Geschichte der von Juden den ältesten Leiten vis auf die Gegen -'--Ms- Aus den lHueUen neu beordertet von I)r. H. Graeh, wcir Prosrjsnr LN drr Univrrsttnk und NM jüdisch-khiologischrn Srminnr zu Fiinftcr Band. Dritte verbesserte Auflage. Leidig, Oskar Leiner. 1895 wart. Dreslsu. eWte der Me« vom Abschluß des Tulmnd (500) bis zum Aufblühen der jüdisch-spanischen Cultur (1027). Von Di-. H. Graetz^ weil. Professor an der Aniversttäi und am jüdisch-lheologischen Zeminar zn Breslau. Dritte verbesserte Auflage. Leipzig. Oskar Leiner. 1895. 2 ^ Das Recht der Ueberjetlnng in fremde Sprachen vordrhalten. Nsrioort zur dritten Auflage. ^sür die neue Auflage dieses Bandes sind die hinterlassenen Notizen des verewigten Verfassers als Fußnoten verwendet worden. Die wenigen Veränderungen im Text sind aus der „Volksthümlichen Geschichte der-Juden" entnommen, in welcher der Verfasser seine neueren Forschungen niedergelegt hatte. — Herr Prof. Harkavy in Petersburg hat die große Güte gehabt, zur Vervollständigung der Note 17 eine Abhandlung über die Entstehung des Karaismus dem jetzigen Stande der Wissenschaft angepaßt zu geben. Es sei ihm dafür an dieser Stelle der herzlichste Dank ausgesprochen. — Eine Reihe von Anmerkungen hat ein Freund des Verewigten, Herr Halberstam in Bielitz dem Werke beigefügt, die als Fußnoten mit (8) bezeichnet sind. Leipzig, Juni 1895. Oskar Lein er Verlagsbuchhandlung. InhcrLL. Dritte Lxsche der ersten Periode: Die saburäisihr Zeit. Erstes Kapitel. Babylon und Judäa. Rundschau; die Zendik; der König Kavad und der Reformator Mazdak; der Exilarch Mar-Sutra II., Mar- Chanina; Aufstand der babylonischen Juden; Hinrichtung Mar- Sutra's und Chanina's; Verfolgung und Auswanderung; die Saburäer R. Giza von Sura und R. Simmuna von Pumbadita; Neue Verfolgung unter Hormisdas IV.; Anhänglichkeit der Juden an den Thronräuber Bahrain; Wiedereröffnung der Lehrhäuser; die Schulhäupter der Exilarchen. Gedrückte Lage der Juden unter den byzantinischen Kaisern. Ihr Aufenthaltsort in Judäa; Jüdische Wagenlenker und Wettfahrer in Palästina. Geringe Lehrthätigkeit in Judäa; Kaiser Justinian und seine judenfeindlichen Verfügungen; sein Edikt gegen die agadische Auslegungs- weise; die jüdisch-afrikanische Gemeinde zu Borton; Erbitterung der Juden gegen dis byzantinische Tyrannei; ihre Betheiligung am Perserkriege gegen Palästina; Benjamin von Liberias; kriegerische Streifzüge der Juden Palästinas; der Mönch von Sinai; Anschluß der Juden an Heraklius; Wortbruch dieses Kaisers gegen dieselben; Verfolgung und neue Verbannung aus Jerusalem. Zweites Kapitel. Die europäischen Länder. Lage der Juden in Europa; die Gemeinden Konstantinopels; die Tempelgefäße; die Juden Italiens; Papst Gelasius; Theoderich's des Großen Verhalten; der Minister Cassiodor; Tapferkeit der Juden Neapels; Papst Gregor I. Stellung der Juden in Frankreich; die Concilienbeschlüsse gegen sie; ^Fanatismus des Bischofs Avitus von Clermont; König Chilperich und sein jüdischer Juwelier Priscus; der Apostat Phatir; Verfolgung unter König Dagobert. Alter der Juden in Spanien; ihre ungestörte Ruhe unter Römern und arianischen Westgothen; vm Seile Reccared's Gesetze; Sisebut's Verfolgung; Swintila's Judenfreundlichkeit; Sisenand's judenfeindliche Dekrete; Isidor von Sevilla; Streitschriften für und gegen das Judenthum; Chintila's harte Judengesetze.30 — 64 Drittes Kapitel. Die Juden der arabischen Halbinsel. Einwanderung der Juden in Arabien. Die jüdischen Stämme in und um die Stadt Jathrib und in der Landschaft Chaibar. Ihre Festungen und Schlösser. Die Juden in Jemen. Ihre Macht und ihr Einfluß auf die arabischen Stämme. Einige Stämme nehmen das Judenthum an. Das jüdisch-himjaritische Reich. Abu-Kariba, der erste jüdisch-himjaritische König und die jüdischen Weisen Kaab und Assad aus Jathrib. Jussuf Dhu-Nowas, der letzte jüdisch-himjaritische König und sein Ende. Fehden der jüdischen Stämme in Jathrib mit den Arabern. Der jüdische Dichter Samuel b. Adija und. sein Sohn Schoraich. Der jüdische Häuptling Kaab und die Kämpfe der Juden von Jathrib.67 — 90 Wertes Kapitel. Mohammed und die Juden. Der Religionsstifter von Mekka und Medina; sein Verhältniß zum Judenthum und zu den Juden Arabiens. Abdallah Jbn-SalLm und die jüdischen Ansar; Pinchas Jbn-Asura und die jüdischen Gegner Mohammed's. Krieg mit dem jüdischen Stamm der Benu-Kainukaa, ihre Niederlage und Auswanderung. Krieg mit den Benu-Nadhir und ihre Auswanderung. Der jüdische Häuptling Hujej; der Coalitionskrieg gegen Mohammed. Krieg mit den Benu-Kuraiza und Untergang derselben. Krieg mit den Juden von Chaibar; die jüdischen Helden Kinanah und Marhab. Niederlage der Chaibarenser. Die Jüdin Zainab. Gehässigkeit ves Koran gegen die Juden. Auswanderung der Juden von Chaibar und Wadil-Kora nach Kufa . . . 8l — 108 vierte Lpocbe der ersten Periode: Dir gaonäischr Zeik. Iiünftes Kapitel. Das erste .qaonäische Jahrhundert. Die Eroberungen des Islam; Jerusalem. Omar's Unduldsamkeit; der Omarbund. Jüdisches Urtheil über die Herrschaft des Islam. Glückliche Lage der babylonischen Juden. Der Exilsfürst Bostanai und die persische IX Königstochter Dar«. Das Schulhaupt R. Isaak und der ChalifeAlii die Gaon-Würde. Reform des Ehescheidungsgesetzes. Das Exil- archat und Gaonat. Huldigungsfeierlichkeiten für den Exilarchen; Die Hochschulen und ihre Collegien. Die Gemeindeverfassung. Der Bann. Der einigende Verband der zerstreuten Juden. Gedrückte Lage der westgothisch-spanischen Juden. Die Concilien und Gesetze. Der Erzbischof Julian von Toledo und die Juden. Verschivörungsversuch; die Juden zur Leibeigenschaft verurtheilt, erlangen durch den Sieg des Islam Freiheit und angesehene Stellung .. Sechstes Kapitel. Das erste gaonäische Jahrhundert (Fortsetzung). Die Anfänge der neuhebräischen Literatur und der gegentalmudischen Bewegung. Tyeilnahme der Juden an der arabischen Sprache und Literatur; Messer-G'awaih, Sumair. Die neuhebräische Poesie; Joss b. Josä, Simon b. Kaipha; Einführung des Reimes; Janai, Eleasar Kaliri und andere poetanische Dichter. Opposition gegen den Talmud; der falsche Messias Serene. Der jüdische Häuptling Kaulan und die spanischen Juden. Das Schulhaupt Natronai und die Apostaten. Verfolgungen unter dem Kaiser Leo. Auswanderung der Juden nach der Kriminsel und dem Chazarenlande. Der falsche Messias Obadia Abu-'Jsa. Die messianische Apokalypse. Krieg und Untergang Abu-'Jsa's. Die Sekte ver Jsawiten. Der Exilsfürst Salomon; R'. Achäi aus Schabcha, Verfasser der Scheeltot. Siebentes Kapitel. Entstehung des Karäerthums und deren Folgen. Anan b. David, Stifter des Karäerthums; seine Genossen und Jünger. Die Massoreten. R' Jehuda'i Gaon. Neues Verhältniß zwischen Exilarchat und Gaonat. Die Chazaren und ihre Bekehrung zum Judenlhum; ihr König Bulan und sein jüdischer Lehrer Isaak Sangari. Karl der Große und die Juden. Die Familie Kalo- nynios aus Lucca in Mainz. Ursprung der deutschen Juden. Der jüdische Gesandte Isaak. R' Machir in Narbonns. Die judenfeindlichen Verhältnisse im Chalisat. Sahal Al-Tabari. Jehuda Judghan, der Perser und die Sekte der Judghaniten. Benjamin Nahawendi und dis Makarijiten. Die Mystik von der Verkörperung Gottes (LoUiur Xouauli). Die Mystiker an den Hochschulen. Streitigkeiten um das Exilarchat und Gaonat. Das Karäerthum; Nissi b. Noach. Meswi und Jsmael und die Akbariten; Mose, der Perser und die Tiflisiten. Mose aus Baalbek. Inkonsequenzen und Erschwerungen im Karäerthume. Seite 109—142 143—162 163—204 Achtes Kapitel. Günstige Lage der Juden im fränkischen Kaiserreich. Kaiser Ludwig's Gunstbezeugung gegen die Juden; die Kaiserin Judith und die Gönner derselben; ihr Erzfeind Agobard; sein Sendschreiben gegen die Juden; der Proselyte Bodo-Eleasar; Ludwig behandelt die Juden als besondere Schutzgenossen des Kaisers . Aeuntcs Kapitel. Das Sinken des Exilarchats und die Anfänge einer jüdisch- wissenschaftlichen Literatur. Kaiser Karl der Kahle und die Juden. Der jüdische Arzt Zedekias. Der jüdische Diplomat Juda. Der Judenfeind Amolo. Das Concil von Meaux. Amolo's judenfeindliches Sendschreiben. Nachwirkung desselben. Taufzwang der Juden im byzantinischen Reiche unter Basilius Macedo und Leo. Demüthigung der Juden und Christen >m Chalifat. Sinken des Exilarchats und Hebung der pumbadita- nischen Hochschule; Paltoj und Mar Nmram; Gebetordnung. Die schriftstellerischen Gaonen. Simon Kahira. Der arabische Josippon. Isaak Israeli. Die karäischen Schriftsteller; Mose Daran Asketische Richtung des Karäerthums. Eldad, der Danite und Zemach Gaon. Jehuda b. Koraisch. Ehrenvolle Stellung der Juden und Christen unter dem Chalifen Almutadhid. Sinken der suranischcn Hochschule. Kohen-Zedek und seine Bestrebungen. Die Exilarchen Ukba und David b. Sakkai. Zehntes Kapitel. Untergang des Exilarchats, Blüthezeit der jüdischen Wissenschaft, die Epoche Saadia's und Chasdal's; Asten. Saadia, sein Lebensgang, seine Jugendarbeiten, seine Polemik gegen das Karäerthum. Salmon b. Jerucham und sein Kampf gegen Saadia. Der Exilarch David ben Sakkai. Saadia wird zum Gaon ernannt, seine Streitigkeiten mit David, seine Amtsentsetzung und schriftstellerische Thätigkeit, feine Neligionsphilosophie. Der Ketzer Chiwi Balchi. Saadia's Versöhnung mit David. Untergang des Exilarchats. Saadia's Tod Untergang der suranischen Hochschule. Aaron Jbn-Sargadu. Jakob ben Samuel und sein Kampf mit den Karäern, Abulsari Sahal, Jephet ben Ali; Menahem Gizni. David Almokammez. Ben-Ascher und seine massoretischs Leistung, Abschluß des massoretischen Textes. Die jüdischen Gemeinden auf der Krimmhalbinsel. XI Elftes Kapitel. (Fortsetzung). Die Blüthezeit der jüdische» Wissenschaft, die Epoche Saadia's und Chasda'i's; Europa. Die vier Gründer neuer Talmud- lehrhäuser in Afrika und Europa. R' Mose b. Chanoch und die Gemeinde von Cordova. R' Chuschiel und die Gemeinde von Kairuan. Dunasch b. Tannin. Sabbatai Donnolo und der heilige Nilus. Die Juden in Spanien; der jüdische Minister Chasda't Jbn-Schaprut, sein Charakter und seine Thaten. Sendschreiben an den jüdischen Chagan Joseph von Chazarien. Schwächung des Chazarenreiches durch die Russen. Menahem Ben-Saruk und Dunasch Ben-Labrat. Die Einführung des neuhebräischen Versmaßes. Aufblühen der jüdisch-spanischen Poesie. Das Lehrhaus in Cordova. R' Chanoch und Jbn-Abitur. Chasda'i's Tod.'. 287—319 Zwölftes Kapitel. Morgenröthe der jüdisch-spanischen Cultur und Verfall des Gaonats. Der Gaon Scherira und sein Sohn Hai; Scherira's historisches Sendschreiben; Manasse Jbn-Kazra; die jüdischspanischen Gemeinden; die Jünger Menahein's und Dunasch'S; Jshuda Chajug; Hassan b. Mar-Hassan; der Streit zwischen R' Chanoch und Jbn-Abitur; Jakob Jbn-G'au und sein Geschick. Die Juden Frankreichs; Nathan der Babylonier in Narbonne; R' Leontin; die Juden Deu'.schlands; Otto II. und Kalonymos; R' Gerschom und seine Verordnungen; R' Simeon aus Mainz; der Proselyt Wecelinus; Kaiser Heinrich II. und die Judenverfolgung in Deutschland; der Chalife Hakem und die Judenverfolgung in Egypten und dem Orient; der jüdische Chagan David und die Russen; Untergang des jüdisch-chazarischen Staates; das Karäerthum; Joseph Alkarkassani und Levi Halevi . . . 329—344 Noten.345-48l Einleitung. Die jüdische Nation hatte auf den blutigen und rauchenden Trümmern Jerusalems und Betar's ihr Leben ausgehaucht; die Gemeinde bildete sich aus den zersprengten Resten, zusammengehalten und gefestigt von einsichtsvollen, hingebenden Führern. Der jüdische Staat war unter den wiederholten Streichen der römischen Legionen zusammengebrochen; neue Mittelpunkte bildeten sich für die jüdische Diaspora in den Lehrhäuseru zu Jabneh, Uscha und Sepphoris und zuletzt am schönen Tiberiassee. Und als das siegreiche Christenthum, bewaffnet mit dem römischen Lictorenbeile, den letzten Einigungspunkt im judäischen Lande gesprengt uud das an der Spitze stehende Patriarchat dem Untergänge geweiht hatte, entstanden an den Ufern des Euphrat neue Brennpunkte für die zerstreuten Gemeinden an den Hochschulen zu Nahardea, Sura und Pumbadita. Da bewaffnete der Fanatismus der Magier die sonst milden neupersischen (sassanidischen) Könige gegen Juden und Judenthum; es trat eine neue Märtyrerzeit ein. Die Kraft des Widerstandes schien gebrochen, die Auflösung der Gemeinden in mittelpunktslose Atome, der Untergang der Lehre war nahe. Wie hat sich die jüdische Geschichte durch die langen Jahrhunderte doch noch fortspinnen können? Ist sie seit dem Abschluß des Talmud ein bloßes Conglomerat von zufälligen Ereignissen, von Verfolgungen und Martyrologien? Oder hat sie den Charakter einer trockenen Literaturgeschichte angenommen, in welcher Bücher und Schriftsteller die Hauptrolle spielen? Ist die Reihenfolge der nachtalmudischen Geschichte ohne Zusammenhang uud Mittelpunkt? Hat sie einen einheitlichen, concentrischen Verlauf, oder zersplittert sie sich in XIV Einleitung. mehr oder weniger uninteressante Einzelheiten? Herrscht darin der Wirrwarr des Zufalls oder die ordnende Hand eines innern Gesetzes? Der Geschichtsforscher und der Leser, denen an der Beantwortung dieser Fragen etwas gelegen ist, müssen bei Betrachtung des nachtalmudischen Zeitraumes stets das Eine im Auge behalten, daß die jüdische Geschichte, wie die israelitische Geschichte der vorexilischen Periode, und wie die jüdische Geschichte der nach- exilischen Epoche, aus zwei wesentlichen Faktoren besteht. Auf der einen Seite der unsterblich scheinende jüdische Stamm, als der Leib, auf der andern Seite die nicht minder unvergänglich scheinende Lehre des Juden thums, als die Seele. Aus der Wechselwirkung dieses Volksleibes und dieser Volksseele spinnt sich der Faden der Geschichte in dem diasporischen Zeiträume ab. Die Schicksale der Juden unter den verschiedenen Nationen, wohin sie des Verfolgers Arm getrieben, der wandernde Fuß geführt; die Art und Weise, wie sich die Einzelnen zu Gemeinden gruppirten und zusammenschlossen gleich Atomen, von einem Krystallisations- trieb beherrscht; wie diese Gemeinden den Zusammenhang mit der Gesammtheit oder dem Kern des Stammes oft über weite Raumesfernen suchten und fanden; dieser Mittelpunkt selbst, unter welchen Bedingungen er sich gebildet, von welcher Art seine Anziehungskraft war, wie er bald hierhin, bald dorthin versetzt wurde, bald einen gemeinwesenartigen, bald einen persönlichen Charakter annahm: das Alles bildet einen Theil der nachtalmudischen Geschichte nach der leiblichen Seite. Die Gestaltung nnd Entwicklung des Judenthums, wie es durch Bibel nnd Talmud ausgeprägt, sich allmälig aus dem Dunstkreise des Buchstabens und der Satzung zur Lichthöhe des Gedankens und des Selbstbewußtseins emporgearbeitet, die Hindernisse und Förderungen, die es in innigem Contakt mit der wechselvollen Weltgeschichte gefunden, die wissenschaftliche Läuterung, die es durch die Reibungen der aus seinem Schooße geborenen Sekten nnd Richtungen erfahren, die Wissenschaft und Poesie, die es aus sich erzeugt, und die hinwiederum auf dasselbe gestaltend und veredelnd eingewirkt, die Persönlichkeiten, welche als Träger und Führer, als lebendiger Inbegriff seines Wesens, ihm neue Richtungen und Ziele vorgezeichnet, bilden den andern Theil des diasporischen Zeitraums der jüdischen Geschichte Einleitung. XV nach der geistigen Seite. Und das organische Zusammenwirken dieser beiden Faktoren, wie bald der Volksleib, von den Bleigewichten feindseliger Umgebung zur Erde uiedergezogen, seine Seele mit in den Stand der Niedrigkeit und Verdunklung herabzog, und wie diese, wenn sie, ihres göttlichen Ursprungs eingedenk, sich von dem Drucke befreit und den Flug himmelwärts nahm, auch ihren Leib zum Aufschwung emporschnellte, das Alles muß eine pragmatische Behandlung der Geschichte veranschaulichen. Die Geschichte des uachtalmudischen Zeitraumes hat also noch immer einen nationalen Charakter, sie ist keineswegs eine bloße Religions- oder Kirchengeschichte, weil sie nicht bloß den Entwickelungsverlauf eines Lehrinhaltes, sondern auch einen eigenen Volksstamm zum Gegenstände hat, der zwar ohne Boden, Vaterland, geographische Umgrenzung und ohne staatlichen Organismus lebte, diese realen Bedingungen aber durch geistige Potenzen ersetzte. Ueber die cnltivirten Erdtheile zerstreut und sich an den gastlichen Boden fest anklammernd, hörten die Glieder des jüdischen Stammes doch nicht auf, sich in Religionsbekenntniß, geschichtlicher Erinnerung, Sitte und Hoffnung als ein einheitliches Volkswesen zu fühlen. Als Geschichte eines Volks stamm es ist daher die jüdische Geschichte weit entfernt, eine bloße Literatur- oder Gelehrtengeschichte zu sein, wozu sie die Unkunde und die Einseitigkeit stempeln, sondern die Literatur und die religiöse Entwicklung sind eben so wie das hochtragische Marthrologium, das dieser Stamm oder die Genossenschaft aufzuzeichnen hat, nur einzelne Momente in seinem Geschichtsverlaufe, welche nicht das Wesen desselben aus- machen. Allerdings bildet diese Geschichte eine Eigenart, wie auch das Volk, das sie erlebt, eine Eigenart ist, die in der Weltgeschichte keine Analogie hat. Wie ein mächtiger Strom, durch große Wassermassen hindnrchfließend und in inniger Berührung damit, seineij» eigenen Lauf einhält und seine Farbe nicht wechselt, eben so haben der jüdische Stamm und die jüdische Geschichte der diasporischen Zeit inmitten der gewaltigen Völkerströmung ihre eigene Art behalten, ihr Wesen nicht verändert. Der jüdische Stamm fühlte, dachte, sprach, sang in allen Zungen der Völker, welche ihm herzlich oder engherzig Gastlichkeit boten; aber er verlernte seine eigene Sprache nicht, sondern liebte, bereicherte und veredelte sie nach Maßgabe der Cultnrstnfen, die er mit der Gesammtmenschheit XVI Einleitung. erklommen hat. Er nahm mehr oder weniger Antheil an der Geistesarbeit der Völker, unter denen er angesiedelt war, ohne darum aufznhören, seine eigene Literatur anzubauen und sie zu einem neuen Mittel zu schaffen, welches die zerstreuten Glieder zu einer einheitlichen Gesammtheit Zusammenhalten half. Allerdings hat die Geschichte dieses Stammes weder Siege mit blutigen Trophäen, noch gewonnene oder verlorene Schlachten auf leichenbesäeten Wahlplätzen, noch Eroberungen weiter Boden- streckeu, noch Knechtung unterjochter Völkerschaften aufzuzeichnen, aber desto mehr geistige Siege und Errungenschaften. Während draußen das Schwert rasselte, die Völker untereinander Vernichtungskriege führten, von den Lehrern der Religion dazu ermuntert oder mindestens unterstützt, war das Hans Jakob's nur darauf bedacht, das Licht des Geistes zu unterhalten, nährte es mit dem Oel der Wissenschaft und Poesie, um es Heller leuchten zu machen, und verscheuchte, so viel es vermochte, die Gespenster des Dunkels, welche Unwissenheit und Aberglauben heraufbeschworen hatten. Es pflegte inmitten einer Welt von Sittenrohheit und Barbarei geläuterte Religiosität, reine Sitte und Lebensheiligkeit. Es lieferte sogar Elemente zu einer neuen Religionsform, für welche bald die Bewohner dreier Erdtheile begeistert schwärmten, und legte damit den ersten Grund zu einer folgenreichen Bewegung in der Weltgeschichte, welche neue Gestaltungen und Culturformen erzeugte. Solche unblutige, geräuschlose Lorbeeren mag der niedere Sinn verächtlich finden, höhere Naturen werden ihnen ihre Bewunderung nicht versagen. Noch hat die Geschichte kein Beispiel aufgestellt von einem Volke, das die Kriegswaffen aus der Hand gelegt, sich ganz der friedlichen Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst hingegeben, das der Bande einengender Selbstsucht sich entschlagen, seinen Gedankenflug himmelan genommen hätte, um sein eigenes Wesen, seinen geheimnißvollen Zusammenhang mit dem Weltganzen und der Gottheit zu ergründen Wohlan! Die jüdische Geschichte im sogenannten Mittelalter stellt ein solches Beispiel an dem jüdischen Stamme auf. Tausendfach geknechtet, hat sich dieser Stamm im Ganzen die Geistesfreiheit zu wahren gewußt; geschändet und erniedrigt, ist er nicht zur Zigeunerhorde herabgesunken und hat nicht den Sinn für Hohes und Heiliges eingebüßt; verbannt und Einleitung. XVII heimathlos hat er sich vielmehr ein geistiges Vaterland geschaffen. Dieses Alles führt die jüdische Geschichte der nachtalmudischen Zeit ? in unverkennbaren Zügen vor Augen. Sie kennt kein Mittelalter im ! gehässigen Sinne des Wortes, das mit den Merkmalen der Geistesdumpfheit, der ungeschlachten Rohheit und des Glaubenswahnes - behaftet ist, sondern sie hat gerade in dieser Zeit, in dieser widerlichen Umgebung die glänzendsten Gestalten von Geistesgröße, sittlicher j Idealität und Glaubenslauterkeit einznreihen. Wenn eine Religion j nach dem Verhalten ihrer Hauptvertreter und Träger beurtheilt j werden sollte, so müßte dem Judenthum, wie es sich vom zehnten ^ bis zum dreizehnten Jahrhundert gestaltet, die Palme gereicht werden. Viele Gaonen Babyloniens und die meisten Rabbinen Spaniens und Frankreichs können, so weit Streben nach Wahrheit. und sittlicher Größe gewürdigt werden, für alle Zeiten und Kreise als Muster menschlich erreichbarer Vollkommenheit aufgestellt werden. ^ Die Rabbinen dieser Zeitepoche waren nicht einseitige, verdumpste ^ Talmudisten, sondern gediegene Persönlichkeiten mit hohem Geistesadel, Pfleger der Wissenschaften, oft Aerzte und nicht selten Räthe und Führer der Fürsten. Allerdings war diese große Zeit nicht frei von Fehlern und Schwächen, welche den Führern oder Gemeinden anhaften — und die unparteiische Geschichte darf sie nicht verschweigen — aber sie treten gegen die großen Tugenden bis zur Unmerklichkeit zurück. Will man die diasporische Geschichte der Juden näher charak- r terisiren, so kann man nichts Anderes von ihr sagen, als daß sie j vorherrschend eine Cnlturgeschichte ist, die nicht einzelne hervorragende Geister zu Trägern hat, sondern ein ganzes Volk. Geistige Bewegungen, die irgend wo aus seiner Mitte hervorgingen, interessirten und ergriffen den ganzen jüdischen Stamm in den ! entferntesten Gemeinden. Die dichterischen Gebetweisen, welche i jüdische Sänger in Judäa oder Babylonien, am Rhein, oder Guadal- ^ quivir erklingen ließen, wurden ohne ^behördlichen Zwang, ohne s hierarchische Reglements und Vorschriften bald Gemeingut fast !> sämmtlicher Gemeinden und Bestandtheile des Gottesdienstes. Schrift- !j werke von bedeutendem Inhalte, von einer begabten Persönlichkeit ^ erzeugt, wurden in allen Ländern der Diaspora abgeschrieben, ge- ,. lesen, studirt und zum Lebensinhalte gemacht. Wenn einst die !i Weissagungen der jüdischen Propheten in Erfüllung gehen, daß XVIII Einleitung. kein Volk gegen das andere Krieg führen wird, wenn das Oelblatt statt des Lorbeeres die Stirne großer Menschen zieren, die Er- ! rungenschaft edler Geister in Hütten und Paläste Eingang finden l wird, dann wird die Völkergeschichte denselben Charakter wie die i jüdische Geschichte haben; ihre Blätter werden nicht mit Kriegs- j thaten, Siegen und Diplomatenkünsten, sondern mit den Fortschritten ' der Cultnr und ihrer Verwirklichung im Leben beschrieben sein. ! Man darf sich vom Scheine der Zerfahrenheit und Splitter- ! Hastigkeit, den die nachtalmudische jüdische Geschichte, äußerlich be- j trachtet, darbietet, so daß der jüdische Stamm in eben so viele ^ Gruppen als es Gemeinden gab, zerfiel, ich sage, man darf sich von ! diesem Scheine nicht täuschen lassen, zu glauben, sie habe keinen ^ gesetzmäßigen fortschreitenden Verlauf, keine centrische Bewegung. ' Sie hat vielmehr ganz entschieden und markirt Mittelpunkte an- > gesetzt, von welchen aus geschichtliches Leben über den weit ausgedehnten Umkreis ausströmte. „Wenn die Glieder des Hauses Israel auch gehetzt werden in allen Weltgegenden, von Nord nach Süd, von Süd nach Nord, von Ost nach West und von West nach Ost, so sind sie doch stets im Mittelpunkte," bemerkt ein alter- jüdischer Kanzelredner'). Das Scepter war zwar von Juda ! gewichen, aber nicht der Gesetzgeber von seinen Gliedern. Und das Merkwürdige ist, daß diese Gesetzgeber, welche eben den Mittel- j Punkt und den Zusammenhang der Gemeinden bildeten, nicht mit ^ Strafrecht und Geißel die Einheit zusammen zu halten brauchten, ^ sondern die Gruppen flogen gewissermaßen dem Einigungspnnkte > zu, um sich von ihm Maaß und Bewegung bestimmen zu lassen. Zuerst wurde das jüdische Babylonien, das Erbe Judäa's, als es > Sitz des Gaonats geworden war, der einigende Mittelpunkt für die weite jüdische Diaspora. Von den Ufern des Oxus, der Wolga, i der Donau und des Rheins bis zu den Inseln und Küsten des Mittelmeeres ringsherum waren die Blicke der jüdischen Gemeinden auf Babylonien, d. h. ans das dort residirende Gaonat gerichtet. ^ Kein König findet mehr Gehorsam und Liebe, als sie die Schul- hänpter Sura's und Pumbadita's von Millionen, welche nicht ihre ! Unterthanen, sondern ihre Brüder waren, genossen. Von hier aus - empfingen die Gemeinden nicht bloß religiöse und sittliche Belehrung, ! y laus, äi bs-UliL Nabbs. Kap. 5. Einleitung. XIX sondern auch wissenschaftliche und dichterische Anregung. Und ehe ' noch der gaonäische Mittelpunkt von zersetzenden geschichtlichen ! Agentien ausgelöst war, hatte sich auf eine, man möchte sagen, I wunderbare Weise in Spanien ein neuer Schwerpunkt von be- ^ deutenderem Gehalte und größerer Tragkraft gebildet. Neben diesem bildete sich aber allmälig ein anderer Mittelpunkt, zuerst in Süd- ! Frankreich und dann in den lothringischen Ländern, und die beiden ! verhielten sich zu einander wie zwei Brennpunkte. Schwere i Prüfungen, welche, von zwei verschiedenen Seiten ausgehend, die ^ Gemeinden in den Ländern des Islam und der Christenheit trafen, > hatten beinahe die beiden Schwerpunkte gesprengt und den Zusammenhang gelockert. Da fand sich eine reichbegabte, kräftige Persönlichkeit, welche Trägerin der Einheit und Mittelpunkt wurde, und diese bildet daher einen neuen Wendepunkt in der jüdischen Geschichte. Dieser Wendepunkt tritt mit Maimuni ein, der die Periode der Culturhöhe in dem diasporischen Zeiträume beschließt. Dieser Zeitabschnitt, vom Abschluß des Talmud bis zu Ende der maimnnischen Zeit, oder vom Tode Rabina's bis zum Tode Mose b. Maimun's zerfällt in drei Epochen: l) Der Uebergang von der talmudischen Zeit zur gaonäischen oder die saburäische Epoche 1500 — 640). , 2) Die gaonäische Epoche (640 — 1040). 3) Die Zeit der Culturhöhe oder die wissenschaftlich- rabbiuische Epoche (1040 — 1204). Der Hauptschauplatz der Geschichte in diesem Zeitabschnitte ist zuerst der babylonische Landstrich, den die Araber Irak nennen, dann das südliche Spanien und das nördliche Frankreich. Dritte Epoche der ersten Periode: Die saduraische Zeit. Erstes Kapitel. Babylonien und Judäa. Rundschau; die Zendik; der König Kavad und der Reformator Mazdak; der Exilarch Mar-Sutra II., Mar-Chanina; Ausstand der babylonischen Juden; Hinrichtung Mar-Sutra's und Chanina's; Verfolgung und Auswanderung; die Saburäer R. Giza von Sura und R. Simuna von Pumbadita. Neue Verfolgung unter Hormisdas IV.; Anhänglichkeit der Juden an den Thronräuber Bahrain; Wiedereröffnung der Lehrhäuser; die Schulhäupter und Exilarchen. Gedrückte Lage der Juden unter den byzantinischen Kaisern. Ihr Aufenthaltsort in Judäa; Jüdische Wagenlenker und Wettfahrer in Palästina; Geringe Lehrtätigkeit in Judäa; Kaiser Justinian und seine judenfeindlichen Verfügungen; sein Edikt gegen die agadische Auslegungsweise; die jüdisch-afrikanische Gemeinde zu Barion; Erbitterung der Juden gegen die byzantinische Tyrannei; ihre Betheiligung am Perserkriege gegen Palästina; Benjamin von Liberias; kriegerische Streifzüge der Juden Palästina's; der Mönch von Sinai; Anschluß der Juden an Heraklius; Wortbruch dieses Kaisers gegen dieselben; Verfolgung und neue Verbannung aus Jerusalem. 500 — 630. Im Anfang des sechsten Jahrhunderts schien das Judenthnm nach menschlicher Berechnung der Verkümmerung und Auflösung unrettbar verfallen. Hätte damals ein scharfsichtiger Beobachter eine Rundschau über die inneren und äußeren Zustände der Juden in denjenigen Ländern anznstellen vermocht, wo die Zerstreuung sie in großen Massen znsammengehäuft hatte; so hätte er das Judenthum als religiösnationales Institut in den letzten Zügen liegend gefunden und ihm keine lange Lebensdauer prophezeien können. Die einheitliche Organisation, welche es durch die Thätigkeit von mehr als vier Jahrhunderten seit seinem Uebergang aus der Staatsverfassung erhalten hatte, war aufs ernstlichste gefährdet. Das Christenthum hatte es in seiner Ur- heimath Judäa durch Verfolgung der Gesetzeslchrer und Aufhebung des Patriarchats (B. IVg. S. 36 l) niedergeworfen und zur Ohnmacht geknickt; jetzt bedrohte das Magierthum es auch in seiner zweiten Heimath Babylonien. In den europäischen Ländern waren die Juden in dieser Zeit noch nicht zum Bewußtsein erwacht und hatten außer- Graetz, Geschichte der Juden. V. 1 2 Geschichte der Juden. dem einen Todeskampf mit der siegreichen Kirche zu bestehen, welche ihnen als Religionsgenossen jeden Fuß breiten Raum streitig machte, jede Lebensbewegung verleidete und sie öfters gewaltsam in ihren Schoß oder in den Tod trieb. Nur in Nord-Arabien behaupteten jüdische Stämme eine gewisse Unabhängigkeit und in Süd-Arabien erlangten sie eine äußerliche Machtstellung und bildeten sogar ein eignes Reich. Allein es fehlte diesem jüdischen Staate und den freien jüdischen Stämmen die Lebensbedingung eines geistigen Prinzips, von dem sie getragen und zusammengehalten werden könnten. Darum wurde dieses himjaritische Königreich auch durch einen starken geschichtlichen Windstoß in Trümmer geworfen und jene Stämme in Abhängigkeit und Unterthänigkeit gebracht und zuletzt in Atome aufgelöst. Auch in der innern Entwickelung war das Judenthum im sechsten Jahrhundert an die Grenze des Stillstandes gelangt, welche das Aufhören des geistigen Pulsschlages und den Tod herbeizuführen Pflegt. Der Ausbau des Talmuds, die dialektische Erörterung der Gesetze in ihrem Umfange und ihrer Begründung, wenn auch in starrer Einseitigkeit gehalten, hatten dem Judenthum Regsamkeit und Frische verliehen, den strebsamen Geistern einen weiten Spielraum zur Entfaltung ihrer Kräfte geöffnet und ihnen Gelegenheit gegeben, den Drang Neues zu schaffen, zu befriedigen. Es hatte etwas Verlockendes, diesen hoch aufgeschichteten Stoff allseitig zu durchdringen und ihn schöpferisch zu beherrschen. Dieser Reiz schien nach Abschluß des Talmuds, nach Rabina und seinen Mitarbeitern, abgestumpft. Alles war besprochen, durchdacht, geordnet, keine einzige Frage von Wichtigkeit schien unerledigt und ungelöst; höchstens war noch für untergeordnete Geister Raum zu geistloser Thätigkeit, die Normen für das religiöse Leben zu bestimmen oder eine Auswahl aus dem Gegebenen zu treffen. Auch die Quellen, woraus die erregte Phantasie Begeisterung schöpfen konnte, waren versiegt. Die Einseitigkeit der talmudischeu Richtung hatte das lebendige Wasser der biblischen Poesie uuschmackhaft finden lassen, und die agadische Auslegung des Schriftwortes war in Spielerei und Unangemessenheit ausgeartet. Welche unverwüstliche Gotteskraft muß im Judenthum liegen, daß es ungeachtet so vieler Widerwärtigkeiten sich abermals aus dieser neuen Verdüsterung zum Lichte zu ringen, vermochte! Beginnen wir die Rundschau über die Lage der Juden mit Babylonien (Persien), das noch immer Hauptschauplatz der jüdischen Geschichte und gesetzgebende Autorität für die nahen und fernen Gemeinden war. Kaum hatten sich die Juden von der langen und grausigen Verfolgung, welche der König Peroz über sie verhängt hatte, Die Zendik. 3 ein wenig erholt (B. IVg. 372; 374.), als sie von neuen Stürmen heinigesucht wurden, welche die Ordnung von drei Jahrhunderten um- stürzten. Auf Peröz war der König Cavad (Kowad, Cabades) gefolgt, ein.schwacher König nicht ohne gute Eigenschaften, der sich aber von einem Fanatiker als Werkzeug gebrauchen und zu Religionsverfolgungen Hinreißen ließ. Unter diesem Könige trat nämlich ein Mann auf, der die Lichtreligion der Magier reformiren und sie zur herrschenden machen wollte. Mazdak — so hieß dieser Reformator des Magierthums — glaubte das Mittel gefunden zu haben, wie der verheißene Sieg des Lichtes über die Finsterniß, des Ahura-Mazda über Angro- Mainyus, gefördert und dauerhaft gemacht werden könne. Habsucht nach Gütern, Begierde nach fremden Frauen seien die Quellen alles Uebels unter den Menschen, die Anregung zu Neid, Haß und Frevel- thaten. Diese Anregung wollte Mazdak beseitigt wissen durch Gemeinschaft der Güter und der Frauen; selbst unter Blutsverwandten gestattete er ehelichen Umgang. Auf dem Grunde kommunistischer Gleichheit glaubte er das Ziel der Zoroasterischen Lehre am sichersten erreichen zu können. Da der Reformator uneigennützig war und ein streng tugendhaftes und asketisches Leben führte, so gewann er bald zahlreiche Anhänger (um 501), welche Gebrauch von dieser vortheil- haften Freiheit machten und sich Zendik nannten, als die wahren Bekenner des Zend (der Religion des Lebens und des Lichtes). Selbst der König Cavad wurde sein treuer Jünger und förderte Mazdak's Bestrebungen. Er erließ einen Befehl, daß sämmtliche Bewohner des persischen Reiches dessen Lehre annehmen und danach handeln sollten. Die niedrigen Volksklassen, welche nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatten, und denen an der Ehre ihrer Frauen wenig lag, geberdeten sich als die eifrigsten Zendik, und eigneten sich die Güter der Reichen und die Frauen, die ihnen gefielen, au. Es entstand eine Verwirrung der Begriffe von Recht und Unrecht, von Tugend und Laster, wie sie die Völkergeschichte noch nicht gesehen hatte. Obwohl die persischen Großen den kommunistischen König entthronten und in den Kerker warfen, so konnten sie doch nicht verhindern, daß, als er aus dem Gefängniß befreit und mit Hilfe der Hunnen wieder in sein Reich eingesetzt worden war, Mazdak's Anhänger den Unfug erneuerten, so daß viele während Cavad's Regierung geborene Kinder ihre wahren Väter nicht kannten, und Niemand seine Besitztümer in Sicherheit genießen konnte. Mazdak's Kommunismus war nicht geeignet, ihn den Völkern wünschenswertst zu machen. Der Unterkönig Mondhir von Hira, in der Nähe Pnmbadita's, der sich nicht Mazdak's beglückenden Reformen anschließen wollte, mußte sein 1« 4 Geschichte der Juden. Land räumen, und Cavad setzte einen anderen arabischen Häuptling an seine Stelle ein. Die Juden und Christen blieben natürlich von der Plage des kommunistischen Schwindels nicht verschont, und wenn unter dem gesetzlich gewordenen Raube der Zendik nur Begüterte litten, so mußte die Gemeinschaft der Weiber Alle aufs empfindlichste treffen. Keuschheit und Heiligkeit der Ehe waren unter den Inden stets heimische Tugenden, welche durch die talmudische Lehre noch tiefer in die Ge- müther eingewurzelt waren. Sie konnten ihre Frauen und Jungfrauen nicht jeden Augenblick der Schändung ausgesetzt, die Familieu- reinheit, welche sie wie ihren Augapfel wahrten, besudelt sehen. Sie scheinen daher den frechen Angriffen der Zendik auf die Keuschheit bewaffneten Widerstand entgegengesetzt zu haben. Ein Aufstand, den eine Quelle in diese Zeit versetzt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach zur Abwehr des unerträglichen Kommunismus organisirt worden. An der Spitze dieses Aufstandes stand der jugendliche Exilarch Mar- Sutr a II., der eine nicht gewöhnliche Erscheinung gewesen sein muß, da die Sage seine Geburt und seine Thaten mit wunderbaren Zügen ausgeschmückt hat. Mar-Sutra (geb. um 496) war der Sohn jenes gelehrten Exilsfürsten Huna, der nach dem Tode des Tyrannen Peröz mit der Exilarchenwürde bekleidet worden war (488 —508^). Er war beim Tode seines Vaters noch in zartem Knabenalter. Die Sage erzählt aber seine Geburtsgeschichte mit folgenden Zügen: Der Exilarch Huna, von hochmüthigem Charakter, sei in Streit mit seinem Schwiegervater Mar-Chanina gerathen und habe denselben, obwohl er zu den anerkannten Gelehrten gehörte, aufs empfindlichste bestraft. Er habe ihn verurtheilt, eine ganze Nacht im Freien vor dem Stadtthore zuzubringen und habe verboten, ihm gastfreundliche Aufnahme zu gewähren. Mar-Chanina habe wegen der erlittenen Demüthigung einen Strom von Thränen vergossen, und in Folge dessen habe ein rascher Tod alle Glieder des Exilarchenhauses plötzlich hingerafft. Im Traume sei es aber Mar-Chanina vorgekommen, als habe er sämmtliche Bäume eines Cedernwaldes umgehauen, von dem nur noch ein niedriges Reis übrig geblieben, und als er auch an dieses das Beil anlegen wollte, sei ihm der König David — dessen Nachkommen zu sein sich die Exilarchen rühmten — erschienen und habe ihm drohend Halt geboten. Beim Erwachen habe Mar-Chanina erfahren, daß kein einziges Glied des Exilarchenhauses mehr am Leben sei, und die Zukunft des er- Siehe Note I. Mar-Sutra II. 5 lauchten Hauses im Schoße seiner eigenen Tochter, der Gattin des Exilarchen Huna, ruhe. Die Niederkunft seiner Tochter habe er daher mit vieler Ungeduld erwartet und habe, unbekümmert um Regen und Sonnenstrahlen, an ihrer Thüre gewacht, um sie vor jedem Unfälle zu schützen, und sei endlich so glücklich gewesen, seine Tochter von einem Knaben entbunden zu sehen, eben jenem Mar-Sutra II. Diesen letzten Stammhalter des Exilarchenhauses umgab Mar-Chanina mit der zärtlichsten Pflege, erzog und unterrichtete ihn und hatte Freude an der frühreifen Entwickelung des Knaben. Zu fünfzehn Jahren war Mar-Sutra mit Verstand begabt und mit Kenntnissen ausgestattet, fähig, die Würde seiner Vorfahren zu übernehmen. Als Exilarch fungirte während Mar-Sutra's Minderjährigkeit sein Schwestermann Pachda, der aber nicht geneigt schien, die Würde dem rechtmäßigen Erben zu überlassen. Der Großvater Mar-Chanina begab sich daher mit ihm an den Hof des Königs, wahrscheinlich Cavad's, und bewirkte, vermuthlich durch reiche Geschenke, Pachda's Amtsentsetzung und Mar-Sutra's Investitur (um 511). Der fünfzehnjährige Exilarch war es nun, der mit den Waffen in der Hand zur Vertheidigung der jüdischen Familienehre und des Lebens seiner Brüder auftrat. Als nächste Veranlassung zur Schilderhebung wird der gewaltsame Tod eines Schulhauptes Mar-Isaak angegeben. Da auch der Vertreter des Judenthums, Mar-Chanina, an dem Aufstand betheiligt war, so hatte er sicher einen religiösen Charakter. — Eine Schaar von vierhundert jüdischen Kriegern bildete Mar-Sutra's Gefolge, mit dem er wahrscheinlich Mazdak's räuberische und lüsterne Anhänger aus dem jüdischen Gebiete Babyloniens vertrieb und die frechen Eingriffe in die heiligsten Rechte abwehrte. Er soll ferner so glänzende Waffen- thaten ausgeführt haben, daß die Truppen, die der König zur Unterdrückung des Aufstandes ausgesandt hatte, ihm nicht beikommen konnten. Mar-Sutra soll sich sogar die Unabhängigkeit erkämpft und den nichtjüdischen Bewohnern Babyloniens Steuerleistung aufgelegt haben. Die Sage schrieb den Sieg der jüdischen Waffen einer wunderbaren Erscheinung, in Gestalt einer Feuersäule, zu, welche dem kriegerischen Exilarchen in den Schlachten vorangegangen sein soll. Machusa unweit Ktesiphon war Hauptstadt eines kleinen jüdischen Staates geworden, in dem der Exilarch gleich einem König residirte. So ganz unwahrscheinlich ist eine so glückliche Schilderhebung der Juden in dem, dem Verfall entgegengehendcn persischen Reiche nicht, wenn man sich erinnert, daß fünf Jahrhunderte zuvor zwei mittellose Jünglinge Asinai und Anilai in derselben Gegend ein unabhängiges' jüdisches Gemeinwesen zu 6 Geschichte der Juden. gründen und dem persischen König Anerkennung abzutrotzen vermocht hatten (B. III^. 371). Nahe an sieben Jahre dauerte die von Mar-Sutra erkämpfte Unabhängigkeit; zuletzt wurde die jüdische Schaar von der Ueberlegen- heit eines persischen Heeres besiegt. Dabei gerieth der Exilarch selbst in Gefangenschaft. Die Sage erklärt die Niederlage der jüdischen Krieger dadurch, daß sie, einmal an das Waffenhandwerk gewöhnt, sich über Religion und Sittlichkeit hinweggesetzt hätten, und alsbald wäre auch die Feuersäule, das sichtbare Zeichen des Sieges, von ihren Zügen gewichen. Der Exilarch Mar-Sutra und sein greiser Großvater Mar-Chanina wurden hingerichtet und ihre Leichname an der Brücke von Machusa ans Kreuz geschlagen (um 520). Die Einwohner dieser Stadt wurden ihrer Habe beraubt und in die Gefangenschaft geschleppt; wahrscheinlich war die Verfolgung noch weit mehr ausgedehnt. Die Glieder des Exilarchenhauses mußten sich durch Flucht retten und brachten den nach dem Tode des Vaters geborenen Stammhalter des Exilarchen-Geschlechtes — dem ebenfalls der Name Mar- Sutra beigelegt wurde — nach Judäa, wo er, herangewachsen, sich durch Gelehrsamkeit auszeichnete. In Babylonien war also durch Cavad's Verfolgung das Exilarchat für einige Zeit erloschen. Auch die talmudischen Akademien wurden geschlossen, da die Gesctzeslehrer verfolgt wurden und sich verbergen mußten. Zwei Männer von Autorität, R. Ahunai und R. Giza, waren flüchtig; der letztere ließ sich am Flusse Zab nieder, wo vielleicht die Aufpasserei minder zu fürchten war. Andere Flüchtlinge mögen sich nach Palästina oder Arabien gewendet haben. Cavad's Rache wegen eines durch Fanatismus herausgeforderten Aufstandes hat dem geschichtlichen Leben der babylonischen Juden, das in beiden Akademien Sura und Pumbadita pulsirte, einen so herben Schlag versetzt, daß es sich nicht sobald erholen konnte. Indessen scheint sich die Verfolgung nicht über ganz Persien erstreckt zu haben; denn in Cavad's Heer, das gegen den byzantinischen Feldherrn Belisar kämpfte, dienten auch jüdische Soldaten, auf welche der persische Feldherr so sehr Rücksicht nahm, daß er um einen Waffenstillstand bat. um ihnen am Passahfest Waffenruhe zu gewähren ^). Nach Cavad's Tod hörte die Verfolgung gegen die babylonischen Juden von selbst auf. Denn wiewohl sein Nachfolger Chosroes Nuschirvan ihnen nicht wohlgesinnt war und ihnen wie den Christen eine Kopfsteuer auflegte, von der nur Kinder und Greise befreit Bar-Hebräus liistoris, Obrorüooir s^riaaurQ. Text x. 85. Die Saburäer Giza und Simuna. 7 Wareni), so war dieses kein Zeichen von Unduldsamkeit und Haß, sondern nur ein Mittel, den Staatssäckel zu füllen. Es findet sich unter Chosroes' langer Regierung keine Spur von Feindseligkeit gegen die Juden. Sobald die Ruhe wiedergekehrt war, beeilten sich die Vertreter der babylonischen Juden, die Institute wieder herzustellen, die Lehrhäuser wieder in den Gang zu bringen und gewissermaßen die zerrissene Kette der Ueberlieferung wieder zusammen zu fugen. ! Man berief den Flüchtling Giza, der sich am Zabflusse verborgen gehalten, nach Sura, den Lehrstuhl einznnehmen; die Schwester- ! akademie Pnmbadita erhielt an R. Simuna ihr Oberhaupt. Noch ! ein dritter Name klingt aus jener Zeit herüber: R. Rabal aus Rob l (unweit Nahardea), dessen Stellung und Funktion indessen zweifelhaft '' ist 2). Diese Männer mit ihren untergeordneten Genossen und Jüngern hatten nichts wichtigeres zu thun, als ihre ganze Thätigkeit dem Talmud zu weihen. Es war das einzige Ziel aller Denkenden und Frommen jener Zeit, das zugleich den religiösen Eifer und den Ehrgeiz befriedigte, Seelenruhe gewährte, Ruhm eintrug und geistige wie zeitliche Zwecke förderte. Die Verfolgung der Lehre machte sie allen um so theurer und heiliger. Der Talmud war dem Volke ein heiliges Panier, um das es sich schaarte. Allein den Jüngern der letzten Amoräer war die Schöpferkraft ausgegangen, den Talmud weiter zu führen; auch war sowohl der Lehrstoff, wie die Methode der Behandlung bereits so erschöpft, daß sie keiner Vergrößerung und Erweiterung mehr fähig waren. Ter Stillstand in dem Talmudstudium, der sich schon nach R. Aschi's, des letzten großen Amora, Tod bemerklich machte, hatte ein Jahrhundert später noch mehr zugenommen. Die Schulhäupter begnügten sich deshalb damit, den alten Brauch festzuhalten, die Talmudjünger in den Lehrmonaten Adar (März) und Elul (September) um sich zu sammeln, ihnen den Lehrstoff zu überliefern, sie in den Lehrgang einzuweihen und ihnen Aufgaben zu Selbstbeschäftigung zu geben. Allenfalls setzten sie viele Punkte der religiös-gesetzlichen Praxis für das Ritual und das Civil- und Eherecht, welche bisher unerledigt geblieben waren, oder über welche in den Lehrhäusern Meinungsverschiedenheit herrschte, nach gewissen Normen fest. Der unübersehbare Stoff des Talmuds, welcher durch Discussionen und Controversen der Bestimmtheit entbehrte, sollte zum praktischen Gebrauche benutzbar gemacht werden st Hiouäsrair in cts Ls-o^'s isellsrollss sur guslguss autiguitss äs Is, ?srss x. 372. st Vergl. Note 2. 8 Geschichte der Juden. Denn die Schwankung und Ungewißheit durften nicht fortdauern, wenn das religiöse Leben nicht in Verfall gerathen sollte. Die Richter mußten eine feste Norm haben, nach der sie in vorkommenden Fällen entscheiden könnten, und Jedermann brauchte eine unzweifelhafte Vorschrift, um das religiöse Leben zu regeln. Von dieser Seite ihrer Thätigkeit, dem Feststellen der religiösen und richterlichen Praxis nach Abwägen des Für und Wider, erhielten die nach- amoräischen Lehrer den Namen Saburäer (Laduro't), weil sie nach Beurtheilung der verschiedenen Meinungen (Fodara) die endgültige Entscheidung getroffen haben*). Die Saburäer, deren Thätigkeit ! gleich nach Abschluß des Talmuds begonnen hatte und von R, Giza, R. Simuna und ihren Genossen mir fortgesetzt wurde, verfolgten eine i mehr praktische als theoretische Richtung. Sie getrauten sich nicht eine eigene Meinung zu befolgen, welche im Widerspruch mit den Autoritäten des Talmuds stünde. Die saburäischen Schulhäupter R. Giza und R. Simuna ließen sich zunächst angelegen sein, den Talmud schriftlich abzufassen"). Sie bedienten sich theils mündlicher Ueberlieferung, theils schriftlicher Notizen, welche sich der Eine oder Andere gemacht hatte, um dem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen. Da den Nachkommen der Ainoras Alles, was von diesen Autoritäten stammte, bedeutsam schien, so nahmen sie jede Aeußerung, jede Anekdote, wie sie in den Lehrkreisen im Umlauf war, willig auf, um der Nachwelt die Fülle der Weisheit, wie es ihnen schien, nicht vorzuenthalten. Zur Erläuterung dunkeler Stellen fügten sie Zusätze hinzu, die sich von dem ursprünglichen Text durch größere Deutlichkeit, aber auch durch eine gewisse Breite und Weitschweifigkeit auszeichnen. In dieser von den Saburäern redigirteu Gestalt erhielten die zeitgenösischen Gemeinden und die Nachwelt den Talmud. Nach ihnen hat der Talmud ! schwerlich neue Zusätze erhalten. > In der saburäischen Zeit sind die Anfänge einer Wissenschaft ! eingeführt worden, ohne welche die heilige Schrift ein versiegeltes Buch geblieben wäre, und welche die Einseitigkeit des Talmuds allmählich überwinden half. Die heiligen Bücher mit ihrer duftenden Poesie und ihren erhabenen Lehren waren unleserlich, weil ihnen eine scheinbare Kleinigkeit mangelte — Vokale. Der Text bestand lediglich aus Cousonauteu, die ohne das belebende Element der Vokale todt waren, so oder anders gelesen werden konnten und je nachdem einen verschiedenen Sinn gaben. Nur die Gesetzeslehrer und ihre Jünger konnten sie allenfalls aus Uebung lesen, aber sie Vergl. Note 2. Einführung der Vokal-Zeichen. S lasen sie mit der Brille des Talmuds. Dem Volke aber, welches nicht von Jugend an durch Ueberlieferung das Lesen des Textes gelernt hatte, blieben sie aus Mangel an Vokalzeichen völlig unzugänglich. ! In älterer Zeit hat es zwar die Verlegenheit dahin gebracht, daß ! Andeutungen für die drei Hauptvokale angebracht worden waren, aber auch das nur spärlich und nicht überall gleichmäßig durchgeführt. Selbst für Kundige waren Wörter, welche mit denselben Consonanteu geschrieben waren, aber eine verschiedene Bedeutung haben, sehr schwer zu unterscheiden. Wie sollte da der richtige Sinn der heiligen Schrift erfaßt ! werden? Da Wehle ein leiser Hauch wissenschaftlicher Regung vom ab- sterbeudeu Griechenland nach Persien hinüber. Die fanatische Verfolgungssucht des Kaisers Justinian hatte die Philosophenschule von ' Athen schließen lassen und dafür unwissende Mönche begünstigt. Die letzten sieben Weisen Griechenlands wanderten nach Persien aus, weil sie den König Nuschirvau für einen Beförderer der Wissenschaft hielten. Zum Theil war er es auch. Von dem griechischen Geiste augeregt, entstand in der Gegend, wo Juden zahlreich wohnten, eine Schule für Heilkunde und Naturwissenschaft. Auch die Sprachwissenschaft fand einige Pflege unter den syrischen Christen am Euphrat und jenseits des Tigris. Es war eine Sekte, Nestorianer genannt, welche sich wegen eines dogmatischen Gezänkes von ihren Glaubensverwandten westlich vom Euphrat, den I a ko b i t e n, getrennt hatten, und diese bitter haßten. Die Nestorianer standen den Juden näher, ! und ihre Priester und Gelehrten theilten nicht das Vorurtheil und > den Haß der abendländischen, oder wie sie sich nannten, der recht- i gläubigen Christen, den Verkehr mit ihnen zu meiden. Diese syrischen ! Christen hatten — man weiß nicht genau zu welcher Zeit — in den ! Texten ihrer kirchlichen Schriften einen Nothbehelf für Vokale einge- l führt, wobei die Kenntniß grammatikalischer Regeln unentbehrlich war. i Von diesen angeregt, begann unter den Juden in ihrer Nachbarschaft ^ der Nacheifer, der heiligen Schrift ein wenig Aufmerksamkeit zuzu- ^ wenden. Um das Lernen und Begreifen der biblischen Bücher zu er- ! leichtern, mußte zunächst der Text mit Vokalzeichen versehen werden. ! Diese führte ein unbekannt Gebliebener (oder mehrere) ein, zuerst gleich den Syrern nur Punkte bei verschiedendeutigen Wörtern, nach ^ und nach dann ein vollständiges System. Jeder Consonant wurde mit einem Vokalzeichen versehen. Die Erfindung dieser Zeichen scheint jetzt kinderleicht, und doch waren Jahrtausende vergangen, ohne daß man darauf gekommen war. Das Einfache besteht darin, daß gewisse s hebräische Consonauten, welche bald consonantisch, bald vokalisch 10 Geschichte der Juden. klingen i), in winziger Form die Geltung von Vokalen erhielten. Diese verkleinerten Consonanten-Buchstaben" wurden als Vokalzeichen oberhalb der Consonauten gesetzt. Fünf oder sechs Zeichen genügten, um die todten Gebeine der Consonauten wie mit einem Hauche zu beleben und diese für Jedermann leserlich zu machen. Wer war der Erfinder? Man weiß es nicht und wird das Wohl auch nie erfahren. Vielleicht ein Lehrer der Kleinen, welcher damit ihnen das Lesen der heiligen Schrift erleichtern wollte. Der Unbekannte, welcher auf dieses einfache Hilfsmittel gekommen ist, hat damit einen für das Verständniß der heiligen Schrift unschätzbaren Dienst geleistet. Vermöge der Erschließung des Sinnes jedes Wortes und jedes Verses wurden die Grundwahrheiten und Lehren des Judenthums erst erkennbar, und diese haben die allgemeine Sittlichkeit gefördert. Als die Christenheit aus dem tiefen Schlaf und dem rasenden Taumel des Mittelalters erwachte, griffen ihre geistigen Führer zunächst nach den heiligen Büchern in der hebräischen Urschrift und bannten damit den mittelalterlichen Spuk. Das Verständniß derselben war aber einzig und allein durch die Einführung der Vokalzeichen ermöglicht. Der unbeachtet gebliebene Erfinder dieser Zeichen in Babylonien oder Persien, oder ein Anderer, hat auch Acceutzeicheu eingeführt, um die Vers- und Satzabtheilungen anzudenten. und auch diese in einfacher Form. Dieses einfache Vokal- und Accentzeichensystem, das Jahrhunderte lang unbekannt geblieben ist und erst gegen die Mitte dieses Jahrhunderts bekannt wurde, wird das babylonische oder assyrische genannt. Nur noch sehr wenige Exemplare sind mit diesen Vokal- und Accentzeichen versehen. Es wurde nämlich von einem jüngeren System verdrängt, welches seinen Ursprung in Tiberias hatte. Seit der Erfindung dieser Zeichen haben die Abschreiber der heiligen Schrift hier und da den Text vokalisirt; es war das Geschäft der Punktato re n. Nur das Fünfbuch der Thora, aus welchem öffentlich in den Synagogen vorgelesen wurde, blieb und ist bis auf den heutigen Tag ohne Vokalzeichen, da die afterreligiöse Peinlichkeit es nicht zuließ, auch nur einen Strich zu dem Buche hiuzuzufügeu, das die göttliche Offenbarung enthält. Die Punktatoren ließen sich theils von der seit Jahrhunderten überlieferten Aussprache, theils von einem gewissen y Wie w und u, j und i. 2) Für ein kurzes a wurde ein ganz kleines Ajin gebraucht, für i ein winziges Jod oder ein Punkt, für o (oder langes a) ein kleines Aleph, für u ein kleiner senkrechter Strich als W aw, für ä (oder ai) zwei Punkte — zwei Jod nebeneinander, und für lang o (oder an) zwei Punkte übereinander. Hormisdas IV. 11 grammatischen Takt leiten. Bei ihrer fortgesetzten Beschäftigung mit der heiligen Schrift erhellte sich die anfänglich traumhafte Ahnung des grammatischen Baues der hebräischen Sprache allmählich zur sicheren Erkenntniß der grammatischen Regeln. Die Beschäftigung mit der hebräischen Grammatik und mit der heiligen Schrift hätte schon früher die Alleinherrschaft des Talmuds erschüttert, wenn nicht unruhige Zeiten über die babylonischen und persischen Gemeinden hereingebrochen wären. Wie lange R. Giza und R. Simuna, welche als die letzten Saburäer^) bezeichnet werden, fungirt haben, ist ungewiß, doch wohl kaum länger als bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Die ganze Dauer der eigentlich sabnräischen Epoche beträgt nicht mehr als ein halbes Jahrhundert (500—550). Die Namen ihrer unmittelbaren Nachfolger hat weder die Chronik, noch die Tradition erhalten; sie sind in der Verfolgung, welche neuerdings über die Lehrhäuser hereinbrach, vergessen worden. Das Magierthnm wetteiferte in diesem Jahrhundert mit dem Christenthum um die Palme der Unduldsamkeit. Beiden war das Judenthum ein Gräuel, und die Priester zweier Religionen, von denen die eine den Sieg des Lichtes, die andere die Bruderliebe den Menschen verhieß, mißbrauchten schwache Könige zum Werkzeuge grausiger Verfolgung. Chosroes Nuschirvan's Sohn, Hormisdas (Hormuz) IV. (579 — 589) war seinem großen Vater in allen Stücken unähnlich. So lange sein Erzieher und Rathgeber, Buzurg-Mihir, der persische Seneka, lebte,— der für den schwächlichen König das Schachspiel erfunden haben soll, um ihm die Abhängigkeit des Königs von Heer und Volk augenfällig zu machen — scheute sich Hormisdas seinen wahren Charakter zu zeigen. Als dieser Weise sich aber zurückzog, kam die Nero-Natur dieses Königs zum Ausbruch und überschritt den Damm der Mäßigung und Klugheit. Von den Magiern geleitet, welche den herannahenden Untergang ihrer Religion durch Verfolgung Andersgläubiger aufhalten wollten, kehrte sich sein Zorn gegen Juden und Christen seines Reiches. Welchen Umfang die von Hormisdas verhängte Verfolgung hatte, ist nicht bekannt; nur das Eine weiß man, daß die talmudischen Lehrhäuser in Sura und Pumbadita geschlossen wurden und die Gesetzeslehrer wiederum wie unter Peroz und Cavad in Massen auswanderten (um 581). Sie ließen sich in Perbz-Schabur (unweit Nahardea) nieder, das, weil von der persischen Hauptstadt U Note 2. 12 Geschichte der Juden. Ktesiphon entfernt und unter einem arabischen Häuptling stehend, z ihnen Schutz bot. In Perö;-Schabur setzten sie ihre Thätigkeit fort, ! und es entstanden dort neue Lehrhäuser, von denen sich das von i R. Mari am meisten anszeichnete Z. j Glücklicherweise dauerte Hormisdas' grausige Regierung nicht ' lange; die Perser wurden unzufrieden und aufsässig, die politischen Feinde ! Persiens drangen von allen Seiten in dessen Gebiet ein und eigneten sich Länderstrecken au. Das Reich der Sassaniden wäre damals schon einem. glücklichen Sieger zugefallen, wenn es nicht der muthige Feldherr Bahrain Tschubin vom Untergange gerettet hätte. Als aber der unbesonnene König in seiner Verblendung so weit ging, den Retter i des Vaterlandes mit Undank zu lohnen und ihn zu entsetzen, empörte > sich Bahram gegen ihn, stürzte den Unwürdigen vom Throne und warf ihn in einen Kerker, wo er später ermordet wurde (589). Bahram, der Anfangs zum Scheine im Namen des Prinzen Chosru die Regierung führte, warf später die Maske ab und setzte sich selbst auf den persischen Thron (589—90). Die Juden Persiens und Babyloniens begrüßten in Bahram ihren Befreier; er war für sie dasselbe, was der Kaiser Julian zwei Jahrhunderte vorher für die Juden des römischen Reiches gewesen war. Er hob den über sie verhängten Druck auf und begünstigte ihre Bestrebungen. Dafür hingen sie ihm auch mit vieler Hingebung an, unterstützten ihn mit Geld und Mannschaften und waren seinem bestrittenen Throne eine Stütze, ohne welche er sich schwerlich auch nur auf kurze Zeit hätte halten können. ^ Denn das persische Volk wendete nach kurzem Schwanken seine Sympathie - dem rechtmäßigen Thronerben Chosru zu; nur das Heer blieb Bahram ! größtentheils treu, und die Juden sorgten sicherlich für Verpflegung und Sold der Truppen. — Die Wiedereröffnung der geschlossenen Lehrhäuser in Pumbadita und Sura, welche in der Chronik für das Jahr 589 cingezeichnet ist, steht mithin ohne Zweifel in ursächlichem Zusammenhänge mit der Anhänglichkeit, welche die Persischen Juden diesem Herrscher erwiesen. — R. Chan an aus Jskia kehrte von Peroz-Schabur nach Pumbadita zurück und stellte die alte akademische Ordnung wieder her; wahrscheinlich erhielt auch die weit angesehenere suranische Akademie zur selben Zeit ihr Oberhaupt, obwohl der Name desselben in den Chroniken verschwiegen ist. Bahrains Regierung dauerte indessen nicht lange. Der byzantinische Kaiser Mauritius, bei dem der flüchtige Königssohn Chosru Zuflucht genommen hatte, sandte ein Heer zu seiner Hilfe, dem sich i) Scherira's Sendschreiben 38 unten. Ich citire nach B. Goldberg's Ausgabe in Olloxlrss rnabrnoiiira. Vergl. Note 3. Chosru II. 13 die treugebliebenen Perser anschlossen, um Bahram zu bekämpfen. Biele Juden büßten ihre Anhänglichkeit an den Usurpator mit dem Tode. Der persische Feldherr Me Kodes ließ bei der Einnahme der Stadt Machusa — welche der König Nuschirvan nach dem Muster des syrischen Antiochien erbaut und ihr den Namen Antiochia Rumija gegeben, und in welcher eine starke jüdische Bevölkerung wohnte — die meisten derselben über die Klinge springen Z. An andern Orten, wohin Chosru's siegreiche Heere gedrungen, ging cs ihnen wohl nicht besser. Bahram's Heer wurde besiegt, und er selbst gezwungen, bei den Hunnen Zuflucht zu nehmen. Chosru H. mit dem Beinamen Peröz bestieg den Thron seiner Väter. Dieser ebenso gerechte, wie milde Fürst, der eher seinem Großvater Nuschirvan als seinem Vater Hormisdas glich, ließ den Juden ihre Betheiligung am Aufstande nicht entgelten. Während seiner langen Regierung (von 590—628) findet sich keine Spur einer Härte gegen die Juden. Die beiden Akademien bestanden unter ihm ununterbrochen fort. Auf R. Chanan folgte Mari bar Mar, der in Perüz-Schabur ein Lehrhaus gegründet hatte — während in Sura zur selben Zeit ein Schulhaupt ähnlichen Namens Mar bar Huna fungirte^) (609 bis um 620), in deren Zeitalter die Juden Palästina's neue Siege errangen und Niederlagen erlitten. Auch die Nachfolger derselben sind bekannt: Chaninal von Pumbadita und Chananjah von Sura, welche das siegreiche Vordringen der Araber und den Untergang der Perserherrschaft erlebten^). Denn die letzten Sassaniden-Herrscher, deren es in der kurzen Zeit von zwölf Jahren zehn gegeben hat, hatten nicht Muße genug, sich mit der jüdischen Bevölkerung ihres zerrütteten Reiches zu beschäftigen. Daher bestand die alte Ordnung in dem jüdisch-babylonischen Gemeinwesen fort, und es hatte noch seinen Exilarchen an der Spitze. In dem halben Jahrhundert von der Wiedereröffnung der Akademie unter Bahram bis in die arabische Zeit (589—640) werden drei Resch-Valuta namhaft gemacht: Kafnai'Z, Chaninai und Bostanai, von denen der letzte in seinem Manuesalter der nachfolgenden Epoche angehört und die Exilarchenwürde wieder, von den Zeitumständen begünstigt, zu einer wesenhaften Macht erhob. Denn bis dahin beruhte das Ansehen der Exilarchen mehr auf der Volkssympathie als auf einer von dem Staate anerkannten Stellung. Die Erinnerung an die Davidische Abstammung und das Andenken au den Märtyrertod der Exilarchen Huna Mari (IVg. 374) und Mar-Sutra H. hatten die exilarchatische Familie dem Herzen des Volkes theuer Z Note 3. 2 ) Scherira das. °) Scherira das. ^) Siehe Note 4. 14 Geschichte der Juden. gemacht. Das Exilarchat galt als Ueberbleibsel aus einer glorreichen Zeit; da aber die Träger sich durch nichts besonders ausgezeichnet haben, sind ihre Namen in der erinnerungsarmen Epoche bis auf wenige der Vergessenheit verfallen. Ueberhaupt ist die Saburäerepoche eine der dürftigsten in der ganzen jüdischen Geschichte. Sie hat außer Mar-Sutra keine bedeutende Persönlichkeit erzeugt. Die Träger der-, selben, die Schulhäupter, waren unselbständig, lebten von den Brosamen der talmudischen Zeit und haben auch nicht ein einziges Literatur- erzeugniß von Belang zu Tage gefördert, das Werth gewesen wäre, der Nachwelt aufbewahrt zu werden. Das jüdische Babylonien, das gleichzeitig mit der Saffanidenherrschaft seinen Anfang und Aufschwung genommen, versank mit derselben zugleich in Schwäche; weil ihm aber, als dem vom Geiste Getragenen, mehr Kraft innewohnte, verfiel es nicht in Untergang, sondern raffte sich, von einem erfrischenden Luftzug der Geschichte angeweht, aus dem Schlummer wieder auf. Für die Juden im Persischen Morgeulande wechselte doch wenigstens Sturm mit Windstille ab. Im Stammlande und in dem byzantinischen Morgenlande dagegen war ihnen weder die Ruhe vergönnt, welche die Gleichgültigkeit der Herren gegen eine Volksklasse gewährt, noch wurden sie von Stürmen gepeitscht, welche, wenn sie niederwerfen, zum Aufraffen stählen. Das byzantinische Reich, dem auch das heilige Land verfallen war, fügte zu dem altrömischen Hochmuth noch die griechische Tücke und die Giftigkeit hinzu, welche die Gläubigen aus den Kirchenvätern gegen die Juden gesogen hatten. In Byzanz wurde das Stichwort eiugeführt, welches den Juden das allerschwerste Verbrechen aufhalste; sie wurden als Gottesmörder gebrandmarkt. Trotzdem schlug man sie nicht todt, sondern duldete sie, um sie zu entwürdigen, sie elend und verkümmert zu machen, damit sie als abschreckendes Beispiel ihrer gottesmörderischen That dastehen sollten. Laut der Gesetzgebung Theodosius des Jüngeren, die von Justin dem Aelteren neuerdings eingeschärft wurde Z waren die Juden von Ehrenämtern ausgeschlossen und durften keine Synagogen bauen. Seine Nachfolger, durchweg fanatisch gesinnt, ließen die Gesetze gegen sie mit aller Strenge handhaben. Von welchem Geiste die oströmischen Machthaber gegen die Juden beseelt waren, bezeugt ein Ausspruch des Kaisers Zeno, des isaurischeu Emporkömmlings. In Antiochien, wo, wie in allen größeren Städten des byzantinischen Reiches das Rennbahnspiel und die Parteiung der zwei Farben, der Blauen und Grünen, bestanden, hatten die Letzteren einst einen jener Aufläufe ^ Ooäsx äustinmiü I,. I. D. V. Z 12. gemacht, die selten ohne Blutvergießen abliefen. Die Grünen hatten bei dieser Gelegenheit unter andern auch viele Juden ermordet, ihre Leichen ins Feuer geworfen und ihre Synagoge verbrannt. Als Kaiser Zeno davon benachrichtigt wurde, äußerte er sich darüber: die Grünen seien nur deswegen strafbar, daß sie nur die todten Juden und nicht auch die Lebenden verbrannt habenZ! Das durch Kirchenstreitigeit und Farbenparteiung verwilderte Volk sah in dem Judenhaß der Machthaber die stillschweigende Aufforderung, seine Wuth gegen die Juden auszulassen. Namentlich war die antiochcnsische Bevölkerung von jeher feindlich gegen die Juden gesinnt. Als daher einst ein berüchtigter Wagenlenker Kalliopas aus Konstantinopel nach Antiochien gekommen war, sich zu den Grünen hielt und einen Tumult verursachte, empfanden die Juden wiederum die thierische Grausamkeit dieser Partei. Sie hatte sich zu einer Feierlichkeit nach Daphne, nahe bei Antiochien, begeben, wo sie ohne erhebliche Veranlassung die Synagoge und ihre Heiligthümer zerstörte und die Beter unmenschlich tödtete (9 Juli 507 2 ). Wie viel Raum war überhaupt den Juden im Lande ihrer Väter geblieben? Es giebt kein schriftliches Denkmal aus dieser Zeit, das darüber Zeugniß ablegte. Während die Kirchenliteratur in Wunder- geschichteu, Martyrologien und dogmatischen Streitschriften eine Menge Städtenamen und Plätze des heiligen Landes auffrischt, ist die jüdische Literatur dieser Epoche stumm darüber und nennt weder den Namen einer Stadt, noch den einer hervorragenden Persönlichkeit, an welche der geschichtliche Faden einen Anknüpfungspunkt hätte. Nur aus zerstreuten Nachrichten der Kirchengeschichte kann man ungefähr entnehmen, in welchen Städten Palästinas die Juden in größeren Massen zusammen wohnten, und wo der schwache Herzschlag des heruntergekommenen geschichtlichen und geistigen Lebens kaum vernehmbar pulsirte. Jerusalem war schon lange nicht mehr Mittelpunkt für die Juden; es war durch und durch eine christliche Stadt mit einem Erzbisthum geworden und seinen rechten Söhnen vollständig unzugänglich. Das Verbot, daß Juden die heilige Stadt nicht betreten dürfen, von Constantia erneuert, bestand noch fort und wurde von den Behörden und 9 Ätatatas OllronoArapiiig, S. 389 s. i Ol LV kMt. Nüsapdauss OllrouoZrs,pbis. I. 356. I'oiirm -ro, — Judäa, 17 Eine Art Lehrthätigkeit bestand Wohl unter den Palästinensischen Juden; allein sie muß so dürftig und bedeutungslos gewesen sein, daß sich weder der Name eines Ortes, wo ein Lehrhaus bestanden, noch der einer Person, welche der Träger derselben gewesen sein mochte, erhalten hat. Die angesehensten Gesetzeslehrer führten den Titel Vortragende (liosobo Lirlrs, und der jüngere Mar-Sutra, Sohn des Hingerichteten Exilarchen gleichen Namens, der, wie schon oben erzählt, als Kind nach Palästina gebracht worden war, fungirte als solcher^). Neben und unter den Resche Pirke lehrten andere unter dem Titel die „Alten" (-r^oA-r^or) oder unter dem Namen „Lehrer" (umAistrl). Die Dürftigkeit der Lebensverhältnisse zwang die Lehrer Sold für ihre Thätigkeit zu nehmen, was früher niemals vorkam und auch in dieser Zeit scharf getadelt wurde, aber nicht abgestellt werden konnte ^). Die Lehrweise war dem verkommenen Zustande der Zeit ganz entsprechend, ohne Bedeutung, ohne Selbständigkeit, ohne Geist. Das Studium der strengen Halacha hatte längst ihre Pflege in Palästina eingebüßt. Die agadische Homilie war der Lieblingsgegenstand für Hörer und Lehrer. Aber auch in diesem Punkte war dieses Jahrhundert nicht schöpferisch. Man sammelte und stoppelte nur Alles zusammen, was aus frühern Zeiten bekannt war. Die Sammlung der Agadas war leicht. Da es gestattet war, sie niederzuschreiben, so hat sich der Eine und der Andere kleine agadische Sprüche oder längere Ausführungen in einem Hefte angemerkt, und daraus entstand die Literatur der Aga da oder Midrasch, welche die Prediger beim Vortrage benutzten. Man ordnete den agadischen Stoff entweder nach dem fortlaufenden Text des Pentateuchs und der fünf hagiographischen Bücher, welche in der Synagoge vorgelesen wurden, oder man stellte ihn für die außerordentlichen Sabbate und Feiertage zusammen. Die Halacha oder das Gesetzesstudium fand nur in so weit Pflege, als es für das tägliche Bedürfniß der religiösen Praxis (Lls-'sssod) nöthig war. Die wenigen Kundigen stellten für die Ritualien Alles zusammen, was aus ältcrn Borarthas und dem jerusalemischen Talmud darüber vorhanden 'war, fügten allenfalls hinzu, was der Brauch in den Gemeinden, im Widerspruch mit den Autoritäten, als religiöse Sitte (LlinImA) sanctionirt hatte. Auf diese 01.?/y« L § er» LTr-'/i^ov Tro'/tc,)?. *) novslls-s 146. 2) Lsäsr Olarn sutta Ende. ^4L8S6o1l6t> D6r6od-Di-62 o. 4. Graetz, Geschichte der Juden. V. 2 18 Geschichte der Juden. Weise entstanden die sogenannten kleinen Tractate (Aasssedtot Lstanot). Nur ein einziger Name von denen, welche als Sammler für die religiöse Praxis thätig waren, klingt aus jener lautlosen Zeit herüber. Ein gewisser R. Jonathan wird als der letzte Praktiker^) (Ssot Lla'assöd) bezeichnet, ohne daß man weiß, in welcher Zeit er gelebt hat. Nur ungefähr ist angedeutet, daß er nach R. Giza und R. Simuna (d. h. also nach 550) gewirkt hat. Der Gottesdienst erhielt in dieser Zeit einen veränderten Charakter. Während früher Jedermann, selbst Unmündige, vor die Gesetzeslade treten und als Vorbeter fungiren durften, mußte in diesem Jahrhundert, weil die Kenntniß des Hebräischen geschwunden war, ein eigner Beamter dafür angestellt werden, der den Titel Chasan führte^). Gewisse Partieen des Gottesdienstes trug der Vorbeter mit einer Art Cantilation vor ^). An Sabbaten, Feiertagen und Halbfeiertagen blieb zwar die Vorlesung aus der heiligen Schrift mit targumistischer Uebersetzung des Vorgelesenen und dem agadischen Vortrage, der sich daran knüpfte, Hauptbestandtheil des Gottesdienstes; aber es setzten sich schon neue Partieen an, theils Psalmen, theils neuformulirte Gebetstücke (kijut, Olmoaniit ^). Eigene Gebräuche waren damals noch für den Gottesdienst üblich, welche sich später verloren haben. Nicht nur die Esther-Rolle, sondern auch die übrigen vier sogenannten hagio- graphischen Bücher (LleAiIIot: Hoheslied, Lutli, Lolislst und Lelm) wurden an zwei oder einem Sabbat vor dem Tage, an welchem sie öffentlich vorgelesen wurden, und zwar Nachmittags ebenfalls gelesen und agadisch erläutert ^). Bis zu Justinian's Zeit genossen die Juden Palästinas und des byzantinischen Reiches, so sehr sie auch bürgerlich hintangesetzt wurden, wenigstens vollkommene Religionsfreiheit. Die Kaiser mischten sich in die innern Angelegenheiten nicht ein. Der erste, der sie bürgerlich noch mehr beschränkte und ihnen noch dazu Gewissenszwang aller Art auflegte, war der Kaiser Justinian. Von ihm rührt das schmachvolle Gesetz her, daß jüdischen Zeugen keine Glaubwürdigkeit beizumessen sei gegen Christen, nur unter einander seien sie zulässig (532 "st; die Juden waren indessen noch bevorzugt gegen die Samaritaner, deren Zeugniß gar keine Gültigkeit hatte, und die auch nicht einmal über ihre Hinter- -) S. Note 2. 2) Ns.ssselist Lotsiioa o. 10. lls.ls.olia 7; 11, 4; 14, 14; 20, 1. 2) Lotsrim >4, 9; 20, 9. Das. 13, 10 f.; 14; 16, 12; 19. b) Das. 14, 18; 18, 4. ") Ooäsx llustirüs,iii D. I. N. 5. H 21; Uovslls. 45. Justinian und seine judenfeindlichen Gesetze. 19 lassenschaft testamentarisch verfügen durften. Es war dies ein Akt der Rache gegen die Samaritaner, weil sie mehrere Aufstände gegen die kaiserliche Gewalt versucht und sich einst auch einen König Julian ben Sabar gewählt hatten (um 530). Da die Juden sich aber nicht an diesem Aufstande bethciligt hatten fl, so genossen sie einen gewissen Vorzug vor den Samaritanern. Sonst stellte Justinian die Anhänger beider Bekenntnisse in jeder Beziehung gleich. Obgleich die Juden und Samaritaner gleich den Ketzern von Ehrenämtern ausgeschlossen waren, sollten sie nach einer Verfügung das lästige und kostspielige Decurionat (Magistratswürde) zu übernehmen verpflichtet sein, ohne jedoch die Privilegien zu genießen, die damit verbunden waren, nämlich Freiheit von Geißelstrafe und Exil. „Sie sollten das Joch tragen, wenn sie auch darunter seufzen; aber jeder Ehre sollen sie unwürdig gehalten sein" (537 fl. Der Kaiser verbot auch bei schwerer Strafe den Juden am Passah-Feste feiertägigen Gottesdienst zu halten und ungesäuertes Brod zu genießen. Es gab nämlich noch immer eine christliche Sekte, die „Vierzehntägigen" genannt, welche die Ostern nicht nach der Bestimmung der nicäischen Kirchenversammlung unter Constantin am Sonntag nach Vollmond im Frühlingsanfang feierten, sondern sich nach dem jüdischen Passah-Fest richteten und sie mit den Juden zugleich am fünfzehnten Nissan begingen. Anstatt diese Sekte zur Beobachtung der kirchlichen Regeln anznhalten, verletzte Justinian durch ein Gesetz das Gewissen der Juden auf das Empfindlichste. So oft nämlich in einem dem Schaltjahr vorangehenden Jahre das jüdische Passah-Fest mit dem christlichen Ostern zusammentraf, durften es die Juden nicht in dieser Zeit feiern, damit es nicht den Anschein habe, als feierten die Christen das jüdische Passah. Noch andere Eingriffe machte Justinian in die religiösen Angelegenheiten. Eine jüdische Gemeinde, vielleicht in Konstantinopel, war seit einiger Zeit in Spaltung gerathen. Ein Theil derselben wünschte, daß der Vorlesung aus dem Pentateuch und den Propheten an den Sabbaten und Feiertagen eine Uebersetzung der verlesenen Abschnitte in griechischer Sprache für die Unkundigen und das weibliche Geschlecht nebenhergehen solle. Die Frommen dagegen und namentlich die Gesetzeslehrer empfanden eine Scheu, die Sprache ihrer Peiniger und die Sprache der Kirche beim Gottesdienste zu gebrauchen, wohl auch darum, weil dann keine Zeit für die krause agadische Auslegung bliebe. Der Streit darüber war so heftig, daß die griechische Partei ihn vor den Kaiser brachte fl S. Note 0 . fl idlovslls, 45. 20 Geschichte der Juden. und au ihn, als die letzte Instanz appellirte. Justinian mußte sich allerdings nach seiner Anschauungsweise für die griechische Ueber- setzuug entscheiden. Er empfahl den Juden, sich besonders der Septuaginta oder Aquila's Uebersetzung beim Gottesdienste zu bedienen. Auch in jede andere Sprache, wie die lateinische in den italischen Provinzen, sollten die Vorlesungen aus der heiligen Schrift übertragen werden. So weit war Justinian im Rechte. Er verbot zwar auch, unter Androhung körperlicher Züchtigung, den Anhängern der alten Liturgie, die griechische oder neuerungssüchtige Partei in den Bann zu legen. Aber auch diese Verfügung könnte allenfalls als ein Akt der Gerechtigkeit angesehen werden, indem der Kaiser die liturgische Freiheit gewahrt wissen wollte. Allein eine andere damit verbundene Verfügung zeigt unzweideutig, daß er damit nur ein Bekehrnngsinteresse verfolgt hat, weil er im Wahne war, daß durch die Benutzung der griechischen Uebersetzung beim synagogalen Gottesdienste, namentlich der Septuaginta, welche bereits christlich zugestutzt war, die Juden für den christlichen Glauben gewonnen werden würden. Er verfügte nämlich bei schweren Strafen, daß sämmtliche jüdische Gemeinden des byzantinischen Reiches sich bei den sabbatlichen Vorlesungen durchaus einer Uebersetzung in griechischer oder lateinischer Sprache bedienen sollten, natürlich auch diejenigen, welche gar keine Lust dazu hatten. Er verbot ferner die bis dahin übliche agadisch-erbauliche Auslegung der heiligen Schrift (öevr^oimx) zu gebrauchen. Justinian wollte demnach die nationale Auffassung der heiligen Schrift zu Gunsten der im Sinne des Christenthums vielfach veränderten Uebersetzung unterdrücken. Der Gottesdienst in der Synagoge sollte als Mittel zur Bekehrung der Juden dienen, und der fromme Geist, der in den aga- dischen Auslegungen und Homilien weht, sollte vermittelst der typo- logischen Umdeutung des Inhaltes zu Gunsten der christlichen Glaubenslehren verbannt werden. Justinian, der Despot, beabsichtigte also keineswegs der Synagoge eine Art Freiheit zu schenken, sondern wollte im Gcgentheil ihr eine Art Zwang auflegen. Es war ihm auch so sehr ernst mit diesem Erlasse, daß er seinem Minister Areobindus den Befehl ertheilte, das Edikt in Betreff der griechischen Uebersetzung bei synagogalen Vorlesungen allen Beamten der Provinzen bekannt zu machen und ihnen einzuschärfen, über die pünktliche Erfüllung desselben streng zu wachen (13. Februar 553 Z. Indessen hat dieses bösgemeinte Edikt keine weitern Folgen gehabt; das Bedürfniß nach einer Uebersetzung der heiligen Schrift ') S. Note 7 Justinian und seine judenfeindlichen Gesetze. 21 war bei den Inden im Allgemeinen nicht so lebhaft, daß sie davon hätten Gebrauch machen sollen. Die Partei, die es gewünscht hatte, stand vereinzelt, .und allznschwer war es nicht, wo die Gemeinden einig waren, den Gottesdienst in hergebrachter Weise zu begehen und sich den Augen der Behörden zu entziehen. Die Kanzelredner fuhren fort, sich der bisher üblichen Auslegung zu bedienen und unterließen es keineswegs in ihren Vorträgen versteckte Angriffe auf das juden- seindliche Byzanz zu machen. „Dort giebts Gewürm ohne Zahl" lPsalm), „das bedeute die zahllosen Edikte, welche das römische Reich (Byzanz) gegen uns schreibt; die großen und kleinen Thiere, das sind die Herzöge, Statthalter und Heerführer; wer sich ihnen zugesellt (von Juden) wird einst zu Spott werden ^)." „Wie der abgedrückte Pfeil nicht eher wahrgenommen wird, bis er das Herz getroffen, so geht es mit den Dekreten Esaus (Byzanz). Seine Pfeile kommen plötzlich, und man gewahrt sie nicht eher, bis das Wort gesprochen ist, ob es gilt Hinrichtung oder Kerker. Der Pfeil, der am Tage fliegt, das sind ihre Schreibereien ^)." In diesem Sinne predigten die Lehrer in Judäa. Die Fürsorge des byzantinischen Hofes für das Seelenheil der Juden vergewissern noch andere Erlasse und Verbote. Sie durften nicht in den Synagogen den Vers des Einheitsbekenntnisses recitiren, als wenn auch nur das Aussprecheu des Bekenntnisses: „unser Gott ist einig-einzig" ein lächerlicher Protest gegen die Dreieinigkeit wäre. Sie durften ferner nicht im Gebet den Vers „heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth" sprechen, weil dieser Vers, christlicherseits als unwiderleglicher Beweis für die Dreieinigkeit geltend gemacht, von den jüdischen Vorbetern deswegen mit einem erläuternden Zusatz gegen die Dreieinigkeit gesprochen wurde. Endlich durften sie nicht an Sabbaten die Abschnitte aus dem Propheten Jesaia öffentlich lesen und auslegen, welche für das elende, sturmgepeitschte ungetröstete Zion Trost und Erhebung aus dem Staube verheißen. Damit die Juden ja nicht diese Verbote übertreten, fanden sich Aufpasser in den Synagogen ein, welche das Gebet zu überwachen hatten. Diese weilten zur Beaufsichtigung an Sabbaten und Festtagen, an denen der Gottesdienst länger dauert, stundenlang in den Bethäusern. Die Juden mußten sich fügen; um nicht Strafen zu verfallen, sprachen sie die verbotenen Gebetstücke leise oder versammelten sich zitternd zum gemeinsamen Beten zu einer anderen Tageszeit hinter dem Rücken der Auflaurer. st Härusoll Tsllilliru zu Psalm 104. st Das. zu Psalm 120. 22 Geschichte der Juden. Es muß aber eine eigene Bewandtniß gehabt haben, daß Justinian, der von fanatischem Eifer beseelt war, Bekehrungen zu machen, doch den Juden weder direkt noch indirekt das Christenthum aufzwang, wie er es mit den Samaritanern machte. Sollte er ihre entschiedene Abneigung und ihre große Zahl gefürchtet haben? Nur eine fern' liegende Gemeinde in Afrika in der Nachbarschaft von Mauritanien mit Namen Borion hat Justinians Bekehrungseifer empfunden. Die Juden der Stadt Borion führten den Ursprung ihrer Ansiedelung in Salomos Zeit zurück und rühmten sich, der weise König habe ihre Synagoge erbaut. Sie bildeten einen kleinen Freistaat, der weder, den Römern, noch später den Vandalen zinsbar war. Bei Belisar's Kreuzzng gegen die Vandalen müssen die Juden Borions wohl Widerstand geleistet haben, da sie Justinian zur Taufe zwang und ihre alte Synagoge in eine Kirche verwandelte Z. Die palästinensischen Juden hatten keine Ursache, mit Justinians Regierung zufrieden zu sein, die mit ihrem System der Steuererpressung und der Scheinheiligkeit doppelt auf ihnen lastete. Der Statthalter des ersten Palästina, Stephanus, sicherlich nicht besser als die meisten Beamten der justinianischen Zeit, mochte wohl dazu beigetragen haben, die Gemüther zu erbittern, und war daher verhaßt. Doch war die Zeit dahin, wo die Juden, wenn das Joch der Fremdherrschaft unerträglich wurde, es mit Unwillen abgeschüttelt und zu den Waffen gegriffen haben. Die Samaritaner aber waren in dieser Zeit leidenschaftlicher und tollkühner, weil ihnen seit den Tagen des Kaisers Zeno viel zugesetzt worden war. Die wiederholten Aufstände, die sie vergeblich versucht, hatten die ihnen angelegten Fesseln nur noch drückender gemacht, namentlich seitdem sie unter ihrem Eintagskönig Julian die ihnen verhaßten Christen so schonungslos niedergemetzelt hatten. Sie wurden noch eindringlicher zur Annahme des Christenthums gezwungen, und wer sich nicht fügte, verlor das Recht über sein Vermögen zu verfügen. Obwohl der Bischof Sergius von Cäsarea den Samaritanern das Zeugniß ausgestellt hatte, daß ihre Halsstarrigkeit erweicht sei, sie dem Christenthume sich immer aufrichtiger anschlössen, und er es-bei Justinian durchgesetzt hatte, die gegen sie erlassenen harten Gesetze zu mildern, so bargen sie doch im Herzen den tiefsten Haß gegen ihre Peiniger, und als solche betrachteten sie sämmtliche Christen. Bei einer Wettfahrt der Wagenlenker in der Hauptstadt Cäsarea, wo es durch die Eifersucht der Farben auf einander stets tumultuarisch zuging, ließen die Samaritaner die Zügel st ikrooox äs asäiüsiis VI. 2. Judäa. 23 schießen und fielen die Christen an. Die jüdische Jugend machte gemeinsame Sache mit ihnen. Beide vereint, metzelten ihre christlichen Gegner Cäsareas nieder und zerstörten die Kirchen. Als der Statthalter Stephanus den Christen zu Hilfe eilte, bedrängten sie ihn und seine militärische Begleitung so hart, daß er sich in sein Amtsgebäude (Uraetorluw) zurückziehen mußte, tödteten ihn in seinem Hause und verbreiteten Schrecken in der Stadt und Umgegend (Juli 556). Die Samaritaner rechneten wahrscheinlich auf einen ihrer Stammesgenossen mit Namen Arsen ios, der bei der allmächtigen Kaiserin allmächtiger Günstling war und für sie geheime Aufträge besorgte^), Stephanus' Gemahlin eilte nach Konstantinopel, um den Kaiser von den Unruhen und dem Tode ihres Gatten Anzeige zu machen, und Justinian sandte hierauf dem Statthalter des Orients, Amantius, der 'in Antiochien residirte, den Befehl zu, mit Waffengewalt einzuschreiten. Amantius konnte den Auftrag leicht ausführen, da die Bewegung nicht von ernstlicher Bedeutung war, indem weder sämmtliche Samaritaner, noch Juden Palästinas sich dabei betheiligt hatten. Die Strafe traf daher auch nur die Schuldigen, die aber dem Geiste jener Zeit angemessen war: Köpfen, Hängen, rechte Hand abhauen und Güterconfiscation ^). Justinian's Nachfolger, Justin der Jüngere, scheint keine Veränderung in den Gesetzen gegen die Juden vorgenommen zu haben. Wiewohl er die drückenden Bestimmungen seines Vorgängers gegen die Samaritaner erneuerte und dieselben des Rechts beraubte, letztwillige Verfügung über ihr Vermögen zu treffen und Geschenke an Lebende zu machen, so findet sich von ihm kein Edikt znm Nachtheil der Juden, Unter den beiden vortrefflichen Kaisern Liberias und Mauritius ist von Juden keine Rede. Erst unter dem Thronräuber Phokas, welcher die Zeiten der Caligula und der Commodns wieder heraufbeschwor, kommt eine Begebenheit vor, welche beweist, wie sehr die Juden von der Willkür der Beamten und dem Uebermuth der Geistlichen gelitten haben müssen, daß sie zu grausamer Thätlichkeit hingerissen wurden. In Antiochien, wo ein Haß zwischen Juden und Christen seit Jahrhunderten bestand und durch stete Reibungen noch mehr gesteigert wurde, überfielen die Juden, vielleicht bei Gelegenheit von Wettfahrten im Circus, ihre christlichen Nachbarn, vergalten ihnen die erlittenen Unbilden mit gleichem Maße, tödteten diejenigen, die in ihre Hände fielen, und warfen sie ins Feuer, wie es jene mit ihnen ') Das, Uistorta, ai-caus, säit, Uouu p, 150—52 und Oz'rillus xolitauus 8t. 8abs,s vita tu rrionurusiita sealssias Arasos-s säit, Ootslsrii 1, III, x, 340, 2) Nslslas ObronoAraplais, 488. Nbsopliuuss olarcuroAraxllis, I, 356. 24 Geschichte der Juden. ein Jahrhundert vorher gemacht hatten (S. 16). Den Patriarchen Anastasius, der Sinaite genannt, ein Gegenstand besonderen Hasses, mißhandelten sie schimpflich, ehe sie ihm den Tod gaben und schleiften seinen Leichnam durch die Gassen. Als Phokas von diesem Aufruhr Nachricht erhielt, ernannte er Bonosus zum Statthalter des Morgenlandes und Kotys zum Heerführer der morgeuländischen Truppen und gab ihnen den Auftrag, die Aufständischen zu züchtigen. Aber die Juden Antiochiens hielten sich so tapfer, daß das römische Heer nichts gegen sie vermochte. Erst als sie mit zahlreichen Truppen, aus der Nachbarschaft zusammengezogen, von neuem angegriffen wurden, mußten sie die Waffen strecken und fielen der Rache der römischen Heerführer anheim, welche sie theils tödteten, theils verstümmelten und theils in die Verbannung schickten (Septbr. und Octobr. 608 Z. Der Ingrimm der Juden fand unerwartet und gerade durch die Unthateu des Kaisers Phokas Gelegenheit sich Luft zu machen. Der' Thronraub dieses Kaisers an seinem Vorgänger Mauritius hatte den Perserkönig Chosru II., der des letzten Schwiegersohn war, herausgefordert, Angriffe auf die römische Besitzung im Orient zu machen. Ein ungeheures Persisches Heer überschwemmte Kleinasien und Syrien unaufhaltsam, ungeachtet dessen, daß der neuerwählte Kaiser Heraklius dem Perserkönig die verdiente Züchtigung des Phokas angezeigt und um Frieden gebeten hatte. Eine Abtheilung des persischen Heeres unter dem Feldherrn Scharbarza stieg von den Höhen des Libanon herab, um Palästina dem byzantinischen Scepter zu entreißen. Bei der Nachricht von der Schwäche der christlichen Waffen und den Fortschritten des persischen Heeres erwachte eine ungestüme Kampfeslust in der Brust der palästinensischen Juden. Die Stunde schien geschlagen zu haben, die jahrhundertelang erduldete Deniüthigung dem zwiefachen st lbbsoxbanss das. I. 456. Das Jahr, welches aus dem griechischen Texte nicht zu ermitteln ist, läßt sich aus der lateinischen Uebersetzung des Anastasius Bibliothekarius sixiren, das. II 140. Für die unbestimmte Bezeichnung des Theophanes: roürw -r« brr- hat Anastasius: anno rnaxsrü Nboeas sspbiroo. Aus dieser Uebersetzung kann ein fehlender Passus im Originale ergänzt werden: sb non valusrund (Lonosus sb Lob^s) ssäars inguistmäinsra sorurn (ckuäasorura). Den Monat bestimmt das Obrornoou I?a^ebals (säst. Loun I. 699): X»r4 Tiroas roü okrrr- i'oü -4' tvFexrllUvo? aro^-r-oi'rl,iv. Da die andern Quellen einstimmig den Patriarchen von den Juden umbringen lassen, so kann der Widerspruch zwischen denselben und dem Obrorüoou xasobals nur dadurch aufgehoben werden, daß man in dem Texte des Letztern eine Lücke annimmt. Die Hauptquelle für das Factum des Aufstandes der Juden in Antiochien scheint Malalas gewesen zu sein, dessen Chronographie zuni Schlüsse defekt ist; denn Theophanes excerpirt ihn oft wörtlich. Siege der Perser und Juden in Judäa. 2» Feinde, dem Römer und Christen, zu vergelten. Der Heerd der kriegerischen Bewegung der Inden war die Stadt Liberias. Sie ging von einem Manne Namens Benjamin aus, welcher ein erstaunliches Vermögen besaß und es dazu verwendete, jüdische Truppen anzuwerben und ausznrüsten. Ein Aufruf erging an sämmtliche Juden Palästinas, sich zu sammeln und sich dem Zuge der Perser anzuschließen. Die kräftigen jüdischen Bewohner von Liberias, Nazaret, den galiläischen Gebirgsstädten scharten sich sofort um die persischen Fahnen. Wuth- erfüllt, wie diese Schar war, hat sie sicherlich die Christen und ihre Kirche in Liberias nicht verschont und wohl dem Bisthum ein Ende gemacht, obwohl diese Thatsache nicht erzählt wird. — Unter Scharbarza's Heer marschirten sie auf Jerusalem zu, um die heilige Stadt den Christen zu entreißen. Die Juden Südpalästina's schlossen sich ihnen an, und mit diesen vereint und von einer Saracenenschaar unterstützt, nahm der persische Feldherr Jerusalem mit Sturm. (Juli 614). Neunzig Tausend Christen sollen in Jerusalem umgekommen sein *). Aber erfunden ist der Zug, daß die Inden die christlichen Gefangenen den Persern abgekauft und sie mit kaltem Blute getödtet haben sollen. Nur im heißen Kampfe und in der Wallung des Siegesrausches mögen sie ihren Todfeinden das gethan haben, was ihrer wartete, wenn sie unterlegen wären. In einer Zeit, wo die Religion die Köpfe benebelt und die Herzen ausgetrocknet hatte, war bei keiner Religionspartei Menschlichkeit anzntreffen. Gegen die christlichen Heiligthümer wütheten die Juden allerdings schonungslos. Sämmtliche Kirchen und Klöster wurden durch Feuer zerstört, woran die Juden allerdings mehr Antheil gehabt haben mögen als die Perser. War nicht Jerusalem, der Inden ureigener Besitz, ihnen durch List und Gewalt entrissen worden! Mußten sie nicht die heilige Stadt durch die Verehrung des Krenzesholzes und der Märtyrergebeine für ebenso entweiht halten, wie durch die Götzen des Aniiochos Epiphanes und Hadrian's? Die Juden scheinen sich mit der Hoffnung geschmeichelt zu haben, daß die Perser ihnen Jerusalem mit einem Gebietstheile als Gemeinwesen übergeben würden. Religionseifer und Rachegefühl zugleich fanatisirten sie, die Gegenstände der Entweihung aus der heiligen Stadt verschwinden zu machen. Mit den Persern vereint, streiften die Juden in Palästina umher, zerstörten die Klöster, von denen das Land erfüllt war, und Vertrieben oder tödteten die Mönche. Eine Schar, bestehend ans Juden von Jerusalem, Liberias, Galiläa, Damaskus und sogar von Cypern, unter- y Note 8. 26 Geschichte der Juden. nahm einen Streifzug gegen Tyrus, aufgefordert von den Juden dieser Stadt <4000), die Christen in der Osternacht Plötzlich zu überfallen und nicderznmachen. 20000 Mann soll die jüdische Schar betragen haben. Die Veranlassung zu dieser Kraftanstrengung ist nicht bekannt. Die Unternehmung scheiterte aber, weil es den Christen in Tyrus verrathen wurde, was ihnen bevorstand. Sie kamen daher ihren Feinden zuvor, bemächtigten sich ihrer jüdischen Mitbewohner, warfen sie in Kerker und erwarteten die Ankunft der jüdischen Schar, welche die Thore verschlossen und vertheidigt fand. Diese rächte sich wiederum an ihren Feinden durch Zerstörung der Kirchen um Tyrus. So oft aber die christlichen Tyrier die Nachricht von der Zerstörung einer Kirche erhielten, tödteten sie hundert von den gefangenen Juden und warfen ihre Köpfe über die Mauer. Auf diese Weise sollen 2000 derselben ums Leben gekommen sei». Die jüdische Belagernngsschar aber, entmuthigt durch den Tod ihrer Brüder, zog ab und wurde von den Tyriern verfolgtZ. Ungefähr vierzehn Jahre waren die palästinensischen Juden von dem Anblick ihrer christlichen Feinde befreit. Die Erfolge der ersten Zeit erfüllten sie mit Freuden. Es gingen wohl manche Christen aus Furcht oder Verzweiflung an dem Fortbestand des Christentums zum Judenthum über. Einen großen Triumph bereitete den Juden die Bekehrung eines Mönchs, der sich aus freiem Antriebe zum Judenthum bekannte. Dieser Mönch hatte viele Jahre in dem Kloster auf dem Berge Sinai mit Büßungen und Litaneien zugebracht. Mit einemmal stießen ihm Zweifel an der Wahrheit des Christenthums auf. Er wollte durch lebhafte Träume darauf gekommen sein, die ihm auf der einen Seite Christus, die Apostel und Märtyrer in finstern Nebel gehüllt, auf der andern Seite Mose, die Propheten und die heiligen Männer des Judentums lichtumflossen zeigten. Des inner» Kampfes müde, stieg er vom Berge Sinai herab, wanderte durch die Wüste nach Palästina und begab sich endlich nach Liberias, wo er der Gemeinde seinen festen Willen kundgab, sich zum Judenthum zu bekennen. Er unterwarf sich der Beschneidnng, nahm den Proselytennamen Abraham an, heirathete eine Jüdin und wurde ein eifriger Verfechter des Judenthums und ein heftiger Gegner seiner angestammten Religion ^j. Indessen hatte sich die Hoffnung, welche die Juden auf den persischen Sieger gesetzt hatten, nicht erfüllt. Die Perser räumten ihnen nicht die Stadt Jerusalem ein, thaten nichts, um ein freies jüdisches Gemeinwesen aufkommen zu lassen und mögen noch außerdem durch 1) Dut^olrius ^IsxauäriiinZ (Ibu-IZatrilr) g.uuglss II. 220 — 23. 2) ^.ntoiuns a 8t. 8s,ds. lrornilia 84, s. Note 5. Heraklius und die Juden. 27 Steuern bedrückt haben. Es entstand daher eine große Verstimmung zwischen den Bundesgenossen, die Wohl auch in Thätlichkeit ausgeartet sein mochte. Der persische Feldherr bemächtigte sich daher vieler Juden Palästinas und schickte sie in die Verbannung nach Persien. Dieses Verfahren machte die Juden noch unzufriedener und bewog sie, ihre Gesinnung zu ändern und sich dem Kaiser Heraklius zu nähern. Dieser Fürst, der das seltene Beispiel gab, wie ein abgestumpfter Feigling über Nacht ein feuriger Hetd werden kann, und der, nachdem er jahrelang die Schmach gehäufter Niederlagen mitangesehen hatte — daß sein Reich von zwei Feinden, den Persern von der einen und den Avaren von der andern Seite, eingenommen worden war — sich plötzlich ermannte und ihnen Sieg auf Sieg abrang, fand sich geneigt, die Feinde in Judäa für sich zu gewinnen, um dem Hauptgegner Verlegenheit zu bereiten. Heraklius ging daher ein förmliches Bündniß mit den Inden ein, das wahrscheinlich Benjamin von Tiberias betrieben hatte, sicherte ihnen Straflosigkeit für die den Christen zugefngten Unbilden zu und verhieß ihnen noch andere Vortheile, die wir weiter nicht kennen (um 627^), Heraklius' Siege, Chosru's Verblendung und die Empörung seines Sohnes Syroes gegen ihn, brachten dem griechischen Kaiser wieder alle jene Länder ein, die nahe daran waren, dauernd in persische Satrapien umgewandelt zu werden. In Folge des Friedensschlusses zwischen Heraklins und Syroes — der seinen alten Vater entthronte und tödten ließ — verließen die Perser Judäa, und das Land kam wieder in byzantinische Botmäßigkeit (628). Im Herbste dieses Jahres zog der gekrönte Kaiser im Triumph nach Jerusalem, um am vermeintlichen Grabe Jesu den Dank für die unerwartet errungenen Siege darzubringen und das geraubte echte Kreuz wieder in Jerusalem auszurichten. Auf seinem Zuge berührte Heraklins Tiberias und wurde von dem reichen Benjamin gastlich bewirthet, der auch das byzantinische Heer mit Lebensmitteln versorgte. In einer Unterredung fragte ihn der Kaiser, was ihn denn bewogen habe, den Christen so feindliche Gesinnung zu zeigen? Offenherzig antwortete Benjamin: „Weil sie Feinde meines Glaubens sind" ^). Als Heraklius die heilige Stadt betrat, verlangten die Mönche und der Patriarch Modestus ungestüm von ihm, daß er sämmtliche Juden Palästina's ausrotten möchte aus Rache für ihr Verhallen gegen die Christen, und ans Vorsicht, damit sie nicht bei etwaigen neuen Einfällen sich feindselig gegen die Christen zeigen sollten. Der Kaiser U Note 8. 2) Dieselbe Note. 28 Geschichte der Juden. berief sich aber auf das den Juden gegebene feierliche und schriftliche Versprechen, das er nicht verletzen dürfe, ohne vor Gott als Sünder und vor den Menschen als Treubrüchiger zu erscheinen. Dagegen machten die fanatischen Mönche geltend, daß die Ermordung der Juden, weit entfernt ein Verbrechen zu sein, im Gegentheil ein Gott gefälliges Opfer sein werde. Das Sündhafte daran wollten sie übernehmen und für ihn eine besondere Fastenwoche einsetzen. Sie wollten nämlich in der ersten Woche der großen Fleischfasten vor Ostern nicht einmal Eier, Käse und Fische genießen. Diese Wendung überzeugte den überfrommen Kaiser; er beschwichtigte damit sein Gewissen und ließ eine Hetzjagd gegen die Juden in ganz Palästina anstellen und alle diejenigen niedermetzeln, welche sich nicht in den Schlupfwinkeln der Gebirge bergen oder nach Egypten entfliehen konnten^). In Egypten bestanden damals noch jüdische Gemeinden und selbst in Alexandrien, aus dem sie der Fanatiker Cyrill im Anfang des fünften Jahrhunderts vertrieben hatte (B. IVg. S. 362), waren die Juden wieder angesiedelt. Ein wegen seines Reichthums und seiner Freigebigkeit ausgezeichneter alexandrinischer Jude Namens Urbib hatte während einer seuchenerzeugenden Hungersnoth die Dürftigen ohne Unterschied des Glaubens mildherzig gespeist^). Von dem ehemaligen Glanze und der Bedeutung der alexandrinischen Juden war allerdings kaum der Schatten geblieben. Aber wenn sie auch in der allgemeinen Entartung der Zeit ihren Sinn für Wissenschaft und Bildung eingebüßt hatten, so blieb ihnen doch das warme Mitgefühl für ihre leidenden Brüder. Sie nahmen die unglücklichen Flüchtlinge ans Judäa, die Opfer des mönchischen Fanatismus, brüderlich auf. Von der Verfolgung des Heraklius blieb nurBenjamin vonTiberias, derHauptagitator in dem Aufstande gegen die Römer, verschont; aber er brachte seine Religion zum Opfer seiner Ruhe. Auf Zureden des Kaisers empfing er die Taufe Das Andenken an Heraklius' schmachvollen Trenbrnch gegen die Inden erhielt sich durch die ihm zu Ehren eingesetzte Fastenzeit noch lange, indem sie die morgenländischen Christen, namentlich die Copten und Maroniten, noch mehrere Jahrhunderte beobachteten. Sie büßten das Gemetzel vieler Tausende von Menschen durch Enthaltung von manchen Speisen ab ^). Heraklius erneuerte bei dieser Gelegenheit das Hadrianische und Constantinische Edikt, daß die Juden Jerusalem und dessen Weichbild *) Dnt^obins das. II. 243 f. Vergl. dies. Note. 2) Dnt^ollins das II. I33i b) Lbsoxbanss 6lii'onoArs,xb1n I 504. tZnt^olitns das. S 243. Juden in Constantinopel. 29 nicht betreten dürfen (628^. Die Verfolgung dieses Kaisers gegen die Juden Palästinas gab der Sage Veranlassung zu erzählen, Hcraklius habe durch astrologische Verkündigung erfahren, daß dem byzantinischen Reiche von einem beschnittenen Volke Untergang bevorstehe und, indem er dieses auf die Juden bezogen, habe er einen Befehl in seinem ganzen Reiche ergehen lassen, sämmtliche Inden, welche sich nicht zum Christenthum bekehren wollten, zu vertilgen. Er habe sogar, so erzählt die Sage weiter, an Dagobert, König von Frankreich geschrieben, die Juden seines Landes zur Taufe zu zwingen und die Widerstrebenden auszurotten ^). Indessen ist Heraklius von diesem Blutbade freizusprechen. Denn nach seinem Tode befanden sich noch Juden in der byzantinischen Hauptstadt, und diese benutzten die Verwirrung, welche nach dem Tode seines Sohnes Constantin entstanden war, als Volk und Heer gegen die Kaiserin Martina und ihren Sohn Herakleonas erbittert waren, die Sophienkirche zu stürmen (641^). Auch bedurfte es nicht der astrologischen Afterweisheit, um die Schwächung des byzantinischen Reiches durch das beschnittene Volk der Araber zu prophezeien. Noch während Heraklius' Leben pochte dieses ritterliche, von Begeisterung für einen neuen Glauben erglühte Volk an die Pforte des byzantinischen Reiches und verlangte mit wildem Ungestüm Eingang. Der Kaiser erlebte es noch, wie Judäa, Syrien und Egypten dem Kreuze entrissen wurden und unter die Herrschaft der Nachfolger des Propheten von Mekka kamen. Die Christen, bis dahin fanatisch verfolgungssüchtig, erfuhren bei dieser Gelegenheit, wie Unduldsamkeit schmerzt. Aber der Halbmond war lange nicht so verfolgungssüchtig wie das Kreuz. U Oonstibntüonss irnpsratorias Uo, 2. Ueber das genaue chronologische Datum der Anwesenheit Heraklius' in Jerusalem, vergl. Weil: Leben Moham- med's 198. Note 309. 2) UrsäsAurcius Obroräoon a. 2, und Usrb? Nonnrrisnts, I. 286. äossplr Xobsn Oibrs ba-saraim. Uraslr lia-baobs. säib. Wien S. 8. 2) Uiosxliorns Us-triarolrs, Oonsbanbinoxolas: äs rsbus xosb Llauri- tiura Zsstis x. 35. » .weites Kapitel. Die europäischen Länder. Lage der Juden in Europa; die Gemeinden Konstantinopels; die Tempelgesäße; die Juden Italiens; Papst Gelasius; Theoderich's des Großen Verhalten; der Minister Cassiodor; Tapferkeit der Juden Neapels; Papst Gregor 1.; Stellung der Juden in Frankreich; die Concilienbeschlüsse gegen sie; Fanatismus des Bischofs Avitus von Clermont; König Chilperich und sein jüdischer Juwelier Priscus; der Apostat Phatir; Verfolgung unter König Dagobert. Alter der Juden in Spanien; ihre ungestörte Ruhe unter Römern und arianischen Westgothcn: Reccared's Gesetze; Sisebut's Verfolgung; Swintila's Judenfreundlichkeit; Sisenand's judenfeindliche Dekrete; Isidor von Sevilla; Streitschriften für und gegen das Judenthum; Chin- tila's harte Judengesetze. 500 — 640. Die Juden in Europa haben im eigentlichen Sinne des Wortes erst eine Geschichte, seitdem sie durch das Zusammentreffen günstiger Umstände ihre Kräfte entwickeln konnten und Leistungen hervorbrachtcn, wodurch sie ihren Brüdern im Orient den Vorrang abliefen. Bis dahin sind nur martyrologische Züge zu berichten, die sie von der siegreichen Kirche erfuhren, und die sich in allen Ländern mit nur geringer Abwechselung monoton wiederholen. Der Sklave, über den sein übermüthiger, unbarmherziger Herr die Peitsche schwingt, ist kein Gegenstand der Geschichte. Wer vermöchte auch den Juden in alle Winkel der Erde zu folgen, wohin sie Unglück und Wanderlust geführt haben! „Durch die ganze Welt zerstreut," sagt ein berühmter Schriftsteller dieser Zeit von ihnen, „durch die ganze Welt zerstreut und ge- theilt sind die Juden dem römischen Joch unterworfen und leben doch nach ihrem eignen Gesetze" Z. Nun, das römische Joch haben sie zwar nicht getragen; denn Rom selbst war unterjocht und geknechtet von naturwüchsigen, rauhen Völkerschaften, welche ihm alle Frevelthaten vergalten, die es an Völkern und Ländern verübt hatte. West- und ') OLSsioäor in Usalcaura 58. 12. Die europäischen Länder. 31 Ostgothen, Gepiden, Heruler und Langobarden rissen der römischen Buhlerin die Krone vom Haupte und traten sie in den Staub. Sie war viel unglücklicher als Jerusalem, da sie nicht einmal Kinder hinterließ, welche um ihr trauriges Geschick weinten und ihren Schmerz dichterisch verklärten. Ihre Kinder, durch Müssiggang und Spiele verweichlicht, waren zu Bettlern herabgesnnken. Nur die Herrschsucht war noch der Siebenhügelstadt geblieben, aber sie hatte sie ihrer ehemaligen Feindin, der Kirche, vererbt. Von einigem Interesse ist nur noch, wie sich die Juden in den europäischen Staaten angesiedelt und wie sie unangefochten, friedlich und in freundlichem Verkehr mit ihren Nachbarn gelebt haben, bis sie die siegreiche Kirche immer mehr eingeengt und ihnen die Lebenslust abgeschnitten hat. Im byzantinischen Reiche, im ostgothischen Italien, im fränkischen und burgundischen Gallien, im westgothischen Spanien, überall stoßen wir auf dieselben Erscheinungen. Das Volk, selbst die Barone und Fürsten sind ganz entfernt von Unduldsamkeit, haben keinerlei Antipathie gegen die Juden, verkehren mit ihnen ohne Vorurtheil; aber die höhere Geistlichkeit sah in dem Wohlstand und Behagen der Juden eine Schmälerung des Christenthums. Sie will durchaus den Fluch zur Wahrheit machen, den der Stifter des Christenthums über die jüdische Nation angeblich ausgesprochen hat, und jeder judenfeindliche, engherzige Gedanke eines Kirchenvaters gegen dieselben soll durch Verkümmerung ihrer Existenz buchstäblich in Erfüllung gehen. Auf Concilien und Synoden beschäftigt die tagende Geistlichkeit die Judenfrage ebenso lebhaft wie die Dogmenstreitigkeit und die einreißende Verhöhnung der Sittlichkeit, welche trotz der kirchlichen Strenge und der Kräftigung der Religiosität (oder vielleicht in Folge derselben) immer mehr unter Geistlichen und Laien überhand nahm. Eigenthümlich ist es aber, daß gerade die römischen Bischöfe, die sich immer mehr als Hort der Christenheit geltend machten, unter allen andern die Inden am duldsamsten und mildesten behandelten. Die Inhaber des päpstlichen Stuhles setzten einen Ruhm darein, die Juden vor Unglimpf zu schützen und Geistliche wie Fürsten zu ermahnen, dem Christenthum keine Anhänger durch Gewalt und Druck zuzuführen. Diese Milde war im Grunde eine Jnconsequenz; denn die Kirche mußte, wie sie sich in Folge des nicäischen Concils ausgebildet hat, ausschließend, daher verfolgungssüchtig und hartherzig sein. Sie konnte nicht anders als zu Juden, Samaritanern und Ketzern sagen: „Glaubet so, wie ich glaube oder sterbet." Das Schwert mußte den Mangel an Ueberzeugungsgründen ersetzen. Aber wer 32 Geschichte der Juden. wird nicht die freundliche Inkonsequenz Gregor des Heiligen vorziehen vor der schrecklichen Consequenz der verfolgungssüchtigen Könige Sisebut And Dagobert, die allerdings, kirchlich gesprochen, katholischer waren als der Papst! Indessen hatte es mit der Duldung auch der mildesten Bischöfe nicht zu viel auf sich. Sie scheuten nur, Bekehrungszwang durch Verbannung oder Tod aufzulegen, weil sie überzeugt waren, daß auf diesem Wege die Kirche nur mit Scheinchristeu bevölkert würde, welche ihr im tiefsten Herzen fluchten. Aber sie scheuten sich nicht, Beschränkung und Plackereien über die Juden zu verhängen und sie auf der Stufenleiter der Gesellschaft den Leibeigenen zunächst zu stellen; dies schien fast allen Vertretern des Christenthums in den barbarischen Jahrhunderten durchaus gerecht und gottgefällig. Die Völker, welche auf das arianische Bekenntniß getauft waren, übten indessen weniger Unduldsamkeit gegen die Juden. Je mehr also der Arianismus in Europa verdrängt wurde und dem katholischen Bekenntniß wich, desto mehr wurden die Juden vom Bekehrungseifer geplagt. Ihr kräftiger Widerstand reizte stets zu neuen Angriffen. Ihre heldenmüthige Standhaftigkeit der steten Ungunst gegenüber ist daher eine Größe, welche die Geschichte nicht verschweigen darf. Auch waren die Juden in diesen wissensfeindlichen Jahrhunderten nicht aller Kenntnisse bar. Wenigstens kannten sie ihre Religionsurkunden besser, als die niedere Geistlichkeit, welche nicht einmal ihre Meßbücher zu lesen verstand. Die Rundschau über die Niederlassung der Juden beginnt, wie sie Asien verläßt, mit dem byzantinischen Reiche. Hier lebten sie schon in den Städten, ehe noch das Christenthum die Weltherrschaft angetreten hatte. In Konstantinopel bewohnte die jüdische Gemeinde, von deren Mitgliederzahl wir keine Nachricht haben, ein eigenes Quartier, der Erzmarkt genannt wo sich auch eine große Synagoge befand. Sie wurden aber von einem Kaiser, Theodosius II. oder Justin II., daraus Vertrieben, und die Synagoge wurde in die „Kirche der Gottesmutter" verwandelt, die von dem Ort den Namen „Kirche der chalkopratianischen Gottesgebärerin" erhielt ^). Seitdem wohnten die Juden in einem andern Viertel, das Stenor genannt (Ltuuor, Ltanszu'o, ckucksoa.) Die Juden der byzantinischen Hauptstadt sahen mit Schmerz, wie die heiligen Gefäße des zerstörten Tempels, die von Gefangenschaft zu Gefangenschaft gewandert waren (B. IV g. 355.), durch den Feldes Misoplianss eliionoArs,pllig. I. p. 382, vergl. dazu Ou-OanAS llistoria p. 164. Die Tempelgefäße. 33 Herrn Belisar, den Eroberer des Vandalenreiches, aus Karthago, wo sie nahe an ein Jahrhundert lagen, nach Konstantinopel gebracht wurden (534). Neben dem Vandalenfürsten Gelimer, dem Enkel Genserich's, und den Schätzen dieses unglücklichen Königs, wurden auch die jüdischen Trophäen im Triumph anfgeführt. Ein Jude, der mit tiefem Kummer die lebendigen Denkmale von Judäa's einstiger Größe in der Gewalt seiner Feinde sah, bemerkte gegen einen Höfling: Es sei nicht rathsam, sie in den kaiserlichen Palast niederzulegen; denn sie könnten Unglück bringen. Wie sie Rom Unheil brachten, das durch Genserich geplündert worden war, so haben sie auch über dessen Nachkommen Gelimer und seine Hauptstadt Mißgeschick heraufbeschworen. Es sei wohl richtiger, die heiligen Ueberbleibsel dahin zu bringen, wo sie der König Salomo anfertigen ließ, nach Jerusalem. Dem Juden mag eine schwache messianische Hoffnung geschmeichelt haben, wenn erst die heiligen Gefäße wieder in Jerusalem eingezogen sein würden, so würden auch die Zerstreuten des heiligen Landes dahin zurückgeführt werden. Sobald der Kaiser Justinian Nachricht von dieser Aeußerung erhielt, fürchtete sich sein abergläubisches Gemüth vor den Folgen, und er ließ in aller Eile die Tempelgefäße nach Jerusalem bringen und sie dort in eine Kirche niederlegen *). Von den Juden in den Provinzen des byzantinischen Reiches ist keine Nachricht bekannt, obwohl sie in Macedonien, Griechenland, Jllyrien von jeher seßhaft waren und auch in später Zeit zahlreiche Gemeinden bildeten. Ihre herabgedrückte Stellung durch die Edikte der Kaiser Justin und Justinian, wodurch sie weder zu Militärchargen noch zu bürgerlichen Ehrenämtern zugelassen wurden, ist schon oben (S. 18, 23) erwähnt. Doch ließen ihnen die Kaiser wenigstens die selbständige Gemeindeverwaltung und eigene Gerichtsbarkeit in Civilprocessen. Jede Gemeinde hatte ihren jüdischen Bürgermeister (Ephoros), der über Marktpreise, Maß und Gewicht die Aufsicht führte 2). — Eingriffe in die religiösen Verhältnisse der Juden haben sich die fanatischen Kaiser und namentlich der bigotte Justinian nicht selten erlaubt. Wenn sie in Judäa noch gewisse politische Rücksichten nahmen wegen der Nachbarschaft mit dem Perserreiche und die Juden nicht allzusehr reizen mochten, um sie nicht zu Verschwörungen und Anschluß an die Perser zu treiben, so fielen diese Rücksichten gegen die ganz ungefährlichen Juden der europäischen Provinzen weg. So wie Justinian einen Machtbefehl gegen die frühzeitige Feier des Passah und die agadische l?rooopius bslluro Vewäslioura II. e. 9. x. 446. 2) Ls-silies. I. 42. Graetz, Geschichte der Juden. V. 3 34 Geschichte der Juden. Auslegung der heiligen Schrift in den Synagogen erlassen hat, so werden die ihm ähnlichen Kaiser noch manche andere Willkür angeordnet haben. Aus Justinian's Verfahren gegen die durch Belisar's Siege dem byzantinischen Reiche untergeordneten Gemeinden Afrikas läßt sich das Allerschlimmste folgern. Er schrieb an den Statthalter von Afrika, Salomon, unter Anderem,daß die Synagogen, sowiedieKirchen der Arianer und Donatisten und die Tempel der Heiden ihren Be.kennern entzogen und in Kirchen verwandelt werden sollten (1. August 535 Z. Das byzantinische Reich und seine Kaiser waren auch wegen dieser ewigen Plackereien den auswärtigen Juden sehr verhaßt. Darin stimmte der jüdische König von Arabien, der deswegen Vergeltung an den byzantinischen Kaufleuten nahm, mit den Juden Neapels überein, welche heldenmütig kämpften, um nicht unter die Herrschaft dieser verfolgungssüchtigen Kaiser zu kommen. Wie früher an Rom, so sahen die Juden aller Länder in dieser Zeit an Byzanz ihren Erzfeind, und trotz des Verbotes deuteten die Prediger den Vers: „Es wird Einer herrschen aus Jacob und wird vernichten den Rest aus der Stadt" auf das sündenbelastete Konstantinopel"). In Italien waren die Juden bekanntlich noch zur Zeit der Republik ansässig und genossen so lange volles Bürgerrecht, bis die christlichen Kaiser es ihnen geschmälert haben. Sie mögen mit gerechtfertigter Schadenfreude gesehen haben, wie die weltgebietende Roma zur Beute der Barbaren und zum Gespötte der Welt geworden war, und man auf sie buchstäblich das Klagelied über Jerusalem anwenden konnte: „Die Herrin der Völker, die Fürstin der Länder ist eine Frohn- dienerin geworden." Nach den Gepiden und Herulern, die Rom nur vorübergehend geknechtet, kamen die Gothen und brachten den Namen Rom in Vergessenheit, indem sie unter dem Amaler Theoderich (Dioterich) das ostgothische Reich gründeten. An den Plagen, welche die wilden Schwärme barbarischer Völker über die römische Welt gebracht, hatten die Juden auch ihr gutes Theil. Mit der Annahme des Christenthums hatten die germanischen und slavischen Horden von ihren Lehrern, den Römern, Intoleranz gelernt, welche in ihren rohen Gemüthern noch gehässigere Formen annahm. Die jüdischen Kanzelredner dieser Zeit hatten über neue Feinde Israelis zu klagen: „Siehe Herr, wie vielfach meine Feinde sind Wenn Esau (Rom) Jakob haßt," so drücken sich die Agadisten aus „so hat er noch einen Scheingrund dafür, weil ihn dieser um die Erst- y ckustlnis, iiovslls. 37. *h lllai-Anw. l?ssncko-ckoiis,t,Iiaa ?a Ilnrasri 24. 19. Die Völkerwanderung und die Juden. 35 gebürt gebracht; aber was hat Israel den Barbaren und Gothen ge- than^)?" Aber was konnten die Barbaren den Juden rauben? Ihre politische Selbständigkeit hatten sie längst eingebüßt, und ihr geistiges Gut war gesichert genug, um zerstört werden zu können; aber Rom rissen sie die Krone vom Haupte und legten ihm das Sklavengewand an. Nicht einmal politischer Mittelpunkt von Italien blieb Rom, sondern Ravenna, abwechselnd mit Verona, wurde Residenz des ost- gothischen Reiches. In diesen Städten, sowie in Rom, Mailand und Genua waren auch in dieser Zeit jüdische Gemeinden. Auch in Unteritalien waren die Juden zahlreich vertreten, namentlich in dem schönen Neapel, auf der Insel Sicilien in Palermo, Messina, Agrigent und Sardinien. . Bei Venusia, dem Geburtsorte des Dichters Horaz, zeugen noch griechische, lateinische und hebräische Inschriften auf Grabmälern von dem Vorhandensein einer nicht unbedeutenden Gemeinde aus der Kaiserzeit. In Palermo wohnten jüdische Familien von altem Adel, welche den Namen Nasas (Naßi) führten und vielleicht aus dem Patriarchenhause abstammen. Als Rechtsquelle für die italienischen Juden galten gesetzlich die theodosianischen Dekrete, daß sie zwar ihre eigene Gerichtsbarkeit und innere Gemeindeverwaltung haben, aber keine neue Synagoge bauen dürften, von richterlichen Aemtern und Militärgraden ausgeschlossen sein und keine christlichen Sklaven halten sollten. Der letzte Punkt gab öfters Veranlassung zu Reibungen zwischen der Geistlichkeit und den Juden. Denn die häufigen Einfälle der barbarischen Völker und die Kriege häuften die Zahl der Gefangenen, und die Juden trieben lebhaften Sklavenhandel, waren aber nicht die einzigen Sklavenhändler. Die entvölkerten Städte und die verödeten Aecker machten den Sklavenmarkt zum Bedürfniß, um Arme für die Gewerbe des täglichen Lebens und den Ackerbau zu haben. Die jüdischen Besitzer pflegten ihre Sklaven in das Judenthum aufzunehmen, theils weil dies eine talmudische Anordnung war, die Sklaven entweder zu beschneiden oder, wenn sie sich dagegen sträubten, sie wieder zu veräußern, und theils um nicht bei der Ausübung religiöser Vorschriften von fremden Elementen im Hause gestört zu werden. Die Sklaven selbst zogen es vor, bei ihren jüdischen Herren zu bleiben, die sie mit seltenen Ausnahmen menschlich behandelten, sie als Hausgenossen betrachteten und Freud und Leid mit ihnen theilten. Indessen wenn auch die Beschränkungen des theodosianischen Codex Gesetzeskraft hatten, so kam es noch immer darauf an, ob sie auch praktisch gehandhabt wurden. Die Bischöfe auf dem apostolischen Stuhl, 1) Midrasch zu Psalter. Ps. 25 und 109; vergl. Jalkut zu den Stellen. 36 Geschichte der Juden. welche von den römischen Staatsmännern die politische Gewandtheit gelernt hatten, waren zu klug, um fanatisch zu sein. Sie drückten oft, wenn die Juden gegen die Kirchensatzungen verstießen, ein Auge zu und hatten am wenigsten Vorurtheile gegen ihre jüdischen Nachbarn. Der Papst Gelasius hatte einen Juden aus Telesina, der den Titel „der Durchlauchtigste" (vlarissiwus) führte, zum Freunde und empfahl auf dessen Verlangen einen Verwandten desselben, Antonius, dem Bischof Secuudiuus mit vieler Wärme. Er drückt seinen Wunsch aus, daß Antonius nicht nur von Belästigung befreit werde, sondern auch an Secundinus einen eifrigen Helfer haben möge. — Als über einen Juden Basilius Klage geführt wurde, daß er christliche Sklaven aus Gallien gekauft habe, und dieser sich entschuldigte, daß er nur heidnische Sklaven kaufe, und es nicht zu verhindern sei, wenn unter einer Anzahl Sklaven sich auch einige Christen befänden, ließ der Papst Gelasius diese Entschuldigung gelten. An den Bischof von Syrakus schrieb er wegen eines Sklaven, der seinem jüdischen Herrn entlaufen war und in einer Kirche unter dem Vorwände Schutz gesucht hatte, daß er Christ sei und von seinem Herrn mit Gewalt zur Beschneidung gezwungen worden sei, die Sache zu untersuchen und, wenn der jüdische Herr Recht habe, daß er ihn bereits beschnitten gekauft, ihm denselben zurückzuerstatten (495 '). Eigentümlich war die "Stellung der Juden in Italien, als es unter Theoderich ostgothisch geworden war. Ausbrüche eines feindseligen Geistes gegen die Juden kamen während dessen Regierung nicht selten vor, die aber im Grunde nicht ihnen galten, sondern eine Demonstration gegen den verhaßten König sein sollten, weil er Arianer war, d. h. weil sein Glaubensbekenntniß war, daß Gott der Sohn dem Vater nicht gleich, sondern nur ähnlich sei. Theoderich war den Juden keines- weges gewogen, er wünschte ihre Bekehrung. Er ließ gelegentlich durch seinen Rathgeber und Minister Cassiodor an die Mailänder Gemeinde schreiben: „Was suchst du, o Juda, zeitliche Ruhe, da du doch in deiner Verstocktheit die ewige nicht finden kannst" ^). Rasch und gründlich hatte er die Kirchensprache erlernt, der vor Kurzem bekehrte Ostgothe. Als die Juden zu Genua um die Erlaubniß nachsuchten, ihre Synagoge in bessern Stand setzen zu dürfen, ließ ihnen Theoderich antworten: „Warum wünscht ihr, was ihr doch fliehen solltet? Wir ertheilen euch zwar die Erlaubniß, aber wir tadeln den Wunsch, der in Jrrthum befangen. Indessen können wir die Religion nicht befehlen und y tilansi eoneitia N VIII. p. 35. 131. 132. 2) Os.ssioäor varias säit. 81. Nauri V. 37. Theoderich und die Juden Italiens. 37 Niemanden zwingen, gegen sein Gewissen zu glauben." Er gestattete den Juden weder neue Synagogen zu bauen, noch alte zu verzieren, sondern nur die schadhaften auszubessern Allein der ostgothische Herrscher setzte einen Ruhm darein, den Frieden im Innern aufrecht zu erhalten und die Gesetze achten zu lassen und ward auch den Juden gerecht, wenn ihnen ohne ihr Verschulden Unbill zugefügt wurde. Der geheime Haß der Katholiken gegen die Arianer, die mit tiefem Ingrimm die Ketzerei auf dem Throne sahen, während die katholische Kirche nur großmüthig geduldet war, ergriff jede Gelegenheit, um Theoderich ungestraft etwas versetzen zu können. Als in Rom einst einige Sklaven gegen ihre jüdischen Herren sich auflehnten, rottete sich der Pöbel zusammen, verbrannte die Synagoge, mißhandelte die Juden und plünderte ihre Habe, um Theoderich's Erlasse zu verhöhnen. Dieser, davon in Kenntniß gesetzt, machte dem römischen Senat, der nur noch ein Schatten seiner ehemaligen Größe war, bittere Vorwürfe darüber, daß er solchem Unfug nachgesehen, und trug ihm mit aller Strenge auf, die Sch uldigen zu ermitteln und sie zum Schadenersatz anzuhalten. Da aber die Urheber des Tumults nicht entdeckt werden konnten oder sollten, verurtheilte Theoderich die römische Commune zum Schadenersatz. Indessen gab es einige Fanatiker darunter, welche bei dieser Gelegenheit ihren Widerstand gegen Theoderich mit einer Art Märtyrersucht zeigen wollten, und diese verweigerten ihre Beiträge zum Ersatz des den Juden zugefügten Schadens. Theoderich verstand aber den Hintergedanken und ließ nicht mit sich spaßen, ließ vielmehr die Opponenten durch Henkers Hand auf öffentlicher Straße geißeln. Aber diese Strenge hetzte ihm die ganze katholische Kirche auf den Hals^). Es wirft ein günstiges Licht auf die italienischen Juden dieser Zeit, daß trotz der allgemeinen Verwilderung und Entsittlichung die politische und kirchliche Literatur ihnen kein anderes Verbrechen zur Last legt, als Verstocktheit und Unglauben; das Judenthum muß sie also vor der allgemeinen Lasterhaftigkeit geschützt haben. Cassiodor, Theoderichs Rathgeber, der nach Ablegung aller Würden Mönch geworden war und unter andern Schriften auch eine homiletische Auslegung der Psalmen verfaßt hat, nimmt in diesem Werke häufig auf dieJuden Rücksicht, redet sie apostrophisch an und wendete alle rednerischen Mittel an, um sie zu bekehren: „Höret, ihr Juden, begreifet, ihr Hartnäckigen, ') Das. II. 27. 