über die Verarmung der Stadt durch die häufigen Kriegszüge. Darauf verließ Zeuki die Stadt und ließ sein Heer vor den Thoren in Zelten lagern Z. Seine Nachfolger, seine Söhne Saif-Eddin Ghasi (1146 —1149) und Kotbeddin (1149 — 70) hegten dieselbe freundliche Gesinnung gegen die Juden. An der Spitze der Moßuler Gemeinde stand ein Mann, der sich ebenfalls als Nachkömmling des davidischen Hauses ausgab, Namens Sakkal, der in Folge dessen den Titel „Fürst" führte. Er theilte aber seine Befugnisse mit einem andern, Namens Joseph, welcher als ein ausgezeichneter Astronom galt, den Ehrentitel: „tiefer Kenner des Himmelskreises"^) führte und im Dienste des Fürsten von Moßul stand. Die jüdischen Bewohner von Neu-Ninive (Aschur) galten als die unwissendsten unter den Indens, und selbst im Talmud waren sie nicht heimisch. — Nördlich von Moßul im karduchischen Gebirge oder dem Gebirge Haftan gab es viele und reich bevölkerte Gemeinden, die zum Theil im Drucke unter den Sultanen und Persien, zum Theil aber frei lebten und wild waren, wie das Waldgebirge, auf dem sie hausten. Diese freien Juden im Lande Adher-Baigan (Aserbeidsan) führten die Waffen, standen mit den dort hausenden, fanatischen Assassinen in freundschaftlichem Verkehr, waren Jedermanns Feind, der nicht zu ihren Glaubens- und Bundesgenossen gehörte, stiegen öfter in die Niederung hinab, um Beute zu machen, waren selbst für Angriffe unzugänglich und lebten in naturwüchsiger Ursprünglichkeit, ohne Kenntniß ihrer Religionsguellen. Die Rabbinen, welche ihnen der Exilarch zusandte, nahmen sie an und richteten sich nach deren Aussprüchen. Da trat mit einem Male unter ihnen ein ehrgeiziger und gewandter Mann auf (um 1160), welcher die Kriegstüchtigkeit, den Muth und die Unwissenheit dieser Juden ausbeuten wollte, zu einem Zwecke, der nicht mehr bekannt ist. Dieser Mann, Namens David Alrui (Alroy) oder Jbn-Alruchi (ArruchiZ hat zu seiner 9 Jbn-Mathir a. a. O. S. 147. 2) Uarillan. sl-Ualaoll, zweimal bei Benj. von Tudela. 9 Charisi Naobllsrnoni Pf. 46. 9 Vergl. Note 10. Der Führer der Tory-Partei in England, Benjamin d'Jsraeli, nahm ihn zum Helden eines Romans „Alroy", in's Deutsche übersetzt von Clara Mai. Darin läßt der Verfasser die Schwester Alrui's diesem die Worte zusprechen: „Vielleicht wird eines Tages ein Dichter, in dessen Adern das Blut unseres Volkes fließt und den unser Schicksal begeistert, seine Harfe rühren und Deinen nur zu lange vergessenen Namen feiern". D'Jsraeli's Roman ist zwar von geschichtlicher Treue weit entfernt, giebt aber die Stimmung der Zeit sehr treu wieder. David Alrui. 245 Zeit viel von sich reden gemacht und gab in neuerer Zeit einer poetischen Feder Stoff zu einem aumuthigen Roman. Dieser junge Mann aus Amadia, von schöner Gesichtsbildung, Hellem Geiste und hohem Mnthe hatte sich in Bagdad unter dem Exilssürsten und Ali tiefe Kenntnisse in Bibel und Talmud, sowie in der arabischen Literatur angeeignet. Bei seiner Rückkehr nach Amadia, das seine Vaterstadt gewesen zu sein scheint, staunten nicht bloß die Juden seine Kenntnisse an, sondern auch der Befehlshaber der Stadt, Namens Zain-Eddin faßte eine solche Zuneigung zu ihm, daß er oft mit ihm verkehrte. Die gewaltigen Kriegsunruhen in Asien, die in Folge der Schwäche des Chalifats und der Kreuzzüge die Länderstrecken bis nach Kleinasien zum Tummelplatz der verschiedensten Völkerschaften machten, die Getheiltheit der Regierung zwischen dem schwachen Chalifen, seinen Wesiren und Feldherrn, dem Seldschukischen Sultan, dem Atabeken (militärischen Erzieher des Prinzen) und den Emiren, von denen jeder eine eigene Rolle spielte und ans Eroberung und Verstärkung ausging, die Leichtigkeit, mit der sich untergeordnete Personen, wie Nureddin und Saladin, zu gewaltigen Eroberungen emporgesckiwnngen, dieses Alles ermuthigte David Alrui, seinerseits eine politische Rolle zu spielen. Er wollte aber seine Stamm- und Religionsgenossen, von denen manche in seiner Nähe kriegstüchtig waren, zu Bundesgenossen für seinen Plan gewinnen. Dieses vermochte er nur, wenn er nationale Gefühle wach rufen konnte. David oder Menahem b. Salomon (wie er auch genannt wurde) erließ daher einen begeisterten Aufruf an die Juden Asiens, er sei von Gott erweckt, sie vom Joche der Mohammedaner zu befreien und nach Jerusalem zu führen. Zu diesem Zwecke sollten sie ihn unterstützen, mit den Völkerschaften Krieg zu führen. Er machte auf gewisse Zeichen der Zeit aufmerksam, welche dem Unternehmen einen günstigen Erfolg versprachen, scheint sich aber durchaus nicht als Messias ausgegeben zu haben. Zunächst hatte es David Alrui ans die feste Burg in Amadia abgesehen, die ihm als Stützpunkt für seine Unternehmungen dienen sollte. Zn diesem Zwecke schrieb er an die Inden Adherbaig'ans, Moßnls und Bagdads, sie sollten in großen Massen nach Amadia kommen, und unter ihren Gewändern sollten sie Schwerter oder andere Kriegswerkzeuge tragen. In Folge dessen trafen sehr viele Inden, welche ihn für den verheißenen Messias hielten, zu einer bestimmten Zeit mit verborgenen und gewetzten Waffen in dieser Stadt ein, und der Befehlshaber schöpfte Anfangs keinen Verdacht, weil er glaubte, diese große Menge sei von dem Rufe Alruis als Gelehrten angezogen worden. 246 Geschichte der Juden. An diesem Punkte verläßt uns die Geschichte, und wir sind auf die Sage angewiesen, welche den Faden folgendermaßen fortspinnt: Auf eine Einladung des persischen Sultans sei David Alrui vor ihm ohne Begleitung erschienen, habe freimüthig gestanden, daß er König der Juden sei, und wäre in Folge dessen in Taberistan eingekerkert worden. Während der Sultan sich aber berieth, welche Strafe er über ihn und seinen Anhang verhängen sollte, sei Alrui Plötzlich in der Rathsversammlnng erschienen und habe auf das Erstaune» der Anwesenden geäußert: vermöge seiner Geheimkünste habe er sich aus dem Kerker befreit, und er fürchte weder den Sultan, noch seine Diener. Als der Sultan ihn wieder habe ergreifen lassen wollen, habe jener sich unsichtbar gemacht, habe auf diese Weise einen Fluß überschritten, ohne gefangen werden zu können und habe endlich die Strecke von zehn Tagereisen bis Amadia in einem Tage zurückgelegt. Da die Juden den verloren Geglaubten plötzlich wieder erscheinen gesehen, und er ihnen seine Abenteuer erzählt, seien die Machthaber in Schrecken vor ihm geraten, und der Sultan habe dem Chalifen beordert, den Vertretern der Judenheit in Bagdad zu bedeuten, falls sie nicht David Alrui von seinem Vorhaben abbrächten, würde er sämmtliche Juden seines Reiches über die Klinge springen lassen. Unter den Juden Bagdads hatte die Schwärmerei für David besonders um sich gegriffen und gab zwei Betrügern Gelegenheit, die unwissende Volksmenge um ihre Habe zu bringen. Sie zeigten angeblich Briefe von dem Helden von Amadia vor, Worin die Erlösung auf eine bezeichnet Nacht festgesetzt wurde. Die zwei Betrüger redeten nun den Schwärmern vor, sie würden in jener Nacht sämmt- lich einen Flug von Bagdad nach Jerusalem antreten, und sie sollten zu diesem Zwecke auf ihre Dächer steigen, grüne Gewänder anziehen und die Stunde erwarten. In der sichern Erwartung der Erlösungsstunde übergaben die Bethörten ihre Habe den beiden Männern zur würdigen Verkeilung unter die Armen. Die Nacht erschien, die Menge war ans den Dächern in gespannter Erwartung versammelt, Frauen weinten, Kinder schrieen, Alle bewegten sich ungeberdig, um das Fliegen zu versuchen, bis der Anbruch des Tages ihnen die Augen über ihre Leichtgläubigkeit öffnete. Die Betrüger hatten sich mit dem ihnen anvertrauten Vermögen davon gemacht. Die Bagdader nannten diese Zeit „das Jahr des Fliegens (Aom el-Tajaran)" und berechneten fortan die Vorgänge der Zeit nach diesem Ereignisse. Der Exilsfürst und der Vorsteher des Lehrhauses in Bagdad erachteten es als ihre Pflicht, theils wegen der überhand nehmenden Schwärmerei und theils wegen der angedrohten Strafe, sich an David David Alrui. 247 Alrui zu wenden, und ihn unter Androhung des Bannes von seinem Plane abznbringen. Auch die Vertreter der Gemeinde von Moßul, Sakkal, und Joseph Barihan Alfalach, schrieben ihm in demselben Sinne, bis endlich der mohammedanische Befehlshaber von Amadia, dem am Meisten daran lag, sich seiner zu entledigen, den Schwiegervater des Alrui gewann, ihn schnell aus dem Wege zu räumen. Dieser tödtete ihn im Schlafe, und damit hatte die Bewegung ein Ende. Der Sultan verhängte aber eine Verfolgung über die Inden derjenigen Länder, welche Alrui anhingen, und es kostete dem Exilsfürsten Mühe, dessen Zorn durch hundert Talente Goldes zu beschwichtigen. Wie es in der Regel geht, daß ein Messias nach seinem Tode erst recht Glauben und Verehrung erwirbt, so hingen auch viele Juden der Gemeinden von Khoj, Salmas, Taris und Maragha in Adherbaig'an dem getödteten Alrui an, nannten sich Menahemisten und schwuren bei seinem Namen. Ein unabhängiger, kriegerischer jüdischer Stamm wohnte damals östlich von Taberistan in der Landschaft Chorasan ans dem Hochgebirge bei Nischabur. Dieser Stamm zählte viele Tausend Familien und wurde von einem jüdischen Fürsten Namens Joseph Amarkala Halevi regiert. Diese Juden von Nischabur hielten sich für Abkömmlinge der Stämme Dan, Zebnlon, Ascher und Naphtnli. Sie trieben Viehzucht in den Thälern und an den Bergabhängen, waren gute Bogenschützen, hatten in ihrer Mitte talmudkundige Männer und standen in Bündniß und friedlichem Verkehr mit den türkischen Horden der Ghirsen, welche an den Ufern des Oxusflusses zwischen Balch und Bochara hausten, öfter Kriegszüge machten und der Schrecken der civilisirten Völker waren. Als die Ghusen einst wieder Verheerungen angerichtet hatten, unternahm der Seldschukensultan Singar Schahin- Schah eine Expedition gegen sie (1l53). Sein Heer verlor aber den Weg in den Wüsteneien und verminderte sich durch Hunger und Erschöpfung von Tag zu Tag mehr. Endlich kam Singar in das Gebiet der freien Juden und verlangte von ihnen Nahrungsmittel und freien Durchzug zum Gebiet der Ghusen. Die Juden entgegncten darauf, sie seien Niemandem weiter Gehorsam schuldig als ihrem eigenen Fürsten und seinen Bundesgenossen, den Ghusen, und sie würden deren Feinde als ihre eigenen Feinde behandeln. Schon rüsteten sie sich zum Kampfe, als Singar ihnen melden ließ, wenn sie seine Wünsche nicht befriedigten, würde er bei seiner Rückkehr sämmtliche Juden seines Landes hinrichten lassen. Diese Drohung machte Eindruck. Die Führer der Juden gingen darüber zu Rathe, und der Beschluß war, das Heil der fernen Brüder nicht auf's Spiel 248 Geschichte der Juden. zu setzen, sondern dem Seldschuckenheer Lebensmittel zu reichen, zugleich aber auch den Ghusen einen Wink von der ihnen drohenden Gefahr zu geben, damit sie gerüstet seien. In Folge dessen wurde Singar's Heer, das weiter vordrang, von den türkischen Horden geschlagen, und der Führer selbst gerieth in deren Gefangenschaft, in der er drei Jahre zubringen mußte. Ein Jude von diesem freien Stamme, Namens Mose, wurde in diesem Kriege von einem Perser verlockt, sein Vaterland zu verlassen und sich ihnen anzuschließen. In der Hauptstadt Jsfahan angekommen, wurde dieser Mose von dem schlauen Perser zum Sklaven erklärt. Bei Gelegenheit eines Wettschusses zeichnete sich Mose aber in der Handhabung des Bogens so sehr aus, daß er vor den Sultan geladen wurde. Dort fand er Gelegenheit, von dem betrügerischen Verfahren des Persers gegen ihn zu erzählen, erhielt seine Freiheit wieder und wurde reich beschenkt. Der Sultan eröffnete ihm die Aussicht auf eine hohe Stellung, wenn er zum Islam übertreten wollte. Allein Mose blieb seiner Religion treu und erhielt die Tochter eines der angesehensten Inden von Jsfahan zur Frau *). — Die Gemeinde von Jsfahan zählte damals 15 000 Juden und an ihrer Spitze stand R. Sar-Schalom, welcher vom Exilsfürsten zum Rabbinen über sämmtliche Gemeinden Persiens ernannt war. In der zweiten persischen Stadt, in Hamadan, soll es 50000 Inden und in Schiras 10 000 gegeben haben. In der ehemaligen Stadt Susa, damals Tuster genannt, gab es (um 1170) noch 7000 Juden, welche an beiden Seiten des Flusses wohnten. Die Gemeinde hatte vierzehn Synagogen, und bei einer derselben zeigte man das Grab Daniels. Da nun auf der einen Seite des Flusses die Märkte der Stadt lagen, und die andere von allem Verkehr entblößt war, die Juden auf jener Seite also wohlhabender waren, als die diesseitigen, so schrieben die Letzteren ihre Armnth dem Umstande zu, daß sie nicht im Besitze des Daniel-Grabes seien, und verlangten dessen Sarg. Jene mochten ihn aber nicht freiwillig missen; es entstanden daher Fehden und blutige Kämpfe unter den zwei Gemeinden, bis eine Einigung zu Stande kam, daß der Sarg abwechselnd ein Jahr in dem diesseitigen und das andere im jenseitigen Stadttheile weilen sollte. Mit vielem Pomp, unter Begleitung der jüdischen und mohammedanischen Bevölkerung wurde die jedesmalige Uebersiedlung des Sarges bewerkstelligt. Als einst der Sultan Singar nach Susa kam und die Procession der Uebersiedelnng gewahrte, fand er es unwürdig, die Gebeine des Frommen solchergestalt zu stören, und befahl, den Sarg in gleicher Entfernung i) Benj. von Tudela x. 84 — 88. von beiden Stadttheilen anzubringen. Da MIN der Fluß die Mitte bildete, so wurde der Sarg an Kette.i hängend angebracht, und unter demselben wagte Niemand zu fischen ^). Indessen vermochte der Daniel- Sarg die Gemeinde nicht zu schützen. Zur Zeit als Petachja aus Regensburg dort war (um 1180), wohnten nur zwei Juden als Färber in Susa. Die Veranlassung ihrer Verminderung ist nicht bekannt. Während es im Norden des Schwarzen Meeres und auf der Krim nur Karäer gab, welche in grauenhafter Unwissenheit lebten, von der rabbanitischen Lehre, als ihrem Gegensätze, gar keine Ahnung mehr hatten, vor dem Sabbat sogar das Brod klein schnitten und am Abend des Sabbat im Dunkeln weilten, waren die Rabbaniten verbreitet bis Chiwa, wo eine Gemeinde von 8000 Familien wohnte, und bis Samarkand, welche 50 000 Juden zählte, an deren Spitze R. Obadia stand. Von den Gemeinden in Indien berichtet der Reisende dieser Zeit nur, daß es daselbst Juden von schwarzer Hautfarbe gab, daß sie zwar streng religiös lebten, aber vom Talmud nur geringe Kenntnisse hatten. Manche indischen Gemeinden kannten vom Judenthum nichts weiter, als die Sabbatfeier und die Beschneidung, welche sie aus Gewohnheit beobachteten"). Auf der Insel Kandy (Ceylon) soll es in dieser Zeit 23 000 Juden gegeben haben. Sie waren dort allen übrigen Einwohnern gleichgestellt. Der König dieser Insel hatte sechzehn Wesire, vier von seiner eigenen Nation und eben so viele von Juden, Mohammedanern und Christen ^). In Aden, dem Schlüsselhafen zum Arabischen und Indischen Meere, war eine zahlreiche jüdische Gemeinde, welche unabhängig lebte, eigene Burgen hatte, Kriege mit den Christen von Nubien führte und mit Egypten und Persien in Verbindung stand. In Arabien gab es ebenfalls jüdische Gemeinden, obwohl sie der erste Chalife daraus verbannt hatte (B. V.^ S. 114). Freilich durften sie nicht in den den Mohammedanern heiligen Städten Mekka und Medinah wohnen, und es mag sie auch nichts dahin gelockt haben. Denn diese Städte waren in dem halben Jahrtausend seit Mohammed ganz unbedeutend geworden. Dagegen bestanden jüdische Gemeinden in dem fruchtbaren und handelsreichen Jemen und in den Wüstenstrichen Nordarabiens. In Jemen wohnten zwar nur ungefähr dreitausend Juden, die wegen des lebhaften Verkehrs mit den Nachbarländern gar nicht ungebildet waren und Talmudkundige in ihrer Mitte y Benj. von Tudela und Petachja. 2) Maimuni's Sendschreiben an die Lünelcr Gemeinde in Osa-r dlssll- waä II x. 4. Edrisi citirt in Benj. v. Tudela sä. ^.sslisr II. 250 Geschichte der Juden. zählten. Der Gelehrteste unter ihnen war R. Jakob b. Nathanael Jbn-Alfajumi. Die jemensischen Inden galten als wohlthätig; „ihre Hand ist jedem Wanderer entgegengestreckt, ihr Haus ist für Fremde weit geöffnet, bei ihnen findet jeder Müde Ruhe" ^). Zahlreicher dagegen waren die Juden in Nordarabien, die wiederum, wie vor Mohammed, unabhängige, kriegerische Stämme bildeten, Burgen besaßen, theils Ackerbau und Viehzucht trieben und theils in Cara- vanen anszogen, um Waren zu transportiren oder nach Beduinenart Wanderer zu überfallen und auszuplündern. Ihre Zahl soll sich auf 300 000 belaufen haben, was gewiß übertrieben ist. Eine Hanpt- gruppe wohnte in Taima und hatte einen eigenen jüdischen Fürsten Namens CH an an, der sich davidischer Abkunft rühmte. Sie hatten in ihrer Mitte Asketen, welche von den Karäern das düstere Wesen entlehnt hatten, keinen Wein und kein Fleisch zu genießen, überhaupt die ganze Woche, mit Ausnahme der Sabbate und Feiertage, zu fasten, in Höhlen oder schlechten Häusern zu wohnen, sich schwarz zu kleiden und sich „Trauernde um Zion" zu nennen (B. V.^ S. 255). Die Grunde und Viehbesitzer verabreichten diesen Frommen und Talmudbeflissenen den Zehnten von ihrem jährlichen Ertrage. Eine zweite Gruppe der arabischen Juden wohnte in der Gegend von Talmas und hatte ebenfalls einen Fürsten Namens Salomo, Bruder des Chanan von Taima. Dieser wohnte in der alten Hauptstadt Sanaa (Tana 2), wo er ein eignes, festes Schloß hatte. Auch unter ihnen gab es Asketen, welche vierzig Tage im Jahre fasteten, um die Erlösung aus der Zerstreuung herbeizuführcn. Eine dritte Gruppe bewohnte die Landschaft Chaibar, etwa 50 000, und diese waren am meisten kriegerisch, hatten aber auch Talmudkundige in ihrer Mitte. Die Sage war auch damals noch verbreitet, daß die chaibarensischen Juden Reste ehemaliger israelitischer Stämme Gad, Reuben und Halbmanasse seien. Auch die Halbarabischen Städte Wasit, Bassra und Kufa hatten zahlreiche jüdische Gemeinden, die erste mit 10 000, die zweite mit 2000 und die dritte mit 7000 Mitgliedern. Sowie ein großer Theil von Asien vom Mittelmeere bis zum Indus und Arabien dem abbassidischen Chalifen von Bagdad huldigte, so standen auch die Juden dieser Länderstrecken unter dem Exilsfürsten von Bagdad. Der zweite Exilarch, welcher wieder mit Glanz umgeben ^) Maimuni's Sendschreiben nach Jemen (IZZsrst Nsrusm) Ans. 2) Bei Benj. von Tudela (x. 71); 'nui ist wohl nichts Anderes als die bekannte, südarabische Stadt Sanaa. Auffallend ist es, daß Ritter das übersehen und sie mit Chaulan identificirt. (Erdkunde XII, 829 ff. u. a. a. St.) Die Juden in Arabien. 251 war, hieß Daniel, Sohn des Salomo lChasdai fungirte um 1165 bis 75), der bei den Chalifen Almnstangid und Almustadhi ebenso angesehen war, wie sein Vater bei Almnktafi. Unter Daniel erhob sich das talmndische Lehrhans von Bagdad zu einer Höhe, welche an die alten Zeiten der Amoräer und Gaonen erinnerte. Es verdankt seinen Aufschwung einem Manne, welcher berufen war, am Ansgang des zwölften Jahrhunderts eine Rolle zu spielen. Samuel, Sohn jenes Rabbinen Ali Halevi von Bagdad (o. S. 243), der seinen Stammbaum bis zum Propheten Samuel hinanfführte, besaß tiefe Kenntniß des Talmud, wie nur wenige in Asien. Aber da er mit den Fortschritten des Talmndstudiums, wie es in den Schulen Spaniens und Frankreichs betrieben wurde, unbekannt war, so blieb er am Buchstaben kleben und konnte sich nicht zu einem eigenen Urtheil darüber erheben. Samuel b. Ali hatte zwar auch einen Anflug von philosophischer Bildung, stand aber damit um drei Jahrhunderte zurück, noch ganz auf dem Anfängerpunkte der Mutaziliten, wußte nichts von den Fortschritten Jbn-Sina's, Alghazali's und nicht einmal von der Höhe der Philosophie seiner spanischen Religionsgenossen, von Jbn-G'ebirol, Jehuda Halevi und Abraham Jbn-Daud^. In seinem beschränkten Gesichtskreise war er nichtsdestoweniger auf sein Wissen sehr eingebildet, überhaupt hochmüthig und ehrgeizig. Es scheint, daß Samuel b. Ali den pomphaften Titel Gaon annahm, um auf diese Weise seinem Lehrhanse die Suprematie über die ganze Jndenheit zu verschaffen. Zweitausend Jünger wohnten seinen tal- mudischen Vorträgen bei; ehe sie aber zu seinen Vorlesungen zugelassen wurden, mußten sie sich Vorkenntnisse bei einem anderen Talmudisten angeeignet haben. Auf einer Art Thron, gekleidet in Gold und Stickereien, saß Samuel b. Ali beim Vortrage und führte wieder die alte Weise ein, daß er nicht selbst zu den Zuhörern sprach, sondern zu einem Dolmetsch (Meturgeman), der das Vernommene erläuterte ^). Neben ihm gab es noch neun Männer, welche zugleich Vorträge hielten und Recht sprachen. Aber Samuel b. Ali wurde zugleich als Appellationsrichter betrachtet, und jeden Montag saß er zu Gerichte, umgeben von den Neunmännern, die eine untergeordnete Stellung zu ihm einnahmen. Als der Exilsfürst Daniel starb, glaubte Samuel die Zeit günstig, sich die höchste Würde und Macht über die asiatischen Gemeinden anzueignen. Daniel hinterließ nämlich keinen männlichen Erben, und um das Exilarchat stritten sich zwei Neffen, David und Samuel, beide in Moßul. Während diese sich aber Mühe gaben, die politischen -st Maimuni, Mastat äs rssurrsotions sä. ^.rast. p. 129 a. 2) Petachja, Libnb. 252 Geschichte der Juden. Machthaber und die Gemeinde für ihre Sache zu gewinnen, setzte sich Samuel b. Ali thatsächlich in den Besitz der religiösen und richterlichen Macht. Er ernannte selbstständig Rabbinen, Richter und andere Functionäre, zog die Abgaben der Gemeinden an sich und lieferte den Antheil davon an die Staatskasse. Sein Jnsiegel wurde mehr respectirt,. als das der exilarchatischen Prätendenten. Reisende erhielten durch seinen Namen Schutz und Zutritt zu allen Sehenswürdigkeiten. Die politischen und Gemeindebeamten kannten nur Samuel b. Ali, den Vorsteher des Lehrhauses, den Gaon von Bagdad. Er wußte aber auch seine Würde durch kräftige Mittel zu behaupten. Sechzig Sklaven waren stets seines Winkes gewärtig, um demjenigen die Bastonade zu geben, der ihnen von ihrem Herrn bezeichnet wurde. In Bagdad besaß er ein palastähnliches Hans und in der Nähe der Hauptstadt einen großartigen Lustgarten. Samuel b. Ali beherrschte also damals die jüdisch-asiatischen Gemeinden von Damaskus bis Indien und vom Kaspi-See bis Arabien. Als Curiosität galt seine Tochter, welche so gelehrt in Bibel und Talmud war, daß sie vor jungen Leuten Vorträge hielt, aber so, daß sie von den Zuhörern nicht gesehen werden konnte Z. Unter diesem Schulhanpte kamen Boten von einem heidnischen Volke, von den moschischen Bergen^), in Armenien (Tataren?), welche jüdische Religionslehrer für ihr Land wünschten, die das Volk im Judenthum unterrichten sollten, da sieben Fürsten die Annahme des jüdischen Bekenntnisses beschlossen hatten (um 1180 — 85). Der Reisende R. Petachja aus Regensburg, welcher diese Nachrichten überlieferte und ein glaubwürdiger Zeuge war, sah die Gesandten von den moschischen Bergen mit eigenen Augen. Arme Gesetzeskundige *) Petachja das. 2) Derselbe. Er giebt dabei an, daß die Boten von den sieben ie>r> 'oiv jenseits der finstern Berge gekommen wären (sä. Altona. Bl. 6 »). Die Gegend ist vielleicht die der ruontss raosdäsi. (vergl. Ritter, Erdkunde L. u. a. St.). Was die Sache betrifft, so muß man wohl die Nachricht des Matthäus Paris hinzuziehen, daß ein Theil der Tataren und Cumanen in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts als Juden betrachtet wurden. Die Juden des deutschen Reiches wollten ihnen bei ihren Einfällen in Deutschland heimlich Waffen zuführen: orsäsntss guoä xlsbs Lurtaroruna st Euvas-noiurn ssssb äs Musis sorum (llnäusorrwa), guos äsus in raoiitUms Oasxiis — guonäs-ia invlusit (stistoria raufor zum Jahr 1241 sä. London x. 584). Nachmani spricht ebenfalls von einem neuen Volke, das der Wahrheit des Judenthums näher, als die übrigen Nationen steht und im Anfang des sechsten Jahrtausends — 1240 auftrat: nstnrw 'o pe . 12 M nwill L'INVN 'L'w.n cstn (Commentar zu Genesis 1. Ende). Nachmani kann nur dis Tataren im Sinns gehabt haben. Der Aberglaube der asiatischen Juden. 253 Don Babylonien und Egypten entschlossen sich, zu dem Proselytcn-Bolke in weiter Ferne sich zu begeben und es in Bibel und Talmud zu unterrichten. Der Stand des Jndenthums in Asien war damals sehr, sehr niedrig. Ohne höhere Kenntniß, ohne Bewußtsein, ohne Geist und Schwung erfüllten die Inden Asiens, Gelehrte wie Ungelehrte, die religiösen Satzungen und Pflichten auf ganz äußerliche und mechanische Weises. Selbst Talmndkundige dachten sich das göttliche Wesen in körperlicher Gestalt mit Gliedmaßen, Augen und Bewegung. So sehr hatten die Agadas und das Buch von den „Maßbestiminungen der Gottheit" (8o!iiur Lomnb, Bd. Vy, S. 205) den gesunden Sinn verdreht, daß er das Reingeistige gar nicht zu fassen vermochte, und so durchdrungen waren diese Verkörperer von ihrer verkehrten Anschauung, daß sie diejenigen, welche einen geistigen Gottesbegriff behaupteten, als Ketzer und Gottesleugner betrachteten. — Von den Mohammedanern und Christen hatten die asiatischen Juden die Sitte angenommen, zu den Gräbern frommer Männer zu wallfahrten. Ein Hauptwallfahrtsort war das Grab des Propheten Ezechiel in der Gegend der Stadt Kufa. 70 000 bis 80 000 Juden kamen alljährlich im Herbste, von Neujahr bis zum Versöhnungsfeste oder Hüttenfeste, um an dem vermeintlichen Grabe des Propheten des Exils zu beten; unter ihnen auch der Exilarch und die Vorsteher des Lehrhauses von Bagdad. Der Glaube war, daß es sich südlich von Hilla in der Nähe des Euphrat befinde. Das Grabmal war durch eine Wölbung aus vergoldetem Zedernholz geschützt und mit prachtvollen Tapeten geschmückt. Dreißig Lampen brannten dort Tag und Nacht. Neben dem Grabmale befand sich eine schöne Synagoge, welche als ein Tempel im Kleinen betrachtet wurde, angeblich vom König Jojachin und dem Propheten erbaut. In dieser Synagoge zeigte man eine Thorarolle von bedeutender Größe, von der die damalige Zeit glaubte, daß sie von der eigenen Hand des Propheten geschrieben worden sei; am Versöhnungstage wurde daraus vorgeleseu. Ein besonderer Raum stlirms) war zu Büchern bestimmt. Synagoge und Grabmal waren von einer Mauer mit Thürmen eingeschloffeu, die eine niedrige, enge Pforte hatte, die sich aber zur Zeit der Wallfahrt erhöhte und erweiterte, wie der Volksglaube annahm. In dem Raume innerhalb der Mauer pflegten die Wallfahrer ihre Lauben zum Hüttenfeste auf- Bergt. Maimuni's Urtheil über dis asiatischen Gemeinden seiner Zeit, Sendschreiben an die Lüneler Gemeinde in O^ar Usaliw.s,ä II. S. 3 f. und Eingang zum Trastat äs rssurrsotions. 254 Geschichte der Juden. zuschlagen. Sie waren an diesem Grabe nicht bloß andächtig, sondern auch lustig gestimmt. Die Tage nach dem Versöhnungsfeste waren festlicher Stimmung und festlichen Mahlen geweiht. Da auch die Mohammedaner das Grab verehrten, sogar die wilden Karmaten, welche in der Gegend hausten und bei dem Gotte Ches kels schworen, die Gegend also ein friedliches Asyl bildete, so entstand nach und nach dort ein Jahrmarkt lPera) mit Krambuden und eine Stadt (Kabur Kesil Z. Samnel b. Ali erzählte dem Reisenden Petachja, daß in früherer Zeit eine Feuersäule Ezechiel's Grabmal deckte und einst plötzlich durch das unanständige Benehmen einiger Wallfahrer erloschen sei. Die Spenden zur Unterhaltung dieses Mausoleums fielen so reichlich aus, daß mau von dem Ueberschusse Talmudjünger unterhalten und mannbare Waisen ausstatteu konnte. Ein anderer Wallfahrtsort war das vorgebliche Mausoleum des Schriftkundigen Esra. Obwohl dieser große Restaurator des Judenthums nur in Judäa wirksam war, so verlegt die Sage doch dessen Grab in die Nähe des Tigris bei Nahar-Samara (bei dem heutigen Korna), wo er auf einer Reise zum König Artaxerxes gestorben sein soll. Auch dieses Grabmal bestand aus einer Kuppel, woran auf der einen Seite eine Synagoge und auf der andern eine Moschee stieß. Tenn auch dieses Grab verehrten die Mohammedaner gleich den Juden, schenkten Spenden zu dessen Unterhaltungskosten und wallfahrteten dahin. Die Entstehungsgeschichte dieses Wallfahrtsortes ist voll von Wundern: Ein mohammedanischer Hirte schlief auf einem Hügel, und ihm erschien Esra und sprach zu ihm die Worte: „Bedeute dem Sultan, daß er meine Gebeine durch Juden an den und den Platz versetzen möge, sonst würden Viele aussterben." Auch soll das blinde Auge des Hirten wieder hell geworden sein, wie ihm im Traum angegeben war. Da nun eine Seuche entstanden war, habe der Sultan (um 1060) den Hügel aufgraben lassen, und man habe einen eisernen Sarg mit Marmorstein, versehen mit der Inschrift „Esra", entdeckt und den Sarg nach Nahar Samara gebracht; der Platz behielt seit der Zeit den Namen Al-Azer. Es entstand eine Stadt dabei, worin 1500 jüdische Familien wohnten. Auf diesem Grabe bemerkte man von Zeit zu Zeit hellrothe Flammen aufsteigeu, die ein solches Licht verbreiteten, daß sie die Nacht in Tageshelle verwandelten. Die Ungläubigen und Karäer erklärten aber diese Erscheinung auf natürliche Weise, durch asphalt- Vergl. über dieses Grabmal Benjamin's und Petachja's Itinsrarinra, Niebuhc's Reisen Th. II. S. 264, Benjamin des Jüngern acht Jahre in Asien 2. Aufl. S. 120 f. Die '210 bei Petachja sind wohl Karmaten. Hibat-Allah. 255 artige Stoffe aus der Erde, deren Ausdünstungen sich durch die Luft entzündeten ^). Wie die katholische Kirche, so zeigten auch die Inden Asiens Reliquien: den Baum, woran sich die Engel bei Abraham lehnten^ in drei Theile auseinandergehend, und den Stein, worauf sich Abraham beschnitten. Alle diese Wundermärchen entstanden ersk durch die Verkümmerung des Judenthums, nach dem Untergange des Gaonats. Möglich, daß diese Verfallenheit dazu beitrug, daß in dieser Zeit Uebertritte gebildeter Juden zum Islam vorkamen. Ein Apostat war ein berühmter Arzt in Bagdad, Nathanael, mit den: arabischen Namen Abul-Barkat Hibat-Allah b. Malka, einer der drei medicinischen Koryphäen im mohammedanischen Reiche, die gleichen Namens und verschiedener Religion waren. Der jüdische Hibat-Allah wurde wegen seiner außerordentlichen Leistungen „der Einzige seiner Zeit" (lVaabiä-al-^sman) zubenannt. Nächst der Heilkunde war dieser mit der Philosophie und der hebräischen Sprach- kunde vertraut und verfaßte als Jude einen Commentar zum Prediger (Uokwlst). Ein Sohn des wandernngslustigen Jbn-Esra, Namens Isaak, der seinen Vater auf Reisen begleitet hatte und in Bagdad zurückgeblieben war, wurde von dem reichen Hibat-Allah unterstützt und dichtete schwungvolle Verse auf seinen Wohlthäter und dessen Commentar, streute ihm viel Weihrauch und sagte unter Anderem: Das salomonische Buch werde fortan nach dem Namen dessen genannt werden, der den Sinn desselben erschlossen hat (1143). Zum Schluß des Gedichtes wünschte ihm Isaak Jbn-Esra, sein Leben möge sich bis zur messianischen Erlösungszeit hinziehen, und er möge noch die Herrlichkeit des neuen Jerusalem schauen^. Aber Beide warteten die Zeit nicht ab, sondern sagten sich vom Judenthume los und gingen zum Islam über (1160—1170). Hochmuth war die Triebfeder von Hibat-Allah's Uebertritt. Er hatte nämlich einst einen Selgukischen Sultan von einer schweren Krankheit geheilt, wurde von ihm reichlich mit Gold, kostbaren Stoffen Dieselben Quellen und Charisi laolilrsirroui Pforte 33, vcrgl. Ritter, Erdkunde X 268; ein neuausgefundenes Gedicht von Charisi aus einem Bis. auf dieses Grab theilte Kämpf in Frankel's Monatsschrift 1860 S. 217 ff. mit. 2) 2l.bu11araA lZs.r-Hsdrs.sus distoris ä^ussbisruirr sä lZosoolrs 259 f. Ueber die auf der Hand liegende Identität von Nathanael und Hibat-Allah. vergl. Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft, Jahrgang 1859. S. 711 f. Das Gedicht, mitgetheilt von Dukes in Loodds .liLsdsb Jahrg. 1848 x. 21 ff. Hibat-Allah's Commentar zu Lodslst. findet sich noch in der Bodlejana. 256 Geschichte der Juden. und Pferden beschenkt, kehrte wie ein Triumphator nach Bagdad zurück und glaubte, daß alle Welt ihn bewundern werde. Statt dessen verfaßte ein arabischer Dichter ein Spottlied auf ihn und geißelte seinen ungemessenen Stolz. Hibat-Allah glaubte nun, daß die Religion Schuld daran sei, daß ihm nicht von allen Seiten Weihrauch gestreut wurde und faßte im hohen Alter den Entschluß, zum Islam überzutreten. Da er aber wußte, daß seine Erben (Töchter) seinen Religionswechsel nicht nachahmen würden, und befürchtend, daß sein bedeutendes Vermögen ihnen nach seinem Tode nicht zufallen würde, erbat er sich vom Chalifen eine schriftliche Zusicherung, daß sie als seine Erben anerkannt werden sollten. Dann erst bekannte er sich öffentlich zum Islam. Isaak Jbn-Esra, seinem Gönner anhänglicher als seiner Religion, verließ mit ihm gemeinschaftlich das Judenthum. Spottend sang der Dichter Charisi von ihm: Abraham's Sohn schöpfte aus des Liedes Quelle, Des Vaters Glanz umstrahlt auch ihn, Aber nach dem Osten ausgewandert. Legte er des Glaubens Gewand ab Und deckte sich mit fremden Kleidern'). Ein dritter Apostat in dieser Zeit war Samuel Jbn-Abbas, Sohn des Dichters Jehuda aus Fez. Lieblicher hebräischer Dichter, gründlicher Mathematiker und Philosoph, war Samuel wegen des Religionszwanges der Almohaden nach dem Orient ansgewandert. Während der Vater sich in Haleb niederließ, nahm der Sohn seinen Aufenthalt in der Stadt Maragha in Adherbaigan, trat in den Dienst des dortigen Herrschers und ging endlich zum Islam über (1163). Der greise Jehuda Jbn - Abbas eilte bei der Nacbricht von dem Religionswechsel seines Sohnes voll Schmerz zu ihm, um ihn zu seinem väterlichen Glauben znrückzubringen, ward aber plötzlich in Moßul von einer Krankheit befallen und starb daselbst. Samuel wurde ein erbitterter Feind des Judenthums und seiner ehemaligen Glaubensgenossen. Er verfaßte eine feindselig gehaltene Schrift: „Zur Beschämung der Juden" (Itobam ul llsbuä, um 1165 — 75), worin er ihre Fehler übertreibend bloßlegte und behauptete, die Inden hätten Anspielungen ans Mohammed ans ihren heiligen Schriften ansgemerzt 2). ') Losblesiuoiri Pforte 3. 2) Alkifti bibliotbsos. xbilosopborairr bei Ousiri I 440, -4.bultb.rLA Lo.r-Hsbro.sus a. a. O. 268, Munk, dlobios 8ur llosspb b. cksbuäu p. 8. Note. Lsvus äss Ltuckss suivss V p. 53. Die Karäer. 257 Waren die Rabbaniten in Asien verkümmert und versteinert, so waren es die Karäer in dieser Zeit noch mehr. Sie haben nach dem Ableben der beiden mittelmäßigen Lehrer Tobia von Constyntinopel und Jehuda Hadassi (o. S. 159) nur eine einzige leidlich berühmte Persönlichkeit gestellt: Jephet II. b. Said, vielleicht aus Baßra und Nachkomme des ersten Jephet lblühte um 1160—1200 Z. Seine ganze Bedeutung besteht darin, daß er dem lahmen Karäcrthum einen Stelzfuß angesetzt hat, auf dem es sich bis heutigen Tages künstlich fortbewegt hat. Es war den Karäern seit ihrem vierhundertjährigen Bestände nicht gelungen, ein Jndenthum auf rein biblische Norm zu gründen, sondern sie nahmen, bei aller Peinlichkeit, der talmudischen Ueberlieferung aus dem Wege zu gehen, Vieles davon auf, weil es eine Nothwendigkeit war. Die karäischen Denker quälte daher die Frage: Woher stammen denn die traditionellen Elemente im Karäerthum, welche in der Bibel keine Begründung haben? Jephet b. Said gab auf diese Frage Antwort, d. h. er erfand einen künstlichen Nothbehelf. In einer Schrift: „Die Ueberlieferung der Lehre" (>m-^.tal:at Im-Noraü, verfaßt 1167) stellte er folgende Behauptung auf: Bis zur Zeit von Hillel und Schammai habe sich das Jndenthum rein erhalten; erst in ihren Schulen sei eine Meinungsverschiedenheit über die Auslegung der Gesetze und deren Umfang entstanden. Die Hilleliten hätten eine durchweg erleichternde, die Schammaiten eine erschwerende Ansicht aufgestellt. Während die Rabbaniten Hillel und seiner Schule folgten, hätten die Karäer sich an Schammai gehalten und wären also die Bewahrer des unentstellten Judenthnms geworden.-'Nun stellte Jephet eine Traditionskette auf von Schammai bis Anan, die auf lauter Erdichtungen beruht. Aber er hatte damit die Lösung gefunden, daß Z Vergl. über Jephet b. Said und über dessen Verschiedenheit von Jephet b. Saghir: Ooä Naiäoallut o. 9 und Pinsler, Inlrats LUrnouijot Text 222 und Noten 185 s. Das Datum der Abfassungszeit seines Werkes und damit seine Blüthezeit laßt sich aus dem von Pinsler mitgetheilten Auszuge leicht ermitteln. Es ist verfaßt 413 Jahre seit dem Schisma der Karäer; dieses setzt Jephet selbst ins Jahr 136 der Heg'ira — 754. Folglich war die Abfassungszeit 1167. Dieselbe Zahl kommt auch heraus, wenn man das andere von ihm angegebene Datum nach der Tcmpelzerstörung emendirt. Denn die Zahl pmnd -sin ist entschieden falsch: man lese dafür: — 1698 seit der Tempelzerstörung, diese vom Jahre 69 der üblichen Aera gerechnet, d. h. ebenfalls 1167. In diesem Jahre schrieb Jephet b. S. So löst sich die von Pinsler aufgeworfene Schwierigkeit. Daß Jephet nicht im Jahre 1145 sein Werk geschrieben hat, wie Pinsler behauptet, ergiebt sich schon daraus, daß er das Buch -mr kannte, das erst 1146 — 41 verfaßt wurde (o. S. 122). Unmöglich kann das Buch in so wenigen Jahren von Spanien nach dem Orient gekommen und von Karäern benutzt worden sein. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 17 258 Geschichte der Juden. die talmudischen Elemente im Kciräerthum von Schammai und seiner Schule stammten. Diese durchweg unwahre und ungeschichtliche Behauptung blieb eine stehende Annahme im karäischen Kreise. So schwach war das Gebäude des Karäerthums, daß es an morschen Stützen ein Genüge fand. Wie die Mohammedaner Egyptens unter der Dynastie der Fati- miden getrennt waren von denen des abbassidischen Chalifats in Asien, so standen auch die jüdisch - egyptischeu Gemeinden in keinem innigen Zusammenhänge mit den asiatischen. Sie hatten ein eigenes vom Chalifen anerkanntes Oberhaupt, das geistliche und richterliche Funktionen übte, den Titel Nagid (arabisch Reis) führte lind gewissermaßen der egyptische Exilarch war. Der Nagid hatte die Befugniß, Rabbinen und Vorsänger zu ernennen oder zu bestätigen, über Vergehen nud Verbrechen Geld, Geißelhiebe und Kerkerstrafen zu verhängen. Er bezog für seine Funktion laufenden Gehalt von den Gemeinden und Abgaben vom Ausstellen gerichtlicher Urkunden. Eine Sage giebt an, eine Chalifentochter aus Bagdad, welche an einen fatimidischen Chalifen verheirathet war, habe die Institution des Nagid auch für die egyptischeu Juden einführen lassen Z. In dieser Zeit bekleidete, nach Samuel Abu-Manßur, diese Würde R. Natha- uael^j, oder mit dem arabischen Namen Hibat-Allah Jbn- Algami, welcher Leibarzt des letzten fatimidischen Chalifen von Egypten Aladhid, und später Saladin's war. Jbn-Alg'ami war ein Mann von bedeutender Bildung und Kenntnissen. Er sprach das Arabische mit besonderer Gewandtheit, schrieb mehrere medicinische Abhandlungen, unter anderen eine Anleitung zum Nutzen für Seele und Leib und über die klimatische Natur Alexandriens. Gerühmt wird von ihm, daß er auf eine sinnreiche Weise den Scheintod eines Menschen erkannte, der gerade beerdigt werden sollte. Dieser kenntniß- reiche Mann leitete auch das Lehrhaus in der egyptischeu Hauptstadt, aber als bedeutender Talmudkenner hat er keinen Namen. >) Folgt aus der Angabe des David Jbn-Abi-Simra (Radbas) Lssxonsa, I st Vsnsb dlo. 622 II p. 5. III dlo. 509. 2) Die Identität des von Benjamin erwähnten Nathanael von Misr, „des Fürsten" und Dieners des Chalifen mit dem von arabischen Schriftstellern genannten Hibat-Allah Jbn-Alg'ami (bei äs ^.bäsllatil p. 42 Note 13) ergiebt sich aus der Jdentiät des Namens und der Oertlichkeit; (vergl. o. S. 255). Zunz hat schon diese Vermuthung zu Benjamin von Tudela sä. ^.sllsr II. p. 254. Jbn-Alg'ami hatte einen heftigen Gegner an dem jüdischen Arzte Muivafis Jbn-Saraah; vergl. über dens. Frankel-Graetz Monatsschrift Jahrg. 1871, S. 29 fg. Die Juden in Egypten. 259 Die Hauptgemeinde von zwei Tausend jüdischen Familien, darunter sehr wohlhabenden, war natürlich in Kahira (Neu-Misr) mit zwei Synagogen, in welchen verschiedene Riten herrschten. In der einen galt der Palästinensische und in der andern der babylonische (irakensische) Ritus. Nach dem ersteren wurde der Pentateuch in den sabbatlichen Vorlesungen in einem dreijährigen Cyclus vollendet. Die vom babylonischen Ritus hatten dagegen den einjährigen Cyclus. Nur am Wochenfeste und Thorafrcudenfeste hatten beide Gemeinden gemeinschaftlichen Gottesdienst. In Kahira bestand auch eine karäische Gemeinde, welche noch zahlreicher gewesen sein soll, als die rabbanitische. Auch sie hatte ein eigenes Oberhaupt mit richterlicher und religiöser Machtvollkommenheit und mit dem Titel Fürst (Naßi, Reis). In dieser Zeit fungirten als solche nach einander Chiskija und Salomo I. (um 1160 — 1200), welche Anan als ihren Stammvater betrachteten i). Einige Karäer in Egypten genossen Ansehen bei Hofe und waren überhaupt den Rabbaniten überlegen ^). In Fostat (Alt-Kahira) bestand von Alters her eine bedeutende Gemeinde. Als aber der Wesir Schaver, das Heranrücken des christlichen Königs Amalrich von Jerusalem befürchtend, die Stadt in Rauch aufgehen ließ (1168 wanderten Wohl die Juden mit den übrigen Bewohnern nach der nahe gelegenen Hauptstadt aus. Die zweite Hauptgemeinde war in Alexandrien, welche 3000 Familien zählte; sie hatte einen Rabbiner aus der Provence, Pinehas b. Meschullam 4). So arm war damals die Jndenheit Egyptens an talmudischen Autoritäten. Auch eine karäische Gemeinde war in Alexandrien ^). Eine große Gemeinde bestand noch in Bilbeis (östlich vom Nil) von 3000 Mitgliedern, die ebenfalls durch den Kriegszug des Amalrich viel gelitten hat 6). Kleinere Gemeinden waren zu Damira 700, zu Machale 500, zu Manifita 200, ebensoviel zu Bubaig und in der Hafenstadt Damiette. In der Gebnrtsstadt Saadia's, Fajum, lebten damals bloß zwanzig jüdische Familien. Der Culturzustand der egyptischen Juden in dieser Zeit war nicht glänzender als der ihrer asiatischen Brüder. Sie haben die Z Bergt. Dock Aiaräoobg.i o. 6 und Pinsker Noten S. 52 f. Anmerk. Bergt. Frankel-Graetz das. S. 7. 2) Folgt aus Nachmani's Angabe in dessen großem Sendschreiben an die französischen Rabbinen und aus der Mittheilung von Jakob Prag bei Asula'i sud voss Mann uni. Weil, Obalilsu III 329. "y Maimuni's Briefsammlung sä. ^.oasl. S. 18 f. 5) Folgt aus Charisi's Angabe ü'asbbsllioui Pforte 46. H Weil a. a. O. 17 * 260 Geschichte der Juden. jüdische Literatur mit nichts bereichert. Das niedere Volk war in den eigenen Religionsquellen so unwissend, daß es von den benachbarten Karäern Bräuche annahm und sogar solche, welche im grellen Widerspruch zum talmudischen Jndenthnm stehen U. Auch die egyp- tischen Gemeinden hatten ihren Wallfahrtsort. In Dimuh, unweit Fostat, in der Nähe der Pyramiden, zeigten sie die Mose-Synagoge, von welcher sie glaubten, daß sie der größte Prophet erbaut habe; neuerbant worden sei sie aber nach der Tempelzerstörung durch Titus. Bei dieser Synagoge befand sich ein Baum von erstaunlicher Höbe mit immergrünem Laube und schlankem Stamme. Dieser Baum sei, nach der Meinung der egyptischen Juden, ans dem Mosesstabe aufgeschossen. Am Wochenfeste pflegten die Juden Egyptens nach Dimuh zu wallfahrten, um in der hochverehrten Synagoge zu beten -). Und gerade aus diesem Lande der Unwissenheit ging für den jüdischen Stamm ein zweiter Mose ans, welcher berufen war, ein geläutertes Judenthum zu verkünden, dem Wahnglauben unerbittlichen Krieg zu erklären und die Unwissenheit zu zerstreuen. Egypten wurde durch Mose Maimuni der Mittelpunkt der JudeNheit. *) Maimuni Rssxonsa l?ssr da-Dar Uo. 152. 2) Benjamin von Tudela, Makrisi bei äs Laozr ^.VäsllsUt' x, 2^5 f. Kclmtes Kapitel. Maimuni (Maimonides). Seine Geburt, Jugendgeschichts und Jugendarbeiten. Seine Auswanderung nach Fez. Maimun's, des Vaters, Ermahnungs- und Trostschreiben an die afrikanischen Gemeinden. Maimuni's erste Streitschrift zu Gunsten der Scheinmohammedaner. Auswanderung der Familie Maimun von Fez nach Palästina und Egypten. Maimuni's Schicksalsschläge. Sein Mischnah- Commentar und dessen Bedeutung. Maimuni's Dogmatik und Glaubensartikel. Saladin's Verhalten gegen die Juden. Verfolgung der Juden in Südarabien; Maimuni's Sendschreiben nach Jemen. Das Ende des falschen Messias in Südarabien. Maimuni's Verordnungen als Rabbiner. Maimuni's Neligionscodex und seine Bedeutung. 1171 — 1180 . In dem letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts schien das Judenthum seinen einigenden Standpunkt eingebüßt zu haben und einer um sich greifenden Zerfahrenheit verfallen zu wollen. Das südliche Spanien mit den Gemeinden Cordova, Granada, Sevilla und Lucena, das seit dem Untergänge des Gaonats die Führerschaft an sich gebracht hatte, war durch die Unduldsamkeit der Almohaden ohne jüdische Gemeinde und sah höchstens Juden mit der Maske des mos- lemitischen Bekenntnisses. Die Gemeinde der neuen Hauptstadt des christlichen Spaniens, Toledo, sowie die der nordspanischen Mittelorte, hatten es noch nicht dahin gebracht, weitgebictenden Einfluß zu üben. Die Gemeinden Südfrankreichs waren noch in dem Stadium der Jüngerschaft, die nordfranzösischen zu einseitig im Talmud vertieft und gebeugt von Sorgen für das, was der Morgen bringen werde. Die deutschen Juden waren angehende Kammerknechte des deutsch-römischen Reiches, die der übrigen europäischen Länder hatten sich noch kaum der Barbarei entwunden und zählten gar nicht mit. Das wiederhergestellte Exilarchat, das Kind der Laune eines Chalifen, hatte in Asien selbst nicht feste Wurzeln genug, um auf die höher gestimmten Juden Europas einwirken zu können. So gab cs nirgends einen Mittelpunkt, in dem sich die weithin Zerstreuten hätten sammeln können. 262 Geschichte der Juden. Auch waren seit dem Tode des Joseph Jbn-Migasch und des R. Tam keine Männer von weitgebietender Autorität vorhanden, die im Stande gewesen wäre», einen entscheidenden Weg vorzuzeichnen oder auch nur eine Anregung zu geben. In dieser Zeit der beginnenden Zerfahrenheit trat Mose Maimuni auf und wurde, er ganz allein, Träger der Einheit des Judenthums, Sammelpunkt für die Gemeinden in Osten und Westen, endgültig entscheidende Autorität, ohne mit einer officiellen Würde bekleidet zu sein. Er war geistiger König der Judenheit, dem sich die bedeutendsten Führer der Gemeinden freudig unterordneten. So denkwürdig erschien schon den Zeitgenossen alles an dieser großen Persönlichkeit, daß sogar Tag und Stunde seiner Geburt ausgezeichnet wurden. Mose b. Maimuni (mit dem langen arabischen Namen Abu- Amran Musa b. Maimun Obaid Allah) wurde geboren 14. Nissan — 30. März nach 1 Uhr Mittags 1135^) in Cordova. Die Jngend- geschichte des Mannes, der die Zukunft des Judenthums auf seinen starken Schultern tragen sollte, war dazu geeignet, ihn zum festen Charakter zu stählen. Sein Vater Maimun b. Joseph, ein Jünger des Jbn-Migasch, war ebenso wie seine Ahnen in acht Geschlechtern aufwärts bis auf den Stammvater Obadia talmndisch gelehrt und Mitglied des Rabbinatscollegiums von Cordova. Maimun hatte auch Interesse an den Wissenschaften, verstand Mathematik und Astronomie und verfaßte Schriften darüber, sowie über talmudische Punkte. Er war es, der dem Sohne schwärmerische Liebe für Wissen einprägte und dessen Sinn für ein ideales Leben erweckte. Kaum hatte Maimuni das dreizehnte Jahr überschritten, so brach großes Unglück über die Gemeinde von Cordova herein, als diese Stadt von den Almohaden erobert wurde (Mai oder Juni 1148), die sofort fanatische Edikte gegen Juden und Christen erließen und ihnen die Wahl zwischen Annahme des Islam, Auswanderung oder Tod stellten (o. S. 157). Mit dem größten Theil der Cordovaner Gemeinde wanderten auch Maimun und seine Familie aus; wohin sie sich aber *) Die kritische Ermittelung dieses Datums in Geiger's Zeitschrift II. S. 127 ff. — Kaum lohnte es sich, über die Aussprache des Namens pv'o ein Wort zu verlieren, wenn nicht Kleinlichkeitskrämer es zum Gegenstände der Gelehrsamkeit gemacht hätten. Nun, der Name ist nicht hebräisch, sondern arabisch. Wenn nun competente Arabisten, wie de Sacy, Munk, Dozy und Andere ihn Maimun aussprechen, so muß die Stimme der minorurnAsutium schweigen. Die spanischen Araber haben allerdings den Laut Dhamma o ausgesprochen; da aber die Aussprache der orientalischen Araber allgemein recipirt ist, so hat man kein Recht, eine gewissermaßen provinzielle Lautung vorzuziehen. Indessen reimt auch ein jüdisch-spanischer Dichter: mit ;ir>n. Maimnni's Jugend. 263 zunächst gewendet, ist nicht bekannt. Nach einer nicht ganz authentischen Quelle hätten sie sich in der Hafenstadt Almeria niedergelassen die ein Jahr vorher von Christen erobert wurde. Wenn dem so war, so konnten sie nicht allzulange daselbst geweilt haben; denn im Jahre 1151 gerieth auch Almeria in die Gemalt der Almohaden, deren fanatischer Sultan Abdulmumen gewiß nicht verfehlt hat, den jüdischen und christlichen Bewohnern dieser Stadt Religionszwang anfzulcgcn wie in allen übrige» eroberten Städten Südspaniens. Seit der Zeit führte die Familie wohl ein Wanderleben mehrere Jahre hindurch, hielt sich auch im christlichen Spanien auf"), ohne dort eine bleibende Stätte zu finden. Unter solchen Umständen reifte Mose Maimuni zum Jüngling heran. Von seinem Vater lernte er Bibel, Talmud, die jüdischen Wissensfächer, Mathematik und Astronomie; bei mohammedanischen Lehrern hörte er Naturwissenschaften, Arzneikunde und wurde in den Temvel der Philosophie eingeführt. Er hatte Umgang mit dem Sohne des mohammedanischen Astronomen Jbn-Aflah, mit Jüngern des berühmten Philosophen Jbn-Baga (Avenpace) oder Jbn-Alzaig, und war befreundet mit dem Wesir Abu-Be kr Jbn-Zohar, der in Sevilla lebte ^). Durch Lehre und Umgang eignete er sich einen Schatz von gediegenen Kenntnissen an, und sein klarer Geist, der dahin strebte, die Erscheinungen in der sichtbaren und unsichtbaren Welt zu durchdringen und sie durchsichtig zu machen, beherrschte sie, so verschieden und einander entgegengesetzt sie auch waren, mit gleicher Kraft. Maimuni bildete sich zu einer jener selten austretenden Persönlichkeiten aus, welche das Dunkle, das Heimliche und Mystische nicht dulden können, überall nach Licht und Klarheit ringen und sich keinen Täuschungen hingeben wollen. Er war ein durchaus logischer und systematischer Kopf, der das Größte und Kleinste zu grnppiren und zu I-so ^.Iriss-nus, der seine Nachrichten aus arabischen Quellen schöpfte, berichtet: st rnaluit Lloiss bsn LIs.im.oii sntüZsrs oum suis in Ltmsris. Wenn auch der Zug unhistorisch ist, daß Maimuni daselbst dem verfolgten Philosophen Averroes Asyl gegeben habe, so ist doch wohl sein Aufenthalt in Almeria nicht ohne Weiteres zu verwerfen. 2) Zum Schlüsse des Mischnah-Kommentars bemerkt Maimuni: Gott habe über ihn diese Wanderung verhängt und er sei zu Land und zu Wasser gewandert. Aus dem Umstande, daß er in seinem Mischnah-Commentar fehr oft spanische Wörter neben arabischen zur Worterklärung der Mischnah heranzieht, ist zu schließen, daß er diese Sprache ebenfalls verstand und also auch im christlichen Spanien gelebt hat. Llors disbuollim II. 9, 24; Munk in srollivss isrsslitss 1851 p. 326 Note. 264 Geschichte der Juden. ordnen verstand. Er war ein abgesagter Feind der Unordnung und des chaotischen Durcheinander. Man darf ihn nach dieser Seite hin mit Fug und Recht den jüdischen Aristoteles nennen, und es lag ganz in seiner geistigen Natur, die größte Bewunderung vor dem Philosophen von Stagira zu hegen, der die Unbestimmtheit und poetische Verschwommenheit der vorangegangenen griechischen Philosophie zur Besonnenheit und Klarheit des Begriffes gebracht hat. Aristoteles hatte viele Verehrer unter Juden und Mohammedanern — christliche Denker konnten damals noch nicht seine Geisteshöhe erklimmen; aber keiner vor Maimuni hatte sich so sehr in dessen philosophische Weltanschauung vertieft und hineingelebt, daß er sie als sein geistiges Eigenthnm stets gegenwärtig in sich trug und darum auch die Schwächen, die sie hin und wieder zeigt, tiefer erkannte. Doch nicht das umfangreiche und tiefe Wissen allein war es, welches Maimuni's Eigentümlichkeit ausmachte, sondern seine Gesinnungstüchtigkeit. Er war ein vollendeter Weiser , in der schönsten, antiken und verehrungswürdigen Bedeutung. Geregeltes Wissen, besonnenes Wollen, reife Ueberzeugung und kräftiges Thun waren in ihm harmonisch znsammengeschmolzen. Er war von der tiefsten, ge- läutertsten Religiosität, von gewissenhafter Sittlichkeit und von philosophischer Weisheit ganz durchdrungen, oder vielmehr diese drei sonst öfter einander feindlichen Elemente waren in ihm zu vollendeter Versöhnung gekommen. Das, was er als wahr erkannte, war ihm unverbrüchliches Gesetz, davon ließ er nicht einen Augenblick, sondern suchte es durch sein ganzes Leben zu bethätigen, unbekümmert um die Nachtheile, die es ihm bringen könnte. Wenn er nach der wissenschaftlichen Seite auf der Höhe der Zeit stand, nach der sittlichen und religiösen Seite nur Wenige seinesgleichen hatte, so überragte er seine Zeit durch seinen scharf ausgeprägten Charakter. Sein Aeußeres entsprach seinem Innern. Maimuni war von einem tiefen Ernste, der das Leben nicht als eine günstige Gelegenheit zu Genüssen betrachtete, sondern als eine schwere Aufgabe, edel zu wirken und die Wahrheit zu bethätigen, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Das Gemeine, das Erlogene, das Scheinwesen war ihm in tiefster Seele verhaßt und durfte nicht in seine Nähe kommen. Er hatte auch darum kein Interesse an der Poesie, weil sie nach der damaligen Anschauung, „daß das Beste daran das Erlogene sei", auf Erfindung und Unwahrheit beruhte. Er hielt die Beschäftigung damit für eine müssig- gängerische Tödtung der Zeit, wollte selbst bei Hochzeiten keine Verse geduldet wissen, die nicht religiöser Natur sind, und machte keinen Unterschied, ob sie in der hebräischen oder einer profanen Sprache Maimuni's Charakter. 