Saadia's Religionsphilosophie.
275
des Messias noch in seiner Zeit erwartet, für deren Berechnung eineeigene Schrift verfaßt (Sstsr lm-Ualng) und scheint sie auf das Jahr964 bestimmt zu haben Z. An der Messiaszeit werden auch die übrigenVölker Theil haben, je nach ihrem Verhalten zu dem israelitischenVolke. — Die höchste Glückseligkeit trete aber erst mit dem jenseitigenLeben in der künftigen Welt ein (Olaw da-ba). Dort findet die Aus-gleichung aller Mißklänge statt. Die Gerechten und Frommen werdenvon der Erde in einen ätherischen Raum entrückt werden, den die heiligeSchrift Himmel nennt, die unbußfertig Gestorbenen werden in einenandern Raum versetzt, um je nach dem Grade ihrer VergehungenHöllenstrafen zu erleiden^). Die Wohnungen der Seligen und dasjüngste Gericht hat Saadia phantastisch ausgemalt; es ist der schwächsteTheil seines Systems.
Ueberhaupt ist es Saadia nicht gelungen, seine Aufgabe zu löse»,das Judenthum mit dem vernunftgemäßen Denken in Einklang zubringen, konnte ihm auch nicht gelingen, weil das Wesen der beidenGegensätze, die er vermitteln wollte, nur einseitig und nicht tief genugvon ihm erkannt war. Außerdem ging er überall von Voraussetzungenaus. Der Inhalt der heiligen Schrift und die Ueberlieferung desTalmud waren ihm unanfechtbare Wahrheiten, die er mehr durch viel-fache als durch stichhaltige Gründe dem Berständniß näher bringenwollte. Ueberzeugend ist seine Beweisführung keineswegs. Sein Religions-system verräth daher nach allen Seiten hin einen unreifen Anfang. Auchist Saadia genöthigt, nicht selten dem Wortsinn der Schriftverse Gewaltanzuthnn und Umdeutungen vorzunehmen, die in seiner Zeit Beweis-kraft gehabt haben mögen, einem richtigen Schriftverständniß aber ver-kehrt erscheinen. Indessen überragt Saadia dennoch seine Zeitgenossen,karäische wie moslemitische Religionsphilosophen, darin, daß er einklares Bewußtsein davon hatte, wie die allegorischen Umdeutungen nichtin's Maßlose durchgeführt werden dürfen, sondern auch ihre Schrankeund Regel haben. Er stellte daher den Satz auf, die Verse der heiligenSchrift müssen durchaus in ihrem natürlichen Wortsinn und in ihrer
9 Vergl. Abraham b. Chija Ibbur sä. Hiliporvslri Einleitung p. XI. f.Die von Saadia angestellte Berechnung desjmessianischen Jahres ergiebt (nachder richtigen Auffassung des Commentators Ben-Jemini zu lLruunot VHI 1)das Jahr 964. Woher Geiger (in dessen Moses b. Maimon S. 69> das Jahr988 genommen hat, ist mir nicht klar. Es ist jedenfalls falsch: denn Jephet,der seinen Danielcommentar 988 schrieb, bemerkt schon, die von Saadia be-rechnete Messiaszeit sei vorüber (Pinsler, Beilage S. 81). Fürst (in seinerUebersetzung des Lraunot S. 425) ging dabei von einem unrichtigen Punkteaus, und die falsche Berechnung ergab ihm das Jahr 1123.
2) Lrnunot, Abschnitt IX.
18 *