96 Geschichte der Juden.
gethan haben, geschah aus Furcht vor dem Schwerte, und sie hattennichts Eiligeres zu thun, als zum Judenthnm zurückzukchren" Z.Schlimmer noch waren die Nachwehen des ersten Kreuzzuges. DerSinn der deutschen Juden, der sich ohnehin zu übertriebener, büßenderFrömmigkeit neigte, wurde durch die beispiellosen Leiden noch mehrverdüstert. Jeder Frohsinn war unter ihnen verscheucht, sie warenseitdem stets in Sack und Asche gekleidet. Es bemächtigte sich ihrereine Gedrücktheit, der sie sich lange nicht entwinden konnten. Vonder katholischen Kirche, die sie nicht genug verabscheuen konnten, nahmensie nichtsdestoweniger den Brauch an, die Gräber ihrer Märtyrer, diesie auch Heilige (Uoäosollim) nannten, zn besuchen, dabei Todten-gebete zu verrichten nnd sich deren Fürbitte im Himmel zu empfehlen.Das Judenthnm in Deutschland erstarrte seit der Zeit immer mehrzu einem düsteren Wesen. Freilich waren namentlich die Träger des-selben von außerordentlicher Sittenstrenge; allein ihre Sittlichkeithatte keinen Schwung, wie denn auch die Poesie bei den deutschenJuden keinen Eingang finden konnte. Ihre Dichter, wenn man sie sonennen darf, variirten nur die Klage über das grausige Leid und dieVerlassenheit Jsrael's in Bußgebeten nnd Trauerliedern. Von dendeutschen Poetanen, welche die Leiden des ersten Kreuzzuges in herz-zerreißende, aber unpoetische Verse gesetzt haben, sind bekannt:Benjamin b. Chija, David b. Me schult am, David b.Samuel Halevi, Jakob b. Isaak Halevi, Kalonymosb. Jehuda aus Spei er und Samuel b. Jehuda ausMainz").
Gegen die überhandnehmende, büßermäßige Richtung der deutschenJuden bildete der Talmud ein günstiges Gegengewicht. Das Talmud-studium, wie es Raschi angebant hat, schützte vor Verdumpfung, ge-dankenlosem Hinbrüten und mönchischem Wesen. Wer sich in denverschlungenen Gängen des Talmud zurechtfinden wollte, mußte dasAuge für die Welt der Thatsachen stets offen haben, durfte seinDenken nicht einrosten lassen. Das tiefe Talmudstudium war derBalsam für die Wunden, welche das kreuzzüglerische Gesindel denGemeinden der Rheingegend geschlagen hatte. Im Lehrhanse herrschtedie Freudigkeit gedanklichen Schaffens, hier war keine Sorge, keinTrübsinn zn bemerken. Das Lehrhaus wurde auf diese Weise dieWelt für die Unglücklichen. Die beiden Männer, welche dem Talmud-stndium Schwung und Tiefe gegeben haben, starben im Anfänge des
Z Uasolli Uarclss x 23 <l.
2) Vergl. Note 5.