265 gedichtet waren Z. Maimnni hat niemals getändelt, nicht einmal in seiner Jagend, gleich Jehuda Halevi, und am allerwenigsten sein Leben lang, wie Abraham Jbn-Esra. Bei dieser Strenge gegen sich selbst war er von liebenswürdiger Milde in Beurtheilnng und Behandlung Anderer. Nie ist ihm ein hartes Wort gegen seine heftigen lebenden Gegner und Widersacher entfahren, wie es Jbn-Esra gegen Harmlose und Heimgegangene in satyrischer Bissigkeit gebrauchte. Nur über falsche Ansichten und Theorien goß er die Lange seines Spottes aus, für die Träger derselben aber, selbst wo sie ihm Verlegenheit machten, hatte er nur Nachsicht und Entschuldigung. Bescheidenheit und Demnth waren ihm, wie jeder gottbegnadeten Natur, in hohem Grade eigen. Alle diese seltenen Eigenschaften des Geistes und des Herzens waren von einer außerordentlichen Willenskraft getragen, das, was in ihm als Ueberzeugung und Gesinnung lebte, zu verwirklichen und zu verallgemeinern, der Halbheit und Gedankenschwäche entgegenzuwirken, der Irreligiosität den Boden zu entziehen, in das Reich der Finsterniß den Lichtstrahl der Erkenntniß hineinscheinen zu lassen. Nicht Ungemach, nicht körperliche Leiden, nicht Verkennung konnten Maimnni von dem Ziele abbringen, das er seiner Thätigkeit gesteckt. Dieses Ziel war nichts weniger, als das Judenthum, das ganze Judenthum, das biblische und das talmudische, die Ritualien wie den Lehrinhalt (Dogmas in einem solchen Lichte zu zeigen, daß andere Religionsgenossen und selbst Philosophen von der Wahrheit desselben überzeugt sein müßten. Dieses schwebte ihm in der Seele ahnend in der Jugend vor und reiste mit ihm im Alter. Zu diesem Zwecke eignete er sich alle die Kenntnisse gründlich an, welche ihm als Wegweiser auf dem unübersehbaren Gebiete dienen könnten. Er äußerte sich einmal, daß er sämmtliche Schriften, welche über Religion und Cultus der götzendienerischen Völker ihm durch arabische Uebersetzungen zugänglich waren, gelesen und sich in deren Inhalt vertieft Habens — und man darf ihm diese ohne Ruhmredigkeit gethane Aeußerung glauben. Eine tiefere Kenntniß des Heidenthums schien ihm nämlich zum Verständniß des Judenthums unumgänglich nöthig. Obwohl ihn viele Wissensfächer anzogen, die in seinem Geiste als ein einheitliches Ganzes zusammenhingen, so waren es doch vorzüglich vier, denen er den größten Eifer zuwandte: die biblischen und ^ Commentar zu LMtrsciria XI; zu Xbot I gegen Ende; vergl. Dar Oraoll Obmsiia Xo. 560 Ende. 2) Sendschreiben an die Gemeinden der Provence in der Maimunischen Briefsammlung Nr. III. 266 Geschichte der Juden. talmudischen Schriften in ihrem ganzen Umfange, die Philosophie, die Heilkunde und die Mathematik mit Astronomie. In seinem dreinnd- zwanzigsten Jahre arbeitete er für einen Freund eine kleine Schrift über das jüdische Kalenderwesen in hebräischer Sprache auf astronomischen Grundsätzen aus (Ollssalldon lm-Ibchnr, 1158^). Obwohl dieses Schriftchen keine besondere Bedeutung hat, so bekundet es doch seinen Ordnungssinn im frühesten Alter und seine Neigung, in klarer, systematischer Uebersichtlichkeit darzustellen. In demselben Jahre legte er Hand an ein Werk, dessen Unternehmung schon von Größe und Kühnheit des Geistes zeugt. Er begann in einem Alter, wo die meisten Menschen noch kaum ihre Lehrjahre vollendet haben, die Mischnah ganz selbständig in einem eigenen Lichte zu erklären, eine riesige Arbeit, wozu ihm kein Borbild voranleuchtete. Er arbeitete daran unter steten Wanderungen und mit Ungemach kämpfend , und so sehr war ihm der ganze Umfang des Talmud gegenwärtig, daß er dabei der Bücher entbehren konnte. Ein Jahr darauf oder zwei Jahr später (1159—60) wanderte sein Vater mit ihm, seinem Bruder David und seiner Schwester von Spanien nach Fez aus. Was die Familie Maimun bewogen hat, sich gerade nach dem Lande der größten Unduldsamkeit zu begeben, ist ein noch unaufgehellter Punkt. In Fez, so wie in ganz Nordafrika, soweit der fanatische Abdulmumen herrschte, durften die Juden nicht öffentlich auftreten, sondern mußten den ersten Glaubenssatz des Islam bekennen, daß Mohammed, der Glanbensstifter ein Prophet war und waren genöthigt, wenn sie nicht dem Tode verfallen wollten, die Moscheen zu besuchen (vergl. S. 155). Synagogen und Lehrhäuser bestanden nicht mehr in diesem Lande. Heimlich hingen aber die afrikanischen Gemeinden des Königreiches Marokko dem Jnden- thum an, und auch die Familie Maimun mußte öffentlich die Maske des Islam annehmen ^). Gewiß hat sie lediglich die allergrößte Noth- wendigkeit dazu bewogen. Da nun die Religionsverfolgnng bereits U Abgedruckt in Oibrs Olluollamiru des Elieser Aschkanasi Tunensis. 2) Ende des Mischnah-Commentars. b) Daß Maimuni und die Seinigen Scheinmohammedaner waren, hat zuerst Carmolch (Annalen 1839 S. 325 ff.) und dann Munk erhärtet (Uotlos sur llosöpll b. llslluäs, und ^.rollivss isruslitss 1851 p. 319 ff). Diese Thatsache steht nach dem jetzt vorliegenden lAAsrst lla-8obsrua.cl und mohammedanischen Zeugnissen von Zeitgenossen so fest, daß nur die Kritiklosigkeit sie ableugnen kann. Nur ist man nicht genöthigt, anzunehmen, die Familie Maimun hätte bereits in Spanien dem Kryptomohammedanismus gehuldigt, vielmehr scheint es, daß sie nur deswegen in diesem Lande umhergewandert ist, um ihre Religion ungefährdet bekennen zu dürfen. Maimuni's Vater. 267 über ein Jahrzehnt dauerte, so waren die afrikanischen Gemeinden in ihrem Bekenntnisse schwankend geworden. Stets zum Scheine die aufgezwungene Religion üben, und doch im Innern der angeerbten mit ganzer Seele treu bleiben, vermögen nur starke Geister. Die gedankenlose Menge gewöhnte sich allmälig an das anfgenöthigte Bekenntniß, sah in der unbarmherzigen Unterdrückung des Jndenthnms den Untergang desselben, machte mit dem Scheine Ernst, war nahe daran, der Ueberzeugung Raum zu geben, daß Gott selbst durch Mohammed die Offenbarung ans dem Sinai aufgehoben und eine neue in Mekka gegeben, und fing an zu glauben, daß er die Araber statt der Israeliten auserwählt habeZ. Dieses Sichselbstaufgeben und überhandnehmende Verzweifeln erfüllte Maimun, den Vater, mit Schmerz, und er wollte, so viel er vermochte, der Erstorbenheit entgegenwirken und das Judenthum in den Herzen der jüdischen Scheinmohammedaner befestigen. Er verfaßte zu diesem Zwecke ein Ermahnungs- schr eiben (1l60^) an die Gemeinden in arabischer Sprache, das voller Wehmuth und Glaubensinnigkeit ist. Es giebt den Gemeinden zu bedenken, daß die verhängten Leiden nicht ans einem Rachegefühl von Seiten Gottes entspringen, sondern um die Sünder zn bessern. Namentlich gelte das vom jüdischen Stamme, den Gott gewiß nicht um einer andern Nation willen verstoße, nachdem er ihm so unendlich reiche Gnade erwiesen. Er bleibe stets der erstgeborene Sohn Gottes, dem an seiner Wiege schon vielfache Leiden vorherverkündet worden. Ist auch die Zahl der Israeliten zur Winzigkeit herabgesunken, und sind diese auch zur äußersten Verachtung herabgedrückt, während die andern Völker, zahlreich wie Sand am Meere, in der Gegenwart die Höhe des Glückes und des Wohlergehens erklommen haben, so darf diese Betrachtung nicht an der besonderen Vorsehung Gottes für sein auserwähltes Volk zweifeln lassen. Er hat diesem sein Gesetz durch Mose offenbart, welcher nicht nur seine Zeitgenossen, sondern die Menschen aller Zeiten überragt hat, der beim Leben die größten Z Folgt aus Maimun's Ermahnungsschreiben. 2) Einen hebräischen Auszug aus diesem Ermahnungsschreiben hat Edelmann in Lbsracka. Ksrurss. Einl. I-XXXIV ff. veröffentlicht unter dem Titel IZAsrot lru - Lebsrnuä. Es hat in der Ueberschrift die Autorschaft Maimun b. Joseph und das Datum 1471 Lslsueicl. Es Mose Maimuni zuzuschreiben, ist Unsinn. Es ist keine Spur von seinem Geiste darin; Geiger irrte, wenn er dieses Schreiben des Vaters mit dem iMöi-sb liu-Lolrsrrmck des Sohnes identificirte (Mose b. Maimon Studien l. Heft S. 49 f.s. Sicherlich hat Maimun dieses Sendschreiben bald nach seiner Ankunft verfaßt, nachdem er sich von dem desolaten Zustande der jüdisch -afrikanischen Gemeinden überzeugt hat. Seine Einwanderung ist daher um 1159 — 60 anzusetzen. 268 Geschichte der Juden. Wunder vollführt und nach seinem Tode in den Kreis der Engel erhoben worden sei. Mose habe nun in seinem Gesetzbuchs eine glanzvolle Zukunft für Israel verheißen, die gewiß nicht ausbleiben werde. Darum ist es Pflicht für die Söhne dieses Stammes, an ihrem Gotte und seiner Thora sich festzuklammern. Die Beschäftigung mit der Lehre und die Ausübung der religiösen Satzungen seien das Seil, welches die im Meere der Leiden Ertrinkenden festhalten müßten. , So viel Jeder vermöge, sollte er die religiösen Vorschriften des Jndenthums beobachten und sich im Gebet zn seinem Gott wenden. Wer verhindert ist, die vorgeschriebenen Formeln zu beten, soll wenigstens ein kurzes Gebet in hebräischer Sprache drei Mal des Tages verrichten. — Wie die zur Taufe gezwungenen Juden unter den westgothischen Königen, so haben auch die zum Islam zwangsweise Bekehrten einander durch Schriften zum treuen Ausharren in der angestammten Religion ermahnt. Mose Maimuni pflog in Fez intimen Umgang mit mohammedanischen Aerzten und Philosophen U, die in ihm den Neligious- genosseu sahen. Aber unter der Maske eines Moslemin arbeitete er emsig an seinem Mischnah-Commentar und verwerthete darin die neuen Beobachtungen und Erfahrungen in dem halb cultivirten und halb wilden Gebiete. Bald hatte er Gelegenheit, zum ersten Male auf den Kampfplatz zu treten, seine selbstständige Ansicht über das Judenthum ausznsprechen und seine tiefe talmudische Gelehrsamkeit und seinen Hellen Geist leuchten zu lassen. — Ein jüdischer Schriftsteller von übertriebener Frömmigkeit hatte nämlich behauptet, daß die jüdischen Scheinmohammedaner durchweg nach dem Gesetze als Abtrünnige und als Götzendiener zu behandeln seien. Wer Moham- med's Prophetenberuf öffentlich anerkannt hat, selbst wenn er heimlich sämmtliche Pflichten des Judenthums eifrig und gewissenhaft erfüllte, sei als Nichtjude anznsehen und gehöre zu denen, deren Zeugniß vor einem jüdischen Gerichte, namentlich in Ehesachen, keine Gültigkeit habe. Wer als Scheinmohammedaner die Moschee besuche, selbst wenn er sich nicht an dem Gebete betheilige, beginge eine Gotteslästerung und eine noch schwerere Sünde, wenn er in seinem stillen Kämmerlein dem jüdischen Gebete obliege. Der Eiferer behauptete endlich, jeder wahrhafte Jude sei gehalten, sein und seiner Kinder Leben preiszugeben, um sich nicht, sei es noch so äußerlich, dem islamitischen Bekenntnisse anzuschließen. Seine Behauptung beruhte auf der Annahme, daß die mohammedanische Religion ohne Weiteres Götzendienst sei; denn in *) Bewiesen von Munk, ^rellivss isruslitss a. a. O. S. 326 f. Maimuni's Schreiben in Betreff der Zwangsmuselmänner. 269 Mekka, der heiligen Stadt der Mohammedaner, werde in deren Tempel Kaaba, ein Götze, verehrt. Außerdem habe Mohammed 52000 Juden umbringen lassen. Ist nun der Islam ebensogut wie Heidenthnm — so folgerte der unbekannte Schriftsteller — so finde darauf die tal- mudische Vorschrift Anwendung, wegen Zwanges znm Götzendienst müsse jeder Jude das Märtyrerthum bestehen, und wer sich dem entziehe, sei als ein Apostat zu betrachten. Diese Schrift scheint eine bedeutende Aufregung unter den heimlichen Juden in Afrika hervorgebracht zu haben. Die Gewissenhaften fühlten sich von einer Sündenlast erdrückt, die Menge wurde noch mehr schwankend, ob sie nicht lieber vollständig zum Islam übergehen sollte, da sie, bei noch so peinlicher Beobachtung, doch nun einmal dem Götzendienst fröhne und ein sündhaftes Leben führe, für welches keine Vergebung zu erwarten sei. Maimuni, welcher das ganze Gewicht der Beschuldigung gegen sich und seine Leidensgenossen fühlte und für die üblen Folgen besorgt war, sah sich veranlaßt, eine Gegenschrift abzufassen, welche das Verfahren der Scheinmohammedaner rechtfertigen sollte. Es war sein erster Schritt in die Oeffentlichkeit, und diese Erstlingsarbeit trägt schon vollständig den Stempel seines Hellen, den Gegenstand nach allen Seiten hin beherrschenden Geistes. Sie stellte neue Gesichtspunkte auf, welche dem Eiferer entgangen waren, und ist so schlagend gehalten, daß sie Jedem dieselbe Ueber- zeugung beibringt. Maimuni ging in dieser Vertheidignngsschrift, die er für Jedermann leserlich in arabischer Sprache verfaßtes, wie der Eiferer, an den sie gerichtet war, vom talmudischen Standpunkte aus, bewies aber aus augezogenen Belegen das gerade Gegentheil. Er führte zuerst den Beweis, daß theilweises Uebertretcn der Pflichten des Judenthums noch immer nicht Abfall von demselben few Die^ götzendienerischen Israeliten in der Zeit der Propheten seien stets als Glieder des Gottesvolkes betrachtet worden. Ein hochverehrter Mischnahlehrer R. Mei'r, hatte sich zur Zeit der Verfolgung als Heide verkappt und, auf die Probe gestellt, verbotene Speisen genossen. So wäre R. Meir, nach der Meinung dieses Ueberfrommen, ein Apostat und Heide gewesen. Ferner sei es aus dem Talmud bekannt, daß R. Elieser b. Hyrkanos als Christ angeklagt und eine Aeußerung gethan hat, welche den Richter über sein Bekenntniß zweifelhaft ließ; also wäre derselbe nicht als Zeuge zulässig gewesen! „Wir aber," so fährt Maimuni fort, „wir huldigen mit nnserm Thun h Der Titel derselben lautet iMsrst lln - Laliöiimä oder Llnnuinr Hcl- änsvli Iin-Lollsrn; die Abhandlung ist abgedruckt in Geiger's Mose b. Maimon und in Edelmann's Obsmäs. Olsnnss,. 270 Geschichte der Juden. keineswegs dem Götzendienste, sondern sprechen nur eine leere Formel nach, von der die Mohammedaner selbst wissen, daß wir es nicht ernst damit meine», sondern nur den fanatischen Herrscher täuschen wollen." Dann geht er tiefer auf die Sache ein. Allerdings schreibe der Talmud vor, daß jeder Jude wegen dreierlei Capitalsünden, die ihm aufgezwungen würden, den Märtyrertod erleiden solle: wegen Götzendienst, Unkenschheit und Mord, auch wegen der übrigen Pflichten des Jndenthums, wenn der Feind sie geradezu als Uebertretung des Gesetzes und nicht als Mittel zu einer sonst gleichgültigen Handlung verlange. Noch mehr, jeder Jude soll, um den Namen seines Gottes zu heiligen, für jedes Gesetz den Tod erleiden, und das sei das Höchste in den Augen der jüdischen Religion. Allein wer nun einmal nicht die Standhaftigkeit des Märtyrers besitzt, selbst gegenüber den Zumuthungen der drei Hanptsünden, der unterliege durch das Unterlassen noch keinerlei Strafen von Seiten des Gesetzes, werde auch keineswegs als Gesetzesübertreter vom talmudischen Gesichtspunkte ans und als unglaubwürdig angesehen. Tenn dem Zwange gegenüber hat die Thora jede Verpflichtung aufgehoben. Wer demnach den Muth nicht hat, sich für's Judenthum zu opfern, hat also nur eine einzige Vorschrift übertreten, die nämlich, Gottes Namen zu heiligen; aber er gehört dadurch nicht zu den Unwürdigen, deren Zengniß keine Gültigkeit hat. Selbst wenn Jemand zwangsweise thatsächlich einen Götzen anbetet, unterliege er dadurch keineswegs der über Götzendienst verhängten Strafe. Denn wie könnte der gezwungene Uebertreter dem Rcligionsverletzer aus freien Stücken gleichgestellt werden? Wenn im Talmud erzählt wird, daß viele fromme Männer wegen zugemutheter Uebertretung Märtyrer geworden sind, so werden diese nur als Muster zum Nacheifern aufgestellt. Dann sei noch eins zu bedenken, meinte Maimnni. Es sei doch wohl zu unterscheiden, ob eine Uebertretung durch That oder durch ein bloßes Wort geschehe. Die mohammedanischen Behörden verlangen von den Inden keineswegs eine Verleugnung des Judenthums, sondern bloß das Aussprechen des Bekenntnisses mit den Lippen, daß Mohammed ein Prophet gewesen, im Uebrigen haben sie nicht viel dagegen, wenn die Juden nach ihren eigenen Vorschriften lebten. Ein solcher Zwang sei eigentlich beispiellos, daß nämlich weiter nichts als ein Wort zu- gemuthet wird. Wer sich nun als Märtyrer opfere, um Mohammed nicht als Gottesgesandten anzuerkenuen, habe allerdings ein hohes Verdienst. Wenn aber Jemand die Frage stellte, ob er sein Leben deswegen preisgebcn sollte, so müsse man ihm gewissenhaft nach der Vorschrift des Judeuthums mit Nein antworten. Man dürfe und Maimuni's Sendschreiben. 271 müsse ihm nnr rathen, ein Land zn verlassen, wo solcher Bekenntniß- zwang herrscht. „Diesen Rath ertheile ich auch mir und meinen Freunden, dahin ausznwandern, wo Religionsfreiheit heimisch ist." Diejenigen, welche zu bleiben gezwungen sind, sollten sich als Gebannte und von Gott Angefahrene betrachten und sich bestreben, die religiösen Pflichten zu üben, aber auch Diejenigen nicht zn verachten, welche ans Noth den Sabbat verletzen müßten, sondern sie sanft ermahnen, von dem Gesetze nicht zu lassen. Im Jrrthum seien aber diejenigen, welche des Glaubens sind, sie brauchten keine Anstalten zur Auswanderung zu treffen, da der Messias bald in Maghreb erscheinen, sie erlösen und nach Jerusalem führen werde. Denn die Ankunft des Messias habe mit der religiösen Verpflichtung nichts zn schaffen, sie könne von nichts entbinden. — Diese Maimuni'sche Gegenschrift, die eigentlich eine Schutzschrift für sein und der Seinigen Verhalten war (verfaßt um 1160 — 64), zeigt im Keime seine selbstständige Auffassung des Judenthnms. Mose Maimuni scheint eifrig bemüht gewesen zn sein, die jüdischen Scheinmohammedaner im Judenthnm zu erhalten, ihre Lauheit zn bekämpfen und ihnen ans Herz zu legen, ihre heuchlerische Lage zu verändern. Er mag mündlich und schriftlich in diesem Sinne gewirkt haben. Deswegen gerieth er in Lebensgefahr und wäre dem Tode verfallen, wenn nicht ein mohammedanischer Theologe und Dichter, Namens Ab ul-Ar ab Jbn-Moischa, für ihn ein gutes Wort eingelegt und ihn gerettet hätte *). — Das Gefühl der Unsicherheit, verbunden mit den Gewissensbissen, das Jndenthum, das sie als das theuerste Gut im Herzen trug, öffentlich verleugnen zu müssen, bewog die Familie Maimun Fez zu verlassen, um auf einem Schiffe zunächst nach Palästina auszuwandern. In dunkler Nacht bestieg sie das Fahrzeug (4. Jjar—18. April 1165^). Nach sechstägiger Fahrt auf dem Mittelmeere erhob sich ein furchtbarer Sturm, thurmhohe Wogen schleuderten das Schiff wie einen Spielball, eine Rettung schien unmöglich. Die fromme Familie flehte zn Gott; Mose Mai- muni gelobte, wenn er dem sichern Tod entgehen sollte, wollte er für sich und seine Hauslente diese beiden Tage, den vierten und den zehnten Jjar, dem Fasten und dem Almosenspenden weihen, und am letzten Tage sich einsam zu inbrünstigem Gebet einschlicßen und nnr mit seinem Gott verkehren. Der Sturm legte sich, und nach einer Fahrt von einem Monat lief das Schiff in den Hafen von Akko ein st Dshebi citirt von Munk, ^.roliivss israslibss a. a. O. 32V. st Diese und die folgenden Angaben hat Eleasar Askari in seinem 8slsr Obarociirn (Anhang II. Ende S. 83) aus einem Berichte Maimuni's erhalten. 272 Geschichte der Juden. (3. Sivan^ 16. Mai). Diesen Tag weihte Maimuni als ein Familienfest, da er dem Glanbenszwange und der Meeresgefahr entronnen war. Von der Gemeinde in Akko wurden die Auswanderer aus Spanien freundlich ausgenommen, und Maimuni wurde mit dem dortigen Rabbinen Jephet b. Elia (o. S. 242) befreundet. Nach einem Aufenthalte von beinahe einem halben Jahre in dieser Stadt reiste die Familie unter Gefahren nach Jerusalem, um an der ehemaligen Tempelstätte zu beten (4. Marcheschwan — 14. October). Drei Tage blieben die Familienglieder in Jerusalem und begaben sich dann nach Hebron, und Maimuni betete einen ganzen Tag in der Höhle, welche als die Grabesstättc der Patriarchen und ihrer Frauen von Juden, Christen und Mohammedanern in gleicher Weise verehrt lvnrde. Von Hebron begaben sie sich nach Egypten, welches damals durch die Ajubidcn den Ansatz machte, Mittelpunkt des Islam zu werden. Wo sie sich zuerst niederließen, ist zweifelhaft. Eine Quelle behauptet, daß sie zuerst in Alexandrien ihren Wohnsitz genommen hätten*), und daß sie dann erst nach Fostat (Alt-Kahira) übersiedelten. Einige Monate nach der Ankunft in Egypten starb das Familienhaupt (Anfangs 1166). So hochgeachtet waren bereits Vater- und Sohn, daß dem Letzteren aus Afrika und dem christlichen Spanien Trostbriefe von befreundeten Personen zngesendet wurden "). In Egypten dagegen hatte Maimuni's Name damals noch keinen Klang. Die zwei Brüder lebten im stillen Kreise, betrieben zusammen einen Juwelenhaudel, doch so, daß der Jüngere David Hauptgeschäftsführer war und Geschäftsreisen bis nach Indien machte^), Mose dagegen den Wissenschaften oblag. Aus diesem zurückgezogenen Leben rissen ihn harte Schicksalsschläge, die einen minder starken Geist zur Verzweiflung gebracht hätten. Körperliche Leiden warfen ihn auf's Krankenlager, bedeutende Verluste schmälerten sein Vermögen, Angeber traten gegen ihn auf und versetzten ihn in Todesgefahr, wahrscheinlich dafür, daß er dem Islam abtrünnig geworden. Endlich ging sein Bruder David im Indischen Meer unter und mit ihm nicht nur Beider Vermögen sondern auch die Gelder, die sie zum Geschäftsbetrieb von Anderen in Händen hatten. Diese gehäuften Unglücksfälle warfen ihn *) Jakob von Prag bei Asulai Lolisra las - O-säollin 139 a. 2) Maimuni's Brief an Jephet b. Elia in vidrs Ldsabsrairri x. 60 und bei Geiger, Mose b. Maimon, Beilage II. b) So ist wohl die Nachricht Alkifti's: Asrarnsrurn.. slisrnrngus ünjus- rnoäi rsrurn rnsrosburs viotmrn gnssribniis (bei Casiri diblioblisLs srsdico- lrispsns I. p. 293 s,), mit Maimuni's eigenen Worten: pi.n chnch w.-n N227 2 LN pw '2 (Brief an Jephet a. a. O.) auszugleichen. 3_WWKi« Maimuni in Egypten. 273 wieder auf's Siechbett und erfüllten ihn mit Trübsinn. Am meisten schmerzte ihn der Tod seines Bruders. In einem gemüthswarmen Brief sprach er seinen Schmerz aus. „Noch heute, obwohl mehrere Jahre darüber hinweggegangen, kann ich noch immer keinen Trost finden. Er ist auf meinen Knieen großgewachsen, er war mein Bruder und zugleich Schüler, er machte Geschäfte und ernährte mich, daß ich ruhig leben konnte. Er verstand Talmud und hatte Sprachknnde, und ich hatte stets Freude an ihm. Seitdem er aber ins ewige Leben eingegangen, ist mir jede Freude gestört, er ließ mich einsam in einem fremden Lande zurück. So oft ich einen seiner Briefe oder eines seiner Bücher sehe, erneuert sich mein Schmerz" ^). Sein unbedingtes Gottvertrauen, seine schwärmerische Liebe zu den Wissenschaften und endlich die Sorge für die Seinigen und die hinterlassene Wittwe und Tochter seines Bruders richteten seinen Muth wieder auf und bewogen ihn, ins thätige Leben einzngreifen. Maimuni scheint seit dieser Zeit die Heilkunde ausgeübt und sich dadurch Existeuzmittel verschafft zu haben. Doch hatte er anfangs keine einträgliche Kundschaft, weil er noch unbekannt war. Auch hielt er wohl schon um diese Zeit öffentliche Vorlesungen über philosophische Gegenstände^). — Sein ganzer Sinn war aber auf die Vollendung der umfassenden Arbeit gerichtet, mit welcher er sich von seinem dreiundzwanzigsten Jahre an auf Wanderungen, unter mohammedanischer Vermummung, auf der Seereise, trotz vielfacher Widerwärtigkeiten beschäftigt hatte, des Commentars zur Mischnah. Er vollendete dieses sein erstes Meisterwerk im Jahre 1168^) in arabischer Sprache y Brief an Jephet. Dieses Schreiben kann nicht so spät, mindestens zehn Jahre nach seiner Ankunft in Egypten, erlassen sein, wie aus der Lesart der Carmoly'schen Handschrift (in Oibrs Obaollaraira. a. a. O. 1,22 mn 2 V 2 -77 ^un .2 -m 22 V zu schließen wäre. Denn nach einem so langen Zeitraum beklagt man sich nicht über einen Correspondenten, daß man keinen einzigen Brief von ihm erhalten habe. Auch betrachtet Maimuni in diesem Briefe Egypten noch als „fremdes Land", während er im Jahre 1175 bereits eine anerkannte Persönlichkeit war und sich in Egypten durch seine Wirksamkeit ganz heimisch fühlte. Der Text bei Geiger hat die Zahl „acht Jahre" nicht. Man darf da höchstens ergänzen: v-dv. — In dem Ertrunkenen einen andern als David zu erblicken, etwa Jbn-Almoschat, ist ganz ungerechtfertigt, denn dieser lebte noch 1181. Der Brief an Jephet müßte demnach etwa nach Mai- muni's Ankunft geschrieben sein. Alkifti a. a. O. ") Da Maimuni genau angiebt, er habe de» Kommentar 1479 8s1. —1168 vollendet, so muß man mit Rapaport annehmen, daß die Zahl „nn Alter von dreißig Jahren" eine Corruptel ist, statt: von 33 Jahren. Von einer zweiten Version, die etwa drei Jahre später vollendet worden, zeigt sich im Werke keine Spur. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 18 274 Geschichte der Juden. unter dem Titel Sirag (die Beleuchtung). Der Zweck dieser Arbeit war, das Talmudstudium, welches durch die weitläufigen Diskussionen, durch die zerstreuten gaonäischeu Erklärungen und durch die nicht immer sachgemäßen Commentarieu seiner Vorgänger so sehr erschwert war, daß es mir Sache der Gelehrten sein konnte, für jedermann zu erleichtern, die Praxis aus dem Wirrwarr der verschiedenen Meinungen festzustellen, die Gründe, auf welchen die Halachot beruhen, aufzusuchen und den Leser durch kurze, aber tiefeindriugende Wort- und Sacherklärung zu orientiren. Maimuni's Mischnah-Commentar entstand aus des Verfassers geistiger Organisation, welche in allen Fächern Klarheit, Systematik und Abrundung erstrebte. Es ist die erste wissenschaftliche Behandlung des Talmud, die nur ein so klarer und methodischer Denker wie Maimuni anbahneu konnte, weil der spröde Stoff einer systematischen Ordnung geradezu zu widerstreben scheint. Den wissenschaftlichen Charakter zeigen namentlich die lichtvollen Einleitungen, welche der Commentar enrhält. Maimuni schickte nämlich eine umfassende Einleitung dem ganzen Mischnah-Commentar voran, und ebenso leitete er jede besonders schwierige und dunkle Partie durch die Auseinanderlegung der Grundsätze ein, auf denen die mannigfachen Einzelheiten beruhen. Er offenbarte darin tiefe Eingedrungenheit in den Stoff, wie lichtvolle Auffassung in der Methode. Nicht selten weicht er in der Erklärung der Mischnah von der talmudischen Auseinandersetzung ab und schlägt einen eigenen, einfacheren Weg ein Z. Mit besonderer Vorliebe behandelt Maimuni solche Punkte der Mischnah, welche einen wissenschaftlichen Anstrich haben, wozu er Lehrsätze aus der Mathematik, Astronomie, Physik, Anatomie, Morallehre und Philosophie herauziehen konnte. Hier war er in seinem Elemente. Bei solchen Partien konnte er zeigen, daß die Weisen der Mischnah, die Träger der Ueberlieferung, auch Wissenschaften verstanden und sie ihren Arbeiten zu Grunde gelegt haben. Namentlich galt es ihm nachzuweisen, daß die Mischnah eine kernige Sittenlehre und einen tieferen philosophischen Gottesbegriff enthalte. Zu diesem Zwecke kehrte er die agadischen Elemente in der Mischnah, welche bis dahin wenig oder nur gelegentlich und nebenher beachtet worden waren, mit besonderer Vorliebe und in großer Ausführlichkeit hervor. In der allgemeinen Einleitung entwickelte er die wahre Bedeutung der Prophetie, daß sie nicht auf Wundern beruhe, und beleuchtete ihr Verhältniß zum sinaitischen Gesetze, besprach ferner den Charakter der biblischen und prophetischen Redefiguren, daß sie nämlich Z Ueber die Bedeutung des maimunischen Mischnah-Commentars vergl. Frankels Os-ralls lla-Nlsollns-ll oder HoäsZstiva in MovlinarQ x. 320 ff. Maimuni's Mischnah - Commentar. 275 in sinnlicher Einkleidung tiefe, philosophische Lehrsätze und metaphysische Geheimnisse enthielten. Er setzte ferner die Natur der Ueberliefernng auseinander, daß nämlich nicht alles, was in der Mischnah enthalten ist, Tradition sei, sondern nur diejenigen halachischen Elemente, welche keiner Meinungsverschiedenheit unterworfen sind. Denn eine traditionelle Lehre müsse unbedingt sein und dürfe nicht dem Zweifel und der Schwankung unterliegen. Unversehens hat sich Maimuni dabei mit dem Talmud in Widerspruch gesetzt und dessen festen Grund gelockert. Eine wahre Fundgrube schien für Maimuni der Mischnah- Abschuitt, welcher die Kernsprüche der Väter (^dot) wie Perlen an einer Schnur an einander reiht. An diese konnte er den ganzen Reichthum seiner Gedankenwelt anknüpfen. In der Einleitung dazu (acht Abschnitte) entwickelte er die Seelenlehre, die Krankheiten der Seele und ihre Heilmittel, die Sittenlehre, die in dem Gleichgewichthalten zwischen entgegengesetzten Trieben bestehe, das Ideal eines vollkommenen Menschen und endlich die Lehre von der menschlichen Willensfreiheit im Verhältniß zur göttlichen Allwissenheit und Vorherbestimmung. In einem anderen Abschnitte sprach sich Maimuni über die Unsterblichkeit der Seele aus, und wie sie sich zur biblischen Auferstehungslehre und zu dem Glauben au die messianische Erlösung verhalte. So durchtränkte er das talmudische Jndenthum mit philosophischen Ideen. Er gewahrte aber nicht, daß er sich damit in einer Selbsttäuschung befand. Es stand ihm nämlich fest, daß einerseits die Gedanken, welche Aristoteles und die arabische Philosophenschule, namentlich Jbn-Sina (Avicenua) zu Tage gefördert hatten, unerschütterliche Wahrheit seien, und andrerseits die sinai'tische Offenbarung, die Aussprüche der Propheten, die Lehre der talmudischen Agada in ihren Hauptzügen nicht minder Wahrheit enthalten. Maimuni glaubte sich nun zu der Schlußfolgerung berechtigt, daß diese zwei Wahrheiten, Judenthum und aristotelische Philosophie, sich gegenseitig decken müßten, und seine Aufgabe bestand nun darin, einzelne schillernde Bibelverse und agadische Sentenzen so zu deuten, daß sie den philosophischen Lehrsätzen entsprächen. Daß diese beiden Gedankenkreise auf zwei ganz verschiedenen Weltanschauungen beruhen und daher, weit entfernt einander zu bestätigen, einander vielmehr aufheben und im Kampfe mit einander begriffen sind, das entging seinem Hellen Geiste eben so sehr, wie seinen jüdisch-philosophischen Vorgängern und den Denkern des Mittelalters überhaupt. Wichtig war nun für die Folgezeit, daß Maimuni ans seiner unbewußten Selbsttäuschung heraus zum ersten Male unternahm, 276 Geschichte der Juden. eine Glaubenslehre des Judenthums zu entwickeln. Da das Judentum nach seiner Ansicht nichts weiter als geoffenbarte Philosophie ist, so müsse es ebenso die Ansichten und Anschauungen der Menschen, wie das sittliche und religiöse Verhalten regeln, ja noch mehr das Eine als das Andere, da die Sittlichkeit an sich keinen Werth habe und nur Frucht der richtigen Erkenntlich sei. Er nahm also als sicher und unzweifelhaft an, daß das Judenthum nicht bloß das Thun bestimme, sondern auch das höhere Denken regle, gewisse Gedanken als unverbrüchliche Wahrheit aufstelle, welche der Sohn des Judenthums gläubig hinnehmen müsse. Solcher Glaubenslehren oder Glaubensartikel stellte Maimuni dreizehn auf: Der Glaube an das Dasein Gottes, an seine untheilbare Einheit, an seine Unkörperlichkeit und Unveränderlichkeit, an seine Ewigkeit und Vorweltlichkeit, an seine alleinige Verehrungswürdigkeit (Autipolytheismus), an die prophetische Erweckung auserwählter Menschen, an die höchste, mit andern unvergleichbare Prophetie Mose's, an die Göttlichkeit der Thora und au ihre Unveränderlichkeit, an Gottes Vorsehung, an seine gerechte Belohnung und Bestrafung, an die einstige Erscheinung des Messias, und endlich an die einstige Auferstehung. Obwohl diese Glaubensartikel auf Erforschung beruhen, also nicht blind ausgenommen zu werden brauchten, so gelte doch, nach Maimuni's Ansicht, nur der als wahrer Jsraelite oder Jude, welcher sie sämmtlich als wahr anerkennt; derjenige aber, der einen derselben leugnet, sei als Ketzer (Llin, ^xieoroo) zu betrachten, gehöre nicht mehr zur Gemeinschaft des Judenthums und habe keinen Antheil an der jenseitigen Seligkeit So hat Maimuni einerseits das jüdische Bekenntniß zur Höhe vernünftigen Bewußtseins erhoben und andererseits der freien Gedanken- eutwicklung Schranken gesetzt. Bis dahin galt nur das religiöse Thun als Merkmal jüdischen Lebens. Wer die vorgeschriebenen Pflichten erfüllte, galt als Jude, mochte er über dieses und jenes eine abweichende Meinung haben. Maimuni rief aber dem freien Denker ein gebieterisches „Halt" zu, bezeichnte die Grenzscheide zwischen Gläubigkeit und Ketzerei nicht auf dem festen Gebiete der religiösen Praxis, sondern auf dem lockeren Boden der religiösen Theorie und führte damit das ätherische Element des Gedankens in den Bannkreis erstarrter Formeln. So bedeutend auch die Leistung Maimuni's im Mischnah- Commentar ist, so viel Wissen, Geistesschärfe und systematische Ord- *) Einleitung zum zehnten Abschnitt des Traktats Synhedrin, oder zu ksrslr Ollslslr. Die Juden in Arabien. 277 nung er auch darin gezeigt hat, so machte er ihm doch keineswegs einen dem Verdienste entsprechenden Rnf. Der Grund davon war, daß unter den Juden Egyptens und des Morgenlandes, denen die Arbeit in der arabischen Sprache zunächst zugänglich war, nur geringes Verständniß für wissenschaftliche Behandlung vorhanden war. Das großartige Werk wurde daselbst Anfangs kaum beachtet. Daher kam es, daß der Reisende Benjamin von Tudela Maimuni's Namen unter den hervorragenden Juden Egyptens mit Stillschweigen überging. Einen Ruf machten Maimnni zunächst seine Jünger, denen er in demselben Sinne Vorlesungen hielt, und die in ihm die verkörperte Weisheit verehrten. Einer seiner frühesten Jünger, Salomon Kohen *), den eine Reise nach Südarabien (Jemen) geführt hat, war des Lobes voll von ihm und machte die dortigen Gemeinden aufmerksam, daß sie in der Zeit der Not in Maimnni Trost und Halt finden würden. Es waren nämlich in Egypten weitgreifende Veränderungen eingctreten, welche für die Juden dieses Reiches und der angrenzenden Länder eine günstige Wendung ihrer Lage herbeiführten. Der letzte fatimidische Chalif Alhadid starb oder wurde beseitigt, und der große Saladin, das Muster königlichen Edelmnths und hoher Ritterlichkeit in jener barbarischen Zeit, gelangte zur Herrschaft (September 1171). Anfangs fnngirte der berühmte Ajnbide lediglich als Unterfeldherr des Atabcken Nureddin; nach und nach gelangte er aber zur Alleinherrschaft über Egypten und einen Theil von Palästina und Syrien, und selbst die Euphratländer und das Chalifat von Bagdad gehorchten seinem Herrscherworte. Sein Reich wurde ein sicheres Asyl für die verfolgten Juden. Wie gegen jedermann, selbst gegen erbitterte Feinde, war Saladin auch gegen Juden gerecht. Als einst ein Jude sich beschwerte, Saladin habe ihm Unrecht gethan, und dieser es vernahm, machte er in seinem Gange Halt, um die Beschwerde zu vernehmen. Der Jude erzählte ihm, des Sultans Diener hätten ihm zwanzig Last Wein, die er aus Alexandrien nach dem Hafen von Akko eingcführt, gewaltsam genommen, in die Schatzkammer gebracht und angegeben, es sei auf Saladin's Befehl geschehen. Sofort ließ der Sultan die Angelegenheit untersuchen und als sich die Aussage des Inden bestätigte, befahl er, demselben den ganzen *) IZZsrst Nsraun Anfang. Dieses wichtige Sendschreiben nach Jemen ist sicherlich um 1172 abgefaßt (Mose b. Maimon S. 66). Die Abfassungszeit mit Carmoly um 1189 zu verlegen (Jost's Annalen II. S. 248), ist auch darum ungerechtfertigt, da in Jemen seit 1182—83 Saladin's Bruder, Saif-ul-Jslam Togtekin Gouverneur war, der sicherlich die dortigen Juden nicht verfolgt hat; vergl. Abulfeda ^.nns-lss sä. ^.älsr VI. x. 49. 278 Geschichte der Juden. Schaden zu ersetzen^). Unter ihm stiegen die Juden zu großem Wohlstand und Ansehen"). Anfangs entfesselten indeß der Sturz des fatimidischen Chalifats und die Unterwerfung des dazu gehörenden Länderkomplexes unter den abbassidischen oder sunnitischen Chalifen von Bagdad einen zählenden Fanatismus unter den Anhängern der schulischen Lehre, welche Anfstandsversnche gegen ihre religiösen Gegner, die Sunniten, unternahmen. Diesen Fanatismus empfanden auch die jüdischen Gemeinden von Jemen. Dort hatten sich nämlich zwei schiitische Parteigänger, Hattam Monkidh und Azzeddin Othman, der Herrschaft bemächtigtb) und zwangen den Inden das Bekenntniß des Islam durch Androhung schwerer Leiden auf. Auch hier, wie in Afrika und Südspanien, nahmen die Juden indeß nur zum Schein und ganz äußerlich die mohammedanische Religion an (um kl72). Allein da unter ihnen arge Unwissenheit herrschte, so war zu befürchten, daß die gedankenlose Menge aus dem Scheine Ernst machen und von dem Jndenthume ganz abfallen würde. Diese Befürchtung lag um so näher, als ein jüdischer Apostat den Gemeinden predigte, Mohammed sei in der Thora angedeutet, und der Islam sei eine neue, göttlich beurkundete Offenbarung, welche das Jndcnthum ablösen sollte. Dazu kam noch, daß gerade zur selben Zeit in Jemen ein Schwärmer auftrat, der sich als messianischer Vorläufer ankündigte, die eingetretenen Leiden als Vorzeichen des bald zu erwartenden messianischen Reiches angesehen wissen wollte, und die Juden anfforderte, sich bereit zu halten und ihr Hab und Gut mit den Armen zu theilen. Diese Schwärmerei, an welche sich Mancher als an ein Nothseil klammerte, drohte das schwerste Geschick über die Juden Jemen's heraufzubeschwören. Die Frommen waren über alle diese Vorgänge in Verzweiflung, wurden an sich und dem Jndenthnm irre und waren rathlos, was sie thun, was sie lassen sollten. Da wandte sich der angesehenste Gelehrte unter ihnen, Jakob Alfajumi (o. S. 250), um Rath und Trost an Maimuni, von dem er durch dessen Jünger Kunde erhalten hatte, schilderte ihm die Leiden und Befürchtungen und bat ihn um Bescheid. Darauf sandte Maimuni ein Trostschreiben in arabischer Sprache an die Gemeinden von Jemen, gerichtet an seinen Correspondenten, aber berechnet für Jedermann (leerst lewan), welches ungeachtet 1) Abulfarags Barhebräus Ollrorncon L^riaourn Text x. 424 f. 2) Folgt aus dem Fragmente in Maimuui's Briefsammlung Nr. 7 sä. ^.rnst. p. 17. 2) Abulfeda a. a. O. Maimuni's Sendschreiben nach Jemen. 279 seines geringen Umfanges einen reichen Inhalt hat und Zeugniß von des Verfassers hohem Geist und innigem, geläutertem Glauben ablegt. Er suchte darin die Leidenden zur Höhe des gläubigen Bewußtseins zu erheben, von welcher aus das Leiden um des Glaubens willen seinen stechenden Schmerz verliert und das Düster als nothwendiges Moment zum Anbruch des Lichtes erscheint. Er sprach sich darin über das Verhältniß des Judenthums zum Christeuthum und zum Islam mit einer Schärfe und Bestimmtheit aus, welche seine innigste Ueberzengung wiederspiegeln. Es sei allerdings betrübend, bemerkt der Weise von Kahira, daß an zwei entgegengesetzten Punkten grausige Verfolgungen über die Juden hereingebrochen sind: im Westen unter den Almohadeu und im Osten unter den Mohammedanern von Jemen. Indessen kämen sie nicht unerwartet, denn die Propheten hätten sie ganz bestimmt vorher verkündet. „Ueberhaupt weil Gott uns, Söhne Israels, durch seine Gnade besonders ausgezeichnet und uns zu Trägern der wahren Religion, der wahren Erkenntniß gemacht hat, hassen uns die Völker, nicht um unsrer selbst, sondern um des Göttlichen willen, das in unsrer Mitte lebt, gewissermaßen um den göttlichen Plan zu vereiteln." Seit der sinaitischen Gesetzesoffenbarung sei keine Zeit vorübergegangen, wo das Judenthum und dessen Bekenner nicht Leiden und Verfolgungen ausgesetzt gewesen wären. Die Völker mit ihrem Hasse seien aber unter drei verschiedenen Gestalten dagegen aufgetreten. Entweder ganz plump mit dem Schwerte, wie Amalek, Sisera, Sanherib, Nebuchadnezar, Titus und Hadrianus, um das Volk als Träger der Wahrheit einfach von der Erde zu vertilgen. oder mit der Lügenkunst sophistischer Ueberredung, Perser, Griechen und Römer, um die Lehre des Judenthums zu widerlegen und als falsch darzustellen, oder endlich mit der Maske der Offenbarung, gewissermaßen im Gewände des Judenthums, um es mit geschickter Taschenspielerkunst verschwinden zu machen. Das dem Jnden- thum feindselige Princip habe nämlich endlich erkannt, daß es weder die Träger der Gotteslehre vernichten, noch diese aus deren Herzen zu reißen im Stande gewesen, und es sei auf den Gedanken gekommen, sie durch eine schlaue List zu beseitigen. Es gebe vor, auch eine Offenbarung empfangen zu haben, erkenne zwar die sinaitische als zu ihrer Zeit berechtigt an, spreche ihr aber die fernere Gültigkeit ab. Dieses feindselige, auf Verbannung des Göttlichen von der Erde ausgehende Princip suche einen Balg für ein göttliches Kind unterzuschieben , um das Judenthum zu fälschen. Die neue Offenbarung von Nazaret und Mekka verhalte sich aber zum Judeuthum wie ein noch so kunstfertig ausgeführtes Menschenbild zu einem vollkräftigen 280 Geschichte der Juden. Menschenwesen. Nur Kinder und Thoren können ein Bildniß für ein wirkliches Wesen halten. All' dieses, die dreigestaltige bittere Feindschaft der Völker der Erde gegen Israel und seine göttliche Lehre, hätten die Propheten und besonders Daniel voransgeschaut und zugleich den Sieg des Judenthums über die Afterreligionen geweissagt. „Und nun, ihr Brüder," so redete Maimnni in diesem Trostschreiben die Gemeinden von Jemen an, „erwäget diese Wahrheiten und lasset euch nicht von dem Uebermaß der Leiden entmuthigen. Es dient nur dazu, um euch zu prüfen und um zu zeigen, daß nur die Nachkommen Jakob's, die Enkel derer, welche am Sinai die Lehre empfangen haben, im Besitze der wahren Religion sind." — Wenn der Apostat behauptet, die Thora enthalte Anspielungen auf Mohammed, so halte er noch an einem Wahne fest, den denkende Mohammedaner längst haben fallen lassen; denn diese fanden in dem Gottesbuche so wenig Andeutungen auf Mohammed's Prophetie, daß sie im Gegen- theil behaupten, die Inden hätten solche daraus ansgemerzt. Die Beweise, welche der Apostat für die Beurkundung des Islam in der Thora finden wolle, seien Spinngewebfäden. Die messianische Zeit zu berechnen, wie der Schwärmer von Jemen gefunden zu haben glaubt, sei unrecht; denn sie könne gar nicht genau bestimmt werden, weil sie geflissentlich von dem Propheten in tiefes Geheimniß gehüllt worden sei. Wenn man sich auf Saadia's Beispiel beruft, der ein bestimmtes Jahr als messianisches bezeichnete, so sollte man bedenken, daß derselbe in einer ungläubigen Zeit gelebt und bestrebl gewesen sei, seine Zeitgenossen durch verschiedene Mittel zum Glauben zurückzuführen. Sündhafter sei es aber, die messianische Zeit durch astrologische Alfanzereien zu berechnen. Die kräftigsten Widerlegungen gegen die Wahrheit solcher Berechnungen habe gerade die Gegenwart geliefert. Ein scharfsinniger jüdischer Gelehrter (vielleicht Jbn-Esra) habe nämlich auf astrologischem Wege herausgebracht, der Messias werde in dem Jahre 1146 auftreten, und gerade in diesem Jahre sei in Maghreb (Afrika) die Religionsverfolgnng der Almohaden ausgebrochen. Solche messianische Erwartungen haben stets Unglück über das Haus Jakob gebracht. In der Mitte der islamitischen Zeit ist ein falscher Messias in Jsfahan (Abn-Jsa Obadia) aufgetreten und hat dadurch viel Unheil über die Inden Persiens gebracht. Ebenso hat ein messianischer Verkünder 45 Jahre vorher in Fez (um 1t 27), ein anderer zehn Jahre vorher in Cordova (um 1117), und ein dritter dreißig Jahre früher in Frankreich (um 1087) durch falsche Zeichen die Juden dieser Maimuni's Sendschreiben nach Jemen. 281 Gegenden verlockt und in's Unglück gestürzt ^). Auch solche falsche messianische Vorspiegelungen und die darauf erfolgenden Unglücksfälle hätten die Propheten voraus verkündet. — Merkwürdig ist aber, daß, obwohl Maimuni messianische Berechnungen so hart verdammte, er sich doch nicht enthalten konnte, in demselben Sendschreiben mitzntheilen, daß nach einer in seiner Familie fortgepflanzten Ueberlieferung die Prophetie, als Vorläuferin des Messias, im Jahre 1216 wieder ausbrechen werde Zum Schlüsse ermahnte Maimuni Jakob Alfajnmi, sein Sendschreiben copiren zu lassen und es unter die Gemeinden Jemens zu verbreiten, um sie im Glauben zu stärken. Beim Vorlesen desselben möge indeß große Vorsicht gebraucht werden, damit nicht ein Ver- räther es zum Gegenstände einer Anklage machen könnte. Er selbst, bemerkte Maimuni, schriebe in Angst wegen der üblen Folgen, die es für ihn haben könnte, allein er bedenke, daß diejenigen, welche für das allgemeine Beste wirken wollen, der Gefahr ruhig in's Auge sehen müssen. — Dieser interessante, mit vieler Wärme geschriebene Trostbrief hat auf die südarabischen Juden einen so günstigen Eindruck gemacht, daß sie, weit entfernt, schwankend im Glauben zu werden, darin erstarkten und lebendigen Antheil an allen Vorgängen der Gesammtjudenheit nahmen. Maimuni fand später Gelegenheit, als er zu hohem Ansehen gelangt war, den politischen Druck und die fanatische Verfolgung anfhören zu machen. Dafür hingen auch die Gemeinden von Jemem ihm mit schwärmerischer Liebe und Verehrung an 2). Sie schalteten seinen Namen in das tägliche Gebet ein, eine Ehrenbezeigung, die nur den ehemaligen Exilsfürsten in ihrem Glanze zu Theil wurde. Der messianische Schwärmer in Jemen trieb sein Wesen ein ganzes Jahr. Endlich wurde er verhaftet und von einem der Herrscher in's Verhör genommen. Unerschrocken erklärte er, im Aufträge Gottes gehandelt zu haben, und verlangte zur Bekräftigung seiner göttlichen Sendung, daß man ihm den Kopf abschlage, und er hoffe, gleich darauf wieder lebendig zu werden. Der Herrscher bemerkte hierauf, daß in diesem Falle er selbst an ihn glauben werde. Darauf wurde der Schwärmer enthauptet, blieb natürlich todt, aber der Wahn starb damit nicht ab. Es fanden sich noch immer Anhänger, U Von diesen drei Pseudomessiassen ist aus andern Quellen nichts bekannt. 2) IZKSrsb 'Usruau sä. ^.rusb. p. 126 ä. 2) Nachmani's großes Sendschreiben an die französischen Rabbinen in der Sammelschrift luuluiuut Ollosllras,, in der Brünner Ausgabe der Maimuni'schen Briefsammlung und neuerdings aus einer Handschrift abgedruckt in Frankel's Monatsschrift 1880 S. 184 ff. 282 Geschichte der Juden. welche des Glaubens waren, er werde aus dem Grabe auferstehen. Die Juden Südarabiens wurden aber an vielen Orten in Folge dessen in Geldstrafe genommen'). Erst nach und nach wurde Maimuui's Größe erkannt und anerkannt. Im Jahre 1175 galt er bereits als entscheidende rabbinische Autorität, und es wurden an ihn religiös-gesetzliche Anfragen gerichtet, was immer als Zeichen allgemeiner Anerkennung gelten kannst. Der Rabbiner R. Ephraim von Tyrus ließ sich von ihm ein Gutachten ertheilen, daß er, obwohl vermögend, als Talmudkuudiger von den Gemeindelasten frei seist. Nach Ephraim's Tod wendeten sich dessen Jünger, obwohl Stocktalmudisten, die von Wissenschaft keine Ahnung hatten, an Maimuni mit Anfragen über verschiedene talmudische Punkte, welche dieser mit tiefer Sachkenutniß in gedrängter Kürze, wie seine Art war, beantwortet hat (Sommer 1177 st. Nur drei unter diesen Anfragen haben einiges Interesse; über den Grenzumfang des heiligen Landes, und inwiefern astronomische Kenntnisse Wichtigkeit für das Judenthum haben. Die letzte beantwortete Maimuni natürlich aus seiner Vorliebe für Wissenschaften: daß der Talmud mit Recht die Kenntniß des gestirnten Himmels empfehle, weil man daraus die Größe Gottes erkennen könne. In der Beantwortung der ersteren dagegen zeigte Maimuni, obwohl er in Palästina gelebt hat, daß er keine Ahnung von Geographie hattest. Er war im Himmel heimisch, aber auf Erden fremd. Die dritte der Anfragen von Seiten der Jünger Ephraim's war mit Bezug auf einen talmu- dischen Ausspruch: ob ein Jude einen Christen oder Mohammedaner zum Verstäudniß der heiligen Schrift unterrichten dürfe. Maimuni beantwortete diese Frage dahin, daß es wohl gestattet sei, Christen im Judeuthum zu unterrichten, weil sie die heilige Schrift, gleich den Juden, als göttlich anerkennen, und nur Manches darin verschieden deuten; von ihnen sei insofern kein Mißbrauch zu befürchten; möglicherweise sei eine Bekehrung zu erwarten. Dagegen dürfe man st Maimuni's Sendschreiben an die Provenyalen. 2) Maimuni's Briefsammlung x. 51 f. und Maimuni's Rechtsgutachten (1?ssr lla-Oor) Nr. 151. st Mose Alaschkar's Rechtsgutachten Nr. 19. Da R. Ephraim 1177 bereits todt war, so fällt dessen Anfrage an Maimuni vorher. st lieber die Bescheide an die --re-bn vergl. Mose b. Maimon hebr. Beil. VH Note und Anmerkungen S. 64. Es sind im Ganzen 32 Nummern, die in der übersetzt gedruckten maimunischen Gutachtensammlung in Unordnung gerathen sind. Die Letzte ist Nr. 53 das. welche das Datum 1488 8sl. —1177 trägt; sie behandelt eine astronomische Frage. st In der Gutachtensammlung Nr. 4. Maimuni's gutachtliche Bescheide. 283 keineswegs Mohammedaner in das Judcnthum einweihen; weil sie die Göttlichkeit der Bibel nicht anerkennen, so finden sie stets Widersprüche darin mit dem ihnen aus dem Koran Bekannten, und so könnte es zu Gehässigkeiten führen Obwohl Maimuni die Anhänger des Islam als Verehrer eines einzigen Gottes hochstellte, die damaligen Christen dagegen mit ihrem krassen Trinitätsglanben und ihrer Bilder- verehrnng als Götzendiener betrachteteso sprach er sich doch gegen diese wegen ihres Verhaltens zur Bibel milder aus. Vermöge seiner tiefen Talmudkenntnisse, seines Charakters und seines Rufes scheint Maimuni in demselben Jahre (1177) officiell als Rabbiner von Kahira anerkannt gewesen zu sein ^). Mit neun Beisitzern bildete er das Rabbinatscollcgium. Dieses Amt betrachtete er als ein heiliges Priesterthum, und verwaltete es mit Gewissenhaftigkeit und Umsicht. Wo er Mißbräuche gewahrte, stellte er sich mit aller Entschiedenheit vor den Riß. Als er wahrnahm, daß rabbanitische Frauen in fast allen egyptischen Gemeinden bei ihren Reinigungsbädern karäischen Bräuchen folgten, verordnete er mit dem Collegium, daß sie dieselben einstellcn und sich nach talmudischer Vorschrift richten mögen. Da sie aber aus Gewohnheit und Hang nach U Das. Nr. 50 und ausführlicher M. b. Maimon hebr. Beil. a. a. O. iWsrst ba-Lsbsruaä, Nssxonsura an den Proselyten Obadia, Briefsammlung x. 4-1 f. verglichen mit -laä bs,-0bo,8o,bo. bi.Iab.ot Tpboäll Lars. Absch. IX. in den uncensirten Ausgaben und enthalten in Parchi's Xaltor p. 33. °) In der Gutachtensammlung Nr. 152 ist eine Verordnung Maimuni's und des Rabbinatscollegiums mitgetheilt, die er nur als anerkannter Rabbiner erlassen haben kann. Diese Verordnung trägt ein Datum, das aber jedenfalls corrumpirt ist. Das Datum lautet nämlich 4977 Xsra Lluuäi — 1217, aber in diesem Jahre war Maimuni bereits todt. Zacuto hat dagegen das Datum 4947 — 1 187 (lloobasiil sä. Uilixovsbi x. 221). Aber auch diese Zahl kann nicht richtig sein; denn cs ist unglaublich, daß Maimuni erst nach inehr denn zwanzigjährigem Aufenthalt in Egypten Anstoß an karäischen Bräuchen innerhalb der rabbanitischen Gemeinden genommen haben sollte. Geiger emeudirt die Zahl in 4927 (Zeitschrift II. 132 Note, M. b. M. 58). Allein 1107 war M. in Egypten selbst noch eine obscure Person, wie aus Bcnjamin's Stillschweigen über ihn hervorgeht. Will man darüber zu einiger Gewißheit gelangen, so muß man die Corruptel in dem Datum der Xsra Lslsusläururn suchen, deren sich M. bedient. Das erstgenannte Datum würde also lauten - -n, das bei Zacuto: Die Zahl r: ist also jedenfalls festzuhalten. Nun ist das p im ersten Datum gewiß zu streichen, liest man nun o statt: r oder was nicht so ferne liegt, so hat man das Datum 1488 8sb — 1177. Früher darf mau die Verordnung nicht ausetzen, weil M. erst in der ersten Hälfte der siebziger Jahre Anerkennung gefunden hat, und später nicht aus dem angegebenen Grunde. — Im Ms. der Responsen sind mit M. noch 9 gezeichnet (M. b. M a. a. O.). 284 Geschichte der Juden. Bequemlichkeit davon nicht lassen mochten, verhängte er über die widerspenstigen Frauen den Verlust aller Ansprüche an das Vermögen ihrer Gatten als Geschiedene oder Wittwen. Die Ehemänner wurden unter Androhung des Bannes angewiesen, ihre Frauen zur Nachachtung der Verordnung anzuhalten. Dieser Erlaß des maimnnischen Rabbinatscollegiums wurde in allen egyptischen Gemeinden verlesen (Sommer 1177^). — Obwohl Maimuni darauf drang, eingeschlichene karäische Bräuche aus dem rabbanitischen Kreise zu beseitigen, so war er doch von überaus milder Duldsamkeit gegen die Anhänger Anan's. Ans eine Anfrage, wie sich Rabbaniten gegen Karäer verhalten sollten, erwiderte er, daß, so lange sie sich in den Schranken des Anstandes halten und auf den Talmud und seine Bekenner nicht schmähen, man ihnen achtungsvoll begegnen, sich ihnen mit Freundlichkeit, Demuth und Friedfertigkeit nähern, sie in ihren Häusern besuchen, ihre Leichen begraben, ihre Trauernden trösten und ihre Kinder in den Abrahamsbund aufnehmen solle. Schreibt doch der Talmud freundliches Begegnen gegen Heiden und Götzendiener, umsomehr gegen solche vor, welche vom Samen Jakob's abstammen und einen einzigen Gott bekennen. Höchstens sollte man sich von ihnen an ihren selbsterfundenen, von den Rabbaniten abweichenden Festtagen fern halten. Auch dürfe man sie nicht zur Ergänzung von zehn Mitgliedern zum Gebete zuziehen 2). — Kraft seines rabbinischen Amtes sorgte Maimuni auch für Anstand in den Synagogen und entfernte auch hier mißbräuchliche Gewohnheiten^). Er fand nämlich, daß die Gemeinde, weil sie ihrer Pflicht durch das stille Gebet (Lellsmonsli Lsrsll) genügt zu haben glaubte, dem lauten Beten des Vorbeters nicht mit Andacht zuhörte, sondern unter einander plauderte und sich überhaupt unanständig dabei benahm. Darüber spöttelten die Mohammedaner, welche ihrem Gottesdienst mit gesammelter Andacht beizuwohnen pflegten, mit Recht. Maimuni, der sich tief verletzt fühlte, wenn das Judenthum dem Gespötts ausgesetzt war, wollte dieser Anstandswidrigkeit in den Synagogen steuern und schaffte zu diesem Zwecke das stille Gebet der Gemeinde ganz ab, ohne Rücksicht darauf, daß es vom Talmud vorgeschrieben ist. Zweckentsprechendes Beten stand ihm höher, als gedankenlose Befolgung der Vorschriften. Dieser Brauch Maimnni's, daß der Vorbeter allein das Hauptgebet vortragen sollte, wurde nach und nach nicht nur in ganz Egypten, sondern auch in einigen Ge- 1) Dieselbe Nummer in der Responsensammlung. 2) Das. Nr. 71 und Briefsammlung S. 4L v. ff. b) Nssxonss, David Jbn-Abi-Simra (Radbas) sä. Livorno Nr. 94. 