Druckschrift 
6 (1894) Geschichte der Juden vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027) bis Maimunis Tod
Entstehung
Seite
146
Einzelbild herunterladen
 

146

Geschichte der Juden.

und nicht in hergebrachter Weise mit dem Abends, allein diese Ansichtübte weiter keinen Einfluß auf seine Denkweise und führte ihn nichtzu Konsequenzen. Andere nennenswerthe literarische Leistungen hatdas jüdische Frankreich in dieser Zeit nicht hervorgebracht, und diedeutschen Juden, welche seit Raschi's Auftreten ihre Führerschaft andie Champagne abtraten, waren noch ärmer daran. Nur zwei jüdischeSchriftsteller Deutschlands gleichen Namens verdienen eine Erwähnung:Elieser b. Nathan aus Mainz, Verfasser eines talmudischen Sammel-werkes <2olnat LaanoaLÜ, Lbsn ImHrsr), und Elieser b. NathanHalevi aus Köln, der die Leiden des ersten Kreuzznges als Augen-zeuge und Leidensgenosse mit düstern Farben schildert (Lontoros Natnu^).Seine Schilderung ist, obwohl schmerzerfüllt, doch wahrheitsgetreuund verdient als treueste Quelle den Vorzug vor den Berichten christlicherZeitgenossen. Sein Styl ist fließend und nicht ohne poetische Färbung,hin und wieder sind elegische Verse eingestreut. Kaum Ivar derBericht über die Leiden in Folge des ersten Kreuzzugs vollendet, solieferte der anfgestachelte Fanatismus wieder Stoff zu neuen Martyro-logien. Die gleichzeitige Verfolgung der Juden von Seiten der Kreuz-ziigler in Frankreich und Deutschland und der Almohaden in Afrika undSpanien drohte das Haus Jakob's von dem Erdboden zu vertilgen.

Als der größte neuhebräische Dichter klagte:Haben wir denneine sichere Stätte in West oder Ost," mochte er wohl in seinem zart-besaiteten Herzen die Unsicherheit der Stellung seiner Glaubensgenossengeahnt haben. Nur allzubald sollte der jüdische Stamm die erschreckendeWahrheit erkennen, daß er keine Heimath auf Erden habe und daßer in den Ländern des Exils seine Duldung mir der Jnconsequenzverdankte. Nur so lange das von Hause aus unduldsame Religions-princip der Kirche und des Islam in Gleichgültigkeit, Gewohnheitoder Eigennutz seiner Bekenner schlummerte, konnten die Juden ihresDaseins halb nnd halb froh werden. Sobald dasselbe aber auf-gerüttelt wurde, stellte sich die fürchterliche Consequenz mit Leidenund Märtyrerthum für Israel ein, und es mußte wieder zum Wander-stabe greifen und die liebgewordene Stätte mit blutendem Herzenverlassen. Obwohl die Juden im Allgemeinen nnd besonders ihreFührer, Rabbinen und Weisen, den christlichen und mohammedanischenVölkern durchschnittlich an inniger Gottergebenheit, an tiefer Sittlichkeit,an gediegenen Kenntnissen und Bildung überlegen waren, so dünktensich die, denen die Erde gehörte, doch höher und blickten mit Herren-übermuth auf jene wie auf niedrige Knechte herab. In christlichen

*) Dessen Commentar zum ersten Capitel der Genesis; vergl. Note 8.

2) Zum ersten Male edirt von Jellinek; vergl. Note 5.