Druckschrift 
6 (1894) Geschichte der Juden vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027) bis Maimunis Tod
Entstehung
Seite
155
Einzelbild herunterladen
 

Der Fanatismus der Almohaden.

155

welche der Verfeinerung des Lebens huldigten. Nach der anderenSeite verwarf Jbn-Tnmart die sunnitische Lehre der mohammedanischenOrthodoxie und die buchstäbliche Auslegung der Koranverse, daß Gottmenschlich fühle und nach Gemüthsbewegnngen handle. Er fand einengroßen Anhang unter den Berbern und stiftete eine Sekte, welche vondem Umstande, daß sie die strenge Einheit Gottes ohne körperlicheVorstellung (Danolriä) zum Bekenntnisse hatte, sich Almowachidenoder Almohaden nannte. Die Sekte erkannte Jbn-Tnmart alsMahdi, als Gottgesandten Imam des Islam an. Mit der Trommelder Empörung und dem Schwerte des Krieges gegen die Almoravid-herrschaft verbreitete Jbn-Tnmart seine religiös-sittliche Reformationim nordwestlichen Afrika. Nach seinem Tode übernahm sein JüngerAbdulmumen die Führerschaft der Almohaden und wurde als Fürstder Gläubigen (Emir al-Llnmsnin) anerkannt. Von Sieg zu Siegfortschreitend, stürzte er das Reich der Almoraviden und beherrschtedas ganze Nordafrika. Abdulmumen war aber ein Fanatiker. Wie erdie Almoraviden nicht bloß als politische Gegner, sondern auch alsAndersgläubige mit Feuer und Schwert vertilgte, so wollte er keinanderes Bekenntniß in seinem Reiche dulden.

Als die Hauptstadt Marokko nach langer und hartnäckiger Be-lagerung in die Gewalt Abdulmumen's gefallen war (1146), ließ derneue Herrscher die zahlreichen Juden dieser Stadt zusammenberufenund redete sie folgendermaßen an:Ihr leugnet die Sendung desPropheten Mohammed, und ihr glaubt, daß der Messias, der ver-kündet ist, euer Gesetz bestätigen und eure Religion befestigen wird.Eure Vorfahren haben aber behauptet, daß dieser Messias spätestensein halbes Jahrhundert nach Mohammed's Auftreten erscheinen werde.Wohlan! dieses halbe Jahrhundert ist längst abgelaufen, ohne daßein Prophet unter euch anfgestanden wäre. Die Duldung, die euchunter dieser Bedingung gewährt wurde, soll aufhören. Wir könneneuch nicht mehr in eurem Unglauben lassen. Wir wollen euren Zinsnicht mehr. Ihr habt nur die Wahl zwischen der Annahme des Islamoder dem Tode." Die Verzweiflung der Juden bei dieser ernstge-meinten Ankündigung war groß. Es war das zweite Mal, daß ihnenunter mohammedanischer Herrschaft diese traurige Wahl gestellt wurde,das Leben oder die Religion aufzngeben. Durcb Vorstellung bewogen,änderte Abdulmumen das Verfolgungsedikt dahin ab, daß es jedemJuden gestattet sei, auszuwandern. Er gewährte auch den Aus-wanderern eine Frist, um ihre Ländereien und bewegliche Habe, diesie nicht mitführen konnten, zu veräußern. Diejenigen aber, welche imafrikanischen Reiche zu bleiben gedachten, wurden zur Annahme des