285 Maimuni's Mischneh-Thora. meinden Palästinas, in Damaskus und Haleb befolgt und hielt sich bei den einheimischen Gemeinden über drei Jahrhunderte. Inmitten seiner angestrengten Thätigkeit für Gemeindeangelegenheiten, in der ärztlichen Praxis, und in anhaltendem Studium philosophischer und naturwissenschaftlicher Fächer vollendete Maimnni sein zweites großartiges Werk (8. Kislew — 7. November 1180^, das in der jüdischen Welt epochemachend geworden ist, sein Mischneh- Thora oder Religionscodex. Wenn, wie er selbst angiebt, er zehn Jahre hintereinander anhaltend daran gearbeitet hat^), so steht die Zeit in keinem Verhältniß zur Größe der Leistung. Man kann dem Uneingeweihten keine Vorstellung von diesem Riesenwerke bcibringen, wie er da die entlegensten Einzelnheiten aus dem unübersehbaren Schacht des Talmud zusammengetragen, das Gediegene aus den Schlacken herausgearbeitet, die Einzelnheiten an Ort und Stelle nnter- gebracht, das Talmudische wieder an das Biblische angeknüpft, das Besondere mit dem Allgemeinen verbunden und das scheinbar Zusammenhangslose zu einem organischen Ganzen, zu einem Kunstwerke zusammengesetzt hat. Mit Recht legte er selbst besonderes Gewicht auf die kunstvolle Gruppirung im Mischneh-Thora, deren Schwierigkeit nur von tiefen Sachkundigen gewürdigt werden könne ^). Wenn der Talmud einem labyrinthischen Bau gleicht, in dem man sich nur mit einem Ariadnefaden zurechtfinden kann, so hat Maimnni daraus eine wohlgeordnete Anlage geschaffen, mit Flügelgebäuden, Hallen, Gemächern, Kammern und Kämmerchen, in denen sich auch ein Fremder ohne Führer, von passenden Ueberschriften und Nummern geleitet, orientiren und einen Ueberblick über alles im Talmud Enthaltene gewinnen kann. Nur der klare systematisch denkende, von Ordnungssinn erfüllte Kopf Maimuni's konnte Solches zu Stande bringen. Neben den formellen Vorzügen und der unvergleichlichen, abrundenden Architektonik, hat dieses Werk inhaltlich eine entschiedene Bedeutung für den Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte. Alle die verschiedenen Richtungen, welche Maimuni's Vorgänger auf dem Boden des Judenthums einseitig ausgebildet haben, hat er darin zu schönster Harmonie vereinigt. Nichts ist darin bevorzugt und nichts zurückgesetzt. Das Philosophische, das Sittliche, das Ritualgesetzliche *) In einer Handschrift fand Munk, daß es vollendet wurde 1492 8sl. d. h. wenn man den Monat berücksichtigt 1180. Abschnitt ZollsraitsR ist datirtI176, die Einleitung 1177 und Abschnitt Liääusvll lla-Oboässoli 1178. 2) Sendschreiben an R. Jonathan und an die Gemeinde von Lünel, Gutachtensammlung Nr. 41. °) Das. 286 Geschichte der Juden. und, so zu sagen, die gemüthliche Seite des Judeuthums, die sich in der Hoffnung auf die messianische Erlösungszeit ansspricht, Alles ist in diesem Werke gleichmäßig gewürdigt und zur Bollberechtigung erhoben. Maimuni hat darin die verschiedenen Bahnen, in welche das Judenthum geführt wurde, vereinigt und in einen Punkt zusammenlaufen lassen. Er machte damit den vollen Abschluß mit all' den Bestrebungen, welche seit Saadia, der das Judenthum dem Bewußtsein näher zu bringen und es begrifflich zu erfassen versuchte, zu Worte gekommen waren. Er führte für die gewaltige Geistesarbeit von mehr als drei Jahrhunderten den nöthigen. Ruhepunkt herbei. Das maimunische Werk bildet daher den Gipfel derjenigen Richtung, welche mit R. Jochanan ben Sakkai nach Abstreifung der Politischen Seite ihren Anlauf nahm. Von jetzt an konnte auf dem bis dahin eingeschlagenen Wege mit den gegebenen Mitteln unter den gangbaren Gesichtspunkten nichts Neues mehr geschaffen werden ^ nur Einzelnes konnte noch hier und da berichtigt, besser ausgearbeitet, an dem Ganzen aber nichts mehr geändert werden. Man kann fast sagen, daß Maimuni einen neuen Talmud geschaffen hat. Es sind zwar die alten Elemente, man kennt ihren Fundort, ihr Vorkommen, ihr ursprüngliches Gefüge, aber unter dieser Behandlung, Gruppirung und Verarbeitung nimmt sich Alles ganz anders aus. Der Rost ist entfernt, das entstellende Beiwerk beseitigt, alles erscheint umgegossen, geglättet, frisch und neu. Die Mischnah, der Grundbau des Talmud, beginnt mit der Gesetzesfrage: „Zu welcher Stunde darf man den Abschnitt Schema Abends lesen?" und schließt mit der Diskussion, wann Dieses oder Jenes levitisch unrein wird. Maimuni dagegen beginnt seinen talmudischen Codex- „Der Hauptgrund und die Säule aller Weisheit ist, zu erkennen, daß es ein Urwesen giebt, welches alle Creatur in's Dasein gerufen hat," und schließt mit den Worten: „Die Erde wird einst voller Erkenntniß werden, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt." Es schwebt über diesem Werke ein eigner Duft, es weht darin der Geist vollendeter Weisheit, ruhiger Besonnenheit und tiefer Sittlichkeit. Maimuni hat so zu sagen die Philosophie talmudisirt und den Talmud m e taph y s i ci r t. Er hat die Philosophie in den Religionscodex ausgenommen und ihr dort das ebenbürtige Bürgerrecht neben der Halacha eingeräumt. Wenn sie auch früher von jüdischen Deukern gepflegt und auf das Judenthum angewendet wurde, von Philo bis auf Abraham Jbn-Daud, so galt sie diesen selbst noch immer als eine Außenseite, die mit dem praktischen Judenthum, wie es täglich und stündlich geübt wird, nichts zu schaffen hat. Maimuni dagegen hat Maimuni's Mischneh-Thora. 287 die Philosophie in das Allerheiligste des Judenthums cingeführt und so zu sagen Aristoteles neben den Lehrern des Talmud Platz angewiesen. Ein großer Theil des ersten Buches seines Werkes (Zokor Llaääa) ist philosophisch gehalten. Es beginnt mit dem höchsten Prinzips des Jndcnthnms, mit dem Dasein Gottes und dem Einheitsbegriffe und behandelt dieses Thema in den damals üblichen Schnlformeln: Gott ist die alleinige Ursubstanz, er leitet den höchsten Sphärenkreis, der ohne ihn ohne Bewegung wäre. So wurde nämlich damals der Beweis vom Dasein Gottes geführt. Der Codex fährt aber fort, diesen philosophischen Gedanken in eine talmudisch gehaltene Gcsetzesformel zu bringen: das Erkennen dieser Wahrheit sei eine religiöse Pflicht. Damit war die philosophische Erkenntniß religiös geweiht und für eben so wichtig hingestellt, als der Sabbat und die Speisegesetze. Wie ein philosophisches Lehrbuch setzt der maimnnische Codex auseinander, daß Gott sowie einzig, so auch unkörperlich gedacht werden müsse, erklärt, daß die körperlichen Formen der Geisteswelt (die intelligiblen, getrennten Formen) in der Bibel Engel genannt würden, und steigt von der höhern Welt zur Welt der Himmelssphäre und zu den vier Elementen des Erdenlebcns, und damit von der Metaphysik zur Physik herab. Die aristotelische Weltanschauung wird talmndisirt, indem angenommen wird, der Talmud begreife unter Ma'aße Merkaba die Lehre von der höhern Welt und unter Ma'aße Bereschit die Lehre von der Natur, und beide zusammen kenne er unter dem Namen Pardes — eine Selbsttäuschung, von der sich Maimuni nicht loswinden konnte. Er geht sogar soweit, zu behaupten, daß die Beschäftigung mit der philosophischen Theorie einen höheren Werth habe, als die mit dem Gesetze des Judenthums. Von der Metaphysik geht der Codex des Mischneh-Thora zur Sittenlehre über, entwickelt sie zu einem hohen Ideale, Alles auf talmndischer Basis, zieht sogar die Gesundheitspflege (Diätetik) mit hinein und stellt Alles das als religiöse Pflicht, als Halacha hin. Sämmtliche Gesetze in Betreff des Götzendienstes fließen in diesem Codex aus dem Begriffe der reinen Gotteserkenntniß als nothwendige Consequenz, und jede Art von Aberglauben wird als vernunftwidrig verdammt. Tie Wissenschaft wird darin ans eine so hohe Stufe gestellt, daß sie in gleichen Rang mit dem Talmndstudinm gesetzt wird. Der Fromme soll seine von Geschäften übrige Zeit der theoretischen Beschäftigung zuwenden, einen Theil für die heilige Schrift, einen Theil für die Mischnah und einen Theil für die Erörterungen aus und nach dem Talmud. Die Beschäftigung mit Metaphysik und 288 Geschichte der Juden. anderen Wissenschaften gelte aber gleich der mit dem Talmuds. Bemerkenswerth ist noch, daß der maimunische Gesetzescodex die Unsterblichkeitslehre und zwar in eigenthümlicher Auffassungsweise mit ausgenommen hat. Bis dahin wurde die vom Jndenthum verheißene Seligkeit für die Frommen mit der Auferstehung in Verbindung gesetzt. Die Gerechten aller Völker und sämmtliche Israeliten, welche im Tode ihre Sünden abgebüßt haben, werden mit ihren Leibern auferstehn, und für diese werde dann eine neue, bessere Welt, ein höherer Zustand, die zukünftige Welt (Olam Unbdab, ö ö eintreten. Diese Welt wurde mit der messianischen Erlösung in Verbindung gesetzt. Maimuni wich davon ab und ging dabei von seiner eigcnthümlichen (aristotelischen) Seelenlehre aus. Die Seele sei nicht an sich unsterblich, sondern sei nur eine Kraft, sich zum Höchsten hinaufzuschwingen. Habe sich die Seele mit dem höchsten Gedanken von Gott und der Geisteswelt erfüllt, sich solchergestalt von den Banden der Leiblichkeit und der Vergänglichkeit befreit und die höhere geistige Stimmung durch sittliches Leben, als Gesinnung und unerschütterliche Ueberzeugnng, dauernd zu erhalten gewußt, so sei sie dadurch unsterblich geworden, sie habe sich dann die Unsterblichkeit, das ewige Leben, errungen und könne mit dem Absterben des Leibes gar nicht vergehen, sondern trete in das Lichtreich der Geisteswelt ein. Das eben sei die vom Talmud verheißene „zukünftige Welt", obwohl sie eigentlich nicht zukünftig ist, sondern unmittelbar nach dem Tode eintritt. Diese durch philosophisches, d. h. religiöses und sittliches Leben selbst erworbene Seligkeit sei den Frommen verheißen als Lohn für ihren Wandel. Die Strafe der Sünder sei eben so natürliche Vergänglichkeit ihrer Seele, weil sie sich nicht zur Ewigkeit und Unsterblichkeit zu erheben vermocht hat. Sie vergehen einfach, weil ihre Seele eben so vergänglich geblieben ist, wie ihr Leib. Diese Lehre von Belohnung und Bestrafung stellt der Codex als talmudisch auf 2). Die Lehre von der leiblichen Auferstehung konnte Maimuni füglich nicht in seine Theorie einreihen und nahm sie nur gewissermaßen aus Gefälligkeit mit auf, weil sie in einigen biblischen Schriften und im Talmud behauptet wird, ohne sie näher zu begründen. Nach seiner Auffassungsweise mußte Maimuni die erwartete messianische Zeit ebenso von der Auferstehung loslösen, wie er diese von der jenseitigen Seligkeit getrennt hat. Er stellt sie ganz nüchtern st Uitebol lbnlrnnä lllllors. I 12. st Auch in den Evangelien wird die Eschatologie nur so aufgesaßt. st Uiloliod Dssolinbab VIII. 8. Maimuni's Unsterblichkeitslehre. 289 als eine politische Wiedergeburt auf, die ohne Wunder vor sich gehen werde. Es werde einst in einer günstigen Zeitlage ein Sproß vom Hanse David's auftreten, der sich nicht durch Wunderzeichen, sondern durch tiefe Religiosität bewähren werde. Er werde alle Israeliten zu einem innig religiös-sittlichen Leben anhalten, glückliche Kriege durch Gottes besonder» Schutz, wie sein Urahn David, führen, ein jüdisches Reich in Palästina gründen und alle Völker zum Dienste des einzigen, heiligen Gottes berufen. In der messianischen Zeit werde es keinen Streit und keinen Krieg geben, die wilden Leidenschaften werden ruhen, denn eine Fülle des Segens werde sich über die Menschen ergießen, und die Menschen werden sich nicht um Besitz und Genuß abznmühen brauchen, sondern ihr ganzer Sinn wird auf höhere Gotteserkcnntniß gerichtet sein; aber der ordnungsvolle Lauf der Dinge wird nicht unterbrochen sein. Was die Propheten von dieser Zeit prophezeit haben, von dem friedlichen Wohnen des Lammes neben dem Wolfe, das sei nicht buchstäblich, sondern nur als Parabel von dem tiefen Frieden unter den Menschen, gesichert durch die Herrschaft des Gesetzes zu fassen Z. Ueberall, wo der Gegenstand Gelegenheit dazu bot, räumte Mai- muni in seinem Werke der Wissenschaft Gleichberechtigung mit dem talmndischen Lehrinhalt ein. Bei dem Kapitel über den jüdischen Festkalender behandelt er die Astronomie nach dem damaligen Stand dieser Wissenschaft und verfehlt nicht, dabei zu bemerken, daß es bei wissenschaftlichen Punkten gleichgültig sei, ob die Wahrheit von Propheten oder von nichtjüdischen Weisen stamme^). Nicht selten geht Maimuni in dem Codex des talmndischen Jndenthums über ganz bestimmte talmudische Anssprüche hinweg, in so fern sie seine philosophische Ueberzengung vor den Kopf stoßen, namentlich in solchen Punkten, die mit der Mystik, mit magischer Praxis und mit abergläubischen Anschauungen in Verbindung stehen. Sein Grundsatz war, man soll seinen gesunden Sinn nicht fahren lassen. „Die Angen sind vorne und nicht hinten"^). — Wie er Geist und wissenschaftlichen Hauch in das halachische Jndenthnm gebracht hat, so hat er auch in die Methode der Behandlung des Talmudstoffes Einfachheit eingeführt. Nichts war ihm widerwärtiger, als weitläufige Auseinandersetzungen, wo dem Unwesentlichen und der Form ebensoviel Raum und Wichtigkeit zugewiesen wird, wie dem Wesentlichen und der Hauptsache, gerade Uitollot lilalaolliur XI. XII. 2 ) Uiloliot Xiclclnsoll tm - Olloässoll XVII. 25. Briefsammlung x. 6 b. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 19 290 Geschichte der Juden. diejenige Seite, worin die Toßafisten so bedeutend waren. Er würde, bemerkt er einmal selbst, den ganzen Stoff des Talmud in ein einziges Kapitel zusammengefaßt haben, wenn er es vermocht hätte'). Der Zweck seiner Arbeit war auch eigentlich, die Kenntniß des ganzen Judenthums, des biblischen und talmudischen (das ihm in eins zusammenfloß) zu vereinfachen. Er wollte, die Weitläufigkeit und Dunkelheit, welche durch die talmudische Sprachform, die Diskussionen, die mangelhaften Erklärungen der Gaonen zum Talmud das Studium desselben so sehr erschwerten, wenn nicht unmöglich machen, so doch vermindern, das Chaos lichten, Ordnung in das Zusammengewürfelte bringen. Sein Werk sollte sämmtliche voraugegangene Arbeiten überflüssig machen. Der Rabbiner, welcher Vorkommnisse des täglichen Lebens in religiösen und richterlichen Angelegenheiten zu entscheiden hat, der Fromme, welcher seiner religiösen Pflicht, das Gesetz zu kennen, genügen will, der Wißbegierige, welcher sich Talmudkeuntuiß aneigneu möchte, soll sich nicht mehr durch das Dornengestrüppe der halachischen Diskussion hindurchzuwinden brauchen, sondern neben der heiligen Schrift sich aus dem Codex des Mischneh-Thora vollständige, allseitige Belehrung holen können. Er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß sein Werk den Talmud wenn nicht beseitigen, so doch entbehrlich machen sollte^). Er verfaßte es deswegen in der leichtverständlichen nenhebräischen Sprache (Mischnah - Idiom), um es für Jedermann zugänglich zu machen und auf diese Weise die Gesetzeskunde und überhaupt die Kenntniß des Jndenthnms zu verbreiten^). Freilich verstieß er damit gegen die Anschauungsweise seiner rabbi- nischen Zeitgenossen, welche den Talmud gleich der heiligen Schrift behandelt wissen wollten, in dem kein Wort überflüssig sei, und daher die eingehende Beschäftigung mit dem Texte unerläßlich fanden. Bei seiner Denkweise, alle Einzclnheiten auf faßliche Gründe zurückzuführen und auf Nothbehelfe nichts zu geben, mußte Maimuni hier und da bei der Feststellung der Ergebnisse von der talmudischen Art der Begründung abweichen und einen eignen Weg einschlagen. Namentlich ging er in einem schneidenden Punkte über den Talmud hinaus. Da er das ganze gesetzliche Judenthum in allen seinen Theilen auseinandersetzen und das Verhältniß des Talmudischen zum ') Maotat äs rssnirsotions x. 103 p. 2) Einleitung zu Mischneh-Thora und zu 8. ba-Lbmvmt. In dem Schreiben an Pinehas von Alexandrien (das. 18 lr) bemüht sich Maimuni, seine Intention abzuschwächen. 3) Einleitung zu 8. ba-Ni^wot. Mciimuni's Religions - Codex. 291 Biblischen deutlich auseinandertreten lassen wollte, so mußte er den Begriff dessen, was biblisch sei, scharf bestimmen. Diese Scheidung machte er nun keineswegs selbstständig, sondern ließ sich darin zum Theil vom Talmud leiten. Da dieser nun angiebt, daß das biblische Judenthum aus 248 Geboten und 365 Verboten bestehe, so beruhigte sich Maimuni dabei und hielt es nur für seine Aufgabe, theils diese Zählung als richtig nachzuweisen, theils zu bestimmen, was ernstlich als ein biblisches Gebot oder Verbot anzusehen sei. Seine Vorgänger, Simon ans Kahira und die liturgischen Dichter, welche sie zum Thema belehrender Poesie gemacht hatten, waren bei der Aufzählung derselben mit vieler Willkür Verfahren und hatten rein Talmudisches (oder Rabbinisches) als ein biblisches Gesetz hingestellt. Um nun die vielfachen Jrrthümer in Betreff der Zählung zu widerlegen, verfaßte Maimuni als Anhang zu seinem Codex ein Werk in arabischer Sprache „das Buch der Gesetze" Uitab ^selmriall (Zeter Im-Uirnvot worin er kritisch die Zählungsweise angab und vierzehn Regeln darüber aufstellte. Hier nun, wie in seinem Codex, sprach er den Grundsatz aus, daß nicht Alles, was der Talmud aus Schriftversen vermittelst der dreizehn Regeln oder sonst wie als biblisch ausgiebt, als solches zu betrachten sei; denn nur, was ohne Meinungsverschiedenheit als biblisch hingestellt wird, dürfe als solches gelten; sobald aber in Betreff der Ableitungen die Meinungen der Talmudisten auseinandergehen, so sei das eben ein Beweis, daß die Herleitung nicht auf Ueber- lieferung beruhe, sondern nur eine Anlehnung eines soferischen Gesetzes (Oidre 8oksr!m) an einen Schriftvers sei. An der Ueberzeugung, welche Maimuni in der Jugend in seinem Mischnah-Commentar aussprach, daß über traditionelle Gesetze keine Meinungsverschiedenheit herrschen könnte, daß sie ihrer Natur nach nicht der Vergessenheit unterliegen, sonst hätte sie der Gesetzgeber nicht neben dem Schriftlichen dem Gedächtnisse anvertranen können, an dieser Ueberzeugung hielt er auch im reifen Alter fest und beschränkte demgemäß die Zahl der überlieferten Gesetze, der mündlichen Lehren, auf ein geringes Maß. Von diesem Gesichtspunkte ans stellte Maimuni den Lehrsatz im Codex auf, daß jeder religiöse Gerichtshof befugt sei, die Herleitung eines Gesetzes aus dem Schrifttexte, wenn auch noch so sehr von einem vorangegangenen Gerichtshöfe behauptet, zu widerlegen und andrer Ansicht zu sein. Die Schriftforschung, auch für gesetzliche Normen, sei frei, sobald sie nicht vom Talmud selbst durch eine deut- U Jn's Hebräische übersetzt von Samuel Jbn-Tibbon, erster Druck Con- stant. ISIS. 292 Geschichte der Juden. liche, unbestrittene Ueberlieferuug beschränkt werde ^s. Offenbar hat sich Mainiuni bei dieser kühnen Ansicht von den Einwendungen der Karäer gegen die mündliche Lehre leiten lassen. Er machte ihnen, ohne sich dessen klar bewußt zu sein, das Zugeständniß, daß eine wahrhafte Tradition nicht einer Meinungsverschiedenheit unterliegen könne, sondern von Geschlecht zu Geschlecht über allem Zweifel erhaben fortgepflanzt sein müsse. Er glaubte aber auch damit auf dem Boden des Talmud zu stehen, wie er denn überhaupt der Meinung war, daß er nur selten, höchst selten seine eigene Ansicht in den Codex hineingctragen, sonst aber Alles auf die Quellen des Talmud und der dazu gehörigen Urkunden begründet habe, und später nur eines bedauerte, diese Quelle nicht kurz und faßlich angegeben zu haben?). Obwohl Maimuni's Theorie, cousequent durchgeführt, geeignet ist, das talmudische Judenthum zu lockern, so stand es ihm in der Praxis so hoch, daß er nichts Höheres darüber kannte. Die talmu- dischen Weisen waren für ihn maßgebende Autoritäten, die nur eine Stufe niedriger als die Propheten gestanden hätten; sie waren für ihn Ideale, denen nachzueifern zu einem tugendhaften, religiös-vollkommenen Leben führen könne. Die von ihnen ausgegangenen Gesetzesbestimmungen, seien es Anordnungen oder verhütende Umzäunungen, dürften nur unter den im Talmud selbst angegebenen Umständen aufgehoben werden, sonst haben sie unverbrüchliche Gültigkeit, von denen sich kein frommer Israelit lossagen dürfe. Maimnni dachte sich sämmtliche rabbinische Gesetze als von einer mit Autorität bekleideten, die jüdische Nation vertretenden, religiösen Behörde (Lot-Din) ansgegangen, deren gesetzgebende Befugniß von der heiligen Schrift, von der Thora, selbst im Voraus anerkannt sei, daß man von ihren Vorschriften weder rechts noch links abgehen dürfe 3). Für die Praxis sei daher der Unterschied von geringer Bedeutung, ob ein Gesetz biblisch oder rabbinisch sei; beide Gattungen müßten mit gleicher Gewissenhaftigkeit beachtet werden. Nur aus diesem Umstande, daß ihm das ganze talmudische Judenthum nach der praktischen Seite mit einem heiligen, unverbrüchlichen Charakter bekleidet schien, ist es erklärlich, wie er ihm eine so selbstaufopferude Hingebung widmen konnte, daß er ihm Schritt für Schritt folgte, U Dilollot lllarasrim II I. 8. lla-NIsrvot Regel 2. Bricfsammlung 22 a. Gutachtensammlung Nr. 144 und Einl. zur Mischnah. Die Einwendungen dagegen vergl. Jair Chajim Bacharach Ollarvot llair Nr. 192. Briessammlung S. 20 f. 2 Dilollot lilarusrira II 2 f. Maimuni's Religions-Codex. 293 um die weit auseinander liegenden Eiuzelnheiten zu einem einheitlichen Gänzen zu ordnen. Maimuni war nicht der Mann, der anders dachte, als er handelte. Die verkörperte Wahrheitsliebe, war ihm nichts so sehr verhaßt, als die Heuchelei, in der Theorie etwas gering zu schätzen und sich ihm aus Rücksichten der Praxis anzubequemen. Er konnte in einer Selbsttäuschung befangen sein, aber nicht ein zwiespältiges Leben führen. Seine gutachtlichen Aeußerungen zeugen, welche Verehrung er für das talmudische Jndenthum hegte, mit welcher Gewissenhaftigkeit er es behandelte. Sein talmudischer Codex muß daher als ein Ausfluß seiner tiefsten Ueberzeugung betrachtet werden, oder er bleibt räthselhaft. IN größter Unbefangenheit erzählt er von sich, daß er mit eigener Hand 'nach talmudischer Bestimmung die Thorarolle für sich abgeschrieben und am Vorabend des Trauertages zum Andenken an den Fall Jerusalems weiter nichts als trockenes Brod und Wasser genossen habest. Es ist wohl nicht erfunden, was seine eigenen Enkel von ihm erzählen, daß Maimuni sich Gewissensbisse über seinen Aufenthalt in Egypten gemacht habe, weil es nach talmudischer Vorschrift nicht für einen Sohn Israels gestattet sei, auch nur zeitweilig in diesem Lande zu wohnen. In jedem Briefe habe er zu seiner Unterschrift die Worte hinzugefügt: „der Unglückliche, der gezwungen ist, täglich ein dreimal verschärftes Verbot zu übertreten" ^). Sein Privatleben war ganz vom talmn- dischen Judenthum durchweht und getragen. Er kannte nichts Höheres als ein Talmudbeflissener (Ralraiä Olluollaini zu sein, und zwar im vollen Sinne des Wortes, und stellte an einen solchen die strengsten Ansprüche der Sittlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Selbstlosigkeit. Maimuni hat allerdings durch seinen Religionscodex dem rab- binischen Jndenthum einen festen Halt gegeben. Auf der andern Seite hat er es aber auch in feste Bande geschlagen. Vieles, was im Talmud selbst noch flüssig und deutbar ist, hat er zu einem unangreifbaren Gesetz erstarren lassen. Wie er in das Jndenthum Glaubensartikel eingeführt hat, welche mit dem Denken das Denken beschränken sollten, ebenso hat er mit seinem codificireuden Abschlüßen der Gesetze dem Jndenthum die Bewegung geraubt. Ohne Rücksicht auf die Zeitlage, in welcher die talmudischen Bestimmungen entstanden sind, stellte er sie als für alle Zeiten und auch unter veränderten Umständen verbindlich hin. Maimuni war darin viel strenger als die Toßafisten, welche einem allzuscharfen talmudischen Gesetze fl Ullsllot 8sksr llRors, IX 10, Hil. UÄanijot V 9. fl Parchi LaUor o. S sä. Edelmann S. 12. 294 Geschichte der Juden. die Spitze abbrachen, indem sie in tief eingehender Ergründung desselben herausbrachten, es sei gar nicht für anders geartete Zeiten anwendbar. Hätte Maimuni's Codex die Alleinherrschaft behauptet, wie es Anfangs den Anschein hatte, und den Talmud aus dem Kreise der Lehrhäuser, der Religionsbehörden und der jüdischen Gerichtshöfe verdrängt, so wäre das talmudische Judenthum ungeachtet des Gedankenstoffes und der wissenschaftlichen Behandlung, die Mai- muni dazu gethan hat, einem Versteinerungsprozeß verfallen, welcher üble Folgen hätte herbeiführen können. Maiin uni (Fortsetzung). Folgenreiche Wirkung von Maimuni's Religionscodex. Gegnerschaft gegen denselben. Joseph Jbn-Aknin. Maimuni wird Hofarzt. Seine Bedeutung als medicinischer Schriftsteller. Jerusalem wieder von Juden bevölkert. Samuel b. Ali's Feindseligkeit gegen Maimuni. Der Nors Nsbuolrirn und seine Bedeutung. Maimuni's Abhandlung über die Auferstehung. Maimuni's Einfluß auf die Gemeinden der Provence. Maimuni Leibarzt des Sultans Alfadhal und seine Makrobiotik. Maimuni's Lebensweise im Alter. Sein Tod nnd die Trauerfeierlichkeit um ihn. Sein Grab. 1180 — 1205 . Maimuni's Religiouscodex des Judeuthums warf einen mächtigen Gährungsstoff in die jüdische Welt; er wirkte nicht wie ein Buch, sondern wie eine folgenschwangere That, aufregend, hinreißend, umgestaltend. Kaum war das Werk veröffentlicht, so wurde es von Copisten vervielfältigt und verbreitet in Arabien, Palästina, dem Morgenlande einerseits, in Afrika, Spanien, Südfrankreich und Italien andererseits. Zehn Jahre später konnte der Verfasser ohne Ruhmredigkeit sagen, es sei bis ans Ende der bewohnten Erde gedrungen ^). Es wurde nicht bloß gelesen, sondern zum Grnndbuche der jüdischen Religion erhoben, wie eine neue Bibel oder ein neuer Talmud. Ein Zeitgenosse giebt den Eindruck und die Wirkung wieder, welche Maimuni's Werk in Spanien hervorgebracht hat : „Ehe das Werk nach Spanien gelangte, war die Beschäftigung mit AlfLßi's Werk nnd noch mehr mit dem Talmud für die jüdischen Bewohner so sehr schwierig, daß sie auf den Ausspruch des Rabbiners angewiesen waren; denn sie wußten sich nicht zurechtzufinden, das Ergebniß aus Sendschreiben an die Marseillor Gemeinde, Bricfsammlnng 5 b, an Samuel b. Ali das. 38 b, an Joseph b. Aknin das. 15 s, und im vollständigen Sendschreiben (in Lirobat ^.braliarir scl. Goldberg, Lyck 1860) in der un- paginirten Einl. Blatt 3 s, unten. 2) Sendschreiben des Scheschet Benveniste an die Weisen Lünel's, handschriftlich im Besitze des Herrn Carmoly, dessen Gefälligkeit ich eine Copie desselben verdanke. Monatsschr. 1876, 511. 296 Geschichte der Juden. der weitläufigen Diskussion festzustellen. Sobald sie aber Maimuni's Codex in die Hände bekamen, der ihnen wegen der faßlichen Sprache zugänglich war, und die lichtvolle Ordnung in demselben bewunderten, und namentlich als sie die Wahrheit und die tiefe Sittenlehre darin wahrnahmen, gingen ihnen die Augen für die hohe Bedeutung desselben auf. Sie kopirten ihn jeder für sich, ihr Geist vertiefte sich darein; es versammelte sich Jung und Alt, um sich den Inhalt anzueignen. „Es giebt jetzt viele Kundige des Gesetzes, die bei einem Rechtsstreite sich ein selbständiges Urtheil zu bilden und die Entscheidung des Richters zu controliren im Stande sind." Und wie in Spanien, so war es überall, selbst im Morgenlande, wo das Talmudstudium eifriger betrieben wurde. Die Verehrung für den großen Meister wuchs mit jedem Tage, namentlich als man allmälig erfuhr, daß sein Privatleben dem Ideale entsprach, das er von einem jüdischen Weisen entworfen hat. Man spendete ihm die überschwänglichsten Lobeserhebungen: „Der Einzige des Zeitalters", „die Fahne der Rabbiner", „der Erleuchter der Angen Israels", waren noch bescheidene Titel. Es gehörte die ganze sittliche Kraft Maimuni's dazu, um von dem ihm gespendeten Weihrauch nicht betäubt zu werden. Maimuni's Name erklang von Spanien bis Indien und von dem Quelllande des Euphrat und Tigris bis Südarabien, und verdunkelte alle zeitgenössischen Berühmtheiten. Die gelehrtesten Männer ordneten sich seinem Urtheil unter und erbaten sich von ihm Belehrung in demuthsvollen Aeußerungen; er galt als höchste Autorität für die jüdische Gesammtheit, die in ihm ihren würdigsten Vertreter verehrte. An kleinlichen Gegnern, die ihm seine Alle überragende Größe mißgönnten, hat es ihm auch nicht gefehlt, jene winzigen Rabbinerlein, welche, äußerlich mit dem Talmud vertraut, im Besitze aller Weisheit zu sein glaubten und durch Maimuni's Werk unangenehm aus ihrem Traume geweckt wurden. In Kahira selbst würdigten einige Stock- talmndisten den Codex keines Einblickes, damit es nicht hieße, sie hätten etwas daraus gelernt Z. Andere meinten, nur das Lehrhaus zu Bagdad sei die wahre Lehrstätte für Talmudkenntniß; wer nicht an dieser Quelle geschöpft, könne nicht als gründlich Eingeweihter angesehen werden; folglich verdienten Maimuni's Entscheidungen keine unbedingte Anerkennung^). Solche Kleingeister bildeten sich ein, es hinge nur von ihnen ab, ein gleiches oder noch besseres Werk über, sämmtliche Gesetze des Judenthums zu verfassen ^). Das Haupt 9 Brief an Joseph b. Aknin das. -) Tas. Das. Maimuni's Gegnerschaft. 297 dieser kleinlichen Gegnerschaft war jener Samuel b. Ali in Bagdad sut ls äsruoutrsr. Zwischen Alkifti's übertriebenem Tadel: nuugusru tsiusu in oursnäis ss^roruru ruorbis ob uullsiu srtis rusäisss sxosroitstiousiu (oririsoro nstr.) so sxpsrisutism sibi soll orsäiäit Nsi- ruouiäss (bei Casiri a a O.) und dem übertriebenen Lobe Jbn-Abi Osaibija's: Os ssvsut tsnsit ls prsruisr rsuZ psrrui lss ursäsoius äs sou tsrups, Maimuni als Arzt. 301 gleiche Weise, wie die talmndischen Elemente. Er ordnete nnd systemati- sirte alles von älteren Autoritäten überkommene Material, stellte Principien auf, erläuterte Dunkelheiten, ohne sich etwas Neues zu erlauben, oder ein Mittel anzugeben, das nicht früher schon erprobt wäre. Auf diese Weise bearbeitete er die Schriften des medicinischen Orakels im Mittelalter, des Galcnus, d. h. er kiirzte und ordnete sie, ohne sich die geringste Aeuderung dabei zu erlauben ^). Denselben Charakter tragen auch seine medicinischen Aphorismen, die weiter nichts enthalten, als Auszüge und Gruppirungen älterer Theorieen. Nach Art seines religionsgesetzlichen Codex stellte er auch einen medicinischen Codex zusammen. Ungeachtet seiner geringen Selbständigkeit auf medicinischem Gebiete genoß Maimuni dennoch einen ausgebreiteten Ruf als arzneikundiger Schriftsteller. Der berühmte mohammedanische Arzt und Theologe Abdellatif von Bagdad, welcher die Gunst Saladin's in einem hohen Grade besaß, gestand, daß sein Wunsch, Kahira zu besuchen, von der Neugierde angeregt war, drei Männer daselbst kennen zu lernen und darunter Musa ben Maimun"). Der Vater des berühmten arabischen Literaturgeschichtsschreibers Jbn-Abi Osaibija rühmte sich, ein Jünger Maimuni's in der Heilkunde gewesen zu feinst. Der Dichter und Khadi Alsaid Jbn-Sina Almulk besang Maimuni's Größe als Arzt in schwärmerischen Versen: Galens Kunst heilt nur den Leib, Abn-Amran's (Maimuni) dagegen Leib und Geist. Er könnte mit seiner Weisheit die Krankheit der Unwissenheit heilen. Wendete sich der Mond an seine Kunst, Er würde ihn zur Vollmondszeit von seinen Flecken befreien, Ihm seine zeitweiligen Gebrechen ergänzen, Und ihn zur Zeit der Verbindung von der Schwindsucht heilenst. Maimuni's Ruf war so groß, daß ihn der englische König Richard Löwen Herz, die Seele des dritten Kreuzzuges, zu seinem Leibarzte ernennen wollte. Maimuni schlug aber diesen Antrag ans st. pour 1a tbsoris sb 1a pratigus äs soir art (bei äs 8aov a. a. O-) liegt Maimuni's medicinische Leistung in der Mitte; er war mehr Theoretiker, als Praktiker. st Alkifti und Jbn-Abi-Osaibija a. a. O. und Abdellatif a. a. O. st Bei de Sacy a. a. O. p. 46S. st Bei Munk a. a. O. x>. 30. st Das. x. 20. st Alkifti berichtet: st Uranoorura rs^is ^.soalonias ipZura (LI.) inaxirns optautis rusäious slsotus sst, guoä taiasn munns st bonorsrn ornnino rsousavit. Dieser-st .2 kann nur Richard Löwenherz bedeuten, welcher Askalon wieder ausbauen ließ und zum Stützpunkte für die kriegerischen Unternehmungen gegen Jerusalem machte. (Weil, Chalifen III 123 ff) 302 Geschichte der Juden. Seine Gönner, der Oberrichter und Wesir Alfadhel sprach ihn auch um dieselbe Zeit von einer schweren Anklage los, die ihm unter einem minder milden mohammedanischen oder auch christlichen Richter die Todesstrafe zugezogen hätte. Derselbe Abulalarab Jbn-Moischa, welcher Maimuni's Retter in Fez war (o. S. 271), war von Maghreb nach Egypten gekommen, und als er ihn, den er als Mohammedaner figuriren gesehen, jetzt als religiöses Haupt an der Spitze der jüdischen Gemeinde erblickte, trat er als Ankläger gegen ihn auf, daß Maimuni sich eine Zeitlang zum Islam bekannt habe und folglich als Abtrünniger zu bestrafen sei. Alfadhel, vor dessen Tribunal die Anklage erhoben war, urtheilte gerecht, daß ein aufgezwungenes Bekenntniß keine Gültigkeit haben und keine Folgen nach sich ziehen könne (um 11871). In Folge seiner Gunst bei dem Wesir wurde Maimuni zum Oberhaupte sämmtlicher egyptischen Gemeinden (Uoisst, dls^iä) wahrscheinlich an Stelle des verstorbenen Nathanael (Hibat-Allah o. S. 258) ernannt, und diese Würde vererbte sich in seiner Familie vom Vater auf Sohn und Enkel bis ins vierzehnte Jahrhundert. Sicherlich hat Maimuni für dieses Amt kein Gehalt bezogen; denn ihm schien nichts so sehr unwürdig und sündhaft, als sich ein geistliches Amt bezahlen zu lassen oder das Wissen zu einem nährenden Handwerke zu erniedrigen ^). Seine hervorragende Stellung benutzte er für seine Glaubensgenossen, um ihnen irgendwo zugefügte Unbill von ihnen abzuwenden. Es ist bereits erwähnt, daß durch seine Veranlassung das schwere Joch der Verfolgung von den Gemeinden Jemen's beseitigt wurde (o. S. 281). Als Saladin Jerusalem den Händen der Christen, welche es beinahe ein Jahrhundert besessen, wieder entrissen hatte (October 1187), gestattete er den Juden, sich in der Stadt ihrer Väter niederzulassen. Und von allen Seiten strömten wieder die sehnsüchtigen Söhne zu der trauernden und verlassenen Mutter^). Vermutlich war Maimuni diesem Akte hochherziger Duldung nicht fremd. Er bemühte sich endlich, seinen Be- kenntnißgenossen den Vorzug vor den Karäern im Staate geben zu st Alkifti a. a. O. berichtet, die Anklage sei erhoben worden, sud vibas üllsrn ^laünoniäis (>- 0 x 21 irm '->)> Dshebi (bei Munk, ^.rollivss israsittss 1851 x. 329) setzt sie in das bezeichnete Jahr. Jedenfalls ist diese Anklage zu unterscheiden von jener, welche M. selbst im Sendschreiben an Jephet 0 . S. 273, Anmerk. 1 erwähnt. st Den Titel Lsl's legen ihm sämmtliche arabische Schriftsteller bei, die von ihm sprechen. st Vsrgl. Abot-Commentar zu IV 7 und Hiloliob Lalrauck lllbora III. st Charisi, lllaollksnaoni Pforte 29. Maimuni's Gegnerschaft. 303 lassen und diese aus ihrer günstigen Stellung bei Hofe nach und nach zu verdrängen, so daß manche von ihnen zum Rabbanitenthum zurückkehrten, was Maimuni zu seiner Zeit als hohes Verdienst angerechnet wurde'). Je höher Maimuni in den Augen seiner Zeitgenossen stieg, je mehr seine außergewöhnliche Persönlichkeit anerkannt wurde, und je lauter sein Ruhm erscholl, desto mehr fühlte sich das dünkelhafte Schulhaupt von Bagdad Samuel b, Ali (o. S. 251) in seinem Ansehen verletzt und von Neid besessen. Samuel nahm daher jede Gelegenheit wahr, Maimuni's Verdienst zu verkleinern und ihn verächtlich zu machen. Heimlich flüsterten Samuel b. Ali und seine Freunde unter einander, daß Maimuni durchaus kein strengfrommer Jude und kein aufrichtiger Anhänger des Talmud sei, und verbreiteten unter der Hand allerlei lügenhafte Verleumdungen über ihn ^). Einige Mißgriffe, welche Maimuni in seiner Jugendarbeit des Mischnahcommentars begangen hatte, da er sich bei der Erklärung dunkler Stellen von den Gaouen leiten ließ, benutzten diese Böswilligen, um ihn als einen im Talmud Unwissenden zu stempeln, dem auf diesem Gebiete keine Stimme gebührte. Ihre Religiosität bestand darin, wie sie Maimuni charak- terisirte, sich vor dem Uebertreten von Satzungen zu hüten, aber gute Sitten, Demuth, rein menschliche Tugenden gehören nach der Ansicht dieses Menschenschlages nicht zur Religion st. Als nun die Saat, welche Maimuni ausgestreut hatte, anfing frühzeitige Früchte zu tragen, benutzten Samuel b. Ali und seine Genossen diese Erscheinungen, um den Urheber in den Augen der Mitwelt herabzusetzen. In Damaskus und Jemen traten Religionslehrer auf, welche aus Maimuni's Schriften folgerichtige Schlüsse zogen, die er selbst nicht folgern mochte. Da er die Unsterblichkeit der Seele in dem reingeistigen Zustand einer jenseitigen Welt stark betont und wieder- holentlich hervorgehoben, die Auferstehung der Leiber dagegen nur nebenbei hingestellt hatte, so folgerten diese seine Jünger, daß es ihm mit der Auferstehung nicht völliger Ernst sei und lehrten geradezu, mit dem Tode verfalle der Leib der Auflösung und dem Untergange, und nur die Seele schwinge sich zum reinen Geistesleben empor. Allerdings verstieß diese freie Ansicht gegen ausdrückliche Aussprüche st Nachw.ani's größeres Sendschreiben an die französischen Rabbinsn st Briefsammlnng p. t6a, weniger gut wiedergegeben in Goldberg's Einl. zu Uirlebst ^.drsbrrrn Bl. 4 s.; Sendschreiben an Joseph Jbn-Gabar in Edslinann's Obsracls. Asunss S. 6 und in Ulisssr Mmsnsis' lllssna 8s- lesnirn S. 78. st Sendschreiben a» Joseph Jbn-Aknin bei Goldberg a. a. O. Bl. 4b 304 Geschichte der Jude». im Talmud und erregte darum allgemeines Aergerniß. Maimuni wurde angegangen, sich deutlich über den Glauben an die leibliche Auferstehung anszusprechen. Er that es und hielt seinen bisherigen Standpunkt fest. Aber auch Samuel b. Ali wurde von Jemen ans anfgefordert, sein Urtheil über die Frage des Auferstehungsglaubeus abzugeben, und schrieb eine ganze Abhandlung darüber, versah sie mit philosophischen Floskeln, um nicht darin hinter Maimuni zurück- znstehen, und machte bei dieser Gelegenheit an dessen Schriften Ausstellungen, deren Wirkung er durch zum Theil gespendetes Lob zu erhöhen glaubte^). Bei einer andern Veranlassung, als Maimuni auf eine Anfrage von Bagdad aus nach talmndischem Prinzipe gestattete, am Sabbat zu Schiff auf tiefen Flüssen und Strömen zu fahren, richtete Samuel b. Ali ein Sendschreiben an ihn, worin er unter Schmeicheleien und Bücklingen ihm vorwarf, einen Jrrthum in der Auffassung des Talmud begangen zu haben, wie kaum ein Anfänger. Er fügte süßlich hinzu: er möge sich nicht darüber grämen, indem Irren so sehr menschlich sei, daß auch die Propheten und die großen Männer des Talmud demselben nicht entgangen seien. Er verfehlte aber auch nicht, mit Protektormiene hervorzuheben, daß er ihn bei den Gemeinden in Jemen in Schutz genommen habe. Maimuni erwiderte daraus ein geharnischtes Sendschreiben"), worin er seinem hämischen Gegner nachwies, daß gerade dieser sich in der tieferen Auffassung des Talmud geirrt habe. Er berührte dabei auch die heimlichen Anfeindungen seines großen Werkes in diesem Kreise, indem Einige der Meinung seien, es enthalte Jrrthümer, Andere, es sei überflüssig, und noch Andere, es sei schädlich. „Du scheinst mich," bemerkte Maimuni gegen ihn, „zu denen zu zählen, die gegen jedes Wort des Tadels empfindlich sind. Du irrst Dich aber darin. Gott hat mich vor dieser Schwachheit geschützt, und bei ihm betheure ich Dir, daß, wenn mir der geringste Schüler, sei es Freund oder Feind, einen Jrrthum nachwiese, ich ihm für die Berichtigung und Belehrung dankbar bin." Obwohl Samuel b. Ali durch Maimuni derb abgefertigt wurde, fuhr er dennoch fort zu verbreiten^), derselbe habe sich in seiner Entscheidung in Betreff des Fahrens auf Flüssen am Sabbat geirrt, daß er nicht talmudfest sei, und daß dessen Codex nicht Traktat cts rs8nrrsotions Ans. 2 ) Die vier betreffenden Sendschreiben in der Briefsammlung S. 38—40. Sie fallen säinmtlich vor Abfassung des Traktats äs resnrrsstions, wie aus dem Schreiben an Joseph Jbn-G'abar hervorgeht, also vor 1100, aber nach den in jenem Traktate erwähnten Vorfällen vom Jahre 1188. o) Folgt aus dem Sendschreiben an Jbn G'abar a. a. O. Maimuni's Abhandlung über die Auferstehung. 305 das Ansehen verdiene, das er genoß. Von einer andern Seite, von Haleb aus, wirkte ein beschrankter Stocktalmndist, Mar-Sa charia, der sich durch Maimuni's Jünger Joseph Jbn-Aknin verdunkelt sah, ebenfalls feindselig gegen Meister und Schüler. Da aber der Weise von Fostat überall warme und hingebende Anhänger hatte, so waren Samuel b. Ali und sein Genosse von Haleb genöthigt, vorsichtig aufzutreten. Sie fädelten ein niedriges Jntriguenspiel gegen ihn ein, in das sie auch einen der damaligen zwei Exilarchen hineinzogen, das uns aber nur dunkel bekannt ist. Maimuni setzte dieser Jntrigue eine verachtende Gleichgültigkeit und Ruhe entgegen, was seine Gegner vollends entwaffnete. Da sein eifriger Jünger Jbn-Aknin, der sich mehr als der Betroffene selbst über die Jntriguen ärgerte, die Absicht zu erkennen gab, in Bagdad ein Lehrhaus zu eröffnen, dort den Talmud in maimunischer Weise auszulegen und solchergestalt Samuel b. Ali auf dessen eigenem Gebiete zu schlagen, so warnte ihn Maimuni in einem Sendschreiben (vom October 1189 *) vor einem solchen Schritte mit Gründen, welche seine edle Gesinnung offenbaren. „Ich habe nichts dagegen, daß Du in Bagdad ein Lehrhaus eröffnest und dort nach meinem Codex die Religionsgesetze lehrest; aber ich fürchte, daß Du Dich fortwährenden Kränkungen von ihrer Seite aussetzest und nicht zum Ziele gelangen wirst. Außerdem wenn Du Dich auf den Unterricht verlegest, so wirst Du Dein Geschäft vernachlässigen, und ich rathe Dir, nichts von ihnen dafür anzunehmen. Eine Drachme, verdient von der Ausübung des Weber-, Schneider- oder Zimmermannshandwerkes ist angenehmer, als reicher Gewinn durch ein Lehrdiplom vom Exilarchen. Wenn Du mit ihnen zu thnn hast, wirst Du verlieren, und wenn Du etwas von ihnen annimmst, wirst Du Dich erniedrigen. Meine Meinung ist, daß Du Dich auf das Geschäft und auf die Ausübung der Arzneikunde beschränken und Dich dabei mit der Thora nach gründlicher Erforschung beschäftigen mögest. Du sollst aber nur das Werk AlfLßi's studiren und es mit unserm Codex vergleichen. — Wenn Du aber Deine Zeit auf die Talmud- commentarien und auf die Diskussion über dunkle Stellen verwendest, so wirst Du davon nur Zeitverlust und wenig Nutzen haben" Stärker konnte er seine entschiedene Abneigung gegen ein besoldetes *) Vergl. o. S. 300 Anmerk. t. Das von Goldberg vollständig edirte Sendschreiben an Jbn-Aknin ist vor Abfassung des Traktats äs rssnrrsotions geschrieben; das Sendschreiben an Jbn-G'abar dagegen nach Abfassung desselben. Folglich ist Goldberg's Annahme falsch, daß in dem erster» ans die Correspon- denz mit Jbn-G'abar angespielt werde. 2) Sendschreiben an Jbn-Aknin bei Munk und Goldberg. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 20 Lehramt für die Religionswissenschaft und gegen die talmndischen Diskussionen nicht ausdrücken. Ungeachtet seiner Reibungen mit der Partei des Samuel b. Ali und seiner angestrengten Thätigkeit als Arzt, die ihm kaum Zeit zum Studium ließ *), vollendete er sein religionsphilosophisches Werk (.Vloräir Usdnodim, Oalnlat ul-Hakrin, um 1190"), das nicht bloß für das Judenthum, sondern auch für die Geschichte der Philosophie im Mittelalter überhaupt von außerordentlicher Bedeutung wurde. Es bildet den Höhepunkt des maimnnischen Geistes und die Rechtfertigung seiner innigsten Ueberzengnngen. Die Fragen, welche der menschliche Geist stets von neuem aufwirft: über das Vorhandensein einer höhern Welt, über die Bestimmung des eigenen Daseins und über die Unvollkommenheit und Uebel der irdischen Welt, suchte Mai- muni auf eine damals überzeugende Weise zu beantworten. Die Zweifel, welche dem denkenden Juden an der Wahrheit seiner angestammten Religion aufstießen, suchte er ans eine befriedigende Weise zu beschwichtigen. Er, dessen Denken stets auf das Höchste gerichtet war, durfte sich herausnehmen, „der Führer der Irrenden und Schwankenden" sein zu wollen. Die äußere Einkleidung dieses epochemachenden Werkes ist zwar so angelegt, als wenn der Verfasser für seinen Lieblingsjünger einzelne Abhandlungen über wichtige Punkte, welche diesen innerlich beunruhigten und quälten, zum Niederschlagen seiner Zweifel ausgearbeitet hätte. Allein es wurde von dem Be- dürfniß dictirt, sich selbst die philosophische Weltanschauung und den Platz, den das Judenthum darin einnimmt, klar zu machen und ihr Nerhältniß zu einander gründlich auseinander zu setzen. Die einzelnen Kapitel dieses Werkes, so lose auch ihr Zusammenhang unter einander scheint, bilden daher ein einheitliches Ganze, ein abgerundetes Gedankensystem. Maimuni hatte bei der Abfassung desselben lediglich denkende Leser ans dem jüdischen Kreise im Auge und versetzte sich in deren Geist; daher legte er es nicht, wie seine Art war, systematisch an, sondern entwickelte zuerst alle die Voraussetzungen, auf welchen der Gedankenbau wie auf einem sichern Grunde aufgeführt werden kann. r) Das. 2 , Folgt daraus, daß der Llorslr, als er das Sendschreiben an Jbn-Aknin erließ, 1>89 noch nicht vollendet war, dagegen beruft er sich schon darauf im Traktate äs issurrsstioirs von 1191. Durch Scheyer's Uebersetzung des dritten Theils des Morslr (Franks, a. M. 1838) und durch dessen psychologisches System des Maimonides (Vas. 184S), sowie durch Munks Uebersetzung (Oluiäs äss sgarss. 3 Bde. Paris 18S8 — 6K), beide nach dem arabischen Original und mit sachlichen und sprachlichen Noten, ist das Verständniß desselben bedeutend erleichtert worden. Maimuni's Moreh Nebuchim. 307 Maimuni war einerseits von der Wahrheit der aristotelischen Philosophie, wie sie der mohammedanische Philosoph Jbn-Sina nnd Andere erweitert hatten, fest überzeugt. Andererseits war ihm das Judenthnm nicht minder unerschütterliche Wahrheit. Beide schienen ihm denselben Ausgangspunkt nnd ein gemeinsames Ziel zu haben. Die Philosophie erkennt als Spitze aller Wesenheiten einen einheitlichen Gott als Weltbeweger an. Das Judenthum lehrt ebenfalls mit scharfer Betonung die Einheit Gottes, und verabscheut nichts gründlicher als Vielgötterei. Die Metaphysik kennt kein höheres Ziel des Menschen, als sich theoretisch zu vervollkommen, sich zur höchsten Erkenntniß emporzuarbeiten. Auch das Judenthum, selbst das talmndische, stellt Erkennen und Wissen, Gotteserkenntniß, an die Spitze seiner Vorschriften. Sind also die Wahrheit, welche der menschliche Geist in seiner Vollkraft ans sich selbst erzeugte, nnd die Offenbarung, welche die Gottheit am Sinai dem israelitischen Volke eröffnet hat, einander in Anfang und Ende gleich, so müssen die einzelnen Theile derselben einander entsprechen und sich zu einander wie eine und dieselbe Wahrheit, nur auf verschiedenem Wege gewonnen, Verhalten. Das Judenthum könne um so weniger mit der Philosophie im Widerspruch stehen, als beide Ausflüsse des göttlichen Geistes seien. Die Wahrheit, welche Gott offenbart hat, müsse auch mit derjenigen übereinstimmen, welche in der menschlichen Vernunft, als einer von der Gottheit stammenden Gabe, liegt, und ebenso müssen alle Wahrheiten, welche das metaphysische Denken zu Tage fördern kann, in der Offenbarung, d. h. in dem Judenthnm vorhanden sein. Maimuni glaubte daher, daß ursprünglich neben der schriftlichen Gesetzesoffenbarung im Pentateuch auch mündliche Lehren philosophischer Art dem größten Propheten mitgetheilt worden seien, die weiter durch Ueberliefernng im israelitischen Kreise fortgepflanzt worden und erst in Folge der Störungen und Trübungen, welche die israelitische Nation im Laufe der Zeit erfahren hat, nntergegangcn seien. Spuren dieser alten israelitischen Weisheit fänden sich, nach Maimuni's Ansicht, in den hingeworfenen Anssprüchen der Propheten und in den Sentenzen der Agada. Wenn daher der denkende Jude die Wahrheit aus der griechischen Philosophie entlehnt, ans Plato und Aristoteles lauscht, so sind diese ihm nicht ganz fremde Elemente, sondern nur Mittel, sich seines eigenen, verlorenen Schatzes wieder zu erinnern Z. Maimuni kehrte also, um eine jüdische Religionsphilosophie zu begründen, zu Saadia's Standpunkt zurück, daß das Judenthnm mit der metaphysischen Weltanschauung im Einklang sei nnd sein müsse; er 20 * ') illorsll I. 71. II. II. 308 Geschichte der Juden. wies die Weltweisheit nicht wie Jehuda Halevi als eine zudringliche Kupplerin ab, erkannte sie vielmehr als höchste Instanz in göttlichen Dingen an. Nur ist sein System viel reicher, tiefer nnd gediegener als Saadia's, wie die Frucht voller ist als der Keim. Maimuni begnügte sich nicht mit Scheinbeweisen, nicht mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit znmuthenden Ideen, sondern rückte den Gedanken näher und prüfte mit gewissenhafter Strenge ihre Beweiskraft und Stichhaltigkeit. So hoch ihm auch Aristoteles, der Vollender der griechischen Philosophie, stand, nnd so voll Verehrung er auch für jeden seiner Aussprüche war, so beruhigte er sich dennoch nicht bei dem von ihm ausgestellten Gedankenkreise, sondern unterwarf ihn einer sorgfältigen Prüfung. Maimuni kam sogar zu dem Ergebnis), daß, obwohl Alles, was Aristoteles über die Natur der Welt ausgesprochen von der Mondsphäre bis zum Mittelpunkt der Erde, als auf sichere Beweise gegründet, fest und unerschütterlich sei, dennoch seine Ideen über die Natur der höheren Welt mehr Meinung als philosophische Gewißheit seien. Maimuni wich daher bei der Darstellung des Gedankeninhalts der jüdischen Religion wesentlich von Aristoteles' Philosophie ab. und in den Punkten, in welchen er über sie hinansging, war er selbständig und erzeugte eine neue, wenn auch aristotelisch-gefärbte Weltanschauung. In seinen zwei ältern Werken hatte er zwar bereits philosophische Lehren entwickelt, in diesem Werke sucht er sie zu begründen und im Zusammenhänge darzustellen. Maimuni ging von dem Punkte ans, daß es mit entschiedener Nothwendigkeit ein Wesen geben müsse, welches die Bewegung der Sphären und der nieder» Welt leitet, das nicht anders als daseiend und existirend gedacht werden könne. Denn ohne dieses höchste Wesen wäre der Bestand nnd der Zusammenhang des Weltganzen undenkbar. Dieses höchste Sein, dieses „bewegende Unbewegte", ist die erste Ursache von allem Vorhandenen, ist selbst unveränderlich und daher unkörperlich und eins. Es ist die reine Wirklichkeit und der in sich beharrende unendliche Geist, dessen Gedanken stets verwirklichen und gestalten und Ordnung, Gesetz und Regeln Hervorbringen. Obwohl dem höchsten Wesen oder der Gottheit eine Fülle von Vollkommenheiten innewvhut, so dürfe man ihm doch keinerlei Eigenschaft (Attribut) beilegen, weil eine solche, nach menschlicher Vorstellnngsweise gedacht, entweder seine geschlossene Wesenseinheit oder seine Unveränderlichkeit beeinträchtigen würde. Kaum dürfe man von der Gottheit aussagen, daß sie unendlich wirke, weil Wirksamkeit das Streben, etwas Mangelhaftes zu ergänzen, voraussetze, und die Gottheit ist das in sich ruhende Genüge. Judesten Maimuni's Religionsphilosophie. 309 so wie man ihr Dasein und Verwirklichungskraft zusprechen müsse, ebenso müsse man in ihr Allwissenheit und freie Willensthätigkeit annehmen; nur dürfen diese Vollkommenheiten weder um viele Grade höher als die ähnlichen dem Menschen innewohnenden Geisteskräfte, noch von ihrem Wesen getrennt, sondern durchaus eigenthümlich und mit ihr in durchschlagender Einheit gedacht werden. Das ganze Weltall, das als ein organisches, im Einklang wirkendes, aus über einander schwebenden Sphären bestehendes Einzelwesen gedacht werden müsse, ist weiter nichts als verwirklichte Gedanken Gottes, oder vielmehr als die stets zur Wirklichkeit treibenden Ideen Gottes. Er spendet ihm stets Gestaltungen und Formen und pflanzt der Welt Ordnung und Gesetzmäßigkeit ein. Alles ist darin zweckentsprechend angeordnet. Die griechische Philosophie nimmt zwar an, daß das Weltall an Gottes Ewigkeit Theil habe, daß es von jeher von Gott verwirklicht worden sei und stets denselben Kreislauf von Gestalten, Werden und, Vergehen dnrchgemacht habe, wie es in der Gegenwart erscheint. Allein sie vermöge weder die Ewigkeit der Welt unwiderleglich zu beweisen, noch alle Schwierigkeiten hinwegznränmen, welche der Annahme eines Urbestandes des Weltganzen entgegenstehen. Viel einleuchtender sei die Lehre des Judenthums, daß die Welt einen zeitlichen Anfang habe, und daß die Zeit selbst, die vielmehr erst eine Form der Welt und ihrer Bewegung ist, nicht anfangslos sei, sondern von dem bestimmenden Willen Gottes in's Dasein gerufen worden. Die Annahme, daß Gott nickt bloß Ordner und Erhalter, sondern auch freithätiger Schöpfer der Welt sei, obwohl sie nicht mit voller Gewißheit bewiesen werden könne empfehle sich dem menschlichen Bewußtsein weit mehr als jene, welche dem Weltall Urewigkeit zuschreibt, demgemäß die Welt eine so noth- wendige Folge der Gottheit sei, wie der Schatten dem Lichte. Die Lehre des Jndenthums zwinge der Gottheit keinerlei Nothwendigkeit auf, sondern lasse sie in freier Selbstbestimmung die Wesenheiten in einem bestimmten Anfangspunkte in's Dasein rufen. Das von Gott geschaffene und znsammengehaltene, organisch gestaltete Weltall bestehe ans einer Stnfenreihe verschiedenartiger Wesen. Der Gottheit am nächsten stehen reine Geister, die einfach, nicht zusammengesetzt aus Stoff und Form und daher der göttlichen Natur am vollsten theilhaftig sind. Ihre nothwendige Existenz ist philosophisch erwiesen, weil sich dadurch manche Erscheinungen im Weltall am besten erklären lassen. Diese reinen Geister, diese „vom Stoff losgelösten Formen" nenne das Judenthum, nenne die heilige Schrift: Engel. Maimuni ist geneigt, vier solche stofflose Geister und dem entsprechend 310 Geschichte der Juden. vier Engel oder vielmehr vier En gelgruppen^) anznnehmen, entsprechend der Bierzahl der Elemente in der nieder» Wesenreihe. Diese Geister oder Engel seien nicht einander gleich gestellt, sondern untereinander abgestnft und verhalten sich zu einander, wie Ursache zu Wirkung, so daß es einen höchsten und einen niedrigsten Engel gäbe. Unter diesen müsse ein Geist oder Engel vorausgesetzt werden, welcher gedanken- oder ideen-erzeugend wirke, der thätige Weltgeist oder die betätigende Vernunft (i-oist Zrsoböl km Uoälj; darunter sei der von der Agada erwähnte „Fürst der Welt" (Lar Im - Olaw) zu verstehen. Seine Wirksamkeit sei erst durch die Auffassung der nieder» Wesenreihe zu begreifen. Auf der den reinen Geistern zunächst stehenden Stufe seien nun Wesenheiten, welche zwar ans Stoff und Form zusammengesetzt gedacht werden müßten, deren Stoff aber nicht plump und grob, sondern ätherischer Natur sei. Diese ätherischen Wesenheiten seien der Himmel und die lichte Sternenwelt, welche eine ewig gleiche Bewegung innehalten, daher dem Wechsel von Entstehen und Vergehen nicht unterworfen sind, sondern in steter Klarheit und in ununterbrochener Regelmäßigkeit im Weltraum dahinrollen und im Kreislauf, der regelmäßigsten aller Bewegungen, wiederkehren. Sie gestalten und verändern den tiefer stehenden Wesenskreis. So mannigfaltig und unendlich auch die Sternenwelt erscheint, so läßt sie sich doch in vier Sphären gruppiren, in die Sphäre der Fixsterne, der Jrrsterne (Planeten), der Sonne und des Mondes, die ebenfalls als übereinander schwebend vorgestellt werden müßten. Diese Sternensphären seien als mit Leben begabt und geistes- thätig zu denken. Unter der Mondsphäre befinde sich eine Wesensstufe, die aus gröberem Stoffe gebildet, aber empfänglich sei, Form, Gestaltung und Bewegung anzunehmen, also ans Stoff und Form zusammengesetzt, aber aus einem Stoffe, der die Form nicht stetig festzuhalten vermöge und daher dem ewigen Wechsel, dem Entstehen und Vergehen unterliege. Es ist die Welt der vier Elemente, die ebenfalls in vier Sphären übereinander geformt sind. Innerhalb dieser Sphären bilden sich durch mannigfaltigen Formenwechsel, angeregt durch die Sternenwelt, todte Mineralien, mit Leben angehauchte Pflanzen, sich selbst bewegende Thiere und geistesempfängliche Menschen. Wie ist aber das Einwirken Gottes auf dieses vielgestaltige, abgestufte Weltall zu denken? Die Veränderungen können nicht unmittelbar von ihm ansgehen. Denn sowie er die Welt geradezu in Bewegung brächte, würde er selbst Veränderung in seinem innersten Wesen erleiden st Das. II. 10. Maimuni's Religionsphilosophie. 