2 ) Das. IV. 43. Vergl. Gibbon, Geschichte des Verfalles des römischen Reiches, übersetz! von Sporschil 1327. 38 Geschichte der Juden. wie der Sänger Asaph von der Ankunft Christi gesprochen hat. Was wollet ihr noch verehren, da ihr die Worte eurer Propheten nicht kennt? Kommt zu den katholischen Priestern, es mögen sich eure Ohren öffnen, damit ihr durch die Gnade des Herrn der ewigen Taubheit entgeht" Z. Der neunuudvierzigste Psalm schien Cassiodor eine wahre Fundgrube für die Hauptlehren des Christenthums zu sein; er fand darin die Fleischwerdung Christi ganz deutlich und gab sich Mühe, seine Deutung den Juden begreiflich zu machen. Indessen beschlich ihn doch der Zweifel an der Glaubensfähigkeit der „Verstockten", und er redet sie pathetisch an: „Warum fürchtet ihr nicht euern Untergang ? Glaubet doch, daß er bereits erschienen ist, dessen Erscheinen in diesem Psalm so unzweideutig vorher verkündet ist^s." Aber die Juden Italiens haben schwerlich die Psalmenauslegung des Exministers gelesen, oder wenn sie sie gelesen, sind sie schwerlich von seiner abgeschmackten und sinnlos typischen Texterklärung sehr erbaut gewesen. — Charakteristisch für diese Zeit ist es, mit welchen unehrenhaften Namen Cassiodor — der nächst Boethius der einzige Träger einer gewissen philosophischen Bildung des sechsten Jahrhunderts War — die Juden bezeichnete. Man könnte ein.Schimpfwörterbnch daraus sammeln. Er nennt sie „Skorpione nnd Löwen", „wilde Esel", „Hunde und Einhörner" ^s. Trotz dieser Antipathie der Stimmführer gegen sie waren die Juden Italiens im Verhältniß zu denen des byzantinischen Reiches noch glücklich. Lheoderich's Nachfolger, seine schöne und gebildete Tochter Amalasuntha, und später deren Gemahl und Mörder Theodat, ein philosophischer Schwächling, gingen von den Grundsätzen ihres Vorgängers nicht ab. Der vorletzte ostgothische König Theodat, dessen Feigheit eher an einen entnervten Römer, als an einen wilden Sohn Teut's erinnert, hatte einen jüdischen Zauberer, zu dessen trügerischer Kunst er in der Noth seine Zuflucht nahmZ. Mit zäher Treue hielten auch die Juden zu dem König Theodat, der sich schon selbst aufgegeben hatte. Die Juden Neapels setzten ihr Leben ein, um nur nicht unter die Zuchtruthe Justinian's zu kommen. — Belisar, der Eroberer des vandalischen Reiches, der lorbeerbekränzte Held, der vor Justinian's Zorn zitterte und sich zum blinden Werkzeug seiner Tyrannei gebrauchen ließ, hatte bereits ganz Sicilien und die Südspitze des italienischen Festlandes unterworfen und näherte Oassioäor oouolusio aä ?salinu.ra 81. -) Das. oonolusio aä l?salmu.ria 49. ") Oassioäor oxsrs, II. 69a. 163lr 184b. und an noch vielen Stellen Z kroeoxius äs bsllo Ootbioo I. 9 p. 45. Die Juden von Neapel. 39 sich mit starken Schritten dem schönen Neapel, der größten Stadt Unteritaliens. Auf seine Aufforderung an die Einwohner, sich zu ergeben, spalteten sich die Neapolitaner in zwei Parteien, wie dies in Kriegen häufig vorkommt, wenn die Bewohner einer Stadt weder zur regierenden Dynastie, noch zum fremden Eroberer ein Herz haben. Auch die Kriegspartei war nicht gewillt, sich für die in Italien verhaßten Ostgothen zu opfern. Nur die Juden und zwei durch die ost- gothischen Könige zu Ansehen gelangte Rechtsanwälte, Pastor und Asklepiadorus, waren entschieden dagegen, die Stadt dem byzantinischen Helden zu überliefern. Die Juden, patriotisch und begütert, erboten sich, ihr Leben der Vertheidigung der Stadt zu weihen, und ihr Vermögen dafür zu verwenden. Sie versprachen Neapel während der Belagerung mit allen Bedürfnissen zu versehen, um der Furcht vor Mangel an Lebensmitteln zu begegnen. Ihr Beispiel und die Thätigkeit Pastor's und seines College» ermuthigten die Bewohner der Stadt zu energischer Gegenwehr und machten Belisar so erschöpft, daß er bereits im Begriffe stand, die Belagerung aufzuheben. Die Juden ganz allein verteidigten die Meeresseite der Stadt und kämpften mit so viel Tapferkeit, daß der Feind nicht wagte, nach dieser Seite die Angriffe zu richten. Ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber hat dem Heldenmnth der Juden von Neapel ein ehrenvolles Denkmal gesetzt^). Als die Feinde bereits in einer Nacht durch List in die Stadt gedrungen und beinahe Herren derselben geworden waren (536), setzten die Juden noch immer den Kampf mit Löwenmut fort, da sie überzeugt waren, daß sie am allerwenigsten Gnade vor den Augen des Siegers finden würden. Erst mit Tagesanbruch, als die Feinde sie durch Ueberzahl erdrückt und viele von ihnen bereits getödtet hatten, verließen sie ihren Posten. Den überlebenden jüdischen Kämpfern erging es sicherlich nicht besser, als ihren Verbündeten Asklepiadorus und Pastor, welche der Volkswuth zum Opfer fielen. Der erste wurde ermordet und zerfleischt, der letztere, den ein plötzlicher Tod solchen Qualen entzogen hatte, an seiner Leiche geschändet. — Namen und Zahl der jüdischen Helden hat der Griffel der Geschichte nicht ausgezeichnet. Was die italienischen Juden mit Schaudern ahnten, traf ein; sie kamen unter die Botmäßigkeit des Kaisers Justinian, dessen judenfeindliche Gesinnung ihm einen Platz neben Hadrian, Domitian, Constautin und Peroz anweist. Das weltgebietende Italien sank zu einer Provinz des byzantinischen Reiches (Exarchatj herab, und die Juden Italiens zitterten vor dem Exarchen von Ravenna. fl Das. a. 8. S. 44, e. 16. S 53. 40 Geschichte der Juden, t r - s. ' Doch nicht lange blieb dieses Verhältniß. Justinian's Nachfolger mußten einen großen Theil Italiens auf immer den riesenstarken, ungeschlachten Langobarden überlassen (589), die, halb heidnisch und halb arianisch, sich wenig um die Juden kümmerten. Wenigstens ist in der longobardischen Gesetzsammlung keine Ausnahme für Juden anzutreffen. Aber auch als die Langobarden sich zum Katholicismus bekehrten, ging es den Inden Italiens leidlich, denn das Oberhaupt der katholischen Kirche, die Päpste, waren frei von harter Unduldsamkeit. Gregor I., der Große und Heilige genannt, der den Grundstein zur Herrschaft des Katholicismus gelegt, sprach den Grundsatz aus: daß die Juden nur durch Ueberredung und Sanftmuth, nicht durch Gewalt zur Bekehrung gebracht werden sollten (590—604). Gewissenhaft wahrte er das den Juden als Römern von den römischen Kaisern anerkannte Bürgerrecht, damit es ihnen nicht verkümmert werden sollte. In dem Gebiete, das dem Petristuhle unterworfen war, in Rom, Unteritalien, Sicilien und Sardinien, hielt er mit Strenge darauf gegenüber den fanatischen Bischöfen, welche die Bedrückung der Juden für ein frommes Werk hielten. Seine Hirtenbriefe sind voll von ernsten Ermahnungen: „Wir verbieten, die Juden zu belästigen und zu beschränken gegen die eingeführte Ordnung, wir gestatten ihnen ferner als Römer zu leben und über ihr Eigenthum ohne Benachtheiligung zu schalten; nur sei ihnen nicht gestattet, christliche Sklaven zu halten" *). Als einige Glaubenseiferer in Neapel die jüdischen Feiertage stören wollten, schrieb er an den Bischof Paschasius, solches streng zu verbieten, da den Juden seit undenklichen Zeiten Religionsfreiheit zugestanden ist^). Der Bischof Victor von Palermo nahm einst mehrere Synagogen und die dazu gehörigen Armenhäuser und Schulen in Beschlag, ließ sie in Kirchen verwandeln und eignete sich die Bücher und Ornamente an. Da die Juden sich wegen dieser Gewaltthätigkeit an den Papst gewendet hatten, ließ er die Sache genau untersuchen, und da das Recht auf Seiten der Juden war, so rügte er die Unthat des Bischofs eindringlich. Da aber die Synagogen bereits als Kirchen geweiht waren und nicht mehr zurückerstattet werden durften, so verurtheilte er Victor von Palermo, den Werth derselben laut Schätzung der Gebäude und der dazu gehörigen Gärten an die jüdische Gemeinde zu zahlen Mit vieler Entrüstung schrieb er an den Bischof Januarius von Cagliari auf Sardinien, daß er vernommen habe, wie ein zum > ! 9 8t. drsAorü ruLMit sxistols.8 Inder I. sxistols, 10; XII. 18. -) Das. XI. 15; XIII7 12 ") Das. VII. 25; VIII. 24. Papst Gregor I. und die Juden. 41 Christenthum übergetretener Jude, mit Namen Petrus, am Tage nach seiner Taufe die Synagoge besetzt und ein Kreuz, ein Christus- und Marienbild darin aufgestellt hätte. Er befahl ihm, die Gegenstände des Aergernisses für die Inden ans der Synagoge entfernen zu lassen^). Gregor war unermüdlich darin, das den Juden zugefügte Unrecht abzuwenden und sie vor Uebergriffen zu schützen. — Die Juden von Terracina (in Campanien) hatten eine neue Synagoge erbaut, ein Recht, das ihnen früher ausnahmsweise eingeränmt und von Gregor bestätigt worden war. Der Bischof Petrus hatte den Bau zerstört und den Platz mit Beschlag belegt unter dem Vorwände, daß er der Kirche zu nahe liege upd der Gottesdienst dadurch gestört werden könnte. Auf die Klage der Juden ließ der gerechte Papst die Sache untersuchen und verfügte, im Falle die Kirche der Nachbarschaft der Synagoge Störungen erleiden sollte, den Juden einen andern Platz einzuräumen. Petrus wies ihnen darauf laut Befehl einen Platz an, ließ sie aber später auch von dort vertreiben. Sobald Gregor durch einen Juden der Stadt Nachricht davon erhielt, bedeutete er dem Bischof Petrus, seine Gewaltthätigkeiten gegen die Juden einzustellen und ihnen den einmal eingeräumten Platz zu überlassen^). Diese Gesinnung machte der Papst geltend, so weit sein Einfluß reichte. Er hörte einst von römischen Juden, welche geschäftshalber nach Massilia (Marseille) gereist waren, daß die dortigen Juden von dem Bischof Theodor und von Virgilius, Bischof von Arles, mit Gewalt zum Christenthume gezogen wurden, und er ließ, es sich angelegen sein, seine Unzufriedenheit mit der gewaltsamen Bekehrung zu erkennen zu geben ^). So sehr aber Gregor die Zwangstaufe der Juden verabscheute, eben so sehr gab er sich Mühe, dieselben auf anderem Wege in den Schoß der Kirche zu locken. Er scheute es nicht einmal, auf den Eigennutz zu speculiren und erließ denjenigen jüdischen Ackerspächtern und Bauern einen Theil ihrer Grundsteuer, welche zum Christenthume übergingen. Er verhehlte sich zwar nicht, daß die auf diesem Wege gewonnenen Täuflinge nur zum Schein das Christenthum aunahmeu; aber er rechnete auf deren Nachkommen: „Wir gewinnen, wenn auch nicht sie selbst, doch gewiß ihre Kinder," schrieb er^). Als er erfuhr, daß auf der Insel Sicilien ein Jude Namens N asas einen Elias-Altar (wahrscheinlich eine Synagoge unter diesem Namen) erbaut hatte, und daß sich Christen dabei zum Gottesdienst einfanden, befahl er dem Präfekten r) Das. VII. 5; IX. 6 . 2) Das. I. 1v, 34, 35. Aas. i, 47 Das. II 32 und V. 8 . 42 Geschichte der Juden. Libertinus, das Gebäude zu zerstören und Nasas dafür körperlich zu bestrafen*). Leidenschaftlich verfolgte Gregor die Juden, welche christliche Sklaven kauften oder hielten. Die Anschauung dieser Zeit war, daß die christlichen Sklaven durch ihren jüdischen Herrn befleckt würden. Nicht Menschlichkeit, sondern kirchliche Anschauung machte ihn und Andere gegen den Sklavenbesitz und Sklavenhandel der Juden eifern. Als Gregor erfuhr, daß der genannte Nasas christliche Sklaven besaß, befahl er, sie ihm zu entreißen und in Freiheit zu setzen ^). Im fränkischen Reiche, wo der Fanatismus noch nicht dnrchgegriffen hatte, war es den Juden nicht verboten, Sklavenhandel zu treiben. Darüber war Gregor entrüstet und schrieb an die damaligen Könige Thevderich (Diterich) von Burgundien, Theodebert (Dietbert) von Austrasien, sowie an die Königin B runhilde- er wundere sich, wie sie den Juden gestatten können, christliche Sklaven zu besitzen. Er ermahnte sie mit vielem Eifer, dieses Nebel zu beseitigen und die Gläubigen von der Gewalt ihrer Feinde zu befreien^). Dem westgothischeu Könige Reccared, der sein Land dem päpstlichen Stuhle unterworfen hatte, schmeichelte Gregor über die Maßen für sein Jntoleranz-Edikl, welches den Juden den Ankauf christlicher Sklaven untersagte und sie von Aemtern ausschloß. Gregor's Eifer vermochte aber nicht, den Sklavenhandel der Juden zu unterdrücken. Das Mittelalter, wie das Alterthnm konnte der Sklaven nicht entbehren, und die Juden waren vermöge ihrer ausgebreiteten Verbindung die besten Zwischenhändler für diesen allerdings gemüthempörenden, aber damals keineswegs entehrenden Handelszweig. Während im byzantinischen Reiche und in Italien das Christenthum, das dort schon in der Kaiserzeit festen Fuß gefaßt, von vornherein dem Judenthume mehr oder minder feindselig gegenüber stand und die Stellung der Juden zur christlichen Gesellschaft auch bei der Besitznahme der Ostgothen und Longobarden bereits zu deren Nachtheil festgestellt hatte, gestalteten sich die Verhältnisse der Juden im europäischen Westen, in Frankreich und Spanien, wo die Kirche sich erst mühsam Bahn brechen mußte, auf eine viel günstigere Weise. Durch die Einfälle der Barbaren waren diese Länder aus den Fugen gerissen. Die römischen Einrichtungen, politische wie kirchliche, waren ziemlich verwischt, und die daselbst neu entstandenen Reiche durch heidnische oder oberflächlich bekehrte Völker bildeten sich unabhängig von der Kirchensatzung aus. Es dauerte lange, bis der Katholicismus die Oberhand in West-Europa gewinnen konnte, und so lange genossen r) Das. II. 37. -) Das. H. 39, IH. 38. Das. VII. 114. Die Juden in Frankreich. 43 auch die dort angesiedelten Juden ungestörte Ruhe, bis die siegende Kirche ihren Fuß auf den Nacken derer setzte, deren unbeugsamer Widerstand ihr Unruhe verursachte und sie bis an die Zähne gegen das Judenthum bewaffnete. Die erste Ansiedelung der Juden in Gallien war kein so wichtiger Gegenstand, um ausgezeichnet zu werden, daher ist man bei diesem Punkte auf Vermuthungen angewiesen. Die Einwanderung der Juden in diese wichtige und reiche Provinz fällt wohl noch in die Zeit der Republik oder Cäsar's. Die jüdischen Kaufleute, welche geschäftlicher Verkehr aus Alexandrien oder Kleinasien nach Rom und Italien geführt, die jüdischen Krieger, welche die über Judäa siegenden Kaiser Vespasian und Titus als Gefangene in die römischen Provinzen versprengt hatten, fanden ihren Weg freiwillig oder gezwungen auch nach den gallischen und iberischen Provinzen. Doch haben wir keine bestimmte Nachricht über das Vorhandensein der Juden in diesen Ländern vor der Tempelzerstörung. Ungeschichtlich und wohl weiter nichts als agadische Ausschmückung ist die Nachricht, daß ein Frommer einst die weite Reise von Gallien (oder Spanien) nach Jerusalem gemacht, um Mehlopfer auf den Altar zu bringen, und als er bemerkt, daß die Priester den größten Theil des Opfers verzehrt, habe er die große Anstrengung bereut, bis man ihn damit beruhigte, daß er dafür einen um so größeren Lohn zu erwarten habe^). Die hadrianische Judenverfolgung in Judäa hat neue jüdische Flüchtlinge bis Gallien und Spanien gehetzt; glücklicher Weise gab cs im römischen Reiche noch kein raffinirtes Polizeisystem, welches sie als Staatsverbrecher aus der Dunkelheit vor das Prätorengericht hätte schleppen können. Das Vorhandensein der Juden in West-Europa ist erst im zweiten Jahrhundert sicher. Die gallischen Juden, mögen sie nun als Geschäftsleute oder Flüchtlinge, mit deni Säckel oder im Sklavengewande in Gallien angekommen sein, genossen volles römisches Bürgerrecht und wurden von den erobernden Franken und Burgundern ebenfalls als Römer behandelt. Die älteste fränkische und burgundische Gesetzgebung betrachtete die Juden nicht als eine zurückgesetzte, besonderen Bestimmungen unterliegende Volksklasse. In dem von Chlodwig gegründeten fränkischen Reiche wohnten die Juden in der Auvergne (Arverna), in Carcasonne, Arles, Orleans und bis hoch im Norden, Paris und Belgien. Zahlreich wohnten sie in der altgriechischen Hafenstadt Marseille, welches die „hebräische Stadt" genannt wurde, in Arles, wo sie bis ins 44 Geschichte der Juden. sechste Jahrhundert sich der griechischen Sprache bedienten, in Veziers (Literrao) und in der narbounensischen Provinz, wo sie in so großer Anzahl vorhanden waren, daß ein Berg bei Narbonne nach ihnen bekannt war (wons juäaiousff. Das narbonnensische Gebiet gehörte eine geraume Zeit hindurch zum westgothischen Spanien, und daher nimmt die jüdische Geschichte dieses Landstriches Theil an allem Geschickswechsel ihrer Brüder jenseits der Pyrenäen. Unbeschränkt trieben die Juden des fränkischen und burgundischen Reiches Ackerbau, Gewerbe und Handel. Sie befuhren mit eigenen Schiffen die Flüsse und das Meer ff. Auch die Arzneikunst übten sie aus, und die jüdischen Aerzte wurden auch von den Geistlichen zu Rathe gezogen, welche sich nicht ganz auf die wunderthätige Heilung der in Krankheitsfällen gesuchten Heiligen und Reliquien verlassen mochten 2). Die Juden verstanden auch die Waffen zu führen und nahmen lebhaften Antheil an den Kriegen zwischen Chodwig und den Feldherrn Theoderich's bei der Belagerung von Arles (508 ff. Die gallischen Juden führten neben den biblischen auch die landesüblichen Namen Armentarius, Gozolas, Priscus, Siderius, Sie lebten mit der Bevölkerung des Landes im besten Einvernehmen, und es kamen sogar Ehen zwischen Christen und Juden vor. Selbst christliche Geistliche ließen sich's an jüdischer Tafel wohlschmecken und luden auch ihrerseits Juden zu Gast. Bei dem Tode des beliebten Bischofs Hilarius von Arles, welcher dem römischen Bischof gegenüber Selbständigkeit zeigte, waren die Juden ebenso betrübt, wie seine Diöcesau- Kinder, weinten an seinem Grabe und vermischten ihre hebräischen Trauergesänge mit den kirchlichen Litaneien. Andere Kirchenfürsten nahmen jedoch Anstoß daran, daß die Juden sich bei christlichen Gast- mählern mancher Speisen enthielten, die ihnen ihre Religionsvorschriften verboten. Darum untersagte das Concilium zu Bannes (465) den Geistlichen, an jüdischen Gastmählern Theil zu nehmen, „weil es unwürdig sei, daß, während die Christen die Speisen bei Juden genießen, diese die Speisen der Christen verschmähen und es den Anschein habe, als wenn die Geistlichen niedriger ständen als die Indens. Aber dieser Concilbeschluß drang nicht durch; die kanonische Strenge vermochte nichts über den freundlichen Verkehr. Daher mußte das Concilium ff Bei Dsugnst rsousil äso bistorisus äss (Inrckss 1 IX. S. 522. 2) Folgt aus Gregor von Tours äs ^loris, oonlsssorn.in e. 97. Folgt aus demselben Schriftsteller bistoria l?rLneoraiia V. 6. ff O^xrianas vils. Oassnrii apuä Lurinrn. ff Oonoiliniri Vs-nstivnrn s. XII. bei Nansl vonvilis, N. VII 954. Die Juden in Frankreich. 45 von Agdes (506) diesen Beschluß erneuern*), aber mit nicht besserem Erfolge, und das kanonische Verbot mußte noch öfter wiederholt werden. Die Juden Galliens lebten also trotz ihrer Entfernung vom Mittelpunkte des Judenthums, Judäa und Babylonien, streng nach den Vorschriften ihrer Religion. Sie hatten da, wo sie ansässig waren, ihre Synagogen und ihre gemeindlichen Einrichtungen ganz nach talmndischer Satzung 2). Das freundliche Verhältniß zwischen den Juden und der Bevölkerung Galliens erlitt keine Trübung, auch als die katholische Kirche durch den Uebertritt Chlodwig's zu ihr herrschend geworden war. Chlodwig war ein Menschenschlächter, aber kein Fanatiker. Als er das Heidenthum mit dem Christenthum vertauschte, war die Geistlichkeit ihm zum Dank verpflichtet, und er brauchte ihr keinen Einfluß und kein Uebergewicht eiuzuräumen. Indem er seinen Nachfolgern ein erbliches Königthum hinterließ, waren sie nicht gleich den west- gothischen Wahlkönigen in peinliche Lagen und Verlegenheiten gesetzt und brauchten nicht der Kirche Zugeständnisse zu machen oder Opfer zu bringen. Daher blieben heidnische Sitten unter den Franken noch lange Zeit in Schwang, und die Juden durften unangefochten ihrer Religion leben. Die Geistlichen, obwohl stets begierig, die Juden in den Schoß der Kirche zu bringen, mußten sich mit frommen Wünschen und Ueberredungskünsten begnügen. Der fromme Bischof Sidonius Apollinaris empfahl einen Juden dem Papste Eleutherus aufs Wärmste, bat dessen Interessen zu fördern und entschuldigte sich, daß ihn nicht der Unglaube der Juden dazu bewog, sondern die Rücksicht, daß man die Juden, so lange sie noch Hoffnung auf Bekehrung gewähren, nicht verdammen dürfe ^). Freilich gaben sich manche fanatische Geistliche alle Mühe, die Juden durch allerlei Mittel, selbst durch Mißhandlung, zu bekehren, setzten harte Beschlüsse auf den Concilien durch; allein die Verfolgungen blieben vereinzelt, selbst wenn einer oder der andere der energischen Könige sie billigte oder die Hand dazu bot. Burgundien aber war stets judenfeindlicher gesinnt als das eigentliche Frankreich, seitdem dessen König Sigismund mit der Annahme des katholischen Glaubens (516) die Unterdrückung der Arianer und Juden zur Staatsmaxime machen zu müssen glaubte. Dieser König zog zuerst eine Scheidewand zwischen Juden und Christen, indem er in den Zusätzen st Oonoilinin ^.Aatlisass bei Nansi. Das. VIII. p. 170. st Folgt unter Anderen aus Gregor von Tours lustoria, Vranaornrn VI. 17: Urisons äls Zabbabi nnllnna in rnanns Isrsns t'srra- rnsnbnrn, IsZss inosaiaas gnasi irnplsbnrns. st Liäonii sxisbolas 6, ll; vergl. 4, ö. 46 Geschichte der Juden. zur alten burgundischen Gesetzgebung einen Paragraphen hinzufügte: daß die Verletzung eines Christen von der Hand eines Juden schwerer bestraft werden sollte, als von Seiten eines Glaubensgenossen. Die Strafe sollte bestehen in Verlust der Hand oder 85 Schillingen Lösegeld choliäi, ungefähr 44/» Pfd. Silber), während ein Christ nur eine geringe Summe für die Verletzung zu erlegen hatte ^). Er bestätigte den Beschluß des Coucils von Epaone unter dem Präsidium des ver- folgungssüchligen Bischofs Avitus, daß auch christliche Laien keinen Theil an jüdischen Gastmählern nehmen dürften (517 ^j. Die fränkischen Könige dagegen, die Nachkommen Chlodwig's, welche ein Concil nach Orleans zusammenberiefen (533), verboten Anfangs nur Ehen zwischen Juden und Christen ^). Von Burgundien aus verbreitete sich aber allmälig ein feindseliger Geist gegen die Juden auch über die fränkischen Länder. Das dritte und vierte Concil zu Orleans (538 und 545), die nur wenige Jahre später tagten, verfügten schon harte Bestimmungen gegen dieselben. Sie verboten nicht nur den Christen, an jüdischen Gastmählern Theil zu nehmen, und den Juden, Proselyten aufzunehmen, sondern untersagten den Letzteren auch, sich während der Osterfeier auf Straßen und Plätzen sehen zu lassen, „weil ihr Erscheinen eine Art Beleidigung gegen das Christenthum sei." Childebert I. von Paris nahm den letzten Punkt in seine Constitution auf (554) und erhob hiermit die klerikale Unduldsamkeit zum Staatsgesetz ^). Zwar war die feindselige Gesinnung noch nicht maßgebend für Childebert's Mitkönige. Die Getheiltheit des fränkischen Reiches unter mehrere Herrscher, die, obwohl Blutsverwandte, doch einander blutig haßten, beschränkte solche intolerante Kundgebungen auf einzelne Gebiete. Selbst hochgestellte Kirchenfürsten verkehrten noch immer mit Juden auf freundlichem Fuße, ohne darin eine Gefährdung der Kirche zu sehen ^). Aber der Fanatismus ist seiner Natur nach ansteckend; hat er erst in irgend einem Lande festen Boden gewonnen, so bemächtigt er sich der Gemüther und besiegt alle Bedenklichkeiten. Im fränkischen Reiche ging der Judenhaß von einem Manne aus, der als Verkörperung desselben gelten kann, von dem Bischof Avitus von Ärverna, der seinen Sitz in Clermont hatte. Er war für die fränkischen Juden das, was Cyrill für die Juden Alexandriens gewesen war. i) Usx LurAanäioouna aclätbaursuts, XV. -) Ooiroll. Dpaouvuss o. 15; bei llluusl N. VIII. p. 56l. b) Oouc:. II. o 19. Nausi das. 838 und 861. H Oorm. wirrst. III. o. 13. und IV. o. 31. Nausi 15. und 117. iksrbL raounoasura Ksroaairias lsZss I, 1. °) Gregor von Tours llisboris. svolss. 4, 12, 35. Vits, xatruoa x>. 1176 säit. Huiuaub. Die Juden in Frankreich. 47 Die jüdische Bevölkerung seines Bisthnms war ihm ein Dorn im Auge, und er fanatisirte seine Beichtkinder gegen dieselbe. Wieder- holentlich forderte er die Juden Clermonts zur Bekehrung auf, und da seine Predigten taube Ohren fanden, so stachelte er die Menge auf, die Synagogen zu überfallen und sie dem Erdboden gleich zu machen. Damit begnügte sich indeß der Fanatiker nicht, sondern stellte den Juden die Wahl, sich entweder taufen zu lassen oder die Stadt zu verlassen. Aber nur ein einziger Jude empfing die Taufe, wurde aber dafür in der ganzen Gemeinde Gegenstand des Abscheus. Als er in seinem weißen Täuflingsgewande am Pfingsten durch die Straße ging, wurde er von einem Juden mit übelriechendem Oel begossen. Das schien der fanatisirten Menge eine Herausforderung, und sie griff die Juden thätlich an. Da diese sich in ihre Häuser zurückzogen, wurden sie überfallen, und Viele von ihnen ermordet. Der Anblick des vergossenen Blutes machte die Schwachherzigen schwankend, und fünfhundert derselben flehten den Bischof Avitus um die Gnade der Taufe an und beschworen ihn, sofort dem Gemetzel Einhalt zu thun. Die treu gebliebenen Juden entflohen jedoch nach Marseille (576 Die christliche Bevölkerung beging den Tauftag der Fünfhundert mit ausgelassenem Jubel, als wenn das Kreuz sich eines Sieges rühmen dürfe, den das Schwert errungen. Die Nachricht von dem Vorfall in Clermont machte den Fanatikern große Freude. Der Bischof Gregor von Tours forderte den frommen Dichter Venantius Fortunatus auf, die Großthat des Avitus zu besingen. Aber die lateinischen Verse des aus Italien nach Frankreich eingewanderten Dichters haben, anstatt Avitus zu verherrlichen, ihm ein Schanddenkmal gesetzt. Sie veranschaulichen recht lebendig, daß die Inden von Clermont unschuldig gelitten und sich nur mit Verzweiflung im Herzen zum Christenthume bekehrt haben. Einige Verse aus der langen Siegeshymne des Fortunatus geben ein lebendiges Bild der damaligen Zeitanschaunng. Arger Zwist gährte damals im Schooß der Avsrnergemeinds, Die vereint in der Stadt, aber im Glauben entzweit; Ekler Judengeruch war Christi Getreuen zuwider, Ein ungläubiger Stamm Aergerniß gläubigem Volk: Stolzer Nacken, er will des Herren Joch nicht ertragen, Aufgeblähtem Gemüth schwillt gar so eitel der Kamm. Ost zwar hat sie ermahnt in des Herren Liebe der Priester, Daß der Bekehrten Saat sprieße zum Himmel empor; Aber es hält ein Schleier den Geist mit Düster umfangen, Daß ihr schändlicher Blick nimmer erschaue das Licht. Nun ist gekommen der Tag, da der Herr zum Himmel hinauf fuhr, *) Gregor von Tours lristoris. b'i-uirooru.rll V. 11. 48 Geschichte der Juden. Und der Menschensohn zog nach den Bahnen des Heils: Da zerstöret das Volk, vom Glauben entflammt, der Juden Synagoge — und wüst siehst du den Ort, wo sie stand! So zur Zeit, wo Christi Macht in den Himmel emporstieg, Stürzt, da Er sich erhebt, tief das verhaßte Geschlecht. Aber zu Mosis abtrünnigem Volk spricht also der Priester Sanft, — es hatte der Zorn heftig gereizt ihr Gemüth: „Sieh', was thust du, du Judenvolk, unbelehret, ob alt auch? Daß du dein Leben erneu'st, lerne zu glauben als Greis! Doch die Rede wird lang, und kurz ist die Zeit; nun so höre: Folge dem bittenden Wort, sonst so ziehe hinweg, Hier zwingt keine Gewalt! So pfleget denn Rath nach Belieben, Folgt mir, dem Hirten, und bleibt — folgt der Verstocktheit und flieht!" So sprach milde und fromm des Priesters Mund zu den Leuten, Daß nach eigener Wahl jeglicher ziehe den Pfad. Doch blind, wüthend, empört, tobt wild die Judengemeinde, Sammelt sich, birgt sich sodann drinnen im sichern Haus. Christi Gläubige sehen die Bastardrotten sich schaaren, Hurtig sind sie am Platz, ahnend die tückische List. Macht Euch zittern das Schwert? Nehmt, wie Euch Recht ist, und sterbet, Wo Ihr leben gekonnt, hättet Ihr Glauben gehabt! Siehe, da wird dem Priester gebracht die eilige Botschaft: „Nimm die jüdische Schaar, Hirt, in die Heerde denn aus! Laß uns nicht sterben, erwirb dem Gotte uns lebend: denn Tod bringt Jeder Verzug, und es sinkt hin, was du eben gewannst! Eile, beflügle den Fuß, denn kommst du zu spät, dann beweine, Vater, den kläglichen Tod, der dir die Söhne geraubt" *). So machten sich die Wirkungen des hoch auflodernden Fanatismus in vielen Theilen Frankreichs bemerkbar. Das Concil von Mayon (581) faßte mehrere Beschlüsse, welche darauf hinausgingen, den Juden eine niedrige Stellung in der Gesellschaft anzuweisen. Sie sollten weder als Richter fungiren, noch als Steuerpächter zu- ' gelassen werden, „damit die christliche Bevölkerung ihnen nicht untergeben scheine." Die Juden sollten ferner den christlichen Priestern tiefe Verehrung zollen und in ihrer Gegenwart nur auf ausdrückliche Erlaubniß sitzen dürfen. Die Uebertretenden sollten streng bestraft werden. Das Edikt, daß die Juden zur Osterzeit sich nicht öffentlich blicken lassen dürfen, schärfte dieses Concil neuerdings ein, und verbot den jüdischen Sklavenbesitzern, ihre Sklaven ins Judenthnm aufzunehmen ^). Selbst der König Chilperich — obwohl er den katholischen Geistlichen nicht sehr hold war, Anstoß nahm an den von ihnen gepredigten grobsiunlichen Vorstellungen von der Gottheit und der Wunderkraft Vsrmntii Houorii OlsrasMiLui t?orimnabi earraina. V. 5. V. 17—36, 63 — 86, 107 — 112. 6oue. Natisvousnss o. 12 —14, Ns-nsi IX. 341. Gregor von Tours und Priscus. 49 der Reliquien und dafür von Gregor von Tours als Nero und Herodes gebrandmarkt wurde — folgte dem von Avitus ausgegangenen Bekehrungseifer. Auch er zwang die Juden seines Reiches, die Taufe auzunehmen, und hob selbst die jüdischen Neophyten aus der Taufe, war aber mit dem Schein der Bekehrung zufrieden und hatte nichts dagegen, wenn die Juden nichtsdestoweniger fortfuhren, den Sabbat zu feiern und die Gesetze des Judenthums zu beobachten. Ein angesehener, reicher Jude Priscus aus Paris, Geschäftsträger und Juwelier *> des Königs Chilperich, war standhaft geblieben und ließ sich nicht bekehren, obwohl der König es ihm sehr ans Herz legte. Einst als Priscus und der Bischof von Tours bei Chilperich waren, faßte der König den Ersteren freundlich beim Kopf und sprach zum Letzteren halb scherzhaft, halb ernst: „Komm, Priester Gottes und lege diesem die Hand ans." Priscus mochte es aber nicht so weit kommen lassen und eröffnete mit dem König und Gregor, der als Repräsentant der gelehrten christlichen Theologie galt, ein Religionsgespräch. „Ich kann nicht glauben," sprach er, „daß Gott eine Ehe eingegangen sei und einen Sohn habe, noch daß er überhaupt eines Teilnehmers an seinem Reiche bedürfe. Wie könnte Gott Mensch werden, von einem Weibe geboren, gegeißelt und dem Tode überliefert werden'?" Chilperich wurde bei diesen Worten stutzig und überließ dem Bischof die Verteidigung der Glaubenslehren. Priscus setzte ihm aber scharf zu, da er in der Bibel sehr belesen war. Er sprach weiter: „Wenn Gott die Menschen von der Sünde erlösen Wollte, brauchte er sich nicht zu vermenschlichen und sich gewissermaßen zu erniedrigen; er hätte dazu seine auserwählten Propheten und Apostel senden können." Priscus' Gewandtheit brachte Gregor von Tours in solche Verlegenheit, daß er, außer Stande, beglaubigte Belegstellen für die Menschwerdung und Kreuzigung aus den biblischen Urkunden heranzuziehen, sich auf apokryphische, von christlicher Hand eingeschobene Verse zu berufen gezwungen war *). ') Priscus war vielleicht auch Münzmeister zusammen mit Domnulus um 555 in Chalons für Marne vergl. l?cmton ä'Xmsaourt, ässariptiou raisounss äss monnaiss raüroviuZisvmss Paris 1874; Hövus äss lA. j. X. 237. 2) Gregor von Tours lristoris, tHanoorain IV. 5. Gregor citirt als Beweis für die Kreuzigung jenen apokryphen Vers aus den Psalmen: Oovaiuus rsZ- navit s liAno, der sich zu Hieronymus' Zeit nicht mehr im Psalter fand, wie dieser Kirchenvater im xrolvAUs Aslsatus bezeugt. Dieser Vers soll sich in einem lateinischen Psalmcodex auf der Pariser Bibliothek erhalten haben. Daß er von christlicher Hand eingeschoben und nicht „von den Rabbinen vertilgt worden", wird bei dem jetzigen Stand der Bibelexegsse und den erkannten Graetz, Geschichte der Juden. V. 4 50 Geschichte der Juden. Obgleich Priscus nicht durch Ueberzeugung für das Christenthum gewonnen werden konnte, so hörte der König Chilperich dennoch nicht auf, ihn mit seinem Bekehrungseifer zu quälen. Als er ihn aber immer noch standhaft fand, ließ er ihn, um seinen Unglauben zu beugen, zu Paris in einen Kerker werfen. Durch reiche Geschenke brachte es indeß Priscus dahin, daß er auf freien Fuß gesetzt und ihm vor der Hand eine Frist gestattet wurde, bis er die Hochzeit seines Sohnes mit einer Jüdin aus Marseille gefeiert haben werde. Er dachte gewiß nicht daran, sich zu bekehren, sondern nur daran, Zeit zu gewinnen, um ein sicheres Asyl aufzusucheu. Aber seine Stunde hatte geschlagen. Ein getaufter Jude, Namens Phatir (oder Pater), den der König aus der Taufe gehoben hatte, und der gegen Priscus von dem Hasse eines Apostaten gegen Treugebliebene erfüllt war, lauerte ihm mit seinen Sklaven an einem Sabbat auf, als Priscus unbewaffnet erschien. Phatir und seine Sklaven fielen plötzlich ihn und die Freunde seiner Begleitung an und tödteten sie mit ihren Schwertern (582). Da der Mörder trotz seines scheinbaren Eifers für den Glauben den Zorn des Königs fürchtete, flüchtete er mit seinen Sklaven in die nahe gelegene Kirche des heiligen Julian. Chilperich war in der That über diesen Mordanfall aufgebracht und befahl, die Mörder zu bestrafen. Darauf entfloh Phatir, wurde später begnadigt, aber von Priscus' Verwandten im Gebiete des Königs Guntram — wohin er sich zurückgezogen hatte — erschlagen. Seine Sklaven wurden schon vorher bei der Nachricht, daß sie als Mörder gerichtet werden sollten, ans ihr Verlangen von einem aus ihrer Mitte noch in der Kirche getödtet. Und als der Ueber- lebende mit gezücktem Schwerte aus der Kirche stürzte und sich Bahn brechen wollte, fiel das vor der Kirche versammelte Volk über ihn her und stieß ihn nieder Z, wahrscheinlich aus Theilnahme für den gemordeten Priscus. Spuren von Interpolation Niemandem zweifelhaft sein. Aber nicht minder interpolirt ist der Vers in dem Apokryphon Baruch 3, 28: xosb lloo visns sst in bsrris st onin lloininibus oonvsrsabns ssb zscil. Osns) — auf den sich Gregor von Tours ebenfalls beruft — ein Einschiebsel, wie der Zusammenhang beweist. ff Gregor das. VI. 17. Der Schluß dieses Capitels hat manche Dunkelheit, indem der Text sehr verderbt ist, so daß der Herausgeber Ruinant dazu anmerkt (S. 294), daß Priscus nicht sogleich das Leben ausgehaucht, sondern nach dem Mordanfall entkommen sei. Der deutsche Uebersetzer des Gregor, Giesebrecht (in dem Sammelwerks der Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit C. 4. S. 329) schlägt einige plausible Emendationen vor, welche zwar viele, aber nicht sämmtliche Schwierigkeiten heben. Juden in Frankreich. 51 Nach Chilperich's gewaltsamen Tod kamen die fränkischen Juden vom Regen in die Traufe; denn Protektor des Reichs wurde jener König Guntram, der bnrgundischen Fanatismus mitbrachte. Als dieser auf seinem Zuge nach Paris in Orleans anhielt, stimmten auch die Juden dieser Stadt in den Jubelrausch der Empfangs-Feierlichkeiten mit ein; sie dachten ihn durch Schmeicheleien zu.gewinnen, daß er ihre von der Menge zerstörte Synagoge auf Staatskosten wieder aufbaueu lassen werde. Aber ihre Zuvorkommenheit brachte den entgegengesetzten Eindruck auf ihn hervor. Er äußerte sich hart über die Juden, sprach ein Weh über sie aus und nannte sie „schlecht, treulos und arglistig". Der Bischof von Tours lobte ihn dafür über die Maßen Z. König Guntram bestätigte sämmtliche Beschlüsse des Concils von MaZon. Die Juden waren dadurch in eine niedrige Stellung gebracht und durften an dem öffentlichen Leben nicht Theil nehmen 2). Unter seiner Regierung kamen, wie sich denken läßt, Judenverfolgungen vor. Darin zeichneten sich die Bischöfe Virgilius von Arles und Theodor von Marseille ans, welche mit Gewalt die Juden zur Taufe zwangen. Der Papst Gregor mußte ihnen diesen falschen Eifer streng verweisen. Die verwittwete, vielfach geschmähte Königin Brunhilde scheint dagegen milde gegen die Juden gewesen zu sein. Sie gestattete ihnen sogar den Besitz christlicher Sklaven, wurde aber dafür von demselben Papste scharf getadelt. Die letzten Merovingischen Könige verfielen immer tiefer in übereifrige Kirchlichkeit und in den dadurch bedingten Judenhaß. Chlotar II., Muttermörder und doch als Muster kirchlicher Frömmigkeit gerühmt, dem die Gesammtmonarchie des fränkischen Reiches zugefallen war (613), sauctionirte die Beschlüsse des Pariser Concils, daß die Juden weder zu einer obrigkeitlichen Gewalt, noch zum Kriegsdienst zugelassen werden dürften (615). Die Uebertreter dieses Ediktes sollten mit strengster Strafe belegt werden ^). Sein Sohn Dagobert wird in der jüdischen Geschichte den judenfeindlichsten Königen zugezählt. Viele Tausende vor dem Fanatismus des westgothischen Königs Sisebut nach dem Frankeureiche entflohener Juden erregten die Eifersucht dieses schwelgerischen Königs. Er schämte sich, den Westgothen zurückzustehen und von ihrem Religionseifer übertroffen zu sein. Er erließ daher einen Befehl, daß sämmtliche Juden Frankreichs bis zu einem bestimmten Tage sich entweder zum Christenthume bekennen oder als Feinde behandelt ') Gregor das.'VIII. 1. 2) l?srt 2 lilonrimsiws. Osrras.räs.s lsZss 1. 4. ^) Oonoil. l?s.risisr>ss e. 15, Aismsi D. X. 542 ff. I?srt 2 iilonrwiönia IsZss I. 15. 4 * 52 Geschichte der Juden. werden und mit dem Tode büßen sollten (um 629). Die gleichzeitigen Judenverfolgungen in Frankreich und im byzantinischen Reiche haben die Chronisten darauf geführt, daß sie auf gemeinsame Verabredung zwischen Heraklius und Dagobert erfolgt sei, indem der erstere den fränkischen König auf die Gefahr aufmerksam gemacht, welche der Christenheit von Seiten eines beschnittenen Volkes drohe ^). Indessen stand Dagobert schwerlich damals mit dem byzantinischen Kaiser in Verbindung. Viele Juden sollen bei dieser Gelegenheit zum Christen- thume übergegangen sein. Ob dieser Taufbefehl in allen Theilen des Reiches strenge befolgt wurde, ist sehr zweifelhaft. Die fränkische Monarchie, obwohl unter einem Oberhaupte vereinigt, war kein einheitlicher, organisch zusammenhängender Staat. Die Austrasier, die deutschen Völker, gehorchten nur ungern einem neustrischen Könige, und da die Bevölkerung überhaupt nichts weniger als fanatisch war, so durften die Juden wahrscheinlich, nachdem Dagobert's Zorn verraucht war, im Lande bleiben. Daher kommt es, daß das Concilium von Rheims (630) wieder die früheren kanonischen Beschlüsse gegen die Juden erneuern mußte. Es verbot noch einmal den Handel mit christlichen Sklaven, die Theilnahme an jüdischen Gastmählern Und die Bekleidung von öffentlichen Aemtern ^). Je mehr das Ansehen der merovingischen Schlafmützenkönige, wie man sie nannte, sank, und die Macht der politisch umsichtigen Hausmeier, der Nachkommen Pipin's stieg, desto mehr hatten die Juden vor Verfolgung und Quälereien Ruhe. Die Vorläufer Karl's des Großen mochten wohl ahnen, daß die Juden eine brauchbare Menschenklasse sind, deren Rührigkeit und Verstandesgewecktheit dem Staate nur Nutzen bringen könnte. Nur noch der Betrieb des Sklavenhandels blieb eine stehende Rubrik der Klage auf den Kirchenversammlungen; aber ihr Eifer vermochte diesen Menschenhandel nicht abzustellen, weil sie ihn nur einseitig verdammten. ff Die Thatsache von einer Judenverfolgung unter Dagobert ist nicht wegzuleugnen. Sie wird von Fredegard Obrouieou o. 42, in den Ossis. OsZo- bsrii und in den jüdischen Chroniken des Joseph Cohen Libro bsjsmim Anfangs und ümsll bs-Lsobs S 8. erzählt. Freilich ist der Zug, daß es auf Heraklius' Inspiration geschehen, sagenhaft. Paulus Emilius (in seinem Werke Ls rsbus b'rsuvorum x. 44) beleuchtet den Hintergrund dieser Verfolgung: Horum Usbrseorum bsmsu sliguob millis in Osllism süuAsruub (s Ais- xsuis). lurps viäsbsiur I'rsuoo s 'WisiZoibis sjsobos tmibus suis rsssxios äiuiius rsiiusrs so 'lVisiAotbis rsUZioui esLsrs. Os^obsrbus iZitur äism xrsssiib, ioirs gusm guigui morbslium rsligiousm uostrsra uou proübssubur, bosbss juäissrsubur, oomxrsbsusigus ospits lusrsut ff Oouo. Nbsmususs o. 1l, Nsusi X. p>. W. Juden in Deutschland und Spanien. 53 Die Juden in Deutschland sind sicherlich nur als Kolonien der französischen zu betrachten, mit denen sie in dem den merovingischen Königen unterworfenen Anstrasicn gleiches Geschick getheilt haben. Nach einer Chronik sollen die ältesten Juden der Rheingegend Nachkommen jener Legionen gewesen sein, welche sich an der Einäscherung des Tempels betheiligt hatten. Die Wangionen hätten sich aus der Unzahl jüdischer Gefangenen schöne Weiber ausgesucht, sie in ihr Standquartier an den Ufern des Rheins und des Mains gebracht und sie zur Befriedigung ihrer Lust gebraucht. Die aus jüdischem und germanischem Blute geborenen Kinder wären von den Müttern im Judenthum erzogen worden, weil die Väter sich nicht um sie gekümmert haben. Diese Mischlinge sollen nun die ersten Gründer der jüdischen Gemeinden zwischen Worms und Mainz gewesen sein. Sicher ist es, daß in der römischen Kolonie der Stadt Köln eine jüdische Gemeinde bestand, lange ehe noch das Christenthum durch Konstantin zur Macht gelangt war. Die Gemeindeführer und die angesehenen Mitglieder hatten von den vorchristlichen Kaisern das Privilegium, von den lästigen städtischen Aemtern befreit zu sein. Der erste christliche Kaiser beschränkte sie aber darin und befreite nur zwei oder drei Familien davon. Auch hatten die kölnischen Jude» das Privilegium eigener Gerichtsbarkeit, welches sie bis in das Mittelalter hinein behalten durften. Ein nichtjüdischer Kläger, selbst ein Geistlicher gegen einen Juden mußte seine Klage vor dem jüdischen Richter (Jnden- bischof) anbringen. Wenn die Geschichte der Juden in europäischen Ländern, Byzanz, Italien, Frankreich nur ein geringes Interesse darbietet, so erhebt sich die Geschichte derselben auf der Pyrenäischen Halbinsel zu einer höheren Bedeutung. Die jüdischen Bewohner dieser glücklichen Halbinsel haben durch ihre innige Betheiligung an dem Lande, das sie liebten, wie man nur ein ererbtes Vaterland liebt, zu dessen Größe beigetragen, und dadurch weltgeschichtlich eingegriffen. Für die Entwickelung des Judenthums hat das jüdische Spanien fast eben so viel beigetragen wie Judäa und Babylonien, und wie in diesen Ländern, so ist auch in jenem an fast jeden Fußtritt für den jüdischen Stamm eine unvergeßliche Erinnerung geknüpft. Cordova, Granada und Toledo heimeln die Juden ebenso verwandt an, wie Jerusalem und Tiberias und fast noch mehr als Nahardea und Sura. In Spanien erlangte das Judenthum, nachdem es im Morgenlande zum Stillstand gekommen und altersschwach geworden war, neue Jugendfrische und wirkte befruchtend über einen weiten Kreis. Spanien sollte einen neuen Mittelpunkt für die weithin Zerstreuten bilden, in dem sie sich geistig sammeln und auf den sie mit Stolz Hinweisen konnten. Mehr als in andern -LLSLö 54 Geschichte der Juden Ländern interessiren hier die ersten Anfänge der jüdischen Colonie, wie sie sich zur Gemeinde ausgebildet, und wie sie sich hier gewissermaßen zu einem concentrirten Gemeinwesen im geistigen Sinne gesammelt haben. Die erste Ansiedlung der Inden im schönen Hesperien verliert sich in nebelhaftes Dunkel Z. Sicherlich waren sie noch während der römischen Republik als Freie, welche die ergiebigen Quellen dieses Landes ausbeuten wollten, dahin gekommen. Der Apostel Paulus hatte eine Sehnsucht Spanien zu besuchen, um seine Botschaft für das den Völkern verkündete Heil an den Stock der jüdischen Gemeinden anznknüpfen. Die gehetzten Opfer der unglücklichen Aufstände unter Vespasian, Titus und Hadrian wurden auch nach dem äußersten Westen zersprengt. Achtzig Tausend derselben sollen, wie übertreibend erzählt wird, nach Spanien als Gefangene geschleppt worden sein. Lange sind diese wohl nicht im Sklavengewande geblieben; das Mitgefühl ihrer freien Brüder hat sich gewiß beeilt, die Pflicht der Auslösung, die wichtigste unter denen, welche das talmudische Judenthum seinen Bekenner» vorschreibt, an ihnen zu erfüllen. Wie massenhaft die Juden in manchen Theilen Spaniens angesiedelt waren, beweisen die Namen, die sie ihnen aufgedrückt haben. Die Stadt Granada hieß in früherer Zeit die Judenstadt 2), weil sie nur von jüdischen Bewohnern bevölkert war; denselben Namen führte auch das uralte von Phöniziern erbaute Tarracona (DarrnAoim), noch ehe die Araber es erobert hatten^). In Cordova gab es aus alter Zeit ein Judenthor und bei Saragossa eine Festung, welche in arabischer Zeit U»ta nl Talmä hieß^). Ihre Ansiedelung in Nordspanien bis Tortosa bezeugt ein aufgefundenes Grabdenkmal, welches in drei Sprachen, hebräisch, griechisch und lateinisch, die Erinnerung an eine jung verstorbene Jüdin verewigt, deren Landesname Belliosa und heimischer Name Miriam gelautet hat. Dieses Denkmal beweist, daß die spanischen Juden aus griechisch redenden Ländern stammten, daß sie dann unter römischer Herrschaft das Lateinische erlernt und daß sie die heilige Sprache der Urheimat nicht vernachlässigt hatten. Der spanische Ahnenstolz, der *) S. Note 9. 2) ^.rram, arabischer Schriftsteller des zehnten Jahrhunderts bei Oa^s-ngos llistorz? st tlrs rnollainstan ä^nastiss in 8pain I 347; vergl. Nsrnorias äs Is. rssl 7l.oa,äsnüa äs ls. lnstoria. lll. VII. p 241. Lergl. 2sänsr in Lsnzarnin ot' Tnäsla sä. ^.sllsr II. Note ö. ^1 Xlallllari bei 6ia;/s.nM8 das. I. 207. 2) Oester bei spanisch-maurischen Schriftstellern erwähnt. L , jA- Juden in Spanien. 55 auch ein Erbtheil der Juden dieses Landes geworden war, begnügte sich nicht mit der Thatsache, daß die jüdische Colonie in Spanien schon das Bürgerrecht in diesem Lande hatte, ehe noch die Westgothen und andere Völkerschaften den eisernen Fuß in das Land gesetzt hatten, sondern wollte für sie noch ein höheres Alterthum behaupten. Die spanischen Juden wollten schon nach der Tempelzerstörung durch den babylonischen Eroberer Nebnkadnezar hierher verpflanzt worden sein. Einige jüdische Familien, die Jbn-Dand und die Abrabanel rühmten sich von dem davidischen Königshause abzustammen, deren Urahnen sich seit undenklichen Zeiten theils in die Gegend von Lucena und theils um Toledo und Sevilla angesiedelt haben sollten^). Die zahlreiche spanisch- jüdische Familie Nasi führte ihren Stammbaum ebenfalls auf den König David zurück und bewies es durch Stammbaum und Siegel"). Bescheidener war die Familie Jbn-Albalia; sie datirte ihre Einwanderung erst aus der Zeit der zweiten Tempelzerstörüng. Ihre Familientradition erzählt, der römische Statthalter von Spanien habe sich von dem Sieger Jerusalems edle Familien aus der Hauptstadt Judäas erbeten, und Titus habe ihm solche zugesendet. Darunter habe sich ein Mann, Namens Baruch befunden, der die Kunstweberei der Vorhänge für den Tempel verstanden. Dieser Baruch, der sich in Merida niedergelassen, soll der Stammvater der Jbn-Albalia geworden seines. Da die mit den Israeliten sprachverwandten Phönizier in Spanien Stapelplätze für ihre Maaren angelegt und feste Städte zur Ausbeutung der Reichthümer des Landes gegründet hatten, so gab dieser Umstand der Sage eine scheinbare Stütze, daß die hebräisch klingenden Städte- nameu von den eingewauderteu Israeliten zur Erinnerung an die heimathlichen Töne oder an die erlittenen Schicksale herrührten. Die Stadt Toledo (Noletum), eine geraume Zeit die Hauptstadt der Pyrenäischen Halbinsel, weil sie im Munde der Juden und Araber Tolaitola klang, gab Veranlassung zu der Behauptung, sie wäre von eingewauderteu Israeliten erbaut worden, und ihr Name erinnere an ihr Exil (Nsltsl) oder an alte israelitische Geschlechter (Noleäotli). Die ganze Ungereimtheit dieser stolzen Sage veranschaulicht ein späterer spanisch-jüdischer Dichter in folgender Strophe: U Ibu-tUsI bei ^brabs-usl Lommentar zu Zacharia 12, 7 und zu II. Könige Ende. 2) Ibu-VsrAs, Lobsbsb ckslluäs, säit. Hannover x. 89. 3) Ibu-Oauä Lstsr lla-UrrbbalsIi. 56 Geschichte der Juden. Die Stadt Toledo erbaut Von edlen Hebräern, Gefangenen der babylonischen Macht; Sie kamen auf Schiffen des Aspanas Und des Königs Pyrrhusfl. Toledo soll ferner den israelitischen Exulanten als ein neues Jerusalem gegolten haben, so daß sie ringsumher Städte mit denselben Namen angelegt hätten, wie sie in Judäa bestanden und zwar in demselben Verhältniß ihrer Entfernung von der Hauptstadt. Die spanischen Städte Escaluna, Magueda, Jopes, Aceca sollen zur Erinnerung an Askalon, Makeda, Joppe, Aseka erbaut worden seines. Die Leiden der Juden in Spanien unter der Herrschaft fanatischer christlicher Könige zwangen zu einer eigenthümlichen Erdichtung, die Inden so früh als möglich in Spanien einwandern zu lassen. Man wollte den handgreiflichen Beweis liefern, daß die Juden der pyrenäischen Halbinsel an Jesu Kreuzestod ganz unschuldig gewesen, und ein Grabstein aus der salomonischen Zeit sollte Zeugniß dafür ablegen. Man wollte diesen Grabstein mit der Inschrift: „Hier ist das Grab Adouiram's des Dieners vom König Salomo, der gekommen war Tribut einzutreiben und gestorben den —" in Murviedro, dem alten Sagunt, gefunden Habens. So haben sich der Stolz und der Nothstand die Hand gereicht, um die Ansiedlung der Juden in Spanien in die graue Vorzeit zu versetzen. Aber wenn die Juden auch weder zu Salomo's Zeit noch während des babylonischen Exils nach Spanien gekommen waren, so waren sie thatsächlich seßhaft in diesem Lande, ehe noch die Horden der Völkerwanderung, die Alanen, Vandalen, Sneven es durchrasten und die Westgothen sich darin festsetzten. Sie wohnten in den Städten und auf dem platten Lande, trieben Ackerbau, entweder selbst oder durch ihre Sklaven, besaßen Weinberge und Oelpflanzungeu, betrieben Handwerke, Handel und sogar Lchifffahrt nach der nahegelegenen afrikanischen Küste 4). Da die Juden unter römischem Schutze eingewandert waren, so genossen sie in der spanischen Provinz, wie in allen übrigen Provinzen fl Os Onrrioo llistoiia. nnivsrssl snäsäcs, p. 23. 2) Von jüdischen Schriftstellern zuerst meines Wissens bei Abrabanel II. Könige Ende und von christlichen bei Arias Montanus. 2) Die Sagen sind fleißig zusammengestellt von Orsmoisoo Llurtins^ insrnoris. sobrs tu xrirnsrn vsnläa äs los änäios sn Osxmnns. in den genannten rnsrnorins äs ln rssl Xos-äsinis. von 1799. fl Folgt aus Osx VisiMtllornrn O XII. lb. III. 6. Vergl. dazu Graetz Dissertation: Die westgothische Gesetzgebung in Betreff der Juden im Seminarprogramm 1858. Juden in Spanien. 57 X des römischen Reiches, das Municipalrecht gleich den übrigen Römern und waren unter kein Ausnahmegesetz gestellt. Obwohl das Christenthum frühzeitig in Spanien so tief Wurzel geschlagen hat, daß noch vor Constantin's Bekehrung eine Kirchenversammlung von neunzehn Bischöfen, sechsnuddreißig Presbytern und mehreren niedern Geistlichen in Jlliberis (Elvira nahe bei Granada) zusammen kommen konnte, so standen die Juden bei der christlichen Bevölkerung wie bei der heidnischen in vollster Achtung und hatten sich über keine Zurücksetzung zu beklagen. Die zum Christenthum bekehrten Iberer und Römer sahen damals noch nicht in den Juden einen von Gott verworfenen Stamm, dessen Nähe gemieden werden müsse. Sie verkehrten mit ihren jüdischen Nachbarn in vollster Harmlosigkeit. Die neubekehrten Landbewohner, welche von ihren Aposteln viel von Juden und Judenthum Predigen hörten und von der tiefen Kluft zwischen Judenthum und Christenthum keine Ahnung hatten, ließen ihre Feldfrüchte ebenso oft von jüdischen Frommen wie von ihren Klerikern einsegnen. Eheverbindungen zwischen Juden und Christen fanden in Spanien ebenso statt wie in Gallien. Die höhere katholische Geistlichkeit mochte aber diese gemüthliche Annäherung der Christen an die Juden nicht dulden. Sie erblickte darin eine Gefahr für die kaum befestigte Kirche. Den Vertretern der katholischen Kirche in Spanien gebührt der Ruhm — wenn es einer ist — zu allererst eine Scheidewand zwischen Juden und Christen aufgerichtet zu haben. Die Kirchenversammlung von Jlliberis (um 320), an deren Spitze Osius, Bischof von Corduba, stand, verbot den Christen, bei Strafe von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen zu werden, ge- müthlichen Umgang niit den Juden zu Pflegen, Ehen mit Juden einzugehen und die Feldfrüchte von Juden einsegnen zu lassen, „damit der von den Geistlichen gespendete Segen nicht unwirksam und vergeblich erscheine Z." Indessen ging die böse Saat des Judenhasses, welchen die illiberitanische Synode zuerst ansgestreut, erst viel später als giftige Frucht auf. Als die germanischen Horden der Völkerwanderung, Sueven, Vandalen und Westgothen, das schöne Land zuerst zur Wüstenei machten und dann zu ihrem Wohnsitz wählten, mußten sich die Katholiken des Landes gefallen lassen, das Joch politischer und kirchlicher Abhängigkeit zu tragen. Denn die Westgothen, welche dauernden Besitz von der Halbinsel ergriffen hatten, waren zufälliger Weise auf das arianische Glaubensbekenntniß getauft worden. Und obwohl ihnen im ganzen der Streitpunkt der beiden Bekenntnisse, ob der fl Oonoiliura Illibsribauaw eanoa 49, 50 bei ct'^Aairrs oollsokio ooa- oiltorara I. 279. 58 Geschichte der Juden. Gottessohn dem Vater gleich oder ähnlich und ob der Bischof Arms als rechtgläubig oder als Ketzer zu betrachten sei, ziemlich gleichgiltig war, so haßten die «manischen Westgothen doch die katholischen Urbewohner gründlich, weil sie in jedem Katholiken einen Römer und folglich einen Feind erblickten. Die Juden dagegen blieben unter den arianischen Königen unangefochten, sie genossen bürgerliche und politische Gleichheit und wurden zu öffentlichen Aemteru zugelassen. Ihre Gewandtheit und Kenntnisse, die sie vor den ungebildeten Westgothen voraus hatten, machten sie zu Aemtern besonders befähigt. Ohne daß gerade die arianischen Könige eine besondere Vorliebe für Juden und Judenthum zu haben brauchten, mochten sie sie deswegen begünstigen, weil sie keine Katholiken waren und nicht wie diese auf Propaganda ausgingen. Die günstige Lage der Juden in Spanien dauerte über ein Jahrhundert, in der Zeit als dieses Land zuerst eine Provinz des toletanisch-westgothischen Reiches und auch später, als es unter Theudes (531) Mittelpunkt desselben geworden war. Die Juden, welche in der narbonnensischen Provinz und in dem zum westgothischen Reiche gehörenden afrikanischen Gebiet wohnten, erfreuten sich derselben bürgerlich-politischen Gleichheit. Einige unter ihnen leisteten den westgothischen Königen wesentliche Dienste. Diejenigen Juden, welche am Fuße der Pyrenäen wohnten, vertheidigten nämlich die Pässe, welche von Gallien ins Land führten, gegen die Einfälle der Franken und Burgunder, welche ein lüsternes Auge auf Spanien hatten. Sie galten als die treuesten Grenzwächter, und ihr kriegerischer Muth erwarb ihnen besondere Auszeichnung Z. Mit Judäa oder Babylonien müssen die westgothischen Juden in Verbindung gestanden haben, entweder über Italien oder über Afrika, von wo aus sie wohl ihre Religionslehrer hielten. Denn sie waren den talmudischcn Vorschriften vollständig zugethan, enthielten sich des Weines von Nichtjuden und nahmen ihre heidnischen und christlichen Sklaven in den jüdischen Bund auf, wie der Talmud es anordnet ^). Während ihre Stammgenossen jenseits der Pyrenäen vielfach beengt und gewaltsam zum Christenthum geführt oder zur Auswanderung gezwungen wurden, genossen sie vollkommene Religionsfreiheit und noch dazu das Privilegium, das ihnen in allen übrigen Ländern Europas streitig gemacht wurde, ihre Sklaven in ihre Religion einzuweihen. Aber von dem Augenblicke an, als die katholische Kirche herrschend in Spanien und der Arianismus verfolgt wurde, trat für die Juden Oonoiliniu Rolstanurn XVII, bei ä'^Aulrrs das. II. x. Iö3. Xo. 6. ") Dies folgt aus den häufigen Concilienbeschlüssen der toletanischen Synoden. Reccared. 59 dieses Landes ein ungünstiger Wendepunkt ein. Der König Reccared, welcher auf der Kirchenversammlung zu Tsledo das arianische Glaubens- bekenntniß abschwor, legte im Verein mit der Synode zuerst den Juden Beschränkungen auf. Es wurde ihnen untersagt, Ehebündnisse mit Christen einzugehen, christliche Sklaven zu erwerben und öffentliche Aemter zu bekleiden; die aus einer Mischehe geborenen Kinder sollten mit Gewalt zur Taufe geschleppt werden (589 ^). Sie wurden dadurch in eine Ausnahmestellung gewiesen, die sie um so mehr schmerzen mußte, als sie von Ehrgefühl beseelt waren und mit ihren Mitbürgern bisher auf gleichem Fuße gelebt hatten, ja noch bevorzugter als die Katholiken waren. Am drückendsten empfanden sie die Beschränkung des Sklävenbesitzes. Sie sollten von jetzt an keine christlichen Sklaven kaufen oder als Geschenk annehmen und im Uebertretungsfall, wenn sie die Sklaven ins Judenthum aufnähmen, das Recht daran verlieren; das ganze Vermögen desjenigen, der einen solchen beschnitten hat, sollte dem Fiscus verfallen. Sämmtliche Wohlhabende im Lande besaßen Sklaven und Leibeigene, welche ihre Aecker bestellten und für des Hauses Bedürfnisse sorgten, nur die Juden sollten dieses Vor- theils beraubt sein. Es ist begreiflich, daß sich die vermögenden jüdischen Sklavenbesitzer Mühe gaben, dieses Reccared'sche Gesetz rückgängig zu machen. Sie boten dem Könige eine bedeutende Summe dafür an. Er wies aber das Anerbieten zurück und wurde dafür vom Papst Gregor, dessen Herzenswünsche durch diese Gesetzgebung erfüllt waren, über die Maßen gelobt (599). Gregor verglich den westgothischen König mit dem israelitischen König David, „der das Wasser, welches ihm die Helden mit Gefahr ihres Lebens gebrackit hatten, nicht annehmen mochte und es vor dem Herrn ausgoß". Eben so habe Reccared das Gold, das ihm angeboten worden, dem Herrn geopfert 2). Zur selben Zeit bestätigte Reccared einen Beschluß der narbonnensischen Kirchenversammlung, daß es den Inden nicht mehr gestattet sein sollte, bei Leichenbegängnissen Psalmen zu singen — ein Brauch, den sie wahrscheinlich von der Kirche angenommen hatten^). Wenn auch Reccared die beschränkenden Gesetze gegen die Juden streng ausgeführt wissen wollte, so war es doch den Juden nicht schwer, sie zu übertreten. Die eigenthümliche Staatsverfassung des westgothischen Spanien gab ihnen dazu die Mittel an die Hand. Der König war nach dieser Verfassung nicht der mächtigste Herr im Lande, 9 Bergt. darüber die Dissertation: „Die rvestgothische Gesetzgebung in Betreff der Juden'' im Seininarprogramm 1858. 2) Bei c>'^.Auirrs das. S. 106 Nr. 19. 9 Oonviliura dturbonsuss as-voir 9 bei ä'L.Auirrs das. 386. 60 Geschichte der Juden. dessen Willen Jedermann Richtschnur war. Im Gegentheil, die west- gothischen Großen, welche das Recht hatten, den König zu wählen^ waren auf ihrem Gebiete unumschränkte Herren, und weder diese, noch das Volk theilten den kirchlichen Fanatismus gegen die Juden. Sie gewährten ihnen nach wie vor die Freiheit, Sklaven zu kaufen, und mochten sie auch zu Aemtern verwendet haben. In zwei Jahrzehnten waren die Reccared'schen Gesetze gegen die Juden vollständig außer Brauch gekommen. Reccared's Nachfolger: Liuva, Victorich und Gundemar, hatten sich wenig daran gekehrt und waren überhaupt den Juden nicht abgeneigt ft. Da wurde ein Mann zum König der Westgothen gewählt, der sonst milde und nicht ungebildet, für die Juden seines Reiches aber eine Geißel war und in Folge dessen über dieses selbst ein schweres Verhängniß heraufbeschwor. Sisebut, ein Zeitgenosse des Kaisers Heraklins, war diesem gleich ein fanatischer Judenverfolger. Aber während Heraklius in dem Aufstande der palästinensischen Juden eine Art Entschuldigung für sein Verfahren fand und überdies von den blind- wüthenden Mönchen dazu förmlich gezwungen worden war (S. 27), that es Sisebut aus freien Stücken, fast gegen den Willen der katholischen Geistlichkeit. Gleich im Anfänge seiner Regierung (612) beschäftigten ihn die Juden. Sein Gewissen fühlte sich beschwert, daß trotz des Reccared'schen Gesetzes noch immer christliche Sklaven jüdischen Herren dienten, von ihnen zum Judenthume geführt wurden und gerne darin verharrten. Er erneuerte daher jenes Gesetz und befahl den Geistlichen und Richtern, sowie der Gesammtbevölkerung des Landes, strenge darauf zu achten, daß Christen nicht mehr im Dienstverhältniß zu den Juden stehen sollten; aber er ging darin weiter als Reccared. Die Juden sollten nicht bloß keine Sklaven erwerben, sondern die bereits erworbenen nicht behalten dürfen. Derjenige Jude, welcher bis zum ersten Juli seine christlichen Sklaven nicht freigelassen oder verkauft haben sollte, dessen Vermögen sollte dem Fiskus verfallen. Nur diejenigen Juden, welche sich zum Christenthum bekehrten, sollten die Erlaubniß haben, Sklaven zu halten und sogar einen Erbantheil an den jüdischen Erbverwandten entzogenen Sklaven beanspruchen dürfen. *) Folgt aus dem Passus in Sisebut's Gesetz. I-sx VisiAotborara XII. 2. 13. Onciura latas ooustituticmis auotoritas ab äoraiuo Nsooarsäo sulli- esrs xotsrat, ut rag-uoftia obristlana uullatsrms in Usbrasorurn fürs rnausrsiit obuoxis,, si.. . soram xravitns snbripisiulo Piineipniu anirnos aligus. sibi injusta non xoxosoissst bsuslloia, und gegen Ende dieses Paragraphen: Xarn st gnisguis cls lluäasis sub nornins xroxristatis lrau- äulsnta suAASstious aliguicl a prasosssoribns uostris viaus sst xrorus- rulsss. Ueber die Autorschaft dieser Gesetze vergl. Dissertation S. 32. Sisebut. 61 Sisebut beschwor seine Nachfolger feierlich, dieses Gesetz aufrecht zu erhalten. Ein König, der dieses Gesetz aufznheben sich unterfangen sollte, sei — so lautet Sisebuts Verwünschungsformel — „in dieser Welt der tiefsten Schmach und in jener der ewigen Höllenpein in den Flammen des Fegefeuers verfallen" '). Trotz dieser ernsten Ermahnung scheint dieses Gesetz jetzt eben so wenig wie unter Reccared ausgeführt worden zu sein. Die unabhängigen Fürsten des Landes umgaben die Juden mit ihrem Schutze um Vortheile willen oder aus Trotz gegen den König. Selbst manche Geistliche und Bischöfe scheinen die Juden begünstigt und sich nicht um den Befehl gekümmert zu Habens. Um diese Nachsicht oder diesen Trotz zu vereiteln, decretirte Sisebut, daß sämmtliche Juden des Landes binnen einer gewissen Frist entweder die Taufe nehmen oder das westgothische Gebiet verlassen müßten. Bermuthlich haben es die Juden nicht an Anstrengung fehlen lassen, den harten Schlag abzuwenden, aber vergebens. Dieser Befehl wurde streng vollstreckt. Die Schwachen, die Hab und Gut oder das Land, das ihre Väter seit undenklichen Zeiten bewohnt, liebten, ließen sich taufen. Die Starken dagegen, deren Gewissenhaftigkeit keinen innern Vorbehalt gutheißen konnte, wunderten aus nach Frankreich oder nach dem nahegelegeneu Afrika (612—613). Die Geistlichkeit war aber mit dieser Zwangsbekehrung keineswegs zufrieden, und einer ihrer Hauptvertreter tadelte den König, „daß er zwar Eifer für den Glauben gezeigt, aber nicht nach Gewissen" ^). Sisebut hat mit dieser fanatischen Verfolgung die Auflösung des westgothischen Reiches angebahnt. Seine Strenge gegen die Juden dauerte nicht länger als seine Regierung. Sein Nachfolger Swintila, ein milder und gerechter König, den die Bedrängten „Vater des Vaterlandes" nannten, setzte sie außer Kraft. Die verbannten Juden kehrten in ihr Vaterland, die getauften zum Judenthum zurück (621—31Z. Die Bekehrten hatten ohnehin mit der Taufe das Judenthum nicht aufgegeben. Man begnügte sich damals mit dem Akte der Taufe, ohne zu untersuchen, ob die Täuflinge noch in ihren Gebräuchen und Sitten verharrten. Die I-sx Visi^otllorurn XII. 2. Z 13. 14. 2) Folgt aus Oonolliuin tolsbanum IV. asm. 58 bei ä'H.Auirrs II. 488. Isiclor Hioxalsusis Ollronioon Xo. 120, llistoria Gotborum Xo. 60, vergl. Dissertation S. 3. Unbegreiflich ist es, wie Helferich (Entstehung und Geschichte des Westgothen-Reiches, Berlin 1858) dieses von dem Zeitgenossen Isidor so rundweg erzählte Factum von Sisebut's Judenverfolgung in einen vom Pöbel veranstalteten Judenkrawall umdeuten konnte (S. 70). Drei Jahrhunderte später berief sich Bischof Amolo auf Sisebut's Judenverfolgung als auf eine gottgefällige, nachahmungswerthe, verdienstliche Handlung. Dissertation S. 9. 62 Geschichte der Juden. heidnischgesinnten Römer fuhren fort den Jupitertag (Donnerstag) zu feiern, die Westgothen ihre heidnischen Gebräuche zu beobachten, und so durften sich die Juden auch nicht scheuen, ihre Religionsvorschriften zu beobachten. Eine Verschwörung der Großen und Geistlichen entthronte aber den edlen König Swintila und erhob an dessen Stelle ein gefügiges Werkzeug, mit Namen Sisenand. Die Geistlichen gewannen wieder unter diesem Könige die Oberhand. Noch einmal wurden die Juden Gegenstand der synodalen Verhandlung auf der Kirchenversammlung zu Toledo (633). Au der Spitze derselben stand ein zwar unterrichteter und billig denkender Prälat Isidor, Erzbischof von Hispalis (Sevilla), der aber doch die Befangenheit seiner Zeit theilte. Diese Kirchenversammlung sprach den Grundsatz aus, daß die Juden nicht mit Gewalt und durch Strafandrohungen zum Christenthum geführt werden sollen, aber die Reccared'schen Gesetze sollten gegen sie vollstreckt werden. Die ganze Strenge der geistlichen Gesetzgebung sollte die unter Sisebut gewaltsamer Weise bekehrten und wieder zurückgetretenen Juden treffen. Obwohl die Geistlichkeit selbst jenen Schritt tadelte, so hielt sie es doch für eine Pflicht, diejenigen, welche einmal der kirchlichen Sacramente theilhaftig geworden waren, im Christenthume zu erhalten, „damit der Glaube nicht geschändet werde". Jene Zeit kannte nun einmal die Religion nur als ein äußerliches Bekeuntuiß. Die Sophisterei, daß Jemand eine Weihe an sich tragen kann, die ihm widerwillig aufgelegt war, der er stets zuwiderhandelt, ja gegen die er einen Abscheu empfindet, beherrschte das ganze Mittel- alter und beherrscht noch heute solche Kreise, welche das in die Sinne Fallende und Materielle höher stellen, als das Innerliche und Geistige. Die unter Sisenand tagende Synode bestimmte demgemäß, daß die einmal getauften Juden mit Gewalt von der Beobachtung der jüdischen Religion und dem Umgänge mit ihren Stammgenossen entzogen, daß die Kinder beiderlei Geschlechtes ihrem Herzen entrissen und in Klöster gesteckt werden sollten. Die ehemals getauften Juden, welche dabei ergriffen werden sollten, daß sie Sabbat und jüdische Feiertage beobachteten, sich nach jüdischem Ritus verheiratheten, die Beschneidung übten, sich gewisser Speisen nach der Norm des Judenthums enthielten, sollten diese Uebertretung mit Verlust der Freiheit büßen. Sie sollten zu Sklaven gemacht und nach Bestimmung des Königs an rechtgläubige Christen verschenkt werden. Die gewaltsam bekehrten Juden und ihre Nachkommen sollten nach dieser kanonischen Gesetzgebung nicht als Zeugen zugelassen werden, „weil derjenige nicht gegen Menschen wahrhaft sein könne, der gegen Gott treulos geworden" ^), so lautete die >) Quellen in Dissertation S. 9 und 34. Sisenand und Isidor von Sevilla. 63 Folgerung des tagenden Unverstandes. Dieser Strenge gegenüber erscheint die Behandlung der eigentlichen Inden noch ganz milde. Aber die Geistlichkeit wollte auch diese dem Judenthume abwendig machen. Isidor von Sevilla verfaßte zwei Bücher gegen die Juden *), worin er die Glaubenslehre des Christenthums aus dem alten Testamente belegte, natürlich in jener geschmacklosen, sinnlosen Art, mit Verhöhnung des Textsinnes und der Geschichte, wie es seit der kirchenväterlichen Polemik gegen das Judenthum üblich war. Die spanischen Juden sahen sich dadurch herausgefordert, um einander in dem angestammten Glauben zu stärken, den Streit aufzunehmen und die Scheinbeweise zu widerlegen. Die Gebildeten unter ihnen setzten den Streitschriften Streitschriften entgegen, wahrscheinlich in lateinischer Sprache fl. Ihre überlegene Kenntniß der biblischen Urkunden machte ihnen den Sieg leicht. Auf die Hauptentgegnung, daß das Scepter aus Juda gewichen ist, die Christen also, welche Könige haben, das wahre Israel bildeten, wiesen die Juden auf ein jüdisches Königreich im äußersten Osten hin, das von einem Nachkommen David's regiert werde fl. Sie meinten wahrscheinlich das jüdisch-himjaritische Reich in Südarabien, das aber von einem zum Judenthume bekehrten Königshause regiert wnN>e. Die Beschlüsse des vierten toletanischen Concils und Sisenand's Verfolgung gegen die jüdischen Zwangstäuflinge scheinen nicht in der beabsichtigten Strenge ausgeführt worden zu sein. Der spanisch- westgothische Adel nahm die Juden immer wieder unter sein Patronat, und dagegen war die königliche Gewalt ohnmächtig. Da bestieg den westgothischen Thron ein König, der Sisebut ähnlich war, Chintilafl. Dieser berief seinerseits eine allgemeine Kirchenversammlung nach der Hauptstadt Toletum zusammen und ließ von derselben nicht nur sämmtliche judenfeindliche Paragraphen der früheren Gesetzgebung bestätigen, sondern verfügte auch, daß Niemand in dem westgothischen Reiche bleiben dürfe, der nicht das katholische Glaubensbekenntniß annehme. Die tagende Geistlichkeit nahm diese Vorschläge freudig an und jubelte, daß „durch die Frömmigkeit des Königs endlich der unbeugsame Unglaube der Juden gebrochen werden würde". Sie fl Isiäori Uispalsnsis contra, llnäasos libri ckno. 2 ) Vergl. Dissertation S. 35. o, Die Stelle ist interessant: llnäasi rnsntisntss nsscio gnsrn rsZsin sx Agnsrs llnckac in sxtrsinia Orientis partibas rsZnnin tsnsrs. ilsickori contra, llackasos 0. I. H 8). fl Ulaciturn llackasorurn unter Chintila im Jahre 637 vergl. Rsvns äss Ut j. ll. 137 f. 64 Geschichte der Juden. fügte noch das kanonische Gesetz hinzu, daß künftighin jeder König vor seiner Thronbesteigung einen feierlichen Eid ablegen müsse, daß er die Verletzung des katholischen Glaubens von Seiten der getauften Juden nicht zugeben und ihren Unglauben nicht begünstigen, sondern die kanonischen Beschlüsse gegen sie streng ausführen werde (638). Die Juden mußten zum zweiten Male zum Wanderstabe greifen, und die getauften, aber im Herzen dem Judenthume anhangenden Juden mußten ein Bekenntniß (Ulneituw) unterschreiben, daß sie den katholischen Glauben ohne Vorbehalt halten und beobachten werden Z. Aber dieses Bekenntniß der in tiefster Seele Gekränkten war nicht aufrichtig und konnte es nicht sein. Sie hofften stets auf bessere Zeiten, wo sie die Maske würden abwerfen können, was bei der Wahlverfassung des westgothischen Reiches sehr nahe lag. Dieser Zustand dauerte auch nur während Chintila's Regierung vier Jahre (638 — 642). *) Folgt aus dem Eingang des xlaoilnm Inäasornw. für Recesnnnth lsx VisigoUiorum 6. XII. R. 9. Z 16. Drittes Kapitel. Die Juden der arabischen Halbinsel. Einwanderung der Juden in Arabien. Die jüdischen Stämme in und um die Stadt Jathrib und in der Landschaft Chaibar. Ihre Festungen und Schlösser. Die Juden in Jemen. Ihre Macht und ihr Einfluß auf die arabischen Stämme. Einige Stämme nehmen das Judenthum an. Das jüdisch-himjaritische Reich. Abu-Kariba, der erste jüdisch-himjaritische König und die jüdischen Weisen Kaab und Assad aus Jathrib. Jussuf Dhu-Nowas, der letzte jüdisch-himjaritische König und sein Ende. Fehden der jüdischen Stämme in Jathrib mit den Arabern. Der jüdische Dichter Samuel b. Adija und sein Sohn Schoraich. Der jüdische Häuptling Kaab und die Kämpfe der Juden von Jathrib. 500 - 662 . Ermüdet von der Betrachtung der kläglichen Lage der Juden in ihrer Urheimath und in den europäischen Ländern und des Einerlei fanatischer Bedrückung in der Christenheit ruht der Blick des Beobachters freudig aus auf ihren Zuständen in der arabischen Halbinsel. Hier durften die Söhne Juda's frei ihren Nacken erheben und brauchten sich nicht scheu und gebückt ängstlich umzusehen, ob sich nicht der geistliche Zorn auf sie entladen und der weltliche Arm gegen sie erheben würde. Hier wurden sie nicht von den Bahnen der Ehre und staatlicher Gleichberechtigung zurückgewiesen, sondern durften unter einer freien, frischen,, begabten Bevölkerung ihre Kräfte frei entfalten, durften Manuesmuth zeigen, um den Preis des Ruhmes wetteifern und mit dem Schwerte in der waffengeübten Hand sich mit dem Gegner messen. Weit entfernt, ein Joch zu tragen, waren die arabischen Juden nicht selten die Führer arabischer Stämme. Sie bildeten eine Macht durch ihre geistige Ueberlegenheit, schlossen Schutz- uud Trutzbündnisse und führten Fehden, handhabten aber auch neben dem Schwerte und der Lanze die Pflngschaar und die Lyra und wurden allmälig die Lehrer des arabischen Volkes. Die Geschichte der Juden in Arabien in dem Jahrhunderte vor Mohammed's Auftreten und während seiner Wirksamkeit bildet ein schönes Blatt in den jüdisch-geschichtlichen Jahrbüchern. Die erste Einwanderung jüdischer Stämme in die freie, mannigfaltige, krafterweckende Halbinsel ist in die Nebel der Sage gehüllt. Graetz, Geschichte der Juden. V. 5 66 Geschichte der Juden. Bald sollen Israeliten, welche Josua zur Bekämpfung der Amalekiter gesandt hatte, sich in der Stadt Jathrib (später Medina) und in der Landschaft Chaibar (4 — 5 Tagereisen im Norden von Jathrib) zum Theil niedergelassen haben. Bald sollen die israelitischen Krieger unter Saul, welche den schönen, jungen amalekitischen Königssohn verschont haben, und von dem Volke wegen ihres Ungehorsams verstoßen worden wären, nach dem Hegas (Nordarabien), dem Wohnsitze der Amalekiter, zurückgekehrt sein, und sich dort angesiedelt haben. Auch unter David soll eine israelitische Colonie nach Nordarabien gekommen sein. Der unglückliche König, der vor seinem ehrgeizigen Sohne entfliehen mußte, habe sich nach Hegas gewandt, dort einige Jahre bis Absalom's Tod geweilt und jüdische Ansiedler dort zurückgelassen *). Möglich, daß seefahrende Israeliten unter den mächtigen Königen Juda's, welche auf dem rothen Meere nach dem Goldlande Ophir steuerten, in Südarabien (Jemen, Himjara, Sabäa), in den bedeutenden Handelsplätzen Mariba, Sanaa (Usal) Faktoreien für den Tauschhandel mit Indien angelegt und eine jüdische Colonie gegründet haben. Die späteren arabischen Juden wollten aber von ihren Vorfahren gehört haben, daß viele jüdische Flüchtlinge bei der Zerstörung des ersten Tempels unter Nebukadnezar nach Nordarabien gekommen seien ^). Ganz zweifellos ist es indeß, daß die Kriege zwischen Juden und Römern der arabischen Halbinsel eine jüdische Bevölkerung zugeführt haben. Jene todesmuthigen Zeloten, welche nach der Einäscherung des zweiten Tempels sich zum Theil nach Egypten und Kyrene geflüchtet haben, um dort den verzweifelten Widerstand gegen Roms Knechtung fortzusetzen (B. 111^ S. 552 f.), haben sich in zersprengten Scharen auch nach Arabien gewendet, wo sie ihren Freiheitssinn und ihre kriegerische Haltung nicht aufzugeben brauchten. Von diesen Flüchtlingen stammten drei jüdisch-arabische Stämme, die Benu-Nadhir, die Benn-Kuraiza und die Benu- Bachdal, von denen die beiden erstern aaronidischer Herkunft waren und sich daher Kohanim (Llkabinani) nannten^). Noch ein anderer jüdischer Stamm war in Nordarabien ansässig, die Benu-Kainukaa, ') Die Quellen dieser Sagen, Mohammed Abulfarag's Lit^d 241-^.Aliani, Hzultsäs, lüstoris, a,räsisls,vaiti<:g. und Ibn-Hrs-Iäuir sind angegeben von Osmssin äs l?srosvsl: ssssä sur 1'Iiisboirs äss l^iLdss II. p>. 642 f. 2) llladsri mitgetheilt von äs 8a.o^, msvaoirs äs l'^oaäsnais äss in- ssiixtions lll LQVIII. p. 670. ^dultsäs, und Idn-Llisläun bei Oaussin äs Lsrssval das. 644. 3) Libad ^.1-L.ZÜE und Ibn-Lüsläun bei demselben 645 f. Ibrs-ütra. Üa-Isbi bei Weil: Mohammed der Prophet S. 413 zu Anmerkung 144. 67 Juden in Arabien. mit anderer Lebensweise als die Nadhir und Kuraiza *), und wohl auch von einer andern geschichtlichen Welle dahin verschlagen. Diese Stämme mit noch einigen andern, wenig bedeutenden und wenig genannten, den Benu-Akra, Benu-Ghaura, Benu-Zaid, Benu-Auf, Benu- Alaßis, hatten ihren Mittelpunkt in der Stadt Jathrib in der Landschaft Hegas, die in einer fruchtbaren, mit Palmen und Reispflanzen bebauten, von kleinen Bächen bewässerten Gegend lag. Da die jüdischen Stämme öfter von Beduinen belästigt wurden, so bauten sie in der Stadt und Umgegend Kastelle auf hochgelegenen Plätzen, welche ihre Unabhängigkeit schützten. Wenn sie Anfangs die Alleinherrscher dieses Landstriches waren, so mußten sie später den Bodenbesitz und die Macht mit arabischen Stämmen theilen, als (um 300) zwei Bruder- stcsmme sich in derselben Gegend niederließen, die Benu-Aus und Chazrag (zusammen die Stämme Kaila genannt), zu welchen die Juden bald in freundliche, bald in feindliche Verhältnisse traten. Nördlich von Jathrib war die Landschaft Chaibar, durchgängig von Juden bewohnt, die ein eigenes Gemeinwesen bildeten. Die Juden von Chaibar sollen von den Rechabiten abstammen ^), die auf Geheiß ihres Urahns Jonadab b. Rechab ein nomadisirendes, nasiräisches Leben führten und nach der Zerstörung des ersten Tempels bis in die an Palmen und Getreide reiche, Gegend von Chaibar gewandert sein mögen. Die chaibarensischen Juden besaßen eine Reihe von Festungen oder Schlössern^), gleich den christlichen Ritterburgen: Bara, Fadak, Kulla, Naim,"Natum, Sab, Sulalim, Ubej, Watih. Die stärkste Festung war Kamus, auf einem schwerzugänglichen Berge erbaut. Diese Schlösser schützten sie vor räuberischen Einfällen der kriegerischen Beduinen und setzten sie in den Stand, manchem Verfolgten Asyl zu geben. Wadil-Kora (das Thal der Dörfer) eine fruchtbare Thalebene, eine Tagereise von Chaibar entfernt, war ebenfalls ganz von Juden bewohnt^). Ob dasselbe zu Chaibar gehörte oder ein selbständiges Gemeinwesen bildete, weiß mau nicht. In Mekka dagegen, wo das Heiligthum der Araber stand, wohnten wohl nur wenig Juden. Dagegen waren sie zahlreich in Südarabien (Jemen) vertreten, in dem Lande, „dessen Staub Gold war, das die gesündesten Menschen *) Es ist sicherlich ein Fehler, aus falscher Etymologie hervorgegangen, wenn der Verf. des Samhudi die Kuraiza mit den Karäern identificirt. Ritter Erdkunde XII. S. 63. 2> Rapoport in Lillars lia-Ittim (Zeitschrift) Jahrg. 1824. S. bist. b) ^.dultsäa sä. ^älsr I. 6S. Vergl. Weil: Mohammed 186 f. Vergl. Rttter Erdkunde XII. 62. 462. 68 Geschichte der Juden. erzeugte, und dessen Frauen ohne Schmerz gebaren" (wie die Einwohner es rühmten). Aber die Juden des glücklichen Arabien lebten, ungleich denen in Heg'as, ohne stammesgenössischen, gewissermaßen politischen Zusammenhang und wohnten unter den Arabern zerstreut Dennoch erlangten sie mit der Zeit so viel Einfluß auf die arabischen Stämme und Könige von Jemen (Himjara), daß sie die Ausbreitung des Christentums in dieser Gegend zu verhindern vermochten. Die byzantinisch-christlichen Kaiser hatten nämlich ihr Augenmerk auf diese Stapelplätze für indische Erzeugnisse gerichtet. Ohne gerade an Unterjochung der tapfern Himjariten (Homeriteu) zu denken, wollten sie sich dieselben durch Bekehrung zum Christenthume befreunden. Das Kreuz sollte die Handelsverbindung vermitteln. Der zweite christliche Kaiser Constantinus hatte schon Missionäre nach Himjara gesendet, aber sie vermochten die Bekehrung nicht durchzusetzen, da ihnen die Juden entgegen arbeiteten Erst zu Ende des fünften oder im Anfänge des sechsten Jahrhunderts gelang es den christlichen Sendboten, einen arabischen Häuptling mit seinem Stamme, der seinen Hauptsitz in der Handelsstadt Nagarau hatte, für das Christenthum zu gewinnen"). — Nur halb zu Arabien gehörte eine Insel Jotabe (jetzt TijbLn) im rothen Meere (15 Meilen südlich von der Hauptstadt Aila), auf welcher seit undenklichen Zeiten ein kleiner jüdischer Freistaat bestand, der seine Unabhängigkeit gegen Perser, Griechen und Römer behauptete und erst unter Kaiser Justinian erobert wurde Vermöge ihrer semitischen Abstammung hatten die Juden Arabiens viele Berührungspunkte mit den Eingeborenen des Landes. Ihre 'Sprache hatte Verwandtschaft mit der arabischen, ihre Sitten, in so weit sie nicht die Religion erzeugt hatte, waren nicht verschieden von denen der Söhne Arabs. Die Juden arabisirten sich daher so vollständig, daß sie sich nur durch ihr religiöses Bekenntniß von den Landesbewohnern unterschieden. Eheverbindungen zwischen beiden beförderten die Verähnlichung des Charakters beider Völkerschaften. Die südarabischen Juden verlegten sich gleich den Himjariten mehr auf den Welthandel zwischen Indien, dem byzantinischen Reiche und Persien, die nordarabischen Juden dagegen trieben ein Beduinenleben: Ackerbau, Viehzucht, Zwischenhandel in Karawanenzügen, Waffenhandel, auch wohl Räuberhandwerk. Nur der Stamm Kainukaa betrieb wenig Ackerbau, besaß auch keinen günstigen Boden für Palmenpflanzung, wovon die Bewohner von Hegas ihre Hauptnahrung zogen, sondern *) ikbilostoiAlus L. III. Ho. 4. 2 ) Vergl. Okussin äs I>srssval ebendas. I. 34. 2) i?rooopins äs bsllo psrsiso I. 19. Ritter Erdkunde XIV. 19. Juden in Arabien. 69 betrieb mehr die Goldschmiedekunst und Geldwechselgeschäfte *). Ein Platz in Jathrib, wo die Kaiuukaa ihre Geschäfte hatten, hieß Markt der Kain ukaa (8suk alkninuüas ^s. — Die arabischen Juden hatten ebenfalls eine patriarchalische Stammesverfassung, mehrere Familien waren unter einem Namen vereinigt und wurden unter einem Häuptling (Sobaioli) geführt, der im Frieden die Händel schlichtete und Recht sprach, im Kriege die waffenfähige Mannschaft anführte und Bündnisse mit Nachbarstämmen abschloß. Gleich den Arabern übten die Juden der Halbinsel Gastfreundschaft gegen Jedermann, der ihr Zelt betrat, und unverbrüchliche Treue gegen Bundesgenossen; aber sie theilten auch die Fehler der Urbewohner, rächten den Tod eines ihrer Glieder mit unerbittlicher Strenge, legten sich in Hinterhalte, um Feinden aufzulauern und ihnen den Garaus zu machen. Es kam auch vor, daß ein jüdischer Stamm in Bundesgenossenschaft zu einem arabischen trat und dadurch feindselig gegen einen Bruderstamm verfuhr, der zu einer anderen Partei gehörte. Aber wenn Juden auch mit einander Fehden hatten, so milderte doch bei ihnen die angestammte Tugend die Be- duinen-Grausamkeit, den Feind schonungslos zu behandeln. Sie lösten die Gefangenen eines Bruderstammes, mit dem sie eben Krieg geführt, aus der Hand der Bundesgenossen aus, um sie nicht in heidnischer Gewalt als Sklaven zu lassen, weil, wie sie sagten: „die Auslösung der religionsgenössischen Gefangenen eine religiöse Pflicht ist" Wie die Juden den Arabern an Tapferkeit nicht nachstanden, so rangen sie auch mit ihnen um die Palme der Dichtkunst. Denn zur Zierde eines edlen Arabers gehörte nebst Mannhaftigkeit und Muth auch die Poesie, welche auch von Häuptlingen gepflegt und von arabischen Königen, wie die von Hira und Jemen, reich belohnt wurde. Der Dichter war nebst dem Helden der gefeierteste Mann in Arabien, dem sich die Herzen und Zelte weit öffneten. Die Juden Arabiens verstanden es ebenfalls, die arabische Sprache wohllautend zu sprechen und die gebundene Rede durch den Gleichklang des Reimes zu zieren^). Die Religionskenntniß, welche die arabischen Juden bei ihrer Flucht aus Judäa aus der Heimath mitbrachten, und die ihnen später von den Lehrhäusern noch zugeführt wurde, gab ihnen eine Ueber- 9 Ibn-Lllaläun bei Oaassin äs iksrcsvsl ebendas. III. 80. 2) Das. °) Koran Sura II. Vers 85 und die Commentatoren dazu. Ich citire den Koran nach Maraccio's Text und nach dessen Versabtheilung. ^ Vergl. ein Fragment eines jüdischen Dichters aus dem Litab sI-^.Alls.iä, mitgetheilt von I?srron im lourna-I asiatigus 1838 Hovsrabrs x. 446 noch aus dem Jahrhundert vor Mohammed. Vergl. weiter. 70 Geschichte der Juden. legenbeit über die heidnischen Stämme, die sie zu Herren derselben machte. Während nur wenigen Arabern bis tief ins siebente Jahrhundert die Schreibekunst geläufig war, verstanden sie die Juden im Allgemeinen, bedienten sich aber dazu der Quadratschrift, der sogenannten assyrischen Schriftzeichen. Da die wenigen Araber, welche es dahin gebracht, schreiben zu lernen, sich ebenfalls mehr der hebräischen Schrift- Charaktere bedienten, so scheinen sie die Schreibekunst erst von den Juden erlernt zu Habens. Die heilige Schrift lesen konnte wohl jeder Jude in Arabien. Darum nannten sie die Araber „das Volk der Schrift" (^.tll'ul Litub^). Das Judenthum war den arabischen Juden in der Form, wie es überliefert wurde, mit dem Gepräge, das ihm die Tanaiten und Amoräer gegeben, hochheilig. Sie hielten streng Speisegesetze, Festtage und den Fasttag des Jom Kippur (bei ihnen Aschura genannt^-. Den Sabbat beobachteten sie so streng, daß sie trotz ihrer Kriegslust und der Gelegenheit, sie zu befriedigen, an demselben das Schwert in der Scheide ruhen ließen Z. Obwohl sie sich in diesem gastfreundlichen Lande über Nichts zu beklagen hatten und es als ihr Vaterland betrachten und lieben durften, so sehnten sie sich doch nach der Rückkehr ins heilige Land ihrer Väter uüd erwarteten jeden Tag die Ankunft des Messias, der sie mit den übrigen Zerstreuten des Volkes Israel vereinen und das Davidische Reich wiederherstellen werde ^). Beim Gebete richteten sie daher, wie sämmtliche Juden auf dem Erdenrund, ihr Gesicht nach Jerusalem o). Mit den Juden in Palästina standen sie in Verbindung; den Autoritäten in Liberias ordneten sie sich auch nach dem Untergange des Patriarchats willig unter und empfingen >) Weil im Leben Mohammed's stellt unrichtig auf, daß das Assirja- nijjah, dessen sich die jüdischen Sekretäre Mohammed's bedient, und das im Chamis mit Litsb ul-llallück identificirt wird, syrisch bedeute (S. 140 und Note 209). Warum sollten sich die Juden der syrischen Schriftzüge bedient haben? Das Assirjanijjah bedeutet aber nichts anders als das im Talmud erwähnte Lits-b usollurit, welches die übliche Quadratschrist ist, im Gegensätze zu Ibiit, der alten oder samaritanischen Schrift. Die Araber lernten das Schreiben erst wenige Jahrzehnte vor Mohammed. Vergl. äs 8s.oz- rus- ruoirs äs 1'^.os.äsro.is äss iussriptions 1. I-. 315 und llournal ssistigus 1836 S. 533. 1838 S. 537 f. Os-ussiu äs Usrosvsl llisboirs äss ^.rs-bss I. 262. 2) Oester im Koran. o) Tllllssrviui bei Uososlls sxsoirasu sä. Nitrids 301 und die alten Traditionen darüber zusammengestellt von Mahmud Effendi im llourrml Lsiatägus, Jahrg. 1858 S. 117 ff. Vergl. Weil Mohammed S. 93, 164. b) Koran an mehreren Stellen. ") Folgt aus Sura II. und tl'slsläsääin bei Ns.is.osio I. 61. Juden in Arabien. 71 von dort aus und wahrscheinlich auch von den babylonischen Lehrhäusern religiöse Anordnungen und Schriftdeutungen. Jathrib war der Sitz jüdischer Gelehrsamkeit; dort gab es Gesetzeslehrer (Achbür, Chabar genannt) in einem Lehrhause tNiärasZ, welche die Schrift auslegten. Aber bedeutend war die Schriftkunde der arabischen Juden nicht. Sie kannten sie nur durch die Brille agadischer Auslegung, wie sie ihnen auf ihren Reisen bekannt oder durch Einwohner zngetragen wurde. Die glänzende Geschichte der Vorzeit wuchs ihnen mit den legendenhaften Zusätzen so sehr zusammen, daß sie das Gold von den Schlacken nicht mehr zu sondern vermochten. Mit dichterischer Phantasie begabt, schmückten arabische Juden ihrerseits die biblische Geschichte mit interessanten Zügen aus, die dann als echte Thatsachen in Umlauf kamen. Josephs Geschichte, schon in der Bibel eine anziehende, fast dramatisch spannende Erzählung, wurde in Arabien von jüdischen Dichtern noch romantischer fortgebildet. Der Kern der schönen Dichtung von Joseph und Znlaika (der arabische Name für Potiphar), ist sicherlich in jüdisch-arabischem Kreise entstanden^). Indem die Juden Arabiens die Freiheit in vollem Maße genossen und keinerlei Zwang unterworfen waren, konnten sie ihre Religionsansichten ohne Scheu vertreten und ihre heidnischen Nachbarn in harmloser Mittheilung damit bekannt machen. Der für Geistiges empfängliche Sinn der Araber fand Gefallen an dem halb kindlichen, halb erhabenen, Poetisch-religiösen Inhalte der heiligen Schrift, und allmälig wurden gewisse jüdische Vorstellungen und religiöse Begriffe in Arabien heimisch und geläufig^). Die arabischen Juden gaben den Arabern eine Kalenderordnung, ohne welche sie sich gar nicht zurecht finden konnten. Die Araber hatten nämlich vier heilige Monate im Jahre, in denen Waffenstillstand zwischen den sich befehdenden Stämmen und das Aufschieben der Blutrache stattfanden. In diesen Monaten fand die Pilgerschaft nach Mekka und der Besuch von Marktplätzen h Laräurvi zu Koran Sura II. VO. 2) Der Eingang der zwölften Sura des Koran von Joseph zeigt deutlich, daß die Geschichte und Sage von Juden stammen. 0) Geiger schließt irrthümlich aus dem Vorkommen mehrerer hebräischen und talmudischen Wörter im Koran, wie NbaurLt, ImalrLt, 6'uirab-^.än, 0's,bs,nns.ru, 8s.bt, llrübüb, Lslrirrulr, ^.alrbur, NaZIrub (Nslut, nixu Götzem dienst), zu denen man noch hinzufügen könnte Mlsssislr, blsbi, und andere, daß Mohammed sie aus dem Judenthume ausgenommen habe. Im Gegentheil, da sie im Koran ohne Erläuterung gebraucht werden, so folgt daraus, daß sie bereits vor Mohammed eingebürgert waren und von Mohammed's Zuhörern ohne Weiteres verstanden waren. Vergl. Geiger's Preisschrift: Was hat Mohammed aus dem Judenthum ausgenommen S. 44 ff. 72 Geschichte der Juden. statt. Der ganze öffentliche und friedliche Verkehr beruhte auf diesen Monaten. Da die Araber aber nur zwölf Mondmonate zählten, so fielen die Friedensmonate nach und nach in alle Jahreszeiten und in Zeiten, wo das Reisen und der Geschäftsverkehr erschwert waren. Gelehrte Juden aus Jathrib lehrten daher die Araber, einen Monat in solchen Jahren einznschalten, welche hinter dem Sonnenjahre sehr zurückblieben. Und die Araber nahmen den neunzehnjährigen Cyclus von den Juden an (um 420*> und nannten die Einschaltung Naßi, sicherlich von dem Umstande, weil die Juden ihren Festkalender von ihrem Naßi (Patriarchen) zu empfangen pflegten. Es gelang den Juden sogar, die Araber über ihren geschichtlichen Ursprung zu belehren, von dem ihre Erinnerungen schwiegen, und den sie gläubigen Sinnes als ihr Ureigenes annahmen. Es lag nämlich den Juden viel daran, von den Arabern als Stammverwandte betrachtet und anerkannt zu werden. Es waren zu viele gesellschaftliche Interessen daran geknüpft, als daß sie es sich hätten entgehen lassen sollen. Der Mittelpunkt des Landes, die heilige Stadt Mekka (Alcharam), um einen alten Tempel (Kaaba, das Viereck) oder eigentlich um einen schwarzen Stein erbaut, an der Grenze zweier feindlichen Hauptstämme, der Uraraber und der unechten, eingewanderten Araber (Mostarab) gelegen, war ein Asyl für sämmtliche Araber, an dem das Schwert nicht aus der Scheide kommen durfte. Die fünf Messen, die größte zu Okaz und die übrigen zu Menganna und Minai bei Mekka, zu Honain zwischen Mekka und Thais, und die fünfte zu Dh'ul-Megaz am Hafen, konnten nur in den vier heiligen Monaten des Jahres bezogen werden, wo der Gottesfriede herrschte. Wer diesen Waffenstillstand und die Sicherheit des Lebens inmitten einer kampfeslustigen und gegen Blutvergießen wenig gewissenhaften Bevölkerung mitgenießen wollte, mußte seine Verwandtschaft mit den Arabern Nachweisen, sonst war er von diesen Vortheilen ausgeschlossen. Zum Glücke erinnerten sich die arabischen Juden der Abstammung der Araber, wie sie in dem ersten Buche des Pentateuchs angegeben ist, und sie bot ihnen eine Handhabe, ihre Stammverwandtschaft mit den Arabern darzuthun. Nach der biblischen Genealogie war Eber (Heber) Stammvater der Hebräer und sein Sohn Joktan Stammst Diesen interessanten Punkt überliefern dis meisten arabischen Schriftsteller, von den ältesten Abu-MLschar, Albiruni und Maßudi bis auf Abulfeda. Vergl LIsmoirs äs 1's.oa.äsmis äss msorixtions vol I-XVIll x. 616 ff.; lournsl nsintigns 4ms. ssris D. I. p. 846, uud die ausführliche Abhandlung von Mahmud Effendi: sur Is oslsnärisr nrnbs nvnnt l'istamisms im äornmsl nsinbigns 5ms. ssris D. II. x. 173 ff. Juden in Arabien. 73 Vater der Araber. Aber auch Jsmael, Abraham's Sohn, wird in der Bibel als Stammvater der Araber bezeichnet. Die Juden waren also überzeugt, von zwei Seiten her mit den Arabern verwandt zu sein, durch Joktan und Jsmael. Auf diese zwei Urahnen führten die zwei arabischen Hauptstämme, von den Juden belehrt, ihre Ahnen- rcihe zurück, indem die echten Araber (die Himjariten) von Joktan, die unechten dagegen (die Nordaraber) von Jsmael ausgegangen seien. Durch diese Anknüpfungspunkte hatten die Juden weiten Spielraum, die Beweise für ihre Stammverwandtschaft zu vervielfältigen. Sie mochten zu den Arabern gesprochen haben: „Sehet, diese heilige Kaaba, die ihr so hoch verehret, sie ist von Jsmael erbaut, dem Sohne unseres gemeinsamen Ahnen Ibrahim; er hat die Steine dazu auf seinen Schultern herbeigeschafft. Der schwarze Stein in der Kaaba (ursprünglich ein Fetisch), er trägt in seiner Vertiefung die Spuren von Jbrahim's Fußstapfen, als er einst bei seinem Sohne zum Besuch war. Jenes Bild im Tempel, das euch hochheilig ist, es stellt den ehrwürdigen Patriarchen vor, unfern und euren Stammgründer. Die heilige Quelle Zemzem bei Mekka, die euch zur Zeit der Pilgerfahrt so sehr labt, sie sprudelte zuerst aus der Erde für Hagar's Sohn Jsmael, als sie vor Sarah entfloh. Die Ceremonie, siebenmal um die Kaaba zu laufen, geschieht zur Erinnerung an Hagar, welche sich hierher geflüchtet und ihren Sohn hierher gebracht hat." Das Alles schien den Arabern, welche genealogische Stammtafeln liebten und froh waren, ihre Abstammung und Geschichte so hoch ins graue Alterthum Hinaufrücken zu dürfen, eben so einleuchtend, wie schmeichelhaft. Sie bemühten sich in Folge dessen, ihre genealogischen Erinnerungen und Traditionen mit den biblischen Nachrichten in Einklang zu bringen. Obwohl ihre Erinnerungen kaum sechs Jahrhunderte hinaufreichten, einerseits auf ihren Stammahnen Jarob und dessen Söhne oder Enkel Himjar und Kachtan, andrerseits auf Adnan, so war das keine Schwierigkeit für ihren gegen Geschichtstreue gleichgültigen Sinn. Sie machten Jarob getrost zum Sohne Kachtans (Joktan's), und Jsmael gaben sie einen Sohn Adnan oder knüpften die genealogischen Fäden auf andere Weise an. Von der Kluft der Jahrtausende zwischen den angeblichen Vätern und Söhnen hatten sie keine Ahnung. Die Südaraber nannten sich fortan ohne Skrupel Kachtaniden und die Nordaraber JsmaelitenZ. Gerne räumten ') Die Sagenhastigkeit der Abstammung der Araber von Jsmael, welche sich gewiegte Historiker nicht klar machen konnten, sowie der Ursprung der Kaaba ist lichtvoll behandelt von Or. Ley in einer Jnaugural-Dissertation: 74 Geschichte der Juden. sie den Juden Stammrechte, d. h. Gleichberechtigung an allen Vortheilen der Gesellschaft ein. Bei dem innigen Verkehr zwischen Juden und Arabern und bei der reichen Belehrung, die das Judenthum den Söhnen der Wüste darbot, deren unpoetische Mythologie ihnen keinen Stoff zur Begeisterung lieferte, konnte es nicht fehlen, daß manche arabische Häuptlinge eine besondere Zuneigung zum Judenthume faßten und sich dazu bekehrten, ohne daß es gerade die Juden auf Bekehrung angelegt hätte». Da die Araber noch im Heidenthume die Beschneidung hatten, so war der Uebertritt zum Judenthume ein ganz Leichtes. Bei dem engen Zusammenhänge und dem Aufgehen der Familienglieder im Stamme nach der phylarchischen Verfassung der Araber, brachte es die Ordnung mit sich, daß, wenn der Häuptling, als der Weiseste, zum Judenthume überging, er sogleich seinen ganzen Anhang mit herüberzog. Von mehreren arabischen Stämmen wird ausdrücklich beurkundet, daß sie sich zum Judenthume bekehrt Habens: die Benu- Kinanah, ein kriegerischer, streitlustiger Stamm, der mit den hochangesehenen Koraischiten in Mekka verwandt war, ferner mehrere Familien aus dem Stamme Aus und Chazrag in Jathrib, die von den Familien Zoraik, Haritha, Nad-dgar und endlich ein ghassani- discher Stamm, aus welchem ein gefeierter jüdisch-arabischer Dichter hervorgegangen ist. Epoche machend in der arabischen Geschichte ist aber der Uebertritt eines mächtigen jemensischen Königs zum^ Judenthume, dessen Geschichte früher in das Dunkel der Sage gehüllt war und erst durch neuentdeckte Quellen und mühsame Forschung den Charakter einer beglaubigten Thatsache erhalten hat. Die Fürsten oder Könige von Jemen mit Namen Tobba, welche öfter über ganz Arabien herrschten, führten ihren Ursprung geschichtlich auf den Stammvater Himjar und sagenhaft auf Kachtan zurück. Einer dieser Tobba, der jüngere, mit Namen Abu-Kariba Assad-Tobban (Sohn des Maliki-Kariba) war ein Mann von Einsicht, Kenntnissen, dichterischer Begabung und von einer Tapferkeit, die ihn zu Eroberungen aufstachelte. Abu-Kariba unternahm also einen Kriegszug (um 500) einerseits gegen Persien, das damals unter dem König Kavad zerrüttet war, und andrerseits gegen die arabischen Provinzen des byzantinischen Reiches. Auf seinem Zuge berührte er die nordarabische Hauptstadt Jathrib und äs tsvaM Nseoarn oriZins, Berlin 1849, bei Schade. Die Verwandtschaft zwischen Arabern und Juden durch Abraham galt schon vor Mohammed als Thatsache. *) Vergl. Note 10. I. Ende. Bekehrung des Abu-Kariba. 75 ließ seinen Sohn daselbst als Statthalter zurück, Weil er sich nichts Schlimmes von den Einwohnern versah. Kaum war er aber weiter gezogen, als ihm die trübe Kunde zukam, daß die Jathribener seinen Sohn erschlagen hätten. Von Schmerz und Zorn ergriffen, beweinte Abu-Kariba ihn durch einige Verse und kehrte um, um Blutrache an der verräterischen Stadt zu nehmen. Sein Plan war, alle Palmenwälder zu zerstören, die Stadt dem Erdboden gleich zu machen, die Männer mit der Schärfe des Schwerts zu erschlagen, Frauen und Kinder in die Sklaverei zu führen. In Jathrib wohnten zwei arabische Stämme, die Benu-Aus und Chazrag und die jüdischen Stämme Kuraiza und Nadhir (wie schon erwähnt). Abu-Kariba entbot zuerst die Stammeshäuptlinge zu sich ins Lager zu scheinbar friedlicher Unterredung. Als sie aber vor ihm erschienen, ließ er sie sämmtlich enthaupten, bis auf einen ebenso tapferen wie dichterisch begabten Mann, Ochaichah, der dem Gemetzel entkam, nach der Stadt zurückkehrte und einen festen Widerstand organisirte. Darauf belagerte Abu-Kariba mit seiner zahlreichen Reiterschar die Stadt nnd ließ die Palmenbäume, von denen die Bewohner ihre Hauptnahrung zogen, umhauen. Ein jüdischer Dichter aus Jathrib sang bei dieser Gelegenheit eine Elegie auf die umgehauenen Palmenbäume welche die Araber wie lebende Wesen liebten und über deren Zerstörung sie wie über den Tod eines theuren Verwandten klagten. Die Juden kämpften wetteifernd an Tapferkeit mit den Ausiten und Benu Chazrag gegen Abu-Kariba und ermüdeten seine Schar. Während der Belagerung erkrankte der himjaritische König schwer und fand kein frisches Wasser in der Nähe, seinen brennenden Durst zu löschen. Alle diese Umstände machten ihn geneigt, auf friedliche Unterhandlung ciuzugehen. Zwei jüdische Gesetzeslehrer (AchbLr) aus Jathrib vom Stamme Kuraiza, mit Namen Kaab und Assad^), benutzten die Erschöpfung, in der sich Abu-Kariba befand, sich in sein Zelt zu begeben und ihm ins Herz zu reden, den Jathribenern zu verzeihen und die Belagerung aufzuheben. Was ihm die jüdischen Weisen sagten, ist nicht bekannt, da die arabischen Quellen an diesem Punkte den Faden der Geschichte abgeschnitten und das Spinngewebe der Sage angeknüpft haben, um ihren Religionsstifter U Litsb al-H.Abs.ick, mitgetheilt von Perron im äournsl ssisickqus, Jahrgang 1838 S. 446. 2) Ns.bs.ri, mitgetheilt von cks 8ss^ in rasrnoirs äs I'sosäsnckö äss in- ssrixUons N. LUVIII. S. 873. Da heißt es ausdrücklich: äsnx äostsnrs jrckt's bsbitsvcks äs Uors'its, äond bau ss nonnns Ossb sd t'srckrs Hs sä, viursick Is drouvsi (Nobbs). 76 Geschichte der Juden. Mohammed und die Stadt seiner Hauptwirksamkeit (Medina) zu verherrlichen. Die Sage erzählt, Kaab und Assad hätten den him- jaritischen König gewarnt, Jathrib zu bedrohen und zu zerstören, weil Gott selbst sie überwache, indem in derselben einst ein Prophet auf- treten werde, der in Jathrib sein Asyl und sein Grab finden werde. Darauf habe sie Abu-Kariba gefragt, woraus sie das Alles läsen, und sie hätten geantwortet: „In der Thora!" Als sie darauf der König gefragt, was denn an der Thora sei, hätten sie ihm von Mose's Sendung gesprochen und ihm den Inhalt des Judenthums auseinauder- gesetzt i). Sicher ist nur so viel, daß die jüdischen Weisen Gelegenheit fanden, mit Abu-Kariba vom Judenthume zu sprechen und ihm lebendiges Interesse dafür einzuflößen wußten. Die Auseinandersetzung von Kaab und Assad erregte so sehr seine Theilnahme, daß er beschloß, das Judenthum anzunehmen, und er bewog auch das himjaritische Heer, dasselbe zu thun ^). Auf seinen Wunsch begleiteten ihn die zwei jüdischen Weisen aus Jathrib nach Jemen, um das Volk zum Judenthume zu bekehren. Indessen war die Bekehrung nicht so leicht; ein Volk läßt nicht sofort auf Verlangen seine angewöhnte Denkart, Sitten und Unsitten fahren. Die Sage erzählt noch, die Bewohner der Hauptstadt Sanaa hätten dem Könige die Thore verschlossen und ihn mit Krieg bedroht, weil er den Kultus seiner Väter abgestellt. Darauf habe Abu-Kariba die Himjariten durch eine wunderbare Probe von der Göttlichkeit des Judenthums überzeugt. In einem Berge, nahe bei Sanaa, gab es nämlich eine Höhle, welche von den Einwohnern benutzt wurde, um zweifelhafte Fälle zur Klarheit zu bringen. So oft ein Streit unter Parteien ausbrach, sandten die Richter beide in die Höhle, und regelmäßig soll der schuldige Theil von einem ausbrechenden Feuer verzehrt und die gerechte Partei verschont geblieben sein. In dieser Höhle soll auch das Judenthum nach der arabischen Sage die Feuerprobe bestanden haben. Während die Priester mit ihren Götzen von einer Flammenzunge, wie man sie bis dahin nicht gesehen, verbrannt worden wären, seien die zwei jüdischen Weisen, welche die Thora an ihren Hals gebunden hatten, unversehrt geblieben ^). Darauf hätten sämmtliche Himjariten das Judenthum angenommen. Kaab und Assad sollen auch einen Tempel des Götzen Rajam in Sanaa mit Erlaubniß fl Litad ini lloariml asiatigus das. und andere Schriftsteller in genanntem msraoirs. fl Ueber die Geschichtlichkeit der Thatsache und die Chronologie vergl. Note lO. I. fl Tabari bei äs Lao^ das. 67S, und andere arabische Schriftsteller. Die jüdisch-himjaritischen Könige. 77 des Königs zerstört haben, und der Dämon sei daraus unter der Gestalt eines schwarzen Hundes entflohen *). Indessen weiß die beglaubigte Geschichte, daß nicht sämmtliche Himjariten das Judenthum angenommen, sondern daß eben so viele Heiden wie Juden im Lande wohnten, ihre Götzentempel behielten und ihren Kultus frei üben durften. Ueberhaupt wird das Judenthum, zu dem sich der König von Jemen bekannte, nur ein sehr oberflächliches geblieben sein, ohne tief in Sitte und Lebensweise einzudringen. — Auch ein Häuptling des edlen Stammes der Kenditen, mit Namen Harith Jbn-Amru, Schwestersohn des Königs von Jemen, nahm das Judenthum an. Abu-Kariba setzte ihn zum Unterkönig über die Maadditen am rothen Meere und gab ihm auch die Statthalterschaft über Mekka und Jathrib^). Mit Harith ging auch ein Theil der Kenditen zum Judenthume über. Die Nachricht von einem jüdischen Könige und einem jüdischen Reiche in dem schönsten und fruchtbarsten Theile Arabiens verbreitete sich durch die vielen Fremden, welche das Land geschäftshalber besuchten, und drang bis zu den Juden der entferntesten Länder. Auch die Juden des west- gothischen Spanien erfuhren davon, glaubten aber, daß der himjaritische König vom Hause Davids stammte (oben S. 63), wie denn überhaupt die Sage verbreitete, in Jemen befänden sich mehrere israelitische Stämme in ungebrochener Kraft, welche noch vor der Zerstörung des ersten Tempels und vor dem Untergange des israelitischen Reiches dorthin ausgewandert wären ^). Abu-Kariba's Regierung war nach Annahme des Judenthums nicht von langer Dauer. Sein kriegerischer Sinn ließ ihn nicht auf dem Throne ausruhen, sondern trieb ihn zu kühnen Unternehmungen. Auf einem dieser Kriegszüge soll er von seinem eigenen Heer, das der Mühen und Märsche überdrüssig war, erschlagen worden sein. Da Abu-Kariba drei unmündige Söhne hinterließ, Hassan, Amru und Zorah, so kam das Reich unter Vormundschaft. Der Regent Rabia Jbn-Nasser aus dem Stamme der Lachmiden, bekannte sich ebenfalls zum Judenthume. Er scheint gewissenhaft die Krone dem rechtmäßigen Thronerben Hassan übergeben zu haben (um 503), der aber, gleich seinem Vater, von Lust zu Kriegsabentenern hingerissen, nicht lange regierte. Er soll durch die Hand seines eigenen Bruders Amru, den die Offiziere des himjaritischen Heeres dazu aufgestachelt *) Jbn-Jschak in 8irs.b ar-Uasrll U 5. 2) Vergl. Note 10. I. b) Vergl. weiter bei Eldad, dem Daniten, Note 19. 78 Geschichte der Juden. hätten, gefallen sein (um 508). Amru soll aber seine blutige Unthat bereut und die bösen Rathgeber haben hinrichten lassen. Er verfiel in eine schwere Gemüthskrankheit, konnte sich nicht bewegen und mußte auf einer Sänfte getragen werden. Davon erhielt er den Namen der Mann der Sänfte (Oduloder der Sitzende (^.l-Nnutdabun). Während seiner kurzen Regierung und nach seinem Tode (um 510) gerieth das himjaritische Reich in große Verwirrung und Zerstückelung. Die Unterkönige über verschiedene Landstriche machten sich unabhängig, verwandelten ihre Statthalterschaften in eigene Königreiche und regierten unter dem Titel Kail oder Dhu^). Ein Usurpator Laknia-Tanuf bemächtigte sich der himjaritischen Städte Zafar und Sanaa, setzte sich auf den himjaritischen Thron und schändete ihn durch Weichlichkeit und Laster. Von dem Umstande, daß er nach Weiberart Ohrringe trug, erhielt er den Schimpfnamen Dhu-Schanathir (Ohrringträger). Der Wollüstling befleckte die übriggebliebenen Prinzen des himjaritischen Kriegsstammes durch unnatürliche Lüste. Sicherlich bekannte er sich nicht zum Judenthume. Als sich aber Dhu-Schanathir auch an dem jungen Prinzen Zorah vergreifen und ihn schänden wollte, warf dieser sich auf den Lasterhaften, überwältigte den Schwächling und tödtete ihn mit einem Messer. Die Nachricht von dem Tode des Tyrannen verbreitete Jubel in der himjaritischen Hauptstadt. Die Bevölkerung begrüßte Zorah als den Retter des Landes, setzte ihm die Krone auf und erklärte ihn für den Würdigsten, sie zu tragen (um 520). Zorah, der von einer Burg^) den Namen Dhu-Nowas erhielt, war ein eifriger Anhänger des Judenthums. Er legte sich deswegen den hebräischen Namen Jussuf zu dem arabischen bei. Sein Eifer für die Religion, für die sein Vater sich begeistert hatte, verwickelte ihn aber in unangenehme Lagen und brachte Unglück über ihn, sein Reich und die jüdischen Bewohner Himjara's. Als sollte das Judenthum durchaus eines Politischen Unterbaues und staatlicher Grundlage entbehren, führten Bestrebungen, welche der Kirche von Eroberung zu Eroberung verhalfen, das Judenthum zu neuen Niederlagen. Der König Zorah Jussuf Dhu-Nowas hatte erfahren, welche Mißhandlungen st Vergl. darüber Onnssin äs Usresvsl, llisboirs äss T^rndss N I. S. IVO—105, 117 f. 'st Jbn-Jschak Kirnt. nr-U-nsul I. 5. Abulfarag Jsfahani Litnb nl- ^.AÜnrä IV. 298. Ibn-Lnärnn sä. 84 f. Schulten's lüstorin llostnni- änrnrn 26. 78. st Krem er bei Nöldeke, Geschichte der Perser von Tabari S. 171 ^ Fell, die Christenverfolgung in Südarabisn, Zeitschrift der D. M. Gesellsch. 1881. Jussuf Dhu-Nowas. 79 seine Glaubensgenossen im byzantinischen Reiche täglich zu erdulden hatten, und es erfüllte ihn mit Theilnahme. Er wollte daher durch Repressalien die byzantinischen Kaiser zur Gerechtigkeit gegen die Juden zwingen. Als einst römische (byzantinische) Kaufleute in Handelsgeschäften durch Himjara reisten, ließ er sie auffangen und hinrichten. Diese That verbreitete Schrecken unter den christlichen Kaufleuten, welche mit dem Lande der Wohlgerüche und indischer Reichthümer in Verbindung standen. Der indisch-arabische Handel gerieth dadurch ins Stocken. Dhu-Nowas beschwor aber dadurch einen schweren Krieg über sein Land herauf. Ein Nachbarkönig, Aidug, wohl einer der Vasallenkönige, die sich losgerissen hatten, der noch dem Heidenthume zugethan war, machte dem jüdischen Könige Vorwürfe über seinen unpolitischen Schritt, den Handel mit Europa zu untergraben. Die Entschuldigung, welche Dhu-Nowas ihm gab, daß jährlich viele Juden unschuldiger Weise im byzantinischen Reiche umgebracht werden, machte auf Aidug keinen Eindruck. Er erklärte ihm den Krieg, besiegte ihn in einer Schlacht (521) und soll in Folge dessen das Christenthum angenommen haben. Indessen verlor Dhu-Nowas in diesem Kriege nicht das Leben, wie christliche Quellen angeben, sondern raffte sich wieder auf, verwickelte sich aber durch heftige Erbitterung in neue Verlegenheiten. Die Stadt Nag'aran in Jemen war meistens von Christen bewohnt und hatte auch einen christlichen Häuptling Harith (Aretas) Jbn- Kaleb, welcher ein Vasall des jüdisch-himjaritischen Reiches war. Harith mag bei dem Kriege gegen Aidug seine Vasallenpflicht nicht gethan oder sonst Widerspenstigkeit gezeigt haben. Eine Nachricht erzählt, in Nag'aran seien mit Wissen des Häuptlings Harith zwei jüdische Jünglinge ermordet worden, was den jüdischen König mit Unwillen erfüllt habe^). Genug, Dhu-Nowas hatte Gruud, den Herrscher von Nagaran als einen Empörer zu züchtigen. Er belagerte die Stadt mit 120 000 Mann, wie übertreibend angegeben wird, und brachte die Einwohner in solche Bedrängniß, daß sie capituliren mußten. Dreihundertundvierzig angesehene Männer, mit Harith an der Spitze, begaben sich darauf in Dhu-Nowas' Lager, um die Friedensbedingungen zu unterzeichnen (523). Da soll der König von Himjara, obwohl er den Männern Unverletzbarkeit zugesichert hatte, ihnen die Wahl zwischen Annahme des Judenthums oder Tod gestellt haben, und da sie sich weigerten, ihr Bekenntniß abzuschwören, sollen sie enthauptet U Jbn-Alkelbi, citirt von Jbn-Khaldun bei Onusslu äs Usresval, llistoirs äss ^rnbss I. 128. 80 Geschichte der Juden. und ihre Leichen in den Fluß geworfen worden sein. Die ganze Begebenheit ist aber so sagenhaft gehalten, daß der geschichtliche Kern nicht zu ermitteln istZ. Sicher ist nur so viel, daß Dhu-Nowas den Christen im himjaritischen Reiche hohe Steuern aufgelegt hat, als Repressalie für die Mißhandlungen, welche seine Glaubensgenossen in den christlichen Ländern erlitten. Das Gerücht trug die Vorgänge in Nagaran von Zunge zu Zunge, vergrößerte die Zahl der Opfer, stempelte die Bestrafung von Empörern zu einer Christenverfolgung von Seiten eines jüdischen Königs und dichtete daraus ein thränenreiches Matyrologium, das, obwohl die Erfindung und die Uebertreibuug an demselben noch kenntlich ist, noch heutigen Tages buchstäblich geglaubt wird. Nahrung erhielt das falsche Gerücht von Dhu-Nowas' Grausamkeit gegen die Christen durch einen Flüchtling Dus Jbn-ThalabLn, welcher durch Arabien, Syrien und das byzantinische Reich wanderte und überall die gehässigsten Schilderungen von dem jüdischen Könige und den Leiden der Christen in Himjara entwarf, um die Gemüther zu einem Kreuzzug gegen den angeblichen Tyrannen und Christenverfolger zu erhitzen. Ein syrischer Bischof, Simeon, von Bet - Arscham, der gerade auf einer Reise nach Nordarabien begriffen war und den übertriebenen Schilderungen Glauben schenkte, that ebenfalls das Seinige, dem jüdischen Könige Feinde zu erwecken. Simeon schickte ein geharnischtes Sendschreiben an einen anderen Bischof in der Nachbarschaft von Arabien (524) und beschwor ihn darin, die Christen gegen den jüdischen König aufzuhetzen und namentlich den Negus (König) von Aethiopien zum Kriege gegen ihn zu entflammen. Er machte auch een Vorschlag, daß die Lehrer des Judenthums in Tiberias verhaftet und gezwungen werden sollten, an Dhu-Nowas zu schreiben, er solle die Bedrückung der Christen um ihretwillen einstellen. Dus begab sich seinerseits zum byzantinischen Kaiser Justin I., schilderte ihm übertreibend Dhu- Nowas' Grausamkeiten gegen die Christen, zeigte ihm ein halbverbranntes Evangelium, das er aus den Flammen gerettet haben wollte, und forderte von ihm im Namen der Religion Rache an dem jüdischen Könige. Der Kaiser, ein schwacher blödsinniger Greis, dessen Heer in einen Krieg mit Persien verwickelt war, ging auf Dus' Plan nicht ein. Er antwortete: „Himjara ist zu weit entfernt von uns, und ich kann kein Heer in so weite Strecken durch Sandwüsten marschiren lassen. Aber ich werde an den König von. Aethiopien schreiben; er bekennt sich zum Christenthume wie wir, und er ist Z Bergt. Note 10. II. Ende des jüdisch-himjaritischen Reiches. 81 Arabien näher als ich." Er schrieb auch in der Thal an den äthiopischen König Elesbaa (oder Atzbeha), Truppen nach Himjara zu senden. So verschworen sich viele Feinde, einen König zu verderben, der es gewagt hat, sich seiner Glaubensgenossen mit Wärme und Eifer anzunehmen. Dhu-Nowas' mächtigster Feind war der Negus von Aethiopien, Elesbaa, ein Mann von Glaubenseifer durchdrungen, der mit Mißgunst die Krone auf dem Haupte eines Juden sah. Es bedurfte bei ihm nicht der Aufstachelung von allen Seiten, ihm war das jüdische Reich längst ein Dorn im Auge. Elesbaa rüstete eine bedeutende Flotte aus, welche der byzantinische Kaiser oder vielmehr sein junger Mitregent Justinian durch Schiffe von Egypten aus verstärkte. Ein zahlreiches Heer setzte über die schmale Straße des rotheu Meeres.nach Jemen über, und die christliche Mannschaft schloß sich ihm rachevoll an. Dhu-Nowas traf zwar Vorkehrungen, das äthiopische Heer am Landen zu hindern, indem er die Landungsplätze mit Ketten sperren ließ und seinerseits ein Heer sammelte. Allein das himjaritische Heer stand im Mißverhältniß zu den zahlreichen äthiopischen Kriegsscharen. Die kleinen Könige von Jemen (die Kail), welche Dhu-Nowas aufgefordert hatte, das gemeinsame Vaterland vor dem Eindringen fremder Heere zu vertheidigen, blieben gleichgültig gegen die herannahende Gefahr oder waren im Voraus von Elesbaa gewonnen. So war der jüdisch-himjaritische König auf sein treues Heer, das aus Reiterei bestand, und auf seinen Muth angewiesen. Das erste Zusammentreffen fiel ungünstig für Dhu-Nowas aus. Die Stadt Zafara (Thafar) fiel in die Hände des Feindes und mit ihr die Königin und die Schätze. Den himjaritischen Kriegern entsank der Muth. Juffuf Dhu-Nowas, der Alles verloren sah, starb eines Königs würdig. Um nicht in die Hände des übermüthigen Feindes zu fallen, stürzte er sich mit seinem Rosse von einem Felsen ins Meer, das seine Leiche ins Weite trug (um 530 *). Die siegenden Aethiopier wütheten in Himjara mit Feuer und Schwert, plünderten, mordeten und führten die Wehrlosen als Gefangene hinweg. Am heftigsten waren sie gegen die Juden in Himjara entflammt, und Tausende von ihnen fielen als Sühnopfer für die zweideutigen christlichen Märtyrer von Nagaran. Das war das Ende des jüdisch-himjaritischen Reiches, das über Nacht entstanden und über Nacht wieder verschwunden war. Etwa drei Jahrzehnte, seitdem Abu-Kariba das Judeuthum in Jemen eingeführt hatte', beherrschte es ein christlicher König. Die Juden, fl Vergl Note 10 II.; Oaussrn äs Usrssvsl, liistoirs äss ^rabss das. 110 s. Graetz, Geschichte der Juden. V. 6 82 Geschichte der Juden. welche dem Schwerte der Aethiopier entgangen waren, retteten sich sicherlich nach Nordarabien, so daß gewiß kein Jude in Himjara geblieben ist. Um so mehr erscheint die Erzählung als augenfällige Erfindung, daß ein Bischof, Gregentius von Tafar, vierzig Tage lang einen Religionsdisput mit einem gelehrten Juden gehalten und ihn wie die übrigen Juden für das Christenthum gewonnen habeZ. Ungefähr um dieselbe Zeit geriethen auch die Juden von Jathrib in heftige Fehden mit ihren arabischen Mitbewohnern. Sie scheinen mit dem Untergange des jüdisch-himjaritischen Reiches in ursächlichem Zusammenhänge zu stehen. Die jüdischen Stämme in Jathrib hatten wegen ihrer Beziehung zum himjaritischen Könige, dem Oberherrn der Landschaft, die Herrschaft über die heidnisch-arabischen Stämme. Ein jüdischer Häuptling, den einige Quellen Alghitjun, andere Scherif Jbn-Kaab nennen, führte das Regiment. Die Araber aus den Stämmen Kaila (Aus und Chazrag) trugen aber mit Unwillen die Abhängigkeit von den Juden und nahmen die Gelegenheit wahr, wo die Letztern keine Unterstützung von Himjara aus zu erwarten hatten, sie abzuschütteln. Die Vorgänge sind jedoch nicht bekannt; es wird nur berichtet, daß ein chazragitischer Häuptling Malik, Sohn oder Enkel Aglans, auswärtige Hilfe herbeirief, um seine Stammgenossen unabhängig zu machen. Ein Häuptling der Araber aus dem Stamme Ghassan, Harith Jbn Abu-Schammir, mit dem Beinamen Alarag (der Hinkende), der mit den Stämmen Kaila blutsverwandt war, wurde angegangen, mit seinen kriegerischen Scharen nach Jathrib zu kommen. Dieser abenteuerlustige Araberfürst, der im Dienste des byzantinischen Hofes stand, nahm die Einladung nur zu willig an. Um den Argwohn der Juden nicht zu erregen, als gälte der Kriegszug ihnen, gab Jbn - Abu-Schammir vor, er beabsichtige seinen Marsch nach Himjara zu nehmen. Er schlug bei Jathrib ein Lager auf und lud die jüdischen Häuptlinge zu sich ein. Viele von ihnen erschienen in der Erwartung, von dem freigebigen Fürsten mit Geschenken bedacht zu werden, wie es Sitte war. So wie sie aber das Zelt des ghassanidischen Fürsten betraten, wurden sie einzeln niedergemacht. Darauf sprach Jbn-Abu-Schammir zu den Arabern von Jathrib: „Ich habe euch von einem großen Theil eurer Feinde befreit; jetzt wird es euch leicht sein, die Uebrigen zu bewältigen, wenn ihr Kraft und Muth zeigt." Er zog ab. Die arabischen Stämme wagten aber doch nicht, offen mit den Juden anzubindeu, sondern nahmen zur List Zuflucht. Malik, der chazragitische Häuptling, fl Schon von Pagi als Fabel erkannt, zu Baronius anualss Jahr 523. Note X. Die Juden von Jathrib. 