Joseph Kara und Samuel b. Me'ir.
145
ältere Agadas zusammentrug (um 1107; Dmlcaoli lob auch ?ssisttasutra äi 11. lobia). Nur zivei Männer machten eine rühmliche Aus-nahme und führten die von der Agada beherrschte Schrifterklärung(I)sru8vü) auf das einfache Wort- und Sinuverständniß (?68olmt)zurück; Joseph Kara und Samuel Meir (blühten um 1100-1160).Beide haben eine um so größere Bedeutung, als sie sich gewissermaßenmit ihren Erzeugern, welche der deutelnden Auslegungsweise huldigten,in Widerspruch setzen. Joseph Kara war der Sohn des Agada-sammlers Simon Kara, Verfassers des Jalkut (o. S. 52), undSamuel b. Me'ir war ebenfalls von seinem Großvater Raschi inEhrfurcht vor der Agada großgezogeu. Beide haben dennoch, wahr-scheinlich angeregt durch die nüchterne Schrifterklärung des Menahemb. Chelbo (o. S. 51) und durch einen eingewauderteu Spanier Obadia,den alten Weg verlassen und sich der auf strenger Grammatik be-ruhenden Exegese beflissen. Samuel, welcher Raschi's Commentarzu Hiob und zu einigen talmudischen Traktaten ergänzte, hat seinenGroßvater von der Richtigkeit der sinngemäßen Schrifterklärung sosehr zu überzeugen gewußt, daß dieser bemerkte: er werde, wenn ihmKraft bliebe, seinen Commentar zum Pentateuch nach andern exegetischenGrundsätzen umändern *). Samuel commentirte in diesem nüchternenSinne den Pentateuch und die fünf Megillot, Joseph Kara die meistenprophetischen und hagiographischen Bücher").
Freilich halten die beiden französischen Exegeten keinen Vergleichmit den spanischen, namentlich mit Jbn-G'anach und Mose G'ikatillaaus; ihre Arbeiten haben nur insofern Bedeutung, als sie die Fesselnder agadischen Schriftauslegung durchbrochen haben. Sie sind imGanzen weit entfernt von einer ganz freien Ansicht über die heiligeSchrift. Samuel betrachtet noch immer das hohe Lied als ein Wechsel-gespräch zwischen Gott und der israelitischen Nation, um IsraelsVerhältnis) in den Zeiten des Glanzes und des Elends zu ver-anschaulichen. Versteigen sie sich hin und wieder zu einer kühnenAnnahme, so bleibt das eine vereinzelte Erscheinung, welche ihre An-schauungsweise und ihr religiöses Verhalten nicht erschüttert. Samuelb. Me'ir behauptet zwar, der biblische Tag beginne mit dem Morgen
') Vergl. oben S. 67. Die überraschende taktvolle und rationalistischeExegese des Pentateuch des rrr-i (Samuel b. Me'ir) verdiente eine eingehendeUntersuchung.
2) Davon ist indeß nur abgedruckt sein Commentar zu Hiob in Frankel'sMonatsschrift, Jahrg. 18ö8 — SS, sein Commentar zu Hosca gedr. in Breslau18KI, zu Jeremia edirt von Schlotzberg, Paris 1881 und zu Kohelet edirt vonDr. Einstein in Berliners Magazin 1886.
Graetz, Geschichte der Juden. VI.
10