311 und seine Vollkommenheit und Erhabenheit bestehe eben in seiner ewigen Ruhe und Unveränderlichkeit! Die aristotelisch-maimunische Naturphilosophie giebt folgende Antwort auf diese Frage. Die beseelten Sternenkreise, welche die Ursache aller Veränderungen hicnieden sind, werden keineswegs von Gott in Bewegung gesetzt, sondern bewegen sich als beseelte Wesen ihm zu in Sehnsucht und Liebe, um seiner Vollkommenheit, seines Lichtes und seiner Güte theilhaftig zu werden. Durch dieses sehnsuchtsvolle Streben der Himmelskörper zu Gott entsteht ihr regelmäßiger Kreislauf, und dadurch bewirken sie alle Veränderungen in der Welt unter dem Monde, im Wesenkreise des Entstehens und Vergehens durch Annehmeu und Verlieren der eigenthnmlichen Formen und Gebilde. Indessen streben nicht sämmtliche Himmelssphären zu Gott, sondern wegen ihrer niedrigem Stellung lediglich zu den gottähnlichen, reinen Geistern oder Engeln. Dem Verlangen, von Seiten der ätherischen Wesen Begeistigung und Vollkommenheit zu empfangen, käme Gott oder die Lichtwesen spendend und überleitend von ihrer Fülle entgegen. So sei Gott nicht unmittelbar der Weltbeweger, sondern die erste Ursache der Bewegung, er aber bleibe dabei unverändert. Diese Theorie von Gott, dem Weltall und der mannigfaltigen Bewegung der Wesensstufen fand Maimnui in der heiligen Schrift und in vielen Aussprüchen der Agada angedentet, aber nur angedeutet und nur leise darauf angespielt, weil diese Schriften und diese Lehren, die für Jedermann bestimmt seien, das volle Bild der Wahrheit nickt entschleiern mochten, nicht entschleiern durften, um nicht grobe Mißverständnisse zu veranlassen. Die „Geheimnisse der Lehre" (Litrs Tbora), die namentlich in dem Kapitel von der Schöpfung (Naasss Usrosolnt) und in den Ezechielischen Gesichten vom Thronwagen Gottes (Asassa LIsi'Irada) niedergelegt seien, wären nichts anderes gewesen, als eben diese Theorie, und sie seien lediglich Eingeweihten überliefert worden. Für die gedankenlose Menge hätten sich die Propheten und Agadisten (predigende Schriftausleger) der Bilder und Gleichnisse bedient, weil deren blöde Augen den Glanz der vollen Wahrheit nicht ertragen könnten. Wichtiger als die Auseinandersetzung dieser Weltanschauung ist Maimuni's Gedankenentwickelung über die den Menschen näher angehende» Punkte, die er daran anknüpft. Da Gott, die Vollkommenheit und Allgüte, Urheber des Weltalls ist, so kann dieses nicht anders als gut und zweckentsprechend gestaltet sein: „Gott sah, daß Alles gut war," und „aus der Höhe kommt nichts Böses". Die Uebel, welche sich innerhalb der nieder» Welt finden, dürfen nicht als Gottes Schöpfungen angesehen werden, sondern lediglich als Abwesenheit des Guten und 312 Geschichte der Juden. Vollkommenen, wenn der schwerfällige Stoff nicht im Stande ist, des Guten und Göttlichen theilhaftig zu werden. Gott hat keineswegs das Böse geschaffen, sondern dieses entsteht aus der Natur des groben Stoffes, welcher mangelhaft beanlagt sein müsse und als solcher das Gute und den Segen nur mangelhaft annehmen und halten könne. Ohnehin entsprängen die meisten Uebel von den Menschen selbst, die sie entweder sich selbst oder einander znfügen. Aber diese Uebel sollen eben überwunden werden. In die Seele des Menschen, welcher allen aus grobem Stoffe und höherer Form zusammengesetzten Wesen überlegen ist, hat Gott nämlich die Anlage und den Trieb zur Erkenntniß gesenkt. Folgt sie diesem Triebe, so kommt ihr die eigens dazu geschaffene thätige Vernunft (o. S. 310) entgegen, um ihr die Quelle des göttlichen Geistes zu öffnen, auf daß sie den Zusammenhang der Welt und Gottes Einwirkung auf dieselbe zu erkennen und ein zweckentsprechendes Leben zu führen im Stande sei. Der Mensch vermöge sich demnach zur höheren Engelsstufe zu erheben und die Schranken von Seiten seines stofflichen Leibes zu überwinden. Durch diesen Aufschwung zum höheren Gedankeninhalt und zur Sittenreinheit, wenn er sich von dem Thierischen nicht meistern läßt, erwirbt sich der Mensch selbst den Geist, er macht sich selbst zu einem überirdischen Wesen, er erringt sich die Unsterblichkeit des Geistes und wird mit dem allwaltenden Weltgeiste geeint. Die Möglichkeit, die höchste Stufe zu erringen, ist dem Menschen mit seiner Willensfreiheit geschenkt, und diese beschränke keineswegs die göttliche Allwissenheit, so wie sie auch nicht von dem göttlichen Wissen um den Erfolg beschränkt werde, da das göttliche Wissen, als nicht auf einem mühsamen Stufengang beruhend, feinem ganzen Wesen nach von der Erkenntnißweise des Menschen verschieden sei. Und ebenso wie die Unsterblichkeit vermöge sich der Mensch durch seine Seelenthätigkeit die besondere göttliche Vorsehung zu erwerben und gewissermaßen zu erringen. Denn Gottes Fürsorge erstrecke sich nur auf das Bleibende und Dauernde, auch in der niedern Welt der vier Elemente auf die Erhaltung der Gattungen, die vermöge ihrer Form und Zweckmäßigkeit geistiger Natur sind. Erhebt sich nun der Mensch zur Geistesstufe, wird er Herr des Stofflichen, so kann ihm das fürsorgliche Auge Gottes nicht fehlen. — Und wie der Mensch sich den höchsten Lohn in der Erringung eines unsterblichen Geistes durch sittliche und denkthätige Selbstarbeit erwerben könne, ebenso ziehe er sich die höchste Strafe selbst zu, wenn sein Geisteslicht durch ein sündhaftes Leben erstickt wird und im Stofflichen erlischt. Der Mensch vermöge aber noch mehr zu erwerben, er sei im Stande, durch ein ideales Leben die prophetische Anlage in sich aus- Maimuni's Religionsphilosophie. 3l3 zubilden, wenn er seinen Geist in stetigem Denken und Thun Gott zuwendet. Freilich gehört besonders zur Erlangung der Prophetie einerseits die Ausbildung und Spannung der Phantasie von Seiten des Menschen und von Seiten Gottes die Ausgießung seines Geistes. Da nun eine lebhafte, vorwaltende Phantasie die Haupttüchtigkeit für die Prophetie ist, so könne sie sich lediglich in einem traumähnlichen Zustande entfalten, wenn die störende Sinnenthätigkeit abgespannt ist, und der Geist frei wird. sich den Einwirkungen von oben ganz zu überlassen. Die Prophezeiung der Propheten sei stets in einer Art Traum erfolgt. Sänimtliche Erzählungen, welche die heilige Schrift von dem Thun und dem Erfahren der Propheten während ihres verzückten Zustandes mittheilt, dürften aber nicht als wirkliche Thatsachen, sondern nur als innere Seelcnvorgänge, als Gesicht und Schau der Phantasie, anfgefaßt werden. Es gebe auch verschiedene Stufen in der Prophetie, je nach der größeren oder geringeren Tüchtigkeit, die dazu erforderlich ist. Dadurch hören viele Wundererzählungen in der Bibel auf, übernatürlich und auffallend zu erscheinen, sowie auch die hyperbolische Redeweise der Propheten dadurch erklärlich ist. Alles das liege an dem Vorherrschen der Phantasie und an den traumähnlichen Erscheinungen. Es sei zwar nicht gegen die Möglichkeit, Wunder anzunehmcn. Derselbe Schöpfer, der die Naturgesetze geordnet, könne sie auch theilweise wieder anf- heben, allein nur zeitweilig, so daß die Ordnung gleich wieder znrück- kehrt, wie das Nilwasser nur auf kurze Zeit in Blut verwandelt, Mose's Hand auf kurze Zeit schneeweiß wurde, das Meer sich lediglich auf einige Stunden für die Israeliten spaltete. Immerhin sei die Zahl der Wunder in der Bibel zu beschränken. Wunder seien überhaupt nicht die Mittel, um die Aussagen der Propheten zu beweisen und zu bestätigen, diese müssen sich vielmehr durch den Inhalt ihrer Prophezeiung und durch das Eintreffen ihrer Verkündigungen be- thätigen. Wunder thun's nicht. Der vollkommenste aller Propheten war jener Gottesmann mit strahlendem Antlitze, welcher der Welt eine tiefeingreifende Lehre gebracht hat. Mose's Prophetie sei in vier wesentlichen Punkten von der späterer Propheten verschieden gewesen. Er empfing die Offenbarung ohne Vermittelung eines anderen geistigen Wesens, also ohne Einwirkung der thätigen Vernunft oder eines Engels, sondern verkehrte mit der „Gottheit von Angesicht zu Angesicht, von Mund zu Mund". Nicht im Traum, bei Entäußerung aller Sinnesthätigkeit und beim Vorwalten der regen Phantasie, sondern in nüchterner, gewissermaßen alltäglicher Stimmung kam ihm die höhere Weisung 314 Geschichte der Juden. zu. Sein Wesen wurde auch dabei nicht erschüttert oder aufgelöst wie das anderer Propheten, wenn der Geist Gottes über sie kam, sondern er konnte sich dabei aufrecht erhalten. Endlich war Mose beständig in der prophetischen Stimmung, während diese über andere Gottesmänner nur nach längerer oder kürzerer Unterbrechung und erst nach vorangegangener Vorbereitung zu kommen pflegte. Diese prophetische Vollkommenheit habe Mose nur deswegen besessen, weil er sich durch Aufschwung seines Geistes von den Banden der Sinnlichkeit, von der Begehrnng, selbst von der Phantasie frei gemacht und sich zum Grad eines Engels oder eines reinen Geistes emporgerungen habe. Alle Hüllen, welche das Auge des menschlichen Geistes umschleiern und seinen Blick trüben, habe er zerrissen und sei bis zum Urquell der Wahrheit vorgedrungen. Er habe eine Stufe erreicht, wie noch nie ein Sterblicher; darum habe er auch vermocht, mit dem freien Auge eines reinen Geistes die Gottheit und ihren Willen zu erkennen. Ohne Vermittelung und in durchsichtiger Klarheit sei ihm von dem höchsten Wesen die Wahrheit zngestrahlt worden, ohne Wort und Rede. Das, was er auf solcher Höhe erschaute, habe er seinem Volke als eine Lehre, als eine Offenbarung übermittelt *). Diese der Gottheit unmittelbar entstrahlte Wahrheit sei eben die Thora. Indessen nimmt Maimnni, doch nicht ganz folgerichtig, die unter Erschütterung erfolgte Offenbarung am Sinai als eine in die Sinne fallende, tatsächliche Erscheinung an, hält auch das Uebergeben der zwei Tafeln mit den zehn Geboten im buchstäblichen Sinne fest, nur bemüht er sich, diese Vorgänge so weit als möglich der Sinnlichkeit zu entkleiden 2). Diese von Gott entstammte Offenbarungslehre steht einzig da, wie der Mittler, durch den sie den Menschen zugeführt wurde, einzig in seiner Art war. Als eine göttliche Lehre sei sie vollkommen, daher könne es keine nach ihr geben, die ihre Gültigkeit aufhöbe und sie ersetzte, wie es auch früher keine derartige gegeben. Selbst Abraham berief nur die Menschen zu Erkenntniß eines einzigen, körperlosen Gottes, aber ohne besonder», göttlichen Beruf und verkündete ihnen auch keineswegs den Inhalt einer umfassenden Lehre. Sämmtliche Propheten nach Mose haben auch nichts Neues verkündet, sondern lediglich die Israeliten zur Befolgung der Moselehre nachdrücklich gemahnt und sie wegen Ab- i) In Llorsll II. 35 beruft sich Maimnni über Mose's Vollkommenheit aus sein Alisollusll - Iboro. und auf seinen Mischna-Commentar. Nur im letztem Werke (zu Lzmbsäriu Abschn. Obslsk zum siebenten Glaubensartikel) deutet er den Hauptgedanken an. Noi'sll II. 66. III. 33. Die Maimnnische Offeiibarungslchre. 315 falls von derselben znrechtgewiesen. Als göttlich nnd vollkommen sei daher die Thora unverbrüchlich, nnd die Nachkommen Jsrael's seien verbunden, sie wie ihren Augapfel zu wahren. Ebenso wie an ihrem Ursprünge zeige sich die Göttlichkeit der Thora auch an ihrem Inhalte. Sie enthalte nicht bloß Gesetze und Vorschriften, sondern auch Lehrmeinungen (Dogmen) über die für die Menschen wichtigsten Fragen, und diese Zwiefachheit des Inhalts sei eben ein Merkmal, sie theils von andern Gesetzgebungen nnd th.eils von andern Religionen zu unterscheiden. Noch mehr. Die Gesetze der Thora erzielen sämmtlich einen höheren Zweck, so daß an ihnen nichts überflüssig, nichts gleichgültig, nichts willkürlich erscheine. Man könne daher die Aufgabe der von Mose gebrachten Offenbarung dahin zusammenfassen, daß sie die Befriedigung der Seele und das leibliche Wohl ihrer Bekenner befördern wolle, das Eine durch Einprägnng richtiger Ansichten über Gott und seine Weltregierung, das Andere durch Einschärfung der Tugend und Sittlichkeit. Maimuni machte sich anheischig, nachzuweisen, daß die sechshundert und dreizehn Pflichten der Thora oder des Judenthnms sämmtlich darauf hinanslaufen, entweder eine richtige Ansicht über die Gottheit und ihr Verhältniß zur Welt anfzustellen, oder einer falschen und gemeinschädlichen Vorstellung zu begegnen, oder eine staatliche Ordnung zu begründen, oder Unrecht und Gewalt fernzuhalten, oder a» Tugenden zu gewöhnen oder endlich verkehrte Sitten und Laster ausznmerzen U- Freilich dürfe man bei der Annahme höherer Zwecke in den Gesetzen des Judenthums nicht zu weit gehen und sie nicht in allen Einzelnheiten derselben finden wollen. Denn so wie in der Natur nur der ganze Organismus einen Zweck hat, das Einzelne nnd die Erscheinung daran aber auch anders hätten sein können, eben so liege lediglich jedem Gesetz der Offenbarung in seiner Allgemeinheit eine höhere Absicht zu Grunde, während das Einzelne daran, die Art der Bethätignng, so oder auch anders hätte sein können"). Maimuni bringt nach seinem Schema sämmtliche Pflichten des Judenthums in vierzehn Gruppen. Ein großer Theil derselben hat nach seiner Ansicht den Zweck, dem Götzenthume, heidnischen Sitten, dem Wahnglauben an Zauberei und magischen Einfluß der Gestirne entgegenzntreten. In dem Cultns und der Lehre der Sabier, — jenes zersprengten Restes der Griechen, welche sich in Mesopotamien niederließen nnd ein Gebräu von morgenländischem Heidenthume und neuplatonischer Afterweisheit zusammengosseu — fand Maimuni viele i) Llorvb II. 40. III. 27, 28, 31. ^ Das. III. 2V. 1 316 Geschichte der Jude» Anhaltspunkte für seine Ansichten von dem Zwecke mancher Gesetze im Jndenthume. Bemerkenswerth ist, daß er den geordneten Tempelcnltus des Judenthnms nur deßwegen eingeführt wissen wollte, um das Opferwesen zu beschränken, um es nach und nach als unwesentlich zu beseitigen. Der Cultus sei nur für das israelitische Volk auf der damaligen Culturstufe angeordnet worden, weil es sich damals nicht von seiner Gewohnheit und von seiner Anschauungsweise: man könne sich der Gottheit nur durch Opfer nähern, hätte abbringen lassen. Das Opferwesen im Jndenthume sei bloß ein Zugeständniß an die menschliche Schwäche gewesen, und darum hätten die Propheten so wenig Gewicht darauf gelegt i). Die zwei Cherubim auf der Bundeslade bedeuteten zwei Engel, um das Volk von dem Dasein reiner Geister augenscheinlich zu überzeugen, weil dadurch das Dasein Gottes und die Prophetie bewiesen werde 2). Die levitischen Reinheitsgesetze seien dazu bestimmt, das Volk vom öftern Betreten des Heiligthnms fernzuhalten, weil durch allzuoften Besuch desselben sich die Ehrfurcht vor der Gottheit, welcher der Tempel geweiht ist, vermindere und sich allmälig ganz abstumpfe"). Die Speisegesetze zielten darauf ab, dem Körper nur gesnndheitsgemäße Nahrung zuzuführen oder die Menschen von ekligen Speisen fernzuhalten ^). Viele Gesetze, namentlich die Keuschheitsgesetze, bezweckten, die thierischen Begierden der Menschen zu beschränken und zu regeln, weil diese am meisten dem Geistesanfschwung hinderlich seien, und der grobe Tastsinn eigentlich eine Schwäche für den zu Hohem berufenen Menschen sei. Nächst diesen will eine Gruppe von religiösen Pflichten auch den Wohl- thätigkeitssinn und das Mitgefühl für Arme und Hilflose einprägen. Haben solchergestalt sämmtliche Vorschriften des Judenthnms einen vernünftigen Zweck, so dürfe der geweckte Sinn auch nicht an den unwichtigen und kleinlich scheinenden Erzählungen in der Thora Anstoß nehmen, denn auch sie hätten den Zweck, Lehren und richtige Auffassungs- Weisen einzuprägen oder Mißverständnissen vorznbeugen^). Auffallend ist es, daß Maimuni, obwohl er nicht bloß das Bibelwort, sondern auch die agadischen Aussprüche vernunftgemäß und philosophisch sich zu deuten bemühte und nur hin und wieder sie mißbilligte, die talmudische Gesetzesauslegnng bei der Auseinandersetzung der Zweckgründe für die Gesetze nicht berücksichtigte und ausdrücklich bemerkte: er wolle nur die höhere» Bezüge der Thora aufsuchen, die talmudische Auslegung dagegen ziehe er nicht mit hinein"), als wollte er das biblische ^ Das. III. 32 und an andern Stellen. 2) Das. III. 45. -) Das. III. 47. ->) Das. III. 48. °) Das. III. 50. ") Das. III. 4t. Wirkung des Moreh Nebuchim. 317 Judenthum vom talmudischeu geschieden wissen. Also gerade diejenigen Elemente, denen er in seinem Codex eine so erstaunliche Sorgfalt bis in's Einzelne zugewendet hat, ließ er in der philosophischen Auffassung des Judenthums auf sich beruhen. Maimuni's Gedankenarbeit, das Judenthum zur Höhe des Bewußtseins und der Zeitphilosophie zu erheben, war von ausgedehntester Tragweite. Für die Deuker seiner Zeit war Maimuni's Religionsphilosophie in der That eine „Führerin der Irrenden". Denn da diese, gleich seinem Jünger Jbn-Aknin, dem dieses philosophische Werk gewidmet war, in demselben Gedankenkreise sich bewegten, einerseits aristotelisch dachten, andererseits jüdisch fühlten, aber zwischen ihrem Denken und Fühlen eine tiefe Kluft gewahrten, so konnte ihnen nichts willkommener sein, als die Brücke zu finden, welche von dem Einen zum Anderen führt. Vieles, was ihnen in Bibel und Talmud anstößig oder doch mindestens nichtssagend erschien, erhielt durch die maimunische, geistvolle Auffassungsweise eine höhere Bedeutung, einen tiefern Sinn und schmiegte sich ihrem Denken an. Für die Nachwelt wirkte das philosophische Werk überhaupt anregend und gedankenerzeugend. Das Judenthum erschien den jüdischen Denkern in maimunischer Beleuchtung nicht mehr als etwas Fremdes, der Vergangenheit Angehörendes, Abgestorbenes, als ein bloßes mechanisches Thun, sondern als ihr eigenes, ihrem Bewußtsein entsprechend, gegenwärtig und gedanklich lebend und belebend. Die jüdischen Denker aller Zeiten nach Maimuui haben darum stets au Maimuni's „Führer" angeknüpft, haben aus dieser Quelle befruchtende Ideen geschöpft und haben selbst aus ihm gelernt, über seinen Standpunkt hiuauszugehen und ihn zu bekämpfen. Und da die Denker am Ende doch stets die Führer, Tonangeber und Bildner bleiben, so kann man mit Recht sagen, daß das Judenthum seine Verjüngung den Gedanken Maimuni's zu verdanke» hat. Er beherrschte so ausschließlich die Männer von Geist, daß sein Werk die vorangegangenen Arbeiten von Saadia bis auf Jbn-Daud eine geraume Zeit völlig verdrängte. Aber auch über den jüdischen Kreis hinaus wirkte Maimuni's philosophisches Werk anregend. Denn obwohl er es lediglich für Juden verfaßt hatte und denen, welche es benutzen wollten, eindringlich, ja, wie man sagte, sogar unter Androhung eines Fluches eingcschärft hatte, es lediglich mit hebräischen Schriftzeichen zu copiren, damit es nicht in die Hände böswilliger Mohammedaner gerathe, und Gehässigkeit gegen die Juden Hervorrufe Z, obwohl er sogar seinen Lieblingsjünger Abdsllatif bei äs x>. 46V. 318 Geschichte der Juden. ermahnte, die ihm zugesandten Hefte sorgsam zu bewahren, damit nicht von Mohammedanern und schlechten Inden Mißbrauch damit getrieben werde i), so wurde es doch noch bei Maimuni's Leben den Arabern zugänglich gemacht Ein Mohammedaner schrieb eine eingehende Erklärung zu den von Maimuni aufgestellten Voraussetzungen, um das Dasein Gottes zu beweisen Die Hauptbegründer der christlichscholastischen Philosophie benutzten nicht nur Maimuni's religionsphilosophisches Werk, sondern lernten erst daraus, sich in dem Widerstreit zwischen Glauben und Philosophie zurecht zu finden. Kaum darf man es Maimuni zum Borwurf machen, daß er, in der Zeitphilosophie befangen, fremde, ja unverträgliche Elemente in das Judenthum hinein- trng, daß er statt des Gottes der Offenbarung, welcher voller Theilnahme auf das Menschengeschlecht, das israelitische Volk und jeden Einzelnen blickt, ein metaphysisches Wesen gesetzt hat, welches in kalter Erhabenheit und Abgeschlossenheit sich um seine Geschöpfe nicht kümmern darf, wenn sein Dasein nicht in Gedankendunst zerfließen soll. Kaum vermochte er diesem metaphysischen Gotte eine volle Persönlichkeit und nur in eingeschränktem Sinne einen freien Willen beizulegen. Das Judeuthum, so sehr es ihm auch in's Herz gewachsen war, mußte in seinem System zu kurz kommen, weil er dessen Grundeigenthümlichkeit zu erfassen verhindert war. Weil er die Offenbarung der Thora nicht in vollster Bedeutung als Mittheilung der Gottheit an sein Volk nehmen durfte, mußte er den größten Propheten zu einem Halbgott über den menschlichen Kreis hinaus erheben, dann wieder halb und halb im Widerspruch mit seiner Grundtheorie zu dem Nothbehelf greifen, das Volk habe am Sinai „eine zu der Zeit in der Luft geschaffene Stimme" vernommen, und wiederum, es habe nicht sämmtliche zehn Gebote mit dem Ohr erfaßt^). Das Ideal eines vollkommenen Menschen und Frommen wie Maimuni es aufstellt, ist nur für sehr Wenige, nur für geübte Denker erreichbar, indem solche sich erst dazu durch den langen Stufengang niederer und höherer Erkenntnisse, die nicht Jedermanns Sache sind, zu erheben vermögen. Ein bloß sittlicher und religiöser Wandel, wie lauter auch immer, genüge nicht, weil Gott nur im Geiste mit höchster philosophischer Anschauung angebetet werden könne, und demgemäß vermögen nur sehr Wenige die Unsterblichkeit und die jenseitige Seligkeit y Brief an Jbn-Aknin bei Munk, Holles x. 23 und bei Goldberg a. a. O. 2) Folgt aus Abdellntis's Angabe. Munk fand in einer Handschrift aus dein dreizehnten Jahrhundert ein Exemplar des Lloreli mit arabischen Charakteren (das. p. 27). b) Bei Munk a. a. O. lllorslr II. 33. Bedeutung des Moreh Nebuchim. 3>9 zu erreichen und der göttlichen Vorsehung gewürdigt zu sein. Denn diese Güter können nicht durch sittliches Leben allein, sondern ganz vorzüglich durch ungetrübte Eotteserkenntniß erworben werden, und diese kann wiederum durch die Physik, Mathematik, Logik nnd Metaphysik erreicht werden. Es würde also nach der maimnnischen Theorie nur sehr wenig Anserwählte geben. Endlich mußte Maimuni auch die Schriftverse, um sie mit den Ergebnissen des philosophischen Bewußtseins in Einklang zu setzen, gewaltsam nmdenten und ihnen einen andern Sinn beilegen. So geistvoll auch seine philosophische Schrift- erklärung ist, und so sehr er sich auch bemüht, verschieden von den ehemaligen, alexandrinischen Allegoristen, den talmudischen Agadisten und selbst von Saadia, die Wortbedeutung durch Parallelstellen exegetisch zu rechtfertigen und sich von willkürlicher Deutung fern zu halten, so entspricht sie doch öfter keineswegs dem schlichten Wortsiuu, und die erhaben-kindliche Anschauung der Bibel erhielt durch ihn ein fremdartiges Gewand, das ihre Schönheit unkenntlich machte. Diese Unangemessenheit und Befangenheit des maimnnischen Systems, die mehr auf Rechnung seiner Zeit als seines Geistes kommen, haben ihm eben bleibenden Werth benommen und ihm nur eine in einem hohen Grade anregende Bedeutung gelassen. Die denkenden Zeitgenossen Maimuni's und selbst sein Licblings- jünger Jbn-Aknin fühlten es, daß seine Theorie nicht ganz mit dem Judenthum stimme. Diese Wahrnehmung machte sich besonders an dem Glaubenspunkte der Auferstehung bemerkbar. Maimuni hatte ihn zwar mit ausgenommen, allein nur so nebenbei; er fand in seinem Gedankenkreise keinen Anhalt dafür. Bon vielen Seiten wurde daher gegen ihn geltend gemacht, daß er für die Unsterblichkeit eingehende Beweise aufgestellt hat, zur Auferstehuugslehre dagegen sich aber sehr wortkarg verhielt. Sein Jünger selbst bemerkte: man dürfe an diesem Glaubenssatz nicht mäkeln und deuteln '). Maimuni sah sich daher veranlaßt, eine Vertheidigungsschrift in arabischer Sprache zu verfassen, eine Abhandlung über die Auferstehung des Leibes (Nnamur Deolüznt Im- Llstim 1191^). Darin setzte er auseinander, daß er selbst fest daran glaube, daß er diesem Dogma überall das Wort geredet, wo sich Gelegenheit dazu bot, und endlich, daß die Auferstehung zu den Wundern gehöre, deren Möglichkeit mit der Annahme einer zeitlichen Schöpfung gegeben sei. Er beklagte sich darin, daß er mißverstanden worden sei; überhaupt ist diese Schrift in einem gereizten Tone geschrieben, welche 9 Bei Munk Uobios x. 23 und bei Goldberg a. a. O. 9 Der Traktat äs rssurrsvbions wurde von Samuel Jbn-Tibbou in's Hebräische übertrage». Diese Neborsetzung ist vielfach abgedruckt. 320 Geschichte der Juden. von der Ruhe seiner früheren Werke merklich absticht. Er' war verdrießlich, daß er sich „vor Thoren und Weibern" rechtfertigen mußte. Unter den gelehrten Mohammedanern machte Maimnni's „Führer" viel Aufsehen, wurde aber natürlich theils wegen seiner hingeworfenen Angriffe auf den Islam und auf die damals herrschende platte, aber rechtgläubige Philosophie der Aschariten und theils wegen seiner freien Ansichten hart von ihnen getadelt. Abdellatif, der Vertreter der rechtgläubigen Richtung in der morgenländisch-islamitischen Welt, welcher bei dem Sultan Saladin wohlgelitten und nach Egypten gekommen war, um Maimuni mit noch zwei berühmten Männern kennen zu lernen (wohl Anfangs 1192 st, sprach zwar mit Anerkennung von ihm, fällte aber ein Verdammungsurtheil über dessen Werk. Abdellatif äußerte sich folgendermaßen über ihn: „Mose, der Sohn Maimuui's, besuchte mich, und ich lernte in ihm einen Mann von sehr hohem Verdienste kennen, aber ich fand ihn von dem Streben beherrscht, den ersten Rang einzn- nehmen und mächtigen Personen zu gefallen. Er hat neben medicinischen Werken auch ein philosophisches Buch für die Juden geschrieben, das ich gelesen habe. Ich halte es für ein schlechtes Buch, das geeignet ist, die Gruudlehren der Religionen zu untergraben, gerade durch die Mittel, welche bestimmt scheinen, sie zu befestigen." Nirgends fanden Maimuui's Ideen einen fruchtbareren Boden und wurden gieriger ausgenommen, als in den jüdischen Gemeinden Südsrankreichs, wo Wohlstand, sreistädtische Verfassung und die albigensische Gährung gegen das starre Kirchenthum den Forschergeist geweckt, und wo Jbn-Esra, die Tibboniden und Kimchiden Samen einer jüdischen Cnltur ausgestreut hatten (o. S. 200 f.). Je weniger die geweckten Männer Südfrankreichs im Stande waren, aus sich heraus das Judenthum mit den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Richtung anszugleichen, desto mehr vertieften sie sich in die Schriften des Weisen, welcher innige, strenge Religiosität mit freier Forschung auf eine überzeugende Weise zu versöhnen wußte und dessen Werke Besonnenheit, Klarheil, Durchdachtheit und Tiefe offenbarten. Nicht bloß Laien, sondern auch tiefe Talmudkenner, wie Jonathan Kohen von Lünel (o. S. 204j, begeisterten sich für Maimuni, lauschten auf jedes seiner Worte und huldigten ihm wie einer außergewöhnlichen Erscheinung. „Seit dem Tode der letzten Talmndisten war nicht ein solcher Mann in Israel." „Gott erweckte ihn zur Belebung seines Volkes, weil dieses immer mehr erschlaffte." st Bei äs x. 486. Abdellatif war bei Saladin nach der Einnahme von Jean d'Acre in Jerusalem, also im August lllll, uud von da reiste er nach Kahira (das.). Sein Urtheil über den iVlorsll braucht nicht diesem Jahrs anzugehören, sondern der Zeit, als er sein Werk über Egypten schrieb. Maimnni's Einfluß. 321 Das war das Urtheil der Provenyalisch-jüdischen Denker über ihn*). Der Dichter Charisi schickte Maimuni schwärmerische Verse zu, worin er unter Andern: von ihm sang: „Ein Engel Gottes bist Du, Bist in Gottes Bild geschaffen, Trägst Du auch menschliche Züge. Von Dir sprach Gott einst: Will den Menschen in meinem Ebenbild schaffen! "st Einige Gemeinden der Provence st wendeten sich an ihn mit einer Anfrage über den Werth, welcher der Astrologie beizulegen sei, und ob die Gestirne einen Einfluß auf die menschlichen Geschicke ausüben. Maimuni, dem diese Afterwissenschaft, welche nur Schwärmer pflegen, und an die nur unklare Köpfe glauben, in der Seele zuwider war, beantwortete diese Frage ( 27 . Sept. 1194 ) eingehend mit der ganzen Tiefe seiner Gläubigkeit und seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung. Er bemerkte unter Andern:, daß es dreierlei Wahrheiten gäbe, solche, von welchen sich der Sinneneindruck Ueberzeugung verschafft, solche, welche die Wissenschaft durch Gründe feststellt wie die der Mathematik und Astronomie, und endlich solche, welche die Offenbarung und die Prophetie beurkunden. Der Einsichtige müsse nun die ans verschiedenen Wegen gewonnene Ueberzeugung auseinander halten. Wer aber darüber hinaus etwas für wahr hält, von dem gelte der Schriftvers: „Der Thor glaubt jedes Wort". Die Astrologie streife an Götzendienst, und der verbreitete Glaube daran zur Zeit des ersten Tempels habe das israelitische Reich zerstört, das Heiligthum eingeäschert und verlängere noch gegenwärtig die Verbannung des jüdischen Stammes. Sie sollten sich von einzelnen agadischen Aussprüchen in Talmud und Midrasch, welche den Gestirnen Macht und Einfluß zuschreiben, nicht irre machen lassen, denn solche seien als vereinzelte Stimmen zu best Sendschreiben des Aaron b. Meschullam lps-nw. 2sstsn.irn x. 76. 2) Orient Litbl. 1843 ool. 14V. st Das Schreiben an die Marseiller Gemeinde (Briefsamml. Nr. 3) hat in den Handschriften das Datum II. Msalrri 1SV6 8sl. Dieselben geben zwar auch an, es sei an die Gemeinden von Lünel und Montpellier gerichtet gewesen. Diese Angabe ist jedoch falsch, indem M's. späteres Schreiben an Jonathan und die Lüneler (Gutachtens. Nr. 41) so gehalten ist, als wenn er das erste Mal an sie schriebe. Uebrigens bezieht sich die Ueberschrift in den Nss.: br-n NdsM.n um uo :snnn' rin uirsioi pon -2rn — r.m.n rm.mi keineswegs auf das Ussxoosrrin über die Astrologie, sondern gehört einem spätem Maim. Schreiben in Betreff des lUorsst an (abgedruckt in O^ur Usolr- rnaä II 3 f. aus einem Ns. der Brest. Seminarbibliothek), welches gerade den Eingang nm vo hat. Möglich, daß es auch an die Gemeinde von Montpellier gerichtet war. Graetz, Geschichte der Jude». VI. 21 322 Geschichte der Juden. trachten, deren Urhebern für den Augenblick die Wahrheit entgangen war, oder man müsse diese seltsamen Aussprüche deuten, wozu man ja auch bei auffallenden Bibelversen genöthigt sei. Man dürfe überhaupt seinen Verstand nicht hinter sich werfen, „die Augen sind vorn nnd nicht hinten". Später (um 1194—95) wendeten sich die Gelehrten Lünel's nnd an ihrer Spitze Jonathan Kohen mit Anfragen wegen dunkler Stellen im Codex an ihn nnd baten ihn zugleich, ihnen den „Führer" znzn- senden, von dessen Rufe sie vernommen hätten; sie seien begierig, sich daraus zu belehren. Dieses Sendschreiben *) ist voller Schwärmerei für Maimuni: Er führe den Namen Mose, weil er sein Volk aus den Finthen der Unwissenheit gezogen; er habe die Vernunft zur Schwester und den Talmud zum Vater erkoren. Ihre Seele sei in Liebe an Maimuni's Schriften geknüpft, in deren Besitze besäßen sie Alles. — Dieses überaus schmeichelhafte Sendschreiben konnte Maimuni erst nach mehreren Jahren beantworten. Eine schwere Krankheit hatte ihn nämlich ein ganzes Jahr an das Siechbett gefesselt, und er fühlte sich davon, sowie von dem zunehmenden Alter und von der angestrengten, ärztlichen Thätigkeit so sehr geschwächt, daß ihm die Hände zitterten, und er sich eines Sekretärs zum Schreiben bedienen mußte. Auch waren nach dem Ableben des großen Saladin Streitigkeiten zwischen dessen ehrgeizigen Söhnen und seinem Bruder Aladil ausgebrochen, welche Unruhen nnd Bürgerkriege in Egypten zur Folge hatten. Von diesen Unruhen konnte Maimuni als eine dem Hofe nahestehende Persönlichkeit nicht unberührt bleiben, und sie ließen lange in ihm keine freundliche Stimmung anfkommen ^). Endlich wurde Saladins ältester Sohn nach dem Tode des jüngeren Alaziz Herrscher von Egypten (reg. November 1198—Februar 1200), nnd Maimuni wurde sein Leibarzt. Da dieser, Alafdhal, früher ausschweifend gelebt hatte, so wurde er von Trübsinn und Todesfurcht befallen und ließ Maimuni auffordern, für ihn ein Compendium für eine regelmäßige, gesundheitsfördernde Lebensweise (Makrobiotik) zu verfassen b). Unter den Gesundheitsregeln, die Maimuni in Folge dessen für denselben zusammenstellte, ließ er auch die Bemerkung einfließen, daß zur ff Gutachtensammlung Nr. 17 — 40. ff In Gutachtens. Nr. 4l spricht M. über seine Krankheit und auch von rnm.-m.n worunter sicherlich die Bürgerkriege zwischen Alasdhal, Alaziz und Aladil zu verstehen sind (1194—95). ff Jbn-Abi-Osaibija bei äs HoäsUatit p. 490. M's. Makrobiotik ist in hsbr. Sprache abgedruckt iu Ksrsva Obsrasä III. Ans. iu deutscher Uebersetzung von Winternitz, Wien 1843. Maimuni's Einfluß. 323 Erhaltung eines kräftigen Körpers auch Kräftigung der Seele durch Sittlichkeit und philosophische Betrachtung erforderlich sei, daß übermäßiger Wein- und Liebesgenuß die Lebenskraft aufzehre. Er wagte einem launenhaften Fürsten zu sagen, was damals kein Hofmann sich herausnehmen durfte. Er wollte feinem Berufe als Seelenarzt nicht untreu werden. Erst als Maimuni zur Ruhe gelangte, beantwortete er die an ihn gerichteten Fragen von Lünel. Wenn er sich in dem Sendschreiben entschuldigte, daß sein Sinn getrübt, seine Geisteskräfte geschwächt und seine Fähigkeiten gelähmt seien, so zeugen seine Antworten gegen ihn, denn sie bekunden vollständige Geistesklarheit und Frische*). — Die große Verehrung der südfranzösischen Gemeinden für die mai- munischen Schriften und namentlich für seinen Codex erweckte ihm auch einen heftigen Gegner in jenem Abraham b. David von Posquiäres, dessen rücksichtslose Art, die Vertreter einer der seinigen entgegengesetzten Ansicht zu behandeln, Serachja Halevi empfunden hat (o. S. 205). Dieser ticfknndige Talmndist unterwarf Maimuni's Mischneh-Thora einer schonungslosen Kritik und behandelte ihn in wegwerfendem Tone. Er wies nach, daß der Verfasser viele talmndische Partieen nicht tief genug aufgefaßt, deren Sinn verkannt und dadurch falsche Ergebnisse ausgestellt habe. Er warf ihm vor, daß er durch seine Codificirung des Talmud die talmndischen Autoritäten in Vergessenheit bringen wolle, und endlich, daß er philosophische Ansichten ins Judenthum einschmnggle; aber als Neuerer und Ketzer behandelte er Maimuni keineswegs, sondern ließ seiner Ansicht und seinem edlen Streben Gerechtigkeit widerfahren. Abraham b. David's Ausstellungen (Ilassaxot) an Maimuni's Werk boten den Talmndisten späterer Zeit Gelegenheit, ihren haarspaltcndcn Scharfsinn zu üben und regten die Lust zum Discutiren mächtig an. — Der reiche, gelehrte und rücksichtslose Rabbiner von Posguieres hatte auch seine Verehrer. Als er starb (Freitag 26. Kislew — 27. Nov. 1198), machten Aaroniden, die den Begräbnißplatz nicht betreten durften, sein Grab^), weil für eine solche Größe das Priesterthnm sich entweihen dürfe. Die Polemik des Abraham b. David gegen Maimuni hat der Anerkennung des Letzter» in den Gemeinden der Provence keinen Eintrag gethan; er blieb für sie die unfehlbare Autorität. Der Hauptvertreter der jüdisch-proventzalischen Cnltnr, Samuel Jbn-Tibbon, schrieb an Maimuni: er ginge damit um, den „Führer" aus dem Arabischen ins Hebräische zu übertragen und deutete zugleich an, er *) Gutachtensainmlung Nr. 18—41. 2) Vergl. Note 1. IV. 324 Geschichte der Juden. sehne sich, den größten Mann der Judenheit von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er war damit zum Theil einem innigen Wunsche Maimuui's entgegengekommen; denn er hatte sich schon früher mit dem Plane herumgetragen, seine arabisch geschriebenen Werke ins Hebräische zu übersetzen i). Voller Freude antwortete er Jbn-Tibbon und gab ihm Anleitung, wie ein so schwieriges Thema, wobei es mehr ans den Gedanken als auf das Wort ankommt, in der Uebersetzung behandelt werden müsse (8. Tischri — 10. Sept. 1199'^). Er rieth ihm aber davon ab, seinetwegen die gefahrvolle Seereise von Frankreich nach Egypten zu machen, weil er ihm kaum eine Stunde werde widmen können. Er theilte ihm bei Gelegenheit seine überbeschäftigte Lebensweise, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließe, mit: „Der Sultan (Alafdhal) wohnt in Kahira und ich in Fostat, beide Städte liegen zwei Sabbatwege (ungefähr ^ Meile) von einander entfernt. Mit dem Sultan habe ich einen schweren Stand; täglich muß ich ihn des Morgens besuchen, und wenn er oder eines seiner Kinder oder eine seiner Harembewohnerinnen leidend ist, darf ich Kahira nicht verlassen. Wenn aber auch nichts Besonderes vorfällt, kann ich doch erst Nachmittags nach Hause kommen. Wenn ich nun sterbend vor Hunger mein Haus betrete, finde ich die Vorzimmer voll von Menschen, Juden und Mohammedaner, Vornehme und Geringe, Freunde und Feinde, eine bunte Mischung, die meinen ärztlichen Rath erwarten. Kaum bleibt mir Zeit, von meinem Zelter zu steigen, mich zu waschen und etwas zu genießen. So geht es bis in die Nacht hinein, und ich muß dabei vor Schwäche auf dem Ruhebett liegen. Nur am Sabbat bleibt mir Zeit, mich mit der Gemeinde und der Lehre zu beschäftigen. Ich pflege an diesem Tage die Gemeindeangelegenheiten für die laufende Woche anzuordnen und einen Vortrag zu halten. So fließen mir die Tage hin." Sei es, daß die Gemeinde von Lünel nichts davon wußte, daß Samuel Jbn-Tibbon mit der Uebersetzung des „Führers" sich beschäftigte, oder daß sie ihm nicht die Geschicklichkeit dazu zntrante, genug, sie wendete sich an Maimuni, daß er für sie dieses Wert ins Hebräische übertragen möge. Maimuni entschuldigte sich mit dem Mangel an Zeit und verwies sie auf Jbn-Tibbon (um 1200). Er nahm auch Gelegenheit, die jüdischen Provenyalen zu ermuthigen, sich die wissenschaftliche Behandlung des Talmud angelegen sein zu lassen. „Ihr, Gemeindeglieder von Lünel und der Städte in der Nähe, seid r) Sendschreiben an Jbn-G'abar. 2 ) Gutachtens««»»!. Nr. 143. Briefs««»»!. S. 13 ff. Maimuni's Alter. 825 die Einzigen, welche die Fahne Mose's hochtragen. Ihr oblieget dem Talmudstudium und pfleget auch die Weisheit. Aber im Morgeulande sind die Juden für geistiges Streben todt. In ganz Syrien ist nur Haleb, in welchem sich Einige mit der Thora nach der Wahrheit beschäftigen, aber es liegt ihnen auch nicht sehr am Herzen. In Irak giebt es nur zwei oder drei Trauben (Männer von Einsicht); in Jemen und dem übrigen Arabien wissen sie wenig vom Talmud und kennen nur die agadische Auslegung. Erst gegenwärtig haben sie mehrere Exemplare von meinem Codex angekauft und sie in einige Kreise vertheilt. Die Juden Indiens wissen kaum von der Bibel, geschweige denn vom Talmud. Diejenigen, welche unter den Türken und Tataren wohnen, haben nur die Bibel und leben nach ihr allein. In Maghreb wisset ihr, wie es mit den Juden steht (daß sie zum Scheine den Islam bekennen müssen). So bleibt nur ihr allein übrig, eine starke Stütze für die Lehre zu sein. Seid also stark und muthig und steht dafür ein"). Maimuni ahnte, daß das von der Wissenschaft durchleuchtete Jndenthnm seine Hauptvertretung in der Provence haben werde. Die Gemeinde von Marseille ging den Dichter Charisi an, Maimuni's Commentar zur Mischnah ins Hebräische zu übertragen ^). — An diesem großen Manne und an seinen Schriften richteten sich die Provenyalen auf. Als Maimuni sein letztes Sendschreiben an die Gemeinde von Lünel erließ, fühlte er schon die Abnahme seiner Lebenskräfte. „Ich fühle mich alt nicht an Jahren, sondern wegen Kränklichkeit." Er verschied auch ans Schwäche im Alter von siebzig Jahren (20. Tobst — 13. Dec. 1204 ^), von vielen Gemeinden ans dem ganzen Erdenrund betrauert. In Fostat begingen Juden und Mohammedaner drei Tage öffentliche Trauer um ihn, und in Jerusalem veranstaltete die Gemeinde eine außerordentliche Leichenfeier um ihn. Ein allgemeines Fasten wurde angeordnet, und man las aus der Thora das Kapitel von der Strafandrohung und aus den Propheten die Geschichte von der Gefangennahme der Bnndeslade durch die Philister. Maimuni galt ihr als eine Bundeslade. Seine Hülle wurde nach Tiberias geführt. Die Sage erzählt, Beduinen hätten die Führer des Sarges unterwegs angefallen, aber nicht vermocht, den Sarg von der Stelle zu bewegen und hätten sich darauf den Inden angeschlossen, um ihm das Geleite bis zur Grabstätte zu geben. Maimuni hinterließ nur einen einzigen Sohn, Abulmeni Abraham, welcher seinen Charakter, *) Findet sich in O^ar dlsobrnaä II 3 f. ch Einleitnna zu Charisi's Uebersetzuna °) Vergl. Note 1 IV. 326 Geschichte der Juden. seine Milde, seine innige Frömmigkeit, die Arzneikunde, seine Stellung als Leibarzt, seine Würde als Haupt (dlossiä) der egyptischen Gemeinden, aber nicht seinen Geist erbte. Seine Nachkommen, die sich bis ins fünfzehnte Jahrhundert^) behaupteten, zeichneten sich durch Frömmigkeit und Talmudkunde aus. Auf den Lippen aller seiner Verehrer schwebte das kurze, aber bedentungsreiche Lob: „Von Mose dem Propheten bis Mose (Maimuni) trat keiner auf, der diesem gliche." Auf sein Grab setzte ein Unbekannter eine fast vergötternde, kurze Inschrift: „Hier liegt ein Mensch und doch kein Mensch; Warst Du ein Mensch, so haben Himmelswesen Deine Mutter beschattet" 2). Später wurden diese Zeilen verwischt und dafür die Worte gesetzt: „Hier liegt Mose Maimun, der gebannte Ketzer." Diese zwei Inschriften veranschaulichen den ganzen, schroffen Gegensatz, der nach Maimuni's Tod zum Ausbruch kam und den jüdischen Stamm in zwei Lager spaltete. U Vergl. Carmoly Annalen 1839 Nr. 7. S. 55. 2) In Elieser Tunensis Oibrs Obs-obs-raira x. 88 Jbn-Jachja sabalsobstsb sä. ^.rasb. p. 33 b. unten. Asien. 1 . Einige zerstreute EueUen zur jüdischen Geschichte. So dürftig auch Scherira's Chronik von der talinudischen bis zur gaonäi- schen Zeit ist, so bietet sie doch immer einen Faden für die Kontinuität der jüdischen Geschichte. Diese Kontinuität hat Abraham Jbn-Daud in seinem 8stsr tin-La.dda1s.il fortgesetzt und sie bis zum Jahre 1148 fortgeführt. Von dieser Zeit an fehlt der Leitfaden. Denn die nachfolgenden Chronographen Zacuto, Samuel Usque, Jbn-Verga, Gedalia Jbn-Jachja geben nur Notizen, und lein einziger von ihnen eine zusammenhängende Chronik. Aus diesem Grunde dürste es nicht überflüssig sein, anderweitige, zerstreute Quellen zur jüdischen Geschichte von urkundlicher Gewißheit zusammenzustellen und sie, wo es nüthig ist, zu beleuchten. Solche Quellen sind Mose Jbn-Esra's Bericht über viele hervorragenden Persönlichkeiten bis zu seiner Zeit; ferner Abraham Jbn-Esra's Ueberblick über die hebräischen Grammatiker bis zu seiner Zeit; dann ein historisches Responsum über die Diadochen der französischen und deutschen Schule und endlich eine Art Chronik, welche vom Jahre 1168 beginnt und über den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts hinaus fortläuft. Diese Quellen liefern zwar nur ein dürres Gerippe zur Geschichte, allein ohne dieses ist eine geschichtliche Reconstruction ganz unmöglich, weil davon die kritische Gewißheit für die Thatsachen bedingt ist. Sie folgen hier der Reihe nach. I. Mose Jbn-Esra schrieb eine Art Poetik unter dem arabischen Titel :u>-w .uiru-wh.-u „Schrift der Unterredung und Erinnerung", worin er über die Träger der jüdisch-spanischen Literatur ausführlich berichtet Dieses in vieler Beziehung höchst interessante Werk existirt nur noch in einem Manuskript der Bodleiana (Ooäsx HuntinAtoir Lo. 590) und harrt noch immer der kundigen Hand, die es zugänglich machen soll. In Ermangelung dessen muß man sich mit dem Auszug behelfen, welchen Zacuto in seinem Jochasin daraus (unter dem hebr. Titel irw.u i-wL'n) gegeben hat. Diese Partie hat aber der erste Herausgeber des Jochasin, Samuel Schulam, ausgelassen und sie ist erst neulich durch die Edition des completen Jochasin ponu irr) von Filipowski bekannt geworden (London und Edinburg 1857). Indem ich sie hier wiedergebe, bemerke ich, daß sich in dem Auszug im Anfänge ein Datumfehler befindet. Tenn es heißt; „es sollen die Namen der Weisen, welche vom Jahre 4700 bis zum Jahre 4800 Llrrncii (940—1040) gelebt, aufgezählt werden." Es werden aber Personen bis zum Jahre 4888 (1128) aufgesührt. Die Partie lautet (S. 220 ool. dl: 328 Geschichte der Juden. ,22 (p"2,2 ?1 ,2",2 IV 2-",21 2-sbx '7 ,2222 1-22 2-02222 22-1X 22122 (-122-X 22221 22'2- PX1 X'2'22 -2XS2X L-22'12 >2222bx -lb.2 1222b p 2'2121 .-2X12pbx 2'2N p L'2'2 p blXL- p P2V '21 X'b'!2XP'2 '1 P2V '21 .'2!221pbx -2'1I2212bx 12122 p 222121 .12'12b,2 7,121 . X22X22 WM -2221pbx -212'vbx 2'222 bxl2lr- '2 221p ob2 .2-22X 2-2221 X'b'1-X,2-2 '2 1221 .12212x12 b21 2"22-.2 222-2 .22222 2222 2-222121 1,2122212 2-22222 b2 12-2X2 X'2'22 1'22X1 .222- 2"b p 222X2.12 2222 ,"2122 222-2 222°, "2 21' 22P2 222- 21-21 1-22X 2'22 kjvl' 12X PI -221p22bx 2-b'2XP'2 p 22-12 '21 -2I221pbx blX2- p '1°, '21 -22-bx 2X'2 p P2V '2 X"22i>22 22P21 X221P222 b221 2,2Xb22 2X2'2 -2!22Ipbx bl2'22 p X'2' p zXL'bv 21'X ,22 V '21 .X22-bxb 1212'bl2I 2".22,2 222- X2221P2 22 2X'2 p ,22V '21 : b",22 222-2 '2li-222t-X 121X2 12 P2V '2 PI .22221,22 22,221 2"2P22 222- 222X222 212 212 22 -21221,2bx 22212 '1 ;x2'bo 12X !'2'12b,2 PI .'oxsbx 2PV (?) °>01' p ,22V '2 bl22.2 222 PI NX 12X IX PI .X'b'22'X 112 -bllblisbx 2pb2 p X'N' 2'22I 12X PI !'b'22-X 221X '1 22S bx 12X1 "22X222X 2X2-12 p k>21- 12X (x"b'22-!2>) X"b'22-21 'I'2N bx '1 ,22V 12X1 2-'pbx '1 (lll.l) 1'22 2X"22'i-22 222- -1'22 2.222X .X2122X .->21-12X222X2221 .112X2 '1 2'22I 12X1 . X-'b'22-X!2 12X1 .221,22 p ,22VX 12X1 .P2lbx px (22V 12X l.) 22V mbl2X2 1X1 .2"L,2,2 N2L- 221 '21221,vbx 27,2 >- 22V 12X 2X'2 12X 2-12V21 . Ilpbx p 22>V P2212X1 .22V P sX12'20 >2X'2 p 2-221 12X1 .'211221,vbx ,2'2V p 22V 12X 1X1 . b:22 222 2"L2.2 222- 221221,22 .X2IV P ,22V 12X1 llbxV-lpX p 21'X 12X1 .222X222 -2X2'bx Soweit reicht der Auszug aus M. Jbn-Esra^s Poetik. Der zuletzt Genannte ist der Bruder des Verfassers, den er überlebt und auf dessen Tod er eine Elegie gedichtet hat (in 2-222 -222 von Elieser Aschkenasi Tunensis S. 82). Statt ,22V 12X muß man wohl lesen ,22V 2-222X 12X. Es folgt aber darauf noch ein Passus, der nicht aus M. Jbn-Esra's Werk, sondern anders woher entlehnt und nicht weniger interessant ist: p 2,222 x-e -22 p 2-2-2- ( 1 x 2221 Um diesen Sch e schet näher zu sixiren, den Benjamin von Tudela unter die hervorragenden Männer der Gemeinde Barcelonas zählt, hat Zunz sehr viel Bücheritaub aufgewühlt, aber auch nicht ein Stäubchen Brauchbares zu Tage gefördert (zur Ascher'schen Ausgabe des Benjamin). Es giebt aber einige aus der Hand liegende Notizen über diesen L-cheschet, welche Grundlinien zu seiner Biographie geben können. Aus der obigen Stelle ergiebt sich, daß, wenn er im Jahrs 1203 72 Jahre alt war, er das Licht erblickte im Jahre 1131. Der Dichter Joseph b. Sabara aus Barcelona, ein Jünger des Joseph Kimchi (folglich dem letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts angehörend) widmete seinen satyrischen Roman o-vw-ve- 220 dem Näßt Scheschet b. Benveniste, (Oarmolz-, Ibmärairss p>. 197; Ersch und Gruber, Encyclopädie 8so. II Tb 31. S. 94). Benjamin von Tudela konnte ihn daher schon im Jahre 1105 in Barcelona als einen angesehenen Mann antreffen: 2-x-2-21 2-222 X2PV222 ,212-2- '2 P22. Isaak b. Abba Mari aus Marseille, Verfasser des Jttur (verf. 1179—89), commentirte auf Verlangen des Naßi Scheschet den Abschnitt 222,2 (Einleitung): 2^222 ,222 1722b -2-212 bxr- 11212- 212-12- '2 x'M.21. Mehr erfahren wir über ihn aus dem Ermahnungsschreiben des Jehuda Jbn-Tibbon an seinen Sohn (>12,2 px .22,2- '2 nxiv, sä. Berlin 1852), das um 1l90 verfaßt ist. Darin heißt es, daß Scheschet Naßi seine Reichthiimer und seine Ehrenstellung seiner Feder, d. h. seiner arabischen Kalligraphie zu verdanken hatte: pix 2 02 2L-1V2 bx (-22V2 22-222) 22 V'-'--2 (?) bl 2 12-V '2 X ' u-2 2 '2 2X12 22X 2X12 .1-21222! 2P1222 1-21XV12 (-2 2L'V1 1-21212 0212 XV 221 bxVM- 2122122 22 212221 Wahrscheinlich verwendete ihn der König Alfonso II. von Aragonien zu diplomatischen Geschäften mit den arabischen Emiren in der Nachbarschaft, und dabei mochte ihm seine Kenntnis; der arabischen Sprache und Schrift zu Statten gekommen sein. Daß er freigebig war, erfahren wir aus einem Gedichte Jehuda Charisi's Ms. bei Oa.rm.otzr): -2-22 17x2 2-22- .212-12- '2 x'12-1.2 bv - 2 -L-vi -IV V22 222 2-X2V 2X2-2 P-2I2 X12 22-2- 2-222 bv -,bx2',2 2X 1222 2121222 221X1 221V Note 1. 329 pol' '22 .22 2221 2'12 2"? ;2 m 2'2 1"2P2.2I 2'r2n '2 2122 2"2P 1'22 2'2 22p 2212 s2i2'2iLll ;212 112 .2:2)2 '2 ;1O2 (112)1 l.) 1'1221. Die Notiz scheint Zacuto von dem weiter erwähnten Chajim Jbn-Musa, seinem Zeitgenossen, erfahren zu haben, der auch die Spukgeschichte von einem Jbn-Schoschan aus Toledo mittheilte. II. Abraham Jbn-Esra schickte seinem ersten grammatischen Werke o'im.v, das er in Rom im Jahre 1140 verfaßte (vergl. Note 8j, eine Uebersicht über die grammatischen Vorgänger voran. Da die Schriften der meisten dort aufge- sührten Grammatiker untergegangen sind, so giebt blos diese Notiz Zeugniß von ihnen. Ich übergebe die Grammatiker von Saadia bis Chajug' und auch Jona Jbn-G'anach, die jetzt mehr bekannt sind, und gebe die Stelle von R. Hai' an: -P0N22 222 Y2S PNI 'NN '2 11112S1 - — - - - 221,2.2 ;i22 '1,21 2122 2)nl 212p >222' PN 22)2 ni> 122211 21,21. In der gedruckten Ausgabe (Makame 46) schildert ihn Charisi mit folgenden Worten: — 2'n'v'in i'p nv- 211)^22 2'p) mno .222 2'2'2122 2122 2)lp2 212V 22 2 1122 ll'S'212 )2 N'2'1 1111S1 11112K 2222 2'2 221 Charisi trat seine Weltreise nach 1205 und vor 1211 an; denn als er in Toledo war, war Joseph Jbn-Schoschan bereits todt (st. Anfangs 1205 vergl. weiter), und da er mit Jonathan von Lünel verkehrte, dieser aber 1211 aus- wanderte, so muß er vorher in Lünel und Marseille gewesen sein. Ja wahrscheinlich war er daselbst noch vor 1209; denn er kennt noch nicht die Verwüstungen in Südfrankreich in Folge der Albigenserkricge und sah noch die jüdischen Gemeinde» daselbst in Blüthe. Also zwischen 1205 — 9 lebte noch Scheschet, war aber damals allerdings ein Greis, wie unsere Notiz lautet. Er richtete auch ein Sendschreiben an die Lüneler Gemeinde gegen Meiir Abulafia zu Gunsten der maimunischen Richtung. '2 »-21.2 2.222 221x2 non 21'212!2 2"! 2'X2 '2.2 2.2p 2222 2.22.2 .2121» )>' >112 22222 .22221 '22222 '"22' .222 2-.2122 .2'2.2 P1P2 x)ie>')i2 (handschriftlich vorhanden). Scheschet's Polemik gegen Me'tr und für Mnimnni fällt noch während des Letztem Lebenszeit, ja noch vor 1200. Endlich ist noch von Scheschet zu bemerken, daß er Arzt war; denn in einem Oxforder Codex heißt es: 2.i)pi 222 X122 »'212 -2> 2-- 22x1 p-22) 2x122 2'22 2212' '2 2222 '-2 2^22PI . 12'2 (mitgetheilt von Dukes, dinss Oxtorel x. 63). — Wie Scheschet aus der Dunkelheit, in die er noch für Zunz und seine Schule gehüllt war, heraustritt, so ist auch der von ihm gefeierte Joseph Jbn-Schoschan keine unbekannte Persönlichkeit. Seine Grnbschrift ist durch Lnzzatto's p-wi nox bekannt (Nr. 75). Rapaport hat richtig ermittelt, daß dieser im Monat Schebat 4965 Dezember 1204 oder Jan. 1205 starb (Lsrsrn Oksursci VII. 249 f ). Aus der Grabschrift ergiebt sich, daß er hochgestellt war: 2ix:2 2211 N211 22 2'2 22N, daß er Ansehen am Hofe (Alfonso's des Edlen von Castilien) hatte: 21212 x'212 r-rx 12 >12222 p):22 >22 221, daß er talmudisch gelehrt war: 22,22 2,21, und endlich, daß er in Toledo eine neue Synagoge erbaut hat: 2222 .22122 2-2 212 22». Nach einer Mittheilung Luzzatto's führte er auch den arabischen Namen Aljasid Jbn-Omar (Geiger's Zeitschr. II. 129). Auf Veranlassung desselben unternahm Abraham b. Nathan Jarchi die Abfassung seines Nitualwerkes 1-21:2; (nn Eingang bemerkt er): mini 11112.'! 2132 2"2 2122 2222 '2 222.2 X'21!2 ;2 -PO1' '2 2'212. Ei' svi'jcht V0N der Syliagllge des Joseph (222 2122.2 Ho. 22: .... -2212' '2 X'212 11112X 22 22122 2'221. Aus diesen Momenten ergiebt sich aber, daß hier von I. Jbn-Schoschan die Rede ist. Außer der Elegie, die sich im edirten Tachkemoni (Makame 50) findet, hat Charisi noch eine andere auf I. Jbn-Schoschan gedichtet (in Ns.) beginnend: um' 182' x)i 0-1:21 1)2-, die aber kein neues Moment heranbringt. — Salomo, der Sohn, der im Text erwähnt ist, wird auch von Charisi (Makame 46) gefeiert. 