52
Geschichte der Juden.
Allein die erste Regung einer nüchternen Bibelanslegnng uns fran-zösischem Boden ist als solche eine interessante Erscheinung. Menahemb. Chelbo schrieb einen Commentar zur ganzen Bibel, von dem sichjedoch nur kleine Bruchstücke erhalten haben. — Sein Bruder Simeonb. Chelbo Kara*) (der seinen Namen von dem Vorlesen der Sabbat-abschnitte hat) wußte nichts von einer nüchternen Bibelerklärung,sondern hielt sich an die agadische Auslegung, wie sie in den jüdischenKreisen Deutschlands und Frankreichs üblich war. Simeon Karasammelte zu diesem Zwecke sämmtliche ihm bekannte agadische Aus-sprüche aus älteren Werken, stellte sie zum betreffenden Verse zu-sammen und nannte das Sammelwerk Jalkut. — Ein eben solcherAgadasammler war R. Mose aus Narbonne^), Kanzelredner svar-selian) dieser Gemeinde; diese Sammlung ist unter dem Titel„Bereschit Rabba" bekannt.
Das klassische Land für Talmudstndinm war Lothringen, dasdamals eine weitere Ausdehnung hatte und die mittlere Rheingegendumfaßte. Die „Weisen Lotharien's" (Obaobms Iwtbar) galtenals maßgebende Autoritäten. Man verstand unter dieser Bezeichnungzunächst die Vorsteher der Talmudschulen von Mainz und Worms.In Worms wurde in dieser Zeit eine Synagoge vollendet (1034),welche im byzantinischen Style mit Säulen und Kapellen erbaut, zuihrer Zeit als ein Prachtwerk, als ein Tempel im Kleinen gegoltenhat und durch Wundersagen noch mehr verherrlicht wurde. Einkinderloses Ehepaar, Jakob b. David und seine Frau Rahel,haben sie auf ihre Kosten bauen lassen, und die dankbare Gemeindehat ihre Namen durch eine Inschrift und durch eine jährliche Ge-dächtnißfeier verewigt^). Die lothringischen Autoritäten waren zudieser Zeit R. Isaak Halevi (Segan Levija) b. Eleasar in Worms,Vater dreier gelehrter Söhne, ferner R. Jakob b. Jakar in Mainzund R. Isaak b. Jehuda, zuerst in Worms und später Rabbiner
^ Vergl. die gediegene Abhandlung von Rapaport Lsrsrn Oüsrasä VII,S- 4 ff.
2) Vergl. Zunz, gottesdienstliche Vorträge, S. 287 ff.
Die Inschriften sind am correctesten nütgetheilt in L. Levysohn's Epita-phien des Wormser Friedhofes (S. t04). Dis Jahreszahl der Vollendung derSynagoge ist deutlich angegeben: Ellul 794 der Weltaera (1034). Ein anderesDatum ist durch einen Vers ausgedrückt, dessen Zahlenwerth 946 beträgt.Diese Zahl gilt als ein Räthsel, weil sie die erstgenannte aufhebt. Mir scheintsie eine Jahreszahl nach der Aera der Tempelzerflörung zu sein 946 -l- 68 — 4014,und das Datum zu bedeuten, an dem der Bau der Synagoge begonnenhat, so daß der ganze Bau von 1014 bis 1034 gedauert hätte. Daß siedamals bloß restaurirt worden sei, wie Levysohn behauptet, geht aus derInschrift nicht hervor.