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6 (1894) Geschichte der Juden vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027) bis Maimunis Tod
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Geschichte der Juden.

saß und an Lastern Theil nahm; unter den Priestern wurde der-jenige am meisten gelobt, der die prächtigste Kleidung, die üppigsteTafel, die schönsten Concubinen hatte" ^), in dieser Zeit und auchnoch lange nachher galt es in jüdischen Kreisen für Schmach undSünde, wenn die Rabbinen sich ihr Amt bezahlen ließen. DasRabbinat war in den Ländern der Christenheit und des Islam einEhrenamt, das nur dem Würdigsten übertragen wurde, und derRabbine mußte nicht nur in Wissen, sondern auch in Tugend derGemeinde voranleuchten. Nüchternheit, Genügsamkeit, Gleichgültigkeitgegen den Mammon war dasjenige, was sich bei einem Rabbinenvon selbst verstand. Dem Muster eines Rabbinen entsprach Raschiam vollkommensten, und die jüdische Nachwelt sah in ihm ein flecken-loses Ideal. Auch seine Mitwelt verehrte ihn als die höchste Autorität.Aus allen Theilen Deutschlands und Frankreichs ergingen gutachtlicheAnfragen an ihn, und seine Antworten zeugten ebenso sehr von tieferSachkcnntniß als von liebenswürdiger Milde des Charakters.

Nach dem Tode der lothringischen Talmudlehrer (um 1070)strömten die Jünger aus Deutschland und Frankreich zu Raschi'sLehrhans nach Trohes; man betrachtete ihn als deren würdigen Nach-folger. Er trug ihnen Bibel und Talmud vor. Raschi hatte sich inden Talmud so eingelesen, daß ihm nichts dunkel darin blieb. In derErklärung desselben übertraf er sämmtliche Vorgänger, so daß manmit Recht von ihm sagte, ohne ihn wäre der babylonische Talmudvernachlässigt worden, wie der jerusalemische^). Seine Erklärungen,die er unter dem Namen Commentar (konteros) über einen großenTheil der Talmndtraktate niederschrieb, sind ein Muster für Scholien,einfach, wortkarg und doch deutlich und lichtvoll. In dem verständ-lichen talmudischen Idiome geschrieben, setzte er kein Wort zu vielund keins zu wenig. Die Wort- und Sacherklärung ist für den

Anfänger, wie für den tiefeingehenden Fachmann berechnet. Raschiverstand die Kunst, den Text durchsichtig zu machen, sich in die Seeledes Lesers zu versetzen und durch einen geschickt angebrachten Ansdruckoder eine Wendung dem Mißverständlich vorzubeugen, Einwürfen zubegegnen, Fragen abzuschneiden. Größtentheils gab Raschi dieErklärungen seiner Vorgänger in deutlicherer Fassung wieder; nur da,wo sie ihm unangemessen erscheinen und dem Text Gewalt anthnn,stellte er seine eigenen Ansichten auf, die voller Verstandesschärfe unddoch in überraschender Faßlichkeit dargestellt sind. Raschi ist als

-) Schlosser, Weltgeschichte VI. 225.

2) Nsuabsra b 2srs,ob Einleit, zu 2säa 1a - Osi-soll.