330 Geschichte der Juden 772,722 77'2 772712 777! 7,7712 72'722 727'22 p 7277' 7!-- — . '22' 7>722 7277 8-7 X'7"2,7'2 12 X7,72.7 '77-27 -727 772 '7' . 2'22 7 7 72X2 >'27»! X'72 77'72 -22 7,77' X72 2-722 7-2 727 X27 22 2'2227,77 2-7' 77 222'- ->'217 22 ,727,777 722 772 727'',7 72'722 22^ 2-^- '7222 27'7>' 7272 727 22 7 22272 72-71212 '77 - 2 7 727 12 p'77 727 '72 .722,722 ,772!' '72 . 2'2I2,7 2'7-2 ->27 X722'722 72'71212 >77-2 2-'2 ;2 7727' '72 . 2'2712.7 7-2 7272 '7722 1-X27^X 12 X7,72.7 '27 '72 . 2'L272'7 7-2 72- X722'7>2 ,72'722 '77-2 222' 12 X7,727 7727222 727 2"7277 P272 27 2-7-27 77,1 721 .77227 7-2 1,77 71222,772 777222 . (7>7-2 '7 72') 1'.72X72 (-27-22 '1 72') 77'2.72 (,72'2 p 272'2 72') III. Während über die Träger der jüdisch-spanischen Cultur eine Fülle von Nachrichten vorhanden sind, mutz sich die Geschichte der nordfranzösischen und deutschen Schule mit dürftigen Angaben begnügen. Darum ist für diese jede Notiz von Werth, weil sie Licht ins Dunkel zu bringen vermag. Carmoly, Luzzatto und Zuuz haben manchen Beitrag für diese Partie geliefert, doch bleibt noch des Ungewissen viel übrig. Ein historisches Responsum, das Salomo Luria (blühte I5SV—I57L) auf eine Anfrage in Betreff der rabbinischen Diadochen erlies;, wird allen diesen Untersuchungen zu Grunde gelegt (722227 b2'7722 dlo. 29), darum sei dieser Quelle hier ein Platz gegönnt. Salomo Luria giebt an, er habe die Nachrichten xsr brnclitlousiu empfangen. Sein Gewährsmann scheint ein Jünger des R. Me'ir aus Rothenburg (der 1293 in Folge langer Hast durch den deutschen Kaiser Rudolph von Habsburg starb) gewesen zu sein, der wohl die Nachrichten von seinem Meister erhalten hat. Darauf deuten die Worte zum Schlüsse; 7-7122 X21277 ->-xi2 '7 27.7 72,7 2.7-22122. Aus der Formel: 7-7122 X21277 ergiebt sich sogar, daß R. Meir aus Rothenburg damals noch gelebt hat, so daß diese Notiz noch vor 1293 niedergeschrieben zu sein scheint. Um so zuverlässiger sind die darin enthaltenen Angaben, als sie durch Me'ir aus Rothenburg, der selbst ein Jünger der nordfranzösischen Schule ivar, beurkundet scheinen. Es ist nur schade, daß dieses Verzeichniß au vielen Stellen corrumpirt ist und der emendireuden Hand bedarf. 1,77-27 '7X22222 722 '7 ,7'7-X 212'72 '7'.) 2-22X27 2,72-2 1--X2 22'222 - 2'2X PX2 X7'72' '722 7727 72,7 ' X.7 '7 (1 722'2 "2-22 2'22' 7"2 'N'2 722' 772X2 7712 '"2'7') 7"72 2'27X '7 722' 712222 ('X.7 '-.'2 72,7 . (.7"2772 2--7X '7 2-7X2 1'X2 -X7 '7 72 I727 X 7-2 72772 X 70-2' 1,727 2.7'7X 22'277 ('X7 "2> 77021 (2 .12X2 'X7 2712 72,7 7X227 22-27 222 . 7x'72,7' '7 f-2 2.7-7X 72- 2'7X 7x'71,7' '71 7X227 '712 72,7 '17-7 7-2 172 '7! '2-'X ,77r- '72 (3 . (l2'2'772X2 .1) 2"'77'.X2 72,727 27212 )2 ,772' '7 "2'7272 '222' '22 2X2- 22212 (^1,727 ') Die Stelle ist offenbar corrumpirt. Sicher ist nur, daß hier Elia 1,72.7, Jckutiel und Isaak b. Meuachem als Brüder bezeichnet werden, was auch richtig ist, da Elia in seiner Aboda sich als b. Meuachem akrostichirt. Da er auch als 2-212 1,717 27-7X ausgcführt wird, so hat Landshut die Stelle emendirt: '222 -2"72-72 27212 '7 '22 2xr> 2'22212 (^.raruls ^.docls. I. 15). Indessen paßt die Emendation nicht ganz; auch ist es noch fraglich, ob 2212 bedeutet von 1s Linus. — Isaak b. Meuachem wird in Pardes von Raschi und Lssxonsn II. Lls'ir Rothenburg als Autorität citirt. Seins Schivester hat Zunz ihm irrthümlicher Weise geraubt und sie Raschi beigelegt (zur Geschichte 172). In Pardes (1,6) heißt es: 12772 772 icimx 72-727 121 7-7 2-72 x7 7272.7 27212 12 ,772" '7 722- 27-222 72"22 2 72,7 2 7-22- 122277 77-- 7222 7X 1122-12. Offenbar ist hier von Jsaak's und nicht von Raschi's Schwester die Rede. Zur Bestätigung lautet in 72222X die Stelle 331 Note 1. V17'117,7 '21 -8772 2787 '21 171177 212771 p-77 '21 212771 21-21 '2 222 7,2'7'71 (4 221 (>>7722 01721 '222 122,2 221 l.) p'77 ll',7'21 '2 187,7 2221 .1,2122 1'71 (2222 '21 l.) .2121,22 2222 2'21,272 22212 '2127 1'2 17'221 ,222 -212 »12,272 2212 ' 22 ,222' 17'221 2,2' 22 1,212 7,7-' '2 >187,7 l.) 2221 (ö 2222»! 17'221 .1'2'2 2'2 '212 7-1 017'1l8,7 '221 .127217 2'12 s10 »12,272 '122 ,222' 222 122,2 72- 212 ->21' 221 P1-22 222 27-7 1222 2212' '21 2'7.2I2 .2222 27-7 1222 .(p"7) 2122' 2-87 2-17 '2 2'2 1'!2'21 .22,2 8l177 22 "7"->,2 P7'17 17'22 271 .2222 2->8 P2 ,222" I7'22>21 2,2' 22 (2,2V l.) ,727' '2,17 87,7 -72 .12,272 217 2 21 17'221 (ö »12 .2122' 2172 22' 1-8- .17272 1"722 217 (?) 122 2217 22177 1'12'21 2212' 22 ,222' '2171 '12.2 7',7'8l '2 1771 .222 221 272' 121 222,21 27228 27.2.2 2 2 2,2 22 1.2172': 222,21 2717 2'2 12'777 '182 221 27 ,227" '21 . (?) 2'222 '22 72'7 (?) 171 1221722 "72 7- 27,2 2277 2"O.2.2 21771 .-,'7-' 17'72 12,272 1'2'7 222 228 Po ,227" '2 17 7,7-' 17'72 171 .17.22 .'72 2127" 27 .1'21 72 '21 7'271'2 »101' '2 1'1-8 17771 (o772) 2'12 2 7 2 112 7' '2 1'221 2221 (7 .121,222 772 1272 7772 17 27'1 p ,227" '21 '2 1'17221 P7-- 17'72 2 27,2 21-7 2777 20' 2721 1"712 12,272 1-27 27 212" 21 '21 (8 '171277 27 81127' (1'21 .17172 282 ,227' 2,7 811' '2 1'2 1"712 2:' "7221 .»101' 17 7-,7'8l 271722 ,2212' 2"222 1771 '7222 1771 121272 ,2227' 2222 1771 1'l8l,77 '722 2 22 2 2 1771 .'211 '2 7221 ,1227 177.2 P727-2 (2'1782112 l.) I'78l12 7,7-' '2 722 17277' 1'1o8 .72 17'72 12.2 8l177 '2 '2211 (9 '21 1722 ,227' '21 2'.12 -7 ,227" '21 127 7"2 '21 217 2177 -17'.' '2 72,21 1127 17 ,227' '21 2I--8.1 '21 '72217 27 ,227" '2; (l'21771,72 l.) 1-2717,217 1','7'77 '22! (7121727 l.) 1217217 ,227" .'17771 127 277 '21 ',"77 '21 '711'7 ','27 17 7277 '21 7-277 2'722 12-8.1 2'022 17'72 2'2 (.2"2 -7-7) 1'7'71 (IO ,7217777-27 2'772 2-271 '21 (ll8'77 l.) 1112-77 28177 '21 1217217 2',712 '2 7227 2"7,2,2.2 27771 (712727) P727 12121 p ,727- '2 "87 22 '2 -2211 (II 1777 l8l1 .1-712221 1'217877 2'772 '1'-'-'1,2 112 ,727" '2 -1v8 1777 2'8l271 .177 P2ll p-77 l.) 18-777 11777 '21 (l'772 l.) 1'772 12!'- "1 '177712 127,2 277 '2 ,727' '2 -728 222 22- 271 ,727' p -127 '21 1'21 ,727' '21 (p'7 l.) sl'- 7'1 P177 P777 '21 (l8"771'7 .7-11227 2787 '2 72,21 -71,77 1',777 '21 7-227 ,727' 27 2212' '21 2171222 12-277 27.1 -2 ,727' '27 87,7 271 12-277 2-277 '2 ,2'2 (,727- '2 '7'7) 1'7'71 (12 12,712 -'.8,2 8l1- '2 17 2!-8l '2 1728 1777 l8l! .171177 p'77 21-'8l '2 2'2 1'7'71 '21 11-7217 21--71 '21 .72'7'7 2-2 12112- '21 .-127 '21 81277 17 2277 '21 -21-2 -71 .2212- '2 7221 121771127 P221 '2 l8' 271 (8l177 l.) 8l77 '2 17 2'022 2212' (l. ?121771'77) 12177227 212 '2 1'211 2'17 '2 1'211-p'77 21-'8l '2 '7'71 (13 ,727- 17 811' '2 2'2 1-7-71 '17 71'7 20- 271 2212- '22 1'21! 12177227 0877 '2 28' 1121 »2727 -7722 '12112 .'21-2 '71 '171 222 -82 1'21 1'.777 '21 72271 p ,727- '2 -87 (3,22'7127 ,727' '2 27717 2211 (14 . 7'8712'8 27'7 27'77 8.7272 -712 22.2 27,711 ganz unzweideutig wie angegeben: 212212 0217 27 ,727- '2 87 12121 7'8-7 227 1777 (mitgetheilt von Lurzatto O 2 s .11 Usostwscl II. lü). Sie hieß auch nicht Chellit, sondern Bellet ltZsttstts). Dieser Samuel b. Natronar wurde im Jahre 1197 am II. Adar I. in Neus, in Folge einer Blutanklnge mit andern fünf Männern ermordet (Bericht des Ephraim aus Bonn, auch in lümstr Iis - tZsatrs) -) Bergt, Osrraot^, Itirrsrsirs 292. Note 39. N- Jakob aus Orleans wurde am Krönungstage des Richard Löwenherz in London bei einer Bolks- emeute gegen die Juden ermordet September 1189 (Ephraim aus Bonn). b) Hier scheint Isaak aus Dampierre (Osrnirs-I'strs, nicht Dompaire bei Zun?) mit Isaak. R. Tam's Neffen, der als Hauptautorität aufgefnhrt ist, 332 Geschichte der Juden. P12' '11 P222 >1222 '11 .2'122 >111.1' '1 ibll (211218 l.) P121I2 PN-' '1 '118 (15 (?) 2112'11'12 112 1111' '1 2111 (P11222212 l.) P112212 >1118 '1 2111 (?) 11>2N2 . 82P22 1>?t>8 '1 1111 (Disux — N'11112 l.) 211122 1^2 1,2^2 '1 2111 .1'2->h Ilvb . 2'21111 2112 '1 1222 112' 1,11821 1"2 >2 2'122 1'18 111 12S2 1212°) 1"°> NIL' '1.11 '1"2 '122 ^8122 '1 2111 >lb'22 811' '1 '111 ^8'1' '1 zb,2 1111' '1 '118 (18 1'2'82 12,2 '1 (>1I'P2 l.) ->12'P2 ",8212 '1 '111 21112 8'221p (^'1l) 2>2bl182 2P?' '1 1'2si 222 812122 112P1 181,22' 12 PN-' '1 '11 '11,21 .(?) >'2'bl22 (8vrsux — 112'82 ?) .1'2ob 2',22' PN-'' '1 '11 '1121 >21^8 '1 >2 ^8122 '1 211 1'1 21'2'21 . (p8'1' '1 '221) (b'112 ?) b'18 1'2 81P2.1 12^2 12 ^8122 '1 2111 (?) 1'l2"22 .1111' '1 1'1 2N'2'21 . 1'122 82211 1'82 '1 211 i>2p 21'22!2I Der zweite Bericht in Lnrja's Nssporisura, beginnend: ',1822 212 , betrifft lediglich die Genealogie der Kalonymiden, bietet daher nur ein geringes Interesse und ist ohnehin voller Corruptelen. Ich halte es daher nicht für nöthig, ihn hier aufzunehmen. IV. Joseph Jbn-Verga, der die Chronik der Verfolgungen 1111 ' 222 von seinem Vater verfaßt, ergänzt hat, gab auch als Anhang eine Chronik Süd- frankceichs von der zweiten Hälfte des zwölften bis ins vierzehnte Jahrhundert. Er fand sie bei Schem-Tob Sonzolo, kürzte sie aber, wie er selbst angiebt: 22 2118 '21,2 .11P1182 122,2 lbl2!282 212 22 2211 1'2 '18-2 - -§21' ->11111 hll 128 i>812" '221 >1121 ,1182 'b 18122 12 'Illpbl 'lirpl 22 I2',1128 18 1?1'8 2'121 12,'p (Lstrsdst äsluaäs, gegen Ende Ed. Hannover x. 112). Dis darin aufgenom- meuen Nachrichten sind von großer Bedeutung für die Geschichte der Juden Südfrankreichs und Spaniens. Die Chronik rührt von einem Manne her, der sehr gut unterrichtet war; denn da, wo sie die Specialgeschichte Südfrankreichs und Spaniens berührt, zeigt sie von außerordentlicher Akribie in den Thatsachen und Daten, wie die Belege aus den externen Quellen ergeben. Diese Chronik ist daher eine unschätzbare Quelle für die Geschichte der angegebenen Zeit, und sie verdient die vollste Aufmerksamkeit. Da sie bisher noch nicht kritisch gelautert wurde, so konnte sie nicht für die Geschichte benutzt werden. Manche haben sich durch ihre Corruptelen zu Jrrthümern verleiten lassen. Sie berührt im Ganzen mehr als 30 Facta, von denen ich jedoch die ersten zwei, betreffend die Kreuzzüge, als ohne Interesse für die jüdische Geschichte übergehe. identificirt zu werden, so daß er aus Dampierre stammte und in Ramerü dem Lehrhause Vorstand. Die Identität von Ri und Isaak aus Dampierre folgt aus andern Angaben. In einer Handschrift!, Dossatot-Sammlung heißt es, i' 2 , 2 i ,2 pn-' 'i >2 > 2 i ",8 'i ((I. I?o1ak Usliotiot Hsäsra 45). Jedenfalls setzt ihn Zunz fälschlich um 1220, da schon der Vers, des Manhig 1204—5 Isaak aus Dampierre als einen Verstorbenen bezeichnet mit der Formel >i? im (Hiloüot Lsraolrob Ho. 8. 8. 6-st. x. 206 sä. Lsrliu). Dasselbe folgt auch aus dem Umstande, daß sein Nachfolger Jchuda Sir Leon 1224 starb. Z Dieser ist vielleicht identisch mit >ip 2 i 8 ' 22 ip. Wenn Zunz diesen um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts leben läßt (das. 114), so ist das ein Jrrthum; denn der Verfasser des 121111 ' 2 , Baruch b. Isaak aus Worms, der sein Werk zwischen 1105 —1202 schrieb (vergl. rx '1 80 . 135 (citirte ihn schon >1P21 '281 :i212b 1,1 11' (.111.1 122 '1 80 . 201): 212 2"222 >1P21 11'221p '111 1'221 121 . 8 . Kresbia Nakdan gehört demnach dem zwölften Jahrhundert an. Note 1. 333 .122) *2.7,27 '2)81 >12^27 )77)1 2112 77'22 (7"2P7v) 7"2,2 7)2 (1 . 2'22227 7*281 7212 2'72127 1*27) *2",2 7)221 (2 )"S112 2,2V '7 *211)7 2'1)71 2*2122 '7 27.7 7*2V>2 *22 72'2'2 2P27) 8'77 7)221 (3 (.>8')'212 l.) .717 72 2.7728 '7 27.7 (l'V28 l.) 1"V'*28 111V7 22,7 2"*2,2 NUN (4 .27.7 ')2*2 8)12,21,2*2 7*2)171 7277 2272 )"*2,2 172221 (5 .7777 1117 71*27,27 721 172V21 N27V2 1'72121 '.'21122.7 *22 71'2'287 >-2,2 »"*2,2 ,7222 (6 .212 ,21 1727 87 '2 27'7*28 2.77 27'-'! ll'LIVI 2'2' .7272 1221,7.71 77172 .7", 7'77I '7 7122 12V 7*2V) 1"2,2 722 (7 .>'2'7 >1,2*2 121' 2'*211) 2'227 .722 .721 7'78 V 7','2») 2"),2 722 (8 . *2872'2 71222 .722 127.72 17",272 *27,221 >112'7 11272 72 (7"2,7> l.) 7"*2,2 ,722 (9 >"8 .78 *2'2271 ^'221278 I.) 1')1»22*28 7'2'8 78','22' '72 82 (l")p) '"2,2 722 (10 728 ll'117'71 11'*2I» 7122 72 7 8 7'72.71 ll'778 71*211) 717"'-1 82'2>'7,2 2221 8"*2'»28,2 '722 778 '*2V *22 122 72 727*2l) 171821 2.7'82122 22 127.77 12777 1787,27 18V 1'V'2 . 2'71727 . 2711V18 721 2.7',72 78 2271 7.7,2 7 72 7 8 1'V7 72 *2*22 7"2,2 ,722 (11 7'28 *28V22' 1*2» ,721 12'»' 78 712.72 1212 '778 81'»8*»)'8 172 (7») 2"2,2 722 (12 . 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Er wurde von den Bürgern dieser Stadt in einer Kirche erschlagen, 15. October ll67, wegen einer einem Bürger zugefügten Unbill tvergl. Vaisstts, Uistoirs Zsiisrsls äs I-anAusäso H. III x. 17). Das angegebene Datum entspricht dem jüdischen Datum (4) 928 Ende Tischri. Man sieht daraus, daß die Anklage gegen die Juden (. 22 - 212 ) und deren Einkerkerung mit dem Tode des Raymond Trencavel zusammenhängt. Das Nähere darüber ergiebt sich aus Folgendem: Roger II., Sohn des Ermordeten, rächte den Tod seines Vaters an den Bürgern, indem er sie durch eingeschlichene aragonische Soldaten sämmtlich erschlagen ließ, im Jahre 1170. Nur die Juden wurden beim G emetzel verschont. On ns üb guarbisr gu'amx äuils . 24). Viele Bürger wurden bei dieser Gelegenheit gehängt. I-ss ^rLAormis lonb raaiii duisss Zur uns parbis äss Ua-ditaubs, xsnäanb Iss aubrss ü äss potsnoss (das.). Darauf bezieht sich wohl der Passus in unserer Chronik: 2 ' 22 ii 2.2 12 , 211 . Die Ankläger, welche dis Juden in Kerker geworfen hatten, waren demnach christliche Bürger von Beziers und sicherlich aus dem Grunds, weil es die Juden mit Trencavel gehalten hatten. Darum ließ sie auch Roger verschonen. Aus unserer Quells ergiebt sich sogar der Tag des Blutbades in Beziers, der in den Urkunden zur Geschichte von Languedoc nicht angegeben ist. Die Ankläger wurden gehängt in der Woche o'iorie'.n, d. h. 21.—27. Schebat — Mitte Februar 1170. Trencavel und sein Sohn Roger waren überhaupt Gönner der Juden. Der erster» befreite sie von den jährlichen, sich zur Ostcrzeit wiederholenden Judenkrawallen (Iiisboirs äs 1-a.uA'usäov II. 485). Roger hatte jüdische Güterverwalter (kmit äs sa äorualus ds-illi) Moses de Cavarite, der bei einer Schenkung im Jahre 1171 als Zeuge angeführt wird (das. III 27), und einen andern: UsIImii äiiäasus Bsg'ulris äornirii NsZsii. Derselbe Note 1. fungirte ebenfalls als Zeuge bei einem Vertrage neben Edelleuten (das. III prsuvss p. 131 Urkunde vom Jahre 1176). Roger gewährte den Juden von Carcassonne die Begünstigung, daß ihre Abgaben für ihn auch auf die Gemeinden von Limoux, Alet und Rasez repartirt werden sollten, und versprach den Vorstehern Astrüc von Älet (^.struZ äs Hisels), Crescas von Limoux (Orssoas äs Inraoso) und denen von Rasez, daß sie nicht mit Steuern überbürdet werden sollen (das. III. 175 Xo. I-X). aä 3) Das Todesjahr des für die jüdische Kulturgeschichte Südfraukreichs so bedeutsamen Mesch ullam b. Jacob, sowie des Jacob aus Perpignan wissen wir nur aus diejer Chronik. Den Letzteren erwähnt nur noch Benjamin von Tudela, der ihn im Jahre 1156 (vergl. Note 10) in Marseille antraf: r'L-p.v MVL 1 W opv (.v'h'L'woe) ,122 (sä. ^.slrsr p 6). aä 4 und 5) Der Feind, welcher den berühmten Abraham b. David aus Posquisres in Haft brachte, hieß Elzsar. Das war der Name eines ssiZnsur von I?os>qursrss im 12. Jahrhundert, abgekürzt von Eleasar oder Dirsiarrus, LsUsrarrus (vergl. die Genealogie der Herren von Uses und Posqnisres bei Vaisette, das. II prsrrvvs 42, 640) Warum Abraham b. David von Elzsar verhaftet wurde, und wie es kam, daß derselbe ssiAnsur (rs) nach Carcassonne verbannt wurde, ist noch dunkel. Die Herren von Posquisres waren Lehns- trägcr der Vicegrafen von Carcassonne und Bezicrs, also damals von dem juden- sreundlichen Roger II. Möglich also, daß dieser die Willkür bestraft hat. Die Worte: rnn . . . .-mri.v sind räthselhaft. aä 6) Der Bericht, daß die Juden wegen der Versammlung der Cardinäle in großer Angst lebten, und daß zuletzt nur Gutes in Betreff der Juden beschlossen worden, fordert zur Beleuchtung heraus. Im Jahre 1170 lI9. März) wurde das dritte Lateranconcil unter dem Papst Alexander III. eröffnet. Daß die französischen und spanischen Prälaten feindselig gegen die Juden waren, erklärt sich daraus, daß die Letzteren Aemter und Ehrenstellen inne hatten. Der Clerus Hatto also feindselige Vorschläge gegen die Juden in xslto. Dis Juden waren auch Gegenstand synodaler Berathung auf dem Lateranconcil, aber die Beschlüsse in Betreff derselben fielen überraschend milde aus. Nur ein einziger nachtheiliger Paragraph ist gegen sie gerichtet, daß sie eben so wenig wie die Saracenen christliche Leibeigene und Ammen halten dürfen. Die übrigen Bestimmungen sind im Gegentheil zu Gunsten der Juden. Sie sollen nicht mit Gewalt zur Taufe geschleppt, nicht ohne Urtheil verwundet werden; es soll ihnen keinerlei Gewalt angethan, und ihre gottesdienstliche Feier nicht gestört werden: äuäasr aä dapbisrrrrriri non surrt: oomxsllsiräi, ssä sr volusrirrt, adsgrrs oalurrrirra sdrrsbiarrr stsiorarrtur Xrrlirrs sos sbrarrr srrrs juäioio vulirsrars, vsl sis rss suas autsrrs, vsl solsirrrrtatss psrtmrdars prassurrrab (Narrst Consilia ist. XXII p. 259). Selbst der Beschluß, daß Christen gegen Juden eben so gut zu Zeugen zugelassen werden mögen, wie diese gegen jene angenommen werden, damit es nicht scheine, daß die Juden eines Vorzuges gegen die Christen genössen, zeugt er nicht von einem milden Geiste in Betreff der Juden? Dssbirrrorriuiii HrroHrrs Olrristiarrorurrr aävsrsus ärräasos irr oirrrribrrs oausis, ourrr illi aävsrsus Olrristiauos tsstidus suis ubautur, rssipisrräurrr ssss ssussruus. ^.uablrsruats oonäsmustur — guiouniqus .luäasos Olrristnarris volusrit irr das parbs prast'srrs, vuirr sos sudjaesrs Odristiauis oportsarrb, sb ad sis pro sola duurauitats tovsautur (das. 23 l). Die westgothischen Concilien und die Päpste nach Jnnocenz III. haben die Juden zu keinerlei Zeugnis; gegen Christen zugelassen, während das Lateran- > . U l >1 336 Geschichte der Juden. concil unter Alexander III. ihnen nur den Vorzug vor den Christen nehmen wollte. Sehr passend giebt unsere Chronik das Gesammtresultat wieder: 212 pi > 2 . Alexander hatte selbst einen jüdischen Beamten, der sein Finanzminister gewesen zu sein scheint, ein Enkel des berühmten Nathan Romi (Benj. von Tudela p. 8 ): u-v um iw 2 u'.ii (eiii 22 ' 2 bu) ur-> ic ,ii 2'2 ium' '1 ii iL'u 12 ipi w '2 i'pr um urr.i n '22 U 21 . Nichtssagend und trocken klingt der Extrakt, den Zunz aus diesem Berichte gemacht hat (synagogale Poesie S. 25): „In demselben Jahre (1179) erregte die Zusammenkunft französischer und spanischer Bischöfe unter der dortigen jüdischen Bevölkerung Schrecken." Es scheint fast, daß der berühmte Literarhistoriker die Tragweite dieser Notiz nicht gekannt hat. Uebrigens geht daraus hervor, daß die Juden im Voraus von den in der Kirchenversammlung gegen sie beabsichtigten Anträgen in Kenntnis; gesetzt waren — sonst wären sie nicht vorher in Angst gerathen. Wahrscheinlich haben sie sich bemüht, dieselben zu paralysiren. Wir werden später dasselbe ganz deutlich finden (Nr. 23). aä 7) Das Todesjahr des R. Serachja Halevi ist ebenfalls nur aus unserer Quelle bekannt, und daß das Datum genau ist, dafür bürgt die Akribie in den übrigen Punkten. aä 8 ) Ist weiter nicht bekannt. aä 9) Der pmi 721 c, von dem hier die Rede ist, war Raymond V., Graf von St. Gilles und Toulouse, der Beförderer der provenyalischen Poesie, den die Troubadouren Is bon üa^raouck nannten. Er starb Ende 1194 (bistoirs äs QauAUsäos III. 94) Darum muß das Datum >i"ip emendirt werden in Ohnehin erfordert es die Reihenfolge der Daten in unserer Quelle. Auf 152 kann nicht 135 folgen. Raymond V. war ein Gönner der Juden und hatte einen jüdischen Beamten für seine Güter an Abba Mari, dem Vater des Vers, von Ittur (B. von Tudela p. 5): -< 2 u n'Lii (b '2 ie>i P 112 uipri wi:: 22 ) P-'I 712^.1 I'ps W. 1 ! prw' '1 12 ' 12 . Auch sein Sobn Raymond VI. war ein Gönner der Juden und vertraute Juden öffentliche Aemter an. In einem Sendschreiben des Papstes Jnnocenz III. an ihn machte ihm derselbe unter Anderem bittere Vorwürfe darüber (1207), daß er Juden zu Aemtern beförderte (coruruisisti äuäasis oltlcia publica), zur Schmach der christlichen Religion, (lüpistolas luuocsutii Q. X. sp. 69). Als Raymond vom Kreuzheer gegen die Albigenser besiegt wurde und auf dem Punkte stand, sein Land zu verlieren (1209), mußte er in sein Sündenregister, das er öffentlich zu verlesen gezwungen war, auch den Punkt aufnehmen, daß er Juden Aemter anvertraut hatte: itsru lpuoä äuäasis publica, coruruisit o 6 lcia (bei Llausi Ooucilia XXII. 770). Darauf befahl ihm der Legat Milo zu schwören, daß er nie mehr Juden zu irgend einem Amte oder zu seinen Rathgebern zulassen, und die bereits Ernannten entfernen werde: IlrAo ^lilo — prascipio ut uuivsrsos äuäasos in tota tsrra st ab oruui aäiriiuistratious publica vsl privata xrorsuo aiuovsas, usc usipuaru sos aä ipsaru vsl aliam rsstituas, vsl alios äuäasos aä aliguaru aäraillistratiousiu aäruovsas, usc soruru cousilio ullo tsrupors contra Obristianos utaris (das. 782). Auch seine Barone und Vasallen mußten dasselbe schwören. Man sieht daraus, daß die Juden in Südsrankreich vor den Albigenserkriegen eine so hohe Stellung eingenommen hatten, daß der Papst nicht genug davor warnen konnte. — Wenn übrigens in unserer Quelle mit dem Tode Raymond V. der gewaltsame Tod mehrerer Juden in Beaucaire (i-'pii) zusammen erzählt wird, so scheinen beide Thatsachen in ursächlicher Verbindung mit einander zu stehen. Note 1. 337 s-ä 10) Diese Notiz ist nicht ohne Wichtigkeit, sie documentirt, daß die Juden Spaniens sich an dem Kriege gegen die Mauren betheiligt haben. Um diese Thatsache zu erhärten, müssen die allgemeingeschichtlichen Punkts darin fixirt werden. Es ist hier offenbar von den Vorgängen nach der Schlacht bei Alarcos zwischen Alfonso dem Edlen und dem Almohadenfürsten Jakob Jbn- Jussuf Almansur die Rede. Die Schlacht fiel am 19. Juli 1195 vor. Im Frühjahr 1196 durchstreifte der Emir Almumenin Jakob Almansur mit seinem Heere das castilische Gebiet und ließ Einöden zurück. Er belagerte selbst Toledo, fand aber tapferen Widerstand und mußte wieder abziehen (vergl. Aschbach, Geschichte Spaniens zur Zeit der Almoraviden und Almohaden II. 90, 93 und 318). In unserer Quelle ist die Rede von Ausfällen der Juden von Toledo gegen das Belagerungsheer der Almohaden. Die ohnehin corrum- pirte Zahl muß demnach in i'cho emendirt werden. Daß die Juden gegen die Almohaden Partei nahmen und die Unternehmungen der Christen gegen sie unterstützten, bezeugt auch ein arabischer Schriftsteller Jbn-Alkatib. Die jüdischen Kaufleute haben große Geldsummen dem König Alfonso zu Kriegszwecken freiwillig geliefert (bei Oasiri ListliotUsos, II p> 221), ^.IpUonsus Hui onin 25 000 s^nilnrn st 20 00O xsciiturn rnilitidus — inAsntsrn. xsormiLs vim luciasis rnsros-toristus suxpsciitantiblls — staoobnin rsZsrn oppuAnars äsorsvsrat. uä 11) Diese Notiz ist um so dunkler, als die Stadt nicht angegeben ist. aä. 12) Das Datum des Todesjahres von Richard Löwenherz und dem almohadischen Emir Almumenin Almansur ist sehr genau angegeben; der erste starb den 6. April 1199 , der letztere im Januar oder März desselben Jahres (Vergl. über das letzte Aschbnch, Geschichte Spaniens rc. II. S. 319). aä 13) Auch Zacuto giebt das Todesjahr des Abraham b. David aus Posguitzres an und zwar Freitag, den 26. Lislsrv 4959 — 27. Nov. 1198; ML' NL'.INL n:L' 21P0 IN L'M 1LLV. s.ä 14) Ganz unbekannt. aä 15) Diese Notiz ist interessant. Sie ist genau, denn sie stimmt mit den spanischen, südfranzösischen und römischen Quellen überein, daß Peter II., König von Aragonien, sich nach Rom begab, um sich dort von dem Papste Jnnocenz III krönen zu lassen und sein Königreich vom Petristuhl zu Lehen zu nehmen. Die Krönung fand am 9. November 1204 statt. Gegen Weihnachten -- Hacia-I) kann Peter bereits zurllckgekehrt sein. Weihnachten fiel damals auf Sonnabend, der vorhergehende Tag, oip, war also Freitag. Man muß demnach statt 7 lesen. Auch haben sich die Juden schwerlich am Sabbat Fasten aufgelegt. Das Fasten und die von Seiten der Juden veranstalteten Empfangsfeierlichkeiten für den König von Aragonien beweisen, daß sie sich von einer Verbindung mit dem Papste nichts Gutes versahen. Und in der That, da sich Peter zum Vasallen des Papstes gemacht und sich gelobt hatte, in Allem den päpstlichen Befehlen gehorsam zu sein und Ketzer sowie Ungläubige nicht in seinem Lande zu dulden, so durften sich die Juden auf Schlimmes gefaßt machen. Jnnocenz III. war kein Freund der Juden, sondern eifrig bemüht, sie zu demüthigen. Sie mochten daher mit Recht von dem Lehensträger dieses rücksichtslosen Papstes eine harte Verfolgung gefürchtet haben. Indessen war Peter keineswegs ein willfähriger Ketzerverfolger nach Ordre des Papstes und der Legaten, er nahm später sogar Partei für die als Ketzer verfolgten Fürsten gegen die Legaten und Simon von Montfort. Daher ist es auch erklärlich, daß auch die Juden seiner Länder unangefochten blieben. Graetz, Geschichte der Juden. VI. 22 338 Geschichte der Juden. aä 16) Als Parallele zu dieser Nachricht über das Todesjahr und den Todestag Maimunis, die Trauer um ihn und über den Transport seiner Leiche nach Liberias vergl. Saadia Ibn-Oanan Ostönräa Osnnss. x. 30, Zusatz zum looüasin sä. Lrslran, Idn-äaoüss. Lostalsolrslst, und über die Feststellung des Datums Rapaport in Geigers Zeitschrift II. 127 ff. Unsere Notiz ist stellenweise corrumpirt und kann aus den Parallelen corrigirt werden. uä 17) Kaum wüßte man aus dieser kurzen, aber inhaltsschweren Notiz, daß hier von dem gräßlichsten Blutbade erzählt wird, das je die Kirche geschändet hat, wenn man nicht Parallelen herbeizieht. Selbst der Name der Stadt ist verschwiegen. Es ist hier von der Eroberung Veziers durch das Kreuzheer gegen die Albigenser die Rede. Das Gemetzel fand statt am 22. Juli 1209; dem entspricht der 19. Ab. Auch Zacuto hat die Nachricht von den Leiden der Juden in Beziers in demselben Jahre (äooüasin sä. Hilixorvslei x. 220): V '112 81,2 rn» 2 "o. 2 i.i rvL'vi. Unsere Notiz scheint einer sehr authentischen Quelle entlehnt zu sein. Denn die Zahl der von den heiligen Mördern Umgebrachten in Beziers ist schwankend (vergl. Vs-isstts, distoirs äs I-an^nsäoo III. 169). Die päpstlichen Legaten, welche die Affaire leiteten, geben die Zahl auf 20000 an (in einem Schreiben an den Papst Jnnocenz bei Baiuz, sxistolas Innoosntir XII. 107). Os-pta ssb oivitas Litsrrsnsis, nosbrigus non xarosnbss oräini, ssxni vsl asbabi, isrs viZinti nülis. storninuna in ors Alaäii xsrsrnsrnnb.nItions äivins. in sana rniradilibsr susvisnbs. Bekanntlich sagte ein Abt zu den ihn Anfragenden, wie man die Katholiken von den Ketzern beim Gemetzel unterscheiden soll: st?nsr:-1ss Ions; oar äisn oonnsab osnx czui sonb ü Inl. Der 200 getödteten und gefangenen Juden erwähnt keine Quelle weiter. Zunz wußte aus dieser Notiz nichts zu machen; er gtebt sie folgendermaßen wieder: „Der 22 . Juli 1209 war ein Schreckenstag für die französischen Juden, die Einzelheiten fehlen"' (synagogale Poesie 28). aä 18) Der Tod dieses eifrigen Anhängers Maimunis und der Philosophie, dessen zwei Brüder Mystiker und Asketen waren, ist aus keiner anderen Quelle bekannt. aä 19) Diese Notiz von der massenhaften Auswanderung französischer und englischer Rabbinen nach Jerusalem ist ein interessantes Zeichen jener Zeit. Bemerken wir gleich im Eingänge, daß das Datum 4971 — 1211 hier zuverlässig ist, da 4970 ihm vorangeht. Einige der Rabbinen, welche mit Jonathan ausgewandert waren, lassen sich noch ermitteln, und dadurch läßt sich ein fester chronologischer Ausgangspunkt für manche Facta gewinnen. In einem Jtine- rarium, welches Carmoly veröffentlicht hat (Itinsrslrss p>. 121 ff.) heißt es: ein R. Samuel b. Simson hat die Reise mit Jonathan gemacht: Der Copist dieses Itinsrarinin bemerkt: pina in iwn oin w 8 p ov'in iv'ni.. . 2,1218 pmi ll' 1211 : 8 n 12 P 1 peiz pina V 2 p 18 . 1 v pL'vv- 12 8 mow 1 wLi 8 'n 8 r> ;i 2 i ;ini' '1 211 op 8 nie>' ,i:w 2 111 in .. . llinrii'b wp 121:22 10 p. Das Datum 4970 muß nach dem Obigen in 4971 berichtigt werden. Wenn Carmoly angiebt, daß die 300 Rabbinen erst in Folge des Rundschreibens von Samuel b. Simson zur Auswanderung bewogen wurden (das. 119), so ist das unrichtig. Denn in dem gegebenen Citat heißt es ja ausdrücklich, daß Samuel b. Simson zugleich mit Jonathan durch Egypten und die Wüste nach Jerusalem reisten; sogleich im Eingänge: nons xlsuruvass-inoi sb 1s Zranä Ooüsn äs I-nnsl. Mit Samuel und Jonathan zusammen waren zwei Männer: R. Saadia und R. T 0 bia (das. 129) Hsdion norm norm rsnärrnss oirs? 1s bsintnrisr, rnoi, Note 1. 339 Rabbi Laaäialr st Nadln Do bisst. Zu diesen vier sind noch folgende Jerusalem- Pilger hinzuzusügen: R. Joseph b. Baruch begab sich mit seinem Bruder R. Meir nach Jerusalem, und er führt daher in den Tossafot den Namen aste-ii' ir"n ->on oder imiw' pino, auch >221 pisa liie- ->oi' 'i (vergl. die Belegstellen Zunz zur Geschichte S. 52 und zu Benj. v. Tudela II. 255). Von ihnen erzählt Abraham Maimuni, daß er sie und noch andere in Egypten, das sie berührt hatten, gesehen und gesprochen (Llilostainoii sä. Hannover S. 96): -11222 12P1 12S I'IS 1N2I i>"i -101' '1 i,:i2i 211 ISII PISI 1°>1V '221 IV'21221 2'IIS ll'2211 12221 21.1 111 '11 -101' '11 i>"ri 21212 '1 P--2.1 °nr- 1'2S ^2,1 2.112N '1 211 piV.1222 i>"i i'N2 'i i'isi b": ->ci' 'i 211 ip npowi 111211 'so 21:222 ii'wpi — I'1'1V2 1122-1 io li'2i 2-iipi 2'2i2i 1112 iro -111 21 i-'i ','iii-s 'i 111.1' '1. Daraus geht hervor, daß sämmtliche hier Aufgezählte zu der Rabbinercaravane gehörten, die nach Palästina auswandsrte. Charisi traf schon 1216 Joseph und Meir aus Frankreich in Jerusalem an (Daoststsrnoni Pf. 46: '2-^2 '2 -.--i-m I'ISI 1111 '1 p yoi> '1 1-21.1 21.1 22-S121 P'V2 P22-1 1S1V P1S2 2'S21 (2'i-e-ii'2) 2'iin 1'S2 '1 2211. Diese fünf namhaft gemachten können also zu den oben genannten vier hinzugezählt werden. — R. Simson b. Abraham, Maimuni's Antagonist, der Commentator eines Theils der Mischnah, ist bekanntlich ebenfalls nach Palästina ausgcwandert und fand sein Grab in Akko. Er wird ebenfalls i-i-wn- 2---- und p-x genannt (0. S. 396). Nichts hindert, ihn der Caravans von mehr den 360 zuzugesellen und seine Auswanderung 1211 anzusetzen. Aus der Aeuherung des Abraham Maimuni über diesen Simson scheint hervorzugehen, daß derselbe mit den von ihm genannten zugleich die Reise nach Palästina angetreten, aber nicht wie jene Egypten berührt hat: 211 bp nv22-i '11 11'bv 12V si-2- IHN 11'sl N^2> 12V2 1-12- -11D211.1 i-V 1 7 ": P2-22- 11'21. Nicht überflüssig dürfte die Bemerkung sein, daß die Auswanderung der Rabbinen zusammenfällt mit den blutigen Albigenserkriegen. aä 26) In dieser Notiz sind zwei Facta mitgetheilt, die sich durch anderweitige Quellen ins Licht setzen lassen. Das erste betrifft die Eroberung der Bergsestung Salvatierra (arab. Sarbatera-ni'uin^), welche der almoha- dische Emir Almumenin Mohammed Annasir Ledinallah 1211 acht Monate belagert hielt (vergl. Aschbach, Almoraviden und Almohaden II, 113 f. und die Quellenangabe 322, 2). Die Einnahme fiel nach unserer Notiz am Vorabend des Versöhnungstages 9ten Tischri 4972 — 18. September 1211. Das zweite Factum betrifft den berühmten Sieg bei NaveS de Tolosa 16. Juli 1212, welcher durch Hilfe eines vom Papste Jnnocenz aufgebotenen Kreuzheeres errungen wurde. Vor der Schlacht, als die Kreuzkrieger sich vor Toledo ansammelten, erhoben sie sich gegen die Juden von Toledo, den heiligen Krieg mit deren Niedermetzelung zu eröffnen. Wenn die Ritter und der König Alfonso der Edle der Mordwuth nicht Einhalt gethan hätten, wäre die edelste und größte Gemeinde Spaniens damals aufgerieben worden. Vergl. stlariana, Risboria Rsnsral äs Rspaöa I?. III 212 R V.: (lornsn^aran sstas Asntss a vsnir a Dolsäo xar sl nass äs Rsbrsro aüo 1212. Rsvantoss un alstorato äs los soläaäos z- pnsblo sn a^uslia eiuäaä oontra los Inäios. Doäos xsn- sastan staeisr ssrvioio a Rias sn inatarlos. Rstasta la oinäaä para snsanZrsntarss, ^ oorrisran Zran xsst^ro, si non rssistisran los nostlss a la sanalla, snapararan oon las arrnas ^ antoriäaä ac^nslla rnissralzls Mnts; vergl. ^nnalss Dolsäanos I. in Rlors? Rspaiia saZraäa D. 23 x. 359. aä 21) Hier ist von der Kirchcnversammlung zu Montpellier (e-p: 11) die Rede, gehalten am 8. Januar 1215 — 8 Schebat, unter dem Vorsitz des Kar- 22 * 340 Geschichte der Juden. dinallegaten Peter von Benevent. Die Juden Südfrankreichs scheinen ungünstige Beschlüsse für sich von diesem Concil gefürchtet zu haben, darum haoen sie wohl von jeder Gemeinde zwei Deputirte nach Montpellier abgeordnct. Ihre Bemühungen scheinen auch nicht vergeblich gewesen zu sein: denn die Oauonss dieses Concils enthalten keine judenfeindlichen Beschlüsse. Der hier genannte „Fürst" Don Isaak Benveniste war keine unbedeutende Persönlichkeit. In der folgenden Notiz wird er genannt: „der große Fürst, Herr über Herren", auf dessen Veranlassung später wieder jüdische Deputirte zusammenkamen. D. Kimchi kennt ihn als Arzt und Grammatiker (Lliostlol sä. Vsu. x. SS o. bei der Form .-Hpr und in den Wurzeln zu ralix abn): — p pnx' nsii.-, mM.ni N1MN2N PINN nvdi'n n'na vnw NM0 p pnr' NL1NN1 LUW'KNN 'NNN PIN NM2 Höchst wahrscheinlich ist dieser Isaak Benveniste identisch mit dem Leibarzt lUt'aqui) des aragonischen Königs Jakob, namens Zag oder ^lag aus Barcelona, den der König und die hohen Geistlichen des Landes dem Papste Honorius III. so warm empfohlen hatten, daß derselbe ihm l220 ein Ehrendiplom ausstellte und seinetwegen die Juden Aragonien's vom Tragen des Abzeichens dispcnsirte. Das Schreiben des Papstes ist ausgezogen in Baronius (ka^nalilus) armslss SLclss ucl smu. 1220 14c>. 40: Istm lulasum gusu- äara HarLlnuomsiissm ^2 2uostum (2u^) uomius g.bgnstitsts Iisditns pudlies sd stiis populis äistinZnsntnr, onrn stisrn psr Nossn dos ipsnin IsZstur sis ingnnotnrn. Als Commentar dazu können die Verfügungen des Narbonensischen Concils vom Jahre 1227 (bei Mansi XXIII. x. 22 I.) dienen. Dort heißt es Z III.: nt in rnsäio xsotoris äslsrsnt (äuässi) siAnnrn rotss, onsns oironlns sit tstitnäinis nnins äi^iti, sttitnäinis vsro nnins st äirniäii pstrni äs osnns. ß IV., daß jede jüdische Familie alljährlich der Kirche zahlen soll ssx äsnsrios rnstZorsnsss. Im Lateranconcil wurde noch ein gehässiger Punkt gegen die Juden festgesetzt, den zwar Jnnocenz schon früher praktisch geltend gemacht hatte, der aber erst durch den Concilbeschluß allgemeine kanonische Gesetzeskraft erhielt. § 69 bestimmt: In dos ospitnlo innovsrnns protndsntss, ns änässi olüoiis pudlieis prsstsrsntnr, c^nonisin sud tsli prsstsxtn Otiristisnis ptnriinnin snnt inlssti. Der Schluß ist interessant: gnoä snpsr dos Loistsnnin oonoiiinrn proviäs ststnit. Das öcumenische Concil berief sich also auf den Beschluß des kleinen westgothischen, toledanischen Concils unter Recared. — Papst Jnnocenz starb kaum 9 Monate nach dem Lateranconcil 16. Juli 1216. Daß ihn ein plötzlicher Tod dahin gerafft hat, wie unsere Chronik angiebt, ist anderweitig nicht bekannt. sä 25) Für den grausamen Fanatismus der Gräfin von Monfort, Alix von Montmorenci, ist mir keine Parallele bekannt, dis Thatsache ist aber durch unsere Quelle beurkundet genug. Der Taufzwang für die Gemeinde Toulouse fiel nach der Notiz vor den Monat Ab 1217, d. h. vor Juli. Simon von Monfort führte damals Krieg in der Gegend der Rhone', und seine Gemahlin, welche in Schloß Narbonnais de Toulouse residirte, führte indeß das Regiment. Am 13. September desselben Jahres war Toulouse wieder im Besitz seines legitimen Herren, des verketzerten Raymond (vergl. Vsissbts a. a. O. 297 — 99). Der Cardinal, von dem hier die Rede ist, war Bertrand. sä 26) Dieser Passus muß um so eher beleuchtet werden, als er verkannt wurde. Die Beleuchtung giebt zunächst ein Zeitgenosse, der Papst Gregor IX., welcher in einen. Schreiben vom 9. September 1236 an den Erzbischof von Bordeaux und an die Bischöfe von Samts, Angouleme und Poitou sich tadelnd darüber ausspricht, daß die Kreuzfahrer unerhörte Grausamkeiten an den Juden dieser Gegend begangen haben. Die Juden hatten sich deswegen händeringend an den Papst gewendet. O-rsMrius sä srodispisoopuru IZuräsAsIsnssrn stgus spisooxos Xsuotonsnssru, UnAvIisrnsnssru sb IXotsvisnssin. — I-Lsr^ms- . kV 342 Geschichte der Juden. lilsrn äuäasoruna in rsZno Nrarrcias corurnorLutiurn st naissrations äiAnara guasstionsrQ rscspiwus, guoä cura crusisigirati civitatuna vsstro- ruirr st äioscs8urn ... curu aliis crucisiAiratis a-ävsrsus äuäasos saäsm iraxia cousilia. coZitairtss . . . äslsrs ipsos äs tsrras lacis psns xsnitus mollsiiäo .. sx inauältas ac iusolitas cruäslitatis sxcsssu äuo rnitlia st guinAsntos sx äuäasis tarn ruinös, Maro. parvos ruulisrssgus pras- ANLntss Irostili radis truciäarunt, uounullis Istdatitsr vulusratis st con- culsatis aliis sguorum psäibus sicut luturo. — as liloris sorum inosnäls äsvastatis (bei La^naläus Fortsetzung von Baronius annalss scclssiastici aä nun. 1236 Nr. 48). Die genannten Städte und Diücesen gehörten damals zu England. Auch der zeitgenössische Annalist Mathäus Paris berichtet darüber. 81s guogus äisdus (1236) taeta sst straZss rnaAns. (ärräusoruin) in par- tidu8 transinarinis xrassipns in Hispania. dirusntssgus sisinarini sibi siinilia irrogari, äata rsZi psonnis-, t'sesrunt vocs prassonis ussla- rnari, ns gnisgnain irrjurias vsl rnolsstis-s onivis intsrrst äuäasorunr (aä ann. 1236 x. 413). Das Entgegensetzen von äuäasi transrnarini und si8inarilli ist wohl zu beachten. Die Juden im überseeischen englischen Gebiete hatten eine große Verfolgung erlitten. Die diesseitigen Gemeinden, im eigentlichen England, fürchteten ein ähnliches Geschick und gewannen den König, durch Herolde bekannt zu machen, daß in England den Juden kein Leid geschehen sollte. Wenn nun trausruaiini die Juden in den englischen Gebiets- theilen innerhalb Frankreichs bedeutet, so hat der Passus xrascixus in Hispania keinen Sinn. Wie kommt Spanien hierher? Es ist um so weniger richtig, als im Jahre 1236 zur Zeit Nachmani's von keiner Judenverfolgung in Spanien berichtet wird. Offenbar ist das Wort 8isxania bei Matthäus Paris eine Corruptel, vielleicht aus Vassoräa — Gascogne, zu emendiren- wozu Bordeaux gehört hat. Wie dem auch sei, so haben wir sichere Zeugnisse über ein Blutbad der Juden in den englischen Besitzungen in Anjou, Poitou und Gascogne von Seiten der angesammelten Kreuzfahrer im Jahre 1236. Man kann noch ein anderes zeitgenössisches Zeugniß hinzufügen. Nikolaus Donin, der gehässige Konvertit, welcher im Jahre 1240 vor der französischen Königin Blanche ein Religionsdisput veranstaltete — mit R. Jechiel von Paris, wendete gegen die Berufung auf die wunderbare Erhaltung Israels ein: -8n iwm ivn o.n rrm arm mra'ia aana oro maaa ruaa (fehlt in Wagenseills Edition der Oisputatio 8. äsokislis cu.ru Nicolas und findet sich in den vorhandenen Ms.). Nikolaus berief sich gerade darauf, weil das Gemetzel der Juden damals noch im frischen Andenken war. Es ist also sicher, daß diese Verfolgung im Jahre 1236 stattfand. Wir müssen daher die Zahl c'xp in unserer Quelle emendiren in vxp. Vergl. Frankel - Graetz, Monatsschrift 1869 S. 101 fg. Zunz giebt diese Notiz ohne Kritik wieder mit den Worten: „Zwei Jahre nachher (nach 1217) siel Aehnliches in Anjou, Poitou und Bretagne l?) vor" (synagogale Poesie 29). aä 27) Eine diese Notiz vervollständigende Parallele kenne ich nicht. Sie bezieht sich wohl auf das Schreiben des Papstes Jnnocenz IV. vom 7. Juli 1248, daß den Juden verboten werden soll, runde und breite Hüte wie die Geistlichen, und daß ihnen eingeschärft werden soll, die absondernden Abzeichen zu tragen. lOuelle in Lalrui, Niscsliausa I. 207): luuocsutius Dpiscvpo NuAaloususi: Duo. uobis Iratsruitas iutirnas, guoä .luäasi tuas äioscssi8 non sius oräiuis clsricalis iirjuria capas rotuuäas st larAas mors cisricoruua — ästsrrs xrassuraaut. l?roptsr guoä sasxs coutiAit, ut a xsrsAriui8 st Note 2. 343 aävsiris sis tamguam saosräobrkus Iroiior st rsvsrsirtra mäskrka xras- dstur. — iUauäamus guatsrrus xraskabos äuäasos, ub oap>is kujrrsmoär oiruriiio ärmissis kakibum ssrs oonArusirbsm ästsrairt, czuo irorr solum s, slsrrors vsrum stiam a larsis ässbiriAuaiibur. kloirrs äulrr aimo ssxto. — Als Anreger zu dieser Einschärsung wird ein Convertite aus Montpellier angegeben. Es war der oben genannte ui P 2 Nikolaus Donin, der es auf gewaltsame Bekehrung der Juden abgesehen hatte. Wir ersehen auch aus dieser Notiz, daß die Juden Südfrankreichs sich mit allen Kräften gegen die Abzeichen gesträubt haben, und daß sie noch immer Einfluß bei Hofe hatten. aä 28) Für dieses Factum ist mir keine Parallele bekannt. aä 29) Diese Notiz sagt es mit deutlichen Worten, daß Ludwig der Heilige nach seiner Rückkehr aus der saracenischen Gefangenschaft die Juden aus Frankreich vertrieb. Das wäre im Jahre 1254. Damit steht aber der Anfang im Widerspruche, wo es heißt, „im Jahre, als der König von Frankreich in Gefangenschaft gerieth," das wäre 1250. Eine Ausgleichung dieses Widerspruches giebt eine Relation bei Matthäus Paris zum Jahr 1252 p>. 732. Dort heißt es: Ludwig habe vom heiligen Lande aus den Befehl für seine Staaten ergehen lassen, daß sämmtliche Juden aus Frankreich vertrieben werden sollten, mit Ausnahme der Handwerker und derer, welche von ihrer Hände Arbeit lebten. Es sei nämlich dem König von Seiten der Mohammedaner zum Vorwurf gemacht worden, daß die Christen ihren Gott wenig zu lieben scheinen, da sie dessen Mörder duldeten: Diskus suk srsäsm vsnib äs tsrra sairoba mair- äabrrm äomirrr rsgis Drau eins, ub omirss ärräaer a Drauooium rsZuo sxpsltsrsirbrrr, sxilio äamiratr ssmprbsriro, aääibo kos tsrnpsramsirbo sto. Oausmi autsm äuäg-sorum Issum sb otklaium sxulaubium lissubsr ooou- xavsruub. Der Befehl mag also im Jahre der Gefangenschaft ergangen sein, aber ausgeführt zu haben scheint ihn Ludwig persönlich nach seiner Rückkehr aus dem Exils. Auch eine Ordonanz von ihm vom Jahre 1257—58 spricht dafür, daß die Juden erst nach seiner Rückkehr verbannt wurden. Sie lautet nämlich im Anfänge: Oum itsr arrixuisssmus brausmariuum, (guaäam Kons, xsrsiximus s, äuäasis uou bamsu airrmo rsbiirsrräi. M xosbmoäum, sum äuäasos ipsos äs tsrra uosbrs, ms.uäavisssmus sxxslli, aliigua xsrospsrimus . 85). Hier ist offenbar entgegeng esetzt die Zeit vor dem Kreuzzuge der Zeit nachher, jedenfalls nach dem Antreten der Reise. Fälschlich hat Depping daraus geschlossen, daß L udwig die Juden vor seiner Abreise exilirt hätte (Dss g'uits äarrs Is mo^su-llZs p>. I2K). aä 3V) Die letzte Notiz betrifft die grausige Verfolgung durch die Hirten — (pastorsllr, pasboraux) im Jahre 1320, die in mehreren zeitgenössischen Berichten mitgetheilt wird und auch von Jbn-Verga im Hauptwerke Nr. 6. Das Datum ist hier mangelhaft, muß es heißen: '-> >.v. Aus dem Angegebenen ist wohl das Urtheil begründet, daß wir in dieser anonymen Chronik eine der wichtigsten und authentischsten Urkunden über die jüdische Geschichte im 12. und 13. Jahrhundert mit ganz zuverlässiger Chronologie haben. 2 . R Hai Gaon und sein Verhalten zur Philosophie und Mystik. Rapaport hat in der Biographie des N. Har von demselben geurtheilt, er habe gleich seinem Vater Scherira der Mystik gehuldigt, d. h. nach dem richtigen 344 Geschichte der Juden. Begriffe, den wir jetzt von dieser Doctrin haben, dem Anthropomorphismus der Musch abbiha. Es sprechen aber so viele Momente dagegen, und die Beweise für R. Hai's Hinneigung zur Mystik stehen auf so schwachen Füßen, daß dieser Punkt neu erörtert werden muß. In einem Gutachten des R. Hai, welches Elieser Aschkenasi Tunensis in der Sammlung (o-ipi 2x2 S. 54 ff.) edirt hat, tritt R. Har gerade als vollständiger Gegner der Mystik auf, behauptet, daß Alles, was von Wunderthätigkeit der Mystiker vermittelst der Gottes- und Engelnamen erzählt wird, leeres Geschwätz sei, und beweist es besonders dadurch, daß, wenn es frommen Männern möglich wäre, zu jeder Zeit Wunder zu thun, der Vorzug der Propheten vor Nichtprophcten schwinden würde. Dieses R. Har beigelegte Lssxousuru ist so entschieden antimystisch, daß nur die Alternative bleibt, entweder dessen Unechtheit zu behaupten oder einzuräumen, daß N. Hai durchaus kein Freund v on Mystik war. Daß aber dieses antimystische Gutachten echt ist, d. h. von R. Har stammt, dafür sprechen äußere Bezeugung und innere Kritik. 1) Zeugniß. Joseph Tob-Elem, der Spanier, Supercommentator des Jbn-Esra, citirt aus diesem Gutachten die Kernstelle, welche der Mystik alle Berechtigung abspricht in: yoi' bii zu Exodus Nr. ll und in dem länger» Supercommentar npo nisr Ms. der Breslauer Seminarbibliothek Bl. 75 r): 1122 > .120 2 " '2 22>1 MIM 111212-21 '11 -2 1 P 22 (i 2 ip 12 ) 21221 i> 2 - 1 P 2 2 ' 222.2 12 : 22 p 12121 pro 1-021 1112 ibl 2112 >pi> 101 ' li> 2 - 2 '^I 21 2 ' 2 'P 2 212 12 -P '2 212 12 'pl PI 2'2121 2 'p '22 ib'sl >2 2 'bu >2 2'222 .221 bo '2 P 111 2 ' 2'1 2111 221111 ibll P21 1'21 P2 2" 2221 121 2'1'2:i 11111 12'21 122 1- 1'1 2.1 '2 .1112. Das ist eben der gedrängte Sinn des langen Lssxorrsu.ru. 2 ) Die Einleitung des Sendschreibens spricht noch mehr für dis Echtheit. Ein Jünger des Jacob b. Nissim aus Kairuan hatte einmal angefragt, was denn von der Mystik der Gottesnamen zu halten sei. Darauf hatte sich der Gaon Har wegwerfend darüber geäußert. Mehrere Kairuaner aber, die sich bei der Antwort nicht beruhigten, zumal die Weisen Palästinas und Rom's (Italiens) der Mystik einen hohen Werth beilegten, fühlten sich bewogen, dieselbe Frage demselben Gaon noch einmal vorzulegen: 122 2-122 pur mi '2 12 1212-1 2'21 22 22 122 2'12 2PP' '2 222 12222 '22 l'l'limi 11122 1'222 22 12 Y21' '2 22 lb ' L .1 '2 22.11 2'222 2'222 222 121-21 l 2 l t -2 '2 2 ' 2>11 — 1122 - 122 2 " '21 22'1 11211 P 21 '22121 bl 22 -' P 21 '2212 122 '2 112 111211 .1112 21 ^ 1 L - P 1 PI 2-2121 2 - P -22 112212 Üb 2.12'! 2121 llp'21'-1'21222 111 112 '2 2-2-12 - 2121 . Hier spricht die Zeitangabe ganz entschieden für R. Hai als Nespondenten. Ein Jünger des Jacob b. Nissim kann nur in R. Hai's Zeit gelebt haben. Das Gutachten kann also nur entweder von demselben oder dessen Schwiegervater, dem letzten Gaon von Sura, Samuel b. Chofni, herrühren, der allerdings ein Rationalist war. Aber im Verlaufe des Lssxousuiu sagt der Verfasser, er sei kein Suraner. Er bemerkt nämlich: in Sura, das in der Nähe Babel's liegt, finden Wunder Gläubige; „wir aber wohnen fern von Sura": i2'2-2i 22-2 2 -P -12 1111 22122121 1 ' 2 I ^22 11 ' 22 i- 2 ' 212 p 21 '2 2212 l2l 2'222 1'1 1212 . Dtt Vers war also nicht Gaon von Sura, d. h. nicht Samuel b. Chofni, sondern wie die Ueberschrift sagt, und wie Joseph Tob-Elem bezeugt, R. Hai. Folglich war R. Hai ein sehr entschiedener Gegner der Mystik. Stammt dieses antimystische Lssxousuru von N. Hai, so kann jenes, das im Commentar zu den Agadoth (Lu llaoost zu OstaMAalr II. Lo. 10 ) ihm vindicirt wird, ihm durchaus nicht angehören, weil darin der Mystik das Wort geredet und das Entgegengesetzte behauptet wird, daß Gott auch durch fromme Note 2. 345 Männer Wunder geschehen lasse: o-nst ww; >1 pri ;;ni nn pripsvn . n«,n (>p nmau NINM ,1LNP NI.N INS 2>:r^n '2 2'UL'NIN i>rs 821,22 N'2 71 , 721 '2 P2I — ll'n'^eT, '2' 8p TIWIP SIN2- 122 2',2'2rn '1'. So widersprechen konnte sich R. Hm nicht, und diese zwei Responsen können unmöglich einen und denselben Autor haben. Die Unechtheit des letzten Rssxorisrrrn ist übrigens aus dem Inhalte selbst ersichtlich. Es wird darin die Ansicht des R. Samuel Gaon angeführt und widerlegt, der, weil er viele nichtjüdische Schriften gelesen, behauptet habe, nur durch Propheten thus Gott Wunder, aber nicht durch Fromme und Mystiker: ,88n ,2182271 PS 2 ' 2 . 21 E 222 ' 2 S 22 082,28 1222 V 12 8 r ?21 8 "I P 81 8812 V '2 12 22 rV 21 NI PU 12281 2'p>'2p8 01 12 2VP '2 2281 V 7 IVP 2 82 2>V'N221 — 2'8'2i8 s8s ,21821 221 2282. Dieser Samuel Gaon, dessen Ansicht hier getadelt wird, soll offenbar Samuel b. Chofni sein. Nun ist es undenkbar, daß N. Hat von seinem Schwiegervater so wegwerfend gesprochen hat. Dann hat R. Hat das, was hier dem Gaon Samuel zum Borwurf gemacht wird, sich selbst zu Schulden kommen lassen. Er selbst hat nichtjüdische Schriften gelesen, sogar den Koran, und hat aus demselben und aus arabischen Traditionen dis Erklärung schwieriger hebräischer Wörter geholt. Diese Thatsachs bezeugen Mose Jbn-Esra (in seiner handschriftlichen Poetik) und Joseph Jbn-Aknin im handschriftlichen Commentar zum Hohenlied: 12 222'pi >82 21 2-2x2 -2 P282228.8 8,22x1 p>i,22288 8012 2-82 28 .2812188 12 p8,2x28s is -8x pi-x-222 (182,2882) 22 22V22' p.282,2228. „Tu siehst wohl, daß die Hauptgesetzeslehrer und dis bedeutenden Mutakallimun, Saadia und Hat, aus dem Koran Zeugnisse beigebracht haben, zur Lösung archaistischer Wörter in den Propheten." So Mose Jbn-Esra (Poetik Bl. 119 b). Ebenso Jbn-Aknin (127 d): „Es brachte R. Hat Zeugnisse vom Koran und den Traditionen in der arabischen Sprache". 2x8282 2-22881 182,2^82 -8,2 -2 2222-1. 2-22x8.8 R. Hat war demnach gleich Saadia ein Mutakallim, d. h. ein Religionsphilosoph und rationalistischer Mutazilite. Aus einem Zeugnisse des Maimuni erfahren wir auch, daß er, wie Saadia, dessen Sohn, Samuel b. Chofni, Aaron Jbn Sargadu und Anders ein philosophisches Werk gegen die Annahme der Weltewigkeit geschrieben hat (Nors Usbuobiiii Original sä.. Munk Th. I. S. 462 ). R. Hat hat den Koran und arabische Traditionen gelesen, um aus deren Wortvorrath schwierige und alte Formen zu erklären. Geht schon daraus hervor, daß er als Mutakalim ein Gegner der Mystik, d. h. der Muschabbiha, war, so kann er noch weniger dem Gaon Samuel den Vorwurf gemacht haben, daß er in nichtjüdischen Schriften gelesen. Dieses ganze Lssponsuvo ist also sicherlich fingirt, und es ist geflissentlich R. Hat vindicirt, um an ihm eine Stütze für die Mystik zu haben. Noch sicherer untergeschoben ist jenes antiphilosophische Nsspoirsuru, das R. Hat an Samuel Nagid erlassen haben soll gegen das Studium der Philosophie (im Auszugs in Nachmani's Sendschreiben an die französischen Gelehrten, in Du siacoti 1 . e. Nirrdrat Lsiraob Brief 89 Ende und 9 V x. 166 und 22-2 222 das. S. 128 , und vollständig in 2-i-x 22-82 des Isaak aus Akko Ns.), Es wird darin empfohlen, sich mit nichts weiter als mit Mischnah und Talmud zu beschäftigen; denn die Philosophie führe von der Religion und der Gottesfurcht ab; die Philosophen vernachlässigen sogar das Beten. So kann R. Hat nicht gedacht haben, er, der nach dem Zeugnih Mose Jbn-Esra's, eines jünger» Zeitgenossen, gleich Saadia, zu den Mutakallimun gehörte, also selbst sich mit Philosophie beschäftigt hat. Schon der Eingang verräth es als eine Falsifikation. Samuel, der Wesir, der Mann der Wissenschaft, soll R. Hat angefragt haben, ob man diese Wissensfächer (morn) betreiben dürfe! Das Lsspousuru 346 Geschichte der Juden. i ist offenbar erst im Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts fabricirt worden, um Maimuni's Bestrebungen zu verdächtigen. R. Hat war so wenig ein Gegner der Philosophie, ein Buchstabenknecht oder ein Anhänger der Mystik, daß er sogar der talmudischen Agada keine Autorität einräumte, sondern sie als individuelle Einfälle beurtheilte (vsrgl. OUsI äossl zu Exod. Nr. 11 und 2 otrmb ikaansaoü Ns. p>. 75 r.). '121 '2 i(>2 i:>:i 1222 211W2 12s ps: 'si 'i -1111 ">21 sch (?) 112SS P22 122 bl! 12P2 .12 2111 IIS (>2 sbs PI 1P1222 si 11:1 Iw 122 212 12S2 1212212 22. Auch von einer andern Seite erfahren wir, daß N. Hai mit der Zeitphilosophie vertraut war und mit mohammedanischen Gelehrten disputirte (Einl. zur hebräischen Übersetzung der Logik des Marsilius von Jnghen sä. äsllinslr Wien 1859 S. 7 >: '221 Lp b"> 'si ib .11,22 122 '2 IIP Up sch IIS Lbl2 1,211221 — 11221 U22 12.122 '2 111S 112pb 1^2' Sil 2SP22' . s2 12p S2 p'212 L21 1'12 Sllll 1'11'S12 2122 . War nun R. Hai ein Anhänger der mutazilitischen Religionsphilosophie und ein entschiedener Gegner der Mystik, so sind natürlich alle die ihm vindi- cirten mystischen Responsen und Aussprüche als untergeschoben anzusehen. Die Unechtheit derselben läßt sich auch aus andern Momenten Nachweisen. Zunächst gehört jenes Rssponsurn, welches dem Anthropomorphismus des Loüiur- Lovoolr das Wort redet (in Lssxx. 12121 2 Ho. 122 und aus einer Bodle- janischen Handschr. in Sachs' dsoiiijs. p>. 41 f.) gewiß nicht R. Hai an, sondern seinem Vater, wie die Ueberschrift im Bodl. Codex lautet: brso oss 'i'is ibs2 S221 u"i 1:2 brsoi si'12 1 12 uns. Weil R. Hai damals, obwohl noch jung, als Oberrichter fungirte, wurde sein Name beim Gutachten mitgenannt und daher schrieben es Einige ihm, Andere R. Scherira zu lvsrgl. Sachs das. 43 f.). R. Hai hatte aber an diesem mystischen HssxonsurL ebensowenig Antheil wie an dem historischen, das Scherira selbstständig erließ, die Ueberschrift aber Vater und Sohn als Autoren nennt. Das mystische Lssxonsuiu., welches verbietet, auch nur den Zipfel des Schleiers von den Mysterien zu lüften (das. Nr. 99 ), trägt die Unechtheit an der Stirne. R. Hai soll darin angegeben haben, daß Anfragen von allen Seiten an ihn ergehen: priso '2 2>pii' cisi PS221 11I2I 12212 112'ISI 222 lll'llbr- 2'lil2I 2"1 1121'b 11111 1'Illb 22^2 2-22 11W 21'1lbs2 P2P2 Uvsb 2'121PI 112'1S1 '12,221 S'2->2S1 12121 U22SI 212 P1S21; während Abraham Jbn-Daud, der zuverlässige Chronograph, gerade von Scherira's und Hai's Zeit berichtet, daß durch die vier gelehrten Gefangenen die Einnahmen der babylonischen Lehrhäuser eingingen, weil die gutachtlichen Anfragen nicht mehr an das Gaonat gerichtet zu werden brauchten: i'pm >1 112 211,2) srb 211,21 21'bs -chll 1'12 112>2'1 82 2,21 112:2 1 " 2,21 1S2 122 11'1 ('S1 11 S1'12 '1 '2'2 :"1 lbs2 112'2'1 12 2'bsi2 1'12 1lbs21 i>21-"121 S'P'IDSI 21P21 P1S2 11SO P1S2 (1211211,22 122 >1 12) 1122. Das Lssponsurn in Betreff der zehn Lstirot, das R. Hai's Namen trägt, verräth sich als ein plumpes Falsum durch seinen Anachronismus. Man denke, der Gaon Paltoj (um 859 ) fragte R. Hai (1009 — 1938 ) an über das Verhältniß der 19 Lstirob zu den 13 Niääob! 12p 1112 11'2'' 1222 '2 ps: 'S1 1 2'2211 Pls2 lb.S2 b"> 112'2' '2211 122s >1 ps:ii 1112 21 2S1 111'L2 '— Llldsm.