Druckschrift 
6 (1894) Geschichte der Juden vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027) bis Maimunis Tod
Entstehung
Seite
276
Einzelbild herunterladen
 

276

Geschichte der Juden.

eine Glaubenslehre des Judenthums zu entwickeln. Da das Juden-tum nach seiner Ansicht nichts weiter als geoffenbarte Philosophieist, so müsse es ebenso die Ansichten und Anschauungen der Menschen,wie das sittliche und religiöse Verhalten regeln, ja noch mehr dasEine als das Andere, da die Sittlichkeit an sich keinen Werth habeund nur Frucht der richtigen Erkenntlich sei. Er nahm also als sicherund unzweifelhaft an, daß das Judenthum nicht bloß das Thunbestimme, sondern auch das höhere Denken regle, gewisse Gedankenals unverbrüchliche Wahrheit aufstelle, welche der Sohn des Juden-thums gläubig hinnehmen müsse. Solcher Glaubenslehren oderGlaubensartikel stellte Maimuni dreizehn auf: Der Glaube andas Dasein Gottes, an seine untheilbare Einheit, an seine Un-körperlichkeit und Unveränderlichkeit, an seine Ewigkeit undVorweltlichkeit, an seine alleinige Verehrungswürdigkeit(Autipolytheismus), an die prophetische Erweckung auserwählterMenschen, an die höchste, mit andern unvergleichbare ProphetieMose's, an die Göttlichkeit der Thora und au ihre Unveränder-lichkeit, an Gottes Vorsehung, an seine gerechte Belohnung undBestrafung, an die einstige Erscheinung des Messias, und end-lich an die einstige Auferstehung. Obwohl diese Glaubensartikelauf Erforschung beruhen, also nicht blind ausgenommen zu werdenbrauchten, so gelte doch, nach Maimuni's Ansicht, nur der als wahrerJsraelite oder Jude, welcher sie sämmtlich als wahr anerkennt; der-jenige aber, der einen derselben leugnet, sei als Ketzer (Llin, ^xieoroo)zu betrachten, gehöre nicht mehr zur Gemeinschaft des Judenthumsund habe keinen Antheil an der jenseitigen Seligkeit

So hat Maimuni einerseits das jüdische Bekenntniß zur Höhevernünftigen Bewußtseins erhoben und andererseits der freien Gedanken-eutwicklung Schranken gesetzt. Bis dahin galt nur das religiöse Thunals Merkmal jüdischen Lebens. Wer die vorgeschriebenen Pflichtenerfüllte, galt als Jude, mochte er über dieses und jenes eine ab-weichende Meinung haben. Maimuni rief aber dem freien Denkerein gebieterischesHalt" zu, bezeichnte die Grenzscheide zwischenGläubigkeit und Ketzerei nicht auf dem festen Gebiete der religiösenPraxis, sondern auf dem lockeren Boden der religiösen Theorie undführte damit das ätherische Element des Gedankens in den Bannkreiserstarrter Formeln.

So bedeutend auch die Leistung Maimuni's im Mischnah-Commentar ist, so viel Wissen, Geistesschärfe und systematische Ord-

*) Einleitung zum zehnten Abschnitt des Traktats Synhedrin, oder zuksrslr Ollslslr.