Die Juden in Spanien. 71
durch äußere und innere Kämpfe so sehr verwickelt, daß es die Indenin Ruhe ließ.
Ereignisse von welthistorischer Bedeutung in Westeuropa, die aus-gedehnten Eroberungen der Christen im mohammedanischen Spanienund der erste Kreuzzng gegen die Mohammedaner im Morgenlandeführten tiefe Veränderungen für die Juden Westeuropas herbei, diegrößtentheils einen tragischen Verlauf nahmen und die friedlicheBeschäftigung mit der Lehre unterbrachen. Bei den Vorgängen inSpanien spielten die Juden keine ganz unbedeutende Rolle, wennauch ihr Eingreifen in die Ereignisse nicht im Vordergründe sichtbarist. Sie haben gewissermaßen die Pulvermine mit anlcgen 'Helsen,welche ihre Urenkel in die Luft sprengen sollten. Der erste ge-waltige Stoß, welcher die Zertrümmerung der islamitischen Herr-schaft ans der pyrenäischen Halbinsel herbeiführte, ging von dem ebenso staatsklugen wie tapferen castilischen König Alfonso VI. ans, dermehr auf die Degenspitze und diplomatische Kunst, als auf das Kreuzund Gebete vertraute. Das Ziel, welches er seiner Thätigkeit steckte,die mohammedanischen Königreiche und Fürstenthümer zu unter-werfen und die Bekenner des Islam aus dem Lande zu jagen,war aber nur dann erreichbar, wenn er die islamitischen Herrscher inihrer Uneinigkeit und Eifersüchtelei erhalten und bestärken, sich derEinen gegen die Andern bedienen und sie auf diese Weise sämmtlichschwächen konnte. Dazu bedurfte er gewandter Diplomaten, und vonseinen Uuterthanen waren die Juden am geeignetsten dazu. SeineRitter waren zu plump und seine Bürger zu unwissend, um fürSendungen zarter Natur tauglich zu sein. An den mohamme-danischen Höfen von Toledo, Sevilla, Granada herrschte nämlich einfeiner, gebildeter, geistreicher Ton, voller Anspielungen auf die glän-zende Geschichte und Literatur der Araber. Wollte ein Gesandter andiesen Höfen etwas durchsetzen oder erfahren, so mußte er nicht nurdie arabische Sprache mit allen feinen Wendungen verstehen, sondernauch mit dem beziehnngsreichen Hoftone vertraut und literatnrkundigsein. Dazu waren die Juden besonders brauchbar. Denn die ChristenSpaniens konnten sich nicht recht in das arabische Element hinein-leben. Alfonso verwandte daher Juden zu diplomatischen Sendungenan die Höfe der mohammedanischen Fürsten. Ein solcher jüdischerDiplomat am Hofe des Königs Alfonso war Amram b. IsaakJbn-Schalbib st, ursprünglich Leibarzt desselben. Da Jbn-Schalbibdie arabische Sprache gut verstand und Einsicht in die politischen
st Vergl. Note 4.