-T'od Dcaunob IV. 4 . p>. 28 i).). — Ebenso gewiß unecht sind die R. Hai zugeschriebenen Aussprüche über die zehn Lstirob, die eben im Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts aufkamen (das. S 34 a 381 >, 47 a). Unecht sind ferner die Responsen in 12121 '2 (Nr. 5 und 14 ), aus welchen David Luria das hohe Alter der Kabbala beweisen wollte. Das erstere Lssxonsurn gehört gar nicht R. Hai, sondern Maßt an, und das mystische Beiwerk ist eine spätere Interpolation. Unecht ist endlich das von Note 3. 347 Botarel als R. Hai's Werk ausgegebene kabbalistische i°c>. Die Kabbala, welche ein unruhiges Gewissen wegen ihrer Jugend hatte, brauchte alte Autoritäten für ihre Theorie und fingirte sich alte Zeugnisse. Das Resultat, daß R. Hai kein Mystiker war, ist meines Dafürhaltens unerschütterlich. 3. Das Todesjahr des Kamuel Uagid, die Dauer dev Mestrats seines Kohnes nnd andere chronologische Data. I. Die chronologischen Angaben des durchaus zuverlässigen Chronographen Abraham Jbn-Daud, daß Samuel Nagid Jbn-Nag rela') im Jahre 4815 s-uuo ruuuäi — 1055 gestorben, und daß sein Sohn Joseph 1l Jahre später am 9. Tebet (4827 — December 1086) ermordet wurde, galt bisher als chronologischer Ausgangspunkt. Munk hat sie seiner Abhandlung über die beiden jüdischen Wesire zu Grunde gelegt (Journal s-sis-tiMS äs Lsptsruors IV. 8sris 7?. XXI. p. 29l ü. und in dem besonder» Abdrucke Xotios sur Houivuiiä Idu-Os-us-oir i?sris 1851 p. 87 üi). Herr Dozy dagegen hat versucht, gestützt auf Angaben arabischer Schriftsteller, sie zu erschüttern (lutro- äuotiou ü i'iästoirs äs i'XIri^us st äs i'Iisps-AUö iutituiss sl-Lg.^s-uo'1 Ns-Aiuiii pur Ibu-Xäiis-ri. Qs^äs 1846—51, prsurisr voiurus, p. 81 I.). Er behauptet nämlich, Samuel sei erst im Jahre 1066, und zwar zwischen dem 2 . und 11. Dezember gestorben, das Wesirat seines Sohnes habe nur etwas über zwanzig Tage gedauert. O's-prtzs (uns äs-ts) 8s-ruusi rnourut i's-u 1055. Ostts äats sst sn Opposition s-vso osiis Ms äonns Idn-8ai^an, Mi äit, Ms 8aruusi ou Isrus-si rnourut äs-ns is- äsuxiorus äixuins äs illoirs-rrs-iu, äs i's-uuss 459 äs HsZirs o'sst - ü-- äirs sntrs 1s äsuxitzins st 1s on^isrns äsosruiors 1066. äs srois äsvoir s-äoptsr ostts äsruisrs st rssstsr osiis Ms äonns liristorisn äuil (^.iirs-iis-ru Idu-Vs-uä), ä's-dorä psrosMö äs-ns iss rnanusorits iisbrsux iss äs-tss sont inäiMsss pur äss isttrss, Mi tisnnsnt iisux äss olritkrss, st Ms pour ostts raison iss ts-utss s'z- giisssnt irisn plus ta-oilsinsnt MS äs-ns iss rns-nusorits s-rs-bss, oü iss äatss sont sxprirnsss tont s-u ionZ; snsuits pa-rosMS nous s-vons ääss- vu, Ms oiiss i's-utsur Irsirrsux, on rsnoontrs trois ts-ussss äs-tss sur oinipi gus os soit 1s- tsuts äs i'sutsur ou osiis äs sss oopistss, tou- sours sst-ii M'on äoit ss rnstisr äss äs-tss, M'on trouvs äsns son iivrs. Dntin i's-utorits ä'Idn-Hs-i^an sst bso-uooup plus grsnäs MS osiis ä'Xirrs- ^) Die arabischen Codices, welche Oor^ für die Geschichte dieses Wesirs veröffentlicht hat, haben durchweg die Lesart oder Die Figuren «-> und können im Arabischen nicht verwechselt werden, wohl aber i und r im Hebräischen. Selbst die Quelle des Jbn-Khäldun, bei Munk a. a. O. S. 103 hat die Lesart eine Corruption, die nur aus aber niemals aus entstehen konnte. Es ist also jedenfalls zweifelhaft, ob der Name .-wxrn lautete. Ihn von i'n abzuleitcn, ist absurd. Corrumpirt ist der Name auch in . lieber die Aussprache des laugen s- von den spanischen Arabern als s vergl. V 02 Z- das. 348 Geschichte der Inden. üsrn; oar es äsrnisr n'öorivii gus äsms 1a xrsrniörs inoiiis äu XII. siöols ianäis gu'Idn-Hs.i^sir gui rnourui äsns 1'annss 1076, ssi sonisinxoraiir äss svsnsrnsnis gu'il rsoonis. O's.i11surs, ä'sxrss H>u-^.älisri, sopis par Idll-1-His.iid, 8srnus1 vivs.il susors 1'sn 456 äs 1'HsZirs 1064 äs noirs srs. Hs vsrirs.1 äs äossxü ns äurs. äono gus vinZi si guslc^uss .sours: os.r son psrs dis.il äsgs. raori Is onrnsrns äsosrndrs 1066, si äossxlr Ini-rnsins Ini ins Is 30. ädosrndrs M. Dlunlr p. 210). O'g.xrös 1s esloul e'ssi äs Lsinnsl, gus psrls Ibn-LIniosn äsns son ariiols snr al Dluiaraiä, si s'ssi s, Lsrnnsl gus ss rapporisni Iss vsrs äs Dlodsrurasä 1bno-'1-8s.rrs. süss xar Dir. Dlnnlr. Aber trotz des eminenten kritischen Talents des Herrn Dozy hat er sich in den beiden Daten geirrt, wie in Folgendem nachgewiesen werden soll: 1) Das Datum in Betreff von Samuel's Todesjahr 4815 -- 1055, giebt Abraham b. David zweimal an: :" 2 nri o>°>bn "i imwL- 'i ir>sn, so daß dabei an keinen Copistenfehler zu denken ist. Zu noch größerer Beruhigung giebt Saadia Jbn-DanLn — der, wie Munk nachgewiesen, neben Jbn-Daud's Bericht auch aus einer andern Quelle geschöpft hat — die Tauer von Samuel's Wesirat auf 28 Jahre an, von 4787 — 5815 — 1027 —1055: pn bsi 2 L') mm n"v mmm '2' 1'M I"ur>r> "I ML' 12SN 7"°!L'N "I ML> 127)7 L'si) 1207 (.11S177 — .11S177 oue- (Otisraäs, Osnuss. x. 29). 2) Wenn auch Jbn-Hajan ein Zeitgenosse von Samuel und dessen Sohn Joseph war, so stand er als Araber und Corduenser den Vorfällen in Granada in Betreff der beiden jüdischen Wesire zu fern, um als unbedingte Autorität zu gelten Beruft er sich doch in Bezug auf die in Frage stehende Angabe über Granada auf den Fakih Abu-Bekr, der sie von einem Kaufmanne gehört hat! (bei Dozy 02). Abraham Jbn-Daud war dagegen schon als Jude besser unterrichtet in Bezug auf eine Thatsache, welche die ausgezeichneten, in aller Mund lebenden zwei jüdischen Wesire betraf. Außerdem war er ein Schüler des Baruch Jbn-Albalia, und dieser war der Sohn des Isaak Albalia, welcher wiederum vertrauten Umgang mit Samuel und Joseph halte. Endlich war Isaak Jbn-Albalia des jüdischen Geschichtsschreibers Großvater. Der tragische Tod des Joseph Nagid, den zu theilen das Familienhaupt Albalia nah daran war, und überhaupt die Geschichte des Hauses Nagrela ist sicherlich oft genug dem Geschichtsschreiber von seiner Mutter und seinem Lehrer erzählt worden, und mit Sinn für Geschichte begabt, hat er sich wohl die Data besser eingeprägt, als der unbekannte Tradent, der dem arabischen Geschichtsschreiber Jbn-Hajan den Stoff zugeführt hat. Genau genommen stammen die Datumangaben von Samuels Tod (1055) und Joseph's Hinrichtung (1066) nicht von Abraham Jbn-Daud, sondern von Isaak Jbn-Albalia, dem Zeitgenossen, der sie seinem Sohn und seiner Tochter erzählt haben wird. Die genaue Angabe des Todestages von Joseph: 9. Tebet an einem Sabbat, stammt sicherlich von Isaak Jbn-Albalia, der an dem Tage des Gemetzels in Granada war und auf eine fast wunderbare Weise gerettet wurde. Es kann nicht zweifelhaft sein, wem mehr Zuverlässigkeit zuzutrauen ist, dem zeitgenössischen Juden Isaak Jbn-Albalia, der bei dem Vorfälle betheiligt war, oder dem fernstehenden, arabischen Geschichtsschreiber Jbn-Hajan, oder richtiger dem unbekannten Kaufmanne. 3) Es ist unmöglich, daß Joseph Jbn-Nagrela nur etwas über zwanzig Tage als Wesir fungirt haben soll, aus folgenden Gründen: s.) Der genannte Isaak Jbn-Albalia schrieb ein Werk über die Astronomie des jüdischen Kalender- Wesens für Joseph, wie Abraham berichtet: 11:0 iwi dwp rnonu m pur- rn:i rurn p n8.n ^om' -r). Zum Schlüsse desselben schrieb er, wenn Gott das Leben des Nagid (Joseph) verlängern wird, so werde er das Thema weitläufiger behandeln im Commentar zum Rosolr Ilssolrsus: i'u.n s>e> nmu' -pim aipu.n cm um ni .',n>'n,nu c-wi mcs nrr-n omn nroio ir>non o'ruvn 12 nmnu PNI p PN'-'' "1 onn vi'-^o p min -r'.nr.m woc >:i r.i ori (-)v>' ' 1 ), sondern auch ein jüngerer Zeitgenosse desselben, Jbn-Balam, theilt eine Verserklärung mit, die ihm ein Jünger des Joseph Nagid tradirt hat, der sie in dessen Lehrhause vernommen: p) vi'rir von cc-c icsc- i-rrn oc'v'c nriL» nrrcc ('nxioir c.-r-r-c c'.ccxn nn-cs uns (c'ccx-.) piorn (Olrslur: II. 61). Man muß gestehen, daß man wohl kaum in zwanzig Tagen einem Lehrhause vorstchen und Jünger bilden kann. 4) Es geht übrigens aus den Angaben des arabischen Chronographen Jbn-Adhari selbst hervor, daß die Dauer von Joseplsts Wesirat nach Jahren und nicht nach Tagen zu zählen ist. Er erzählt von ihm, nach Oor^'s Ueber- setzung (das. p. 110): Os äousoul' souäuisit Iss süsirss äu ro^surus (äs Orsusäs) svso susrAis, rs.rns.8srr äss trösors, xris soius nwi crpn äsus 1'srtiols gus irous svous oou- ssorg ä. ss xriuos, oü uous svous äit sussi gus äousoul xsrsusäs s Lsäis Hus sou Irls svsit öts sruxoisouus xsr äss Isruruss äs sou Irsrsru st xsr (^us1>guss-uus äs sss ssrvitsurs. äousoul tit ssssssiusr su sutrs rru äs sss psrsirts c^ui, sxrss lui, ooorrxs.it 1s xrsruisr rsuZ ü 1s oour st «gu'ou sxxslsit 1s Asusrsl — 8-spisc 'pr' üu-inis w ni wn ni c-npc srn ine. npc,. Hier ist also durchweg von Joseph Nagid die Rede, daß er in Verdacht war, den Prinzen vergiftet zu haben, daß er den König zu überzeugen wußte, daß jener durch seine Frauen und Diener getödtet wurde, und daß er auch einen seiner Verwandten (dessen Name durch den corrumpirten Text nicht zu enträthseln ist» hat tödten lassen. Dasselbe scheint auch der Zeitgenosse Jbn-Hajan zu berichten, nach voszäs Vermuthung, daß Joseph es war, der beschuldigt wurde, Balkin's Vergiftung veranlaßt zu haben (das. S. 08 350 Geschichte der Juden. Note). Nun setzt Jbn-Adhari Balkin's Tod (in dem von citirten Passus S. 84, in das Jahr der Hegira 456 — 1064. Nach einer andern Lesart (bei II. 502 Ho. 15) war es im Jahre 454 — 1062. Die Schwankung beruht auf der Verwechselbarkeit der arabischen Ziffern 4 und 6. War Joseph in Verdacht, den Prinzen Balkin im Jahre 1064 oder 62 vergiftet zu haben, so mutz er damals schon Wesir gewesen sein. ist genöthigt, zu einer gewaltsamen Interpretation der Stelle zu greifen, um seine Annahme von der zwanzigtägigen Dauer von Joseph's Wesirat durchzuführen. Die Stelle, wo sich das Albajan auf einen früher gegebenen Bericht über Balkin beruft (niri llipn n 2 ), soll nämlich nicht von Jbn-Adhari, sondern von dem Referenten (Jbn u'l Khatib) angebracht worden sein — und zwar, weil der Ersters sich sonst widersprechen würde, da er doch Samuel den Vater zum Urheber der Vergiftung mache. Da aber auch der zeitgenössische Geschichtsschreiber Jbn- Hajan Balkin durch Joseph umkommen lässt, so legt sich I)o 2 z- die Thatsache so zurecht, datz Vater und Sohn in Verdacht der Vergiftung gestanden hätten (das. S. 100 Note 3): I-ss äsrnisrss parolss (ovpn ns) sont ci'Ibn o'l Hs-tib sb non ä'Ibn-^.Hmri. Haus avons vu plus Iis.nl gsus ä'sprss es äsrnisi sntsur, es Int Israsil (Lsrnnsl) gni srnpoisonns Loloüüin. Osxsäant si nons svons i)isn rsnän Iss xsrolss ci'Ii>n-1Isiz-sn. est sntsnr sttssts gns (konsonl xrit pari ü est snaxoisonnsnasnt. Ist das Alles nicht gezwungen? In diesem Sinne ist der Widerspruch nicht zu lösen. Die Lösung muß auf einem andern Wege gesucht werden. Jbn-Hajan sagt: Joseph sei Balkin's Vergifter gewesen (d. h. nach dem Verdachte), Jbn- Adhari führt dis Vergiftung ein Mal auf den Sohn und das andere Mal auf den Vater zurück. Liegt hier nicht offenbar eine Verwechselung des Vaters mit dem Sohne vor? Dergleichen Ungenauigkeiten sind bei den arabischen Chronikschreibern gar nicht selten. Hat doch Jbn-Khaldun, oder sein Gewährsmann, soweit die beiden Nagrela, Vater und Sohn miteinander verwechselt, daß er erzählt, Samuel sei hingerichtet worden (bei Munk, Hotios S. 101): „Er (Badis) setzte über sein Reich seinen Katib und den Katib seines Vaters Jsmael Jbn-Nagrela (Samuel), den Dsimmi (Juden), dann züchtigte er ihn und ließ ihn hinrichten im Jahre 459 — 1066." So wie Jbn-Khaldun, so haben auch seine Vordermänner, Jbn u'l-Katib, Jbn-Adhari und selbst Jbn-Hajan die Thatsachen von Vater und Sohn confundirt. Ich erinnere noch einmal daran, daß Jbn-Hajan, wenn auch Zeitgenosse, doch nicht Augenzeuge der Vorfälle in Granada war, welche die zwei jüdischen Wesire betrafen. Wir müssen noch weiter gehen. Das Datum von Samuel's Tod, das der Letztere nach Jahr Monat und Tag angiebt: in der zweiten Dekade des Monats Moharram im Jahre 459 Ipwrn': von nw nsnbs ne>vbs '-> n'nllvonsi), ich sage, dieses ganz genaue Datum kann nicht dem Vater, sondern muß dem Sohne angehören. Warum sollten sich die Araber den Todestag Samuels eingeprägt haben! Es war keineswegs eine so außerordentliche Begebenheit! Kannte doch nicht einmal Abraham Jbn-Daud, der ein lebendigeres Interesse an Samuel Nagid hatte, als der arabische Chronograph, dessen Todestag, da er ihn sonst angegeben hätte! Joseph's gewaltsamer Tod dagegen, der einen Umschwung im Staate Granada hervorbrachte, über den die rechtgläubigen Mohammedaner und Granada's politische Feinde Schadenfreude empfanden, konnte den Arabern Spaniens denkwürdig sein. Man Note 3. 35t sprach im ganzen mohammedanischen Spanien von dem plötzlichen Sturz des jüdischen Katib Jbn-Nagrela. Statt die Datumangabe des Abraham Jbn-Daud in Betreff des Todesjahres Samuel's durch die arabischen Chroniken zu corrigiren, muß man im Gegentheil deren Angaben durch den besser unterrichteten Historiker berichtigen, daß Samuel nicht 1066, sondern 1055 starb. Auch manches Andere, was Samuel zuschreibt, gehört seinem Sohne an. Jbn-Hajan sagt ausdrücklich, daß Badis das unmenschliche Project, sämmtliche Araber in der Moschee niedermachen zu lassen, seinem Wesir Joseph mitgetheilt, und daß dieser inständig davon abgerathen hat (bei Oori^ a. a. O. S. 87, Zeile 3): .nwn (o'-ma) inir-i bmrwn -,ov '-n.-i-bu; „er (Badis) zog Joseph zu Nathe." Man hat nur nach dem Worte epn das Wörtchen pu zu ergänzen pu -ivv), und braucht nicht mit das Wort ->ov zu streichen. Auf diese Weise stehen die That- sachen von Joseph's Sturz im Einklänge, und die verdeckten Widersprüche sind gelöst. Jbn-Adhari erzählt in einem Athemzugs, daß der König Joseph das höchste Vertrauen geschenkt, und daß der Letztere Spione im Palaste des Königs unterhalten habe, „so daß Badis nicht athmen konnte, ohne daß es der Katib wußte". Noch widersprechender sind die Angaben über die Urheber von Joseph's tragischem Tode. Nach Jbn-Adhari und Almakkari haben ihn die Berbern erschlagen (bei S. 91, 101 und bei Munk a. a. O. S. 102), nach Jbn-Khaldun dagegen hat ihn der König hinrichten lassen. Nehmen wir an, daß Badis, der, wenn auch nicht nach der Schilderung der ihm feindlichen Araber ein Bluthund, doch gewiß auch kein Tugendspiegel war, Joseph die Vereitelung seines Mordplanes gegen die Araber nicht verzeihen konnte und ihm heimlichen Groll nachtrug, so ist es erklärlich, warum Joseph Vorsicht gebrauchen und sich durch Spione von Badis' Absichten Kenntniß verschaffen mußte. Als sich nun das Gerücht verbreitete, Joseph habe Granada an den Fürsten von Almaria verrathen wollen, mochte Badis dis Berbern gegen ihn geradezu zum Morde aufgemuntert oder wenigstens sie nicht daran gehindert haben. Es wird auch nicht erzählt, daß er den Tod seines Ministers an den Urhebern gerächt hätte. Daher ist es erklärlich, wie Jbn-Khaldun berichten konnte, Badis habe ihn tödten lassen. Die Data des Abraham Jbn-Daud, daß Samuel 1055 starb, und daß sein Sohn am S.Tebet 1066 einen tragischen Tod erlitt, bleiben daher unerschüttert und können noch ferner als Ausgangspunkte für die Chronologie der Zeit genommen werden. Zunächst für Samuels Geburtsjahr. Saadia Jbn-Danan berichtet, er sei 62 Jahre alt geworden (Obsrnän Osnuss, x. 29b): v-n v.-n (mri bmM vn). Folglich ist er geboren 993. — Dann für Joseph's Geburtsjahr. Mose Jbn-Esra tradirt, er sei im fünfunddrsißigsten Jahre erschlagen worden (Poetik, vergl. o. S. 392). Er war demnach geboren 1031. Da es Sitte war, mit dem achtzehnten Jahre zu heirathen, jedenfalls nicht früher, so fiele demnach seine Verheirathung mit der Tochter des R. Nissim aus Kairuan ins Jahr 1049 — 50. Um diese Zeit blühte demnach R. Nissim, oder war gar in Granada anwesend, wohin er seine Tochter gebracht hat, nach Saadia Jbn-Danan (Obsrncks. 0-snnss. x 29): .numil ow) 'i no mw II. Aus diesen festen Daten lassen sich noch andere ermitteln. Das feurige Loblied des Dichters Joseph b. Chasdar, genannt . 12 : 0 ' (bei Dukes Hs.vbs.1 352 Geschichte der Juden. Lsäurnirn x 17). auf Samuel Nagid, erwähnt auch dessen Sohn mit Lob und zwar, daß er, obwohl noch zarter Knabe und erst mit der Mischnah beschäftigt, doch schon tiefe Weisheit bekunde: .-pllrpi npp.i nanu iw 'bp rp:.-,' nus pb manm nLUno bp mp°> nisri p'piL-ps ppn nwu mpp . .p^lppn pupp, ->n ai'-i NMaa pv-p»:p p-iw p-pr Joseph stand also damals in dem Lebensalter, wo man die Mischnah zu lernen pflegte, d. h. zwischen dem zehnten und fünfzehnten Jahre: nZL'yi pwp p; mit dem fünfzehnten Jahre wurden die Jünglinge in den Talmud eingesührt. Diese schöne Kasside wurde demnach 1041—45 gedichtet. Um diese Zeit lebte also noch der Dichter Joseph b. Chasdäk. Wenn nun Jona Jbn-G'anach in seinem Rikmah des Joseph als eines Verstorbenen erwähnt, so ist dieses grammatische Werk später abgefatzt: ( 12 p) wu ,p-pp p':v> pnu ppupp:p v-bu upL- pp-m pp mn maon p epn (Liirms.ft p. 189). Ferner ist das Rikmah noch vor dem Ableben Samuel's geschrieben; denn der Verfasser spricht unglimpflich von ihm, was er sonst nicht gethan haben würde, also vor 1055. Man kann demnach dis Abfassungszeit des Rikmah 1050 — 55 setzen. Da sich nun Jbn- G'anach bei Abfassung desselben im heranziehenden Greisenalter sühlte: nv.pft NNPL-.P vu pubsu mm npip mm p-bp nopr-.p ie>u .p:pi.p vpb pipi> 'p (Einl. p>. XI.), so mag er damals ein Sechziger gewesen sein. Er war demnach 990 — 95 geboren, d. h. war ein Altersgenosse des Samuel Nagid, seines Gegners. Bachja citirt in seinem mppp.p nwm bereits Jbn-G'anachs grammatische und lexicalische Schriften: urr inm pupp: L-ppp (--mppp.p) in--- n- Pp -p mmi p^pp m --ppp pp Ml --u-p:.pl .ppm.p ILO ->p-p -n:p pvtl.p; --:-:p nvbwv 1NU2 --l---.pl plppppi p---p.p -:-pp pupp :u — p"i p-pp- u-pp p--p-- l-p --:-:ppi pi'l-.p -pp-p nmp ;p -PD-P l-,plb.-p poch 1 -ppri -'ppp bpp (sft. Islliusir x. 6/! Bachja spricht an dieser Stelle offenbar von Jbn-G'anach's bedeutendstem Werke, von pupp n-pmpu, welches das grammatische Gebiet (p:pppu — .p-pp) und den lexikalischen Stoff (pwupu — --->p->) umfaßte. Bachja verfaßte demnach sein Chabot nach 1050, aber wohl noch beim Leben Jbn-G'anach's, da er bei Nennung seines Namens nicht p"i hinzugefügt, also um 1050—70. Nicht ganz genau ist die Angabe des Karäers Daniel, daß Bachja es 1040 verfaßt habe (Orient, Jahrg. 1851 ool. 737) (>p"p 'p) n"pL- .ppp-p uzp --pp- (-i-pftp -i-l- '-) ip-n-- ppn-ni Aus dem Vorangegangenen lassen sich auch die biographischen Momente des Dichters und Philosophen Jbn-G'ebirol genauer, als es bisher geschehen ist, ermitteln. Sein Todesjahr hat Mose Jbn-Esra (in seiner Poetik) nur annähernd angegeben, daß er im Anfang des achten Jahrhunderts (d. h. nach unserer Sprechweise des neunten Jahrhunderts im fünften Jahrtausend) zu Gott eingegangen sei: u.ppl ,p--:p-p >p::pu,ppu mu-bu p-w -°> — ripp ur-u prnnu ('.pppn (Nnnü. LIslavAss p>. 517). In dem Auszuge Abraham Zakuto's aus dieser Poetik (o. S. 327) scheinen die Worts p",p.i ----- u-vm-p pppn sein Zusatz zu sei». Sicher ist nur, daß er 1060 noch gedichtet hat, wie das Datum eines ft Auffallend ist, daß während der Jbn-G'ebirols Zeit nahestehende Mose Jbn-Esra ihn in Valencia gestorben sein läßt, eine andere Quelle ihn in Ocsws, begraben sein läßt, (bei M. Sachs: religiöse Poesie 245 Note 2>: .p-b-> n--p p-bp.p ppsp p-bpp u-piu- pippi ;ippu m-b-p u---,pp- i.pppl- p'p p--u — blp--:. Diese Notiz kann also als ungenau angesehen werden. Note 3. 353 liturgischen Stückes ergiebt (bei Munk das. S. 156). Nehmen wir auch dieses Jahr als Sterbejahr an, so kann die fernere Notiz M. Jbn-Esra's nicht richtig sein, daß er nur über dreißig Jahre alt geworden: p.i 2 , 22 n - 2 p > 22 u 2 p ;uri (bei Munk das.). Denn dann wäre er höchstens im Jahre 1030 geboren; es wird sich aber zeigen, daß er noch vor 1030 und zwar mit reifer Kunstfertigkeit gedichtet hat. Munk setzt sein Geburtsjahr um 1025, was auch nicht ganz zutrifft. So viel ist nur aus Mose Jbn-Esra's Schilderung festzuhalten, daß Jbn- G'ebirol in der Blüthe seiner Jahre starb; er bezeichnet ihn öfter als als Jüngling und bemerkt, daß der Weise seine Fehler wegen seiner Jugend und der Verblendung des unreifen Alters entschuldigen wird: ii'v u.i's 202 ' 2 )up 2 u narim 2 'u 2 pi .nosim (bei Munk das.). Um nun zu einem sichern Resultate zu gelangen, muß das Todesjahr des von Jbn-G'ebirol verherrlichten und betrauerten Alhassan Jekutiel fixirt werden. Er wurde nicht, wie die neuern Historiker annehmen, im Jahre 1040, sondern ein Jahr vorher hingerichtet. Das sagt ein Vers in Jbn-G'ebirol's Elegie auf ihn deutlich: 1'2NN 2'V22 '2'2 2'21 20.' Vlr',21 ll'VL'.i riM 2L1 Ein Jahr darauf ereilte seine Feinde die Nemesis: 12IV' 2M2 1P22 '2°M2 '2 2PV> '2)u ow a)l>'2 )l1' .122 1'IZ) 22M 2l7U 21'2 22'2 2".2 NM 2221PV NN 21' Auch der Monat von Jekutiel's tragischem Geschick ist in dieser Elegie angegeben: .122'- 221 "'22X "21 2ls> 2'2 2LM sv'1 "2 "2.21 Demnach wurde Jekutiel Nissan 4799 — April 1039 hingerichtet. Jbn-G'ebirol dichtete noch beim Leben Jekutiel's ein Lobgedicht auf denselben, als der Dichter 17 Jahre alt war (bei Vvckss . 2 : 2 ) 2 , 'iM Uo. 8:) 2212' ;2 2222, '2 ;21 21 U1.2 '22 l)u'2'N 2U1 -122) ()u'N1p') 22'2 "2 222 IL'U 12'2O2 22p) 2221 NP2 2p2s) 21'2>2 '2' 1'M oui d. h. er war damals eben so alt wie Joseph, als er nach Egypten verkauft wurde—17 Jahre. Dieses Gedicht ist also vor 1039 versaßt. Nehmen mir an, daß es im Jahre 1038 war, so wäre der Dichter 1021 geboren. Viel früher dürfen wir sein Geburtsjahr nicht setzen; denn da er im Jahre 1069 noch gelebt hat, so wurde er jedenfalls 48 Jahre alt. Hätte er die Fünfzig überschritten, so hätte ihn M. Jbn-Esra nicht als jung verstorben schildern können. Folglich ist Jbn-G'ebirol's Geburtsjahr um 1020 — 21 anzusetzen, nicht früher und nicht später. Ebensowenig darf man sein Todesjahr später als 1069 — 70 ansetzen. Setzt man das Geburtsjahr vor 1020 oder das Todesjahr nach 1070, so müßte man annehmen, er sei über 50 Jahre alt geworden, was gegen die Voraussetzung ist. Setzt man dagegen sein Geburtsjahr nach 1021, so wäre er im Jahre 1038 noch nicht siebzehn Jahre alt gewesen. Daß Jbn'G'ebirol mit dem Minister Samuel in freundschaftlichem Verkehr stand, beweist seine Elegie auf dessen Tod (bei Oukss Lostirs Dlo. 28), die in der Handschrift die Ueberschrift trägt: 2 ui 2 s '2 ni'ies 2v 212-21 p 2222 ' '22 22112 (Ooäsx 4?oLoalls 74 Bl. 24). Saadia Jbn - Danan hat eine Notiz, woraus sich das Jahr entnehmen läßt, in welchem Jbn-G'ebirol in Granada bei Samuel war. Er berichtet nämlich, daß der Erstere Zuhörer des R. Nissim war, als derselbe seine Tochter dem Sohne des Samuel zuführte: Grnetz, Geschichte der Juden. VI. 23 354 Geschichte der Juden. i'i'vii .12 i:H: i>ni nbi . 12 : 1 ' ^ii :i 2 in 2 iir 2 iomii ivi: 2 i 2 ' 2 i -1 N 2 1 ::,' bi '22 p nun' 'n ^2 irie- '1 n-n :'ii 2 ii. 2 : (Obsinäa. x. 2g). Das war, wie oben (S. 351) nachgewiesen 1049-50. Nach 1045 war der Dichter aus Saragossa ausgewiesen worden. Wir können uns also denken, daß er von dein jüdischen Fürsten in Granada gastfreundlich ausgenommen worden. Der Grammatiker Jona Jbn-G'anach scheint ebenfalls zu seinen Feinden gehört zu haben, die ihn aus Saragossa verbannt haben. Wenigstens lassen sich einige Verse in einer Satyrs (das. Nr. 9, S. 16. V. 12 —15) nur auf Jbn-G'anach deuten: 2 'M 202 22 :xi virim mi'iro 1221 s: -2 2 '>i 2 :w 21 m p'xi: 21 'i'ip 121 irn 2 'Ni: i:v : 2 ii: 12 nw: i: 2 L'i :2 .12 : 22 'N 2.1 11 : . 2 'N 2 : 12:2 (?) 'isi 12 -p: ipi.v-- ' 12 p pri 12 : 21 : 2 : Es scheint eine Polemik gegen Jbn-G'anach's Manier zu sein, die Lesarten in der Bibel zu emendiren. Diese Satyrs scheint, wenn man die Verse (S. 16 unten und 17) berücksichtigt, Samuel gewidmet zu sein, weil darin auch seine Kunde von der hebräischen Grammatik hervorgehoben wird: irii^i 11 yvi i>'2 Mi: .2N2" 12 2-in: I'2':iip)n: 1'1.:1 N1S Mi: Die letzten neun Verse, die in dem Codex an der Seite stehen, passen aber nicht auf Samuel, weil es darin heißt, er habe seine Größe ererbt: ll'-22 :i'insi 2M"11': :'i:2M2 :>1:8>12 DIN Vielleicht sollte dieser Zusatz Joseph Nagid gelten. Das Resultat dieser Untersuchung wäre demnach: Samuel Jbn-Nagrcla geb. 993 st. 1055. Joseph Jbn-Nagrela geb. 1031 st. 1066. Joseph b. Chasdai dichtete 1041 — 45. Jona Jbn-G'anach geb. 990—95, schrieb sein Hauptwerk 1050 — 55.. Bachja verfaßte sein Obobot Iia.-lEbs.dob nach 1050. Jbn-G'ebirol geb. 1020- 21 st. 1069 — 70. R. Nissim von Kairuan war um 1050 in Granada. 4 . Der jüdische Gesandte Alfanso's VI. Itm-Schaibib oder Ameam t>. Isaak. Die arabischen Chronographen berichten von der Gesandtschaft eines Juden von Seiten Alfonso's von Castilien an den Hof des Abbadiden Almutamed, der wegen seines schroffen Auftretens ums Leben gekommen ist. Ausführlich Jbnu'l Lebbanah (bei Oa.;-a.nMS, bisbor;- ot' bbs naabornsban in Lpmin II. 252). Hrnnbarnsä sontinusil bo rsiZn in pirosxsrib^ nnbii bbs vsar 475 (1082). In bbab ^sar bbs 4sv Ibn-8bs.iib oarns bo 8svi1Is vibb a nnnibsr ob Obrisbian bniAbbs, bor bbs xnrxoss ob rsosivinZ tbs ^sarlz- bribnbs. — Dbs 4s^- anä bis snibs aliAbtsä ab ons ob tbs gabss ob bbs oib^, rvbibbsr, abbsr bbs;- bacl macis bnovvn bbs obssob ob bbsir visib, tbs snlbaii iinrnsciiatsl^ ssnb blisna tbs moiis^ rsIraA tds 4sv au! dis snits to dis prsssnos. — 141s oornmancls bsinZ sxsontsä, an! tds Edristians dronAdt dstors diin, ^.Irnntarns! oräsrsä tdat tds Isrv sdonl! ds nails! to a stads, an! dis soinpanions ssnt to prison. chVdsn tds aoonrssä 4s^ dsar! dis ssntsnos prononnos!, ds sal! to ^linntarnsä: Idon rvilt not äo tdis, tor I rvlll rsässin rnysslt rvltd tds vslZdt in Zolä. Io rvdisd ^.Irnntarnscl rsplisä: Lgr 2lÜad! rvsrt tdon to Zlvs ms possssslon ot ^.trioa an! ^.näalns, I rvonl! not tads 1t. Ids 4srv rvas aosoräinAly nails! to a stads (an! tds Olnistians ot dis snlts ssnt to prison). Dieselbe Nachricht hat auch Nowair chei vo^, dlstorla 2dbda!1!arnin II, 133); nur nennt er den jüdischen Gesandten statt b. Schalib: Auch der ältere arabische Historiker Jbnu'l- Katib erzählt die Geschichte in einem erhaltenen Fragment bei vo^ (a. a. O. II. 148). Obwohl der Name in demselben nicht angegeben ist, so geht aus einem Passus hervor, daß derselbe Jude war, weil er von „dem obengedachten" Juden (-m-mbn '-w-ois) spricht (wie vor^ das. Note 90 bemerkt). Dasselbe Factum von der Gesandtschaft des Schalib oder Schalbib an Almutamed, von seinem schroffen Auftreten und seinem gewaltsamen Tod in Folge desselben liegt sicherlich einem andern Berichte bei Almakkari (bei Ka^anAos, a. a. O. S. 271) zu Grunds, obwohl die Umstände hier anders erzählt werden. Anstatt der Geldforderung habe der jüdische Gesandte Alfonso's darauf bestanden, daß für dessen Gemahlin die Moschee in Az-Zahra (bei Cordova) eingeräumt werde. Gayangos' Uebersetzung lautet: Ilis (illtonso's) pdgrsieians an! prlssts a!viss! dira to proonrs a rsslcisnos t'or Iris rvits at rln-sadra, in or!sr tdat sds wiAdt visit tlis nros^ns ot' Oor!ova svsrv !ag- nntil tds tlrns. ot' dsr.... Urs dsarsr ot tds nrsssaAS (to ^Irnntains!) rvas a Isiv, rxdo rvas ons ot ^.ltonso's rninlstsrs, as nragr ds prssnrns!, - ^.Irnntarns! in!lAnantl^ rstnss! to Avant dis 1n!sssnt rsc^nsst. Ids 4srv insists!, dnt tds dlnA ot Lsvllla rsplls!, tdat ds rvonlcl nsvsr oonssnt to 1t. ^.Aain tds !svv rspsats! dis !srnan! a tdir! tlrns trsatluZ ^Irnntains! in a vsrv Inclssorons rnannsr an! nsinZ lanAnnAS, 'vvdlod tdat Spirits! rnonarsd sonlä not rvsll drsaod, npon rvdiod, dsinA nnadls to dsar dis Irnpnäsnos anz? lonZsr, ds ssirls! indstanci, vdiod rvas eloss dz^ dirn an! dnrlscl it at tds dsaä ot tds stsrv. Ids rnissils rvas airnscl rvltd snod äsxtsril^ — tdat 1t loäAs! in tds sdnll ot tds 4srv, rvdoss drain tstt clorvn dis tdroat. ^.ttsr tiiis Hrnntanrs! oräsrsci tdat tds 4sv sdontä ds nallö! to a post, rvitd dis dsa! clorvnrvarcls, at tds sntranos ot tds drläAS ot Ooräova, rvdiod rvas äons as ds ooinrnanlsä. Daß Älfonso zu zwei verschiedenen Zeiten einen jüdischen Gesandten an Almutamed beordert haben soll, und daß beide wegen insolenter Sprache gelobtst worden wären, ist ganz undenkbar. Es ist in allen Berichten von einem und demselben die Rede. Die Thatsache von dem schroffen Benehmen des jüdischen Gesandten ist den spanischen Arabern denkwürdig geblieben, weil sich daran der Bruch zwischen Alfonso und Almutamed, dis Einladung des marokkanischen Eroberers nach Spanien und der endliche Untergang der echiarabischen Dynasten knüpften. 23 * 356 Geschichte der Juden. Aus allen diesen Quellen geht hervor, daß der Hauptgesandte Alfonso's der Jude Jbn-Schalib oder Schalbib war, und daß die Christen ihm nur als Gefolge beigegeben waren. Ungenau ist daher die Nachricht bei Conds Iristoria äs 1s. äoraiuaoiou II, 1.3) und nach demselben bei neuern Historikern (Asch b ach, Geschichte Spanien's I, 766), daß der Jude Aben-Galib (sie) eine Nebenperson neben den christlichen Gesandten gewesen; Ousutass gus su ssts tisruxo ooruo liMisss suviaäo si rs^ Hlouso uu srustasaäor a Lsvilla z- nn äuäio, sn tssorsro Ilauiaäo Xdsir - Galil, qns sra rnn^ xriiroixal ^ xrivaäo snz-o. Entweder war Conds's Quelle darüber schlecht unterrichtet oder der Uebersetzer hat die Stelle schlecht wiedergegebcn. Hingegen setzt Conds's Quelle dieses Factum richtig nach der Einnahme von Toledo durch Alfonso, d. h. nach dem 25. Mai 1085; denn bis dahin stand Alfonso nicht nur iu engem Bündnisse mit Almutamed, sondern es lag ihm daran, es so lange zu behaupten, bis sein Anschlag auf Toledo gelungen sein werde. Falsch ist daher das Factum bei Jbnu'l Lebbanah ins Jahr 475 H. — 1082 gesetzt. Das Datum für die Thatsachs der Gesandtschaft liegt zwischen der Einnahme Toledo's Mai 1085, und Jussuff's Invasion in Spanien, August 1086. Dasselbe Factum von dem Auftreten des jüdischen Gesandten, von seinem Tode und von den Folgen desselben, dem Anschluß des Königs von Sevilla an Jussuff erzählt auch Leo Afrikanus (aus einer arabischen Quelle); nur nennt er den jüdischen Gesandten nicht Jbn-Schalib, sondern Amram b. Isaak. Die Relation lautet; Ilrararu lilius Isaao, uatus ssb in oivitats lolsti Ilisxauias, rusäious, xliilosoxirus, astrouoirius sxtitit, st suc> tsirixors rsx Hisxanias ospit äiotarn. oivitatsru st oxortsdat suru Iradsrs ssors- tariuru linAuas arastas äuabus äs oausis, tuw. proxtsr tsrras xopulnrn, turn stiairr xroxtsr sorixturaru litsraruru aä Ooininos st vioiuos rsAionis illius. Xäso^us ists läsruraru maAuaru ssus mazlstratus äiÜASutiarn ostsnäit Nsx autsru ouin suin viäissst, xlurirua si sonnnsnäuvit st üäit. I?ostsa aooiäit c^uoä rsx ässtiuars volsdat oratorsru aä Oovai- nuin Livilias, oausa rsouxsranäi cfusäaru trilouta sogus äsisgavit äistnin Hsruraur — suxraäiotus Hsnararu rnuAna. xrassurutious usus, in- lionssts Isoutus sst sontru Ooininurn in oonoiiio xMlioo, st sioiratus sst ooutra Hsrnrarn st g'ussit (snrn) xMlioo oonoiiio intsrtroi. Ouru autsna Iioo intsllsxissst rsx Hisxanias, äsorsvit vsnirs in Liviliarrr, nt Qorui- nurn xunirst st xsforsru st xotiorsru posnarn aäiaibsrst. <^noä onrn xrasssnsissst xra.sla.tns äorninns, ononrrit aä dsdiltar st ants xsäss änssxli ülii lirstin (lirsstin), rSMS Niarooiri, xrostratns, laotnrn oratoris änäasi aoosnsnit. — Unit antsrn intsrtsotns Usinrain anno 387. (I-so Xlrioauus bei Hadrioins didliotirsoa grasoa 1. XIII. o. 27 x. 295). Obwohl hier weder der Name des spanischen Königs, noch der des Herrn (Emir) von Sevilla genannt ist, so ist doch offenbar von dem Könige, der Toledo eingenommen hat, also von Alfonso VI und demgemäß von dem Abbadiden Almutamed von Sevilla die Rede. Die Identität der Thatsache beweist also die Identität von Jbn-Schalbib und 12rurs.ru oder Ilsnrrarn (Xruraru) Mus Isaaoi. Das Datum ist aber sicherlich falsch, da weder Alfonso VI, noch Jussuff um diese Zeit gelebt. Es muß dafür gesetzt werden 479 — 1086. Im Ganzen zeigt die Quelle historisch Authentisches. Wir erfahren also daraus Näheres über den jüdischen Gesandten Alfonso's. 5 . Die Judenverfolgung des erste» Kreurzugrs ) Die Ausdehnung, welche das Gemetzel der Juden in Folge des ersten Kreuzzuges gehabt, dis Reihenfolge der Gemeinden, welche das schreckliche Loos getroffen, die Tage, an welchen es stattgefunden, und endlich die Richtung, welche die judenmordcndcn kreuzzüglerischen Schaaren genommen, alle diese Momente find bisher noch nicht befriedigend ermittelt morden, weil die Geschichtsforscher größtenteils einseitigen und secundären Quellen gefolgt sind. Seitdem aber eine Hauptquelle darüber erschlossen ist, stellen sich die That- sachen ganz anders als bisher heraus. PH. Jaffs's „Darstellung der Judenverfolgung zu Anfang der ersten Kreuzzuges" (Orient. Litbl. 184l ool. 849 ff.) enthält viele Unrichtigkeiten, dis um so mehr berichtigt werden müssen, als derselbe auf dem Gebiete der deutschen Geschichte im Mittelalter Autorität war. Wir haben jetzt mehrere zeitgenössische Berichte über diese Verfolgung: Jüd ische Quellen. 1) Die Hauptquelle: rnn- „Bericht über die Leiden des Jahres 1096" zum ersten Male edirt von Jellinek (Leipzig 1854). Der Verf. war Elieser b. Nathan Halevi, ein Zeitgenosse. Er wohnte wahrscheinlich in Köln. Denn er kennt die Umgegend von Köln genau und beschreibt das Gemetzel derselben mit mehr Details als das der übrigen Städte. (Er ist nicht identisch mit Elieser b. Nathan tz'on-:, dem Verf. des mp.v pn aus Mainz, welcher nicht Levite war). Aus dieser Quelle schöpfte Joseph Kohen seine Nachrichten über diese Leidensgeschichte in seinein ovo-.v 'ivi und nrv.v da er aber einen corrumpirten Text benutzte und von Kritik nichts verstand, so hat er namentlich in Betreff der Localien manche Jrrthümer begangen. Diese Jrrthümer sind in Folge schlechter lateinischer, deutscher und englischer Ucbcr- setzungen von Ferrand, Rabe und Bialloblotzky durch das Medium von Willen in die Geschichtsbücher übergegangen. Auch die abgerissene» Nachrichten, welche Schaab (diplomatische Geschichte der Juden zu Mainz S. 8) im Namen von Johann Gamans mittheilt, der sie aus der Handschrift des Genebrado schöpfte, sind ebenfalls dieser Hauptquelle entnommen, wie die Vergleichung ergiebt. 2) Kalony mos b. Jehuda in zwei Klage- oder Büßlieder über diese Leiden, die eine mit dein Anfänge: ovo -v'.ni ;r>' no (in der Kinotsammlung) und die andere swenigsr speciells: vpp- cm (in der Sclichotsammlung). Da es zwei Jehuda b. Kalonymos gegeben, einen in Mainz: b. Ai ose und einen in Speier: b. Me'ir (vcrgl. Luzzatto's Bemerkung in Ilsrsrn OUsrascl VII. 79). so war der Poet Kalonymos Sohn des einen oder dos andern, und je nachdem ein Augenzeuge der Vorfälle in Speier oder Mainz?,. ^) Monatsschrift 1879, x. 529. ?) Mehrere Poetanen haben noch über die Leiden des ersten Kreuzzuges gedichtet: 1) Benjamin b. Chija in der Lslialia: nrrVv n-':, worin das Datum vorkommt: mv'v 2 ">v:o v'irw a-i--'. 2) David b. Me schullam in den Lsliosaot: 'npno rwi >nin '.n und '.vii in a-.iin. — 3) Isaak b. Jakob Halevi in der Lslioirs,: nim ip -i nn Ns. (vergl. Landshut ^.rnnäs ^.docku I. x. 196). — 4) Samuel b. Jehuda in einem liturgischen Stück zum Sabbat vor dem Wochenfeste: rv'rwv v-in, das Datum ist zum Schlüsse angegeben: nv'vv -"-.vr, rur>. Er erwähnt der Kirchenversammlung zu Elermonts wo der erste Kreuzzug beschlossen wurde und nennt 358 Geschichte der Juden. 3) Das Msmorbuch der Mainzer Gemeinde (handschriftlich im Besitze des Herrn Carmoly, der mich freundlich eine Copie desselben nehmen ließ!. Es ist gegen Ende.des Jahres 1296 copirt worden, und enthält über manche Verfolgungen der deutschen Gemeinden interessante Notizen. L. Externe Quellen. 1) Albertus Aguensis, in dessen üistoris. disroso1orwits.ws.s sxps- äitiowis I-. I. o. 126 —129 (in der Sammlung Assts, Osi psr Id'swoos von Bongars d. I>. Albertus war Zeitgenosse des ersten Kreuzzuges und lebte in Aachen (L.guss Orswi), wie die Kritik festgestellt hat, also in der Nähe des Schauplatzes. 2) Berthold von Constanz im Chronicon (in der Sammlung Ilsssr- rwsw proärorwws saoras 6sriws.wis.s II. 172). Berthold schrieb 1051—1100, war demnach Zeitgenosse. 3> Anonymus der Iristoria oder Zssts. drsvirswsiwiw spissoporwiw (in der Sammlung von Martene und Durand und in Calmets distoirs äs I^orrsiws I, prsuvss e. 66). Der Vers, schreibt wie ein Zeitgenosse. Die übrigen Chroniken und Annalen, welche über den ersten Kreuzzug berichten, sind nur als Secundärquellen zu betrachten, selbst der ^wow^rwws 8s.xo und Wilhelm von Tyrus. Aus diesen Quellen läßt sich Folgendes, als historisch beurkundet, fest- stelleu: Peter von Amiens, der Haupturheber des ersten Kreuzzuges, und God- schalk mit ihren Schaaren waren unschuldig an dem Gemetzel der Juden. Als die Hauptführer des judenmörderischsn Gesindels führt Albertus Aguensis auf: küwaiodo, Olarswadsläus äs Viwäwil, dd.orws.8 äs Hsris. (und im Verlauf auch ^Villsdslrwws Osrpöwtsrius) ewiw spoliis sorwiw (äwäasorwwr) viswa äsrwsslsrw oowtiwwarwwt, und zwar nachdem Peter und Godschalk bereits vorangezogen waren. lüoäsiw swwo, asstatis tsiwpors iwodoawts, c^uo 1?strws st doässoalows piusosssörs-wt, postrwoäwrw sx äivsrsis rs^wis st tsrris, soilisst s rsZwo 11's.wois.s, ^.wAlias, 1?is,wäris.s, 1-otds.riwAis.s ^sws sopioss. st iwwwrwsrs.dilis — wwäigws iwssssawtsr psr twroas-s süss so»üwsds,wt. Albertus beschreibt weiter die Laster dieses Gesindels. His itshus psr turiwas sx äivsrsis rsZwis st sivitatiliws in wwwrw oolisotis, ssä ws^wac^uarw ad lllioitis st torwissriis soiwwaixtiowidws svsrsis, iwwwoäsrata srst sorwlwssss.tio swrw rwwlisridus st swrw pwsllis swb sswsäsrw Isvitatis iwtswtiows sZrsssis sssiäws. äslsotatio st iw orwwi tswrsritats swd Irwsws vias ovsasiows Aloris-tio. Albertus berichtet ferner, wie das kreuzzüglerische Gesindel den Anfang des Kreuzzuges mit den Juden gemacht habe: iwäs, wssoio si vsl Oorwiwi guäieio swt slic^wo awimi srrors, spiritw orwäslitstis sävsrsws.luässorwwr popwiwrw swrrsxsrwwt psr ' "op vor? nr-m mv" proo no'wn diese Stadt psr s.wtipdrs.siw nres statt Olaroiwowtiruw: npn >-n:ir .n8?7i.nnb 'V-'W Iwro (vergl. Arnheim äo2srot1r für alle Sabbate S. 281 Note 5). Note 5. 359 12X .12.1 22l2 112X 2-111- 22' 12X 111">'1 112 212>'2 111 — -121 2'221 2'22X .121X2 12,222 1112121 111211 12X 2'11.1'1 111 2-1XV22-.1 ;2 12.12,22 211211 121211 2,221 2-2111 .1211 211'2 1111 12122 111' 11 UV 1.112" 22 12!' X21 itzll 212 In den Specialien ist natürlich die jüdische Quelle exacter als Albertus. Dieser meint, das Gemetzel habe zuerst in Köln begonnen, sei von den Bürgern ausgegangen und habe sich von da aus nach Mainz gewälzt: Hass straZss liruiasoruru priiuuru in civitatis Ooiouisusi a civiiins acta. sst. 11^2.1 V1112 222 12 .121222 '222 X1'22X '.1111. Ebenso das Memorbuchi 2221 212 1 --X 2 '1 2121 si"2.i.i >.) 2"i.i xi --2 211.1. Die Verfolgung in Köln fand dagegen erst 3 Wochen später statt. Daß in Speier im Verhältnis; zu den übrigen Städten so wenig umgekommen sind, hat seinen Grund in der Menschlichkeit dos damaligen Bischofs von Speier, der, ivio sein Vorgänger, dis Juden begünstigte und sogar einige Wallbrüder wegen ihrer Excesse hinrichtcn ließ. Dann stimmen wiederum Elieser und Bcrthold von Konstanz überein; der orstere: p22.11 -i- iv 112-2 2-1x2211, und der letztere: Hoc nuno ( 109 -Z — ^iuciasi ruagun cs-ssts truciciati suut — ita. äico ut s-puil 8 prra.ru tnAisutss iu palatiuru rsgis aic^us spiscopi stiaur rspu^uaucio vix ss ästsuäsrsut, soäsru spiscopo st'oliauus iiiis auxiiiauts, gut stiaru postsa ot> iroc ira coruruotus st pscuuia plustasoruru coucinctns, guosciaru tscit odtruucari Oirristiauos. Am 23 . Jjar begann das Gemetzel in Worms, damals wurde nur ein Theil der Gemeinde erschlagen, die übrigen fanden anfangs Zuflucht im Palaste des Bischofs, und diese tödteten am I. Siwan einander. So Elieser: 2"? 2121 '1'1 — P22.11 N'22 .IV,221 ;i'222 1'1 i.1,2.1 .12^221 X2-2111 1.1,2 IV ,1121V 'IN! 12^2 1-X2 22VV2 1' lli'2'1 P22.1.1 1112 12X 2.11X 1111.1 p'2 2111 2X1 21'2 2'2'.1 ,1/'22i. Ebenso Kalonymos: 12121 2-12V2 X1122 111-2.1 22 121,2 212V2 — 111121 12112 X2-2111 1.1,2 .111121 12.1 1 X' 1,22 - 2 - 12.1 211121 11.121 1 '! 21112 . Bcrthold^s Bericht ergäint viele Thatsachen, daß die Juden sich erst zum Sclbstentleiben entschlossen, als ihnen der Bischof eröffnete, er werde sie nur dann schützen, wenn sie sich taufen ließen: ^.pnci 'VVorruatiuru stnciasi — tuAisucio Oirristiauos aci spiscopnru propsradaut gut, curu uou alitsr iiiis saintsru, uisi irapti- La'rsutur, proiuittsrst, iuciucias coiioc^uii roAavsruut. iüt sacisru irora «piscopr cnbicuiuur iutrautss, uostris toras sxpsctantiirus, c^uici rsspou- snri ssssut, ciialrolo st propria cirrritia psrsnacisuts ssipsos rutsrtscsruut. — Das Märtyrerthum der 12 Gemeindevorsteher von Worms ( 2-2212 2"'), die zuerst dis Bürgermeister und die Nathsherrn getödtet, dann die Gemeinde zum Kampfe aufgesordert und endlich sich selbst entleibt haben, darf man nicht (mit Levysohn Epitaphien des Wormser Friedhofes S. Itt) zur Zeit des ersten Kreuzzuges setzen aus mehrfachen Gründen. Einmal schwankt die Angabe der zwei Hauptguellen über das Factum in Betreff des Datums; während das Minhagbuch cs in 1096 setzt, datirt es das Naass-iNssiru unter 1349 . Dann wissen weder Elieser b. Nathan, noch Kalonymos von diesem Vorfall. Endlich waren die Bürger und der Nath ganz unschuldig an dem Gemetzel der Wormser 360 Geschichte der Juden. Gemeinde beim ersten Kreuzzug. Ihre Henker waren lediglich die Kreuzzügler und der Bischof. Die Zahl der Märtyrer von Worms an beiden Tagen giebt Elieser an: >iii2pi> 11,11 2121 2'2'.i 22- 11x2 111.11 iL-x vn nix.2 .11122-1. Einige Namen der Märtyrer nennt das Wormser Memorbuch bei Zunz, synagogale Poesie S. 20 . Am 3 . Siwan kam die Reihe an die Gemeinde von Mainz, an einem Dienstag (Elieser): .111,1 >12: ixia-'i iL-'i->i v-.ip an y'2 2-1112 'v'i-2-.i 21-2 >11 'i'2i xxn.2 bip 121-111 (Kalonymos): '2--i2-i 21112 .1111.11 XX122 bip -nix hxi y2xii -,211 '2-'i-22. Den Tag giebt auch richtig der sächsische Annalist beim Gemetzel von Mainz an: ants ciorninioa.ni xsntsoostss Isris. III. d. h. Dienstag vor dem Pfingstsonntag. PH. Jaffö hat die Stelle mißverstanden, weil ihm die jüdischen Quellen unzugänglich waren. Er ergänzt vor xsnts- oostss das Wort äis und meint, die Verfolgung habe am jüdischen Wochenfeste am Sabbat den 30 . Mai stattgefundcn (a. a. O. S. 651 Anm. 15 ). Dem ist aber nicht so: denn das jüdische Wochenfest fiel damals auf den Freitag den 29 . und die Verfolgung fiel auf den 27 . Mai — Das Detail giebt Albertus: (Onäasi LIoAv.nt.ias) acl sxisooxnrn Notbaränrn sps saintis oontnAiunt, tbssanros iniinitos in oustociiain st ücisin iilins rsponsntss rnnltnnngns cis protsotions ssns — oonüäsntss. Hio antsrn saosrcios civitatis pssuniain inanäitain ab sis rscsptarn oants rsposnit; ^näasos in spaciosissirno ciornns snas solaris a sziscis Drniobonis st ssns ssgna- oirnn oonstitnit. Dieses Sachverhältniß deutet auch Elieser mit den Worten an: yoii.i 1x12 i-i (xxi.12 81p 12) 212. Beide Quellen geben übereinstimmend an, daß dis Kreuzfahrer (unter Emichos Anführung) einen bewaffneten Angriff auf den erzbischöflichen Palast und die Juden gemacht haben: bx) 2i'bv 12-221 2112 12-21 X21 2 'XII 2'12X 2'2'IX1 (Y 21.11 22 1 X 11 11,10 2 ' 11 . 1 ' 1 . (Albertus): vsrnrn Dinioiio st oastsra rnanns babito oonoiiio orto sols (zu ergänzen ants äorninicarn xsntsoostss isris, tsrtia^) in saZittis st lanosis in soiario aci ssxtinASntos psrsinsrnnt, trnstra rssistsntss oontra tot iniiliuin virss st assnltns. Wenn hier von 700 Getödteten die Rede ist, während Elieser die Zahl auf 1300 angiebt: inx 21-2 yim ,11221 ,11x2 2221 ^2x, so muß man Liese Zahl als die Gesammtsumme der Getödteten und der Selbsteutleibten ansehen. Denn beide Quellen geben an, daß viele sich und die Ihrigen entleibt haben: 22 121 2'2ix an 122? au ai>,11121 212a 12121 212,12 11^2 2-21 11:1 21 i'xi2>-2 ii>' 1212 121.11 impi 2221 21221 2.1-21 1212- na --'2x1 . Der Annalist von Aachen: llnäasi vsro viäsntss Obristianos bostss in ss snosgus xarvnios insnrAsrs, st nnlii astati parosrs, ipsi gnogns in ss snosHns oonlratrss natosc^ns, raniisrss, nratrss st sororss irrusrnnt, st inutua oasäs psrsrnsrunt. Äatrss pnsris laotsntibns, c(noä ciiotns nsias sst, AUttnra Isrro ssoabant, aiios translorabant voisntss, sis xotins rnanibns proxriis psrirs Ma.ni inoironrnoisorrun arrnis sxtinAni. Die Namen vieler Märtyrer giebt das Mainzer Memorbuch: p .111.1' 1 :xxii.2 211.1 12 .1112X ,112 1,12X1 'l2l 1111' '1 . 2'12 ,11.2 1,12X1 PIX" 11-21 .PIX' 221 ,112 112X1 '121 1X122- 11-21 .1,12X1 '12.1 111 12 2112 '1 11'21 111 11-21 1121 ^) 1^2111 0 Das der sächsische Anonymus gewiß von Albertus copirt hat. 2 ) Der Name Durbal kommt in der Rheingegend in dieser Zeit öfter vor. Nascht correspondirte mit einem R'Durbal (Rssxonsa. in Obot'ss Llatinonirn x. 8i (12111 l.) 12111 -1 2P'," '1X2 >2-11 2X1 1P11 ,1'21 22 2p Iibv 121. Luzzatto cilirt aus dem iwiox -o und aus dem handschriftlichen Lolribois Qskst einen 112111 )2 pix- -i (O2S.1 Lisobrnaci II x. 1l 2 ion x. 91 ). Note 5 . 301 8:,2'2 ii!2 — .1,221. Elieser berichtet noch, daß KV an diesem Tage im Dome gerottet, vom Bischof nach dem Rheingau geschickt und demnach später erschlagen wurden: 2'ieib p2:ii 22'bm 2111 2a- irini i'22 202 12 ibi-: 112°: -22 >222 12211 21'bp 2'2'181 ir2,2: 22b 221 L^ri2 '22 811,2N1 ;>11,22 Bisher stimmten die jüdischen und die christlichen Quellen, namentlich Elieser b. Nathan und Albertus Aquensis, mit einander, dagegen in Betreff der Nachrichten über die Juden Kölns gehen sie weit auseinander. Zunächst im Punkte der Zeit. Während der letztere, wie schon erwähnt, das Gemetzel der Kölner Gemeinde der Zeit nach allen klebrigen voranstellt: sbi-uMS lkuciusorum xrlrnurn in civitatis (kolonisnsi — nse vaors, NoZnntiarn xsrvsnsrunt, berichtet der erstere, daß es drei Tage nach dem Blutbade in Mainz stattgefuuden habe: inni 11P122 22p 8112 22112 -12 8-:ibi,2b 182 1^1221, 221 2'2>mi 12p 1,221 21-2 11212b — 22b. Dann herrscht unter den beiden Haupt- quellen eine Divergenz in Betreff der Theilnehmer am Gemetzel und der Ausdehnung desselben. Nach Albertus hätten die Bürger Kölns selbst einen Angriff auf die Juden gemacht, viele von ihnen getödtet, deren Häuser und Synagogen zerstört und deren Habe unter sich getheilt: stra^ss 3 uäs.soruva in sivit. Ool. s, vivistus avta sst, gui sudito irrusntss in inoä-isurn inanuin iiloruin, xlnrirnos Zravi vnknsrs cistrnnoavsrunt, äornos st szina.A0Aus soinrn sndvsrtsrnnt, piuiirnunr xseunias intsr ss äivilisntss. Elieser dagegen r-fferirt das Gegentheil: Dis Kölner Bürger hätten die Juden beschützt, und es seien überhaupt nur ein einziger Manu und eine Frau in Köln getödtet worden; die Krcuzzügler hätten nur Häuser und Synagogen zerstört: 12p 2,221 21-2 .11212b 22- 111-1 12 1222 iw in 2'8i 2-8 bi 12211 22b 1221 21211 212 ibbipi'i 11211.1 '222 im i 8 "-i-, 12:21 >12 12211 — bb-2- ibbe-'i 2'2'mi 1'2l 12'bll 128 122 ,21-' 22 218 2'21 22 1222- 21'1 111821 - 1i:'i: 21'2 11-11 21222 b 22'211 22-8 2 P 22222 1'22 ibr -) 28211 .1.18 12'21 221 - 1122 ,212 ,2121 21221 2'222 -12 2 :i:i ( 2,2211 i.) 2 , 222 ! ib'-lb 22112 -' 21'2 lb 2 2 ' 12 ib P 2211 (eislsnä. 2 - 2 ) 112b 21' 21' 2-2-2 1121 2211 22 22 1'11 . Wenn der jüdische Berichterstatter-den christlichen Bewohnern Kölns ein so günstiges Zeugniß ausstellt, daß sie die unglücklichen Verfolgten vier Tage in ihren Häusern verborgen hielten, so ist in seine Worte kein Zweifel zu setz'en. Auch war, wie schon erwähnt, Elieser wahrscheinlich ein Kölner, jedenfalls besser unterrichtet als Albertus Aquensis. Ich nehme keinen Anstand, seinem Berichte den Vorzug zu geben. Das, was Elieser b. Nathan weiter mit größter Ausführlichkeit erzählt, ist von den Forschern vollständig mißverstanden worden. Sie haben den Sinn verkannt, dadurch Jrrthum auf JrrthUm gehäuft, und die Verfolgung der Juden, nach Elieser, einerseits bis Geldern und andererseits bis Ulm ausgedehnt, wovon im Texte auch nicht ein einziges Wort spricht. Sein Bericht muß daher durchweg kritisch beleuchtet werden. Aus der mitgetheilten Stelle hat sich ergeben, daß in Köln nur zwei Personen am jüdischen Wochenfeste umkamen, weil die Bürger die übrigen in ihren Häusern bis zum 1 v. Sivan geschützt haben, bis sie der Erzbischof in seine Dörfer zur Sicherheit vertheilte wo sie bis zum Monat Tammus in Angst weilten. Näher bestimmt Elieser daß der Erzbischof sie in sieben Ortschaften vertheilte. Das Gemetzel, welches Elieser weiter ausführlich beschreibt, traf eben nur die Kölner Juden in den sieben Ortschaften in der Gegend von Köln. Diese sieben Ortschaften führt Elieser der Reihenfolge nach auf, wie sie von den Kreuzzüglern erreicht und Schauplätze gräulichen Blutbades geworden sind: 1 ) 8-2,: i°2 am Johannistage; 2 ) 8211 ,2:'b2i -22 2 . Taimnus; 3 ) 8 i:-b -8 qio 362 Geschichte der Juden. 3 . Tammus; 4 ) nnnNn nr: 4 . Tammus; 5 ) N2N an demselben Tags; 6 ) nn-2 712 7 . Tammus; 7 ) Nt-nr nrr (das Datum erst zu bestimmen). Alle diese Ortschaften muß man in der Nähe von Köln suchen. Die Gemeindeglieder von Köln sind nicht in der Stadt selbst, sondern außerhalb uiedergometzelt worden. Dafür spricht die ganze Darstellung des Elieser b. Nathan. Zum Schlüsse des ganzen Berichtes recapitulirt er die Data (S. 1 l): -2:1p n-no -nr un-mo: .nrurnor' p-oo ;no n"i2i u:2->«-.w bnz-n ;r> :-n'22 N 2 U 2 '.1 -Ip unrp 2 N 2 ::nn? 2 N 2 . Das Gemetzel in Köln hat also vom Wochenfest bis zum 8 Tammus über vier Wochen gedauert. Wenn nicht die emigrirten Kölner Juden darunter zu verstehen sind, so hat der Passus keinen Sinn, da in Köln selbst nur zwei Opfer gefallen sind. Bis zum 8 . Tammus sind aber dis in den 7 Ortschaften verthcilten Gemeindeglieder anfgerieben worden, der Anfang geschah in 82-n und das Ende in u:--?:. Noch mehr. Bei den Märtyrern von N2:>-! PN22-11 bemerkt Elieser, daß die ganze Genossenschaft, welche dahin geführt worden, umgebracht wurde: 22-7 N2P n-:n2- nn-.rnn 72: — 7 m: 22 - 72 nb -7 22-n rm :2>ip .72: amm 2-2-m. In diesem Orte bestand also teineswegs eine Gemeinde, sondern es waren Kölner Juden, welche dahin geführt worden waren, die dort den Tod gesunden. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die Kölner Märtyrer nicht in Köln selbst, sondern in den genannten Ortschaften umkame», so ließe er sich aus einer Parallele von Elieser's Kontcros und dem Mainzer Memorbuche führen. Das erstere berichtet, ein R. Peter in unnnu habe mit noch vieren die ganze Gemeinde getödtet, und dann sich vom Thurms gestürzt: mrp un 7 ---: nun -72.-2 7 >- (722.-7) um 22 Diesen R. Peter in 372-7-3 zählt nun das Mainzer Memorbuch zu den Aiärtyrern von Köln: 772 .- 2.1 ;2 vor-- b-rn -,-pn 7-22 : 3-2772 -.ui.-:. Steht es nun unzweifelhaft fest, daß in den sieben Ortschaften nur Kölner Juden umkamen, welche der menschliche Erzbischof dorthin zur Rettung hat bringen lassen, so müssen diese Ortschaften in der Gegend von Köln gesucht werden, und man darf dabei weder an Geldern, noch an Ulm denken. Suchen wir diese zu ermitteln: 1 ) 32 'U irr. Das ist nun unzweifelhaft Neuß am Rhein unterhalb Köln's. Dorthin kamen die Kreuzzügler, nach Elieser, am (2-2.7- l.) 2-77- 7-3, am Johannistage, 24 . Juni — l. Tammus. Nach dieser Quelle war die Gruppe der Juden Köln's bereits 20 Tage, vom 10 . Sivan bis zum 1 . Tammus in Neuß, als sie von den Krcuzzüglern erblickt und gemartert wurden. Damit stimmt der Bericht Albertus' überein: Use srgo srucksiitsts viss (in oivitsts Oolouisnsi) oiroirtsr äussuti (ikuctssoi-uur) in sitsutio uooti 8 iblus 8 isru usvigio cku.gs.ru. iuisruut, guos psrsgriui st vruas sigusti vourpsrisutss, uss uuuru <^uiäsiu vivuru rsligusruut, ssä. siruiii ruuictsckos strsgs rsöus oiuuiöu 3 axolisvsruut. Es folgt aus dieser Angabe keineswegs, daß die nach Neuß fliehenden Kölner Juden während ihrer Fahrt auf dem Rheine umgebracht worden sind, wie Jasfs annimmt (a. a. O. Oöl), sondern daß sie später von den Kreuzzüglern entdeckt und getödtet wurden. 2 ) 32:7 ,22-7271 ist offenbar Wev elin gh ofen an der Erft (im Kreise Grae- venbroich), südwestlich von Neuß. Bei Joseph Kohen ist der Name corrumpirt in: ,227211 und im Mainzer Memorbuche in: 2-22-7-21. Wenn Elieser im Eingangs berichtet: 32-7 ,22-72-11 -7222- 2-7-27 127721 1777:27 2-2-137 1.-2 ,2 7 ipi und dann fortfährt: 7-100 7-2-22 72-3 2-2 -223 -mr 22-7 2-17,2 7 -,- nun? 2731-,- 122-21, so kann man nichts anderes darunter verstehen, als daß die nach Wevelinghofen ge- Note 5. 363 flüchteten Kölner Juden einander in den Sümpfen oder Seen um Wevelinghofen entleibt hatten. So verstand es auch Joseph Kohen mit Bezug auf die früher genannte Stadt: 2 'rr -W'N nern 1:02 nn r^ne»:, und ebenso lautete die Lesart bei Genebrado (bei Schaab) verglichen mit dem Texte. Allenfalls kann man cmendircn zirö nw-ro statt z-,:r >-^r. Nur der Unverstand kann daraus die Stadt Bacharach machen. 3) N1V7-N -i: und zwar Tags darauf am dritten Tammus: der Name dieser Ortschaft ist sehr corrumpirt: nirrm, und gar bei Gednlja Jbn-Jachja Das Mainzer Memorbuch hat die Lesart: und an einer andern Stelle: >ui.n. Es ist offenbar Aldenahr oder Altenahr an der Ahr (Kreis Ahrweiler) südlich von Bonn. Man muß also lesen und daraus sind sämmtliche Corruptelen entstanden. 4) n'vsm oder richtiger irr. Es ist von einem Dorfe Aldenahr die Rede, im Gegensatz znm Städtchen Aldenahr. Elieser spricht sich selbst über den Unterschied aus (S. 11 Zeile 6 von unten): er e.n >:v'i LL' iL'nr nnn.m 2 YM -i-r irr -MN .1 7N1U" Die Lage des Dorfes giebt er selbst genau an -wr. Es ist lächerlich, es bei Ulm im Württembergischen zu suchen, da hier nur von der Rheingegend bei Köln die Rede ist. Es ist vielmehr das alte Illrna oder Olina, Ollheim bei Rheinbach (vergl. Lacomblet, Urkunden für die Geschichte des Niederrheins I. 202, 203, 228, 271, 150, 478). So wie hier nicht Ulm, so kann nicht Geldern bedeuten, sondern das eine das Städtchen, das andere das Dorf Aldenahr. Merken wir uns, daß das Gemetzel in dem letzten Ort am -1. Tammus, an einem Freitag stattfand. 