83 wußte die Juden zu überzeugen, daß der von dem ghassanidischen Fürsten begangene Mord an den jüdischen Häuptlingen ohne ihr Wissen und Wollen geschehen sei, und forderte sie auf, jedes Mißtrauen fahren zu lassen und ein Friedensbündniß mit ihren Nachbarstämmen zu schließen. Er bereitete zu diesem Zweck ein Gastmahl vor und lud die jüdischen Häuptlinge dazu ein. Sie gingen in die Falle und wurden während des Mahles ermordet. Auch der jüdische Fürst Alghitjun oder Scherif wurde von Malik erschlagen. So ihrer Führer beraubt, wurden die Juden von Jathrib leicht von den Arabern überwunden und mußten ihnen die besten Plätze einräumen (um 530—35). In der ersten Zeit konnten sie den Verlust ihrer Herrschaft und das Gefühl der Demüthigung nicht verschmerzen. Ihr ganzer Unwille war gegen Malik Jbn-Ag'lan, den Urheber ihres Sturzes, gerichtet. Sie sollen sein Bild in ihren Synagogen aufgehängt und, so oft sie dieselben betraten, Flüche gegen dasselbe aus- gestoßen haben. Die Unsicherheit ihres Daseins bewog sie aber, ihrem Hasse keinen Raum zu geben. Sie begaben sich nach und nach unter den Schutz des einen oder des anderen Stammes und wurden auf diese Weise Clienten oder Schutzgenossen (MawLli) der Aus und Chazrag ^). Sie hofften aber auf die Ankunft des Messias, der ihre Feinde demüthigen werde"). Der ghaffanidische Fürst Harith Jbn-Abu Schammir führte auch auf seinem Rückzuge von Jathrib eine Fehde gegen einen jüdischen Dichter, der dadurch unter den Arabern eine außerordentliche Berühmtheit erlangt hat. Samuel Jbn-Adija (geb. um 500, gest. um 560), dessen ritterlicher Charakter sich durch die Angriffe der Ghaffaniden bewährt hat, ist durch seine Verbindung mit dem bedeutendsten arabischen Dichter der vormohammedanischen Zeit zur Unsterblichkeit gelangt. Seine Geschichte gewährt einen Einblick in die Lebensver- hältniffe der arabischen Juden. Samuel stammte nach Einigen aus einem heidnischen Geschlechts, aus dem Stamme der Ghaffaniden, nach Anderen dagegen war er jüdischen Ursprungs oder richtiger, er hatte eine arabische Mutter und einen jüdischen Vater b). Sein Vater Adija *) Litsb sl-1lAbsui und Jbn-Khaldun bei Osussiu äs Usrosvsl, bistoirs äss ^.rsbss T. II. 650 s. Vergl. Note 10. HI. 2) Weil: Mohammed S. 411 nach Ibrahim Halebi. 0) Jbn-Doraid bei Nasmussen: bistoris rsZuoruru ilrsbuiu suts Isls- uüsiuuiu x. 11, berichtet über ihn nach dessen Uebersetzung- Karuusl rsIiZious srst äuässus, usgus vsro Muts. Drst sulua ll.rs.bs st guiäsua äs uobi- lissiius xrossxis rsZuiu Zbssssniäsruiu. Vergl. darüber Baron äs Klaus: Uivsu ä'Hmroulbais p. 25, Note 1 und Osussiu äs Usrssvsl das. II. Note 2: Kuivaut Iss uus Is xsrs äs Ksiuousl statt ätoriZius ^bassauiäs; 6 « 84 Geschichte der Juden. wohnte früher in Jathrib, baute aber später in der Gegend von Taima eine Burg, die von ihrer bunten Farbe Alablak genannt und in der arabischen Poesie verewigt wurde. Samuel, Häuptling eines kleinen Stammes, war in Hegas so angesehen, daß sich schwache arabische Stämme, wie die Benu-Fezara, unter seinen Schutz begaben. Jeder Berfolgte und Geächtete fand in Ablak Asyl, und der Besitzer der Burg stand mit seinem Leben für die Sicherheit der Schützlinge ein. Als der abenteuernde kenditische Fürstensohn Jmrulkais Jbn- Hog'r, der Dichterkönig der Araber, der den Meuchelmord an seinem Vater zu rächen hatte, von heimlichen und offenen Feinden umlauert und eingeengt, nirgends Schutz finden konnte, kam er einst nach langen Irrfahrten zu einem Häuptling der Benu-Fezara und bat ihn um gastfreundliches Asyl. Dieser, mit Namen Amru Jbn-Gabir, vermochte ihm aber keines zu gewähren und erwiderte ihm mit echt arabischer Beredtsamkeit: „Soll ich Dir einen Schntzort zuweisen? Ich habe den Kaiser der Griechen besucht und das Reich des Naman von Hira gesehen, aber ich habe nirgends eine Stätte gefunden, welche die Hilfeflehenden besser zu schützen vermöchte, als der Ort, den ich Dir nennen werde, und ich habe keinen eifrigern Beschützer kennen gelernt, als den Herrn desselben." „Wer ist der Mann und wo wohnt er?" fragte Jmrulkais. „Es ist der Jude Samuel, Sohn Adija's," antwortete Amru, „und ich werde Dich durch einen sicheren Führer in seine Burg geleiten lassen. Sicherlich ist das der rechte Mann, der Dir in Deiner Rathlosigkeit beistehen wird." Der Rathgeber gab ihm hierauf einen Führer, Rabia Jbn-Dhaba, der ebenfalls Dichter war. Unterwegs sprach Rabia zum Fürstensohn: „Samuel liebt die Dichtkunst; dichten wir beide ein Loblied auf ihn, das wir in seiner Gegenwart abwechselnd vortragen werden, um ihn für Dich einzunehmen." In Ablak angelangt und zu dem jüdischen Burgherrn geführt, begannen beide arabische Dichter ihren Wettgesang, um Samuel's Wohlwollen durch die Verherrlichung seiner Person zu gewinnen, nach der übertreibenden Manier der Araber. Jmrulkais' Lobgedicht auf Adija's Sohn ist nicht bekannt. Von Rabia's Versen dagegen sind einige erhalten und enthalten eine ziemlich plumpe Schmeichelei: „An Samuel erkennt man Ueberlegenheit jeder Art, er übertrifft die Sterblichen alle und läßt seine Zeitgenossen weit hinter sich zurück." ä'aubrss äissnt gns sa rnärs sgzxartsnaib a 1a raos äs Alrassan, rrrais gns ^.ä'ia sbaib issn 4s Oolriu, tils cts Haronn, psrs äss bribns jnivss äss Ooraz^lra st äs Uaällir, Utab al-^Alrani IV. 284, bei Ibrr-Hral- äonn f. 129. Jedenfalls ist Geiger's Zweifel, ob Samuel dem Judenthum angeyört hat (Preisschrift S. 9) gründlich beseitigt. Samuel Jbn-Adija. 85 Der jüdische Dichter und Burgherr, wenn auch nicht von solcher Schmeichelei gewonnen, war jedenfalls stolz darauf, dem gefeiertesten Dichter Arabiens, dessen Ruf und Abenteuer auf der Halbinsel erklangen, Asyl zu geben. Er nahm Jmrulkais, seine Tochter und sein übriges Gefolge in Ablak auf und beherbergte sie einige Zeit. — Da der kenditische Prinz keine Aussicht hatte, unter den arabischen Stämmen Hilfe zur Rachenahme an dem Mörder seines Vaters (Mondhir, König von Hira) und zur Wiedererobernng seines väterlichen Erbes zu finden, ging er mit dem Plane um, dem byzantinischen Kaiser Justinian, dessen morgenländische Besitzungen durch den lachmidischen Araberfürsten Mondhir sehr viel gelitten hatten, für sich zu gewinnen. Er wollte eine Reise nach Konstantinopel unternehmen und ein Heer zur Bekämpfung seines Erzfeindes anwerben. Als sich Jmrulkais zur Reise anschickte,' ließ er sich von Samuel ein Empfehlungsschreiben an den hinkenden Ghassauidenfürsten, den schon genannten Harith Jbn- Abu-Schammir, geben, welcher im Dienste des byzantinischen Kaisers stand. Harith sollte auf Samuel's Empfehlung dem kenditischen Fürstensohue sicheres Geleite bis zur Hauptstadt des byzantinischen Reiches verschaffen. Der jüdische Dichter mußte also bei dem Ghassa- nidenfürsten etwas gegolten haben, vermuthlich wegen seiner Abstammung vom Ghassanidenstamme mütterlicherseits. Jmrulkais übergab Samuel bei seiner Abreise seine Tochter, seinen Vetter, fünf werthvolle Kettenpanzer und andere Waffen zur Bewahrung. Samuel versprach ihm, die ihm anvertrauten Personen und Gegenstände wie seinen Augapfel zu hüten. Aber diese Waffen brachten ihm Unglück. Als nämlich der Ghaffanidenfürst in Hegas war, sicherlich zur Zeit, als er von den Stämmen Kaila gegen die Juden von Jathrib gerufen worden war, rückte er vor Samuel's Burg Ablak und verlangte die Auslieferung von Jmrulkais' Waffen, mau weiß nicht, ob noch während dessen Leben oder nach seinem Tode. Welches Recht Harith darauf geltend machte, oder ob die Forderung nur ein Vorwand war, und wodurch sich überhaupt seine Gesinnung gegen Samuel feindselig geändert hat, dieses Alles ist sehr dunkel. Samuel verweigerte, seinem Versprechen gemäß, die Auslieferung der Waffen. 'Darauf veranstaltete Harith eine förmliche Belagerung gegen die Burg, da sie aber unangreifbar war, so wandte der Unmensch ein grausames Mittel an,'Samuel zur Nachgiebigkeit zu zwingen. Er hatte einen Sohn Samuel's, der von seiner Amme außerhalb der Festung geführt wurde, gefangen, und drohte ihn zu tödten, falls der Vater seinen Wunsch nicht erfüllte. Einen Augenblick nur schwankte der unglückliche Vater zwischen der Pflicht für seinen Schützling und 86 Geschichte der Juden. dem Gefühle für seinen Sohn; bald gewann jene die Oberhand, und er sprach zu dem Ghassanidenfürsten: „Thue was du willst; Verrath ist ein Halsband, das nicht rostet, und mein Sohn hat Brüder!" Der Unmensch, ungerührt von solchem Hochsinn, tödtete den Sohn vor den Augen seines Vaters. Harith mußte dennoch unverrichteter Sache von Ablak abziehen. Auf seinem Rückzuge durch die Landschaft Chaibar bekämpfte er, vielleicht aus Rachegefühl, die dortigen Juden, machte viele Beute und schleppte Frauen und Kinder als Gefangene mit. Später gab er ihnen wieder die Freiheit U. Samuel überlieferte die Waffen auf der Messe zu Okaz den rechtmäßigen Erben. Es bildete sich daher unter den Arabern ein Sprichwort: „Treuer als Samuel" sagten sie, wenn sie übertreibend den höchsten Grad von Treue bezeichnen wollten. Gegen diejenigen, welche ihn ob seiner Härte gegen seinen Sohn tadelten, vertheidigte er sich in einem Gedichte, das Gesinunngsadel, Math und Ritterlichkeit auf eine kräftige Weise ausdrückt: O Tadlerin, laß ab den Mann zu tadeln, Den man schon oft dem Tadel trotzen schaute. Du solltest, irrte ich, zurecht mich weisen, Nicht irren mich mit unverständigem Laute. Bewahrt Hab ich des Kenditen Panzer, Verrath' ein Anderer das ihm Anvertraute! So rieth vordem mir Adija, mein Vater: „O, reiß nicht ein, Samuel, was ich baute!" Er baute fest die Veste mir, in welcher Dem Dränger Trotz zu bieten mir nicht graute. Von den Lebensschicksalen und dem Ende des ritterlichen Dichters ist sonst nichts bekannt. Er scheint aber mit viel Ungemach gekämpft und stets seine Ehre gewahrt zu haben, wie folgendes Gedicht bezeugt: Wenn zweifelhaft und mißlich stehn die Sachen, Und den Bedenker bang die Folgen machen, Die Knochen bricht der enggeschnallte Brustgurt, Und sich von Brüdern sagen los die Schwachen: Tann meid' ich, was bequemer meiner Schwäch' ist, Und thu', was dient dis Ehre zu bewachen. Vor seinem Ende (um 560) konnte er mit stolzem Bewußtsein auf sein ritterliches Leben und seinen Schutz, den er den Schwachen gewährt, zurückblicken. Sein Schwanenlied lautet: O müßt' ich, wann sie meinen Tod einst klagen, Was mir die Klagefrauen für Zeugniß geben, Ob sagen: „Geh nicht von uns! Denn in mancher Bedrängnitz wußtest Du, uns zu erheben. U Ibu Lutaibs, säib. Wüstenfeld x. 314, vergl. Note 10. III. > Samuel Jbn-Adija. 87 Dein Recht zu nehmen ließest Du niemals zu, Und ließest Dich nicht mahnen, es zu geben" *). Sein Sohn Schoraich'^) folgte in seine Fußstapfen der Ehre und Hochherzigkeit. Als einst der gefeierte arabische Dichter Maimun Ascha, dessen ungebundene Laune ihm viel Feinde gemacht, von einem Gegner verfolgt, gefangen und zufällig unter andern Gefangenen unerkannt in Schoraich's Burg Taima gebracht wurde, sang er als Mittel zur Rettung ein Lobgedicht auf Samuel: Sei wie Samuel, als ihn dort umdrängte Der Kriegsfürst mit des Heeres Waffenlast: „Steh' zwischen Kinderlosigkeit und Untreu! O schlimme Wahl, die du zu wählen hast." Doch er sprach schnell gefaßt: Ermorde deinen Gefangenen, ich beschirme meinen Gast. Schoraich, gerührt von den Versen zum Andenken an seinen Vater, bemühte sich den gefangenen Dichter Ascha zu befreien. Er bat den Sieger, mit dem er befreundet war, ihm diesen Gefangenen zum Geschenk zu machen, was dieser ihm gern gewährte, da er in ihm nicht feinen Feind vermuthete. Ascha, von den Fesseln befreit, ließ sich von Schoraich ein schnellfüßiges Kameel geben, eilte davon und dankte seine Rettung Samuel's edlem Sohne (um 580). Gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts hatten sich die Juden von Jathrib wieder von den harten Schlägen, welche ihnen die arabischen Nachbarstämme versetzt hatten, so ziemlich erholt. Ihre Herren, die Stämme Aus und Chazrag hatten sich in blutigen Fehden, die zwanzig Jahre gedauert haben, erschöpft, während die Juden in ihrem Schutzverhältnisse weniger davon berührt waren. In Folge eines zweiten Krieges zwischen denselben Stämmen kamen die Juden wieder zu Bedeutung in Jathrib. Dieser Krieg, der in Folge der Ermordung eines jüdischen Schützlings ausbrach und über dreißig Jahre dauerte (um 583 —615), hatte folgenden Ursprung: Ein Mann aus dem Stamme Aus, Hatib, hatte einen Juden erschlagen, der zu den Schützlingen der Chazrag gehörte; dafür nahmen diese Rache und tödteten den Mörder. Dieser Vorfall entzündete wieder den unter der Asche glimmenden Funken des Hasses zwischen den beiden Stämmen. 1) Nach Rückert Uebersetzung der Hamasa 22 f. lieber Samuel ben Adija vergl. Abulfeda in Doeook's sxsoirnsn sä.'fVllibs 524. DrszäaZ: Danaasas sarrnina x. 49 f.; über sein Leben und chronologisches Datum äs Llans Divan ä'^.inroullrais p. 23 ff., nach dem Libab al-^Zllani; Oanssin äs Dsrssvsl, llistoirs äes ^.rabss II 318 f., 322 f. 2) Ds 8aoz: ollrsstoinabllis arabs N. II. p 475. Geschichte der Juden. Anfangs hatte die Feindseligkeit einen harmlosen Charakter. Man schlug sich mit Stöcken, so oft die feindlichen Parteien an einander geriethen. Nach und nach wurde sie blutig, zumal als die Aus ihren Anführer verloren, ihre Gegner die Oberhand in Jathrib erhielten und einen Zweig der Aus, die Benu-Nabit, daraus verbannten. Die zwei kriegerischen jüdischen Stämme Kuraiza und Nadhir hielten sich Anfangs neutral, obwohl der Krieg wegen Ermordung eines ihrer Glaubensgenossen ausgebrochen war. Die gedemüthigten Aus, welche Verstärkung brauchten, wandten sich an die Juden, Partei für sie zu nehmen, und diese waren auch geneigt dazu, da sie wahrscheinlich von dem Uebermuth der Chazrag Manches zu erdulden hatten. Als die Sieger Nachricht von dieser Geneigtheit der jüdischen Stämme erhielten, ihren Gegnern beizustehen, schickten sie eine Botschaft an sie ab, folgenden Inhalts: „Wenn ihr euch mit Ken Aus vereinigen werdet, rufen wir andere zahlreiche Stämme für uns auf, durch deren Hilfe wir euch vernichten werden. Und selbst wenn wir unterliegen sollten, werdet ihr nicht verschont bleiben; denn unsere Verbündeten werden unsere Niederlage rächen und euch züchtigen. Wenn ihr daher klug seid, so nehmet keine Partei und laßt uns unseren Streit mit unfern Brüdern unter uns auskämpfen." Die Stämme Kuraiza und Nadhir fanden diesen Rath gerecht und versprachen Neutralität. Die Chazrag verlangten aber Bürgschaft für dieses Versprechen und ließen sich vierzig jüdische Kinder als Geißeln liefern, welche verschiedenen chazrag'itischen Familien zur Wahrung übergeben wurden. Einige Zeit darauf benutzte ein treuloser Häuptling Amru Jbn-Noman aus dem chazrag'itischen Zweig Bejdha die» jüdischen Geißeln zur Bedrückung der Juden. Er sprach zu seinen Stammgenossen: „Unser Vater Bejdha hat uns ein undankbares Gefilde hinterlassen, während die Juden der Kuraiza und Nadhir das beste Wasser und die fruchtbarsten Dattelpflanzungen haben. Zwingen wir sie, uns ihr Gebiet abzutreten." Die Benu-Bejdha waren damit einverstanden und ließen den Juden wissen, wenn sie ihnen ihre Ländereien nicht überlassen wollten, würden sie ihre Kinder umbringen. Die Kuraiza waren aus Erbarmen für ihre Kleinen geneigt, sich der harten Bedingung zu fügen. Aber Einer unter ihnen, Kaab Jbn-Assad stachelte ihren Muth auf, sich diese Schmach nicht gefallen zu lassen, und sie ließen den Benu-Bejdha sagen: „Wir treten nichts ab von unserem Gebiete, führt eure Drohung aus, wenn ihr es wollet." Darauf tödteten diese auf Amru's Auratheu die jüdischen Geißeln, welche bei ihnen untergebracht waren. Sie überredeten auch andere Die Juden von Jathrib. 89 chazragitische Familien, ihre Unthat nachzuahmen. Die Besonnenheit eines chazragitischen Häuptlings rettete den übrigen Geißeln das Leben. Abdallah Jbn-Ubej, ein Mann von eben so großer'Klugheit und Gerechtigkeitsliebe, wie von Thatkraft, erklärte, er wollte nicht Mitschuldiger einer solchen Grausamkeit und eines solchen Wortbruches sein, und schickte ein jüdisches Kind, das ihm übergeben war, seinen Eltern zurück; sein gegebenes Beispiel wurde von anderen Häuptlingen nachgeahmt. Darauf nahmen die Juden sofort offen Partei für die Ans, boten den vertriebenen Benu-Nabit ihre Häuser als Zufluchtsstätten an und erklärten, daß sie sie als Brüder aufnehmen und vertheidigen werden. Die Kuraiza und Nadhir rüsteten sich alsbald zum Kampfe und sammelten sich unter dem Befehle des Kaab Jbn-Assad. Der jüdische Stamm Kainukaa, der mit den Chazrag verbunden war, wollte jedoch die Verbindung nicht auflösen und kämpfte fortan in deren Reihen gegen die eigenen Religions- und Stammgenossen. Da beide Parteien sich durch Hinzuziehung von Hilfsschaaren gestärkt hatten, so fiel das Treffen, das sie einander auf dem Gebiete der Kuraiza in Buath lieferten, blutig aus; die Kuraiza und Nadhir kämpften unter Kaab mit Löwenmnth. Die Chazrag wurden aufs Haupt geschlagen und zersprengt, und der grausame Amru Jbn-Nomau wurde tödtlich verwundet. Die Kainukaa litten mit ihnen, aber ihre Religionsgenossen aus den Familien Kuraiza und Nadhir lösten deren Gefangene aus, welche in die Hände der siegenden Aus und ihrer Bundesgenossen gefallen waren. Nachdem die Chazrag die Sieger um Schonung ihres Lebens angefleht hatten, stillte sich die Wuth der Sieger; aber sie verwüsteten die Häuser und Palmenpflanzungen ihrer Gegner. Abdallah Jbu Ubej hatte keinen Antheil an dem Kampfe genommen und sich, um der Wuth der Sieger zu entgehen, in seiner Burg verschanzt. Aber der ausitische Führer Hodhair und der jüdische Häuptling Kaab hatten vor der Schlacht geschworen, sie wollten nicht eher Wein trinken, bis sie die Chazrag besiegt und das Schloß Muzahem zerstört haben würden. Sie unternahmen daher mit ihren Truppen die Erstürmung desselben. Da aber Abdallah Zeugen aufstellen konnte, daß er nicht betheiligt am Kampfe war, und daß er sich Mühe gegeben, seinen Stammgenosieu von dem heillosen Kriege abzurathen, so begnügten sie sich, in der Mauer eine Bresche zu machen Z. In Folge dieses Jathribkrieges, auf den ein Friedensschluß folgte (615), wurden die jüdischen Stämme wieder ebenbürtige Z Oaussiu äs Nsrosval das. II. 674 ff. nach dem al - ^.Zliaiii. 90 Geschichte der Juden. Bundesgenossen der Araber von Jathrib. — Indessen war mit dem Friedensschlüsse die Erbitterung nicht aus den Gemüthern verwischt. Die Chazrag konnten ihre Demüthigung nicht verschmerzen und die Aus ihren Uebermuth nicht zügeln. Es gab noch iminer kleine Reibungen in Jathrib, die nur durch die Klugheit Abdallah's nicht zur Kriegsflamme aufloderten. Abdallah ging damit um, König von Jathrib zu werden und hatte zu diesem Zwecke die Kainukaa eng an sich gefesselt. Sie vertheidigten ihn gegen die Ausiten und seine Gegner aus dem eigenen Stamme Z. Er wußte aber auch den Stamm Nadhir von ihren Bundesgenossen abzuziehen und für die Chazrag zu gewinnen. Die Nadhir wurden nun Gegner der Ausiten und der Juden aus dem Stamme Kuraiza (615— 622). Der Schutz, den ihnen Abdallah verhieß und gewährte, kam ihnen aber zu Statten, als ein mächtiger Feind, zu dessen Größe die Juden viel beigetragen, den Fanatismus der Araber gegen sie entzündete. i) Folgt aus den Citaten aus dem Narikb. s,l-0lls,iiu3 bei Weil: Mohammed 119. Note 159. Viertes Kapitel. Mohammed und die Juden. Der Neligionsstifter von Mekka und Medina; sein Verhältniß zum Judenthume und zu den Juden Arabiens. Abdallah Jbn-Salam und die jüdischen Ansar; Pinchas Jbn-Asura und die jüdischen Gegner Mohammed's. Krieg mit dem jüdischen Stamm der Benu-Kainukaa, ihre Niederlage und Auswanderung. Krieg mit dem Benu-Nadhir und ihre Auswanderung. Der jüdische Häuptling Hujej; der Coalitionskrieg gegen Mohammed. Krieg mit den Benu-Kuraiza und Untergang derselben. Krieg mit den Juden von Chaibar; die jüdischen Helden Kinanah und Marhab. Niederlage der Chaibarenser. Die Jüdin Zainab. Gehässigkeit des Koran gegen die Juden. Auswanderung der Juden von Chaibar und Wadil-Kora nach Kusa. 622 — 640 . Das Judenthum hat in der saburäischen Epoche nicht bloß einige arabische Stämme für sein Bekenntniß gewonnen und den Söhnen der Wüste überhaupt gewisse unentbehrliche gesellschaftliche Einrichtungen gelehrt, wie die Regelung des Jahres, wovon Verkehr und Handel, Krieg und Frieden abhingen, sondern hat auch einen Religionsstifter erweckt, der in immer größeren Kreisen in die Weltgeschichte eingriff und noch in der Gegenwart fortwirkt. Mohammed, „der Prophet von Mekka und Jathrib," war zwar kein Sohn des Judenthums, aber er hat sich an dessen Brust genährt. Er ist durch das Judenthum angeregt worden, eine neue Religionsform mit staatlichem Grunde in die Welt zu setzen, welche man Islam nennt, und diese hat wiederum auf die Gestaltung der jüdischen Geschichte und die Entwickelung des Judenthums mächtig eingewirkt. In den friedlichen Zusammenkünften in Mekka, seinem Geburtsorte, auf den Meßplätzen und ans Reisen hörte Abdallah's Sohn viel von der Religion sprechen, welche das Bekenntniß des einzigen, weltbeherrschenden Gottes an ihre Spitze setzt, von Abraham, der sich dem Dienste dieses Gottes geweiht hat, von religiösen und sittlichen Einrichtungen, welche die Bekenner dieser Religion vor den Götzendienern voraus hatten, und sein ursprünglicher und empfänglicher Sinn war mächtig von all' diesem ergriffen. Ein angesehener Mekkaner, Waraka Jbn-Naufal, ans dem edlen Stamme der Koraischiteu, ein Vetter von Mohammed's 92 Geschichte der Juden. Gattin Chadiga, der das Judenthum angenommen und Hebräisch zu lesen verstand^), flößte sicherlich Mohammed Liebe für Abraham's Religion ein. In der Geschichte findet sich schwerlich eine Persönlichkeit, welche Mohammed gliche: er war ans Widersprüchen zusammengesetzt. Neben demüthiger, gottdurchdrungener Frömmigkeit besaß er einen maßlosen Hochmnth. Hingebung war in ihm gepaart mit Selbstsucht, Hochsinn mit Gemeinheit, schwungvolle Poesie mit engherzigem Kleinlichkeitssinn, Einfachheit und Mäßigkeit in Speise und Kleidung mit unersättlicher Liebesbrunst, Offenheit mit tückischer Verstellung, Muth mit Feigheit, ekstatische Verzückung mit berechnender Schlauheit. Jeder Zoll an ihm war ein Araber, ein wilder Sohn der Wüste, und doch durchbrach er die engen Schranken seines Volksthums und öffnete seinen Stammgenossen einen weiten Gesichtskreis. Einerseits veredelte er die Araber durch erhabene Lehren, andererseits bestärkte er sie in ihrer Beschränktheit und in ihren Vorurtheilen. Er verstand weder das Lesen, noch das Schreiben und machte doch ein Buch (Koran) zum Mittelpunkte einer neuen Religion. Mohammed's erste Lehren, die er in krankhaftem Zustande der Epilepsie empfangen und in engem Kreise als höhere Offenbarungen vom Engel Gabriel ausgegeben hat, trugen ganz und gar eine jüdische Färbung. Zu allererst stellte er den einfachen, aber noch nicht beherzigten Gedanken des Judenthums auf: „es giebt keinen Gott als Allah", und erst später fügte sein Hochmnth den Satz als Be- kenntnißbedingung hinzu: „und Mohammed ist sein Prophet". Wenn er von diesem Gotte sagte, er habe keinen Genossen (Antitrinität), er dürfe nicht im Bilde verehrt werden; wenn Mohammed gegen den wüsten Götzendienst predigte, der in der Kaaba mit dreihundert Göttern getrieben wurde; wenn er gegen die Unsittlichkeit eiferte, die offen und ohne Scheu unter den Arabern auftrat; wenn er die gefühlsempörende Unsitte verdammte, daß Eltern ihre neugeborenen Töchter aus Bequemlichkeit oder Besorgniß ins Wasser warfen, und wenn er dieses Alles als nichts Neues, sondern als Lehre der alten Abrahams-Religion ausgab, so mußte das Judenthum darin einen Sieg seiner Wahrheiten und eine Erfüllung seiner Prophezeihungen sehen, „daß einst jedes Knie sich zu dem einzigen Gotte beugen, jede *) lbn-Isollalr iy Lirab ar-Uasrll und Uusss'in ^.ääiabsllri in Camis bei Weil: Mohammed Beilage zu Ende. Nöldeke hat in der Zeitschrift der deutsch-morgen!. Gesellschaft (Jahrg. 1858 S. 699 ff.) gründlich nachgswiesen, daß Waraka Jude blieb und nicht zum Christenthum uberging, und daß der Einfluß des Christenthums aui Mohammed sehr gering war. Mohammed's Verhältniß zum Judenthume. L3 Zunge ihn anbeten werde", gerade wie zur Zeit, als Paulus von Tarsus zuerst die Hellenen mit der Geschichte und dem Inhalte des Judenthums bekannt machte. Das Beste, was der Koran enthält, ist der Bibel oder dem Talmud entlehnt ^). Erst die Kämpfe, die Mohammed in Mekka mehrere Jahre hindurch (612—622) für diese geläuterten Lehren zu bestehen hatte, setzten diesem edlen Kerne eine widerliche Schaale an. Mohammed's Verhältniß zu den Juden Arabiens hat nicht wenig dazu beigetragen, den Lehrinhalt des Islam zu bestimmen und zu modificiren. Ihnen ist ein Theil des Koran bald in freundlichem, bald in feindlichem Sinne gewidmet. Als Mohammed in Mekka, dem Sitze des arabischen Götzenthums, kein Gehör fand nnd sogar Gefahr lief, wandte er sich an einige Männer aus Jathrib und forderte sie zur Annahme seiner Lehre auf. Diese, welche mit den jüdischen Religionslehreu vertrauter waren, als die Mekkaner, fanden in Mohammed's Offenbarungen viel Verwandtschaft mit dem, was sie von ihren jüdischen Nachbarn öfter vernommen hatten. Sie zeigten sich daher geneigt, sich ihm anzuschließen, und brachten ihre Stammgenossen dahin, ihn einzuladen, nach Jathrib zn kommen, wo seine Lehren schon wegen der dort zahlreich wohnenden Juden Anklang finden würden. Sobald er dahin kam (622, dem Jahre der Auswanderung: Hegira), ließ es sich Mohammed angelegen sein, die Juden von Jathrib für sich zu gewinnen, und sein Streben so darzustellen, als wollte er das Judenthum zur allgemeinen Anerkennung in Arabien bringen. Er war gerade am Versöhnungstage in die Stadt eingezogen, welche von ihm den Namen bekommen sollte „Stadt des Propheten" (Medina), und als er die Juden fastend sah, sagte er: „Es geziemt uns noch mehr als den Juden, an diesem Tage zu fasten," und er führte den Fasttag Aschura ein^). Mohammed schloß mit den jüdischen Stämmen ein förmliches Bündniß zu gegenseitiger Hilfeleistung ^) und bestimmte ihnen zu Liebe die Richtung des Angesichtes beim Gebete (Kiblah) nach Jerusalem ^). Bei Streitig- keiren zwischen Juden und seinen Anhängern (Moslemin), die ihm zur Entscheidung vorgelegt wurden, zeigte er sich den Juden geneigter. Deswegen zogen es die Jünger Mohammed's vor, ihre Streitsache - *) Bergt. Geiger's Preisschrift: Was hat Mohammed aus dem Judenthume ausgenommen. Zu dem dort Gegebenen läßt sich noch Vieles hinzufügen. 2) Eine alte Tradition, die auf Abu-Musa und Jbn-Abbas, Begleiter Mohammed's, zurückgeführt wird. Vergl. darüber laurusl asisligus Jahrg. 18S8 x. 116 f. und 125. o) Vergl. Oaussin äs i?srssvsl a. a. O. III. 22 ff. 4) Kommentatoren zu Koran Sura 2, 151 f. bei Naruooio Ilslututio x. 61. 94 Geschichte der Juden. vor einen jüdischen Häuptling zu bringen, weil sie von einem solchen mehr Unparteilichkeit erwarteten als von Mohammed. So nahm einst ein Mohammedaner den jüdischen Häuptling Kaab Jbn-Ascharaf und dagegen sein Gegenpart, ein Jude, Mohammed zum Schiedsrichter Z. Mohammed hielt sich eine Zeit lang einen jüdischen Sekretär für seine Correspondenz, weil er selbst des Schreibens unkundig war Den Juden Medina's war dieses Entgegenkommen von Seiten eines so viel .verheißenden Mannes sehr schmeichelhaft. Sie betrachteten ihn halb und halb als jüdischen Pro seihten und glaubten durch ihn das Judenthum zur Macht in Arabien gelangen zu sehen. Einige von ihnen schlossen sich ihm innig an und wurden seine Hilfsgenossen (Ansar), darunter ein gelehrter Jude Abdallah Jbn-SalLm aus dem Stamme Kainukaa und Mukchairik aus einer angesehenen Familie der Alghitiun Abdallah soll ihm, ehe er sich zu Mohammed bekannte, drei Fragen vorgelegt haben, um ihn zu Prüfen, ob er von prophetischem Geiste beseelt sei. Die drei Fragen lauteten: „In welchem Falle nimmt das ungeborene Kind das Geschlecht des Vaters und in welchem das der Mutter an; was wird den Frommen im Paradiese zur Speise vorgesetzt werden, und welches ist das Zeichen des jüngsten Tages." Diese drei Fragen, die aus dem Kreise der talmudischen Agada entnommen sind, soll nun Mohammed, sicherlich von einem andern vertrauten Juden inspirirt, richtig beantwortet haben. Abdallah soll von diesen Antworten so betroffen gewesen sein, daß er Mohammed als einen göttlichen Propheten anerkannt hat ^). Abdallah und andere Juden waren Mohammed bei den Offenbarungen des Koran behilflich, und die ungläubigen Araber hielten es ihm oft genug vor, daß „er ein Ohr sei" (Alles gläubig annehme), „daß ihn nicht der Engel Gabriel, sondern ein Mensch belehre""). Indessen, wenn ihn auch Abdallah Jbn-SalLm und andere jüdische Ansar unterstützten, so waren sie weit entfernt, seinetwegen das Judenthum aufzugeben, sondern beobachteten nach wie vor die jüdischen Gesetze, ohne daß Mohammed Anfangs Anstoß daran genommen hätte"). Aber nur ein geringer Theil der Juden Medina's traten zu der Schar der Gläubigen über, besonders als sie sein selbstsüchtiges Streben, seinen Hochmuth, seine unersättliche Geschlechtsliebe erkannten. 9 G'alalein zu Sura 4, 58 bei Mg.rs.ooio >58 b. ") Quellen bei Weil: Mohammed 140, Note 209; Ogussin äs l?srosvs,1 das. III. 74. b) Osussin äs I'srssvs.t das. 25. Bei Weil das. S. 93, Note 120. ") Vergl. Geiger: Preisschrift S. 39. °) Weil das. S. 90, Note 115. Mohammed und die Juden. 95 Sie hatten ein zu hohes Ideal von den Propheten im Herzen, als daß sie diesen leidenschaftlichen Mann, der nach jedem schönen Weibe gelüstete, ihnen hätten gleichstellen sollen. „Sehet ihn," sprachen die Juden, „bei Gott! er wird von keiner Speise satt und hat keine andere Sorge als um die Weiber. Ist er ein Prophet, so möge er seinem Prophetenamte obliegen, nicht den Weibern"*). Oder die Juden sagten: wenn Mohammed ein Prophet ist, mag er in Palästina auftreten, denn nur dort offenbart sich Gott seinen Auserwählten st. Auch wendeten die Juden gegen ihn ein: „Du rühmst dich, von Abrahams Religion zu sein, aber Abraham aß nicht Fleisch und Käse von Kameelen" st. Hauptgegner Mohammed's von jüdischer Seite waren Pinehas Jbn-Azura vom Stamme Kainukaa, ein Mann mit beißendem Witze, der bei jeder Gelegenheit ihn lächerlich machte; ferner jener obengenannte Kaab Jbn-Ascharaf, von einem arabischen Vater und einer jüdischen Mutter geboren; ein Dichter Abu-Afak, Greis über hundert Jahre alt, der ihn bei den unwissenden und blinden Arabern verhaßt zu machen trachtete, und Abdallah, Sohn Saura's, aus der Familie Alghitiun, welcher als der gelehrteste Jude von Hegas galt. Selbst jüdische Proselyten, wie Kinana Jbn-Suria, der von den Ausiten abstammte, erkannten Mohammed's Prophetenthum nicht an*). Als einst Omar, zuerst heftiger Gegner und dann energischer Anhänger Mohammed's, unter eine Schar Juden trat, fragte ihn Pinehas Jbn-Azurast: „Welcher von den Engeln ist der Begleiter eures Propheten?" Und als ihm Omar erwiderte, es sei Gabriel, da entgegnete Pinehas witzig, auf einen agadischen Ausspruch anspielend: „Dieser Engel ist unser Feind, denn er verkündet stets nur Strafen für uns." Von Pinehas rührt auch das treffende Wort her, das er Mohammed entgegnete, als dieser den jüdischen Stamm der Benu-Kainukaa anging, den Islam anzunehmen. Mohammed hatte sich in seinem Briefe des Ausdrucks bedient: „Gebet Gott ein schönes Darlehn." Darauf ließ ihm Pinehas antworten: „Gott ist so arm, daß er ein Darlehn von uns verlangt." Abu-Bekr, der nachmalige Chalife, soll dem Witzling dafür eine harte Strafe zugedacht haben, so daß Pinehas leugnen mußte, es gesagt zu haben"). Mohammed st Commentare zu Koran Sura 4, 52 bei ills.rs.oaio 19s. und 158 b, 371. st G'alalein zu Sura 17, 77 bei Nsrsooio 413 b. Geiger das. S. 12. st Ders. beiiUsrsoaio 130 s. Vergl. Lbsoxbsnss QkronoArspbis I. 511. st Vergl. Weil das. S. 119 Note 60 und lUsrsooio 158 b. Weil 118. Note 156. Osussin äs Usrosvsl a. a. O. III. 26. st Die Commsntatoren zur Sura 2, 97 bei Llsi-sosto 43. Die Situation wird verschieden referirt, vergl. Geiger das. 18. st Quellen bei Geiger S. 15. 96 Geschichte der Juden. merkte sich's aber Wohl und theilte seinen Jüngern eine angebliche Offenbarung mit: „Gott hat die Stimme derer gehört, die da sprachen, Gott ist arm und wir sind reich. Ihre Rede wollen wir aufschreiben und ihre Tüdtung der Propheten, und zu ihnen sagen: nehmet die Pein des Fegefeuers hin" *). So neckten sich die jüdischen Gegner Mohammed's mit ihm herum, legten seinen Aussprüchen und Offenbarungen einen lächerlichen Sinn unter und behandelten ihn wegwerfend, ohne zu ahnen, daß der schwache Flüchtling aus Mekka, der hülfeflehend nach Medina gekommen war, binnen Kurzem ihre Stämme demüthigen und zum Theil vernichten und über einen großen Theil ihrer Religionsgenoffen bis in die entferntesten Zeiten das Loos werfen würde! Sie bauten zu sehr auf ihren Muth und auf ihre Stärke und vergaßen, daß der gefährlichste Feind derjenige ist, welchen man allzusehr verachtet. Mohammed nahm auch Anfangs in schlauer Verstellung die Geringschätzung der Juden mit scheinbarem Gleichmuthe hin. Er sprach zu seinen Gläubigen: „Mit dem Volke der Schrift iJuden) streitet nur auf anständige Weise und saget: wir glauben an das, was uns, und an das, was euch offenbart ist. Unser Gott und euer Gott ist nur Einer, und wir sind ihm ganz ergeben" „Gebet den Schriftbesitzern weder Recht, noch strafet sie Lügen," soll er seinen Jüngern eingeschärft haben. — Aber für die Dauer konnte das Verhältniß nicht in den Schranken der Duldung bleiben. Von der einen Seite gaben sich die Juden Mühe, ihm seine Gläubigen abwendig zu machen, selbst seine treuesten Gefährten Omar, Hudseifa und Maad^). Es gelang ihnen auch, den ersten Mann in Medina, den Chazra- giten Abdallah Jbn-Ubej, welcher auf dem Punkte stand, zum Könige dieser Stadt erwählt zu werden und durch Mohammed's Ankunft in den Schatten gestellt wurde, so sehr gegen ihn einzunehmen, daß er bis an sein Lebensende Opposition gegen Mohammed machte. Von der anderen Seite drangen seine Gläubigen in ihn, sich bestimmt darüber auszusprechen, wie er es mit dem J'udenthume halte. Sie sahen, daß seine Anhänger unter den Juden noch fortfuhren, die jüdischen Gesetze zu beobachten, sich des Kameelfleisches zu enthalten, und fragten ihn: „Ist die Thora ein göttliches-Buch, so laßt uns auch deren Vorschriften befolgen" ^). Da Mohammed zu sehr Araber *) Koran Sura 3, t82. -) Das. Sura 29. 46. 2) G'alalein bei Naraeoio das. 122. Weil das. 90, Note IIS. Vergl. llllisoxbanss ObronoZraxlris, all. Dann I. L1I. Mohammed gegen die Juden. 97 war, um sich dem Judeuthume anschließen zu können, andrerseits wohl erkannte, daß die Araber den ihnen ganz fremden religiösen Bräuchen Widerstand leisten würden, so blieb ihm nichts übrig, als mit den Juden entschieden zu brechen. Er offenbarte hierauf eine lange Sura (die Sura der Kuh genannt), voller Schmähungen gegen die Juden. Die Richtung beim Gebete änderte er ab und verordnet^ daß sich die Gläubigen nicht mehr nach Jerusalem, sondern nach Mekka und dem Kaaba-Tempel wenden sollten (624 ^). Gegen den Vorwurf der Jncousequenz berief er sich auf eine angebliche Offenbarung durch Gabriel: „Die Gesichtsrichtung (beim Gebete) haben wir deswegen geändert, damit man unterscheide zwischen denen, welche dem Propheten folgen, und denen, welche ihm den Rücken zukehren. Manchem ist das unlieb, aber nicht dem, den Gott regieret. Wo du auch bist, wende dein Gesicht nach dem Tempel Alharram (Kaaba), wo du dich auch befindest — Volk der Schrift! wisse Wohl, daß diese Wahrheit von seinem Gotte ist" Das Fasten am Versöhnungstage (Aschuraj schaffte er ab und setzte dafür den den Arabern seit uralter Zeit heiligen Monat Ramadhan ein ^). Er mußte noch Vieles zurücknehmen von dem, was er früher als Gottes Offenbarung ausgegeben hatte. Mohammed behauptete jetzt, in der Thora sei von seinem Erscheinen und seinem Prophctenberufe viel die Rede gewesen, die Juden hätten aber die Stellen ausgemerzt. Während er früher gepredigt hat, die Juden hätten den rechten Glauben, verbreitete er später, sie verehrten Esra (Orair) als Sohn Gottes , wie die Christen Jesus, folglich seien auch sie als Gottesleugner zu betrachten. Seine Verbitterung gegen die Juden, welche sein Prophetenthum leugneten und seine Vorspiegelungen durchschauten, führte ihn immer mehr zu Ungerechtigkeiten gegen sie. Ein Gläubiger von den medinensischen Hülfsgenossen hatte einen Panzer gestohlen, und als es ruchbar geworden war, legte er ihn, um .den Verdacht von sich abzuwälzen, in das Haus eines Juden, als wäre dieser der Dieb gewesen. Der Jude schwor aber bei Gott für seine Unschuld am Diebstahle. Darauf riefen die Ansar Mohammed auf, dem eigentlichen Dieb beizusteheu, weil er doch zu den Gläubigen gehörte, und Mohammed ging darauf ein^). So sehr er aber auch im innersten Herzen die Juden haßte, so wagte er es doch so bald nicht, sie durch Thätlichkeiten zu reizen. h Sprenger, Leben und Lehren Mohammsd's. 2) Koran Sura 2, 145 — 154.' o) Weil, das. 91, Oa-nsslir äs Usresvsl das. III. 34. 4) Koran Sura 9, 31. °) Quellen bei lilaraellio 166 a. f. Graetz, Geschichte der Jude». V. 7 98 Geschichte der Juden. Noch war sein Ansehen nicht befestigt genug, und die Juden waren durch ihre Zahl und ihre Verbindung theils mit den Chazragiten und theils mit den Ausiten der Schar seiner Anhänger überlegen. Dieses Verhältniß änderte sich aber nach der Schlacht bei Bedr (Winter 624), als die geringzähligen Mohammedaner einen Sieg über die zahlreichen Koraischiten davon getragen hatten. Mohammed war dadurch der Kamm so sehr gewachsen, daß er seitdem die Rolle eines deniüthigen Propheten mit der eines argwöhnischen Tyrannen vertauschte, dem jedes Mittel, auch Meuchelmord, recht war, sich seiner Feinde zu entledigen. Indessen ließ er sich noch immer von der Klugheit lenken, nicht mit den mächtigen jüdischen Stämmen anzubinden; er begann mit den schwachen und wehrlosen. Eine Dichterin Asma, Tochter Merwans, aus einem jüdischen Stamme geboren nud mit einem Araber verheirathet, wurde von einem Meuchelmörder in der Nacht auf ihrem Ruhebette erschlagen, weil sie Satiren gegen den falschen Propheten gedichtet hatte. Und Mohammed sprach des anderen Tages: „Wer einen Mann sehen will, der Gott und seinem Gesandten einen Dienst geleistet, der sehe Ome'tr an" (so hieß der Mörder). Einige Tage später wurde der jüdische Greis Abu-Afak von Omeir's Sohn ermordet, und später auch Kaab Jbn-Ascharaf, weil er die gefallenen Koraischiten bei Bedr durch eine Elegie betrauert hatte Z. Darauf sollte der jüdische Stamm der Kainukaa seinen frommen Zorn empfinden. Es war der schwächste der jüdisch-arabischen Stämme, und zu ihm gehörte jener Pinehas Jbn-Azura, der Mohammed durch schlagenden Witz lächerlich machte. Deswegen richtete er seinen Haß zuerst gegen die Kainukaa. Die Veranlassung war geringfügig. Ein Mohammedaner hatte einen Juden wegen eines schlechten Spaßes erschlagen, und die Kainukaa nahmen Rache dafür. Darauf forderte sie Mohammed auf, sich zum Islam zu bekennen oder den Krieg zu gewärtigen. Sie erwiderten ihm: „Wir sind zwar friedlich gesinnt und halten gerne das Büudniß mit dir; allein da du Gelegenheit suchst, uns zu bekriegen, so werden wir zeigen, daß wir auch Muth haben." Sie rechneten darauf, daß ihre glaubensgenössischen Stämme, die Nadhir und Kuraiza, sie nicht im Stiche lassen würden, und zogen sich in ihre Festungen bei Medina zurück. Mohammed sammelte darauf seine Truppen und belagerte die Kainukaa. Wären die zahlreichen Juden Nordarabiens, die Nadhir, Kuraiza und die von Chaibar, in richtiger Voraussicht, daß ihnen Aehnliches wie den Kainukaa bevorstaud, ihnen zu Hülfe gekommen, und hätten sie mit st Weil das. 117 f. Mohammed gegen die Inden. 99 dem Gegner Mohammed's ein Schutz- und Trntzbündniß geschlossen, wie zur Zeit, als es bereits zu spät war, so bätten sie ihn und seine geringen, zum Theil nicht ganz zuverlässigen Anhänger erdrücken können. Allein die Juden litten gleich den Arabern an Zersplitterung und hatten nur ihre selbstsüchtigen Stammesinteressen im Auge. Fünfzehn Tage kämpften die Kainukaa tapfer und warteten auf Verstärkung von ihren Glaubensbrüdern. Als diese aber ausblieb, öffneten sie dem Feinde die Thore ihrer Burgen. Mohammed ließ sämmtliche Kainukaaischen Juden in Fesseln schlagen und machte Miene, sie abzuschlachten; aber ein drohender Blick des Chazragiten Abdallah Jbn- Ubej, ihres Bundesgenossen, schreckte ihn von diesem Vorhaben zurück. Abdallah faßte ihn am Panzerhemde und sprach: „Ich lasse dich nicht los, bis du mir die Bitte gewährst, die Gefangenen loszulasseu; denn sie bilden meine Stärke, sie haben mich gegen die Schwarzen und Rothen vertheidigt." Mohammed sprach dann eingeschüchtert: „Laßt sie frei, Gott verdamme sie und ihn mit ihnen!" Die Juden des Stammes Kainukaa, siebenhundert an der Zahl, mußten ihre Habe im Stiche lassen und ganz entblößt nach Palästina auswandern (Februar 624 *). Sie ließen sich jenseits des Jordan in Batanäa, dessen Hauptort Adraat war, nieder, wo sie wahrscheinlich von ihren Glaubensgenossen, die zur Zeit von dem byzantinischen Joche befreit waren, brüderlich ausgenommen wurden. Nach dem Siege über die Kainukaa brachte Mohammed den Moslemin eine Offenbarung gegen die Juden, welche sie jedes Schutzes berauben sollte: „O, ihr Gläubigen, wählet keine Juden und Christen zu Bundesgenossen; sie mögen sich selbst beschützen. Wer sich mit ihnen befreundet, ist einer von ihnen; Gott duldet kein sündhaftes Volk" 2). Den Christen schadete diese Ausschließung weniger, da sie nicht zahlreich in Nordarabien vertreten waren und sich überhaupt leidend verhielten. Die Juden hingegen, an Unabhängigkeit gewöhnt und voll sprudelnden Muthes, waren durch diese Achtserklärnng in gefährliche Reibungen verwickelt. Ihre ehemaligen Schutzgenossen sagten sich meistens von ihnen los und übten auf Mohammed's Geheiß tückische Rache an ihnen. Ein Moslem tödtete einen Juden, der sein Lebelang sein Wohlthäter gewesen, und der Bruder des Mörders selbst, noch ein Heide, war empört darüber^). Bei solcher Lage gehörte Muth dazu, wenn sich einige Muselmänner, welche ihre anerzogene Treue nicht durch Fanatismus unterdrückt hatten, dennoch 9 Das. 119. Oanssiu äs Usrosvsl a. a. III. 89 ff. 2) Koran Sura 5, 59, 60. Weil das. 100 Geschichte der Juden. der Juden angenommen haben. Diesen Math bewies der schon genannte edle Abdallah. Als Mohammed zum Gefechte bei Ochod ausrückte, gehörte auch Abdallah zum Gefolge und entbot dazu eine Schar von sechshundert jüdischen Bundesgenossen vom Stamme Nadhir. Der Prophet mochte sie aber nicht eher am Kampfe Theil nehmen lassen, bis sie sich zum Islam bekannten. Als sie sich aber dessen weigerten, zog auch der edle Chazragite Jbn-Ubej mit dreihundert Mann ab i). Bei diesem gegenseitigen tödtlichen Haß zwischen Mohammed und den Juden ist es glaublich, daß die Benu-Nadhir ihn einst in ihre Burg Zuhara eingeladen haben in der Absicht, ihn von der Terrasse herabzu- stürzen und seinem Leben ein Ende zu machen. Ihr Häuptling war damals Hujej Jbn-Achtab, ein muthiger Krieger. Mohammed war der Einladung gefolgt, um sich von de» Nadhir den Antheil an Lösegeld für erschlagene Araber zahlen zu lassen, merkte aber an den Bewegungen der Juden, daß sie es auf sein Leben abgesehen hatten, machte sich davon und eilte nach Medina. Schwer sollten die nadhiritischen Juden dieses Vorhaben büßen. Mohammed stellte ihnen die Wahl, ihre Heimath innerhalb zehn Tagen zu verlassen oder sich auf den Tod gefaßt zu machen. Die Nadhir waren Anfangs bereit, den Kampf zu vermeiden und auszuwandern, allein ermuthigt von Abdallah Jbn-Ubej, der ihnen Hilfe versprochen, nahmen sie den hingeworfenen Fehdehandschuh auf. Aber sie warteten vergebens, in ihren Burgen eingeschlossen, ans die in Aussicht gestellte Unterstützung. Mohammed begann den Krieg gegen sie damit, daß er die Dattelbäume, welche ihnen die Nahrungsmittel lieferten, ausreißen und verbrennen ließ. Darüber waren selbst seine eigenen Leute empört; denn diesen gewissenlosen Kriegern war eine Palme heiliger als ein Menschenleben. Nach mehrtägiger Belagerung mußten die Nadhir kapituliren, und die Bedingung war, daß sie ohne Waffen auswandern und von ihrer Habe nur so viel mitnehmen dürften, was ein Kameel tragen kann. Sie wanderten darauf, sechshundert an der Zahl, mit klingendem Spiele aus, ließen sich theils bei ihren Brüdern in Chaibar und theils bei Jericho und in Adraat nieder (Juni — Juli 625 ^). Den Krieg gegen die Nadhiriten rechtfertigte Mohammed hinterher durch eine Koran-Offenbarung: „Gott preiset, was im Himmel und auf Erden ist, er ist der Allverehrte, der Allweise. Er ist es, der die Ungläubigen unter den Schriftbesitzeru aus ihren Wohnungen vertrieb, zu den schon früher Ausgewanderten >) Das. 124. Oaussin äs Usresvsä das. 95. 2) Weil das. 135. Oaussin äs Lsrosval 121 ff. Vertreibung der jüdischen Stämme aus Arabien. 101 lKainukaa). Ihr dachtet nicht, daß sie auswandern würden; sie selbst glaubten, ihre festen Plätze würden sie gegen Gott beschützen; aber Gott fiel über sie her von einer ganz unerwarteten Seite und warf Schrecken in ihr Herz, so daß ihre Häuser von ihren eigenen Händen sowohl, als von denen der Gläubigen verwüstet wurden. Nehmet dies zur Belehrung, ihr, die ihr Augen habet. Hätte Gott nicht Verbannung über sie verhängt, so hätte er sie schon in dieser Welt gezüchtigt, doch in jener harrt ihrer die Pein der Hölle. Dieses ist, weil sie sich Gott und seinem Gesandten widersetzen; wer sich Gott widersetzt, den bestraft er mit Strenge. Sowohl euer Abhauen einiger Dattelbäume als eure Schonung anderer geschah mit der Erlaubniß Gottes; denn er straft damit die Uebelthäter. Hast du nicht gesehen, wie die Heuchler ihren ungläubigen Freunden unter den Schriftbesitzern sagten: ,Werdet ihr vertrieben, so wandern wir mit euch aus, wir werden Niemandem gegen euch gehorchen, werdet ihr bekriegt, so stehen wir euch bei!' — „Aber Gott bezeugt, daß sie Lügner sind. Wenn jene vertrieben werden, so ziehen sie nicht mit ihnen weg, werden sie bekämpft, so leisten sie ihnen keinen Beistand, und thäten sie es auch, so würden sie bald den Rücken kehren und jene blieben hülflos. Die Heuchler gleichen dem Satan, welcher die Mensche» zum Unglauben verleitet, und wenn sie ungläubig geworden, zu ihnen sagt, ich theile eure Schuld nicht; ich fürchte den Herrn der Welt" *). Die vertriebenen Benu-Nadhir, welche in Arabien geblieben waren, nahmen ihr Unglück nicht so gleichmüthig hin, sondern bemühten sich, eine Coalition der Feinde Mohammed's zusammen zu bringen, um ihn mit vereinten Kräften zu bekämpfen. Drei angesehene Nadhiriten: Hujej, Kinanah Jbn'ul-Rabia' und Sallam Jbn-Mischkam, stachelten die Koraischiten in Mekka, den mächtigen Stamm der Ghatafan und Andere zu einem Bundeskriege gegen den übermüthigen, tyrannischen Propheten auf, der mit jedem Tage mächtiger und grausamer wurde. Die Feinde Mohammed's in Mekka, obwohl racheglühend gegen ihren Stammverwandten, mußten aber erst durch die Juden zu neuem Kampfe angeregt werden. Die Koraischiten waren nämlich zweifelhaft geworden über den Werth ihres ererbten Cultus gegenüber der von Mohammed gepredigten Religion und fragten die Juden: „Ihr Männer des Buches, die ihr alle Völker durch eure Schriften übertreffet, sagt uns, welche Religion ist die bessere; unsere angestammte oder Mohammed's?" Die Juden antworteten ihnen: „Die eurige ist besser." Darauf soll sich Mohammed's Tadel beziehen: „Siehst du nicht jene, denen ein. -) Koran Sura 59, 1 — 8, 11 — 16. 102 Geschichte der Juden. Theil der Schrift zugekommen ist; sie glauben an Gott und an Taghut (Götzenthum) und sprechen zu den Ungläubigen: ihr seid besser geleitet als jene, welche an Mohammed glauben'^). Endlich waren die arabischen Stämme durch die Rührigkeit der Nadhiriten zu einem Coalitionskriege bereit. Schwerer wurde es ihnen, ihre Glaubensbrüder, die Benu-Kuraiza, zur Theilnahme zu bewegen. Ihr Häuptling, Kaab-Jbn-Assad, wollte den Nadhiriten Hujej, der ihn um Asyl gebeten, anfangs gar nicht aufnehmen, weil sein Stamm ein Bündniß mit Mohammed und den Moslemiten geschlossen hatte, und er verblendet genug war, auf Mohammed's Wort zu bauen. Doch Hujej, der den Häuptling Kaab an ihre gegenseitige Freundschaft erinnerte und den Kuraiza mit einem Eide versprach, daß er und seine Freunde sich im äußersten Falle mit ihnen in die Festung einschließen würden, erlangte endlich Einlaß. Er wußte ihn so sehr von der Gefahr zu überzeugen, welche ihnen, als Juden, von Seiten Mohammed's drohte, und von der Gewißheit des Sieges, welchen so zahlreiche Verbündete über die geringere Zahl der Moslemin erringen müßten, daß die Benu-Kuraiza sich anschlosscn. — Zehntausend Mann Verbündete rückten ins Feld und dachten Medina unversehens zu überrumpeln. Allein Mohammed war durch einen Verräther gewarnt worden und ließ, ohne tollkühn ein Treffen im offenen Felde gegen die Ueberzahl zu wagen, Medina mit einem tiefen Graben und anderen Vorkehrungen schützen, was von den Arabern als Feigheit ausgelegt wurde, aber von sicher berechnender Klugheit Mohammed's zeugt (Februar 627). Die Araber, gewöhnt auf Ritterweise Mann gegen Mann zu kämpfen, erschöpften ihre Pfeile gegen die Schanzen ohne Erfolg. Es gelang Mohammed endlich sogar gegenseitiges Mißtrauen unter die Hauptverbündeteu, die Koraischiten, Ghatafan und Juden zu streuen. Er schickte einen heimlichen Boten vom Stamme Ghatafan zuerst zu den Kuraiza, der sie überredete, sich von den Verbündeten zu trennen, weil jene um einen Separatfrieden mit Mohammed unterhandelten, und daß sie dann, allein stehend, zu schwach zum Widerstand und wegen ihrer Nähe allen Gefahren ausgesetzt sein werden. Die Kuraiza glaubten dem Falschen und versagten den Verbündeten, Theil an einem allgemeinen Sturm gegen Medina zu nehmen, theils weil sie Sonnabend nicht zur Schlacht ausrücken mochten, und theils weil sie zuerst von den Verbündeten Geißeln in Händen haben wollten, daß jene nicht Verrath an ihnen üben würden. Nuaim, der Unterhändler, hatte Koran Sura 4, 49 bei Naraooio das. 158 b; über das Wort Taghut s. o. S. 71 Anmerkung. Der Grabenkrieg. 103 aber jene schon von der Absicht der Kuraiza im Voraus in Kenntniß gesetzt, daß sie nicht zum Kampfe ausrücken werden, und es als Zeichen der Lauheit ausgegeben, und da ohnehin im beginnenden Frühjahr die Witterung ungünstig war, zogen die Verbündeten unverrichteter Sache ab. Der Grabenkrieg, wie er genannt wurde, war für Mohammed glücklich abgelaufen und wurde nur den Juden verderblich, die seinen ganzen Zorn empfinden sollten. Denn gleich am Tage nach Abzug der Verbündeten zog Mohammed, sich auf eine vorgebliche Offenbarung berufend, mit drei Tausend Mann gegen die Kuraiza zu Felde. Er hatte seine Anhänger zu diesem Kriege förmlich fanatisirt: „Wer gehorsam ist, der verrichte sein Gebet in der Nähe der Kuraiza." — Zu schwach zur Feldschlacht, zogen sich dis Inden in ihre Burgen zurück und verschanzten sie. Darauf belagerte sie Mohammed mit 3000 Mann fünfundzwanzig Tage hintereinander (Februar — März 627). Da den Kuraiza die Lebensmittel ausgegangen waren, mußten sie an Capitulation denken. Sie verlangten von Mohammed, daß er sie ebenso wie ihre Brüder, die Nadhir, behandeln, d. h. mit Frauen, Kindern und einem Theil ihrer Habe abziehen lassen sollte. Der rachsüchtige Prophet verwarf aber diesen Vorschlag und verlangte, daß die Kuraiza sich ans Gnade oder Ungnade ergeben sollten. Darauf traten die Juden zur Bcrathung zusammen und baten ihren Führer, Kaab-Jbn-Affad, ihnen Vorschläge zu machen. Dieser stellte ihnen drei Wege vor. Sie sollten entweder zum Islam übergehen, oder echt zelotisch ihre Frauen und Kinder mit eigenen Händen tödten und dann einen verzweifelten Ausfall machen, oder endlich in derselben Nacht eines Sabbat, wo die Feinde einen Angriff nicht erwarteten, einen plötzlichen Ueberfall veranstalten. Aber die Kuraiza konnten sich mit keinem dieser Vorschläge befreunden. Sie mochten weder ihre Religion verleugnen, noch den Sabbat durch Krieg verletzen, noch die theuern Wesen opfern. „Nun," erwiderte Kaab, „da ihr Männer ohne Entschluß seid, so ergebet euch!" Sie baten darauf Mohammed, ihnen den Ausiten Abu-Lulabu zuzusenden, um mit ihm zu unterhandeln. Dieser, als ihr ehemaliger Verbündete, hatte ihnen viel Interesse gezeigt. Mohammed gewährte ihnen diese Bitte. Als Abu-Lnlabu in die Festung eingelassen war, kamen ihm die Kuraiza laut schluchzend und wehklagend entgegen und beschworen ihn bei ihrer Bnndesgenosscnschaft und bei den Kämpfen, die sie gemeinsam bestanden, ihnen die Wahrheit zu sagen, ob Mohammed wenigstens ihr Leben schonen würde. Abn-Lulabn, anfangs von Mitgefühl hingerissen, aber zu vorsichtig, um ein Wort zu sprechen, 104 Geschichte der Juden. fuhr mit dem Finger an seinen Hals und gab ihnen so ihr bevorstehendes Geschick zu erkennen. Bald aber bereute er es und redete ihnen zu, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Als die Knraiza darauf auf Mohammed's Befehl gefesselt wurden, baten ihn die Ausiten, sie zu verschonen. Mohammed aber, der weder Gnade üben, noch es mit den Ausiten verderben wollte, wandte einen hinterlistigen Answeg an. Er überließ die Entscheidung dem Ausspruche des Ausitenhäupt- lings Sa'ad, der damals schwer erkrankt mar an einer Wunde, die er bei der Belagerung von Medina von den Verbündeten erhalten hatte. Mohammed wußte, daß Sa'ad, erbittert über die Wunde, nicht zu Gunsten der Juden sprechen würde. In der That fiel sein Urtheil unmenschlich genug aus. Sa'ad, die letzte Instanz, sprach die verhängnißvollen Worte aus: „Ich verurtheile alle Männer zum Tode, alle Frauen und Kinder zur Gefangenschaft, ihr Hab und Gut als Beute den Moslemin." Mohammed verfehlte nicht, dieses Urtheil als ein göttliches zu bestätigen und vollstrecken zu lassen. Nahe an siebenhundert Juden, darunter auch die Häuptlinge Kaab und Hujej, wurden auf einem öffentlichen Platze in Medina geschlachtet und in eine gemeinsame Grube geworfen; der Platz erhielt davon den Namen der Markt der KnraizaZ. Diese Schändlichkeit wurde im Namen Gottes geübt. Der Koranvers darüber lautet: „Gott vertrieb diejenigen der Schriftbesitzer (Juden), welche ihnen,, den Verbündeten, beigestanden, aus ihren festen Plätzen und warf Schrecken in ihr Herz. Einen Theil von ihnen habt ihr erschlagen und einen anderen gefangen genommen; er hat Euch ihr Land, mit ihren Wohnungen und Gütern, das ihr früher nie betreten, zum Erbtheil gegeben. Gott ist allmächtig 2)." Die Frauen wurden gegen Waffen und Pferde vertauscht, und ein schönes Mädchen, RihLua, behielt sich Mohammed als Buhlerin, die aber seine widerlichen Guustbezeugungen stolz zurückwies. Nur ein einziger der Kuraiza sollte am Leben bleiben. Ein Chazragite Thabit, dem ein Jude, Zabir Jbu-Bata, während der Fehden zwischen den Stämmen Kaila Leben und Freiheit geschenkt hatte, verwendete sich für seinen Retter bei Mohammed. Weil Thabit sich sehr verdient gemacht hatte, gewährte ihm Mohammed Zabir's Leben und die Rückerstattung der Familienglieder und Güter. Voller Freude eilt er zu dem greisen Zabir, ihm die günstige Wendung seines Geschickes zu verkünden. „Ich danke dir," sprach der jüdische Greis, st Weil das. IS7 f. Oa-nsain äs ksrosval das. III 141 ff. Koran Sura 33, 26 f. Krieg gegen Chaibar. 105 der noch in Fesseln lag, „aber sage mir, was ist aus unserm Anführer Kaab geworden?" „Er ist.todt," antwortete Thabit. „Und Hujej Jbn-Achtab, der Fürst der Juden?" — „Todt." — „Und Azzel Jbn-Samuel, der unerschrockene Krieger?" — „Todt." —- „Dann mag ich nicht mehr leben", sprach Zabir, „und verlange von dir, Freund, nur die Gnade, mich durch deine Hand sterben zu lassen." Er reichte ihm hierauf seinen Hals hin mit zelotischem Heldenmuthe, und Thabit gab ihm den Tod *). Ein Jahr darauf kamen die Juden der Landschaft Chaibar, ein Bund von kleinen jüdischen Republiken, an die Reihe. Der Grund zum chaibarischen Kriege ist nicht bekannt geworden; aber wozu bedurfte es noch bei Mohammed eines Grundes? Ein Häuptling der Chaiba- riten, mit Namen Aljußar Jbn-Rizam, soll an einer neuen Coalition gegen Mohammed gearbeitet und den Stamm Ghatafan und noch einen andern zum Kriege gegen ihn aufgestachelt haben. Mohammed ließ Aljußar nach Medina locken unter dem Scheine, er werde ihn zum Fürsten von Chaibar machen, und ließ ihn unterwegs ermorden (Ende 627 ^). Der Hauptgrund zum Kriege gegen Chaibar war aber, die beutegierigen Muselmänner, welche einen erfolglosen Zug gegen Mekka unternommen hatten, mit der Beute der chaibarischen Juden zu befriedigen. Der Krieg gegen Chaibar war aber nicht so leicht und nahm die Verhältnisse eines ausgedehnten Feldzuges an. Denn hier gab es, wie schon erwähnt, eine Reihe von Festungen, die in guten Zustand gesetzt waren und von Männern vertheidigt wurden, die als lebende Festungen gelten konnten. Die exilirten Nadhiriten in Chaibar entflammten ihre Genossen zu tapferem Kampfe. Arabische Stämme Ghatafan, Fezara hatten Hilfe zugesagt. Die Seele der Chaibariten war der verbannte Nadhirite, Kinanah Jbn'ul Rabia', (o. S. 101) ein Mann von zelotischer Standhaftigkeit und Löwenmuth, welcher König der Juden hieß. Ihm zur Seite stand Marhab, ein Riese von himjaritischer Herkunft, der jedem Schwertstreiche trotzte. Mohammed wendete sich daher vor dem Beginn des Krieges im Gebete zu Gott, daß er ihm Sieg über die Juden von Chaibar verleihen möge. Der Krieg, zu welchem Mohammed 14 000 Mann entboten hatte, dauerte beinahe zwei Monate (Frühj. 628). Ein jüdischer Tapferer, der Nadhirite Sallam Jbn-Mischkam, hatte ge- rathen, den Angriff nicht abzuwarten, sondern mit großen Massen dem Feinde entgegenzugehen. Der Rath wurde aber verworfen. Die *) LRu-Ssin äs k?sresvs.l das. nach dem 8irs4 ar-Nasrä und Obarnis. 2) Osmssin äs iLsresval. das. III. 159 f. bei Weil lautet die Angabe anders das. 171 Note 255. 106 Geschichte der Juden. Chaibariten zersplitterten ihre Kräfte, indem sie die Mannschaften in die verschiedenen Festungen legten?). Der Krieg gegen Chaibar nahm daher denselben Charakter an, wie der gegen die anderen jüdischen Stämme. Er begann ebenfalls mit Umhauen der Palmbäume und dem Berennen der kleinen Festungen, welche nach kurzem Widerstande fielen. Am längsten und tapfersten leistete die Burg Kamuß, auf einem steilen Felsen erbaut, Widerstand. Mehreremal schlugen die Juden den Sturm der Mohammedaner zurück. Abu-Bekr und Omar, die zwei tapfersten Feldherrn Mohammed's, später seine Nachfolger (Chalifen), ließen ihren Soldatcnruhm vor den Mauern Kamuß'. Marhab that Wunder der Tapferkeit, er hatte den Tod seines Bruders Harith zu rächen, der bereits gefallen war. Als Mohammed gegen ihn den dritten Feldherrn Ali, später Gegen-Chalif, aussandte, rief der jüdische Held: „Chaibar kennt meine Tapferkeit, ich bin Marhab der Held, schwer bewaffnet und erprobt im Feld!" Er forderte dann Ali zum Zweikampf heraus. Aber seine Stunde hatte geschlagen; er fiel durch die Hand eines ebenbürtigen Gegners. Nach vielen Anstrengungen gelang es den Feinden in die Festung einzurücken. Wie es den Gefangenen erging, ist nicht bekannt. Kinanah wurde gefangen und gefoltert, damit er die verborgenen Schätze entdecken sollte. Aber er ertrug, wie die Zeloten nach dem Untergange Jerusalems. Schmerzen und Tod, ohne ein Wort zu sprechen. Nachdem die Festung durch Ueberrumpelung gefallen war, entsank den jüdischen Kriegern der Muth, und die anderen Festungen ergaben sich unter der Bedingung freien Abzugs. Später wurden sie im Besitz ihrer liegenden Gründe gelassen und brauchten nur die Hälfte ihres Ertrages alljährlich als Tribut zu zahlen "). Die bewegliche Habe wurde erbeutet, und die mohammedanischen Krieger kehrten beladen mit den Schätzen der Juden heim. Auch Fadak Wadi'l-Kora und Taima unterwarfen sich, und deren jüdische Bewohner durften laut eines Vertrages in ihrem Lande bleiben. — Das Jahr 628 war für die Juden überhaupt verhängnißvoll. Es bezeichnet den Sieg Mohammed's über die chaibarischen Juden, den Untergang der letzten freien jüdischen Stämme und die Verfolgung der Juden Palästinas durch den Kaiser Heraklius, welche auf kurze Zeit wieder zu den Waffen gegriffen hatten. Das Schwert, welches die Hasmonäer zuerst zur Verteidigung ihrer Religion in die Hand genommen und es den Zeloten und diese wieder den arabischen Juden vererbt hatten, wurde st OLNSsiii äs Usrssvs.1 das. 135 nach dem Tarik Otminis. st Weil 184 ff. Osmssiii äs Usrosval das. 196 ff. Zainab. 107 den letzten jüdischen Helden von Chaibar entwunden, und fortan mußten die Juden ein anderes Schild zum Schutze ihres Heiligthums gebrauchen. Zwei schöne jüdische Frauen brachte sich Mohammed aus dem chaibarischen Kriege mit, Sofia, die Tochter seines Todfeindes, des Nadhiriten Hujej, dessen Blut er zu Medina wie ein Schlächter vergießen ließ, und Marhab's Schwester, die schöne Zainab, die Frau Sallam's. Dieses muthige Weib ersann eine List, um sich an dem Mörder ihrer Glaubensbrüder und Verwandten zu rächen. Sie stellte sich freundlich gegen ihn, bewirthete ihn und ließ ihn Liebesgenuß erwarten. Arglos aß Mohammed eine vergiftete Keule, die sie ihm und seinen Tischgenossen vorgesetzt. Einer derselben starb daran. Mohammed aber, der den Bissen als unschmackhaft ausgespieen, war für den Augenblick zwar gerettet, aber er litt lange Zeit daran und fühlte in seiner Todesstunde noch die Folgen der Vergiftung. Als Mohammed sie nach dem Grunde ihrer That fragte, erwiderte Zainab kaltblütig: „Du hast meinem Volke unsägliche Leiden zugefügt; ich dachte daher, bist Du bloß ein kriegslustiger Unterdrücker, so werde ich meinem Volke Ruhe durch Gift verschaffen, bist Du aber ein Prophet, so wirst Du durch Gott davor gewarnt werden, und cs wird Dir nicht schaden." Mohammed ließ sie darauf hinrichteu *). Darauf erließ Mohammed an seine Truppen den Befehl, das von den Juden erbeutete Küchengefäß nicht eher zu gebrauchen, bis es mit Wasser ausgekocht wurde ^). — Der Rest der Juden gab noch immer die Hoffnung nicht auf, sich ihres Erzfeindes entledigen zu können. Sie intriguirteu gegen ihn heimlich und machten mit den unzufriedenen Arabern gemeinschaftliche Sache. Das Haus eines Juden Suwailim in Medina war der Sammelpunkt für die Unzufriedenen, welche Mohammed und seine fanatische Schar die Heuchler (Munafikun) nannten. Es wurde aber verrathen, und Suwailim's Haus wurde in Brand gesteckt ^). Ueber Mohammed's Tod (632) empfanden die Juden in Arabien eine gerechte Schadenfreude; denn sie glaubten, gleich andern, die Araber würden von dem Wahnglauben geheilt sein, daß er ein höheres, mit Unsterblichkeit begabtes Wesen wäre. Allein schon hatte sich der Fanatismus, gepaart mit Eroberungs- und Kriegslust, der Araber bemächtigt, und sie nahmen die häßlichen Seiten des Koran ebenso wie die dem Judenthum entlehnten Wahrheiten in demselben als U So nach den meisten arabischen Chronographen. 2) Weil das. 188. 3) Onussin äs Usrosval das. III. 284. 108 Geschichte der Juden. unverbrüchliches Gotteswort hin. Das Judenthum bekam an dem Islam, den es an seiner Brust genährt hatte, einen zweiten mächtigen Feind. Der Koran wurde das Grundbuch für einen großen Theil der Menschheit in drei Erdtheilen, und da er von gehässigen Aussprüchen gegen die Söhne des Judenthums gefüllt ist, so erzog er die mohammedanischen Völker, wie die Evangelien die christlichen, zum Hasse gegen dieselben. So groß war der Fanatismus des zweiten Chalifen Omar, einer wilden energischen Natur, daß er das von Mohammed eingegangene Friedensbündniß mit den Juden von Chaibar und Wadil- Kora brach, sie von ihrem Grund und Boden vertrieb, ebenso wie die Christen aus Nagaran, damit der geheiligte Boden Arabiens nicht von Juden und Christen entweiht werde. Die Ländereien der Juden wies Omar den mohammedanischen Kriegern an, und den vertriebenen Juden wurde dafür — noch gerecht genug — ein Landstrich in der Nähe der Stadt Kufa am Euphrat angewiesen (um 640 st. Doch wie kein Uebel in der Geschichte ganz ohne segensreiche Folgen ist, so beförderte auch die Herrschaft des Islam die Erhebung des Judenthums aus der theilweisen Verkümmerung. st ^.bräksäs. anns-lss sä. ^.älsr I. 135, 1a.bs.ri bei Weil: Geschichte der Chalifen I. 56. Vierte Epoche der ersten Periode: Die gaoniiische Zeit. Fünftes Kapitel. Das erste gaonäische Jahrhundert. Die Eroberungen dos Islam; Jerusalem. Omar's Unduldsamkeit; der Omarbund. Jüdisches Urtheil über die Herrschaft des Islam. Glückliche Lage der babylonischen Juden. Der Exilsfürst Bostanai und die persische Königstochter Dara. Das Schulhaupt R. Isaak und der Chalife Ali; die Gaon-Würde. Reform des Ehescheidungsgesetzes. Das Exilarchat und Gaonat. Huldigungsfeierlichkeiten für den Exilarchen; die Hochschulen und ihre Collegien. Die Gemeindeverfassung. Der Bann. Der einigende Verband der zerstreuten Juden. Gedrückte Lage der westgothisch-spanischen Juden. Die Concilien und Gesetze Der Erzbischof Julian von Toledo und die Juden. Verschwöruugsversuch; die Juden zur Leibeigenschaft verurtheilt, erlangen durch den Sieg des Islam Freiheit und angesehene Stellung. 640 (658s—760. Kaum ein Jahrzehnt nach Mohammed's Tode gehörten die schönsten Länder im Norden Arabiens und im Nordwesten Afrikas den Söhnen der Wüste, welche mit dem Schwerte in der einen, mit dem Koran in der andern Hand über die Grenzen der Halbinsel hinausgestürmt waren, mit dem Rufe: „Es ist kein Gdtt als Allah und Mohammed sein Prophet!" Obwohl kein hinreißender, überwältigender Held an der Spitze der arabischen Scharen die Siegesbahn beschritt, so siegten sie doch mit noch viel größerer Schnelligkeit als die Heeressäulen des macedonischen Alexander. Das altersschwache, zersetzte Perserreich erlag den ersten Stößen, und die byzantinischen Provinzen Palästina, Syrien und Egypten, deren Bevölkerung nur geringe Anhänglichkeit an den von Jntriguen lebenden Hof von Konstantinopel empfand, wehrten sich nicht einmal gegen die Araber. Medina, eine Oase in der großen Wüste, ein den Völkern unbekannter Flecken, wurde wie einst Rom die Gesetzgeberin für Millionen. Den eroberten Völkerschaften verschiedener Zunge blieb keine andere Wahl, 110 Geschichte der Juden. als entweder Mohammed als Propheten anzuerkennen und sich dem Islam zu ergeben, oder Tribut zu zahlen. Palästina ging kaum ein Jahrzehnt, seitdem es Kaiser Heraklius den Persern entrissen hatte, dem byzantinischen Reiche wieder verloren. Juden und Samaritaner waren darin einig, die Araber bei der Eroberung des Landes zu unterstützen, um von dem schweren Joche des tückischen Byzanz befreit zu sein. Ein Jude spielte das starkbefestigte Cäsarea, die politische Hauptstadt des Landes, das 700 000 streitbare Männer gehabt haben soll, und darunter 20 000 Juden, den Muselmännern in die Hand. Er zeigte ihnen einen unterirdischen Gang, der die Belagerer ins Innere der Stadt führte *). Auch die heilige Stadt unterlag nach einer kurzen Belagerung den mohammedanischen Waffen. Der zweite Nachfolger Mohammed's, der Chalife Omar, nahm in eigener Person Besitz von Jerusalem (um 636) und legte den Grundstein zur Moschee des Felsens (as Sukkara), welche allen Muselmännern ein hochverehrtes Heiligthum geworden ist. Den Namen hat diese Moschee von einem vierzig Fuß langen und vier Fuß hohen unregelmäßigen Felsstück in der Mitte der Moschee, welches an einer Stelle ein Loch hat. Omar wollte nämlich das mohammedanische Heiligthum auf demselben Platz erbauen, auf welchem einst der Tempel gestanden hatte und verlangte von dem damaligen Bischof von Jerusalem, Sophronius, ihm den Platz zu zeigen, Nach einigen Ausflüchten wies dieser auf ein durchlöchertes Felsstück, auf welchem die Juden am Fasttage zur Erinnerung an den Untergang Jerusalems zu trauern pflegten und das die Christen aus liebevoller Pietät mit allerlei Unrath beworfen hatten. Omar, im Glauben, daß dieser Fleck der Mittelpunkt des ehemaligen Heiligthums gewesen sei, säuberte selbst das Felsstück und legte den Grundstein zur Moschee um dasselbe: „Dieser Stein soll ein Gotteshaus werden." Es ist aber nur ein Trümmerstück von irgend einem zerstörten Gebäude im ehemaligen Jerusalem. Der Bischof hat vielleicht selbst geglaubt, daß der Stein, an dem die Juden Klagelieder wimmerten, den Tempelplatz bezeichne, oder hat den Chalifen täuschen und einen beschmutzten Platz für das mohammedanische Heiligthum anweisen wollen. Er hat aber damit eine arge Täuschung veranlaßt. Denn die mohammedanischen Gläubigen verehren diesen Felsen bis auf den heutigen Tag als allerheiligst, als die Pforte zum Himmel, wie sie den schwarzen Stein in der Kaaba ff.Uslaäori bei Weil: Chalifengeschichte Anhang zu B. I. S. 2. Vergl. Os-ussiu äs Useosval, bistoirs äss ^.rabss III. 500. Der Omarbund. 111 in Mekka verehren, in dem sie die Fußstapfen des Erzvaters Abraham erblicken. Bedeutungslosen Trümmerstätten, vom Ban des Hauses Israel losgelöst, zollten die Mohammedaner wie die Christen weihevolle Verehrung, die Eigner aber, denen sie diesen Abhub verdankten, ächteten sie. Der Bischof Sophronius, welcher Omar die Schlüssel von Jerusalem überreicht hatte, unbelehrt von dem Wechsel der Geschicke, den er selbst erfahren (o. S. 25), soll sich vom Chalifen in der Capitulation bedungen haben, daß es den Juden verwehrt bleiben sollte, in der heiligen Stadt zu wohnen. Ein eigenes Geschickesloos! Jerusalem wurde zwar auch den Muselmännern eine Stätte der Verehrung und der Wallfahrt und von ihnen die Heilige (Alkuds) genannt, aber ihren Söhnen sollte sie unzugänglich bleiben *). Auch aus Tiberias soll Omar die Juden sannnt den Christen vertrieben und hiermit der Lehrtätigkeit der dortigen Schule ein Ende gemacht haben 2). Doch erhielten sie unter den nachfolgenden Chalifen wieder die Erlaubniß, sich da abermals anznsiedeln st. Der junge Islam war also nicht weniger unduldsam als das Christenthum. Wie Omar die Juden aus Chaibar und die Christen aus Nagaran ansgewiesen hat, so ertheilte er den ans Eroberung ansgesandten Feldherr» Verhaltungsregeln gegen Juden und Christen. Diese Regeln führen den Namen „der Omarbund", weil sie von diesem Chalifen stammen, und enthalten mancherlei Beschränkung gegen die beiden „Völker der Schrift" (Juden und Christen). Sie dürfen keine neuen Gotteshäuser bauen, noch baufällige wieder Herstellen, und sollen in den Synagogen und Kirchen nur halblaut singen und still für die Verstorbenen beten. Sie dürfen ihre Mitglieder nicht hindern, den Islam anzuuehmen und sollen den Muselmännern mit Achtung begegnen. Sie sollen ferner kein Amt bekleiden und über Mohammedaner nicht Recht sprechen. Sie dürfen nicht auf Rossen reiten, und sollen eine eigene Tracht anlegen, um auf den ersten Blick von den Moslemin unterschieden werden zu können st. Inden und Christen dürfen sich auch keines Siegelringes bedienen, welcher als ein besonderes Ehrenzeichen galt. Während die Mohammedaner steuerfrei waren und höchstens nur eine geringe Abgabe für die Armen zu leisten hatten, mußten die st 8s.r-Hsdrs.sas Obronioon s^risonrn sä. Lirsoli syrischer Thcil 108; vergl. Munk, Rslsstins S. 614. st Raumer Palästina S. 138. Die Quelle ist nicht angegeben. st Der Pilger Willibald berichtet im Jahre 765: ibi (Nibsrisäs) sanb raaltss seolssiss st s^nsAoZs äuässornnr, bei Robinson, Rslssstins II. 522. st 8 Rosson, bistoirs äss AlonZols III. p. 274. Weil: Chalifen II. 353 f. 112 Geschichte der Juden. Juden und Christen Kopfsteuer (G'esiah') und Grundsteuer (Charag) zahlen. Trotzdem fühlten sich die Juden in dem neuentstandenen islamitischen Reiche freier, als in den christlichen Ländern. Die beschränkenden Omargesetze kamen unter Omar selbst nicht zur Ausführung. Daun setzten selbst die fanatischen Muselmänner die Juden nur als Religionsbekenner zurück, verachteten sie aber nicht als Menschen und Bürger, erwiesen vielmehr verdienstvollen Juden hohe Achtung. Die ersten Mohammedaner hatten noch mit Juden als Ihresgleichen verkehrt, achteten sie als Freunde und Bundesgenossen und hatten selbst als Feinde eine Interesse an ihnen. Die asiatischen und egyptischeu Juden begrüßten daher die Mohammedaner als ihre Befreier vom Joche der Christen. Eine mystische Apokalypse aus der ersten Zeit des Islam spricht die Freude über den Sieg des Islam deutlich aus. Sie legt die Gedanken der Juden dem Engel Metatoron in den Mund. Simeon b. Jochai, der als Mann der Geheimnisse betrachtet wurde, wird das Entstehen des Islam im Voraus verkündet, und er klagt darüber im Gebet: „Haben wir nicht genug an dem Reiche des boshaften Edom (römisch-christliches Reich), daß noch das Reich Jsmael's sich erhebt?" Darauf erwidert ihm Metatoron: „Fürchte dich nicht, Menschensohn! Gott stellt nur das ismaelitische Reich auf, um euch von dem boshaften Edom zu befreien. Er stellt ihnen einen Propheten auf, wird ihnen Länder unterwerfen, großer Haß wird zwischen ihnen und den Söhnen Esau's (Christen) sein" Z. Das waren die Gefühle der Juden bei den Eroberungen der Mohammedaner. Ein großes Maß von Freiheit erlangten die Juden in dem ehemals babylonisch'en Landstriche (von den Arabern Irak genannt) durch die Siege der Mohammedaner. Bei ihren Kriegszügen gegen die letzten persischen Könige hatten ihnen die Juden und die nestorianischen Christen vielfachen Vorschub geleistet, weil sie von den letzten sassanidischen Fürsten Druck und Verfolgung erlitten hatten. Die Juden und die chalkäischen Christen bildeten den Kern der Bevölkerung an dem untern Euphrat und Tigris, und ihre Hilfe muß den Arabern so willkommen gewesen sein, daß selbst der fanatische Chalife Omar ihnen Belohnungen und Privilegien ertheilte. Das Oberhaupt der chaldäischen Kirche mit dem Titel Patriarch oder Katholikos, Jcsujabu, erhielt von Omar ein Diplom mit gewissen Freiheiten und besonders mit dem Rechtsbefugniß, daß ihm sämmtliche christliche Gemeinden in Irak nicht blos kirchlich, sondern auch politisch zu gehorchen haben. Der nestorianische Katholikos st iblistarot äi L' Lirason Lsn-lloallai (verfaßt im Jahre 750); vergl. Bostanal. 113 Äbte die Gerichtsbarkeit über sämmtliche Christen seiner Diöcese und zog von ihnen die Abgaben ein, die sie an das islamitische Staatsoberhaupt zu leisten hatten. Ganz dieselbe Stellung erhielt sicherlich in Folge geleisteter Dienste ein Abkömmling der Exilsfürsten vom Hause David, mit Namen Bo st an al^), den die mohammedanischen Feldherren als Oberhaupt der Juden anerkannten. Omar zeichnete Bostanai so sehr aus, daß er ihm eine Tochter des Persischen Königs Chosru, mit Namen Dara, welche mit ihren Schwestern in Gefangenschaft gerathen war, zur Frau gab^s (um 642). Eigentümliche Wendung des Geschickes! Der Enkel eines Geschlechtes, das sich der Abstammung vom Hause David's rühmte, heirathete eine Fürstin, deren Ahnen ihre Stammtafel bis auf Darius, den Gründer des persischen Königshauses, zurückführten! Bostanai war demnach der erste Exilarch, der von der mohammedanischen Staatsmacht als Vasall eingesetzt war. Gleich dem nestorianischen Katholikos hatte der Resch-Galuta politische und richterliche Befugnisse, und sämmtliche Juden des babylonischen Landstrichs bildeten unter ihm ein eigentümliches Gemeinwesen. Bostanai erhielt auch ausnahmsweise die Erlaubniß, einen Siegelring (Cusobpanka) zu führen, wodurch er den Urkunden und Erlassen einen osficiellen Charakter geben konnte. Das Jnsiegel trug das Bild einer Fliege, welches auf irgend eine unbekannte geschichtliche Anspielung deutete. Bostanai, der Sohn des Exilarchen Chaninal (o. S. 13), muß übrigens keine unbedeutende Persönlichkeit gewesen sein, da die Sage sich an ihn geheftet und ihn schon vor der Geburt verherrlichen wollte. Sie erzählt: Ein König habe das ganze exilarchatische Geschlecht vom Hause David's ausrotten lassen. In einem Nachtgesichte sei er aber wegen dieser frevelhaften That gewarnt worden. Als er nämlich im Traume sämmtliche Bäume eines Lustgartens (Boston) bis aufs kleinste Reis habe umhauen wollen, sei ihm ein ehrwürdiger Greis erschienen, habe ihm das Werkzeug der Zerstörung aus der Hand genommen und es ihm an die Stirne mit solcher Heftigkeit geschleudert, daß ihm ein Blutstrom über Gesicht und Bart geflossen sei. Von Schmerz überwältigt und von Ehrfurcht für den Greis ergriffen, habe der König den Greis um Gnade angefleht und ihm gelobt, das zarte Reis, welches das Beil verschont, zu Pflegen, damit es zu einem laubreichen Baume emporschieße. Beim Erwachen seien dem Könige die wirren Traumbilder beunruhigend im Gedächtnisse geblieben, und Blutspuren an seinem Lager hätten ihn überzeugt, daß der Traum kein Phantom gewesen, sondern eine ernste Bedeutung habe. Begierig, die Deutung ') Vergl. Note II. -) Note 11. Graetz, Geschichte der Juden. V. 8 114 Geschichte der Juden. des Traumgesichts zu erfahren, sei er auf einen tranmkundigen Inden, gewiesen worden. Dieser, ein alter Mann, dessen Tochter mit einem Gliede des exilarchatischen Hauses verheirathet war, habe den Traum auf die Verfolgung des Exilarchenhauses und auf die Frucht bezogen, welche noch im Schooße seiner Tochter schlummerte. Der König, von der Richtigkeit der Deutung überzeugt, habe befohlen, die Wittwe, welche vermuthungsweise den letzten Stammhalter des Exilarchenhauses im Schooße trüge, mit aller Sorgfalt zu umgeben. Sie habe dann richtig einen Knaben geboren, und dieser habe von dem Umstande des Lustgartens (Bostan) den Namen Bostanal erhalten. Für die Erhaltung des jungen Bostanal hätten die Herzen aller Juden nah und fern geschlagen und ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und er habe den Erwartungen entsprochen. Denn er habe sich durch Gelehrsamkeit und Berstandes- tiefe ausgezeichnet und sich durch taktvolles Benehmen einer hohen Stellung würdig gezeigt. Als der König einst den herangewachsenen Jüngling zu sehen gewünscht, habe er Weisheit und Anstand bekundet. Denn obwohl von einer Fliege so heftig gestochen, daß ihm das Blut heruntertroff, habe er aus tiefer Ehrfurcht vor dem Könige keine Bewegung gemacht, die lästige Blutsaugerin zu verscheuchen. Der König habe ihn dafür sehr gelobt, ihn mit Geschenken überhäuft, ihn zum Exilarchen eingesetzt und ihm die Befugniß ertheilt, Richter und Schulhäupter zu ernennen. Zum Andenken an die Fliege, die ihm so nützlich gewesen, habe Bostanal ihr Bild als Wappenzeichcn für das Exilarchat angenommen. Die arabischen Chalifen hätten Bostanal in dieser Würde bestätigt, und der vierte Chalife, dem er einst mit den heiligen Schriften entgegengekommen war, habe, als er erfuhr, daß er im Alter von fünfunddreißig Jabren noch ledig sei, ihm die schöne Königstochter Dara zur Frau gegebenZ. Um glaubwürdig zu erscheinen, hat die Sage einige geschichtliche Züge an ihrem Bilde angebracht. Das jüdisch-babylonische Gemeinwesen, welches durch Bostanai wieder eine Bedeutung erlangte, erhielt erst seine Befestigung und Abrundung unter dem vierten Chalifen Ali, Mohammed's Gefährten und Schwiegersohn, dem Helden von Chaibar. Omar war durch einen Meuchelmörder gefallen (644), sein Nachfolger Othman war durch einen weitverzweigten Aufstand umgekommen <655), und Ali wurde von den Verschworenen zum Chalifeu ausgerufen, hatte aber vielfache und erbitterte Gegner zu bekämpfen. Das islamitische Reich war in zwei Lager gespalten; ein Theil war für Ali, der seine Residenz in der neuerbauten Stadt Kufa in Irak errichtet hatte, und ein anderer -) Note II. Das Gaonat. 115 für Moawija, einen Verwandten des ermordeten Chalifen Othman. Die babylonischen Juden und die nestorianischen Christen entschieden sich für Ali und leisteten ihm Vorschub. Maremes, der Ali's Feldherren bei der Belagerung von Mossul unterstützte, wurde von ihm als Katholikos anerkannt. Ein Jude Abdallah Jbn-SabL war ein begeisterter Parteigänger für Ali und bewies mit mystischen Gründen, daß ihm allein die Nachfolge im Chalifate gebühre, da auf ihn der Geist von Mohammed eben so übergegangen sei, wie von Mose auf Josua*). Bei der Einnahme der Stadt Peroz-Schabur oder Anbar von Seiten Ali's sollen neunzig Tausend Juden zusammen gekommen sein, und an ihrer Spitze ein Schulhaupt Mar-Isaak von Sura, um dem von seinen eigenen Anhängern lau unterstützten Chalifen zu huldigen (um 658). Der unglückliche Ali nahm diese Huldigung hoch auf") und ertheilte sicherlich dem jüdischen Schulhaupte Privilegien, wie dem chaldäischen Katholikos. Wahrscheinlich datirt sich von dieser Zeit und dieser Veranlassung der Brauch her, daß das Schulhaupt von Sura eine gewisse Würde bekleidete und den Titel Gaon^) (Würdenträger) annahm. Mit dem Gaonat waren gewisse Befugnisse verbunden, welche selbst auch der Politisch hochgestellte Exilarch nicht anzutasten wagte. Es gestaltete sich dadurch ein eigenthümlichcs Ver- hältniß zwischen diesen von Hause aus rivalisirenden Aemtern, dem Exilarchat und dem Gaonat, das zu Mißhelligkeiten führte. Mit Bostanar und Mar-Isaak, den von den Chalifen anerkannten jüdischen Würdenträgern, beginnt daher ein neuer Abschnitt in der jüdischen Geschichte, die gaonäische Epoche. Ob Bostanal damals noch am Leben war, als die Juden Babylonien's Ali huldigten, und wie er sich dazu verhielt, ist ungewiß. Es wird weiter nichts von ihm erzählt, als daß er fromme Gesinnungen hattet und in Pumbadita begraben war, wo sein Grab noch in spätester Zeit ein Gegenstand der Verehrung war^). Nach seinem Tode brach eine Spaltung in seinem Hause aus, welche kein günstiges Licht auf seine Söhne wirft. Bostanar hinterließ nämlich mehrere Söhne von verschiedenen Frauen, von denen einer Sohn der persischen Königstochter Dara war. Dieser mag, weil in seinen Adern königliches Blut *) Lolrarastaui, Religionssekten Text sä. Ourstorr 132 f. Haarbrücker's Uebersetzung I. 2V0. ") Scherira Sendschreiben sä. O-oläbsrA S. 39. Vergl. Note 13. 0- Der Titel Gaon scheint nicht hebräischen, sondern arabischen oder persischen Ursprungs zu sein. Folgt aus dein Gutachten Rsspoirss, Lolraars 2säsk p. 3 a, Xo. 17. o) Benjamin von Tudela ItrnsrLrrum bei der Stadt Pumbadita. 5 * floß, des Vaters Liebling gewesen und vielleicht zum Nachfolger in der Exilarchenmürde bestimmt worden sein. Seine Brüder von den jüdischen Frauen waren daher neidisch auf ihn und behandelten ihn als einen Sklaven, d. h. als einen von einer gefangenen Nichtjüdin Geborenen, der allerdings nach talmudischem Rechte als Unfreier galt sobald er nicht den Beweis liefern konnte, daß seine Mutter oder er selbst förmlich durch eine Urkunde (Emancipationsakte) in den Stand der Freien erhoben worden war. Eine solche Urkunde fand sich aber nicht vor. Die Brüder gingen daher mit dem Vorhaben um, den Sohn von der Königstochter, ihren eigenen Bruder, als Sklaven zu verkaufen. So empörend auch dieses Verfahren von Brüdern gegen einen so nahen Blutsverwandten war, so wurde es doch von einigen Mitgliedern der wahrscheinlich pumbaditanischen Hochschule theils aus religiöser Skrupulosität und theils aus Liebedienerei gegen Bostanar's legitime Söhne gutgeheißen und unterstützt. Andere Gesetzeslehrer behaupteten dagegen, es sei nicht anzunehmen, daß Bostana'i, der ein frommer Mann war, Dara geehelicht hat, ohne ihr vorher in bester Form die Freiheit geschenkt und sie zur ebenbürtigen Proselytin erhoben zu haben. Um nun Dara und ihren Sohn vor Demüthigung zu schützen, beeilte sich ein Oberrichter Chaninai für sie von Seiten des Gerichtshofes eine Freiheitsurkunde auszustellen. Dadurch war zwar das böse Vorhaben der Brüder vereitelt, aber an Dara's Sohn haftete der Flecken der Illegitimität. Seine Nachkommen wurden bis in die späteste Zeit nicht zum Range von Nachkommen des Bostanal'schen Exilarchenhauses zugelassen Z. Der Name von Bostanar's Sohn, der ihm in der Exilarchenwürde folgte, ist nicht bekannt. Es scheint, daß unter den Brüdern Streit darüber ausgebrochen ist, und daß sich einer derselben widerrechtlich die Würde von einem der geldgierigen Statthalter, die in Kufa, in der Nähe Sura's, residirten, bestätigen ließ. Auch zwischen den Schulhäuptern und den Nachkommen Bostanar's herrschte Mißhelligkeit, so daß diese genöthigt waren, um ihr Ansehen zu behaupten, willkürliche Eingriffe in die Gewohnheiten der beiden Hochschulen von Sura und Pumbadita zu machen. Die Nachfolger Bostanar's im Exilarchate setzten willkürlich die Präsidenten der Lehrhäuser ab und ernannten ihnen ergebene Personen an deren Stelle. Die religiösen Führer des Volkes hatten daher einen Ingrimm gegen Bostanar's Nachkommen. Noch in später Zeit mußte sich eine Autorität des Judenthums mit den Worten verwahren: „Ich stamme Wohl aus dem Exilarchenhause h Rssxoii88, Lallaars 2säslr das. Bostanai's Nachkommen. 117 aber nicht von den Söhnen Bostanai's, welche hochmüthig waren und ungerechten Druck ausübten" Z. Die leidenschaftlichen Streitigkeiten um das Chalifat zwischen dem Hause Ali's und der Omejjaden wiederholten sich im Kleinen in dem jüdischen Babylonien. Das halbe Jahrhundert von Bostanal und der Entstehung des Gaonats bis zum Exilarchat Chasdai's (um 670 — 730) ist daher sehr dunkel. Von den f»n- girenden Gaonen und Schulhäuptern innerhalb dieser Zeit sind ebenfalls nur wenige bekannt und ohne chronologische Reihenfolge. Nach Mar-Isaak, wahrscheinlich dem ersten Gaon der suranischen Hochschule, fungirte R' Huna'i gleichzeitig mit Mar-Rllba in Pumbadita (um 670 — 80"). Diese beiden Schulhäupter erließen eine wichtige Verordnung in Betreff der Ehescheidung, wodurch ein talmudisches Gesetz außer Kraft gesetzt wurde. Nach talmudischen Grundsätzen kann nämlich die Ehefrau nur in seltenen Fällen auf Scheidung antragen, wenn der Gatte an einer ekeligen Krankheit leidet oder eine widrige Hantirung treibt. Selbst wenn die Frau einen unüberwindlichen Widerwillen gegen den Ehegatten empfindet, soll sie von Gerichtswegen gezwungen werden, bei ihm zu bleiben und ihre Pflichten zu erfüllen, und sie wird mit Verlust der Morgengabe und selbst ihrer Mitgift bedroht, falls sie auf Scheidung besteht. In der saburäischen Zeit hatte man diese Härte ein wenig gemildert, daß wenn die Frau ihren Widerwillen gegen den Ehegatten nach Verlauf eines Jahres nicht aufgiebt, das Gericht wohl auf die Ehescheidung eingeht und den Gatten dazu zwingt, die Frau aber dadurch Einbuße au ihrem Vermögen erleiden soll. Dadurch wurde aber die Milde trügerisch. Durch die Herrschaft des Islam änderte sich das Sachverhältniß. Da der Koran die Stellung der Frauen ein wenig gehoben hatte und der Ehegattin gestattet, auf Scheidung anzutragen, wandten sich unzufriedene Ehefrauen an das mohammedanische Gericht und erzwangen, ohne Verlust, die Ehescheidung. So sehr hatte in kurzer Zeit die Anschauung des herrschenden Volkes auf die Juden eingewirkt. In Folge dessen führten R' Hunai und Mar-RLba eine vollständige Reform der Ehescheidungsgesetze ein. Sie hoben nämlich das talmudische Gesetz vollständig auf und gestatteten der Ehefrau auf Ehescheidung anzutragen, ohne daß die Frau dadurch irgend einen Verlust an dem ihr Zukommenden zu Z Scherira Sendschreiben S. 37, 39. ch Vergl. Lspbsr bs,-Ibbar I. 59 b: ro"i.i,i rar'i °ni ::2 i::i n'pors 1ON1 vom N1I22 NNZ NN.1 :i 121 N2 12 N.1'1221S2 >«11 '21'2 N1122> .,1'^r: >1L'X,11 N1>1 k-m 11'NI 8,112. 118 Geschichte der Juden. erleiden haben sollte *). Es trat hierdurch ein Gleichheitsverhältuiß zwischen Ehemann und Ehefrau gesetzlich ein. Auf diese beiden Schnlhäupter folgten in Sura Mar-Scheschna ben Tachlifa, der sich officiell zeichnete Ma sch erschaja, und in Pumbadita Mar-Bußäi oder Bostanal (um 680 — 689), von denen nichts weiter bekannt ist, als daß namentlich an Scheschna viele gutachtliche Anfragen von auswärtigen Gemeinden gerichtet wurden"). Die Anfragen sind so einfach, daß die gaonäischen Gutachten weiter nichts als die talmudische Entscheidung als Antwort anzuführen brauchten. Diese Thatsache beweist, daß der Talmud im siebenten Jahrhundert noch wenig bekannt war und wenig studirt wurde. Mar-Scheschna's gutachtliche Sprache ist noch im talmudischen Idiom gehalten. — Sein Nachfolger im suranischen Gaonat war Mar-Chaninai aus Nehar-Pakor (689 — 697) und sein College in Pumbadita Hunal Mari ben Joseph (689 — um 700), von denen gar nichts bekannt geworden. Ebenso wenig von ihren Nachfolgern Nahilai Halevi aus Rares (697 — 715), R' Chija aus Mescne und Mar-Rabjah nach einander in Pumbadita (um 700 — 719 3). Während dieser Zeit fungirtc der Exilarch Chasdai, sicherlich ein Enkel oder Urenkel Bostanal's, von dem nichts mehr bekannt ist, als daß er zwei Söhne hatte, die zum ersten Male biblische Namen von königlichem Klange führten. Der eine hieß Salomo und der andere DavidZ, der Vater des Stifters der Karäersekte. Der Exilarch Chasdai scheint mit den beiden Schulhäuptern in gutem Einvernehmen gestanden zu haben, weil die geschichtlichen Erinnerungen über die Nachfolge aus dieser Zeit weniger verworren sind, in dieser Zeit mag sich daher das gegenseitige Verhältniß der drei Spitzen des jüdisch-babylonischen Gemeinwesens ausgebildet haben (Anfang des achten Jahrhunderts). Dieses Gemeinwesen, das sich nach Außen als eine Art Staat ausnahm, erhielt eine eigene Gliederung. Während das nestorianische Patriarchat, welches ebenfalls religiöse und politische Interessen zu vertreten hatte, eine einzige Spitze, den Katholikos, hatte, dem die übrigen Bischöfe untergeordnet waren, theilte im jüdischen Babylonien st Scherira das. 39. Ussponss, Ogoiriru Lobggrs 2säslr p. 56g,, sä. Ogsssl. No. 15. Vergl. lllossgkob Lstmbot 63 l> und ^.sobsrr das. No. 35. 2) Lssxonsg das. x. 46 b No. 14; p. 61 b No. 33; Lssx. Llgorära (sä. Fischel Leipzig 1858) No. 155 (wiederholt No. 266); No. 35V, 351. st Scherira das. S. '39. lieber die Chronologie der gaonäischen Diadoche vergl. meinen Artikel in Frankel's Monatsschrift, Jahrg. 1857 S. 336 f. 381 f. p.nd die synchronistische Tafel dazu. °st Vergl. Note 12. Die Exilarchen. 119 der an der Spitze stehende Exilarch seine Machtbefugnisse über die Gemeinden mit dem Gaonat. Beide bildeten zusammen die Einheit des Gemeinwesens. Der Fürst des Exils (Kesoll-Oaluta) vertrat die politische Seite. Er präsentierte die babylonische Judenheit gegenüber den Chalifen und den Statthaltern und zog die Steuern von den Gemeinden ein, um sie der Staatskasse abzuliefern. Die Exilarchen machten ein fürstliches Gepränge, trugen Prachtgemänder, fuhren in Staatswagen und hatten Vorreiter und eine Art Leibwache und große, überhaupt fürstliche Huldigung^. Die religiöse Einheit des Judenthums dagegen war in dem zweigestaltigen Gaonat dargestellt. Es legte den Talmud aus, um ihn auf's Leben anznwenden, erließ neue Gesetze und Bestimmungen, sorgte für deren Erfüllung und verhängte Strafe über die Uebertreter. Die richterliche Gewalt theilte der Exilarch mit dem Gaon von Sura und dem Schulhaupte von Pumbadita. — Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß damals fast sämmtliche Religionsbekenntnisse einen politischen Halt suchten und das Geistliche mit dem Weltlichen zu vereinen strebten. Das römisch- katholische Christenthum, oder die lateinische Kirche, suchte in Italien einen politischen Schwerpunkt. Das Chalifat, ursprünglich ein geistliches Amt, wollte, als es politische Gewalt angenommen hatte, das Jmamat oder die geistliche Autorität nicht fahren lassen. Das chaldäische Patriarchat, oder die morgenländische Kirche, und das Judenthum mochten nicht ohne politische Gewalt bleiben und suchten sie, wenn auch in beschränktem Maße, mit Unterordnung unter das Chalifat, mit der geistlichen zu verbinden. Das Verhältniß des Exilarchen zu den Schulhäuptern gestaltete sich der Art, daß dem ersten das Ernennungsrecht derselben zustand, doch wohl flicht ohne Zustimmung des akademischen Collegiums. Das Schulhaupt des suranischen Lehrhauses war aber allein berechtigt, den Titel Gaon zu führen neben dem alten Titel Resch - Metibta, der Präsident der pumbaditanischen Hochschule dagegen hatte offiziell jenen Titel nicht. Ueberhaupt genoß der Gaon von Sura mit der Hochschule eine durchgängige Bevorzugung vor seinem pumbaditanischen Collegen theils durch die Erinnerungen an deren große Gründer Rab und R' Aschi, und theils durch deren Nähe zu Kufa, der Hauptstadt von Irak und dem islamitischen Osten. Das Schulhaupt von Sura saß bei feierlichen Gelegenheiten zur rechten Seite des Exilarchen, hatte überall den Vortritt, erhielt von gewissen Einkünften zwei Drittel für sein Lehrhaus und vertrat den Exilarchen, wenn die Würde *) Vergl. Note 11. 120 Geschichte der Juden. erledigt war. Eine Zeit lang wurde auch zum Präsidium des pum- baditanischen Lehrhauses nur ein Mitglied des suranischen Collegiums ernannt, so daß diese Hochschule sich nicht aus sich selbst ergänzen durfte. Es war dieselbe Abstufung in der Hierarchie, wie in der nestorianischen Kirche, daß der Bischof von Kaskar zwar unter dem Katholikos stand, aber den Vorrang über die übrigen Bischöfe des Landes hatte. Da der Exilarch durch das Privilegium der ersten Chalifen fürstliches Ansehen genoß, so wurde er auch mit einer gewissen Feierlichkeit und mit Pomp in seine Würde eingesetzt. Obwohl das Amt erblich im Hause Bostanal's war, so gehörte doch zur Ernennung eines neuen Exilarchen die Zustimmung der beiden Hochschulen, und es bildete sich allmälig ein Ceremoniell für die Huldigung aus^). Die Würdenträger der beiden Hochschulen sammt ihren College» und die angesehensten Männer des Landes begaben sich zum Aufenthaltsorte des designirten Exilarchen, der vermnthlich eine Zeit lang in Sura. wohnte. In einem großen und ausgeschmückten Raume waren Ehrensitze für ihn und die beiden Vertreter der Hochschulen vorbereitet. Der Gaon von Sura hielt eine Anrede an den künftigen Fürsten des Exils, machte ihn auf die Pflichten seines hohen Amtes aufmerksam,, warnte ihn, sich nicht über seine Brüder in Hochmuth zu erheben. An einem Donnerstag fand stets die eigentliche Huldigung statt, die in der Synagoge vor sich ging. Sie bestand darin, daß die beiden Würdenträger ihm die Hand aufs Haupt legten und unter Trompetenklang riefen: „Es lebe unser Herr, der Fürst der und der, der Fürst der Gefangenschaft!" Das Volk, das bei dieser Gelegenheit zahlreich herbeizuströmen Pflegte, stimmte jubelnd ein. Alle Anwesenden gaben darauf dem neuernannten Exilarchen das Ehrengeleite von der Synagoge in sein Haus, und von allen Seiten flössen ihm Huldigungsgeschenke zu» Am Sounabend darauf war feierlicher Gottesdienst für den neuen Fürsten. Eine thurm- und säulenartige Emporbühne wurde eigens für ihn in der Synagoge eingerichtet und mit kostbaren Stoffen ausgeschmückt, damit ihm gleich den Königen aus dem Hause David's ehemals im Tempel die Auszeichnung erwiesen werde, auf einem erhöhten und von dem Volke getrennten Sitz zu erscheinen. Unter einem zahlreichen und ehrenvollen Gefolge wurde er zum Gottesdienste geleitet, wo der Vorbeter abwechselnd mit einem volltönenden Chor die Gebete vortrug. Auf die Tribüne geführt, näherte sich dem ') Ausführlich beschrieben in Jbn-Verga's Lollsbsb cksllnäs, Nr. 42 aus einem alten gaonischen Rssxonsurn und von dem Babylonier Nathan in Jochasin; vergl. Note 13; ferner Rsvus äss Ut.j. VIII, 125. Die babylonisch-jüdischen Lehrhäuser. 121 Exilarchen das Oberhaupt des suranischen Gaonats, beugte das Knie vor ihm und setzte sich zu seiner Rechten. Dasselbe that sein College von Pumbadita und nahm darauf den linken Sitz ein. Bei dem Vorlesen aus dem Gesetze (Pentateuch) brachte man die Thorarolle zu dem Exilsfürsten, was als ein besonderes königliches Vorrecht angesehen wurde. Auch räumte man ihm dabei den sonst nur den Abkömmlingen aus ahronidischem Hause gebührenden Vorrang ein, die Reihe der Vorlesungen aus dem Gesetze zu eröffnen. Ehrenhalber diente ihm der Präsident der suranischen Hochschule als Dolmetsch (Meturgeman) für den gelesenen Abschnitt. Nach dem Vorlesen aus der Gesetzesrolle pflegte der Exilsfürst einen halachischen und haga- dischen Vortrag zu halten. Doch durfte der Exilarch, wenn er nicht gelehrt war, diese Function dem Gaon von Sura übertragen. In dem Schlußgebete für die Verherrlichung des Gottesnamens (Raäiseb, RIoria) wurde der Name des Exilarchen erwähnt: „Dies möge ein- treffen beim Leben des Fürsten." Darauf folgte ein besonderer Segen für ihn, die Häupter der Hochschule und deren Glieder (llebum Rurban). Die Namen der Länder, Städte und Personen aus nah und fern, welche durch Spenden ihre Theilnahme an die Hochschulen bekundeten, wurden ehrenvoll erwähnt. Eine feierliche Procession aus der Synagoge in das Haus oder den Palast des Exilsfürsten und ein glänzendes Gastmahl für die Würdenträger, die hervorragenden Personen, wozu auch Staatsbeamte zugezogen zu werden pflegten, bildeten den Schluß dieses eigenthümlichen Huldigungsactes für den Exilarchen. Einmal im Jahre, in der dritten Woche nach dem Hüttenfeste, fand eine Art Cour beim Exilarchen statt. Die Schulhäupter mit ihren Coüegien, die Gemeindevertreter und sonst noch viel Volkes fand sich bei ihm in Sura ein, wahrscheinlich mit Huldigungsgeschenken. Am Sabbat fand dann dasselbe Ceremoniell statt, wie bei der Ernennung. Auch Vorträge wurden in der Courwoche gehalten, und diese Cour hieß die große Versammlung (Rallab-Rabat!), oder die Exilarchenfahrten (Rixls äi Reseb 6aIuta.Z. Der Exilsfürst bezog seine Einkünfte für sein Haus und zur Behauptung seiner Würde theils von gewissen Landstrichen und Städten und theils von außerordentlichen Einnahmen. Die Distrikte Naharowan (östlich von Tigris), Farsistan, Holwan, so weit der Gerichtsbezirk des Exilsfürsten reichte, brachten ihm noch in den schlimmsten Zeiten des Verfalls siebenhundert Golddenare (ungefähr 700 Dukaten) ein, um wie viel mehr erst in der Zeit des Glanzes und der Machthöhe! Der Exils- Bergt. Note IS. 122 Geschichte der Juden. fürst hatte aber auch das Recht, den Gemeinden seines Gerichtssprengels eine Zwangssteuer aufzulegen ^), und die Beamten des Chalifats unterstützten ihn darin, weil sie selbst ihren Vortheil dabei fanden. Den zweiten Rang in dem jüdisch-babylonischen Gemeinwesen oder kleinen Vasallenstaate nahm der Präsident der Hochschule von Sura ein, der, wie schon erwähnt, allein offiziell den Titel Gaon führte und bei allen Gelegenheiten den Vortritt und den Vorrang vor seinem College» von Punibadita hatte, selbst wenn jener ein Jüngling und dieser ein Greis war^). Indessen hatte auch die Pumbaditanische Hochschule in Bezug auf innere Verwaltung und Geschäfte vollständige Gleichheit und Unabhängigkeit, wenn nicht ein oder der andere Exilarch nach orientalischem Regimente widerrechtliche Eingriffe machte. — Die Präsidenten der beiden Lehrhäuser waren von einem Collegium umgeben, welches eine Rangstufe höherer und niederer Mitglieder bildete. Dem Präsidenten zunächst stand ein Oberrichter (Oujan 6i 6aba, ^.b- Let-Oi»), welcher die richterlichen Funktionen ausübte und in der Regel designirter Nachfolger war. Unter ihm standen sieben Vorsteher der Lehrversammlung (Resebä-Lallad) und drei, welche die Titel Genossen oder Gelehrte (Obaderiw) führten, die zusammen den engeren Senat gebildet zu haben scheinen Nächstdem gab es ein Collegium von 100 Mitgliedern, welches in zwei ungleiche Körperschaften zerfiel, in eine' von siebzig Mitgliedern, welche das große Synhedrin repräsentirte, und in eine von dreißig, welche das kleine Synhedrin bildete. Die siebzig Mitglieder waren ordinirt, also zum Aufsteigen befähigt und führten den Titel Lehrer. Sie standen unter den sieben Vorstehern der Lehrversammlung, ohne daß das Verhältniß zu einander recht klar wäre. Die dreißig oder das kleine Synhedrin scheinen nicht vollberechtigt Sitz und Stimme gehabt zu haben, sondern bildeten nur Kandidaten (Lono-Lijuoas^). Die Mitglieder des Collegiums vererbten ihre Stellen meistens auf ihre Söhne. Nur das Präsidium war nicht erblicht). Dieses eigeuthnmlich organisirte und abgestufte Collegium der beiden Hochschulen verlor aber allmälig den Charakter eines Lehrkörpers und erhielt den eines berathenden und beschließenden Parlaments. Zweimal im Jahre kam das Collegium in hergebrachter Weise zu gemeinschaftlicher Sitzung (Lallab) zusammen, im März und September (L.äar und Llul), und tagte jedesmal einen ganzen Monat Nathan der Babylonier bei Zakuto in Jochasin. Das. Vergl. Hs,rka,v^, Larousl b. Obokui. 4) Vergl. Halbcrstainm in Kobak's llssellurnn Jahrg. V, Th. I. S. 137. °) Vergl. Note l3. Tie babylonisch-jüdischen Lehrhäuser 123 (LsIInb- sVersammlungs-j Monats. Während dieser Zeit beschäftigten sich die Mitglieder zwar auch theoretisch mit Erörterung und Erläuterung eines früher schon als Thema aufgegebeneu Talmudabschnittes. Aber die Hauptthätigkeit der Sitzung war Praktischen Zwecken zugewendet. Nene Gesetze und Verordnungen wurden berathen und zum Beschlüsse gebracht, und Anfragen, die von auswärtigen Gemeinden während des Semesters eingelaufen waren, wurden besprochen und gutachtlich beantwortet. Diese Veränderung in den Funktionen der Hochschule war durch die veränderten Zeitumstände geboten. In der Amoräerzeit, so lange der Talmud noch nicht abgeschlossen, der Lehrstoff der Mischna mit den Zusätzen und Folgerungen noch nicht Jedermann zugänglich war, nahm das Schulhaupt auf die Jünger Rücksicht, indem es ihnen die Mischna erläuterte und die daran sich knüpfenden Traditionen einprägte. Sobald aber der Talmud als ein umfassendes Oorpus juris abgeschlossen war, konnte man die lebendigen Träger und Ausleger halb und halb entbehren. Eigenes Studium trat an die Stelle lebendiger Mittheilung, und nur dunkle verwickelte Partieen bedurften der Erläuterung von Seiten eines Kundigeren. Aber dazu bedurfte es nicht gerade des Schulhauptes, und darin bestand auch nicht seine Ueberlegenheit. Der Abschluß und die Verbreitung des Talmud hat daher das Band gelöst, welches früher Meister und Jünger umschlang, so lange jener noch Quelle der Ueberlieferungen war, und diese sich nur auf diesem Wege Kunde verschaffen konnte. Jetzt aber war der Präsident des Lehrhauses mehr für die Senatsmitglieder und für die Gesammtjudenheit als geistlicher Gesetzgeber und offizieller Vertreter des Judenthums, als für den Jüngerkreis vorhanden. Selbst bei den theoretischen Debatten über Talmndabschnitte nahm das Lehrhaus keine Rücksicht auf die Jünger. Sie hatten auch gar nicht in den Berathungssaal Zutritt, sondern saßen in einem daranstoßenden Hofe (Darbira), wo sie zuhörten oder auch nicht zuhörteu. Von diesem Umstande erhielten die Jünger den Spottnamen „Höfler" (Darblriai ^). Nur den Mitgliedern des Collegiums wurde für das Semester bis zur Versammlung ein bestimmtes talmudisches Thema zum gründlichen Studium aufgegeben, die Talmudjünger dagegen waren nicht an das Thema gebunden und überhaupt auf Selbststudium angewiesen^). *) Belehrend ist dafür die Stelle Nsirsolrod 82 b (nach der Lesart des ^ruelr: Artikel Darbr^s.), wo Hs.Ils.Ir und Dsrbr^s. entgegengesetzt werden. Vergl. Tossafot dazu, datz die Stelle einer spätern Zeit angehört. 2) Nathan Babli das. 124 Geschichte der Juden. Je mehr sich die Lehrhäuser von Sura und Pumbadita in regelmäßig tagende Synoden verwandelten, desto mehr überwog die Praktische Thätigkeit die theoretische. Nach und nach nahm die Beantwortung der zahlreich von auswärts eingelaufenen Anfragen über religiöse^ sittliche und civilrechtliche Punkte einen großen Theil der Sitzungen in Anspruch. An jedem Tage wurden eine Reihe von Anfragen vorgelesen, besprochen und erörtert. Jedes Mitglied des Collegiums durfte sich an der Debatte betheiligen. Zum Schlüsse resumirte der Präsident die verschiedenen Ansichten, entschied endgültig und ließ den Entscheid von dem Sekretär niederschreiben. Zum Schlüsse der Sitzung wurden sämmtliche gutachtlichen Bescheide noch einmal vorgelesen, von dem Schuloberhaupte im Namen des ganzen Collegiums unterschrieben, mit dem Siegel der Hochschule (Ldumrata) bekräftigt und der betreffenden Gemeinde — durch Boten — mit einer feierlichen Grußformel von Seiten des Collegiums zugesandt. Ein solches Sendschreiben Pflegte von den Gemeindemitgliedern mit ebensoviel Ehrfurcht ausgenommen zu werden, wie eine päpstliche Bulle in katholischen Kreisen. Jede Gemeinde Pflegte mit den Anfragen zugleich reiche Geldspenden einzuschicken. Gingen diese Spenden für eines der beiden Lehrhäuser ein, so hatte das andere keinen Antheil daran. Wurden sie aber ohne bestimmte Angabe zugesendet, so erhielt die suranische Schule, als die erste, zwei Drittheil davon und das Uebrige gehörte der Schwesterschule. Diese eingegangenen Spenden vertheilte der Präsident unter die Mitglieder des Collegiums und die Talmudjünger Z. Neben diesen außerordentlichen Einkünften bezogen beide Hochschulen auch regelmäßige Einnahmen von dem ihnen untergebenen Gerichtsbezirke. Zu Sura gehörte der Süden von Irak mit den beiden wichtigen Städten Wasit und Baßra; seine Gerichtsbarkeit erstreckte sich bis Ophir (Indien oder Jemen?). In späterer Zeit belief sich die Einnahme von diesen Ländern noch immer auf 1500 Golddenare (Dukaten). Zu Pumbadita gehörten die Gemeinden im Norden, und sein Gebiet erstreckte sich bis Chorasan^). Die Ernennung von Richtern für einen Bezirk (Lesodut) besorgte wahrscheinlich das Oberhaupt im Verein mit dem Oberrichter und den sieben Gliedern des engeren Senats. Jede der drei Spitzen des jüdisch-babylonischen Gemeinwesens hatte demnach die Befugniß, in einem abgegrenzten Bezirke Richter für die dazu gehörigen Gemeinden zu ernennen; die Gemeinden standen also entweder unter der Botmäßigkeit des Exilsfürsten oder des Gaon von Sura oder hingen von der pumbadita- Die gaonischen Lehrhäuser. 125 irischen Hochschule ab. Der für eine Gemeinde ernannte Richter erhielt von seiner Behörde ein Diplom (Litlrs äi-vsjsnuts) Z. Die "Richter, welche den Titel Dajan führten, hatten aber nicht blos civil- -rechtliche, sondern auch religiöse Entscheidung zu treffen und waren hiermit auch Rabbiner. 'Der ernannte Richter-Rabbiner wählte sich aber aus den Gemeindegliedern zwei Beisitzer (Lsksnim) und bildete mit ihnen das Richter- und Rabbinats-Collegium. Von dem Richter-Rabbiner wurden alle gültige Instrumente, Ehepakten, Scheidebriefe, Wechsel, Kaufscheine und Schenkungsurkunden bestätigt. Er war hiermit auch Gem-eindenotar und erhielt für diese verschiedenen Funktionen theils einen bestimmten Beitrag von jedem selbstständigen Gemeindegliede, theils Honorar für das Ausstellen der Urkunden und endlich ein wöchentliches Gehalt von den Fleischverkäufern fl. Dem Dajan war auch ein Sekretär beigegeben, den er selbst besolden mußte. Wahrscheinlich standen auch die Kinderschulen, welche mit den Synagogen verbunden waren, unter der Aufsicht des Richter-Rabbiners. Die Gemeinde-Verfassung im jüdischen Babylonien, welche der ganzen Judenheit zum Muster diente und sich theilwese bis auf die neueste Zeit behauptet hat, war folgendermaßen gestaltet: An der Spitze der Gemeinde stand eine Commission für Besorgung der gemeindlichen Interessen, bestehend aus sieben Mitgliedern. Sie sorgte zunächst für Aufrechterhaltung der eingeführten Ordnung, und ganz besonders lag ihr die Ordnungspflege ob, welche der Talmud als die erhabenste Pflicht einschärft. Die Vorsteher wurden daher als Versorger der Gemeinde, Parnese Ha-Ken6set bezeichnet. Sie wurden nach einem unbekannten Wahlmodus von sämmtlichen beitragsfähigen Gemeindegliedern erwählt, welche als solche das Wahlrecht hatten (Lorrsrlm fl. Die Aufsicht über die Gemeinde-Angelegenheiten hatte der Delegirte des Exilarchen oder eines der Schulhäupter. Er hatte auch die Befugniß, über widersetzliche Mitglieder Strafen zu verhängen. Die Strafen bestanden entweder in Geißelhieben (Bastonade) oder in Bann fl. Der Bannstrahl, diese unsichtbare Waffe des Mittelalters, welche die Getroffenen zu wandelnden Leichen machte, ist zwar jüdischeres Rssxouss Osouiua 8sllssrs Lssoliudsll blo. 217. Uslsovot 6-s- äolot (sä. 5Visu.) S. 33s,, vergl. Frankel's Monatsschrift Jahrgang 1858. S. 237. Jahrgang 1859 S. 1t>9. Vergl. noch Lsvas äss bltnäss juivss V x. 206. (LIs. 8t. k?stsrsburZ f. 78). 2) Folgt aus dem Berichte des Nathan Babli und Rssx. 8ollssrs 2säslr S. 75, Nr. 14. fl Folgt aus demselben Gutachten. fl Nathan Babli das. Nssxou. 8olissrö 2säsll x. 91, Nr. 38. 126 Geschichte der Juden. seits weder so oft, noch so willkürlich geschlendert worden, wie in der Christenheit, aber er schwirrte auch da schauerlich genug. Der einfache Bann (idliäuj) traf Denjenigen, welcher sich den religiösen oder behördlichen Anordnungen nicht fügte. Er war milde in der Form, indem nicht Jedermann gehalten war, sich von dem Gebannten zu entfernen, und noch weniger seine eigenen Familienglieder. Wer aber innerhalb der Frist von dreißig Tagen nicht Reue zeigte und um Aufhebung des Bannes antrug, verfiel in den schweren Bann (Oberem, ketiolm). Dieser Bann verscheuchte seine engsten Freunde von ihm, vereinsamte ihn inmitten der Gesellschaft, ließ ihn wie einen vom Judenthnme Ausgestoßenen behandeln. Niemand durfte mit ihm geselligen Umgang Pflegen, wenn er nicht derselben Strafe verfallen wollte. Die Kinder des Gebannten sollten ans der Schule und seine Frau aus der Synagoge gewiesen werden. Man durfte seine Todten nicht bestatten und nicht einmal seinen neugeborenen Sohn in den Abrahamsbund aufnehmen. Jedes Abzeichen des Jndenthums sollte ihm entrissen und er als ein von Gott Verfluchter gebrandmarkt werden. Die Bekanntmachung des Bannes wurde an das Gerichtsgebäude angeheftet und an die Gemeinde mitgetheilt*). Indessen so traurig auch der Bann mit seinen Folgen war, so war er das einzige Mittel zu einer Zeit, wo dem großen Haufen nicht mit Ueberzeugung beizn- kommcn war, die religiöse Einheit zu wahren, das Recht zu handhaben und die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Das jüdische Gemeinwesen, der cxilarchatische Staat in Babylonien, so abhängig er auch von den Launen der islamitischen Statthalter und der Willkür der eigenen Träger war, erglänzte in der Ferne mit dem Glorienscheine von Macht und Größe. In dem Exilsfürsten erschien den Juden auf dem ganzen Erdenrund, so weit sie dunkle Kunde davon hatten, das davidische Scepter immer noch fortbestehend, und in den Gaonen der beiden Hochschulen sahen sie die lebendigen Träger und Fortpflanzer der idealen talmudischen Zeit. Je weiter sich die Herrschaft des Chalifats im Hanse Omeja's erstreckte, im Norden bis Transoxanien, im Osten bis Indien, im Westen und 0 Diese Bannstrenge wird beschrieben in Lssxon. Saouim 8ollaars Tsäslr x. 75 Nr. 14 und citirt im Commentar zu Alfaßi Traktat Laba.-Ls.rris., letzter Abschnitt Nr. 200. Der Gewährsmann, der Gaon N'Paltoj (842—58), giebt nicht gerade an, daß dieser Bann erst zu seiner Zeit eingeführt wurde, sondern setzt ihn als etwas in den babylonischen ckssobibot Bekanntes voraus. Vergebens bezweifelt Salomon Luria (zu Lsbs.-Ls.trs. das.) theilweise die Echtheit dieses Lssporrsruu. Es ist genug bezeugt durch die Milderung, welche in R'Hais Zeit eingeführt wurde. Vergl. Lssr,. 8eba.s.rs Dssvbubs. Nr. 41. Exilnrchat und Gaonat. 127 Süden bis Afrika und zu den Pyrenäen, je mehr Anhänger fanden die babylonisch-jüdischen Oberhäupter. Jede Eroberung der mohammedanischen Feldherren erweiterte die Grenzen für die Herrschaft des Exilsfürsten und der Gaonen. Selbst Palästina ordnete sich Babylonien unters, da es des Mittelpunktes beraubt war. Die Herzen aller Inden schlugen den Machtinhabern am Euphrat entgegen, und ihre Spenden strömten ihnen freiwillig zu, damit das Haus David's würdig auftreten und die talmudischen Hochschulen in Glanz fortbestehen könnten. Sich dem Mittelpunkt in Babylonien unterzuordnen, gebot eben so sehr die religiöse Pflicht, wie das patriotische Gefühl. Selbst aus Spanien und Frankreich wurde den Würdenträgern gehuldigt. In den Synagogen wurde allsabbatlich zum Schluß des Gebetes der Segen Gottes erfleht für den Exilsfürsten, die Schulhäupter und ihre Collegien. Der Schmerz des Zerstrcutseins in alle Winkel der Erde War durch das Bewußtsein gelindert, daß da an den Strömen Babels, wo die Blüthe des jüdischen Volkes sich in seiner Vollkraft niedergelassen, wo die großen Amoras gelebt und gewirkt, ein fast staatliches jüdisches Gemeinwesen bestehe. Dort in dem Ursitze jüdischer Größe strömte, so wurde im jüdischen Kreise allerwärts geglaubt, der Urquell altjüdischer Weisheit. „Gott habe die Hochschulen von Sura und Pumbadita zwölf Jahre vor der Einäscherung des Tempels durch Nebukadnezar entstehen lassen und sie besonders geschützt. Sie haben nie Verfolgungen durch Rom und Byzanz erlitten, keinen Zwang und keine Knechtung gekannt. Von dort aus werde die Erlösung Jsrael's ausgehen und die Bewohner dieses glücklichen Erdpunktes werden auch von den Leiden der messianischen Zeit verschont bleiben" Das war die Anschauung derer, welche das Exilarchat und Gaonat nicht mit eigenen Augen gesehen hatten. Es galt für eine Ehre, nach dem Tode in einer Trauerfeierlichkeit an den Hochschulen erwähnt zu werden. Dazu wurde ein Tag an jedem Versammlungsmonat bestimmt. Die Thätigkeit der Lehrhäuser ruhte an demselben, die Collegien-Mitglieder trauerten um die verstorbenen Wohlthäter der Hochschulen innerhalb eines Jahres und beteten für deren Seelenruhe (Hespäck, LsestkLbäs. Selbst von Frankreich und Spanien sendete man später eine Liste der Verstorbenen ein, um sie der Ehre theilhaftig werden zu lassen Nur *) Folgt aus Abraham Jbn-Daud's Lsiisr Iia-Xs.bbs.lali (sck. ^.rnsb.) x. 69 b. 2 ) Llickrasob Tanobuma zu Xsribops Noaob o 1. Vergl. Zemach's Gutachten zu Ende von Eldad Ha-Dani bei ckslliiisb Lst-ba-Niärasob II. x. 105. Folgt aus Rssp. Lobaars 2säsb p. 20. No. 12. 128 Geschichte der Juden. die palästinenschen Gemeinden mochten sich dem babylonischen Gaonat nicht unterordnen und noch weniger dem Exilsfürsten huldigen. In Tiberias, das nach der Eroberung der Mohammedaner wieder Vorort der Gemeinden war, lebten noch Nachkommen jenes Mar-Sutra II., welcher ein Jahrhundert vorher bei der Verfolgung unter dem kommunistischen König Cavad als Kind dahin entführt worden war. Diese Nachkommen erbten vom Vater auf Sohn den Vorsitz im Lehrhaufe und rühmten sich, die echten Sprößlinge des Königs David und die rechtmäßigen Exilarchen zu sein. Die Würdenträger in Babylonien gaben sie als Anmaßer und Eindringlinge aus. Es herrschte daher eine Spannung zwischen den Führern der Juden Palästinas und denen Babyloniens, die so weit ging, daß die ersteren die Laut- und Accentzeichen, welche in Babylonien eingeführt worden waren, nicht annehmen mochten. Da sie aber nicht entbehrt werden konnten, so wurden sie hier geändert und gemodelt, um den Schein der Nachahmung zu vermeiden. Da das babylonisch-assyrische System die Vokalzeichen oberhalb der Consonanten angebracht hat, so setzten die Tiberienser die Vokalzeichen unterhalb der Buchstaben, führten andere Zeichen für Abtheilungen der Bersglieder und für Anlautnng oder Auslautung der Silben ein und änderten auch theilweise die Figuren. So entstand ein anderes System, das eine Zeit lang als tiberien- sisches bezeichnet wurde, aber allmälich das babylonische so sehr verdrängte und in Vergessenheit brachte, daß es allgemein als einziges und ursprüngliches galt. Die Juden Spaniens, denen eine so glänzende Rolle in der jüdischen Geschichte zugetheilt war, hatten keine Ahnung davon, daß der Umschwung im Osten durch den Eintritt des Islam in die weltgeschichtliche Bewegung auch eine Wendung ihres herben Geschickes herbeiführen würde, und daß sie trotz räumlicher Entfernung mit ihren Brüdern im mohammedanischen Reiche in enge Verbindung kommen würden. Gerade zur Zeit, als ihre Brüder in Irak einen hohen Grad von Freiheit und Selbstständigkeit erlangten, hatten sie den Leidenskelch bis zur Hefe leeren müssen. Ein Theil derselben war zum Auswandern, ein anderer Theil zur Annahme des Christenthums gezwungen worden und mußte auf Befehl des Königs Chintila in einer Schrift treues Festhalten am katholischen Bekenntniß und aufrichtiges Verwerfen des Judenthums geloben (o. S. 64). Nichtsdestoweniger hingen die zwangsweise getauften Juden im west- gothischen Spanien dem verpönten Judenthume mit ganzer Seele an. Der unabhängige westgothische Adel schützte sie zum Theil vor der Strenge des Königs, und sobald der fanatische Chintila die Augen Die Juden in Spanien. 