Der Aberglaube der asiatischen Juden. 253
Don Babylonien und Egypten entschlossen sich, zu dem Proselytcn-Bolkein weiter Ferne sich zu begeben und es in Bibel und Talmud zuunterrichten.
Der Stand des Jndenthums in Asien war damals sehr, sehrniedrig. Ohne höhere Kenntniß, ohne Bewußtsein, ohne Geist undSchwung erfüllten die Inden Asiens, Gelehrte wie Ungelehrte, diereligiösen Satzungen und Pflichten auf ganz äußerliche und mechanischeWeises. Selbst Talmndkundige dachten sich das göttliche Wesen inkörperlicher Gestalt mit Gliedmaßen, Augen und Bewegung. So sehrhatten die Agadas und das Buch von den „Maßbestiminungen derGottheit" (8o!iiur Lomnb, Bd. Vy, S. 205) den gesunden Sinnverdreht, daß er das Reingeistige gar nicht zu fassen vermochte, undso durchdrungen waren diese Verkörperer von ihrer verkehrten An-schauung, daß sie diejenigen, welche einen geistigen Gottesbegriff be-haupteten, als Ketzer und Gottesleugner betrachteten. — Von denMohammedanern und Christen hatten die asiatischen Juden die Sitteangenommen, zu den Gräbern frommer Männer zu wallfahrten. EinHauptwallfahrtsort war das Grab des Propheten Ezechiel in derGegend der Stadt Kufa.
70 000 bis 80 000 Juden kamen alljährlich im Herbste, von
Neujahr bis zum Versöhnungsfeste oder Hüttenfeste, um an dem ver-
meintlichen Grabe des Propheten des Exils zu beten; unter ihnenauch der Exilarch und die Vorsteher des Lehrhauses von Bagdad.Der Glaube war, daß es sich südlich von Hilla in der Nähe desEuphrat befinde. Das Grabmal war durch eine Wölbung aus ver-goldetem Zedernholz geschützt und mit prachtvollen Tapeten geschmückt.Dreißig Lampen brannten dort Tag und Nacht. Neben dem Grab-male befand sich eine schöne Synagoge, welche als ein Tempel imKleinen betrachtet wurde, angeblich vom König Jojachin und demPropheten erbaut. In dieser Synagoge zeigte man eine Thorarollevon bedeutender Größe, von der die damalige Zeit glaubte, daß sie
von der eigenen Hand des Propheten geschrieben worden sei; am
Versöhnungstage wurde daraus vorgeleseu. Ein besonderer Raumstlirms) war zu Büchern bestimmt. Synagoge und Grabmal warenvon einer Mauer mit Thürmen eingeschloffeu, die eine niedrige, engePforte hatte, die sich aber zur Zeit der Wallfahrt erhöhte und er-weiterte, wie der Volksglaube annahm. In dem Raume innerhalbder Mauer pflegten die Wallfahrer ihre Lauben zum Hüttenfeste auf-
Bergt. Maimuni's Urtheil über dis asiatischen Gemeinden seiner Zeit,Sendschreiben an die Lüneler Gemeinde in O^ar Usaliw.s,ä II. S. 3 f. undEingang zum Trastat äs rssurrsotions.