5) n 2 v. Unmöglich kann dieses Alanten bedeuten, weil Elieser ausdrücklich referirt, daß die Mörder der Emigranten in Dorf Aldenahr an demselben Tage, Freitag in der Abendstunde, die Emigranten in n-.-n überfielen und zur Selbstentleibung brachten: ">e>n nni n'vn ..er> cv mma irr.n Oi^.-n -v.n w'ipv' evr'mn . Tie Kreuzzügler konnten unmöglich den Weg von der Nähe Rheinbachs bis Alanten im Norden an einem Tage zurncklegen und dort ihr Mordgeschäst fortsetzen. Es kann eher Sinzig bedeuten. 6) ni' 2 . Man nimmt es gewöhnlich für Mors, obwohl es zweifelhaft erscheint, ob die Kreuzzügler beim Ausstichen der ihnen entgangenen Kölner Juden sich zuerst nördlich, dann südlich und dann wieder nördlich gewendet haben. Die jüdischen Emigranten daselbst wurden nach Eliesers Angabe am 7. Tammus gemeuchelt. 7) ist wohl sicher Kerpen: a-vTi'I 12 -p Dieses Gemetzel fand wohl Tags darauf statt, 8. Tammus; denn wie schon oben angegeben, dehnt Elieser die Leiden der Juden Kölns bis zum 8. Tammus aus und in Kerpen ist eben der Rest der Kölner Gemeinde anfgerieben worden. Wenn Elieser zum Schlüsse ein Trauerlied um dis heilige Gemeinde Kölns, um die -von, nnstimmt, so gilt es den Gemordeten und Selbstentleibten in den sieben Ortschaften, nördlich, südlich und westlich von Köln. Aus dem Angegebenen erhellt zur Genüge, daß es falsch ist anzunehmen, das kreuzzüglerische Gesindel habe die Richtung von Nord nach Süd verfolgt, d. h. mit Köln begonnen und von da bis Spcier vorgedrungen. Nach der exacten Datumnngabe des Elieser b. Nathan nahm es vielmehr eine entgegengesetzte Richtung, begann (in Lothringen) mit Speier und endete mit der Ver- tilgung der Juden in der Umgegend von Köln. Dadurch läßt sich auch die Zeit des Gemetzels in Trier entscheiden. Elieser hatte keine specielle Nachrichten über die Leiden der von seinem Wohnorte (wahrscheinlich Köln) entfernten Gemeinden. Er berichtet daher nur summarisch darüber: „Ebenso verfuhren sie in andern Gemeinden, in Trier, Metz, Regensburg und Prag: i'po min ubipa 127 ^ nrn-irii (pn-12'i) P1122U12 221 p'221 (2'2'12 vur.l 21'2'12. Näheres über das Gemetzel von Trier haben die Quellen X 3 und IZ 3. Die erste nennt unter Andern zwei Mädchen, die sich ins Wasser geworfen: na i.irn ,112 :2imi2 -am.-, 17221 2122 22-7 1H12.11 1221 17 12H1 n'::Hp2 111112 ',iL>i M22.1 i'pn 'i. Die Letztere berichtet: dnässi in oivitats Drsviroruru — «guielsru sx sis svoi- pisutss psivulos suos äsüxsruut oultros in vsiitribus sorurn. (juasäum uutsru äs ruulisribus asosiräsutss supsr poutsru üuruiiris st säilrrplstis sirridus soruru st rusuisis Ispiäibus prsseipibs.vsruub ss in proluucluru. Die Uebrigen unter Michäus^ Vorgang nahmen die Taufe gezwungenerweise an, um später, außer Michäus, zum Judenthum zurückzukshren. Keine dieser Quellen giebt das Datum dabei an. so daß man nicht wissen kann, ob die Vorgänge in Trier vor denen zu Speier, Worms u. s. w. vorfielen oder später. Da aber Albertus Aquensis angiebt, daß das kreuzzüglerische Gesindel sich zunächst aus England, Frankreich und Flandern rekrutirte, und da die meisten Führer desselben, mit Ausnahme des Emicho von Leiningen, nämlich Claren- baldus de Vinduil, Thomas de Feria und auch Clulislmus 6a.rpsuts.riu8 Franzosen waren, so folgt daraus, daß das Wüthen gegen die Juden auf französischem Boden oder wenigstens an der Grenze zwischen Flandern und Deutschland begonnen hat. In der That kamen damals auch Judenverfolgungen in Frankreich vor. Ein Zeitgenosse, Guilbertus von Novigento berichtet, daß die Juden der Stadt Rouen von den sich ansammelnden Kreuzfahrern in die Kirche getrieben wurden, und mit der Degenspitze erging an sie der Zuruf: I-s, mort ou 1s baptörus (bei Horugusb, rssusil XII. p. 240). Wenn auch der Bericht des Annalisten Richard von Poitiers übertrieben ist, daß: ^uässos psr ouausru tsrs 6ls.1Iis.ru ruults. strsM psrsiusiuut (oruos sigusti, das. 411) — da die Martyrologen und namentlich Elieser b. Nathan ein so allgemeines Blutbad unter den französischen Juden wenigstens angedentet hätten (wie es sein Nachfolger Ephraim von Bonn in dem Martyrologium des zweiten Kreuzzuges getha>6) — so müssen doch hin und wieder auch in Frankreich Metzeleien vorgekommen sein. Der erste Herausgeber des Originals von Epraim's Martyrologium, sowie die Bearbeiter von Joseph Kohn's Xruslr lis-Lsolrs. haben vollständig verkannt, daß dasselbe von einer Judenverfolgung in Frankreich im zweiten Kreuzzuge berichtet und haben die darin vorkommenden französischen Städtenamen arg gemißdeutet. Nachdem Ephraim die Verfolgung in Deutschland detaillirt hat, fährt er fort: .120 irii: 'biO2 21 — 112-2: z"p2 1:1.1: 2.12 2) 2P7' '11 ini.22- '1 1-221 122 '1 Hirn rin: — 1222 PN .112-2: 1:11: za-:ip2 2: — ,112-2: inn 2:-i2 12.22 111122 :ii: 11212 nun. Der letzte Passus spricht ganz deutlich von den Vorgängen in Frankreich, und also auch die vorangehenden. Nachdem R. Epraini noch mitgetheiit, wie R. Tam ebenfalls in Gefahr schwebte, schließt er: 2-m 2.12 m :ii:e- 1:722 ni 1217 ,111.1p in2:i. d. h. außer den Gemeinden -2-2, 21 und peuip ist keine Gemeinde weiter betroffen worden. Lächerlich ist es nun aus 21 mit Hinzufügung eines 2 Böhmen: aus '212 Schlesien oder Saalfeld, aus p2:'p Krain oder Kärnthen zu machen, als wenn R. Ephraim damals von so weit her spezielle Nachrichten hätte haben können, zueip kommt noch einmal in diesem Martyrologium vor: Abraham der Copist Note 5. 365 Haben sich also die Kreuzschaaren in Frankreich zuerst gesammelt und sind von da auf Lothringen gezogen, so ist es sicher, daß die Gemeinden von Metz und Trier vor denen von Speier und Worms die Opfer des Fanatismus wurden. Aber eben weil R. Elieser keine speciellcn Nachrichten von den Vorfällen in Frankreich hatte, berichtet er summarisch darüber. Noch eine Thatsache ist für die Geschichte der Juden während des ersten Kreuzzuges festzustellen. Albertus Aquensis bemerkt ausdrücklich, daß nur das lüderliche, verworfene, lasterhafte Gesindel sich an Juden vergriffen hat. Von den Kirchenfürsten haben die Prälaten von Speier und Köln sie geschützt, und selbst Rodthard von Mainz war nur aus Gier nach den Schätzen der Inden mit Emicho und seiner Schaar einverstanden, wofür er später vom Kaiser Heinrich IV. zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Bürger in Köln, weit entfernt. sich an den Excessen zu betheiligen, haben die Juden, wie Elieser als Augenzeuge berichtet, in ihren Häusern 4 Tage, vom 6. bis 10. Siwan verborgen gehalten. Man darf also als gewiß annehmen, daß das Volk in Deutschland den Juden keineswegs gehässig war. Es ist daher durchaus falsch, wenn Schaab (in seiner diplomatischen Geschichte der Juden in Mainz S. 67) ein grauenhaftes Bild von der niedrigen Stellung der Juden in Deutschland entwirft und hinzusügt: „Zu keiner Zeit waren die Christen erbitterter gegen die Juden" und zwar „wegen ihres Wuchers und Schachers". Der Vicepräsident des Krcisgcrichtes zu Mainz, der es sonst gut mit den Juden meint, entschuldigt die Juden der damaligen Zeit, daß sie dieses entehrende Gewerbe treiben mußten, weil jedes andere ihnen verschlossen worden war. Dem ist aber nicht so Von den Juden in Speier wissen wir, daß sie im Jahre 1096, also sechs Jahre vor dem ersten Kreuzzugc, Ländereien besessen haben- äs rslius soruirr (Inäusorrirn Lxirsiisiurrr) Hirns fürs Imsrsäiba.rio possiäsnt in nrsis, In susis, in orbis, in viirsis, in uAris, in rnansipiis, ssir onsbsris rsbns inodiiidus st innnodilibns. sagt Kaiser Heinrich IV. in der Urkunde bei Würdtwein nova. sndsiäia. äi^loinaturn p. 128. Als ihnen der Bischof von Speier, Rüdiger Huozmann, 1084 die ausgedehntesten Privilegien ertheilte, bemerkt er: s.ä snnunnin, xro eninnlo UsniAnitatis eonosssi illis (Inäusis) IsZsin, gnuniLNNHNs rasliorsru Uul>st xoxnlus änäasoruin in Hirnlidsb urbs Isntoniei rsZni (das. 127). Sie waren also in Dsulschland damals nicht auf Wucher und Schacher beschränkt. Man muß sich sehr hüten, in der Geschichte der Juden aus späteren Zuständen auf frühere zu schließen. Vergleicht man die fanatischen Rundschreiben des Petrus Venerabilis gegen die Juden, zur Zeit des zweiten Kreuzzuges, mit der Bemerkung des Albertus Aquensis in Betreff der Excesse des ersten Kreuzzuges, so kann man daraus mit Sicherheit schließen, daß die Juden im elften Jahrhundert durchaus nicht verhaßt waren. Petrus ermahnte den König von Frankreich den Juden alle Habe abzunehmen, weil sie dieselbe auf unrechtmäßige Weise erworben und rieth nur deswegen vom Todtschlagen derselben ab, weil es heißt: „Du sollst sie nicht tödten, sondern sie sollen unglücklich umherirren." Albertus Aquensis, ebenfalls ein Cleriker, mißt den Untergang des kreuzzüglerischen Gesindels unter Emicho, Thomas. Clarembaldus und Wilhelm in Ungarn den Verbrechen bei, aus diesem Orte war zu Markt in Köln mit einem Andern zusammen aus einer sicherlich französischen Ortschaft -m-bn. Die drei so räthselhast scheinenden Namen sind übrigens leicht zu entziffern: ari ist Ham sim Departement Sommes, -inv ist Sully und ist Carentan sim Departement Eures. 366 Geschichte der Juden. die es gegen dis Juden begangen hat. 8io raairus äowini oonbrs. xsrs- Arinos ssss orsäitur, gui nimls immuiiäioiis st tornioario oouLuditu in oonsxsstn. sgus p>soog.vsrs.nt, st sxräss ärräasos liest Odristo Zravi c^scts rno.obs.vsrs.nb, ourn gustns juäsx sit Oorninus st nsrninsrn invitum Lut oosotnrn sä suZnin üäsi Ostkcäioss gnösst vsnirs (I. s. s. 30). 6 . Akik-Kuleiman David Ilm-Mohagar Uakklnev und Grammatiker. Mose Jbn-Esra erwähnt in seiner Literaturgeschichte einen p als Jünger des Alfaßi (o. S. 328). Die Kunje Abu-Suleiman bedeutet bekanntlich bei den Arabern David. Er hieß also auch David Jbn- Mohagar. Ohne Zweifel ist es derselbe, von dein in den Responsen 8vkssrs 2scl.sk (I. 2 ,Nr. 22 x. 13 6) eins Auseinandersetzung über Ehescheidungsgesetze ausgenommen ist. Es beginnt mit den Worten: bp pe-w.i.-, '2 p- 'i -ns .-Mn, und schließt mit den Worten des Herausgebers: -88n -m-i pmpnn ins im nm neo- Offenbar muß man für -nn lesen-nnn-i p Wenn aus diesen Angaben folgt, daß derselbe ein Jünger Alfaßi's und Rabbiner war, so erfahren wir durch Abraham Jbn-Esra, daß er auch zu den hebräischen Grammatikern zählte und aus Granada stammte (o. S. 33b). Auch hier muß man: pm.n -m emendiren in Sicherlich ist es auch endlich derselbe, an den Jehuda Halevi ein Gedichtchen von zwei Versen für ein schmeichelhaftes Geschenk gedichtet hat (Luzzatto, Lsträst p>. 18). Freilich muß man zu den Namen pmrn p -m m ergänzen p'irx -n.nr- im Da es einen jüdischen Wesir Abu-Jshak Ibrahim Jbn-Mohagar gegeben hat (Lstnlst S. 20, Lsrsua Odsrasä IV. Seite 29: immo p prinoti im tm), so ist der erstcre wohl ein Verwandter des letzteren gewesen. Ich bemerke noch, daß in den jüdischen Schriften die Orthographie des Namens Mohagar bald mit n bald mit - vorkommt. Richtiger ist das letztere, weil es die Araber so gebrauchen vergl. Jbn-Adhari, sä. Ooszr II. S. 14. 7 . Uathan Gffiriat und die günstige Ktellung dev Jude» in Frankreich im zwölften Jahrhundert. Wir besitzen eine erdrückende Menge literatnrhistorischer Notizen aus der Zeit der ersten Tossafisten, dagegen über das innere Leben der Juden Frankreichs und ihr Verhältniß zur christlichen Welt in dieser Zeit erfahren wir aus diesem Notizenwust durchaus nichts. Reiches Material für diese Seite der jüdischen Geschichte liefert ein unedirtes Werk antichristianischen, polemischen und apologetischen Inhalts, das sich auf der Hamburger Stadtbibliothek (Ooäsx kskr. Ho. 80. 6) und in der HidliotksHus irnpsrisls (eine Copie auch in der Seminar-Biblioth.) befindet. Der Codex in der erstgenannten Sammlung, 2l Foliobl. stark in incorrecter Schrift, hat keinen authentischen Titel und figurirt unter dem Namen M^^sokon. Aus dem Eingang geht hervor, daß es der zweite Theil eines Werkes ist, welches über die Messiaszeit gehandelt hat. Laut Dukes' Mittheilung ist der Pariser Codex kürzer, enthält aber sine Note 7. Z07 Einleitung, woraus hervorgsht, daß der Sammler der polemischen DiSpntationen Elia hieß, daß der Hauptbestandtheil der Sammlung von N. Nathan aus Joigny und seinem Sohn Joseph stammt, und daß sie endlich den Titel „Joseph der Eiferer" (fkossxli ftu-LlsIcanö) führt (Orient. Literbl. 1847. Col. 84. Note 0): -per '77 ,7'2:'2',7 -ftm: 2V:2 '2 ,7"2'N72 ,777,77 ip .nftn '7 277 poft 2V2 '7N7,2 :n7 — 2'7NV: 2:2V 7p 7'2'N2 2'72::,7 7NV: p7: '7 :'2n ,7:2:V,7i >::'7 :n: 72 n:,7 2 7 121' 7:27.7 2V2. So viel über die Aeußerlichkciten. Inhaltlich besteht das Werk aus Disputationen zwischen Juden und Christen in Betreff christologischer Schriftverse, welche an die Reihenfolge der Bibel: Pentateuch, Propheten, Hagiographen angeknüpft werden. Es werden darin viele Autoren von Sentenzen und Erklärungen namhaft gemacht, die soweit sie bekannt sind, dem zwölften Jahrhundert angehören. Am häufigsten werden, wie schon angegeben, Nathan und sein Sohn Joseph von Joigny genannt. Der erstere verkehrt und dis- putirt öfter mit dem Bischof von Sens und läßt sich so frei über das Christcn- thum aus, wie man es kaum heutigen Tags auf dem Festlande Europas wagen darf. Einige Beispiele dürften von Interesse sein. In Abschnitt (me',7 w) heißt es: p>2M2 i:-u p:iv wirm 7pV,7i p:V:2 p:2:.77 uro pi: 'in hn ine- ':i"2> pn:nn 7'7n P7,7.'2 -P'N Pli, 2 7MV UN N7N N7 7"n ?72 p:2N2 nnn '27 7,7N: ft 2'2'7 ? nn'722 'k 2:'7:'2 2-N2N b>277 '72 N2 2:2:2- P-2N.2 nnn 'n: 7n . . . . 122 72'SN 'n 2'2'7 — N2'N2 2:2:2' 7:217 22',' PNI .... 12NL'N 7'2'pn um 2P!2 2:7 ft 7"2',27 (fn: '7) 2'2'N ;:'2:nn bnn ' ::ftn 7277 727V nnn 2P2 7'22'2 2','2' ': 72-n 7n "2U,7 7n U7'N!N M71 U22 7:7: 2'P2: 227 2'2'N7 2:ll'N N!N 2"N7 PN N2N 72n: 'p:'2'.'2 . Abschnitt 2'2-u wird mitgetheilt: 22> N'n: p:V:2 p:2277 7272 2'22'p U"N 77N 2P2 N2N ?:n:n onftn .727: 12" 2,772.7 7:2s- ft :7n2' 27.2p 777 zn: '77: 2'72:21 2U:2:7 72"7 N2 "2": — — — - 277 7P722 712P7 72:7 77N l7!2 .17.UN7 77N 2222 ft IllrV 2nb 27:p 72 -.282 N772' P2N77 :ft 777 '2: — UP2 Zu Richter heißt es: 777 ,77N 2P2 777 P7: '7 :,7:n 7N7 2'2 7"2nb 7:2.7 7:: p'2:.77 77' ' 1772 p : 2','2 11:2:7 7rn P7: '7 22:7 2"N277 P2: PN 7"n 7'2P71 P2277 :n:n7: 7'7P 2'2 ft'271 PP2 72p:,7 7:: :2:2 7p,2 N77 2: :2'2'7 :27p: '.7V-— Zu Amos 1. P2 7.::n 77N 7:2 in: '777 p:'2','2 p!2:,7 7NV (Oontsssio) PN'VSPPN. Auch mit dem Papste hatte dieser R. Nathan eine Unterredung über religiöse Themata (zu Numeri 24, 17): ?22i2 :n:n n:n 72 in: '77 7n iiw-rnn ine- n:n 777p i^'o 22:2 :,7-n ft 2'2'.n. Der König fragte ihn einst scherzend, wer seine Frau sei, und auf seine Antwort, daß er seine Cousine gehsirathst, bemerkte ein Mönch: „Diese Leuts heirathen in Verwandtschaft untereinander, wie die Thiere." Darauf bewies Nathan, daß in der Bibel Ehen mit Cousinen als gestattet Vorkommen. Die Töchter Zelafchad's und Olhniel mit Kalcb's Tochter: '7:7 ,72 7"x 1,72'N 72 NN17'72 177 i'7: '7 7n 7N"2> 17:27 (a. a. O.). Gleich Ml Eingänge erzählt Nathan dem Bischof von Sens eine passende Parabel, um die trinitarische Deutung des Verses: „wir wollen den Menschen schaffen", zu widerlegen und bemerkt dabei: Du bist doch überzeugt, daß ich nicht wuchere: ,7'272 7ft:2 UPN2' P71' 7,7M. Dieser Nathan, welcher in dieser Sammlung eine Hauptrolle spielt, mit Prälaten und einem Könige umgeht, ist meines Dafürhaltens kein anderer, als der in den talmndischen und pentateuchischen Tossafot genannte Nathan Official i-n-r-rin pi: oder Nn-rein (corrumpirt 7n':r:n vergl. Zunz, zur Geschichte S 54, 84 und andere Stellen). Der Beweis liegt auf der Hand. Die lange Auseinandersetzung in Betreff des goldenen Kalbes in der Wüste, welche in unserm Werks im Namen Nathairs mitgetheilt wird, referirt das alte Niz , ... . ^ 368 Geschichte der Juden. zachon (bei Wagenseil Isis iAnsa. III. 39 f) von Nathan Osficial. Auf die Frage des Bischof von Joigny, warum Nathan nicht an Maria glaubt (oben), setzt dieser als Beleuchtung die Bedeutung des Cultus des goldenen Kalbes auseinander. Ich stelle die Auseinandersetzung aus beiden Schriften nebeneinander, damit sich der Leser von der Identität überzeugen könne: sL" II ! ttlpvn I (awLwm.a) ^uosis.a fra "i a'sn ! psanai mv'S fisana fni 'a) ani> iss NN ll.l'SP N27 li> I7SSS L'asiaa ! 7slS' lasss .-.'7, 71! SS (a'ans 7IPS.H PISS man 7ISS sa.n .fa ^SIS NN r§n f.na ISN rimasn a'vi innr- oani pai an anm nnp Nana ips a"nni — sarss as'ri.as oips.a Lw'Laas 2'sa nNn: Nnna-- i'.nNn n^n lass-, nsn . aaa un nN: nin .nn;a nN:n nsp' na : nana asm nn nnaa ns aaN asm nnn f.ap v^ns i^n n'.as ^ann nn v'nin v.as w7 nnana oaiaa nn la'S'i assis mna npiai 'pn nr nan fm aaai>a :nsn asp i>am ais ia nrru oips.a n:n ussi a.aia aaip.a i>aa n->' s'nsian ii> insn .sap.a nn ia sa cn'n onnn L.ai> nsn .ips nia 'nnn nnsn ^a anan n^ni — innn nNi satz au'N asm a.aai anin isa 'pi nana ipss an .asini — aaapsi np°> avai asm aips.a urN ann nsna siap nan Llais ans:n a,nns> ann Lins nan ainnn tzaa fms nnan aips iiama aaNanna- .asai nsa nnn — .asm fsaa nsu nd sn psia.a N"n ?Nnns' i'nnn nNn aaia ^apa N.n -;Nn ams ss nsrn °?"n. sip.aa p-sa ips ai>as nvni> ^ia> pmi — anaan v.n Nanns ann s'pis nsns nnn ana n'n ns>: S laap naa anass un-' um vsap aspi nsn .asisann up n^i ipas nns ?a'snn 1'n .aNs caa'sm uipss .pai N sai> nss ssa 'a :nn 'a .Nnns' ip.a an nisnn iupa na» sna (pnnn) urus avai- >nn . a^iaa n.n'sn ni — an' ia Nn ntzi L'aspa nn Nani p^n N'ss nnis nNna asx iiain n-.s aua.aa aniaa nn in's". 'nis insn na nNn nNn nins nsN i>s nN an — ws nr'S nin^inn ni nsi"?a — p'.nNn nnn nin pa>'a aaaa ia nnns snpn nin nss pn ixs paa an. nNna a'nais ia inn: 'ins ^ninsni nnusn nani-nnina nn'sn v a'^ia' vn n2 a"n .ani Ns vn nns 'Nai ns inn .anis nana snpn nin aaars nsin awNn Sa ninn av: cpn ;s ^w'i an'°in xsn nsnN Nav p'ni. 'nnpri 'np-> avai a'nai nsna aiais (wie o. S. 387). Leide Darstellungen haben denselben Inhalt, nur ist die Fassung I ursprünglicher gehalten. Daraus geht also hervor, daß der Nathan in Joseph Mekans identisch ist mit Nathan Osficial, und daß dieser in einem besonderen Verhältnisse zu einem Bischof von Sens stand, mit einem Könige von Frankreich und mit einem Papste Unterredung hatte und in seinen Disputationen sich ohne Zwang gehen ließ. Es gilt jetzt, das Zeitalter des Nathan Osficial festzustellen. Von vorn herein müßte man schon annehmen, daß er nicht später als im zwölften Jahrhundert lebte. Denn seit Philipp August und namentlich seit dem Pontificat Jnnocenz III., wurde die Lage der Juden so unerträglich, daß sie nicht den Muth haben konnten, sich so freimüthig Prälaten gegenüber über das Christenthum auszusprechen. Die Constitutionen des Bischof Odo von Paris vom Jahre 1197 verbieten den Christen bei Androhung der Excommunication jeden Umgang mit Juden und alles Disputircn mit ihnen (bei iilavsi oonoilis. XXII. 385): I?roUifisa.ntur — (OUristiarüs) — ourn finciasis eorurusreis. t'aosrs, Huoruin sniru ciispar ssb vultms — nuUus cisfist ssss anirnoruru aonssusus. Insuxsr Inieis proUifisanbur sub xosnn Exeorurnrinieabioiüs — ns prs.ssnins.nt ciispntsrs ourn Inässis cis ücisl eliristisnss s.rti- onlis. Noch mehr. Nathan war Osficial, d. h. Beamter und wahrscheinlich des Bischofs von Sens, so viel als dsälli, Güterverwalter, Voigt. Nun hat Jnnocenz HI. energisch den Grundsatz durchgeführt, daß kein Jude oltioialis eines christlichen Fürsten sein solle, und den freisinnigen Grafen von Toulouse so lange quälen lassen, bis er beschworen mußte, seine jüdischen Beamten zu entfernen und keine Juden anzustellen (o. S. 336 ). Folglich muß Nathan Official vor Jnnocenz III. geblüht haben. Es lassen sich aber noch mehrere Beweise anführen, daß derselbe dem zwölften Jahrhundert angehört, und darunter einen, aus welchem Zunz gefolgert hat, er habe um 1220—1240 geblüht (a. a. O. 84 , 87 Note s.). 1 ) Dis Sammlung der pentateuchischen Tossafot (unter dem Titel 22,21 npi Livorno 1783 ) theilt eine Erklärung von Nathan Official mit, die der Sammler aus dem Munde seines Lehrers vernommen (zu m p>. 3 I>): rin >22 p2L'2' '212 l.) innLm ;ro. An einer andern Stelle theilt der Sammler mit (zu ndem x. 19 n), sein Nater habe aus der Zahlendeutung eines Verses entnommen, der Messias werde am Ende des fünften Jahrtausends der Welt — 1240 erscheinen : . 2"2-2 21(2 ill- m 2i'i2 22'22>2 in'222 12 122 ;N2 .22212 2','2 7 N .11 2'M 12N-22 i": '2N 'S2 :2'2'2 22222 222' 2'22N '2 ->122 212N min '2 i>22 ,2122 dir Daraus geht hervor, daß nicht nur der Vater des Sammlers, sondern auch dieser selbst vor 1240 gelebt haben, sonst würde dieser nicht angegeben haben, der Messias werde in diesem Jahre auftrcten, wenn das bereits abgelaufene Jahr diese Deutung dementirt hätte. Zu -12,2 '2 Ende giebt der Sammler an, der Messias werde 1290 nach der Tempelzcrstörung kommen, d. h. 1222 . Fälschlich folgert Zunz daraus, der Vater habe kurz vor 1240 und der Sohn später geblüht. Lebte nun der Sammler vor 1222 , so gehört sein Lehrer dem zwölften Jahrhundert an, und jedenfalls sicher Nathan Osficial, der Lehrer des Lehrers. 2 ) Der Sammler des -2,222 ->oi' war ein Jünger des Jom-Tob von Joigny, wie er selbst auf dem ersten Blatt angiebt: 212 21' '2 222,22 '222 ,-mpi 'in --2,2' 1'°>2 2'2'N 2'2-m 2I'2. Dieser wurde Märtyrer im Jahre 1190 (Note 9 ). Folglich lebte der Sammler Elia Ende deS zwölften und wohl auch Anfang des dreizehnten Jahrhunderts *). Nun theilt dieser nicht nur viel von Nathan, sondern auch von einem Joseph mit, dessen Großvater es von Nathan vernommen: 122 2'2'21 ?.22 222 22S2 212N2 21,22.2 21-V 2222 MM ->21' '2 2N P222 hnS . .>72 2"22 22'2 -> 21 ' ' 22.2 2 , 2 ? 22 N 2 - 3 ) Der Sammler der pentateuchischen Tossafot referirt eine Ausgleichung des Nathan Official auf die Frage, warum die Israeliten nicht beim Einzug in's gelobte Land von dem neuen Getreide 2222 bereitet haben: p-2 222 22,221 N2'I: P2'M - 22N2 22p>2 ni 2N2'1 2222 22",' N2' —' U',222 222 (in'r'sm) 2.22LM.2 N2> N'I2 12N P2222 (zu 1VM2 p>. 88 ). Diese Ausgleichung ging i» die talinudischen Tossafot über (Liääusediir 8 s.), aber anonym. Nun war der Sammler der Tossafot zu Hiciclusolriii ein Jünger Jsaak's des Aelteren (das. 10 g,^): 2^211 ,222' '2 '2122. Dieser starb um 1200 (vergl. o. S. 332 ); folglich lebte Nathan Official vor 1200 . Diese Zeit ist noch dahin zu beschränken, daß sie vor dem Regierungsantritt des Philipp August füllt. Nur unter seinem Vater Ludwig VII., der die Juden auffallend begünstigte, durften sich Juden herausnehmen, sich so ungcnirt über ^) Man darf dagegen nicht einwenden, daß er auch Manches von Jechiel von Paris mittheilt, der 1240 — 52 blühte; denn es gab auch einen altern desselben Namens: 2"222 imm> 1N22 222 2ni2' --2,2 qon M22 i'p>2 >21 (Rssxcmss, N. Me'tr aus Rothenburg x. 113 s,). Graetz, Geschichte der Juden. VI. 24 370 Geschichte der Juden. das Christenthum zu äußern. doäot'rsäris Voisinisnsis berichtet darüber in seiner Chronik (Lougust rssusil XII. 286)! Isis Imäovious in Loo tsmsii Arsvitsr Osnrn oftsiiäit, csuoä in rsZno sno äuässos nltrs, rnoänrn snblirnnvit sb sis xrivilsZis, Lso st sidi soutrsris, imiuoäsrsts äsosptus ouxiäibsts, oonosssit. Ein anonymer Annalist dieser Zeit berichtet, die Juden hätten damals die Hälfte der Stadt Paris inne gehabt: äuässi rnsäiststsm villss Lsrisisnsis odtinsdant (Olrronison rsZnrn Lrsnoiss bei Loncsust. rssusil LII. p. 21ö). Die günstige Stellung der Juden in Frankreich vor Philipp August reflectirt auch der Eingang zum philosophischen Dialog Abä- lard's. Es tritt darin der Philosoph dem Juden und Christen gegenüber, und der Verf. theilt dem Juden die Rolle zu, für sich und zugleich für seinen Bruder, den Christen das Wort zu führen und die offenbarte Religion gegen die Philosophie zu rechtfertigen, luässus (sä Lliilosopliuru): Duos ^uiäsm siin.nl iritsrroASsti, ssä äuos rssxonäsrs non oonvsnit, ns mulbituäo locsusn- tinnr propsäisb iutsllsoturu. Rssponäsbo, si pässst, sZo plriruus, ciuis prirusm IsZis snsospiinns äisoipliusru. Lrsbsr vsro ists, csui ss oliristi- unnrn proütsiur, ulii nis ästtsörs vsl ininns sulässis souspsxsrit, irnpsr- t'sotioni russs snxplsloit. (Xloslsräi Oislo^us intsr siliilosoxlruiu, luässuru st oirristinnnin sä. Ntrsiniiotä. Berlin 1861 p. 6). In der Zeit Jnnocenz III. und fernerhin hätte kein christlicher Schriftsteller den Juden auch nur als Charaktermaske dem Christen gleichgestellt und ihn als Bruder anerkannt. So etwas wäre ihm bei der tiefen Gehässigkeit nicht über die Lippen gekommen. Daß die französischen Juden im zwölften Jahrhundert von Philipp August Steuerpächter waren und auch andere amtliche Funktionen ausübten, bezeugt R. Tam (zu Ls 2 ali 6s): M 2 H 2 H ^in mim' s-' ' 2 l m gmoi i"i -mm i'.xi . Liwirr ,io»iih> v.2i h^ph plr — Bon den übrigen Personen in diesem polemischen Werke ist nicht viel mit- zutheilen. Es werden kurze Disputationen und Bemerkungen angeführt von Nathan's zwei Söhnen Joseph und Ascher und von seinem Oheim mütterlicherseits, Joseph von Chartres: "m Ls ms r^i' li oder in irn i. Auch dieser gab einem Geistlichen eine ungenirte Antwort: ns im hsL> L'hlr' psr' 'si 2 'L'il ?iis p .22 im' moo i"opi ihi 12 'i ->2 ui 2 isi,o 2 (-^vn) 'ii Hs riL U 22 mv"-h (zu Abschn. IML'). — Von Joseph Bechor-Schor wird erzählt, er habe durch die sachgemäße Deutung des christologisch ausgelegten jesaianischen Kapitels einen jüdischen Apostaten zum väterlichen Glauben zurückgeführt: 12:1 1212 hp 2'2'lh Hw' 1,1S .12 h"s 1l2' 1W2 c>vr 211 2->h 1M'2 pns 1'IV IIS 12:2'2 so ums ,is i, 2 : 2'2 mm pip i '2 ?iop mm pwp zmi ilhs sli -si —- -ivn 1 h"s ?isi . 121LM2 in: 1LS2 L'h-mn Jint-Gfra, die Reihenfolge feiner Hchriften nnd die Daten feiner Ueife. Den Fachmännern ist die Lonfusion bekannt, welche über Jbn-Esra's biographische Data herrscht. Die gelehrten Untersuchungen Rapaport's, Zunz', Geiger's, Edelmann's vermochten sie nicht zu lichten. Um dabei zu einem sichern Resultate zu gelangen, wollen wir von sichern Punkten ausgehen, und es wird sich zeigen, daß die Schwierigkeit nicht gar zu groß ist. Die Reihenfolge seiner Schriften mit ihren Daten soll uns als Wegweiser dienen. Note 8. 37 l I. Dem ersten Datum begegnen wir im Commentar zu Lolrslst Er hat ihn in Rom geschrieben und beendigt im Jahre 4900 — 1130 — 40 . Das Erste sagt die Einleitung aus: 1212 2ii2ni 122 >i2ü 722 Ü 117 ^2 .11122 ülp: 1'N2 )2 . .li.12: 2 212 11' '211 8»>I 112 22 u'1 12K 1121 I rin 21 Das Andere sagt der Schluß: .111>'N 2'711'1 z-22ii — 212: 12211 1721U L'LIX 27 2" 11Ü2 721 2'71272. Es geht auch daraus hervor, daß Drangsale ihn genöthigt haben, sein Vaterland zu verlassen. Wahrscheinlich verfaßte er die Commentarien zu den übrigen vier NsZiUot ebenfalls in Rom, d. h. im Anfang seiner exegetischen Carrivre, denn zu Canticnm und Threni bildet der Eingang eine Art Rechtfertigung seines exegetischen Standpunktes, daß er sich ebenso sehr von philosophischen Allegorien wie von agadischer Willkür fern halten wolle. Diese Rechtfertigung paßt nur für dis Erstlingsarbeit. Dafür spricht auch, daß er in der Einleitung zu Threni noch mehr als in der zu Iloüslst über der Zeiten Noth klagt, die ihn aus seinem Vaterlands in's Exil getrieben: 2',i'r>2i 121 1122 piv2 'iiurii 211112 pin2 im.2 zi 2112,1 'im 2',2112 12112 212722 2'122 1U2l '1111 2',2'!12 '1'2 1'1 111822 (? 2'l8ü '1221) l8u '1221. Endlich spricht noch dafür, daß er in den Commentarien zu AisZillot keines seiner Werke citirt, nicht einmal zu Ivoüslst, wo ihm doch Gelegenheit genug dazu geboten wäre. In Rom verfaßte er auch sein grammatisches Werk 22M2, Und zwar nicht lange nach seiner Ankunft, da er in den Eingangsversen von seiner überstandenen Mühseligkeit spricht, und sich der gegenwärtigen Ruhe mit einer gewissen Behaglichkeit zu freuen scheint: '17 — n'222 1172 iir ii.-mn vi.i: >»1,7 121 — 22M2 mi,2 — 122 221 — 1211 im »12. Daß „llosnajira" seine Erstlingsarbeit auf dem Gebiete der hebräischen Grammatik war, bezeugen die Methode, die er darin entwickelt und die historische Einleitung über die hohe Bedeutung der hebräischen Sprache und über die 16 hebräischen Grammatiken von Knackig, bis I.svi 1 im-aI-Ds, 1 )I>vn (0. S. 32 !». In den späteren Grammatiken setzt er diese Schrift voraus. Er citirt darin keines seiner Werke als eben den Commentar zu Ivoüslsb (im Artikel 2'i27 und 2>2i2). — In Rom übersetzt er auch Chajug 6 grammatische Werke ins Hebräische, wie der Schluß angiebt: — z2 1M2 12 2.112»! 111 211,21 P212 P2211 12Ü1 1111' 1 121 12Ü Nl'11.11 122 2^21 '121 211 11'122 '1122 11!7 (gck. OnÜSS p. 178). In Rom verfaßte er endlich den Commentar zu Hiob, wie die EingangS- verse aussageu: P282 1121 '2112 NH7 111 '1122 1M2 112 2H2ni — 21m 112' 211'S 111 1:1112»!. Er citirt darin nur den Commentar zu Iloüslsb ( 14 , 16 1121'-, 12Ü2 181p 1222) und sein erstes grammatisches Werk 37 , 6 (mni -222 11121.1 1221 1-281). Tis Schlußerklärung, worin er sich auf seinen Commentar zu Dxoäus beruft, gehört wahrscheinlich einer spätern Recension an. Den Commentar zu Hiob verfaßte er zu Ehren seines Jüngers Benjamin b. Joab, wie Codex Vatican ( 54 ) angiebt (Lippmann Einleitung zu Laxlm dsrnra 1 d). — Wie lange er in Rom weilte, läßt sich nur annäherungsweise bestimmen. II. Ehe er in Mantua war lwovon später) hielt er sich in einem Orte auf, der zwischen Rom und Mantua liegt, in welchem er seine Satyrs dichtete. Ich vermuthe, daß dieser Ort Salerno war, weil nur dadurch der Sinn der spitzigen Satyrs verständlich wird. In dieser Satyre, bekannt unter dem Ein- gangsvers 2771 811211 'im i'oi 111: (abgedruckt von Luzz a tto, Lsrsirr Otisinsä IV. S. 138 ff.), ich sage in dieser Satyre, die man richtiger ein Pamphlet 24 * 372 Geschichte der Juden. nennen könnte, beklagt er sich, daß ein Weiser aus arabischen Landen im christlichen Reiche nicht geachtet wird: 111 P8 2,1811 11 8,i 211 iii> . 2'P1,2 2'i>p, iip ;i 12181 (Vers 2t) Wenn aber eine griechische Heuschrecke sich einfindet, so wird sie als Risse angestaunt. 111 iii8i i-Lj ui .2-p-pi 121:, 1.1 ii 1p 1111 (Vers 22) Gegen diese „griechische Heuschrecke" scheinen die satirischen Spitzen am meisten gekehrt zu sein. Wer diese war, läßt sich wohl aus Folgendem erkennen. Der Satiriker macht sich über einen Mann lustig, der zwar mit allen Ordnungen der Mischna vertraut ist, aber vom Hebräischen noch weniger als ein Kind versteht; er wird Rabbenu Isaak genannt (Vers 31—37): 2'P121 im: (pnv) pn i'iu i'ii8 P122 pii' pni" um 2'P21 2'221 2'pl!, 1P121 2'P1 811 '18 2'plli 1281 2'p,il2 .1211 N118 PI' 81, N11P 1p 1PU1 N111 I'IIPPN 2'P12L1 1P,21 811p 81.1 111121 .111' 2'2' 1-PL .11221 1211 . 2'P2'11 'LI .12111 8'.1 128 12p 1.1'L '1p 121L N'2811 Irre ich nicht, so war die Zielscheibe von Jbn-Esra's Satyre R. Isaak b. Malki-Zedek, der Grieche 2111 11.1, der von Siponto, einer zum griechischbyzantinischen Reiche gehörenden Stadt, nach Salerno kam, wo ihn der Tourist Benjamin von Tudela um 1165 bereits antraf: ni'2- 121 (l. iii'"?2) ni'is 11p i>im 111 pir '112 ('11) ;i pH" 1 22111 121 i'iii' ni82 22 121 121 2,18 22I 2'8Liii ;.11.1 .1212 11 211L'2 1'P2 1'12. Dieser Isaak aus Siponto schrieb einen Com- mentar zu Lsrairn und lalraroti, auch zu andern Ordnungen, die Asulai zum Theil gesehen hat (vergl. dessen i-iiim 12 sä. Lsn-äs.ood p. 106, Xo. 337, 351). Er ist ganz sicherlich identisch mit dem um 111, den Abraham b. David in seiner Kritik gegen Maimuni öfter citirt und hin und wieder tadelt (vergl. Reifmann, Biographie des Serachja Halevi S. 65 Note 96). Das war also der Isaak, der sämmtliche Ordnungen der Mischnah gründlich kannte, aber mit Verachtung, auf die grammatischen und exegetischen Studien J.bn-Esra's herabsah, dafür von ihm als Idiot gegeißelt wurde und das Epitheton „griechische Heuschrecke" erhielt, „der mit lauter Stimme keifte und Bescheidenheit und Sanstmuth, obwohl vom Talmud so sehr empfohlen, nicht kannte": ,'iippr, (^i'p'ii.2 .1211 1118 pi' 8i, mp ip ipui 1111. Von der Interesselosigkeit der Salerner Gemeinde für hebräische Grammatik und Exegese spricht auch Salomon Parchou vom Jahre 1160 (Prolog zu Aruch x. XXII) 'I81211 2111 i'2ii's.i H'8 I12 211 ;-8 'i >i'8ii 21-12 ivi2i 28. Was noch dafür spricht, daß Jbn-Esra's Satyre gegen die Gemeinde von Salerno gerichtet ist, ist der Umstand, daß er darin einen Rabbiner Rabbi Salomo auffordert, sich doch seiner, des Gekränkten und Geschmähten, anzunehmen (Vers 29—31): 2'P21 2-2112 81,2 '2,8 18lil 81P2 'P11' 111 11,1 ;i r;111 2-P112 ,'P22 °,11 2'1'01 1228, 2211 22-2 81p' p'8, .2'P,2P1 (?) 2'121 11 81 1! 12^1 11P2 11 1212 11 181p 1'8I *) Was unter i,i8 zu verstehen ist, ist klar: mit i-p-iiv 121 aber spielt Jbn-Esra offenbar auf die Stelle Sabbat 34a an: z-ir 2-111 2 pn 11281 i"p8 . 81,121 ,.-2'i2'2i I'ir 11, 12,i: 218 Note 8. 373 Dieser Rabbi Salomo ist wohl identisch mit dem von Benjamin von Tudela Genannten. Ucberhaupt wird diese Satyre durch die vsrmuthete Aufsassungs- weise viel verständlicher, wenn auch viele Partieen darin noch dunkel bleiben, theils weil uns die Anspielungen auf die Detailgeschichte unbekannt sind, und theils weil der Text des Gedichtes sehr corrumpirt ist. Kommen wir wieder auf den Ausgangspunkt zurück. Aus der Auseinandersetzung dürfte wohl dis Vermuthung nicht zu gewagt sein, daß Jbn-Esra auch in Salerno war. Aus einem Verse der Satyre ergiebt sich, daß er schon vorher Werks verfaßt hatte, worunter wohl die in Rom verfaßten zu verstehen sind (Vers 2, 3): o'piro 0'2N2 2'72i>2 7XW2 2'7'S 'luuon o'i'.pw . 2', 2212 'X72; '27X2 217121 >2722 2 'iro '272 21,212 222 Jedenfalls war er in Mantua später als in Salerno; denn in dem in letztgenannten Orte verfaßten 2noliob citirt er bereits seine Satyre 7-2,7 7172 (sä. Lippmann x. 10 s,). III. Gegen Ende des Jahres 1145 war er in Mantua und verfaßte dort sein kritisch-grammatisches Werk 2ssliob: 2122 722 ('2722) 7111:2,2 7 '-- 2 i, sagt er selbst (in Lsplm Lsrurs a. a. O.) und das Datum giebt das Schlutzgedicht; 2 w 7 x 2x27x1 21x2 xs2 2x lovsi ss me- >sx 7 '7S22: disolun 4906 — Sept. oder October 1145. Im Eingangsgedicht giebt er zu erkennen, daß er damals bereits dem hohen Alter nahe stand: 1,22 iin -pro — 2772x1. — Wahrscheinlich hat er auch in Mantua die kleine Schrift über Behandlung des Astrolab unter dem Titel: 227222 'iw oder 2 ^ 722 x 7 n-ww bearbeitet: denn sie trägt das Datum 4006. Er hat übrigens dieselbe wie viele seiner Schriften in einer zweiten Reconsion überarbeitet (Olisl äossxli zu Genesis 33 Nr. 29). Er verspricht darin die Abfassung astrologischer Schriften. IV. Im Jahre 1147 — 48 verfaßte er nun seine astrologischen Schriften; denn eins derselben, das 271x7 '0 trägt dieses Datum: 72277 2 x 1 2 xi)> .7272 2 x 1 2 ", 222 ws x',-,s. Es sind im Ganzen 8 Schriften, die aus einem Gusse hintereinander gearbeitet sind; denn er verweist von einer auf die andere; er werde diesen und jenen Punkt in diesem und jenem Buche bearbeiten, oder er habe ihn da und da bereits beleuchtet. Sie sind sämmtlich noch Handschrift in mehreren europäischen Bibliotheken: 1) 7,222 n'sx7 oder 21)227 -sssri; 2) 2 ' 2 xs 3) 217127 ' 0 ; 4) 2'7222>7 D; 5) 2 ) 1 x 7 ' 2 ; 6) 77XS2) 2')x2'.7 'o; 7) 77XS27 '2 722)7 2177,22; 8) 2171x2,7 '2. (Ich verdanke dis Einsicht in das Ms. Herrn Or. Jellinek). Sämmtliche Schriften haben in einigen Codices den Gesammt- titel: 2'2v7, 21,212 oder 2i2'2.i2rx '2 (vergl. Orient. Litbl. 1847 00 I. 470 ff. und Michaelas Katalog S. 317). — Wo er diese Schriften verfaßt, und wo er sich damals aufhielt, hängt von folgendem Punkte ab. V. Im Jahre 1152—53 war nämlich sein Commentar zu Exodus (und wahrscheinlich auch zu Genesis) bereits vollendet. Denn mehrere Codices und die Princeps-Ausgabe des Commentars zum Pentateuch von Neapel 1488 haben zum Schlüsse von Exodus folgendes kurze Gedicht mit Datumangabe: .272- 122 7,2' 2"',222 222- 2)2-2 2272x7 7122 2122- 7l)xi 7->2> (Es wird sich später erweisen, daß dieses Datum*richtig ist, und daß man es nicht, wie Einige meinen, in i"', 22 ,i emendiren darf). Als er an das Commen- tiren des Pentateuchs ging, war er 64 Jahre alt nnd eben von einer Krankheit genesen, in welcher er das Gelübde gethan, sich seinem Wohlthäter dadurch 374 Geschichte der Juden. dankbar zu zeigen. Dieses giebt ein*Gedicht an, welches sich in einigen Codices vor dem Pentateuch-Commentar befindet (Oinss Oxtorct Eint. XVI): .rix w' -.'82 122 2.11282 >12122- 2x .12122- 1"1 -22- ->222: 2121 ix Iiiirx 2) .12-11 .122 1'2 I'2ix IIII22 1,112j2!2 122x1 1222 IN 221 1222 1'822 22 .12-12 211 .12122 1.12 > 2'2 11 1822 "212 112 t -82 ' 1112 ' Es ist dies ein wichtiger Anhaltspunkt zur Bestimmung seines Geburtsjahrs. Er hat also im 84 . Jahre die Arbeit unternommen und war mit Exodus im Jahre 1 l 52 — 53 fertig. Bei der Schnelligkeit, mit der Jbn-Esra arbeitete (wovon wir weitere Beispiele kennen lernen werden), darf man zwischen Anfang und Vollendung höchstens ein einziges Jahr setzen. Wo er diesen Commentar ausgearbeitet, muß erst ermittelt werden. Zu Exodus 12,2 giebt er selbst den Ort an, um die Meridianentfernung von Jerusalem bis dahin zu bestimmen. Aber die Lesart ist schwankend. Die sctiüo xrineeps hat die Lesart: m- 21m .122-2- imi i-xi P21 22211' p2 121 '2 21x2- 2'22-2, ebenso las der Vers, des Ostöl «tosepst Einl. zu Exod. In den späteren Ausgaben dagegen heißt es durchweg: (1211, 8212) 8 pii- .122-2-; ebenso haben zwei Codices der Seminarbibliothek lNr. 29 vom Jahre 1476 und Nr. 31 dem Ductus der Buchstaben und den gemalten Figuren nach zu urtheile», noch älter). Woher nun dieses Schwanken? Mir scheint, daß cs sich leicht dadurch lösen läßt, daß Jbn-Esra in beiden Städten den Pentateuch commen- tirt, in der einen die erste, in der andern die zweite Recension. Möglich auch, daß Jbn-Esra selbst die Stadt gar nicht namhaft gemacht, sondern einfach Inn i-x.i geschrieben hat, und die Kopisten ihn hinzugefügt haben, der eine Lucc a. der andere 21111, weil jedenfalls bekannt war, daß er in beiden Städten die Pentateuchcommentarien geschrieben hat. Es würde sich also fragen, ob er zuerst oder zuletzt in Lncca commentirt hat. Um diese Frage zu lösen, muß ich zwei Punkte vorweg als Voraussetzung annehmen, die erst später bewiesen werden sollen: 1 ) daß 21111 nicht die Insel Nhodus, sondern die Stadt Rhodez oder Rodez in Südfrankreich bedeutet, und 2 ) daß er diezweite Ne- cension 1167 vollendet hat. Die Frage müßte demnach also formulirt werden: War er zuerst in Italien oder in Südfrankreich? Durch diese Formulirung ist die Frage eigentlich schon halb gelöst. Denn wir wissen, daß er sich seit Ende 1155 größtentheils in Südfrankreich anfhielt. Er hätte sich also, wenn er die zweite Recension in Lucca ausgearbeitet haben sollte, von Südfrankreich wieder nach Italien begeben haben müssen, was durchaus unwahrscheinlich ist. Die erste Recension ist also höchst wahrscheinlich in Lucca entstanden, und somit ist die Lesart 8,212 1222 i 8 i.i i-x gerechtfertigt. Wie ist aber die andere Lesart entstanden? Zu Exodus hat Jbn-Esra die sonderbare Behauptung ansgestellt, der Ort, in dem er den Commentar schreibt, liege um mehr als 3 Stunden — 45 Meridiangrade von Jerusalem entfernt Nun mag er sich damals in diesem Punkte geirrt haben. Seine Bewunderer aber, welche sich so etwas von ihm nicht denken konnten und auch fanden, daß er in andern (spätern) Schriften die Entfernung richtiger bestimmt hat, setzten vielleicht statt Lucca das westlicher gelegene 21111 (als Rhodez), um den Widerspruch einigermaßen aufzuheben. So mag die Lesart 2111 statt 8 ,212 entstanden sein. Sämmtliche Schwierigkeiten, welche Joseph Ssphardi (in Ostet.lossxst zu Genesis 33 und in der Einl. zu Exodus) aufgeworfen, sowie seine Ausgleichung, daß der Commentar zu Exodus eine Compilation von Jbn-Esra's Jüngern sei, fallen hiermit als unerheblich weg. Man kann also annehmen, daß er sich in Italien mindestens von 1140 — Sä aufgehalten hat. — In Lucca verfaßte er auch astronomische Tafeln, worin er angab, daß diese Stadt von dem äußersten Westen (Algarb?) nur 4 Meridiangrads entfernt sei (OstsI llossxlr zu Genesis a. a. O.): 2,2222 8-2 8,2:2 1218 w 228 8-2222:2 2->-2 8,2:22 22ne- :-n:n:22 nii-po '22 22P22 ;2, was ebenfalls unrichtig ist. VI. Auch aus Folgendem geht hervor, daß er in Lucca war. Joseph Tob Elem Sephardi bezeugt nämlich, daß er zum Schlüsse des Jesaja-Comment. die Worte gelesen habe, er sei 2"p.2.2 - 1145 daselbst vollendet: 228 2-P-2-' reo gwv 22ipb 2",22.2 "i nw' 22^2 2-2 w sin dessen handschriftlichem 2 opstna.b?s.s.nsa.e 1 r, wovon das Osts! ^ossxst eine Abkürzung ist; in dem letztem fehlt der Name der Stadt). Nun kann dieses Datum nicht ganz richtig sein. Denn im Jesaja- Commentar citirt er bereits seinen Comment. zu Genesis (zu Cap. 41 Ende): 2::: MNP 822 w .2-2-822 1202 -22-20 1221, der doch erst 1153 (nach Einigen gar erst 1157 ) verfaßt wurde. Da nun der Psalmen-Comment. damals noch nicht geschrieben war, indem er zu Jes. 2 , 14 und 26 , 4 bemerkt: 2222 2-2-8 -2-82 2-2-22, und dieser erst 1156 fertig war (wovon später), so muß der Jes.-Comment. vor 1156 und nach dem Commentar zu Genesis (und Exodus), also nach 1153 geschrieben sein. Hier paßt das Datum 1155 . Man muß also bei Joseph Sephardi lesen: 2-",222 statt .2",2.2.2, was auch besser im Zusammenhänge seiner Beweisführung paßt. Folglich war Jbn-Esra noch 1154—55 in Lucca, also wohl schwerlich schon 1153 in Südfrankreich. — In Lucca verfaßte er zwei grammatische Werke, wie er selbst angiebt (Lagistu Lsrura. x. 15 ): 2:2-»-2 22' 222-1 2W'2 '2 8,2:2 2'P2: 2-N8:-2 D 82:2 22-222 ,2:2,222 '.2'22 »222'. Das Letztere ist bis jetzt unbekannt geblieben; das Erstere polemisch gegen Dunasch b. Labrat und apologetisch für Saadia, ist einem Jünger Chajim gewidmet: 222 '2' 222- :.282,2 2-82 V2 222282 222 — 2"N V22- 2222.2 22-2. Gelegentlich sei hier bemerkt, daß er vor Abfassung des 8 sxstub (lstsr in Egypten gewesen war; denn er giebt darin an, er habe Dunasch' Teschubot in diesem Lande in corruin- pirter Gestalt gefunden: 2-222 P282 :-.28-->-2 22:2,8 -2 2-2-22- 2:2:2-22 222 2: 22228 228 (zu Ende). VII. Erst gegen Ende des Jahres 1155 treffen wir ihn in Nodez. Hier verfaßte er seinen Daniel-Commentar, wie der Epilog angiebt: 28-:i 202 vbv-: 2:2:2 2">-2 1"'P22: c--28 >-2-8 22-2- P-2-N222; Ülnrolis8rvs.li 4916 — October 1155. Auch im Anfänge des Comment. nennt er diese Stadt, und ans einem Beispiele, das er dort anführt, scheint hervorzugehen, oaß er ihn im Monat Tammus begonnen hat: 2:2:2 u'22- .28:2 2-2-2 2-22-2 >2,22- 2-2 2 -:-o 2222 22-22: 2:>-2- 1:28 2-'2: 1:22 .2-:p.22. Atan hat dieses 2:2-2 immer für die Insel Rhodus gehalten, und auch der Supercommentator I. Tob-Elem nahm es so und konnte sich darum nicht zurecht finden. Ahron Fuld und Kirchheim haben aber das Richtige aufgestellt, daß es Rhodez oder Rodez in Languedoc ist, wie auch ein Suvercommcntator zu Jbn-Esra ausdrücklich sagt: .2022-2 2:2:2 (vergl. Orient. Litbl. 1846 col. 666). Schon daraus, daß Einige lasen 2:2-2 n'22- 2M2 2-22, geht hervor, daß nicht eine Insel, sondern eine Stadt zu verstehen ist. Auch aus dem Comment. zu Daniel selbst ergiebt sich, daß er in Frankreich verfaßt wurde. Zn 1, 16 heißt — r-22: v-2p 22 228 -2 2->-:--.-2 2-822:2 228 v:-8 --::-8 2-->-:-::2r: 2-222: 22222 2-82:2: 22 22:082:. Diese Bemerkung wäre ganz müßig, wenn der Commentator nicht für südfranzösische Juden, sondern für Juden auf der Insel Rhodus geschrieben wäre. Uebrigens scheint unser Daniel-Commentar eine zweite Recension zu sein, denn er muß schon vorher dieses Buch commen- 376 Geschichte der Juden. tirt haben, da er sich im Exodus-Commentar zu 32, 32 daraus beruft, diese Stelle findet sich aber in unserem Daniel-Comment. nicht. Also zwischen n">?nn und :"'pnn — 1154—55 begab er sich von Lucca nach Südfrankreich. VIII. Ehe er Rhodez erreichte, muß er eine der südfranzösischen Seestädte berührt haben. In der That ergiebt sich, daß er vorher in Veziers warl""7iI auch r-nnr, provenyalisch Lsäarrss vergl. xrsuvss zu Va-isstts, distoirs Mudrals äs ImuAusäoe III. x. 61). Denn in diesem Orte verfaßte er das zahlenmystische Werk 8. da.-8s1isua für zwei edle Gönner, wie das Einleitungsgedicht angiebt: rrnw- rD.n n:or n:n:o ni^r r'nnn.n i>r nw' inn r'i'rn man Dinr n'n^r i'N2 na rnirni r'i:n' ID nn:.n' zr srnrn n:n i'rr c"n zr r.nirni *) In Veziers wurde er von gelehrten frommen Männern der Gemeinde mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt, wie Jedaja Bedaresi erzählt: (ni:p za r.nnrn) r.n'in :rrrr :nnip^ rurn: r'i'o.n pinn 'irr nn 2 D ui :isr> u'wrn: (Apologetisches Sendschreiben in Responsa b Aderet). Da er bereits im Daniel- Commentar 8. da. - Loüsru citirt, so muß es vor October 1155 daselbst versaßt sein. IX. Neun Monate nach Abfassung des Daniel-Commentars vollendete er den Psalmen-Commentar ebenfalls in Rhodez. Dieses bezeugt ein de Rassischer Codex (51»>, welcher folgenden Epilog hat: Xdr. lilius LIsir disxauus sxxosui lidruru psalrnorum. Xdsolutus sst anno 4816 ad O. 0. sud äiraiäiurn rusnsis sllul in urlos Ldoäi. 15. Ellul 4ÜI6 — Anfang Sep- rember 1156. X. Kaum vier Monate später hat er bereits die Commentarien zu den kleinen Propheten vollendet, wie der Epilog dazu angiebt: rrnu.n un 'nr>i-> i'pr nru Dam DNir niDp >rr>: ,n:n.2 pr-n: r'rin nprnn nvDr 'iirr.n Nilp za r.iirn a:a:a. i. Tebet 4917 — 16. December 1156. Also in etwa einem halben Jahre hat er die Commentarien zu Daniel, den Psalmen und kleinen Propheten geschrieben! Wir lernen daraus die außerordentliche Arbeitskraft und Schreibfertigkeit Jbn-Esra's kennen. — Ich komme jetzt auf den Punkt zurück, ob der Commentar zu Exodus und also auch zu Genesis im Jahre 1153 oder 57 verfaßt wurde, d. h. ob man mit Rapaport r"'^nn in !"'sr,nn emendircn darf (Geiger's Zeitschrift IV. S. 273). Da er, wie wir gesehen, im Jesaja-Com- mentar (mindestens verfaßt 1155) den Com nentar zur Genesis und im Psalmen- Commentar nicht nur denselben, sondern auch den Commentar zu Exodus citirt, jener aber 1156 vollendet war, so kann es nicht zweifelhaft sein, daß er Genesis und Exodus vor 1157 commenürt haben muß. Die Citate im Psalmen-Commentar aus Genesis und Exodus sind Ps. 149: nrn/r innr- n 2 D" n'Dn-r 'er MD 1 -: irr r'.nin Ni 2 : -z-DN,' 1 'i/ir 'r -ziir r'rn zw-i. Zu Psalm 163, 8: np: nD .2 nDp iDnr nn:in.n nrn ip :i -'irr- N 2 .1112 niDp DiD.nu i'ri.n z 2 :p 2 : rpD.n 'NDis irr: non iru Ni: 'n zun: r:ni i'ri.n Ni 'r :nisn. Dieses bezieht sich auf Exodus 34, 7, wo Jbn-Esra dieses Verhältnis; näher entwickelt. Man ist also genöthigt, die ursprüngliche Lesart r'"?n für Abfassung des Genesis- und Exodus-Comment. sestzuhalten. ^) Die zwei Männer rühmt auch Don Vidal Salomo Me'iri in seiner Einleitung zum Abot-Commentar x. 18 b: z:n .2 zr pnr- 'rn chnrn rin r.n 2 i 'ri ri.n: .nn:n' 'rr ,rn-' 'rn rin: Ni zii 2 zr nr:- 'rir nrnr 'rn i:n.:.n rin :nrn ni.n . r"n 'nr c.nnrn Note 8. 377 XI. Im Sommer des Jahres ll 58 finden wir ihn in England. Ans Verlangen eines jüdischen Mäcens in London verfaßte er sein orthodox-philosophisches Merkchen Issoä Llora-, und zwar in vier Wochen (Epilog in einem Oppenheimerischen Codex, mitgetheilt von Duke's Orient. Litbl. 185 V ool. 3 vl Nr. 16 : (nuv 112') 1221 1I I2ii 'ili'ii N1I7 ;2N N1P11 1'NV p '11S21 2112N UN 2'rin n'72in ,i:v> 117122- 'i niv an ii'2 vivui 112,1 ni'2 ni'viorn 'nv vmeii i' 7 v 12,11281 in'ivi iiv-7 121221 iin.v 7L-.11, d. h. zwischen Mai und Juni 1158 ). Nach einem de Rassischen Codex 314 sei es ein Jahr später abgefaßt). Er muß übrigens schon einige Zeit vorher in London gewesen sein; denn wie er in diesem Merkchen angiebt, hatte er schon vorher für seinen lernbegierigen Gönner einige Bücher verfaßt: -,i2in 21121 ii -.11212- 2-122 uri iviv- v-iri 111121 '.1 NN N1>1 I.vn V"N Nil '2 I'.I'NI '2 N 17?22 ISO li 2H2i "v-s: '17U11 111N. In London hat er auch einen Jünger Joseph aus Madevills (?), wie sein Supsrcommentator in der Einleitung zu Exodus mittheilt: 'ii 127 'i,i 'w vivu 21,12 127 -i.i ->122 1'2V 117:222. ivo rivi 87 12 'isviii ii'iiiv ii'vii i"ii!2.v ^vr un niip )2 2ii2n i"iivv ^21' 'vn 212 'rioi inv-nii .ii2u.iv i?v' um ''°>v .11-212 ivp inr.v: 22 .— . 7"2N1 von -2V 12 17 v'iiniv ,11-2121 iin "2 11722 XII. Am 7 . Dezember 1158 verfaßte er in England (wahrscheinlich auch in London) seine apologetische Abhandlung über den Sabbat, worin er der Ansicht entgegen tritt, daß der Tag und also auch der Sabbat nicht mit dem Abend, sondern mit dem Morgen beginne: 7211 mnv 72,11 v-rin ip'vin ,1222 i'ii 11"1 N1IP ;vn N1P21 '11221 2112N uni ,122 2iiii 21 127 1721N2 ,122 i'i '711 1127 .viipi vi- in7 inn u-p-i M2 pin an ii: mni — pinn '7p nipii -ni '17:2 nnn 1-72 Weil ihm nämlich seine Jünger Schriften iu's Haus gebracht, worin der Satz vorkam, daß der Sabbat in dem vorangehenden Abend gewissermaßen entweiht werden dürfe, sei ihm der personifizirte Sabbat im Traume erschienen und habe ihn aufgefordert, sein Ritter zu werden. Er läßt den Sabbat sprechen: 2-122 g,1'2 'in 1NV11 12N "7'22 21' iiii.2112 221 v'ii: 1111 nii iv'i.i pni ivinv nm ipw 'in vip 'i'i v'ii'rv vivo 22 im irvii iin in i7ii 2-1221 n-7ini .vi'i iin iin li'ii '2 viv> iin vi' iip in uv- 21' ipiv i'i Jbn-Esra ist natürlich entrüstet über diese ketzerische Ansicht und widmet ihrer Widerlegung sein ,122.1 nrn. Merkwürdiger Weise scheint gerade der berühmte Samuel b. Me'rr (2221), Raschi's Eukel, der Vertreter dieser Ansicht zu sein, wie aus seinem Pentateuchcommentar heroorgeht (Fragment in Xsrsrcr Oirsrirsck. VIII. S. 44 ): 2-17.12 2'7 '.i'i nin 21 'i'i ii'i 111 ;nv 2>iv ;'n 1217 111 11 P2 'n 21' viv'l.l '11 1121 11127 li»'2 ii'i iv- 11P12 --P2 '11 11N1 7P-21 P2N1 21' UV' 21' i'i,11 2"1N1 1.VNV' 2-12', und ein Vers vorher: IIN viipi :.ii'i N1P Iv'ini, pv'i -;v uni iin. Manches in der Einleit, zu IZgörsb sig.-8oirs.Ibnt: wird erst dadurch verständlich, wenn man von der Voraussetzung ausgeht, daß Jbn- Esra gegen Raschbam's Ansicht in dessen Pentateuch-Commentar polemisirt hat. Er läßt den Sabbat ausdrücklich sich darüber beschweren, daß diese Ketzerei in einer Erklärung zur Thora ausgesprochen worden: 1.11 .1221 i-v -in ivni pp, i'ii 21,12 2V-1 1111.1 '211'2 2-122 P1'2 in ilviN l'1'.vi.l 1N'21 IL'N in ii 1211 ni: 12v'1 '2'1N 27 .111,11 ,112ii.v viili ,12'v'l 1122 11272 721.V 11IN1 11N1. ,12v'.1 i'i in V"N U2 nv',1. Der letzte Satz: „Du sollst auf keine Persönlichkeit Rücksicht nehmen", deutet hinlänglich an, daß der Urheber dieser Ansicht als eins ange- 378 Geschichte der Juden. sehene Persönlichkeit, als eine Autorität galt. (Herr P. M. Heilperin, in Nordamerika gestorben, hat mich zum Theil auf diese Bemerkung aufmerksam gemacht). Könnte man sich dieser Vermuthung hingeben, so würde daraus hervorgehen, daß Samuel b. Meir seinen Pentateuch-Comment. um 1158 verfaßt hat, da Jbn-Esra's Polemik angiebt, erst Tages vorher sei ihm der Comment. zugebracht morden, er hat ihn also während seines Aufenthaltes in Südfrankreich und auf seiner Reise nach England noch nicht gekannt. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß Jbn-Esra's Comment. zu Exodus, der jedenfalls vor 1158 verfaßt ist (o. S. 411) bereits gegen diese Ansicht von dem Beginne des biblischen Tages mit dem Morgen polemisirt (zu Exod. 16, 25): wnr: n)' 8 n: nau'.i an r"n ^wen n: -ra-ia w'I-ne'.n nueu >non nur: iiaa an an np pe'nn an -a — anüia — Nr: -nn. Im Verlauf bringt der Comment zum Theil dieselben biblischen Beweise gegen diese Ansicht, wie im Iggsrsb da, - Lokrabdab heran. Ein Glosscm eines seiner Jünger kann diese Stelle nicht sein. — Entweder auf dem Wege von Südfrankreich nach England oder auf der Rückreise wurde Jbn-Esra mit R. Tarn bekannt und correspondirte mit ihm, wie aus den Gedichten in Gawison's Omer Iis,- 8 ostikstlllia. bekannt ist. XIII. Der unruhige Geist hielt es nämlich nicht lange in England aus. Denn im October 1160 stellte er in Narbonne das Horoscop für ein neugeborenes Kind (in der Sammlung seiner apologetischen Schriften abgedruckt in Lolisbö Nsorob p>. 4): an V r>aa' ana nne'unn nru'.n pa pu'unn p5ria imaa.n n7u an um: achv nu'iAb nnm a'ne'xi a'eru npann nue' pa'nia a:wn:-pna ,mn: ai-a:8n paa'N? anm a'paan ama paam pa-na.n -nann: nuan: nana ^n- nrnn npi> z,?-.n :2 8a- —- 2 ">n n:ch. 2 .n 'xan nnnn 13. )Is.ro1rsso1ivLlr 4921 — 15. Oct. 1160. Zu dieser Zeit war er in Narbonne. Auch hat er daselbst astronomische Tafeln angelegt, wie Joseph Sephardi bezeugt (zu Genesis 32, 32): Twnane n:araa nnai) n'p i>p ->ana- mn^n isaa: rr. 8 xa n"v a'rani' znm -a aan. Möglich, daß darunter die Albatinischen Tafeln zu verstehen sind, die er (nach einer Notiz in de Rossi's äirünaiio sborioo I. x. 64) im Jahre 1160 übersetzt hat. XIV. Vom Jahre 1160 bis nahe vor seinem Todesjahre verliert sich die Spur seiner Thätigkeit. In der letzten Zeit seines Lebens vollendete er nämlich noch zwei Werke, die uns seinen Aufenthaltsort in dieser Zeit ermitteln helfen. In zwei vatikanischen Codices (Nr. 39 und 240) befindet sich zum Schluß des Pentateuch-Comment. ein Gedicht, welches angiebt, das; er ihn im Jahre 4927 vollendet hat (abgedruckt in Kraft und Stern's hebr. Catalog der Wiener Bibliothek und in Lippmann's Lsplrab Dsbsr Einl. S. 22): a>v:a 'S 27 nn> inia aaria.-n NMPI a'nron 72 aL'r 7:7 enr? r:"aa 7 , 27:7 na 77 uaa 2'77">n 72 V 7 : 7 : nm:a 7777 a'sdn n'-anna nnr>777ni a'awn n:,arn ,N7L' P77 n:a- '7:72 27 7NN77 'L'w n77' .L'NINU 2.: 2'7>:7P 7U77"7 NN777 N272 272 272 Der Monatstag ist dunkel, vielleicht am OIi8.iiu1rg,-Feste (nnns: . 72:2 272 ), da er an Purim desselben Jahres bereits hingeschieden war. So bestimmt aber auch das Jahresdatum ist, so zweifelhaft erscheint der Ort der Abfassung. Wir müßten nämlich nach den; Buchstaben annehmcn, daß Jbn-Esra im Todesjahr wieder in Rom gewesen sei. Dagegen sprechen nun folgende Momente. Nach einem de Rassischen Codex (314) hat Jbn-Esra sein letztes grammatisches Werk Note 8. 