129 geschlossen hatte, kehrten sie unter seinem Nachfolger Chindaswind offen zum Judenthume zurück. Denn dieser König war ein Feind der Geistlichen, welche die Macht der Krone zu Gunsten der Kirche beschränken wollten und stets zu Empörungen bereit waren, wenn der Fürst nicht in ihrem Sinne regierte. Chindaswind trieb diese in's Exil, und sie mußten da Zuflucht suchen, wohin sie die verfolgten Juden getrieben hatten, in Afrika und Südgallien. Während dieser vortreffliche König streng gegen die Anmaßenden war, zeigte er den Juden Milde. Trotz des beschlossenen kanonischen Gesetzes, daß jeder gewählte König bei seiner Thronbesteigung einen feierlichen Eid abzulegen habe, weder Juden noch Ketzer in seinem Lande zu dulden, gestattete Chindaswind den verbannten Juden Rückkehr in ihr Vaterland, und sie wurden während seiner Regierung (642 — 52) wenig gekränkt i). Nur mußten sie eine Art Judensteuer von jedem Kopfe an den Staatsschatz leisten (Inckiotiones juäai'oao ^). Sein ihm unähnlicher Sohn Receswinth schlug auch in Betreff der Juden ein entgegengesetztes Verfahren ein. Aus Fanatismus oder um sich bei der dem Throne feindlichen Geistlichkeit einzuschmeicheln, trug er selbst in der Kirchenversammlung, welche zugleich ein Parlament war, auf strenge Behandlung der Juden an, namentlich derer, welche früher zum Scheine Christen waren. In der Thronrede hielt Receswinth an die Mitglieder der Kirchenversammlung folgende Ansprache: „Ich klage die Lebensweise und das Verhalten der Juden an, weil ich erfahren habe, daß das Land meiner Regierung durch ihre Pest befleckt ist. Denn während der Allmächtige aus diesem Reiche die Ketzereien von Grund aus vertilgt hat, ist diese Schmach der Kirchenschändung allein zurückgeblieben und soll durch unsere Frömmigkeit gebessert oder durch unsere Strenge vertilgt werden. Es haben nämlich einige von ihnen ihren alten Unglauben beibehalten, Andere, obwohl durch das Bad der Taufe geläutert, sind so sehr in den Jrrthum des Abfalls zurückgesunken, daß an ihnen die Lästerung noch abscheulicher erscheint als an denen, welche nicht durch die Taufe geläutert sind. Ich beschwöre euch daher, daß ihr ohne Vergünstigung und ohne Ansehen der Person einen, Gott und dem Glauben wohlgefälligen, Beschluß gegen die Juden fassen wöget." Das toletanische Concil (das achte) erließ indeß keine neuen Gesetze in Betreff der Juden, sondern bestätigte nur die kanonischen Beschlüsse des vierten st Vergl. die Dissertation: Die ivestgothische Gesetzgebung in Betreff der Juden, im Programm des jüd. theol. Seminars 1858 S. 11 f. st Das. S. 20. Graetz, Geschichte der Juden. V. 9 130 Geschichte der Juden. toletanischen Concils unter Sisenand (o. S. 62^), die streng genug waren. Demnach durften die Juden im Lande bleiben, nur durften sie keine christlichen Sklaven besitzen, kein Amt bekleiden und auch nicht als Zeugen gegen Christen zugelassen Werdens. Es traf sie also im westgothischen Spanien dieselbe Entwürdigung, wie ein Jahrhundert vorher im byzantischen Reiche (o. S. 18), daß ihrem Worte und ihrem Eide keine Glaubwürdigkeit beigemessen werden sollte. Aber noch viel härter war das Loos derer, welche während der Verfolgung zum Scheine das Christenthum angenommen hatten. Sie wurden gezwungen, im Schooße der Kirche,zu verbleiben und mußten neuerdings das Judenthum abschwören. Flucht war ihnen unmöglich; deny die schwerste Strafe war über denjenigen verhängt, der sich dem Christen- thume entziehen, sich irgendwo verbergen oder gar das Land verlassen wollte. Selbst die Mitwisser und Beförderer einer Flucht sollten der Strafe verfallen. Die Geschichte hat die Namen derer nicht aufbewahrt, welche sich für ihre Religion geopfert haben. Diejenigen aber, welche den Schein fortsetzten und sich doch innerlich zum Judenthum bekennen wollten, mußten neuerdings einen Abschwörungsschein (plaeitnm luäasoruw) ausstellen. Die Juden der Hauptstadt Toletum (Toledo) unterschrieben am 18. Februar 654 ihr Bekenntniß folgenden Inhalts für den König Receswinth: Sie hätten zwar schon unter dem König Chintila gelobt, im katholischen Glauben zu verharren, aber ihr Unglauben und der angestammte Jrrthum von ihren Vorfahren hätten sie gehindert, Christus als ihren Herrn anzuerkennen. Jetzt aber versprächen sie freiwillig für sich, ihre Frauen und Kinder, daß sie sich nicht mehr mit den Riten und Bräuchen des Judenthums befassen wollten. Sie wollten nicht mehr mit ungetauften Juden ver- dammenswerthen Umgang pflegen, nicht mehr unter Verwandten (Bruder- und Schwesterkindern) heirathen, nicht mehr jüdische Frauen heimführen, nicht mehr jüdische Hochzeitsgebräuche beibehalten, nicht mehr Beschneidung üben, nicht Passah, Sabbat und andere jüdische Feste feiern, nicht mehr die Speisegesetze des Judenthums beobachten, überhaupt nicht mehr das üben, was die Satzung der Juden und die verabscheuungswürdige Gewohnheit vorschreiben. Sie wollten vielmehr mit aufrichtiger Hingebung gemäß den Evangelien und der apostolischen Tradition glauben und bekennen und die Kirchenvorschriften ohne List und Schein beobachten. Nur das Eine sei ihnen unmöglich, Schweinefleisch zu genießen; sie könnten diesen Widerwillen nicht über- *) OouciliuiL tolstauum VIII. xraolatto 12, 13 und oauou XII. bei ä'X^uirrs, eollsotlo oouoilioruoi II. x. 540, 547. '0 Vergl. Dissertation S. 25. Die Juden in Spanien. 131 winden. Sie versprächen indeß, das, was mit Schweinefleisch gekocht ist, ohne Scheu zu genießen. Derjenige unter ihnen, welcher sich eine Uebertretung des Versprochenen zu Schulden kommen lassen werde, sollte von ihnen selbst oder von ihren Söhnen mit Feuer oder durch Steinigung getödtet werden; das Alles beschwören sie bei der Trinität. Doch stünde es dem Könige frei, ihn zu begnadigen, dann sollte der Uebertreter aber als Leibeigener behandelt werden dürfen *). Aehuliche schriftliche Versicherungen mußten sicherlich auch die zwangsweise getauften Juden in den übrigen Städten des west- gothisch-spanischen Reiches geben. Dabei mußten sie noch immer die Judensteuer zahlen ^j. Der Staatsschatz sollte durch den Bekenntniß- wechsel keine Einbuße erleiden. Zur selben Zeit kassirte Receswinth das römische Gesetzbuch, das bis dahin für Römer und auch für Juden Richtschnur war, ließ die westgothischen Gewohnheiten, die Erlasse der früheren Könige und der Concilien in einen Codex sammeln und erhob ihn zur allein gültigen Norm für sämmtliche Bewohner des Landes. In diese Gesetzsammlung nahm Receswinth auch die harten Erlasse aus früherer Zeit gegen Ketzer und Juden auf und besonders gegen die jüdischen Zwangstäuflinge, welche ebenfalls als Ketzer galten, als judaisirende Ketzer nämlich. Er fügte auch seinerseits neue hinzu. Ueber die heimliche Ausübung des Judenthnms von Seiten dieser Unglücklichen war Tod durch Feuer oder Steinigung verhängt und im Begnadigungsfalle ewige Leibeigenschaft 2). Da aber der König Receswinth wohl wußte, daß die unabhängigen Adligen im Lande die Juden beschützten und den gezwungen Bekehrten gestatteten, nach ihrer Ueberzeugung zu leben, erließ er eine Verordnung, daß kein Christ bei Strafe des Bannes und des Ausschlusses aus der Kirche die heimlichen Juden begünstigen sollte^). Indessen führte diese Maßregelung und Vorkehrung doch keineswegs zum Ziele. Die heimlichen Juden oder die judaisirenden Christen, wie sie officiell hießen, rissen das Judenthum nicht aus ihrem Herzen, sondern hingen ihm um so fester an, je gefahrvoller es für sie wurde. Die spanischen Juden lernten zeitlich die Kunst, inmitten von Todesgefahren ihrer Religion im tiefsten Herzen treu zu bleiben und ihre tausendäugigen Feinde zu ermüden. h Lluoitniii ckuäasorura lsx Visigotlrornra libsr XII. litsl II. Z 16, ä'XZulrrs das. S. 567. 2) Folgt aus oouoilirma lolsts-uum XIV. prersl. 8— 9 und es.ii. I. bei ä'XAuirrs das. 736, 740 und lsx VisiAolllornin VII. 2, § 18. 2) Vergl. Dissertation S. 21 ff., 33 f. Tsx VisiZotbornia 1b. XII. Titel 2, Z 15. 9 * 132 Geschichte der Juden. Sie fuhren fort, in ihren Häusern die jüdischen Feste zu feiern und die von der Kirche vorgeschriebenen Feiertage zu mißachten. Dem wollten aber die Vertreter der Kirche eutgegenarbeiten und erließen eine Verordnung, welche die Unglücklichen ihrer Häuslichkeit berauben sollte. Sie mußten die jüdischen und christlichen Festeszeiten unter den Augen der Geistlichen zubringen, damit sie gezwungen seien, jene zu verletzen und diese zu feiern (655). Die Uebertreter sollten je nach dem Alter durch schwere Buße oder Geißelhiebe bestraft werden Z. Während die getauften Juden solchergestalt durch ausgesuchte Maßregeln gepeinigt wurden, waren die Juden unter Receswinth unangefochten. Selbst das Recht, schriftliche Sklaven für ihr Haus und Feld zu besitzen, war ihnen tatsächlich eingeräumt. Hohe und niedere Geistliche selbst verkauften ihnen, ohne Rücksicht auf die Kirchengesetze, christliche Leibeigene. Der König brachte diese von Geistlichen selbst ausgegangene Uebertretung der kanonischen Edikte auf einer Kirchenversammlung (der zehnten) zu Toledo zur Sprache, erinnerte die Mitglieder an die alten Gesetze und beschwor sie, ihnen Geltung zu ver- , schaffen. Die Kirchenversammlung verhängte in Folge dessen über die christlichen Sclavenverkäufer den Bann und verdammte sie zur ewigen Höllenstrafe (656^), ohne dadurch eine größere Wirkung hervorzubringen. Als Receswinth nach langer Regierung starb (672), mögen die . , vielfach durch ihn geplagten getauften Juden Freude empfunden haben, ohne sich jedoch der Hoffnung hinzugeben, daß es ihnen unter seinem Nachfolger Wamba, dem die Großen des Reiches mit dem Schwerte in der Hand die Krone aufgezwungen hatten, besser gehen würde. > Die feindlichen Gesetze gegen sie bestanden zu Rechte, die höhere Geistlichkeit überwachte deren Ausführung, und sie mußten ihr Leben unter lauter Zwang und Heuchelei zubringeu. Um sich von diesem Drucke zu befreien, betheiligten sie sich an einem Aufstande gegen Wamba. Graf Hilderich, Statthalter der zu Spanien gehörenden Provinz Septi- manien versagte nämlich dem neugewählten König seine Anerkennung und > > pflanzte die Fahne des Aufstandes auf. Er versprach, um sich Verbündete mit Schätzen zu "erwerben, den getauften Juden sichere Zuflucht und Religionsfreiheit in seiner Provinz, und sie folgten der Einladung und wanderten aus^). Der Aufstand Hilderichs von Nismes ') Oouoiliuiu tolstauura IX. oanon 27 bei ä'^Zuirrs 576. , Oouo. tolsb. X. Canon 7, das. 581. 2) lllaäsusis in seiner Chronik x. 59. Vergl. Lembke: Geschichte von Spanien S. 103 ff. und Adolf Helfferich: Entstehung und Geschichte des Westgothenreiches. S. 185. Die Juden in Spanien. 133 nahm eine größere Ausdehnung an und versprach einen glücklichen Ansgang, als der Feldherr Paulus, den Wamba gegen die Aufständischen in Septimanien abgeordnet hatte, gemeinschaftliche Sache mit ihnen machte und von ihnen in Narbonne zum Könige gewählt wurde. Doch dauerte Paulus' Regierung nicht lange. Wamba zog mit einem Heere gegen Narbonne, nahm es ein, bemächtigte sich der Führer Paulus und Hilderich und bestrafte sie strenge. Von Wamba's Verhalten gegen die Juden ist nur so viel bekannt, daß er sie aus der Stadt Narbonne Vertrieb, vermuthlich weil sie sich an dem Widerstande bctheiligt hatten. Auf dem Concile, das unter ihm tagte (dem elften) bildeten die Juden keinen Gegenstand der Gesetzgebung. Sie scheinen vielmehr während seiner Regierung (672—80) einer gewissen Freiheit genossen und etwas zu ihrer Selbsterhaltung unternommen zu haben. Um einerseits zu beweisen, daß sie nicht gerade vernunftberaubt und wahnwitzig sind, weil sie sich mit dem Christenthum nicht befreunden konnten — wie ihre Feinde sie in Concilen und Schriften zu schildern pflegten — und andrerseits um sich selbst und ihre halb dem Christenthume angehörigen Brüder im angestammten Glauben zu erhalten, verfaßten Begabte unter ihnen gegenchristliche Schriften, wahrscheinlich in lateinischer Sprache^). Von dem Inhalte dieser polemischen Schriften ist nur ein Punkt bekannt geworden. Sie beriefen sich auf eine Tradition (eine agadische), daß der Messias erst im sechsten Jahrtausend der Welt erscheinen werde. Denn die sechstausend Jahre entsprächen den sechs Schöpfungstagen, und das siebente Jahrtausend bilde den Weltsabbat, die eingetretcne Messiaszeit. Sie führten dabei den Psalmvers an: Tausend Jahre sind in Gottes Augen wie ein Tag"). ') Das Vorhandensein antichristlicher Schriften unter den ivestgothisch- spanischen Juden bezeugt lsx VisiMtlrornrn (II. 3, 1l). 8i gnls cknäasornin tibros illos lsZsrit, vsl äoctrinas attsnäsrit, in gnlbns inals contra, üäsrn tülrristi ssntitnr sie. 2) Die Ansicht der Juden über das siebente Jahrtausend der Messiaszeit entwickelt Julian von Toledo in seiner apologetischen Schrift contra. cknäasos Buch I. (in der bibliotlrsca. ps.trnin rna-xlina. sä. Im^änni 1. XII. p. 615 sf.) Ourn (änäasi) tlliristnrn nscänrn pro salnts liorninnrn in innnäurn vsuisss, ssä aäbuc vsntnrnin ssss prassninnnt . . . äiesntss gnoä aälinc gnints. asts-s sa-senli svolvatnr, st nscäuin uälruc vsnsrit ssxtas astatis cnrricnlnrn, in gno vsntnrnin nosci oportsat Obristnrn. Darauf redet Julian die Juden an: Ilbi ists. lsZistis? ^.n torts sx illa opinions lioc äicitis, gnas in I?ss.lino proscribitnr, nbi ait: „Hnoniarn rnllls s.nnl ants oenlos tnos tangnarn äiss nna", nt sient ssx äisbus lactns s. 134 Geschichte der Juden. Da nun nach ihrer Berechnung der Zeit von der Weltschöpfung bis zu Jesu Erscheinen noch kaum fünf Jahrtausende abgelaufen waren, so konnte, nach ihrer Behauptung, damals der Messias nicht erschienen sein. Dieser Einwand muß von den jüdischen Schriftstellern so schlagend geführt worden sein, daß manche Christen dadurch im Glauben schwankend geworden waren ^). Dieser theilweisen Freiheit des Kultus, des Gedankens und des Wortes machte Wamba's Nachfolger ein Ende, der sich durch Arglist in den Besitz der Krone gesetzt hatte. Erwig, byzantinischen Ursprungs und mit der Doppelzüngigkeit und Gewissenlosigkeit der entarteten Griechen reichlich ausgestattet, hatte dem König Wamba einen Schlaftrunk eingegeben und dadurch veranlaßt, daß dieser mit dem Mönchsgewande bekleidet und er selbst zum Nachfolger ausgerufen worden war. Um die Usurpation legitimiren zu lassen, mußte Erwig der Geistlichkeit Zugeständnisse machen, und reichte ihr die Juden als Opfer hin. Vor der Kirchenversammlung, welche ihm die Krone aufs Haupt setzen sollte, hielt er mit erlogenem Pathos eine fanati- sirende Anrede gegen die Juden und legte eine Reihe von Gesetzen gegen dieselben zur Bestätigung vor. Der Theil der Thronrede in Betreff der Juden lautete „Mit einem Thränenstrom flehe ich die ehrwürdige Versammlung an, auf daß das Land durch euren Eifer von dem Aussatze der Entartung gereinigt werde. Erhebet euch, äso rnunäus psrsoribitur, its nt gussi sox sotstos in snnis SöX nailii- bus äistinzusntur. Die Juden hatten aber dieses Dogma aus talmudisch- agadischen Quellen. Vergl. K^nbsäriu 97 f. lllsns cli-bo Ulis, rsbbs o. 2. Es geht also daraus hervor, daß die spanischen Juden direct oder indirekt im siebenten Jahrhundert mit dem Talmud bekannt waren. Uebrigens war Julian so unwissend in der Kirchengeschichte, daß es ihm entgangen ist, daß die Kirchenlehrer selbst im apostolischen und nachapostolischen Zeitalter das chiliastische Dogma von sechs Jahrtausenden der Welt als gewiß annahmen. Vergl Usrnabss (Upistols 15 o.): «r- ovvrrlkk o 6ror TQptist kV r» srclvr«' 7/ «i'rdi Flirr» lr7-. Justinus Martpr, Irenaus Apollinaris und andere Kirchenväter haben den messianischen Chili- asmus in ihre Christologie gezogen. Vergl. über die schwankenden Berechnungen in der nachapostolischen Zeit über diesen Punkt» Piper Karl's des Großen Kalendarium S. 149 ff. 1) Julian von Toledo das. vor der oben citirten Stelle: (lluässi) gui osoos inlläolitstis noots xosssssi, non solurn bsrstbro ästostsbilio psr- lläiso oonoiäunt, ssä stisrn guosäsin s liäoliuna nurusro titubs.ro oornpsllunt, ourn Obiistuna sto. Und im Anfang des dritten Buches: kloo priinuin oruns Zonus ebristisnoruin säinonso, ut guisguis obris- tisnoruin s guolibot lluäsoo soounäurn ooäioss Usbrsooruni sotstos ipsss oonaputsrs suäisrit, non illi oor suuin inllsotst. 2) Oonoiliuin tolstsnuin XII. prsolstio 3. bei ä'^Zuirro das. S. 682. Die Juden in Spanien. 135 erhebet euch! rufe ich euch zu. Löset der Schuldigen Knoten, bessert der Uebertreter schandbare Lebensgewohnheit, leget des Eifers Gürtel an, erleichtert die Bürde, und was noch mehr ist, vertilget von Grund aus die Pest der Juden, welche stets zu neuem Wahnwitze sich verhärtet! Prüfet die Gesetze, welche von unserer Majestät gegen den Abfall der Juden neuerdings promulgirt sind. Denn wir müssen uns hüten, durch Auflösung der Kirchengesetze, die mit Anathema gegen deren Jrrthümer erlassen wurden, uns nicht der Schuld der Juden theilhaftig zu machen, besonders wenn jenes Gesetz nicht gehandhabt wird, durch welches unser glorreicher Vorgänger Sisebut alle seine Nachfolger mit einer Fluchformel gebunden hat, daß sie nicht gestatten mögen, daß christliche Sclaven den Juden unterthan seien oder dienen." Unter den siebenundzwanzig Paragraphen, welche Erwig der Kirchenversammlung zur Bestätigung vorgelegt hat, galt nur ein einziger den Juden, die übrigen aber betrafen jene zwangsweise Getauften, welche trotz Versprechung christlicher Bekenntnisse und schwerer Strafen dem Judenthum nicht entsagen mochten. Mit den Juden machte Erwig's Gesetzvorscblag kurzen Prozeß. Es wurde ihnen bedeutet, sich, ihre Kinder und Angehörigen innerhalb eines Jahres zur Taufe zu stellen, sonst würden ihre Güter confiscirt werden und sie selbst würden hundert Geißelhiebe bekommen, ihre Kopf- und Stirnhaut würde zur ewigen Schmach abgeschunden und sie außer Landes verwiesen werden. Für die seit lange getauften Juden wurden die alten Gesetze erneuert, daß sie nicht die Bräuche des Judenthums beobachten sollten; nur verwandelte Erwig die verschärfte Strafe der Steinigung und des Feuertodes in scheinbar mildere: Güterconfiskation. Geißelhiebe, Kopfhautabschinden und Verbannung. Dieser sophistische König rechtfertigte die Aenderung des alten Strafverfahrens dadurch, daß es nicht gerecht und nicht biblisch sei, sämmtliche Vergehungen mit einer und derselben Strafe zu belegen. Nur die Ausübung der Beschueidung belegte dieses Gesetz mit noch härterer Pein und für Frauen mit Naseabschneiden. Jedermann war angewiesen, das Judai- siren der ehemals Getauften anzuzeigen; auf Verheimlichung und Fluchtversuch war Strafe gesetzt. Es wurde ihnen verboten die gegenchristlichen Schriften zu lesen und die Jugend darin zu unterrichten, und die Strafe auf ein solches Vergehen sollte nicht bloß den Lehrer, sondern auch die Schüler von zehn Jahren an treffen. Ferner sollten sie nicht nur die christlichen und jüdischen Festeszeiten unter den Augen der Geistlichen zubringen, sondern sie sollten auch einem geistlichen Paßzwange unterworfen sein. So oft sie eine Reise unternahmen. 136 Geschichte der Juden. sollten sie sich vor die Geistlichen des Ortes stellen und sich von ihnen bescheinigen lassen, wie lange sie an dem Orte zugebracht, und ob sie während der Zeit streng kirchlich gelebt haben. Sie sollten öffentlich dos Judenthum abschwören, zu ihrer aufrichtigen Bekehrung zur katholischen Kirche eine vorgeschriebene Eidesformel schwören: „Bei dem Gotte Israels, bei Christus, dem Einen in der Dreiheit, bei den Reliquien der Apostel und Heiligen, bei den Evangelien", und die Plagen Egyptens, das Strafgericht über Dathan und Abiram und die Schrecken des jüngsten Gerichtes vor Christi Tribunal auf sich Herabrufen, daß ihre Lossagung vom Judenthume und ihr Bekenntniß des Kirchenglaubens aufrichtig seien. Dabei sollten sie zu keinem Amte zugelassen, nicht einmal als Dorfschulzen (viliious, sotor) über christliche Leibeigene angestellt werden und keine Sclaven halten dürfen, mit Ausnahme derer, welche ein Zeugniß beizubringen im Stande wären, daß sie einen unverdächtigen christlichen Wandel geführt haben. Eine Abschrift der gegen sie erlassenen Gesetze sollten sie stets bei sich führen, um sich nicht mit Unkenntniß derselben entschuldigen zu können. Geistliche und königliche Richter wurden angewiesen, streng über die Ausführung der Verfügung zu wachen, und allen Christen war es untersagt, von den getauften Juden irgend ein Geschenk an- znnehmen Z. Die Kirchenversammlung, an deren Spitze der Metropolitan von Toledo, Jnlian, von jüdischer Abkunft, war^), genehmigte sämmtliche Gesetzesvorschläge Erwig's und verfügte, daß die Geltung dieser Gesetze, wie sie durch den Synodalbeschluß bestätigt worden, durch allgemeine Anerkennung für alle Ewigkeit unverbrüchlich seien. Zwei Tage nach der Schließung der Kirchenvcrsammlung wurden die Juden, die treugeblicbenen und die getauften, zusammenberufen; die Gesetze wurden ihnen vorgelesen und zur strengen Nachachtung eingeschärft (25. Januar 681). Zum dritten Male mußten die getauften Inden das Judenthum abschwören und eine Bekenntnißschrift (Inäioulum) ausstellen — mit derselben Aufrichtigkeit wie früher unter Chintila und Receswinth. Aber auch diese judenfeindlichen Gesetze blieben größtentheils Buchstaben und wurden nicht mit Strenge ausgeführt, trotz Erwig's Bosheit. Seit dem Aufstande des Hilderich von Nismes und des st Die Quellen und die kritische Beleuchtung derselben in der genannten Dissertation S. 15 f. 26 f. 34. -) Isiäor i?s,osQsis obrouiooir in Illors? liispg.Ha. snArnäs, 1. VIII. x. 294. . st Qsx VisiAotlrorum Ende. Die Juden in Spanien. 137 Paulus — deren Anhänger und Angehörige hart verfolgt wurden — kamen zu den übrigen Schäden des westgothischen Reiches noch eine tiefe Spaltung und leidenschaftliche Parteiung hinzu. Erwig war gewissermaßen nur Führer einer Partei der Großen und stimmberechtigten Adeligen, die andere Partei war ihm feindlich und wurde von ihm verfolgt. Männer von altem Geschlechts wurden zu Knechten erniedrigt, auf die Folter gespannt und ihrer Güter beraubt Z. Sämmt- liche Verfolgten machten also gemeinschaftliche Sache, und die Juden beider Färbungen wurden von der königsfeindlichen Partei geschützt, weil sie Gegenstand seines Hasses waren. Die Synagogen wurde» zwar in Spanien zerstört, aber die Juden blieben im Lande, trotz der Gesetze"), und scheinen sogar einen kirchenfeindlichcn Einfluß im Lande geübt zu haben. Denn der König Erwig forderte den angesehensten und gelehrtesten Bischof seiner Zeit, den Metropolitan Julian von Toledo, seinen Mitschuldigen, auf, eine Gegenschrift zu verfassen gegen die von Juden schriftlich und mündlich vertheidigte Ansicht, Jesus könne nicht der Messias gewesen sein, da zu seiner Zeit das sechste Jahrtausend noch nicht begonnen hatte (o. S. 133). Auf Verlangen des Königs und aus eigenem Eifer unternahm der Prälat von jüdischer Abkunft die Vertheidigung von Jesu Messianität und die Entkräftigung der Ansicht von dem sechstausendjährigen Weltalter. Bei Abfassung seiner Schrift: „lieber den Nachweis des sechsten Zeitalters gegen die Juden" (686) war Julian aber überzeugt, daß er schwerlich die Juden zum Glauben wieder bekehren könne, und es lag ihm mehr daran, diejenigen Christen, welche durch die Beweisführung der Juden schwankend geworden waren, zum Glauben zurückzuführen, „damit wenn auch der Jude dadurch nicht gebessert werden wird, der Christ wenigstens Nutzen davon ziehe" Z. Julians Beweisführung ist, selbst vom christlichen Standpunkte aus betrachtet, schwach. Zuerst bestreitet er überhaupt den Satz, daß der Messias im sechsten Jahrtausend erscheinen müsse, da es nirgends in der heiligen Schrift vorkomme. Er weist dann nach, daß durch Jesus die Erfüllung der Zeiten, von welcher die Propheten geweissagt, durch andere untrügliche Zeichen eingelreteu sei. Die Ansicht vom messianischen Jahrtausend sei auch nicht einmal von den Juden zur Zeit Jesu und der Z Ooncilinrn tolstanurn XV. Prastatio. 2) Vergl. Dissertation S. 16. 2 ) Einleitung zu Julians trss llbsri äs äsrnonstrations Xstatis ssxtas contra, änäasos. 4) Vergl. o. S. 133 Note 2 und Julian, das. B. I. nt sl non oorriZatnr cknäasns, saltsin xroüciat cllristianns. 138 Geschichte der Juden. Apostel in ihrer Polemik gegen sie geltend gemacht worden. Dann behauptete er, wenn es richtig ist, daß der Messias mit dem sechsten Zeitalter der Welt im Zusammenhänge stehe, so dürfe dieses nicht nach Jahren und Jahrtausenden berechnet, sondern müsse nach Geschlechtern und Generationen gezählt werden. Nun seien von Adam bis Jesus, nach dem Matthäus-Evangelium, fünf Generationsgruppen abgelaufen, von Adam bis zur Sündfluth, von da bis Abraham, vom ersten hebräischen Patriarchen bis zum König David, von ihm bis zum babylonischen Exile, und endlich das fünfte Zeitalter reiche vom Exile bis Jesus. Mit ihm habe demnach das sechste Zeitalter begonnen. Endlich geht Julian weiter zu behaupten, Jesus sei, selbst nach Jahren gezählt, im sechsten Jahrtausend geboren, wenn man sich an die Zahlenreihe der Patriarchen von Adam bis Abraham nach der Zählungsweise der griechischen Uebersetzung (Septuaxinta) hält. Allerdings weiche das hebräische Original der Thora von dieser Zahlsumme bedeutend ab. Nach demselben fehlt über ein Jahrtausend von Adam bis Jesus. Das giebt Julian zu. Allein er hilft sich mit der Behauptung, auf die griechische Uebersetzung der Thora sei deswegen mehr zu geben, weil die Uebersetzer vom heiligen Geiste bei ihrem Werke inspirirt waren, und demnach, wenn auch vom Buchstaben abweichend, die innerliche Wahrheit aufgestellt hätten. Oder er schließt sich der Ansicht des Kirchenvaters Augustin an, welcher meint, die Juden hätten, um dem Erscheinen Jesu im sechsten Jahrtausend das Gewicht zu benehmen, die Zahlen im hebräischen Original gefälscht, damit weniger herauskomme und behauptet werden könne, die Erfüllung der Zeiten sei nicht eingetroffen *). r) Das. B. III. x. 629 X. 8io suiru äivit (XuZustiuus): luguiuut, non esss orsäibils ssptuu^iuta. iutsrxrsbss, gui uuo siruul bsrnxors, uuogus ssusu iubsrprstss lusruut, srrars piobuisss, aut ubi uibil soruru iutsrsrs.b, voluisss insubiri, lluäasos vsro, äuiu uobis iuvicisub, rnutusss guusäum in ooäivibus suis, ul uosbris rainusrabur autoritas. Diese Behauptung, die Juden hätten in der nachchristlichen Zeit die Zahlen der Lebensjahre in der Patriarchentafel der Genesis gefälscht, was auch von syrischen Kirchenschriftstellern geltend gemacht wurde, ist barer Unsinn. Damals waren bereits Copien der Thora in drei Erdtheilen verbreitet, und eine so frappante, conseguente Aenderung war nicht möglich. Die griechischen Uebersetzer der 8sxb. haben allerdings kein Interesse an der Fälschung gehabt, aber wohl christliche Alexandriner in den ersten Jahrhunderten der Kirche. Ich habe in einer Abhandlung nachgewiesen, daß die Fälschung der Zahlen in der I-XX. gerade zu Gunsten des Dogmas geschehen ist, daß Jesus mit dem Ablaufe des sechsten Jahrtausends erschienen sei: Fälschung im Texte der 8sxbus.Aiuta, in Frankens Monatsschrift, Jahrgang 1853, S. 436 ff. und 1854, S. 121. Die Juden in Spanien. 13S Gelegentlich wiederholte der Metropolitan von Toledo alle die Beweise der Kirchenväter, daß das Judenthum ohne Tempel nicht bestehen könne und redete die Inden pathetisch an: „Wo ist also das Land der Verheißung, in welchem ihr gesündigt habet und aus welchem ihr verbannt seid? Suchst Du das Reich der Juden? Es giebt keines. Suchst du den Altar der Juden? Es giebt keinen. Suchst Du das Priesterthum der Juden? Es giebt keines." Dagegen herrsche Christus überall. Und wenn es auch an einigen Punkten Ungläubige gebe, so entgehen auch sie nicht der Herrschaft des Christenthums, da sie von solchen Fürsten unterjocht worden, in deren Herzen Christus wohne ^). In der Herrschaft und der Unterjochung Anderer suchte das damalige Christenthum die Bewahrheitung seiner Sendung, und weil das Judenthum damals in Knechtsgestalt umherwandelte, verkannten Kirchenlehrer und Völker seine innere Größe. — Wenn auch Julian officiell als Kirchenfürst und Präsident der parlamentarischen Kirchenversammlung ein Feind der Juden war, so hatte er doch im Privatleben keine Abneigung gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen. Er hatte in seiner Umgebung einen Juden mit Namen Restitutus, mit dem er Umgang pflog. Durch ihn überschickte Julian seine Schrift, über „das zukünftige Leben", seinem Amtsgenossen, dem Bischof Jdalus von Barcelona. Dieser, ein einfältiger Fanatiker, war aber nicht wenig erstaunt darüber, daß ein Jude der Ueberbringer eines heiligen Buches von einer so anerkannten, orthodoxen Autorität sein sollte, und er drückte seine Verwunderung in einem Schreiben an Julian aus (687), wie er eine geistliche Schrift einem ungläubigen und gottlosen Juden anvertrauen konnte; er habe das betrachtet, als wenn ein Thier ein Lichtträger wäre"). Schlimmer noch erging es den westgothisch-spanischen Juden unter Erwig's Nachfolger. Egica war ein Schwiegersohn Erwig's, und von ihm zum Nachfolger ernannt, damit seine Nachkommen vor Verfolgung gesichert seien. Aber der neue König, der Wamba's Verwandter war, dachte nicht an den Eid, den er seinem Schwiegervater geschworen hatte, sondern nur an die Rache, die er an Erwig's Kindern nehmen wollte, und die Geistlichkeit zeigte sich bereitwillig, ihn seines Eides zu entbinden und ihm die Freiheit zu Verfolgungen zu geben. Gegen die halbbekehrten Juden war er Anfangs mildes, um einen Gegensatz zu Erwig's strengen Maßregelungen aufzustellen. Er redete ihnen freundlich zu, daß sie sich dem Christenthume aufrichtig anschließen und das Judaisiren fahren lasse» mögen. Er gestattete ihnen sogar tz Das. B. I. S. 619 ^ 620 0. L. 2) Dissertation S. 16. ») Das. S. 17, 29. 140 Geschichte der Juden. christliche Sklaven zu halten, was ihnen unter Erwig untersagt war. Zum Schein bekräftigten sie durch einen Eidschwur, der Kirche anhänglich zu sein; aber im Herzen blieben sie nichtsdestoweniger dem Judenthum treu. Da nun Egica einsah, daß er mit seiner Milde nicht weiter kam, verfiel auch er auf Strenge. Er verjagte zwar die Juden nicht aus dem Lande, aber er that ihnen noch Schlimmeres: er beschränkte sie in ihrem Erwerbe. Er verbot den Juden und den judaisirenden Christen den Besitz von Ländereien und Häusern, ferner die Schifffahrt und den Handel nach Afrika und Geschäftsbetrieb mit Christen überhaupt. Alle ihre unbeweglichen Güter mußten sie an den Fiscus abgeben, und sie wurden dafür — wohl nicht sehr gerecht — entschädigt. Nur die aufrichtig Bekehrten sollten von dieser Beschränkung befreit sein und auch nicht die Judensteuer zu zahlen brauchen; aber den Ausfall für dieselben sollten die übrigen Glieder zu decken gebunden sein. Dieses höchst beschränkende Gesetz ließ Egica ebenfalls durch die Kirchenversammluug bestätigen(693). Erwig's guälerische Gesetze wurden zwar durch Egica aufgehoben, aber dafür wieder durch Receswinth's Edikte und das neue Gesetz vermehrt. Durch dieses neue Gesetz, das nicht umgangen werden konnte, da die Einziehung ihrer unbeweglichen Güter tatsächlich ausgeführt wurde, waren die Juden zur Verzweiflung getrieben; sie machten daher einen gefährlichen Versuch, sich gegen ihre unerbittlichen Feinde zu verschwören. Sie knüpften Verbindung mit ihren glücklicheren Brüdern in Afrika an und beabsichtigten, wahrscheinlich mit Hilfe der kühn vordringenden Mohammedaner und unzufriedenen Großen im Lande, das westgothische Reich zu stürzen <694). Leicht hätte der Versuch gelingen können, da der Staat durch Zwietracht, unnatürliche Laster und Schwäche in einem hohen Grade in Verfall und Auflösung begriffen war. Aber die Verschwörung der Juden wurde vor der Zeit verrathen, und die schwerste Strafe traf nicht nur die Schuldigen, sondern sämmtliche jüdische Bewohner Spaniens. Der König Egica legte der eigens dazu zusammenberufenen Kirchenversammlung von Toledo die Beweise von der Verschwörung vor und knüpfte daran einen Gesetzesvorschlag, daß sämmtliche Juden der Leibeigenschaft verfallen sollten. Das Concil, nicht minder entrüstet über die Verwegenheit der Juden, genehmigte Egica's Dekret (November 694): „Weil die Juden nicht bloß gegen ihr Versprechen das Glaubensgewand, welches ihnen die Mutter-Kirche durch das Bad der Taufe angelegt durch die Beobachtung ihrer Riten befleckt, sondern auch die Macht des Reiches durch Verschwörung an sich zu reißen getrachtet haben." In Folge dessen wurden sämmtliche Juden Spaniens und der gallischen Provinz als Sklaven erklärt, Die Mohammedaner in Spanien. 141 an Herren verschenkt und durch das Land verteilt, ohne daß es ihren Herren freistand, sie freizulassen. Die Kinder von sieben Jahren an wurden ihren jüdischen Eltern entrissen und Christen zur Erziehung übergeben. Eine Ausnahme war nur gemacht zu Gunsten der kriegerischen Juden, welche in den Engpässen der gallischen Provinz eine Vormauer gegen feindliche Einfälle bildeten. Ihre Unentbehrlichkeit und Tapferkeit schützten sie vor der Entehrung und Knechtung, aber zur Bekehrung sollten sie jedenfalls gezwungen werden ^). Bis zu Egica's Tod blieben die spanischen Juden in diesem Zustande der Erniedrigung. Eine nicht ganz zuverlässige Quelle berichtet: Sein Sohn Witiza, ein vortrefflicher König, der dem Lande Eintracht geben wollte, habe auch die verbannten Juden zurückgerufen, die feindseligen Gesetze gegen sie aufgehoben und ihnen den Vollgenuß der bürgerlichen Rechte verliehen Diese Angabe aber ist ganz unwahrscheinlich; denn dann hätten die Juden nicht einen so tiefen Haß gegen die Westgothen gezeigt und nicht dem Feinde, der dem westgothischen Staate ein Ende machen sollte, so eifrig die Hand geboten und Vorschub geleistet. Nach Witiza's Tod hatte nämlich die letzte Stunde dieses Reiches geschlagen. Die aus Spanien zn verschiedenen Zeiten ausgewanderten Inden in Afrika und ihre unglücklichen Glaubensgenossen in der Halbinsel machten gemeinschaftliche Sache mit dem mohammedanischen Eroberer Tarik, welcher ein kampflustiges Heer von Afrika nach Andalusien hinübersetzte. Nach der Schlacht bei Xerez (Juli 711) und dem Tode des letzten westgothischen Königs Roderich drangen die siegenden Araber vor und wurden überall von Juden unterstützt. Hatten sie eine Stadt erobert, so ließen die Feldherren nur wenige moslemitische Truppen als Besatzung zurück, weil sie sie zur Unterwerfung des Landes brauchten, vertrauten sie vielmehr ' den Juden au. So wurden die eben noch geknechteten Juden Herren der Städte Cordova, Granada, Malaga und anderer^). Als Tarik vor die Hauptstadt Toledo rückte, fand er nur eine kleine Besatzung darin, indem die Großen und Geistlichen zur Sicherung ihres Lebens entflohen waren. Während die Christen in der Kirche waren und um Schutz ihres Reiches und ihrer Religion beteten, öffneten die Juden dem arabischen Sieger die Thore^), empfingen ihn mit Jubel und Z Das. llluäsusis Obrouioon S. 69. ") lUinsbbsri bei bistor^ ok tbs rnobg.iu6ta.ii äzinastiss in 8pain I. 28V. Lembke's Geschichte von Spanien I. 266. Weil Chalisen I. 519. 528. Z Ibn-Uaiss.il bei Ga^sugos das. S. 283. Ibn-^.äbari sä. Uo^ I. 31, Uueas llbäsnsis das. S. 70. I 142 Geschichte der Juden. rächten sich für die tausendfältige Kränkung, die sie im Laufe eines Jahrhunderts seit Reccared und Sisebnt erfahren hatten (Palmsonntag 712). Auch die Bewachung der Hauptstadt überließ Tarik den Juden und zog immer weiter, um den feigen Westgothen, welche in der Flucht ihr Heil gesucht hatten, die geretteten Reichthümer abzujagen. Auch als der Statthalter von Afrika, Musa Jbn-Nosair, auf Tarik's Siege und Beute neidisch, ein zweites Heer nach Spanien hinüberschiffte und Städte eroberte, überließ er sie den Juden zur Bewachung *). Tie spanischen Juden kamen also unter günstigen Umständen unter die Herrschaft der Mohammedaner und galten gleich denen in Babylonien und Persien als ihre Bundesgenossen. Sie wurden freundlich behandelt, erhielten Religionsfreiheit, die sie so lange entbehrt hatten, durften die Gerichtsbarkeit über Glaubensgenossen üben und hatten nur gleich den unterworfenen Christen eine Kopfsteuer (Dsimma) zu zahlen. So wurden sie in den großen Verband ausgenommen, welcher sämmtliche Juden im islamitischen Reiche gewissermaßen zu einem Gemeinwesen vereinigte. i) bei O-a^s-uZos das. 284. (Fortsetzung.) Keckstes Kapitel. Das erste gaonäische Jahrhundert. Die Anfänge der ncuhebräischen Literatur und der gegentalmndischen Bewegung. Thcilnahme der Juden an der arabischen Sprache und Literatur; Messer-G'awaih, Sumair. Die neuhebräische Poesie; Joss b. Jose, Simon b. Kaipha; der Reim; Janai, Eleasar Kaliri und andere poetanische Dichter. Opposition gegen den Talmud; der falsche Messias Serene. Der jüdische Häuptling Kaulan und die spanischen Juden. Das Schulhaupt Natronai und die Apostaten. Verfolgung unter dem Kaiser Leo. Auswanderung der Juden nach der Kriminsel und dem Chazarcnlande. Der falsche Messias Obadia Abu- 'Jsa. Die messianische Apokalypse. Krieg und Untergang Abu-^Jsa's. Die Sekte der Jsawiten. Der Exilsfürst Salomon; R' Achat aus Schabcha, Verfasser der Scheeltot. 658 — 760. Mit der räumlichen Ausdehnung des mohammedanischen Reiches nahm auch die innere Thätigkeit der Juden in demselben in großen Verhältnissen zu. Die ersten Chalifen aus dem Hause Omejja waren wegen ihrer beständigen Kämpfe mit den Nachkommen und Genossen Mohammed's, mit den Fanatikern für den Buchstaben des Koran und mit den Anhängern des geistlichen, von Mohammed auf übernatürliche Weise übergeleiteten Jmamats (höheren Priesterthums) durchaus frei von der Engherzigkeit und der Verfolgungssucht des Stifters Und der ersten zwei Chalifen Abu-Bekr und Omar. Die Beherrscher der Mohammedaner Moawia, Jezid I., Abd'ul-Malik, Walid I. und Suleiman (656—717) waren viel mehr weltlich als geistlich gesinnt, hatten einen weiten politischen Gesichtskreis und banden sich wenig an die engherzigen Vorschriften des Koran und der Traditionen (Suna). Sie liebten die arabische Dichtkunst — Abd'ul-Malik war selbst Dichter — schätzten das Wissen und belohnten die Männer der Feder ebenso reichlich, wie die Männer des Schwertes, die für sie kämpften. Die Juden in den mohammedanischen Ländern eigneten sich daher bald die arabische Sprache an, weil sie mit der hebräischen Sprache, die jedem von ihnen mehr oder weniger bekannt war, in vielen Wurzeln und Bildungen verwandt ist und weil sie ihnen zum Verkehr unentbehrlich war. Die Begeisterung welche die Araber für ihre Sprache und Poesie empfanden, die Sorgfalt, die sie darauf verwendeten, sie rein, ebenmäßig und klangvoll zu gebrauchen, 144 Geschichte der Juden. wirkte auch auf die Juden und lehrte sie, sich einer korrekten Sprache zu bedienen. In den sechs Jahrhunderten seit dem Untergang der jüdischen Nation hatten die Juden den Sinn für Schönheit und Anmuth im Ausdrucke verlernt, sie waren nachlässig in ihrer Sprache, unbekümmert um reine Formen und gleichgültig, die Gedanken und Empfindungen in eine ansprechende Hülle zu kleiden. Ein Volk mit einer lallenden Sprache, das ein Gemisch von Hebräisch, Chaldäisch und verdorbenem Griechisch redete, war nicht im Stande, eine Literatur zu erzeugen, und noch weniger die verwöhnte Muse der Poesie zu fesseln. Eine Ausnahme hatten, wie bereits erzählt, die Inden in Arabien gemacht. Sie hatten von ihren Nachbarn Geschmack und die Kunst gelernt, die Rede gefällig und eindringlich zu gestalten. Die jüdischen Stämme Kainukaa und Nadhir, welche nach Palästina und Syrien ausgewandert, die Juden von Chaibar und Wadil'-Kora, welche in die Gegend von Kufa und in den Mittelpunkt des Gaonats verpflanzt worden waren (2. 99, 108), brachten Geschmack und Liebe für die poetische arabische Sprache in ihre neue Heimath mit und flößten sie ihren Glaubensbrüdern ein. Kaum ein halbes Jahrhundert nach der Besitznahme der Araber von Palästina und den persischen Ländern verstand es ein babylonischer Jude bereits, die arabische Sprache schriftstellerisch zu handhaben. Der jüdische Arzt Messer-G'awaih aus Baßra übersetzte eine medizinische Schrift, die Pandekten des Presbyters Ahron, aus dem Syrischen ins Arabische (um 683 Fortan waren die Juden gleich den syrischen Christen die Vermittler der wissenschaftlichen Literatur für die Araber. Auch auf andere Künste verlegten sich die Juden im islamitischen Reiche, da die Araber im ersten Jahrhundert nur dem Kriegshandwerke, dem Koranlesen, der Dichtkunst oder dem Genüsse ergeben waren und anderweitige edle Thätigkeit den Ungläubigen, d. h. den Juden und Christen, überließen. Ein Jude Sumair Prägte für den Chalifen Abd'ul-Malik die ersten mohammedanischen Münzen niit Legenden aus dem Koran (69b ^). Die Begeisterung der Araber für ihre Sprache und den Koran weckte auch im Herzen der Juden dasselbe Gefühl für die hebräische Sprache und ihre heiligen Urkunden. Ohnehin waren die Juden jetzt darauf angewiesen, sich mehr mit der heiligen Schrift vertraut zu 9 Iba-Ll'olA'ol bei Xbultai-ag' lüstoris. O^uastiarum sä. Uoeoeks 148 und Ibu-H>u-Oss.ibia, Oasiri dtkliotüsoa XradieL-dispans. I. 175. Wüsten- selv, Geschichte der arabischen Aerzte S. 9; hebr. Bibliogr. IV, S. 20—21; Loeb Magazin VII, S. 101. 2) Repositorium für hebräische und morgenländische Literatur IX. S. 216, 226 Note. Zunehmende Cultur unter den Juden. 145 machen, um in Streitfragen zwischen ihnen und den Mohammedanern nicht beschämt dazustehen. Die Anhänger des Koran pflegten nämlich den Juden gegenüber zu behaupten, in der Thora seien Mohammed und seine Offenbarung angedeutet. Namentlich beriefen sie sich auf den VersZ: „Der Herr kam vom Sinai, erschien vom Berge Se'ir und offenbarte sich auf dem Berge Paran." In dem ersten Theile soll die sinaitische Offenbarung, in dem mittleren Satz die Verkündigung des Evangeliums und in dem letzten die Offenbarung des Islam liegen; diese habe die vorangegangenen Offenbarungen aufgehoben^). Die Juden mußten sich, nm solche widersinnige Behauptungen zu widerlegen, tiefere Kenntniß der heiligen Sprache und ihrer Literatur aneignen. Waren die Begabten unter ihnen bis dahin nur auf den Talmud und die agadische Auslegung angewiesen, so führte sie das Bedürfniß zur Urquelle der Bibel zurück. Diese Rückkehr zu den heiligen Urkunden muß bereits im ersten gaonäischen Jahrhundert stattgefunden haben; denn in der darauf folgenden Zeit zeigte sich bereits eine solche allgemeine und innige Vertrautheit mit denselben, daß man leicht daraus folgern kann, der Grund dazu sei vorher gelegt worden. Die Erfindung der Vokalzeichen für den Text kam zustatten, sie erleichterte die Beschäftigung mit der heiligen Schrift. Die heilige Sprache konnte erst dadurch ihre Auferstehung feiern, sie war nicht mehr ein todtes Idiom für die Gelehrten, sondern konnte ein Bildungsmittel fürs Volk werden. Die Lesezeichen lichteten die Scheidewand zwischen den Kundigen (Olmelmw) und den Laien (^m ba-L. 162 ) mehr und mehr. Die nächste Folge der Berührung mit den begeisterten Arabern und der Vertiefung in die heiligen Urkunden war die Geburt einer neuhebräischen Poesie. Dichterische Gemüther mußten sich angeregt fühlen, den hebräischen Sprachschatz ebenso wie die Araber den ihrigen, in gebundener Rede, in gemessenen Versen anzuwenden. Aber während die arabischen Dichter das Schwert, das Ritterthum, die zügellose Liebe besangen, über den Verlust vergänglicher Güter klagten, und Gegner, die sie mit dem Schwerte nicht erreichen konnten, mit den Waffen der Satyre verwundeten, kannte die neuerwachte hebräische Poesie nur einen einzigen Gegenstand würdig der Begeisterung und Anbetung: Gott und sein Walten, und nur einen einzigen Gegenstand würdig der Klage: die Verlassenheit der jüdischen Nation und ihr Leiden. Die neugeborene hebräische Dichtkunst, so sehr sie auch von der biblischen i) Osutsrouomium 33, 2. -) Vergl. LollarLstaui Sektengeschichte Text sä. durston S. 165 f. und Haarbrücker's Uebersetzung I. S. 251; Las-äis. Umuusch III. 8, LtHmuui IZZers sä. ^.rast. 124 ä. G ra etz, Geschichte der Juden. V. 10 146 Geschichte der Juden. Poesie in Form und Inhalt verschieden war, hatte mit ihr doch den religiösen Grundton gemein. Der lobpreisende Psalm und das gemüth- ergreifende Klagelied waren die Muster für die neuen jüdischen Dichter. Aber auch ein drittes Element beanspruchte Berücksichtigung. Seit dem Untergang der staatlichen Selbständigkeit war die Lehre die Seele des Judenthums geworden; religiöses Thun ohne Kenntniß des Lehrstoffes galt als werthlos. Der Mittelpunkt des sabbatlichen und feiertägigen Gottesdienstes war das Vorlesen aus Gesetz und Propheten, die Verdolmetschung des Vorgelesenen durch die Targumisten und die Erläuterung des Textes durch die Agadisten (Homiletiker). Die ncuhebräische Poesie durfte in keinem Falle der Belehrung ganz bar sein, wenn sie sich Eingang in die Gemüther verschaffen wollte. Der Dichter hatte keinen andern Schauplatz als die Synagoge, kein anderes Publikum als die zum Gebet und zur Belehrung versammelte Gemeinde, und die Poesie mußte ein synagogales oder liturgisches Gepräge annehmen. Das äußere Bedürfniß kam dem poetischen Drange entgegen. Der ursprüngliche Gottesdienst mit seinen einfachen und kurzen Gebetstücken genügte nicht mehr. Er wurde zwar durch Recitation von Psalmen und eigene liturgische Stücke erweitert, aber auch diese füllten die Zeit nicht aus, welche die Gemeinde gerne im Gotteshause zubrachte. Namentlich erheischten die tiefer Andacht geweihten Tage des Neujahrsfestes und des Versöhnungstages, welche die in Reue zerknirschte und um Sündenvergebung und Erlösung flehende Gemeinde einen großen Theil des Tages (oder den ganzen) im Bethause fesselten, eine Erweiterung des Gottesdienstes und mehr Andachtsmittel. Die Reihe der neuhebräischen Dichter, welche die synagogale Poesie anbauten, eröffnet, so viel bis jetzt bekannt ist, Joss b. Josä Hajathom (oder Haithom), dessen Schöpfungen nicht ohne echt poetischen Schwung, wenn auch ohne künstlerische Formen sind. Vaterland und Zeitalter desselben sind durchaus unbekannt, dach scheint er ein Palästinenser gewesen zu sein und Wohl nicht vor der ersten gaonäischen Zeit gelebt zu haben. Josä b. Joss Z nahm die Gefühle und Erinnerungen, welche die Gemeinde am Neujahrstage bewegen, zum Thema seiner Dichtungen. Am Neujahr, am Geburtstage eines neuen Zeitabschnittes, wo nach jüdischer Anschauung die Geschicke des laufenden Jahres für die Einzelnen und die Gemeinde entschieden werden, feierte er in einem erhabenen Gedichte Gott als den mächtigen Herrn, als den Weltenschöpfer, als den gerechten Richter und als den Erlöser Israels. Das Gedicht, das sich den alten Gebetstücken für das vorgeschriebene Posaunenblasen i) Vergl. darüber Frankel, Monatsschrift, Jahrg. 18S9, S. 40t, 437 ff. Josö ben Jos6. 147 anschloß und sie verdolmetschen will, umfaßt in engem Rahmen Israels glänzende Vergangenheit, gedrückte Gegenwart und idealisch verheißene Zukunft (lekiot). Josö's Gedicht ist zugleich ein Jubel- und Klagepsalm, mit Bußgebeten und Hoffnungstönen durchflochten. Malerisch ist die Auferstehung in kurzen, schlagenden Worten beschrieben: „Aus Gräbern Dröhnen, Von Höhen Stürmen, ' Wenn von Gebein, Auf dem sich Hügel thürmen Erschallen wird Der längst Entschlafenen Stimme. Hoch auf den Bergen Sehet das Banner wehen! Mächtiger Hall Des Schöpfers wird ergehen Und laut dann jubeln Der Verstummten Stimme." ') Ein zweites größeres Gedicht Jos6 b. Jose's hat den ehemaligen Cultus am Versöhnungstage im Tempel zum poetischen Thema, auf welchen die zuschauende Nation in andachtsvoller Stimmung zu lauschen pflegte, und dessen Verlebendigung durchs Wort am geeignetsten war, die großen Erinnerungen an die schönen Zeiten der nationalen Selbstständigkeit zu wecken f^boäull). Es ist eine Art liturgisches Epos, welches die Schöpfung des All und des Menschen, die Gottvergessenheit der ersten Menschengeschlechter, Abrahüm's Gotteserkenntniß, die Erwählung seiner Nachkommen als Gottesvolk, die Berufung des ahronidischen Hauses zum Tempeldienste ruhig und ohne lyrischen Schwung besingt. Bei dem Priesterthume Ahron's angelangt, schildert der Dichter die Funktionen des Hohenpriesters am Versöhnungstage im Tempel nach der Beschreibung der Mischnah bis zum Augenblicke, wo der Hohepriester, vom ganzen fröhlichen, der Sündenvergebung durch sichtbare Gnadenzeichen vergewisserten Volke begleitet, sich vom Tempel in seine Häuslichkeit begiebt — ein schönes Stück Vergangenheit, das im Herzen des jüdischen Stammes stets einen starken Widerhall fand. Erhabenheit der Gedanken und Gehobenheit der Sprache bilden die Eigenheit in Jose b. Josö's Poesie. Als Probe möge der Eingang seiner Abodah dienen: „Ihn (Gott) singt der Mund aller Geschöpfe, Von oben erschallet und von unten sein Ruhm, Herr! ruft die Erde, Heiliger! der Himmel, Aus den Waffen tönen Lieder dem Mächtigen in Höhen, i) Nach M. Sachs' Uebersetzung der Liollronob von Joss in NaoliZor. 10 * 148 Geschichte der Juden. Gloria aus den Tiefen, Loblied von den Sternen, Rede vom Tage, Gesang vom Dunkel, Das Feuer verkündet feinen Namen, Der Wald jauchzt ihm Melodien zu, Das Thier lehrt Gottes übergewaltige Größe."') JosS b. Josä's Neujahrsklänge und Tempelepos sind Bestand- theile des Gottesdienstes für einige Gemeinden geworden und dienten den Späteren zum Muster. Seine Verse sind noch ohne Reimklang und ohne Silbenmaß, ein Beweis für ihr hohes Alter. Das einzige Künstliche an seinen poetischen Erzeugnissen ist der alphabetische Vers- anfang (alphabetisches Akrostichon), wobei ihm manche Psalmen, die Klagelieder Jeremia's und die yachtalmudischen Gebetstücke zum Muster gedient haben. In den Erstlingen der neuhebräischen Poesie wird die Form vom Gegenstände beherrscht. — Aus der ältesten Zeit hat sich noch eine andere Äbodah erhalten, welche einem Dichter Simon b. Kaipha zugeschrieben wird. Die Aboda von Josö b. Josä scheint dieser nachgedichtet zu sein, sie ist aber hinter dem Muster weit zurückgeblieben, und dennoch ist ihr die Ehre zu Theil geworden, in die Synagogen des Gaonats eingebürgert zu werden. An den Namen Simeon Kaipha, welcher wie der jüdische Name des Apostels Petrus klingt, hat sich eine sonderbare Sage geheftet: der Apostel, auf den sich der Fels der katholischen Kirche gegründet, habe diese Abodah gedichtet, um am Eingang sein echtjüdisches Bekenntniß der Gotteseinheit auszusprechen und seine Anhänglichkeit an Jesus zu widerrufen^), als wenn der Jünger, der seinen Meister drei Mal verleugnet, seinen Unglauben mit diesem liturgischen Gedichte habe besiegeln wollen. Lange konnte sich die jüdisch-liturgische Poesie (die man gewöhnlich die poetanische, von rro-^x abgeleitet, nennt), nicht in dieser Formeinfachheit bewegen. Die Juden wurden allmälich mit der arabischen Poesie vertraut, der in derselben herrschende Wohlklang des Reimes sagte ihnen zu, und sie wurden verwöhnt, im Reim die Vollendung der Poesie zu sehen. Die poetanische Dichtung durfte daher, wenn sie Eingang finden wollte, dieses Kunstmittels nicht entbehren; auch sie verlegte sich darauf. Der erste Dichter, so viel bekannt ist, der den Reim in die neuhebräische Poesie eingeführt hat, war Januar, wahrscheinlich ein Palästinenser. Er hat für die außergewöhnlichen Sabbate, welche wegen geschichtlicher Erinnerung oder als Vorbereitungszeit für die nahen Feiertage eine höhere Bedeutung haben, versificirte Gebetstücke gedichtet. Die agadischen Vorträge, welche für solche ') Zum Theil nach Zunz' synagogale Poesie S. 130. ") Frankens Monatsschrift ebendas. S. 437 f. Janna'i und Kalir. 149 Sabbate eingeführt waren, scheinen den Gemeinden nicht mehr zugesagt zu-haben, weil die Prediger nicht im Stande waren, Neues und Anziehendes zu schaffen, sondern Jahr aus Jahr ein dieselben Vorträge, wie sie gesammelt waren, mit Anführung der Gewährsmänner gewissermaßen ablasen. Die Dichtungen Jannal's und seiner Genossen wollten daher den Kern der agadischen Auslegung retten und ihn durch Verse gefällig und genießbar machen st. Janna'i's Erzeugnisse sind daher poetisirte Agadas. Aber da er nicht Dichter genug war, um das Wahre und Treffende in der agadischen Literatur zur Anschauung zu bringen, seine Reime auch nicht beflügelt und wohltönend sind, und er sich noch dazu die Bürde alphabetischer Versanfänge nebst Verflechtung seines Namens auflegte, so sind seine Dichtungen dunkel, ungelenk und schwerfällig ausgefallen. Die Bruchstücke, die sich von seinen dichterischen Erzeugnissen erhalten haben, verrathen auch nicht einmal Gedankentiefe und halten auch nicht im Entferntesten einen Vergleich mit Josö b. Josö's erhabenen Versen aus. Ueberhaupt hat die neuhebräische Poesie durch die Einführung des Reimes in der ersten Zeit nichts gewonnen. Eleasar b. Kalir oder Kalirist saus Kiriat-Sepher), einer der ältesten und fruchtbarsten poetanischen Dichter, ein Jünger Jannal'sst, dichtete ebenso schwerfällig und hart, aber noch viel dunkler als sein Meister. Er hat über hnndertundfünfzig liturgische Stücke gedichtet, Hymnen für die Feiertage, Bußgebete für die heiligen Tage, Klagelieder für die Hauptfasttage und noch andere Gattungen, die sich unter keine Formel fassen lassen. Kaliri hat einen großen Theil der agadischen Literatur mit vieler Künstelei versificirt, aber nur wenige Stücke haben poetischen Werth, und Schönheit kein einziges. Um die Schwierigkeiten, welche die Andeutung ans die Agada, der Reim, alphabetische Anfänge und Namenverschlingung machten, zu bewältigen, mußte Kaliri der hebräischen Sprache Gewalt anthun, dem tyrannischen Wortgebrauch Hohn sprechen und unerhörte Wortbildungen schaffen. Er stellte öfter statt eines durch Wortfarben ausgedrückten Gemäldes dunkle Räthsel hin, die ohne tiefe Belesenheit in der Midrasch-Literatur nicht gelöst werden können. Dennoch drangen Kaliri's Poetanische Dichtungen in die Liturgie der babylonischen, italienischen, deutschen und französischen Gemeinden ein; nur die spanischen Inden, von feinfühligem Sprachtakt geleitet, st Das. st Vergl. Rapoport's Briefe an Luzzatto S. 187; Zeitschr. Lebanon VIII, 328; Ersch, Encyclopädie Bd. 32, S. 135 und Berliners Geschichte der Juden in Noin II, S. 15. (H.) st Frankel's Monatsschrift, Jahrg. 1859, S. 437 f. 150 Geschichte der Juden. wiesen sie ab. Kaliri wurde als der Hauptschöpfer der poetanischen Literatur gefeiert, und die Sage verherrlichte seinen Namen. Man erzählte von ihm, er habe seine poetische Begabung durch magische Mittel erlangt. Als Kind habe er Kuchen, mit Buchstaben von Psalmenversen versehen, genossen (Kilurah), davon habe er den Sängergeist und seinen Namen Kalir empfangen. Weiter erzählt die Sage, sein Lehrer Jannai habe ihn beneidet, weil er sich durch dessen Ruhmesglanz verdunkelt fühlte, und ihm eine giftige Eidechse in den Schuh gelegt, woran Kaliri gestorben sei. Eine seiner Dichtungen, welche er beim Tode unvollendet gelassen, soll sein Bruder Juda durch einige Verse, welche das Akrostichon seines Namens tragen, ergänzt haben. Außer Jannai und Kaliri klingen nur noch zwei*) Namen aus der Jugendzeit der neuhebräischen poetanischen Literatur herüber: Joch anan Hakkohen, wahrscheinlich ein Palästinenser, und David b. Huna, sicherlich ein Babylonier. Von beiden haben sich nur noch einige Ueberbleibsel erhalten "). — Die Aufnahme der poetanischen Dichtungen in die Liturgie gab dieser einen veränderten Charakter. Die Ueber- setzung der vorgelesenen Abschnitte und die agadischen Vorträge, welche ohnehin, weil die Juden im islamitischen Reiche arabisch sprachen, dem Volke fremd geworden waren, verschwanden allmälig aus dem Gottesdienste, und ihre Stelle nahmen die dichterischen Stücke (kijntim) ein, da sie doch denselben Dienst leisteten und einen poetischen Anstrich hatten. Der Gottesdienst erhielt dadurch eine größere Ausdehnung. Der Vorbeter verdrängte den agadischen Prediger. Der Gesang wurde in die Synagoge eingeführt, da die dichterischen Gebetstücke nicht recitirt, sondern gesungen wurden (Obasunut). Gewisse Gesangsweisen Uaobn) wurden für dieses und jenes Stück stehender Gebrauch. Indessen nahmen nicht alle Gemeinden die poetanischen Bestandtheile in den Gottesdienst auf. Die talmudischen Autoritäten sträubten sich anfangs dagegen, weil jene hauptsächlich in die Fugen des Hauptgebetes eingeschaltet zu werden pflegten und also die Aufeinanderfolge und den Zusammenhang der einzelnen Theile störten. Die Rückkehr zum Urquell der Bibel hatte in Dichtergemüthern die Flamme der Poesie entzündet, aber zugleich auch ein wildes Feuer angefacht, das anfangs Trübung, Spaltung und Fluch in seinem Gefolge hatte, dann aber dem Judenthume Läuterung, Kräftigung und U Rach hinterlassenen Notizen sind noch die Namen zweier poetanischen Dichter hier hinzuzufügen: R. Pinchas und R. Jehoschua (Einleitung zu Saadia's Agron, Zeitschrift kür die alttestamentliche Wissenschaft II. S. 83—84) Geigers Zeitschrift X. S. 303. 2) Frankels Monatsschrift, Jahrg. t859, S. 437 f. Der Talmud. 151 Segen brachte. Der Anstoß zu jener Bewegung, welche das jüdische Gemeinwesen in Ost und West in zwei Lager spaltete, hat seinen Ursprung im ersten gaonäischen Jahrhundert, obwohl der erste Ansatz dazu dem Auge des Forschers verhüllt ist. Dieser vermag nur die Zeitlage auseinander zu setzen und die Umstände, gewissermaßen den Stand der Witterung, anzugeben, innerhalb welcher sich die geschichtliche Neuge urt ins Leben gerungen. — Der babylonische Talmud beherrschte das jüdisch-babylonische Gemeinwesen, wie schon angegeben. Er >var nicht blos das Gesetzbuch, sondern auch die Grundverfassung für die geschlossene Körperschaft, deren Würdenträger der Exilsfürst und die beiden Präsidenten der talmudischen Hochschulen waren. Durch die Ausdehnung des Islam von Indien bis Spanien und vom Kaukasus bis tief nach Afrika hinein erweiterte sich auch die Herrschaft des Talmud über seine ursprüngliche Grenze hinaus, indem, wie schon erwähnt, die entferntesten Gemeinden mit dem Gaonat in Verkehr standen, sich bei ihm Rath über religiöse, sittliche und civilrechtliche Fragen holten und die Entscheidungen, welche auf Grund des Talmud gegeben wurden, gläubig annahmen. Die babylonischen Gemeinden fühlten sich von den talmudischen Satzungen nicht beengt, weil- sie Fleisch von ihrem Fleische waren und aus ihrer Mitte, aus ihren Anschauungen, Sitten, Gewohnheiten und von ihren Autoritäten hervorgegangen waren.» Die afrikanischen und europäischen Gemeinden waren zu ungebildet in Bibel und Talmud, als daß sie ein Urtheil darüber hätten haben sollen. Sie nahmen die Bescheide der Gaonen als unverbrüchliche Norm hin, ohne sich viel darum zu kümmern, ob sie mit der Bibel übereinstimmten oder ihr widersprachen. Ganz anders war es mit den aus Arabien in Palästina, Syrien und Irak angesiedelten arabischen Juden, den Benu-Kainukaa, den Benu-Nadhir und den Chaibariten. Es waren Söhne der Wüste, Männer des Schwertes, Krieger und Ritter, welche von Hause aus an Freiheit des Lebens und an Kraftentwickelung gewöhnt waren und geselligen Umgang mit ihren ehemaligen arabischen Bundes- und Kampfgenossen pflogen, unter denen sie nach der Eroberung Persiens und Syriens wieder angesiedelt waren. Das Judenthum war zwar auch ihnen theuer, sie hatten dafür Freiheit, Gut, Vaterland, Ruhm geopfert und Mohammed's Zumuthung widerstanden, ohne sich zum Islam zu bekennen. Allein zwischen dem Judenthume, das sie in Arabien geübt hatten, und dem, wie es der Talmud lehrte und die Hochschulen als bindende Norm aufstellten, war eine Kluft. Sie mußten nach talmu- discher Vorschrift der fröhlichen Geselligkeit mit ihren ehemaligen Genossen entsagen, durften nicht an ihren Weingelagen — welche die 152 Geschichte der Juden. Araber trotz des Verbotes im Koran sehr liebten — Theil nehmen, kurz, sie fühlten sich durch den Talmud beengt. Die Inden aus Arabien hatten auch am meisten Berührungen mit den Mohammedanern, waren daher auch öfter in die Polemik verwickelt, ob das Judenthum noch fortdauernd Gültigkeit habe, oder ob es durch den Islam aufgehoben sei, und mußten, um den Gegnern die Antwort nicht schuldig zu bleiben, sich in der Bibel umsehen. Da mag es ihnen einleuchtend geworden sein, daß Manches, was vom Talmud und den Hochschulen als religiöse Vorschrift ausgegeben wurde, in der Bibel nicht vorkomme. Um die Nothwendigkeit der talmudischen Satzungen für die Erhaltung des Judenthums zu begreifen, dazu bedurfte es einer tieferen Einsicht, als sie die Juden mit arabischen Anschauungen hatten. Aus welchen Veranlassungen auch immer eine Abneigung gegen die talmudischen Vorschriften entstanden sein mag, sicher ist es, daß sie zuerst im Schooße der jüdischarabischen Kolonie in Syrien oder Irak ihre Anfänge hatte; von da aus mag sie sich anderen Kreisen mitgetheilt haben. Eine vollständig beurkundete Quelle erzählt, daß im Anfänge des achten Jahrhunderts viele Juden in Syrien sich leicht gewinnen ließen, das talmudische Judentum aufzugeben, und sich nur an die biblischen Vorschriften zu halten. Der Tonangeber, der sie dazu verleitete, war ein Mann aus Syrien mit Namen Serenest (Serenus), der sich als Messias ausgab (um 720). Er versprach den Juden das heilige Land wiederzugeben und natürlich vorher die Mohammedaner daraus zu vertreiben. Veranlassung zu dem Versuche, die längst entbehrte Selbstständigkeit wiederzuerlangen, mag der fanatische Chalife Omar II. (717 — 720) gegeben haben. Dieser bigotte Fürst, durch die Jntriguen eines eifrigen Koranlesers auf den Thron erhoben, setzte die beschränkenden Gesetze seines Vorgängers Omar I., den Omarbund (o. S. 111), welche unter den staatsklugen Omejjaden in Vergessenheit gerathen waren, wieder in Kraft. Nach seinem Regierungsantritt schrieb er au die Statthalter: „Reißet keine Kirche und keine Synagoge ein, aber gestattet nicht, daß neue auf eurem Gebiete erbaut werden" st. Omar II. legte sich auf Proselytenmacherei, verhieß den Neubekehrten gewinnende Begünstigungen und zwang auch geradezu die Christen st und wohl auch die Juden zur Annahme des Islam. Aus diesem Grunde mögen die Juden st Bergt. Note 14. st Weil, Chalifen I., 583. st) Theophanes Chronographia I., 614. Der Pseudo-Messias Serene. 153 geneigt gewesen sein, sich dem falschen Messias anzuschließen und seinen Vorspiegelungen Glauben zu schenken, er werde sie wieder in dem Lande ihrer Väter frei machen und ihre Feinde vernichten. Auf seine Fahne schrieb Serene die Lossagung von den talmudischen Satzungen. Er schaffte den zweiten Feiertag, die vorgeschriebenen Gebetformeln und die talmudischen Speisegesetze ab, gestattete den Wein von Nichtjuden, das Heirathen innerhalb der vom Talmud verbotenen Verwandtschaftsgrade und das Schließen der Ehe ohne Ehekontrakt. Diese talmndfeindliche Richtung mag ihm viele Anhänger geworben haben. — Serene's Ruf drang bis nach Spanien, und nicht wenig Juden dieses Landes entschlossen sich, ihr Hab und Gut im Stich zu lassen und sich um den vermeintlichen Messias zu scharen. Kaum ein Jahrzehnt, seitdem die spanischen Juden durch die Eroberungen der Mohammedaner die Befreiung von dem Joche der Westgothen erlangt hatten, wollten sie, wenigstens Viele unter ihnen, das neugewonnene Vaterland wieder verlassen ^). Es scheint, daß sie mit der Herrschaft und der Verwaltung der mohammedanischen Statthalter nicht zufrieden waren. Da sie den Arabern bei der Eroberung der Halbinsel wesentliche Dienste geleistet hatten, so mögen sie besondere Berücksichtigung und Auszeichnnng erwartet haben, statt dessen wurden sie gleich den Christen ausgesogen. Die Dsimmi, die Steuerzahlenden, mußten nämlich die Geldgier von vier Instanzen befriedigen: die Steuereinnehmer, welche nicht sehr glimpflich mit ihnen verfuhren, die Statthalter von Spanien (Abd'ulaziz, Musa's,des ersten Eroberers Sohn, und nach ihm sein Vetter Ajub), welche ungeheure Summen erpressen ließen, ferner die Statthalter von Afrika, denen Spanien untergeben war, und die auch ihren Antheil an den Schätzen des Landes wünschten, und endlich den Chalifen selbst, der die Halbinsel nur als ergiebige Geldquelle erachtete. Als daher ein Häuptling eines Berberstammes, der jüdischer Abkunft war, die Fahne des Aufstandes gegen den tyrannischen Statthalter Alhorr aufpflanzte (718), mögen sich viele spanische Juden ihm angeschlossen haben. Dieser Häuptling hieß Kaulan al-Jahudi. Er wußte sich einige Zeit in Aragonien und Catalonien gegen die Waffen der Mohammedaner zu behaupten. Endlich wurde Kaulan besiegt und hingerichtet, und seine Anhänger wurden zerstreut 2 ). Die durch Gelderpressung gequälten spanischen Juden, welche sich an Kaulan's Aufstand betheiligt hatten, mögen Z Note 14. 2) Don Rsastiao Lourbou: Osrtss psrs illastrsr 1s. Ristaris äs Hsps.NL srsbs bei O-S^SHMS, Ristor^ ok tlis rasRooasts .11 sillpirs ia Lpsia 154 Geschichte der Juden. dafür von dem Statthalter hart bestraft worden sein. Aus diesem Grunde haben sich wohl Viele entschlossen, dem Rufe des syrischen Messias zu folgen und ihren unbeweglichen Besitz zu verlassen. Der Statthalter Anbasa (Ambiza) zog darauf die Güter der Ausgewanderten für den Fiskus ein (721 *). Serenes Ende war, wie er es verdient hatte, kläglich. Er wurde gefangen und vor den Chalifen Jezid, Omars II. Nachfolger, gebracht, der seinen messianischen Vorspiegelungen ein Ende machte. Er legte ihm verfängliche Fragen vor, die er nicht beantworten konnte. Serene soll aber vor dem Chalifen geleugnet haben, eine ernste Absicht gehabt zu haben; er soll geäußert haben, er habe sich blos mit den Juden einen Spaß erlauben wollen. Darauf übergab ihn der Chalife den Juden selbst zur Bestrafung. Viele von seinen Anhängern, welche ihre Leichtgläubigkeit bereuten, wollten sich wieder den Gemeinden anschließen, von denen sie sich durch die Uebertretung der talmudischen Satzungen getrennt hatten. Die syrischen Gemeinden waren aber zweifelhaft, ob und wie sie die Reuigen wieder in ihren Schoß aufnehmen sollten, und ob sie nicht als Proselyten zu behandeln seien. Sie wandten sich deswegen an das Oberhaupt der pumbaditanischen Hochschule, National b. Nehemia^). Dieser, welcher den Beinamen Mar Janka führte, war auf Mar-Rabja (o. S. 118) gefolgt (719). Er war mit dem Exilsfürsten Chasdai verschwägert und übte ein so strenges Regiment über die Collegienglieder von Pumbadita aus, daß sie auswanderten und sich um den zeitgenössischen Gaon zu Sura, mit Namen Jakob von Nahar-Pakor, scharten^). Worin Natronais Strenge bestand, wird nicht angegeben. Auf die Anfrage wegen Aufnahme von Serenes Anhängern entschied National im milden Sinne. Seine Entscheidung lautete, daß nach talmudischem Gesetze ihrer Aufnahme in den Gemeindeverband nicbts im Wege stehe, da sie als Juden behandelt werden müßten. Nur müßten sie öffentlich in der Synagoge Reue und Büßfertigkeit zu erkennen geben, frommen Wandel nach talmudischcr Vorschrift versprechen, und allenfalls sollten sie auch der Geißelstrafe unterworfen werden^). Es gab aber auch damals andere Apostaten, welche sich sogar über die biblischen Vorschriften, Sabbat, Schlachtritual, Blutgenußverbot, Eheverbot unter Verwandten hinweggesetzt hatten. Es ist aber nicht bekannt, in welcher Gegend diese, welche mit dem Judenthum ganz und gar gebrochen hatten und doch 1) Note 14. 2) Ebendas. °) Scherira Sendschreiben x. 4g. 4) Note 14 Die Juden im byzantinischen Reich. 155 sich weder zum Christenthume, noch zum Islam bekannten, ihre Heimath hatten. Sie schienen aber schon lange in dieser Apostasie gelebt zu haben, da einige ihrer Söhne Reue darüber empfanden und sich dem Judenthum ganz wieder zuwenden wollten. Da die Gemeindevorsteher rathlos waren, ob sie dieselben als Juden aufnehmen sollten, richteten sie ebenfalls eine Anfrage an National. Auch in diesem Falle gab derselbe einen milden Bescheid. „Es sei richtiger, sie unter die Flügel Gottes aufzunehmen, als sie zurückzuweisen." Nur diejenigen, welche in verbotener Ehe erzeugt worden sind, sollen als Bastarde bekannt gemacht werden ^). Um dieselbe Zeit trafen die Juden des byzantinischen Reiches harte Verfolgungen, von denen sie sich lange nicht erholen konnten. Sie gingen von einem Kaiser aus, von dem Feindseligkeiten gegen sie am wenigsten zu erwarten waren. Leo, der Jsauricr, ein rauher Bauernsohn, von Juden und Arabern auf des Götzendienerische der Bildverehrung in den Kirchen aufmerksam gemacht, hatte einen Kampf zur Vertilgung der Bilder unternommen. Weil er aber von den bilderverehrenden Geistlichen dem rohen Volke als Ketzer und Jude verlästert wurde, wollte Leo durch Verfolgung der Ketzer und Juden seine Rechtgläubigkeit bekunden. Er erließ einen Befehl, daß sämmt- liche Juden im byzantinischen Reiche und der Rest der Montanisten in Kleinasien bei schwerer Strafe sich dem griechischen Christenthum zuwenden sollten (723). Viele Juden beugten in Folge dessen das Haupt und empfingen mit Widerwillen die Taufe °), minder standhaft als die Montanisten, welche, um ihrer Ueberzeuguug nicht untren zu werden, sich in ihrem Bethause versammelten und sich selbst den Feuertod gaben. Diejenigen Juden, welche sich taufen ließen, dachten aber, der Sturm werde vorübergehen, und es werde ihnen gestattet sein, zum Judenthum zurückzukehren. Sie nahmen daher nur zum Scheine das Christenthum an, beobachteten aber im Geheimen die jüdischen Riten; dadurch zogen sie sich aber neue Verfolgungen zu. So verkümmerten die Juden im byzantinischen Reiche unter unaufhörlichen Plackereien immer mehr, so daß sie eine Zeit lang dem Blicke der Geschichte entrückt sind. Viele Juden des byzantinischen Reiches entzogen sich jedoch dem Taufzwange durch Auswanderung. Sie verließen ein Land, wo ihre Vorfahren sich angesiedelt hatten, ehe noch die verfolgungssüchtige Kirche entstanden war. Die kleinasiatischen Juden wählten die nahe Rssxouss. Os.ollim LoltLS-rs 2säsk x. 24 a. dlo. 7. 2) Theovhanes Chronographia I. x. 617. Ooärsnus lüstoriaruiu eoiu- xsnäiuiu. I. 783 156 Geschichte der Juden. kimMerische oder taurische Halbinsel (die Krim) zum Wohnplatze, wo zwar uncivilisirte Völker scythischen, finnischen und slavischen Ursprungs mit götzendienerischem Cultus, Alanen, Bulgaren, Chazaren, Ulzinguren mit einem Rest von Gothen hausten, die aber nicht eifersüchtig waren, wenn Menschen von anderer Nationalität und anderen Glaubens sich in ihrer Nachbarschaft niederließen. Es entstanden daher jüdische Gemeinden, neben denen, welche schon aus früherer Zeit bestanden, an dem Küstensaume des Schwarzen Meeres und der Meerenge in Theodosia (Kassa), landeinwärts in Kareonpolis (Sulchat, Solgat, jetzt Eski-Krim) am Fuße des Agirmisch-Gebirges, dann in Phanegoria (jetzt Taman) und in dem gegenüberliegenden Bosporus (Kertsch) das von den Juden Sepharad genannt wurde Z. Von der Krim aus verbreiteten sich die griechischen Juden nach Kaukasien und den gastfreundlichen Ländern der Chazarien am Westrande des Kaspi-Sees und an der Mündung der Wolga (Atel). Jüdische Gemeinden entstanden in Berdaa (Derbend), an der alanischen Pforte, inSementer (Tarku ^), beide am Kaspi-See) und endlich in Balangiar, der Hauptstadt des Chazareulandes. Durch ihre Thätigkeit, Geschicklichkeit und Einsicht gewannen bald die ausgewanderten griechischen Juden Einfluß unter den barbarischen Völkern und bereiteten ein klangvolles geschichtliches Ereigniß vor. Kaum drei Jahrzehnte nach dem Untergang des falschen Messias Serene entstand auf einem anderen Schauplatze abermals eine talmudfeindliche Bewegung, gepaart mit messianischer Schwärmerei. Sie wurde durch einen phantastischen und kriegerischen Mann hervorgerufen, Obaia (Obcld-Allah) Abu-°Jsa ben Jshak aus der persischen Stadt Jsfahan^). Er war nicht unwissend, verstand Bibel und Talmud und konnte auch seine Gedanken schriftstellerisch äußern. Die plötzliche Genesung von einem Aussatze soll ihn darauf geführt haben, daß ihm ein hoher Beruf zugetheilt sei. Doch gab sich Abu-°Jsa nicht direct als Messias aus, sondern als dessen Vorläufer und Wecker (Dal), dem er den Weg bahnen wollte. Er hatte überhaupt eine eigenthümliche Ansicht über die messianische Vorläuferschaft. Er meinte nämlich, fünf Vorläufer müßten dem Messias vorangehen, von denen je ein Späterer immer vollkommener sei als sein Vorgänger. Sich selbst hielt Abu- *Jsa für den letzten und vollkommensten Vorläufer, der an Würdigkeit dem Messias ebenbürtig sei. Ihm war es mit seinem Berufe ernst, 1) Vergl. Note 2. 3. ch Vergl. Harkavy, die Juden und die slavischen Sprachen S. 77 — 79, Lsvas dos Dt. ,j. V. 208. 2) Alles denselben Betreffende ist zusammengeslellt in Note 15. Abu-°Jsa. 157 er glaubte an sich und verkündete, Gott habe ihn erweckt, den jüdischen Stamm von dem Joche der Völker und der ungerechten Herrscher zu befreien. Der messianische Verkünder von Jsfahan fand einen starken Anhang, es sollen sich 10 000 Juden um ihn geschart haben, ihm am Befreiungswerke behilflich zu sein. Ihnen legte Abu-°Jsa das Judenthum abweichend von dem bestehenden aus; aber die abweichenden Punkte sind nicht bekannt. Die Ehescheidung hob er ganz und gar auf, selbst für den Fall des Ehebruchs. Die drei täglichen Gebetzeiten vermehrte er um vier und berief sich dabei auf einen Psalmvers: „Sieben Mal des Tages preise ich Dich" fl. Indessen behielt Abu- 'Jsa die talmudisch vorgeschriebenen Gebetformeln bei und rüttelte auch nicht an der bestehenden Kalenderordnnng. Sein eigenthümliches Religionssystem stellte er in einer Schrift dar. Darin untersagte er seinen Anhängern den Genuß von Fleisch und Wein, erklärte aber den Opfercultus für aufgehoben. Das messianische Befreiungswerk wollte Abu-Jsa mit dem Schwerte in der Hand durchsetzen und verwandelte seine Gläubigen in Krieger, denen er hoch zu Roß wie ein Feldherr voranritt. Der Zeitpunkt für einen Befreiungsversuch mit bewaffneter Hand konnte nicht günstiger sein. In allen Provinzen des mohammedanischen Reiches brachen die Flammen der Empörung gegen den letzten Chalifen aus dem Hause der Omejjaden, Merwan II., aus. Ehrgeizige Statthalter, unzufriedene Parteigänger, die wühlerischen Charigiten, welche für die Nachkommen Ali's das Chalifat erobern wollten, und endlich die Abbassiden, welche auch ihrerseits Anspruch auf die Herrschaft machten, alle diese feindlichen Elemente verschworen sich zum Untergange der Omejjaden und machten die weiten Länderstrecken des Reiches zum Tummelplätze wilder Leidenschaften. Während dieser aufstandsreichen Zeit, namentlich als Abu-Moslim, Emissär der Abbassiden, die Fahne der Empörung in Chorasan aufpflanzte (Ende 747), scheint auch Abu-*Jsa mit seiner Schaar in der Gegend von Jsfahan sein Befreiungswerk begonnen zu haben und konnte es während der darauf folgenden Wirren behaupten, als Merwans Feldherr am Euphrat (bei Kerbela) eine furchtbare Niederlage erlitt (August 749) und der Chalife selbst am Zab- flusse so geschlagen wurde, daß er von Land zu Land fliehen mußte, ohne Anhang und Unterstützung zu finden. Der unglückliche Merwan wurde zuletzt in Egypten, wohin er von der Tigrisgegend über Syrien und Palästina geflohen war, getödtet (August 750), und die schwarze fl Psalm 119. 158 Geschichte der Juden. Fahne der Abbassiden siegte über die Omejjaden Z. Der Abbasside Abdallah, seine Feldherren und Helfershelfer verfolgten die Glieder des Hauses Omejja und deren Anhänger mit Feuer und Schwert, und er erhielt davon den Namen Alssaffah (der Blutvergießer). Gleich nach Merwan's Sturze regten sich auch messianische Schwärmereien in Palästina, weil man glaubte, in Folge der unübersehbaren Wirren werde das mohammedanische Reich in Trümmer zusammenbrechen. Es erschien damals in Palästina eine Schrift in rätselhafter, apokalyptischer Gestalt, welche zum Zwecke hatte, die Hoffnungen auf baldige Erlösung durch das Auftreten des wahren Messias zu wecken. Die Ansichten dieser mystischen Schrift, welche Muster für spätere Ausarbeitung derselben Gattung wurde, verdient auseinandergesetzt zu werden 2). Der Verfasser läßt die herannahende Erlösungszeit mit ihren Vorzeichen durch eine Himmelsstimme verkünden und zwar für den Tanaiten R' Simon b. Jochai, der in der Sage als Wundermann galt (B. IVg. S. 181). Als derselbe vor den Verfolgungen der Römer flüchtete und Jahre lang in einer Höhle lebte, so beginnt das mystische Flugblatt, habe er vierzig Tage und Nächte um „die Geheimnisse des Endes" gefleht, und er sei folgender Offenbarung gewürdigt worden: Das edomitische (römische) Reich werde durch die Herrschaft der Söhne Jsmael's einen mächtigen Feind erhalten. Darauf werden die Chalifen der Reihe nach vorgeführt von Omar I. an, der eine Moschee auf dem Tempelberge erbauen wird, bis auf den letzten aus dem Hause Omejja, Merwan, der mit seinem Namen deutlich genannt wird. Von diesem Chalifen heißt es dann in der Offenbarung: „Es wird ein anderer tapferer, kriegslustiger König (Chalife) aufstehen, und Unruhen werden in seinen Tagen sein. Und das ist das Zeichen: Wenn die Moschee bei Damaskus einstürzen wird, dann wird seine Regierung ein Ende haben, und das Reich Jsmael's wird untergeheu, und das ist Merwan. Denn bis zu seiner Zeit waren die Helden Kedar's (Araber) mächtig. Der nordöstliche Winkel (Chorasan) wird sich gegen ihn empören, seine drei großen Heere werden fallen am Tigris und am Euphrat, er selbst werde entfliehen, ergriffen, gefoltert und getödtet werden, und seine Söhne werden gehängt werden." Der Jordan war's, der das Blut der haufenweise erschlagenen Omejjaden getrunken hat. „Dann wird ein frecher König (der Abbasside Abdallah Abul'abbas Alssaffah) drei Monate regieren, und darauf wird das boshafte Reich (Rom-Byzanz) die Oberhand über Israel neun Monate gewinnen." r) Weil, Chalifen I. 697 ff. 2) Vergl. das Nähere über diese Apokalypse Note 16. Eine messianische Apokalypse. 159 Die Offenbarung fährt fort: „Dann wird der Messias, der Sohn Joseph's (aus dem Stamme Ephraim) erscheinen, wird die Israeliten mach Jerusalem führen, den Tempel wieder erbauen, den Opfercnltus Herstellen, und Himmelsfeuer wird die Opfer (wie in der Gnadenzeit) wieder verzehren (zu Ende des Jahres 751). Aber es wird ein böser König niit dem Namen Armilos anftreten mit einem Kahlkopfe, kleinen Augen, dem Aussatz auf der Stirne und mit einem tauben und einem scharfhörenden Ohre. Der Stimme der Menschlichkeit wird Armilos sein taubes Ohr, der Stimme der Grausamkeit dagegen sein offenes Ohr Hinhalten. Er ist nämlich entsprungen vom Satan und dem schwarzen Steine, welchen die Tochter des Kaisers Tiberius, der Sage nach*), in die Welt gesetzt hat. Armilos wird mit dem Messias aus dem Stamme Ephraim Krieg führen und ihn sammt den Israeliten aus Jerusalem vertreiben. Sie werden dann fünfundvierzig Tage in der „Wüste der Völker" zubringen, auf die Nahrung von Salzkräutern und Wüstenpflanzen angewiesen sein, werden geprüft und geläutert werden. Der vorlaufende Messias vom Hause Ephraim wird durch Armilos umkommen, und Israel wird feinen Tod beweinen. Dann wird der wahre Messias aus dem Hause Davids erscheinen, aber das vielgeprüfte Volk wird ihm nicht glauben, ihn für einen Betrüger halten, da der Mesias doch eben umgekommen fei, und wird ihn schmähen. Aber da die Israeliten in Noth und Drangsal sich aufrichtig zu Gott wenden werden, wird er sie erhören und den Messias in den Wolken des Himmels erscheinen lassen. Dieser wird Armilos überwinden, ganz Israel von allen Enden der Erde sammeln und sie nach Jerusalem führen. Die heilige Stadt wird zwar, weil bis dahin durch den Besitz der Nichtjuden verunreinigt, in Feuer aufgehen; aber Gott wird ein fertig gebautes Jerusalem vom Himmel heruntersenden, eine glanzvolle, anziehende Stadt, welche die Völker anlocken wird. Auch ein fertiger Tempel wird vom Himmel herabgelassen werden. Diese glückliche messianische Zeit wird zwei Jahrtausende dauern, und darauf wird das jüngste Gericht anbrechen. Himmel und Erde werden altern, Sonne und Mond verblassen, Berge wanken, die Pforten der Hölle und die Pforten des Paradieses sich öffnen, die Frevler werden von jener, die Frommen von diesem ausgenommen werden, jene ewige Pein, diese ewige Seligkeit haben." Solches sei R' Simon b. Jochai durch den Engel Metatoron ge- offenbart worden. Es ist das erste abgerundete Gemälde von der messianischen Leidens- und Gnadenzeit. *) Das. 160 Geschichte der Juden. Der Verfasser dieser Apokalypse hat demnach das Anbrechen des messianischen Reiches mit dem Sturze der Omejjaden erwartet, im Laufe des Jahres 751. Ob diese Verkündigung mit dem Auftreten des Abu-°Jsa in Persien in irgend einem Zusammenhänge stand, läßt sich nicht ermitteln. Der kriegerische Vorläufer des Messias behauptete sich aber auch während Abul'abbas' Regierung (750—54), weil durch den Widerstand von Merwans Feldherren die Zeit voll von Unruhen war. Aber Abu-Jsa scheint sich doch in Persien nicht für sicher gehalten zu haben und wandte sich mit seinen Anhängern nach Norden, der Gegend von Räi. Seinen Anhängern spiegelte Abu-" Jsa vor, er wolle die Juden dieser Gegend, welche von den Söhnen Moses abstammten (Uens-Llosode) zur Theilnahme an dem Befreiuugswerke auffordern, im Grunde war aber die Wahl dieses Schauplatzes eine Taktik. Hier befehligte nämlich ein Rebellenhäuptling, der Gueber Sind ad, ein Heer von 60000 Mann und leistete dem Chalifen Abu- G'ifar Almansur, Bruder und Nachfolger des ersten Abbassiden, kräftigen Widerstand. Hier konnte sich also Abu-"Jsa entweder als Sinbad's Parteigänger oder auf eigene Faust halten. Aber Sinbad's Heer wurde geschlagen, und die Reihe kam auch an die jüdische Schar. Sie wehrte sich aber tapfer gegen das Heer des Chalifen. Abu-°Jsas Anhänger erzählten: es sei durch ein Wunder geschehen. Ihr Führer habe nämlich mit einem Myrthenstabe eine Linie um seine Krieger gezogen und ihnen bedeutet, so lange sie diese Linie nicht überschreiten, würden sie unbesiegbar bleiben. Er selbst aber soll sich auf seinem Rosse über die Linie gewagt und viele Mohammedaner getödtet haben, bis er selbst unter Schwertstreichen fiel (um 755). Seine Krieger zerstreuten sich; die Juden von Jsfahan mu.ßten sür den Aufstand büßen. Seine Anhänger bewahrten ihm indessen ein treues Andenken, gewiß weil er kein Betrüger war, sondern nur im Wahne handelte. Unter dem Namen Jsawiten oder Jsfahaner behaupteten sie sich bis in's zehnte Jahrhundert, die erste Religionssekte, welche das Judenthum seit Untergang des jüdischen Staates aus sich entlassen hat. Die Jsawiten lebten nach Vorschrift ihres Meisters, beobachteten Manches vom talmudischen Judenthume und verwarfen Vieles davon Z. Dieser Bewegung gegenüber verhielten sich die Tonangeber des Judenthums in dem Sitze des Gaonats völlig gleichgültig. Sie hatten keine Ahnung davon, daß ein neuer Geist sich innerhalb ihres eigenen Kreises regte, welcher ihren talmudischen Riesenbau in seinen Tiefen erschüttern sollte. Die Oberhäupter selbst haben theilweise eine -) Note 16. Achal aus Schabcha. 161 Spaltung gefördert. Die Exilarchen regierten mit empörender Willkür. Sie setzten die Schulhäupter ab und ernannten solche, die nicht völlig würdig für dieses Amt waren. Nach National Mar-Janka's Tod (um730) kehrten unter seinem Nachfolger Jehud a die ausgewanderten Glieder nach Pumbadita zurück. Der Exilsfürst Chasdal war ebenfalls gestorben, und seinen Platz nahm sein Sohn Salomo ein (um 730—761). In Sura war aber nach dem Tode des Gaon Jakob ein solcher Mangel an fähigen Personen eingetreten, daß der Exilarch genöthigt war, gegen den Brauch, die Stelle mit einem Pumbaditaner Mar b. Samuel zu besetzen (733 — 751). Während seiner Zeit und der seines Nachfolgers MLri Hakohen (751—759), fungirten in Pumbadita vier Schulpräsidenten nacheinander*), von denen der dritte, Natroj aus Bagdad — das bald nach seiner Gründung (um 758) eine jüdische Gemeinde hatte —, widerrechtlich vom Exilarchen eingesetzt wurde. Die Nachfolge gebührte nämlich dem Gelehrten R' Ach al aus Schabcha, dem jener Natroj vielfach untergeordnet war. Gekränkt über die erfahrene Zurücksetzung, wanderte R' Achal nach Palästina aus. Alle diese Schulhäupter des ersten gaonäischen Jahrhunderts haben sich durch nichts Besonderes ausgezeichnet. Sie fungirten in althergebrachter Weise wie ihre Vorgänger, die Saburäer, legten den Talmud aus, leiteten die jährlichen Versammlungen und beantworteten die eingelaufenen Anfragen. Selbst die dankbare Chronik, welche deren Namen und die Dauer ihrer Funktion gewissenhaft überliefert, weiß nichts von ihren etwaigen Leistungen zu erzählen. Nur ein einziges literarisches Erzeugniß ist aus ihrer Mitte hervorgegangen. Jener R' Achal, welcher wegen Zurücksetzung bei der Wahl für das Präsidium der pumbaditanischen Hochschule nach Palästina ausgewandert ist, schrieb 191 Vorträge, gemischt aus Halacha und Agada nieder (um 760), geordnet nach der Reihenfolge der pentateuchischen Vorlesungen. Jeder Vortrag ist durch bekannte halachische und agadische Voraussetzungen eingeleitet, und daran schließt sich eine Frage für praktische Fälle, die aus dem reichen Material des Talmud beantwortet werden. Der Haupteutwicklung der Frage geht ein Segensspruch voran: „Gepriesen sei der Name des Heiligen, der uns die Thora und die Gesetze durch unseren Lehrer Mose gegeben hat, um das Haus Israels zu belehren" Wegen der Frageform — welche für Vorträge überhaupt sehr beliebt und in den Lehrhäusern üblich war — führt R' Achals Werk den *) Mar-Josef b. Chutanai, Samuel b. Mari, Mar-Natroj Kahana b. Emuna und Abraham Kahana (739—761). Scherira Sendschreiben S. 39. 2) Vollständig erhalten ist diese Segensformel in Scheeltot Nr. 1 und 64, unvollständig in Nr. 66, 121, 145, 154, 165, 166, 170. Graetz, Geschichte der Juden. V. 11 162 Geschichte der Juden. Titel Scheeltot (Fragen). Es enthält wenig Neues und Bedeutendes und gruppirt nur Zusammengehöriges, welches in den weiten Räumen des Talmud zerstreut vorkommt, übersichtlich zusammen, will aber keineswegs als Compendium des Talmud gelten. Die Sprache ist noch vollständig formlos. Die Scheeltot sind für spätere agadische Sammelwerke Muster geworden. So bewegten sich die gaonäischen Lehrer im Kreise und schienen nicht zu ahnen, daß außerhalb eine Gährung entstand, welche ihnen den Boden zu entziehen drohte. Siebentes Kapitel. Entstehung des Karäerthums und deren Folgen. Anan b. David, Stifter des Karäerthums; seine Genossen und Jünger. Die Massoreten. R' Jehudat Gaon. Neues Verhältniß zwischen Exilarchat und Gaonat. Die Chazaren und ihre Bekehrung zum Judenthum; ihr König Bulan und sein jüdischer Lehrer Isaak Sangari. Karl der Große und die Juden. Die Familie Kalonymos aus Lucca in Mainz. Ursprung der deutschen Juden. Der jüdische Gesandte Isaak. R' Machir in Narbonne. « Die judenfeindlichen Verhältnisse im Chalifat. Sahal Al-Tabari. Jehuda Judghan der Perser und die Sekte der Judghaniten. Benjamin Nahuwendi und die Makarijiten. Die Mystik von der Verkörperung Gottes (Lolllar Lovas.). Die Mystiker an den Hochschulen. Streitigkeiten um das Exilarchat und Gaonat. Das Karäerthum; Nissi b. Noach. Meswi und Jsmael und die Albanien; Mose der Perser, und die Tiflisiten. Mose aus Baalbek. Inkonsequenzen und Erschwerungen im Karäerthums. 761 — 840 . Geschichtliche Geburten treten ebensowenig wie natürliche ohne Wehen zu Tage. Wenn eine neue geschichtliche Erscheinung sich in's Dasein ringen soll, muß die Behaglichkeit der bestehenden Zustände gestört, das träge Ausruhen auf liebgewordener Herkömmlichkeit aufgerüttelt, die Macht der Gewohnheit gebrochen werden. Der Fortschritt in der Geschichte ist ohne Kampf und Gegensatz undenkbar. Das unerbittliche Rütteln am Bestehenden, wie sehr es auch Anfangs mit Schmerz empfunden wird, kommt sogar dem Bestehenden, wenn es gesund und lebensfähig ist, zu Statten; es zerstreut die Nebel, vernichtet den Schein und läßt das verhüllte und verkannte Wesen in größerer Klarheit an's Licht treten. Der Gegensatz, dieses Salz der Geschichte, das die Fäulniß abwehrt, hatte seit mehreren Jahrhunderten in der jüdischen Geschichte gefehlt. Darum war das religiöse Leben in eine Art Verdumpfung und Versteinerung gerathen. Das Paulinische und nachapostolische Christenthum war ein solcher Gegensatz gewesen, und weil dasselbe das normirende Gesetz aufgehoben, das Erkennen geächtet und dafür den Glauben hingestellt hatte, erzeugte es in der Entwicklung des Judenthums das Festklammern 11» 164 Geschichte der Juden. am Gesetz und das Ausspinnen des Religiös-Gesetzlichen bis in die feinsten Fäden. Der Talmud war das Produkt dieser gegensätzlichen Bewegung; er war die allein herrschende Autorität innerhalb des Judenthums geworden und hatte die Bibel aus dem Volksbewußtsein verdrängt. Die Erleuchtung des Geistes, die Erwärmung des Ge- müthes, der zugleich innig-religiöse und poetische Hauch, welche den heiligen Urkunden entströmen, waren den Gemeinden und den Hauptvertretern abhanden gekommen. Das Talmudstudium selbst, das in der Zeit der Amoräer erfrischend und erhellend gewirkt hatte, war in der Epoche der Saburäer und im ersten, gaonäischen Jahrhundert zur trockenen Gedächtnißsache herabgesunken und ermangelte der geistigen Befruchtungsfühigkeit. Es fehlte der scharfe Luftzug, welcher die verschlossenen dumpfen Räume durchwehen sollte. Der Widerspruch gegen den Talmud, welcher von den zwei messianischen Verkündern, Serene und Abu-'Jsa als Stichwort ausgegeben wurde, hinterließ keine tiefe Spuren, theils weil die Bewegung mit messianisch-schwärmerischem Beisatze behaftet war und nur Enttäuschung zurückließ, und theils weil sie von unbekannten Persönlichkeiten ohne Gewicht und Autorität ausgegangen war. Sollte die Einseitigkeit überwunden, die Bibel wieder in ihre Rechte eingesetzt und das religiöse Leben wieder vergeistigt werden, so mußte die gegensätzliche Richtung, die bis dahin nur in winzigen Kreisen herrschte, von einer nüchternen, mit einem officiellen Charakter bekleideten Persönlichkeit getragen, in größere Kreise eingeführt werden. Nur wenn die Bewegung nicht in einem entlegenen Winkel, sondern in dem Mittelpunkte des damaligen jüdischen Lebens vorginge, konnte sie in die Massen dringen und wiedergebärend wirken. Eine solche Bewegung ging von einem Sohne des Exilsfürsten aus dem Bostanalffchen Hause aus und hatte darum eine nachhaltige Wirkung. Der Exilarch Salomo war, wie es scheint, kinderlos gestorben il (761 — 62), und die Würde sollte auf dessen Neffen Anan b. David übergehen. Die Biographie dieses so tief in die jüdische Geschichte eingreifenden Mannes, dessen Anhänger sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben, ist vollständig unbekannt und durch die später eingetretene Parteiung völlig entstellt. Während ihn seine Jünger als einen frommen und heiligen Mann verehren, der, „wenn er zur Zeit des Tempelbestandes gelebt hätte, der Gabe des Propheten gewürdigt worden wäre" Z, können ihn seine Gegner nicht genug herabsetzen Anan soll, nach einer- unverbürgten Nachricht, nicht in Babylonien, '>) Ns-Krirä bei 8. äs 8s.o^, Obrsstoraatbis arabs 1^ 30l (2. säibion). Anan. 165 sondern im fernen Osten gelebt und erst zur Zeit der Wahl nach Bagdad gekommen seinZ. Doch geben auch die Gegner zu, daß Anan sehr gelehrt im Talmud war, wie er auch sich des lalmudischen Stiles mit Gewandtheit bediente. Ebenso gewiß ist es, daß der Exilarchensohn manchen Bestimmungen des Talmud keine religiöse Autorität eingeräumt hat, und daß seine talmudfeindliche Gesinnung jedenfalls den Vertretern der beiden Hochschulen, welche die Exilarchenwahl leiteten, bekannt gewesen sein muß. Zwei Brüder fungirten damals zu gleicher Zeit als Gaonen, Söhne Nachmaus: R' Jehudal, der Blinde, in Sura (fungirte 759 — 62) und R' Duda'i in Pumbadita (761—64). Diese beiden Brüder mit ihren Collegien vereinigten sich nun, Anan von der Nachfolge in der Exilarchenwürde auszuschließen, und an seiner Stelle seinen jüngeren Bruder Chananja (oder Achtmal?) zu wählen. Aber Anan stand nicht allein. Er hatte Freunde, wie jeder Hochgestellte. Vermöge seiner Anwartschaft auf ein Fürstenthum, dem mindestens sämmtliche jüdische Gemeinden des Morgenlandes unterworfen waren, mochte er manchen Ehrgeizigen, Gewinnsüchtigen und Schmarotzer angezogen haben. Er hatte aber auch Anhänger an denen, welche mehr oder minder offen im talmudischen Judenthum nicht das wahre erblickten und in Anan einen mächtigen Vorkämpfer begrüßten. Drei seiner Gesinnungsgenossen hat die Tradition namhaft gemacht, welche vielleicht gar Mitglieder des gaonäischen Collegiums waren: R' Ephraim, R'Elisa und R'Chanuka"). Die ananitische Partei ließ es nicht an Anstrengungen fehlen, seine Wahl bei dem damaligen Chalifen Abugafar Almansur durchzusetzen, der ihm sehr gewogen gewesen sein soll. Allein die Gegenpartei obsiegte. Sie soll ihm nach dem Leben getrackitet und ihn beschuldigt haben, daß er auf Empörung gegen den Chalifen sinne. Möglich daß Almansur, der im Anfänge seiner Regierung die bewaffnete Schaar des Abu-°Jsa zu bekämpfen hatte, der Besorgniß Raum gegeben hat, Anan werde dieselbe Rolle unter denselben Stichwörtern fortsetzen. Der Chalife soll ihn hierauf in einen Kerker geworfen haben. In demselben befand sich, wie die Sage erzählt, ein Mohammedaner, und beide sollten gehängt werden. Sein mohammedanischer Leidensgenosse habe ihm aber gerathen, dem Chalifen zu erklären, er gehöre einer andern Sekte an als sein Bruder Chananja- Darauf habe ihn Almansur wieder in Freiheit gesetzt — die Anhänger sagen: weil er Gunst vor demselben gefunden, die *) Das. Vergl. über Anan, die Entstehung des Karäismus und Anan's Doctrin Note 12, 2, 3 und Note 17. 2) Gedächtnißtafel im karäischen Gebotbuche und Katalog der karäischeir Autoritäten. 166 Geschichte der Juden. Gegner: in Folge reicher Geldgeschenke — und er habe ihm gestattet, mit seinen Anhängern nach Palästina auszuwandern *). Unter allen diesen zweifelhaften Angaben ist nur das Eine gewiß, daß Anan genöthigt war, sein Vaterland zu verlassen, und daß er sich in Palästina ansiedelte-). In Jerusalem baute er eine eigene Synagoge, die sich bis zu den Zeiten des ersten Kreuzzuges erhalten hat. Es ist ebenfalls sicher, daß Anan in Folge der kränkenden Zurücksetzung, die er von den Gaonen erfahren hat, über das Gaonat erbittert war und diese Erbitterung ans den Talmud, kraft dessen jenes seine Bedeutung hatte, übertragen hat. Anan zeigte nämlich eine ingrimmige Feindseligkeit gegen den Talmud und dessen Träger. Er soll geäußert haben: Er wünschte, daß sämmtliche Talmudanhänger sich in seinem Leibe befänden, so würde er sich entleiben, damit sie mit ihm stürben ^). Er fand am Talmud alles verwerflich und wollte das religiöse Leben wieder an die Bibel anknüpfen. Er warf den Talmudisten vor, sie hätten das Judenthum gefälscht und nicht nur Vieles zur Thora hinzugefügt, sondern noch mehr davon anfgegeben, indem sie Manches für nicht mehr verbindlich erklärten, was nach dem Wortlaut der Schrift für alle Zeiten Geltung haben soll. Anan's Grundsatz war: „Suchet fleißig in der Schrift." Möglich, daß Anan auf diese Feindseligkeit gegen die Tradition infolge der Parteiungen in der mohammedanischen Welt gekommen ist. Hier kämpfte die Partei, welche neben dem Koran auch die Ueberlieferung für nothwendig hielt (Sumte») gegen eine andere, welche die letztere verwarf und das Wort des Koran allein als Norm anerkannte (Schiiten). Nach dem Beispiel der Letzteren verwarf auch Anan die im Talmud gegebene Tradition. Von diesem Zurückgehen auf die Schrift (ßlikrä) verhielt das Religionssystem, das er aufrichtete, den Namen Schrift- bekenntniß oder Karäerthum^. Seine Ansichten über die religiösen Gebote und Verbote legte Anan in drei Schriften nieder. Er verfaßte nämlich einen Commentar zum Pentateuch — gewiß das allererste Erzeugniß dieser Art — ferner ein Compendium über die religiösen Pflichten und eine Schrift unter dem Titel Fadhalkah, die ersten zwei im talmudischen Idiome, das dritte wohl arabisch. ') Eliah b. Abraham Misrachi bei Pinsker lnkubs LaLmoniob Beilage 103 und bei Lirnebs. Imokt Oraoll 2s.ä1bäiia sä. Iva. °y Daß Jerusalem Stammsitz des Karäismus war, ergiebt sich aus den Angaben von Nissi b. Noach und Salomon b. Jerucham, und auch die falsche Correctur eines alten Kopisten des LIsZitlat Taanib spricht dafür, das,er die Akra (Burg Zion) erklärt mit: Ort der Karäer 'y Vergl. Note 12, 3, Anmerkung 1. Z lieber die Karäer verg>. Ersch, Encpclopädie B. 33, S. II ff. (H.) Das Karäerthum. 167 Diese Schriften Anan's sind ein Raub der Zeit geworden; daher ist der ursprüngliche Charakter des Karäerthums durchaus dunkel. Nur so viel ist klar, daß der Stifter der karäischen Sekte in feindseliger Haltung gegen den Talmud das religiöse Leben eher erschwerte, als erleichterte, Vieles wieder zur Geltung brachte, was die Zeit und die Sitte längst aufgegeben hatten, und in seinem blinden Eifer, der talmudischen Gesetzesauslegung etwas zu versetzen, in lächerliche Ueber- treibungen verfiel. Er bediente sich aber der talmudischen oder richtiger mischnaitischen Deutungsregeln, vermöge welcher er eben so wie die alten Lehrer der Mischnah berechtigt zu sein glaubte, neue Religionsgesetze zu folgern. Die bedeutendste Umgestaltung erfuhren die Bestimmungen über die Festzeiten, über Sabbat und über Ehe- und Speisegesetze. — Den Festkalender, der seit der Mitte des vierten Jahrhunderts eingeführt war (B. IVg, S. 319), schaffte Anan ab; da er aber für diesen Widerspruch keine biblische Grundlage hatte, so war er genöthigt, auf die Zeit des zweiten Tempels und der Tanalten zurückzugehen. Die Momitsanfänge sollten nicht bestimmt auf einander folgen, sondern wie in der früheren Zeit durch das Beobachten des jungen Mondes jedesmal festgestellt werden. Die Schaltjahre sollten nicht eine regelmäßige Reihenfolge nach dem neunzehnjährigen Cyclus haben, sondern von der jedesmaligen Prüfung des Standes der Saatfelder, namentlich der Gerstenreife, bedingt sein. Es war dies weniger eine selbständige Neuerung als das Wiederauffrischen einer Festordnung, deren Unhaltbarkeit bei der Zerstreuung des jüdischen Stammes augenscheinlich war r). Für Anan und seinen Anhang in Palästina bot allerdings dieses veränderliche Kalenderwesen wenig Schwierigkeit, aber es beweist, daß er keinen Fernblick für zukünftige Zustände hatte. — Das Wochenfest setzte er eben so wie ehemals die Sadducäer fünfzig Tage vom Sabbat nach dem Paffahfeste an. In der strengen Sabbatfeier ließ Anan den Talmud weit, weit hinter sich zurück. Am Sabbat dürfe man kein Heilmittel anwenden, nicht einmal für gefährlich Erkrankte, nicht die Beschneidung vornehmen, nicht sein Haus verlassen in einer Stadt, wo die jüdische Bevölkerung mit der nichtjüdischen vermischt wohnt, nichts Warmes genießen, ja nicht einmal am Vorabend Licht oder Feuer für den Abend anzünden und auch nicht von andern anzünden lassen. Anan führte ),den Brauch ein, den Sabbatabend vollständig im Dunkeln zuzubringen. Dieses' Alles und noch andere Erschwerungen wollte er aus den Buchstaben der Schrift herauslesen. Die Speisegesetze verschärfte Anan h Vergl. Xlbsruni s. Rsvus ä. U. j. XII. 259. 168 Geschichte der Juden. in's Maßlose, und die Verwandtschaftsgrade für verbotene Ehen dehnte er viel weiter als der Talmud aus, so daß die Ehe des Oheims mit der Nichte und der Stiefgeschwister, die einander ganz fremd sind, als Blutschande gelten sollte. Was verschlug gegen diese übertriebene Strenge die Abschaffung der Gebetkapseln (Phylakterien, Dsplnlliu), des Feststraußes am Hüttenfeste, des Lichtfestes, eingesetzt zur Erinnerung an die Hasmonäerepoche, und andere Kleinigkeiten? Er hat, wie die Gegner mit Recht behaupteten, einen neuen und zwar einen noch mehr ^erschwerenden Talmud aufgestellt Z. Das religiöse Leben erhielt durch Anan einerseits einen düstern, andererseits einen nüchternen, poesielosen Charakter. Er klebte so sehr an dem Buchstaben, daß er die Passah- brode aus Gerstenmehl bereitet wissen wollte, damit sie sich auch durch den Stoff als „Brod der Armnth" auszeichnen, und diese dürften erst gegen Abend des Rüsttages gebacken werden. Die seit einer langen Reihe von Jahrhunderten eingeführten Gebetformeln, die zum Theil noch im Tempel üblich waren und einen geheiligten Charakter hatten, wies der Stifter des Karäerthums aus dem Bethause und mit ihnen auch die Gebetstücke der poetanischen Schöpfungen, welche der neuhebräischen Poesie eine neue Quelle eröffnet hatten. Statt dessen sollten in den karäischen Synagogen nur biblische Stücke litaneiartig in geschmackloser Auswahl recitirt werden. Da die Juden im islamitischen Reiche die eigene Gerichtsbarkeit hatten, so erstreckte sich Anan's Neuerung auch auf das Civilrecht. So stellte er — im Widerspruch mit dem Bibelworte — die Töchter den Söhnen in Bezug auf Erbschaft gleich, sprach dagegen dem Gatten die Erbfähigkeit an der Hinterlassenschaft der Ehefrau ab. Obwohl Anan einen mächtigen Anstoß zur Bibelforschung gegeben hat, so war weder seine Zeit reif genug, noch reichte sein Geist dazu aus, eine gesunde, selbständige Schrifterklärung zu schaffen. Er selbst mußte zu Deuteleien greifen, wie sie kaum die von ihm geschmähten Talmudisten aufstellten, um seine Neuerung zu begründen. Indem er den Talmud verwarf, brach er die Brücke ab, welche die biblische Vergangenheit mit der Gegenwart verband, und sprach der Geschichte Hohn. Das karäische Bekenntniß entbehrt daher des geschichtlichen Bodens, es hat keine Naturwüchsigkeit, und Alles ist daran gekünstelt und geschroben. Auf die Volkssitte und das Volksbewußtsein nahm Anan keinerlei Rücksicht. Da er erst das religiöse Leben durch die Deutung der Schrift begründen und aufbauen mußte, erhielt das Karäerthum einen schwankenden Charakter. Eine bessere oder schlechtere ') dlabi-onai Rssponsura in Amram's Gebetordnung, e-u-v '' 110 sä. 'VVarseban x. 38 s.. Die Ananiten. 169 Schrifterklärung konnte das religiöse Thun in Frage stellen, das Gesetzliche ungesetzlich und umgekehrt machen. Wie er für die Geschichte kein Verständniß hatte, so hatte er auch keinen Sinn für die Poesie. Die heilige prophetische und dichterische Literatur diente ihm nur dazu, dieses und jenes Gesetz, diese und jene religiöse Bestimmung zu beweisen. Er verschloß dem frisch sich regenden poetischen Drange die Pforten zum Heiligthume. Eigenthümlich ist es aber, daß sich Anan und sein Anhang für ihre Opposition gegen den Talmud auf den Stifter des Christenthums » beriefen. Jesus sei, nach ihrer Ansicht, ein gottesfürchtiger, heiliger Mann gewesen, habe gar nicht -als Prophet anerkannt sein, noch dem Judenthum eine neue Religion entgegensetzen, sondern lediglich die Thora bestätigen, und die Menschensatzung aufheben wollen. Die Evangelien seien nicht als Urkunden einer neuen Offenbarung oder eines neuen Bundes zu betrachten, sondern nur als Lebensgeschichte Jesu und als Ermahnungsschriften zu einem Leben nach der Thora anzusehen. In Folge dessen erklärte Anan, die Juden hätten an Jesus Unrecht begangen, ihn zu verurtheilen Z. Wie Anan den Stifter des Christenthums anerkannte, so zollte er auch Mohammed Anerkennung als Propheten für die Araber. Aber weder durch Jesus, noch durch Mohammed sei die Thora aufgehoben worden, da ihre Verbindlichkeit für alle Zeiten geltes. Wie groß Anan's Anhang war, der ihm in die Verbannung folgte, läßt sich nicht mehr ermitteln. Seine Jünger nannten sich nach ihm Ananiten und Karäer (Karaim, Karolinen, Bene Mikra), und ihren Gegnern gaben sie den Schimpfnamen Rabbaniten, was so viel als Anhänger von Autoritäten bedeuten sollte (Rabbanin, Ribbonin, Bene-Rab). Die Spannung und Gereiztheit war Anfangs zwischen beiden Religionsparteien außerordentlich heftig. Daß die Vertreter der Hochschulen den Stifter und seine Anhänger in den Bann gelegt und aus dem Kreise des Jndenthums ausgeschlossen haben, versteht sich von selbst st. Aber auch die Karäer sagten sich ihrerseits von den Rabbaniten los, gingen keine Ehe mit ihnen ein, nahmen an ihren Tafeln keinen Theil, ja mieden sogar am Sabbat das Haus eines Rabbaniten zu besuchen, weil, nach ihrer Ansicht, st Schahrastani, übersetzt von Haarbrücker I. 253, daraus Abulfeda bei äs 8s,s^, Ollrsstornatilis arabs I. 326 und Makrizi Las. 36 l. Vergl. ein Citat aus einer karäischen Schrift bei IVolh bidliotllsslr llsbrs.su IV. 1086. st Makrizi bei äs 8us^ das. 361. st Abu-Jakob b. Bakhtewi bei Pinsker Beilagen 75 und Abulsari Sahal Sendschreiben das. 37. l:j L - - r ^ t 170 Geschichte der Juden. - dort der heilige Tag entweiht wurde Z. Die Rabbaniten nannten die Kartier Ketzer (Minim, Apikorsim), predigten gegen sie von den Kanzeln herab, namentlich gegen das Sitzen im Dunkeln am Sabbatabend ^) und ließen die Anhänger Anau's nicht zum Gebete zu. Die Karäer ihrerseits hatten nicht Schmähungen genug gegen die beiden Hochschulen und ihre Vertreter. Sie wendeten auf sie das Gleichniß des Propheten Zachariä an, von den zwei Weibern, welche die Sünde in einem Scheffel nach Babylon tragen und ihr dort eine Stätte gründen 2). „Die beiden Weiber, das sind die beiden Gaousitze in Sura und Anbar (Pumbadita)." Dieser Spott, der von Anan ausgegangen sein mag, blieb stehend bei den Karäern, und die beiden Hochschulen wurden von ihnen nicht anders genannt, als „die zwei Weiber" ^). So war denn der jüdische Stamm zum dritten Male in zwei feindliche Lager gespalten. Wie im ersten Zeiträume Israel und Juda, und wie während des zweiten Tempels Pharisäer und Sadduzäer, so standen sich jetzt Rabbaniten und Karäer feindlich gegenüber. Jerusalem, die heilige Mutter, die schon so viele Kämpfe ihrer Söhne unter einander erlebt hat, wurde wiederum der Schauplatz eines bruderfeindlichen Kampfes. Die karäische Gemeinde, die sich von dem Gesammtverbande losgesagt hatte, erkannte Anan als den berechtigten Exilsfürsten an und legte ihm und seinen Nachkommen diesen Ehrentitel bei. Beide Parteien bemühten sich, die Kluft so viel als möglich zu erweitern. Wie lange Anan seiner Gemeinde Vorstand, ist nicht bekannt geworden. Nach seinem Tode zeigten seine Anhänger so viel Verehrung für ihn, daß sie eine Todtenfeier in den Sabbatgottesdienst für ihn einführten. Sie beteten für ihn: „Gott möge sich des Fürsten Anan, des Gottesmannes erbarmen, der den Weg zur Thora gebahnt, die Augen der Karäer erleuchtet, viele von der Sünde zurückgebracht und uns den rechten Weg gezeigt Hat. Gott möge ihm eine gute Stätte anweisen neben den sieben Klassen, welche ins Paradies ein- gehen." Diese Gedenkformel für ihn ist bis auf den heutigen Tag bei den Karäern stehend geblieben"). Das unparteiische Urtheil *) Folgt auch aus dem Sendschreiben Abulsart Sahals, Menahem Giznr bei Pinsker das. S. 60, Jehuda Hadassi Lsolilrol Nr. 179, und Simcha Luzki Orsaü 2sckilri.ro 19s,. 2) Vergl. Nsuoduros I7os.Ii Anfangs. Zacharia S, 6 — 11. Z Vergl. die Stellen in Note >2, Anmerkung 3. 5) Karäisches Gebetbuch. Das Karäerlhum. 171 kann aber diese Lobeserhebung nicht unterschreiben, wenn es auch die Spaltung des Jndenthums, die er hervorgernfen, ihm nicht zur Last legen will, da die Entfaltung der jüdischen Lehre erst dadurch ermöglicht wurde. Die Geschichte vermag seine Geistesgröße nicht anzuerkennen. Anan war kein tiefdenkender Kopf. Der philosophischen Erkenntniß war er vollständig bar. Er hatte noch einen so niedrigen Begriff von der Seele, daß er im peinlichsten Festhalten an dem Buchstaben der Bibel ihr das Blut als Sitz angewiesen hat^). Aber auch in seiner Opposition gegen das talmudische Judenthum war er incousequent. Er ließ nicht wenige Ritualien als verbindlich bestehen, die eben so wenig wie die von ihm verworfenen Satzungen auf biblischen Ursprung zurückgeführt werden können, wie das vorschriftsmäßige Schlachten. Hatte er demnach dem, was im Volksbewußtsein als heilig galt, Rechnung getragen, so war seine ganze Neuerung unberechtigt. Nach Anau's Tode übertrug die karäische Gemeinde seinem Sohn Saul die Führerschaft. Das') gegentalmudische Religionsgebäude, das Anan aufgeführt hatte, wurde indes nach seinem Tode erschüttert. Er hatte die freie Forschung aus dem Schriftwort an die Spitze gestellt, daß nur das Schriftgemäße religiöse Giltigkeit haben sollte. Aber das Schriftwort ist deutbar. Seine Jünger, welche von der Aus- legungsfreihcit Gebrauch gemacht haben, fanden schon, daß ihr Meister nicht unfehlbar war und verwarfen manche von ihm abgeleiteten religionsgesetzlichen Bestimmungen. So löblich es auch ist, dem Geist nicht durch den Autoritätsglauben Fesseln anzulegen und sich beim Hergebrachten zu beruhigen, so kann es doch für eine Religionsgemeinschaft von schädlicher Wirkung sein, wenn es jedem Einzelnen gestattet sein soll, vermittelst einer abweichenden Wortdeutung — gleichviel ob richtig oder erträumt — an dem Bestehenden zu rütteln. Die Karäer achteten aber nicht auf die auflösende Wirkung ihres Prinzips, lockerten das einheitliche Band ihres Zusammenhangs und geriethen in Zersplitterung. Je mehr sich das Karäerthum von Palästina aus über die Länder des Chalifats ausbreitete, desto mehr zerfiel sein Zusammenhang in lauter winzige Sekten und gab ihren Gegnern, den Rabbaniten, Recht, zu behaupten, daß ohne Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht und ohne Autorität eine Religion keine Sicherheit habe. Indessen hatte diese Sektirerei eine Lichtseite; sie setzte die heilige Schrift wieder in ihr Recht ein und löste sie von dem Banne, in dem ') Vergl. Saadia Druunot VI 1. H Aus der Volksth. Geschichte B. II. 172 Geschichte der Juden. die Talmudisten sie Jahrhunderte lang gehalten. Jeder Stimmführer einer Sekte mußte den Inhalt und Wortlaut der Bibel stets bei der Hand haben, um sie als Waffe und Schild gegen die Gegner zu gebrauchen. Die Einführung der Vokal- und Accentzeichen zur Belebung des Textes hatte die Vertiefung in die Bibel erleichtert. Um in den Sinn der heiligen Schrift tiefer einzudringen, mußte die Aufmerksamkeit auf die grammatischen Regeln, auf Form, Bildung und Gefüge der heiligen Schrift gerichtet werden. Die Karäer waren es, welche die hebräische Grammatik zuerst angebaut haben. Es wurde ihren Bekenntnißgenoffen zur religiösen Pflicht gemacht, sich mit ihren Regeln vertraut zu machen. Die eifrige Beschäftigung mit der Bibelkunde lenkte auch im karäischen Kreise die Aufmerksamkeit auf die Beschaffenheit des überlieferten heiligen Textes, die Richtigkeit desselben zu prüfen und ihn vor Entstellungen zu sichern. Dieser Zweig der Bibelkunde, der mit der Grammatik theilweise zusammenhängt, wurde Masora genannt, Ueberlieferung über jeden Vers und fast über jedes Wort, über Schreib- und Leseweise desselben, über Regeln und Ausnahmen. Diese masoretische Sorgfalt kam aber viel zu spät. Unglückliche Zeiten und Gewissenlosigkeit hatten bereits im Text arge Verwüstungen angerichtet, und die Masora konnte nur den Befund des Textes, wie er zur Zeit vorlag, bezeugen. In den blutigen Verfolgungen zur Zeit des Königs Antiochus und des Kaisers Hadrian hatten die Schergen neben den Leibern auch die Seele der Judenheit getroffen, sie hatten die heiligen Bücher zerrissen oder verbrannt. Nach eingetretener Ruhe mußten neue Exemplare abgeschrieben werden; aber es fand sich kein sorgfältig überwachtes Musterexemplar, nach welchem die Abschriften gemacht werden konnten. Die sorgfältig abgeschriebene, im Tempel aufbewahrte Musterschrift des Fünfbuches der Thora, erbeutet und in strengem Gewahrsam in Rom unter der von Titus entführten Beute gehalten, wurde in den Kämpfen der Völkerwanderung gegen Rom wiederum erbeutet, verschleppt und ist verschwunden. So wurden neue Abschriften aus schadhaften Vorlagen angefertigt. Den theilweise verderbten Text schädigten gewissenlose Abschreiber noch mehr durch Unachtsamkeit. Man verwünschte zwar diese Schänder der Heiligthümer in die Hölle, weil sie gedankenlos Fehler in den Text brachten, bald Verse oder Verstheile, Worte oder Buchstaben übersprangen, bald sie doppelt schrieben; aber diese nachträgliche Verdammniß hat die Schäden nicht ausgebessert. Und durch wie viele Hände sind die biblischen Bücher in dem Zeitraum von tausend Jahren abgeschrieben worden? Zu den alten Fehlern kamen neue hinzu. Für sorgfältige, zuverlässige Abschriften wurde wenig Das Karäerthum. 173 gesorgt. Die Schulhäupter in Palästina und Babylonien sorgten mehr für den Ausbau des Talmud, als für die correcte Erhaltung des heiligen Textes. Sie waren auch außer Stande, die Abschriften der Exemplare für die über die Länder zerstreuten Gemeinden zu überwachen. Ganz besonders waren dichterisch gehaltene Verse, welche die Abschreiber nicht verstanden oder mißverstanden haben, arg verdorben und entstellt. Nun erwachte mit dem Eifer für das Verständniß der heiligen Schrift auch die Gewissenhaftigkeit für die Herstellung des richtigen Textes. Man forschte nach gut erhaltenen und zuverlässigen Exemplaren. Aber was fand man? Man fand, daß auch die besseren Exemplare in den Urwohnsitzen jüdischer Gemeinden nicht übereinstimmen. Morgenländische und abendländische, d. h. babylonische und palästinensische Exemplare wichen von einander in Vers- abtheilungen, in Wortformen und auch in andern Punkten ab, selbst in dem für allerheiligst gehaltenen Text des Fünfbuches der Thora. Die Verse aller Bücher wurden zwar aufs sorgfältigste gezählt, damit keiner derselben verloren gehen sollte, und doch zeigte sich eine klaffende Verschiedenheit in der Zählung. Während die Babylonier das Fünfbuch in 5888 Verse zerlegten, hatten'die Palästinenser die Zahl 15852. Auch in anderen Punkten zeigte sich bei der Vergleichung mannigfache Verschiedenheit in der Schreibweise, fehlende Wörter und Buchstaben. Nun ließen es sich die Karäer sehr angelegen sein, einen correcten Text anzufertigen und die Masora, d. h. die Ueberlieferung zu berücksichtigen. Aber wie gesagt, es kam zu spät. Sie konnten nur Entstellungen für die Zukunft verhüten, aber die Schäden von Jahrhunderten nicht mehr verbessern, sie hatten auch keine Ahnung von der eingerissenen Verderbniß. Die Rabbaniten, die Schulhäupter in Babylonien kümmerten sich noch weniger um Sicherung des Textes; ihr Eifer war noch immer der Auslegung des Talmud und der Entscheidung von praktischen Fragen zugewendet. Als Masoreten werden namhaft gemacht: R'Jonathan, R'Chabib und R'Pinchas der Schulvorsteher (liosoli-ckeZelübalist, ohne daß man wußte, ob sie ebenfalls Karäer waren, und zu welcher Zeit sie gelebt Habens. Während die Karäer in Schriftstellerei außerordentlich thätig waren, die Schriftauslegung (Bibel-Exegese), hebräische Sprachkunde und Masora anbauten, war der rabbanitische Kreis sehr unfruchtbar an literarischen Erzeugnissen. Nur eine einzige Erscheinung ist aus st Note 17 II. st Vergl. Hazefirah 1874 Nr. IS: (Brüll, Jahrbücher II. 174. H.j 174 Geschichte der Juden. dieser Zeit bekannt geworden. Der bereits genannte R'Jehudai', Gaon von Sura, verfaßte ein talmudisches Compendium unter dem Titel feste und kurze Praxis (Halaobot Lotuot oder Lermdot) Es ist aber ungewiß, ob er es vor oder nach der Entstehung des Karäerthums verfaßt hat. R'Jehudai' hat darin das Zerstreute aus dem Talmud ordnungsmäßig zusammengetragen und mit Weglassung der Diskussionen das praktisch Gültige kurz angegeben. Aus einigen Bruchstücken zu schließen, waren R'Jehudal's Halachot in hebräischer Sprache abgefaßt und er hat damit den Talmud Volks- thümlich und für Jedermann verständlich gemacht. Das Werk drang daher auch bis in die entferntesten jüdischen Gemeinden, wurde das Muster für spätere Ausarbeitungen ähnlicher Art, ist aber durch spätere Erzeugnisse verdrängt worden und abhanden gekommen. Die karäischen Wirren haben auch dazu beigetragen, das Ansehen der Exilarchen zu schmälern. Bis Anan waren, wie sich gezeigt, die Hochschulen mit ihren Kollegien den Exilsfürsten untergeordnet, die Schulhäupter wurden von ihnen gewählt oder bestätigt und hatten bei der Besetzung der erledigten Würde keinen unmittelbaren Einfluß. Als es aber den Gaonen gelungen war, Anan vom Exilarchate zu verdrängen, so ließen sie sich diese Macht nicht mehr entwinden, sondern machten sie bei der Nachfolge geltend, schon aus dem Grunde, um nicht karäisch gesinnte Fürsten an der Spitze des jüdischen Gemein- > Wesens zu lassen. Das Exilarchat, das von Bostanal an erblich jwar, wurde von Anan an wählbar, und die akademischen Präsidenten leiteten die Wahl. Nach Chananja oder Achunal (o. S. 165) brach, kaum zehn Jahre nach Anan's Abfall vom Rabbanismus, wieder eine Streitigkeit um das Exilarchat zwischen zwei Prätendenten Sakkal b. Achunal und National b. Chabibal aus. Der letzte war unter R'Jehudai Mitglied des Kollegiums gewesen. Der Grund der Streitigkeiten, die einige Jahre dauerten, ist nicht bekannt. Die beiden Schulhäupter dieser Zeit Malka b. Acha von Pumbadita (fungirte 771 bis 773) und Chaninal Kahana b. Huna von Sura^)(765—75) vereinten sich, um National zu stürzen und brachten es dahin, daß Vergl. über R' Jehudal's Usluobob die kritische Abhandlung Luzzatto's in dessen Sammelschrist Vst S. 53 ff. (Die R' Jehudai zugeschriebenen Hutuobob ^sssuhob wurden edirt von Schlosberg, Versailles 1886 und die Unluellob Lsrmbot von CH. M. Horowitz in Halachische Schriften der Gaonim I. S. 14—37 (H.).j 2) Vor ihnen fungirten unmittelbar nach den beiden Nachmaniden: Chananja b. Mescharschaja von Pumbadita (764—71) und Achunai Kahana b. Papa (762—67), nach Scherira's Sendschreiben, vergl. darüber Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1857 S. 383 f. Exilarchat und Gaonat. 17s derselbe wahrscheinlich durch den Hof des Chalifen aus Babylonien verbannt wurde. Er wanderte nach Maghreb (Kairuau) aus, wo seit Gründung dieser Stadt eine zahlreiche jüdische Gemeinde war. Sakkal ^( wurde in der Exilarchenwürde bestätigt, obwohl der verbannte Exilarch talmudisch sehr gelehrt war*). Als die spanischen Gemeinden das Ansuchen an ihn stellten, ihnen ein Talmudexemplar zuzusenden, kopierte er ein solches aus dem Gedächtniß. Immer mehr gerieth das Exilarchat in Abhängigkeit vom Gaonate, welches mißliebige Fürsten in die Acht erklärte und nicht selten in die Verbannung schickte. Da sich aber die Exilarchen, wenn sie zur Macht gelangten, der Abhängigkeit entschlagen wollten, so entstanden daraus Reibungen, welche einen schlimmen Einfluß auf das babylonische Gemeinwesen übten. — Es scheint, daß die Gaonen seit der Entstehung des KaräerthUms sich auch auf einen Zweig der Literatur legten, den sie bisher vernachlässigt hatten. Die Agada oder die homiletische Ausschmückung der Bibel war bisher nur in Judäa gepflegt worden. Der schon erwähnte Gaon Chaninal Kahana, ein Jünger R' Jehudal's trug, so viel bekannt ist, zuerst neben dem halachischen Stoff auch agadische Auslegung für die Jünger vor. Aus diesem Vortrage sammelte ein Jünger R'Samuel einen Midrasch auf einige Bücher des Pentateuchs unter dem Titel Esphast (nach dem Anfangsversc). Auch andere Agada- sammlungen, wie das Jelamdenu (Naiioliuwa), mögen in derselben Zeit entstanden sein. Nach R' Chaninal Kahana fungirte in Sura Mari Halevi b. Mescharschaja (775—78) und auf ihn folgte R' Bebai Halevi b. Abba (775—88). Ihre pumbaditanischen Zeitgenossen waren nach Malka, jenem Gaon, welcher zur Amtsentsetzung des Exilarchen National am meisten beigetragen hatte: Rabba b. Dudal (773—82), der sich in einem Punkte zur karäischen Strenge hinneigte und von Jehudal abging st, und nach Rabbas Tod, nachdem sein Nachfolger Schinuj nur kurze Zeit fungirt hatte, R' Chaninal b. Abraham Kahana (782). Zwischen ihm und dem damaligen Exilarchen entstand ein Zerwürsniß unbekannter Art, das dahin führte, daß der Gaon seines Amtes entsetzt und an seiner Stelle Huna Mar Halevi b. Isaak erwählt wurde (786). Die beiden zeitgenössischen Gaonen R' Bebai und Chaninal führten mit Zustimmung des Exilarchen eine wichtige civilrechtliche Verordnung st Vergl. Note 12, 4. 