Serachja Halevi Gerundi. Die Juden in der Provence. 197
Werk über einen großen Theil des Talmud aus und veröffentlichtesie nuter dem Titel Maor. In diesem kritischen Werke zeigt SerachjaGerundi kühne Selbstständigkeit, dringt überall auf gründliches Ver-ständniß des Talmud und schreckt vor keiner Consequenz zurück. Vonebensoviel Demuth wie Wahrheitsliebe durchdrungen, entschuldigt sichder Verfasser, daß er, obwohl voll Verehrung für den großen Meistervon Lucena, seine Resultate zu kritisiren wagt. Die Wahrheit seiaber eine tyrannische Gebieterin, die sich nicht beschwichtigen läßt undkein Ansehen der Person kennt. Er beschwört die Abschreiber seinesWerkes, die Vorrede nicht wegzulassen, damit die Leser der Nachwelterfahren, daß er voller Hochachtung für AlfLßi gewesen sei. Als Er-gänzung zu seinem Werke stellte R. Serachja in einer kleinen Schriftdreizehn Regeln auf, wie manches Dunkle und elliptisch Gehaltene imTalmud beleuchtet und ergänzt werden könne. Auch in diesen Regelnzeigt er viele kritische Kühnheit. Aber eben diese Selbstständigkeitmißfiel seinen Zeitgenossen, die gewöhnt waren, sich an Autoritätenzu halten. R. Serachja war seiner Zeit in der Auffassung des Talmudum Vieles voraus; daher wurden seine Leistungen stark angefochteu.Von seinem Lebensgange und seiner Lebensstellung ist weiter nichtsbekannt.
In dem Landstrich jenseits der Pyrenäen, in Languedoc oderder Provence, hatten die Juden gerade gegen Ende des zwölftenJahrhunderts die glücklichsten Tage. Obwohl das südliche Frankreicheinen nordspanischen Charakter an Cultur und Sitten hatte, so gabihm seine Getheiltheit nuter verschiedenen Herren eine Mannigfaltig-keit, welche eine Culturblüthe erzeugte, die es seit jener Zeit nichtmehr gehabt hat. Es gehörte zum Theil der französischen Krone undzum Theil dem deutschen Reiche als Lehnsland an, dann dem Königvon Aragonien, als Grafen der Provence, ferner dem Grafen vonToulouse und St. Gilles und endlich verschiedenen Vasallherren,Grafen, Vicegrafen und Freiherru, welche fast sämmtlich einer freier»Lebensrichtung huldigten, die damals blühende, proveuyalische Poesieliebten, Wissenschaften förderten und keine bigotten Diener der Kirchewaren. Neben dem Adel hatte sich ein freier, wohlhabender Bürger-stand herausgearbeitet, welcher seine Unabhängigkeit wie seinen Aug-apfel bewahrte. Die innere Beziehung der Bewohner zu den Mosleminund den Juden hatte die abendländischen Vorurtheile gegen dieOrientalen vielfach abgeschwächt Z. Dieselbe Geistessreiheit der Pro-
y Vergl. darüber Christian Ulrich Hahn, Geschichte der Ketzer im Mittel-alter I. 1t9 ff.