379 Jnxsts. Lsrurs. in demselben Jahre nnd ebenfalls in Nom vollendet. De Nossi bemerkt zu dieser Nr.: Lotg-näurn guoc^us snnt, c^nus snd strrjns lidri änsn: in nostro ooäiss ossnrrunt, unotoris vsrbu st vsrsns, tssts-ntis ss snrn Lonaus ulzsolvisss Isriu ssxtu . . . unno 4927 . Aus dem Inhalt des Luxliu Lsruru läßt sich aber mit Bestimmtheit annehmen, daß er es keineswegs in Rom abgesaßt hat. Dieses grammatische Werk ist nämlich für einen Jünger Salomo verfaßt, weil dieser die vier altern grammatischen Werke Jbn- Esra's nicht auftreiben konnte. Jbn-Esra rcferirt das selbst und bemerkt dabei, an welchem Orte er seine frühen: grammatischen Werke abgesaßt hat, und spricht dabei von Rom, wie von einer Stadt, in der er sich damals nicht befunden hat (sä. Wien p>. 161 , 7 ec> '7 a:r >7 po irm nr-a'v NN1 NV720 -narr, 7:rv' 7wro chnv-7 .vvzon PU'7.7 ,o:7,27 w 7':.77 - 2 ->'V oirn L.n a.72 w an i:c >'.7 '2 ammori '0 /w: 'ob 7 >- .-n>" 7 : 2:227 -22:2 '2 2-7222 v2 nch n 2227 Wäre 8 . kZsrnru in Rom verfaßt, so Hütte der Verfasser sagen müsfein 22:7 n-.nv' ,2x12 2V722 2'vn.v2 '2 mar,an anpo. Er war also im Jahre 4927 , wenigstens zur Zeit der Abfassung dieses Werkes, entschieden nicht in Rom. Man kann noch einen Beweis hinzufügen. Er giebt ai: einer Stelle an, daß Raschi's unexegctischs, auf die Agada gegründete Bibelerklärungen in der Gegend sehr beliebt waren: 777 ?> .2:2 2272 ni.2: 227 w 7 >- z":22 ense- .2272- 7772 .2-7222 27.12 :? 722 - '2:21 uns. Nun waren wohl schwerlich Raschi's Commentarien etwa öl> Jahre nach seinem Tode in Italien so sehr verbreitet, wohl aber waren sie es in Frankreich, auch in Languedoc. Die Lesart -2:22 in dem de Rossi'schen Codex ist entweder ein Versehen von de Rossi oder eine Corruptel vom Copisten. Kommen wir wieder auf das Gedicht zum Schluß des Pentateuch-Commentars. Das Datum ist da auch nach den Mondcyclen angegeben, das 240 te, aber es ist falsch, wie schon Lippmann nnd Edelmann bemerkt haben. Es muß heißen o"i statt 2-2. Aber dann paßt der beigesügte Eleichklang 22:72 2"7 nicht. Dian muß dann eine Stadt dafür substituircn, welche dieselbe Endung hat, entweder 2-7722 oder 07172. Erinnern wir uns, daß es bekannt war, Jbn-Esra habe den Pentateuch in Lncca und Rhodcz commentirt, so bietet sich die Lesart 07:7 von selbst dar. Man mühte also lesen 22172 o "7 7-12-27 -2-2- 222-. Weil nun der Copist 2"i gelesen hat, machte er daraus das Tegnis -12122 . Demnach war Jbn-Esra im Todesjahr nicht in Rom, sondern in Rhodez. — Dasselbe ist wohl der Fall mit dem mystisch- philosophischen Büchlein 27122 21712, das nach Bartolocci ebenfalls im Jahre 4927 und zwar zu Rom verfaßt sein soll. Vergl. IVolt) Lidliotlrssu I. p. 47 : III. x. 75 und äs Ross: äi^ionurio sboriso. Der im Jahre 4927 vollendete Pentateuch - Commentar ist die zweite Re- cension (.2-22- 12211), wovon jetzt der Theil zu Exodus edirt ist (Prag 1840 ). Die zweite Recension unterscheidet sich wesentlich von der ersten durch größere Kürze und durch den Wegfall vieler grammatischer Bemerkungen, weil Jbn-Esra diese in seinen grammatischen Schriften bereits gegeben Hatto. Rapaport hat richtig bemerkt, daß der Commentar zu Genesis in den Editionen ebenfalls zur zweiten Recension gehört (Geiger's Zeitschrift IV. S. 269 ff.) und wohl auch der zu Numeri und Deuteronomium, welche sich ebenfalls durch größere Kürze auszeichnen. Ein weitläufigerer Commentar zu Genesis, der sich in der Michael'fchen Bibliothek befindet (Katalog Nr. 616 ), stammt sicherlich von der ersten Recension. Alle Widersprüche, die man bemerkt hat, sind auf die Verschiedenheit der Recension zurückzuführen, und man braucht nicht mit Joseph 380 Geschichte der Juden. Sephardi anzunehmen, daß der längst edirte Coinmentar zu Exodus von einem Jünger Jbn-Esra's angelegt sei. Wenn nun der edirte Coinmentar zu Genesis der zweiten Recension angehort, so kann er nicht in Lucca verfaßt sein; denn, wie schon vorausgeschickt, befand sich Jbn-Esra im letzten Lebensjahre nicht in Italien. In der Bemerkung zu Genesis 32 .-uev'i L'w'rn ni iio 'iwo'nir nniv.i ,in>, ist der Name der Stadt sicherlich Glossem, herübergenommen aus Exodus der ersten Recension. XV. Wenn Jbn-Esra im Jahre 4927 zwei Werke vollendet hat, den Pentateuch-Coinmentar zweiter Recension und Leepüs. Lsrurs., wie konnte er in diesem Jahre gestorben sein? So fragten sich die Chronographen und folgerten daraus, daß er ein Jahr später gestorben sei, 4928 — 1168 (so Isaak Israeli in 3ssc>ä Olarn und Zacuto in choodusiu; die Zahl 4968, welche bei dem letzteren vorkommt, ist keine Variante, sonder» einfach eine Corruptel, indem das o von '.-i ausgefallen ist). Wir besitzen aber eine ganz authentische Notiz (zum Schlüsse einiger Codices des Pentateuch-Commentars), daß Jbn-Esra dennoch in demselben Jahre gestorben ist, in welchem er die zwei genannten Werke vollendet hat. Sie lautet: pn ore? pL'ui -na p L-rm :n' rn'iw (n--^r b"r) onr': rroi n"p f2 mm b"> »-07 -I» ML' . Diese biographische Notiz ist authentisch; denn sie befindet sich in einem Wiener Codex, in zwei vatikanischen Codices Nr. 39 und auch Nr. 29 l eorrsotis oorriAsnäis; vergl. de Rosst, äi^. störte» I. 124 a). Auch Zacuto hat sie zum Thetl gekannt und tradirt in Folge dessen: pn an ->in n"-: Eine so bestimmt gehaltene Notiz, welche Jahr, Monat und Tag so genau fixirt, mutz dis Kritik respectiren, zumal da die Data auf keine andere Jahresform passen. Was Edelmann dagegen eingewendet hat (Oioss Oxt'orä XVI. not.) ist von keinem Belang. 1 Xäa-r I. 4927 entspricht dem 23. Januar 1167 am Montag. Da er nun im Beginne des christlichen Jahres gestorben ist, so hat er die letzten zwei Werke nicht in demselben christlichen Jahre, sondern zwischen dem 29. August 1166 (mit welchem das jüdische Jahr 4927 damals begann) und 23. Januar 1167 vollendet. Wenn Assemani im vaticanischen Codex gelesen haben will, Jbn-Esra habe seinen Pentateuch-Commentar Xd 4967 vollendet (oataloAUS oockiourn. Vatiouiii x. 29), so hat er sicherlich falsch gelesen. Es ist also nichts im Wege anzunehmen, daß er Januar 1167 gestorben. Die von Zacuto angeführten 3 Varianten in Betreff seines Todesjahres stehen damit nicht im Widerspruche. Die Variante beruht, wie schon gesagt, auf einer Combination, die zweite n"p.in auf einer Corruptel, und die driite hält Zacuto selbst für ein Datum für einen ändern Jbn-Esra. — Der Ort, wo er sein Grab gesunden, ist wohl sicher, wie ihn Zacuto angiebt, Calahorra: denn daß er in Palästina begraben sei und gar zusammen mit Jehuda Halewi, ist sicherlich eine Sage. Auf einer Reise in Südfrankreich nach seiner Heimath mag er in Nordspanien dem Alter erlegen sein XVI Es bleibt noch die Notiz zu beleuchten, daß Jbn-Esra im 75. Lebensjahre gestorben, und daß er witzig einen Schriftvers darauf angewendet. Der Werth dieser Notiz hängt natürlich mit der Fixirung seines Geburtsjahres zusammen. Nach Nr. V, hat er den Coinmentar zu Exodus (erste Recension) 1153 vollendet und war beim Beginne des Commentirens 64 Jahre alt. Diese beiden Data stehew unerschütterlich fest. Nehmen wir au, daß er bei seiner Schnelligkeit i»i Arbeiten mit dem Commcntiren von Genesis und Exodus ein Jahr zugebracht hat, so war er im Jahre 1152 64 Jahre alt, und war geboren Note 8. 381 1088. Es stimmt damit, das; er sich bei Abfassung des 2av1rot: (1145) ;pi nennt, da er den sechziger Jahren nahe mar. Auch in seiner Satyre spricht er von seinen 2 -- 21 P 12 - 2 -, als von einer ihm entrückten Zeit. Ist er nun 1088 oder frühestens 1087 geboren und starb 1167, so wäre er 79 oder 78 Jahre alt geworden, da man bei Zeitrechnungen mindestens ein Jahr fallen lassen mutz. Jene Notiz würde sich also nur darin bewähren, das; er als Siebziger gestorben ist. Sie mag auch ursprünglich so gelautet haben: 2 - 2-22 p 2 . 122 m 211221 oder >- 221 , aber die Tradenten, welche sein letztes Wiywort mit dem Bibelverse nach allen Seiten hin passend machen wollten, mögen die Einheiten verwechselt haben. XVII. Resumiren wir nun die gefundenen Resultate: 1087 oder 88 Geburtsjahr Jbn-Esra's 1140 in Rom; Commentar zu 5 Megillot zu Hiob und Nosnairn. 1140 — 45 Salerno; Satyro 212 2 - 2.2 2121 . 1145 Mantua; 2ae1rc>t!, über Astrolab. 1148 astrologische Schriften; Italien, Ort unbekannt. 1152 — 53 Lucca; Commentar zu Genesis und Exodus (erster Recension). In Lucca auch astronomische Tafeln. 1155 Lucca; Commentar zu Jesaja. 1155 — 56 Beziers; Lsksr Ira-8eirsrn. 1156—57 Rhodez; Psalmen-Commentar, Daniel, kleine Propheten. 1158 London; ^ssock Hloislr, IZAsrsd 1rs.-8viis.1i1ia.t1r. 1160 Narbonne; astronomische Tafeln. 1166 Rhodez; Pentateuch-Commentar (zweiter Recension), 8sx1is Lsrnra. 1167 Tod. XVIII Bis jetzt haben wir Jbn-Esra's Wanderjahre seit 1140 bis zu seinem Tode verfolgt. Die nächste Frage rst, wann hat er sein Geburtsland verlassen, und welche Länder hat er außer Italien, Frankreich und England gesehen? Geiger folgert aus einer Notiz, er sei noch nach 1139, also mindestens um 1140 in Spanien gewesen (Divan des ^.liril Hassan 129 f.); folglich mutzte Jbn-Esra unmittelbar von Spanien aus nach Rom gereist sein, da er 1140 in Rom war. Aber wann war er in Afrika, Egypten, Palästina und in noch andern Ländern? Diese Frage hat sich noch Niemand klar gemacht. Die Quelle, aus welcher G. diese Combination schöpfte, sagt aber eigentlich das nicht aus, was er daraus lesen will. David b. Joseph aus Narboune fragte nämlich Jbn-Esra unter Anderm: Wie es denn komme, datz im Jahre 1139 die Differenz zwischen dem jüdischen Passahfeste und den christlichen Ostern beinahe 4 Wochen betrage, worauf ihm der letztere eine Antwort ertheilte. Daraus wird nun gefolgert, daß die Anfrage nach 1139 geschehen sein müsse, und daß sich damals Jbn-Esra noch in Spanien befunden habe. Das Letztere ist richtig, aber aus dem Text geht gerade hervor, daß die Anfrage vor 1139 aufgeworfen wurde. Nehmen wir zuerst Jbn-Esra's Antwort: 2N122 2L1P.2 2-22 2"r,22 2-S2S -2 .212- tt'2 2"12 2N222 1"' 2122 .2-12-2! 8>- .2012.22! 21:228 2.-12 2121 ;i 21 20 - 12 ! 2 P 12 2 - 22 . 2-2 (8o1rsts öa-Nsorot. S. 1). Das Jahr 4899 war also zur Zeit der Anfrage noch nicht eingetroten, und David aus Narbonne interessirte es nur zu wissen, wie es kommt, datz nächstens eine so große Differenz eintreten wird. Die Anfrage mutz in demselben Sinne gefaßt werden: 222 p 22 2121 2 - 22 -»- 22 2 P 12 pn 1182 2222 12 pi 2-2 >222 . 2-122 22 N 221 2 - 2 - 21 P 112 2 P 22 S 2 212 p 2-.28122 211222 (das jüdische Fest fiel nämlich im Jahre 1139 auf de» 18. März, und die christlichen Ostern auf den 16. April). Offenbar 382 Geschichte der Juden. muß man in der Anfrage analog der Antwort i-i- > 111:2 emendirsn statt: >"2 1- i. Die Anfrage kann also lange vor 1139 gestellt worden sein. Es bleibt demnach Raum zwischen seinem Aufenthalte in Spanien und seiner Ankunft in Rom. In diese Zwischenzeit fallen seine weiten Reisen. XIX Daß Jbn-Esra in Afrika war, erzählt sein Jünger Salomo Parchon (Einl. p. I): -p'irsi P"L> Slip ;2 2112s -11 i"i -12.1 11:1- -1 1S2L-21.— In Egypten war er ebenfalls und fand dort Dunasch b. Labrat's Polemik gegen Saadia ( 0 . S. 375). — Daß er in Palästina war, sagt er selbst: 15 Weise von Tiberias haben ihm geschworen, daß sie einen Bibelcodex mit außerordentlicher Sorgfalt drei Mal durchgelesen haben (zu Exodus 25): .1-12-2 '221 2,1.2122- miss -i-si .11:22 IN 2-..12 1-11 111P2 12! 11:2 12 112.121 2-L>-> L>iLL 1-1.2I.-2 1L-P 12-21 ;-->-2L--i 2- i 12---21 12121 1120 '1202 122 -1S2!2 sil iL--,--i. Jerusalem selbst hat er nicht gesehen; denn er begeht manche topographische Schnitzer, die einem Augenzeugen nicht passiren dürfen, was selbst seinen ihn hochverehrenden Supercommentator Joseph Sephardi befremdete. Jbn-Esra identificirt nämlich den Gihon der Vierströme mit dem Nebenslüßchen Gihon bei Jerusalem (Genesis zur Stelle). Er verlegt den Berg Zion auf die Nordseite Jerusalems, während er gerade in der entgegengesetzten Richtung liegt (zu Ps. 48, 2). Joseph Sephardi rechtfertigt ihn damit, daß er bei Abfassung des Genesis- und Psalmcommentar's noch nicht in Jerusalem gewesen sei und die Reise dahin erst spater angetreten habe: p-,22 ;i-2 11 '2 11111 iroi ip L-ii-,2 1:2.1 xsi isiL" pis:2 211.2 P 1-2 '2 --: 2 s, 2.1 11111 L-.i-r i2ir> 11s pi isiL- pisi .12 si 2112s -1 '2 '1--P2 1,112 iilli 2-2211- 11111 LII-L 1212- 111 21 '2 2-2L11- 111 lir- 1111 111 — 11111 "2 (Oirsi doss^ir zu Genesis Nr. 119, zu Leviticus Nr. 16; 2oxirirab i?ÄS.irss.vlr Ns. I. 17 vsrso 119 v). Dem ist aber nicht so; denn der edirte Genesiscommentar gehört, wie schon angegeben, der zweiten Recension an, und diesen hat er kurz vor seinem Tode vollendet. Folglich hatte er bis dahin, d. h. nie Jerusalem gesehen. — Er scheint auch in Irak gewesen zu sein. Wenigstens geht dieses aus einer Angabe hervor, wo er sämmtliche Länder aufzählt, die er selbst gesehen haben mag (zu Exodus 25, 18): 1121.22, iis -ros 1212 ii-2- 112P2 1:211 ii 11222 im 2-82-s ;2i — 211:22 12-2 ps '2 2-112, 2-ssiii 12 '2 2,'IP -12 iirsi (s-ii2-s) 1221 0121 isiL" P1S1 SP-12S21. Zu Exodus 16, 3 erzählt er, er Habs Manna in einem Lande gesehen, wo es stets in den Frühlingsmonaten fällt. Der Name dieses Landes lautet in den Ausgaben 1-2-is, in den Codices (der Seminar- Bibliothek) lautet der Name dagegen 112-s; also war er auch in Assyrien und Persien. — Sein Sohn Isaak dichtete in Bagdad, im Jahre 1143, ein überschwengliches Loblied auf den Arzt Natanael Hübat-Allah b. Malka (abgedruckt in Xoolrbs di. 2 virs.lr Wien 1858 S. 23, Graetz Blumenlese S. 125): 1'1122 S11 1122 1222 IL'S 1-1212 2112S 122 .212' '2S 1-11LM 122 -i.S 11,2 ILM Slip- S1I-, 1-2 1-SL 1-2 .1-12M2 2"21 1S122 1-P2 p'22 11212 12"1S 1-L- 1454 8slsrreräs.rcriri — 1143. Wenn dieser seinen Vater auf seiner Reise nach dem Orient begleitet hat, wie es den Anschein hat, und er in Bagdad zurückblieb, so fällt diese Reise vor 1143 und, wenn man berücksichtigt, daß der Sohn sich daselbst bereits cingelebt hatte, mehrere Jahre vorher. Man kann also annehmen, daß Jbn-Esra, ermüdet von seinen orientalischen Wanderungen, nach Rom 1I4V kam und dort Ruhe fand. Dieses liegt auch in den Worten seines Gedichtes: . s:211 is S2 -1p 11-22:2 112-2 112 12 1S21 Note 9. 383 In seiner Satyre, welche wie angegeben, zwischen seinen Aufenthalt in Rom und den in Mantna fallt, klagt er schon, das Wandern habe seine Kraft geschwächt, seine Gedanken geraubt und seine Sprache gelähmt: .2'pnna 2'212S >112'71 '2 er': '11'72 71211 'IM 2'21 2121 Man geht daher nicht fehl, wenn man den Anfang seiner Reise zwischen 1138 und 4» ansctzt. Damals war er bereits den öder Jahren nahe. Schriftstellerisches hat er bis dahin nichts Nennsnswerthes geleistet. Denn die Werks, die ihn unsterblich gemacht, hat er, wie sich gezeigt hat, erst in Italien und Südfrankreich im Mannes- und Greisenalter versaßt. Sagt er ja selbst, daß er in der Jugend nur Lieder gesungen hat: .2',7:72 morn 2^271 im-2 'i'i'ri 2'2i7i2 2'i-V Möglich, daß er kleine Schriften, welche weder Datum- noch Ortsangabe tragen, vor seinen exegetischen und grammatischen Hauptarbeiten verfaßt hat. XX. So hat das arithmetisch-mystische Oxusviilnln, welches den Doppeltitel 02220 0221 21.11 '22 führt (Handschr. in mehreren Bibliotheken, gedruckt in Losts.st's ässosturrua I. p. 3 ff.) den Vers: .111202 22N1 2'12> p-2,2 2'M2 112 221 22M Vergl. Michaels Katalog S. 317. — Auch citirt er das uni im 22>i '2. Das uni '2 ist wohl auch identisch mit dem 02122221 '0, wie Assemani bei äs Nossi, äimonurio sust voos bemerkt. Zu unterscheiden von diesem Merkchen ist ein anderes unter dem Titel 2222 212', welches den grammatischen Gebrauch der Zahlwörter behandelt (Handschr. in mehreren Bibliotheken). Mindestens zwölf kleine Schriften werden Jbn-Esra beigelegt, deren Echtheit jedoch zweifelhaft ist. Ihre Titel lauten: 1) 12211 22221 12121 1112-,", 2) MM'i 272'; 3) p',22 p 'i; 4) mier/i '2; 5> M2221 ,iu"- '2; 6) 22- 212; 7) ,2i'iin 11121 212; 8) 1122 i'2; i>) p'111 '2, diese sämmtlich philosophischen oder mystischen Inhalts; 10)117221 222221 11-71 '27m, astrologisch; 11! 21271'2, kalendarisch) 12) 7"2sn7 imsu '2 1111211. Die ersten drei Nummern (von denen 1 und 2 in Xsrsna Ostsrnsä IV. und Lstrüsl abgedruckt sind, und Nr. 3 öfter edirt) sind sicherlich unecht. Es ist eine Beleidigung für Jbn-Esra, ihm diese Machwerke ohne Spur von Geist zu vindiciren. Ihr Inhalt ist ganz gegen seine Gedankenrichtung, wie schon Luzzatto und S. Sachs zum Theil bemerkt haben (Dstm1g.ii XI, XIV, Xsr. Ostsrnsä VIII, 88). Die Echtheit der übrigen Schriften, theils handschriftlich und theils nur vage angegeben, kann erst durch Autopsie ermittelt werden. 9. Die Judenverfolgung in Dork und Kray. Ephraim von Bonn, welcher ein Martyrologium seiner Zeit vom zweiten Kreuzzuge bis zum Jahre 1190 geschrieben hat (gedruckt als Beilage zur deutschen Uebersetzung des Dwsst Hs.sts.vsts,, Leipzig 1858), berichtet auch über die überschriebenen Judenverfolgungen. Aber dis Handschrift, der dieser Konteros entlehnt ist, hat eine stark corrumpirte Gestalt, und der Text bedarf der nachhelfenden Hand der Kritik. Namentlich müssen die Data berichtigt werden. Er giebt nämlich an, die Verfolgung in Uork habe im Jahre 1191 stattgsfunden, und zwar am Sabbat vor dem Pnssahfeste, dem großen Sabbat (S. 10): 22m 1->11 211 171 71221 122'2 N2U72M2 22M '1"22!1 2"/2 '1 27 ^7 2'7'1'2 1.12 K"1211 112'2 ^2 384 Geschichte der Jude». ,1122: 212": 2:2 au i"i.i iwri .112,11 1^2 is 11121 rvu-ii ouni. Der zeitgenössische Annalist aber, Wilhelm aus Neubury, welcher diese Judenverfolgung in England ausführlich beschreibt, setzt das Gemetzel in Dort ein Jahr vorher, nicht lange nach Richard's Abreise nach Frankreich, um die Rüstungen zum dritten Kreuzzuge zu treffen Des Tages Datum ist bei ihm wie bei Ephraim dasselbe, nämlich das Ende der Verfolgung und namentlich der Belagerung der Burg von Jork am Sabbat vor dem Palmsonntag: saus tsurpors äorninisss xss- sionis, xriäis soilisst snts äorniniosin pslrnsrurn Palis, Udorsois (äuässis) sontigsrunt (rsrnrn ^.u^liasruiii Iiistoris IV, 10 Ende, in Catnat's rsru.ru Lribauuissruru ssriptorss vstrrstiorss, Lyon 1587 ). Auch der Zeitgenosse Radulph de Diccto setzt diese Verfolgung an im Jahre 1100 und näher am 17 . der Aprilischen Calenden: ssxtirno ässiino sslsnä. ^.pril. sxuä Dlio- rsouru, siout äisitrrr, Isrs cjuiuASirti nsoi trsäiti surrt (äuässi), urutuis ssss vulusridus sxxstsntss (irnsZinss drstorrsruiu in Twysden^s lristoriss XnAliosnss soriptorss ässsrn p>. 051 ). Halten wir die Angabe fest, daß dis Verfolgung einerseits am iiiri 122, andererseits am Sonnabend vor dem Palmsonntage, und zwar im März, stattgefunden hat, so wird sich Jahr und Tag genau ermitteln lassen. Im Jahre 1191 kann das Factum nicht vorgefallen sein; denn damals fiel der große Sabbat auf den 6 . April. Dagegen traf er im Jahre 1190 auf den 17 . März, gerade auf den Sabbat vor dem Palmsonntag. Bei de Diceto muß man demnach emendiren XVII. Oslsnä. I 4 xri 1 . in XVI. Das Uebrige, was Ephraim darüber berichtet, stimmt mit den Angaben Wilhelm's aus Neubury überein. In Betreff der Zahl der Märtyrer weicht er von de Diceto ab: dieser hat 500 , Ephraim nur 250 . Ephraim's Angabe in Betreff der Verfolgung in Bray läßt sich beleuchten aus Rigord's Bericht über denselben Vorfall (äs Zsstis 1 ?Iülixp>i. bei Onolissns V, und Lorugust, rsousil XVII). Das Jahr ist bei Ephraim nicht deutlich angegeben, wohl aber Monat und Tag, an welchem die Gemeinde zu Bray den Mörder eines Juden hingerichtet hat, in Folge dessen Philipp August inter- venirte und ein Blutbad anrichtete. Es heißt bei ihm: i'p2 ins p2i 12 121 w 1212 ii>2 12p i',i 121111 pisi 1122 in ipp2i i'2iig> mi2i iis 'in' .12122 12m 2""'i2 121 2""'12 in S21 — 1212 zi:2 PV2-1 , M112 21'2 mini 1211,1 mini 1112> ni )11 a'ii.i'i nn ^112-i. Aus Rigord läßt sich das Datum genau fixiren. Er berichtet: Philipp August hatte während seines Aufenthalts in St. Germain am XIV. Oslsnä. ^.xril. 1191 erfahren, daß die Juden in Bray mit Erlaubnis; der Gräfin von Champagne einen Christen wegen angeblichen Mordes hingerichtet hätten, und eilte dahin, um strenge Strafe zu üben: sjnsäsrn snni ( 1191 ) XIV. Gslsnä l 4 pri 1 . iklnlixpus rsx sxistsns sxnä Lsnotsrn Elsr- rnsnsrn äs I-sis, srräibs oususäsrn Olrristisni inorts lAvorninioss s ärrässis xsrpstrsts — suliito-itsr srripurit — sb sä Osstrrrin. (guoä Lrsisrn voosnt vslovitsr volst — piositis oustoäibns st sonipirslrsnsis änässis ootoZints st so srrrxlius Isoit sornliuri. Oonribisss srnrn (Osru- psnlss) ixsius Osstrl rnsZiris änässorunr rnunsribus oorruxts — trsäi- äsrst sis «gnsnäsrn Olrristisnurn oui t'siso irnp>onsl>snt lurtuirr st liorni- oiälurn; XIV. Oslsnä. Xxril. — 19 . März 1191 ; Purim fiel damals auf den 12 . März. Also 8 Tage nach der Execution büßte die Gemeinde von Bray dafür, daß sie mit Erlaubniß der Landesfürstin einen Mörder hinrichtete. Die Strenge, mit welcher Philipp August verfuhr, läßt sich aus Ephraims Angabe erklären, weil der Hingerichtete Christ sein Unterthan war: 112 12p .111 »211.1: os-w. — Die Zahl der jüdischen Märtyrer in Bray giebt Wilhelm Brita (a. a. O.) genauer an: (jnotcsnot s-pnici 1Zrs.ks.ni ikuckssos rsxpsrit, ornnss lAni supposito Oorrrini priMl inoiiisrsvib Kona-Aints, iiovsm-— — Merkwürdiger Weise spielt im Texte non Ephraims Martyrologium ein Rabbi Jom-Tob in beiden Verfolgungen zu Port und Bray dieselbe Rolle. Er schlachtet ungefähr 60 Personen mit ihrer Einwilligung, um der Taufe und der Beschimpfung zu entgehen. Bei dem Vorfall in Jork heißt es: i"i>n ww,"i L'INU cui wvr: 'sr rre> wo, und ebenso bei dem in Bray: ->"->7, 7:2'»': llw.n nw dp oorpm rrr: Dr umvn h"rr an. Es ist gar nicht denkbar, daß gerade bei beiden Vorfällen eine Person desselben Namens die gleiche Zahl zu Märtyrern gemacht haben soll. Noch mehr; der Rabbi Jom-Tob, von dem hier die Rede ist, ist sicherlich identisch mit Rabbi Jom-Tob aus Joiguy (m ',2 r:r> an n) unv mit Rabbi Jom-Tob dem Heiligen oder Märtyrer (L'iipn wu rw N; vergl. Tossafot Joma 48 s., Lsritot 14d, o. S. 406). Ist dieser nun als Märtyrer bei Dork gefallen, so kann er nicht dieselbe Rolle als muthiger Vollstrecker der Selstcntleibung in Bray gespielt haben. Ist er aber in Bray 1181 umgekommen, so kann der bei dem Vorfälle in Aork genannte Rabbi Jom-Tob nicht identisch sein mit dem Märtyrer. Offenbar ist der Passus: wr-si 'oo umn". a" Win inopv ein Isxsus oslsriri eines Copistcn, der ihn an Unrechter Stelle angebracht hat. Welches ist aber die rechte und welches die Unrechte Stelle? Äus einer Bemerkung von Wilhelm von Neubury läßt es sich einigermaßen entscheiden. Er bemerkt nämlich (a. a. O. IV, 10) bei dem Vorfall in Jork: erst idi ssnior IsZis Isinosissimus äoetor, csiri sei äoasuckos Uncissos ^.NAliosiros sx xsrtilrus vsnsrsb trsnsinsriiiis. Dieser hat die in der Burg eingeschlosseneu Juden von Jork überredet, sich selbst zu entleiben, und hat zuerst Hand an sie gelegt. Es war also ein Franzose und nichts ist dagegen, daß es Jom-Tob aus Joiguy, der berühmte Tossafist unv Märtyrer war. Es läßt sich wohl denken, daß dieser Rabbiner der angesehenen und reichen Gemeinde von Dark gewesen war. Was sollte er aber in der ganz winzige» Gemeinde Bray gemacht haben? 10 . Die genau fieirte Chronologie der Itinerarie» des Kenjamin non Tudela und des potarhjn non Regensliurg und einige davon abhängige Daten. Der Schatz von historischen Thatsachen, den die wpor, des Benjamin von Tudela und das rwo R. Petachja's von Regensburg liefern, kann nur dann richtig verwerthet werden, wenn die Jahre, innerhalb welcher ihre Reise fällt, genau fixirt werden. Diese Präcision lassen aber die sonst vollkommen ausgestattete Asher'schs Ausgabe von Benjamin's Jtinerarium und auch die anderweitigen kritischen Arbeiten darüber vermissen, obwohl der ganze gelehrte Apparat dazu von namhaften Gelehrten fleißig zusammengetragen wurde. In Betreff des R. Petachja fehlt die kruische Untersuchung überhaupt; die genaue Fixirung der Reisezeit ist um so nothwendiger, als die Notizenjäger viel Gewicht daran gehängt und die Data zum Ausgangspunkte chronologischer Unbestimmtheiten gemacht haben. Sie geben an: diese und diese historische Persönlichkeit war Gractz, Geschichte der Juden. VI. 25 386 Geschichte der Juden. zu dieser Zeit an dein und dem Orte, da Benjamin ihrer in dem Jahre nicht erwähnt. Es kommt also dabei ans Präcision an. Die Hauptmitarbeiter an Benjamin's Jtinerarium setzen nun dessen Reisezeit zwischen 1160—1171. Lebrecht, welcher dazu einen Excurs über die Chalifen geliefert hat, ist geneigt, sie noch früher anzusetzsn. Eine eingehende Kritik erqiebt aber das Resultat, daß Benjamin nicht vor dem Jahre 1165 seine Reise angetreten hat. Und auf dieses plus oder rninus von fünf Jahren kommt es bei manchen unbestimmt gehaltenen Thatsachen gerade an. Die Beweise für meine Behauptungen sind folgende: 1) In Rom war Benjamin, als der Papst Alexander III. bereits im ruhigen Besitze des Pontificats und der Hauptstadt war, d. h. nach dem 23. November 1165, dem Tage des Einzuges in Rom nach jahrelanger Verbannung. Folglich war Benjamin frühestens 1166 in Rom. Allzulange dauerte sein Aufenthalt en den Städten, die er berührt hatte, keineswegs. Denn in Cilicien war er im Jahre 1166 oder 1167, da er noch von dem König Toros von Armenien spricht (1. x. 26), der im letztgenannten Jahre starb. Rinn braucht daher seiner Reise von Tndela bis Rom höchstens ein Jahr zu geben. 2) In Antiochien war er nach dem Jahre 1163. Denn er giebt an, daß damals der Fürst Boemond HI. oder Boemond von Poitou, mit dem Beinamen 1s Bauds, regierte, nach der glücklichen Emendation des Herausgebers von Asher's Jtinerarium (Hr. Zedner): .78222 7:n2 .77-^2 7"- (n'2:2:n) nvn N2:27 7277:2.7 ,7::.2N2 's-rni-: (statt der sinnlosen Lesart nn2n pr'ie nir-22 nrr>7 pwc-'-:.-, II, zu p. 36). Boemond III. regierte 1163— 1200. Folglich kann Benjamin unmöglich im Jahre 1160 die Reise angetreten haben. 3) In Jsfahan, der Hauptstart Persiens, war er um 1170. Denn er erzählt ausführlich von der Niederlage des Sultans (Sing'ar) durch die Ghussn (I, p. 84—87), und giebt an, daß diese Thatsache 18 Jahre vorher stattgefundcn. 27 'ip :rn 777 2-72 782 72222: — 272 p->ni (71m in is :2 p r 22) :n 222 .7)2 2:771 :77N in 272 '.120 2:2 —. Der Kriegszug und das erste unglückliche Treffen Singar's gegen die Ghusen fanden im Jahre 1153 statt nach den Quellen bei ä'IIossou (angeführt vom Editor II, 17-1 und bei Weil, Geschichte der Chalifen III, 278). Dieses Factum fand also statt 18 Jahre vor Benjamin's Aufenthalt in Jsfahan, wo er es von dem jüdischen Gefangenen Mose aus der Gegend von Nischabur erzählen hörte (I. 88), d. h. 1170 — 71. Da er nun, wie die Herausgeber richtig angemerkt haben, vor dem Tode des letzten fatimi- dischen Chalifen in Egypten war, so fällt seine Reise in Egypten vor dem 13. September 117l, mithin seine Reise in Persien 1170. -1) Damit hebt sich auch eine Schwierigkeit, welche namentlich Lebrecht vielfach ventilirt hat und die ihn zum Resultate brachte, Benjamin schon in dem Jahre 1140—1150 reisen zu lassen, was nach dem oben Angeführten ganz unmöglich ist. Die Schwierigkeit besteht darin, daß der Tourist ganz ausdrücklich von Saif-Eddin, dem Bruder Nnreddins, Herrn von Moßul spricht, dessen Astronom ein angesehener Jude Joseph war. Saif-Eddin Ghasi starb nun 1149. Allein Lurch eine geringe und gerechtfertigte Emendation des Textes ist die Schwierigkeit gehoben. Man lese: .nun n:.i: -sie in zn.772 72:227 gor '11 ,2227 772 pi in 72 82 rnn 72 p7 in .72 7828, statt pi in 72 82 nun. Saif- Eddin II. Sohn des Kotbeddin, Bruders von Nureddin, übernahm die Regierung von Moßul nach dem Tode seines Vaters 565 d. Heg. — 1170. Benjamin spricht also von Nnreddin's Neffen und nicht von dessen Bruder. Er war also in Moßul 1170, nicht früher. Ans allen diesen Punkten geht Note 10. 387 wohl mit Sicherheit hervor, daß man bisher Benjamin's Neiseanfang um fünf Jahre zu früh angcsetzt hat. Weniger Anhaltspunkte bietet Petachja's Bericht für eine präcisirte Chronologie; ohnehin ist er nur im Auszug mitgetheilt, und dis Partien sind bunt untereinander gewürfelt. Nur annähernd läßt sich die Zeit seiner Reise bestimmen. Damaskus gehörte damals schon zu Saladin, dem Sultan Egyptens; 1 ) 2 ; — pv' 2 -w -^.m. Diese Stadt, welche bis dahin einen eigenen Herrscher hatte, kam erst November 1174 in Saladin's Besitz (Weil, Chalifen III, S. 363), also war Petachja im Orient nach 1174. Jerusalem war zur Zeit seiner Reise noch in den Händen der Christen: 7 . 7 - 72 -- 27,7 - 2-2 2-7-<>-22--7 7-- --iwvi-, also vor Oclober !I87. Demgemäß muß man die Reise zwischen 1175 — 85 setzen. Sehr wichtig wäre es, wenn sich das Jahr genauer sixiren ließe, weil sich dadurch manche Borgänge innerhalb der orientalischen Judenheit besser ermitteln ließen. Zunächst läßt sich aus dem Umstande, daß Benjamin 1170 in Persien war, das Jahr bestimmen, in dem der Pseudomessias David Alrui anftrat, nämlich U) Jahre vorher: -M 77 U 717 : 22 -! 77u r-.-; (.7-7^27.-;:) 22 - 222 - 72->- rr.m. Munk hat einen sehr interessanten Beitrag zu dessen Geschichte aus einer Schrift des Apostaten Samuel Jbn-Abbns geliefert. Durch dessen Güte bin ich in den Besitz einer Abschrift davon gelangt. Gegenwärtig ist sie abgedruckt als Anhang zur Uebersetznng des Hwsk Us.-Hao1rs. f. Nach diesem Stücke hieß der Pseudomessias -7w7u pn p- 72-72 p 27:2. An der Identität ist nicht zu zweifeln, und die Verschiedenheit der Namen spricht nicht dagegen, weil entweder der Name David oder der Name Menahem ein messianisch-symbolischer war. -mi7u ist sicherlich dasselbe wie -M77u, und darf man diesen Beinamen um so weniger von Rar ableiten, als dieser Pscudomessias nicht von Rai, sondern von Amadia war In beiden Berichten sind aber die Facta nicht treu wiedergegeben. Benjamin flicht Wunder ein, wie er sie aus dem Munde der morgenländischen Juden vernommen und der Apostat Samuel Jbn-Abbas machte eine Carricatur daraus, um seine ehemaligen Religionsgenossen lächerlich zu machen. Aus dessen Angabe läßt sich indeh entnehmen, daß das Datum l160 richtig ist. S. Jbn-Abbas ging zum Islam über 1163 (Llnräc, Tioiivs Zur äossxlr i>. äslrrräa. p. 8 Note) und starb in Maraga um 570 der Heg'ira — 1174 (Alkifti bei Easirl didlioiUsea I. 440). Er schrieb also seine Schmähschrift gegen das Jndenthum zwischen 1163 —117-1, und in dieser sagte er von dem Auftreten des Pseudomessias: „was sich in unserer Zeit zu- lrUg'O UU72I 'S . Wichtig ist dieses Datum für einige Persönlichkeiten, welche damals eine Rolle gespielt haben. Benjamin bemerkt, daß David Alrui Jünger des Erilarchsn Chasda'i und des Lehrhansvorstehers Ali war: (-n- 77 u) -or 12 ): ^ 7.-.22 2 , 7 >- p.7-7 - 7 -- 72-2-7 2-.-<7 227 ; -U 727 77;.;.7 2-U7 ne? (p. 77). Dieselben haben ihn auch nach seinem Auftreten beschworen, seine Aufwiegelei einznstellen (x. 80). Chasda'i, der Vater des von Benjamin so sehr gerühmten Exilarchen Daniel, und Ali, der Vater des durch seinen Antagonismus gegen Maimuni so berüchtigten Samuel Halevi, lebten also noch im Jahre 1160. Im Jahre 1170, als Benjamin in Bagdad war, fungirlen bereits als Exilarch: >2 7.-127 M727 und als Ouasi-Gaon -77 - 7 >- ^ 7^:22- (x. 60). Von dem tzetztern bemerkt auch übereinstimmend damit Maimuni, daß er zu seiner Zeit, d. h. während seines Aufenthaltes in Egypten, ordinirt worden sei: 78.7 -:-27 72-2- 2-^7 .77 ;n 2 w 77722 12227 (Iraotatus äs rssnrrsotions sä. ^.insb. x. 120 a). 388 Geschichte der Juden. Den Exilarchen nennt aber Petachja auffallender Weise stets Daniel b. Salomo: 7272> '7 NN 2718 7'7 78N7 '7 72> :>28 7272: '7 '2': 27:p 7'72 1727:, lind an einer andern Stelle: 78 ;: 2 ' 8 i 7827 72 v :8 7272' '7 ' 2 ': 1 ^: 71 . Um diese Angabe mit der Benjamin's auszugleichen, mühte man annehmen, dah Daniels Bater zwei Namen geführt hat: Salomo-Chasdar, oder vielleicht Jbn-Chasdar Aus Petachja's Worten geht mit Bestimmtheit hervor, daß die zweite Auflage des Exilarchats, welches seit Scherira's Zeit erloschen war, erst mit Daniel's Vater restaurirt wurde, weil der Chalife dessen Freund war, oder gar ein solcher Verehrer des Judenthums gewesen sein soll, daß er im Begriffe war, sich dazu zu bekennen, als ihn der Tod abrief: 7:2'2>: p82' :2p 7:7 (ii.27) 72m ,722' 7P 7":7 p'roTi 87: — :,77: 87: 2272: 87. Dieser Exilarch Salomo oder Chasdni, Daniel's Vorgänger, scheint schon in der Zeit, als Jbn-Efra in Bagdad war (I13S), fungirt zu haben; derselbe berichtet nämlich im Commentar zu Zachar 12, 7: 277: .7717:: 7:7 77Z2'2 n:7:7 "287 2.71 — 77::: 2:77 71p 7:7 7': ::n"7 7ro. Aber dah der damals regierende Sultan Jbn-Abdallah Mohammed Almuktafi irgend eine Vorliebe für das Judenthum gehabt hat, ist aus andern Quellen nicht bekannt. Auch von dem Chalifen in Daniel's Zeit berichtet Benjamin, er sei judenfreundlich gewesen und habe hebräisch und die heilige Schrift verstanden. Wie dem auch sei, so hat wohl die Restauration des Exilarchats erst mit Salomo-Chasdar begonnen. Sein Nachfolger Daniel starb ein Jahr vor Petachja's Ankunft in Bagdad : 77»7 L'N7 Hnn7 7 72 7'7,7S '77 8 : 2 ' 27:,7 778 7M1. Hier wäre es gut, wenn man dies Jahr präcisiren könnte. Denn seit dieser Zeit verdunkelte sich wieder der künstlich erhaltene Glanz der Exilarchen. Daniel hinterließ nämlich keine Söhne, und zwei Vettern prätendirten die Würde, die nicht in Bagdad, sondern in Mohul residirten: 7:7 7 -::: -m-e: : 7 m 87.8 77" 287 7:777 p '1877 227 pm nh 7.827 '77: — N277 87 P7P: (7.8:22 l.) 787V" '27: 72,:::: 7:7 '7: 2'77:: 2'727 72,:::: rin: 78 ': 22 : :7 :-7. Von ihnen berichtet derselbe früher bei der Beschreibung Moßuls: 22 27 7.8:22' '7 :22 778: 7:7 '7 :22 778 (.72777 . 722 :) 77 2 ' 8 ' 2 : NM c'78 2 :. David, der die Würde behauptet hat, lebte noch um 1217; denn Charisi, der im Jahre 1210 in Jerusalem war, traf ihn noch in Mohul an (Pforte 40): 2'7-7'7 772.7 287 7:7 >7'87 ( 7 : 28 :) 221 . Nimmt man an, daß Petachja frühestens 1175 im Orient war, so bätte dieser Quasiexilarch bereits 42 Jahre fungirt. Dieser und also auch sein Rival leiteten übrigens ihre Abstammung nicht von den echten Exilarchen, d. h. von dem König Jojachin und von der männlichen Linie des Davidischen Hauses ab, sondern von den palästinensischen Patriarchen, also von Hillel und der weiblichen Linie. So lautet dis Genealogie in einer Bannformel, welche David über die Gegner dos Samuel b. Ali geschrieben hat:- 7877 : 78>i>2: >27 -- 7 : 7:7 p 7:7 77.7 p (Orient. Ltbl. 1854). Die Echtheit der Genealogie läht übrigens viel zu wünschen übrig. Es scheint, daß die Gemeinde von Bagdad und noch viele andere orientalische Gemeinden weder den einen, noch den andern Prätendenten des Exilarchats anerkannt haben, sondern daß sich das Schulhanpt Samuel b. Ali die Suprematie zngeeignet hat. Mehrere Bemerkungen Petachja's über denselben führen darauf: p8 7:'2'7 2 . 87 h :ri7:hnh 7:27 :r,i ^ 1 : 7:::2 '717- 7:1 7:>v"7 287 878 22 272 7 :,22 1 : 2 . 7 , und vorangehend: '7p:: , 72272 : 7:28 p78 7::: r>:27 ^.721 72'2' 287 78:22 '7 2787 77:22 72 878 p'7 277 P8 7:: P7.8:: '72: 27-> :7 2": N22 2'87' 7:7: 7872" P782: 7>2787 7:: 17:7 :2,7:n: 7'p: 7 : 7:77 P77 7'p h:: 7:702: 2P7 ,78 2'i:72> 2 ',7722 2'72p ' 22 . An einer andern Stelle: 78 -,22 '7 P7N h'2 2777 7'77-I '7 1'7:.7:-:,7:8 :7".7'2' 22' 82'2 2:,72 777 7'7,72 '78 :2,7:7' :,72 '"7 Note 11. 88 » :^r> rmi-: pvep .-I'.ir- -2 8-, mp nr-v" - . Lllle diese Funktionen, das Einziehen des Kopfgeldes, das Anstellen von Rabbinen, der Besitz eines allgemein anerkannten Jnsiegels waren Prärogative des Exilarchats, die sich also Sainncl angemaht haben muß. II. Ueber einige Maimuni's Flamen tragende Schriften. Maimuni's Name war in seiner Zeit und noch mehr in der seinem Tode unmittelbar folgenden so sehr gefeiert, daß gewiß jedes von ihm hinterlassene Blättchen mit Interesse stndirt worden ist. Wenn sich nun einige philosophische Oxrisenla, finden, die seinen Namen tragen, aber weder im zwölften noch im dreizehnten Jahrhundert benutzt und citirt werden, so darf man von vornherein annehinen, daß sie nicht echt sind. Bei näherer Einsicht verräth auch ihr Inhalt die Uncchtheit. Solche kleine Schriften sind: 1) rmpr.-m (gedruckt in Maimuni's Gutachtensammlung 1?ssr 1ia.-Oor x. 33), zwei Kapitel, angeblich an M's. Jünger Joseph b. Aknin gerichtet. Es kommen darin so viele Trivialitäten und eine so platte Moral vor, durchflossen von Deutung der Tempelspmbolik und der Agada, daß unmöglich solche Abgeschmacktheiten von einem Weisen stammen können, der kein Wort zu viel zu schreiben pflegte. -uw- N 2 U 2 (gedruckt Berlin 1846! mit einer nichtssagenden Einleitung und einem bevorwortenden Schreiben von Rapapvrt. Es ist aus dem Arabischen ins Hebräische von Isaak b. Nathan dem Frommen übersetzt worden. Obwohl darin der Llorslr (zwei Mal) und die dreizehn Glaubensartikel, wie von Maimuni selbst, citirt werden (S. 11, 12, 22), so ist es doch nicht minderem untergeschobenes Werk, ein schlechter Abklatsch maimunischer Gedanken. Solche weitschweifige Plattheiten hat Maimuni niemals aus seiner Feder entlassen, auch nicht im hohen Alter, womit man es entschuldigen wollte. — 3) o.-mou omr (abgedruckt mit dem Testamente Jchuda Jbn- Tibbon's Berlin 1853). Es verräth sich schon dadurch als unecht, daß der angebliche Vater darin seine „Söhne" ermahnt, während Maimuni nur einen einzigen Sohn hatte. Es strotzt ebenfalls von moralisirenden Trivialitäten. 4) Ter erste Brief in der Maimuni'schen Briefsamnilung, angeblich an seinen Sohn Abraham, ist entschieden und durchweg unecht. Der Gedaukengang oder richtiger die Gedankenlosigkeit darin hat viele Achnlichkeit mit dem Opns- aulnrn Nr. 1. Die erbärmliche Allegoristik darin, daß Pharao dis bösen Begierden, Mose der göttliche Geist, Egypten der Körper und das Land Gosen das Herz bedeuteten, erinnert allzusehr an Levi von Villefranche, als daß man auch nur einen Augenblick in Zweifel darüber sein könnte, ob es von Maimuni stammt. Die lügenhaften gehässigen Ausfälle gegen die französischen Rabbinen, daß sie in Bigamie lebten, in Genüssen und Stupidität versunken seien und Anderes sind Zeichen heftiger Parteileidenschaftlichkeit, wie sie nach Mnimuni's Tode ausbrachen und seiner ganz unwürdig. Da nun dieser Brief in Maimuni's Namen seine früheren Werke citirt, und er überhaupt so gehalten ist, als wenn ihn M. verfaßt hätte, so sieht man daraus, daß sich dis After- philosopheu nicht entblödeten, ihre Machwerke unter seiner Firma erscheinen zu lassen. 3N0 Geschichte der Juden. 5) nM,-! -er oder ausführlicher 'o, eine Art Diätetik, dessen Dasein von respektablen Forschern geleugnet wurde, bis es Geb, Polak aus dem Büchersarge ans Licht zog (in der Schrift 'rir z: Amstcrd. 1851 aus einer Sammelschrist gedruckt Saloniki 1595), Dieses 13 Octavseiten starke Schriftchen verdient nicht, der Verschollenheit entrissen worden zu sein. Es enthält bloß Auszüge aus Maimuni's diäletischen Regeln und ist im Ganzen bedeutungslos. Nur der Vollständigkeit wegen führe ich noch an, daß außer den im Texte behandelten Schriften Maimuni's noch eine kleine Logik von ibm vorhanden ist unter dem arabischen Titel: npnrr >-> ni.^ 72 , hebräisch übersetzt von Mose Jbn-Tibbon unter dem Titel: p'^nn min, von dem noch sieben Kapitel im Original vorhanden sind, — Die von Maimnni selbst in der Einleitung zum Mischnah - Commentar erwähnten Commentarien zum Talmud dreier Ordnungen: pp'u ,np:n und zum Tractat pinn, die ganz verschollen sind, hat wohl der Verfasser selbst als eine unreife Jugendarbeit nicht in Circulation bringen lassen. Register. Sl. Aaron Jbn-Alämani 137. Aaron von Lünel 203. Abba Mari von St. Gilles 206. Abdellatif 301, 320 Abdulmumen 155. Abraham b. Chajim 175 Abraham b. Chasdai 195. Abraham b. Chija 101. Abraham b. David 196, 205, 323. Abraham b. Isaak 199. Abraham Jbn-Alfachar 189. Abraham Jbn-Daud 160—166, 102. Abraham Jbn-Esra 160, 167—178. Abraham Jbn-Kamnial 100, 114. Abraham Kabasi 6. Abraham Maimuni 298, 325. Abu-Ajub s. Jbn-Gebirol. Abu-Fadhl Chasdai 48 f. Abu-Harun s. Mose Jbn-Esra Abu-Jschak Jbn-Mohagär 100 f. Abu-Manßur, der Fürst 138. Abnlala 299. Abularab s. Jbn-Moi'scha. Abulfatach s. Jbn-Aschar. Abulfarag s. Jeschua Abulfarag. Abulfihm s Jbn-Tabbsn. Nbulhassan s. Jehnda Halevi. Abulmaali 298. Abnlwalid b. Chasdai 43, 49. Abnlwalid s. Jona Jbn-G'anach. Abu-Said s. Chaifon Halevi. Aden, Juden in 249. Adherbaigan, Juden in 244, 245. Afrika, Juden in 154. Akko, Juden in 242. Alafdhal, Sultan 322, 324. Alämlini s. Aaron Al. Alcharisi s. Charisi., Alexander III., Papst 143, 236. Alexandrien, Juden in 259, 297. Alfadhel 300, 302. Aliußi s. Isaak Alf. Alsachar s. Jbn-Alf. Alfonso, Kaiser 158. Alfonso VI. von Kastilien 71, 74. Ali Jbn-Suleiman, Karäer 57. Allebrandus, Bischof 87. Al-Malimah 80. Almuallem s. Salomo Alm. Almulk 301. Nlroy s. David Alrui. Altabbsn s. Jbn-Tabbün. Amadia 245. Amram b. Isaak s. Jbn-Schalbib. Antiochien, Juden in 241 f. Arabien, Juden in 249 f. Aragonien, Juden in 20, 194. Armiras, Juden in 239. Arnold, Bischof von Köln 150. Arta, Juden in 239. Ascher von Lünel 203. Ascher ben Meschnllam 203. Asien, Juden in 253. Askalon, Juden in 241. Avencebrol s. Jbn-Gebirol. ! Avendrath 39 (Anm.). ! Avicebran s. Jbn-Gebirol. 3S2 Register. B. Bachja Jbn-Pakuda 39—42. Bagdad, Jude» in 242, 246. Bairnt, Juden in 241. Balduin von Canterbury 220. Barcelona, Juden in 194. Baruch b. David 185. Baruch b. Isaak aus Worins 232. Beaucaire, Juden in 206. Bechaja s. Bachja. Bellet 51. Benedikt aus Dort 220, 223. Bsnevent, Juden in 239. Benjamin von Canterbury 219. Benjamin b. Chija 98. Benjamin der Postan 53. Benjamin von Tudela 195. Ben-Jasus s. Jizchaki. Bernhard von Clairvaux 148, 151. Betlehem, Juden in 242. Beziers, Juden in 175, 201. Bibelerklärung 7, 20, 21 f., 52, 69, 110, 145, 174, 204, 214. Blois, Verfolgung von 182. Bologna. Verfolgung von 236. Lou üls s. Tob-Elem. Bonn, Juden in 228. Boppard, Verfolgung 230, 231. Böhmen, Juden in 55 f., 92, 94, 236. Bray, Verfolgung von 210. Brundifium, Juden in 239. Buch Zerubabel 53 f. Byzantinisches Reich 239, 240. C. Carenton, Juden in 152. Cäsarea, Juden in 242. Capua, Juden in 239. Ceylon, Juden in s. Kandy. Chaibar, Juden in 250. Chajim Cohen 185. Chalfon Halsvi 137, 139. Chanan von Taima 250. Chananel b. Chuschiel 9. Chanansl aus Kairuan 70. Charisi 191 f. Chios, Juden in 239. Chiskija, Gaon 8. Chiskija b. Rauben aus Boppard 230. Chiskija, Kartier 259. Chiva, Juden in 249 Chozari, Buch 122 f. ' Cidellus 72, 81. Clemens Hl., Papst 93, 95. Conrad III., Kaiser 144, 150. Constantinopel, Juden in 239, 240. Cordova, Juden in II, 157, 262. Cresselin 213. Crissa, Juden in 239. Cypern, Juden in 239. D. Damaskus 241, 303. Daniel, Exilarch 251. Daniel-Grab 248. Darbal 65. David Alrui 245 ff. David Kimchi 200. David Maimuni 272. David b. Meschullam 96. David b. Mohagar 102. David b. Samuel Halevi 96. Deutschland, Juden in 50, 73, 85 f., 92, 149 f., 154, 226, 235. Dimuh, Juden in 260. E. Egypten, Juden in 258 f. Eigilbert, Bischof 85. Elcasau b. Jehuda aus Worms 231. Elia der Alte 51. Elieser aus Böhmen 236. Elieser von Metz 232. Elieser b. Nathan s. Jbn-Ashar. Elieser b. Nathan aus Köln 146. Elieser b. Nathan aus Mainz 144, 146, 181. Register. 303 Elisser b. Simson 181. . Elzsar von Posquisres 206. Emicho von Leiningen 88, 93. England, Juden in 153, 218 f. Ephraim b. Jakob ans Bonn 185, 232. Ephraim aus Kahira 241. Ephraim von Tprus 241, 310. Esra-Synagoge 254. Esra-Grab 254. Exegese s. Bibelerklärung. Exilarchen-Würde 250 s. Ezechiel-Grab 253. F- Farußal s. Salomo Jb»-F. Fez, Juden in 266. Fostat, Juden in 259. Frankreich, Juden in 51, 84, 141, 153, 197, 208—218. Friedrich Barbarossa 226, 228 f. Fulko v. Neuillp 211. G. Gallipoli, Juden in 239. G'ebils, Juden in 241. G'ebirol s. Jbn-G'ebirol. Genua, Juden in 239. Gerschom auS Mainz 6, 68. G'esirat-ul Omar, Juden in 243. G'ikatilla, Isaak s. Jsaak-Jbn-G'ik. G'ikatilln, Mose s. Mose Jbn-Gik. Gilles, St. 206. Giskala, Juden in 242. Glaubensartikel Maimuni's 276. Gnesen, Juden in 56. Granada, Juden in 12, 18, 48, 160. Gregor VII. 73 f. Griechenland, Juden in 239. Gundisalvi 39 (Anm.) . H- Hai, Gaon 2 f., 8. Haleb, Juden in 241. Hama, Juden in 241. Hamadan, Juden in 248. Heinrich IV., Kaiser 73, 83, 84, 93. Heinrich VI., Kaiser 231. Herakles, Rabbi 239. Hibat-Allah Abulkarkat 255. Hibat-Allah Jbn-al-Gami 258. Ilillali, Lstsr 110, 194. Hillel b. Jakob 185. 3 > Jabustrissa 239. Jakob Alfajumi 250, 278. Jakob L. David 52. Jakob b. Eleasar 110. Jakob b. Jakar 52. Jakob b. Isaak Halevi 96. Jakob b. Meschullam s. Jakob Nasir. Jakob Nasir 203. Jakob v. Orleans 218, 220. Jakob Perpignano 207. Jakob b. Reuben, Karäer 56. Jakob Jbn Schahin s. Nissim aus Kairuan. Jakob b. Simon, Karäer 80. Jakob Tam s. Tam. Jbn-Abbas s. Jehuda Jbn-Abbas. Jbn-al-Bazak s. Mazliach. Jbn-Alatosch 62. Jbn-Aknin 298, 305. Jbn-Albalia 104. Jbn-Alfachar s. Abraham Jbn-Alf. Jbn-Allevi s. Jehuda Halevi. Jbn-Altabbön 109. Jbn-Altaras 79, 80. Jbn-Ashar 103. Jbn-Balam s. Jehuda Jbn-Balam. Jbn-Daudi 8. Jbn-Daud s. Abraham Jbn-Daud. Jbn-Esra, Abraham s. Abr. Jbn-Esra. Jbn-Esra, Jehuda s. Jeh. Jbn-Esra. Jbn-Esra, Joseph s. Jos. Jbn-Esra. Jbn-Esra, Isaak s. Js. Jbn-Esra. Jbn-Esra Mose s. Mose Jbn-Esra. Jbn-Esra s. Abrabam Jbn-Esra. Jbn-Dhari s. Sachr Jbn-Dhari. Jbn-G'anach s. Jona Jbn-G'anach. Jbn-G'ebirol 24f., 49, 50 f. Jbn-Giat 111. Jbn-G'ikatilla s. Mose Jbn-GIk. Jbu-Hassnn s. Jekutiel Jbn-Hassan. Jbn-Kamnial s. Abraham Jbn-Kamn. Jbn-Kastar s. Jizchaki b. Jasus. Jbn-Mohagar Wesir >00f. Jbn-Mohagar, David 102. Jbn-Moischa Abularab 271. Jbn-Nagrela s. Joseph Jbn-Nagrela. Jbn-Sahal s. Joseph Jbn-Sahal. Jbn-Saktar s. Jizchaki b. Jasus- Jbn-Schalbib 71, 76 f. Jbn-Tabbön s. Jbn-Altabbün. Jbn-Tibbou s. Jehuda oder Samuel Jbn-Tibbon. Jbn-Tumart 155. Jbn-Zadik s. Joseph Jbn-Zadik. Jechiel b. Abraham 236. Jechiel aus Blois 184. Jechiel aus Rom 70. Jehuda b. Barsilat 104. Jehuda Hadassi, Karner 159. Jehuda Halevi 97, 101, 103, 111, 127 f, 139 f. Jehuda b. Joseph Jbn-Esra 158. Jehuda b. Menahem 228. Jehuda Jbn-Abbas III, 156, 241, 256. Jehuda Jbn-Balam 69. Jehuda Jbu-Sussan 157. Jehuda Jbn-Tibbon 204. Jehuda b. Nathan 68, 144. Jehuda der Fromme s. Jehuda Sir Leon und Jehuda b. Samuel. Jehuda von Paris s. Jeh. Sir Leon. Jehuda b. Samuel 232. Jehuda Sir Leon 214—218. Jekutiel von Blois 184. Jekutiel Jbn Hassan 26 f. Jekutiel b. Menahem 51. Jemen, Juden in 249, 279, 281, 303. Jephet b. Elia 242. Jephet b. Said Karäer 257. Jeschua Abulfarag, Karäer 79. Jerusalem, Juden in 95, 241, 302. Jizchaki b. Jasus 42. Jizchaki s. Raschi. Joab b. Salomo 238. Joceus aus Jork 220, 222, 224. Johann ohne Land 225. Johannsen, Bischof 86. Jom-Tob aus Joigny 224. Jona Jbn-G'anach 19 ff., 173. Jonathan Kohen von Lünel 204, 320, 322. Joseph Alkabri 80. Joseph Amarkala 247. Joseph aus Chartres 143. Joseph Barihan Alfalach 244, 247. Joseph Bechor-Schor 214. Joseph b. Chasdai 43. Joseph Jbn-Aknin s. Jbn-Aknin. Joseph Jbn-Esra II6f. Joseph Jbn-Migasch I 14, 15, 48. Joseph Jbn-Migasch II 107, 118. Joseph Jbn-Nagrela 44, 46, 49, 60. Joseph Jbn-Sahal 70, 100. Joseph Jbn-Schartamikasch 77. Joseph Jbn-Zadik 105, 136, 157. Joseph Kara 145. Joseph Kimchi 199 f. Joseph b. Pilat 241. Joseph b. Sabara 194. Joseph b. Schoschan 189. Joseph Tob Elem I 51. Joseph Tob Elem II 178. Jozer-Ha s. Abraham Jbn-AIfachar. Indien, Juden in 325. Isaak Albargeloni 62. Isaak Alfaßi 63, 77, 78, 97, 104, 107. Isaak b. Abba Mari 206. Isaak b. Ascher I 144. Isaak b. Ascher II 230. Isaak der Nettere s. Isaak b. Samuel. Isaak b. Baruch 182. Isaak Ha-Laban 236. Isaak Halevi Gerundi 195. Isaak Halevi aus Worms 52. Register. 395 Isaak der Jüngers 214. Isaak Jbn-Albalia 59 f., 76, 77, 78. Isaak Jbn-Esra 112. Isaak Jbn-Esra b. Abraham 169, 255. Isaak Jbn-Giat 61, 77. Isaak Jbn-G'ikatilla 19. Isaak Jbn-Sahal 19. Isaak Jbn-Saknai 63. Isaak b. Jehuda aus Worms 52. Isaak b. Jehuda aus Veziers 175. Isaak b. Leon 14. Isaak b. Malchi Zedek s. Isaak aus Siponto. Isaak b. Me'tr 144. Isaak b. Menahem 51. Isaak aus Rußland 236. Isaak b. Samuel aus Dampieres (Ri) 210, 214. Isaak aus Siponto 172. Jssahan, Juden in 248. Israel Jskandri, Karäer 7. Italien, Juden in 236, 238. Judenverfolgungen 146, 147. Juda r>. Blois 184. Juda b. Kalonymos 83. Juda Giat 111, 137. K. Kahira, Juden in 259. Kalonymos b. Jehuda 96. Kalonymos aus Rom 70. Kalonymos b. Todros 199. Kammerknechte 154, 226. Kamnial s. Jbn-Kamnial. Karäer 56, 79, 80, 159, 240, 241, 242, 249, 259. Kerpen, Verfolgung in 92 f. Kimchi s. David, Jehuda, Mose Kimchi. Köln, Juden in 89 f. Kandy, Juden in 249. Korinth, Juden in 239. Kreuzzüge 84 ff., 147 ff. Krimm, Juden in 249. L. Larta s. Arta. Laterau-Concil III 237. Lega (Laodicea), Juden in 241. Leon s. Isaak b. Leon. Lepanto, Juden in 239. Lsvi, Abulfihm s. Jbn Altabbsn. London, Juden in 176, 218 s. Lucena, Juden in 99, 107, 109. Ludwig VII. von Frankreich 141, 148, 207. Lunel, Juden in 196, 202, 322, 324, 325. Lyncoln, Verfolgung von 222. Lynn, Verfolgung von 221. M. Madda, Sefer 287. Mähren, Juden in 55. Märtyrer 85, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 150, 152, 153, 184, 210, 220, 22l, 222, 223f., 225, 229, 230. Märtyrer von Blois 184. Märtyrer von Bray 210 f. Maimun 109, 262, 266, 267, 272. Blaimuni 262—326. Mainz, Juden in 88, 93. Mantua, Juden in 238. Maor, Buch 197. Mardochai aus Polen 236. Marinus s. Jona Jbn-G'anach. Mar-Jekutiel 109. Marseille, Juden in 207, 325. Mazliach Jbn-Al-Bazak 3, 70. Meir Jbn-Migasch 157, 191. Meir b. Samuel aus Rameru 68, 144. Menahem b. Chelbo 51. Menahem b. Perez 182. Menahem b. Salomo s. David Alrui. Menahemisten 247. Mervau s. Jona Jbn-G'anach. Meschullam aus Melun 179. Meschullam b. Jakob 203. Messias, falscher in Amadia s. D. Alrui. Messias, falscher in Cordova 280. Messias, falscher in Jemen 278. Messias, falscher in Fez 280. Messias, falscher in Frankreich 280. Messina, Juden in 230. Metz, Juden in 85. Micha 86, 93. Michael b. Kalsb 240. Migasch s. Joseph Jbn-Migasch. Mischnah-Commentar Maimuni's 274. Mischnah-Thora Maimuni's 285. Montpellier, Juden in 202. Mors, Verfolgung in 91. More Nebuchim 306 sf. Mose Caravite 202. Mose Jbn-Esra 97, 103, 112 f. 118. Mose Jbn-G'ikatilla 68 f. Mose b. Guthiel 83. Mose b. Kimchi 200. Mose b. Meir 173. Mose b. Maimun s. Maimuni. Mose aus Pontoise 182. Mose-Synagoge 260. Moßul, Juden in 243 f. Mytilene, Juden in 239. N. Narbonne, Juden in 199. Nathanael s. Hibat-Allnh. Nathan, Landvogt 202. Nathan Osficial 142. Nathan aus Rom 70. Nathan b. Samuel 138. Neapel, Juden in 239. Negroponts, Juden in 239. Nehemia Eskafa 14. Neust, Verfolgung in 90, 229. Nissim ans Kairuan 6, 9 f. Norvich, Verfolgung in 222. O. Obadia 249. Otranto, Juden in 239. Otto, Pfalzgraf von Burgund 230. P. Palästina, Juden in 139, 241 f. Palermo, Juden in 239. Palmyra, Juden in 241. Petachja, der Tourist 236. Peter von Amiens 82, 84. Peter von Clugny 148. Peter von Joez 9l. Peter, Märtyrer 153. Philipp August, König 207 f, 212. Philipp, Bischof 228. Philipp, Kämmerer 238. Pinehas b. Meschullam 259, 297. Pisa, Juden in 239. Podiva 50. Polen, Juden in 55. Posquiöres, Juden in 205. Prag, Juden in 55, 92, 94. Provence, Juden in 197, 321. Pulcelina 183. N. Rabd I s. Abraham Jbn-Daud. Rabd II s. Abraham b. David. Rahel Formosa 193. Raschbam s. Samuel b. Meir. Raschi 64, 65, 97. Raymond V. von Toulouse 206. Raymond VI. von Toulouse 206. Regensburg, Juden in 92. Reis 258, 302. Rhodez, Juden in 177. Rhodus, Juden in 239. Riba s. Isaak b. Ascher. Richard Löwenherz 211, 219, 221, 301 Ri s. Isaak b. Samuel. Rizba s. Isaak der Jüngere. Rodosto, Juden in 239. Rom, Juden in 170, 238. Rovinaca, Juden in 239. Rouen, Juden in 85. Rudolph, Mönch 149. Rüdiger Huozmann, Bischof 83. Ruthard, Bischof 88. Register. 397 S. Sabbatai aus Rom 70. Sachr Jbn-Dahri 100. Sacharin Mar 305. Saida (Sidon), Juden in 241. Sakkai 244. Saladin 211, 277. Salerno, Inden in 172, 238, 239. Salomo der Egypter 240. Salomo Exilarch 243. Salomo Jbn-Almuallem 100. Salomo Jbn-Farußal 100. Salomo Jbn-G'ebirol s. Jbn-G'ebirol. Salomo Jbn-Krispin 113. Salomo Jbu-Sakbsl 112. Salomo Jizchaki s. Raschi. Salomo I Karäer 259. Salomo Kohen 277. Salomon Parchon 238. Salomo von Sanaa 250. Salomo ans Wien 228, 231. Saloniki, Inden in 239. Samaritaner 242 Samarkand, Juden in 249 Samos, Juden in 239. Samuel b. Ali 251 , 252, 297, 303, 304, 305, 306. Samuel b. Chasdai 195. Samuel b. Chofni 7. Samuel der Fürst s. Samuel Jbn- Nagrela. Samuel der Fürst aus Kahira s. Abu- Manßur. Samuel b. Jehnda 96. Samuel Jbn-Abbas 256. Samuel b. Mc'ir 144, 145, 177. Samuel Jbu-Nagrela 11 ff., 31. Samuel Jbn-Tibbou 204, 324. Samuel Nagid s. Samuel Jbn-Nagrela. Samuel Natronai 229. Sanaa, Juden in 250. Saragossa, Juden in 20, 29, 30, 69. Sar-Schalom von Jsfahan 248. Scheschet Benveniste 194. Schiras, Juden in 248. > Serachja Halevi Gorundi 195 f., 204. Sefer Chassidim 215—218. i Sefer Ha-Knbad s. S. Chassidim. ^ Sefer Zerubabel s. Buch Zerubabel. ! Seus-Tossafot 214. Simcha Kohen 88. Simon b. Anatolio 207. Simen Kara 52. Simson b. Abraham von Sens 214. Sir Leon s. Jehuda Sir Leon. Spanien, Juden in 10, 58 f., 68, 70 f., 72, 99, 158, 189. Speier, Juden in 83, 84, 86, 230. Staleke 150. Stanon 240. Stenar s. Stanon. Süßkind von Trimberg 233 f. Susa, Juden in 248. Synagoge in Worms 52. Synoden, rabbinische 180—182. Syrien, Juden in 240, 241. T. Tachkemoni 112, 192. Taimn, Juden in 250. Talmudstudium 52, 59, 63, 64, 66 f., 96, 143 f., 214. Tam, R' 142, 144, 153, 176, 178 ff., 185. Tarent, Juden in 239. Tataren 252. Theben, Juden in 239. Tibbon, Tibbonideu s. Jehuda und Samuel Jbu-Tibbon. Liberias, Juden in 169, 242. Tob Elem s. Joseph Tob Elem. Tob Elem II 178. Tobia aus Constantinopel 80. Tobia Ha-Baki s. Tobia aus Constantinopel. Toledo, Juden in 75, 120, 158, 189, 193. Toron de los Caballeros, Juden in 241. st 398 Register. F Tosfafot Jeschcnim 210. Tossafisten-Schule 143. Trani, Juden in 239. Trier, Juden in 85. Tudela, Juden in 195. Tyrus, Juden in 140, 241. V. Venedig, Juden in 239. Vissena, Juden in 239. W. Wien, Juden in 231. Wilhelm der Zimmermann 85. Wolkenburg 150. Worms, Juden in 52, 73, 87, 22 231. Würzburg, Gemeinde in 152. N- Jork, Juden in 223—224. Z- Zadok 242. Zenki 243. Zerubabel, Buch 53. Zionide 121, 122, 135. Truck von Oskar Leiner in Leipzig, enn»