Nathan Ofsicial. Das Talmudstudium in Frankreich. 143
er dem Bischof von Joiguy in Gegenwart des Erzbischofs und andererPrälaten auf die Frage: Warum er nicht an Maria glaube. Auchmit dem Papste Alexander III., der während seines Exils im Streitmit dem Gegenpapste Victor IV. einige Zeit in Sens wohnte, scheintNathan Ofsicial ein religiöses Gespräch geführt zu haben, und seineAeußerungen klingen scharf und rücksichtslos. Der König fragte ihneinst, wer seine Frau sei, und als er antwortete: seine Base, fiel einMönch mit der Bemerkung ins Wort: „Diese Leute heirathen in naherVerwandtschaft wie die Thiere." Darauf bewies Nathau, daß in derBibel selbst Beispiele von Ehen unter Geschwisterkindern Vorkommen,und daß demnach das katholische Ehegesetz, daß nur der Papst dasEingehen einer solchen Ehe dispensiren könne, gegen die Bibel sei.Auch seine Söhne, Joseph und Ascher, und sein Oheim Josephaus Chartres disputirten ohne Scheu mit Geistlichen über dieDogmen und Beweisführung der Kirche.
In dieser günstigen Lage ungeschmälerter Duldung konnten sichdie jüdischen Denker Nordfrankreichs ihrem Drange überlassen, dievon Raschi angebahnte Richtung zu verfolgen. Den Talmud dem ganzenUmfange nach zu begreifen und zu erklären, war den französischenJuden zur Leidenschaft geworden. Der Tod hatte den Talmnd-
commentator von Trohes inmitten seiner Arbeit abgerufen; seineJünger bemühten sich, die von ihm gelassenen Lücken zu ergänzen.Er hatte den Geist des rücksichtslosen Forschens und Grübelns, derhaarscharfen Dialektik, der feinen Zergliederungskunst auf seine Schulevererbt, und sie hat das Erbe reichlich vermehrt. Das richtige,sachgemäße Verstäudniß des Talmud war den Jüngern Raschi's eineso heilige Gewissenssache, daß sie sich nicht scheuten, die Erklärungenihres Meisters einer scharfen Kritik zu unterwerfen. Aber ihre Ver-ehrung für denselben war wiederum so groß, daß sie ihre eigenenMeinungen nicht selbständig hinstellen mochten, sondern sie als bloßeZusätze stloooakot) an Raschi's Commentarien anlehnten. Von diesemUmstande erhielt diese Schule ihren Namen, die tossafistische.Sie hat theils die von Raschi gelassenen Lücken ausgefüllt, thetls dievon ihm gegebenen Erläuterungen berichtigt und erweitert. DerHauptcharakter der tossafistischen Richtung ist, daß sie nichts aufAutoritäten giebt, sondern mit eigenen Augen sehen, das ihr Vorliegendemit eigenem Verstände begreifen will. Vermöge ihrer tiefen Ein-gelesenheit und Vertrautheit lag den Trägern dieser Schule der um-fangreiche Talmud sammt der Nebenlitteratur mit seinem Gewimmelvon Lehrgegenständen und einander überrennenden Aussprüchen, Sätzenund Meinungen wie ein scharfgezeichnetes engrahmiges Bild vor.