Druckschrift 
6 (1894) Geschichte der Juden vom Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027) bis Maimunis Tod
Entstehung
Seite
2
Einzelbild herunterladen
 

Geschichte der Juden.

2

klärten nur das untergehende Gaonat mit farbigem Abendglanze.Auch die Zahl der Männer zweiten Ranges, deren Leistungen nichtunbedeutend waren, ist in diesem Zeitabschnitte nicht klein. Das ersterabbinische Geschlecht, wie diese Zeitepoche genannt wird, hat klassischeBedeutung; es wirkte nach allen Seiten hin schöpferisch und originellund überstrahlte seine Vorgänger. Die hebräische Sprachwissenschaftwurde zur Vollendung gebracht, die nenhebräische Poesie erreichteihre Meisterschaft, das Talmudstndinm schuf sich eine Methodologie,welche das Vereinzelte und Unzusammenhängende unter Regeln brachte.Die Philosophie, bis dahin unter Inden und Arabern in niedrigerSphäre gehalten, erhob sich zu einer Gedankenhöhe, von der ans dieWelt in einem anderen Lichte erschien. An dem Höhen- und Breiten-messer der Cultnr nahmen die rabbanitischen Juden dieser Zeit denhöchsten Grad ein, die Mohammedaner den zweiten und die christlicheBevölkerung erst den dritten oder sie stand vielmehr auf Nnllgrad-Alles Erhabene, Edle und Befreiende, das im menschlichen Geisteliegt, wurde in dieser Zeitepoche von jüdischen Denkern ans Licht ge-fördert. Die Gedankenklarheit, welche selbst die Vertreter des Talmudin den babylonischen Schulen offenbarten, sucht man vergebens bei ihrenhervorragenden Zeitgenossen in der christlichen und islamitischen Welt.

R. Hat (oder Haja, geb. 969, gest. 1038), im achtzehntenLebensjahre zum höchsten Rang nächst dem Gaon erhoben, als Drei-ßiger Nachfolger seines Vaters Scherira mit der Gaonwürde vonPumbadita bekleidet, dessen Name beim Amtsantritt in öffentlicherVorlesung aus den Propheten genannt und der mit dem KönigSalomo verglichen wurde (B. V.g S. 351), verdiente den hohenVorzug, den ihm die auswärtigen Gemeinden wie die babylonischeneinräumten. Er war ein ebenso edler, strengsittlicher Charakter wieselbstständiger Denker, in allen Fächern der Wissenschaft, wie siedamals gelehrt wurden, heimisch und nach vielen Seiten hin schrift-stellerisch thätig. R. Hal erinnert an Saadia, den er als Idealverehrte und gegen Angriffe in Schutz nahm, nur war er mehrTalmudist, Saadia dagegen mehr Religionsphilosoph. Gleich ihmverstand Hai das Arabische so meisterhaft, daß er viele rechtsgut-achtliche Anfragen in dieser Sprache beantwortete und wissenschaftlicheGegenstände darin behandelte. In dieser Sprache schrieb er ein Ver-zeichniß der hebräischen Wurzeln (Otmwi, illsasssk), das von einemspäteren Kenner (Jbn-Esra*) sehr gerühmt wurde. In diesemWörterbuche erklärte er manche dunkle Schriftverse, aber ein exegetisches

*) Jbn-Esra Einleitung zu Mosnajim. Vergl. Note 1.