Verfolgung in Europa und Afrika. 147
Ländern wurden sie für vogelfrei erklärt, weil sie an Gottes Sohnund noch an manches Andere nicht glauben mochten, und in einemmohammedanischen Reiche wurden sie verfolgt, weil sie Mohammednicht als Propheten anerkennen wollten. Hier muthete man ihnenzu, ihrer Vernunft Gewalt anznthun, um Kindermärchen als tiefeWahrheit anzunehmen, und dort forderte man von ihnen, ihremGlauben zu entsagen, um dafür trockene Formeln mit philosophischemAnstriche einzntanschen. Beide stellten ihnen die traurige Wahl zwischenTod oder Verleugnung ihres alten Glaubens. Franzosen und Deutschewetteiferten mit wilden Berbern, um das schwächste der Völker nochmehr zu schwächen. An der Seine, am Rhein, an der Donau undan den Gestaden Afrikas und Südspaniens entstand gleichzeitig wieauf Verabredung eine blutige Hetzjagd im Namen der Religion gegendie Bekenner des Judenthums, uneingedenk dessen, daß das Gute undGöttliche, was in ihr vorhanden ist, eben diesem Bekenntnisse entlehntist. Bis dahin kamen Judenverfolgungen nur vereinzelt vor; vomJahre 1146 an aber werden sie häufiger, stetiger, consequenter, hart-näckiger, als wollte der Zeitraum, in dem das Licht der Einsicht imMenschengeschlechte zu dämmern begann, die Zeit finsterer Barbareian Unmenschlichkeit übertreffen. Diese Leidenszeit drückte dem jüdischenStamme jene Duldermiene auf, welche die freie Gegenwart selbstnicht ganz zu verwischen vermochte, jenen Märtyrerzug, von dem einklarblickender Schriftsteller sagt: „Die Schilderung des Propheten:,er wird gegeißelt und wird gepeinigt und öffnet seinen Mund nicht*,bedarf keiner Erklärung weiter, denn jeder Jude im Exile ist Belegdafür. Wird er gepeinigt, so öffnet er seinen Mund nicht, seinemPeiniger darzuthnn, daß er gerechter sei als dieser. Er hat seinenBlick nur auf Gott gerichtet, aber kein Fürst und kein Großer springtihm in der Noth bei" ^).
Die Verfolgung, welche gleichzeitig in Europa und Afrika sichverbreitete, hatte ihre letzten Fäden in Katastrophen, welche in Asienund Afrika vorgingen. Wäbrend die christlichen Ritter im neuenReiche Jerusalem und den daran grenzenden Fürstenthümern immermehr erschlafften, trat der türkische Held Nureddin auf, der die Christenaus Asien zu treiben Miene machte. Das wichtige Edessa war inseine Hände gefallen, und die rathlosen Kreuzstreiter mußten Europaum Hilfe anflehen. Da wurde der zweite Kreuzzng in Frankreichund Deutschland gepredigt, und der blutdürstige Fanatismus vonneuem gegen die Juden anfgestachelt.
') Jbn-Esra Kommentar zu Jesaias 53, 7.
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