2 Jalkut zu dlurasrl Nr. 736, 220 ä. Vergl. dazu Rapaport in Lsisia (Rsrnsä VI. S. 241. st Vergl. Note 23, II. 176 Geschichte der Juden. ein. Bis dahin konnte eine Schuld, sei es von Seiten der Gläubiger, sei es von Seiten einer Wittwe für ihre Ehepakten, von den Erben nicht eingefordert werden. Nur im Falle der Erblasser seinen Erben Liegenschaften hinterlassen hatte, konnten sich die Gläubiger oder die Wittwe daran halten. Die beiden Präsidenten der Hochschulen ver- ordneten aber, daß die Erben auch mit der beweglichen Erbschaft die hinterlassenen Schulden des Erblassers tilgen müssen. Diese Verordnung (vom Jahre 787) wurde mit dem Jnsiegel des Exilarchen und der Gaonen versehen, sämmtlichen jüdischen Gemeinden des Morgenlandes zugestellt, mit dem Bedeuten, daß der Richter, der ihr zuwiderhandeln sollte, seine Amtsentsetzung zu gewärtigen habe*). Es scheint, daß diese Verordnung aus einem Zeitbedürfnisse in Folge der Besitzveränderungen der Juden im Chalifat hervorgegangen ist. Bis dahin Bodenbesitzer, Ackerbauer und Viehzüchter, haben sie sich seitdem mehr auf den Handel gelegt, den die bedeutende Ausdehnung des islamitischen Reiches von Indien bis zu den Säulen des Herkules begünstigt hat. Während früher ein Familienvater durchschnittlich den Seinigen Grundbesitz hinterließ, so vererbte er ihnen von Handel und Gewerbe nur Kapitalien. Die Maßregel der beiden Gaonen wollte demnach auch bei verändertem Besitzstände den Schuldforderungen Sicherheit gewähren. Ungefähr gleichzeitig mit. der Entstehung des Karäerthums fiel ein Ereigniß vor, das zwar wenig in die Entwickelung der jüdischen Geschichte eingegriffen hat, aber das Selbstbewußtsein der Zerstreuten hob und ihren Muth aufgerichtet hat. Der heidnische König eines im Norden hausenden barbarischen Volkes nahm zugleich mit seinem Hofe das Judenthum an. Die Chazaren oder Kozaren^), ein finnischer >) Scherira Sendschreiben S. 39. Ibbur sä. Vsnst. x. 20a. 77ä. Vergl. Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1857, S. 339 Das genaue Datum dafür giebt Isaak b. Rsubsn Albargeloni an (Lollaars Lostsbuob gegen Ende): im seleu- cidischen Jahre 1098 — 787. 2) Die arabischen Schriftsteller nennen sie mn (Olla^ar), der russiche Annalist Nestor stets Oo^arl. Die jüdischen Schriftsteller dagegen, um nicht an mm zu erinnern, orthographiren bald mir bald 112 . — Das Factum von der Bekehrung der Chazaren zum Judenthum, das man früher als Fabel behandelt und noch vor drei Dezennien nur halbgläubig angenommen hat, wurde in jüngster Zeit durch arabische Quellen von vielen Seiten bestätigt gefunden. Ousley, der Herausgeber des Jbn-Haukal oder richtiger des Jstakhri; Frähn, der Kommentator des Jbn-Foßlan äs OstuMZa, (msvaotrs äs l'aoaäsinis irnxsrials äss seisnoss äs NsbsrsbourA 1822 D. VIII.) ä'Hosscm, xsuxlss äu Oaueass, Outrsmsr^ (llournul asiat. 1849, x. 470 f.j und blss-sssk Riääaollim x. 117 haben die 'Nachrichten der arabischen Schriftsteller Jbn- Foßlan, Jstakhri, Maßudi, Jbn-Alathir und Dimeschki über das Chazaren- Die Chazaren. 177 Volksstamm, verwandt mit den Bulgaren, Avaren, Ugnren oder Ungaren, hatten sich nach der Auflösung des Hunnenreiches an der Grenzscheide von Asien und Europa niedergelassen. Sie hatten ein Reich an der Mündung der Wolga (von ihnen Jtil oder Atel genannt) an dem Kaspi-See gegründet, wo jetzt Kalmücken Hausen, in der Nähe von Astrachan. Der Kaspi-See führte von ihnen den Namen das CH azaren- meer. Ihre Könige mir dem Titel Chakane, Chagane, führten die kriegerischen Söhne der Steppe von Sieg zu Sieg. Den Persern hatten die Chazaren so großen Schrecken eingeflößt, daß einer ihrer Könige, Chosru, sein Reich vor deren ungestümen Einfällen nur durch eine feste Mauer schützen konnte, welche die Pässe zwischen dem Kaukasus und dem Meere verrammelte. Aber diese „Pforte der Pforten" (Und ul abvvud unweit Derbend) war nicht lange eine Schranke für den Kriegsmuth der Chazaren. Nach dem Untergang des persischen Reiches überstiegen sie den Kaukasus, machten Einfälle in Armenien und eroberten die Krimm-Halbinsel, welche davon eine Zeit lang Chazarien hieß. Die byzantinischen Kaiser zitterten vor den Chazaren, schmeichelten ihnen und zahlten ihnen Tribut, um deren Gelüste nach der Beute von Constantinopel zu beschwichtigen. Die Bulgaren und andere Völkerschaften waren Vasallen der Chazaren, die Kiewer (Russen) am Dniepr mußten den Chaganen jährlich ein Schwert und ein feines Pelzwerk von jedem Rauchfang liefern. Mit den Arabern, deren Grenznachbarn sie allmälig wurden, führten sie blutige Kriege. Neben den Kriegern gab es unter den Chazaren auch Ackerbauer und Hirten. Ihre Lebensweise war einfach; sie nährten sich von Reis und Fischen und wohnten in Zelten. Nur der Chagan hatte einen Palast an der Wolga. Die Macht desselben über sein Volk war unbeschränkt, weil er wie der Dalai-Lama abgöttisch verehrt wurde. Verhängte er Todesstrafe über einen seiner Unterthanen, so nahm dieser sich in tiefem Gehorsam selbst das Leben. Damit die geheiligte Person des Chagan's nicht fortwährend in Berührung mit den Staatsangelegenheiten kommen sollte, hatte er einen Stellvertreter oder Unterkönig, der den Titel Peg oder Peh führte. Nach und nach kam es dahin, daß der Peg der eigentliche Regent des Chazaren- reich und dessen jüdisches Bekenntniß in ein Helles Licht gesetzt und die Nachrichten der jüdischen Quellen darüber bestätigt. Die beiden Briefe an den Chazarenkönig und von ihm sind als geschichtlich in allen Partien anerkannt von Reinaud (^.lmltsäa, iribroäuvbiou x. 299) und von Vivisn äs 8b. Lla-ibiu, Iss UlisLais (rasvaoirs In ü l'ueuäsvats äss insoripbioLS sb äss dsllss lsbbrss. Uuris 1851). Vergl. noch Neumann, die südrussischen Völker; Oarraolz', Ibiusruirss äs lu bsrrs ssäuts. Uruxsllss 1847, äss Uro^urs x. 1 — 104. Graetz, Geschichte der Juden. V. 12 178 Geschichte der Juden. reiches war, während die Chagane stets im Harem schwelgten. Die Chazaren wie ihre Nachbarn, die Bulgaren und Russen, huldigten einem groben Götzendienste, der mit Sinnlichkeit und Unkeuschheit gepaart war. Durch die Araber und Griechen, welche in Handelsangelegenheiten nach der Hauptstadt Balangar kamen, um die Produkte ihrer Länder gegen feines Pelzwerk einzutauschen, lernten die Chazaren den Islam und das Christenthum kennen. Auch Juden fehlten im Chazarenlande nicht, ein Theil jener Flüchtlinge, welche dem Bekehrungseifer des byzantinischen Kaisers Leo (723) entgangen waren (o. S. 155), hatten sich da angesiedelt. Durch diese griechischen Juden lernten die Chazaren auch das Judenthum kennen*). Als Dolmetscher oder Kaufleute, als Aerzte oder Rathgeber wurden die Juden aiti chaza- rischen Hofe bekannt und beliebt, und sie flößten dem kriegerischen Herrscher Bulan Liebe für das Judenthum ein. Die Chazaren hatten aber in späterer Zeit nur eine dunkele Kunde von der Veranlassung, die ihre Vorfahren zur Annahme des Judenthums bewogen hat. Ein späterer chazarischer Chagan erzählte die Geschichte ihrer Bekehrung folgendermaßen: Der König Bulan habe einen Abscheu vor dem wüsten Götzenthume seiner Vorfahren empfunden und es in seinem Reiche verboten, ohne sich einer anderen Religionsform anzuschließen. Durch einen Traum sei er in seinem Streben nach einer würdigen Gottesverehrung bestärkt worden. Ein Engel sei ihm erschienen und habe ihm Waffenglück gegen die Araber und Neichthum verheißen, wenn er sich zum wahren Gotte bekennen würde. Denselben Traum habe auch der Unterkönig gehabt. Als er dann einen großen Sieg über die Araber errungen und die armenische Festung Ardebil") erobert hatte (731), hätten sich Bulan und der *) Diese Nachricht tradirt Jbn-Alathir (bei Frähn das. S. 597). Nach desselben Uebersetzung lautet die Stelle: Rstsrt Idu-Dl ^.tbir iiupsrstorsiu Ooustsutiuopolis rsMsuts Harun Nssobiilio sxpulisss guiäguick ckuäss- oruru in ipsius rsZuo. Hi guuru Obsxsrorurrr tsrrsiu ss rsospisssut, popuiuiu sxpsrti ssssut soooräsru st suuplissiu, susw. si8 obtulsrs rsliAiousru, gusru illi 8ui8 iustitutis ssoria potiorsru guuur eoAuovi88sut, ssru siuplsxi sligusuräiu ssrvsbsut. Ebenso Maßudi. In diesem Referat Maßudi's und Jbn-Alathir's ist nur das Datum falsch. Denn die Verfolgung der Juden im byzantinischen Reiche fand nicht zu Arraschid's Zeit, sondern früher unter Leo dem Jsaurier statt, wie aus Theophanes und Cedrenus bekannt ist. fl Von der Eroberung Ardebil's spricht auch der Brief des Chazarenkönigs an Chasdai Jbn-Schaprut, dort heißt es und das giebt einen Anhaltspunkt für die Chronologie. Die Eroberung Ardebil's fällt nach arabischen Schriftstellern bei ä'Ho 880 u (xsuplso cku 0s.uos.8s S. 59) und bei Dorn (Nachrichten über die Chazaren in rusruoirs äss sdsuess politiguss st Die Chazaren. 179 Peg entschlossen, das Judenthum öffentlich zu bekennen. Der Chalife, sowie der byzantinische Kaiser batten aber gewünscht, den Chagan der Chazaren für die Annahme ihres Bekenntnisses zu bewegen und zu diesem Zwecke hätten sie Abgeordnete mit Schreiben und reichen Geschenken, begleitet von Religionskundigen, an Bulan geschickt. Dieser habe hierauf einen Religionsdisput unter seinen Augen veranstaltet zwischen dem byzantinischen Geistlichen, dem mohammedanischen Religionsweisen und einem jüdischen Gelehrten. Die Vertreter der drei Religionen hätten aber lange bin und her disputirt, ohne einander oder den Chagan von der Vortrefflichkeit der einen Religion gegen die andere zu überzeugen. Da aber Bulan gemerkt, daß der Vertreter der Christusreligion und des Islam beide sich auf das Judenthum als auf den Ausgangspunkt und Grund ihres Glaubens beriefen, so habe er den christlichen Gesandten unter vier Augen gefragt, ob er dem Islam den Vorzug gebe. Und als dieser das Judenthum auf Kosten der Religion Mohammed's sehr hoch gestellt, habe Bulan dasselbe Mittel auch bei dem mohammedanischen Weisen angewendet, um ihm das Geständniß abzulocken, daß das Judenthum unendlich höher stehe als das Christenthum. Darauf habe Bulan den Gesandten des Chalifen und des Kaisers erklärt: da er aus dem Munde der Gegner des Judenthums das unparteiische Geständniß von dessen Vorzüglichkeit vernommen, so bleibe er bei dem Vorsatze, das Judenthum als seine Religion zu bekennen. Er habe darauf sich der Beschneidung unterworfen Z. Der jüdische Weise, der bei der Bekehrung Bulan's thätig war, soll Isaak Sang'ari oder Sing'ari^) gewesen sein. Die Umstände, unter welchen der Chagan das Judenthum angenommen hat, mögen sagenhaft ausgeschmückt sein, aber die Thatsache ist von vielen Seiten zu bestimmt bezeugt, als daß sie bezweifelt werden könnte. Mit Bulan bekannten sich auch die Großen des Reiches, ungefähr viertausend an der Zahl, zum Judenthume. Nach und nach Iiistoriguss äs 8t. ikstsrsborrrA', sörls VII. Jahrg. 1844, S. 445 f.) in das Jahr 731. Das stimmt mit Jehuda Halevi's Angabe, daß die Bekehrung der Chazaren zum Judenthume ungefähr vier Jahrhunderte vor Abfassung seines Werkes 1140, also um 740 stattgefunden hat. *) Briefe des Chazarenkönizs an Chasdai Jbn»Schaprut. Aehnliches erzählt Al-Bekri, mitgetheilt von Dufrsmery im llourrml asiatigus a. a. O. ch Wird zuerst von Nachmani (oolloguiurn sä. äsllinsk S. 14) genannt. Der angebliche Grabstein des Isaak Sangari, der in Tschuft-Kalee in der Krimm mit einem dunkeln Datum gefunden worden sein soll, wodurch behauptet wird, die Chazaren hätten sich zum Karäismus bekannt, ist gründlich als unecht und gefälscht nachgewiesen worden von Rapaport: Lsrsva Obsrnsä V. p. 197 f. 12 * 180 Geschichte der Juden. drang es auch in's Volk ein, so daß die meisten Städtebewohner des Chazarenreiches Juden waren, das Militär bestand aber aus mohammedanischen Söldlingen i). Es gab aber auch Vasallenkönige in dem großen Gebiete, das dem Chagan unterworfen war, und auch von diesen nahmen Wohl einige die Religion ihres Gebieters an. Wenigstens wird das von dem Könige des Landstriches Semenderfl an der Westküste des Kaspisee's (setzt Tarki) erzählt. In der ersten Zeit mag das Judenthum der Chazaren oberflächlich genug ausgesehen und wenig auf Aenderung des Sinnes und der Sitte eingewirkt haben. Erst ein späterer Nachfolger Bulan's, der den hebräischen Namen Obadjah führte, machte mit dem jüdischen Bekenntnisse Ernstfl. Er lud jüdische Gelehrte in sein Reich ein, belohnte sie königlich, gründete Bethäuser und Lehrstätten, ließ sich und sein Volk in Bibel und Talmud unterrichten und führte den Gottesdienst nach dem Muster der alten Gemeinden ein^). So viel Einfluß gewann das Judenthum auf die Gemüther dieses unkultivirten Volksstammes, daß während die heidnisch gebliebenen Chazaren ihre Kinder ohne Gewissensbisse zu Sklaven verkauften, die jüdischen diese Unsitte eingestellt Habens. Nach Obadjah regierte noch eine lange Reihe von jüdischen Chagancn; denn nach einem Staatsgrundgesetz dursten nur jüdische Herrscher den Thron besteigen 0). Weder Obadjah, noch seine Nachfolger waren unduldsam gegen die nichtjüdische Bevölkerung des Landes, diese wurde im Gegentheil auf dem Fuße vollständiger Gleickheit behandelt. Es gab einen obersten Gerichtshof, bestehend ans sieben Richtern, zwei Juden für die jüdische Bevölkerung, eben so viel mohammedanische und christliche für ihre Religionsgenossen und einen heidnischen für die Russen und Bulgaren I. Jeder Religiousbekenuer wurde nach fl Ibn - Uosräan bei Frähn äs diuLuris x. 484. Nach Dimeschki waren sämmtliche Chazaren Juden, daselbst 597: ObsLari st rsx sornna onanss llnäasi. Eine andere Nachricht daselbst lautet: Olls-Wri äuabus natlorndns oon8titnn.ntnr, wilitibus soiliest, gut vaolluininstani, st eivibas, gni llnäasi sunt. 2 ) Das. S. 615 und 617 nach Jbn-Haukal. Wenn bei mohammedanischen Schriftstellern vom Uebertritt der Chazaren zum Islam erzählt wird, wie z. B. Jbn-Alathir vom Jahre 254 d. Hegira — 868, so gilt das nicht vom Hauptreiche, sondern von Vasalienländern und ihren Königen. o) Ueber den Rabbinismus der Chazaren vergl. Harkavy, Monatsschrift 1882, S. 171. fl Brief des Chazarenkönigs. fl Jbn-Haukal (oder Jstakhri) bei Ousley. fl Das. fl Massudi, Jstakhri und Jbn-Foßlan sprechen von neun Mitgliedern des Gerichtshofes. Das Chazaren-Reich. 181 seinem Gesetzbuche gerichtet. Das Chazarenreich, vom jüdischen Geiste durchweht, hätte ein Muster der Duldsamkeit für Christen und Mohammedaner zu seiner Zeit und noch ein Jahrtausend später abgeben können. — Die auswärtigen Juden hatten Anfangs keine Ahnung von der Bekehrung eines mächtigen Königreiches zum Judenthume, und als ihnen ein dunkeles Gerücht darüber zukam, glaubten sie, Chazarien sei von den Ueberbleibseln der ehemaligen Zehnstämme bevölkert. Die Sage erzählte: Weit, weit hinter den finsteren Bergen, der kimmerischen Finsterniß des Kaukasus, wohnen wahre Gottesverehrer, heilige Männer, Nachkommen Abraham's von den Stämmen Simeon und Halbmanasse, die so mächtig seien, daß ihnen fünfundzwanzig Völkerschaften Tribut zahlen Z. Um dieselbe Zeit, in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts, treten auch die Juden Europas ein wenig aus dem Dunkel heraus, das sie seit Jahrhunderten bedeckte. Von den Machthabern begünstigt, wenigstens nicht gemißhandelt und verfolgt, erhoben sie sich zu einer gewissen Höhe der Kultur. Karl der Große, der Gründer des fränkischen Kaiserthums, dem Europa die Neugeburt und die theilweise Befreiung von der Barbarei verdankt, hat auch die geistige und gesellschaftliche Erhebung der Juden in Frankreich und Deutschland gefördert. Nach langen Jahrhunderten von Niedrigkeit und Mittelmäßigkeit sah die Menschheit wieder einen echten Helden entstehen mit dem Gepräge des Genies, der nicht blos mit Waffen zu siegen, sondern auch Saaten der Kultur und Gesittung auszustreuen verstand. Durch die Schöpfung des deutsch-fränkischen Reiches, das sich vom Ocean bis jenseit der Elbe und vom Mittelmeere bis zur Nordsee erstreckte, verlegte Karl den Mittelpunkt der Geschichte nach West-Europa, der bis dahin in Constantinopel an der Grenze von Ost-Europa und Asien gewesen war. Obwohl Karl Schutzherr der Kirche war und die Suprematie des Papstthums begründen half, und obwohl der zeitgenössische Papst Hadrian nichts weniger als judenfreundlich war und die spanischen Bischöfe wiederholentlich ermahnte, die Christen von der Gemeinschaft mit Juden nnd Heiden (Arabern) fern zu Haltens, so war Karl's h Eldad der Danite vergl. Note 19, NarZuna zu Chronik I. 5, 26, wo von den „finstern Bergen" 'iiv die Rede ist, dem Aufenthalt von dritthalb Stämmen, Josippon (Pseudojosephus) e. 10. Die zwei Ansichten, die richtige, daß die Chazaren Proselyten, und die fabelhafte, daß sie Abkömmlinge der Zehnstämme waren, finden sich zusammengestellt in dem Büchlein Lobssrit lorasl o. 9. 2) Nnratori rorurn ibalios.ruiu soripborss D. III. 2, p. 240, 277 Klansi oonoilia 1. XII. 784, 814. Blick doch zu weit, als daß er in Bezug auf die Juden die Befangenheit der Geistlichen hätte theilen sollen. Er war im Gegentheil ziemlich frei von Vorurtheilen gegen sie. Allen Kirchensatzungen und Concilien- beschlüssen entgegen, begünstigte der erste fränkische Kaiser die Juden seines Reiches und zog Nutzen von einem kenntnißreicheu Manne dieses Stammes, der für ihn Reisen nach Syrien machte und die Erzeugnisse des Morgenlandes nach dem Frankenreiche brachte *). Wenn sonst die Fürsten die Juden in Strafe nahmen, falls sie von Geistlichen oder Kirchendienern Kirchengefäße kauften oder in Pfand nahmen, so verfuhr Karl darin entgegengesetzt; er belegte die kirchen- schänderischen Geistlichen mit schwerer Strafe und sprach die Juden frei davon"). Die Begünstigung der Juden von Seiten Karl's des Großen hatte zwar in dem Interesse ihren Grund, das dieser weitblickende Kaiser an der Hebung des Handels und Vermehrung des Nationalreichthums nahm. Die Juden waren damals die Hauptvertreter des Welthandels. Während der Adel dem Kriegsgeschäfte, der Kleinbürger den Handwerken, und der Bauer, der Leibeigene, dem Ackerbau oblagen, waren die Juden, weil nicht zum Heerbanne zugezogen und nicht im Besitz von Feudalgütern, auf das Export- und Importgeschäft mit Maaren oder Sklaven angewiesen, und die Gunst, die ihnen Karl zuwendete, war gewissermaßen ein Privilegium, ertheilt au eine Handelskompagnie 3). Beschränkt waren sie nur gleich den anderen Kaufleuten im Handel mit Getreide und Wein, weil der Kaiser den Gewinn von Lebensmitteln für ein schändliches Gewerbe hielt. War auch schon diese materielle Schätzung der Juden ein Fortschritt gegen die Beschränktheit der merovingischen Herrscher, der Gunthram und Dagobert, welche in den Juden nur Gottesmörder sahen, so zeigte Karl auch noch Interesse an der geistigen Hebung der jüdischen Bewohner seines Reiches. Wie er für die Heranbildung der Deutschen und Franzosen durch Herbeirufen von kundigen Männern aus Italien Sorge trug, so lag es ihm auch am Herzen, die Juden Deutschlands und Frankreichs einer höheren Kultur theilhaftig werden zu lassen. Er ver- V pflanzte daher eine gelehrte Familie aus Lucca: Kalonymos, seinen Nousollus 8t. Onllsusis äs gsstis Osroli rusgui I t8. 2) Osxitulsris. Osroli bei Lougust rseusil 1?. V. x. 679. Vergl. indest die 6s.xitu1s.rig. bei iksrtri IsZso 1. 1. x. 194. h In den Capitularien Karl's und seiner Nachfolger werden die Juden öfter zu den usZotistorss gezählt. Vergl. 6s.xituls.ris. bei Pertz a. a. O. Ansiedelung der Juden in Deutschland. 183 Sohn Mose und seinen Neffen nach Mainz (787*), sicherlich in der Absicht, der Unwissenheit der deutschen Juden zu steuern. Die Söhne Jakob's in Germanien haben sich wie die Söhne Teut's am spätesten von der Barbarei losgemacht. Deutschland, dem jetzt die gebildete Welt neidlos die Palme der Wissenschaft reicht, war noch zu Karl's Zeit der Sitz dumpfer Unwissenheit, nicht blos der Norden, wo die reckenhaften Sachsen unter Wittekind hausten, sondern auch die Mittelrheingegend, welche mit dem Frankenreiche in Verbindung stand. Die erste Einwanderung der Juden in Deutschland ist in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Wollte man der Sage Glauben schenken, so hätten sich bereits Juden in Worms niedergelassen, als Deutschland noch mit Urwald und Sümpfen bedeckt war, und wilde Bären die einzigen Herren im Laude waren. Nicht lange nach Josua's Eroberung, so erzählt die Sage, als der Stamm Benjamin wegen der Unthat an der Frau zu Gibea von den übrigen Stämmen beinahe aufgerieben worden war, seien tausend Beujamiten, um dem Blutbade zu entgehen, geradeswegs nach Deutschland ausgewandert und hätten eine Gemeinde zu Worms gegründet"). — Dergleichen Erfindungen, um das Alter der Gemeinden hoch hinaufzurücken, waren übrigens nicht von der Eitelkeit, sondern vom Selbsterhaltungstrieb eingegeben. Als man die Juden Deutschlands für die Verurtheilung Jesu verantwortlich machte und sie als Gottesmörder zu Tausenden hinschlachtete, mußten sie auf Mittel sinnen, sich von dieser unsinnigen Anklage loszumachen, und sie machten geltend, sie seien lange, lange vor Jesu *) Die Verpflanzung der Luccenser Familie nach Mainz setzt Josua Kohen (Hrnslr Ira-Ls-olls, 13) ausdrücklich unter Karl den Großen. Nach Carmoly (Annalen Jahrg. 1839, S. 222) soll ein handschriftlicher Machsor-Commentar dieses Faktum ins Jahr 719 nach der Zerstörung — 787 chr. Z. setzen. Jedenfalls ist das Datum bei Sal. Luria (Rssxonsa Ho. 29) 849 der Zerstörung eine Corruptel. Die meisten Schriftsteller nennen übrigens Kalony mos von Lucca und nicht R' Mose als das Haupt der Auswanderer. Vergl. 8. v. lm 22 s,ifto: il dirräslsrno illnotrato p. 30 ff. Die Genealogie der Kulony- miden aufstellen, womit sich dis Herrn Rapaport und Zunz geplagt haben, heißt den Sisyphusstein wälzen. Es hat so viele jüdische Gelehrte mit Namen Kalonymos in Deutschland, Italien und Südfrankreich gegeben, daß die Re- gistrirung derselben und ihrer Nachkommen eine Unmöglichkeit und zugleich eine ganz nutzlose Arbeit ist; vergl. Saige, Groß, Monatsschrift, Jahrg. 1878, S. 249; Nsvus äss üt. j. VII. S. 154 .111211 1 'P 2 — '-ML'.-; 1 NN 2 '1 N 12 N rii'-> . ni2^r>7 211 p 111 nw nim n'v>i 21 — ne-'ni .12 — 2 ) D. Kimchi zu Richter 20, 15 im Namen eines „Midrasch". In unfern Ausgaben heißt es zwar, die Beujamiten seien nach Romania ausgewandert. Jechiel Heilperin (8säsr fta-vorot) las indeß „nach Deutschland und der Stadt Worms". 184 Geschichte der Juden. Geburt in den deutschen Gauen ansässig gewesen. Die Wormser Gemeinde wollte bereits zur Zeit Esra's von Jerusalem ein Sendschreiben erhalten haben, sich an den Hauptfesten in dem Tempel einzustellen, sie habe aber darauf erwidert, daß sie sich am Rhein ein Neu-Jerusalem gegründet und von dem alten, als ohnehin aller Gnadenmittel entbehrend, nichts wissen wolle*). Um sich recht augenfällig von der Mitschuld an Jesu Kreuzestod zu reinigen, schmiedete man einen Brief aus jener Zeit, welcher an die Wormser oder Ulmer oder Regensburger Gemeinde gerichtet worden sei, um sie von den Vorgängen bei Jesu Auftreten in Kenntniß zu setzen ^). War eine Nothlüge je gestattet, so war es diese, weil sie eine lügenhafte, verkehrte, hohnsprechende Anschuldigung entkräften und den Tod von tausend Unschuldigen abwenden wollte. Nicht viel glaubwürdiger klingt das Zeugniß, welches das Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde in Worms im ersten christlichen Jahrhundert aus untergegangenen Leichensteinen verbürgen will^j. Sichere Zeugnisse über das Vorhandensein von Juden in der von Römern gegründeten agrippinischen Kolonie (Köln am Rhein) datiren erst aus dem vierten Jahrhundert^). Ob sich aber die Juden daselbst in den wilden Stürmen der Völkerwanderung behauptet haben, ist sehr fraglich. Sicherlich sind die deutschen Gemeinden nur als Kolonien der französischen zu betrachten, mit denen sie in dem den merovingischen Königen unterworfenen Austrasieu gleiches Geschick getheilt haben. Auch die Juden Englands sind französischen Ursprungs und wanderten wohl erst im siebenten Jahrhundert dahin ^). Eine regelmäßige Gemeindeverfassung haben die deutschen Juden sicherlich erst durch die aus Lucca verpflanzte Kolonie der Familie Kalonymos erhalten. Weltgeschichtlich bekannt ist die Gesandtschaft Karls an den mächtigen Chalifen Harun Arraschid, der ein Jude mit Namen Isaak beigegeben war (797). Obwohl Isaak Anfangs neben den Edelleuten Landfried und Sigismund wohl nur die Rolle eines Dolmetschers *) Naasris Uissini-Luoll. 2 ) i^ber die Quelle, wo dergleichen Briefe mitgetheilt werden, vergl. I'abrioins Ooäsx ^.povr^plrus novi tsstaursnti 1. III. p. 493 f. Lewysohn, Epitaphien des Wormser Friedhofes S 3. Das älteste der vorhandenen Graboenkmäler von Worms stammt aus dem Jahre 1070, das. S. 87. Das Datum 900 auf einem Leichenstein beruht auf einer falschen Lesart, wie Rapaport im Vorworte zu den Epitaphien der Prager Gemeinde Oal. Lck nachgewiesen. Eben so uuerwiesen ist, daß ein Leichenstein des Prager Friedhofes das Datum 780 trägt. Rapaport a. a. O. Ooäsx DllsoäoÄanuo I,. XVI. D. 8, ß 21. S. 0. IV. S. 333 Anmerk. -°) Eduard Gans in Zunz' Zeitschrift S. 108. Ansiedelung der Juden in Deutschland. 185 hatte, so war er doch in die diplomatischen Geheimnisse Karls eingeweiht. Als daher die beiden Hauptgesandten auf der Reise gestorben waren, war er allein im Besitz des Antwortschreibens und der reichen Geschenke von Seiten des Chalifen, und der Kaiser empfing ihn in Aachen in feierlicher Audienz *). Der Kaiser soll auch durch die Gesandtschaft den Chalifen gebeten haben, einen gelehrten Juden aus Babylonien für seine Lande zuzuschicken, und Harun soll ihm einen R' Machir zugesandt haben"), den Karl der jüdischen Gemeinde zu Narbonne vorgesetzt habe. Machir, der der Stammvater gelehrter Nachkommen wurde, wie Kalonymos aus Lucca, gründete in Narbonne eine talmudische Hochschule. In Folge ihrer günstigen Stellung in dem deutsch-fränkischen Reiche, wo sie Aecker besitzen, Gewerbe und Schifffahrt betreiben durften und weder vom Pöbel, noch von den wahrhaft frommen deutschen Geistlichen geplagt wurden, konnten sich die Juden ihrem Wandertrieb überlassen und sich in vielen Gauen Deutschlands ausbreiten. Zahlreich wohnten sie im neunten Jahrhundert in den Städten Magdeburg, Merseburg und Regensburg ^). Bon da aus drangen sie immer weiter bis in die von Slaven bewohnten Länderstriche jenseit der Oder bis nach Böhmen und Polen. Indessen bei aller Gunst, die ihnen Karl zuwandte, fiel es ihm, wie, auch den besten Männern des Mittelalters schwer, sie als vollständig ebenbürtig mit den Christen zu behandeln. Die Kluft, welche die Kirchenväter zwischen dem Christenthum und Judenthum aufgeführt haben und die von einzelnen Geistlichen und Synoden erweitert worden, war zu tief, als daß sie ein der Kirche treu ergebener Kaiser hätte überspringen können. Auch Karl hielt in einem Punkte den Unterschied zwischen Juden und Christen aufrecht und machte ihn dauernd durch eine Eidesformalität, welche den Juden auferlegt werden sollte, wenn sie gegen einen Christen zu zeugen oder zu klagen hatten. Bei einem Eide gegen einen Christen mußte der Jude sich mit Sauerampfer oder Dornen umgeben, in der Rechten die Thora halten und Naamans Aussatz und die Strafe der Rotte Kora's auf sich zum Zeugnisse der Wahrheit Herabrufen. Falls kein hebräisches Thora-Exemplar vorhanden ist, sollte eine lateinische Bibel genügen^). Man darf aber nicht ver- ') UAÜibaräi Lunalss in Pertz' rnonurusuta. 6-srw.nnis.s I. p. 190, 353. 2) 2asuto äooliasiu sä. UilixorvsIU S. 84. Der Kürze wegen oergl. über die Quellen Ersch und Gruber Sect. 2. B. XXVII. S. 64 f. Stobbe, die Juden in Deutschland während des Mittelalters. 4) Bei Pertz moiiurnsrita, IsZss I. 194. Stobbe S. 262 Note 144. lieber die Formalitäten bei Eiden in der gaonäischen Zeit vergl. Usspsii. O-nonini Lcbaars Xsäslr 76, Xo. 22. 186 Geschichte der Juden. kennen, daß es eine Milde und ein Abweichen von der Kirchensatzung war, wenn die Juden überhaupt zum Eide gegen Christen zugelassen wurden. Im Morgenlande wurden die Inden im Anfänge des neunten Jahrhunderts ebenfalls auf unangenehme Weise erinnert, daß sie auch von den besten Herrschern Zurücksetzung und Leiden zu gewärtigen haben. Die Regierungszeit der abbassidischen Chalifen Harun Arraschid und seiner Sohne wird als die Blüthezeit des morgenländischen Cha- lifats betrachtet. Und gerade aus dieser Zeit wurden von jüdischer Seite Klagen über Bedrückung laut. Möglich, daß Harun, als er gegen die Christen das Omar'sche Gesetz (o. S. 112) erneuerte (80I)„ es auch auf die Juden angewendet hat, daß sie einen auszeichnenden Fleck von gelber Farbe an ihrem Anzuge, wie die Christen eine blaue Farbe, tragen, und daß sie sich statt des Gürtels einer Schnur bedienen sollten *). Nach seinem Tode (809), als seine zwei Söhne Mohammed Alemin und Abdallah Almamun, für die der Vater das Chalifat in zwei Theile getheilt hatte, einen verheerenden Bürgerkrieg im ganzen Gebiet des großen Reiches gegen einander entzündeten, wurden die Juden namentlich in Palästina schwer heimgesucht. Sie hatten aber die Christen zu Leidensgenossen. Raub und Metzeleien waren in den vier Jahren des Bruderzwistes (809 bis 813) an der Tagesordnung. Die Leiden müssen so bedeutend gewesen sein, daß sie ein Agadist jener Zeit aus der Volksstimmung heraus als Vorzeichen für die baldige Ankunft des Messias ausgegeben hat. „Israel kann nur durch Büßfertigkeit erlöst werden, und die wahre Buße kann nur durch Leiden, Drangsal, Wanderung und Nahrungslosigkeit gefördert werden," so tröstete dieser Redner die betrübte Gemeinde. In dem Bruderkriege zwischen den beiden Chalifen 2 - sah er den Unter- 9 Weil: Chalisengeschichte II. 162, Note 1 nach Jbn-Khaldun und Jbn- Alathir. 9 Ich habe in Frankens Monatsschrift, Jahrg. 1859, S. 112, darauf aufmerksam gemacht, daß das agadisch-mystische Werk D.irks ckt L' Llisssr auf die Herrschaft der zwei Brüder im Chalifat anspielt (e. 30) und in dieser Zeit verfaßt wurde, was nicht ausschließt, daß ältere Agadas darin ausgenommen wurden. In demselben Kapitel wird auch die arabische Sage von Abraham's Besuch bei Jsmael mitgelheilt, und Jsmaels Frauen, welche die arabischen Quellen bei Tabari und Anderen 'Wala, und Lujjiils, heißen, werden im Dirks äi R' Dllsssr die eine OK aäi (vw'ip), wie Mohammed's erste Frau, die andere Durtvas. (n 2 ' 2 r), wie dessen Lieblingstochter genannt. Aus D. ä. D' Dlisssr ist die Sage in TarZuva Pseudojonathan übergegangen. In demselben Kapitel wird auch auf die Land- und Seekriege Raschid's gegen Byzanz angespielt. Vergl. damit Weil a. a. O. S. 156, und Theophanes Chronographie I- 714 fs. Jsrael's Leiden in dieser Zeit werden erwähnt D. ä. Aufblühen der Wissenschaft im Chalifate. 187 gang der ismaelitischen Herrschaft und die Nähe des messianischen Reiches. „Zwei Brüder werden über die Jsmaeliten (Mohammedaner) am Ende herrschen; in dieser Zeit wird der Sproß David's aufblühen, und in den Tagen dieser Könige wird der Herr des Himmels ein Reich erstehen lassen, das nimmermehr untergehen wird." „Gott wird vertilgen die Söhne Esan's (Byzanz), Israels Feinde, und auch die Söhne Jsmaels, seine Widersacher." Indessen war diese Erwartung, wie viele andere, trügerisch. Der Bruderkrieg hatte wohl das Chalifat erschüttert, aber nicht aufgelöst. Alemin wurde getödtet, und Almamun wurde Alleinherrscher des ausgedehnten Reiches. In Almamun's Regierungszeit (813—833) fällt die Kulturblüthe des morgenländischen Chalifats. Da er einer freien religiösen Richtung huldigte und die mohammedanische Stockorthodoxie verfolgte, so konnten sich die Wissenschaften und eine Art Philosophie entwickeln. Bagdad, Kairuan in Nordafrika und Merw in Chorasan wurden Mittelpunkte für die Wissenschaft, in allerlei Fächern, wie sie Europa erst viele Jahrhunderte später besaß. Der griechische Geist feierte seine Auferstehung in arabischer Hülle. Staatsmänner rangen um die Palme der Gelehrsamkeit mit den Männern der Muße und Zurückgezogenheit. Die Juden blieben nicht unberührt von dieser Schwärmerei für die Wissenschaft. Ist doch Forschen und Grübeln ihre innerste Natur. Sie nahmen redlichen Antheil an dem geistigen Streben, und manche ihrer Leistungen fand bei den Arabern Anerkennung. Die Geschichte der arabischen Kultur hat manchen jüdischen Namen in ihren Annalen ausgezeichnet. Wenn es auch zweifelhaft ist, ob Maschallah b. Atari, der die Astronomie und Astrologie angebaut, und Jakob Jbn-Scheara^), der zuerst mathematische Schriften aus Indien nach dem Chalifat gebracht und übersetzt hat, wenn es auch zweifelhaft ist, ob diese Männer dem Judenthume angehört haben, so gehörte ihm jedenfalls Sahal Al-Tabari^) an, der unter den Arabern einen klangvollen Namen hat. Sahal mit dem Beinamen Rabban (der Rabbanite, Talmudkundige) aus Tabaristan (am Kaspisee, um 800) wird als Arzt und Mathematiker gerühmt, übersetzte den Almagest des griechischen Astronomen Ptolomäus, das Grundbuch für Sternkunde im Mittelalter, ins Arabische und erkannte R' Xlisssr s. 32, 43, 48. (Vergl. Zeitschrift der Deutsch-Morgenland. Gesellschaft B. XXVIII. S. 645 und hebr. Bibliographie B. XVII. S. 10. (H.)j *) Mohammed b. Jshak in d. Ztschr. d. deutsch.-morgen!. Gesellsch. 1857. S. 630- Jbn-Esra bei äs Rosst rnanusviipti Ooäloss llsdraiot ooäsx 212. 2) Vergl. Berliners Magazin 18^0 S. 102; Rsvus äss j. V. x.,2I4. 188 Geschichte der Juden. zuerst die Strahlenbrechung des Lichtes*). Sein Sohn Abu-Sahal Ali (835 — 853) wird zu denen gezählt, welche die Arzneikunde gefördert haben, und war der Lehrer zweier medizinischen Autoritäten unter den Arabern, des Nazi und Anzarbi. Abu-Sahal Ali verließ aber das Judenthum, ging zum Islam über und wurde Leibarzt und Würdenträger eines Chalifen. Eifriger als Arzneikuude, Mathematik und Sternkunde wurde von den Muselmännern die Religionswissenschaft, als eine Art Religionsphilosophie (LalLm) betrieben. Sie wurde mit derselben Wichtigkeit wie die Staatsangelegenheiten behandelt, und übte auf die Politik Einfluß. Die islamitische Religionsphilosophie verdankt ihren Ursprung der Dunkelheit, Zweideutigkeit und Ungereimtheit, welche ihrem Grundbuche, Koran, anhaften. Neben dem großen Gedanken: „Gott ist einzig und hat keinen Genossen", finden sich darin ganz unwürdige und plumpe Vorstellungen von Gott, wie sie nur in dem Kopfe eines Sohnes der Wüste Platz greifen konnten, der keine Ahnung hatte, wie seine angeblichen Offenbarungen von Gott den Begriff der göttlichen Erhabenheit aufheben. Indem die Ausleger des Koran diese Widersprüche ausgleichen wollten, kamen sie auf Gedanken, die weit über den beschränkten Gesichtskreis des Islam hinausgingen. Manche Ausleger (Mutakallimun) geriethen durch vernunftgemäße Deutung in Widerstreit mit den Buchstabengläubigen und wurden von diesen verketzert. Waßil Jbn-Ata (750) und seine Schule (die Mutazila, d. h. die abgesonderte, verketzerte) begründeten eine vernunftgemäße Theologie. Die Mutaziliten betonten scharf die Gotteseinheit und wollten jede bestimmte Eigenschaft von Gott entfernt wissen, weil das göttliche Wesen dadurch getheilt und vielfältig erschiene, und man mit der Annahme derselben mehrere Wesen (Personen) in Gott -setzte. Sie behaupteten ferner die menschliche Willensfreiheit (Laäar), weil die unbedingte Vorherbestimmung Gottes, die der orientalische Geist voraussetzt und der Koran bestätigt, mit der göttlichen Gerechtigkeit die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen, unverträglich sei. Solche und andere Lehrmeinungen stellten die mutazilitischen Religionsphilosophen auf. Sie glaubten aber, obwohl sie weit über den Koran hinausgingen, noch immer auf dessen Boden zu stehen, und um ihre Lehre mit den plumpen Aussprüchen ihres Religiousbuches in Einklang zu bringen, wendeten sie dieselbe Methode an, welche die jüdisch-alexandrinischen Religionsphilosophen (B. III. ^ 339) gebrauchten, ') Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Aerzte und Naturforscher S. 2V; vergl. Wenrich äs auotoruru Arasaorum vsrsionibus p. 228. Philosophie und Mystik. 189 um die Bibel mit der griechischen Philosophie zu versöhnen. Sie deuteten die Verse in einen allegorischen Sinn (Dawill um. Je mehr sie mit der Gedankenwelt der griechischen Philosophie, welche durch Uebersetzungen zugänglich gemacht war, vertrant wurden, und je klaffender ihnen die Widersprüche zwischen Vernunft und Glauben erschienen, desto mehr nahmen sie zu Umdeutungen Zuflucht. Die Allegorie sollte die tiefe Kluft zwischen dem vernünftigen Gottesbewußtsein und dem unvernünftigen, wie es der Koran lehrt, ausfüllen. Die denkgläubige mutazilitische Theologie der Mohammedaner, obwohl auch Anfangs verketzert, errang sich nach und nach die Herrschaft; die Schulen von Bagdad und Baßra erklangen von ihren Lehren. Der Chalife Almamun erhob sie zur Hoftheologie und verdammte die alte, naive Religionsanschauung. Die Anhänger der Orthodoxie waren aber ob dieser Freiheit der Deutung entsetzt, weil der Buchstabe des Koran unter der Hand in den entgegengesetzten Sinn umgewandelt wurde, und der naive Glaube allen Halt verlor. Sie hielten daher streng an den Buchstaben und an dem natürlichen Schriftsinne fest und verwarfen die Allegorie als Ketzerei. Einige von ihnen gingen aber noch weiter. Sie nahmen sämmtliche im Koran oder in der Ueberlieferung gebrauchten Ausdrücke von Gott, so grobsinnlich sie auch klangen, im buchstäblichen Sinne und stellten eine ganz unwürdige Gotteslehre auf. Wenn Mohammed eine Offenbarung mitgetheilt hat: „Mein Herr kam mir entgegen, reichte mir die Hand zum Gruße, sah mir ins Gesicht, legte seine Hand zwischen meine Schultern, so daß ich die Kälte seiner Fingerspitzen empfand", so nahm die orthodoxe Schule (Llnoekabbiba, wuAassiwab) dieses Alles in empörender Buchstäblichkeit hin. Diese Schule lAnthropomorphisten) nahm keinen Anstand es auszusprechen: Gott sei ein Körper mit Theilen und habe eine Gestalt; er sei sieben Spannen lang, nach seiner eigenen Spanne gemessen. Er befinde sich an einem besonderen Orte, auf seinem Throne. Mau dürfe von ihm aussagen, daß er sich bewege, hinauf und hinabsteige, ruhe und verweile. Dergleichen und noch mehr lästerliche Beschreibungen grobsinnlicher Art') gaben die rechtgläubigen moslemitischen Religionslehrer von dem höchsten Wesen, um ihr Festhalten au dem Buchstaben des Koran gegenüber den Denkgläubigen zu bekunden. Die Juden des Morgenlandes lebten in zu innigem Verkehr mit den Muselmännern, als daß sie von diesen Richtungen unberührt ') Vergl. Schahrastani nach Haarbrücker's Uebersetzung I. 115 f., 213, 214 und Frankel, Monatsschrift Jahrg. 1859 S. 115 f. 190 Geschichte der Juden. hätten bleiben sollen. Dieselben Erscheinungen wiederholten sich daher im jüdischen Kreise, und die Spannung zwischen Karäern und Rabba- niten trug dazu bei, die islamitischen Schulstreitigkeiten auf das Judenthum zu übertragen. Die officiellen Träger des Judenthums, die Collegien von Sura und Pumbadita, hielten sich zwar davon fern. Ganz in den Talmud und dessen Auslegung vertieft, beachteten sie Anfangs die leidenschaftliche Bewegung der Geister gar nicht, oder gaben ihr nicht nach. Aber außerhalb derselben tummelten sich die Geister in derselben Rennbahn und rissen das Judenthum in einen neuen Läuterungsprozeß hinein. Wie zur Zeit der Gnostiker gährte und wogte es; die seltsamsten, abenteuerlichsten Verbindungen und Gestaltungen wurden zu Tage gefördert: jüdische Anschauungen bald mit griechischen, bald mit islamitischen, bald mit persischen Vorstellungen geschwängert. Der matte Strahl der Philosophie, der in diese naive, bewußtlose, dumpf-religiöse Welt hineinfiel, brachte eine grelle Beleuchtung hervor. Im Allgemeinen folgten die Karäer der muta- zilitischen (rationalistischen) Richtung, die Rabbaniten dagegen, welche auch die seltsamen agadischen Aussprüche über Gott zu vertreten hatten, der wissensfeindlichen (mugassimitischen) Richtung. Da aber im karäischen Kreise das religiöse Gebäude noch nicht abgeschlossen war, so bildeten sich innerhalb desselben neue Sekten mit eigenthüm- lichen Theorien und abweichender religiöser Praxis. Der erste, von dem es bekannt ist, daß er die mutazilitische Richtung der islamitischen Theologie auf das Judenthum übertrug, war Jehuda JudghanZ der Perser aus der Stadt Hamadan (um 800). Seine Gegner berichten von ihm, er sei ursprünglich, ein Kameelhirt gewesen. Er selbst gab sich für den Vorläufer des Messias aus, und als er Anhänger fand, entwickelte er ihnen eine eigen- thümliche Lehre, die ihm auf prophetischem Wege zugekommen sei. Im Gegensatz zu der althergebrachten Anschauungsweise, welche die biblischen Erzählungen von Gottes Thun und Empfinden buchstäblich verstanden wissen wollte, behauptete Jehuda Judghan: Man dürfe sich das göttliche Wesen nicht sinnlich und menschenähnlich vorstellen; denn es ist erhaben über alles Creatürliche. Die Ausdrücke der Thora darüber seien in einem höhern allegorischen Sinne zu fassen. Auch dürfe man nicht annehmen, Gott bestimme vermöge seiner Allwissenheit und Allmacht auch die menschlichen Handlungen voraus; denn dann würde man die Gottheit zur Urheberin der Sünde machen, und eine Strafe dafür wäre eine Ungerechtigkeit. Man müsse vielmehr *) Vergl. Note 18 Nr. I. Benjamin Nahawendi. 191 von Gottes Gerechtigkeit ausgehen und annehmen, der Mensch sei Herr seiner Handlungen, er habe Willensfreiheit, und Lohn und Strafe kommen auf eigene Rechnung. Während Jehuda aus Hamadan nach dieser Seite hin einer freien Ansicht huldigte, empfahl er nach der praktischen Seite die strengste Askese. Seine Anhänger enthielten sich des Fleisches und Weines, fasteten und beteten viel, waren aber in Betreff der Festeszeiten schwankend. Denn Jehuda behauptete, die Bibel habe die Feste nach dem Sonnenjahr angeordnet; es sei also eben so falsch mit Anan bloß das Mondjahr zu berücksichtigen, als mit den Rabbaniten beide Jahresformen zu combiniren. Näheres über diesen mutazilitisch-asketischen Vorläufer des Messias ist nicht bekannt. Seine Anhänger, die sich noch lange als eine eigne Sekte unter dem Namen Judghaniten erhielten, glaubten so fest an ihn, daß sie behaupteten, er sei nicht gestorben und werde wieder erscheinen, um eine neue Lehre zu bringen, wie die mohammedanischen Schiiten von Ali glaubten. Einer seiner Jünger Muschka wollte die Lehre des Stifters den Juden mit Waffengewalt aufzwingen. Er zog mit einer Schaar Gesinnungsgenossen von Hamadan aus, wurde aber, wahrscheinlich von den Muselmännern, mit neunzehn Mann in der Gegend vom Kum (östlich von Hamadan, südlich von Teheran) getödtet. Jehuda Judghan hatte mehr Gewicht auf asketische Lebensweise als auf philosophische Begründung des Judenthums gelegt und war daher 'mehr Sektenstifter als Religionsphilosoph. Ein anderer zeitge- genössischer Karäer Benjamin b. Mose aus Nahawend (800 bis 820 *) hat die mutazilitische Religionsphilosophie unter den Karäern heimisch gemacht. Benjamin Nahawendi gilt unter seinen Bekenntniß- genossen als eine Autorität und wird von ihnen gleich dem Stifter Anan verehrt, obwohl er vielfach von ihm abwich. Er soll ein Jünger von Anan's Enkel, dem karäischen Oberhaupte Josiah, gewesen sein. Benjamin war von der Voraussetzung der Mutaziliten ganz durchdrungen. Er nahm nicht blos Anstoß an den sinnlichen und menschlichen Bezeichnungen von Gott in der heiligen Schrift, sondern auch an der Offenbarung und Weltschöpfung. Er konnte sich nicht dabei beruhigen, daß das geistige Wesen die irdische Welt hervorgebracht habe, mit ihr in Berührung gekommen sei, sich zum Zwecke der Offenbarung auf Sinai räumlich beschränkt und artikulirte Laute gesprochen haben sollte. Um dem hohen Begriffe von Gott nichts zu vergeben und doch die Offenbarung der Thora zu retten, kam er auf st Vergl. über ihn Note 17 III. und Note 18 II. 192 Geschichte der Juden. einen ähnlichen Gedanken wie Philo der Alexandriner (B. III396 f.) Gott habe unmittelbar nur die Geisterwelt und die Engel geschaffen, die irdische Welt dagegen sei von einem der Engel geschaffen worden. Gott sei also nur mittelbar als Weltschöpfer zu betrachten. Eben so seien die Offenbarung, Gesetzgebung auf Sinai und die Begeisterung der Propheten nur -von einem Engel ansgegangen. Allerdings widerspreche der schlichte Wortsinn der heiligen Schrift dieser Annahme auf das Entschiedenste. Allein man dürfe nicht bei dem Buchstaben stehen bleiben, sondern müsse ihn in einem höhern Sinne auffasseu. Wie ein Chalife einen Botschafter aus seinem Kreise entsendet, ihm Befehle ertheilt, ihm seinen Namen leiht und sich solchergestalt mit ihm identificirt, eben so ist das Verhältniß zwischen Gott und dem gesetzesoffenbarenden Engel zu fassen. Wenn es heißt, „Gott schuf, Gott fuhr herab, Gott erschien", so sei das Alles nicht unmittelbar von ihm selbst, sondern von seinem stellvertretenden Engel zu verstehen. Nach acht Jahrhunderten feierte Philo's Logos in Nahawendi's Engel seine Auferstehung. Uebrigens war Benjamin kein tiefdenkender Kopf. Von der Oeele hatte er noch einen so niedrigen Begriff, daß er ihren Sitz in einem begrenzten Körpertheile annahm, und nach biblischer Anschauung glaubte er, die Höllenstrafe werde nicht an der unsterblichen Seele, sondern an dem sterblichen Leibe vollzogen werden^). Einige Jünger eigneten sich Benjamin's Jdeenkreis an und wurden (man weiß nicht aus welchem Grunde) als eine besondere Sekte Ma- karijiten oder Magharijiten^) genannt. Während Benjamin Nahawendi religionsphilosophisch weit von dem Lehrbegriffe des Judenthums, wie er allgemein anerkannt wurde, abging, näherte er sich nach der Seite der Pflichtenlehre sogar den Rab- baniten. In einem Werke über die Gesetze (8sker «liniw auch üllasrim Lenjawin) und in andern Schriften, die er verfaßte, verwarf er manche Erklärung Anan's und anderer Karäer, nahm dagegen manche talmudische Bestimmungen auf und stellte es den Karäern anheim, dieselben als Norm anzunehmen oder zu verwerfen. Benjamin Nahawendi führte sogar einen Bann ein, der nur wenig von dem Banne der Rabbaniten verschieden war, um den Gesetzen Nachdruck zu geben. Wenn eine verklagte Partei sich auf die ergangene Einladung nicht stellt und sich dem Gerichte entziehen will, so dürfe man sie sieben Tage hintereinander verfluchen und dann den Bann über sie verhängen. Er soll darin bestehen, daß kein Gemeindeglied mit dem Gebannten verkehren, Laaclia Uninnot VI. 4 . -) Note 18 II. Die Mystik. 193 ihn nicht grüßen, nichts von ihm cinnehmen dürfe; man soll ihn überhaupt wie einen Verstorbenen behandeln, bis er sich fügt. Setzt er sich hartnäckig über den Bann hinweg, so dürfe man ihn dem weltlichen Gerichte überliefern. Auch an dem talmudischen Grundsatz hielt Benjamin fest, daß jeder Sohn des Judenthums verpflichtet sei, seine Streitsache von einer jüdischen Gerichtsbehörde entscheiden zu lassen, und es sei verpönt, sich an das weltliche Gericht zu wenden. — Obwohl Benjamin Nahawendi im Einzelnen sich dem Rabbaniteuthum zuneigte, so hielt er nichtsdestoweniger an dem karäischen Princip der freien Bibelforschung fest. Man dürfe sich nicht an Autoritäten binden, sondern müsse seiner eigenen Ueberzeugung folgen; der Sohn dürfe vom Vater, der Jünger vom Meister abweichen, sobald sie Gründe für ihre abweichende Ansicht haben. „Das Forschen ist Pflicht, und Jrr- thum im Forschen ist keine Sünde." Wie die altgläubigen mohammedanischen Religionslehrer der ausschweifenden Vernünftelei der Mutaziliten entgegenarbeiteten und in das entgegengesetzte Extrem verfielen, sich die Gottheit körperlich vorzustellen, ihr Glieder mit einer ungeheuerlichen Ausdehnung und körperartigen Bewegung beizulegen, so verfuhren auch jüdische Anhänger der alten Lehre, welche die vernünftelnde Neuerung für einen Abfall vom Jndenthume hielten, und geriethen auf die blödsinnigste Vorstellung von der Körperlichkeit Gottes. Auch sie wollten die biblischen Bezeichnungen „die Hand, der Fuß, das Sitzen und Gehen Gottes" buchstäblich genommen wissen. Die agadische Auslegung der Schrift^ die sich zuweilen in sinnlichen, handgreiflichen, für das Verständnis der Menge berechneten Wendungen gehen läßt, leistete ihrer gegenjüdischen Theorie Vorschub. Diese Theorie, die von einem Schwachkopf ausging, aber durch die geheimnißreiche Art ihrer Bekundung Anhänger fand, entwirft eine förmliche Schilderung von Gottes Wesen Glied für Glied, mißt seine Höhe von Kopf bis zu Fuß nach Parasangeuzahlen, spricht in heidnischer Weise von Gottes rechtem und linkem Auge, Unter- und Oberlippe, von Gottes Bart und ähnlicher Zergliederung, das auch nur zu wiederholen gotteslästerlich ist. Um aber der Erhabenheit und Gottes Größe nichts zu vergeben, dehnt sie jedes Glied ins Ungeheuerliche aus und meint damit Genüge gethan zu haben, wenn sie erklärt, das Meilenmaß, nach dem die Theile gemessen werden, überrage bei weitem die ganze Welt (8vliiur- Lowa). Diesem so lästerlich zergliederten und gemessenen Gotte giebt diese Theorie einen eigenen Haushalt im Himmel mit sieben Hallen (Uevbalot). In der höchsten Halle sitze Gott auf einem erhabenen Throne, dessen Umfang ebenfalls ungeheuerlich ausgemessen wird. Der Gr netz, Geschichte der Juden. V. 13 194 Geschichte der Juden. Thron werfe sich täglich dreimal vor Gott nieder, bete ihn an und spreche: „Laß Dich auf mich nieder, denn Deine Last ist mir süß!!!" Die Hallen bevölkert diese verkörpernde Theorie mit Myriaden von Engeln, von denen einige mit Namen genannt werden, in willkürlicher Zusammensetzung hebräischer Wörter mit fremdsprachlichen, barbarischen Klängen. Als höchsten Engel stellt sie aber einen mit Namen Metator on auf und fabelt von ihm, nach dem Vorgänge christlicher und mohammedanischer Schriftsteller (Buch Enoch und Buch der Jubiläen), >es sei Enoch oder Henoch, ursprünglich Mensch, von Gott in den Himmel versetzt und in flammendes Feuer verwandelt worden. Mit sichtlichem Wohlgefallen verweilt diese Theorie bei der Schilderung dieser Ausgeburt einer krankhaften Phantasie. Sie entblödet sich nicht, ihn neben die Gottheit zu setzen und ihn den kleinen Gott zu nennen. Andererseits macht sie auch Metatoron zum Kinderlehrer, der die sündeulos verstorbenen oder kaum zur Geburt gelangten Kleinen täglich mehrere Stunden unterrichte. Er allein sei im Besitze aller Geheimnisse der Weisheit. Diese aus mißverstandenen Agadas, jüdischen, christlichen und mohammedanischen Phantastereien zusammengesetzte Theorie hüllte sich in geheimnisvolles Dunkel und behauptete eine Offenbarung zu sein*). Um der Frage zu begegnen, woher sie denn diese, dem Judenthum, i>. h. der heiligen Schrift und dem Talmud hohnsprechende Weisheit habe, beruft sie sich auf eine himmlische Mittheiluug. R' Jsmael, der Hohepriestersohn, sei vermöge Beschwörungsformeln in den Himmel gekommen, sei gewürdigt worden, den göttlichen Haushalt zu schauen, habe mit den „Engeln des Angesichtes" Unterredungen gepflogen, und der höchste Engel Metatoron habe, auf Gottes Geheiß, ihm die Gestalt Gottes mit den Maßbestimmungen und noch vieles Andere offenbart. Freilich seien die Engel neidisch darauf gewesen, daß ein Staub- geborener solcher tiefen göttlichen Geheimnisse gewürdigt werden sollte' aber Gott habe die Engel augefahren und ihnen bedeutet, daß er R' Jsmael und mit ihm seinem Volke diese Geheimnisse offenbaren wolle als Lohn für treues Ausharren in Leidenszeiten. Bald heißt es wieder, Mose habe schon bei seiner Himmelfahrt, um die Thora zu empfangen, dieselbe Lehre vernommen — ebenfalls zum Neide der Engel — er habe sie jedoch nur Einzelnen, nicht dem Volke mitgetheilt, und so sei sie in Vergessenheit gerathen. Als R' Jsmael diese Geheimlehre seinem Freunde R' Akiba mitgetheilt, habe dieser große st Vergl. über diese Geheimlehre Frankel Monatsschrift Jahrgang 1859. S. 67 ff., 103 ff., 141 ff. Die Mystik. 195 Freude darüber empfunden und geäußert, wer sich täglich damit beschäftigt, sei der jenseitigen Seligkeit gewiß. Wie es keinen, noch so handgreiflichen Unsinn giebt, der nicht, mit Ernst und Nachdruck geltend gemacht, Liebhaber fände, so fand auch diese Geheimlehre, deren Mittelpunkt die grobsinnliche Auffassung Gottes bildet, einen Anhang. Die Adepten nannten sich „Männer des Glaubens" (Uu'ale Dmunot auch Oalutija?). Sie rühmten sich, Mittel zu besitzen, um einen Einblick in den göttlichen Haushalt haben zu können. Vermöge gewisser Beschwörungsformeln, Anrufungen von Gottes- und Engelnamen, Recitirens gewisser litaneiartigen Gesänge, verbunden mit Fasten und asketischer Lebensweise, seien sie im Stande, Uebermenschliches zu leisten. Die Besitzer der Geheimlehre wollten von den Heimlichkeiten Anderer genaue Kunde haben, die Schleichwege von Verbrechern, Mördern, Dieben, Ehebrechern, Verleumdern, Alles, was sich ins Dunkel hüllt, kennen, als wenn sie Zeuge dessen gewesen wären. Sie rühmten sich, gleich den Essäern und andern Dunkelmännern ans der Jugendzeit des Christenthums, Krankheiten durch Beschwörungen heilen, wilde Thiere bannen, das aufgeregte Meer beschwichtigen zu können. Sie bedienten sich dazu der Amulete und Kameen (Uawsot) und schrieben darauf Gottes- oder Engelnamen mit gewissen Figuren; Wunderthätigkeit war diesen Mystikern eine Kleinigkeit. Sie behaupteten, jeder Fromme vermöchte Wunder zu thun, wenn er nur die rechten Mittel anwendete. Zu diesem Zwecke verfaßten sie eine Menge Schriften über theoretische und praktische Geheimlehre, welche meistens platten Unsinn enthalten, zuweilen aber einen poetischen Schwung annehmen. Indessen gab diese mystische Literatur nur Andeutungen. Den eigentlichen Schlüssel zum Einblick in die göttlichen Geheimnisse und zur Wunderthätigkeit überlieferten die Adepten nur gewissen Personen, an deren Stirn- und Handlinien sie erkennen wollten, daß sie würdig dazu seien. Der mystische Spuk trieb sein Wesen vorzüglich in Palästina, wo das eigentliche Talmndstudium darnieder lag. Nach und nach drang er auch in Babylonien ein. Das zeigte sich bei der Wahl eines Oberhauptes für die pumbaditanische Hochschule (814 Z. Als Abumat 9 Schulhäupter waren »ach Huna — Mar-Haler» und Bebat Halevi In Pumbadita: In Sura: Manasse b. Joseph ,788- 796), Hilai b. Mari (788-797), Jeschaja b. Abba (796 — 798,, Jakob b, Mardochai (797 — 811), Joseph b. Schila (798—804), Abumat b> Mardechai (811—819). Mar-Kahana b. Chaninat (804—810), Abumat b. Abraham (810—814). 13 * b. Abraham gestorben war, hatte die nächste Anwartschaft auf die Nachfolge ein Mar-Ahron (b. Samuel?) sowohl wegen seiner Gelehrsamkeit als auch deswegen,, weil er bis dahin als Oberrichter fungirt hatte. Nichtsdestoweniger wurde ihm ein Anderer vorgezogen, der ihm an Gelehrsamkeit nachstand und schon in der Jugend Mühe hatte, sich im Talmudstudium zurecht zu finden, der Greis Joseph b. Abba, und zwar aus dem Grunde, weil er der Mystik ergeben war und man von ihm glaubte, der Prophet Elia würdige ihn seines vertrauten Umganges. Eines Tages präsidirte dieser Joseph b. Abba einer öffentlichen Versammlung und rief in Verzückung aus: „Machet dem Alten Platz, der jetzt eintritt!" Die Augen aller Anwesenden waren auf den Eingang gerichtet und ehrfurchtsvoll wichen die zur Rechten des Schulhauptes Sitzenden aus. Sie sahen aber Niemanden eintreten und waren dadurch um so fester überzeugt, daß der Prophet Elia unsichtbar eingetreten sei, sich zur Rechten seines Freundes R' Joseph niedergelassen und dem Lehrvortrage beigewohnt habe. Niemand wagte seit der Zeit den Platz im Lehrhause neben dem Schulhaupte von Pumbadita einzunehmen, der durch Elia geehrt und geheiligt worden, und es wurde Brauch ihn leer zu lassen ^). Mar- Ahron aber wauderte, wahrscheinlich wegen der erfahrenen Zurücksetzung, nach Europa aus, vielleicht mit der Gesandtschaft, welche der Chalife Almamun an den Kaiser Ludwig den Frommen schickte^), und ließ sich bei R' Kalonymos niederst, der damals wohl schon in Mainz wohnte. Als R' Joseph nach zweijähriger Funktion (814—16) starb, und damals gerade ein Erdbeben verspürt wurde, glaubten die Frommen nicht anders, als daß die Erde selbst sich ob dessen Tod entsetzte. Sein Nachfolger Mar-Abraham b. Scherira (816 — 828) war ebenfalls ein Mystiker. Man erzählte sich von ihm, daß er aus dem Flüstern von Dattelpalmen an- windstillen Tagen die Zukunft zu deuten vermocht habest. Während dieser Zeit fungirten mehrere Schulhäupter in Sura: Zadok (auch Isaak) b. Aschi (820—-21), Hila't b. Chanina't (821 — 24) und Kimoj b. Aschi (824 — 27), von denen jedoch nichts weiter als ihre Namen und die Dauer ihrer Funktion bekannt sind. Nur von R' Zadok Gaon rühren mehrere st Scherira Sendschreiben vergl. Note 12, S. 2) Vergl. Weil, Chalifen II. st Vergl. Note 12, 5. st Nssponss dsonirn Lolissrs ilssolinbs s>1. Liselil Ho. 74; ^.rnoli, Artikel n-o; Ln cksoob zu 8nlrlrs.li I. Der Beiname Lsbssi (aus Lsbss in Afrika) muß an diesen Stellen gestrichen werden; er stammt aus emer Verwechselung. Rivalität um das Exilarchat. 197 rechtsgutachtliche Bescheide her, die er auf ergangene Anfragen erlassen hatte. Aber eben so wie die Geheimlehre fand auch die freiere Richtung, ja selbst das Karäerthum, Eingang in die Hallen der Lehrhäuser. Durch diese gegensätzliche Geistesrichtung entstanden natürlich Reibung und Spannung, und diese traten bei der Erledigung des Exilarchats an den Tag. Im Jahre 825 sollte ein neuer Exilsfürst erwählt werden. Zwei Prätendenten traten auf, um einander diese Würde streitig zu machen: David b. Jehnda und Daniel. Der Letztere neigte sich dem Karäerthum zu. Dennoch und vielleicht gerade deswegen fand er Anhänger in Südbabylonien, die ihm ihre Stimmen gaben. Die Nordbabylonier dagegen, welche zu Pumbadita (Anbar) gehörten, waren entschieden für David, der sicherlich zu den Frommgläubigen gehörte. Der Streit wurde mit Erbitterung geführt. Der Mystiker Abraham b. Scherira wurde in Folge dessen abgesetzt und an seine Stelle R' Joseph b. Chija ernannt, man weiß nicht, von welcher Partei. Aber Abraham hatte in Pumbadita Anhänger, die fest an ihn hielten und dem Gegengaon die Anerkennung versagten. Der Streit konnte in der eigenen Mitte nicht ausgetragen werden, und beide Parteien wandten sich an den Chalifen Almamnn, den Exilarchen ihrer Wahl zu bestätigen. Almamun war aber damals auch von einer Streitigkeit in der morgenländischen Kirche wegen zwei Prätendenten um das chaldäisch - christliche Patriarchat behelligt und wollte sich solche Prozesse vom Halse schaffen. Er lehnte daher die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Juden und Christen entschieden ab und erließ ein Dekret, daß es fortan jeder Partei gestattet sei, für sich ein religiöses Oberhaupt zu ernennen. Wenn zehn Juden sich einen Exilarchen, zehn Christen einen Katholikos, oder zehn Feueranbeter sich einen Obermagier wählen wollen, so bleibe ihnen das unbenommen ^). Dieses eben so weise, wie den Bestand des Exilarchats gefährdende Dekret war wohl beiden Parteien nicht recht; es ließ den Streit unentschieden. Wir sind im Dunkeln darüber, wie er geschlichtet wurde; nur so viel ist bekannt, daß sich David b. Jehnda behauptet und noch über ein Jahrzehnt fnngirt hat (bis um 840). Auch an der suranischen Hochschule waren in Folge dessen Streitigkeiten ausgebrochen (827), deren Natur und Tragweite jedoch nicht bekannt geworden sind. In der pumbaditanischen Hochschule dauerte aber die Spannung zwischen den beiden Schulhäuptern länger fort. Zuletzt einigten sich beide Parteien dahin, daß beide Gaonen *) Bergt. Note 12, 6. 198 Geschichte der Juden. in Funktion bleiben und Titel, wie Einnahmen theilen sollten. Nur sollte Abraham den Vorzug genießen, bei allgemeinen Versammlungen den Vortrag halten zu dürfen. Eines Tages trafen beide Schulhäupter von Pumbadita in Bagdad zu einer Huldigungsversammlung ein, wobei ein Vortrag gehalten zn werden pflegte. Die Hauptstadt des Chalifats hatte damals eine zahlreiche jüdische Gemeinde*) und mehrere Synagogen, von denen die größte Bar-Naschala hieß. Bagdad, das näher zu Pumbadita als zu Sura lag, gehörte zum Sprengel der Pumbaditanischen Hochschule, und deren Präsident genoß daselbst den Vortritt vor dem sura- nischen. Als der Vortrag beginnen sollte, und die Stimme des Ausrufers laut verkündete: „Höret, was die Schulhäupter euch vortragen werden!" brachen die Anwesenden aus der Nähe und Ferne in Klagen aus über die eingetreteue Zerrissenheit und Spaltung, die durch die Funktion von zwei Schnlhäuptern für ein und dasselbe Lehrhaus sich grell verkörpert zeigte. Das Weinen der Menge wirkte so erschütternd auf R' Joseph b. Chija, daß er aufstaud und öffentlich erklärte, er lege die Würde nieder und überlasse sie ausschließlich seinem Gegner. Für diesen hochherzigen Entschluß ertheilte ihm Mar-Abraham einen beleidigenden Segen: „Der Himmel möge Dir Antheil am jenseitigen Leben verleihen!" ^j. Erst nach dessen Tod (828) wurde der edle R' Joseph wieder zum Gaon von Pumbadita ernannt (828—33). Nach seinem Tode kam wieder eine Unregelmäßigkeit in der Besetzung der erledigten Stelle vor. Der Exilarch David b. Jehuda überging einen Würdigern, R' Joseph b. Rabbi (R' Abba), der als Oberrichter die Anwartschaft hatte, um einen minder fähigen Greis, R' Isaak b. Chija zu ernennen. Beinahe wäre es wieder zu Reibungen gekommen, wenn nicht der ernannte Gaon Zuvorkommenheit gegen den gekränkten Joseph gezeigt hätte: „Gräme Dich nicht," sprach er zu ihm,-„wir stehen zu einander im Verhältniß wie Rabba zu R'Joseph (iu der Amora-Zeit), und ich bin gewiß, daß Du mein Nachfolger wirst." In der That wurde R' Joseph b. Rabbi nach dessen Tod Schulhaupt von Pumbadita (833—42), ohne Anfechtungen zu erleiden. In der suranischen Hochschule wurden die Reibungen Anfangs beigelegt und R'Mose b. Jakob zum Gaon ernannt (827—37), welcher ebenfalls der Geheimlehre zngethan gewesen sein und wunderthätige Kuren vollbracht haben sollest Aber nach dessen Tod entstanden h Jbn-Giat Uslsoliot. 2 Scherira daselbst. b) Häi Gaon in dessen Ls8xou8nru, mitgethsilt von Eleasar Tunensis in der Sammlung Tas.ru Llslrsnlru S. 56. Das Karäerthum. 199 wieder Mißhelligkeiten, welche eine solche Zerrüttung hervorbrachten, daß das suranische Gaonat zwei Jahr ohne Oberhaupt war <837—39 Z. Der eigentliche Hintergrund aller dieser Zerwürfnisse ist für uns noch in Dunkel gehüllt, aber sicherlich hatte das Karäerthum Antheil daran. So sehr auch die Rabbaniten das karäische Bekenntniß haßten, verketzerten und sich gegen dasselbe abschlossen, so nahmen sie doch Manches von ihm auf oder thaten es ihm nach ^). Wenn Anan's Sekte den Samen der Zwietracht bis in die altehrwürdigen Hallen der Lehrhänser getragen hat, so war sie selbst noch weniger frei davon. Der Grundsatz, den das Karäerthum au die Spitze seiner Lehre stellte, die unbeschränkte Freiheit der Schrift- forschuug und das Regeln der religiösen Praxis nach den gefundenen Resultaten der Forschung, brachte die Erscheinung hervor, daß fast jeder selbständige Karäer ein eigenes Jndenthum ausstellte, je »ach den Ergebnissen seiner Schrifterklärung. Die religiöse Praxis war bedingt von guten oder schlechten Einfällen der Schrifterklärer. Außerdem mar die Schriftauslegung noch in ihrer Kindheit; die Keuntniß der hebräischen Spracherscheinung'en, die Grundlage einer gesunden, sinngemäßen Exegese, wqr dürftig; der Willkür war Thür und Thor geöffnet. Jeder glaubte im Besitze der Wahrheit zu sein und den Andern, der seine Ansichten nicht theilte, bemitleiden, wo nicht gar verdammen zu dürfen. Ein klägliches Bild von dem Zustande des Karäerthums kaum ein Jahrhundert nach Anan, liefern eine der karäischen Autoritäten, Nissi b. Noach, und die neuen Sekten, die sich aus dem Schoße des Karäerthums herausgebildet haben. — Nissi b. Noach, der auch R' Acha hieß (blühte um 850 ^), erzählt in seiner Selbstbiographie, wie er ein herbes Geschick erfahren, seine Eltern früh verloren und auch um die Hinterlassenschaft derselben gekommen ist. Eine alte Großmutter nahm sich seiner an und speiste ihn mit Thränen in den Augen. Herangewachsen, habe er viele Länder gesehen, Sprachen erlernt, zu den Füßen vieler Lehrer gesessen, bis er endlich nach Jerusalem kam, dem Hauptsitze des Karäerthums. In der heiligen Stadt fand er unter den Karäern „Spaltungen ohne Heilung", die Erklärungen zur Thora meistens fremdsprachlich aramäisch oder arabisch geschrieben und von einander abweichend. Ihm selbst war durch viele Mühe ein neues Licht anfgegangeu, und er fand, daß er bisher nicht nach „Vorschrift der Thora" gelebt habe. Seine Scherira das. 2) Vergl. Note 23, II. sVergl. Ersch, Encyclopädie B. 33, S. II ff. (H.)j Vergl. über denselben Note 17, V. 200 Geschichte der Juden. neue Theorie erweckte ihm aber viele Gegner und Feinde. Seine Freunde und Verwandten selbst verfolgten ihn, „sogar sein eigener Jünger trat gegen ihn, als einen Jrrlehrer, auf, und vergalt ihm Böses für Gutes." Um seinen Standpunkt zu rechtfertigen, verfaßte Nissi b. Noach eine Schrift, welche sich an die zehn Gebote anlehnte, um daraus sämmtliche Religionspflichten zu entwickeln. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Zeitgenossen bediente sich Nissi der hebräischen Sprache; denn es sei eine Schmach, für die Auseinandersetzung der Lehren des Judenthums das Arabische oder Aramäische zu gebrauchen. Diese Schrift snnter dem Doppeltitel Uitsn da - lUaskiUm und Uolos) hat aber einen eben so platten, geistlosen, verschwommenen, weitschweifigen Charakter, wie fast sämmtliche Geisteserzeugnisse der Karäer. In den engen Gesichtskreis des Buchstabens gebannt, vermochte er sich eben so wenig wie der Stifter und seine Nachfolger zur lichten Höhe eines großen Gedankens zu erheben. In abgeschmackter Weise giebt Nissi den Lesern seiner Schrift den Rath, sich zuerst in.die heilige Schrift zu vertiefen, dann sich den grammatischen und massoretischen Apparat mit dem „Vokalsystem der Babylonier" anzueignen, ferner Mischnah und Talmud mit der dazugehörigen Literatur zu studiren, dann philosophische Schriften zu lesen und endlich sein Buch zur Hand zu nehmen. Nissi stellte auch die Principien des Judenthums auf, von der Gotteseinheit und Unkörperlichkeit ausgehend und bis zur Offenbarung am Sinai fortschreitend, aber es ist eine pedantische Philosophie und klingt wie ein schlechter Midrasch fl. Ein neues Element scheint Nissi b. Noach in das Karäerthum eingeführt zu haben, wodurch dasselbe noch mehr den Charakter einer Reform einbüßte. Er behauptete nämlich gegen das talmudische Judenthum und sogar gegen Anan, die levitischen Reinheitsgesetze seien nicht mit dem Untergange des Tempels außer Kraft gesetzt, sondern behielten noch ihre fortdauernde Verbindlichkeit. Jeder Jsraelite müsse sich namentlich für die Sabbate, Festeszeiten und sogar für die Neumondtage von verunreinigenden Personen und Gegenständen fern halten, und wenn eine Verunreinigung eingetreten ist, die vorgeschriebenen Waschungen und Bäder anwenden. Nissi b. Noach ging noch weiter. Er meinte, daß die Bethäuser und Synagogen, welche, wo immer auch in den Ländern der Zerstreuung erbaut worden, dieselbe Heiligkeit hätten, wie der Tempel zu Jerusalem. Folglich dürften levitisch verunreinigte Personen sie nicht betreten und müßten fl Jetzt gedruckt in Pinsker's lübbnts Laäraoniot. Nissi b. Noach. 201 sich sogar vom Gebete fern halten. Nissi's Lehre fand unter den Karäern Beifall; sie entfernten sich dadurch noch mehr von den Rabbaniten und näherten sich den Samaritanern, welche ebenfalls die levitischen Reinheitsgesetze beobachteten. Die Karäer mieden dadurch den Umgang mit den Rabbaniten vollständig, weil sie dieselben, welche jene Vorschriften gar nicht mehr beobachteten, für verunreinigend hielten. Da die Zufälle der Verunreinigung oft und unwillkürlich eiutreten, so sind die Karäer noch heutigen Tages nicht selten verhindert, ihre Bethäuser zu besuchen und halten sich daher in der Vorhalle der Synagoge auf. Daher die den Reisenden aufgefallene Erscheinung, daß die Synagogen der Karäer öfter leer, die Vorhallen dagegen von Betenden gefüllt sind. Noch erschwerender wirkte diese Erneuerung der levitischen Bestimmungen auf das Haus. Die Frauen, welche in gewissen Zuständen für verunreinigend gehalten werden, müssen vom Umgang reiner Personen fern gehalten und in einen abgeschiedenen Winkel des Hauses verwiesen werden. Alles, was sie während dieser Zustände berührt haben, muß, je nach der Natur des Gegenstandes, gewaschen oder vernichtet werden. Die Beobachtung der Reinheitsgesetze hatte noch andere Erschwerungen im Gefolge, und das Karäerthum gerieth dadurch immer tiefer in ängstliche Skrupulosität und Verdumpfung des Geistes. Andere Karäer hatten wieder andere wunderliche Einfälle in Betreff einzelner Bestimmungen des Judenthums. Müsa (oder Mesvi) und Jsmael*) aus der Stadt Akbara (7 Meilen östlich von Bagdad) haben eigene Ansichten vom Judenthum auch in Betreff der Sabbatfeier aufgestellt (um 833—42), die aber nicht näher bekannt sind. Auch sie näherten sich den Samaritanern. Die beiden Akbaritcn behaupteten ferner, das pentateuchische Verbot der Fett- theile gelte nur für Opferthiere, anderweitig aber seien sie zum Genüsse gestattet. Mnsa und Jsmael fanden Anhänger, welche nach deren Theorie lebten, und diese bildeten eine eigene Sekte innerhalb der Karäer unter dem Namen Akbariten. Gleichzeitig mit ihnen trat ein anderer Jrrlehrer auf, Abu-Amrau Mose, der Perser, aus dem Städtchen Safran (bei Kerman-Schah in Persien), der nach der Stadt Tiflis in Armenien auswandcrte. Abu-Amran Altiflist stellte wieder andere Ansichten auf, die er auch in der Schrift begründet glaubte. In Bezug auf die Fetttheile schloß er sich den Akbariten au; Bruder- und Schwesterkinder wollte er gleich den übrigen Karäern als Blutsverwandte betrachtet und die Festtage weder mit den Rabba- 0 Vergl. dazu Note 18, I. 202 Geschichte der Juden. niten, noch mit den Karäern angesetzt wissen. Es soll weder eine feste Kalenderberechnung stattfinden, noch soll der sichtbar gewordene Neumond als Anfangspunkt für den Monat gelten, sondern der Augenblick, wo der Mond sich verdunkelt. Mose, der Perser, leugnete ferner die leibliche Auferstehung und führte noch andere Abnormitäten ein, die nicht weiter bekannt sind. Seine Anhänger bildeten eine eigene Sekte unter dem Namen Abu-Amraniten oder Tiflisiten*) und behaupteten sich einige Jahrhunderte. — Ein anderer Mose (oder Meswi) aus Baalbek (in Syrien) setzte diese fort; entfernte sich aber noch weiter vom Karäerthum. Der Baalbekite behauptete, das Passahfest müsse immer am Donnerstag und der Versöhnungstag am Sabbat gefeiert werden, weil dieser Tag in der Bibel als Doppelsabbat bezeichnet wird. Das Wochenfest soll allerdings nach dem Wortlaute stets am Sonntag gefeiert werden, doch sei es zweifelhaft, von welchem Sonntag nach dem Passah die fünfzig Tage gezählt werden sollen. In manchen Punkten wich Mose Baalbeki von Rabbaniten und Karäern zugleich ab; er stellte auf, beim Gebete solle man sich nicht nach der Richtung des Tempels wenden, sondern stets nach Westen. Auch er bildete eine eigene Gemeinde, die sich Baal- bekiten") oder Mesviten nannte und sich lange behauptete. Da das Karäerthum keinen religiösen Mittelpunkt und keine die Einheit repräsentirende geistliche Behörde hatte, so lag es in der Natur der Sache, daß eine karäische Gemeinde nicht mit der anderen übereinstimmte. So feierte die Gemeinde in der Landschaft von Chorasan die Feste anders als die übrigen Karäer. Diese waren zwar beflissen, das Mondjahr mit dem Sonnenjahr auszugleichen, und ein Schaltjahr einzusühren, so oft die Gersteureife sich verspätete, nach dem Wortlaute der Bibel. Aber die Reife dieser Getreideart ist zu sehr von klimatischen Einflüssen bedingt, als daß sie eine feste Norm abgeben könnte. Da nahmen denn die Hauptkarüer, deren Sitz in Palästina war, das heilige Land zum Maßstabe. So oft im Monate Nissan die Gerstenreife sich verspätete, schalteten sie einen Monat ein und feierten das Passah- und das Wochenfest einen Monat später. Die Karäer in Egypten dagegen meinten, da der heilige Gesetzgeber die Bestimmung über das Passahfest in Egypten ge- offenbart hat, so müsse dieses Land zum Maßstabe genommen werden. Es war dieselbe Schwankung wie unter den Christen in Betreff der Osterfeier in den ersten Jahrhunderten bis zur Kirchenversammlnng zu Nicea. -) Note 18 , IV. 2) Das. V. Das Karäerthnm. 20F Einige karäiscbe Lehrer gaben sich Mühe, der Zerfahrenheit Herr zn werden und Ordnung in das wirre Chaos zu bringen. Die unbeschränkte Freiheit der Schriftforschung, die Anan zur Bedingung gemacht, hatte jedem Einzelnen die Beurtheilung dessen, was verbindlich oder nicht verbindlich ist, in die Hand gelegt, den beschränkten Geist des Individuums zum Richter über die Religion eingesetzt und dadurch den Wirrwarr und die Sektirerei erzeugt. Diese Freiheit wollten einsichtsvolle Karäer, welche die Schäden tief empfanden, unter Regel und Gesetz bringen und sie theilweise beschränken, um einen sichern Boden zu gewinnen. Diese Regel entnahmen sie aber ans der mohammedanischen Theologie und wendeten sie auf das Judeuthum an. Wie die schiitischen (traditionsleugnenden) Lehrer des Islam, nahmen sie drei Quellen für das religiös Verbindliche an: den Wortlaut der Schrift (Uletab), die Analogie oder Folgerung (Ukksbod) und die Uebereinstimmung (Lidbur). Den Begriff der Schrift faßten sie aber nicht wie die Rabbauiten, als gleichbedeutend mit der Thora oder dem Pentateuch, sondern dehnten ihn auch auf die Bücher der Propheten und der Hagiographeu ans. Was in diesen Büchern der heiligen Gesammtliteratnr als religiös verordnet oder vorausgesetzt wird, oder was auch nur beiläufig und nebenher in der Bibel vorkommt, das sei Norm für die religiöse Praxis. Die Fälle, welche nicht deutlich in der Schrift angegeben sind, können durch Analogie aus ähnlichen Fällen gefolgert werden. Aber auch Manches, was weder ausdrücklich, noch angedeutet in der Schrift geboten ist, aber von jeher Brauch innerhalb des jüdischen Stammes war, gehöre auch in den Kreis des Religiösen. So ist zwar nirgends in der ganzen heiligen Schrift angegeben, daß der Monat mit dem Erscheinen des Neumondes anzufangen sei, auch nicht, daß das Schlachten des Viehes nach gewissen Vorschriften geschehen soll; aber dm diese und andere Punkte von jeher im jüdischen Stamme üblich waren, und zwischen Rabbaniten und den meisten Karäern darin Uebereinstimmung herrscht, so seien sie hiermit dem Zweifel enthoben und religiös verbindlich. Diese Regel war im Grunde ein Zu- geständniß an den Rabbanismus und an den Talmud. Denn woher konnten denn die Karäer, welche erst von gestern waren, überhaupt wissen, daß dieses und jenes seit undenklichen Zeiten Brauch war in Israel? Doch nur durch den Talmud, das lebendige Gedächtniß der (Überlieferung. Die Karäer haben demnach die Tradition im Princip anerkannt, nannten auch die Regel der Uebereinstimmung nach und. i) Bergt. Note 18 , VI. 204 Geschichte der Juden. nach Ueberlieferung (Uaatakub) oder Erblehre (Lebst ba-ckerusobsb). In der Praxis verfuhren sie aber willkürlich, indem sie das Eine als Tradition beibehielten, das Andere aber verwarfen. Sie kamen daher nicht aus der Willkür heraus. Wer die Männer waren, welche die drei Regeln, um den Umfang des Religiösen abzugrenzen und zu begründen, aufgestellt haben, ist nicht bekannt geworden. Die Regel der Analogie führte das Karäerthum zu neuen Erschwerungen und Verlegenheiten, namentlich in Betreff der Ehebeschränknng wegen Blutsverwandtschaft. Das Eheverbot mit der Tochter ist nämlich im Pentateuch nicht ausgesprochen, Wohl aber mit der Enkelin, es muß demnach aus einer Folgerung geschlossen werden. Auf diese biblisch begründete Schlußfolgerung bauten einige Karäer und gingen weiter, die Verwandtschaftsgrade ins Maßlose auszndehnen. Sie behaupteten, Mann und Frau werden in der Schrift als vollständige Blutsverwandte bezeichnet. Folglich sind die auch nicht in gemeinsamer Ehe erzeugten Kinder ebenfalls als Blutsverwandte zu betrachten, und völlige Stiefgeschwister dürfen mit einander keine Ehe eingehen. Die Karäer gingen aber noch weiter. Das Verhältniß der Blutsverwandtschaft zwischen Mann und Frau bleibe fortbestehen, auch wenn die Ehe aufgelöst wird. Durch das Eingehen einer neuen Ehe des Mannes mit einer anderen Frau und der Frau mit einem anderen Gatten wird die Blutsverwandtschaft auf die einander ganz unbekannten Gatten übertragen, so daß die sämmtlichen gegenseitigen Familienglieder der Eheleute erster und zweiter Ehe mit einander blutsverwandt und deren Verehelichung unter einander als Blutschande zu betrachten seien. Diese aus der Eheverbindung entsprungene Verwandtschaft müsse auch auf die dritte und vierte Ehe übertragen werden, so daß der Kreis der Blutsverwandtschaft bedeutend erweitert wird. Dieses künstliche Verwandtschaftssystem nannten die Urheber Uebertragung (Uitrtrub, ll?arkib). Warum sie inconsequent bei der vierten Ehe stehen geblieben sind, bleibt ein Räthsel, und es hat den Anschein, als wenn sie die äußerste Couseguenz zurückgeschreckt hätte. In einen solchen Wirrsal verwickelte sich das Karäerthum durch das Bestreben, mit der Vergangenheit zu brechen. Acktes Kapitel. Günstige Lage der Juden im fränkischen Kaiserreiche. Kaiser Ludwig's Gunstbezeugung gegen die Juden; die Kaiserin Judith und die Gönner derselben; ihr Erzfeind Agobard; sein Sendschreiben gegen die Juden: der Proselyte Bodo-Eleasar; Ludwig behandelt die Juden als besondere Schutzgenossen des Kaisers. 814 — 840. Von der Zerklüftung des Judenthums im Morgenlande, von den Reibungen zwischen dem Exilarchat und dem Gaonat und den Schulhäuptern unter einander hatten die europäischen Juden keine Ahnung. Ihnen erschien Babylonien, der Sitz der gaonäischen Hochschulen, in einem idealen Glanze, als ein Heiligthnm, als eine Art Vorhimmel, als Stätte ewigen Friedens und göttlicher Erkennt- niß. Ein gutachtlicher Bescheid von Sura oder Pumbadita, so oft er bei den europäischen Gemeinden eintraf, galt als ein wichtiges Ereigniß und wurde, eben weil er ohne Anspruch, Ehrgeiz und Hintergedanken ertheilt wurde, mit viel größerer Verehrung gelesen und befolgt als eine päpstliche Bulle in katholischen Kreisen. Die abendländischen Völker, an Kultur und Schriftthum noch in der Kindheit begriffen, standen auch in religiöser Beziehung unter Vormundschaft, die Christen unter dem päpstlichen Stuhle, die Juden unter den gaonäischen Hochschulen. Einige hervorragende Juden beschäftigten sich zwar mit Agada und Geheimlehre in Frankreich und wohl auch in Italien, aber sie betrachteten sich selbst nur als unmündige Jünger morgenländischer Autoritäten. Die günstige Lage der Juden im Reiche, welche von Karl dem Großen begründet und von seinem Sohne Ludwig (814—40) erhöht wurde, spornte sie zu einer Art Geistes- thätigkeit an, und sie legten so viel Eifer für das Judenthum an den Tag, daß sie auch Christen dafür zu begeistern vermochten. Karls des Großen Nachfolger, der gutmüthige, aber willenlose Kaiser Ludwig überhäufte fast trotz seiner Kirchlichkeit, die ihm den Namen „der Fromme" eintrng, die Juden mit außerordentlichen Gunstbezeugungen. Er nahm sie unter seinen besonderen Schutz, und litt 206 Geschichte der Juden. nicht, daß ihnen von Seiten der Barone oder der Geistlichkeit Unbill zugefügt würdei). Sie genossen Freizügigkeit durch das ganze Reichs). Sie durften — trotz der vielfach erlassenen kanonischen Gesetze — nicht nur christliche Arbeiter bei ihren industriellen Unternehmungen gebrauchen, sondern auch ganz frei Sklavenhandel treiben, Leibeigene im Auslande kaufen und im Jnlande verkaufen. Es war den Geistlichen untersagt, die Sklaven der Inden zur Taufe und dadurch zur Emanzipation zuzulassen b). Den Juden zu Liebe wurden die Wochenmärkte vom Sabbat auf den Sonntag verlegt^). Von der Geißelstrafe waren sie befreit, es sei denn, daß ihre eigenen Gerichtsbehörden sie über die Schuldigen verhängten. Auch den barbarischen Ordalien- Proben durch Feuer und siedendes Wasser, die statt des Zeugenbeweises eingeführt waren, unterlagen die Juden nichts. Sie durften unbeschränkt Handel treiben, nur mußten sie an den Fiskus eine Steuer davon zahlen und jedes Jahr oder jedes zweite Jahr Rechenschaft über die Einnahmen ablegen"). Juden waren auch Steuerpächter und hatten dadurch gegen ausdrückliche Bestimmungen des kanonischen Rechtes eine gewisse Gewalt über die Christen I. Ein eigener Beamte war dazu ernannt, unter dem Titel Judenmeister lwuAmtsr ckuäasorum) über die Privilegien der Juden zu Wachen, damit sie von keiner Seite verletzt würden. Dieser Beamte hieß zu Ludwigs Zeit Eberard^), Man könnte versucht sein, zu glauben, diese auffallende Begünstigung der Juden von Seiten eines kirchlich-frommen Kaisers sei aus Handelsrücksichten geschehen. Der Welthandel, den Karl der Große augebahnt hatte, und den die Räthe Ludwigs zur Blüthe bringen wollten, war Z Hnia intsr nos vivant (änäasi) st rnaliAni sis ssss non äsbsinns, ,!nso vitas, nss sanitati, vsl äivitiis sorain sontrs-rii. Agobard äs inso- llsntia. Inäasornin in dessen opsra sä. Lala? sp. I. p. 63. 2) Longnst, rssnsil äss lnstorisns äss Oanlss II. p. 649, SO.- 3) Agobard a. a. O. p. 61; Dbabani Ns-nri (richtiger ^nrolonis) spistols." sivs libsr sontra äuänsos (in der Sammlung von Chifslet soriptorain vs- tsrnrn guingas oxasonla, Dijon 16S6) s. 41; Dongnst das. IV. sbartas Dnäovisi Dii Ho. 33 — 34. Agobard das. 6ü. Nisroats., gnas in sabbatis solsbant iisri, trans- inntari ^inssspsrnnt (inissi rsZis) — äissntss bos Ollristinnoruin ntilitati ^roxtsr äisi äorninisi vasationsin sonArnsrs — ns ss-bbntisinas .«ornrn (äuäasoruin) iinpsüirstnr. Dougnst das. °) Das. Dbabani (^.inolonis) spistols,: gnoä gniäain ipsorarn (cknäasorain) in nonnaliis sivitatibus tslonarii inlioits oonsistantnr. Agobard x. lUö. Dvsraräas gai änäasornin nnno. raaZistsr sst Die Juden in Frankreich. 207 größtentheils in den Händen der Inden, weil sie leichter mit ihren Glaubensgenossen anderer Länder in Verbindung treten konnten, und weil sie weder durch die Fessel des Ritterdienstes und Wehrstandes, noch durch die Gebundenheit der Leibeigenschaft daran verhindert waren und gewissermaßen den Bürgerstand bildeten. Allein die Glinst hatte einen tieferen Grund. Sie galt nicht bloß den jüdischen Äanf- lenten und Handelstreibenden, sondern den Inden als solchen, den 'Trägern einer geläuterten Gotteserkenntniß. Die Kaiserin Judith, Ludwigs zweite Gemahlin und allmächtige Beherrscherin seines Herzens, hatte eine besondere Borliebe für das Jndenthnm. Diese durch Schönheit und Geist begabte Kaiserin, welche ihre Freunde nicht genug bewundern, ihre Feinde nicht genug schmähen konnten, halte eine tiefe Verehrung für die Helden der israelitischen Vorzeit. Als der gelehrte Abt von Fulda Rhabanus Maurus ihre Gunst gewinnen wollte, kannte er kein wirksameres Mittel, als ihr seine Ausarbeitung der Bücher Esther und Judith zu widmen und sie mit diesen beiden jüdischen Heldinnen zu vergleichend. Die Kaiserin und ihre Freunde, wahrscheinlich auch der Kämmerer Bernhard, der eigentliche Regent des Reiches, waren wegen Abstammung der Juden von den großen Patriarchen und Propheten Gönner derselben. Um derentwillen seien sie zu ehren, sprach diese" judenfreundliche Partei bei Hofe, und der Kaiser sah sie ebenfalls in demselben Lichtes. Gebildete Christen erfrischten ihren Geist an den Schriften des jüdischen Philosophen Philo und des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus und lasen sie lieber als die Evangelien^). Gebildete Edeldamen und Edelleute bei Hofe sprachen es daher offen aus, sie wollten lieber einen Gesetzesgeber haben wie die Juden, d. h. daß ihnen Mose und das Juden- thnm erhabener erschienen als Jesus und das Christenthum. Sie ließen sich daher von Inden den Segen ertheilen und sie für sich beten ^). U Rhabanus Widmungsschreiben bei Uongnst rsonsil IV. p. 355. 2) Agobard das. x. 64: l?sntoies ünäs-sornin — illos — ls,stiüos.ntss ps-tris-rolisrnnr sanss. bonorsneios ssss xuts.nt. — Hnoä oari sind (0nässt) vobis (iinxsrs.tori) proxtsr xstrisrobss. °) Ubabsni sxtstols. o. 24: Lrsvttsr sinonsnänna xntsrnns, nt stisrn libri äossxbns ob Ulnlo, bonatnss gniäsin äooti, ssä änässt irnpii sx- ststsrunt, gnts. sos nonnnllt nostrnna ntrnts s-rnrntrsri solssnt st plus stisin gns.Ni ätvins.8 ltttsrss lsZsrs äilsotsnt. Agobard das. <2uoä sxssllsntissiinss pörsonss osxig-nt sornrn (änässornm) orsttonss st bsnsätottonss st Is.tss.ntnr, tslsin ss lsAis s-notorsin lis.bsrs vslls, gnslsinipsi babsnt. Agobard verschweigt geflissenilich die Namen der jüdischen Gönner, er will dem Kaiser gegenüber die Kaiserin nicht anklagen. 208 Geschichte der Juden. Die Juden hatten daher freien Zutritt bei Hofe und verkehrten unmittelbar mit dem Kaiser und den ihm nahen Personen. Verwandte des Kaisers beschenkten jüdische Frauen mit kostbaren Gewändern Z, um ihre Verehrung und Anhänglichkeit zu bekunden. Bei solcher außerordentlichen Gunst von Seiten des Hofes war es ganz natürlich, daß die Juden des fränkischen Reiches — welches auch Deutschland und Italien umfaßte — eine ausgedehnte Religionsfreiheit genossen, wie kaum in unseren Tagen. Die gehässigen kanonischen Gesetze gegen sie waren stillschweigend außer Kraft gesetzt. Die Judeu durften ungestört neue Synagogen bauen und frei über die Bedeutung des Judenthums in Gegenwart christlicher Zuhörer sprechen, daß sie „die Nachkommen der Patriarchen", „das Geschlecht der Gerechten", „die Kinder der Propheten" sind2). Ohne Scheu durften sie ihre aufrichtige Meinung über das Christenthum, über die Wunderthätigkeit der Heiligen und Reliquien und über die Bilderverehrung äußern 3). Christen besuchten die Synagogen, erbauten sich an dem jüdischen Gottesdienst und, merkwürdig genug, fanden mehr Geschmack an den Vorträgen der jüdischen Kanzelredner (varsobauim) als an den Predigten der Geistlichen^), obwohl jene schwerlich den tiefen Inhalt des Judenthums auseinanderzusetzen im Stande waren. Jedenfalls müssen wohl damals die jüdischen Kanzelredner in der Landessprache vorgetragen haben. Hochgestellte Geistliche trugen keine Scheu, von den Juden die Auslegung der heiligen Schrift zu lernen. Wenigstens gesteht es der Abt Rhabanus Maurus von Fulda ein, daß er von den Juden Manches gelernt und in seine Commentarien zur heiligen Schrift, die er dem nachmaligen Kaiser Ludwig dem Deutschen gewidmet, verwebt habe^). In Folge der Begünstigung der Juden *) Das. Huoä bouorabilitsr iuZrockiautur (lluäasil iu sousxsoiu vsstro st sZrsäiaubur; äum ostsuäuut vsstss mulisbxss, quasi a oou- sauZuiusis vssbris st matrouis Dalatiuorum uxoribus soium äirsotas. Agobard das. 1V3: Dum ss patriarobarum proZsuism, sustorum Zsuus, l?roxb.starum sobslsm supsrbo ors xsrloquuutui (lluäasi), iguo- rautibus (Obristiauis) qui baso auäisut. °) Das. S. 77. *) Das. 64: boo xsrvsuitur, ut äioaut imxsriti Obristiaui, mslius sis prasckisari ckuäasos quam ^rssb^tsros uostros. Ebenso Amolo a. a. O. o. 41.' Dt eum sis ssrvos Obristiauos babsrs uou lissat, babsut ssrvisutss sibi libsros Obristiauos, iu quibus tautum proüeiat sorum impistas ^— ut äisaut, mslius sos sibi xrasäieari quam ^rssbz^- tsros uostros. Dbabauus lllaUrus prast^atio iu rSASs: Drastsrsa Dsbrasi ou^'us- äam moäsruis tsmporibus iu lsZis soisutia oaxitulis traclitiousm Dsbrasorum uou pauois loois simul cum uota uomiuis sjus iussrui. Ebenso xrastatio iu Darali^>omsua. Agobard. 209 vom Hofe wurden einige Christen aus dem Volke für das Judenthum eingenommen, sahen es als die wahre Religion an, fanden es überzeugender als die Christuslehre, beobachteten den Sabbat und arbeiteten am Sonntags). Mit einem Worte, die Regierungszeit des Kaisers Ludwig des Frommen war für die Juden seines Reiches eine goldenes Zeitalter, wie sie es in Europa weder vorher noch später bis in die neuere Zeit erlebt haben. Aber wenn der jüdische Stamm zu allen Zeiten Feinde hatte, so konnten sie in dieser Zeit den französischen Juden, eben weil diese sich in der Gunst des Hofes sonnten und auch beim Volke beliebt waren, und weil sie mit ihren Religionsansichten frei auftreten durften, gewiß nicht fehlen. Die Anhänger strenger Kirchlichkeit sahen in der Verletzung der kanonischen Gesetze zu Gunsten der Juden und in der ihnen gewährten Freiheit den Untergang des Christeuthums. Neid und Gehässigkeit versteckten sich hinter die Orthodoxie. Die Gönner der Juden bei Hofe, die Kaiserin an der Spitze, wurden ohnehin von der klerikalen Partei, welche den Kaiser zu beherrschen trachtete, bitter gehaßt. Sie übertrug den Ingrimm gegen die freisinnige Partei am Hofe auf die Juden. Der Vertreter der kirchlichen Rechtgläubigkeit und des Judenhasses in dieser Zeit war Agobard, Bischof von Lyon, den die Kirche zum Heiligen gestempelt hatte. Agobard war ein unruhiger, gallerfüllter Mann, dessen Leidenschaftlichkeit ihn bis zur Verleumdung der Kaiserin Judith, bis zur Auflehnung gegen den Kaiser und bis zur Verführung der Prinzen hinriß. Er unterstützte die pflichtvergessenen Söhne des Kaisers, namentlich Lothar, sich gegen den Vater aufzulehnen. Man nannte ihn daher den Achitophel, der den Absalom-Lothar gegen David-Ludwig aufstachelte. Dieser Bischof sann darauf, die Freiheit der Juden zu beschränken und sie wieder in die niedrige Stellung zurückzuweisen, die sie unter den entarteten merowingischen Königen eingenommen hatten. Ein geringfügiger Vorfall bot ihm eine Handhabe dazu. Die Sklavin eines angesehenen Juden von Lyon war ihrem Herrn entflohen und, um ihre Freiheit zu erlangen, hatte sie sich von Agobard taufen lassen (um 827^). Die Juden sahen in diesem Akte 1) Agobard das. 107: lllnlls st in tsmtuna Zra-Vö pels.AU8 uoniullll sx vulZaribus s,o rnstiois abäusuutur, ut buua soluoa Ost ssss xoxrlluiu, krxull dos (llulls-sos) pias isliZiollis obssrvautiÄiu, kts nullt» osrtiorsua guain nostrs, sib üllsiu — st ors inaxio iutsr parss st oousinlllss tats- antur. Vergl. Amolo das. v 61. 2) Um die chronologische Aufeinanderfolge der judenfeindlichen Schriften Agobard's, die in mancher Beziehung merkwürdig sind, festzustellen, muß Fol- Graetz, Geschichte der Juden. V. 14 210 Geschichte der Juden. einen Eingriff in ihr verbrieftes Recht, und der Eigenthümer verlangte die Auslieferung der ihm entlaufenen Sklavin. Da Agobard sich aber dessen weigerte, wandten sich die Juden an Eberard, den Meister der Juden, und er war sofort bereit ihnen kräftig zur Seite zu stehen. Er drohte dem Bischof, falls er nicht die Sklavin ihrem Herrn zurückerstattete, würde er vom Kaiser eine außerordentliche Commission (Nissi) mit. Machtbefugniß versehen kommen lassen, die ihn durch Strafen zur Auslieferung zwingen würde. Das war der Anfang eines Streites zwischen Agobard und den Juden, welcher sich mehrere Jahre hinzog, zu vielen Verdrießlichkeiten Anlaß gab und zur Folge hatte, daß Agobard zuletzt seines Amtes entsetzt wurde. Es handelte sich für Agobard nicht um diese Sklavin, sondern um Aufrechthaltung und Behauptung der die Juden beschränkenden kanonischen Gesetze. In der Verlegenheit zwischen den Eingebungen seines Judenhasses und der Furcht vor Strafe, wandte sich Agobard an die Vertreter der kirchlichen Partei bei Hofe, an Wala, Abt von Corvey und Hilduin, Abt von St. Denis und Erzkanzler, von denen er wußte, daß sie die Kaiserin und ihre Günstlinge, die Juden, gründlich haßten. gendes erwogen werden. Bouquet setzt die „Ocmsrätatio a.ä ^äsllmräsw, 1VaIs.m st Os1isg.efbs,r" vor dem Jahre 826, als dem Todesjahre des Abtes Adalhard von Corvey (Nsousil IV. p. 385. Note), und das Sendschreiben an den Abt Wala und Hllduin (spüstola. aä proosrss kalatii) ins Jahr 828. Allein gerade die letzte Schrift scheint Agobard's erste Streitschrift gewesen zu sein. Denn in derselben setzt er die Geschichte von der getauften Sklavin als etwas Unbekanntes auseinander; mmo autsm sa-usam üiffus psisssutioms — ms vobis siAmtmants — soZllosesrs äiAns-mmi (sä. Lalim x. 192). In dem erstgenannten Schreiben, der sonsrätatio dagegen setzt Agobard das Factum als bekannt voraus: xra.sla.ts. äs ssnss. (das. x. 191). Der Adalhard in diesem Schreiben braucht nicht gerade der Abt von Corvey gewesen zu sein, da es mehrere hochgestellte Personen dieses Namens unter Ludwig gegeben hat. Hingegen da Wala in dem Sendschreiben s.ä xrossrss „Abt" titulirt wird, so folgt daraus, daß es nach 826 geschrieben wurde, da dieser diesen Titel erst nach dem Tode seines Bruders Adalhard von Corvey erhielt. Die Schriften äs snäursis supsrstitiombns und äs msolsntia. äuäasorum, beide gleichzeitig, die letzte von Agobard allein und die erste von ihm und den Bischöfen Bernhard und Eaof verfaßt, setzt Baluz mit Recht in das Jahr 829, weil darin die Kirchenversammlung zu Lyon über diesen Gegenstand erwähnt wird, und diese fand 829 statt. Hingegen scheint die Schrift aä Hidriäium dem Concil vorangegangen zu sein, da sie das Zustandekommen eines solchen veranlassen will. Die Reihenfolge der Agobard'schen judenfeindlichen Schriften ist demnach: 1) Oxistols. s.ä xrossrss fka.Is.tii chValsm st Oiläum; 2) Ocmsräts.tic> a.ä proosrss; 3) 2^.ä Mbriäium; 4) und 5) Os suäaiois supsrstitioräbns und äs mscäsntia. äuäasorum. Diese Schriften sind deutsch übersetzt worden von Or. Emanuel Samostz, Leipzig, bei Hunger 1852. Agobard. 21l Er bestürmte sie, daß sie es beim Kaiser durchsetzen mögen, die Freiheiten der Juden aufzuheben. In diesem Schreiben stellt er sich, als ob er von dem Privilegium der Juden nichts wüßte. „Die Juden verbreiteten ein Edikt, das sie vom Kaiser haben wollten, kraft dessen Niemand einen Sklaven von ihnen ohne Einwilligung taufen dürfe. Ich aber kann durchaus nicht glauben, daß aus dem Munde des allerchristlichsten und frommen Kaisers ein der Kirchenregel so entgegengesetzter Spruch hervorgegangen sei." Agobard klagt darin die Juden an, daß ihr verstockter Unglaube nicht nur verhindere, daß einer der Ihrigen zu Christi Glauben übergehe, sondern auch nicht aufhöre, die Gläubigen öffentlich und insgeheim zu schmähen und zu lästern. Er beruft sich auf das Beispiel der Apostel und Aposteljünger, welche Sklaven in den neuen Bund ausgenommen haben. Er möchte diesen Autoritäten folgen, trage aber Bedenken, den Befehl, welcher im Namen des Kaisers gezeigt wird, zu übertreten. Er flehe daher Wala und Hilduin an, da sie die vorzüglichsten Gewissensräthe des Kaisers sind, bei ihm Fürsprache für seine Unduldsamkeit einzulegen fl. Diese Männer scheinen sein Vorhaben beim Kaiser befürwortet zu haben; aber auch die judeufreundliche Partei war nicht unthätig, die Machinationen der Klerikalen zu durchkreuzen. Der Kaiser scheint hierauf den Bischof und die Vertreter des Judenthums zur Austragung des Streitpunktes vorgeladen zu haben. Drei Personen wurden ernannt, die Parteien zu vernehmen: der schon genannte Wala, ein gewisser Adalhard (nicht des Ersteren Bruder) und der Kanzler Helisachar, Abt von Trier. Agobard war aber bei diesem Verhör so voller Wuth, daß er, wie er sich selbst ausdrückt, „mehr gebrummt als gesprochen hat" fl. Darauf wurde Agobard zur Audienz beim Kaiser eingeführt. Als der Bischof vor Ludwig erschien, blickte ihn der Kaiser so finster an, daß er kein Wort hervorzubringen im Stande war und weiter nichts vernahm, als den Befehl, sich zu entfernen. Beschämt und verwirrt kehrte der Bischof nach seinem Sprengel zurück. Bald erholte er sich aber von seiner Verwirrung und zettelte neue Machinationen gegen die Juden an. Er schrieb in scheinbarer Demuth an die drei Schiedsmäuner und verlangte ihren Rath, was er zu thun oder zu lassen habe. „Wenn ich," schreibt er, „den Juden oder ihren Sklaven die Taufe verweigerte, so fürchte ich die göttliche Verdammniß; wenn ich sie ihnen aber ertheile, fürchte ich Anstoß zu erregen und fl Agobard's Sendschreiben Nr. 1. fl Sendschreiben Nr. 2. Oilsotio vsstra, auckivit ras rnnssitÄlltsm. xotius grmrn lognsvtsra. 14 * 212 Geschichte der Juden. kann feindseliger Angriffe auf mein Haus gewärtig sein" st. Das war aber nichts als Heuchelei, denn er ließ die Kanzeln des Lyoner Bis- thnms von judenfeindlichen Predigten wiederhallen. Den Pfarrkindern schärfte er ein, den Umgang mit Juden abznbrechen, von ihnen nichts zu kaufen und ihnen nichts zu verkaufen, an ihren Mahlen nicht Theil zu nehmen und nicht in ihren Dienst zu treten. Agobard's Beweisführung und Redefigur war folgendermaßen: „Wenn Jemand seinem Herrn in Liebe und Treue zugethan ist, so wird er nicht dulden, daß ihn ein Anderer schmähe, und noch weniger würde er mit ihm freundlich werkehren oder gar sein Tischgenosse werden." Nun verfluchten die Juden (wie Agobard lügenhaft sprach und schrieb) Christi Namen in ihren Gebeten, folglich dürften die Christen, wenn sie ihren Herrn und Erlöser lieben, das nicht zugeben und noch weniger mit dessen Feinden Gemeinschaft machen st. Wären die Juden nicht im Stande gewesen, dieser alles Maaß überschreitenden Gehässigkeit Schranken zu setzen, so hätten sie sich auf eine blutige Verfolgung gefaßt machen müssen, so sehr hatte Agobard böse Leidenschaften gegen sie aufgestachelt. Glücklicher Weise waren die jüdischen Gönner bei Hofe für sie thätig, dem fanatischen Priester das Handwerk zu legen. Sobald sie Kunde von dessen Treiben erhielten, erwirkten sie vom Kaiser Schutzbriefe (Inäieuli) mit dem kaiserlichen Jusiegel versehen und sandten sie den Juden von Lyon zu. Ein Handschreiben war an den Bischof gerich'tet, daß er seine geifernden Predigten beb Strafe einstellen, und ein anderes an den Statthalter des Lyoner Bezirkes, daß er den Juden Beistand leisten sollte (um 828). Agobard kehrte sich aber nicht an diese Schreiben und schützte aus Böswilligkeit vor, die kaiserlichen Handschreiben seien nicht echt, könnten nicht echt sein. Darauf begab sich der Judenmeister Eberard zu ihm, um ihm den Zorn des Kaisers gegen seine Auflehnung zu verkünden. Aber er blieb so hartnäckig, daß der Kaiser zwei Commissarien, Gerrik nnd Friedrich, beide hochgestellte Edelleute des Hofes, mit Vollmachten versehen, absenden mußte, um den tobenden und aufrührerischen Bischof zur Vernunft zu bringen. Agobard war aber bei der Ankunft der Commissarieu abwesend und also für den Augenblick vor Demüthigung geschützt. Welche Machtmittel die Commissarien gegen ihn anzuwenden angewiesen waren, ist nicht recht klar. Aber sie müssen sehr strenge gewesen sein; denn die wenigen Geistlichen, die bei Agobard's Treiben betheiligt waren, wagten nicht sich zu zeigen st. Bezeichnend ist es st Ders. bei Baluz x. 99 f. 'st Sendschreiben Nr. 3 und 5. st Sendschreiben Nr. 5. Agobard. 213 aber, daß die Bevölkerung von Lyon keineswegs für ihren Bischof Partei gegen die Juden genommen hat. Haman-Agobard ruhte aber nicht in seinen judeufeindlichen Bestrebungen. Er wollte den Gönnern der Juden bei Hofe entgegeu- arbeiten, den Kaiser ans Gewissen greifen und ihn gegen die Juden eiunehmen. Vielleicht war er schon damals von den Plänen der Verschworenen Wala, Helisachar und Hilduin unterrichtet, welche die Söhne des Kaisers aus erster Ehe gegen die Kaiserin und den Erzkanzler Bernhard anfreizen wollten, weil diese den Kaiser bewogen hatten, eine neue Theilung des Reiches zu Gunsten des Sohnes von der Judith zu entwerfen. Denn Agobard setzte von jetzt an jede Scheu bei Seite und trat ganz entschieden auf, als ahnte er, daß die judeu- frenndliche Partei ihrem Sturze nahe sei. Er wandte sich zuerst an die Bischöfe des Reiches, daß sie dem Kaiser sein Unrecht Vorhalten und ihn bestimmen mögen, die Scheidewand zwischen Juden und Christen, wie sie zur Zeit der Merowinger bestanden, wieder aufzurichten. Von Agobard's Sendschreiben an die Prälaten ist nur ein einziges vorhanden, an den Bischof Nibridius von Narbonne. Es ist voller Galle gegen die Juden und interessant sowohl wegen des finsteren Geistes seines Absenders, als auch wegen der Geständnisse, die er darin macht. Er erzählt Nibridius, daß er auf einer Rundreise in seinem Sprengel seinen Pfarrkindern eingeschärft habe, den vertranten Umgang mit Juden abzubrechen. Denn es sei unwürdig, daß die Söhne des Lichtes sich mit den Söhnen der Finsterniß beflecken sollten, und daß „die makel- und runzellose Kirche, die sich für die Umarmungen des himmlischen Bräutigams vorbereiten müsse, sich durch die Verbindung mit der befleckten, runzligen und verstoßenen Synagoge" entehren sollte. Es sei sündhaft, daß die jungfräuliche Braut Christi die Mahle der Buhlerin genießen und durch die Gemeinschaftlichkeit von Speise und Trank nicht bloß in mannigfaltige Laster verfallen, sondern auch Gefahr laufen sollte, den Glauben einzubüßen. „Denn ans allzugroßer Vertraulichkeit und fleißigem Zusammenleben beobachten einige von Christi Heerde mit den Juden den Sabbat und verletzen den Sonntag durch Arbeit und vernachlässigen die Fasten." Im Verlaufe berichtet Agobard in dem Sendschreiben, daß er, nachdem er wahrgenommen, wie einige Christen dem Judenthum zugethan waren, dem täglich sich mehrenden Uebel mit vieler Anstrengung habe steuern wollen, wie er seinen Beichtkindern befohlen habe, sich des Umgangs mit Juden und freundlicher Nachbarschaft zu entschlageu, wie Mose ehemals den Juden befohlen, den Umgang mit Heiden zu meiden. Denn der Einfluß der Juden auf die einfachen Gemüther sei bedeutend. 214 Geschichte der Juden. Während es den Christen nicht gelingen will, bei allem Entgegenkommen auch nur eine einzige jüdische Seele für das Christenthum zu gewinnen, hat sich ein Theil der Christen bei den gemeinschaftlichen Mahle» auch an der geistigen Speise der Inden gesättigt. Wiewohl ihn der Magister der Juden, Eberard, und die Kommissarien im Namen des Kaisers an dem guten Werke zu hindern suchten, so habe er sich bisher nicht daran gekehrt. Endlich forderte er den Bischof von Narbonne auf, seinerseits die Gemeinschaft der Christen mit Juden zu hindern und seine Mitbischöfe und Geistlichen zu demselben Verhalten zu bewegen; denn die Juden, die unter dem Gesetze stehen, stehen zugleich unter dem Fluche, der sie umgiebt wie ein Gewand, in sie eindringt wie Wasser. Diejenigen, welche die apostolische Heilsverkündigung verwerfen, müssen nicht bloß gemieden werden, sondern sind auch dem Strafgericht verfallen, gegen welches der Untergang Sodom's und Gomorrha's noch milde zu neunen ist*). So sehr auch Agobard's giftiger Judenhaß als ein Ausfluß seines Gemüthes zu betrachten ist, so kann man nicht leugnen, daß er sich damit vollständig auf dem Boden der Kirchenlehre befunden hat. Er beruft sich mit Recht auf die apostolischen Aussprüche und die kanonischen Gesetze; die geheiligten Concilienbeschlüsse waren allerdings auf seiner Seite. Agobard mit seinem glühenden Hasse befand sich auf dem Standpunkte der Rechtgläubigkeit, während Kaiser Ludwig mit seiner Milde auf dem Wege der Ketzerei war. Agobard wagte aber nicht, diesen Gedanken laut werden zu lassen, er äußert sich vielmehr in dem Sinne, daß er unmöglich glauben könne, der Kaiser habe die Kirche an die Juden verrathen. Daher fand auch seine Klage Widerhall in den Herzen der Kirchenfürsten. Es versammelten sich eine Reihe von Bischöfen in Lyon, welche Berathnng hielten, wie die Juden zu demüthigen wären, wie man ihr friedliches Leben stören, wie man den Kaiser selbst zur Annahme der Beschlüsse bewegen könnte. Es betheiligten sich an diesem judenfeindlichen Concil unter Andern Bernhard, Bischof von Bienne und Eaof, Bischof von ChLlon. Die Mitglieder beschlossen, dem Kaiser ein Schreiben einzureichen, ihm das Sündhafte und Gefährliche der Judenbegünstigung auseinanderzusetzen und die Punkte zu formuliren, welche abgestellt werden sollten (829). Das Synodalschreiben, wie es uns vorliegt, ist nur von drei Bischöfen unterzeichnet, von Agobard, Bernhard und Eaof unter dem Titel: „vom Aberglauben der Juden" (äs juäaroio superstitiouibus). Voran ging eine Einleitung von Agobard, worin er sein Verhalten Sendschreiben Nr. 3. Bischöflicher Groll gegen die Juden. 215 in diesem Streite auseinandersetzt. Daß der Bischof sein Verfahren zu rechtfertigen versucht hat, ist ganz in Ordnung. Vom kirchlichen Standpunkte aus hatte er, wie gesagt, so ganz Unrecht nicht. Aber -es ist interessant, daß er manche That und manches Wort zu beschönigen und zu mildern gezwungen ist, um nicht als Feind der Juden, sondern als Eiferer für den Glauben zu erscheinen. Nur hin und wieder vermag er seinen Ingrimm nicht zurückzuhalten und verräth seine wahre Gesinnung. Freilich greift er öfter zu lügenhaften Erfindungen und Uebertreibungen, um den frommen Kaiser aufzustacheln. Nächst den Juden galt Agobard's Anklage den Judenfreunden bei Hofe, die an Allem Schuld seien. Er behauptete in diesem Einleitungsschreiben, die Commissarien Gerrik und Friedrich sammt Eberard, die zwar im Namen des Kaisers auftraten, ober sicherlich nur im Namen eines Andern (des Satan) handelten, hätten sich den Christen fürchterlich und den Juden sehr zuthunlich gezeigt. Wenn er auch verschweige, wie sehr sie ihn selbst verfolgten, so dürfe er doch die Leiden, die sie der Kirche zugefügt, der sie Seufzer und Thränen ausgepreßt, nicht mit Stillschweigen übergehen. Durch die Vorschubleistung der Commissarien aufgebläht, hätten sich die Juden in deren Gegenwart nicht gescheut, Jesus zu schmähen. Der Kamm sei den Juden dadurch gewachsen, weil die Commissarien Einigen in's Ohr flüsterten, die Juden seien nicht so verabschenungswürdig, wie Viele glauben, sondern dem Kaiser sehr theuer. Er und die Eiferer für den Glauben seien von den Gönnern der Juden übel behandelt worden, obgleich er weiter nichts gethan, als seinen Pfarrkindern einzuschärfen, daß sie den Juden nicht christliche Sclaven verkaufen, noch zugeben, daß sie solche nach Spanien verkauften, daß Christen nicht bei Juden dienen, nicht mit ihnen den Sabbat feiern, nicht mit ihnen an den Fasten Fleischspeisen genießen, nicht Fleisch von den Juden kaufen sollten, weil sie nur das verkauften, was ihnen zum Genüsse verboten ist, und das sie beleidigend christliches Vieh (ebristiaua peeora) nennen. Auch verkauften die Juden nur solchen Wein, den sie nicht trinken mögen, weil ihn die Christen berührt hätten. Wie gemildert und geschwächt erscheint diese Darstellung gegen das Geständniß, das Agobard vor Nibridius abgelegt: er habe den Christen seines Sprengels gepredigt, sich von den Juden fern zu halten und nicht an deren Tafel Theil zu nehmen! Im Verlaufe hebt der Ankläger die schon von Hieronymus geltend gemachte Unwahrheit hervor, daß die Juden Jesus täglich in ihren Gebeten schmähten. Trotzdem habe er, der Bischof, das von der Kirche gegen sie vorgeschriebene Verhalten beobachtet, habe ihnen nichts Böses zu- 216 Geschichte der Juden. gefügt, ihr Leben, Gesundheit und Vermögen unverletzt gelassen. Denn man müsse die Juden vorsichtig behandeln. Allein sie mißbrauchten diese Nachsicht, weil sie sich der Gunst und Zuvorkommenheit von Seiten des Hofes und der Großen erfreuen. Durch die Verfolgung, die er erfahren, werden die einfältigen Christen verleitet, in den Juden etwas Besseres zu erblicken. Er wolle daher auseinandersetzen, wie die Leiter der gallischen Kirche, Könige wie Bischöfe, auf den Concilien sich angelegen sein ließen, die Christen von der Gemeinschaft der Juden fern zu halten, und das stimme mit den Aussprüchen der Apostel vollkommen überein und könne sogar aus dem alten Testamente belegt werden. Zugleich wollte er beweisen, wie niedrig und unwürdig die Juden von Gott denken. Dieses Alles habe er und seine Mitbischöfe in einem Schreiben zusammengestellt. Zuletzt erzählt Agobard dem Könige ein haarsträubendes Märchen, das, wenn es wirklich auf Thatsachen beruhte, auf die Christen damaliger Zeit nicht minder ein grelles Licht wirft als auf die Juden. Christen hätten freie Männer, ihre eigenen Glaubensgenossen, den Juden als Sklaven verkauft, und diese hätten sie nach Spanien spedirt, oder auch die Juden hätten Christenknaben gestohlen und als Sklaven verkauft. Das habe ihm ein Flüchtling aus Cordova erzählt, der vor mehr als zwanzig Jahren von einem Juden aus Lyon dahin verhandelt worden wäre*). Agobard verstand es schon, sämmtliche Inden für das Verbrechen eines Einzelnen verantwortlich zu machen. Indessen fiel weder er, noch seine Zeit auf die schamlose Anklage, die Juden schlachteten Christenkinder und tränken ihr Blut. Aber vorbereitet hat er sie jedenfalls. In der Hauptschrift, welche Agobard mit den zwei genannten Bischöfen überreichte, suchten sie den Kaiser Ludwig noch mehr gegen die Juden eiuzunehmen. Die dringende Nothwendigkeit, sagten sie, gebiete ihnen, dem Kaiser vorzustellen, welche Vorsicht man gegen den Unglauben, Aberglauben und die Jrrthümer der Juden gebrauchen müsse, und die Leiter der gallischen Kirche seien darin mit dem besten Beispiele vorangegaugen. Es sei ihre Pflicht, aufmerksam zu machen, welcher Schaden den gläubigen Seelen durch das Gefäß des Teufels, die Juden nämlich, drohe; an dem Kaiser sei es, vermöge seiner Frömmigkeit Mittel dagegen anzuwenden. Dann lassen sie die Beispiele des Menschenhasses folgen. Der heilige Hilarius habe Juden und Ketzer nicht einmal eines Grußes gewürdigt. Der heilige Ambrosius habe einem Kaiser der Juden wegen getrotzt. Die Heiligen Cyperianus und Athanasius, die Vorbilder der gallischen Kirche, haben den Gläubigen ft Sendschreiben Nr. 4. Agobard. 21-7 eingeschärft, den befleckenden Umgang mit Juden zu meiden. Das Concil von Epaone, von viernndzwanzig Bischöfen gehalten, habe den kanonischen Beschluß geheiligt, daß kein christlicher Laie Tischgenosse eines Juden werden sollte, und kein Bischof bei Verlust seiner Seligkeit in aller Ewigkeit diesen Beschluß rückgängig machen dürfte. Dasselbe habe die Synode von Agdes bekräftigt, und das Concil von Mayan habe noch hinzugefügt, daß Juden keine Richter über Christen, nicht einmal Steuerpächter werden dürfen, um keine Gewalt über Christemnenschen auszuüben, daß Juden in der Osterwoche sich auch- nicht auf Straßen und Plätzen blicken lassen sollten, daß sie den Geistlichen deniüthige Ehrfurcht zu erweisen hätten, und daß sie keine christlichen Leibeigene halten dürften. - Die Bischöfe, die Vertreter der kirchlichen Rechtgläubigkeit jener Zeit, führten dann dem Kaiser das Beispiel des Evangelisten Johannes- und dessen Jüngers Polykarpus an, wie sie die Nähe der Ketzer Cerinth und Marcion geflohen sind. „Nun sind," so folgerten sie weiter, „die Inden noch viel schlimmer als Ketzer, die doch das Christenthum zum Theil haben und an Jesus glauben." Die Juden seien daher mehr noch als Ketzer zu fliehen und zu meiden. Dann erzählten sie in der Denkschrift, die Juden hätten unwürdige Vorstellungen von Gott, indem sie sich ihn körperlich mit Gliedmaßen versehen dächten (d. h. nur die Mystiker o. S. 193). Sie behaupteten, die Buchstaben der Thora, hätten vor der Weltschöpfung existirt, und daß es mehrere Erden, Himmel und Höllen gäbe. Kein Blatt des alten Testaments wäre frei von Fabeleien, welche die Juden hinzugedichtet hätten und noch immer hinzudichteten. Agobard und seine Mitbischöfe sahen, wenn sie den Aberglauben der damaligen Juden in Frankreich anklagten, recht gut den Splitter in Anderer Augen, aber nicht den Balken in den eigenen. — Indem sie ferner hervorhoben, daß die Juden sich blas- phemirende Geschichtchen von Jesus erzählten, kommen sie auf Schlußfolgerungen. Da die Juden den Sohn verleugnen, verdienen sie auch den Vater nicht, und da sie noch dazu Jesu jungfräuliche Geburt, nicht anerkennen, so seien sie die wahren Antichristi. — Wenn die Gönner der Juden meinen, man müsse sie wegen ihrer großen Ahnen, der Patriarchen, ehren, und daß sie wegen dieser edlen Abstammung vorzüglicher seien als die Christen, so müßte man die Saracenen (Araber) ebenfalls Hochhalten. Denn auch sie stammen von Abraham ab. Die Juden seien aber, weit entfernt edler als die Christen zu sein, noch schlimmer als Saracenen und Agarener, die doch Gottes Sohn mindestens nicht getödtet haben*). *) Sendschreiben Nr. 5. 218 Geschichte der Juden. Vom Standpunkte des Glaubens und der kanonischen Gesetze war die Beweisführung Agobard's und der anderen Bischöfe unwiderleglich, und wenn der Kaiser Ludwig der Fromme auf diese Logik «twas gegeben hätte, so hätte er die Juden seines Reiches mit Stumpf und Stil vertilgen müssen. Er gab aber glücklicherweise gar nichts darauf, entweder weil er Agobard's Gesinnung kannte, oder weil ihm vielleicht die Anklageschriften gegen die Juden gar nicht zu Gesichte kamen, indem — wie Agobard fürchtete — die Freunde der Juden bei Hofe sie gar nicht vorlegen ließen. Der judenfeindliche Bischof von Lyon rächte sich aber dafür, daß er sich ein Jahr darauf (830) an der Verschwörung gegen die Kaiserin Judith und ihre Freunde betheiligte, und sogar sich den entarteten Söhnen anschloß, welche den Vater entthronen und demüthigen wollten und ihr Vorhaben zum Theil ausgeführt haben. Agobard wurde daher seiner Bischofswürde entkleidet und mußte nach Italien entfliehen. Später gab ihm Ludwig's Langmuth seine Würde zurück; aber er unternahm nichts mehr gegen die Juden. Bis an sein Lebensende blieb Ludwig den Juden gewogen, obwohl sein frommes Gemüth durch den Uebertritt eines seiner Lieblinge zum Judenthume tief verwundet wurde, und diese Thatsache ihn hätte gegen sie erbittern können. Die Bekehrung des Edelmanns und hohen Geistlichen Bodo zum Judenthume hat zu ihrer Zeit viel Aufsehen gemacht. Die Chroniken berichten darüber, wie über Calamitäten von Heuschreckenschwärmen, Kometenerscheinungen, Ueberschwemmungen und Erdbeben. Der Fall war in der That von außergewöhnlichen Umständen begleitet und geeignet, fromme Christenseelen stutzig zu machen. Bodo oder Puoto, aus einem alten alemannischen Geschlechte, weltlich und geistlich unterrichtet, war Geistlicher geworden und nahm den Rang eines Diakonus ein. Der Kaiser war ihm sehr gewogen und ernannte ihn zu seinem Seelsorger, um ihn stets bei sich zu haben. In fromm-katholischer Gesinnung hatte sich Bodo die Erlaubniß erbeten, nach Rom ziehen zu dürfen, dort den Segen des Papstes zu empfangen, und an den Gräbern der Apostel und Märtyrer zu beten. Der Kaiser gewährte ihm diesen Wunsch, entließ ihn und gab ihm reiche Geschenke. Aber anstatt in der Hauptstadt der Christenheit in seinem Glauben gestärkt zu werden, faßte Bodo gerade dort eine tiefe Vorliebe für das Judenthum. Die Veranlassung dazu ist unbekannt geblieben. Sollte vielleicht die an Ludwig's Hofe günstige Stimmung für Juden und Judenthum ihn angeregt haben, darüber nachzudenken, beide Religionsformen mit einander zu vergleichen und die Vorzüge des Judenthums herauszufinden? Das unsittliche Treiben der Geistlichen in der christlichen Hauptstadt — welches Veranlassung gab zur Satyre Der jüdische Proselyte Bodo. 219 Hon der Päpstin Johanna, die Petri Stuhl besudelt hat — und ihre Unfläthigkeit überall, selbst in den Kirchen, hat ihn mit Ekel erfüllt und ihn dem sittenreinen Judenthnme näher gebracht. Er schrieb selbst später, daß er und andere Geistliche in den Kirchen mit verschiedenen Frauen Unzucht getrieben habe. Die christliche Rechtgläubigkeit, ohne nach dem wahren Grunde von Bodo's Gesinnungsänderung nachzuforschen und in sich zu gehen, war mit der Antwort bei der Hand: Satan, der Feind des Menschengeschlechts und der Kirche, habe ihn dazu verleitet. Oder man sagte sich, die Juden hätten ihn dazu beredet. Bodo reiste also stracks von Rom nach Spanien, ohne Frankreich und den Hof zu berühren, um dort förmlich zum Judenthum überzutreten, riß sich Von Vaterland, Ehrenstellen und freundschaftlichen Kreisen los, ließ sich in Saragossa beschneiden, nahm den-Namen Eleasar an und ließ sich den Bart wachsen (August 938). Von seinem Gefolge, das er zur Annahme des Judenthums bewegen wollte blieb nur sein Neffe bei ihm. Liebe war keineswegs der Beweggrund von Bodo-Eleasars Religionswechsel. Denn er heirathete erst in Saragossa eine Jüdin, scheint in den Militärstand bei einem arabischen Fürsten getreten zu sein und empfand einen so grimmigen Haß gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen, daß er dem mohammedanischen Herrscher von Spanien zugeredet hat, keinen Christen in seinem Lande zu dulden, sondern sie zu zwingen, entweder den Islam oder das Judenthum anzunehmen. Darauf sollen sich die spanischen Christen hülfeflehend an den Kaiser von Frankreich und an die Bischöfe gewandt haben, Alles aufzubteten, um sich diesen gefährlichen Apostaten ausliefern zu lassen i). Kaiser Ludwig war allerdings, wie schon erwähnt, über Bodo's Nebertritt zum Judenthum im Ganzen tief betroffen und trauerte darüber. Allein er ließ seinen Schmerz die Juden nicht empfinden *) Hauptquelle für diese Nachricht ist Nbabani Nanri (richtiger Xnaolonis) cpistcla contra, Inäasos c. 42. Hnoä snirn nungnain antsa Asstnni rnsrninirnns, asänctns sst ab sis (cknäasis) Diaconns p>o-to.tinns, nobilitsr nntritns, st in scclssias otllcüs sxsrcitatns st apnä xrincixsin bsns babitns, ita nt ässsrnit psnitus Obristianornna isZnnrn st nnnc apnä Hispaniarn intsr saracsnos änäasis sociatns psrsnasns sst, circnrn- cisionsrn carnalsin accipsrs, nonasn sibi inntars, nt gni antsa Loäo nnnc tRsasar appsllatnr. Vergl. annalss Lsrtiniani oder ?rnäsntii Irscsnsis bei Lougnst rscnsil äss bistorisns VI. p. 200 f. Oncbssns D. III. p. 156. I?srt 2 rnonninsnta Lisrnaanias I, 49, 65 und 442. Der Chronikstil für dieses Factum lautet: ?uoto äiaconns äs palatio burnani Asnsris bosts psllsctns, lapsns sot in änäaisrnurn. Interessant sind «pistolas >VIvari st Illsa^ari bei Illors? Lspana saZraäa XVII. p. 178 fg., XVIII. Ans. 220 Geschichte der Juden. und machte sich keinen Vorwurf daraus, sie begünstigt und Bodo's Abfall vielleicht auf dem Gewissen zu haben. Er fuhr fort die Juden gegen Ungerechtigkeiten zu schützen und bewies es bei einem Rechtsfalle, der einige Monate nach Bodo's Bekehrung zu seiner Kenntniß gelangte. Eine jüdische Familie, ein Vater, mit Namen Gaudiocus und zwei Söhne, Jacob und Vivatius, besaß nämlich Landgüter in Septimanien (im Süden Frankreichs) mit Aeckern, Weinbergen, Wiesen, Mühlen, Gewässern und anderen Zugehörigkeiten. Einige übelwollende Personen machten sie den Juden streitig, man weiß nicht unter welchem Vorwände. Sobald der Kaiser Ludwig Kunde davon erhielt, bestätigte er nicht nur den Juden ihre Besitzungen und Rechte, sondern sprach auch den Grundsatz aus: daß wenn gleich die apostolischen Gesetze ihn nur verpflichten, für die Wohlfahrt der Christen Sorge zu tragen, so hindern sie ihn doch nicht, seine Gerechtigkeit und sein Wohlwollen allen Unterthanen zu Theil werden zu lassen, zu welchem Bekenntniß sie auch gehören mögen (Februar 939). Wahrlich, dieser ebenso menschliche wie fromme Fürst hat weit eher den Namen „der Große" verdient, als mancher Despot und Glückzerstörer in der Geschichte, da er in einer barbarischen, bigotten, unmenschlichen Zeit edle, menschliche Gesinnung zu wahren gewußt hat! — Von Ludwig dem Frommen rührt wohl der Anfangs gutgemeinte Gedanke her, der sich durch das ganze Mittelalter hindurchzieht, daß der Kaiser der natürliche Schutzherr der Juden sei, und sie gewissermaßen als seine Clienten unantastbar seien Z. Lougust rssusil paZ. 624. OOXXXII, Die Formel für den den Juden gemährten kaiserlichen Schutz lautete: Oomaduiu Dabbi st Laiunslsia uspotsru sjus snb nostra ckstsnsions oder sub uostro raunäsburäo susosxiillus. Lougust das. 624. Xo. 32 — 34. Acuntes Kapitel. Das Sinken des Exilarchats und die Anfänge einer jüdisch- wissenschaftlichen Literatur. Kaiser Karl der Kahle und die Juden. Der jüdische Arzt Zedekias. Der jüdische Diplomat Juda. Der Judenfeind Amolo. Das Concil von Meaux. Amolo's judenfeindliches Sendschreiben. Nachwirkung desselben. Tauszwang der Juden im byzantinischen Reiche unter Basilius Macedo und Leo. Demüthigung der Juden und Christen im Chalifat. Sinken des Exilarchats und Hebung der pumbaditanischen Hochschule; Paltoj und Mar-Amram; Gebetordnung. Die schriftstellerischen Gaonen. Simon Kahira. Der arabische Josippon. Isaak Israeli. Die karäischen Schriftsteller; Mose Darcü. Asketische Richtung des Karaerthums. Eldad, der Danite und Zemach Gaon. Jehuda b. Koraisch. Ehrenvolle Stellung der Juden und Christen unter dem Chalifsn Almutadhid. Sinken der suranischcn Hochschule. Kohen-Zedek und seine Bestrebungen. Die Exilarchen Ukba und David b. Sakkai. 840—928. Das goldene Zeitalter für die Juden im fränkischen Reiche war mit dem Tode Kaiser Ludwig's des Frommen für eine geraume Zeit dahin. Das abendländische Europa, von Anarchie zersetzt und von fanatischen Geistlichen beherrscht, bot keine Stätte für die Entwickelung des Judenthums. Zwar war Karl der Kahle, Ludwig's Sohn von der Judith — um dcsfentwillen im fränkischen Kaiserreiche so viele Wirren entstanden waren, die zuletzt zu der Theilung des Reiches in Frankreich, Deutschland, Lotharingen (Lothringen) und Italien führten (843) — durchaus kein Feind der Juden. Er scheint im Gegentheil von seiner Mutter eine gewisse Vorliebe für sie geerbt zu haben. Er hatte einen jüdischen Leibarzt Zedekias, den er sehr liebte. Zedekias' ärztliche Geschicklichkeit galt aber der unwissenden Menge und der wnnderglänbigen Geistlichkeit als Magie und Teufelswerk Karl der Kahle, seit 843 König von Frankreich, hatte auch einen anderen jüdischen Günstling Namens Juda, der ihm so viele politische Hiukmar und Regina bei l?srt 2 lckouurusuta Otsrruairias I. 504, 589. 222 Geschichte der Juden. Dienste geleistet hat, daß er ihn seinen Getreuen nannte^). Gesetzlich blieben daher die Juden unter ihm wie unter seinem Vorgänger gleiche berechtigt mit den Christen. Sie durften ihre Geschäfte unbeschränkt betreiben und Ländereien besitzen. Einige von ihnen behielten oder erhielten die Zollpacht ^). Aber an dem Hähern Klerus hatten sie unversöhnliche Feinde. Sie hatten in Agobard die Würdenträger der Kirche allzusehr gereizt, als daß diese, zwar Liebe und Milde im Munde führend, ihnen diese Stellung hätten gönnen sollen. Der erbittertste Feind der Juden war Agobard's Jünger und Nachfolger im Amte, der Bischof Amolo von Lyon. Er hatte von seinem Meister Judenhaß und Sophisterei gelernt. Indessen stand Amolo nicht vereinzelt damit; der Bischof von Rheims, Hinkmar, ein Liebling des Kaisers Karl, Vanilo, Erzbischof von Sens, Rudolph, Erzbischof von Bourges und andere Geistliche theilten seine judenfeindlichen Gesinnungen. Auf einem Concil, das diese Prälaten in Meaux (unweit Paris) zu Stande brachten, um einerseits die Macht des Königs zu brechen und die der Geistlichkeit zu erhöhen, andererseits der Lüderlichkeit mancher Geistlichen zu steuern, beschlossen sie, die alten kanonischen Gesetze und die Beschränkungen der Juden wieder ins Leben zu rufen und von Karl bestätigen zu lassen. Wie weit sie die Beschränkungen ausgedehnt haben wollten, sagten die Concilmitglieder nicht deutlich; aber sie legten, wie es Agobard gethan hatte, dem Könige eine Reihe von gehässigen Verfügungen gegen die Juden zur beliebigen Auswahl vor und stiegen bis auf den ersten christlichen Kaiser Constantin hinauf. Sie erinnerten an die Erlasse des Kaisers Theodosius II., nach welchen kein Jude irgend ein Amt oder eine Würde bekleiden dürfe. Sie erinnerten ferner an die Concilienbeschlüsse von Agdes, Mayon, Orleans und an das Edikt des merowingischen Königs Childebert (S. 48), daß die Juden nicht als Richter und Zollpächter fungiren, sich in der Osterwoche nicht auf den Straßen zeigen dürften, und daß sie den Geistlichen demüthige Verehrung zu erweisen hätten. Sogar auf außerfranzösische,, also nicht Gesetz gewordene Synodalbeschlüsse beriefen sie sich, auf das Concil von Laodicea, welches den Christen verbot, Festgeschenke und ungesäuerte Brode von den Juden anzunehmen, sich an deren Fest- 1) Diäslis rnsus äuäa, in der bästoirs äss oomtss äs Darssloiia, xar OisZo x. 26; vsnit äsrügus äuäs, Dsbrasus üäslis nostsr aä nos st äs vsstrs. üäslituts rarrlts, nobis ässiguavit. Vergl. Nsvus äss Dt. g. X. x. 248. 2) Ergiebt sich aus Rhabanus (oder Amolo's) Sendschreiben gegen dis Juden, wovon weiter. Tie französischen Bischöfe gegen die Inden. 223 freuden und Mahlzeiten zu betheiligen, und sogar auf die unmenschlichen westgothischen Synodalbeschlüsse, die doch eigentlich weniger gegen Juden schlechthin, als vielmehr gegen getaufte und dem Judenthum dennoch anhängliche Juden gerichtet waren. Es lag also eine doppelte Gehässigkeit darin, wenn die Concilmitglieder an jenen westgothischen Synodalbeschluß (S. 62) erinnerten, welcher vorschreibt, daß die Kinder den Juden (d. h. den Bekehrten) entrissen und unter Christen gesteckt werden sollten. Zum Schlüsse betonten sie den einen Punkt, daß jüdische und christliche Sklavenhändler gehalten sein mögen, heidnische Sklaven innerhalb des christlichen Gebietes zu verkaufen, damit sie zum Christenthume bekehrt werden könnten (28. Juni 845 ^). Die Prälaten hatten darauf gerechnet, den König Karl, der wegen des Einfalls und der Plünderungen der Normannen in einer schlimmen Lage war, zur Annahme ihrer Beschlüsse zu bewegen, und hatten darum die Landesplagen von Seiten der Normannen als eine göttliche Züchtigung wegen der Sündhaftigkeit des Königs angedeutet. Sie hatten sich aber verrechnet. Noch war Karl nicht so gedemüthigt, um sich von fanatischen-und ehrgeizigen Geistlichen Gesetze vorschreiben zu lassen. Obwohl sein Liebling Hinkmar, Bischof von Rheims, sich an dem Concil betheiligte, ließ er es doch auflösen und die Mitglieder anseinandergehen. Später ließ er dieselben zu einer neuen Kirchenversammlung unter seinen Angen in Paris (14. Februar 846) zusammentreten und die Verbesserung der kirchlichen Angelegenheiten berathen. Von den achtzig Beschlüssen des Concils von Meaux mußten sie selbst drei Viertel fallen lassen und darunter auch den Antrag auf Beschränkung der Juden ^). Die niedrige Stellung der Juden ist daher in Frankreich weder unter den Karolingern, noch später zum Gesetz erhoben worden. Höchstens beschränkte Karl die jüdischen Kaufleute darin, daß sie von ihrem Waarenumsatze elf Procent an den ') Ooueilirwa Msläsuss os-ncm 73. Der Schluß: 11t rasrsutorss llujus rsAui, Obristtsrü sivs luctusi, runuoixin xa.AU.rm iutrs. Obristiunoruva. ünss vsncksrs oornxsllantur, gehört nicht zum vorangehenden Citat aus den Beschlüssen des toletanischen Concils, sondern ist ein selbstständiger Antrag. Es geht übrigens daraus hervor, daß die Juden nicht die einzigen Sklavenhändler waren. 2) Oonoiliuiu l?s.rislsu8s 84U, Dort heißt es (bei Sirvaouä III. x. 21). guis, ts.ot.ions guorurnäaiu rnotns sst aniinns i^sius rsAts sontrs. spis- eoxos, äissunctsiitibus xrimoribus rsZrü sui ab soruiu (sxisooxorum.) näurouitious st rsruotts ud socksru ooueilio (Llslcksnsi) spisooxis, sx ornnib ns illi.8 supitulis llnso tuntnrn obssivsmäs. oollsAsrunt, unäsviAiuti supitulu sx oetsAtutu. Der Beschluß gegen die Juden fehlt ebenfalls in den Akten des Pariser Concils. 224 Geschichte der Juden. Fiskus abgeben mußten, während die christlichen nur zehn zu leisten hatten i). Amolo und seine Gesinnungsgenossen konnten aber die Niederlage, die sie im Concil zu Meaux erlitten hatten, und daß ihr Plan, die Juden zu erniedrigen, gescheitert war, nicht verschmerzen. Der Nachfolger Agobard's wendete sich mit einem Sendschreiben an die höhere Geistlichkeit und ermahnte sie auf die Fürsten einzuwirken (846), daß -sie die Privilegien der Juden aufheben und sie in eine niedrige Stellung versetzen mögen. Amolo's Sendschreiben, voller Gift und Verleumdung gegen den jüdischen'Stamm, ist ein würdiges Seitenstück zu Agobard's Klageschrift gegen denselben an Kaiser Ludwig. Vieles ist auch darin dieser entlehnt und enthält überhaupt nur wenig mene Gesichtspunkte. Der Eingang bezeugt, daß die Juden noch immer -im Volke und beim Adel geachtet und geehrt waren, und um diese Achtung wollte sie eben Amolo bringen. Er unternahm es zu beweisen, wie verächtlich der Unglaube der Juden, wie schädlich ihr Umgang für die Gläubigen sei, „was Vielen unbekannt ist, nicht blos dem Volk und der Menge, sondern auch den Adligen und Hochgestellten, -Gelehrten wie Ungelehrten" ^). Er wollte diesen Allen, d. h. dem ganzen französischen Volke, mit Ausnahme der unduldsamen Geistlichen die Binde von den Augen reißen und ihnen darthun, wie sie durch -freundlichen Verkehr mit den Juden dem Untergange nahe seien. Zu diesem Zwecke stellte er die judenfeindlichen Stellen aus den Evangelien und Kirchenvätern zusammen, und was dort von Ketzern gesagt wird, wendete Amolo gleich Agobard ohne weiteres auf die Juden an, da sie noch schlimmer als Ketzer seien. Von getauften Juden, welche damals meistens ihren Abfall durch Verleumdung ihrer ehemaligen Glaubensgenossen beschönigen wollten, hatte er vernommen, daß die Juden die Apostel „Apostaten" nannten, und daß sie den Namen -Evangelien ans hebräisch gehässig umdeuteten; ferner die Juden hätten *) Os-pituls-ris. Osroli Oslvi bei lkougust rsousil 1. VII. in I>srt 2 auoiruiusutg. IsZss I. k>40. 2) Der Titel der Schrift lautet: Nbsbsui lllsuri srobispiseopi lüoAUirtii .sxistols ssu libsr soutrs. ckuckssos. Die Kritik hat aber festgestellt, daß dieses Sendschreiben nicht von Rhabanus Maurus, sondern von Amolo stammt, was auch aus dem Inhalte e. 43 unzweideutig hervorgeht, wo er auf Agobard, als seinen Vorgänger und Lehrer hinweist. Vergl. Adelung, Zusätze zu Jöcher's Gelehrtenlexicon Artikel Amolo. — — — Der "Eingang lautet: Ostsstsuäs ckuässoruru psrtickis gusutuva sit uoxis tickslibus — spuck ruultos iuosAuituru sst, uou soluva vulAsrss st, plsbsios, ssä stis.ru usbilss st bouorstos, äootos psritsr st iuäootos, st spuck sos rusxiius, iutsr czuos uulls. xrsskstoruiu ioüäsliuru lrs.bits.tio st trsgusutstio sst. Amolo. 225 die Weisung erhalten, überall im Morgen- und Abendlande, diesseit und jenseit des Meeres, nicht mehr den neunzehnten Psalm in den Synagogen zu singen, weil dieser deutlich und klar auf Jesus Hinweise*). Er wirft den Juden Blindheit vor, daß sie glauben, zwei Messiasse werden ihnen erscheinen. Der eine, vom Geschlechte David's, sei schon zur Zeit der Tempelzerstörung geboren und lebe in Rom unter einer abschreckenden Gestalt verborgen. Der andere Messias aus dem Stamme Ephraim werde gegen Gog und Magog Krieg führen, von ihnen aber getödtet und von ganz Israel beweint werden^). Gegen das Ende seines Sendschreibens bedauerte Amolo am meisten, daß das jüdische Volk in Frankreich Redefreiheit genoß, und daß viele Christen ihm anhänglich waren ^), und daß die Juden christliche Dienstleute halten durften, die in deren Häusern und Feldern arbeiteten. Auch er beklagt sich darüber, daß einige Christen es aussprachen, die jüdischen Kanzelredner predigten ihnen besser als die christlichen Presbyter, als wenn das die Schuld der Juden gewesen wäre, daß die Geistlichen nicht im Stande waren, ihr Publikum zn fesseln*). Auch das Ereigniß, daß der Geistliche und Edelmann Bodo zum Judenthum übertrat und das Christenthum gründlich haßte, machte Amolo den Juden zum Vorwurfs). Von jüdischen Ueberläufern will er gehört haben, daß jüdische Steuerpächter arme Christen so lange drückten, bis diese Christus verleugneten °), als wenn eine solche Unthat hätte verborgen bleiben können, bis sie Apostaten ans Tageslicht ziehen mußten. Er selbst, erzählt Amolo, habe nach dem Beispiele seines Lehrers und Vorgängers Agobard wiederholentlich in seinem Bisthume darauf gedrungen, daß die Christen sich von der jüdischen Gemeinschaft lossagen und sich nicht an deren Speise und Trank verunreinigen möchten, alle seine Thätigkeit sei aber unzulänglich. Daher forderte er sämmtliche Bischöfe des Landes auf, daß sie auf die frommen Christen einwirken mögen, die alten kanonischen Beschränkungen der Juden wieder einzuführen ^). Auch er zählte die Reihenfolge der judenfeindlichen ') Das. o. 2 — 10. 2) Diese agadische Sage tritt bei Amolo zuerst vollständig auf e. 12 —13, mährend sie sich literarisch erst zwei Jahrhunderte später im Buche Zerubabel (verf. um 1050) krystallisirt hat. Das. e. 41. Hnock sniin rnnltnna äolsnclnin sst st per llos iniinieos erweis Obristi, iiesntiosa iibsrtats, gnock volnnt agsntss st sient volnnt a^sntss — änrn inulti Oliristiani — contra, äsorsta eanonnrn ita in- äillsrsntsr sis aälrasrsnt nt inesssantsr sornrn eonjnnetn pollnantnr st ixsis ssrviant tava in äonaibns gnarn in aZris. *) Das. vergl. oben S. 208, Anmerkung 4. 5) Das. e. 42. °) Das. ') Das. e. 43. Graetz, Geschichte der Juden. V. 15 226 Geschichte der Juden. Fürsten und Concilien auf, welche die Erniedrigung der Juden zum Gesetze erhoben haben, ganz so wie es Agobard und die Mitglieder des Concils von Meaux gethan hatten. Amolo erinnert noch obendrein an den frommen westgothischen König Sisebut, welcher die Juden seines Reiches zum Christenthum gezwungen hat*). „Wir dürfen nicht," so schließt das gehässige Sendschreiben, „wir dürfen nicht durch unsere Zuvorkommenheit, Schmeichelei oder gar Vertheidigung die verdammten und ihre Verdammniß verkennenden Menschen (die Juden nämlich) sicher machen" ^). Für den Augenblick hatte Amolo's giftiges Sendschreiben eben so wenig Wirkung, wie Agobard's Anklage und der Concilbeschluß von Meaux gegen die Juden. Aber nach und nach verbreitete sich das Gift von der Geistlichkeit unter Volk und Fürsten. Die Auflösung Frankreichs in kleine, selbstständige Staaten, welche sich der Königlichen Lehnsherrschaft entzogen, trug dazu bei, daß die Juden dem Fanatismus der Geistlichen und der Tyrannei kleiner Fürsten preisgegeben waren. So weit ging die Verfolgungssucht des französischen Klerus, daß der jedesmalige Bischof von Beziers von Palmsonntag an bis zum zweiten Ostertag die Christen durch leidenschaftliche Predigten aufforderte, an den Juden dieser Stadt Rache zu nehmen für Jesu Kreuzigung. Die von der Passionspredigt fanatisirte Menge pflegte sich dann mit Steinen zu bewaffnen, die Juden zu überfallen und sie zu mißhandeln. Jahr aus Jahr ein wiederholte sich der Unfug, dem der Bischof jedesmal seinen Segen ertheilte. Oester setzten sich die Juden von Beziers zur Wehr, und dann gab es auf beiden Seiten blutige Köpfe ^). Diese unerhörte Barbarei dauerte mehrere Jahrhunderte. — Ein ähnlicher Unfug herrschte eine Zeit lang in Toulouse. Die Grafen dieser Stadt hatten das Recht, jährlich am Charfreitag dem Syndikus oder Vorsteher der jüdischen Gemeinde eine derbe Ohrfeige zu versetzen, sicherlich ebenfalls aus Rachenahme für Jesu Tod, nach der Vorschrift: Du sollst Deine Feinde lieben. Man erzählt, einst habe ein Kaplan, Namens Hugo sich ausgebeten, diese Ohrfeige ertheilen zu dürfen und Das. o. 44 ff. y Das. 60. Horuiuss usrugus xsrckitos et sus.ua xsräitiousru uou viäsutss (ick sst ipsos ckuässos) uou cksdsruus uostrls vlsuäitüs st säu- Istiouidus vsl (guoä odsit) ästsusiouidus rsäcksrs uasls ssouros. Dieser Passus scheint eine Pointe gegen einige Geistliche zu sein, welche den Juden Wohlwollen zeigten und sie in Schutz nahmen. 2) Ollrouios des Osutrsäus Volsiususis bei Lougust rsousil XII. 436 und Vsisstts llistoirs äs ImuZusäoa II. p. 485. Die Juden im Frankenreiche. 227 habe so derb zugeschlagen, daß der unglückliche Syndikus leblos zu Boden stürzte. Der Judenhaß, der eine Art Berechtigung für diese Unmenschlichkeit begründen wollte, erfand eine Fabel, die Juden hätten einst die Stadt Toulouse an die Mohammedaner verrathen oder ver- rathen wollen ^). Eine ebenso unwahre Erfindung ist es, daß die Juden die Stadt Bordeaux an die Normannen verrathen hätten. Später wurde die Ohrfeige in Toulouse in eine jährliche Geldleistung von Seiten der Juden verwandelt. Ludwig's des Frommen Urenkel, Ludwig II., Lothar's Sohn, ließ sich so sehr von Geistlichen umstricken, daß er, sobald er Selbstherrscher von Italien wurde (855), einen Concilbeschluß bestätigte, daß sämmtliche Juden Italiens das Land, welches ihre Vorfahren lange vor den eingewanderten Germanen und Langobarden bewohnten, verlassen sollten. Bis zum I. October desselben Jahres dürfe sich kein Jude in Italien blicken lassen. Jeder Betroffene dürfe vom Ersten Besten ergriffen und zur Strafe abgeliefert werden. Glücklicherweise für die Juden war der Beschluß unausführbar^). Denn Italien war damals in lauter kleine Gebiete zersplittert, deren Beherrscher dem Kaiser von Italien meistens den Gehorsam versagten. Mohammedaner machten häufige Einfälle ins Land und wurden öfter von christlichen Fürsten gegen einander oder gegen den Kaiser zu Hilfe gerufen. In dieser Anarchie fanden die Juden Schutz genug, und der Erlaß blieb wahrscheinlich auf dem Papier. — Eine örtliche Vertreibung der Juden fiel auch in Frankreich vor. Anseg isus, Erzbischof von Sens, welcher den Primat über sämmtliche gallische Geistliche hatte und der zweite Papst genannt wurde, vertrieb die Juden zugleich mit den Nonnen aus Sens^) sicherlich nach dem Tode Karl's (zwischen 877—882>. Den Grund dieser Verfolgung und deren Zusammenhang mit der Vertreibung der Nonnen, deutet die Chronik kaum an. Unter Karl's Nachfolgern, als die Macht des Königthums immer unbedeutender wurde und die Bigotterie der Fürsten zunahm, kam es so weit, daß der König Karl der Einfältige sämmtliche Ländereien und Weinberge der Juden im Herzogthum Narbonne aus übergroßem Eifer der Kirche von Narbonne schenkte (899, 914Z. All- mälig gewöhnten sich französische Fürsten an den Gedanken, daß der Schutz, den der Kaiser Karl der Große und noch mehr sein Sohn 1) Dergl. darüber Ousllssus ssriptorss Uramsoruna III. 430, Usugust, rsousil IX. 116. llistoirs äs UanAnsäss II. 151. 2) I>srt 2 wonnrasräs, lsgss I. p. 137. OllrolliooL bei Lougusb rsonstl VIII. 237. Die Aktenstücke darüber bei Lougast. Das. IX. 480, 521. 15« 228 Geschichte der Juden. Ludwig den Juden gewährte, eine Verpflichtung für dieselben enthalte, d. h. daß sie Schützlinge der Machthaber seien und deren Vermögen und Personen den Fürsten angehörten. Wenigstens liegt dieser Gedanke dem Aktenstücke zu Grunde, wodurch der Usurpator Boso, König von Burgund und der Provence, der von Geistlichen umgeben war, die Juden der Kirche schenkte fl, d. h. über sie gewissermaßen wie über Leibeigene verfügte. Sein Sohn Ludwig bestätigte diese Schenkung (920). Dieser Zustand der willkürlichen Behandlung der Juden hörte erst mit der Regierung der Capetinger auf. Wie im Westen Europas, so fielen die Juden im Osten dieses Erdtheils, im byzantinischen Reiche, einem traurigen Geschicke anheim. Ungeachtet der Zwangstaufe und der Verfolgung von Seiten des Kaisers Leo, des Jsauriers (o. S. 155), waren die Juden wieder im ganzen byzantinischen Reiche und namentlich in Kleinasien und Griechenland verbreitet. Unter welchen Kaisern sie die Erlaubniß erhielten, das Jndenthum wieder zu bekennen, ist nicht bekannt, vielleicht unter der Kaiserin Irene, welche durch ihre Verbindung mit Karl dem Großen nicht so engherzig wie ihre Vorgänger war. Manche Juden Griechenlands beschäftigten sich mit Seidenraupenzucht, mit Pflanzung von Maulbeerbäumen und Seidenspinnerei fl. Sie hatten von Alters her einen Brauch, die Seidenraupen nur an Feiertagen, aber- nicht am Sabbat zu füttern, fragten einst bei einem Gaon an, wie es damit zu halten sei, und erhielten den Bescheid, daß es auch am Sabbat gestattet sei (um 840). Allen den Beschränkungen der frühern Kaiser waren die griechischen Juden übrigens unterworfen und durften eben so wenig zu einem Amte zugelassen werden wie die Heiden und Ketzer, „damit sie aufs Aeußerste erniedrigt erscheinen fl." Nur Religionsfreiheit war ihnen gestattet. Da gelangte Basilius der Macedonier auf den Thron, nachdem er seinen Vorgänger Michael aus dem Wege geräumt hatte. Basilius fl Rougusb rseusil LI. Obsrts zum Jahre 920. fl Daß die Juden Seidenzucht in Griechenland betrieben haben, folgt daraus, daß König Roger von Sicilien sie aus Griechenland nach Italien verpflanzte, um dort diesen Zweig der Industrie anzubauen; bei Rsrb-i mouu- rusuts. V. 192, Benjamin von Tudela berichtet, daß die Juden von Theben diese Kunst betrieben: sä. ^.ollsr x. 16. Außerhalb Griechenlands konnte die Seidenzucht wegen Mangel an Maulbeerbäumen nicht gepflegt werden. Die, Anfrage der Juden an den Gaon R' Mathatia in Lssx. dsoiürn Lc>. 280 (8elissis Ds8eluilis.li) zwischen 860 — 869 in Betreff der Bienenzucht konnte daher nur von griechischen Juden ausgegangen sein. fl IiSAUni oomxöuäisiius bei Dsuuelav su8 drs.6eo-Roiug.iunu II. 97: Juden im byzantinischen Reiche. 229 gehörte nicht zu den verworfensten byzantinischen Herrschern, er war der Gerechtigkeit und Milde nicht ganz verschlossen. Aber er war darauf versessen, die Juden zum Christenthum herüber zu ziehen. Er veranstaltete daher Religionsdisputationen zwischen jüdischen und christlichen Geistlichen und decrctirte, daß jene entweder ihre Religion bis zur Unwiderleglichkeit beweisen oder eingestehen sollten, „daß Jesus der Gipfelpunkt des Gesetzes und der Propheten sei". Da aber Basilius voranssah, daß die Inden schwerlich durch Disputationen von der Wahrheit des Christenthums überzeugt werden dürften, versprach er denen, welche zur Bekehrung sich geneigt zeigen würden, Ehrenstellen und Würden Z. Was den Widerstrebenden widerfahren sollte, verschweigen die Quellen, sicherlich harte Verfolgung. Eine unverbürgte Nachricht erzählt, ein Kaiser Basilius habe über die Gemeinden des griechischen Reiches so starke Verfolgungen verhängt, daß mehr als tausend derselben anfgerieben worden seien, und ein hebräischer Dichter, Schefatia, habe fünf derselben dadurch gerettet, daß er dessen verrückte Tochter geheilt"). Durch Aussicht auf Belohnung allein hätten die Inden sich schwerlich für das Christenthum gewinnen lassen, wenn nicht die Drohung mit Tod oder dem Elend des Exils Nachdruck gegeben hätte. Viele Inden gingen bei dieser Gelegenheit zum Christenthum über oder thaten so, als wenn sie gläubig geworden wären. Kaum aber war Basilius gestorben (886), so warfen sie hier wie in Spanien und Frankreich und überall, wo es ihnen der Zwang aufgelegt hatte, die Maske ab^) und wandten sich wieder der Religion zu, der ihr Herz auch nicht einen Augenblick untreu geworden war. Sie hatten sich aber verrechnet. Basilius' Sohn und Nachfolger. Leo der Philosoph genannt — ein damals von der Schmeichelei billig ertheilter Titel — übertraf noch seinen Vater an Härte. Leo erließ ein Gesetz, welches die früheren Bestimmungen in den alten Gesetzessammlungen in Betreff der Religionsfreiheit der Inden anfhob und verschärfte, daß die Juden nur nach christlicher Vorschrift leben sollten, und derjenige, welcher in die jüdischen Bräuche und Denkungsart zn- rückfiel, sollte als ein Abtrünniger, d. h. mit dem Tode bestraft werden 9 Iisonis novellas oonsbitmtionss in Kriegel's Ausgabe des oorpus juris R. III. x>. 798 § 55; lltisopllanss oorNinuaims p. 341: Lyrason rns.Aisbsr ibiä. 690; Llsorgins rnouaobus ibiä. 842; Osärsaus oooaxisii- äium 241 f. 2) Alter Machsor-Commentar zum Pismon: Israel Hoselia,'; vergl. Zunz synagogale Poesie S. 170. Wenn Zunz diese Sage auf Basilius II. bezieht, so ist das ungerechtfertigt, da von diesem keine Judenverfolgung bekannt ist, wohl aber von Basilius Macedo. 2) Rbsoxlaanss eontilluabus a. a. O. 230 Geschichte der Juden. (um 900Z. Indessen fanden sie sich nach dem Ableben dieses Kaisers, wie nach Leo dem Jsaurier, wieder im byzantinischen Reiche ein^). Auch in den Ländern des Chalifats, namentlich in Babylonien (Irak), wo der Herzschlag des jüdischen Stammkörpers war, büßten die Juden nach und nach die günstige Stellung ein, die sie vorher eingenommen hatten, obwohl die Unduldsamkeit der mohammedanischen Machthaber lange nicht so hart wie die der christlichen war. Aber auch hier waren sie der Willkür Preisgegeben, seitdem die Chalifen ihre Machtvollkommenheit den Wesiren überließen und sich selbst zur Ohnmacht verdammten. Die Chalifen nach Almamun wurden immer mehr der Spielball ehrgeiziger und habsüchtiger Minister und Militärobersten, und die morgenländischen Juden mußten öfter die Gunst der Herren des Augenblicks theuer erkaufen Der Chalife Almutawakkil, Almamun's dritter Nachfolger, erneuerte wieder die Omar'schen Gesetze gegen Juden, Cbristen und Magier, zwang sie eine Absonderung bezeichnende Kleidung zu tragen — gelbe Tücher über ihren Anzug und eine dicke Schnur statt des Gürtels — ließ Synagogen und Kirchen in Moscheen verwandeln und verbot den Mohammedanern, Juden und Christen Unterricht zu ertheilen, und sie zu Aemtern zuzulassen (849 —56 6). Bon ihren Häusern mußten sie den zehnten Theil des Werthes an den Chalifen zahlen und durften nach einer späteren Verordnung nicht auf Pferden reiten, sondern nur auf Eseln oder Mauleseln (853-54). Die Exilsfürsten hatten ihre Bedeutung verloren, seitdem der Chalife Almamun jenes Gesetz erließ, daß sie nicht mehr von oben anerkannt und unterstützt werden sollten (o. S. l97), und noch mehr durch Mutawakkil's Fanatismus. Sie hörten mit der Zeit auf, öffentliche Würdenträger mit einer gewissen politischen Macht- befugniß zu sein, deren Befehle von den Glaubensgenossen streng befolgt werden müßten. Ans die Anerkennung von Außen mußten sie Verzicht leisten und sich mit der Stellung begnügen, die ihnen die Gemeinden aus alten, liebgewonnenen Erinnerungen einräumten. Die strenge Unterordnung unter dieselben war aufgelöst. Die Namen der auf einanderfolgenden Exilarchen sind daher wegen ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit für eine geraume Zeit ganz unbekannt geblieben. Je mehr das Exilarchat sank, desto mehr hob sich das Ansehen der pumbaditanischen Hochschule, weil sie der Hauptstadt des Chali- ') Usouis irovsllas a. a. O. °) Folgt daraus, daß Sabbathai Donnolo um 950 Leibarzt des byzantinischen Exilarchen war, und daß Constantin um 1026 in einem Streit zwischen einem getauften Juden und seinen ehemaligen Glaubensgenossen eine billige Eidesformel vorschrieb (Usunolav jus Crasc:o-Ilorag.iiurll D I. x. 118—120). ") Quellen bei Weil Chalifen II. 3S3 f. Die Pumbaditanische Hochschule. 231 sats Bagdad nahe war. und deren jüdische Gemeinde, welche einflußreiche Mitglieder zählte, zu ihrer Gerichtsbarkeit gehörte. Pumbadita erhob sich zunächst aus der untergeordneten Stellung, die sie sich bis dahin hatte gefallen lassen müssen. Sie stellte sich mit der Schwesterakademie von Sura auf gleichen Fuß, und ihre Schulhäupter nahmen ebenfalls den Titel Gaon an. Dann entzog sie sich der Abhängigkeit von dem Exilarchate. Während früher das Schulhaupt und das Collegium von Pumbadita sich zur Huldigung des Exilarchen einmal des Jahres zum Aufenthaltsorte desselben begeben mußten, stellten sie solches nach der Zeit des Exilsfürsten David b. Jehuda ein. Wollte das Oberhaupt der Exulanten eine öffentliche Versammlung halten, so mußte es sich nach Pumbadita begeben^). Wahrscheinlich ging diese Erhebung oder Ueberhebung der pumbaditanischen Hochschule von dem Schulhaupte Paltoj b. Abaji aus (fungirte 842 bis 58), der die Reihenfolge der bedeutenden Gaonen eröffnet und den Bann sehr gehandhabt wissen wollte"). In Sura wurde nach der zweijährigen Vakanz des Gaonats so. S. 199) Mar Kohen- Zedek 1. b. Abimai erwählt (fungirte 839—49), von dem sehr viele gutachtliche Bescheide ausgingen, und der zuerst eine Gebetordnung (Siääur) angelegt hat^). Sein Nachfolger Mar Sar-Schalom b. Boas (849—59), ebenfalls Zeitgenosse Paltoj's, hat seinerseits die Rechtsgutachten-Literatur bereichert. Einer seiner Bescheide bezeugt die tiefe Sittlichkeit, von welcher die Träger des talmudischen Judenthums durchdrungen waren. Auf eine Anfrage, ob ein Jude einen Raub an einem Nichtjuden begehen dürfe, wo es ohne üblen Ruf für die Bekenner des Judenthums ausgeführt werden kann, erwiderte Mar Sar-Schalom mit vieler Entrüstung, daß es nach talmudischen Grundsätzen streng verpönt sei. Man dürfe Nichtjuden ebenso wie Juden auch nicht mit einem Worte täuschen oder durch den Schein von Gefälligkeit für sich einnehmen wollen. Dagegen war auch er in dem Dämonenglauben seiner Zeit befangen, daß böse Geister sich an Jeden heften, der eine Leiche zur Grabstätte begleitet ^). Streitigkeiten um die Nachfolge in der Gaonwürde blieben auch in dieser Zeit nicht aus, obwohl die Exilsfürsten schwerlich dabei ihr Gewicht geltend machen konnten. Nach Paltoj — da sein unmittelbarer Nachfolger 5) nur sechs Monate fungirte — brach in der pum- h Scherira Sendschreiben, vergl. Note 12, 6 und Note 13. 2) L-sspoiiss. Os-onira 8obs.ars 2s6sk p. 75. Note 14. H Jbn-Giat in dessen Ha-lasbot. Lssponss, Oo-omin 8sbaa,rs 2s6.sk p 29 b. No. 6; 21b. No. 20.s H Achat Kahana b. Mar. baditanischen Hochschule eine Spaltung um die Besetzung der Vakanz aus. Ein Theil des Collegiums war für Me nahem, den Sohn jenes Joseph b. Chija, der auf seine Würde Verzicht geleistet hatte (o. S. 198), wahrscheinlich aus Rücksicht für seinen edlen Vater. Ein anderer Theil stellte einen Gegen-Gaon an Mar-Mathatia auf; wahrscheinlich wegen seiner bedeutenden talmudischen Gelehrsamkeit, denn er wird von den Nachfolgern als eine Autorität in diesem Fache angesehen ^). Die Spaltung dauerte anderthalb Jahre (858 bis 60), bis Menahem's Tod. Dann schlossen sich die ihm zugethanen Mitglieder der Hochschule ebenfalls Mar-Mathatia an und er fungirte in Frieden beinahe zehn Jahre (860—69^). Sein zeitgenössischer Neben-Gaon von Sura R'National II. b. Hilal (859—69) führte eine fruchtbare Correspondenz mit den Gemeinden des Auslandes und war der Erste — so viel bekannt ist — der sich dabei der arabischen Sprache bedient hat^), während seine Vorgänger ihre Sendschreiben in dem Gemisch von Hebräisch und Chaldäisch abfaßten. National korrespondirte auch mit der jüdisch-spanischen Gemeinde von Lucena^), die sicherlich das Arabische besser verstanden hat als das Hebräische. Eine mystische Sage erzählt von Natronal, er sei.auf wunderbare Weise durch Ueberspringen des Raumes von Babylonien nach Spanien gekommen, habe dort den Talmud gelehrt und sei auf dieselbe Weise wieder zurückgekehrt''). — Er hatte noch den ganzen Ingrimm gegen die Karäer und deren Stifter, wie die Gaonen in der ersten Zeit dieser Sccte, „weil sie die Worte der talmudischen Weisen verspotten und verachten und sich einen eigenen willkürlichen Talmud zusammengestellt haben?)." Sein Jünger und Nachfolger Mar-Amram b. Scheschna (869—81), hat eben so viele gutachtliche Bescheide wie sein Vorgänger ausgestellt, wie er denn überhaupt Mar-Natronal als Autorität verehrte und in dessen Fußtapfen wandelte. Mar-Amram ist der Begründer der liturgischen Gebetordnung für die europäischen Gemeinden. Auf eine Anfrage einer spanischen Gemeinde unter Vermittelung ihres religiösen Führers R'Jsaak b. Schimeon stellte er Alles zusammen, was die talmudische Satzung und der Brauch in den Hochschulen über Gebete und Gottesdienst festgestellt hatten (8iääur -) Das. S. 87. Ans. No. 17. 94 s.. No. 5. 2) Scherira Sendschreiben. 2) Nsspouss Os.ou.irn das. x. 27 No. 38. Liääur des Mar-Amram sä. 'lVsrsolrsu ^.ul. b) Vergl. Lsvus äss Dt. j. V. p. 218. Geiger's Zeitschrift II. S. 305. 6) Lsspousuru R' Hal im Sammelwerke Nss'iu Dslcsuiru p. 55. Liääur des Mar-Amram S. 13, 38. Die Gaonen. 233 R'^wraw, ckssoä da-amrami^). Mar-Amram stellte wie sein Vorgänger die Fassung der Gebete, wie sie sich im Laufe der Zeit ausgebildet hat, als unverbrüchliche Norm hin: wer davon abweicht, soll als Ketzer betrachtet und aus der Gemeinschaft Israels ausgeschlossen werden^). Nur die poetanischen Zusätze zu den Festgebeten waren zu Mar- Amram's Zeit noch nicht im allgemeinen Gebrauche, und er stellte die Auswahl dem Belieben anheim. Mährend Mar- Amram's Gaonat fungirten in Pumbadita zwei Schulhäupter nach einander: Rabba b. Ami (869—72), von dem nichts weiter bekannt ist, und Mar-Zemach I. b. Paltoj (872—90), welcher die Reihe der schriftstellerischen Gaonen eröffnet. Bis dahin hatten sich die Leiter der Hochschulen nur mit Auslegung des Talmud, mit der Regulirung der inner» Angelegenheiten und mit Beantwortung gutachtlicher Anfragen beschäftigt. Allenfalls sammelte der Eine oder der Andere derselben agadische Aussprüche zu einem Sammelwerke. Zu schriftstellerischer Thätigkeit hatten sie entweder keine Muße, oder keine Veranlassung, oder keinen Beruf. Als aber der Eifer für das Talmudstudium immer mehr in den Gemeinden Egyptens, Afrikas, Spaniens und Frankreichs erwachte, die auswärtigen Talmudbeflissenen aber jeden Augenblick auf Dunkelheiten und Schwierigkeiten in dem Weitschichtigen und nicht selten räthselhaften Talmud stießen, sie sich öfter an die Hochschulen um Erklärung und Lösung von Fragen wendeten und die Anfragen immer mehr ein theoretisches Interesse bekundeten, sahen sich die Gaonen genöthigt, statt einfacher, kurzer Bescheide, eingehende Schriften über gewisse Partieen des Talmud abzufassen, um sie den Beflissenen als Leitfaden an die Hand zu geben. Der Gaon Zemach b. Paltoj von Pumbadita stellte eine alphabetische Erklärung dunkler Wörter im Talmud (geschichtlichen, ono- mastischen und antiquarischen Inhalts) zusammen unter dem Titel: Aruch, ein talmudischcs Lexikon^), worin er auch Bekanntschaft mit der persischen Sprache zeigte. Diese Worterklärung bildet den ersten Keim zu dem immer mehr, auwachsenden Fache der talmudischen Lexikographie. Der zweite gaonäische Schriftsteller ist Nachschon b. Zadok von Z Ueber Mar-Amram's Funktionsdauer s. Note 19 Anm. Seine Gebetordnung, gedruckt Warschau 1865, hat viele jüngere Bestandtheile. 2) Jbn-Jarchi Manhig 82b. Simon Duran llssxonsa Theillll. No. 290 3) Bruchstücks aus diesem Aruch des R' Zemach sind zusammengestellt von Rapoport: Biographie des Nathan Romi Noten Nr. 24 und Zusätze S. 81 Sie lassen sich durch die neue Edition des Zochasin von Filipowski noch vermehren. 234 Geschichte der Juden. Sura (881—89), Zemach's Zeitgenosse. Auch er schrieb Erklärungen über dunkle Stellen im Talmud, aber nicht in alphabetischer Ordnung, sondern zu den Traktaten*). Berühmt hat sich Nachschon gemacht durch das Auffindeu eines Schlüssels zum jüdischen Kalenderwesen, daß nämlich die Jahresordnung und die Feste sich nach einem Kreislauf von 247 Jahren wiederholen, und daß demnach die Jahresformen unter vierzehn Rubriken gereiht werden können. Dieser Schlüssel ist bekannt unter dem Namen Cyklus des R'Nachschon (lAgul äi R'Lavbsobon 2). Wahrscheinlich ist auch dieser Nachschon Verfasser der Chronologie der talmudischen und saburäischen Epoche unter dem Titel: „Reihenfolge der Tanaim und Amoraim" (8eäsr Tanaim rv'^moraim), verfaßt 884 oder 87 ^). Der chronologische Theil ist indessen in dieser Schrift Nebensache, der Hauptzweck derselben ist, Regeln anzugeben, wie aus der talmudischen Diskussion Resultate für die Praxis erzielt werden können. Der dritte Schriftsteller aus dieser Zeit war R'Simon aus Kahira oder Misr in Egypten, der zwar kein officieller Würdenträger der babylonischen Hochschulen war, aber als Zuhörer derselben im Stande war, ein Compendium über den ganzen Kreis des Rituellen und Religiösen zu verfassen (um 900*). Dieses Werk hat den Titel: die großen Halachot (Lataobot goäolot) und sollte eine Ergänzung zu R'Jehudai's ähnlichen Leistungen sein (o. S. 174). Aber der Verfasser war nicht im Stande den reichen, verschiedenartigen Stoff zu bewältigen und übersichtlich zu ordnen. Seine Arbeit ist weder erschöpfend noch abgerundet. R'Simon aus Kahira war einer der ersten, der die traditionelle Zahl von 365 Verboten und 248 Geboten vollständig aufzuzählen versuchte, hat aber dabei manche *) Lssxonsa Laonim sä. Oasssl Anfang und Ende vergl. Rapoports' Einleitung dazu. 2) Gedruckt zusammen mit -irw ri-iuir von Joseph den Schemtob ben Josua, 152t. Vergl. darüber LoaU^sr äs smsnäabions tsmporum II. und 132 ff. und Lrurrmtäo Oalsnäario Lbrai'oo psr vsntä sseoli. Padua 18-18. 2) Die Zeit der Abfassung spricht entweder fiirZemach oder Nachschon, da aber der Vers ein Suraner war, so scheint das Lsäsr Tanaim Nachschon anzugehören, wenn es überhaupt von einem Gaon stammt. Es wurde edirt von Luzzatto 1839 in Lsrsm Obsmsä IV. 184 ff. 4) Vergl. darüber Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1858. S. 217 f. und Jahrg. 1882 S. 472, die Lai. Lsäolot werden zuerst von Saadia citirt; das Citat bei b. Koraisch ist interpolirt, da derselbe Karäer .war (wie die Kritik festgestellt hat). Gedruckt ist das Werk Venedig 1550, Wien 1810. (Gegen das Karäerthum von b. Koraisch vergl. sirankel's Monatsschrift Jahrg. 1881, S. 470 - 473 und Jahrg. 1882, S. 13. (Vergl. auch S. 472 — 475 über La- lasbot Lsäolot) (H.)j. Halachot Gedolot und Josippon. 235 Mißgriffe gemacht Z. In der Einleitung zu diesem Werke behauptet er die Wichtigkeit der Tradition, wahrscheinlich den Karäern gegenüber. Dieses Werk wurde eine Fundgrube für die Späteren, wurde aber von den Gaonen nicht besonders geachtet. — Auch ein geschichtliches Sammelwerk entstand in dieser Zeit; die Geschichte der nach- exilischen Epoche bis auf den Untergang des Tempels hat ein Unbekannter in arabischer Sprache theils aus Josephus und den Apokryphen und theils aus Sagen zusammengetragen. Dieses Geschichtswerk führt den Titel: Geschichte der Makkabäer oder Josef b. Gorion (Dariob al Naülrabaio, üussuk Um 6'orxon), arabisches Makkabäerbuch 2 ). Später hat es ein italienischer Jude mit Zusätzen in die hebräische Sprache mit vieler Sprachgewandtheit übertragen, und diese Ueberarbeitung ist verbreitet unter dem Titel Josippon (Pseudojosephus). Dieses Werk hat bei der Unkenntniß der urkundlichen Quellen der ältern jüdischen Geschichte viel beigetragen, die Aufmerksamkeit der Juden auf ihre glorreiche Vorzeit zu erwecken. Die schriftstellerische Thätigkeit der officiellen Vertreter des Judenthums an den beiden Hochschulen bewegte sich innerhalb des talmu- tuschen Kreises. Von wissenschaftlicher Forschung hatten sie keine Ahnung, mochten sie wohl als Hinneigung zum Karäerthum verketzern. Aber außerhalb des Gaonats in Egypten und Kairuan regte sich ein Drang nach Wissenschaft unter den Rabbaniten, Anfangs schwach, aber mit jedem Jahre immer höher anschwellend, als fühlten die rabbanitischen Denker, daß, so lange das talmudische Judenthum in wissensfeiudlicher Abgeschlossenheit verharrt, es gegen das Karäerthum nicht Stand halten könne. Textgemäße Auslegung der heiligen Schrift (Exegese) und hebräische Sprachkunde waren die Fächer, welche die Karäer anbauten, und eine Art Philosophie zogen sie mit hinein, wenn auch nur als Hilfswissenschaft. Auf diesem Gebiete traten gegen Ende des neunten Jahrhunderts einige Rabbaniten einen Wettlauf mit ihnen an. In Egypten verfolgte die wissenschaftliche Richtung ein sonst unbekannter Mann Namens Abu-Kethir, Lehrer des später berühmt gewordenen Saadia. Abu-Kethir führte in Palästina *) Maimuni Einleitung zu 8stsr ba - -) Es ist zum Theil in der Polyglotte unter dem Titel arabisches Makkabäerbuch abgedruckt, aber vollständiger bis auf Titus' Zeit herabreichend in zwei bodleyanischen Handschriften vorhanden (Dri Katalog Nr. 782, 829). Dunasch b. Tamim kennt schon Manches aus diesem Werke (Munk, dlobios sur ^.boulrvalick 54. 2). Daher muß es vor ihm verfaßt sein (v or955). Den hebräischen Josippon konnte Dunasch nicht kennen. 236 Geschichte der Juden. wissenschaftliche Unterredungen mit dem bedeutendsten arabischen Geschichtsschreiber MaßudiZ. Einen bedeutenden Namen hat Isaak b. Suleiman (Salomos Israeli (geb. um 845, st. 940), als Arzt, Philosoph und hebräischer Sprachforscher. Isaak Israeli stammte aus Egypten und wurde von dem letzten aghlabitischen Fürsten Ziadeth-Allah als Leibarzt nach Kairuan berufen (um 904). Dieser Fürst hatte Freude an Possenreißerei und sophistischen Disputationen und hielt sich zu diesem Zwecke einen Griechen, Jbn-Hubaisch, der eine Fertigkeit in der hohlen Sophisterei seiner Landsleute hatte. Als er einst durch Zungendrescherei den jüdischen Leibarzt in Gegenwart des Fürsten in Verlegenheit bringen wollte, dieser ihm aber Schlag auf Schlag ent- gegnete und ihn zum Schweigen brachte, kam Isaak in besondere Gunst des Ziadeth-Allah. Als der Gründer der fatimidischen Dynastie, Ubaid-Allah, der messianische Imam (Almahdi, welcher der Sohn einer Jüdin gewesen sein soll), den Aghlabiten - Fürsten besiegte und ein großes Reich in Afrika gründete, trat Isaak Israeli in seine Dienste und genoß seine volle Gunst (909 — 933). Er hatte einen bedeutenden Ruf als Arzt, und ein Kreis von Zuhörern sammelte sich um ihn. Auf den Wunsch des Chalifen Ubaid-Allah schrieb er acht Werke über Medicin, von denen das beste, nach dem Urtheil von Sachverständigen, das über die Fieber sein soll. Der Verfasser war auch am meisten stolz darauf. Er war nämlich nie verheirathet, und als ihm seine Freunde wegen seiner Kinderlosigkeit tadelten, daß sein Name mit ihm aussterben würde, erwiderte er: seine Leistung über die Fieber werde mehr als Nachkommen seinen Namen verewigen ^). Und er hatte es richtig geahnt. Seine medicinischen Schriften wurden später ins Hebräische, Lateinische und zum Theil ins Spanische übersetzt und von Heilkünstlern mit vielem Eifer studirt. Ein christlicher Arzt, der Gründer der Salerner medicinischen Schule, beutete Jsraeli's Werke aus und eignete sich einige seiner Schriften als Plagiator an^). 9 Maßudi bei äs 8s.oz- Ollrsstoinabllis s-rabs I. 340. 51: „Es hörte Said der Fajumite bei Abuh-Kethir:" 2 mo > 2 »» >urs 28 — -vpv 82 p 2 p n»::. Dazu äs 8aoz?: ^^.bon-Xsbllir, äootsur just, avso lsgusl Nassnät avsäb sontsnn äs8 oontrovsrsss sn Ualssttns." 2) Jbn-Abi Osaibia bei äs 8ae^, Abdelatif. 43 ff. Sanach Jbn-Saad Alkortobi bei Abraham b. Chasda'i Einleitung zu seiner Usbersetzung eines Werkes von Isaak Israeli, mitgetheilt Orient. Literbl. Jahrg. 1843, S. 231; Jahrg. 1849 S. 657 f.; Onrvaol^ lltstoirs äs insäsoins snits p. 384. 2s Sieben seiner Werke sind in lateinischer Sprache übersetzt vorhanden unter dem Titel: Opsrs, Isaet l^on 1515. Der lateinische llebersetzer war der Mönch Constantin aus Charthago st. 1087, dem der Herausgeber vorivirft, ein Plagiat an Israel: begangen zu haben. Isaak Israeli. 237 Als Arzt und medicinischer Schriftsteller war Isaak Israeli bedeutend und trug zur Entwickelung der Arzneiwissenschaft Manches bei; als Philosoph aber hat er nicht viel geleistet. Seine Schrift über die „Begriffsbestimmungen und Beschreibungen" zeigt lediglich den Eingang zum geheimnißvollen Tempel der Philosophie. Er verfaßte auch einen philosophischen Commentar zu dem Schöpfungskapitel in der Genesis (von dem noch ein Bruchstück vorhanden ist), aber mehr um Naturgeschichtliches und Philosophisches weitschweifig auseinanderzusetzen, als um den Sinn der Schrift zu ergründen 2). Auch mit hebräischer Sprachforschung scheint er sich beschäftigt zu haben, aber eben nur obenhin^). Seine Vorträge wirkten indeß eindringlicher als seine Schriften auf seine Zuhörer ein. Er bildete zwei Jünger aus, einen mohammedanischen Abu-G'afar Jbn-Algezzar, der auf dem Gebiete der Arzneikunde als eine Autorität anerkannt wird^), und einen jüdischen, Dunasch b. Tamim, der im Geiste seines Meisters weiter wirkte. Isaak Israeli wurde über ein Jahrhundert alt und überlebte noch seinen Gönner, den Chalifen Ubaid-Allah, der sich den Tod zugezogen, weil er auf den Rath seines jüdischen Leibarztes nicht hören wollte. Als Isaak Israeli ins Grab stieg (um 940^), war unter den rabbanitischen i) Nur noch in schlechter lateinischer Uebersetzung vorhanden in der Sammlung oxers. omräs.. Maimuni's hartes Urtheil über I. Israeli als Philosoph (Briefsammlung sä. ^.rnst. 14b) ist gerecht. ff Jbn-Esra Einleitung zum Pentateuchcommentar. Ein Bruchstück daraus hat Senior Sachs mitgetheilt Orient. Jahrg. 1850, Nr. 11. Jsaak's weitläufiger Commentar zum ersten Kapitel der Genesis hieß ksrusob oder auch 8sksr ässirsb, und daraus entstand der Jrrthum, derselbe habe einen Commentar zum Buche Jezirah geschrieben: vergl. S. Sachs Lsrsva sbsrusä Jahrg. 1853. S. 67. Auch Menahem b. Saruk nennt die ersten Kapitel der Genesis 8stsr äsLirot (sä. b'ilixorvski S. I6a). Der Commentar znm Buche Jez., welcher in so verschiedenen Uebersetzungen vorhanden ist, gehört weder Isaak Israeli, noch Jakob b. Nissim an, sondern Dunasch b. Tamim, wie Munk in nobivs sur ^.boulvvsllä x. 44 ff. mit Recht, aber nicht entschieden genug aufgestellt hat. ff Folgt aus Dunasch b. Tamim's Jezirah-Commentar, Fragment bei Dukes I^onbrss bavasssorsbb (Tübingen 1846) S. 9 Note und S. 73. 'ff Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Aerzte Nr. 120. ff Jbn-Abi Osaibia (bei äs 8s.o^ a. a. O.) giebt an, Isaak Israeli ist über 100 Jahre alt geworden und gestorben gegen 320 der Hegira — 932 Said Jbn-Saad Alkortobi (o. S. 236 Anm. 2) dagegen setzt seinen Tod 330 der Hegira. Die Differenz liegt in der Verwechselbarkeit der arabischen Zahlzeichen 20 und 30. Welche Zahl die richtige ist, entscheidet eine ältere Quelle des Tarich des Jbn-Hamad, welches erzählt, Isaak Israeli habe den Chalifen Obaid-Allah überlebt und ihm vergeblich abgerathen, ein Brechmittel zu nehmen. 238 Geschichte der Juden. Juden durch das Beispiel einer bedeutenden Persönlichkeit die Bahn für eine wissenschaftliche Richtung bereits vorgezeichnet, welche die künftigen Geschlechter durchlaufen sollten. Während die Rabbaniten erst den Versuch machten, eine wissenschaftliche Richtung einzuschlagen, tummelten sich die Karäer auf der breitgetretenen Bahn der mutazilitischen Philosophie, ohne jedoch einen neuen fruchtbaren Gedanken aufzustellen; sie klebten an trockenen Formeln. In kaum znrückgelegter Jugend zeigte das Karäerthum schon die Spuren vollendeten Alters. Der Bibelforschung, verbunden mit Sprachwissenschaft, wendete es alle Sorgfalt zu, aber auch hierin machte es keinen Fortschritt. Es sind daher nur Namen und einige bedeutungslose Aussprüche von Karäern dieses Zeitabschnittes bekannt Z. Jn der Stammgemeinde des Karäerthums, in Jerusalem, nahm dasselbe einen büßermäßigen, asketischen, mönchischen Charakter an Sechzig Karäer aus Nah' und Fern thaten sich zusammen, verließen ihr Hab und Gut und ihre Familie, lebten gemeinschaftlich, enthielten sich von Wein und Fleisch, trugen ärmliche Kleidung, fasteten und beteten. Dieses Büßerleben führten sie, um die Erlösung Jsrael's herbeizuführen. Sie nannten sich die „Trauernden um Zion und Jerusalem" (^.belä 2iou). Jeder von ihnen setzte zu seiner Namens Unterschrift die Bezeichnung „der Trauernde" (b»-^bäl) hinzu. Ent weder sie selbst oder die übrigen Karäer, welche deren übertriebene Frömmigkeit bewunderten, wendeten auf diese sechszig Büßer den (Mitgetheilt von Ollsrbouusau äourual ssiatigus 1855 Llai—äuui 541): La, uaort (ä'0böiä-^.11ali) tut, oausss par uns xotiou äs oolebigus öxbs- rusrs. Hu juck, uoruius Isaas, 1'su äissuaäait su lui äisaut gus, axrss Is rsxos gus es brsuva^s lut xrooursrs.it. Iss äoulsurs äsvaisut isäoublsr st I'sruxortsr au toiubsau. II rslusa äs Is eroirs — st lg, ruort sueoeäs, auealius gu'tl avait obtsuu. Nun starb Ubaid-Allah 322 der Hegira — 934 — 35. Folglich kann die Zahl 32V nicht richtig sein, sondern 330 ist vorzuziehen. Wenn Munk aus arabischen Historikern, Jbn-Alathir, Jbn- Khaldun, und anderen die Nachricht heranzieht, daß Isaak Israeli noch den Tod des dritten fatimidischen Chalifen Jsmael Almansur (st. 341 Hg. — 953) überlebt hat iHoties das. S. 44), so beruht das auf einer Verwechselung zweie ähnlichen Thatsachen. — Denn auch Jsmael-Almansur starb aus Ungehorsam gegen seinen jüdischen Arzt. Jbn-Khaldun übersetzt von äs Linus: kckausour s'sxxosa Is, usiM st sutrs. au baiu soutrs 1'avis äs sou rusäieiu Isaao Ibu Lulsiiuau al Israslt. Aber der Leibarzt des Chalifen Jsmael Almansur war Dunasch b. Tamim, der ihm ein Werk über Astronomie gewidmet. Offenbar haben Jbn-Alathir und Andere den Meister mit dem Jünger verwechselt. Isaak Israeli starb demnach nach Ubaid-Allah, und lebte nicht mehr zur Zeit Jsmael's. ') Vergl. über alle diese Punkte die interessanten Urkunden in Pinsker's lüüleuts Laäruouiot. Die Trauernden um Zion. 239 Vers an: „das Bett Salomo's ist von sechszig Helden umgeben", (hohes Lied) und noch andere Verse, die sie symbolisch verdrehten, um sie Passend zu machen*). Die sechszig Büßer in Jerusalem scheinen eine Autorität und ein einigendes Band für die zerfahrenen karäischen Gemeinden gewesen zu sein. Ihre Gesetzesauslegung galt als Norm. Allein eben dadurch erhielt das religiöse Leben der Karäer im Allgemeinen ein asketisches Gepräge. Nicht nur die levitischen Reinheitsgesetze beobachteten sie aufs Strengste, wie es Nissi b. Noah ausgeklügelt hatte, sondern sie mieden fast den Umgang von Nichtjuden, mochten von ihnen weder Brod, noch Backwerk kaufen und überhaupt nichts genießen, was jene berührt hatten. Ja, sie gingen so weit, zu behaupten, der Genuß des Fleisches von solchen Thieren, die für den Altar tauglich sind, sei verpönt"). Je mehr sich die Karäer in diese büßermäßige Strenge verrannten, desto mehr betrachteten sie die Rabbaniten als Unreine, Verworfene und Gesetzesübertreter, deren Haus zu besuchen eine Sünde sei. Die Karäer hatten sich nach und nach von Babylonien und Judäa aus einerseits nach Egypten, andererseits nach Syrien und nordwärts bis nach der Insel Krimm verbreitet^). In Egypten sammelten sich große karäische Gemeinden in Alexandrien und Kahira; in der Krimm in Bosporus (Kertsch), Sulchat und Kaffa (Thcodosia). Zur Vermehrung der Karäer trug der Eifer Einzelner viel bei, durch Disputationen, Predigten und Sendschreiben Anhänger unter den Rabbaniten zu erwerben. Wie jede im Mittelpunkte schwache Sekte ging auch das Karäerthum auf Propaganda aus, als könnte die äußere Ausdehnung die innere Schwäche decken. Ein solcher Proselytenmacher war ein Mann, der sich Eldad nannte, ein Schlaukopf, der wunderliche und abenteuerliche Dinge zu erzähle», jede Maske zu tragen vermochte und zu seiner Zeit viel von sich reden machte. Eldad's abenteuerliche Wanderungen werfen ein grelles Licht auf die jüdische Geschichte der Zeit. Er gehörte zu jener Klasse von Betrügern, die einen frommen Zweck haben, die Leichtgläubigkeit der Menschen auszubeuten verstehen und die Menge durch ein undurchdringliches Lügengewebe zu fangen wissen. Eldad*) b. Machli (oder wie er sonst geheißen haben mag, um 880 bis 890) stammte wahrscheinlich aus Palästina; denn er sprach ') Sahal Abulfari's Sendschreiben bei Pinsker S. 31, 36, vergl. Note 17,VI. -) Das. S. 32. Folgt ans Salmon b. Jerucham, aus dem Sendschreiben des Menachem Gizni (bei Pmsker S. 47 f.) und aus einer Notiz in einem alten Codex. Vergl. Note 23 Ende. ») Vergl. Note 19. 240 Geschichte der Juden. das Hebräische geläufig. Er gab aber vor, er sei dem Stamme Dan entsprossen und ließ sich daher als Daniten bezeichnen. Er behauptete, der Stamm Dan wohnte mit noch anderen drei israelitischen Stämmen, Naphtali, Gad und Ascher in Aethiopien und Süd-Arabien, und bildete dort einen selbständigen Staat in einem Umfange von sieben Monatsreisen. Er erzählte ferner, der Stamm Dan sei schon vor der Reichstheilung unter Rehabeam und Jerobeam nach Aethiopien ausgewandert, um sich nicht an dem Bruderkriege zwischen Juda und Israel zu betheiligen; später nach der assyrischen Eroberung und nach dem Falle Samarien's seien die drei genannten Stämme zu ihnen gestoßen. Eldad schmückte ferner ein Märchen mit den Farben einer alten Sage aus, daß auch die Söhne Mose's, die Blüthe der Leviten, an der Gebietsgrenze der vier Stämme wohnten, die Nachkommen jener Leviten, welche ihre Harfen an die Weiden des Euphrat aufhängten und sich weigerten, Zionslieder auf unheiligem Boden erklingen zu lassen. Als aber die Chaldäer sie zum Sange zwingen wollten, hätten sich die Mosesöhne die Finger abgebissen. Eine Wolke hätte sie dann in die Höhe gehoben und in das Land Chawila versetzt. Um sie, die Lieblinge Gottes, vor Feinden zu schützen, habe sich ein Strom rings um ihr Gebiet gebildet, der aber nicht Wasser, sondern Steine und Sand mit reißender Schnelligkeit und betäubendem Getöse fortwälze. Dieser Steinstrom, Sabbation oder Sambation genannt, wälze sich sechs Tage, ruhe am Sabbat und sei an diesem Tage in einen dichten Nebelschleier gehüllt. So könnte Niemand den Strom überschreiten. Mit den israelitischen Nachbarstämmen verkehrten die BenäMose an den Ufern des Stromes aus der Ferne; mit ihnen zusammen zu kommen, seien sie nicht im Stande. In ihrem Gebiet gebe es kein Wild, sondern nur reine Thiere. Die vier Stämme, so fabelte Eldad der Danite weiter, führten ein Nomadenleben, kannten aber auch das Waffenhandwerk, um Ueber- fällen von Seiten feindlicher heidnischer Stämme zu begegnen. Sie ständen unter einem gemeinschaftlichen Könige, der zur Zeit Eldad's Usiel geheißen, auch hätten sie einen gemeinsamen Oberrichter, zur Zeit Ab diu genannt. Diese vollzögen noch die peinliche Gerichtsbarkeit und verhängten über die Verbrecher die vier biblischen Todesstrafen. Die Mnthigen und Kriegestüchtigen bewachten die Grenzen, je ein Stamn.i drei Monate; die kriegsunfähigen Männer lägen dem Gesetzes- studium ob. Die freien Stämme in Aethiopien und Süd-Arabien sprächen reines Hebräisch, kennen nur die Bibel, aber nicht den Talmud, auch nicht die Mischnah. Sie hätten zwar auch eine Art Talmud, d. h. eine Sammlung von Traditionen; aber diese Ueber- Eldad der Danite. 241 lieferungen seien in reinem Hebräisch gehalten, schlicht ausgeprägt, ohne Diskussionen und werden sämmtlich auf Mose zurückgeführt mit der Formel: „so sprach Josua aus dem Munde Mose's, aus dem Munde Gottes." Dieses Märchen war von Eldad sehr geschickt angelegt; er konnte damit den Talmud der Rabbaniten in Mißkredit bringen. Die Daniten, welche gleich nach dem Tode des Königs Salomo ausgewandert seien, kannten nicht den babylonischen Talmud und die Lehrweise der Rabbaniten. Folglich ist das Alles in späterer Zeit erfunden. Das Karäerthnm hatte an Eldad einen gewandten Anwalt. Hatte Eldad durch die Beschreibung eines selbstständigen jüdischen Reiches, dessen Bürger er sei, das Interesse der jüdischen Zuhörer erweckt, so suchte er durch die Erzählung seiner Abenteuer und Erlebnisse die Gemeinden, die er besuchte, für sich einzunehmen. Er erfand eine ganze Odyssee von Irrfahrten, die er durchgemacht haben wollte; aber er erzählte sie in mattester Prosa. Er sei mit einem Gefährten aus dem Stamme Ascher ausgezogen. Ueber den Zweck seiner Reise widersprach er sich aber. Bald sagte er, er habe Handelsgeschäfte im Auge gehabt, bald er habe den zerstreuten Juden die frohe Botschaft von dem Vorhandensein eines selbstständigen jüdischen Reiches bringen wollen. Das Schiff, das er mit seinem Gefährten bestiegen, sei durch einen Sturm gescheitert. Auf Brettern schwimmend, hätten sie sich vorn Schiffbruch gerettet, seien aber zu einem menschenfresseuden Volke verschlagen worden. Diese Polyphemc hätten seinen Gefährten, der fett gewesen, verzehrt, ihn aber, den mageren, hätten sie in ein Verließ gebracht, um ihn anszufüttern. Wie er dem sicheren Tode entgangen, erzählte Eldad, sich widersprechend, auf verschiedene Weise. Den Einen fabelte er vor: er habe sich, während seine Wächter vom tiefen Schlafe befangen gewesen, aus dem Kerker befreit, habe sie mit einem Vorgefundenen Schwerte kalt gemacht und sei, um der Verfolgung zu entgehen, einem Flusse zugeeilt. Die Menschenfresser hätten ihn nicht ergreifen können, weil sie schwammartige Füße gehabt hätten. Da sei er nach Egypten gekommen und habe im Nil einen seltenen Baum schwimmend gefunden, den er aufgefischt, und dessen Theile er um einen hohen Preis verkauft hätte. Davon sei er reich geworden. In einer andern Gegend erzählte Eldad die Umstände seiner Rettung aus dem Kerker der Menschenfresser anders. Eine Horde Neger hätte seine Feinde überfallen, ihn als Gefangenen mit sich geführt und endlich an einen Religionsgenossen vom Stamme Jsaschar verkauft. Auf diese Weise sei er in das Gebiet dieses Stammes gekommen, das an der Grenze von Medien und Persien liegen soll. Graetz, Geschichte der Juden. V. tN 242 Geschichte der Juden. Die Jsaschariten hätte er als ein friedliches Völkchen gefunden, das nur den Streit um die Bibelanslegung kannte und von Ackerbau und Viehzucht lebte. Der Stamm Jsaschar würde von einem Richter Namens Nachsckwn regiert und spräche hebräisch, Persisch und türkisch (oder tatarisch, Leckar). Die Stämme Zebulon und Röuben wohnten diesseits und jenseits eines Gebirges Parian (oder Chorasan), ständen mit Armenien in Handelsverbindung, gelangten bis zum Euphrat, sprächen hebräisch und persisch, ließen auch das Persische bei der Vorlesung aus der Thora zu und führten gemeinsame Kriege gegen die Nachbarn. Der Stamm Ephraim und der halbe Stamm Manasse wohnten in der Nähe von Mekka und Medina. Sie seien muthig, jähzornig, gute Reiter, Wegelagerer und lebten mit ihren Feinden in steter Fehde. Um die Zahl der Zehnstämme voll zu machen, erzählte Eldad auch von den Stämmen Simeon und Halbmanasse, die da im Lande der Chazaren wohnten, von fünfundzwanzig Völkerschaften Tribut zögen, und denen selbst ein Theil der Mohammedaner unter- than sei. — Es ist augenscheinlich, daß Eldad Kunde hatte von dem jüdischen Chazarenreiche und auch von dem ehemaligen jüdischen Staate in Süd-Arabien (Himjara o. S. 76), sowie daß er von den unabhängigen jüdischen Stämmen in Nord-Arabien Manches gehört, und daß er daraus seine Fabel von dem Vorhandensein der Zehnstämme und der selbständigen jüdischen Reiche zusammengeflickt hat. Wo Eldad zuerst mit seinen erlogenen Abenteuern und Märchen aufgetreten ist, haben wir keine Kunde, wahrscheinlich in Egypten. Von da gelangte er nach Kairuan, der Hauptstadt des fatimidischen Chalifats. Hier gab er sich den Anschein, keine andere Sprache als Hebräisch zu verstehen und zeigte den dortigen Juden einen vorgeblich danitischen Talmud, der aber nichts anderes war als eine Mischnah aus karäischen und rabbanitischen Bestandtheilen. Eldad hatte sogar die Unverschämtheit, darin Mose und Josua redend einzuführen, wie ihnen rituelle Fragen vorgelegt worden, und wie sie dieselben beantwortet hätten. Um den Rabbaniten jedoch nicht allzusehr vor den Kopf zu stoßen, fabelte er ihnen vor, die Daniten und ihre Stammgenossen hielten die babylonischen Gaonen hoch in Ehren, und wenn sie für die Zerstreuten Jsrael's beteten, nannten sie dieselben zuerst. Die Kairuaner, erstaunt ob solcher wunderbaren Neuigkeiten, die der fremde Mann ihnen erzählte, lauschten andächtig auf seine Worte, konnten sich aber eines unwillkürlichen Mißtrauens nicht erwehren- Eldad hatte ihnen mehrere Wörter als echt hebräische genannt, die durchaus nicht hebräisch klingen, und die rein erfunden zu sein scheinen. Um die Richtigkeit seiner Angaben zu prüfen, hatten die Kairuaner Eldad. 243 öfter nach denselben Bezeichnungen gefragt, und Eldad war schlau genug, sich nicht durch Gedächtnißfehler zu verrathen. Bedenklicher schienen aber den Kairuanern die seltsamen Ritualien, die er ihnen, als von Mose stammend, ausgegeben, und die größtentheils ihren karäischen Ursprung verrathen und daher von talmudischen Normen stark abweichen. Das war eben der Hauptzweck seiner Wanderungen. Um ihr Gewissen darüber zu beruhigen, schickten die Kairuaner eine Anfrage an die damalige rabbanitische Autorität, den Gaon Mar-Zemach b. Chajim von Sura (fungirte 889—895), Nachfolger und Halbbruder des Gaon Nachschon (o. S. 233). Sie theilten ihm einige Züge aus Eldad's Erzählungen mit und legten ihm namentlich seine danitischen Ritualien zur Begutachtung vor. Nach einiger Zeit traf ein Sendschreiben aus Sura an die Gemeinde von Kairuan darüber ein. Mar-Zemach erwiderte, daß Eldad ihm vom Hörensagen bekannt sei. Seinen Erzählungen von den hebräisch redenden Stämmen dürften sie ohne Bedenken Glauben schenken; denn einiges davon sei durch agadische Auslegung bestätigt. Die Abweichungen vom Talmud in dem Judenthume der Daniten dürften sie nicht befremden, da selbst der Text der heiligen Schrift, der doch Jedermann vorliegt, verschieden ist in Babylonien und Palästina in Bezug auf Rechtschreibung, Versabtheilung, Massora und noch andere Punkte, um wie viel mehr sei Verschiedenheit in der mündlichen Lehre erklärlich. Möglich auch, fügt Mar-Zemach hinzu, daß Eldad wegen seiner Irrfahrten und Leiden manches vergessen und verwechselt habe. Indessen mögen sie sich nicht irre machen lassen, sondern fest an dem babylonischen Talmud halten, der ein Ausfluß der Propheten und Weisen sei, welche schon unter dem gefangenen König Jojachin Lehrhäuser an den Ufern des Euphrat angelegt hätten, — Mar-Zemach's Blick war also nicht geschärft genug, in Eldad den Aufschneider und verkappten Karäer zu erkennen. Durch die Autorität des Gaon gehoben, schwand das Mißtrauen gegen ihn ganz, und er galt seinen Zeitgenossen und der Nachwelt als ein Abkömmling des Stammes Dan. Eldad konnte unangefochten seine Reise und seine Mystificationen verfolgen. Wir finden ihn später in der Berberei und in der Stadt Ta Hort (im Marokkanischen). Hier traf er den Sprachkundigen Juda b. Koraisch (blühte um 870—900), den die Karäer zu den Ihrigen zählten *). — Ben-Koraisch scheint in Nordwest-Afrika in der Gegend, welche die Araber Maghreb nannten, bei seinen Glaubensgenossen in Ansehen gestanden zu haben. Ben-Koraisch ver- Vergl. Note 19 und S. 234, Amn. 4. 16 * 244 Geschichte der Juden. faßte auch ein sprachvergleichendes Werk, worin er namentlich die Ähnlichkeit des Hebräischen und Arabischen in Stammbildung und Formen nachwies. Er citirt den Koran und Verse von arabischen Dichtern*). Sein grammatischer Standpunkt ist übrigens noch sehr niedrig. Obwohl Ben-Koraisch die drei semitischen Sprachen und noch dazu das Berberische gut verstand, ließ er sich von Eldad täuschen, daß die angeblichen Daniten einen großen Wortschatz des Hebräischen besitzen, der weit über den Kreis des biblischen Hebräisch hinausrciche. Von der Berberei setzte Eldad nach Spanien hinüber, wiederholte da sein Lügengewebe und überlieferte Gesetzesbestimmungen von dem Richter Othniel b. Kenaz, der sie von Josua und dieser wieder von Mose vernommen. Die des Talmuds wenig kundigen Juden Spaniens zollten ihm dafür große Verehrung. Von da aber verliert sich seine Spur. Er verfiel wieder dem Dunkel, dem er entstammte. Eldad's fabelhafter Bericht über seine Reise und seine Abenteuer und über die Zehnstämme hat sich bruchstückweise (Lekar Ltäaä Imvani^) erhalten und ist natürlich als bare Geschichte angesehen worden. Das Vorhandensein der Zehnstämme in selbständigen Reichen umspielte wie ein süßer Traum die unter der Zuchtruthe seufzenden Juden des Erdballs und weckte in sehnsuchtsvollen Gemüthern den Wunsch, diese Reiche aufzusuchen. Wie den Christen das fabelhafte Reich des Priesters Johannes, wo das Ur-Christenthum in ursprünglicher Reinheit bestehen soll, so erschien den Juden das Reich der Zehnstämme an den Ufern des Sabbationflusses in idealer Verklärung. Indessen ging dasjenige Institut, an welches sich die Erinnerungen von der ehemaligen politischen Selbständigkeit des Judenthums knüpften, mit raschen Schritten der Auflösung entgegen. Das Exilarchat verlor durch die Rivalität der pumbaditanischen Hochschule immer mehr an Ansehen und an Einkünften, welche der Würde als Halt dienten. Gefördert wurde das Hoheitsstreben der Pumbaditaner dadurch, daß der größte Theil des suranischeu Collegiums innerhalb dreier Monate ausstarb. Nach dem suranischeu Gaon Zemach b. Chajim (o. S. 243) wurde ein sonst unbekannter R' Malchija zum Schulhaupte erwählt, U Von diesem Sendschreiben hat Schnurrer einige Proben (in Eichhorn's Bibliothek d. bibl. Literatur Bd. III) gegeben, vollständig abgedruckt mit deutscher Usbersetzung hat es der Consul Wetzstein (Orient. Litbl. Jahrg. 1842, Nr. 2). Zum zweiten Male herausgegeben mit B.-Koraisch' Sprachbemcrkungen: Bargss und Goldberg Lprstola, Paris 1857 Der letzte gab in der Einleitung eine Biographie des B. Koraisch, sehr precis gehalten, wovon aber mehr als die Hälfte erdichtet ist. 2) In lateinischer Nebersetzung von Genebrard Hläaä Uanirrs äs llnäasls slaasis. Paris, 1584. Das pumbaditanische Gaonat. 245 starb aber einen Monat später, und mit ihm wurden die angesehensten Mitglieder des Collegiums, wahrscheinlich in Folge einer Seuche, dahingerafft (896 *). Die suranische Hochschule wählte zwar ihren neuen Gaon in der Person des Har b. Nachschon (fungirte bis 906), aber ihre Bedeutung war dahin. Wenn auch vom Auslande noch Anfragen an dieselbe gerichtet wurden, in Babylonien selbst galt die Schwester-Akademie als Hauptträgerin der Autorität und hatte am meisten Einfluß. Dieser Einfluß steigerte sich noch durch die Wahl eines Gaons von Pnmbadita, der bis dahin Rabbiner und Richter in der Hauptstadt des Chalifats war^), Hat b. David (890 bis 897). Gerade in dieser Zeit, zu Ende des neunten Jahrhunderts, gewannen die Juden wieder eine ehrenvolle Stellung im Chalifate unter dem Chalifen Almntadhid (892— 902). Sein Wesir und Reichsverwcser Ubaid-Allah Jbn-Suleiman stellte Inden und Christen als Beamte im Staate an. Als ihn einst der Chalife darüber zu Rede stellte, erwiderte Ubaid-Allah: „Nicht aus Hinneigung zum Judenthume oder Christenthume habe ich die Ungläubigen zum Staatsdienste befördert, sondern weil ich sie für deine Dynastie treuer fand als die Mohammedaner" fl. Almntadhid bemerkte ihm zwar, er möge es nur bei Christen bewenden lassen, die Juden aber von Staatsämtern ausschließen, weil sie im Glauben lebten, Macht und Herrschaft werde dereinst zu ihnen übergehen; aber Ubaid-Allah kehrte sich nicht daran. Bei der Begünstigung der Juden von Seiten des Wesirs gewann am meisten die Gemeinde Bagdads. Angesehene Juden dieser Stadt waren in dieser Zeit Joseph b. Pinehas und sein Schwiegersohn Netirafl. Da nun Hai b. David eine Zeit lang in der Hauptstadt fungirt und sich bei der Gemeinde beliebt gemacht hatte, wurde er als Gaon von Pnmbadita von den einflußreichsten Männern in seinem Vorhaben unterstützt, der pumbaditanischen Hochschule das Uebergewicht zu verschaffen. In demselben Sinne wirkten seine Nachfolger Ki moj b. Achai (897—906) und Mar Jehudaib. Samuel <906—917), welche ihre Laufbahn ebenfalls mit dem Rabbinate von Bagdad begonnen hatten fl und von den Großen dieser Gemeinde ge- 9 Scherira Sendschreiben. fl Isaak-Jbn-Giat, mitgetheilt aus einem Manuskript von Derenburg in Geiger's Zeitschrift Jahrg. V. S. 398, Note 2. (Wurde bereits edirt von Bamberg, Fürth 1861; die Stelle findet sich I. Bl. 63 a,. (H.).) fl Llarss im Leben des Patriarchen Johannes bei XossruLni didliotdsoa, srlsnlalis N. III. pars 2. ätsssrtaUo äs 8yits Ussboriauis x. X6VI. I. fl Bericht des Nathan Babli in Jochasin. fl Folgt aus dem Cilat des Isaak Jbn-Giat a. a. O. 246 Geschichte der Juden. fördert und unterstützt wurden. Die Hochschule von Sura wurde aber dadurch immer mehr herabgedrückt. Sie fristete noch ein mattes Leben unter dem Gaon Hilai b. Mischael (906—914); aber der Eifer für das Talmudstudium war an dieser Hochschule so erkaltet, daß sich keine Autorität fand, mit der Gaonatswürde bekleidet zu werden i). Um indessen die suranische Akademie nicht eingehen zu lassen, wurde ein Schulhaupt erwählt, Jakob b. Natrona'i (Amram^) (914—926), der so unbedeutend war, daß keine gutachtliche Aeußerung von ihm bekannt ist und der nach Außen so sehr abhängig war, daß er alle Willkürlichkeiten des pumbaditanischen Gaons gut hieß und nicht wagte, ihm zu widersprechen. Es trat nämlich ein Mann an die Spitze der Pumbaditanischen Hochschule, welcher den Ehrgeiz hatte, dieselbe zum alleinigen Mittelpunkte des babylonischen Gemeinwesens und dadurch der ganzen Juden- heit zu machen, das Exilarchat zu untergraben und die Hochschule von Sura zum leblosen Schatten zu machen. Dieser Mann, Mar Kohen-Zedek II. b. Joseph (fungirte 917—936), war eine leidenschaftliche energische Natur, von der Gattung derer, die zwar von persönlicher Selbstsucht frei sind, aber die Machtvergrößerung einer Körperschaft wie eine persönliche Angelegenheit mit Hintansetzung aller Rücksichten betreiben. Zunächst, und wie es scheint gleich nach Antritt seines Amtes, verlangte Kohen-Zedek, daß die pumbaditanische Hochschule einen größeren Antheil von den Spenden von nahen und fernen Gemeinden für die Akademien beziehen sollte. Er begründete die Forderung damit, daß das pumbaditanische Collegium und die Jünger zahlreicher seien als in Sura und also eine größere Berücksichtigung verdienten. Daß Sura durch ihren Gründer und ihr hohes Alter von jeher eine Bevorzugung genossen hat, darum kümmerte sich Kohen-Zedek nicht. Wegen dieser Forderung entstanden so lange Reibungen und Streitigkeiten zwischen den beiden Hochschulen, bis sich angesehene Männer ins Mittel legten und die Ausgleichung trafen, daß die Spenden fortan zu gleichen Theilen vertheilt werden sollten^). Kohen-Zedek hatte jedenfalls so viel gewonnen, daß die suranische Akademie die letzte Spur ihres Vorranges eingebüßt hat. Dann band er mit dem Exilarchat an, um es zu verkleinern. Der Inhaber dieser Würde war damals Ukba, ein Mann, der mit arabischer Bildung Z Scherira Sendschreiben. °) Scherira nennt den mittelbaren Vorgänger Saadia's Jakob b. Na- tronai, Nathan Babli dagegen Amram b. Schelomo. Er hat also zwei Namen geführt. Vergl. darüber Frankel, Monatsschrift Jahrg. 1857. S. 343. ?) Nathan Babli das. Ukba und Kohen-Zedek. 247 vertraut war und selbst arabische Lieder zu dichten verstand. Kohen- Zedek verlangte, daß die Besetzung der Richterstellen in den Gemeinden des Landes Chorasan und die Einkünfte von denselben der pumba- ditanischen Hochschule zustehen sollten. Ob Chorasan früher zu Pnmba- dita gehört hatte und von den Exilarchen ihm entzogen worden war (so daß Kohen-Zedek nur ein früher besessenes Recht geltend machte), oder ob er es ohne Rechtsanspruch that, das ist nicht zu entscheiden. Ukba wollte seiner Würde nichts vergeben und appellirte an den Chalifen. Kohen-Zedek hatte aber Freunde in Bagdad, welche Einfluß bei Hofe hatten, unter Anderen die schon genannten Joseph b. Pinehas und Netira. Diese brachten es dahin, daß der Chalife Almnktadir (regierte 908—932) oder richtiger der Wesir Jbn-Fnrat — da der Chalife sein Leben in Schwelgereien zubrachte — Mar-Ukba seiner Würde entkleidete und aus Bagdad, wo seine Residenz war, verbannte (917 Z. Der Exilarch ging nach Karmisin (Karmanschah, fünf Tagereisen östlich von Bagdad), und Kohen-Zedek war froh, daß die Exilarchenwürde hier aufgehoben war. Der schwache Präsident von Snra, Jakob b. National, ließ diese Eingriffe ohne Widerspruch geschehen. Indessen war ein Zufall dem verbannten Exilarchen günstig, daß er Kohen-Zedeks Pläne durchkreuzen konnte. Der jugendliche und vergnügungssüchtige Chalife kam gerade zur Zeit ebenfalls nach Kermanschah, welches in einer paradiesischen Gegend lag und von dem Chalifen durch Kunstbauten verschönert worden war. Da konnte er die Regiernngssorgen und die Jntriguen der auf einander eifersüchtigen Höflinge vergessen. Auf den Spaziergängen des Chalifen pflegte ihn der verbannte Exilarch Ubka mit wohlgesetzten arabischen Versen zu begrüßen und zu lobpreisen. Seine Verse erschienen nun Almnktadir's Secretair so trefflich, daß er es der Mühe Werth hielt, sie aufzuzeichnen und den Chalifen darauf aufmerksam zu machen, welchen reichen Wechsel der jüdische Dichter in das einfache Thema der Huldigung zu bringen vermochte. Die Poesie war unter den Arabern so hoch geschätzt, daß kein noch so roher Herrscher ganz unempfänglich dafür war. Almnktadir ließ darauf den dichterischen Exilarchen zu sich entbieten, unterhielt sich mit ihm, fand Gefallen an ihm und fragte ihn zuletzt, welche Gunst er ihm gewähren könnte. Ukba wünschte nichts sehnlicher als in seine Würde wieder eingesetzt zu werden, was ihm der Chalife auch gewährte. Zum Erstaunen seiner Gegner kehrte er nach einjähriger Verbannung wieder nach Bagdad zurück und trat wieder in seine hohe Stellung ein (um 9l8). Die Dichtkunst war ff Vergl. Note 12, Nr. 7. 248 Geschichte der Juden. seine Retterin geworden. Allein Kohen-Zedek und seine Parteigenossen ließen Ukba den Triumph nicht lange genießen. Durch Geldbestechnng und Jntrignen setzten sie es bei den ihnen günstigen Höflingen durch, daß er zum zweiten Male seiner Würde entsetzt und zum zweiten Male in die Verbannung geschickt wurde. Aber damit er sich nicht wieder in Gunst setzen sollte, wurde er aus dem ganzen morgenländischen Chalifenreiche verbannt und mußte nach dem jüngst gegründeten Reiche der Fatimiden in Afrika, nach Kairnan, fliehen. Hier, wo der Arzt und Philosoph Isaak Israeli in hohem Ansehen fland, wurde Ukba mit Liebe empfangen und in hohen Ehren gehalten. Die kairuanische Gemeinde behandelte ihn als Exilsfürsten, baute für ihn einen erhöhten Ehrensitz in der Synagoge und machte ihn die Kränkungen vergessen, die er im Lande seiner Väter erfahren hatte (um 919). Er war der zweite Exilsfürst, der nach Kairnan auszuwandern gezwungen war. Da Kohen-Zedek in Ukba nicht so sehr die Person als vielmehr die Exilarchenwürde bekämpft hatte, weil sie der Machtvergrößernng der pnmbaditanischen Hochschule im Wege war, so sorgte er dafür, daß kein Nachfolger ernannt wurde. Er wollte das Exilarchat ganz und gar erlöschen lassen. Sein zeitgenössischer Gaon von Sura, Jakob b. Natronai, war entweder zu ohnmächtig oder zu befangen, diesem Plane entgegen zu handeln. So blieb die Exilarchenwürde ein oder zwei Jahre ohne Träger. Indessen wenn gleich das Exilarchat der pnmbaditanischen Hochschule und ihrem Vertreter verhaßt war, so hing doch das Volk daran aus Gewohnheit und mit seinen Erinnerungen an das davidische Hans. Es mochte dessen nicht cntrathcn und drang ans die Wiederbesetznng der Würde. Dadurch ermannte sich auch der surnnische Gaon zum selbständigen Handeln und wollte sich nicht länger als willenloses Werkzeug für Kohen-Zedek's Ehrgeiz hergeben. Das Volk verlangte ungestüm David b. Sakkat, einen Verwandten Ukbäs, zum Exilsfürsten; auch der einflußreiche Netira war für ihn^), und das ganze Collegium der suranischen Hochschule huldigte ihm (921) in Kasr, seinem Wohnorte. Kohen-Zedek und das pumbadi- tanische Collegium versagten ihm aber die Anerkennung. David b. Sakka'i war indessen ebenso entschieden und ehrgeizig wie sein Gegner und fest entschlossen, sich in seiner Würde zu behaupten. Er erklärte vermöge seiner Machtvollkommenheit Kohen-Zedek seiner Stellung als Gaon entsetzt und ernannte an seiner Statt einen R'Mebass er (oder Mekasser) zum Gegcn-Gao». Ein Theil des pnmbaditanischen Colle- i) Folgt aus Nathan Babli's Bericht. David b. Sakkai und Kohen-Zedek. 249 giums verließ darauf Kohen-Zedek und ging zu seinem Gegner über, ein anderer Theil hielt aber fest an ihm. Wiederum entstanden innerhalb der pumbaditanischen Hochschule Zänkereien, worüber die Besseren im Volke wehmüthig seufzten. Der Streit zwischen dem Exilarchate und Gaonate, der in alle Kreise des jüdisch-babylonischen Gemeinwesens drang, dauerte beinahe zwei Jahre. Ein Blinder, wegen seiner Frömmigkeit von Allen geachtet, Nissi Naharwani, dem die Zwietracht zwischen dem Exilarchen und dem Gaon tief zu Herzen ging, unternahm es, eine Versöhnung her- beiznführen. In später Nachtzeit tappte er sich durch mehrere Räume, bis er zu Kohen-Zedek's Stndirzimmer gelangte, der über das plötzliche Erscheinen des würdigen Blinden in mitternächtlicher Stunde betroffen war. Nissi wußte dem erbitterten Kohen-Zedek so sehr zu Herzen zu reden, daß er ihn zur Versöhnlichkeit geneigt machte. Von ihm begab er sich znm Exilarchen David und verkündete ihm, daß sein Gegner bereit sei, ihn anzuerkennen und mit ihm zusammen zu kommen. In Sarsar (eine halbe Tagereise südlich von Bagdad) trafen David und Kohen-Zedek mit ihrem beiderseitigen Gefolge zusammen, schlossen Frieden, und Kohen-Zedek mit seinem Collegium gab dem Exilarchen das Ehrengeleite bis Bagdad (Herbst 92lT). David erkannte hierauf Kohen-Zedek als gesetzmäßigen Gaon von Pnmbadita an, aber der Gegen-Gaon Mebasser mochte sich nicht unterwerfen und schied mit seinen Parteigenossen aus dem Lehrhause bis an sein Ende (925 2). Kohen-Zedek, dem der Plan, das Exilarchat aufznlösen, mißlungen War, erlebte noch, wie auch die von ihm gedemüthigte Hochschule von Sura durch einen Mann aus fernem Lande neuen Glanz empfing und Pumbadita einige Jahre verdunkelte. h Nathan Babli a. a. O. 2) Scherira Sendschreiben. Zimtes Kapitel. Untergang des Exilarchats, Blüthezcit der jüdischen Wissenschaft, die Epoche Saadia's und Chasdai's; Asien. Saadia, sein Lebensgang, seine Jugendarbeiten, seine Polemik gegen das Karäer- thuin. Salmon b. Jerucham und sein Kampf gegen Saadia. Der Exilarch David ben Sakkai. Saadia wird znm Gaon ernannt, seine Streitigkeiten mit David, seine Amtsentsetzung und schriftstellerische Thiitigkeit, seine Religionsphilosophie. Der Ketzer Chiwi Balchi. Saadia's Versöhnung mit David. Untergang des Exilarchats. Saadia's Tod. Untergang der sura- nischen Hochschule. Aaron Jbn-Sarg'adu. Jakob ben Samuel und sein Kampf mit den Karäern, Abulsari Sahal, Jephet ben Ali; Menahem Gizni. David Almokammez. Ben-Ascher und seine massoretische Leistung. Abschluß des massoretischen Textes. Die jüdischen Gemeinden auf der Krimmhalbinsel. 928 — 970 . Als im christlichen Europa mit dem Untergang der Karolinger der letzte Dämmerstrahl geistigen Lebens erlosch und die mittelalterliche Finsterniß sich immer unheimlicher verdichtete, erstrahlte im jüdischen Kreise das Geisteslicht zu Heller Klarheit. Die Kirche wurde der Sitz mönchischer Unwissenheit und Barbarei, die Synagoge die Heimath der Wissenschaft und menschlicher Gesittung. In der Christenheit wurde jedes wissenschaftliche Streben von den Würdenträgern der Kirche und dem verdummten Volke als Satanswerk verdammt, in der Jndenheit traten die Führer und Lehrer der Religion selbst den Geistesflug an und bestrebten sich, das Volk zur Höhe des Denkens zu erheben. Weit entfernt, das Wissen zu verdammen, betrachteten es mehrere Gaonen als Förderungsntittel und Vollendung der Religion. Drei Jahrhunderte hintereinander waren die Lehrer des Judenthums zumeist auch Priester der Wissenschaft, und der tiefe Grund zu dieser Geisteshöhe wurde in dieser Zeitepoche gelegt. Zwei Männer, der Eine im Osten und der Andere im Westen, haben die Wissenschaft im Judenthum heimisch gemacht: der Gaon Saadia und der Staatsmann Chasdai. Mit ihnen beginnt eine neue Periode in der jüdischen Geschichte, die man getrost die wissenschaftliche nennen darf. Es zog ein neuer Frühling in Saadia. 251 Jsrael's Geschichte ein. Es grünte und blühte frisch und fröhlich, und auch die muntere Lerche einer neuen Poesie ließ in reiner Luft ihre schmetternde Stimme ertönen. Kaum merkten die Zeitgenossen, daß ein Stück jüdisches Alterthum, das Exilarchat, zu Grabe getragen wurde. Vor dem neuanbrechenden Leben wurde der Todte schnell vergessen. Wie sich das religiöse Leben einst vom Opfertempel loslöste, so löste es sich jetzt von dem Lehrtempel an den Ufern des Euphrat ab, gestaltete sich selbständig und schuf sich einen neuen Mittelpunkt. Die erste Hälfte des zehnten Jahrhunderts bildet daher einen bedeutenden Knotenpunkt in der Entwickelung der jüdischen Geschichte, den das Zusammentreffen günstiger Umstände angesetzt hat. Die jüdische Geschichte wurde nach und nach auf europäischen Schauplatz verlegt; das Judenthum nahm so zu sagen einen europäischen Charakter an und streifte immer mehr die orientalischen Formen ab. Saadia bildet den letzten wichtigen Ausläufer der Entwickelung im Morgenlande, Chasdai und die von ihm erweckten wissenschaftlichen Persönlichkeiten die ersten Träger einer jüdisch-europäischen Cultur. Saadia (arabisch Said) b. Joseph aus der Stadt Fajum in Oberegypten (geb. 892 st. 942) war der erste Begründer einer jüdischen Wissenschaft unter den Rabbaniteu und der erste Schöpfer einer Religionsphilosophie im Mittelalter. Er war ein Mann von umfassenden Kenntnissen, der den Bildungsstoff der Zeit von Mohammedaner» und Karäern in sich ausgenommen und mit den talmudischeu Elementen verarbeitet hat. Aber bedeutender noch als seine Wisseus- schätze war seine ganze Persönlichkeit: sie war durchwehet von religiösem Geiste und tiefsittlichem Ernste. Saadia war ein ausgeprägter Charakter und gehörte zu denen, welche sich Rechenschaft von ihrem Wollen zu geben wissen und das für Recht Erkannte mit Beharrlichkeit ausführen. Seine Jugendgeschichte ist ganz dunkel. Von seinen Lehrern ist nur Abu-Kethir (o.S. 235) bekannt. Bedeutende Talmudkenner hat es schwerlich damals in Egypten gegeben, und wenn Saadia die steile Höhe dieses Faches erklommen und eine Meisterschaft darin erlangt hat, so zengt dieser Umstand am bündigsten für seine Geisteskraft. Schriftliche Anleitungen der älter» Gaonen mögen ihn allerdings beim Talmudstudium unterstützt haben. Eben so wie im Talmud war Saadia in der karäischen Literatur heimisch, wie gewiß kein Rabbanite vor ihm. In seinem dreiuudzwanzigsten Lebensjahre (915) unternahm er einen gewaltigen Angriff auf das Karäerthum, den es noch Jahrhunderte nachher tief empfand und lange nicht vergessen konnte. Er verfaßte eine Schrift „zur Widerlegung Anan's" (Litab ar-iuä iia 252 Geschichte der Juden. ^nan*). Ter Inhalt derselben ist unbekannt; doch läßt sich ver- muthen, daß Saadia einerseits die Notwendigkeit der Tradition nachgewiesen, andrerseits Anan's Inkonsequenzen blosgelegt hat. Für die Notwendigkeit der Ueberlieferung stellte er sieben Beweisgründe auf, die, so schwach sie auch sind, von den Karäern selbst später größten- theils anerkannt wurden. Das Schriftwort, meinte er, sei für das Verständnis; und die Ausübung der Gesetze unzulänglich. Manche Gesetzesbestimmungen seien im Pentateuch nur umrißlich gegeben und bedürften der Erläuterung. Das Verbot der Werkthätigkeit am Sabbat sei so allgemein gehalten, daß man nicht weiß, welche Arbeiten darunter zu verstehen seien. Gebete seien im sinaitischen Gesetze gar nicht vorgeschrieben, und deren Notwendigkeit weise auf eine mündliche Anleitung hin. Die einstige messianische Erlösung und die Auferstehung der Tobten haben ihre Begründung lediglich in der Ueberlieferung. Und endlich beruht die israelitische Geschichte und deren Verlauf einzig und allein auf TraditionWie Saadia seine Angriffswaffen gegen Anan geschwungen hat, ist nicht mehr zu erkennen. Er verfaßte auch eine Schrift, worin er die maßlose Ausdehnung der Verwandtschaftsgrade im Karäerthume widerlegte und stellte Anan als einen Ehrgeizigen dar, der „einen Ueberfluß an Frechheit und einen Mangel an Gottesfurcht gehabt" und den Abfall vom talmudischen Jnden- thume nur aus Trotz unternommen habe. In kaum begonnenem Mannesalter unternahm Saadia ein noch schwierigeres Werk, wodurch er folgenreich für das Judenthum wirkte. Bisher hatten die Karäer die heilige Schrift gewissermaßen in Beschlag genommen, die rabbanitischen Lehrer dagegen hatten sie vernachlässigt, weil der Talmud ihnen für das religiöse Leben ausreichend schien. Während die Karäer bereits eine Menge schrifterklärender Werke verfaßt hatten, war der Rabbanismus ganz arm daran. Saadia, der diesen Mangel fühlte, unternahm es, die heiligen Urkunden ins Arabische, die Sprache, welche damals von; äußersten Westen bis nach Indien verstanden wurde, zu übertragen. Diese Uebersetzung begleitete er mit kürzer» oder längcrn Erklärungen, je nachdem der Gegenstand es erforderte. Drei Zwecke hatte er dabei im Ange^). Er wollte zunächst die heilige Schrift dem Volke zugänglich machen; dann gedachte er dem um sich greifenden Karäerthume entgegen zu st Vergl. über Saadia's Schriften Note 20. st Salmon ben Jerucham's Polemik gegen Saadia. Alphabet III. handschriftlich. st Vergl. das Fragment von Saadia's Einleitung in der Londoner Polyglotte 1. VI. Anfang. Saadia. 253 wirken, welches durch die eigenthümliche Schriftauslegnng die tal- mudische Tradition Lügen strafte. Er hoffte dagegen durch dieses Eindringen i» Ansdruck und Sinn der heiligen Urkunden die Ueber- liefernng und das talmudische Jndenthnni begründen und bewahrheiten zu können. Endlich wollte Saadia dem Volkswahne und der Verkehrtheit der Mystiker entgegenarbeiten, welche die biblischen Aeußernngen von Gott buchstäblich nahmen und unwürdige Vorstellungen von der Gottheit hatten, als von einem körperlichen Wesen, das Sinnesorgane, Bewegungen im Raume, Affekte und Leidenschaften besitze. Er aber huldigte der philosophischen Richtung, welche Gott in seiner Erhabenheit und Vollkommenheit als Geist anffaßt. Seine Uebersetznng sollte im Einverständniß mit der Vernunft und der talmudischen Tradition sein. Das war der Grnndkern seiner Ansicht vom Jndenthume. Das, was der Talmud lehrt und einschärft, sei eben so göttlicher Natur wie das Schriftwort; aber weder die Schrift noch die Tradition dürften der Vernunft widersprechen. Der Widerspruch ist nach Saadia's Auffassung nur Schein ; durch seine Uebersetznng und Erklärungswcise suchte er diesen Schein zn beseitigen. Zu diesem Zwecke bediente er sich der Umdeutnng des Wortsinnes, welche oft nicht ohne Willkür nnd Gewalt geschieht. Saadia ging so weit zu behaupten — nm nicht ein böses Princip, den Satan, Gott gegenüber zn stellen, wie das Christenthnm es thnt — daß der Satan, welchen der Dichter des Buches Hiob als Versucher einführt, nicht eine dämonische Gewalt, sondern ein menschlicher Gegner des frommen Dulders gewesen sei. „Denn", meinte er, „wollte man annehmen, daß ein Engel von Neid nnd Eifersucht besessen sei, so müßte man auch zugeben, daß er auch andere Leidenschaften nnd sinnliche Begierden hat, was dem Begriffe von Engel widerspricht"*). Wie Saadia der erste Rabbanite war, der einen Kampf gegen das Karäerthnm eröffnete, so ivar er auch der erste, der das Jndenthnni mit den Ergebnissen des philosophischen Denkens in Einklang zu bringen suchte (rationalisirte). Er hielt seine Uebersetzungsthätigkeit für so verdienstlich, daß er hoffte, dadurch von Gott Vergebung seiner Sünden und Anthcil an der jenseitigen Glückseligkeit zu erlangen -). Der arabische Styl, den er bei der Ueber- setzung anwendete, ist rein und zierlich. Er zeigte auch darin eine Meisterschaft, daß er öfter in der Uebersetznng solche arabische Wörter wählte, die lautlich deip Hebräischen entsprechen. Saadia schrieb auch. U Vorgl. das Fragment aus Saadia's Hiob-Commentar in Munk's iUotics srrr Laaäias x. 8. 2 ) Schluß zur Psalinübersetzung, vergl. Note 20. 254 Geschichte der Juden. was sonst die arabisirenden Inden selten thaten, mit arabischen Schriftzügen weil er auch ans mohammedanische Leser gerechnet hat. Wiewohl Saadia in seiner Bibelübersetzung eine hohe Geisteskraft und Selbständigkeit bewährt, so sind seine Leistungen doch nicht sehr hoch anznschlagen. Schon der Umstand, daß er die Schrift nicht ihre eigene Sprache sprechen ließ, sondern bald die talmudische Ueber- lieferung, bald die philosophische Ueberzeugung in Wortbedeutung und Satzverbindung wiederfinden wollte, mußte ihn die richtige Erklärung verfehlen lassen. Er nahm die Schriftauslegung (Exegese) in den Dienst der Tradition und Zeitphilosophie und trug in den Text mehr hinein, als der Wortsinn znließ. Auch war ihm die wahre Bedeutung des hebräischen Sprachschatzes nicht erschlossen, die hebräische Sprach- kunde befand sich noch ans der Stufe der Anfänge, und Saadia hat sie nur wenig über diese Stufe gehoben. — Gleichzeitig mit der Ueber- setzung arbeitete Saadia eine Art hebräische Grammatik in arabischer Sprache ans und verfaßte auch ein hebräisches Lexicon (in hebräischer Sprache: Jggaron). Aber auch in diesem Punkte verfehlte er oft das Richtige in Spracherscheinung und Wortbedeutung. Jndeß sind seine exegetischen und grammatischen Leistungen insofern von Bedeutung, als er innerhalb des rabbanitischen Kreises Bahn gebrochen und Bibelerklärnng und Sprachforschung in ausgedehntem Umfange als neue Fächer eingeführt hat. Selbst seine Jrrthümer wirkten belehrend für die Folgezeit. In seiner Erklärung zum ersten Buche des Pentateuchs hatte Saadia neuerdings mit den Karäern angebunden. Er hatte sich namentlich bemüht zu beweisen, .daß der karäische Festkalender nicht im Sinne der heiligen Schrift sei. Er ging aber darin so weit, zu behaupten, daß das rabbanitische Kalendersystem sogar mit dem neunzehnjährigen Cyclus und den Verschiebungen mancher Feste nicht später eingeführt worden sei, sondern von jeher auch in der Zeit des zweiten Tempels und in der biblischen Periode im Gebrauche gewesen^). — Durch die Angriffe auf das Karäerthum hatte er in ein Wespennest gestochen und erweckte sich einen Schwarm von Gegnern. Die Karäec hatten bis dahin die Waffen gegen das talmudische Judenthum geschwungen, ohne Gegenwehr zu finden. Es war ihnen daher ') Jbn-Esra Commentar zur Genesis 2, N. Folgt auch daraus, daß Mohammed Jbn-Jshak, ein Mohammedaner, der nicht lauge nach Saadia gelebt, dessen Schriften gelesen und beurtheilt hat. ch Polemik des Salmon b. Jerucham gegen Saadia Alphabet IV. und Gutachten R' Hat's handschriftlich, in deren Besitz mich die Güte des Herrn Luzzatto gesetzt hat. Saadia und Salmon b. Jerucham. 255 sehr ungelegen, daß ein Rabbanite mit Geist und Wissen ansgestattet, in die Schranken gegen sie trat. Es entstand daher ein lebhafter Kampf zwischen den beiden Bekenntnissen, der insofern nützlich war, als er das wissenschaftliche Interesse weckte. Ein Hauptgegner Saadia's war der Karäer Salmon b. Jerucham (Ruchaim). Dieser Karäer (geb. in Fostat 885 st. um 960),'der in Palästina lebte, nur um einige Jahre älter als Saadia war, und den die Karäer fälschlich als dessen Lehrer ausgaben, hatte sich nicht über die Mittelmäßigkeit seiner Glaubensgenossen erhoben. Er war eine heftige, gallige Natur, welche wissenschaftliche Fragen mit Keifen und Schimpfen erledigen zu können vermeinte. Als Salmon b. Jerucham von Palästina wieder nach Egypten gekommen war und gewahrte, daß Saadia's schriftliche und mündliche Angriffe auf das Karäerthum sogar in karäischen Kreisen Eindruck gemacht und Zweifel erweckt hatten, brach er in eine Art Wuth gegen den jungen, geistvollen rabbanitischen Schriftsteller aus und nahm sich vor, eine doppelte Entgegnung anszuarbeiten, in hebräischer Sprache für Kundige und in arabischer für das Bolk. In der hebräischen Polemik, die aus achtzehn alphabetischen Stücken in elenden Knittelversen besteht (Uilobawot Z, behandelte er Saadia wie einen Buben, und die ganze Schrift ist durchweht von Schmähsucht und Grobheit. Nicht wegen ihres Inhaltes oder ihrer Fobm, sondern wegen der Art und Weise, wie die Karäer ihre Jrrthümer zu beschönigen suchten, verdient die polemische karäische Schrift einige Beachtung. Sie ist in Form eines Sendschreibens an die karäischen Gemeinden Egyptens abgefaßt. Zuerst versuchte Salmon die Behauptung Saadia's zu widerlegen, daß es neben der schriftlichen Lehre noch eine mündliche gebe. Gebe es eine solche, so dürfte das Schriftwort nicht davon schweigen. Der Talmud, der sich als die mündliche Lehre ansgiebt, sei voll von Controversen und Meinungsverschiedenheit und enthalte lauter Unsicherheit, der Eine behauptet Dieses, der Andere Jenes. Die sieben Beweise, welche Saadia für die Nothwendigkeit der mündlichen Ueberliefernng als Ergänzung zur schriftlichen aufgestellt, widerlegte Salmon nicht ohne Geist. Dann setzte er weitschweifig auseinander, daß der rabbanitische Festkalender nicht aus uralter Zeit stamme, da ihn der Talmud selbst nicht kennt. Er warf Saadia vor, daß er sich mit den Talmudlehrern in Widerspruch gesetzt. Dann suchte Salmon mit schwachen *) Von den Milchamot des Salmon sind abgedruckt Einleitung und erstes Alphabet in Orient Litbl. Jahrg. 1846 ool. 23, 163, 211 und ein Fragment daraus in Pinslers Uilckuts Beilagen S. 18. Der größte Theil ist noch Manuskript in mehreren Bibliotheken. 256 Geschichte der Juden. grammatischen Gründen die Lehre der Karäer zu beweisen, daß man am Sabbat kein Licht und Feuer, wenn auch vor Sabbat angezündet, brennen lassen dürfe, da auch solches eine Verletzung der Sabbatruhe sei. Er warf im Verlaufe den Rabbauiten vor, daß sie vom Wege der Wahrheit abgewichen seien, Unerlaubtes gestattete» und Erlaubtes verböten, die Berührung mit unreinen Personen und Gegenständen ungescheut übten. Sodann kehrte Salmon seine Geschosse gegen den Talmud. „Gegen unfern Lehrer Anan hat er (Saadia) seine Zähne gefletscht, weil dieser gegen seine Weisen die Waffen geschliffen. Nun darum soll mein Köcher gegen ihn klirren, alle meine Pfeile will ich gegen ihn abdrücken, will die Gräuel Deiner Lehrer aufdecken." Salmon ging darauf die agadischen Aussprüche durch, welche von Gott in menschlicher Weise sprechen, deckte die Blößen jener mystischen Schriften auf, welche Gott Gliedmaßen und räumliche Ausdehnung beilegen (8olünr Uomali o. S. 193), für deren unwürdige Auffassung von Gott er sämmtliche Rabbauiten verantwortlich macht, ohne zu bedenken, daß sie nur Ausgeburten einzelner Gedankenlosen waren. — Beu Jerucham war übrigens nicht der einzige Karäer, der Saadia's Angriffe auf das Karäerthum abzuwehren suchte. Als wenn die Existenz ihres talmudfeindlichen Bekenntnisses dadurch gefährdet wäre, eiferten sie gegen den ju»g>n Nabbansten von Fajum, der mit Geist und Muth diese Neuerung bekämpfte. Noch zwei oder drei karäische Lehrer von Bedeutung zogen gegen ihn ob in eigenen Schriften oder gelegentlich zu Felde. Joseph Roeh*), Hassan b. Maschiach und Jbn-Sakwijah (wenn dieser nicht mit einem der beiden ersten identisch ist). Joseph b. Abraham Roeh (Abu-Jakob Albassir^), der wegen seiner Blindheit und seiner „die Leuchte" betitelten Schrift „der Hellsehende" genannt wird, viele Reisen gemacht hatte, mit der arabischen Schulweisheit vertraut war und mehrere Sprachen verstand, verfaßte mehrere philosophische Schriften in scholastischem (mutazili- tischem) Geiste und auch religiös gesetzliche Abhandlungen theils in hebräischer und theils in arabischer Sprache. Indessen hat ihn keines seiner Merke so berühmt gemacht, wie dasjenige, worin er gegen das System der Verwandtschaftsübertragung (o. S. 204) angekämpst hat. Manche Eheverbindung, welche ältere Karäer als Blutschande brandmarkten, gestattete er einzugehen. In einem seiner Werke (Maor) polemisirte Joseph Roeh gegen Saadia (910 - 930). — Hassan b. *) Frankl, Monatsschrift. Jahrg. 1871, S. 111. 2) Vcrgl. über denselben Pinsker lülrlrabs Nr. 14. In Maor polemisirte Joseph gegen Saadia, citirt von Jephet b. Zair in Dod Mardochai und anderen Schriftstellern. Saadia. 257 Maschiach, Verfasser eines Praktisch-religiösen Werkes, schrieb eine eigene Abhandlung gegen den Fajumiten*). Wenn die karäischen Schriftsteller glaubten, durch heftiges Poltern und Schmähen Saadia zum Schweigen zu bringen, so hatten sie sich geirrt. Er blieb ihnen die Antwort nicht schuldig, rechtfertigte seine Behauptungen und war stets schlagfertig. Zwei polemische Schriften erließ er noch gegen das Karäerthum in arabischer Sprache, eine Schrift der Unterscheidung (Dawjm) und eine gegen Jbn-Sakwijah ^). Sämmtliche gcgenkaräische Arbeiten Saadia's sind ein Raub der Zeit geworden und nur aus der Erinnerung Späterer bekannt. Ueberhaupt haben sich von Saadia's Schriften nur wenige erhalten; selbst seine talmudischen Arbeiten, die methodisch angelegt waren, sind untergegangen: eine Einleitung in den Talmud, Uebersetzungen der Mischna und eine arabische Abhandlung über civilrechtliche und rituelle Themas. Seine Leistungen verbreiteten aber seinen Ruf in den Gemeinden des afrikanischen und des morgenländischeu Chalifats. Der greise Isaak Israeli (o. S. 236) las mit Gier Saadia's Schriften und sein Jünger Dunasch b. Tamim verschlang sie^). Auch nach dem Sitze des Gaonats war Saadia's klangvoller Name gedrungen und lenkte die Aufmerksamkeit der Stimmführer auf ihn. Die suranische Hochschule war nämlich in klägliche Verkümmerung gerathen, und es war ein solcher Mangel an gelehrten Männern eingetreten, daß der Exilarch David b. Sakkai genöthigt war, einen Weber von Profession mit der Gaonwürde zu bekleiden, mit Namen Jom- Tob Kahana b. Jakob (Hai b. Kima'i). Allein dieser starb nach zweijähriger Funktion (926—28). Der pumbaditanische Gaon Kohen- Zedek, der seiner Hochschule die ausschließliche Geltung zuzuwenden sich bestrebte, hatte den Exilarchen, mit dem er wieder versöhnt war, bestimmt, die suranische Akademie ganz eingehen zu lassen, den Rest der Mitglieder nach Pumbadita zu versetzen, und einen Titular-Gaon von Sura zu ernennen, der seinen Sitz in Pumbadita haben sollte. Schon war ein Sohn eines pumbaditanischen Gaon Namens Nathan b. Jehuda'l mit dieser Titularwürde bekleidet, als er plötzlich starb ^). Sein plötzlicher Tod scheint von den Zeitgenossen als ein Fingerzeig angesehen worden zu sein, daß es ein sündhaftes Beginnen sei, die alte ehrwürdige Hochschule von Sura eingehen zu lassen. Der Exilarch *) Sendschreiben des Sahal Abulsari. 2) Note 2V. 2) Ebend. b. Tamim in dessen Jezirah-Eommentar zum Theil abgedruckt Orient. Literbl. Jahrg. 1865 aol. 563. ch Nathan Babli in Jochasin, Scherira Sendschreiben. Graetz, Geschichte der Juden. V. 17 258 Geschichte der Juden. David beschloß daher, die Vacanz wieder zu besetzen, und hatte dafür zwei Männer im Vorschlag: Saadia und einen sonst unbekannten Zemach b. Schahin, der von altem Adel war. Ueber die Wahl eines dieser beiden berieth sich der Exilarch mit dem blinden Nissi Naharwani, dessen Rath um so uneigennütziger war, als er selbst die Gaonwürde abgelehnt hatte. Nissi stimmte für Zemach, nicht deswegen, weil er gegen Saadia etwas einzuwenden hatte, im Gegentheil, er spendete ihm überschwengliche Lobeserhebungen. „Saadia übertrifft an Weisheit, Frömmigkeit, Beredtsamkeit alle seine Zeitgenossen," sprach Nissi, „aber er besitzt einen festen, unabhängigen Sinn, der vor Nichts zurückschreckt." Von diesem unbeugsamen Sinn Saadia's fürchtete Nissi, der ihn richtig benrtheilte, einen Ausbruch von Reibungen zwischen ihm und dem Exilarchen, der in dem suranischen Gaon nur ein gefügiges Werkzeug brauchte, um die Anmaßung der pumbaditanischen Hochschule Niederhalten zu können. Nichtsdestoweniger entschied sich David für Saadia's WahlZ. Er wurde aus Egypten nach Sura berufen und förmlich zum Gaon ernannt (Mai 928^). Es war dieses ein Ausnahmefall, daß eine auswärtige Persönlichkeit, die nicht eine Reihe von Jahren an den talmudischen Hochschulen zugebracht hat und von Stufe zu Stufe auf der Leiter der Aemter aufgestiegen war, zur höchsten Würde nächst dem Exilarchen erhoben worden wäre. Noch dazu war Saadia im Grunde mehr durch wissenschaftliche Leistungen als durch talmudische Gelehrsamkeit bekannt. Mit Saadia's Berufung zum Gaonate hat Babylonien gewissermaßen die Suprematie, die es sieben Jahrhunderte über die Judenheit aller Länder besessen hatte, an das Ausland abgetreten und die philosophische Wissenschaft zur Gleichberechtigung mit dem Talmud erhoben. Der Forschergeist, welcher mit Anan, dem Stifter des Karäerthums, aus den Hallen der Hochschulen verbannt worden war, hielt in Saadia seinen feierlichen Einzug in dieselben. Saadia verlieh durch seine Persönlichkeit und seinen Ruf der suranischen Hochschule einen neuen Glanz, und während seines Präsidiums trat Pumbadita in den Schatten. Die Lücken, welche im akademischen Collegium entstanden waren, suchte er zu ergänzen, berief würdige, wenn auch junge Männer zu den akademischen Aemtern^) und war seinen Berufspflicbten treu. Mit welchen Gefühlen mag er zum ersten- male die Lehrhalle» betreten haben, wo die großen amoräischen 9 Wörtlich nach den Berichten des Nathan Babli das. 2) Scherira das. o) Scherira bemerkt das in seinem Sendschreiben mit einem hämischen Seitenblick. Saadia als Gaon. 259 Autoritäten gewirkt hatten. Bald aber mußte ihm sein gesunder Sinn sagen, daß von der ehemaligen Größe kaum noch ein Schatten geblieben war, daß die hochtönenden Titel und Würden nur noch Scheindinge waren, daß der Todeswurm bereits an diesen heiligen Alterthümern nagte. Das Exilarchat, der Gipfel des jüdisch-babylonischen Gemeinwesens, war ohne innern Werth und in steter Reibung mit den Hochschulen, statt mit ihnen in Einklang zu wirken. Ohne officielles Ansehen bei Hofe konnte das Exilarchat sein Dasein nur von den Höflingen und Machthabern des Tages gewissermaßen erkaufen, aber eben so gut durch Mehrgebot von einer andern Seite in den Staub gedrückt werden. Die mühsam gefristete und erkaufte Stellung erforderte bedeutende Summen, und diese wurden vom Volke durch Gewalt und mit Willkür erpreßt. Und wie das Exilarchat, so auch die akademischen Collegien. Corruption und Volksbedrückung waren an der Tagesordnung, um nur recht viele Mittel zur Behauptung der Würde zu erlangen*). Redlicher Sinn, Tugend, innere Frömmigkeit waren den Stimmführern ganz abhanden gekommen. Der Exilarch David sandte einst seinen Sohn aus, um von den Gemeinden außerordentliche Geschenke einzutreiben, und als die Gemeinde von Fars (Hamadan?) dieselben verweigerte, legte sie David in den Bann, machte davon dem Wesir Anzeige und dieser dem Chalifen, und der Chalife legte der Gemeinde dafür bedeutende Strafgelder auf. Und die Gaonen der Hochschulen hatten kein Wort des Tadels dafür! Saadia selbst, so sehr auch sein hoher Sinn empört über manche Vorgänge war, mußte schweigen; seine Stellung war noch zu neu. Auch hatte ihm gerade seine Größe Feinde erweckt, die auf seinen Sturz lauerten. Nicht blos Kohen-Zedek war eifersüchtig auf ihn, weil Pumbadita durch ihn verdunkelt wurde, sondern ein junger Mann aus Bagdad, von tiefen Kenntnissen, großen Reichthümern und bedeutendem Einflüsse, Aaron (Kaleb) Jbn-Sar- g'adu, war mißgünstig auf ihn und ihm feindlich gesinnt. Saadia hüllte sich daher gegenüber den tiefen Schäden in dem jüdischen Gemeinwesen Babyloniens in Schweigen, er wollte erst festen Boden in seinem Wirkungskreise gewinnen. Als ihm aber das unsittliche Treiben der Vertreter des Judenthums zu arg und sein Rechtsgefühl zu sehr verletzt wurde, und man ihm gar zumuthete, sich an Schlechtigkeiten zu betheiligen, konnte er nicht mehr an sich halten und offenbarte seinen unbeugsamen Charakter. *) Diese grelle Schilderung beruht theils auf den mitzutheilenden That- sachen, theils auf den Nachrichten des Zeitgenossen Sahal Abulsari in dessen Sendschreiben bei Pinsker S. 31. ') Nathan Babli das. 17 « 260 Geschichte der Juden. Ein geringfügiger Vorfall hatte die ganze sittliche Verderbtheit der jüdischen Würdenträger grell ans Tageslicht gezogen. Ein Prozeß um eine bedeutende Erbschaft war vom Exilarchen David aus Rücksicht auf reichen Gewinn nicht ganz gewissenhaft entschieden worden. Um das Erkenntniß rechtskräftig und unangreifbar zu machen, verlangte David die Unterschrift der beiden Gaonen unter die von ihm ausgestellte Urkunde. Der greise Kohen-Zedek hatte nichts dagegen einzuwenden und ertheilte seine Zustimmung. Saadia aber mochte nicht einer Ungerechtigkeit seinen Namen leihen. Auf das Drängen der Parteien gab er den Grund seiner Weigerung an. Der Exilarch David, dem nun doppelt daran lag, Saadia's Unterschrift zu haben, ließ ihm durch seinen Sohn Jehuda kraft seiner Würde die Weisung zugehen, ohne Umstände das Aktenstück zu unterschreiben. Saadia entgegnete ruhig: Das Gesetz verbiete ihm solches; denn es schreibe vor, in Rechtssachen keine Rücksicht auf Groß und Klein zu nehmen. Abermals sandte David seinen Sohn zu Saadia, und ließ ihm mit Amtsentsetzung drohen. Jehuda schlug Anfangs einen sanften Ton an und beschwor Saadia, keine unangenehmen Reibungen zu veranlassen. Als er ihn aber standhaft fand, und er des Hin- und Hergehens müde war, hob er die Hand gegen Saadia auf und forderte ungestüm dessen Unterschrift. Saadia's Leute warfen aber den Frechen hinaus und verrammelten die Thür des Sitzungssaales. David b. Sakka'i, der sich für beschimpft hielt, entsetzte darauf den Gaon seines Amtes, legte ihn in den Bann und ernannte auf der Stelle einen Nachfolger Joseph b. Jakob b. Satia, einen jungen Mann, der Saadia's Schüler hätte sein können. Saadia war aber nicht der Mann, sich durch Gewaltstreiche einschüchtern zu lassen. Er erklärte seinerseits David seiner Würde als Exilarch entsetzt und ernannte gemeinschaftlich mit seinem Anhänge dessen Bruder Josia Hassan zum Exilsfürsten (930 Z. Sofort bildeten sich zwei Parteien in Babylonien, eine saadianische und eine davidische. Zu Saadia hielten sämmtliche Glieder des sura- nischen Collegiums, viele angesehene, verdienstvolle und gelehrte Männer Bagdads 2) und .darunter auch die Söhne Netira's, welche den Einfluß ihres Vaters geerbt hatten. Gegen ihn waren Aaron-Jbn-Sargadu, sein Anhang und wahrscheinlich auch Kohen-Zedek mit dem pumba- ditanischen Collegium. Beide Parteien appellirten an den Chalifen Z Nathan Babli das.; Abraham Jbn-Daud. Scherira Sendschreiben. Vergl. Harkam) in Frankel-Grätz Monatsschrift 1882, S. 167. Nathan Babli, Maßudi in Note 20. Saadia's Kämpfe. 261 Almuktadir und bestachen die Günstlinge und Höflinge, um den Herrscher günstig für ihre Sache zu stimmen. Jbn-Sarg'adu ließ es sich 10 000 Denare kosten, um Saadia's Enthebung vom Gavnate durchzusetzen. Der Chalife wollte beide Parteien vernommen wissen und ließ ein förmliches Verhör in Bagdad anberaumen unter dem Vorsitze des Wesirs Ali Jbn-Jsa, dem viele Großwürdenträger beiwohnten*). Der Streit wurde indessen nicht ausgetragen, wahrscheinlich wegen der vielen Wesire, die in den letzten zwei Regierungsjahren des Chalifen Almuktadir auf einander folgten, und der Unruhen, die während dieser Zeit in der Hauptstadt herrschten (930 — 932). Saadia behauptete sich während dieser Zeit als Gaon, hatte aber einen Gegen-Gaon an Joseph b. Satia; ebenso bestanden in dieser Zeit zwei Gegen-Exilarchen: David und sein Bruder Josia - Hassan. Erst als der Chalife Almuktadir in einem Aufruhr erschlagen worden (October 932) und der bettelarme Kahir als Chalife ausgerufen wurde — der sich zum Huldigungsakt erst Kleidungsstücke ausleihen mußte — obsiegte diejenige Partei, welche mehr Summen für die leere Chamlle des Chalifen liefern konnte, und das war die davidische. Der Exilarch verschwendete die von den Gemeinden erpreßten Einnahmen, um den Sturz seines Gegners herbeizuführen. So wurde es Saadia endlich von Seiten des Chalifen untersagt, als akademischer Präsident zu fungiren, vielleicht auch in Sura zu weilen (Anfangs 933). Der Gegen-Exilarch Hassan wurde nach Chorasan verbannt, wo er später sein Grab fandst. Saadia lebte darauf vier Jahre zurückgezogen in Bagdad (933 bis 937) als Privatmann. Unbegründet ist aber die Nachricht, daß ihm der Exilarch David nach dem Leben getrachtet, und daß er deswegen genöthigt gewesen wäre, sich LU verbergen 3). Aber seine Gesundheit hatte durch die jahrelangen Streitigkeiten und Kränkungen gelitten, er wurde schwermüthig. Sein Trübsinn störte indessen seinen Geist nicht. Er verfaßte gerade während der Zurückgezogenheit seine besten Schriften, die den Stempel der Gedaukenfrische und Originalität an sich tragen. Er schrieb tal- mudische Abhandlungen, dichtete poetanische Stücke und reimlose Gebete voll von religiöser Wärme, stellte eine vollständige Gebetordnung (8Iääur) nach Art der Amram'schen (o. S. 233) und die Regeln der Kalenderordnung (Ibbur) zusammen, Polemisirte gegen den Massoreten st Maßudi bei äs 8s,o^ Obrsstoius.tllis s,rs,bs I 350 Note 52. st Nathan Babli, Scherira; vergl. Note 20. st Dieselbe Note. 262 Geschichte der Juden. Aaron b. Ascher aus Tiberias und war überhaupt während dieser Zeit schriftstellerisch fruchtbar Z. Die Höhe seiner Leistungen besteht aber in seinen philosophischen Arbeiten, die er in zwei Schriften niedergelegt, in einen Commentar zum Buche derSchöpfung (8skor llsLirab) und in ein großes Werk über „Glauben und Glaubenslehren", beide in arabischer Sprache. Saadia war der erste, der ein ziemlich vollständiges religions-philo- sophisches, gegliedertes System aufgestellt hat. Denn wiewohl die karäischen Lehrer breite philosophische Auseinandersetzungen liebten und sie oft bei unpassenden Gelegenheiten anzubringen pflegten, so haben sie es weder bis dahin, noch überhaupt zu einem umfassenden, abgerundeten Religionssystem gebracht. Aber auch die Araber hatten bis dahin noch keine systematische Philosophie erzeugt. Saadia hat demnach aus seiner eigenen Denkkraft heraus das Gebäude einer jüdischen Religionsphilosophie aufgeführt, wenn er auch der arabisch-mutazilitischen Schule philosophische Themas und die Methode der Behandlung entlehnt hat. Als Saadia seinen Commentar zu dem halb mystischen und halb philosophischen „Buch der Schöpfung"^ schrieb, dessen Ursprung noch immer nicht gefunden ist und das neben tiefen Gedanken kindische Spielereien enthält, war sein Denken noch unreif. Nicht nur hat er den Gedankengang dieses eigenthümlichen Schöpfungssystems nicht erfaßt und Manches hineingetragen, was demselben fremd ist, sondern auch einen eigenen Gottesbegriff aufgestellt, der an jene Lehre anstreift, welche überall im Größten und Kleinsten göttliche Wirksamkeit und Kraft, aber nirgends Gott gewahrt (Pantheismus). Die Allgegenwart Gottes faßte Saadia so auf, daß Gott das Leben und das Wissen der Welt sei. Wie das Leben des Organismus in jedem Theilchen vorhanden ist, so ist Gott in allen Theilen des Weltalls gegenwärtig, in Bergen, Strömen, Meeren. Und wie das Wissen nicht wechselt mit dem Wechsel der Dinge, so wechselt auch Gott nicht in dem Gewoge der Erscheinungen im Weltall. Und wie die Erkenntniß nicht befleckt werden kann, so kann Gott, obwohl in allen Dingen seiend, nicht von ihnen befleckt werden. Aber obwohl er im Weltall und in allen Theilen desselben ist, so ist er doch erhaben darüber, führt und leitet es, wie der Geist der Seele innewohnt und doch mehr ist, als sie und sie leitet. >) Das. -) Ich habe früher das 8slsr cksr-irab. in die gnostische Zeit gesetzt, bin aber davon zurückgekommen, weil darin einige Termini aus der arabischen Zeit Vorkommen, und gestehe, nicht zu wissen, wohin es zu placiren ist. Wahrscheinlich ist es in Tiberias entstanden. Saadia's Philosophie. 263 Wie ist aber diese tatsächliche Gegenwart Gottes in allen Dingen denkbar? Oder inwiefern ist er das Leben und die Seele des Weltalls? Diese Fragen beantwortet Saadia auf eine sonderbare Weise. Gott hat alle Dinge mit feiner Luftströmung durchdrungen und durchzogen; er selbst stehe mit der Atmosphäre in unmittelbarer Verbindung. So ist er vermöge dieses Aethers in allen Theilen der Welt, denn es giebt keinen noch so harten Körper, der nicht in seinen Poren Luft enthielte. Vermittelst dieser Atmosphäre wirke Gott im Weltall, indem er sie bewege, und diese die Bewegung weiter fortpflanze. So angeschaut, könne das Schriftwort ganz buchstäblich verstanden werden, worin es heißt: „Ich (Gott) bin im Himmel oben und auf der Erde unten", und: „Alles, was Gott will, thut er im Himmel und auf Erden". Sein Wille wirke in jedem Augenblick mittelst der Luft auf die Dinge, gestalte und verändere sie. Dieses Luftmittel nenne die heilige Schrift die Herrlichkeit Gottes (Laboä), die talmudischeAusdrucksweise dafür sei Schechinah, und das Buch der Schöpfung bezeichne es durch „Geist des lebendigen Gottes" Vermöge desselben theile Gott seinen Auserwählten höhere Erkenntniß mit, und die heilige Schrift bediene sich dafür des Ausdruckes: „Es ruhe auf ihnen der Geist Gottes". Auch Muth und Tapferkeit verleihe Gott vermöge desselben Mittels seinen Berufenen, habe ehemals dadurch seine Propheten begeistert, seine Offenbarung am Sinai verkündet und alle Wunder und Zeichen bewirkt ^). Diese saadianische Auffassung verräth das mühsame Ringen, das dunkle Räthsel zu lösen, wie Gott erhaben über die Welt und doch jeden Augenblick eingreifend in ihre Werkstätte zu denken sei. — Dem unreifen Lebensalter gehört auch Saadia's wunderliche Spielerei, die Zehngebote mit den zehn Grundeigenheiten der Dinge aus der aristotelischen Philosophie in Verbindung zu bringen °). Diese unreifen Gesichtspunkte hat Saadia bei dem Aufbau seiner Religionsphilosophie (Lmunot rve-veot) einige Jahre später (934^) ganz fahren lassen, so daß sich keine Spur mehr davon findet. Er verfaßte dieses religions-philosophischeWerk, um den irrtümlichen Ansichten seiner Zeitgenossen über die Bedeutung des Judenthums zu begegnen und sie zu berichtigen, einerseits wegen der Ungläubigen und Zweifler, welche dem Judenthum den Boden entzogen, und andererseits' wegen >) Commentar zum Lslsr cksrärab, (handschriftlich arabisch und hebräische Usbersetzung in mehreren Bibliotheken) zu Abschnitt IV. Us.1s.obak 1. (Der arabische Commentar wurde edirt von Lambert, Paris 1891 (H.).j 2) Das. zu I. 1., mitgetheilt von Dukes Us.obs.1 Lsäuraiva S. 3, Note. Note 20. 264 Geschichte der Juden. der dummgläubigen Masse, welche jedes Nachdenken über Religion als Gottesleugnen verketzerte. „Mein Herz ist betrübt," sagt Saadia in der Einleitung, „über vernünftige Wesen und namentlich die meines Volkes, daß sie einen unlauteren Glauben und eine verworrene Vorstellung darüber haben. Die Einen leugnen die sonnenklare Wahrheit und rühmen sich des Unglaubens. Andere sind in das Meer des Zweifels versunken und die Fluthen des Jrrthums schlagen über ihrem Haupte zusammen, und kein Schwimmer ist da, der sie faßte und herauszöge. Da mich nun die Gnade Gottes mit Etwas begabt hat, wodurch ich ihnen nützlich sein kann, so halte ich es für meine Pflicht, sie durch Belehrung auf den rechten Weg zu führen. — Wollte Jemand einwenden: Wie sollen wir uns durch philosophisches Denken zum wahren Glauben erheben, halten ja Viele eben das für Ketzerei und Unglauben? so erwidere ich: Das thun nur die Stumpfsinnigen, die Gattung Solcher, welche glauben, daß Jeder, der nach Indien gelangt, reich werde, oder daß die Mondfinsteruiß dadurch entstehe, weil der Drache die Mondscheibe verschlinge, und dem Aehnliches. Auf Solche ist nicht viel zu hören. Wollte aber Jemand der philosophischen Spekulation die talmudische Warnung entgegensetzen: „Wer über Entstehung der Zeit und des Raumes nachgrübelt, verdient nicht zu leben", so antworten wir: der Talmud könne das richtige Denken nicht verpönt haben, da -die Schrift dazu anleitet und sogar auffordert. Die Warnung der Talmudweisen gelte nur der eigenen Spekulation, welche einen eigenen Weg einschlägt und die Wahrheit der Schrift nicht mit hineinzieht. Diese bodenlose Spekulation kann allerdings zum Jrrthum führen, und selbst wenn sie zur Wahrheit führt, steht ihr diese nicht unerschütterlich fest, weil sie sich der Offenbarung entschlagen und Zweifel an derselben Raum gegeben hat. Aber wenn die Philosophie an der Hand des Glaubens forscht, so kann sie nicht auf Irrwege gerathen, sie findet vielmehr die Offenbarung bestätigt und ist im Stande, die Einwürfe zu widerlegen, welche von Seiten des Unglaubens gegen dieselbe erhoben werden. Die Wahrheit des geoffenbarten Judenthums kann als sicher vorausgesetzt werden, da sie durch Zeichen und Wunder bestätigt worden. Namentlich ist das Wunder von dem Manna, das vierzig Jahre angedauert hat, geeignet, jeden Zweifel niederzuschlagen. Denn rin anhaltendes Wunder ist einleuchtender, als ein schnell vorübergehendes; dieses könnte auf Sinnestäuschung und Betrug beruhen, jenes dagegen, da es tagtäglich wiederkehrt, schließt jede Täuschung aus. Wollte Jemand aber fragen, wenn die philosophische Spekulation dieselbe Ueberzeugung zu Tage fördert wie die Offenbarung, so sei diese ja überflüssig gewesen, da der menschliche Verstand auch ohne Saadia's Religionsphilosophie. 265 göttliches Eingreifen auf die Wahrheit hätte kommen können? Darauf entgegne ich, daß die Offenbarung deswegen nöthig war, weil ohne sie die Menschheit einen langen Weg hätte machen müssen, um aus eigenem Nachdenken sich die Wahrheit klar vorzustellen. Tausend Zufälle und Zweifel hätten es verhindern können. Darum hat uns Gott aller dieser Mühen überhoben und uns seine Boten gesendet, die uns Kunde von ihm gebracht und sie durch Wunder vergewissert haben"Z. Die saadianische Philosophie geht von der Offenbarung als einer unumstößlichen Wahrheit, aus und sucht die Glaubenslehren des Judenthums durch dialektische Beweismittel zu erhärten. Saadia entwickelte zuerst die Erkenntnißquellen der Wahrheit, wodurch sie gefunden nnd erkannt werden könne. Es sind ihrer drei: die vergewisserte Sinneswahrnehmung, das unmittelbare Verstandesurtheil und die nöthige Folgerung (die Reflexion). Im Eifer, alle philosophischen Gedanken in der Schrift zu finden, brachte Saadia auch Verse als Belege herbei, daß auch die Offenbarungsschriften an diese drei Erkenntnißquellen appelliren. In dieser Methode sucht er nachzuweisen, daß die Ergebnisse der vernunftmäßigen Erkenntniß mit den Lehren des Judenthums zusammenklingen. Er legte nach zwei Seiten hin Gewicht auf den Satz: daß das Judenthum mit dem philosophischen Bewußtsein nicht im Widerspruche stehe. Der stumpfsinnigen, gedankenlosen Menge gegenüber wollte er darthun, daß das Vernunftwidrige, Unsinnige, Abergläubische, wie der Glaube an die Seelenwanderung, nicht im Judenthume lieget, und die philosophisch gebildeten Zweifler wollte er überzeugen, daß Judenthum und Vernunft nicht in klaffender Unverträglichkeit zu einander stehen^). Der Unglaube hatte nämlich im morgenländischen Chalifate in Folge der Philosophenschulen der Mutaziliten solche Fortschritte gemacht, daß ein arabischer Dichter, ein Zeitgenosse Saadia's, Abul-Ala, der die Gebrechen seiner Zeit geißelte, sagen konnte: „Moslemin, Juden, Christen, Magier sind in Jrrthum und Wahn befangen. Die Welt hat nur zwei Gattungen von Menschen: die Einen haben Einsicht, aber keinen Glauben, die Anderen sind gläubig, aber ohne Verstand"^). In jüdischen Kreisen mäkelten schon Manche an den Bescheiden der Gaonen und nahmen sie keineswegs mehr wie Orakelsprüche hin5). Der aufgeklärte Sinn blieb aber nicht bei den Be- 1) Luaunob Einleitung. ") Das. Abschnitt VI. Kap. 7. °) Das. VII. 7 — 10. ») Vergl. Weil Chalifen III. 72. b) Ussx. (Is-ouira Labaars 2säsle Anfang und Lollaars Nsseliubab. Uo. 187. Dieses Rsoxonsum ist auf jeden Fall echt, wenn auch zweifelhaft, ob es von Scherira stammt. 266 Geschichte der Juden. stimmungen der gaonäischen Autoritäten und auch nicht beim Talmud stehen, sondern kehrte seine Zweifel gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel und sogar gegen die Thatsache der Offenbarung. Der Karäer Salmon b. Jerucham klagt über einige seiner Zeitgenossen, daß sie nach den Schriften der Philosophen mühsam suchen, und namentlich nach den ketzerischen Schriften des jüdischen Apostaten Jbn-Arrawendi, die zur Irreligiosität Anleitung geben und Gott und seine Propheten leugnen. Wer solchen vorhält, daß es sündhaft sei, den halten sie für einen Thor und machen sich über ihn lustig. In ihren Forschungen gehen sie über Gott und seine Lehre Hinwegs). Die Spitze des Unglaubens bildete in dieser Zeit der Rabbanite Chiwi Albalchi^j aus der Stadt Balch (im ehemaligen Baktrien). Chiwi schrieb ein Werk gegen die Bibel und Offenbarung und machte zweihundert Einwürfe gegen die Wahrheit derselben geltend. Einige dieser Gründe sind von derselben Art, wie sie noch heute der Unglaube und die Aufklärung als Waffe gegen die Bibel gebraucht. Chiwi behauptete unter Anderem, es sei unglaublich, daß Gott sich dem sündhaften Ge- schlechte der Menschen geoffenbart und die lichten Engel vernachlässigt habe. — Wie könne Gott — warf Chiwi ferner ein — Gefallen finden an Tempel, an Opfern, an brennenden Lumpen, an Weihrauch, Duft und Weinguß! Solches vertrage sich mit der Größe Gottes nicht und könne nicht von ihm angeordnet sein. Chiwi hob auch die Widersprüche, die in der Bibel Vorkommen, hervor, um daraus die Ungöttlichkeit derselben zu folgern. Den Durchzug der Israeliten durch das rothe Meer erklärte der ungläubige Forscher von Balch durch Ebbe und Fluth; Mose habe das Volk während des zurückgetretenen Meerwassers hindurchgeführt. Das Wunder des Manna in der Wüste erklärte Chiwi ebenfalls auf natürlichem Wege, und Mose's strahlendes Antlitz beim Herabsteigen vom Berge Sinai deutete er als eine horn- artige Vertrocknung der Gesichtshaut. Chiwi war der erste rationalistische Bibelkritiker, der vor keiner Konsequenz zurückschreckte. Und dennoch fand er Anhänger in seiner Zeit, Jugendlehrer verbreiteten seine ketzerischen Ansichten über das Judenthum in Schulen^). Um Chiwi's glaubensfeindliche Richtung zu bekämpfen, begegneten sich die beiden Gegner Saadia und Salmon b. Jerucham. Saadia hatte noch in *) Salomon b. Jerucham in dessen Commentar zu Lollslst, mitgetheilt von Pinsker ULats Text S. 27 f. Vergl. über den Unglauben der saadia- nischsn Zeit Maimuni IZgsrst ipsnaan sä. 2l,rast. 125 ä. 2) Vergl. über ihn Note 20, II. °) Abraham Jbn-Daud; Saadia Jbn-Danan im Sammelwerke OllsvaäsR Osnusali von Edelmann S. 28. Saadia's Religionsphilosophie. 267 Egypten gegen ihn eine Widerlegungsschrift verfaßt. In seiner Religionsphilosophie nahm er besonders Rücksicht auf diese offenbarungsfeindliche Richtung und suchte ihre Unhaltbarkeit aufzudecken, wie er auch die Einwürfe des Christenthums und des Islam gegen das Judenthum nicht außer Acht ließ*). Das saadianische System der jüdischen Religionsphilosophie nimmt seinen Ausgangspunkt — in mutazilitischer Weise — von der Er- schaffenheit des Weltalls, daß es nicht von Ewigkeit her vorhanden war, was weitläufig bewiesen wird aus der Uebereinstimmung der dialektischen Schlußfolgerung mit dem Schriftworte. Ist das Weltall räumlich und zeitlich begrenzt, so folge daraus, daß es sich nicht selbst hervorgebracht hat, sondern nothwendig einen Schöpfer voraussetzt. Von diesem Punkte aus entwickelte Saadia die Grundwahrheit des Judenthums von der Schöpfung aus Nichts, und widerlegte den auf sinnlicher Wahrnehmung beruhenden Satz: aus Nichts wird Nichts. Allerdings falle es dem menschlichen Denken schwer, sich eine Schöpfung aus Nichts vorzustellen, aber da eine fehlerlose Schlußfolgerung dazu nöthige, und das Gegentheil eben so schwer zu denken sei, müsse man sich dabei beruhigen. Man dürfe nicht nach dem Endzwecke der Weltschöpfung frage»; denn der Zweckbegriff finde bei Gott keine Anwendung. Man könne aber auch annehmen, Gott habe das All geschaffen, um durch die Welt seine Weisheit kund zu geben und das Glück der Geschöpfe zu fördern 2). Hat die philosophische Betrachtung Gott als Weltschöpfer erkannt, so muß sie ihn auch als eine Einheit denken. Denn die Vielzahl in der Gottheit sei das Allerungereimteste, gegen das sich der einfache Menschenverstand sträube. Mit dem Begriffe Weltschöpfer seien aber zugleich drei Eigenschaften Gottes gesetzt. Man könne ihn nicht anders als seiend (lebend, wirklich), als weise und als mächtig denken. Diese drei Attribute Gottes: Dasein, W eish e it und Macht machen eigentlich nur einen einzigen Begriff aus. Das menschliche Denken sei aber zu beschränkt und die menschliche Sprache zu dürftig, um diesen Begriff ist einen einzigen Gedanken zu fassen, mit einem einzigen Worte zu bezeichnen, und sie seien daher genöthigt, ihn in drei zu spalten. Mit der Annahme dieser drei Attribute Gottes treten wir der göttlichen Vollkommenheit nicht nahe (wie einige haarspaltende Mutaziliten glauben); denn sie bilden nicht einen fremden Zusatz zu seinem Wesen, sondern sind mit ihm eins^). Alle übrigen Eigenschaften *) lümuuot II. 5. III. gegen Ende 8 und 10. h Das. I. 1-3, 5. o) Das. II. 1-4. 268 Geschichte der Juden. dagegen müssen von der Gottheit ferngehalten werden, weil sie deren Vollkommenheit und Erhabenheit beeinträchtigen. Man dürfe nicht einmal von Gott aussagen, er sei thätig; denn Thätigkeit beziehe sich auf ein Etwas und werde davon bestimmt. Wenn aber die heiligen Schriften Gott Eigenschaften beilegen, daß er barmherzig sei, etwas wolle, zürne, bereue: so sei dieses Alles nur als Metapher zu betrachten, um für Menschen in menschlicher Redeweise zu sprechen. Die Verkündigung Gottes an die Propheten sei nicht als eine Veränderung in der Gottheit zu betrachten, sondern es sei eine augenblickliche Lichtschöpfung entstanden, welche den Propheten in mannigfaltiger Gestaltung sichtbar geworden sei und zu ihnen gesprochen habe^). Die Annahme einer plötzlichen Lichtbildung auf Gottes Geheiß ist ein Grundzug der saadianischen Anschauung, die sich durch seine exegetischen, polemischen und religionsphilosophischen Schriften hindurchzieht. Saadia glaubte dadurch die sinnliche Wahrnehmbarkeit Gottes beseitigt und doch die Prophetie als eine in die Sinne fallende Thatsache gerettet zu haben. Den Mittelpunkt des von Gott geschaffenen Weltganzen bildet, nach Saadia's Ansicht, die Erde, da die Himmelskörper sie als Diener umkreisen und sie deren Mitte einnimmt. Das Edelste und Vorzüglichste sei nämlich immer das Innere und die Mitte, wie die Frucht an der Pflanze, der Kern in der Frucht, das Dotter im Ei, das Herz im Menschen. Da nun das vorzüglichste Wesen auf Erden der Mensch ist, so müsse man folgern, der Mensch sei das vorzüglichste Wesen und der Endzweck der ganzen Schöpfung fl. Der Mensch sei auch vorzüglicher als die Himmelskörper (die sich Saadia, wie die alte Welt überhaupi, als beseelte, ätherische Wesen dachte); er sei sogar vorzüglicher als die Engels. Obwohl in einen befleckten und zerbrechlichen Leib eingeschlossen, reicht des Menschen Geistesblick über Erde und Himmel hinaus. Ter Mensch ist der Herr der Schöpfung, er unterwirft sich die Thierwelt, er macht kunstreiche Erfindungen. In der Erkeuntniß liegt des Menschen Größe und darin besteht sein Vorzug vor allen andern Wesen. Saadia betonte auch die menschliche Willensfreiheit auf das Bestimmteste. Die Erkeuntmß hat die Seele aus sich selbst, und sie wird ihr nicht erst durch die Sinneswahrnehmung zugeführt; denn auch die fl Das. II. 7 — 8. fl Das. IV. Einleitung und VI. 3. fl Diese 'Ansicht Saadia's findet sich nicht in seinen vorhandenen Schriften, wird aber von Jbn-Esra citirt in dessen Commentar zu Genesis 1 und an andern Stellen. Saadia's Religionsphilosophie. 269 Blinden können sich das Sehen vorstellcn und träumen vom Gesichtssinn. Die Sinne werden vielmehr erst durch die Seele wahrzunehnien ertüchtigt. Obwohl die Seele drei verschiedene Vermögen hat: Begehrung, Erregbarkeit und Erkenntnis so ist sie doch ein einheitliches Wesen. Ihren Hauptsitz hat sie im Herzen, obwohl sie das ganze menschliche Wesen erfüllt. Der Körper ist nur ihr Werkzeug, vermittelst dessen sie auf die Außenwelt wirkt. Gott habe die Seele mit dem Leibe vereint, um sie für Wonne und Glück zu befähigen. Diese Wonne erlangt sie aber nur durch gute Thaten; böses Thun entstellt die Seele und verdunkelt ihren Glanz. Findet man es unbegreiflich, daß Gott die strahlende Seele in den dunkeln Leib gebannt hat, so bedenke man, daß ohne diese Verbindung beide nicht hätten wirksam sein können, und der Hauptzweck der Schöpfung wäre vereitelt worden. Aber zu verlangen, daß Gott der Seele die Kraft hätte zutheilen sollen, auch ohne körperliche Werkzeuge zu wirken, hieße von dem Feuer verlangen, daß es kühle, und vom Schnee, daß er brenne. Erst durch die Verbindung der Seele mit dem Leibe erhält diese ihre Vollkommenheit, beide bilden zusammen ein einheitliches Wesens. Dieser Verbindung von Leib und Seele hat der Schöpfer eine gewisse Dauer zugemessen, die er auch, ohne daß sein Wesen dadurch eine Veränderung erlitte, verkürzen oder verlängern könne Wenn die Seele vermöge ihres Erkenntnißvermögens sich die Erhabenheit Gottes tief einprägt, so könne es nicht fehlen, daß sie aus freien Stücken innige Liebe und Verehrung für ihn empfindet, sich nach ihrem Schöpfer sehnt, vom Dankgefühl für ihn erfüllt ist, sich als seine Dienerin betrachtet, Freud und Leid, die sein erhabener Wille über sie verhängt, für gut findet und in Demuth und Ergebenheit erträgt. Das der Seele eingeborne Gefühl der Abhängigkeit von Gott ist die Quelle der Religion^). Der Mensch vermöchte also vermöge seiner eigenen Natur sich zur Gotteserkenntniß, zur Religion, zur Ausübung des Guten, d. h. zur Tugend zu erheben, und bedürfte der Offenbarung nicht. Er könnte die Glückseligkeit, die in der Beobachtung der Religion und Sittlichkeit liegt, ohne Anregung von Seiten der Gottheit erwerben. Allein der Weg der Erkenntniß ist weitläufig und mühsam, und selbst wenn der Mensch durch Beseitigung vielfacher Hindernisse und Widerwärtigkeiten dazu gelangte, würde er doch nicht das rechte Maß finden, wie die Religion und die Tugend geübt werden sollen. Die menschliche Seele empfindet wohl vermöge ihres Zuges zu Gott ein Andachts- >) Das. VI. 1-4. 2 ) Das. VI. 5. °) Das. II. 10. 270 Geschichte der Juden. bedürfniß, aber sie wüßte sich nicht selbst Maß und Verhältniß für's Gebet zu bestimmen. Der menschliche Geist weiß wohl, daß Unkeuschheit, Diebstahl und Mord Laster sind, die er fliehen müsse; aber er würde aus eigenen Mitteln die Grenzlinie zwischen Erlaubtem und Verbotenem, d. h. das regelnde Gesetz, nicht finden können. Dazu bedurfte es der Offenbarung und Verkündigung von Seiten Gottes, vermittelst seiner Boten und Propheten *). Die Propheten läßt Gott durch Wunder, die er zu diesem Zwecke vorher verkündet, bestätigen und bewahrheiten. Die Wunder sind gewissermaßen das Zeugniß, das die Gottheit den Propheten ausstellt, daß sie von ihm abgesandt seien und daß sie sein Wort verkünden. Die göttlichen Gesandten müssen der menschlichen Natur, selbst den menschlichen Schwächen und Wechselfällen vollständig theilhaftig sein. Hätte Gott Engel oder höhere Wesen zu seinen Gesandten auserkoren, so würden die Menschen, der Engelnatur unkundig, zweifelhaft geblieben sein, ob die vor ihnen gezeigten Wunder von Gott oder von diesen höhern Wesen ausgingen. Die Propheten durften auch nicht stets Wunder üben, nicht stets die Zukunft schauen, sondern mußten wieder ihren Tribut an die menschliche Beschränktheit zollen, damit die Menschen erfahren, daß die Gesandten gleich ihnen zu den sterblichen Wesen gehören und die von jenen gebrachte Kunde lediglich von Gott stamme. Die Propheten waren daher durchaus nicht von ihren Mitmenschen unterschieden, weder durch Essen und Trinken und Eheleben, noch durch ewige Gesundheit und beständiges Glück, um dem Zweifel keinen Raum zu geben, ob die Prophezeiung wirklich Gottes Wort sei. Die Propheten selbst wurden von der göttlichen Sendung durch ein ihnen verständliches göttliches Zeichen vergewissert: durch eine Wolke, eine Feuersäule oder eine Lichtschöpfung. Wenn auch solche Zeichen nicht bei allen Propheten ausdrücklich erwähnt werden, so sind sie doch aus Schriftandeutungen bei allen vorauszusetzen ^). Indessen genügten Wunder nicht allein, um die Sendung des Propheten zu beglaubigen, sondern der Inhalt seiner Sendung muß den Stempel des Glaubwürdigen und Göttlichen an sich tragen. Wollte Jemand durch Wunder ein unkeusches und unsittliches Leben, als von Gott empfohlen, einschärfen, so würde der Inhalt seiner Sendung ihn Lügen strafen. So wenig Zeugenaussagen je einen Richter bewegen könnten, sich auf eine unmögliche Forderung einzulassen, ebensowenig können Wunder, die eigentlich nur als Zeugen anzusehen seien, die Verkehrtheit einer Offenbarung glaubwürdig machen ^j. ft Das. III. und Einleitung x. 3. ft Das. 3-ö. ft Das. III. 8. Saadia's Religionsphilosophie. 271 Durch Zeichen und Wunder ist das israelitische Volk der Sendung des größten Propheten über alle Zweifel gewiß geworden, daß die von ihm gebrachte Lehre thatsächlich von Gott stamme. Es ist daher Pflicht der Israeliten, diese Lehre treu zu bewahren. Ein großer Theil dieser Lehre des Judenthums stimme auch mit der Vernunft überein; es ist der Theil der vernunftgemäßen Religionsgesetze *), wie die demüthige Verehrung Gottes, nicht unwürdig von ihm zu sprechen oder von ihm zu denken, Gerechtigkeit, Wahrheit zu üben, Unkeuschheit, Diebstahl, Verleumdung zu meiden, die Mitmenschen wie sich selbst zu lieben und Aehnliches. Der andere Theil des Judenthums, die rituellen Gesetze zeigen zwar nicht auf den ersten Blick, daß sie an sich wünschenswerth oder verwerflich wären. Man könnte also annehmen, daß sie nur Werth haben, weil durch sie der unbedingte Gehorsam gegen Gott bethätigt wird. Indessen dürfte sich doch für einige rituelle Gesetzesbestimmungen ein vernunftgemäßer Grund finden lassen. Die Heiligung gewisser Zeiten könnte bezwecken, daß die Menschen an gewissen Tagen von der Arbeit ruhen und Muße fiir Gebet und Sammlung finden sollten. Die Auszeichnung gewisser Personen, wie die Aaroniden, könnte ihren Grund darin haben, daß sie als Vorbilder die übrigen Menschen zum Guten anleiten sollten. Das Gennßverbot mancher Thiere könnte gegen das Götzenthnm gerichtet sein. Das Verbot der Ehe innerhalb der Blutsverwandtschaft will wegen allzuleichter Vertraulichkeit der Familienglieder der Unzucht Vorbeugen. Die levitischen Reinheitsgesetze bezwecken eine größere Sehnsucht nach Gebet und Heiligthum im Gemüthe zu erzeugen, wenn der Mensch durch den unreinen Zustand dieselben einige Zeit entbehrt hat. Doch gab Saadia diese vernunftgemäße Begründung der rituellen Gesetze nur als Vermuthung und meinte, daß die göttliche Weisheit noch etwas ganz Anderes damit bezweckt haben könne, das dem Menschen verhüllt sei^). Aus den Ergebnissen der Philosophie und der Offenbarung stellte Saadia eine Art praktische Sittenlehre zusammen, welche als der Glanzpunkt seines Systems angesehen werden kann. Der Mensch, obwohl ein einheitlicher Organismus von Seele und Leib, hat vielfache Triebe und Neigungen. Der Begehrnngstrieb der Seele strebt nach Lust und Genüssen, um die Anforderungen der Sinne zu befriedigen. Der Erregungstrieb erzeugt Muth, Ehrgeiz, Hochmuth und Rachegefühl. Wollte der Mensch sich einem dieser Triebe ausschließlich überlassen, so würde h Arabisch Lvkariri.' alltssall, hebr. siolckisot. 2) Arabisch Lollariu' ssraifiall, hebr. lckisrvot selmraffob. üoauuob III 1 — 2. 272 Geschichte der Juden. er sich bald aufreibeu. Aber auch unterdrücken soll er die Neigungen keinesweges, denn der Schöpfer hat sie nicht umsonst in die Seele gepflanzt. Jede von ihnen hat ihren Nutzen für's Ganze. Wenn der Prediger ausruft: „Alles auf Erden ist eitel und windiges Streben", so will er damit keineswegs die menschlichen Triebe sammt und sonders abgetödtet wissen, sondern lediglich vor dem Uebermaß eines einzigen Triebes auf Kosten der Andern warnen. Das Erkenntnißvermögen der Seele, die Vernunft, soll die Neigungen überwachen und sie in Grenzen weisen, damit sie nicht zum Schaden ausschlagen. Aber auch äußerliche Ausbildung des Erkenntnißvermögens, das einseitige Streben nach Weisheit, kann zum Nachtheil ausarten. Die Triebe müssen im Gleichgewicht gehalten werden, daß keiner von ihnen die Oberhand über die andern behaupte und den Menschen ausschließlich beherrsche. Saadia zählte dreizehn Leidenschaften auf und wies nach, daß jede derselben, gemäßigt und beschränkt, des Menschen Gedeihen körperlich und geistig fördern, ungezügelt aber, ihn selbst oder die Gesellschaft zu Grunde richten würde. Das Wohlgefallen an Essen und Trinken, an den ehelichen Freuden, das Streben nach Reichthum, nach Nachkommenschaft, nach Herrschaft, nach Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, die Liebe zum Leben, der Drang, die Feinde zu züchtigen, die Sucht nach Ruhe und Absonderung, der Trieb nach Weisheit und Erkenntniß, der Hang nach beschaulichem Leben, nach Beten und Fasten, haben sämmtlich ihren Werth und Unwerth. Mit Maß geübt und im Sinne der Offenbarung und Vernunft gebraucht, erzeugen sie Gutes für den Einzelnen und die Gesellschaft, im Uebermaß und Uebertreibung gepflegt, sind sie von Uebel. Als Muster des menschlichen Thuns könnte die Mischung von Farben und Tönen dienen, die, einzeln, dem Gefühl oder Gehör grell erscheinen und einen unangenehmen Eindruck hinterlassen, harmonisch zusammengesetzt aber Freude und Befriedigung erzeugenZ. Das Judenthnm, welches ein maßvolles sittliches Leben einschärfe, ist für die Ewigkeit gegeben und kann durch nichts außer Kraft gesetzt werden. Der letzte Prophet Maleachi hat verkündet: „Denket an die Lehre Mose's am Horeb für ganz Israel." Der göttliche Gesetzgeber hat bei mehreren Bestimmungen den Zusatz hinzugefügt, daß sie für alle Folgegeschlechter Gültigkeit haben sollten. Gott hat verkündet, daß der jüdische Stamm nie aufhören werde, solange Himmel und Erde bestehen; der jüdische Stamm hat aber ohne den Inhalt seiner Lehre keine Bedeutung Aus all' diesem ergebe sich die ewige Gültiges Das L. Abschnitt. Saadia's Religionsphilosophie. 273 keil des Judenthums. Weder das Christenthum, noch der Islam hätten Beweiskraft genug, das so unzweideutig geoffenbarte Gesetz aufzuheben. Die Beweise, welche die Bekenner dieser Religionen und jüdische Vernünftler für die zeitliche Geltung des Jndenthums aufstellen, beruhen, nach Saadia's Ansicht, auf Unkenntniß und falscher Auslegung i). Durch Beherzigung der Wahrheit und Befolgung der Gesetze, welche das Judenthum lehrt, könne der Mensch diejenige Vollkommenheit erreichen, welche ihm die Gottheit zugedacht. Ein vollkommen religiös-sittliches Leben heißt Verdienst oder Tugend (2aobut), der Abfall davon ist Sünde. Durch das gottgefällige Leben wird die Seele geläutert, und durch die Sünde wird sie befleckt. Freilich das beschränkte Menschenauge vermöge nicht zu unterscheiden, wie die Seele durch eine Handlung vervollkommnet und durch eine andere ihr ähnliche getrübt werden könne. Das kommt aber daher, weil uns das ätherische Wesen der Seele, welches Sterne und Engel an Lauterkeit überstrahlt, unbekannt ist. Dem Schöpfer der Seele dagegen stand es zu, die eine Handlung zu gebieten und die andere zu verbieten, oder die eine als Tugend und die andere als Sünde zu stempeln. Wie denn auch ein Münzkenner auf den ersten Blick eine echte Münze von einer falschen unterscheidet, wie der Arzt die Ursachen der leiblichen Störung erkennt, wie der geübte Physiognomiker das Jahr 988 genommen hat, ist mir nicht klar. Es ist jedenfalls falsch: denn Jephet, der seinen Danielcommentar 988 schrieb, bemerkt schon, die von Saadia berechnete Messiaszeit sei vorüber (Pinsler, Beilage S. 81). Fürst (in seiner Uebersetzung des Lraunot S. 425) ging dabei von einem unrichtigen Punkte aus, und die falsche Berechnung ergab ihm das Jahr 1123. 2) Lrnunot, Abschnitt IX. 18 * 276 Geschichte der Juden. einfachen Bedeutung genommen werden, es sei denn, daß sie entweder einer sinnlichen Thatsache oder der Vernunft, oder einander oder endlich der Ueberlieferung widersprechen. Nur in diesen vier Fällen ergehe an den Denker die Aufforderung, das Wort oder den Vers in einen andern Sinn umzudeuten. Wollte man überall allegorische oder metaphorische Umdeutungen zulassen, so würden die Gesetzesvorschriften, die geschichtlichen Thatsachen, die Wunder, Alles dieses weggedeutelt werden und es würde Bodenlosigkeit entstehen ^). Wie sehr aber auch Saadia's Religiousphilosophie mit Mängeln behaftet ist, so war sie doch für die Folgezeit von bedeutender Tragweite. Schon der Umstand, daß ein Gaon und eine talmudische Autorität dem Denken, der Vernunft, der philosophischen Weltanschauung Rechnung getragen, daß er sich bemüht hat, Schrift und Ueberlieferung, Gesetzesvorschrift und Agada vernunftgemäß aufzufassen, hat dem blinden Glauben einen Stoß versetzt. Mehrere nachfolgende Gaonen und Vertreter des Judenthums folgten seinem Beispiele, und eine denkgemäße Deutung der Schrift und der Agada (Rationalismus) wurde iu den babylonischen Lehrhäusern, in Afrika und Spanien herrschender Ton. ja zuletzt Modesache. Saadia's Wirksamkeit erstreckt, sich durch viele Mittelglieder bis auf die Gegenwart herab. Auch moslemitische Männer des Wissens studirten sein Werk über „Glaubenslehre" und stellten es sehr hoch ^). Während Saadia zukunfterleuchtende Gedanken entwickelte, lag er noch immer im Banne und hatte keinen andern Wirkungskreis als den schriftstellerischen. Die Verhältnisse hatten sich aber inzwischen geändert. Statt des grausamen und geldsüchtigen Chalifen Kahir, der Saadia's Amtsentsetzung dekretirt hatte, herrschte jetzt der gerechte Alradhi. Der Wesir Ali Jbn-Jsa, welcher Saadia günstig gestimmt war, gewann unter ihm wieder Einfluß. Der Gaon Kohen-Zedek, welcher gemeinsame Sache mit dem Exilarchen gemacht hatte, war gestorben (936), und sein Nachfolger Zemach b. Kafnal war ein harmloser Mann. So hatte David nur noch Aaron Jbn-Sargadu zum Theilnehmer. Das Volk aber nahm immer mehr Partei für Saadia. Als daher wieder ein bedeutender Prozeß vorfiel, schlug eine Partei den gebannten und abgesetzten Gaon zum Schiedsrichter vor, die Gegenpartei erwählte den Exilarchen. David war darüber so erzürnt, daß er den Mann, der an Saadia appellirte, mißhandeln ließ. Diese Gewaltthätigkeit st Das. VIII. I. st Mohammed Jbn-Jschak im Villrist al-IIlrma bei äs 8s.s^ Olrrssto- ras-bllis arabs a. a. O. vergl. Zeitschrift der deutsch-morgen!. Gesellschaft Jahrg. 1859, S. 576. Saadici. 277 machte aber um so mehr böses Blut, als der Gemißhandelte gar nicht zum Gerichtssprengel des Exilarchen gehörte, und es ihm freistand, einen beliebigen Richter zu wählen, ohne daß der Exilarch das Recht hatte, Einspruch dagegen zu erheben. Angesehene Männer traten daher zur Berathuug zusammen, wie der unheilvollen Zwietracht zwischen dem Exilsfürsten und dem Gaon ein Ende gemacht werden könnte. Die Friedensvermittler begaben sich zu einem einflußreichen Manne in Bagdad, Kasser b. Aaron, Schwiegervater des Jbn-Sargadn, und legten ihm ans Herz, wie die Mißhelligkeiten bereits alles Maß überschritten, die Gemeinden in zwei Lager gespalten und die übelsten Folgen herbeigeführt haben. Kasser war mit ihnen einverstanden, den Frieden wieder herzustellen, und überwand auch die feindselige Stimmung seines Schwiegersohnes gegen Saadia. Darauf begaben sich die Vermittler zu David und redeten ihm so lange zum Gewissen, bis er sich erweichen ließ. Als Kasser des Exilarchen Geneigtheit zur Versöhnung gewiß war, suchte er Saadia dafür zu bestimmen, der sicherlich keinen Widerstand geleistet. Die ganze Gemeinde von Bagdad betheiligte sich bei dieser Friedensstiftung. Ein Theil begleitete David und ein anderer Saadia, bis Beide in ein Zimmer znsammengeführt wurden. Die beiden Feinde umarmten und küßten einander und ließen von diesem Augenblicke an ihren gegenseitigen Groll fahren fl. Die Versöhnung war so aufrichtig, daß der Exilarch Saadia mehrere Tage in seinem Hause bewirthete und ihn dann mit Ehrenbezeugungen in sein Amt wieder einsetzte. Der Gegen-Gaon b. Satia wurde seiner Funktion enthoben, bezog aber seinen Gehalt weiter. Die suranische Akademie erhielt durch Saadia wieder neuen Glanz und verdunkelte ihre Schwester, an welcher zwei nicht sonderlich bekannte Gaonen nacheinander fungirten: Zemach b. Kafnat (936—938) und Chanina b. Jehuda'i (938—943). Die Anfragen aus den inländischen und auswärtigen Gemeinden wurden wiederum nach Sura gerichtet, und Saadia beantwortete sie unermüdlich, obwohl seine Gesundheit durch die Reibungen und Kränkungen geschwächt war, und er an unheilbarer Schwermuth litt. Zahlreich sind seine gutachtlichen Antworten, wahrscheinlich aus dem letzten Jahre seines Gaonats, von denen viele noch zum Theil in hebräischer, größtentheils aber in arabischer Sprache vorhanden sind. Saadia's Seelengröße zeigte sich in seinem Verhalten zur Familie seines Gegners David. Als derselbe starb (um 940), stimmte Saadia für die Ernennung seines Sohnes lJehuda), der aber nur sieben Monate seine Würde bekleidete. Er fl 13. Adar — 27. Februar 937, nach Nathan Babli in Jochasin. 278 Geschichte der Juden. hinterließ bei seinem Tode einen zwölfjährigen Sohn, den Saadia zum Nachfolger bestimmte. Er nahm den Enkel seines ehemaligen Todfeindes ins Haus, ließ ihn unterrichten und vertrat bei ihm Vaterstelle. Inzwischen sollte ein Seitenverwandter die Würde übernehmen, ein Glied der Bene-Haiman, die in Nisibis wohnten. Aber kaum war er ernannt, als er mit einem Moslem in Streit gerieth; Zeugen sagten gegen ihn aus, er habe Mohammed gelästert, und er wurde in Folge dessen gctödtetZ. Als der von Saadia erzogene letzte Stammhalter des Exilarchenhauses mündig und zum Exilsfürsten erhoben worden war, brach auch gegen ihn der moslemitische Fanatismus los. Die Großen und der Pöbel beschlossen, ihn während der Fahrt in seinem Staatswagen zu erschlagen aus Mißgunst auf den Schatten einer fürstlichen Macht bei den Juden. Vergebens wollte der Chalife den Meuchelmord verhindern. Der letzte Exilarch wurde ermordet, und die Vertreter des Judenthums beschlossen darauf, um den fanatischen Haß abzuwenden, die Exilarchenwürde eingehen zu lassen ^). So erlosch das Exilarchat, nachdem es über sieben Jahrhunderte bestanden und eine Zeit lang die Spitze und eine Art politischer Selbständigkeit des Judenthums repräseutirt hatte. Wie die Patriarchenwürde in Juda durch die Unduldsamkeit der christlichen Kaiser, so ging die Exilarchenwürde durch den Fanatismus der Mohammedaner unter. Die Einheit der Juden wurde nur noch durch die beiden Hochschulen repräsentirt; aber auch diese gingen ihrem Untergange entgegen. Mit Saadia's Tode (942) erlosch der letzte Abendschimmer der suranischen Akademie. Er hinterließ zwar einen Sohn, Dossa, der talmudisch und philosophisch gebildet war und einige Schriften verfaßte; aber er wurde nicht zum Nachfolger seines Vaters ernannt, sondern der früher abgesetzte Joseph b. Satia erhielt wieder die Oberleitung der Hochschule. Aber dieser vermochte ihr Ansehen gegen die Schwesterakademie nicht zu behaupten, welche durch die Wahl jenes Aaron Jbn- Sargadu, des ehemaligen Gegners von Saadia, sich wieder hob. Jbn- Sargadu hatte nicht die akademische Stufenleiter durchgemacht, war auch nicht Mitglied des Collegiums gewesen, sondern war ein reicher Privatmann in Bagdad vom Kaufmannsstande. Aber eben wegen seines Reichthums und auch wegen seiner Kenntnisse und Thatkraft wurde er dem berechtigten Candidaten Amram b. Meswi vorgezogen 3) und fungirte beinahe achtzehn Jahre (943—60). Er besaß gründliche philosophische Bildung, schrieb auch ein philosophisches Werk st Nathan Babli. 9 Vergl. Note 12, 8. 9 Scherira Sendschreiben. Die Karäer gegen Saadia. 279 und einen Commentar zum Pentateuchs). Gleich Kohen-Zedek war Jbn-Sargadu bemüht, das pumbaditanische Lehrhaus auf Kosten des suranischen zu heben und zum Mittelpunkt zu machen. Gutachtliche Anfragen vom Auslande wurden an ihn gerichtet ^). Die suranische Hochschule wurde dadurch immer mehr vereinsamt und verarmt, erhielt keine Beiträge, keine Spenden und konnte deswegen keine neuen Jünger anziehen, die sich lieber dem reichen Pumbadita zuwendeten. Diese Verkümmerung und Verfallenheit der Hochschule veraulaßten ihr Oberhaupt Joseph b. Satia sie zu verlassen und nach Bassra auszuwandern (um 948). Das von Rab gegründete Lehrhaus wurde nach mehr denn siebenhundertjährigem Bestände geschlossen. Es scheint, daß die Suraner den Untergang der altehrwürdigen Akademie nicht verschmerzen konnten und Anstrengung machten, sie wieder in Gang zu bringen. Vier junge Männer wurden ins Ausland geschickt, um die Theilnahme reicher Gemeinden dafür zu wecken und sie zu Beiträgen für die Fortsetzung des Lehrhauses zu bestimmen. Allein als hätte sich das Geschick gegen Sura's Fortbestand verschworen, konnten die vier Abgeordneten ihren Zweck nicht erreichen. Sie geriethen an der Küste Italiens bei Bari in die Gefangenschaft eines maurisch-spanischen Admirals Jbn-Rumcchis und wurden der eine nach Egypten, der andere nach Afrika, der dritte nach Cordova und der vierte wahrscheinlich nach Narbonne verschlagen (um 948 Z. Statt der suranischen Hochschule wieder aufzuhelfen, haben diese vier verschlagenen Talmudkundigen unwillkürlich zum Untergange des Gaonats beigetragen. Die Talmudexemplare von Sura, die unberührt lagen, wurden später nach Spanien verpflanzt. Babylonien, so lange Zeit Mittelpunkt der Judenheit, sollte seine Führerschaft an das Ausland abtreteu. Der Verfall der einen babylonischen Hochschule und die in Folge dessen eingetretene Abspannung benutzten die Karäer, um unter den Rabbaniten Anhänger für ihr Bekenntniß zu werben und zwar mit einem Eifer, als gälte es, dem Rabbanismus den Todesstoß zu versetzen. So lange der gewaltige Vorkämpfer Saadia lebte, wagten sie sich nicht in den Bereich seiner Wirksamkeit. Nach seinem Tode aber, als sie gewahrten, daß kein Mann von Bedeutung vor dem Risse stand, glaubten sie gewonnenes Spiel zu haben. Der greise Salmon b. Jerucham eilte stracks mit dem jerusalemischen Talmud in der Hand von Palästina nach Babylonien, um den Verehrern Saadia's Z iUuuIr, Zniäs äss sZarss I. 462. Zeitschrift 6 balu 2 II. 6 i. -) Vergl. Raschi Uaräss p. 26 o. ff. Scherira Sendschreiben. Vergl. Note 21, II. 280 Geschichte der Juden. augenscheinlich zu beweisen, daß dieser in der Vertheidiguug der Tal- mudisten Thatsachen entstellt habe (vor 957 Z. Er glaubte dadurch die Rabbaniten zum Karäismus hinüber ziehen zu können. — Ein noch leidenschaftlicherer, eifrigerer und gewandterer Proselytenjäger war der junge Karäer aus Jerusalem Abulsari Sahalb. Mazliach Kohen, der zu den frommen Büßern der Karäergemeinde (o. S. 238) gehörte. Abulsari Sahal verstand das Arabische und Hebräische vortrefflich, schrieb einen sehr gewandten hebräischen Slyl, wie keiner seiner Zeitgenossen. Es verfaßte eine hebräische Grammatik, Commentarien zu einigen Büchern der heiligen Schrift, wohl auch ein Compendium der religiösen Pflichtenlehre unter dem Titel „Mizwot" (vor 958^). Bedeutendes hät zwar dieser karäische Schriftsteller in Grammatik und Exegese durchaus nicht geleistet; es war den Karäern überhaupt nicht beschieden, über die Anfänge hinauszukommen und Sahal noch viel weniger, da ihn eine finstere, fast mönchische Frömmigkeit beherrschte und an den starren Buchstaben bannte. Seinen Bekenntnißgenossen gilt er nichtsdestoweniger als ein großer Lehrer. Sahal schrieb auch eine Widerlegung gegen Saadia's Angriffe auf das Karäerthum; es war gewissermaßen eine Ehrensache unter den Karäern geworden, sich die Sporen an diesem großen Kämpfer zu verdienen b). Sahal scheint seine polemischen Vorträge gegen die Rabbaniten in Bagdad gehalten zu haben. Er forderte das Volk auf, sich von dem Hergebrachten loszusagen und den beiden Hochschulen den Gehorsam aufzukündigen, „welche die zwei Weiber sind, von denen der Prophet Zacharia ausgesagt, daß sie die Sünde getragen und in Babylonien abgesetzt haben" Z. Sahal beschwor seine Zuhörer bei ihrer Seligkeit, dem zu entsagen, was ihnen ihre rabbanitischen Lehrer gestatten. Sie sollen nicht mehr Oel in Schläuchen von Kameelhäuten verwahren, nicht mehr von Mohammedanern oder Christen Backwerk kaufen, nicht mehr mit levitisch verunreinigten Personen und Gegenständen in Berührung kommen, nicht mehr am Sabbat ihre Behausung verlassen oder Wasser schöpfen und Aehnliches mehr. Alles dies sei *) Pinsker Beilage S. 14. Das Datum folgt daraus, daß Salmon dieses im Ps.-Commentar mittheilt, der 954—57 geschrieben ist. ') Vcrgl. Dsobbol Nr. 167, Munk Xotios sur ^.borckrvsliä und Katalog in Oraob 2a.äibim p. 24 b. Das Datum ergiebt sich aus dem Umstande, daß Jakob Tamani (st. 958> seine Werke citirt; Pinsker Beilage IX. S. 87; LIsa.88sI Xicks.obim S. 197 — 203. 2) Sahal zählt in seinem Sendschreiben an Jakob (bei Pinsker Beilage S- 37) als Polemiker gegen Saadia auf außer Salmon b. Jerucham, Jephet und Hassan b. Maschiach noch: Abul' Tajib Algibli und Ali b. Hussaän. Sahal's Sendschreiben a. a. O- S. 42. Sahal Abulsari. 281 nach dem Bibelworte strengstens verpönt, die fürchterlichste Höllenstrafe würde den Uebertreter solcher Satzung treffen ^). In solche kleinliche Skrupulositäten war das Karäerthum gerathen. Sahal's Angriffe auf die Rabbaniten und ihr Bekenntniß waren zu plump und zu verletzend, als daß sie unerwidert hätten bleiben sollen. Ein einstußreicher Rabbanite scheint ihm vermittelst des weltlichen Armes Stillschweigen aufgelegt zu haben"). Mit geistigen Waffen trat ihm aber entgegen Saadia's Jünger, Jakob b. Samuel, den besonders die Schmähungen, welche Sahal und andere Karäer gegen seinen Meister häuften, zur Gegenwehr stachelten. Auf Straßen und öffentlichen Plätzen hielt er Standreden gegen das Karäerthum und den Proselytenmacher Sahal Es ist aber von diesem Jakob sonst nichts weiter als eben diese Polemik bekannt, und daß er sie in holprige, hebräische Verse brachte. Ob der Inhalt seiner Streitschrift besser war als die Form, ist bei den vorhandenen Mitteln nicht zu erkennen; die Karäer haben ihm den Schimpfnamen Jakob „der Verkehrte" angehängt, wie sie überhaupt nie die Grenzen maßvoller Debatte in ihrer Polemik einhielten. Sahal blieb die Antwort nicht schuldig. In einem leidenschaftlichen Sendschreiben an Jakob in schön stylisirtem Hebräisch setzte er die Angriffe fort und liefert damit ein so treues Bild von dem Stande des Karäerthums und seines Gegensatzes in seiner Zeit, daß es auch Licht und Schatten auf beiden Seiten nicht vermissen läßt. Nach dem Plänklergefecht in Versen und den Vorwürfen über Jakob's fehlerhafte hebräische Orthographie und über die Verletzung des Judenthums von Seiten der Rabbaniten fährt Sahal fort: „Ich bin ans Jerusalem gekommen, um das Volk zu warnen und den Sinn der Gottesfüchtigen zu bekehren. O, hätte ich doch die Kraft, von Stadt zu Stadt zu wandern, um das Volk Gottes zu erwecken. Du glaubst, daß ich des Gewinnes halber gekommen bin, wie Andere es machen, welche der Armen Fleisch und Haut schinden. Ich aber bin im Namen Gottes gekommen, um den Sinn und die Gedanken des Volkes zur wahren Frömmigkeit zurückzuführen, um es zu warnen, ans angelernte Menschensatzung zu bauen und auf die Aussprüche der beiden schlechten Weiber (gaonische Lehrhäuser) zu hören. Wie sollte ich es unterlassen, da mein Inneres in mir tief bewegt ist, ob der Gottentferntheit meiner Brüder und Volksgenossen, wie sie einen schlechten Weg wandeln, ein schweres Joch dem unwissenden Volke auflegen, cs bedrücken und schinden, *) Sendschreiben das. S. 29, 30, 31. '') Folgt aus dem Sendschreiben S. 25 unten. °) Das. 282 Geschichte der Juden. herrschen durch Bann und Verfolgung, den weltlichen Arm der mohammedanischen Beamten zu Hülfe nehmen, die Armen zwingen, auf Zinsen Geld zu nehmen, um deren Säckel zu füllen und die sie unterstützenden Beamten bestechen zu können! Sie weiden sich selbst, führen aber nicht die Gemeinden und lehren nicht Gottes Gebot im rechten Sinne. Fragt sie Jemand: „Woher hast Du das und das?" hassen sie ihn und feinden ihn an. Fern sei es von mir, daß ich schweige, wenn ich sehe, daß die Führer der Gottesgemeinden, die sich Syuhedristen nennen, mit Nichtjuden gemeinschaftlich ohne Gewissensbisse speisen. Wie sollte ich schweigen, wenn ich wahrnehme, daß Einige von meinem Volke götzendienerische Bräuche üben, sich auf Gräber setzen, bei Tobten weilen und R' Josö, den Galiläer, andächtig anrufen: „O heile mich, o gieb mir Schwangerschaft!" Sie wallfahrten zu den Gräbern verstorbener Frommen, zünden Lichter dabei an, räuchern vor ihnen und thun Gelübde, um von Krankheiten geheilt zu werden. Wie sollte ich an mich halten, da ich sehe, daß viele Israeliten in die Synagoge gehen am Sabbat, Männer mit Taschen, Frauen in Schmuck und den heiligen Tag wie einen Werkeltag behandeln! Wie sollte ich nicht um das Seelenheil meiner hochgestellten Glaubensbrüder besorgt sein, wenn ich sehe, daß sie von Nichtjuden Backwerk und Salsamente kaufen und ohne Scheu genießen! Wie sollte ich ruhig bleiben, wenn Viele das Fleisch genießen, das nichtjüdische Fleischer aufgeblasen und mit demselben Messer behandelt haben, wie das zum Genuß verbotene und also verunreinigte, zumal es überhaupt den Israeliten in der Zerstreuung ohne Tempel und Opferweihen nicht gestattet ist, Fleisch von opferfähigen Thieren zu genießen. O, hätte ich die Kraft, in alle Gegenden zu kommen, laut zu rufen, im Namen Gottes zu warnen und zu mahnen, auf daß sie von ihrem bösen Wege lassen." „Wollte Jemand mir einwerfen," so fährt Sahal fort, „daß unsere Brüder, die Rabbaniten, auf dem heiligen Berge Karmel fern sind von solchem Thun, viele von ihnen sich des Fleisches enthalten, von Nichtjuden keine Speise kaufen, Leichname nicht berühren, levitische Verunreinigung meiden, weder Bruder- noch Schwestertochter, noch Stiefschwester heirathen, überhaupt die Verwandtschaftsgrade der Karäer einhalten, zweierlei Festeszeiten feiern, nach dem Moudmonate (wie die Karäer) und nach den rabbanitischen Ueberlieferungen, und Manche den rabbanitischen Festkalender aufgegeben haben. Wisse aber, daß Solches in Folge der göttlichen Gnade geschehen ist, weil es den Karäern gelungen ist, denselben ihre Ueberzeugung beizubringen und sie darauf zu führen, daß es des Israeliten Pflicht sei, in der Schrift zu forschen und nicht am Hergebrachten zu kleben. Ueberhaupt ist in der Religion Sahal Abulsari und Jephet b. Ali. 283 Selbstdenken Pflicht und Anlehnen an Autoritäten Sünde. Niemand darf sich damit entschuldigen, daß er die Religion in der Form von seinen Vätern oder Lehrern überkommen habe, sondern er ist verpflichtet, deren Lehren zu prüfen und sie zu verwerfen, falls sie den Worten der Schrift entgegeulaufen. Und nun, Haus Israel!" ruft Sahal aus, „erbarmt Euch Eurer Seelen und wählet den guten Weg! Wendet aber nicht ein, daß auch die karäischen Lehrer in der Auffassung der Religionspflichten uneinig sind, und Ihr zweifelhaft seid, auf welcher Seite die Wahrheit ist. So wisset denn, daß die Karäer keinerlei Autorität üben wollen, sondern nur zum Forschen anregen. Was soll aber der Unwissende thun, der nicht im Stande ist, für sich selbst in der Schrift zu forschen? fragt ihr. Nun, ein Solcher muß allerdings den Ergebnissen der Forscher und Bibelerklärer vertrauen und danach handeln." Dann wendete sich Sahal in seinem Sendschreiben wieder an seinen Gegner Jakob b. Samuel und fuhr fort: „Bist du etwa besser als dein Lehrer Saadia? Hat er mit den Karäern disputirt? Oft haben sie ihn zur Disputation aufgefordert, er aber wich ihnen immer aus und kam nur mit solchen Karäern zusammen, die ihm lieb waren. Auch konnten die Karäer nicht mit ihm am Sabbat Zusammentreffen, wegen der brennenden Lichter im Hause, das zu betreten den Karäern verboten ist. Nur Hassan b. Maschiach wagte es einst, Saadia zu begegnen, derselbe rief ihm aber zu: „Was haben wir mit einander gemein?" Willst du, Jakob, daß wir zur Disputation in der Synagoge Zusammentreffen, so entweihe nicht den Sabbat durch das Brennenlassen von Lichtern; ich weiß aber, daß ihr die Lichter als eine Scheidewand zwischen euch und uns gebraucht." Zum Schluffe prophezeite Sahal: „Gott werde nach dem Worte der Propheten das Joch der zwei Weiber, das ist der zwei Lehrhäuser von Sura und Anbar (Pumbadita), zerstören; dann werde die Versöhnung und Verbrüderung aller Söhne Israels erfolgen, und die messianische Zeit werde die Frucht derselben sein*). Auch ein anderer fruchtbarer karäischer Schriftsteller aus Bassra, Jephet Jbn-AliHalevi (Abu-Ali Hassan), (blühte 950—90),polemi- sirte gegen denselben Jakob b. Samuel. Grammatiker, Bibelcommeutator, Gesetzeslehrer und anerkannte Autorität der Karäer, die ihn zu ihren „großen Lehrern" zählen, war Jephet nichts weniger als ein bedeutender Schriftsteller. Er theilte den Fehler seiner Bekenutnißgenossen, sich in ') Das höchst interessante Sendschreiben, das in mehreren Biblioth. als Mskpt. vorhanden ist, hat zuerst Pinsker veröffentlicht in dessen läkuts kaä- raonrjob. 284 Geschichte der Juden. Wortschwall und Weitschweifigkeit zu ergehen, und blieb gleich ihnen an der Oberfläche und bei dem Buchstaben stehen. Der Mangel der talmudischen Dialektik hat sich an den karäischen Schriftstellern fürchterlich gerächt und sie zu Schwachköpfen und langweiligen Schwätzern gemacht. Jephet's gereimte Polemik gegen Saadia's Jünger trägt ebenfalls diesen Stempel der Oberflächlichkeit und der Geschmacklosigkeit und erreicht nicht einmal den schönen hebräischen Styl seines Zeitgenossen und Freundes Sahal*). Beide, Sahal und Jephet, hielten an der Eheerschwerung durch die weitgetriebene Ausdehnung der Verwandtschaftsgrade fest gegen die Ansicht ihres älteren Zeitgenossen Joseph Roeh (Albaßir o. S. 256). Die Karäer geriethen in dieser Zeit noch tiefer in Buchstabendienst, peinliche Religiosität und Gedankenstumpfheit. Salmon b. Jerucham, der bis in sein hohes Alter (mindestens 957) schriftstellerte, Commentarien zum Pentateuch und den Hagiographen verfaßte und noch andere, unbekannt gebliebene Abhandlungen schrieb, war ein abgesagter Feind philosophischer Forschung. In seinem Psalmen- commentar klagte er bitterlich darüber, daß Juden sich mit ketzerischen Schriften befassen, und stieß gegen deren Verfasser und Lehrer Flüche aus. „Wehe dem", rief er ans, „der die Gottesbücher verläßt und andere aufsucht! Wehe dem, der seine Zeit mit fremden Wissenschaften tödtet und der geläuterten Gotteswahrheit den Rücken kehrt!" Die Philosophenweisheit sei eitel und nichtig, man finde nicht zwei unter ibnen, die in einem Punkte einstimmig wären. Sie stellten Grundsätze auf, welche der Thora geradezu widersprechen. „Da giebt es Einige, welche sich mit der arabischen Literatur befassen, anstatt, daß die Lehre Gottes nicht von ihrem Munde weichen sollte." Salmon lobte einen Mann, der sich gerühmt, nie ein nichtjüdisches Buch gelesen zu haben ^j. Welch ein Abstand zwischen Saadia und seinen karäischen Gegnern! Jener befreundete sich mit Philosophie und nahm sie in den Dienst des Judenthnms, das er dadurch zur Gedankenhöhe erheben wollte, dieser verketzerte sie, ohne sie zu kennen und ließ sein Judenthum verknöchern. Als die Rabbaniten den Tempel der Philosophie betraten, mieden ihn die Karäer wie ein Pesthaus. Ein anderer karäischerProselytenmacher,Menahem aus Giznah (in Mittelasien) trat in Egypten auf, und machte sich an einen andern Verehrer Saadia's, um ihn für das Karäerthum zu gewinnen. M enahem 9 Vergl. über Jephet LarMs, Rabbi cksxbst bsn Rsli Rassorsnsis Laraitas in psal. ooruinsntarii Rrastatio; Munk Mottos sur ^boulvvslick p. 14, Pinsker das. Beilage III. 196 und über dessen Lebensalter das. 186 ff. ") Bei Pinsker a. a. O. S. 66 Note. David Almokammez. 285 Gizni') hatte sich von seiner Heimath bis nach Alexandrien durchgebettelt und schrieb eine Art Bettelbrief an die karäische Gemeinde von Kahira voller hohler philosophischer Redensarten. Von seinen Bekenntnißgenossen unterstützt, kam er nach der egyptischen Hauptstadt und erfuhr dort, daß ein gebildeter Arzt, David b. MerwanAlmo- kammcz aus Jrak^), eine angesehene Stellung einnahm, vielleicht am Hofe des fatimidischen Chalifen. David Almokammez hatte viele Reisen gemacht, war mit der Literatur und Geschichte des Morgenlandes vertraut, schrieb ein ausführliches Werk über die mohammedanischen, samaritanischen und karäischen Sekten und auch ein philosophisches Werk über die Gotteseinheit in der scholastischen (muta- zilitischen) Manier. Er soll ursprünglich ein Mohammedaner, später Saadia's Zuhörer gewesen sein, und mochte einige Zeit zwischen dem talmudischen Judenthum und dem Karäerthum geschwankt haben. Aus diesem Grunde mochte Menahem Gizni hoffen, ihn ganz auf die Seite der Karäer herüberzuziehen, wenn er ihm die karäischen Lehrsätze entwickeln würde. In Kahira augekommen, richtete er an David mehrere Sendschreiben philosophischen Inhalts. Menahem's Sendschreiben in Prosa und Reimerei gehalten, können als Muster gedankenleeren Wortschwalls und abgeschmackter Schuörkelei dienen. In Folge des angestrengten Eifers der Karäer, ihrem Bekenntniß den Sieg zu verschaffen, verbreiteten sie sich um die Mitte des zehnten Jahrhunderts immer mehr und mehr, drangen auch nach Spanien und erlangten eine Art Uebergewicht in Afrika und Asien. Von den egyptischen Rabbaniten ist es bekannt, daß sie Manches von den Karäern angenommen Habens. Einen großen Einfluß übten zur selben Zeit als Karäer Mose und Aron b. Ascher*) Vater und Sohn aus Tiberias (oder Moeziah, wie die Stadt damals hieß, wohl nach dem fatimidischen Chalifen Moez). Die beiden Ben-Ascher (um890—950) waren Grammatiker und Massoreten, schrieben über die hebräischen 9 Bei demselben S. 153 f. 2) Vergl. über David Almokammez und die Sendschreiben Pinsker Beilage II. S. 17 ff. Ueber Almokammez' philosophische Fragmente Luzzatto's Mittheilungen in I?olulr's Hali allst Lscksrn p. 69; Orient. Litbl. 1847 voll 618 f. 631 f., 642 ff. Könnte man annehmen, daß David, der Aliraki und Babli genannt wird, aus Kufa stammte, das syrisch hieß, so würde sein Beiname auch arabisch Alakuli lauten, und er wäre dann identisch mit dem Philosophen Akuli oder Jbn-Alakuli in dem von Munk veröffentlichten Fragmente (Ouicks äss sgurss I. 462). Aus Akuli mag dann die Corruptel entstanden sein i» Menahem's Brief. -) Vergl. Note 29 II. *) Dieselbe Note. 286 Geschichte der Juden. Accente und biblische Orthographie in einer so harten Sprache und in so elender Reimerei, daß ihre Bemerkungen größtentheils räthselhaft sind. Aber nicht diese geringfügigen Arbeiten haben eine bedeutende Tragweite erlangt, sondern die von ihnen angelegten Bibelexemplare, welche beide Ben-Ascher schrieben und mit äußerster Sorgfalt und Genauigkeit nach den massoretischen Regeln korrigirten, die sie als ihr Element vollständig beherrschten. Diese Ben-Ascher'schen Bibelexemplare wurden von Karäern und Rabbaniten als Muster anerkannt und wie ein Heiligthum angesehen. Aus denselben copirte man später in Jerusalem und Egypten neue Exemplare. Der jetzt übliche masso- retische Urtext der heiligen Schrift beruht größtentheils auf Ben- Ascher'schen Original-Exemplaren, weil man rabbanitischer Seits später übersah, daß der Urheber zu den Karäern gehörte. Saadia dagegen, der noch Ben-Ascher, den Sohn, kannte, war mit dessen massoretischen Leistungen durchaus nicht zufrieden, polemisirte vielmehr gegen ihn und behandelte ihn wegwerfend in einer Schrift*), die ebenfalls ein Raub der Zeit oder geflissentlich vernichtet worden ist. Auch ein Anderer, Ben-Naphtali, machte gegen Ben-Ascher's massoretische Resultate Ausstellungen, freilich meistens nur in geringfügigen Punkten fl. Nichtsdestoweniger behauptete sich der von den Massoreten von Tiberias festgestellte Text der heiligen Schrift und galt als unantastbar. Wie die Karäer Sahal, Jephet, Menahem Gizni Proselyten unter den Rabbaniten zu machen versuchten, eben so sandten die Rabbaniten Jerusalems Abgeordnete aus, um Bekehrungen unter den Karäern zu Stande zu bringen. Im Jahre 957 kamen Jerusalemer nach der taurischen Halbinsel, predigten dort das talmudische Judenthum und gewannen zwei Hundert karäische Familienhäupter in Sepharad (Kertsch), Sulchat (Eski-Krimm), Onchat und Kassa (Theodosia), die mit allen ihren Gliedern sich den talmudischen Vorschriften unterwarfen. Die jerusalemischen Abgeordneten führten bei der Gelegenheit^ für die taurischen Gemeinden die hebräischen Vokalzeichen in deren Bibel- Exemplare ein, die bis dahin ihnen unbekannt waren. Die neubekehrten Rabbaniten wurden aber von den Karäern wegen des Abfalls geschmäht und gemieden fl. Die karäische Gemeinde in der Krimm hatte damals schon einen Gelehrten aus der eigenen Mitte erzeugt, Jakob b. Mose Tamani (aus Taman), der mit den Bekenntnißgenossen in Jerusalem in Verbindung stand, ihre Schriften las und eigene Gesetzes- auslegung schrieb (st. in Tschufut-Kalö 958 fl. fl Dieselbe Note. 2) Die Differenzen zwischen Ben-Ascher und Ben-Naphtali finden sich in der umAlls, biblis. rabbinioa oder Millraot Zsäolob zu Ende der Hagiographen. 0) Dieselbe Note. fl Pinsker Beilage XI. S. 86 f. Elftes Kapitel. (Fortsetzung.) Die Blüthezeit der jüdischen Wissenschaft, die Epoche Saadia's und Chasdai's; Europa. Die vier Gründer neuer Talmudlehrhäuser in Afrika und Europa. R' Mose b. Chanoch und die Gemeinde von Cordova. R' Chuschiel und die Gemeinde von Kairuan. Dunasch b. Tamim. Sabbatai Donnolo und der heilige Nilus. Die Juden in Spanien; der jüdische Minister Chasdak Jbn-Schaprut, sein Charakter und seine Thaten. Sendschreiben an den jüdischen Chagan Joseph von Chazarien. Schwächung des Chazarenreiches durch die Russen. Menahem Ben-Saruk und Dunasch Ben-Labrat. Die Einführung des neuhebräischen Versmaßes. Aufblühen der jüdisch-spanischen Poesie. Das Lehrhaus in Cordova. R' Chanoch und Jbn-Abitur. Chas- da'i's Tod. 940 — 970. Mit dem Untergange des Exilarchats und der suranischen Hochschule verlor Asien die Führerschaft über die Gesammtjudenheit. Wenn sich Pumbadita unter Aaron Jbn-Sargadu geschmeichelt hat, die Alleinherrschaft zu behaupten, so war es in einer Selbsttäuschung befangen. Innere Streitigkeiten arbeiteten an dessen Auflösung nach Jbn-Sar- gadu's Tode. Kohen-Zedek's Sohn, mit Namen Nehemia, der schon mit demselben rivalisirte, aber keinen Anhang - gefunden; hatte sich durch ein Manöver zum Schulhaupte aufgeworfen (960); aber das Collegium war gegen ihn, geführt von dem, dem alten Adel entsprossenen Oberrichter Scherira b. Chanania. Nur wenige Mitglieder und reiche Laien unterstützten Nehemia, die Gegner versagten ihm aber die Anerkennung während seiner ganzen Funktionsdauer (960—68 U- Und während zwei Parteien sich das Gaonat von Pumbadita und hiermit die religiöse Autorität über die Judenheit streitig machten, hatten die vier Gefangenen aus Sura (o. S. 279) neue Talmudlehrhäuser in Egypten, Afrikija (Kairuan), Spanien und Frankreich gegründet und dadurch die Gemeinden vom Ganoate losgelöst. Diese vier Männer, welche den Blüthenstaub talmudischer Geistesbefruchtung nach ver- 0 Scherira Sendschreiben Ende. 288 Geschichte der Juden. schiedenen Punkten trugen, waren: R' Schemaria b. Elchanan, welcher vom Admiral Jbn-Rumahis in Alexandrien verkauft, dann von der jüdischen Gemeinde ausgelöst wurde und endlich nach Misir (Kahira) gelangte; der zweite war R' CH »schiel, der an der Küste Afrikas verkauft wurde und dann nach Kairuan kam. Der dritte war wahrscheinlich Nathan b. Isaak Koheu, der Babylonier, der vielleicht nach Narbonne gelangte*). Der vierte, R' Mose b. CHanoch erfuhr von Allen am meisten Fährlichkeiten. Er war der einzige Ver- heirathete unter den Vieren; seine schöne und fromme Frau, so wie sein Sohn im Kindesalter hatten ihn auf seiner Fahrt begleitet und geriethen mit ihm in Gefangenschaft. Jbn-Rumahis hatte aber auf das schöne junge Weib sein lüsternes Auge geworfen und gedachte ihr Gewalt anzuthun. Da fragte sie ihren Gatten auf Hebräisch, ob die im Meere Ertrunkenen die Auferstehung zu erwarten haben, und als er es ihr mit einem Bibelverse bejahte, stürzte sie sich ins Meer und ertrank. Tief betrübt und im Sklavengewaude wurde R' Mose b. Chan och mit seinem Söhnchen nach Cordova geschleppt und von der jüdischen Gemeinde ausgelöst; sie ahnte nicht, daß sie in ihm die Suprematie Spaniens über die Judenheit erworben hatte. R' Mose verrieth nicht seine tiefere Talmudkunde in der Gemeinde, wohin er verschlagen wurde, um nicht von der Gottesgelehrtheit Nutzen zu ziehen. Er galt daher Anfangs als schlichter Gefangener. In ärmlicher Kleidung trat R' Mose in das Lehrhaus von Cordova, dem ein Richter-Rabbiner, Namens Nathan, mit sehr dürftigen talmudischen Kenntnissen, Vorstand, aber in Spanien als ein Licht angestaunt wurde. Mose setzte sich wie ein unwissender Zuhörer in einen Winkel an der Thür. Als er aber wahrnahm, daß Nathan bei der Erklärung einer Talmudstelle sehr schülerhaft verfuhr,' wagte er bescheiden einige Einwürfe, die den Meister verriethen. Die Zuhörer im Lehrhanse waren erstaunt, in dein eben losgekauften Gefangenen in Bettlergestalt einen tiefen Talmudkundigen zu erblicken. R' Mose wurde gedrängt, die betreffende Stelle zu erläutern und noch andere Fragen zu lösen, und er that es mit großer Sachkenntniß zur größten Verwunderung des Zuhörerkreises. Noch an demselben Tage erklärte Nathan vor den Parteien, die seiner richterlichen Entscheidung harrten: „Ich mag nicht mehr euer Richter und Rabbiner sein; jener Fremde in ärmlicher Kleidung mag von jetzt an euer Dajan werden" — eine seltene Selbstlosigkeit! Sofort wählie die reiche Gemeinde von Cordova R' Mose zu ihrem rabbinischen Oberhaupte, machte ihm reiche Geschenke, setzte ihm einen Gehalt aus >) Vergl. Note 21, II. Die Juden in Kairuan. 289 und stellte ihm einen Prachtwagen zur Verfügung. Als der Admiral Jbn-Rumahis hörte, daß sein Gefangener der Cordovaner Gemeinde so theuer war, wollte er den Kauf rückgängig machen, um einen höhern Preis zu erzielen. Da appellirten die Juden bei dem gerechten Chalifen Abdul-Rahman III., unter Vermittlung des jüdischen Staatsbeamten Chasda'i, und stellten ihm vor, daß sie sich vermittelst des R' Mose von dem Gaonat des morgenländischen Chalifenreiches loszulösen vermöchten. Abdul-Rahman, der es ungern gesehen hatte, wie alljährlich bedeutende Summen aus seinem Lande für das Gaonat, also für das Land des ihm feindlichen Chalifats, ansgeführt wurden, war froh, daß in seinem eigenen Reiche eine Stätte für das Talmudstudium gegründet werden sollte, und bedeutete seinem Admiral, von der Forderung abzustehen *). So wurde Cordova der Sitz eines bedeutenden, vom Gaonat unabhängigen Lehrhauses. Wie R' Mose, so gründeten seine ehemaligen Mitgefangenen, die ebenfalls bald in den Gemeinden von Kahira und Kairuan als überlegene Talmudkundige erkannt wurden, bedeutende Talmudschulen für Egypten und das fatimidische Chalifat und rissen unwillkürlich die Gemeinden dieser Länder von dem Gaonate los^). Kein Land war aber unter den damaligen politischen und kulturgeschichtlichen Verhältnissen geeigneter, Mittelpunkt für die Gesammt- judenheit zu werden und die von Babylonien weichende Führerschaft zu übernehmen, als Spanien oder das mohammedanische (maurische) Andalusien. Denn Egypten war kein selbständiges Reich, sondern nur eine Provinz des fatimidischen Chalifats, welche die Politik eines jüdischen Renegaten dafür erobert hatte. Auch bot Egypten keinen Boden für eine höhere Culturblüthe, sondern blieb auch jetzt, wozu es die Natur bestimmt hat, Kornkammer. Das in Afrika gegründete Reich der Fatimiden, Italien gegenüber, mit der Hauptstadt Kairuan (später Mahadia), gewährte allerdings einige Grundbedingungen zur Entwickelung des Judenthums, und hätte ein Hauptschauplatz für die jüdische Geschichte werden können. Die reiche Gemeinde von Kairuan nahm das lebhafteste Interesse am Talmudstudium, wie an wissenschaftlichem Streben. Sie hatte noch vor R' Chuschiel's Ankunft ein Lehrhaus mit einem Oberhanpte, der den Ehrentitel „Vorsteher der Lehrerversammlung" (Kssob-Lalls, Hosvb) führte^). Wie sie dem 9 Abraham Jbn-Daud in Lstsr lra-Ls-bbalalr laut Erzählung von Samuel ba-bluAick, der sie aus dem Munde von R' Mose's Sohn Chanoch vernommen hat. Ders. o) Folgt aus Raschi: Naräss 2lb. Ittur 16ä. und Samuel Gama's Zusätze zum Aruch Orient Jahrg. l85I, ool. 358. Graetz, Geschichte der Juden. V. 19 290 Geschichte der Juden. verbannten Exilarchen Ukba Gastfreundschaft und Ehrenbezeugung bewilligte (o. S. 248), so nahm sie den dahin verschlagenen R' Chuschiel ehrenvoll ans, übertrug ihm den Titel Rosch und gewährte ihm die Mittel, dem Talmudstudium einen höheren Aufschwung zu geben. Dieser erzog während seiner Wirksamkeit (950 — 980) zwei Jünger, welche später als Autoritäten anerkannt wurden, seinen Sohn Chananel und einen Eingebornen Jakob b. Nissim Jbn-Schahin. Der Philosoph, Leibarzt und Günstling der ersten zwei Chalifen Isaak Israeli (o. S. 236) hatte Samen für eine jüdische Wissenschaft ausgestreut und deren Wachsthum einem Jünger anvertraut, der ihm auch die Hofgunst zuwenden konnte. Dieser Jünger Abusahal Dunasch Adonim b. Tamim (geb. um 900, st. um 960), der Vertreter der jüdischen Wissenschaft im fatimidischen Reiche, war Leibarzt bei dem dritten fatimidischen Chalifen Jsmael Almansur Jbnul' Kaim und vielleicht auch schon bei dessen Vater. Er stand in einem so günstigen Verhältnisse zu diesem, die Wissenschaft fördernden Chalifen, daß er ihm ein von ihm verfaßtes astronomisches Werk widmete'). Dunasch b. Tamim stammte aus Irak, bildete sich aber schon in seiner Jugend in Kairuan unter Isaak Israeli aus, von dem er Medicinisches, Sprachliches und Metaphysik erlernte. Schon als zwanzigjähriger Jüngling hatte er ein reifes Urtheil und kritisirte Saadia's Schriften, die dahin gebracht wurden^). Dunasch b. Tamim umfaßte den ganzen Kreis der damals beliebten Wissensfächer vollständig und verfaßte Werke über Medicin, Astronomie und über die damals neu eingeführte indische Rechnungsweise. Ec giebt schon eine Rangordnung der damals gepflegten Wissenschaften an. Die niedrigste Stufe nehmen (nach seiner Schätzung) die Mathematik, Astronomie und Musik ein. Höher stehen Naturwissenschaft und Arzuei- kunde, auf der höchsten Stufe steht aber die Metaphysik, die Erkenntniß Gottes und des Geistes (der geistigen Wesens. Die Ausbildung der ') In seinem Commentar zu Lstsr llssirall (Mskpt. in mehreren Bibliotheken). Daß dieser Commentar Dunasch b. T., wie eine Handschrift der Pariser Bibliothek und eine andere bei Luzzatto laut der Ueberschrift haben (Zion I. 47), und weder seinem Lehrer Isaak Israeli, noch seinem jünger» Zeitgenossen Jakob b. Nissim (wie andere Mskpt. haben) angehört, hat Munk nachgewiesen; vergl. o. S. 232 Anm. Munk's Resultate über diese Persönlichkeit (dlobiee, sur 74doulvsliä x. 43 — 60) tragen, wie alle seine Arbeiten, den Stempel der Wahrheit, und ich lege sie hier zu Grunde, mit Ausnahme seiner Ansicht über Dunasch' Zeitgenossenschaft mit Eldad Ha-Dani. 2) Commentar zu 8. llömrull Einleitung abgedruckt Orient Jahrg. 1845. ool. 563. b) Das. abgedruckt in 8. 8s>o1is Lsrsro ellsrnsä VIII. ft 64. Das fatimidische Chalifat in Afrika. 291 Medicin schreibt Ben-Tamim wunderlicher Weise einem jüdischen Verfasser zu. Er behauptet nämlich, die im Mittelalter hoch gefeierte medicinische Autorität Galenus sei kein anderer gewesen, als der jüdische arzneikundige Patriarch Gamaliel (B- VI.g. S. 360). Diese seine Schrulle beruhte auf einem Machwerk, das damals in arabischer und hebräischer Sprache circulirte i). — Dunasch b. Tamim's Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft sind nicht sehr bedeutend. Er verfaßte eine hebräische Grammatik, die aber weiter nichts enthielt als Vergleichung der hebräischen mit den arabischen Spracherscheinungen ^). Dann schrieb er eine Erklärung zu dem räthselhaften Buche der Schöpfung (955—56), weil ihm Saadia'sjArbeit darüber ungenügend erschien. Aber er hat eben so wenig wie Saadia die eigenthümliche Idee dieses Weltschöpfungssystems ergründet. — Die Araber stellten Tunasch b. Tamim so hoch, daß sie von ihm fabelten, er sei zum Islam übergetreten b), um ihn zu den Ihrigen zählen zu können; er blieb aber sicherlich bis an sein Lebensende dem Judenthnme treu, stand mit dem jüdischen Staatsbeamten Chasda! in brieflichem Verkehr und arbeitete für ihn ein astronomisches Merkchen über den jüdischen Festkalender aus. Indessen, wenn auch Dunasch b. Tamim keine glänzende Erscheinung war, so hätte er der Kairuaner Gemeinde und von da aus größern Kreisen Anregung zu wissenschaftlicher Auffassung des Judenthums geben können. Allein das fatimidische Chalifat war nicht geschaffen, Culturboden für die Juden zu werden. Der fanatische Ursprung der fatimidischen Dynastie—zu Stande gebracht durch einen schwärmerischen Missionar, der in dem Chalifen vom Hause Ali eine Art verkörperter Gottheit erblickte, und gegründet von einem betrogenen Betrüger, der sich für den wahren Imam und Mahdi (Gottpriester) ansehen und verehren ließ — durfte folgerichtig das Judenthum nicht dulden. Das einfache Vorhandensein von Andersgläubigen war schon ein tiefgreifender Zweifel an der Gottmenschheit des Mahdi. Wie die Nachfolger des ersten christlichen Kaisers, so gebrauchten auch die Nachfolger des ersten fatimidischen Chalifen das Schwert als Mittel zur Ausbreitung der Religion. Bald trat ein Fatimide auf, der, was seine Vorfahren aus Nachsicht verabsäumt hatten, gründlich nachholte und die Lehre vom göttlichen Jmamat mit blutigem Fanatismus predigte. In solcher U Das. Ende abgedruckt Orient a. a. O. 2) Munk a. a. O. p. 56 f. 2) Saadia Jbn-Danan Lssxonsuur im Sammelwerke Ollsmcks, Osurmall von Edelmann x. 15. 19 « 292 Geschichte der Juden. Umgebung konnte sich das Judenthum nicht zum Lichte emporarbeiten; es bedurfte dazu günstigerer Lagen. Noch weniger als die mohammedanischen Reiche, Egypten und Nordafrika, vermochten die christlich-europäischen Länder Mittelpunkt für das Judenthum zu werden. Dort herrschte damals noch eine reckenhafte Barbarei und die entschiedenste Ungunst für ein geistiges Leben. Die Juden standen nicht minder auf sehr niedriger Stufe; daher ist die geschichtliche Erinnerung über die europäisch-jüdischen Gemeinden stumm. Hier und da gab es in Italien Talmudkundige, wie in Oras (Oria bei Otranto), aber sie brachten es kaum über die Mittelmäßigkeit hinaus. Ueberhaupt haben die italienischen Juden in keinem Fache Meisterschaft erlangt, sie blieben stets fleißige und treue Jünger fremder Lehrer. In Babylonien machte man sich daher über „die Weisen" Roms, d. h. Italiens, weidlich lustig*). Selbst Sabbatal Donnolo, der Vertreter der jüdischen Wissenschaft in der saadianischen Epoche in Italien, erscheint als eine mittelmäßige, wenn nicht gar kleinliche Persönlichkeit. Dieser Mann ist auch mehr durch seinen Lebensgang, als durch seine Leistungen bekannt geworden. Sabbatai Donnolo (x/o/nvoulos geb. 913, st. um 970 9 aus Oria, gerieth als zwölfjähriger Knabe in Gefangenschaft, als die Mohammedaner des fatimidischen Reiches unter dem Feldherrn G'afar Jbn- Ubaid über die sicilische Meerenge drangen, Einfälle in Apulien und Calabrien machten, die Stadt Oria plünderten und die Einwohner tödteten oder als Gefangene wegschleppten (9. Tammus — 4. Juli 925). Zehn angesehene Gemeindeglieder von Oria fanden dabei den Tod, und Donnolo's Eltern und Verwandte wurden nach Palermo und Afrika weggeführt. Er selbst wurde in Trani losgekauft. Verwaist und verlassen, war der junge Donnolo auf sich selbst angewiesen und erlernte die Heilkunde und die Unheilkunde der Astrologie, erlangte in beiden Fächern einen ausgebreiteten Ruf und war Leibarzt des byzantinischen Vicekönigs (Basilicus) Enpraxi os, der im Namen des Kaisers Calabrien beherrschte. Durch die ärztliche Praxis reich geworden, verwendete er sein Vermögen, um astrologische Schriften auzukaufen und Reisen zu 9 Vergl. Note 21, H. 9 Quellen über denselben Llslo Ollolnaiua sä. 6-siAsr x, 29 f. Lsrsru Ollsuasck Jahrg. VIII p>. 98 f. und ^.ras-ri llisboria äsi usslmuni äi Lillilis, (Florenz 1858) Vol. II. p. 17t ff. 9 Vits. 8b. Uili junioris in den Bolandisten uoto. 8s,noboruoa zum 29. September 1. V. p>. 313. «üror (1V771»v) ri.? 0 § ai'rl-7 /voioro? kx aöroü. — Ht« ro »ü-röv oPöüp» xaltx«»ov rrrpt ri)v t»rplxi)r Vergl. das. p>, 316 und o. 8. Sabbata'i Donnolo und der Heilige Nilus. 293 machen, um bei astrologischen Meistern sich in dieser Afterwissenschaft zu vervollkommnen, und um genau zu wissen, welche Planeten und Sterne einen günstigen und welche einen übelthätigen Einfluß üben. Donnolo gelangte auf diesen Reisen sogar bis Bagdad. Die Resultate seiner Forschungen legte er in einem Werke nieder (946), das ebenfalls einen Commentar zum Schöpfungsbuche bildete (Daolibewoni). Viel Weisheit war darin nicht enthalten, nach den vorhandenen Bruchstücken zu urtheilen. Aber der Verfasser schlug es so hoch an, daß er Sorge trug, daß sein Name „Sabbatai Donnolo aus Oras" auf die Nachwelt übergehe. Zu diesem Zwecke brachte er ihn in Akrostichen von sehr schlechten Versen und beschwor die Abschreiber seines Buches, den versificirten Anfang ja nicht wegzulassen. Indessen so gering auch Donnolo's Bedeutung neben seinen Zeitgenossen Saadia und anderen war, so erscheint er doch unendlich überlegen dem Vertreter der katholischen Frömmigkeit in dieser Zeit, seinem Landsmanne Nilus dem Jüngeren, den die Kirche heilig gesprochen hat. Das Verhältniß der beiden Italiener, des jüdischen Arztes und Astrologen und des Abtes von Rossana und Grotta Ferrata, gicbt einen Maßstab für den Stand des Judenthums und des Christenthums in Italien in der Mitte des zehnten Jahrhunderts. Donnolo war mit Nilus von Jugend auf bekannt; sie waren vielleicht Leidensgenossen bei der Plünderung Unter-Italiens gewesen. Als der jüdische Arzt den christlichen Asketen einst in einem krankhaften Zustande erblickte, den er sich durch übertriebene Kasteiung zugezogen hatte und von dessen Verkommenheit betroffen war, bot er ihm freundschaftlich und zuvorkommend ein Heilmittel an, das ihn von der Fallsucht heilen sollte, der er entgegen ging. Der heilige Nilus schlug aber das Anerbieten aus und bemerkte: er wolle von einem Juden keine Medicin nehmen, um ihn nicht den Triumph zu verschaffen, sich rühmen zu können, er habe ihn, den Heiligen, den Wunderthäter, geheilt. Denn das würde die einfältigsten Christen verleiten, ihr Vertrauen den Juden zu schenken*). Er verlasse sich mehr auf Gott, denn auf Menschen. Das Judenthum strebte nach Licht, das mönchische Christenthum nach Dunkelheit. — Ein anderer Jude, der in Donnolo's Gesellschaft einst bei Nilus war, forderte ihn auf, ihm etwas von Gott mitzutheilen; er scheint Lust zu einem Religionsdisput gehabt zu haben. Der Abt von Rossana wollte ihm aber nicht Rede stehen und meinte, seine Worte würden doch für die verstockten Juden ohne Eindruck Verhallen, und er wollte nicht ins 9 a. a. O. Die Stelle lautet: »ö cWxisaS-A 294 Geschichte der Juden. Wasser schreiben oder ins Meer säen. Er forderte aber ihn und Donnolo auf, ihm mit den Büchern des Gesetzes und der Propheten in seine Zelle zu folgen und so lange darin zu lesen, als Mose auf dem Berge Sinai weilte, dann wollte er zu ihnen von Gottes Wort reden. Ironisch lehnten Donnolo und sein Genosse diesen Vorschlag ab *). — Sabbatai Donnolo hat aber so wenig Wirkung hervorgebracht, daß es fast zwei Jahrhunderte bedurfte, ehe eine Persönlichkeit von einiger Bedeutung in Italien auftauchen konnte. Von dem niedrigen Bildungsstande der italienischen Juden und der Bedrückung, die sie erlitten, legt ein homiletisches Werk'Zeugniß ab, das einen italienischen (römischen) Verfasser voraussetzt. Dieses Werk mit dem Titel (Tana äi-do bllialist läßt zwar den Propheten Eliah erzählen, ermahnen, predigen, verheimlicht aber doch nicht, daß es zur Zeit verfaßt sei, die bereits neun Jahrhunderte seit der Tempelzerstörung zählt. Es ist in einem, wenn auch fließenden, doch ermüdend schleppenden und geschwätzigen Style geschrieben mit künstlicher Nachahmung älterer Agada-Manier, aber ohne deren epigrammatische Kernigkeit. Es schwimmt Alles unter einander, Großes und Kleinliches, Erhabenes und Niedriges. Der Verfasser ermahnt zwar vielfach im Predigertone zur Demuth, Büßfertigkeit, Redlichkeit in Wort und That, zum Almosenspenden und zu andächtigem Beten; aber er kennt kein höheres Ziel, als das Weilen im Lehrhause und das Zuhören der Vorträge, wenn man auch nicht viel davon verstehe. Der Prediger unter Eliah's Verkappung räumt zwar ein, daß ein Nichtjude gleich einem Israeliten des göttlichen Geistes theilhaftig werden könne je nach seinen Thaten. Er schärft ein, daß ein Jude einen Andersglaubenden nicht einmal mit einer Kleinigkeit betrügen dürfe, „denn er ist als Bruder zu betrachten". — „Wer einen Solchen bestiehlt, gegen ihn lügnerisch und meineidig verfährt, sein Blut vergießt, wird auch nicht zurückschrecken, an einem Glaubensgenossen eben so zu handeln." Dennoch warnt er, mit Nichtjuden an einer Tafel zu speisen und mit ihnen Umgang zu pflegen st, gerade wie die Geistlichen der französischen Concilien im entgegengesetzten Sinne den Christen eingeschärft haben. Die Schrift des unbekannten Verfassers klagt oft über Zusammenrottungen des Pöbels, um die Habe der Juden zu plündern, und über die Folterqualen, welche ihre Dränger ihnen auflegen, bis ihnen die Seele ausgeht. Sie zeigt daher Schadenfreude über die wiederholten Einfälle der Ungarn in West-Europa (von den st a. a. O. st Abfassungszeit 968, s. Usviis ä. l2. s. III. S. 121. st Tana, äi-bs l2lis.Ii radds. a. 8, verglichen mit a. 9, 15 (S. 38 scl. Sadilkow) o. 28, S. 78. Pseudo-Josephus (Josippon). 295 christlichen Zeitgenossen als Skythen geschildert und vom Verfasser Gog und Magog genannt), welche über Israels Dränger ein schweres Strafgericht verhängen, „wie wir es täglich sehen" H. — In derselben Zeit verfaßte ein anderer jüdisch-italienischer Schriftsteller ebenfalls unter einem verkappten Namen eine Art Geschichte von der Weltschöpfung bis zum Untergange des zweiten Tempels durch die Römer, oder vielmehr er goß ein älteres arabisches Geschichtsbuch in's Hebräische um und fügte einige Zusätze hinzu. Er trat als der alte Geschichtsschreiber Josephus auf, verwandelte aber diesen Namen in Josippon"), mischte in seiner Darstellung Geschichtliches und Sagenhaftes bunt durcheinander und übertrug Zustände und Namen seiner Zeit auf's Alterthum. Der Verfasser des hebräischen Josippon gebrauchte aber die heilige Sprache mit vieler Gewandtheit, fast in altbiblischer Färbung, und das ist auch sein einziges Verdienst. Es gab also im zehnten Jahrhunderte nur ein einziges Land, das wie dazu geschaffen schien, dem Judenthume ein fruchtbarer Boden zu werden, worauf es die schönsten Blüthen treiben und zu einer höheren Entwickelung heranreifen konnte — das mohammedanische Spanien, welches den größten Theil der pyrenäischen Halbinsel umfaßte. Während das christliche Europa wieder in vollständige Barbarei versank, aus der es die ersten Karolinger mühsam zu befreien strebten, und während das morgenländische Chalifat das Bild des herannahenden Greisenalters H Die Abfassung dieses Agada-Werkes hat Herr Rapoport lichtvoll ermittelt und die scheinbaren Widersprüche glücklich aufgehoben (Biogr. d. Nathan Romi Note 43), nur hat er dessen Geburtsland verkannt. Es war nicht Babel, sondern die große Stadt Rom (die bei jüdischen, wie bei nachapostolischen Kirchen-Schriftstellern Babel genannt wird). Es weht im ganzen Werke, so zu sagen, europäische Luft. Manche Redensarten erinnern stark daran. Der Umstand, daß in Dans. ä. b. blliab nach Weltschöpfungsjahren gezählt wird, spricht besonders dafür. In Babylonien zählten die Juden bekanntlich nach seleucidischer Aera. Die zweimal wiederkehrende Phrase: Gog und Magog's Strafgericht sei bereits über die Völker eingetroffen (o. 3, S. 7 b., o. 5, S. 13 a.) bezieht sich sicherlich auf die verheerenden Invasionen der Ungarn, wobei Italien am meisten gelitten, unter den deutschen Herrschern Arnulf bis Otto I. (in den Jahren 889 — 955). Der Chronograph Regino nennt die Ungarn: Zsns HunZarorum ksrooissima sb omni bslua eruclslior — a Lo^bbis rsZnis sb a xaiuäibus, gnas Dbanais sua rskusions in immsn- sum porriZitur, sKrsosa ssb (bei Pertz monumsnta Osrmanias I. 599). Eben nach dem Skythen lande versetzte das Mittelalter Gog und Magog, und die Ungarn konnten unter diesem Namen bezeichnet werden. — Das Verhältnis: des D. ci. b. Liiab rabba zum 8urba ist mir noch nicht klar. ') Zeitalter und Vaterland des hebräischen Josippon oder Pseudo-Josephus hat Zunz richtig ermittelt (gottesdienstl. Vorträge S. 150 ff.), im Nachweis des Ursprunges dagegen hat er sich vergriffen (vergl. o. S. 235, Amn. 2). 296 Geschichte der Juden. darbot, brachte es das spanische Chalifat unter den Söhnen Omejja's voller Manneskraft und Geistesfrische zu einer Culturhöhe, die das Mittelalter fast vergessen macht. Unter Abdul-Rahman III. (mit dem Beinamen An-Nasir) — der zuerst den vollen Chalifentitel „Fürst der Gläubigen" (Emir-Al-Mumenin) führen konnte — war Spanien ausschließlich der Sitz der Wissenschaft und der Kunst, die sonst fast auf dem ganzen Erdenrund geächtet oder mindestens unbeachtet waren Mit ihm begann die klassische Zeit der moslemitischen Culturblüthe, die mit Wohlstand und Kraftfülle gepaart war, und sie konnte nur diese Stufe erreichen, weil ihre Träger edle Fürsten waren, welche von Vorurtheil gegen die Bekenner einer anderen Religion frei waren. Am meisten galten in Spanien die Lieblinge der Musen, die Meister des wohllautenden Sanges und der geistreichen Rede. Ein gelungenes Gedicht wurde fast noch mehr gefeiert als ein errungener Sieg, und der Sieg war wieder Gegenstand der Poesie. Jeder Große, vom Chalifen bis zum letzten Provinzial-Emir, war stolz darauf, Gelehrte und Dichter zu seinen Freunden zu zählen und ihnen über die Sorge für die Lebensbedürfnisse hinwegzuhelfcn. Die Männer der Wissenschaft und der Poesie wurden zu hohen Aemtern befördert und mit den höchsten Staats- Interessen betraut. Dieser geistigen Atmosphäre konnten sich die Juden Spaniens bei der dem jüdischen Stamme innewohnenden leichten Erregbarkeit und Empfänglichkeit nicht entziehen. Ihr Sinn wurde von Begeisterung für Wissenschaft und Dichtkunst ergriffen und auch das jüdische Spanien wurde „eine Freistätte der Bildung und Geistesregsamkeit, ein duftender Garten heiterer, lebensfreudiger Poesie, so wie der Sitz ernster Forschung und Hellen Denkens"*). Gleich den Muzarabern (den unter Mohammedanern wohnenden Christen) hatten sie sich mit der Sprache und Literatur des herrschenden Volkes vertraut gemacht und liefen ihnen nicht selten den Rang ab. Aber während die Muzaraber ihre Eigen- thümlichkeit an das arabische Wesen so weit aufgaben, daß sie ihre Muttersprache, das gothische Latein, vergaßen, ihre Bekenntnißschriften nicht mehr verstanden und sich des Christenthums schämten^), empfanden 9 Vergl. M. Sachs: religiöse Poesie der Juden in Spanien S. 182. h Ein Kirchen-Schriftsteller des zehnten Jahrhunderts klagt: Hais, roZa lloäis solsrs in nostris üäslillus laiois invsnitur, gut svripduris ssnodis invsndus Volumina, guorurnguurngus äovtorurn latüns aansoripta rss- pioiad? lllonns oinnss juvsnss ellrisdiani — linZua äisosrii — gsntilioia «ruäitions prasalari, arabioo öloguio sulllirnati, voluruiua Ollaläas- oruru aviäissirns traedand — soolssiasdioarn pulollrituäinslli iZnorantss. Usu prall clolor! IinAus.ru snarn nssaiunt Ollriatiani, — itsutoiuni tlllrisü oollsZio vix invsuistur unus in naillsno llorninurn nurnsro, gui saluta- Die Juden im arabischen Spanien. 297 die Juden Spaniens bei zunehmender Bildung nur noch mehr Vorliebe und Begeisterung für ihre heimathliche Sprache, ihr heiliges Schristthum und ihre angestammte Religion. Weit entfernt, daß die Vertreter des Judenthums die Aneignung des fremden Wesens verpönt und sie als Abfall gebrandmarkt hätten, waren sie Beförderer der arabischen Cultur; sie zogen daraus frische Säfte, um das Judenthum zu verjüngen und zu veredeln. Durch ein Zusammentreffen glücklicher Umstände war das jüdische Spanien im Stande, zuerst mit Babylonien einen Wettlauf anzustellen, dann ihm das Scepter zu entwinden und endlich die Führerschaft über die Judenheit fast ein halbes Jahrtausend zu behaupten. Mit Recht sang ein jüdischer Dichter (Charisi): „Hispanien westlich gelegen. Und Babylonien ihm östlich entgegen Unter einem glücklichen Klima voll Segen; Es mußte darum in Beiden, Gleichsam den Pfeilern zu des Erdballs Seiten, Die Wissenschaft sich verbreiten Und hier und dort, an beiden Enden, Sich zum höchsten Ziele wenden. So waren früher in Babel's Kreisen Die Weltweisen, Und später in Sepharüd Die Klugen in Rath und That, Kundig in des Gesanges Pfad." „Als der Sänger-Chor hörte auf zu singen, Begann Hispania's Lyra zu klingen, Als Ostens Söhne keinen Ton mehr fanden. Da sind des Westens Dichter aufgestanden" >). Drei Männer waren die Begründer der jüdisch-spanischen Cultur : der nach Cordova verschlagene Talmudkundige Mose b. Chanoch, der erste andalusische Grammatiker Menahem b. Saruk und der Schöpfer der Kunstform für die hebräische Poesie, Dunasch Jbn-Labrat. Aber diese Kulturblüthe konnte sich nur durch einen Mann entfalten, der vermöge hoher Begabung, gediegenen Charakters und hervorragender Stellung gewissermaßen die Sonne dafür war und die Knospe erst zum Aufbrecben trieb. Dieser Mann war Abu-Jussuf Chasdai b. Isaak Jbn-Schaprut (geb. nm915, gest. um 970^) aus der edlen Familie Jbn-Esra, der den geistigen Bestrebungen Halt und Mittelpunkt ge- bortas trackrt possib rations-bilitsr äiriZsrs Iitsru8. (Xptstols. Uvari tu tAoros Xspana suAiacku XI. 81). *) Charisi in dessen 18. Makama (Ls-ob^srnoirij nach Zedner's Ueber- setzung Auswahl hist. Stücke 70. -) Vergl. Note 21, I. 298 Geschichte der Juden. geben und die lange Reihe jener hochgesinnten und hochgestellten Persönlichkeiten eröffnet hat. welche die Beschützung und Förderung des Judenthums zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Chasdai war eine völlig moderne Gestalt, dessen Charakter und Haltung ganz abwichen von dem Typus der vorangegangenen geschichtlichen Träger. Sein leichtes, geschmeidiges, anmuthiges Wesen ließ weder die Schwerfälligkeit des Orientalen, noch den düstern Ernst des Juden erkennen; seine Handlungen und Aeußerungen lassen ihn vielmehr als Europäer erscheinen und mit ihm erhält die jüdische Geschichte ein — wenn man so sagen darf — europäisches Gepräge. Chasdai's Jugendgeschichte ist nicht bekannt. Seine Vorfahren stammten aus JaenZ; sein Vater Isaak, welcher wohl in Cordova wohnte, war wohlhabend, freigebig und ein Mäcen im Kleinen; von ihm lernte sein Sohn die Schätzung der Wissenschaft und die würdige Verwendung des Reichthums. Chasdai hatte sich auf die Arzneikunde und Sprachwissenschaft verlegt. Die erste eignete er sich jedoch nur theoretisch an; es wird ihm nur nachgerühmt, daß er eine Art Theriak erfunden hat, den die Araber unter dem Namen Faruk als Universalmittel betrachteten. Desto mehr Meisterschaft hatte Chasdai Jbn- Schaprut in Sprachkenntniß und in der Diplomatenkunst. Er kannte nicht nur das Hebräische und Arabische so gut, daß er es schriftstellerisch behandelte, sondern — was unter den Christen Spaniens höchstens die höhere Geistlichkeit verstand — auch das Lateinische. Der Chalife Abdul-Rahman III., der mit den kleinen christlichen Höfen Nord- Spaniens in diplomatischem Verkehr stand, wurde auf Chasdai's Werth und Brauchbarkeit aufmerksam und ernannte ihn zu seinem Dolmetscher und diplomatischen Vermittler (um 940). Zuerst pflegte Chasdai blos als Gesandtschaftsbeirath den Hauptbotschafter an die christlichen Höfe Spaniens zu begleiten ^). Je tüchtiger er sich aber bewährte und je mehr Dienste er dem Chalifen leistete, um so mehr wurde er von ihm geschätzt und befördert. Einst errang Chasdai's Diplomatenkunst einen großen Sieg. Er brachte einen König von Leon (Sancho Ramirez) und eine Königin von Navarra (To da) sammt Geistlichen und Großen nach Cordova, um einen dauernden Friedenstraktat mit Abdul-Rahman abzuschließen. Der Chalife belohnte seine Dienste mit der Belehnung solcher Aemter, durch welche er zugleich dem Staate noch mehr Dienste leisten konnte. Chasdai wurde in einem gewissen Sinne Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Er hatte die Gesandten zu empfangen, y Mose Jbn-Esra bei Munk, Xotüos sar ^.boul^valicl p. 77 f. Note 2. 2) Jbn-Adhari Citat Note 21, I. Chasdal Jbn-Schaprut. 299 ihre Geschenke und Diplome entgegen zu nehmen und ihnen Gegengeschenke von Seiten des Chalifen einzuhändigen. Er war aber auch zugleich Handels- und Finanzmiuister, indem durch seine Hände die Landeseinnahmen für Produkte und Zölle in die Staatskasse flössen^). Bei alledem hatte Chasdal keinen bestimmten offiziellen Titel; er war weder Wesir (Hagib bei den spanischen Arabern) noch Staatssekretair (Katib). Denn auch die Araber hatten Anfangs ein zu starkes Vor- urtheil gegen die Juden, als daß sie dieselben in den Kreis der Staatswürdenträger hätten aufnehmen lassen sollen^). Noch war die eben aufblühende Kultur im mohammedanischen Spanien nicht im Stande gewesen, die judenfeindlichen Aussprüche des Koran zu überwinden. Der gerechte und edle Fürst selbst, der zu seiner Zeit die größte Zierde des Thrones war, durfte sich nicht über diese angeborenen Vorurtheile hinwegsetzen, die Juden selbst mußten sie erst durch ihre Geistesüberlegenheit nach und nach besiegen. Chasdai' hat zuerst unter den anda- lusischen Moslemin eine günstige Stimmung für seine Glaubensgenossen erweckt und sie durch seinen Zutritt zur Person des Chalifen vor Unbilden schützen können. Darum konnte ein jüdischer Sänger ihn mit den Worten preisen: „Er nahm von seinem Volke das drückende Joch, Weihte ihm seine Seele und nahm es ins Herz, Zerbrach die Geißel, die es verwundete, Und schreckte dessen herzlose Bedrücker von ihm zurück. Der Unvergleichliche sandte es seinem Ueberreste Zum Trost und zum Heile In diesem Lobe ist nichts übertrieben. Chasdal war in der That für die nahen und fernen Gemeinden ein Tröster und Befreier. Seine hohe Stellung und seine Reichthümer verwendete er zum Nutzen seiner Glaubensgenossen. Sein tief religiöser Sinn ließ ihn erkennen, daß er sein hohes Ansehen nicht seinem Verdienste, sondern der göttlichen Gnade zu verdanken habe, und er fühlte sich deswegen berufen, für seine Religion und Stammgenossen thätig zu sein. Ueber die jüdische Z Folgt aus Chasdal's Sendschreiben an den Chazarenkönig. ") Ueber die Vorurtheile der spanischen Mohammedaner gegen die Juden zu Abdul-Rahman's Zeit berichtet der Bischof von Cordova an den deutschen Gesandten des Kaisers Otto I.: Liraul ipsorura i Gbristigaorura) eoavietu äslsvtgabur (8s.rg.vsai) vura lluägsos xsaibus sxlrorrsgab. — ^.vbg Lgaotorura zum 27. Februar T. III. p>. 712. Vergl. den Anfang von Chas- dai's Sendschreiben an den Chazarenkönig. 3) Aus dem Gedichte von M. b. Saruk's Jüngern, mitgetheilt von Prof. Luzzatto Lsd llg-Oögr p. 23 f. und bei klaloxsas ImMstto blotios sur ^.bou-ckousout Hgsclais p. 68. Jetzt vollständig edirt von S. G. Stern. Ickbsr Lsspoasioaura rmi! nww'.i, Wien 1870. 300 Geschichte der Juden. Gemeinde der Hauptstadt Cordova hatte er eine Art richterlicher und politischer Oberhoheit inne*), sei es, daß sie ihm sein Gönner, der Chalife, übertragen oder daß sich ihm die Gemeinde freiwillig untergeordnet hat. Die babylonische Hochschule, der er reiche Spenden zufließen ließ, ertheilte ihm den mehr pomphaften als inhaltlichen Titel „Oberhaupt des Lehrhauses" (Koovü-Lallati ^), obwohl er vom Talmud wohl noch weniger verstand als jener R' Nathan, der seine Stelle R' Mose selbstlos überlassen hatte. Mit Dunasch b. Tamim stand er in schriftlichem Verkehr und ließ sich von ihm eine astronomische Berechnung des jüdischen Festkalenders anfertigen (o. S. 291). Mit Saadia's Sohn Dossa stand Chasdai ebenfalls im Briefwechsel und ließ sich von ihm die Lebensbeschreibung seines großen Vaters zuschicken ^). Die Gesandten der vielen Herren, welche des Chalifen Gunst oder Schutz suchten und auch ihm Geschenke zu bringen pflegten, um sich seiner Fürsprache zu vergewissern, fragte Chasdai über den Stand der Juden unter ihnen und stimmte sie günstig für seine Glaubensgenossen. Bei zwei Gesandtschaften der mächtigsten Höfe Europas spielte Chasdai eine Rolle, und sein Name wurde i» die Geschichte derselben verflochten. Das von vielen Seiten bedrängte und verrenkte byzantinische Kaiserthum, das sich Jahrhunderte lang als Mumie erhalten hat, bedurfte stets auswärtiger Stützen. Der schwache und pedantisch gelehrte Kaiser Constautin VIII., Sohn und Bruder der Kaiser, welche den Juden so viel Leid zugefügt (o. S. 229), suchte eine diplomatische Verbindung mit dem mächtigen moslemitischen Beherrscher Spaniens, um einen Bundesgenossen gegen das morgenländische Chalifat zu gewinnen. Er schickte daher eine feierliche Gesandtschaft nach Cordova (um 944—949), und um recht vielen eitlen Glanz zu entfalten, mit reichen Geschenken, darunter auch ein schönes Exemplar eines griechisch- medizinischen Schriftstellers (Dioskorides) über die einfachen Heilmittel, nach welchem der Chalife und sein medicinisches Collegium Verlangen hatten. Die Gesandten des judenfeindlichsten Hofes wurden von dem jüdischen Staatsmanne empfangen und zur Audienz geführt. Aber das Buch, auf welches die arabischen Aerzte und Naturforscher einen so hohen Werth legten, war für sie mit sieben Siegeln verschlossen; Niemand verstand es zn lesen. Abdul-Rahman bat sich daher vom byzantinischen Kaiser einen kundigen Mann aus, der neben dem Griebs Abraham Jbn-Daud in 8slvr üa-Labbalall, sä. Amsterd. 70a. 2) So wird Chasdai genannt von Dunasch b. Labrat in seiner Dedication und von einem anderen Dichter. Abraham Jbn-Daud das. Chasdal Jbn-Schaprut. 301 chischen auch das Lateinische verstände, und Constantin sandte, um sich dem mohammedanischen Hofe gefällig zu zeigen, einen Mönch Nikolas, welcher Dolmetscher sein sollte. Unter allen Aerzten Cordovas verstand aber nur Chasdai das Lateinische. Er wurde daher vom Chalifen beauftragt, sich an der Uebersetzung zu betheiligen, so daß Nikolas das griechische Original ins Lateinische und Chasdal dieses ins Arabische übertrug. Der Chalife Abdul-Rahman freute sich über das Zustandekommen einer Arbeit, die nach seiner Ansicht seiner Regierung einen hohen Glanz verlieht). Bei der Gesandtschaft, welche der mächtige deutsche Kaiser Otto I. an den Hof von Cordova schickte, hatte Chasdai eine eigene Rolle. Abdul-Rahman hatte nämlich vorher einen Botschafter an Otto gesandt und in dem Gesandtschaftsschreiben sich einiger unglimpflichen Ausdrücke gegen das Christenthum bedient. Die andalusischen Gesandten hatten aber mehrere Jahre warten müssen, ehe sie zur Audienz vorgelassen wurden. Nachdem sie empfangen worden waren, schickte der deutsche Kaiser eine Gegengesandtschaft, an deren Spitze der Abt Johannes von Gorze (Jean de Vendiores) stand, und gab ihr ein Schreiben mit, welches ebenfalls harte Ausfälle gegen den Islam enthielt. Der Chalife, der so etwas vermuthete, beauftragte daher Chasdal, den Inhalt des gesandtschaftlichen Diploms auszuforschen. Chasdal verhandelte also mehrere Tage mit Johannes von Gorze, und obwohl dieser sehr gewandt war, so überlistete ihn Chasdal doch und erfuhr von ihm die Wendung des Sendschreibens. Darauf ließ Abdul-Rahman die deutsche Gesandtschaft ein ganzes Jahr auf Audienz warten und hätte sie noch länger hingezogen, wenn nicht Chasdal in Verbindung mit dem muzarabischen Bischof von Cordova Johannes von Gorze bewogen hätten sich vom Kaiser ein neues, unverfängliches Diplom kommen zu lassen (956—59^). Chasdal, der von seinem Schauplatze aus gewöhnt war, die Verhältnisse im Großen anzusehen, fühlte sich tief bekümmert, wenn er auf die Lage der Juden, auf ihre abhängige, geduldete Stellung, auf ihre Zerstreuung und Zusammenhangslosigkeit einen Blick warf. Wie oft mußte er aus dem Munde von Mohammedanern und Christen den Haupteinwurf gegen die Wahrheit des Judenthums vernehmen: „Das Scepter ist von Juda gewichen, folglich ist es von Gott verworfen." *) Jbn-G'olgol bei de Sacp: llbäsllatil x. 496 und bei PH. Luzzatto a. a. O. p. 6. 2) Laneborura zum 27. Februar 1. III. x. 712 und bei Pertz uaouurusiits, IV. 371 f. vergl. Schlosser Weltgeschichte V. 120. Klopp: Geschichten d. deutschen Kaiserzeit 140 ff. 302 Geschichte der Juden. Chasdai selbst theilte die beschränkte Anschauung der Zeit, daß eine Religion und ein Volk, die nicht einen staatlichen Boden, König, Hof, Macht und Unterthanen haben, keine Festigkeit und Lebensfähigkeit hätten. Ihn beschäftigte daher die dunkle Kunde von dem Vorhandensein eines selbständigen jüdischen Reiches im Lande der Chazaren, die auch nach Spanien gedrungen war, lebhafter als seine jüdischen Zeitgenossen. Eldad's Erscheinen in Spanien einige Jahrzehnte vor Chasda'i's Geburt hatte der unbestimmten Sage einige Glaubwürdigkeit verschafft, aber sie andererseits durch die Uebertreibung, daß die Zehnstämme noch in ungeschwächter Kraft fortbeständen, unwahrscheinlich gemacht. Chasdai unterließ es daher niemals, bei den Gesandtschaften aus weiter Ferne Erkundigungen über ein jüdisches Reich und einen jüdischen Herrscher anzustellen. Wie ein belebender Sonnenstrahl fiel daher die Nachricht in sein Gemüth, die er von Gesandten aus Chorasan (östlich vom Kaspi-See) vernahm, daß es allerdings einen jüdischen König im Chazarenlande gebe, und sein innigster Wunsch war, mit diesem Könige in Verbindung zu treten. Noch glücklicher machte es ihn, als ihm die byzantinischen Gesandten die Nachricht bestätigten und hinzufügten, daß der damals regierende Chagan der Chazaren den jüdischen Namen Joseph führe, daß die Chazaren eine mächtige und kriegerische Nation seien, deren Land nur fünfzehn Tagereisen von Konstantinopel entfernt sei, und daß sie in Bündniß und Handelsverkehr mit dem byzantinischen Reiche ständen. Diese Nachricht erhöhte nur seine Sehnsucht, mit dem jüdischen Reiche und dem jüdischen König in nähere Verbindung zu treten. Er sah sich daher nach einem zuverlässigen Boten um, der sein Huldigungsschreiben befördern und zugleich nähere Auskunft überbringen sollte. Die Bemühung Chasda'i's um die Botschaft an die Chazaren ist zugleich für die Geschichte interessant. Zuerst hatte er zu seiner Freude einen Mann Isaak ben Nathan gefunden, der erbötig war, die weite und gefahrvolle Reise anzutreten, und Chasdai hatte ihn mit reichen Mitteln, mit Gefolge und Empfehlungsschreiben an den befreundeten byzantinischen Hof versehen und ihn mit Abdul Rahman's Gesandten nach Konstantinopel reisen lassen. Der griechische Kaiser nahm den jüdischen Botschafter gut auf, hielt ihn aber wahrscheinlich aus irgend einem räukevollen Hintergedanken, wie es den rechtgläubigen Griechen eigen war, ein halbes Jahr zurück, und ließ ihn endlich die Rückreise nach Spanien autreten mit einem Schreiben an Chasdai, tvorin er das Gefahrvolle einer Reise in's Chazarenland auseinandersetzte, „zu Lande wegen der Fehden unter den Völkern in den Ländern am Schwarzen Meer, und zu Wasser wegen der Unsicherheit der Fahrt auf dem Meere". Der jüdische Hofbeamte war in Chasdai's Schreiben an die Chazaren. 303 Verzweiflung über das Mißlingen seiner Sendung. Da erboten sich Einige, sein Schreiben über Jerusalem, Nisibis und Berdaa (Westarmenien) durch Vermittelung zu besorgen. Als er aber darauf ein- gehen wollte, traf eine Gesandtschaft des sklavonischen Königs Hunu in Cordova ein (953 Z, bei welcher sich zwei Juden befanden, Mar- Saul und Mar-Joseph. Die Juden an der Niederdonau müssen also damals in gutem Einvernehmen mit den dortigen slavischen Bewohnern gestanden haben. Die jüdischen Gesandten wußten auch Manches von dem Chazarenreich zu erzählen. Ein Jude aus diesem Lande, Mar- Amram, ein Mann von Einsicht und Kenntniß, war, wie sie erzählten, nach Sklavonien gekommen und hatte sich gerühmt, in Ehren bei dem Chazarenchagan zu stehen und öfter von ihm zur Tafel gezogen worden zu sein. Chasdal schickte sogleich einen Boten ab, diesen Amram nach Spanien zu berufen; derselbe war aber nicht mehr anzutreffeu. Indessen erboten sich die jüdisch-sklavonischen Gesandten Chasdai's Schreiben zu besorgen, zunächst an die Juden in Ungarn, welche es weiter über Rußland und Bulgarien befördern würden. Das enge Zusammenhalten der Juden machte es ihnen möglich, Verbindungen anzuknüpfen, wie sie damals und später noch dem mächtigsten Staate nicht möglich waren. Chasdal ließ sich bestimmen, den sklavonischen Gesandten das Schreiben an den Chazarenkönig zu übergeben. Dieses Schreiben in schöner hebräischer Prosa mit Eingangsversen — von Menahem b. Saruk abgefaßt 2) — ist eine unschätzbare Urkunde für die Geschichte der Zeit und die Charakterisirung des Mannes. Der Verfasser hat geschickt durch seine fromme Sehnsucht staatsmännischen Sinn und durch seine demuthsvolle Haltung Selbstgefühl und Bewußtsein seines Werthes durchblicken lassen. Sogar eine gewisse selbstgefällige Eitelkeit ist dem Sendschreiben anzusehen. Nachdem im Eingänge dem schwülstigen Ge- schmacke der Zeit gehuldigt und in den gereimten Versen das Namensakrostichon verschlungen wurde, fährt Chasdal in schöner Prosa fort: Er fühle sich eigentlich unwürdig, an den König das Wort zu richten und sei in Verlegenheit, das rechte Wort zu finden. Indessen hoffe er, der König werde Nachsicht mit ihm, dem Genossen derer haben, die im Exil leben, von denen der Glanz der Selbständigkeit schon so lange erloschen ist. Denn wegen ihrer Sünde hatten die Juden Spaniens viel Widerwärtigkeiten erfahren, bis der König von Spanien ihm die Gunst zugewendet und es ihm vergönnt war, den Trauernden Trost zu bringen. Daun beschrieb Chasdal die geographische Lage Spaniens, 9 Jbn-Adhari vergl. Note 2t. st Pergl. S. Sachs' Ulsrsra Obsuasck Jahrg. VIII. S. 189. 304 Geschichte der Juden. berührte die Geschichte der Omejaden-Dynastie, rühmte seinen Gönner Abdul-Rahman, erwähnte die Quellen der reichen Einnahme des Landes und die Handelsverbindungen. Nebenher ließ er fallen, daß die königlichen Landeseinnahmen vom Handel durch seine Hände gingen, wie er auch die Gesandtschaften der auswärtigen Mächte empfange, ihre Geschenke übernehme und ihnen Gegengeschenke zukommen lasse. Er beschrieb, welch' unendliche Mühe er sich gegeben, Auskunft über das Chazarenreich zu erlangen und einen zuverlässigen Boten zu finden. Er habe dieses nicht aus eitler Neugierde und Ehrsucht gethan, sondern um zu erfahren, ob Israel auf einem Fleck der Erde frei von Oberherren sei. „Wüßte ich, daß dem so ist" — schrieb Chasdai, oder ließ schreiben — „so würde ich meine Ehren gering achten, meine Stellung aufgeben, meine Familie verlassen, würde wandern über Berg und Thal, zu Land und Wasser, bis ich mich vor meinem Könige vom Stamme Israel niederwerfen könnte; würde mich erfreuen an seiner Größe und seine Macht bewundern." Dann bittet das Sendschreiben um gründliche Auskunft über Alles und besonders von welchem der Zehnstämme die Chazaren ihren Ursprung haben, über ihre politische und kriegerische Haltung, namentlich ob der Krieg auch am Sabbat geführt wird, und ob die hebräische Sprache bei ihnen heimisch sei. Endlich fragte Chasda'i bei dem Könige an, ob sich bei ihnen eine Andeutung erhalten hat, wann die Erlösung Jsrael's eintreffen werde. Denn der Leiden Maß sei voll, und er müßte täglich den Hohn hören: „Jedes Volk bildet ein geschlossenes Königreich, ihr aber seid ohne Selbständigkeit." Deswegen habe die Nachricht von dem jüdischen Chazarenreich erhebend auf sein Gemüth gewirkt; denn dadurch könnten die Juden wieder ihr gebeugtes Haupt erheben und brauchten nicht beschämt zu verstummen i). — So richtete der Vertreter der Juden im äußersten Westen Europas an den Juden auf dem Throne den Brudergruß. Chasdcü's Sendschreiben gelangte glücklich auf Umwegen durch einen Mann Jakob b. Eleasar aus dem Lande Nemez (Deutschland), in die Hand des Chag'an Joseph, des elften jüdisch-chazarischen Fürsten seit Obadiah, dem eigentlichen Begründer des Judenthums in Chazarien (o. S. 179). Der Chazarenstaat besaß damals (um 960) noch immer eine bedeutende Macht, obwohl er bereits einige Gebiete oder Vasallenländer eingebüßt hatte. Er erstreckte sich noch bis zum Jaik und dem Don im Norden, im Süden bis zur Kaukasuspforte (Lab al-^bvvab, *) Das Sendschreiben Chasdai's an den Chazarenkönig, das Isaak Akrisch auf einer Reise von Constantinopel nach Egypten aufgefunden hat, veröffentlichte er zuerst in einem Büchlein Lol Nsba-sssr 1577; seitdem ist es öfter abgedruckt worden; vergl. Oarraol^ Ibiusrairss p>. 5 und. 67 Die Chazaren. 305 vsrbenä) über den Kaukasus hinweg bis an das östliche Gestade des Schwarzen Meeres und bis zum Dniepr. Im Osten reichte er längs des Nordrandes des Kaspisees (Labr d'orZon) und jenseits der Wolga bis zur Steppe der heutigen Kalmücken. Der Mittelpunkt dieses Staates oder das eigentliche Chazarien betrug indeß nur 120 Parasangen (30 Meilen) im Umfange, an den beiden Ufern der Wolga (Itil, Lckel) bis an den Kaspi-SeeZ. Die Residenz des Chagan Joseph befand sich auf einer Wolga-Insel und hatte einen goldenen zeltartigen Palast mit einer goldenen Pforte. Etwa ein Jahrhundert vor Joseph's Regierungsantritt hatte einer seiner Vorgänger vom byzantinischen Kaiser Theophil Baumeister aus Konstantinopel kommen lassen, um eine Grenzfestung gegen die Einfälle der wilden Petschenegen erbauen zu lassen (854), welche von ihren Weißen Mauern Sarkel (Weißstadt «onxo»- öo-TikrtM-, russisch LjsIajavvsLa) genannt wurde. Und als diese echt türkische Horde ein halbes Jahrhundert später in das chazarische Gebiet einfallen wollte, wurde sie aufs Haupt geschlagen (899^). Auch gegen die Russen, welche seit der Einwanderung der Waräger immer mächtiger wurden, und stets ein Gelüste nach dem fruchtbaren chaza- rischen Landstriche hatten, mußten die Chagane gerüstet sein. Sie waren daher genöthigt, stehende Truppen zu unterhalten, die zu jeder Zeit bereit sein sollten, sich einem herannahenden Feinde entgegen zu werfen. Im zehnten Jahrhundert belief sich die Zahl der regulären Soldaten auf 12 000, theils Schützen zu Pferde mit Helm und Panzer, und theils Fußvolk mit Speeren. Es waren Mohammedaner, welche vor Bürgerkriegen im Osten des Kaspi-Sees sich nach dem Chazaren- lande geflüchtet hatten und von den Chaganen unter dem Namen Aresiah in Sold genommen wurden. Auch ihr Anführer war dem Islam zugethan; die übrigen Staatsbeamten dagegen waren, sowie der ganze Hof, Indens. Das altersschwache byzantinische Kaiserthum mußte um dieselbe Zeit das Chazarenreich als Großmacht respectiren und den jüdischen Fürsten den Titel „edle und erlauchte Chagane" zuerkennen. Während die byzantinischen Kaiser die diplomatischen Sendschreiben an den Papst und die fränkischen Kaiser mit einer goldenen Bulle von geringem Gewichte (2 8olicki) zu siegeln pflegten, nahmen st^INsoxlmnss sontrnuatns III., o. 28 x. 122. ") Vergl. Striiter ursnaoris. poxräorura in Augusti's Memorabilien des Orients 1802 III. 573. °) Jbn-Fotzlan, Jbn-Haukal und Maßudi bei Frähn: äs OlluWris im llläw.olrs äs l'aoaäsiiiis äs 8t. ikstsrsbonrA VIII. 592 ff. und bei Oarinolzr, Ittusrairss 16, 24 ff. Graetz, Geschichte der Juden. V. 20 306 Geschichte der Juden. sie dieselbe, wenn sie an die Chagane schrieben, um ein Drittel schwerer^. Wer das pedantische Etiguettenwesen dieses verrotteten Hofes kennt, wird begreifen, wieviel Furcht in einer solchen Ehrenbezeugung lag. Die chazarischen Chagane nahmen ein lebhaftes Interesse an ihren auswärtigen Religionsgenossen und übten Repressalien für die denselben angethanen Unbilde. Als einst einem Chagan zu Ohren gekommen war, die Muselmänner hätten eine Synagoge im Lande Babung zerstört, ließ er das Minaret von der Moschee in seiner Hauptstadt abbrechen und die Muezzin (Ausrufer) hinrichten (92l). Er erklärte, er würde dafür sämmtliche Moscheen in seinem Lande zerstören lassen, wenn er nicht fürchtete, daß die Mohammedaner blutige Vergeltung an den Juden in ihrem Reiche üben würden^). — Chasdar's Sendschreiben machte daher dem Chagan Joseph beim Empfange eben so viele Freude, wie dem Absender die Gewißheit von der Existenz eines jüdischen Reiches. Die zum Judenthum bekehrten Chazaren verstanden das Hebräische und bedienten sich in ihrer Korrespondenz der hebräischen Schriftzüge, wie ein unparteiischer Zeitgenosse bezeugt^). Joseph setzte oder ließ von einem jüdischen Gelehrten ein Antwortschreiben in dieser Sprache aufsetzen, um Chasdai's theilnehmende Wißbegierde zu befriedigen und zugleich mit seinen Glaubensgenossen im fernen Westen in Verbindung zu treten. Der Chagan drückte seine Freude über den Empfang des Schreibens aus, benahm Chasda'l aber den Jrrthum, als ob das Chazarenland von ur-israelitischen Stämmen bewohnt sei. Die Chazaren seien vielmehr heidnischen Ursprungs, von Togarma abstammend (wie man mit Anlehnung an die Völkertafel der Genesis glaubte). Ihre Stammverwandten seien die Ugier, Tiras (?), Avaren, Usen, Barsilier (oder Basilier), die Tarnier (oder Tarak), die Sangar, Bulgaren und Saviren, Völkerschaften, welche früher im dunklen Skythenlande hausten und später zum Theil sich in den untern Donauländern und in Ungarn ansiedelten. Der Chagan Joseph erzählt ferner ausführlich die Bekehrung seines Urahnen Bulan zum Judenthum (o. S. 178), er nennt die Bulan nachgefoigten Könige, U Oonstautinus UorpU^roZsiritus cks Oasriraonüs aulas bzrris.irtius,ö II o. 44, 59. -) Jbn-Foßlan bei Frähn das. 594. Unrichtig übersetzt Frähn das Wort. LU auisaU (>-w'w) im arabischen Original mit Kirche, während es ursprünglich und an dieser Stelle Synagoge bedeutet, wie es auch ä'Uossou richtig ausfaßtl Iss rmrsuliuaiis avaisut ästruit lss tsraplss ckss juits (xsuplss äu 6a.uLS.ss p. 42). 2) Mohammed Jbn-Jshak in Uibrist al-IHura, mitgetheilt von Flügel in der Zeitschrift der deurch-morgenländischen Gesellschaft. Jahrgang 1859. S. 566. Die Chazaren. 307 welche sämmtlich hebräische Namen führten. Auf Obadjah waren gefolgt: Chiskijah, Manasse l., Chanukah, Obadjah's Bruder, Isaak, Zebulon, Manasse II., Nissi, Menahem, Benjamin und Aaron, Joseph's Vater. Ter jüdische' Fürst schildert hierauf den Umfang seines Reiches und die Völker, die seinem Scepter unterthan waren, und bezeichnet sein Land als ein ackerbaufähiges und fruchtbares. In Betreff der messianischen Erlösungshoffnungen, die auch er in der Brust hege, bemerkte der Chagan, daß er und die Juden seines Landes nichts Bestimmtes wüßten: „Wir haben", berichtet er *), „unsere Augen auf Jerusalem und die babylonischen Hochschulen gerichtet. Es möge Gott gefallen, das Erlösuugswerk zu befördern. Du schreibst mir, daß Du Dich sehnest, mich zu sehen; auch ich habe dieselbe Sehnsucht, Dich und Deine Weisheit kennen zu lernen. Könnte dieser Wunsch in Erfüllung gehen und ich Dich von Angesicht zu Angesicht sprechen, so wärest Du mir Vater, und ich Dir ein Sohn, und Dir würde ich die Leitung meines Staates anvertrauen." Hiermit schließt der denkwürdige Brief des jüdischen Chagan an Chasdal. Als Joseph dieses Schreiben ausfertigte, konnte er sich noch friedlicher Verhältnisse rühmen. Aber schon nach wenigen Jahren änderte sich die Lage der Dinge. Einer von Rurik's Nachkommen, der russische Großfürst Swiatislaw von Kiew, früher halb und halb Unterthan von Chazarien, führte einen gewaltigen Stoß gegen dasselbe und eroberte die Grenzfestung Sarkel (96b ^). Immer mehr engten die vorwärtsdringenden und zur Großmacht aufstrebenden Russen das Chazaren- land ein. Einige Jahre später (um 969) nahm derselbe Swiatislaw die Hauptstadt Jtil (Atel) und auch die zweite chazarische Stadt Semender ein^). Die Chazaren flüchteten sich theils auf eine Insel des Kaspi-See's, theils nach Derbend und theils nach der Krimm, wo ihre Stammverwandten wohnten, das von der Zeit an den Namen Chäzarenland führte. Die Hauptstadt derselben wurde Bosporus (Kertsch). So schrumpfte das Chazarenreich auf ein geringes Maß ein; Joseph war der letzte mächtige Chazarenfürst. Als Chasdal dessen Sendschreiben empfing, war sein Gönner Abdul-Rahman nicht mehr am Leben; doch sein Sohn Alhakem, ein noch eifrigerer Beförderer der Wissenschaft und Poesie, aber nicht kriegerisch gleich seinem Vater, hielt Chasdal in Ehren, ließ ihn in h Auch das Sendschreiben des Chagan Joseph hat Isaak Akrisch aufge- fnnden und veröffentlicht (vergl. o. S. 304 Anm. I). Die Echtheit desselben ist von dem Forum der strengsten Kritik anerkannt worden. -) Nestor, der russische Annalist, übersetzt von Scherer S. 53, 85. 9 ä'Uosson, xsnxlos äu Ounoass p. 198. 20 * 308 Geschichte der Juden. seinen Functionen und räumte ihm einen sehr hohen Rang als Staatsdiener ein*). Alhakem zog nicht weniger Nutzen als sein Vater von Chasdai's überlegener Gewandtheit. Ein jüdischer Sänger preist seine diplomatischen Siege mit folgenden Worten: Mit Gottes Beistand siegte er wie ein Held Und eroberte durch der Rede Gabe Länder und Städte Ohne Schwertstreich und Lanzenwurf, Demüthigte den Feind, vermöge seiner Klugheit. Panzerträger, Speereschleuderer, Schwerterhalter Beugen sich demüthig, entfliehen vor ihm^). Angeregt durch das Beispiel der zwei, Geistesstrebungen huldigenden Chalifen, unterstützte auch Chasdai im jüdischen Kreise mit großer Freigebigkeit die Talente, und ihm gebührt der Ruhm, die Blüthe der anda- lusisch-jüdischen Cultur entfaltet zu haben. Er zog begabte Forscher und Dichter nach Cordova in seine Nähe, und diese belohnten ihn dadurch, daß sie ihn durch ihre Lieder und ihm gewidmete Schriftwerke verewigten. „In Hispania weit und breit Ward betrieben zu Chasdät's Zeit Die Pflege der Weisheit. Und sein Lob ward besungen Von beredten Zungen'") Von den Forschern und Dichtern dieser Zeit werden nur vier namhaft gemacht: Menahem b. Saruk, Dunasch b. Labrat, Abbun b. Sardah und SamuelZ, von denen jedoch nur die zwei ersten bekannt geworden, mit dem jüdischen Minister Chasdai in Verbindung standen und von ihm gefördert wurden. Beide haben die hebräische t) Jbn-Abi Osaibija, mitgetheilt von Munk in ^.rolüvss Israslitss Jahrg. 1848 x. 326. 2) Ben-Saruk's Jünger bei S. D. Luzzatto Dst lia-O^ar x. 24 a. si und PH. Luzzatto dlotios sur ^.bou-äousouk Hasäui x. 69. 2) Charisi Makame 18, nach „Zedner's Auswahl" übersetzt. *) Ders. Makame 3. Die Satyre eines Msnahemiten, mitgetheilt von Dukes Orient Jahrg. 1850, Literbl. ool. 267 und dUolml Lsäurwiva I. 7, vergl. das. S. 1, das Citat vor Saadia Jbn-Danan. Dunasch selbst beruft sich in seiner Polemik gegen Menahem (Isseirubot sä. ssälixovsiri p. 73, 76, 77) auf zeitgenössische Dichter, und citirt einige Verse von ihnen, wovon ein Citat aus einem Lobgedicht auf Chasdai und ein anderes auf dis Weisheit. Diese Gedichte stammen also weder von Dunasch, noch von Menahem b. Saruk und folglich gab es zu dieser Zeit noch andere Poeten, die sogar metrisch gedichtet haben. Die neuhebr. Poesie und Dunasch b. Labrat. 309 Sprache zum Gegenstände tiefer Forschung gemacht, sie vielfach bereichert und veredelt, so daß ein späterer Dichter mit Recht sagen konnte: „Unsere Sprache hat etwas Wunderbares, Sie ist von unendlich prophetischer Kraft; Knapp ihr Ausdruck und doch sehr weit, Kurz, und reicht für Gedankenfülle aus'") Sie haben die Leistungen ihrer Vorgänger, seitdem die hebräische Sprachforschung die Denker beschäftigt hat, namentlich die karäischen Grammatiker und selbst Saadia, weit überflügelt. Dunasch b. Labrat hat der heiligen Sprache einen Wohlklang entlockt und einen ebenmäßigen Bau gegeben, wie man ihn gar nicht an ihr ahnte. Er führte zuerst das Versmaß in die hebräische Poesie ein und verlieh ihr den rechten Gleichklang und die symmetrische Abrundung des Strophenbaues. Dunasch wurde dafür von Saadia getadeltes, als wenn er eine unerhörte Neuerung eingeführt hätte, weil dadurch der hebräischen Sprache Gewalt angethan würde. — Auch der Inhalt der neuen hebräischen Poesie wurde durch die jüdisch-andalusischen Dichter ein anderer und reicherer. Bisher hatte die Dichtkunst nur einen synagogalen Charakter, sie war immer zerknirscht und büßermäßig und kannte kein frohes Lächeln. Selbst wenn sie sich zum Hymnus »erstieg, legte sie den düstern Ernst nicht ab und war immer schleppend und holprig. Kaliri war bis dahin ihr Muster. In Lehrgedichten und Streitschriften sank sie sogar zur elenden Reimerei herab, wie die Verse von Salmon b. Jerucham, von Abu-Ali Jephet, von den ben-Ascher und Sabbata'i Donnolo bezeugen. Chasdai gab aber den Dichtern Gelegenheit, das Thema zu wechseln. Seine imposante Persönlichkeit, seine hohe Stellung, seine Thaten und fürstliche Freigebigkeit wirkten begeisternd auf die Dichter, und indem sie ihn aus vollem Herzen mit Schwung und Feuer feierten und verherrlichten, hauchten sie der scheinbar abgestorbenen hebräischen Sprache Verjüngung ein und machten sie fortbildungsfähig und wohllautend. Allerdings haben sich die jüdisch- andalusischen Dichter die Araber zum Muster genommen. Sie leugnen es auch gar nicht, „daß Arab der Lehrmeister ward von Eber." Aber Dunasch und Andere, die seine Kunstform bald nachahmten, folgten nicht sklavisch den arabischen Mustern, zwangen nicht der hebräischen Sprache ein ihr unnatürliches Versmaß auf, sondern lauschten ihr die Wohlklänge ab und ergründeten ihre ureigene Natur. Die Verse aus Charisi Makame 1. ") Vergl. Note 2k, I. 310 Geschichte der Juden. den. Beginne der Blüthezeit erhielten einen raschen, lebhaften, tänzelnden Schritt. Doch legte die hebräische Poesie in der Chasdal'schen Epoche noch nicht ganz ihre Steifheit und Geschraubtheit ab, „die Sänger fingen zu Chasda'i's Zeit erst zu zirpen an", wie ein späterer Kritiker unnachahmlich darüber urtheiltZ. Das Lieblingsthema der neuhebräischen Poesie wurde jetzt das Lobgedicht (Lobir-Dsbillub) und die Satyre (Lobär Dolunak); sie pflegten aber auch die liturgische Poesie und verschönerten auch sie mit dem Wohlklange des Versmaßes Bon den Lebensverhältnissen und dem Charakter der zwei ersten Begründer der andalnsisch-jüdischen Cultur ist nur wenig bekannt. Soviel sich aus dem vorhandenen Material entnehmen läßt, war Menahem b. Saruk aus Tortosa (geb. um 910 st. um 970) von Hause aus in dürftigen Umständen, mindestens reichte sein väterliches Erbe nicht zu seinem Lebensunterhalte aus. Chasdcn's Vater Isaak nahm sich seiner .an und verhütete, daß nicht Sorgen dessen Geisteskeim erstickten. Menahem setzte daher Isaaks Edelmuth ein poetisches Denkmal in der Synagoge, welche derselbe hatte bauen lassen. Nach dessen Tode dichtete Ben-Saruk ein rührendes Klagelied auf ihn, das die Gemeindeglieder zum ehrenden Andenken an den Verblichenen während der Trauerzeit recitirten ^). Das Studium der hebräischen Sprache war seine Lieblingsbeschäftigung. Er benutzte dazu die Arbeiten von Jbn- Koraisch, Saadia und andern, wohl karäischcn Grammatikern. Aber den edlen hebräischen Styl lernte er nicht von ihnen, das war sein angeborenes Talent. Menahem kann als der erste hebräische Stylist angesehen werden, und er übertraf noch Abulsari Sahal darin. Als Chasda't zur hohen Stellung gelangt war, berief er den Schützling seines Vaters nach Cordova mit schmeichelnden Worten und *) Abraham Jbn-Daud Lotsr lls,-Xabbalab. Ende: meon mioo 'vor -) Von Dunasch Ben-Labrat wird ausdrücklich ein metrisches Pijut mitgetheilt, Dukes dlaollsl Lsckumüu x. 7 oben. Außerdem kennt man zwei metrische Stücke, welche das Akrostichon Dunasch tragen, und da kein anderer Dichter dieses Namens bekannt ist, als eben D. Ben-Labrat, so gehören sie sicherlich ihm an: vergl. Landshut ^.muäs lla-^bocks, x. 61. Die Jünger Menahem's theilen in ihrer Polemik gegen ihn metrische Pijutim von Dunasch mit (bei Pinsker I-Luts x. 166). Zunz' Urtheil, daß „der neuhebräische Versbau in der ersten Zeit nur auf die weltliche Poesie beschränkt blieb" und daß Jbn-Gebirol zuerst das Metrum in die synagogale Poesie eingeführt habe, ist demnach zu berichtigen. (Synagogale Poesie S. 216). Zunz geräth auch hierbei mit sich selbst in Widerspruch. 2) Menahem's Sendschreiben, mitgetheilt von S. D. Luzzatto in Lsb llu- Osur p. 31 u. Menahem Ben-Saruk. 311 glänzenden Versprechungen. Ben-Saruk, der sein Verhältnis^ zu dem jüdischen Minister selbst in gereimter Prosa beschrieb, bemerkt: „Deine Gabe nicht hat mich gezogen, Noch Deine Eroßmuth mich bewogen, Freundschaft war's, die mich angeregt, Bewunderung, die den Fuß mir bewegt." Er wurde Chasda'i's Hofpoet, bezeugte ihm für seine Unterstützung warme Anhänglichkeit, pries ihn in allen Tonarten und „erschöpfte", wie er sich ausdrückte, „die Verskunst, um dessen Lob zu singen." Als Chasdai's Mutter gestorben war, eilte der Minister um Mitternacht zum Dichter, um für sie ein Trauerlied zu bestellen, und fand ihn bei der Lampe sitzend mit Versen beschäftigt; er war dem Wunsche seines Wohlthäters zuvorgekommen. Bei dieser Gelegenheit schwor ihm Chasdai, er werde ihm diese Aufmerksamkeit nie vergessen Z. Er ermunterte ihn, sich auf die Erforschung der heiligen Sprache zu verlegen und deren verschiedene Formen und Wortbedeutungen zu ermitteln. Menahem arbeitete in Folge dessen ein vollständiges hebräisches Wörterbuch aus (um 965, Llaeddärot^j, gab darin auch einige grammatische Regeln und berichtigte seine Vorgänger vielfach. In einer Umgebung ausgewachsen, wo das eindringlich und harmonisch gesprochene Wort eine große Bedeutung hatte, stellte der Grammatiker von Tortosa die Sprache im Allgemeinen sehr hoch und die heilige noch höher. „Gott hat den Menschen über alle Geschöpfe verherrlichen wollen, darum gab er ihm eine schöne Gestalt und die Fähigkeit, schön und treffend zu sprechen. Wie Gott durch die Sprachverleihung den Menschen bevorzugt hat, so hat er Israel und dessen Zunge vor allen Anderen ausgezeichnet" ^). Die Gesetzmäßigkeit und Feinheit dieser Sprache aufzudecken, war der Zweck seines Werkes. Menahem Ben-Saruk erkannte zuerst die reine Wurzel an den hebräischen Sprachstämmen und sonderte sie von den Anhängseln und Anfügungen aus — eine jetzt einleuchtende Theorie, die aber von den vorangegangenen Grammatikern, Saadia mit einbegriffen, verkannt wurde, und diese Verkennung ließ sie in der Erzeugung hebräischer Verse wahrhafte Mißbildungen und Mißtöne zu Tage fördern. Bei jeder Wurzel setzte Menahem in seinem lexikographischen Werke die verschiedenen Bildungen und Formen auseinander, die sie angenommen, und erklärt ihre Bedeutungen oft mit überraschender Feinheit und taktvollem Sprachgefühl. Z Das. ") Das Naollbsrst von Menahem b. Saruk ist zuerst edirt von Filipowski London 1855. H Einleitung zu Nualrbsrst. 312 Geschichte der Juden. Wo er nach seiner Auffassung der Bibelverse eine eigene Erklärung giebt, zeigt er öfter gesunden Sinn und geläuterten Geschmack, und es ist ein entschiedener Fortschritt in der Schrifterklärnng von Saadia zu Menahem^). Hin und wieder stellte er Erklärungen auf, welche der talmudischen Tradition und den damaligen Vorstellungen geradezu entgegenliefen. Die Vorschrift im Gesetze: „das Zeichen an der Hand und an der Stirn zu tragen", deutete Menahem nicht auf das Anlegen der Gebetkapseln, sondern, gleich den Karäern, als Erinnerung im bildlichen Ausdrucke gebraucht Obwohl Menahem die hebräische Sprachforschung auf eine höhere Stufe gehoben hat, so ist er doch nicht frei von großen Jrrthümern geblieben. In seiner Wurzelaussonderung ging er viel zu weit, glaubte, von falschen Gesichtspunkten ausgehend, nicht blos zwei-, sondern sogar einkonsonantige Wortkeime annehmen zu müssen, und verkannte dadurch das Gebilde der hebräischen Spracherscheinnngen. Seine Bibelerklärungen sind nicht selten gekünstelt und gewaltsam, und er konnte sich überhaupt von der hergebrachten Exegese nicht ganz frei machen. Dennoch wurde sein lexikographisches Werk, weil hebräisch geschrieben, viel gelesen und benutzt, verbreitete sich nach Frankreich und Italien, verdrängte die saadianischen und die karäischen Arbeiten und wurde eine Zeit lang der Wegweiser für Bibelforscher. So edel, blühend und fließend Menahem's hebräische Prosa ist, so unschön und ungelenk nehmen sich indessen seine Verse aus. Er verstand noch nicht, das hebräische Versmaß zu handhaben. Ihn ergänzte nach mancher Seite sein Nebenbuhler Dunasch b. Labrat. Dieser Dichter (auch Adonim genannt), stammte aus Bagdad, war jünger als Menahem (geb. um 920 st. um 990), wohnte in Fez und wurde ebenfalls von Chasda'i nach Cordova berufen ^). Dunasch scheint vermögend gewesen zu sein und trat darum freier und unabhängiger auf als der Grammatiker von Tortosa. Es war überhaupt eine feurige, rücksichtslose Persönlichkeit, die das Wort nicht auf die Goldwage legte und er war zum literarischen Streite wie geschaffen. Auch er besaß tiefe Kenntniß der hebräischen Sprache, lehrte bereits im dreißigsten Lebensjahre vor einem Jüngerkreise, war ein viel gediegenerer Dichter als Menahem, führte, wie schon erwähnt, in Spanien in den rabbanitischen Kreis zuerst das Versmaß für die neuhebräifche Poesie ein und verlieh ihr damit einen neuen Reiz. Auch er macht *) Vergl. das. p. 55, 57, 81, 98. ") Das. x. 99. Folgt daraus, daß Tunasch sich mit den politischen Borgängen in Cordova sehr vertraut zeigt und auch aus dem Schlüsse seiner Dedication an Chasdäi. Dunasch Ben-Labrat. 313 Ausstellungen an Saadia's exegetischen und grammatischen Leistungen, stellte sie in einer polemischen Schrift (Tosobubot)*) zusammen, nahm aber einen barschen und rücksichtslosen Ton gegen ihn an, obwohl er mit Saadia persönliche Bekanntschaft hatte, oder gar sein Jünger war^). Sobald ihm Menahem's Lexikon zu Gesichte kam, machte sich Dunasch darüber, um die Jrrthnmer darin aufzndecken und verfaßte auch gegen ihn eine kritisirende Schrift (Dosobubot st in witzelndem, spöttelndem Tone, mit vieler Gewandtheit zwar, aber in verletzender Art. Im Eingänge thut Ben-Labrat, als wenn er den Angegriffenen beschwichtigen wollte. „Ich weise Dick zurecht, mein Bruder, damit Du mich lieben sollst. Ist es ja unsere Pflicht, einander zurechtzuweisen." Auf diesen milden Eingang folgen aber gleich harte Ausfälle: „Hätte ich nicht eingesehen, daß Dein Werk den Jüngern und den sogenannten Kundigen Nachtheil bringt und verkehrte Anschauungen einprägt, so würde ich geschwiegen haben". Dunasch's Polemik gegen Menahem ist zum Theil zutreffend, zum Theil aber höchst ungerecht. Seine exegetischen Bemerkungen sind überhaupt richtiger, da er sich weniger ängstlich an den massoretischen Text anklammerte. Mehr als vier und zwanzig Verse erklärte Ben-Labrat abweichend von der massoretischen Lesart, und seine Erklärung giebt allerdings einen bessern Sinnes. Dunasch's Heftigkeit rührte vom Hochmuthe der Gelehrtenkaste her Er glaubte, daß derjenige, der nicht im Orient Weisheit erlernt, unwissend sei. Er verachtete die jüdischen Forscher von Spanien als Unmündige und Unberufene gründlich st. Darum hielt sich auch Dunasch nicht in den Grenzen einer wissenschaftlichen Fehde, sondern gab ihr eine größere Praktische Tragweite. Er widmete seine kriti- sirenden Ausstellungen gegen Menahem dem jüdischen Staatsmanne und streute ihm in den vorangeschickten Hnldigungsversen so viel Weihrauch, daß es nicht zu verkennen ist, seine Absicht wa§, den jüdischen Mäcen für sich zu gewinnen und Menahem in dessen Augen zu verkleinern. In dem ein und vierzig kleine Strophen enthaltenden Widmungsgedicht ermahnt der Dichter sein Herz, sich von den trügerischen Freuden st Diese Tssollrckot gegen Saadia sind eben nach einem Luzzatto'schen Manuscript von Or. Schröter (I864> edirt. st Folgt ans einer Notiz Note 21, II. st Die Tssollubot gegen Menahem sind zuerst veröffentlicht von Filipowski, London 1855. st Vergl. darüber dessen Dssellrckob 50 b; 59, 91, Jbn-Esra's 8spbab llstsr Nr. 107 — 117, 120, 122. st Vergl. Pinsker, Illbnts Noten S. 164. Geschichte der Juden. und Genüssen dieser Welt abzuwendcn und lieber ein Loblied in gemessenen Versen auf den „Fürsten" und das „Oberhaupt" der Gemeinde zu singen, „der die Schaaren der Barbaren aufgerieben." Er hebt dann hervor, wie der Fürst Chasdai zehn Festungen eingenommen, den Sohn Radmir's (Sancho Ramirez) sammt Edelleuten und Geistlichen wie Landstreicher deren Feinden überliefert und die bethörte Königin Toda trotz ihres männlichen Charakters ebenfalls nachgezogen habe. Vermöge seiner Klugheit zitterten Völker vor ihm und Könige sendeten ihm nach Spanien Geschenke. Sein Name sei gefeiert in Osten und Westen, das Haus Esan's und Arab (Christen und Mohammedaner) Preisen seine Huld. Seinem Volke wende er Wohlwollen zu, verjage seine Gegner und demüthige die ihm Uebelgesinnten. Den Armen erweise er sich als Vater; seine spendende Hand sei wie Thau für die Söhne der Muse, für die Söhne der Lehre (die Talmudbeflissenen) sei er Stütze und Leuchte und verwende sein Vermögen für Ankauf von Schriften. Darum habe er, der geringste der Lehrer, sich bewogen gefühlt, sein Verdienst zu preisen und sein Loblied an die Spitze seiner Schrift zu setzen. Dunasch's Schmeicheleien gegen den jüdischen Hofmann und seine grobe Polemik gegen Menahem verfehlten des Eindrucks nicht. Die Bewunderung, die Chasdal für Ben-Saruk hatte, verringerte sich, als er wahrnahm, daß Dunasch ein besserer Poet und mindestens ebenbürtiger Sprachkenner sei. Als nun gar einige Ohrenbläser, die sich in die Gunst des jüdischen Großen setzen wollten, Menahem bei ihm verleumdeten — der Gegenstand der Verleumdung ist nicht bekannt — verwandelte sich Chasdai's Gunst in Ungunst gegen seinen Schützling. Menahem scheint in Folge dessen Cordova verlassen und sich in das Haus seiner Väter (in Tortosa?) zurückgezogen zu Habens. Seine Feinde wußten ^Chasdai's Gemüth so sehr gegen ihn zu erbittern, daß er, uneingedenk der feierlichen Versprechungen, die er ihm in der Mitternachtsstunde nach dem Tode seiner Mutter gegeben, ihn ungehört verurtheilte. Er ließ den Befehl ergehen, Menahem zu züchtigen. An einem Sonnabend überfielen ihn jüdische Häscher, mißbandelten ihn, warfen ihn am darauf folgenden Passahfeste aus seinem Hause, das er von seinem Vater ererbt hatte und mit seinen Brüdern bewohnte, zerstörten es von Grund aus und eigneten sich die Materialien an. Der unglückliche Menahem Ben-Saruk wäre dadurch ganz verkommen, wenn sich nickt Chasdal's Bruder seiner erbarmt und ihm Lebensunterhalt gewährt hätte"). *) Folgt aus Menahem's Sendschreiben bei Luzzatto Lst Im-OrM x. 29 d. -> Das. und S. 32 a. In Zeile 6 von oben muß man statt des sinnlosen »von losen: i'nn 'viu voni 'bst (Bemerkung des Herrn P. M. Heilperin). Chasdai Jbn-Schaprut und Ben-Saruk. 315 Der Arme beeilte sich, seinem ehemaligen Gönner Anzeige von den erlittenen Mißhandlungen zu machen und ihn um Abhülfe zu bitten. Aber Chasdal, der ihn ohne Verhör verdammt hatte, blieb taub gegen dessen Klage und fügte noch Spott zum Unrecht hinzu. Er schrieb ihm eine lakonische Antwort: „Bist Du schuldig, so habe ich Dich durch Strafen zur Besserung geführt; bist Du unschuldig, so habe ich Dir durch unverdientes Leiden die ewige Seligkeit vergewissert" *). Chasdai's Verfahren gegen Menahem Ben-Saruk ist ein Schandfleck an seinem Charakter. Allein der Unglückliche nahm seine Mißhandlungen nicht so geduldig hin. Er richtete vielmehr eine scharf gespitzte Epistel an den Mächtigen, der sich in seiner hohen Stellung unangreifbar wähnte. Dieser Brief ist zugleich demüthig und selbständig gehalten und bewegt noch heute zu tiefem Mitleid für den Mißhandelten. Er ist zugleich ein Muster schöner hebräischer Prosa. Menahem sagte ihm darin bittere Wahrheiten, an die das Ohr des Hochgestellten nicht gewöhnt war. Aus Furcht, Chasda'i möchte sein Sendschreiben ungelesen bei Seite legen, beschwört er ihn im Eingänge, Einsicht davon zu nehmen. Nachdem er seinen Thränen Worte geliehen, bemerkt Ben-Saruk: „Mein Weinen ist nicht das Zeichen der Demüthigung vor Dir, sondern die natürliche Wirkung Deiner Rechtsverhöhnung an mir. — Du hast mich, wie ein Gott gerichtet. Du bist Zeuge und Richter in einer Person und beurtheilst Herzensgeheimnisse. Aber selbst, wenn ich ein arger Verbrecher wäre, hättest Du nicht Auftrag geben sollen, mich am Sabbat und Feiertag zu züchtigen und die heiligen Tage zu entweihen." Dann erinnerte Menahem, wie Jbn- Schaprut ihn früher zu sich eingeladen, ihn bewogen, seine Heimath zu verlassen und in Gluth und Sturm sich in dessen Nähe zu begeben; wie der Dichter ihn in gebundener und ungebundener Rede Lob gespendet und die Poesie zur beflügelten Botin seines Ruhmes gemacht; wie er ihm goldene Versprechungen gemacht »nd sie mit falscher Münze eingelöst. Er beruft sich auf Zeugen seiner Unschuld, die er hätte anhören müssen, ehe er seinen Feinden das Ohr geliehen. Aber als ob er selbst vor so viel Kühnheit zurückschreckte, entschuldigte Menahem zum Schlüsse seinen Unmuth und seine Verzweiflung und bat um Gnade. -) Das. 28 b. -) Menahem's Sendschreiben von Luzzatto zuerst veröffentlicht (a. a. O.) ist eine höchst interessante Urkunde. Der Text ist aber an manchen Orten eorrumpirt. So muß es (S. 33 u. Zeile 10 v. o.s heißen: ims 22:21 120 112212^ >i'i' statt des sinnlosen Wortes 02:2.1 ^2. 316 Geschichte der Juden. Menahem's Sendschreiben scheint nicht ohne Eindruck auf Chasdai geblieben zu sein. Obwohl er ihn lange auf Antwort schmachten ließ, schrieb er ihm doch endlich einen freundlichen Brief, der den Unglücklichen erquickte. Menahem ergoß sich daher in einem zweiten Sendschreiben in Danksagungen darüber, daß er sein gebeugtes Haupt aufgerichtet, und daß seine Augen wieder zu ihm aufblicken dürfen, wie die des Sklaven zu seinem Herrn *). Weiteres ist von Menahem b. Saruk nicht bekannt. Er scheint übrigens vor seinem Nebenbuhler Dunasch gestorben zu sein, und seine Jünger übernahmen seine Rechtfertigung. Von diesen Jüngern werden drei namhaft gemacht^): Jehuda b. Daud, Isaak Jbn-G'ikatila mit Dichterbegabung und ein Ben- Kafron (Ephraim?). Diese drei Menahemistcn nahmen sich ihres Meisters an und wehrten Dunasch's Angriffe von ihm ab. Auch sie widmeten die polemische Schrift dem jüdischen Minister und schickten ihr ein Loblied auf denselben und eine Satyre gegen Ben-Labrat voran. Chasdai scheint gerade von einem diplomatischen Siege, den er für den Chalifen Alhakem errungen hatte, heimgekehrt zn sein und daran knüpften die Menahemisten an und feierten seinen Triumph: „Dem Beschützer der Lehre, dem Fürsten in Juda bringt Gruß, ihr Berge. Alle Welt jubelt über seine Rückkehr; denn so oft er abwesend ist, tritt Düster ein, die Uebermüthigen herrschen, fallen auch über Juda's Söhne her. Chasdai aber bringt wieder Ruhe und Ordnung zurück. Der Herr hat ihn zum Fürsten eingesetzt und ihm die Gunst des Königs zugewendet, daß er ihn über alle Großen erhoben. Er besiegte mit Gottes Beistand die Christen; Alles huldigt ihm dafür und hofft auf ihn wie lechzendes Gefilde auf Thau und Regen." Seiner Wahrheitsliebe wollen die Retter von Menahem's Ehre die Streitsache empfehlen und ihn zum Schiedsrichter machen gegen Ben-Labrat, „der sich zum Meister der Erklärer aufgeworfen, der in's Wesenlose zielt, der die heilige Sprache durch fremde Maße entweiht und verderbt" ^). Die Erforschung und Ergründung der hebräischen Sprache wurde in Spanien mit leidenschaftlichem Kampf, mit heißem Blute, mit galliger Sendschreiben a. a. O. S. 33 u; vergl. die vorige Anmerkung. -) Die Satyre, in Stern's libsr rssxanstonuin, wo der Verfasser sich selbst im neunten Verse nennt: Jehud i b. Scheschet, und dieser ist kein anderer als der von Mose Jbn-Esra erwähnte. Die Satyre ist also von einem Dunaschiten gegen die Menahemisten gerichtet. Hingegen ist die Satyre beginnend i» nv! offenbar von einem Menahemisten gegen einen Jünger Ben-Labrat's gerichtet; sie scheint aber defekt zu sein. 2) Dieses Dedicationsschreiben stammt von Menahem's Jüngern und nicht von ihm selbst. Die Gemeinde von Cordova. 317 Satyre betrieben. Noch bei Dunasch' Leben setzten seine Jünger den Kampf fort, von denen nur ein einziger namhaft gemacht ist: Jehudi Ben-Scheschet. Die Menahemisten und Dunaschiten schleuderten witzige Spottlieder gegen einander, welche wesentlich dazu beitrugen, die hebräische Sprache zu schleifen, sie gefügig, biegsam und reich zu machen. Wie Chasdai Jbn-Schaprut unmittelbar und mittelbar, bewußt und unbewußt, durch Aufmunterung und Belohnung Dichter und Pfleger der hebräischen Sprache weckte und bildete, so gründete er auch dem Talmudstudium eine Heimath in Spanien Z. Die jüdische Wissenschaft war in Europa noch nicht flügge genug, um selbstständig den Aufschwung nehmen zu können; sie bedurfte eines Beschützers, der sie unter seinen Flügeln wärmte. Jener R'Mose b. Chanoch, welcher für die suranische Hochschule zu sammeln ausgezogen war und im Sklavengewande nach Cordova gebracht und dort ausgelöst wurde, hatte ebenfalls an Chasdai einen Gönner, und die beiden wissensfrcundlichen Chalifen sahen gerne ein selbstständiges Talmudstudium in ihrem Staate erblühen, um ihre jüdischen Unterthanen von dem Chalifat von Bagdad losznlöseu. R'Mose konnte zu keiner günstigeren Zeit in Spanien eintreffen, um dem Talmud eine sichere Stätte zu gründen, ohne welche die aufblühenden Geistesbestrebungen keinen Halt gehabt hätten. Wie die spanischen Araber sich Mühe gaben, das Chalifat von Bagdad zu verdunkeln und allen politischen und literarischen Glanz an sich zu ziehen, so lag es den spanischen Juden am Herzen, und namentlich denen der Hauptstadt, die babylonische Hochschule in den Schatten zu stellen und den Vorzug, den jene wegen der tieferen Talmudkunde genoß, auf das Lehrhaus zu übertragen, das R'Mose in Cordova eröffnete. Sie machten daher mit ihm förmlichen Staat, umgaben ihn mit Glanz und erkannten ihn als Autorität an. Religiöse Anfragen, die sonst an die babylonischen Schulen gerichtet wurden, ergingen von jetzt ab an R'Mose^). Ans ganz Spanien und Afrika strömten lernbegierige Jünglinge zu seinem Lehrhanse. Es entstand ein Wetteifer, sich Talmudkenntnisse anzueignen, um fortan die babylonischen Meister vollständig entbehren zu können. Chasdai ließ auf seine Kosten Talmudexemplare in Sura anfkaufcn^), wo sie durch das Eingehen der Hochschule in Massen unbenutzt lagen, um sie an die Jünger zu vertheilen, wie er auch wahrscheinlich für deren Lebensunterhalt sorgte. Cordova wurde durch R'Mose das anda- Z Ausführlicher als die jüdischen Chronographen setzt das Jbn-Abi-Osaibia auseinander, citirt von Munk, ^rollivss Israülitss 1848 p, 326. -) Abraham Jbn-Daud. °) Vergl. Note 21, Ende. 318 Geschichte der Juden. lusische Sura, und der Gründer des dortigen Lehrhauses hatte für Spanien dieselbe Bedeutung wie Rab für Babylonien. Obwohl er den bescheidenen Titel Richter (Dajaus oder Rabbiner führte, so übte er doch sämmtliche Funktionen eines Gaon aus. Er ordinirte Rabbinen für die Gemeinden, wie es scheint, durch Handauflegen, legte das Gesetz aus, war die letzte Instanz für gerichtliche Entscheidungen und durfte den Bann über ungefügige Gemeindeglieder verhängen. Alle diese Funktionen gingen selbstverständlich auf die europäischen Rabbinen über. So wurde Spanien nach Sielen Seiten hin der Mittelpunkt des Judenthums. Einige scheinbar zufällige Ereignisse haben den Grund dazu gelegt, und das erwachte Selbstgefühl der spanischen Juden ließ sich diesen Vorzug nicht mehr entwenden; sie gaben sich vielmehr Mühe, ihn zu behaupten und zu verdienen. Der Wohlstand der Cordovaner Gemeinde ermöglichte es ihr, die andalusische Hauptstadt zum Brennpunkte aller Bestrebungen zu machen. Cordova zählte mehrere Tausend wohlhabender Familien, die an Prachtliebe mit den Arabern wetteifern konnten. Sie kleideten sich in Seide, trugen kostbare Turbane und fuhren in Prachtwagen'). Sie ritten hoch zu Roß mit wallenden Federbüschen und eigneten sich ein ritterliches Wesen und eine Grandezza an, die sie vor den Juden anderer Länder vortheilhaft auszeichnete. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß Manche unter ihnen ihren Reichthum dem Sklavenhandel verdankten, indem sie Skla- vonier aufkauften und sie den Chalifen überließen, die aus denselben nach und nach ihre Leibwache bildeten ^). Nach R'Mose's Tod (um 9651 drohte eine Spaltung in der Cordovaner Gemeinde wegen der Nachfolge auszubrechen. Auf der einen Seite war sein Sohn R'Chanoch, der als Kind mit seinen Eltern die Gefangenschaft getheilt und gesehen, wie seine Mutter sich iu's Wasser stürzte, um der Schändung zu entgehen. Als Nebenbuhler stand ihm gegenüber Joseph b. Isaak Jbn-Abitur, der R'Mose's ausgezeichneter Jünger war, die arabische Literatur gut verstand, Dichterbegabung besaß und ein Eingeborener war. R'Chanoch hatte aber weiter nichts als Talmudkenntnisse und das Verdienst voraus, der Sohn dessen zu sein, der die höchste Verehrung genossen. An Frömmigkeit und sittlichem Adel gab Einer dem Anderen nichts nach. st Abraham Jbn-Daud. st Bergl. Gayango's lustorz? ot tlis raalromstair ä^nasbiss irr 8pnin I. 137, 380, Rainaud, invasions äss 8s.rrs.2ins sn l?rs.nss x. 233. Dozy, lnstoirs äss 11,rsbs8 sn Dsxs,Ans. Die Gemeinde von Cordova. 319 Es bildeten sich zwei Parteien, die eine war für den Einheimischen und den Vertreter der Bildung, die andere für R'Mose's Sohn. Indessen ehe der Streit eine ernste Wendung nahm, legte Chasdai das Gewicht seiner Stimme in die Wagschale für R'Chanoch, und er wurde Rabbiner von Cordova und Autorität für die jüdisch-spanischen Gemeinden. So lange der jüdische Minister Alhukem's lebte, blieb Chanoch's Rabbinat unangefochten *). Chasda'i Jbn-Schaprut starb noch beim Leben des edlen Chalifen (um 970) und hinterließ einen klangvollen Namen, den Juden und Mohammedaner um die Wette der Nachwelt überlieferten. Chasdai scheint keine namhaften Söhne hinterlassen zu Habens. >) Abraham Jbn-Daud. -) Ich kann die Ansicht PH. Luzzatto's nicht theilen, daß der Dichter Abu- Amr Joseph b. Chasdai und dessen Bruder Söhne des Chasdai Jbn-Schaprut waren (Uoties p>. 8V). Die alten Literarhistoriker Mose Jbn-Esra und andere würden in diesem Falle nicht verfehlt haben, darauf aufmerksam zu machen. Zwölftes Kapitel. Morgenröthe der jüdisch-spanischen Cultur und Verfall des Gaonats. Der Gaon Scherira und sein Sohn Hai; Scherira's historisches Sendschreiben; Manasse Jbn-Kazra; die jüdisch-spanischen Gemeinden; die Jünger Mena- hem's und Dunasch's; Jehuda Chajug; Hassan b. Mar-Hassan; der Streit zwischen R' Chanoch und Jbn-Abitur; Jakob Jbn-G'au und sein Geschick. Die Juden Frankreichs; Nathan der Babylonier in Narbonne; R' Leontin; die JudenDeutschlands; Otto II. und Kalonymos; R' Gerschom und seine Verordnungen; R' Simeon aus Mainz; der Proselyt Wecelinus; Kaiser Heinrich II. und die Judenverfolgung in Deutschland; der Chalife Hakem und die Judenverfolgung in Egypten und dem Orient; der jüdische Chagan David und die Russen; Untergang des jüdisch-chazarischen Staates; das Karäerthum; Joseph Alkarkassani und Levi Halevi. 970-1027. Wenn eine geschichtliche Schöpfung dem Untergange geweiht ist, so vermag auch der Kraftaufwand energischer Persönlichkeiten nicht, ihr das Leben zu erhalte», und gelänge es ihnen auch durch opferwillige Hingebung deren Todesstunde aufznschieben, so führt sie doch nur ein Scheinleben. Sv erging es dem einst lebensvollen und den Mittelpunkt bildenden babylonischen Gaonat. Nachdem ihm die gebildetsten Gemeinden Spaniens und Afrikas ihre Theilnahme entzogen hatten und sich auf eigene Füße stellten, konnte es ihm nimmermehr gelingen, fortznleben. Vergebens strengten sich zwei Männer an, welche durch Tugenden und Kenntnisse die pumbaditanische Hochschule nach einander zierten, ihm neuen Glanz zu verleihen. Sie vermochten nur soviel, den Tod des Gaonats etwas über ein halbes Jahrhundert aufzu- halten; es zu erhalten und lebensfähig zu machen vermochten sie nicht. Diese zwei Männer, Vater und Sohn, die letzten pumbaditanischen Schulhäupter von Bedeutung, waren R'Scherira und R'Hai (Haja), welche die Später» „die Väter und Lehrer Israels" nannten. — Scherira, Sohn des Gaon Chanina (geb. um 930 gest. 1000^), stammte st Abraham Jbn-Daud's Nachricht, daß Scherira 10b Jahre alt geworden, scheint auf einer Corruptel in seinem Original zu beruhen; denn dann wäre er, wenn geb. 898, zur Zeit seines Amtsantrittes 968, ein Siebziger gewesen; aber ein Jahr nach seinem Gaonatsantritt wurde ihm erst sein Sohn Hai geboren. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß er erst im 71 sten Jahre seinen Sohn gezeugt hat. Scherira. 321 von Vater- und Mutterseite aus angesehenen Familien, von denen mehrere Glieder mit der Gaonenwürde bekleidet waren. Er rühmte sich selbst, daß sein Stammbaum bis auf die vor-bostanai'sche Exilarchenlinie hinaufreichte, deren Glieder wegen Entartung der Exilsfürsten diese Würde verlassen hätten und in den Gelehrtenstand getreten wären. Das Siegel der Scheriraischen Familie war ein Löwe*), welcher das Wappen und Fahnenbild der judäischen Könige gewesen sein soll. Scherira war ein Gaon von altem Gepräge, dem der Talmud am höchsten stand und der wissenschaftlichen Ideen durchaus abhold war. Obwohl des Arabischen so weit kundig, daß er die gutachtlichen Entscheidungen in dieser Sprache an Gemeinden moslemitischer Länder abfassen konnte, bediente er sich doch lieber des Hebräischen nnd Ara- mäiscben und hatte wenig Sinn für die arabische Literatur. Seine schriftstellerische Thätigkeit beschränkte sich einzig auf den Talmud und was damit zusammenhing. Scherira verfaßte ein talmudisches Werk unter dem Titel „Geheimrolle" (NkAillat Setariw), das indessen untergegangen ist2). Die Wissenschaft der Bibelauslegung hat er schwerlich gepflegt. Aber sein sittlicher Ernst machte seinen Mangel an höherer Bildung vergessen. Als Richter lag es ihm am Herzen, die Wahrheit an's Licht zu ziehen und das Urtheil streng auf Rechtsbegriffe zu gründen. Als Schulhaupt war er unermüdlich, die Nahen und Fernen zu belehren, und seine gutachtlichen Entscheidungen gehen daher in's Massenhafte. Aber Scherira hielt sich in seinen gutachtlichen Aeußerungen mit strengster Gewissenhaftigkeit an den Talmud und tadelte einst einen Herrn, daß er seinem jungen Sklaven Unterricht in der Bibel ertheilen und ihn, als er herangewachsen war, eine gültige Ehe mit einer Sklavin unter Beobachtung der Ceremonie eingehen ließ, weil dieses nach dem Ausspruch einiger talmudischen Lehrer verpönt sei. Obwohl dieser Herr seinen Sklaven so rücksichtsvoll behandelt hatte, daß seine Absicht, ihn als Freien anzuerkennen, gar nicht zweifelhaft war, so verdammte Scherira doch Sklaven, deren Frauen und Kinder zu dauernder Dienstbarkeit^). Scherira war auch ein Adept jener Geheimlehre, die zu seiner Zeit noch wenig Pfleger hatte. Er sprach seine in Dunkel gehüllte Ansicht über diese Afterweisheit aus in einem Gutachten an einige Gelehrten von Fez, welche ihn um Lösung eines Widerspruches fragten. *) Abraham Jbn-Daud. 2) ^.busb Einleitung zu Nsuors-t bs.-Ng.or. °) Lssp. Lobssrs 2sclsb p. 26b., Uo. 28. Graetz, Geschichte der Juden. V. 21 322 Geschichte der Juden. Während die Mischnah jede theosophische Untersuchung verpönt und denjenigen verdammt, der auf,die Ehre seines Schöpfers keine Rücksicht nimmt, werden in der mystischen Composition (Schiur Komah o. S. 193), im Namen R' Jsmael's Gott menschliche Glieder in riesigen Verhältnissen beigelegt. Die Fezaner fragten daher bei Scherira an, ob er diese Gott verkörpernde Schrift für echt halte. Darauf erwiderte er, daß sie allerdings R' Jsmael zum Urheber haben müsse, weil sich kein Mensch so etwas ausdenken könne. Nur seien die der Gottheit zugeschriebenen menschlichen Organe nicht buchstäblich zu nehmen, sondern es lägen der Darstellung tiefe Geheimnisse zu Grunde, die man nicht Jedermann mittheilen dürfe, nicht einmal im Allgemeinen, geschweige denn in Ausführlichkeit. Nur denjenigen, an deren Gesichtszügen und Handlinien zu erkennen ist. daß sie würdig sind, Inhaber der Geheimlehre zu werden, dürfe man sie überliefern. Damit entschuldigt sich Scherira, daß er nicht auf die Frage näher cingehen könnte i). Berühmt hat sich Scherira durch sein Sendschreiben gemacht, welches die Hauptqnelle für die talmudische, nachtalmudische und gao- näische Geschichte geworden ist. Jakob b. Nissim (Jbn - Schahin ^), ein Jünger jenes nach Afrika verschlagenen Chuschiel (S. 228), der die talmudische Gelehrsamkeit in Kairuan Pflegte, hatte im Namen der kairnanischen Gemeinde eine Anfrage geschichtlichen Interesses an Scherira gerichtet: Auf welche Weise sind die in der Mischnah enthaltenen Gesetzesbestimmungen niedergeschrieben worden? Wie kommt es, wenn die Traditionen uralt sein sollen, daß nur jüngere Autoritäten aus der Zeit nach der Tempelzerstörung als Träger derselben namhaft gemacht werden? Welche Ordnung befolgte die Redaktion der Mischnah? Jakob fragte auch über die Reihenfolge der Saburäer und der Gaoneu und über die Funktionsdauer eines jeden derselben. Scherira hatte diese im Hintergründe versteckte Frage unbeantwortet gelassen, konnte sie auch gar nicht beantworten. Aber auf die offene Frage über die Reihenfolge der talmudischen, nachtalmudischen und gaonäischen Autoritäten gab er eine lichtvolle Antwort (987). In einem gemischten halb hebräischen, halb chaldäischen Style gab er r) Dieses Scherira'sche Nsspousura findet sich in Nssx. LoliaarsNsssbubali blo. 122. S. Sachs hat es neuerdings aus einer corruinpirten Handschrift abgedruckt (Dsslrifs. S. 41) und richtig nachgewiesen, daß es an die Gemeinde von Fez gerichtet war (das. S. 44 f.) 2) Abraham Jbn-Daud nennt die Familie des Jakob b, Nissim mit dem Namen Jbn-Schahin oder Schahun, vergl. Rapoport Biographie des R' Nissim Note 2 und 6. Die Pariser und die äs Rossi'sche Handschrift nennen sie Ben-Joschijah, im Eingangs zu Scherira's historischem Rsspousura. Scherira. 323 überraschende Aufschlüsse über dunkle Partieen der jüdischen Geschichte. Die von ihm ausgezeichnete Chronik der Saburäer und Gaonen ist der Wegweiser für diese Geschichtsepoche. Scherira bewährt sich in diesem geschichtlichen Gutachten als echter Chronikschreiber mit der ganzen Trockenheit, Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit eines solchen. Nur seine Urtheile über die Exilsfürsten von der bostanaischen Linie und über einige Zeitgenossen, namentlich über Aaron Jbn-Sargadu (S. 278) sind nicht ganz unparteiisch gehalten. Dem Gaon Scherira hat die jüdische Geschichte die Continnität des Fadens von Abschluß der talmndischen Epoche bis auf seine Zeit zu danken. Ein historisches Kunstwerk zu erzeugen war nicht seine Sache, wie überhaupt nicht Sache des mittelalterlichen Geistes. Im Morgen- und Abendlande, unter Arabern, Spaniern, den germanischen Stämmen und Byzantinern war die lebendige Geschichtsschreibung zu einem dürren Skelett von Namen und Jahreszahlen vertrocknet, und Scherira schrieb nicht schlechter, als seine Zeitgenossen. Trotz seiner unermüdlichen Thätigkeit als Schulhaupt konnte er den Verfall der pumbaditanischen Hochschule nicht aufhalten. Der Eifer für Talmudstudium und wissenschaftliches Streben war einmal in den babylonischen Ländern erkaltet. So arm war die Akademie an Männern, daß Scherira seinen begabten, frühreifen Sohn Ha! im Alter von sechszehn Jahren zur zweiten Würde als Oberrichter promo- viren mußte. Die Hochachtung vor dem Gaon war geschwunden. Einige böswillige Männer erhoben gegen Scherira eine Anklage unbekannten Inhalts, wahrscheinlich wegen strenger Handhabung des Regimentes, bei dem damaligen Chalifen Alkadir (um 997). In Folge dessen wurden Vater und Sohn gefänglich eingezogen und aller ihrer Güter beraubt, so daß ihnen nicht einmal die Mittel zur Fristung des Lebens geblieben waren. Auf Verwendung einer angesehenen Person wurden sie indessen in Freiheit gesetzt und durften wieder in ihrer Würde fungiren Z. Scherira legte sie aber bald darauf, wie es heißt, wegen hohen Alters, nieder, übertrug sie auf seinen Sohn Ha! (998) und starb einige Jahre später (um 1000)^). y Herr Prof. Luzzatto theilte mir brieflich eine sehr einleuchtende Emen- dation für den unverständlichen Satz bei Abr. Jbn-Daud in Betreff Scherira's mit. Statt nnn no'iL« müßte es heißen: .1^8 'i-2 ... v'2 nun. Die Phraseologie: '2 oder '-02 kommt öfter bei diesem Chronographen vor in der Bedeutung: „sich auf Jemanden stützen", „von Jemandem protegirt werden". Ich halte diese Diorthose und Erklärung für durchaus sinngemäß. 2) Vergl. Harkavy in Frankel-Graetz Monatsschrift 1883 S. 183. 21 « 924 Geschichte der Juden. Sein Sohn Hach obwohl erst ein Dreißiger, war so beliebt, daß man ihm zu Ehren als Schlußstück der Sabbatvorlesung die Stelle aus dem Pentateuch hinzufügte, wo Mose sich vom Herrn einen würdigen Nachfolger erbittet, und anstatt der üblichen Prophetenstelle las man die Erzählung von David, wie er seinen Sohn zum Nachfolger salben läßt. Zum Schluß setzte man die Worte hinzu: „Und Hai saß auf dem Throne seines Vaters Scherira, und seine Regierung war sehr befestigt" Z. Von den Juden Syriens, Palästinas und Egyptens schweigen die Chroniken der Zeit, sie waren für die geschichtliche Triebkraft vollständig abgestorben. Die um etwas gehobene, politische Stellung, welche ein syrischer Jude unter einem fatimidischen Chalifen einnahm, war nur von kurzer Dauer. Alaziz, der dem Namen nach auch über Palästina und Syrien herrschte, aber die Gewalt mehreren Abenteurern, welche sich der bedeutenden Städte und ganzer Distrikte bemächtigt halten, überlassen mußte, hatte in Syrien einen Inden Namens Manasse Jbn-Kazra und einen Christen Namens Jsa als Statthalter eingesetzt (990). Beide legten es darauf an, ihre Glaubensgenossen zu Aemtern zu befördern und die Mohammedaner zu verdrängen^). Es war dieses im Sinne des Chalifen; denn die Mohammedaner Syriens, dem sunnitischen Glaubensbekenntniß zngethan, waren der fatimidischen Dynastie, die ihren Ursprung auf Ali zurückführte und die Sunna (Tradition) verwarf, nicht hold. Indessen ließen sich die jüdischen und christlichen Beamten mancherlei Bedrückungen zu Schulden kommen und machten die mohammedanische Bevölkerung in einem hohen Grade unzufrieden. Aber Niemand wagte eine Klage gegen die Günstlinge des Chalifen laut werden zu lassen. Nur eine arme mohammedanische Frau hatte den Mnth dazu. Bei der Anwesenheit des Alaziz in Syrien schrieb sie auf ein Täfelchen: „Bei Gott, der die Macht der Christen durch Jsa und die Macht der Juden durch Manasse Jbn-Kazra erhöht und die Mohammedaner erniedrigt hat, beschwöre ich Dich, daß Du ihre Bedrückungen untersuchen mögest". Dieses Täfelchen warf sie Alaziz zu. Der Chalife, von der sonderbaren Art betroffen, setzte die beiden Beamten ab und warf sie in's Gefängniß. Von der Hinfälligkeit, Verknöcherung und dem Greisenalter der innern Verhältnisse der Juden im Morgenlande wendet sich der Blick froh zu der Frische und Jugendlichkeit der Gemeinden am Guadal- ') Abudirham sä. Vsn. x. 70 o. 2) DLr-HsdrÄSirs Ollron. s^rig.er>.lli x. 240. Die spanischen Juden. 325 quivir und Guadiana. Die mannigfaltigsten Kräfte tummelten sich diesseit und jenseit der Meerenge (^nckalus und UgAbrsd) in Jugendfeuer und erzeugten eine Blüthenpracht jüdischer Cultur. Es entstand in der jüdischen Gemeinde Andalusiens ein wahrer Wetteifer für die verschiedensten Zweige des Wissens, eine Freudigkeit des Lehrens und Lernens, ein Drang zu schaffen und darzustellen, welche Wunderbares zu Tage förderten. Die Saat, welche Chasdai's Mäcenat, das Talmudstudium des Babyloniers Mose und die poetischen und sprachwissenschaftlichen Erzeugnisse Ben-Saruk's und Ben-Labrat's ausgestreut hatten, ging herrlich auf und trüg die schönsten Früchte. Vielseitiges Wissen galt unter den spanischen Juden, wie unter den andalusischen Moslemin als die schönste Zierde des Mannes und brachte Ehre und Reichthum. Nach Abdul-Rahman's des Großen Vorgang wurden jüdische Persönlichkeiten wegen ihrer Einsicht und Geschäftskenntuiß mit Staatsämtern bekleidet und fungirten an mohammedanischen und christlichen Höfen Spaniens als Geschäftsträger und Minister. Diese Hochgestellten und Auserwählten nahmen sich Chasdal zum Muster, Gelehrsamkeit und Poesie zu fördern und zu unterstützen, und ließen sich ihre höhere Stellung und ihre Reichthümer durch Freigebigkeit und Hochherzigkeit verzeihen. Das Wissen selbst war weder einseitig, noch trocken, sondern erfüllte sich mit gesunden Säften und bestrebte sich frisch und genießbar zu bleiben. Die gebildeten Juden Andalusiens sprachen und schrieben die Landessprache ebenso rein und gewandt, wie ihre arabischen Mitbewohner, und diese waren selbst stolz darauf, wenn sie jüdische Dichter in ihren Reihen zählen konnten. Wenn die von den andalusischen Juden gepflegte Geistesthätigkeit auch in mehrere Zweige zerfiel: in tiefere Kenntniß der Bibel (Exegese und Grammatik), in Talmudstudium und in Philosophie und Poesie, so waren die Träger eines derselben nicht gegen die andern abgeschlossen. Die Talmudbeflissenen waren weder gegen Bibelkunde noch gegen, Poesie gleichgültig, und wenn sie nicht selbst Dichter waren, so fanden sie doch Geschmack an den rhythmischen Erzeugnissen der neuhebräischen Dichtung. Die Philosophen setzten ebenfalls einen Stolz darein, im Talmud heimisch zu sein, und öfter waren die Rabbinen zugleich Lehrer der Philosophie. Doch Wissen und Kunstsinn waren nicht blos eine Zierde der spanischen Juden, sondern hoben und veredelten ihr ganzes Leben. Sie waren von jenem Hochsinn und jener Idealität erfüllt, welche Gemeinheit und Niedrigkeit nicht an sie herankommen ließ. Die hervorragenden Männer, welche durch eine Politische Stellung oder andere Verdienste an der Spitze der spanischen Gesammtjudenheit oder ein- 326 Geschichte der Juden. zelner Gemeinden standen, waren meistens sittliche Charaktere, von den edelsten Gesinnungen und zartesten Gefühlen durchdrungen. Wenn sie die Ritterlichkeit mit den andalusischen Arabern theilten, so übertrafen sie dieselben an Ehrenhaftigkeit und Edelsinn, die sie immernoch bewahrten, als die Araber bereits entartet und verkümmert waren. Gleich ihren Nachbarn hatten sie ein stolzes Selbstbewußtsein der eignen Persönlichkeit, das sich in einer langen Namenreihe aussprach; aber dieses Selbstgefühl ruhte auf tief sittlichem Grunde. Sie hatten einen Ahnenstolz, und gewisse Familien, wie die Ibn-Esra, Alfachar, Al- nakwah, Jbn-Faljag, Jbu-Giat, Benveniste, Jbn-Migasch, Abulafia und Andere bildeten eine Adelsklasse. Aber sie suchten in dem Vorzug der Geburt keine Vorrechte, sondern sahen darin eine Verpflichtung, sich durch Kenntnisse und Edelsinn auszuzeichnen und ihrer Ahnen würdig zu sein. Den Bildungsgrad, welchen die Cultur- völker der Neuzeit erst anstreben: das Durchdrungensein von Wissen, Gesinnung und Charakterfestigkeit war unter den spanischen Juden in ihrer Blüthezeit heimisch. Ihr religiöses Leben war durch die höhere Bildung verklärt und idealisirt. Sie liebten ihre Religion mit der ganzen Gluth der Ueberzeugung und Begeisterung; jede Satzung des Judenthums, wie sie die Bibel vorschreibt und der Talmud einschärft, war ihnen im Durchschnitt heilig und unverbrüchlich; aber sie waren ebenso weit entfernt von dumpfer Stockgläubigkeit, wie von hirnloser Schwärmerei. Wiewohl sie ihr tiefer Forschungstrieb hart an die Grenze des Unglaubens führte, so überschritt kaum einer der jüdisch- spanischen Denker diese Scheidelinie, noch fand die ausschweifende Mystik Eingang in ihre Herzen, wenigstens nicht während der Blüthezeit. Kein Wunder, wenn die spanischen Juden von ihren Brüdern in den uncultivirten europäischen und außereuropäischen Ländern, in Frankreich, Deutschland und Italien als Wesen höherer Art angestaunt und verehrt wurden. Ihre höhere Stellung und ihr eigenes Verdienst machten sie zu Hauptträgern der jüdischen Geschichte. Die außerspanischen Gemeinden räumten ihnen gern denselben Vorrang ein, der früherden babylonischen Akademien zugestanden wurde. Cordova, Lucena, Granada nahmen bald die Stelle von Sura und Pumbadita ein. Der officielle Vertreter des Judenthums in Andalus war der schon genannte R' Chauoch (geb. um 940 st. 1014), der seines Vaters Stelle im Rabbinate einnahm. Ihm ebenbürtig an Talmndkennt- niß, aber überlegen an anderweitigem Wissen war sein Rival Joseph b. Isaak Jbn-Abitur (Jbn-Satanas oder Santas) aus einer der angesehenen andalusischen Familien. Jbn-Abitur war Vers- 327 Jbn-Abitur und Chajug. künstler Z, dichtete synagogale Stücke für den Versöhnungstag, die von seinen Landsleuten begierig ausgenommen wurden und die alten Liturgien verdrängten; aber seine Verse sind hart, ungelenk und entbehren vollständig poetischer Reize. Er hatte nichts von Dunasch's Poesie gelernt. Joseph Jbn-Abitur verstand auch die arabische Sprache so gründlich, daß er im Stande war die Mischnah in's Arabische zu übersetzen^). Der Chalife Alhakem hatte den Wunsch geäußert, eine Uebersetzung des Grundbuchs für die jüdische Tradition zu besitzen, und Jbn-Abitur erfüllte ihn zu dessen Zufriedenheit. Der gebildete und wissensfreundliche Chalife hatte dabei wohl nur den Zweck im Auge, seine bedeutende Büchersammlung, deren Verzeichniß allein vierundzwanzig Bände ausmachte, um die den Juden so theure Mischnah zu vermehren. Von dieser Uebersetzung hat sich indeß keine Spur erhalten, indem Alhakem's Nachfolger, ein fanatischer Muselmann, sämmtliche Werke, die nicht ein arabisches Interesse hatten, d. h. den größten Theil der Alhakem'schen Bibliothek vernichten ließ. — Neben R' Chanoch und Jbn-Abitur gab es damals noch einen bedeutenden Talmudkundigen in Beganna (1>LX6uo) unweit Almaria, Namens Samuel ha-Kohen Jbn-Josiah aus Fez. Vertreter der Sprachwissenschaft und der hebräischen Poesie waren in der nachchasdaischen Zeit die Jünger Menahem's und Dunasch's, die einander mit Epigrammen in Prosa und Versen befehdeten (o. S. 316), von denen Isaak Jbn-G'ikatila die Dichtkunst Pflegte, und Jehuda Jbn-Daud die hebräische Grammatik weiter förderte. Der letzte, welcher die lange arabische Namenreihe Abu-Zacharia Jachja Chajug führte, aus einer fezanischen Familie, hat zuerst der hebräischen Sprachforschung einen festen Grund gegeben und wird als der erste wissenschaftliche Grammatiker anerkannt. Chajug erkannte zuerst, daß die heilige Sprache in der Gestaltung, die sie in der Bibel zeigt, durchweg aus dreiconsonantigen Stämmen besteht, und daß manche Consonanten (die flüssigen, vokalhaften- und gleichlautenden) verschlungen oder verschmolzen werden und in Vokale übergehen. Er erklärte damit den Bau der schwachen Stämme und machte es möglich, die Sprachformen und ihre Wandlung zu erkennen und für die Poesie anzuwenden. Chajug brachte damit eine vollständige Reform in der Behandlung der hebräischen Sprache hervor und lich- Z Vergl. über seme Poesieen Sachs: religiöse Poesie der Juden in Spanien S. 248 ff. Lobes Ns-asss llsäe 0-s.oniin II. 18 ff. 87. Landshnt ^.muäs Lboäs. t>2 f. 2) Fälschlich nehmen Einige an, Jbn-Abitur habe den ganzen Talmud ins Arabische übersetzt. Die Hauptquelle, Abr. Jbn-Daud spricht nur von den sechs Ordnungen soll, der Mischnah. 328 Geschichte der Juden. tete das Chaos, in dem sich die Vorgänger und selbst Saadia, Me- nahem, Dunasch und noch mehr die Karäer nicht zurecht zu finden wußten. Seine grammatischen Grundsätze setzte er in drei Büchern auseinander: über die halbvokaligen Stämme (Huiosesntes, Raobiw), über die Stämme mit zwei gleichlautenden Endconsonanten (Cominata, Lstülim) und über Vocal- und Tonzeichen. Chajug schrieb, zunächst für seine Landsleute berechnet, seine grammatischen Abhandlungen in arabischer Sprache. Daher blieben sie den außerspanischen Juden unbekannt, und diese, so weit sie sich mit Sprachforschung beschäftigten, verharrten bei Menahem's und Dunasch' unvollkommenem Systeme. Von den Leistungen der Dichter dieser Zeit — drei mit Namen Isaak: Jb n-G'ikatila, Ben-Saul und Jbn-Chalfon — sind nur winzige Bruchstücke vorhanden und gestatten kein Urtheil über deren Werth oder Unwerth. Diese drei Dichter haben aber ihre Verse, religiöse wie weltliche, in Maaß gesetzt und dazu beigetragen, dem Versmaaß Eingang in die hebräische Poesie zu gestatten und das Vorurtheil zu beseitigen, das sich Anfangs dagegen geltend machte. Andere Wissensfächer außer Talmud und Sprachkenntniß wurden in diesem Zeitabschnitt wenig gepflegt; für die Philosophie waren die spanischen Juden von Geist noch zu unreif. Die Astronomie, in so weit sie zum jüdischen Festkalender nöthig schien, hatte ihren Vertreter an Hassan b. Mar-Hassan (Ali?) in Cordova, der zum Rabbinate gehörte, den Titel Dajan führte und ein Werk über kalendarische Astronomie schrieb (971 ^), das von den Späteren als unbefriedigend beurtheilt wird. Obwohl die Rabbinatswürde von Cordova lediglich ein Ehrenamt war und R'-Chanoch, der damit bekleidet war, wiewohl unbemittelt, dafür keinen Gehalt von der Gemeinde bezog, so entstanden dennoch nach Chasdal's Tode Streitigkeiten darüber^). Die Anhänger des Joseph Jbn-Abitur — wozu die Glieder der weitverzweigten Familie Jbn-Abitur und zwei bei Hofe beschäftigte Seidenfabrikanten, die Brüder Jbn-G'an, gehörten — gaben sich viele Mühe, ihren Schützling zum Oberhaupte der Gemeinde zu erheben. Der größte Theil der Cordovaner Gemeinde hielt dagegen an R' Chanoch-fest. U Vergl. Ewald und Dukes Beiträge Heft III. und Munk, Uoties sur ^.boulvsliä p. 64. f., neuerdings 1870 neu edirt von John W. Nutt. -) Vergleiche der Kürze wegen die Quellenangabe bei Dukes HaollsI Lsäu- irckiii x. 9, 10. b) Abraham b. Chija Lslsr lla-Ibbur II. 7 p. 54; III. 5. x. 95; Isaak Israeli llsssoä Olarn (sä. Berlin, 1848) D. II. x. 286; Obadia bei David Commentar zu Maimuni's Liäussll ba-Llloässoli VII. 1. Abraham Jbn-Daud: über das Chronologische vergl. Note 21, I. Jbn-Abitur und Jbn-G'au. 329 Der Streit darüber war so heftig, daß er auf friedlichem Wege nicht beigelegt werden konnte. Beide Parteien wendeten sich an den Chalifen. Angesehene Anhänger R' Chanoch's, siebenhundert an der Zahl, begaben sich in Prachtgewändern mit wallenden Federbüschen zu Wagen mehrere Tage hintereinander nach Az-Zahra, Alhakem's Residenz unweit Cor- dova, um die Gunst des Chalifen für ihren Rabbinen zu erwirken. Die Gegenpartei ersetzte ihre geringe Zahl durch größeren Eifer. Alhakem entschied sich gerechter Weise für den Wunsch der Mehrzahl der Gemeinde und bestätigte R' Chanoch im Rabbinate. Da aber Jbn-Abitur seine Ansprüche noch immer nicht aufgeben mochte, so wurde er von der siegenden Partei in den Bann gethan. Indessen ließ er seine Hoffnung nicht fahren. Er wendete sich persönlich an den Chalifen und hoffte ihn mit seiner Kenntniß der arabischen Literatur und dem Dienste, den er ihm durch seine Uebersetzung der Mischnah geleistet, günstig für sich zu stimmen und den Bescheid rückgängig machen zu können. Er hatte sich aber getäuscht. Der Chalife entgegnen ihm: „Wenn meine Araber mich so verschmähten, wie Dich die Cordovaner Gemeinde, so würde ich mein Reich verlassen. Ich kann Dir nur den Rath geben, auszuwandern." Der Wunsch des Chalifen schien Jbn-Abitur Befehl zu sein, und er verließ darauf Cordova (um 975). Spanien ganz verlassen mochte er nicht, weil ihm die Hoffnung schmeichelte, seine Freunde würden sich Mühe geben, eine günstige Wendung herbeizuführen. Er hielt sich daher einige Zeit in der damals bedeutenden Hafenstadt Beg'enna auf und wollte Mit dem Rabbinen dieses Ortes, Samuel ha-Kohen, eine Verbindung anknüpfen und ihn bewegen, den Bann aufznheben. Aber dieser mochte ihn gar nicht vorlassen, weil der Bann auf ihm lastete. Darauf schrieb ihm Jbn-Abitur einen heftigen Brief in aramäischer Sprache, worin er dessen Benehmen tadelte. Da Jbn-Abitur einsah, daß er in Spanien keine Annehmer finden konnte, begab er sich zu Schiffe nach Afrikas, durchwanderte einige Zeit Maghreb, das fatimidische Reich und Wohl auch Egypten, ohne, wie es scheint, irgendwo günstige Aufnahme zu finden. Indessen trat doch plötzlich eine günstige Wendung für Jbn- Abitur ein. Einer seiner Hauptanhänger gelangte zu einer hohen Stellung und wandte seinen Einfluß zu dessen Gunsten an. Dieser Mann war der Seidenfabrikant Jakob Jbn-G'an, dessen plötzliches abwechselndes Steigen und Fallen deutlich das Willkür-Regiment des spanischen Chalifats nach dem Tode des letzten gerechten und gebil- y Abraham Jbn-Daud. 330 Geschichte der Juden. deten Chalifen Alhakem (976) bekundet. Der Chalifeutitel ruhte zwar scheinbar auf seinem Sohne Hischam, einem schwächlichen Knaben, aber die Macht war in den Händen des Abuamriden Mohammed Almansur, des Schreckens der Christen in ihren nordspanischen Gebirgen und der Afrikaner in ihren Festungen. Unter diesem mohammedanischen Major-domus erlangte Jbn-Abitur's Anhänger Jakob Jbn-G'au Ansehen und eine gewisse Macht über die jüdisch-spanischen Gemeinden. Der Ursprung seiner Stellung war außerordentlicher Art. Jakob Jbn-G'au und sein Bruder Joseph lieferten für den Hof kostbare Seidenstoffe und Kriegsfahnen mit kunstvoll eingewebten arabischen Sinnsprüchen, Emblemen und Verzierungen. Ihre Seidenwebereien wurden bewundert und gesucht. Da sie wegen ihres Geschäfts Berührungen mit Almansur hatten, fanden sie einst im Hofe seines Palastes eine bedeutende Summe Geldes, welche einige Provinzialen bei erlittener Mißhandlung verloren hatten. Die Brüder Jbn-G'au nahmen sich vor, die gefundene Geldsumme nicht für sich zu verwenden, sondern sie in Geschenken für den jungen Chalifen und Almansur anzulegen, um sich dieselben für ihre Parteisache geneigt zu machen und die Zurückbcrufung des gebannten und verbannten Jbn-Abitur durchzusetzeu. Ihr Vorhaben gelang ihnen auch. Almansur ernannte (um 985) den älteren Bruder Jakob zum Fürsten und Oberrichter über sämmtliche jüdische Gemeinden im Reiche des andalusischen Chalifats diesseit und jenseit der Meerenge von Segelmessa in Afrika bis zum Duero, dem Grenzflüsse des mohammedanischen und christlichen Spaniens. Er allein sollte das Recht haben, in den Gemeinden Richter und Rabbinen einzusetzen, die Abgaben für den Staat und die Gemeindebedürfnisse zu bestimmen und vertheilen zu lassen. Auch äußerlichen Glanz verlieh ihm Almansur. Jakob Jbn-G'au hatte achtzehn Pagen zu seinem Ehrengeleite und fuhr in einem Staatswagen aus. Die Cordovaner Gemeinde, stolz auf die einem ihrer Mitglieder gewordene Auszeichnung, erkannte ihn als Oberhaupt der Gemeinde an, huldigte ihm und übertrug ihm das Recht, die Würde auf seine Nachkommen zu vererben ^), Die Dichter verkündeten sein Lob. Isaak Jbn-Saul pries ihn und seine Söhne in schwungreichen Versen^), wie früher Chasdai besungen worden war. Jbn-G'au verdiente auch den Weihrauch, der ihm gespendet wurde. Er war „Vater der Armen", die er täglich an seine Tafel zog. Man nannte ihn auch deswegen den „Spender der Das. -) Jbn-G'anach Nikmall sä. Lirellllsira p. 122. Jbn-G'au. 331 Gastfreundschaft" (Is'bab al^nou^j. Wahrscheinlich unterstützte er auch gleich Chasdal Dichter und Gelehrte. Sobald Jbn-G'au zum Oberhaupt über die Juden des anda- lusischcn Chalifats ernannt war, suchte er seinen Wunsch zu verwirklichen, um dessentwillen er sich um die Gunst des Hofes beworben hatte. Er ließ R' Chanoch anzeigen, daß er sich der rabbinischen Funktionen zu enthalten habe und drohte ihm, falls er noch ferner als Rabbiner und Richter fungiren würde, ihn ans ein Schiff ohne Steuer bringen zu lassen und ihn dem Meere auszusetzen, d. h. ihn dahin wieder zu bringen, woher er gekommen. Dann traf Jbn-G'au Anstalten, seinen Liebling Jbn-Abitur zurück^urufen und mit der Rabbinatswürde zu bekleiden. Aber vorher mußte der Bann von ihni genommen werden und dazu die ganze Gemeinde ihre Zustimmung geben. Aus Rücksicht für den bei Hofe angesehenen Jbn-G'au unterschrieben sämmtliche Gemeindemitglieder, selbst seine ehemaligen Gegner, ein schmeichelhaftes Schreiben an Jbn-Abitur, der damals wohl noch in Afrika weilte. Er wurde darin eingeladen, das Ehrenamt in Cordova einzunehmen. R' Chanoch wurde abgesetzt. Als die Cordovaner Gemeinde und besonders seine Freunde schon Vorbereitungen zum würdigen Empfange des Jbn-Abitur trafen, lief ein Schreiben von demselben ein, das sie sehr enttäuschte. Ju harten Ausdrücken warf er ihnen ihr rücksichtsloses Verfahren gegen seinen Gegner vor. Er rühmte in edelmüthiger Weise R' Chanoch über die Maßen, sagte, er habe auf seinen Wanderungen seines Gleichen an Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit nicht gefunden und rieth der Cordovaner Gemeinde, ihn wieder in seine Funktionen einzusetzeu^). Indessen konnte sich Jbn-G'au nicht in seiner Stellung behaupten. Almausur, sein Gönner, setzte ihn nicht blos ab, sondern warf ihn in den Kerker. Der Grund seiner Verdammung war Redlichkeit und Uneigennützigkeit. Der Regent (Ur,Ab) hatte geglaubt, daß der jüdische Fürst seine Macht über die Gemeinde des abendländischen Chalifats zu Gelderpressungen benutzen und ihm reiche Geschenke zuwenden werde; aber Jbn-G'au hatte die Gemeinde nicht belastet und konnte folglich Almansur's Geldgier nicht befriedigen. Dafür wurde er seiner Freiheit beraubt (um 986). Nachdem er ungefähr ein Jahr im Kerker zugebracht, befreite ihn der Chalife Hischam, der Jbn-G'au einst bei einem Gange zur Moschee erblickte, nach dem Grunde seiner Einkerkerung fragte, und als er ihn nichtig fand, seine Befreiung ver- 9 Ders. bei Munk Iloties sur ^.dorckrvaliä x. 79, Note und Abraham Jbn-Naud. -) Abrahm Jbn-Daud. 332 Geschichte der Juden. fügte. Jakob Jbu-G'au wurde von Hischam sogar wieder in seine Würde eingesetzt (um 987), wahrscheinlich während Almausur's Abwesenheit im Kriege — aber da dieser nicht für ihn war, so hatte seine Stellung keine Bedeutung. Mehrere Jahre fungirte Jbu-G'au in seiner oberrichterlichen Eigenschaft (bis um 900), während welcher Zeit R' Chanoch abgesetzt blieb. Als Jbn-G'au starb, beeilte sich einer von R' Chanoch's Verwandten, ihm die Nachricht zu überbringen und gedachte ihm damit eine große Freude zu bereiten. Aber dieser edle Rabbiner weinte bitterlich über den Tod seines Feindes und klagte: „Wer soll jetzt für die zahlreichen Armen Sorge tragen, welche der Verblichene so reichlich verpflegt hat?. Ich vermag ihn nicht zu ersetzen, denn ich bin arm." R' Chanoch wurde wieder in sein Amt eingesetzt. Jbn-Abitnr hatte indeß seine Wanderungen fortgesetzt und war nach Pumbadita gekommen, wo R' Hai als Gaon fungirte (um lOOO). Er dachte von den Vertretern der babylonischen Akademie freundlich ausgenommen zu werden, weil er voraussetzte, daß R' Hat gegen R' Chanoch feindlich gesinnt sei, indem die Gründung der Talmudschule in Cordova durch R' Mose und seinen Sohn das Lehrhaus um die Einkünfte von den reichen und freigebigen spanischen Gemeinden gebracht und ihre Verkümmerung veranlaßt hat. Allein Jbn- Abitur hatte sich in der Voraussetzung getäuscht. — R' Hat, erhaben über solche eigennützige Gesinnung, ließ ihm bedeuten, ihn nicht zu besuchen, da er wegen des auf ihm lastenden Bannes nicht mit ihm verkehren dürfe. Auch hier abgewiesen, begab sich Jbn-Abitur nach Damaskus, wo er sein Leben beendete'). R' Chanoch überlebte seinen Gegner um mehrere Jahre und erlebte den ersten Verfall Cordovas und die erste allgemeine Verfolgung seiner Glaubensbrüder in Deutschland, Afrika und dem Orient. Er starb durch einen Einsturz der Emporbühue (Almemar) der Synagoge, die er am Schlußtage des Laubhüttenfestes bestiegen hatte (September 1014^). Im Zustande der Juden in Frankreich und Deutschland in dieser Zeit zeigt sich so recht, wie sehr ihre geistige Erhebung von der äußeren Stellung bedingt ist. Während des schlaffen Regiments der letzten Karolinger und auch noch unter den ersten Capetingern in Frankreich, als die weltlichen und geistlichen Vasallen mächtiger waren als das Königthum, und unter den sächsischen Kaisern war die politische Lage der Juden gedrückt und ihre wissenschaftliche Thätigkeit gleich Null. Zu Aemtern waren sie durch kanonische Gesetze längst ') Das. -) Das. Juden in Deutschland und Frankreich. 333 nicht mehr zulässig, beanspruchten aber auch keine Ehre, sie wären zufrieden gewesen, wenn man ihnen nur Ruhe, Sicherheit der Existenz und Religionsfreiheit gelassen hätte; aber ihre Ruhe beunruhigte die Vertreter der Kirche und sie war ohne Vortheil für die gewaltthätigen Großen. In den französischen Territorien waren Barone und Geistliche im Besitze der Macht. Die Könige waren nach allen Seiten beschränkt und konnten die Juden nicht vor Willkür schützen, selbst wenn sie den besten Willen dazu gehabt hätten und nicht von der Geistlichkeit zum Judenhasse aufgestachelt worden wären. Hatten früher nur die fanatischen Geistlichen dogmatische Vorurtheile gegen die Juden, so hatte ihr Eifer allmälig auch den, Volke Ingrimm gegen sie eingeflößt, und dieses, roh und plump, verblendet und verdummt, ein Sklave des Aberglaubens, sah es in den Söhnen Israels eine gottverfluchte Kaste, die keines Erbarmens würdig ist. Man traute den Juden allerlei böse Zaubermittel zu, die sie zum Nachtheil der Christen ausübten. Als der König Hugo Capet,'der sich von einem jüdischen Arzte behandeln ließ, an einer schweren Krankheit starb <996), glaubte das Volk nichts anderes, als daß er von Juden getödtet worden sei, und die mönchischen Chronisten trugen diesen auf nichts begründeten Wahn als Faktum in ihre Annalen einZ. Die französischen Juden besaßen zwar Aecker und Weinberges, aber sie entbehrten Sicherheit der Existenz, welche nur eine einheitliche, geordnete und starke Staatsverfassung und die Herrschaft der Gesetze zu gewähren vermögen. Der Bischof von Limoges ließ einen ganzen Monat hindurch den Juden dieser Gemeinde das Christenthum predigen und ihnen Jesu Messianität aus dem alten Testament beweisen. Vergebens; die Juden blieben im Sinne der Geistlichkeit verstockt, und nur drei oder vier empfingen die Taufe. Die Uebrigen wurden mit Weibern und Kindern aus der Stadt verwiesen, und Einige von ihnen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben (1010^). Im französischen Süden, in der Provence und in Languedoc, wo die Königsmacht gar keine Bedeutung hatte, hing das Schicksal der Juden noch mehr von den Launen und den Gesinnungen der Grafen und Vicegrafen ab. In einem Orte besaßen sie Ländereien und Salinen und wurden sogar zum Amte des Landvogtes (Lailli) befördert, in einem anderen mußten sie sich gefallen lassen, als Hörige behandelt *) Riollsri llistoris, bei Pertz raoairrasabs. 6tsrras.iiias II. 657. h Doagasb rsoasil XII. p. 215. 2) Oadaasnsis ollrorckoov all aiinuin 1010 bei Pertz raonunr. Oörra. VI. 137. 334 Geschichte der Juden. zu werden r). Die Hanptgemeinde war in Narbonne. Hier bestand seit der Zeit Karls des Großen ein talmudisches Lehrhaus, das aber nicht viel geleistet zu haben scheint, indem es mehr agadische Mystik als tieferes Talmudstudium Pflegte und verbreitete. Da wurde plötzlich dorthin ein Talmudkundiger von der suranischen Hochschule verschlagen, vielleicht Nathan b. Isaak der Babylonier, und er flößte den Juden Südfrankreichs regen Eifer für den Talmud ein. Vermuthlich war es sein Jünger R' Leon oder Leontin (Jehuda b. Meir), der, ohne etwas Schriftliches hinterlasseu zu haben, als der erste Begründer jenes gründlichen Talmudstudiums, das fortan in Frankreich und Deutschland blühte, angesehen wird. Sein berühmt gewordener Jünger R' Gerschom gestand ein, er habe sein Wissen und seine Art zu lehren R' Leon zu verdanken 9- In Deutschland erfuhren die Juden in dieser Zeit unter den sächsischen Kaisern zwar keine Bedrückung, aber auch keine Begünstigung. Das Lehnsystem, das sich im deutschen Kaiserthum am folgerichtigsten ansgebildet hatte, hinderte sie Boden zu besitzen und wies sie auf den Handel an. Jude und Kaufmann galten in Deutschland als gleichbedeutend. Die Reichen machten Geldgeschäfte und die weniger Bemittelten machten Anleihen, nm die Kölner Messe zu besuchen und zahlten bei ihrer Rückkehr einen verhältnißmäßigen niedrigen Zins^). Die deutschen Kaiser übernahmen das von den ersten Karolingern eingeführte Regale einer bestimmten Abgabe von den Juden. Als Otto der Große die neuerbaute Kirche von Magdeburg mit Subsistenzmitteln versehen wollte, schenkte er ihr die Einnahme von den Juden und andern Kaufleuten (965^). Otto II. schenkte ebenfalls, wie der damalige Curialstyl lautete, „die Juden von Merseburg" dem Bischof dieser Stadt (9815). Dieser Kaiser hatte einen italienischen Juden mit Namen Kalonymos in seinem Gefolge, der ihm mit zärtlicher Liebe zugethan war und ihm in einer großen Noth mit Lebensgefahr beistand. Kalonymos hatte ihn in die Schlacht begleitet (982), welche Otto den Saracenen und Griechen bei Basantello lieferte. Als die Blüthe der deutschen Ritterschaft gefallen war und der Kaiser sein Roß eiugebüßt hatte, führte ihm Kalonymos das seinige zu, damit er sich fl Vsässtts bistoirs äs BanAnsäso II. 381, 387, 442 Brsnvss 101, 214, 337; III. Brsnvss 49, 121, 137. st Elieser b. Nathan Dbsn lla-Dssr 92s., 116s; Rssxonsa R' Meir Rothenburg lür. 104. 9 Rasolli Baräss 19 e: Rssxonss, Liobron äsbnäab sä. Berlin 1846. lür. 92, x. 51b. f. 9 Bsnbsr stapnlas Laxonisas bir. 1291. 9 Dithmar von Merseburg Chronik, bei Pertz rnonuinsnbs, Vi 758. Die Juden in Deutschland. 335 Nor den umherschwärmenden Feinden retten sollte; er selbst dachte an keine Rettung, sondern wartete voll ängstlicher Sorge ab, wie es seinem geliebten Herrn ergehen würde. Vermöge dieses Rosses konnte der Kaiser die Küste erreichen und sich auf einem Schiffe retten^). Aber die viel gepriesene Regierung der Ottonen gab den ihnen unterworfenen Juden keinen Sporn, sich ans der niedrigen Stellung zu erheben. Vieles hatten die christlichen Völker von den Arabern gelernt, nur nicht Ermnthignng der Wissenschaft unter Andersglanbenden. Die deutschen Juden waren daher, wenn auch im Allgemeinen sittlicher, nüchterner und betriebsamer als die christliche Bevölkerung, doch nicht gebildeter als diese. Sie hatten nicht einmal eigene Talmudlehrer von Bedeutung und erhielten sie erst vom Auslande. Ihre erste tal- mudische Autorität war R' Gerschom. Er und sein Bruder R' Machir haben talmudische Gelehrsamkeit von Südfrankreich nach dem Rhein verpflanzt und ihr eine Bedeutung gegeben, wie sie nicht einmal die gaonäischen Schulen kannten. R' Gerschom b. Jehnda (geb. um 960 st. 1028^) stammte aus Frankreichs), hatte den oben genannten R' Leon zum Lehrer und wanderte, man weiß nicht aus welcher Veranlassung, nach Mainz ans. Hier gründete er ein Lehrhaus, das bald zahlreiche Jünger aus Deutschland und Italiens anzog. Die Verehrung für R' Gerschom war so 9 Daselbst III. 12 bei Pertz a. a. O. 765. Die Quelle berichtet deutlich, daß Kalonymos ein Freund des Kaisers und auf dessen Rettung bedacht war. Imperator sKuAisirs — viäsusgus a lonZs nuvim, Lulunärium nomine, Oalonimi sgnollnäasi aclsam propsruvib, sscl es, prastsrisns susoipsrs buno rsousavit. Lio s-atsm (Imperator) littoris prussiäiu petsns, invsnit s,illmo.Inüusnm stantsm ssnioris^ns äilsoti svsntnm sollioits as- peotuntsm, Schlosser hat dieses Factum (B. VI. S. 11s) entstellt, als wenn Kalonymos erst durch Aussicht auf Gewinn den Kaiser ins Schiff ausgenommen hätte. 2) Nach Handschriften mitgetheilt von Goldberg in Leiem ollsmsä von S. Sachs Jahrg. VIII. S. 106. H Daß R' Gerschom aus Frankreich stammte, dafür sprechen die französischen Wörter, deren er sich in seinen Commentarieu bediente. Vergl. darüber die Bruchstücke aus dessen Commentar zum Traktate Lada Rubra, mitgetheilt von Luzzatto Orient. Litterbl. Jahrg. 1847 ool. 564 f. Auch sein Bruder Machir bedient sich des Französischen; vergl. Rapoport Biogr. des Nathan Romi Note 12. — Herr Neifmann hat unwiderlegbar nachgewiesen, daß der unter Raschi's Namen eingeführte Commentar zum Traktat Lloscl Lubon R' Gerschom angehört (Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1854 S. 230 f.) Auch dieser enthält französische Phrasen. Mit Recht nennt daher Zakuto R' Gerschom einen Franz osen in Deutschland: pino (sä Rilipowslri S. 212.) ^) Vergl Raschi Lssponsum mitgetheilt von Luzzatto O^ur Usollmuä Jahrg. VI. S. 175. 336 Geschichte der Juden. groß, daß mau ihn „die Leuchte der Zerstreuten" (Naor da-Kolsd) nannte, aber er gestand demüthig, er verdanke sein ganzes Wissen seinem Lehrer. Er legte seinen Jüngern den Talmud mit einer Klarheit und Faßlichkeit ans, wie schwerlich Jemand vor ihm. Und in derselben Methode schrieb er auch Commentarien zum Talmud, selbst über Traktate, welche ein blos theoretisches Interesse haben. R' Gerschom war der erste Commentator des weitschichtigen Talmud, und wer die Schwierigkeit einer solchen Arbeit kennt, weiß, wie viel Geisteskraft, Hingebung und Ausdauer dazu gehörte. Bald wurde er als rabbinische Autorität von den deutschen, französischen und italienischen Gemeinden anerkannt; gutachtliche Anfragen wurden an ihn gerichtet, und er rivalisirte unbewußt mit dein letzten Gaon R° Hai, obwohl er sich ihm mit der Demuth eines Schülers untergeordnet fühlte. Es war eine eigene Fügung, daß selbst die aufrichtigsten Verehrer des Gaonats an dessen Untergange arbeiteten. R' Gerschom's hebräisch geschriebene Talmudcommentarien machten die gaonäische Hochschule vollständig entbehrlich, drückten sie zu einer heiligen Reliquie herab und lösten auch die deutschen und nordfranzösischen Gemeinden von ihr los. Jeder Beflissene konnte sich jetzt selbstständig in den Talmud vertiefen und brauchte sich nicht Bescheide von Babylonien zu holen. Berühmt wurde R' Gerschom mehr noch durch die Verordnungen Z, die er erließ, als durch seine Talmudcommentarien. Jene wirkten versittlichend auf die deutsche und französische Judenheit 185, woraus hervorgeht, daß Bigamie in Spanien noch um 1100 vorkam. Simon b. Isaak; Wecelinus. 337 Reisende die Briefpost besorgten, war diese Verordnung von hoher Wichtigkeit für die mannigfaltigen Lebensinteressen. Die Uebertreter dieser Verordnungen sollten dem Banne verfallen. Obwohl diese und andere Bestimmungen ohne synodale Förmlichkeit getroffen wurden und der Urheber keineswegs mit einem officiellen Charakter bekleidet war, so wurden sie doch von den deutschen und französischen Gemeinden wie synhedriale Beschlüsse mit aller Gewissenhaftigkeit befolgt; so groß war R' Gerschom's Ansehen. Gleichzeitig mit dieser Autorität der deutsch-französischen Gemeinden lebte in Mainz eine Persönlichkeit, deren Verdienste bisher unbekannt blieben. R' Simones b. Isaak b. Abun von einer französischen Familie (aus Io Llans?) abstammend, war talmudisch gelehrt und verfaßte ein selbstständiges Werk in diesem Fache (ckoosoä). Er war ferner ein gewandter und fruchtbarer neuhebräischer Dichter (Poetan) und verfaßte eine große Menge liturgischer Stücke, die kalirischen Mustern nachgebildet sind und ihnen gleichkommen an Härte, Anmuthslosigkeit und an der Manier, auf die agadische Literatur versteckt und rätselhaft anzuspielen. Simon b. Isaak war auch vermögend und dadurch auch im Stande, einen Sturm zu beschwichtigen, der die deutschen Juden aufzureiben drohte. Das elfte Jahrhundert begann nämlich mit der ersten Juden- ^ Verfolgung in Deutschlands. Sie ging aber nicht vom Volke aus, sondern von einem Fürsten, dem letzten Kaiser aus dem sächsischen Hause der Ottonen, von Heinrich II. Von Geistlichen geleitet, war dieser Kaiser so sehr den kirchlichen Interessen ergeben, daß er in den Stand der Heiligen erhoben werden konnte. Was aber Heinrich II. besonders gegen Juden eingenommen hat, läßt sich nicht angeben. Möglich, daß die Bekehrung eines Geistlichen zum Judenthume, welche den deutschen Chronikschreibern wichtig genug war, sie als ein unglückliches Ereigniß in ihre Jahrbücher einzutragen, den Zorn des Kaisers gegen die Juden rege gemacht hat. Dieser Geistliche, mit Namen Wecelinus, war Kaplan des Herzogs Konrad, eines Verwandten des Kaisers. Nach seinem Uebertritt zum Judenthum (1005) verfaßte Wecelinus eine Schmähschrift gegen seinen ehemaligen Glauben und bediente sich darin Ausdrücke und Redewendungen, die von seinen! Hasse gegen das Christenthum und von der Ungeschliffenheit des Zeitgeschmackes Zeugniß ablegen. „Lies, o Dummkopf," so redet der abgefallene Kaplan die Christen an, „lies den Propheten Habakuk, in st Vergl. über ihn Note 22. st Dieselbe Note. Graetz, Geschichte der Juden. V. 22 338 Geschichte der Juden. welchem Gott spricht: Ich bin Gott und verändere mich nicht. Wenn er sich nun nach eurem Glauben verändert und ein Weib beschattet haben soll, wo wäre da die Wahrheit? Was antwortest du darauf, du Thier!" In solchem Style ist Wecelinus' Schmähschrift gehalten. Sie nennt auch die Heiligen, welche die Kirche verehrt, geradezu Dämonen. Kaiser Heinrich war aber über den Abfall des Kaplans und seine giftige Schrift so sehr erzürnt, daß er einem seiner Hofgeistlichen, Heinrich, den Auftrag gab, eine Gegenschrift abzufassen, die nicht weniger grob und geschmacklos ist*). ^ Einige Jahre später (1012) erließ Kaiser Heinrich einen Befehl, daß die Juden von Mainz die Stadt verlassen sollten^). Es sollte aber nicht eine einfache Verbannung, sondern eine Brandmarkung dafür sein, daß sie die Taufe nicht empfangen mochten, und erstreckte sich nicht blos auf Mainz, sondern traf sicherlich noch andere Gemeinden. Denn der Dichter Simon b. Isaak stimmte Klagelieder darüber an, wie über eine blutige Verfolgung, welche das Judenthum im Herzen seiner Bekenner vergessen machen wollte-. Die Verbannte, Wandernde, Verdüsterte Muß ihre Thränen verschlucken. Sie wird getreten, gestoßen, gepeinigt, In Kerker geworfen und sitzt verödet. Die Wahnverehrer sitzen im Glücke, In sichern Burgen höhnen sie Dein Lamm, Scheeren es und schwächen seine Kraft mit des Joches Last. „Höret auf," sprechen sie, „euch der Banden zu entschlagen; Ihr seid verworfen, und für den Untergang bestimmt." So dulden wir um Dich unsäglich Leid, Werden bestraft, geplagt und geschlagen. Sende bald Deine Hülfe, Auf daß sich Edom nicht rühme: ich habe gesiegt. Laß deines Schwertes Blitz sie zittern machen, Ob der Unthaten an deines Volkes Leichen. In einem andern Bußgebet veranschaulicht derselbe Dichter die Leiden seiner Zeit: Du bist von je her, mein heiliger Gott, Warum sollen wir in Bedrängniß und Harm vergehen. Den ganzen Tag werden wir um deines Namens willen erschlagen, Wir sind grausamen Herren preisgegeben, Unser Blut soll die Erde trinken. Bei ksriL inouuinsnta, II. '23. VI. 704, 720. °) Note 22. Verfolgung in Deutschland. 339 Und in einem andern: Genommen sind aus meinem Wohnsitz mir die Kleinen, Und sie schlagen, stoßen sie, werfen sie mit den Steinen. Zu alten Leiden fügen neue die Unreinen. Mehr als neun Hundert Jahr dauert's, was wir beweinen. Sie plündern schlau und mit Gewalt und verschonen Keinen st. Auch R' Gerschom, obwohl ganz ohne dichterische Begabung, hauchte den Schmerz über die harte Verfolgung Heinrichs II. in Büßliedern aus2): „Verächter Deines Gesetzes hast Du zu Herren über Dein armes Volk gemacht, sie huldigen thörichten Bildern und wollen uns zwingen, sie zu verehren." — „Sie drängen Dein Erbe, Dich mit einem geschaffenen Gott zu vertauschen." — „Sie verfügen, Dich nicht mehr Freund und Herr zu nennen und Dein Wort zu verwerfen. Spreche ich: Fern sei's von mir, meiner Väter Schutz zu verlassen, so fletschen sie ihre Zähne, strecken ihre Hand zum Raube aus, öffnen ihren Mund zum Hohne. Verjagt ist Deine Gemeinde aus ihrem Sitze und ihrer Heimath, erschöpft und verschmachtet erhebt sie ihr Auge zu Dir." Während dieser ersten Judenverfolgung in Deutschland gingen Manche, um ihr Leben oder ihre Habe zu retten, zum Christenthum über, darunter auch R' Gerschom's eigener Sohn, was sein Herz betrübt, aber nicht lieblos gemacht hat. Als der Sohn später als Christ starb, beobachtete der unglückliche Vater die Trauerceremonien um ihn, wie um einen Treugebliebeneu. — Wie lange die Verfolgung gedauert hat, läßt sich nur vermuthungsweise aufstellen, etwa bis zum Winter 1013. R' Simon b. Jsaak's Eifer gelang es, Wohl durch große Geldsummen, der Verfolgung Einhalt zu thun und die Erlaubniß für die Gemeinde zu erwirken, sich wieder in Mainz niederzulassen. Die dem Taufzwange unterliegenden Juden kehrten wieder in den Schooß des Judenthums zurück und R' Gerschom schützte sie vor Beschimpfung, indem er den Bann über diejenigen verhängte, welche ihnen den augenblicklichen Abfall zum Borwurfe machen sollten. Die dankbare Gemeinde widmete R' Simon eine ewige Erinnerung, seinen Namen allsabbatlich in der Synagoge zu nennen: „daß er sich um die Gemeinde viel Mühe gegeben und daß durch ihn die Verfolgungen aufgehört haben." Auch das Andenken eines Mar-Salomo und seiner Frau Rahel hat die Mainzer Gemeinde durch sabbatliche Erinnerungen erhalten, „daß sie einen Gottesacker in Mainz erworben und die Ber- st Nach Zunz Uebersetzung: synagogale Poesie 175. 'st lieber R' Gerschom's Lslivliob vergl. Landshut Zurücks 2i.boäa, S. 57. 22 * 340 Geschichte der Juden. folgungen abgewendet haben." R' Gerschom's Namen wurde ebenfalls von ihr verewigt, „daß er die Augen der Zerstreuten durch seine Verordnungen erleuchtet hat." Das von R' Gerschom gegründete Lehrhaus in Mainz blühte über acht Jahrzehnte und wurde eine Bildungsstätte für Talmudbeflissene und Rabbinen von Deutschland, Frankreich und Italien. Zur selben Zeit, mit dem Ablauf des vierten Jahrhunderts der Heg'ira, in welchem die Karäer die Ankunft der messianischen Erlösung erwarteten i), brach im Morgenlands und Egypten eine heftige Judenverfolgung aus, welche länger als die in Deutschland andauerte. Die deutschen Juden wurden gequält, weil sie nicht an Christus und die Heiligen, und die morgenländischen, weil sie nicht an Mohammed und den sündenfreien Imam, an den himmlischen Führer (Lkndäi) glauben mochten. Diese Verfolgung ging von dem wahnwitzigen egyptischen Chalifen Hakim aus, der, ein mohammedanischer Casus Caligula, von sich glaubte, er sei die fleischgewordene göttliche Macht und der wirkliche Statthalter Gottes. Hakim verfolgte alle diejenigen, welche au seiner Göttlichkeit ^u zweifeln sich unterfingen, Mohammedaner, Juden, Christen ohne Unterschied. Anfangs lautete Hakim's Befehl, daß die Juden seines Reiches, welche sich nicht zum schiitischen Islam bekennen, an ihrem Halse die Abbildung eines Kalbes tragen sollten, zur Erinnerung an das goldene Kalb ihrer Vorfahren in der Wüste. Außerdem sollten sie sich durch ihr äußeres Erscheinen von den Gläubigen unterscheiden, ganz nach den Omar'schen Beschränkungen. Die Ueber- treter sollten mit Verlust von Hab und Gut und mit Exil bestraft werden (1008). Gegen die Christen erging eine ähnliche Verordnung. Als Hakim hörte, daß die Juden seinen Befehl umgingen und goldene Kalbsbilder trugen, verfügte er, daß sie einen Holzblock von sechs Pfund Schwere am Halse und Glöckchen an ihren Gewändern tragen sollten, um sich von ferne schon als Ungläubige anzukündigeu (um 1010). Später ließ er Kirchen und Synagogen in seinem Reiche zerstören und verjagte Christen und Juden aus dem Lande ( 1014 ) ^). Das fatimidische Reich hatte aber damals eine bedeutende Ausdehnung. Es umfaßte Egypten, Nordafrika (Afrikija), Palästina und Syrien und da Hakim auch im Chalifate von Bagdad Anhänger hatte, so blieben den Inden nur wenige Zufluchtsstätten offen. Manche nahmen i) Jephet b. Ali bei Pinsker Uivkuts p. 82. ") bei äs Obrsstoraatkis ara-bs I. 97, und llistoirs äss Orusss. Lar-Usbrasus Obronioon 8^ris,ou.m 21L f. 7l.sssrLani bibliobllsss, Orisräslis äisssitsUo äs 8z?ris Usstoris.uis III. 2 paZ. 101. Ende des jüdischen Chazaren-Reiches. 341 daher zum Schein den Islam anZ, um bessere Zeiten abzuwarten. Die Verfolgung dauerte, bis die Mohammedaner selbst ihres wahnwitzigen Chalifen überdrüssig wurden und ihn erdrosselten (1020). Auch der winzige jüdische Staat der Chazaren, welcher so lange eine Zufluchtsstätte für jüdische Verfolgte bildete, ging in dieser Zeit völlig unter. Die Chazaren hatten sich auf der Halbinsel Taurien iKrim) niedergelassen und lebten dort unter ihrem jüdischen Fürsten David. Ihre früheren Besitzungen waren von den Russen eingenommen (o. S. 307j, vor denen damals schon die schwachen Völkerschaften im Kaukasus und am Schwarzen Meere zitterten. Diese bewarben sich um die Gunst der russischen Großfürsten, wie ehemals um den Schutz der chazarischen Chagane. Als daher der Großfürst Wladimir die Absicht zu erkennen gab, das plumpe Heidenthum der Russen mit einer andern Religion zu vertauschen, beeilten sich die Nachbarfürsten Abgeordnete an ihn zu senden, um ihn zur Annahme ihres Bekenntnisses zu bewegen. Es kamen griechische Presbyter vom byzantinischen Reiche, bulgarische Gesandte, welche dem Katholicismus zugethan waren, und mohammedanische Ulema's aus Bagdad. Auch der jüdisch-chaza- rische Chagan David wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Wladimir für die Annahme des Judenthums zu stimmen. Es erschienen auch jüdische Abgeordnete am Hofe zu Kiew. Die Vertreter der verschiedenen Bekenntnisse entfalteten ihre Beredsamkeit, um die Theilnahme der Russen zu erwecken (986). Gegen das Judenthum soll aber Wladimir von vornherein Vorurtheile gehabt haben, weil dessen Bekenner unter fremden Völkern weit und breit zerstreut lebten. Dagegen hatte er, laut der Erzählung der russischen Chronik, eine entschiedene Hinneigung zur griechischen Kirche. Als er daher seinen Bojaren seinen Plan vorlegte, das griechische Bekenntniß in Rußland einzuführen, erwiderten diese bedächtig: Es sei in der Ordnung, daß die Vertreter je einer Religion diese als die beste empfehlen; um sich aber von der Vortrefflichkeit irgend einer Religion zu überzeugen, sei es rathsam, Abgesandte nach den Nachbarstaaten reisen zu lassen, damit diese an Ort und Stelle durch den Augenschein die beste Religion kennen lernen. Dieser Rath gefiel. Die Uferstaaten des Schwarzen Meeres sahen das seltene Schauspiel, wie russische Barbaren aus Kiew auf Entdeckung einer ihnen zusagenden Religion ausgingen. Wahrscheinlich betrieben diese Abgeordneten nebenbei das Geschäft der Auskundschafter. Auch nach dem Gebiete des jüdischen Chagan David, -y Saadia Jbn-Danan in OlisraäalrOsiiassR p. t6. Die Notiz bezieht sich wahrscheinlich auf Hakim's Verfolgung. 342 Geschichte der Juden. dessen Residenz Sepharad genannt wurde, waren sie gekommen (987)*). Aber das griechische Bekenntniß trug den Sieg über das Judenthum, den Islam und den römischen Katholicismus davon, weil die Verbindung mit dem byzantinischen Reiche der noch nicht concentrirten russischen Macht die meisten Vortheile verhieß. Wladimir und die Russen schlossen sich der griechischen Kirche an, der Großfürst erhielt eine byzantinische Prinzessin zur Frau, und der byzantinische Geist wurde seit dieser Zeit in Rußland herrschend. Der jüdische Chagan David, der letzte, von dem die Geschichte Kunde hat, war so eifrig dem Judenthume zugethan, daß er einen Boten nach Persien, dem Sitze jüdischer Gelehrsamkeit (in demselben Jahre, als die russischen Abgeordneten an seinen Hof gekommen waren) sandte, um alte Bibelrollen aufzusuchen und zu erwerben. Dieser Bote Abraham b. Simcha reiste über Jsfahan nach Susa und fand dort eine seltene Thorarolle, welche die jüdische Gemeinde von Susa wegen ihres Alters so hochschätzte, daß sie dieselbe nicht veräußern mochte^). — Nicht lange sollte das Judenthum einen, wenn auch beschränkten, politischen Boden haben. Die letzte Stunde des jüdischen Chazarenstaates in Taurien hatte geschlagen. Einer von Wladislaw's Söhnen, Mjetislaw, dem der Vater das Gebiet von Tamuiarachan (Matarcha, Taman) zu Lehen gegeben, hatte ein lüsternes Auge auf die gegenüberliegende Halbinsel geworfen. Der byzantinische Kaiser Basilius II. ermunterte ihn zur Eroberung derselben und stellte ihm ein Hülfsheer. Die Russen, mit den Byzantinern vereint, besiegten hierauf die Chazaren. Der christliche Chagan Georgius Tsulu gerieth in Gefangenschaft, und das jüdische Chaganat erlitt sicherlich auch zur selben Zeit seinen Untergang (1016)2). Die jüdisch-chazarischen Prinzen entflohen nach Spanien, und ihre Nachkommen, die in Toledo wohnten, pflegten das Talmudstudium 4). Chazarische Juden behaupteten sich übrigens noch lange auf der Halbinsel Taurien, welche in den Besitz der Griechen kam, und bildeten eine eigene Gemeinde (Lstmi Olm^sr^) neben einer griechischen Gemeinde (Leimt OrkAus). Volksstämme jener Gegend übertrugen den Namen Chazaren auf die Juden überhaupt und nannten die letzteren durchweg Ghyssar^). Da die Karäer auf Taurien zahlreich vor- ') Note 23. 2 ) Das. 2) Osärsuus, llistorisruru oorupsuäiuru II. 464. Abraham Jbn-Daud vergl. Note 23. °) Pinner Prospectus der Manuscripte der Odessaer Gesellschaft S. 7, II, 14, 29. O'Rossou xsupls äu Oo.uos.ss gegen Ende. 343 Das Karäerthum. banden waren, so nahmen die chazarischen Juden nach und nach das Karäerthum an. — Am Ende des elften Jahrhunderts bestand bereits eine jüdische Gemeinde in der russischen Hauptstadt Kiew, wahrscheinlich aus der Krim eingewandert, und bewohnte eine eigene Straße. Die Juden wurden wahrscheinlich von dem Großfürsten Swiatopolk wegen ihrer Brauchbarkeit für Gewerbe und Handel, wozu die wilden, kriegerischen Russen keinen Sinn hatten, herangezogen und begünstigt^). Es läßt sich aber nicht ermitteln, ob die ersten jüdischen Gemeinden in Rußland zu den Rabbaniten oder Karäern gehörten. Je weiter sich die Karäer ausbreiteten, desto mehr kamen sie mit ihrem Grundprincip in Widerspruch und arge Rathlosigkeit. Zwei Punkte waren es namentlich, die ihnen große Verlegenheit bereiteten: der Festkalender und die Verwandtschaftsgrade. In Palästina, ihrem Ursitze, bestimmten sie die Neumonde, Schaltjahre und Feste nach der Beobachtung des Neumondes. Die auswärtigen Gemeinden hatten aber kein Mittel, die Festeszeit richtig zu treffen, die babylonischen morgenländischen und sicherlich noch mehr die weit ab im Norden wohnenden karäischen Gemeinden waren daher genöthigt, die Feiertage ihrer Gegner mitzufeiern und sogar den zweiten Feiertag zweifelshalber gut zu heißen. Einer ihrer Autoritäten in dieser Zeit, Schaiich Abu-Hischam Levi Halevi, der Sohn Jephet's (o. S. 283), gab den entfernten Gemeinden den Rath, zwei Feiertage hintereinander zu beobachten: „denn besser sind zwei als einer" Es entstand sogar deswegen eine Spaltung im Karäerthum, indem die Palästinensischen sich von den Morgenländischen trennten ^s. Vergebens verpflichteten sich die Brautleute am Hochzeitstage, die Vorschriften des Karäerthums zu beobachten und die Feste nach der von Palästina ausgehenden Weisung zu feiern^). Es war eine Unmöglichkeit geworden. Der zweite Punkt, die weitgehende Ausdehnung der Blutsverwandtschaft ^o. S. 204), erschwerte in kleineren karäischen Gemeinden das Schließen einer Ehe ungemein, indem die Gemeindemitglieder unversehens in ein verwandtschaftliches Verhältniß zu einander traten. Die von Joseph Roeh eingeführte Erleichterung jo. S. 256) fand keinen Anklang. Wie Jephet b. Ali und Abulsari Sahal, so hielten ihre Nachfolger an dem starren System der Uebertragung (Uiklrud) festes. ') Karamsin, Geschichte Rußlands in deutscher Uebersetzung II. l 18. Strahl, Geschichte der russischen Kirche I. S. 131. 2) Levi Halevi citit bei Pinsker Beilage S. 86 f. und Hadassi Usabkol Nr. 187. °) Levi Halevi das. 4) Hadassi Usoblrol ba-Lotsr dlo. 10. °) Vergl. darüber bei Pinsker S. 66 Note. 344 Geschichte der Juden. Die karäischeu Autoritäten am Ende des zehnten und im Anfang des elften Jahrhunderts waren: Joseph b. Jakob Alkarkassani*) und die zwei Söhne Jephet's, der schon genannte Levi Halevi und der andere mit Namen Sald. Diese hatten sich sämmtlich von der philosophischen Forschung abgewendet und erkannten ihr keine Berechtigung in religiösen Fragen zu. Said b. Jephet verwarf sogar die von den älteren karäischeu Lehrern festgehaltene Regel der vernunftgemäßen Auslegung der Schrift. Dem Verstände, meinte er, dürfe keine Stimme eingeräumt werden; denn er verbietet Manches, was das Gesetz gestattet, und gestattet, was das Gesetz verbietet ^). — Joseph Alkarkassani (um 970 — lOOO) aus Circesium am Euphrat, der auch in Egypten lebte und liturgischer Dichter war, verfaßte einen Commentar zum Pentateuch und ein Gesetzbuch: Wurzel der Religion (8. Lsrssolüt, UssuI-al-Oio). In Betreff der rituellen Bestimmungen war er von äußerster Strenge. Er hielt an dem System der weitausgedehnten Verwandtschaft fest und behauptete, der Genuß einer Speise, die durch eine religiöse Uebertretung erzeugt wurde, sei streng verpönt^). — Jephets Sohn, Levi Halevi, verfaßte (1007) ein Werk über die religiösen Pflichten des Judeuthums (8. Im Lliswot), und sein Bruder Said ergänzte es später^). Die zahlreichen Schriften über dieses Thema, welche seit Anan erschienen waren, genügten noch immer nicht, weil mit jeder Generation, ja mit jedem karäischen Weisen neue Schwankungen und Ungewißheiten im Karäerthum hinzukamen. Abu- Hischam Levi Halevi konnte mit seinem neuen Werke das Grundübel eben so wenig heilen, wie seine Vorgänger und Nachfolger. Er stellte nur die verschiedenen Meinungen neben einander und entschied sich bald für die eine und bald für die andere. Das Karäerthum vergegenwärtigt das Jammerbild vom Welken vor der Blüthe, das tal- mudische Judenthum dagegen glich einem alten Kernstamme, der an seiner Krone frisches Laub und duftende Blüthen treibt und in seinem Innern immer neue Jahresringe ansetzt. Es entwickelte sich aus ihm heraus ein neuer Knotenpunkt einer reichen, mannigfaltigen Epoche, die, wenn auch den von mancher Seite belächelten Namen: die rab- binische tragend, darum nicht weniger glanzvoll ist. Die Sonne der jüdischen Geschichte ging im Osten unter, um im Westen strahlender aufzugehen. ') Vergl. Usvus äss Ut. j. V. 209. °) Hadassi das. Nr. 168. Bei Pinsker S. 85, 192, 200. ») Das. 87 ff., 182. Molen. i. Aufstand der babylonischen Inden unter Cavad; der Exilarch Mar-Sutra II. Zum Schluß des 8säsr O 1 s,ru 8nttÄ findet sich eine Erzählung ausnahmsweise ausführlich von einem jugendlichen Exilarchen Mar-Sutra und einer kriegerischen Bewegung der Juden unter seiner Leitung. Diese Erzählung ist in chaldäischem Idiome gehalten und klingt ihrem ganzen Tone nach — bis auf einige unbedeutende Züge — durchaus historisch. Nur weil der Text gerade an einer wichtigen Stelle sehr corrnmpirt ist, ist die Erzählung mißverstanden und sind ihr unsinnige Deutungen untergeschoben worden. Durch die einfache Wiederherstellung der richtigen Lesart tritt daraus ein interessantes historisches Factum hervor, das sich mit einer durchgreifenden Bewegung im persischen Reiche in pragmatischen Zusammenhang bringen läßt. Der Verfasser des 8säsr Oiarrr 8. theilt zuerst mit, wie das Exilarchenhaus durch Sterblichkeit dem Untergangs nah gewesen, und wie ein junger Sproß desselben, Mar- Sutra, durch die Pflege des R-ssosi Nsbisibs, Mar-Chanina erhalten worden. Jnterims-Exilarch während Mar-Sutra's Minorennität sei ein Mar-Pachda gewesen, der durch Mar-Chanina's Vermittelung verdrängt wurde, indem der König die Würde dem fünfzehnjährigen Mar-Sutra übertragen habe. Dann fährt er fort: rwi per n2v nmoi rm2'r>2 w'-i prw' '2 12 rur (xiein 12 uow) v2'2i pirir pn 2 i'-.-w iprn niua K-12P i '7 Nirm nri 221»,-1 ''17 im'LU irr ini) 12 p-V pow .-«nn'-r nrn riiiini mois Lp nrip 12:71. Statt N22: ,20 haben einige Lesarten gar die Corrüptel: ^122 ^22 222 ,2-:. Es ist überflüssig zu wiederholen, wie der lateinische Uebersetzer des 8 säsr Oluvr, Genebrard und die Historiker Schikard, Basnage und Neuere die Stelle verkannt haben, da sie nicht ahnten, daß hier eine Corrüptel des Textes vorliegt. Die Historiker der Neuzeit trifft noch der Vorwurf, daß sie die Emendation, die Jakob Emden in seiner Ausgabe des 8 . O. (Hamburg 1757 ) vorgeschlagen hat, nicht benutzt haben. I. Emden emendirt nämlich ganz richtig: 12 nio ,222 -p-M inin. m ^2211. Diese Emendation wird durch die Ausgabe des kompletten Jochasin (sä. Isilixorvsüü) bestätigt. Zacuto hatte diese Lesart vor sich und er übersetzt die Stelle (S. 93 ): 112p i 7 1,1221 12211 22 1-' 11,21 cnwi. Wäre der Exilarch Mar-Sutra nicht selbst der Anführer gewesen, so wäre es auffallend, warum er denn später an der Brücke von Machuza snmint Mar-Chanina gehängt worden ist: 1222 7 p 112212 22271 11172 v'27 iwiri ,1:72,21 '1120 112,221 M1122. Es bleibt also kein Zweifel darüber, daß der junge Exilarch die Waffen gegen den Perserkönig ergriffen hat, daß er ein bewaffnetes Gefolge von 4 VU Mann um sich hatte, daß er ein selbstständiges (jüdisches) Gemeinwesen gründete (1112^2 i'im), und daß er Tribut auflegte (der nichtjüdischen Bevölkerung in dem jüdischen Gebiete): »,12 1221. Das Wort 11112 entspricht dem 346 Geschichte der Juden. arabischen -i>», das Tribut bedeutet, den Juden und Christen im Chalifate zu zahlen hatten. Die Dauer der Unabhängigkeit Mar-Sutra's wird wieder- holentlich auf sieben Jahre angesetzt. So lange dauert aber auch Mar-Sutra's Exilarchat. Denn mit 15 Jahren wurde er Exilarch: 22-1 22 sn-n 12 .im io, -.2- '2:2 8.22-02 2-21 xm 2-s 222 7,22p, und zweinndzwanzig Jahre wurde er alt. Man muß also lesen 222 2222, 2-22p s22v 22 .2-7,, , statt 2-12 2'22p. Die Zeit dieses Aufstandes läßt sich ziemlich genau ermitteln. Nach Mar- Sutra's Hinrichtung gebar seine Wittwe einen Sohn, und das Haus David's, d. h. die Wittwe mit ihrem Sohne, entflohen, x-asn 12 s2v u1.-2.221 212 2-22 1x2x1 .212x2 .2-22- ?p U221- 22 21-2x1 U22 .2-2 i'tz-rm —. Wohin sie geflohen sind, wird im nachfolgenden Passus gegeben- nach Palästina: 12 io 7,2211 221 uxis 2-22 .utz-pi tzu22- P2U? 2-2 x-tzo v-i U2211. Man muß das aber so verstehen, daß er noch als Kind während der Verfolgung, die nur drei Jahre dauerte ('em -itzrtz -uv.iu 22 2-2- utz P12 7122.21) , dahin kam mit seiner Mutter. Die Erhebung zum Archipherekiten*) geschah erst später, als Mar-Sutra II. hsran- gewachsen war. Die Zeit seiner Ankunft als Kind in Palästina wird aber genau bestimmt: im Jahre 452 seit der Tempelzerstörung und im Jahre 4280 innnäi d. h. 520 d. chr. Zeit. Denn Juden wie Syrer setzen die Tempelzerstörung zwei Jahre früher an, im christ. Jahr 68 und im Jahre der Welt 3828 . Also im Jahre 520 kam das Haus David's „nach Mar-Sutra's Tod" in Palästina an. Das Jahr 520 ist also der tsrnnnns sä Hnsrn. Der tsirninns s gno des siebenjährigen Exilarchats von Mar-Sutra muß anderweitig ermittelt werden. Mar-Sutra's Vater R' Huna starb nach der beglaubigten Quelle in Scherira's Sendschreiben im Jahre 819 sslsnsiäsrnin — 508 : u.nis um uii.2 '1 2-22 2>"rm 1-222. Mar-Sutra's Aufstand ist also zwischen 508 und 520 anzusetzen. Da gegen die Nachricht in 8 säsr Olsin Kults., daß der Schwiegersohn des Exilarchen, Pachda, sich während Mar- Sutra's Minorennnität das Exilarchat durch Bestechung angemaßt hat, nichts einzuwenden ist, so müssen wir ihm auch einige Funktionsjahre einräumen. Die Unabhängigkeit des jüdischen Babylonien würde demnach um 511—510 anzusetzen sein. Scherira, lediglich die Diadoche der Schulhäupter berücksichtigend, erzählt uns von dieser Bewegung, wenn nicht der unbedenkliche Passus 2-222 2:2 usp, 21.2 2122 21-2 822 — 511 darauf anspielt. Jedenfalls fällt die Bewegung innerhalb Cavad's Regierungszeit, und man wird dabei sofort an den wilden Frauencommunismus erinnert, welchen Mazdak gepredigt und den König Cavad begünstigt hat. Diese Begünstigung dauerte auch nach Cavad's Rückkehr von seiner Flucht fort, nach 502 . Das hat Osussin äs I>sissvs 1 aus vielen Momenten wahrscheinlich gewacht. II xs.rs.it snssi, gn'il (Oodsä) essss ä'sxiAsr irnxsrisnssinsnt ^ns 1 'on ss vontorinst snx ävAinss äs Nsr-äso; insis gnsnt s Ini-möinö, 11 äsrnsnrs sonstsnnnsnt sbbsotis ü. osbbs ssots innnorsls; 11 sontint Ms^äso oontrs Iss xrinoi- xsnx rnsAss, Iss ssiANSNis äs 1 s 1 ?siss, Iss insinlirss nasvass äs 1 s t'snnlls roz-sls; st xsnäsnt ionAtsvaxs Nse-äso st sss äissixlss, gns Iss ^.rsdss gnsliUsnt äs 2 snsäies, eontinnsrsnt ä. sonir snxrss äs Ini ä'un orsäit ssns dornss (Hsssi snr l'distoirs äss ^.rsdss 4 ?. II. x. 80 ). Ein Passus in der Erzählung des 8 säsr Olsrn scheint auf diese communistische Bewegung anzuspielen. Er motivirt die Niederlage der Schaar des Mar-Sutra >) sVergl. Brüll, Jahrbücher V. 95 (H)j. Note 2. dadurch, daß die Lüsternen in derselben gesündigt, Heidenwein getrunken und an den Höfen der Fürsten gebuhlt hatten, ( 127 , 21 ) 127,21 - 2.1 xu-i-i ins p 2 L- 11021 a -,2 ' 2 l 2 7,'22 zn 2 M N ^21 102 1 " "I7,!r> 11.11 P 212 L-N 1 1-112 117,-,. (Das Wort 127,21 oder -,27,21 ist ganz unverständlich, vielleicht ist dafür zu lesen -27,21, das im Syrisch, sononpisisrrtss, Lüsterne bedeutet). Der anarchische Zustand des persischen Reiches unter Cavad war dem Aufstande der Juden günstig. Herr äs iksrssvsl beschreibt diesen Zustand nach den Quellen folgendermaßen, On sonyoit gus Iss ssiUirnsnbs sb 1s eonäuits äs Oodsä ns Ini sttirsisub point 1s rsspsob äss xsnplss. I,ss ^.rsdss surtoub n'svsisLb xour lu.1 c^us äu ravpris, äspräs gu'ils ns 1s voz-sisnb plus ovsnpö ä'opvrstious ruilibsirss. Lisntob ULritU. rot äss tiidus äs 1'^.rsdis osnbrs-ls, oudlisut, 1s trslts sonoln svss Oodsä, sssss äs rstsnir Iss Uoräss äont 11 äbsit Is olist, st, Iss Islsss tsirs äs nonvsllss Inonrslons äs-ns 1'lrsL st 1s. Nösoxobsruis (a. a. O. 8l). Später übergab Cavad das Königreich von Hira diesem Kenditenfürsten Harith, das er dem Lachmiden- fürsten Mondhir III. entzogen hatte, weil dieser Opposition gegen den Zendi- kismus machte. Diese Thatsache setzt äs I?srosvs1 ins Jahr 518. äs von- ssetnrs gns Isxtsnslon äs 1s. xnisssnss äs Hsribli sb 1'svlobion äs Nonnäliir psuvsub vorrssponärs s Isn 5l8 snviron (das. 83). Möglich, daß Harith es war, der mit seinen arabischen Truppen gegen Mar-Sutrn gezogen und seine Schaar aufs Haupt geschlagen hat. Das Gebiet Hira, zu dem auch die Stadt Anbar oder Firuz-Schabur gehörte, umfaßte auch den von Juden bewohnten Landstrich Nahardea mit Pumbadita. Nergl. äs I?sr- ssvs.1 a. a. O. H. 9 Note 2 und Scherira Sendschreiben, 2122 -ub-i 1221 ns, 112NL- NISI N7i2'i2b NP11.12 7,12-201 N71-12 sä. OoläbsrA (in Olrotss Nsbmouiiu S. 31). Wie dem auch sei, jedenfalls ist es sicher, daß die Nachricht in 8säsr 01s.ru über den Aufstand der Juden unter Mar-Sutra historisch ist und daß derselbe in der nachamoräischen Zeit, d. h. nach Rabbina's Tod, nach 50l>, stattfand. Wir können noch in der Erzählung das Historische vom Sagenhaften unterscheiden. Sagenhaft sind die Züge von dem Aussterben des ganzen Exilarchenhauses bis auf Mar-Sutra im Mutterschoße, ferner von dem Traume Mar-Chanina's und dem Umhauen des Lustgartens (Bostan), die der Geschichte oder Sage des Exilarchen Bostanal entnommen sind, wo sie besser passen. Auch die Erklärung des Wappenzeichens des Exilarchenhauses, eine Fliege, „weil sie den Anmatzsr der Exilarchenwürde Pachda zu Tode gestochen hat", ist wahrscheinlich erdichtet. Sie scheinen sogar tendenziös erdichtet zu sein. Denn das Lsäsr Olsru 8utbs, das wahrscheinlich im Jahre 808 geschrieben wurde, wie Zunz richtig combinirt (G. Vorträge S. 138), will die Behauptung durchführen, der letzte Sproß des Exilarchenhauses, das vom König Jojachin stammt, sei in Mar-Sutra II. nach Palästina ausgewandert. Folglich stammten dis babylonischen Exilarchen nicht von Jojachin ab, die Nachkommen Bostanar's seien also Usurpatoren. Zu diesem Zwecke läßt der Verfasser das ganze Exilarchenhaus vor der Geburt Mar-Sutra's II. aussterben und übertrqgt die Sage von der wunderbaren Geburt Bostanar's auf Mar- Sutra II. 2 . Zeit und Krdeutnng dev Sabuväev ( n-,,20) und palästinensische Halacha - Sammlungen. Wenn man Dasjenige, was in den primitiven Quellen über die Saburäer referirt wird, zusammenstellt, so erhält man eine ganz andere Vorstellung von 348 Geschichte der Juden. denselben, als sie die Spätern gegeben haben. Abraham Jbn-Daud nimmt fünf saburäische Generationen an und dehnt ihre Epoche auf 187 Jahre aus bis zum Todesjahre R. Scheschna's, bis 4449— 689. (8sksrIrs-Ls.1zs1s.st) i"sp II'IIZL'I 1,111 12-21 '81122 ;22i yi2 8iii 2"2i 2wi8 'i 12W2 82ir"L- 'i 121. Sein Zeitgenosse R. Tam geht noch weiter; er nennt das 8säsr Olam 8ubta -81122 12211 oiip 112 und entnimmt daraus die Notiz, daß das Jahr 804 ein Erlaßjahr war: i'L-o-i ii82 'ii iwin '- inr- '81122 ;22ii i'np 112 ->122 8^2 rin 'ii 12'22- 1:2- ii'i m — oiip in-ni p2i8i (8slsr sts-ilsrumsst Abschn. Lstoclsst 8ara Lo. 135). R. Tam dachte sich also die Saburäer noch im Anfänge des neunten Jahrhunderts existirend. Es ist aber ein Jrrthum. Man darf sich die Saburäer nicht als eine Reihe von aufeinander folgenden Lehrern denken, die, gleich den Tanaiten und Amoräern vorher und den Gaonen nachher, nach einer bestimmten Richtung thätig waren, sondern als einen Kreis von Lehrern, welche das von den Amoräern unvollendet Gelassene zum Abschlüsse gebracht haben'). Die eigentlichen Saburäer gehören nur einer einzigen Generation an. Diese Thatsache geht ans dem 8säsr iUsns'irn (das wir Luzzatto's Veröffentlichung verdanken (in Lsrsva ostsrnsä. IV. S. 184 — 200) und aus Angaben des Scherira in seinem berühmten historischen Sendschreiben unzweideutig hervor. Das Erste, welches 884 oder 87 verfaßt wurde, bezeichnet wiederholentlich R. Giza und R. Simuna als das Ende der Saburäer. (S. 188): '81120 pii (8i'2ii -L-8 -i 'ii8) 2i'ii8i -81122 -PO NNW 8212-2 '11 8 1-2 '1 1p P181 1PP1121 2-22-1 11,122 2N12I2L-. (S. 189): '81122 Y1O 8212-2 211 81-2 21 21-1181 (Ende): 8122 -P2 8212-0 211 8I'2'1. Der um ein Jahrhundert später lebende Scherira, die gewichtige Autorität für die Geschichte der babylonischen Lehrhäuser, giebt dasselbe an: -2-8 'i 112- P21 11121 .1,18121 Ul 11p>'81 .181111 P211P '18201 -L11°> 82'8 ,111 81 181'11 22 bp ->8 '811 (82-211 211 2'11 '22 '818 '11 ->21' '11 '2111 '1 P22 IIL'IL 2-8P1 'ii '111 12 ivl 181120 ;221 P22 '2- p.1'112 P211 P2'8 81222 1P2P '122 1221 -22'2 p'1181 111 P821 P1281 2112 '821 8212'2 '11 82'p'1. Also auch hier die letzten Saburäer R. Simuna und R. 8-"-. (Bemerken wir gleich an der Schwelle, daß R. 82 -p eine Corruptel ist für 8iu 'i; das 8säsr 1s.ns.krn aus itlsestsor Vitrz- hat einmal 8ii.i '1, einmal 821 '1 und einmal 8i'2 '1, die Asulaische Copie dagegen hat beständig 8i'2 '1. Simson aus Chinon (in 8stsr Lsribob) hat die Lesart 812. Da 1 und 1 ähnlich klingen, so rechtfertigt sich die Lesart niu oder 8i>2 gegen die Corruptel 8vp). Diese beiden Lehrer nebst R. Rabat aus Rob setzt Scherira noch vor den Untergang des persischen Reiches, noch vor das Jahr 900 8ö1sneiäsrnrn, also vor 589. Noch mehr, er läßt sie um das Jahr 520 fun- giren. Scherira berichtet nämlich über die Epigonen der Amoräer und die Nachfolger des N' Joss oder Joseph, der im Jahre 787 8sn1. — 476 Schulhaupt wurde: 1121122 P82 - 21 - 21 i"i2-8i — 81211 121 82'in '1 2-22- ',"211 rinr -21 2112 '821 '1 P21 1121 8.1'12 2122 8212'2 211 81122 (812) 82'p '1 P21 1121 -22- 122 2-21S 11212 -P22 111Ü1 122> '22' 11.11 111 ;1821 P1281 (81'12 212) 82i'1 812'12 ;2 . Also R^ Joss von Pumbadita starb einige Jahre nach 826 8sl. 515 d. h. um 5202) und auf ihn folgte in Pumbadita N' Simuna gleichzeitig mit R' Giza in Sura. Waren nun R' Giza und R' Simuna die letzten Saburäer ') sVergl. Brüll, Jahrbücher II 17 (H.is 2) Ich weiß nicht, woher Samuel Nagid (bei Oontstrts Lors sts-Oorob Anfang) und nach ihm Abraham Jbn-Daud die Notiz haben, daß R' Josö 514 starb; Scherira, die Hanptguelle giebt doch an, er sei nach 5l5 gestorben. Note 2. 349 so kann sich die Saburäerepoche nicht bis 688 oder gar bis über 804 hinaus erstreckt haben. Auch aus einer anderweitigen Nachricht Scherira's folgt, daß in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts die Saburäer-Diadoche bereits vorüber war. In der Responsen-Sammlung (Loftaars 2 säslr S 56 Nr. lö) giebt Scherira an, daß die Anordnung, daß auch die Ehefrau auf Scheidung antragen dürfe, in der nachsaburäischen Zeit von R' Nabah und Mar-Hunat eingeführt worden sei und zwar ungefähr drei Jahrhunderte vor seiner Zeit: P22 P28 inV'i, ll'uo 218211 212812 8N22" 21122- ll'1222 1N2V2 '^2120 ;122 '22.11 2P2121 222128 ;2p an,2 'nun (na -21 l.) 22 22 non 'n nr> '2'2 ii'pn — ;.2'8p22 NNI'I 212- 21N2 2-82-2 01',n P1212-2 IM NNW, P2-121. Nun weiß man zwar nicht ganz genau, wie man diese drei Jahrhunderte zurückdatiren soll, da dieses Scheriraische Gutachten innerhalb der dreißigjährigen Funktionszeit Scherira's (968 — 998 ) geschrieben sein kann. Auch sind die Funktionsjahre R' Rabah's und Hunat's nicht nach Jahren *) bestimmt. Aber ungefähr ermitteln lassen sie sich. R' Rabah war R' Jsaak's Nachfolger. Dieser war wiederum ein Zeitgenosse des Chalifen Ali Abu-Taleb, dem er in Firuz-Schabur (Anbar) zur Huldigung entgegenging, wn 22-222- 2p 212^2- 112-22 2-22- 1121 p22- -2 221 22N2 22 1-22X1 NID' ll'ID 2202 'hp ls-2p1 1'ID NU 8-2P21 12X2P8 P22' '2 212 X2'1 28X12 -X112 22 22 U2122 ,2',2 1'2'21 2nhui> 22 228 1'2'2 -,1P22-. Ali regierte, vom Tode Othmans gerechnet, Juni 656 bis Januar 66l. In Anbar war er im Mai 657 (vergl. Weil, Chalifen II. 218 ). Da Isaak Ali's Zeitgenosse war, so fun- girten Mar-Rabah und Hunat etwas später. Der Vers, des Jttur oder seine Quelle setzt sie fälschlich um 962 8 s 1 . — 65 l (vergl. weiter). Nehmen wir das Jahr 670 an. Es folgt also daraus, daß diese zwei Personen bereits zu der nachsaburäischen Zeit gerechnet wurden: M2122 P22 -221. Halten wir an dem in 8säsr Nanatru entschieden ausgesprochenen Satze fest: R' Giza und R' Simuna waren die letzten Saburäer, so muh noch ein Punkt bei R. Scherira berichtigt werden. Scherira zählt nämlich R' Rabat aus Rob ebenfalls zu den Saburäern. Aber er setzt ihn einmal vor das Paar Giza-Simuna, und das andere Mal nach. Der Widerspruch rührt aber von dem Zweifel her, der über R' Rabäl's Stellung herrschte. Zweimal bemerkt Scherira bei der Nennung seines Namens: man sagt N' Rabat sei Gaon gewesen: 212 p.112 pi-ixi. Dieser Satz will etwa nicht bedeuten, er sei nach Einigen der erste Gaon gewesen; denn Scherira nennt auch R' Joss, der noch mit einem Fuße in der Amoräerzeit stand und ein Zeitgenosse Rabina's war, einen Gaon pn2-n22 zixi -or '2 2'222-ui. Der Titel Gaon ist hier also nicht ä 1 s, riZusur zu nehmen, sondern Scherira bezeichnet damit einfach ein Schulhaupt. Er spricht aus der Anschauungsweise seiner Zeit heraus, wo die Bezeichnungen pxi und n,22222 2--2 identisch waren. Auch Nathan der Babylonier (älter als Scherira) nennt die unmittelbar nachamoräischen Autoritäten Gaonen und will damit bloß Schulhäupter bezeichnen (bei Jochasin): ;ixl .182 ,212'2" 2 '2V 12XV1 '21' '2 2VD12-21 2128,22 2,221 1'2'22- '21' '2 18,21. Bon R' Rabat will Scherira demnach nichts weiter referiren, als: Einige meinen, er sei Schulhaupt gewesen. Aber er wußte nicht in welcher Metibta er als solches sungirt hat, ob in Sura oder Pumbadita. War R' Rabat Schulhaupt, so muh er nach R' Giza oder Simuna sungirt haben, da der letzte unmittelbar auf R. Joss gefolgt und der erstere sein Zeitgenosse war. .4 P 9 sVergl. Brüll, Jahrbücher 11 110 , 112 (H.,s 350 Geschichte der Juden. War er nicht Schulhaupt, so kann er ihnen vorangegangen sein. Daher Scherira's Schwanken in Bezug auf R' Rabat. Für uns genügt der Satz: R' Giza und R' Simuna waren die letzten Saburäer; R' Rabat, der ebenfalls zum Saburäerkreise gehört, kann also nicht später gelebt haben. R' Simuna, als Nachfolger R. Josö's fungirte demnach um 52 V — 550 , wenn wir seine Funktionsdauer noch so sehr ausdehnen. Woher Abraham Jbn-Daud die Notiz hat, daß R' Simuna nur bis 4300 narrnäi — 540 sungirt hat, weih ich nicht, vielleicht bloß annäherungsweise: '2- owia -i 1:2- ix a:i2'o 21 i'm. Sein zeitgenössischer College R' Giza ist vielleicht identisch mit dem von Lsäsr Olarn 8 utta. erwähnten, der in Folge der Katastrophe unter Mar-Sutra I ausgewandert ist und sich am Flusse Zab niedergelassen hat: piwui nn n,-: -i 12: nar 1.1:2 211 mi'i: 21 12 i'2i. Den Untergang Mar-Sutra's haben wir oben um 518 angesetzt. Dis Verfolgung dauerte drei Jahre, so kann demnach R' Giza um 520 das Rektorat von Sura übernommen haben. Die ganze Dauer der Saburäerepoche beträgt also nicht mehr als ein halbes Jahrhundert, d. h. ein volles Menschenalter. Der Anfang ist der Tod Rabina's ( 500 ) und der Endpunkt der Tod R' Giza's und R. Simuna's ( 550 ). Die Letzteren waren sicherlich noch Jünger Rabina's. Daher berichtet auch Scherira, daß die meisten Saburäer in kurzer Zeit starben. i2'22> 'N1120 1:211 »2111 . ll ' 2'1 '1212 2121121 '1202 2 ':vU 12-12 '211 1121112 2 ': 2-2 Bildeten die Saburäer lediglich einen zeitgenössischen Kreis von Epigonen der Amoräer, so ist die Richtung ihrer Thütigkeit hiermit gegeben; sie kann keine ganz neue, sondern nur eine ergänzende und abschließende gewesen sein. Die Saburäer haben den Talmud in der Gestalt, wie er uns vorliegt, endgültig abgeschlossen und niedergeschrieben. Das geht unzweideutig aus dem Berichte in 8 säsr 1 a.ns.kiri hervor, wie Luzzatto es mit Recht verstanden hat: 21I2 — 21x12 u'isi nii 12-211 nii M1122 P21 2.1'inm 11122 "1:1 12 12- 'piv i:pi (S. 189 ). Uebereinstimmend berichtet Scherira, die Saburäer haben alles Zweifelhafte im Talmud erklärt und ergänzt und manche Ergänzungen zum Talmud hinzugefügt: 112-12 2mpi H.i 1,11 12 82 (mi:22 1:21) und weiter: min '11 -21' 11 '211: '12 p:m ^12:2 1x2p '120 1221 pi'ii2i 1:211. Er tradirt auch nach alter Ueberlieferung, daß die Saburäer den talmudischen Eingang zum ersten Abschnitt von Liääuseliin hinzugefügt hätten: :'i'2 21 v:2 ->022 :ix I'^x: 12-N1 2"11 N1221 2-:i2-nii 12 p'2p:i 2: 1:2 11111 '11P2PI '11211 'N1 12 'N1122 1:21. Unter den „letzten Saburäern" versteht Scherira hier offenbar R' Giza und R' Simuna, im Gegensatz zu R' Josö und Consorten, welche noch ebenbürtige Zeitgenossen Rabina's waren, während die ersteren Epigonen waren. — Rapoport und Chajes haben sich Mühe gegeben, die saburäischen Zusätze im Talmud — aus 8 cÜitg. LlskudsWö und anderen Quellen — herauszufinden; vergl. Lsrsm Oirsmsä IV. 249 s. Indessen ist das Thema noch nicht erschöpfend genug behandelt. Sicherlich stammt die abschließende, die Praxis normirende Formel im Talmud N12I11 von den Saburäern. Auf keinen Fall dürfen wir die talmudischen Zusätze später als R' Giza und R' Simuna, d. h. über das Jahr 550 hinaus ansetzen. Jrrthümlich schreibt daher dis Quelle des Jttur und nach ihm Spätere die Zusätze zu Lichäusoliui den (wie sich herausgestellt hat) um 670 lebenden Schulhäuptern R' Rabatz und N' Hunai zu: 1:21 1VP112 ini i°?x2 i>x 11112 111212-121 121 S1'1221L2 pn: (121 l.) n:2i 12 ('21'2 l.) '21'21 11122- ;>:2l (^2"OP11 1:2-2 -N1122 ^) Vielleicht ist zu lesen 2"c>^ii — 982 8 s 1 . statt 2-Dpii. Dann würde es stimmen, daß Rabah und Hunai im Jahre 671 sungirt haben. 351 Note 2. uup) tt ',1 u.u I.N'M UM 2 1 OX 1 ktt .1 >7,'«' x"^ uuwv ziM MIN "I (Ibbur sä. Vs- usiäss x. 102 ä). Weder gehören Rabah und R' Hunai zu den Saburäern, wie aus der oben citirten Stelle bei Scherira hervorgeht, noch haben sie die Zusätze zu Liäänollliin eingeführt. Der Name Sabura'i kann nach dem Auseinandergesetzten gar nicht zweifelhaft sein, und es ist unbegreiflich, wie man aus abgeschmackte und unverständige Erklärungen kommen konnte. Sagt es doch Scherira deutlich: Nach dem Untergang der Amoräer mar zwar nicht mehr eine selbstständige Legislation, aber ein Erklären und Abmägen des Vorhandenen dauerte noch fort: vonpi zuocn 'vws srm rn.u ui> .usurui oz 7p -m mi: (snooi 'vu 'o ono) z>ou ouo: usui.np. Und von diesem Abwägen der Meinungen haben die Lehrer ihre Namen: nuowo poi .nuuwu u.n wpm. Aus den Controversen im Talmud haben die Epigonen der Amoräer nach genauem Abwägsn des pro und eontrs. (sioo) die Praxis (urbu) festgestellt. Die Formel dafür war uionos, „es ist als sicher anzunehmen". Vergl. Synhedrin 435, wo gerade der Saburäer R' Rabat aus Rob (nach Scherira's Lesart) einen Zweifel löst durch die Formel: suouos. Man kann die Saburäer nach dieser Seite hin äseisorss nennen, weil sie das im Talmud in der Schwebe Gelassene für die Praxis entschieden haben. Die Regeln, welche das 8säsr Ns.us.trn für die praktische Entscheidung aufstellt, (S. 195 f.) stammen sicherlich von den Saburäern, d. h. von den unmittelbaren Nachfolgern der Amoräer. Da sich gezeigt hat, daß die Saburäer nicht eine Reihenfolge von Lehrern bildeten, sondern einer einzigen Generation, der unmittelbar nachamo- räischen, angehören, welche sich nur bis in die Mitte des sechsten Jahrhunderts erstreckte, so bleibt eigentlich ein Intervall von einem Jahrhundert zwischen ihnen und den Gaonen. Denn das officielle Gaonat entstand erst (wie weiter Note 13 nachgewiesen werden wird) unter dem Ehalifen Ali 657. Die anonymen Nachfolger von R' Giza und R' Simuna und die namhaft gemachten vom Jahre 589 an (wovon weiter) stehen zwischen den Saburäern und Gaonen. Ihre Wirksamkeit war ohne höhere Bedeutung, daher hat die Sprache der Geschichte keine Bezeichnung für sie. Da sie Abraham Jbn-Daud, nach der Autorität Samuel Nagid's, ebenfalls Saburäer genannt hat, so habe ich diese Benennung beibehalten zu müssen geglaubt, sie aber als uneigentliche Saburäer bezeichnet und die Zeit zwischen den Amoräern und Gaonen die Epoche der Saburäer genannt. Sie drückt den Charakter vollständiger Unselbstständigkeit und Inferiorität aus. Sie hat keine bedeutende Persönlichkeit und kein irgendwie bedeutendes Werk erzeugt. Noch ein Punkt, der mit dem Obigen zum Theil zusammenhängt, soll hier erledigt werden. Das 8säsr Ns.ns.krn hat zweimal nach der Notiz: sooo -po Miv'v '-u uuz 'o den Zusatz: c>io zum 'u. Auch Simson von Chinon hat diese Notiz. Sonst kommt meines Wissens diese Bezeichnung nicht vor. Diese räthselhafte Notiz läßt sich einigermaßen erklären. R' Har erwähnt halachische Zusammenstellungen für die Praxis von Seiten palästinenscher Lehrer unter dem Titel: 7s-.v' p-m ^ (bei Rapoport Biographie des R' Nissim Nr. 16). Die Thätigkeit, die sich mit der Casuistik für die Praxis beschäftigt hat, kann also .ne'ps genannt worden sein. Wir würden demnach eine Reihe oder einen Kreis von Männern, die nach dieser Seite hin thätig waren, darunter zu verstehen haben, und R' Jonathan wäre der letzte derselben. Der Name Jonathan und die Bezeichnung .nwpll, beide weisen aus Palästina hin. In Palästina muß auch das Bedürsniß fühlbar gewesen sein, eine be- 352 Geschichte der Juden. stimmte Norm für die religiöse Praxis zu haben. Denn der Talmud Jeruschalmi, der uni 40 » gesammelt mar, bot wegen seiner Kürze und seines ganzen Charakters keinen hinlänglichen Stoff dafür dar. Denn während der babylonische Talmud neben der Mischnaherklärung neue Fälle und neue Gesichtspunkte behandelt, hat der Jeruschalmi größtentheils den Charakter eines Mischnah- commentars beibehalten. Aus einem Commentar lassen sich aber keine Decisionen für die tägliche Praxis ausziehen. Sollten wir von diesen -"n -12 Hw a-w'-v gar nichts besitzen? Ist keine Spur davon geblieben? Ich vermuthe, daß dis sogenannten kleinen Traktate (2,112p 21222.2) mit den palästinensischen 2-wp2 identisch sind. Daß diese Traktate jerusalemisch genannt wurden, d. h. palästinensischen Ursprungs sind, bezeugt Nachmani (in Orient Jahrgang 1851 S. 217 Note und Kirchheim: ssxtsm libri tslvariäioi xarvi Einleitung III). Diese kleinen Traktate, welche bald 21220:2, bald 212-22 genannt werden, nennt meines Wissens zuerst der Karner Nissi b. Noach oder Achat, der (wie weiter unten erwiesen werden wird, Note 17 ) im neunten Jahrhundert in Palästina geschrieben hat. Er schärft den Karäern ein, daß sie auch Einsicht nehmen müssen „von Mischnah, Talmud, Halachot, großen und kleinen Tosef- tot", d. h. Borajtot: 2112,21 21H121 21220-21 212H.22 212H21 .212-22 P22H1 (bei Pinsker I-ikuts Laäirroriiob mitgetheilt — hoi 2 Hw 2122121 -22 2-2 hu- 212012 (lalürit und Lostslst rastds, zu 5 , 8 ) 21111:21 ph-ui 2-r-r 212H.2 — 2-221,-1 2-21 212H.2 Dann erwähnt ihrer Simon Kahira (in Halachot Gedolot Ende, um das Jahr 900 ): — -222 2ww — 2-2122 2wr 22.1 — 2-tt-2i nuvw 2212 -wvin nwnn 2-2212 2-22:2 .->p22tti. 2-1.22 221.2 (Hw) 2-2122 2rw2i .212212 '222 2wwi — 21L-V nhtti 222-1 2221 2ir-w nhtti tt2h-22i tt22 2-wtt22 ^2 ihm -222 2>-22tt P2w -2221 tt222 -2220 ptt 2112p i 2111221 (?2-i.22 22122 2-2-122) 0212 ,121.22 22222 122121 2-2222 Vielleicht muß man lesen: 211-2P 21112-21 d. h. so viel als ,2112p 2-2-22: denn 21112-2 ist nur die hebräische Bezeichnung für 212-22. Endlich nennt sie Scherira in seinem Sendschreiben: nhtt 1121:2 "i2itth 1.-^2 21121p 1122 pnh p-2p2 -121 82N-221 212121 p2tt -22 212H.2 P.12 (sä. OolädsiA x. 27 , in Schulam's Edition lautet der Satz: 212121 p2tt 122 212H.2 1-12 — 2iü'up p.22 12P2). Scherira will keineswegs die kleinen Borajtot mit Osrsoli Lrs^ und den Agadas identificiren; denn sonst braucht er nicht hervorzuheben, daß man sie nicht als Norm für die Praxis nehmen dürfe: die Agadas haben ohnehin keine halachische Autorität. Es scheint in dem vielfach corrumpirten Texte ein Wort zu fehlen, etwa im Sinne von: '121 Pitt 122 21222 P12 P2itt tt2tt 1121:2 "I2itth 'tthi, d. h. die kleinen Traktate oder Borajtot haben nur so viel Autorität wie die Agadas. Es läßt sich demnach daraus folgern, daß dieselben einen halachischen Charakter hatten. Aus dem Citat aus Halachot Gedolot ergiebt sich, daß es viele oder unzählige kleine Traktate gegeben hat. Wenn die Spätern, darunter zuerst Nachmani, von sieben solchen sprechen, so war ihnen nicht mehr bekannt. Wir besitzen jetzt durch die Veröffentlichung der sieben bisher wenig bekannten von R. Kirchheim (Frankfurt a. M. 1851 ), zehn kleine Traktate. Sie haben fast durchweg eineu mischnaitischen oder Boraita - Charakter. Der Grund dieser Erscheinung ist, daß den Palästinensern nach Abschluß des jerus. Talmud die Selbstständigkeit und die Kraft abhanden gekommen war, Halachas zu erzeugen. Nun hatten die Palästinenser im Verhältniß weniges Talmudisches, d. h. amo- räische Halachas zu sammeln, basür aber mehr Boraitas. Solche sachlich geordnete Boraitas bilden die kleinen Traktate. 1 ) 22-2 2-0 222:2 lauter Boraitas. 2 ) r'-nw 71222 . Die ersten fünf Abschnitte sind dieselben wie Nr. I, nur daß bald in dem Einen, bald in dem Andern einige Theile fehlen. Von da ab bis zu Ende ist dieser Traktat selbstständig, enthält meistens alte Boraitas, aber auch Talmudisches, und zwar nur aus Jeruschalmi und gar nichts aus Babli. Daher ist es durchaus falsch, dessen Abfassung den Gaonim zu vindi- ciren.- Er ist in Palästina versaßt, enthält auch eigenthümliche Synagogenriten, die in Babylonien ganz unbekannt waren. 3) 121112 2222 lauter Boraitas. 4 ) pd'sn <1222, ebenso. 5 ) ri'2'2 .2222, ebenso. 6) 2'22V 12222, ebenso. 7) 2'N12 12222 enthält lauter alte Boraitas aus dem zweiten Jahrhundert und weiß noch nichts von dem gegen Ende des vierten Jahrhunderts gefaßten Beschluß, welcher die Samaritaner den Helden gleichstes. 8) 2'2i> 12222, Boraitas. 9) '1222 i-2» 12222, verschieden von dem im Talmud erwähnten 2222-2- '2, eine kleine Sammlung (^.ruolr srrb voas bo»). Ebenfalls Boraitas. 10) 222 2222. Dazu gehört auch ein Theil von pi» 722, wie aus einem handschriftlichen Jalkut hervorgeht (mitgetheilt von Luzzatto Lsrsrn drsirrsä. VII. S. 315 f.). Er enthält alte Boraitas, aber auch Sentenzen aus der amoräischen Zeit. Diese und andere unbekannt gebliebenen Traktate constituirten, wie ich vermuthe, den Inhalt der „palästinensischen Praxis" p2» '12 22- 2-L---2 ^»22-', nnd unter den Autoritäten, welche diese Sammlungen ordneten, wird R' Jonathan, als der letzte, namhaft gemacht. Da das Lsctsr TÄnsäru R' Jonathan nach den letzten Saburäern setzt, so würde diese Ordnung einen allerdings schwachen Haltepunkt bieten, daß derselbe nach 550 gewirkt hat. 'Als Endzeit kann -man wohl die Ausbreitung des Islam annehmen 650 . 3 . Die Urrfolgnng -er Inden unter den» persische» König Kormisdas VI. nnd ihre Ketheiligung an dem Aufstande des Usurpators Kahram Tschubin. Je mehr man Gelegenheit hat, Scherira's Berichte über die babylonischen oder persischen Juden mit Notizen aus extremen Quellen zu vergleichen, desto mehr treten seine Geschichtstreue und Akribie ans Licht. Er tradirt nämlich von einer Verfolgung der Juden am Ende des persischen Reiches, und zwar »ach R' Giza und Simuna (nach 550 ), wodurch die Lehrhäuser geschlossen, die Lehrtätigkeit gestört wurde, und viele Gelehrte Pumpadita's nach Firuz- Schabur (Anbar) auszuwandern gezwungen waren 1 212^2 7122 ,2222-1 2212- ne- 222 2.2»! '1L> 222 222 2P 2112»1 '2.212 22221 »,22'22 '21.2»1 'P22 P2P27 P2'2' 212 »2l 2''22L ».222222 2222 2'12».1 P2'»1 222»L- 22 2 22 ».21'22b »P22.21 N22'22>2 »2'22 2222 »it-'l P22 — p"22 212- P2 2-'O22 1222^2 7'O2 '2'2 P2'» 222 »,2'22 2-°>2 »li>'2. Aus den letzten Worten geht hervor, daß diese Verfolgung vor dem seleucidischen Jahr 900 ^. 589 stattfand. Diese Thatsache wird durch eine Notiz eines byzantinischen Schriftstellers bestätigt, welche die Bewegung der Juden unter Bahrain Tschubin beleuchtet. Es ist aus der persischen Geschichte bekannt, daß dieser Feldherr Gractz, Geschichte der Juden. V. 23 Z54 Geschichte der Juden. von königlichem Geblüts, um dem über ihn verhängten Tode von Seiten des Tyrannen Hormisdas oder Hormuzd IV. zuvorzukommen, sich gegen ihn empörte, Anfangs für den Thronfolger Chosru Firuz agirte, später aber selbst den Thron bestieg. Chosru Firuz floh nach Konstantinopel und flehte den Kaiser um Hilfe an. Nach anderthalbjährigem Aufenthalte am byzantinischen Hofe zog er mit einem griechischen Heere gegen Bahram Tschubin (oder Tschupin), und dieser mutzte fliehen (vergl. äs 8aoz^ rusrnoirs sur äivsrsss nuki^uitös äs tu I?srss x. 395 ff. und Richter, Geschichte der Arsaciden und Sassaniden-Dynastie 332 f.). Der byzantinische Historiker Theophylaktos Simokatta, ein jüngerer Zeitgenosse dieser Begebenheiten, erzählt: dis Juden Persiens, welche damals sehr reich waren, haben sich an Bahram Tschubin's Aufstand betheiligt, und ihre Hinneigung zu demselben war von bedeutendem Gewichte. Dafür hat der Feldherr des Chosru bei der Einnahme von Machuza viele Jude» dieser Stadt xn/-4oAöpi'/?vv rk x»t rn^crxrov. (Liluosatta V. 7 sä. Ikon f>. 218). Halten wir den Punkt fest, daß der Beitritt der Juden zu Bahram für ihn von großem Gewichte war, und daß die persischen Juden damals die Unruhen sehr liebten Denn die Schilderung, daß die Juden nichtswürdig und tyrannisch waren, können wir füglich auf Rechnung von Simokatta's Parteilichkeit setzen. Fixiren wir die Zeit von Bahram's Ausstand und der Betheiligung der Juden daran, so wird sich daraus ein merkwürdiges pragmatisches Momenr für die jüdische Geschichte ergeben. Die Chronologie der Interimsregierung Bahram's ist nämlich noch nicht kritisch festgestellt. Viele arabische Chronographen zählen nämlich Bahram als Usurpator gar nicht unter die persischen Könige. Gehen wir von sicheren Punkten aus. Chosru'S Sieg über Bahram fand statt im Sommer des Jahres 902 8s1. — 591. (Vergl. Simokatta a. a. O. V. 7 p. 211 Zeile 3 und die syrische Chronik bei ^.sssraaiü stibliotstssa orisnb. III. I>. I. x. 411.). Achzehn Monate weilte Chosru am byzantinischen Hose. Mirkstonä berichtet nach äs Ls-o^'s Uebersetzung: f?s.rvi^ (Mru?) sxouss, la prinsssss Naris, kills äs 1'sruxsrsur, st lorsgu'il sut passs äix-Uuit raois ü la sour äs ss xrinos, t'srapsreur oräouna. ü son tils äs partir a.aOovaxs.pfns ä'uns aroass (a. a. O. 398). Rechnen wir die Zeit, welche erforderlich war, daß Bahram von Chorasan, wo er mit seiner Armee stationirte, nach dem Tigris und auf die Hauptstadt Ktesiphon marschirte, ferner, daß der Prinz Chosru eine Armee gegen ihn sammelte, dann die Zeit, welche verfloß, ehe die beiden Armeen bei Naharawan ins Handgemenge kamen, und endlich die Zeit, welche Chosru brauchte, um mit großen Hindernissen zuerst nach Circesium und dann nach Konstantinopel zu gelangen, so können wir Bahram's Empörung ohne Bedenken im Sommer oder Herbst 589 ansetzen: nämlich 18 Monate Aufenthalt am byzantinischen Hofe und noch 6 Monate, im Ganzen zwei Jahre. Ungenau ist nun Mordtmann in Betreff dieser Data. In seiner Abhandlung über die Münzen mit Pehlwi-Legenden (Zeitschr. d. deutsch- moraenl. Gesellschaft, Jahrgang 1854 S. 116 f.) läßt er Hormisdas regieren 579 — 591 und dessen Sohn Chosru 591 —628, so daß gar kein Raum für Bahram bleibt. Im Widerspruch damit sind die Bahram-Münzen, die Mordtmann Note 4. 355 selbst entzifferte, mit dem Prägungsjahr Eins (ns, Achad). Ein Tarich setzt daher Bahram's Regierungszeit auf zwei Jahre und einige Tage (bei Richter das. 233), d. h. von Sommer 589 bis Sommer 591. Bahram's Empörung gegen Hormisdas fand demnach im Sommer oder Herbst 589 statt. In dasselbe Jahr setzt nun Scherira die Wiedereröffnung des pumbaditanischen Lchrhauses durch R' Chanan aus Jskija, im Jahre 900 8s1. — 589 n-p' 2 -n 12 PN '1 12 P"1N i-2- s2 '^'2 pim 112 — 1111 22M2 pim:. Die Verfolgung, von der Scherira früher berichtet, wodurch die Lehrthätigkeit unterbrochen war, hörte also mit dem Jahre 589 auf. Hängt nicht die Wiedereröffnung der Lehrhäuser mit Bahram's Aufstande und der Hinneigung der Juden für denselben pragmatisch zusammen? Die Combination dieser drei Facta drängt sich von selbst auf. Aber auch ein anderes Moment drängt sich der Betrachtung auf. Warum haben sich die Juden an Bahram's Aufstand betheiligt? Simokatta antwortet darauf, weil sie „aufruhrliebend" waren; diese Erklärung ist aber unwahr. Die babylonischen und persischen Juden haben schwerlich aus bloßer Lust an Aufstand und Empörung einen Usurpator unterstützt. Scherira giebt aber den rechten Schlüssel dazu. Sie haben für Bahrain Partei ergriffen, weil sein Vorgänger sie verfolgt, die Lehrfunktionen gestört und Viele zum Auswanvern gezwungen hatte. Hormisdas IV. war also der Verfolger. Ohnehin wissen wir von ihm, daß er sich von den fanatischen Magiern zu Religionsverfolgungen verleiten lieh (Dvsgrius VI. 16), daß er überhaupt tyrannisch verfuhr und viele Tausende hinrichten ließ (Llirlrlrouä bei äs 8soz- a. a. O. 388). Wir können also pragmatisch verbinden: die Verfolgung der Juden durch Hormisdas, das freundliche Verhältniß zwischen ihnen nnd Bahrain und das Wiedereröffnen der Lehrhäuser. — Diese Verfolgung dauerte aber nach Scherira nur einige Jahre pi 2 - '22 ip. Die Spätern, Abraham Jbn-Daud u. A. haben die Verfolgung jedoch auf ein halbes Jahrhundert ausgedehnt, von N' Simuna's Tod an gerechnet: — 20:22-2 121:1 xi: n-:2>o -1 '1-21,1 22-1 1:1.1 '2I2 1N-2- 222 2"22- 2'eiu -1 1i2- 1p N-:2'2. -1 112 IN.-! 1-2- 2 122 1^22 1I2'2>'1 '2 21-111'»1 ois. Aber diese auf Combination beruhende Angabe ist unrichtig. Unter Nuschirwan ist keine Judenverfolgung bekannt. Er hat ihnen bloß so wie den Christen Kopfgeld aufgelegt. Lliouäsiuir bei äs 8ss^ (a. a. O. 372): