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6 (1894) Geschichte der Juden vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027) bis Maimunis Tod
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Geschichte der Juden.

Vermöge ihres Scharfsinnes zerlegten sie mit erstaunlicher Zergliedernngs-knnst jeden Satz und jeden Begriff in seine Urelemente, brachten ansdiese Weise das scheinbar Verwandte weit auseinander und das schein-bar Entfernte in nähere Beziehung. Kaum kann man dem Nicht-eingeweihten einen annähernden Begriff von der kritisch-scharfsinnigenMethode der Tossafisten beibringen. Die schwierigsten logischenOperationen vollführten sie mit einer Leichtigkeit, als wären es einfacheRechenexempel für die Stufe des Kindesalters. Der spröde talmndischeStoff wurde unter ihren Händen zu einem Weichen Teige, ans dem sieüberraschende, halachische (gesetzliche) Gebilde und Compositionen formten.Für Verhältnisse anderer Zeitlagen, für welche der oberflächlichen An-schauung auch nicht eine Andeutung vorliegt, fanden sie darin Analogienin Fülle.

Den Kreis der ersten Tossafisten bildeten größtentheils Raschi'sVerwandte: seine zwei Schwiegersöhne Me'lr b. Samuel ausRamerü (einem Städtchen unweit Trohes) und Jehuda b. Nathan(abgekürzt Uibsn), die noch zu den Füßen der lothringischen Weisensaßen, aber unter Raschi ihre letzte Ausbildung erreichten; fernerseine drei Enkel Isaak, Samuel und Jakob Tam, SöhneMei'rs (Lidsm, Lnoobbsw und U. Dam) und endlich ein DeutscherR. Isaak b. A s ch er Halevi (kibn) aus Speier, ebenfalls mit Raschi'sFamilie verwandt.

Das Talmndstudium zerfiel durch die Arbeit der Tossafisten-Schule in zwei Fächer: in eine theoretische Erörterung, welche dasgründliche Verständnis) der talmudischen Partien vermittelte (Obiä-ckuoobioa) und in eine praktische Ausbeutung zur Anwendung dergewonnenen Resultate für die Rechtspflege, das Eherecht und dasreligiöse Ritual (Lssakim, Lesponss). Tie scharfsinnigen Com-binationen brachten neue Gesetzesbestimmungen zu Tage.

Neben dem Talmudstudium, das die Geisteskraft der nord-französischen und rheinischen Inden in Spannung erhielt, konnte keinanderes Fach Pflege finden. Die Poesie gedieh nicht in einem Kreise,wo die Logik das Scepter führte, und die Phantasie nur in so weitzugelassen wurde, um neue Fälle und Verwickelungen talmudischenStoffes zu ersinnen. Die Schriftauslegung wurde ebenfalls in tal-mudischer Weise behandelt. Die meisten Tossafisten waren zwar auchExegeten, aber sie kümmerten sich nicht um den eigentlichen Sinnder Schrift, sondern sahen sie durch die Brille der agadischen Aus-legung an. Es wurden eben so Tossafot zum Pentateuch ausgearbeitet,wie zum Talmud. Tobia b. Elieser aus Mainz verfaßte Com-mentarien zur Thora und den fünf Megillot in der Weise, daß er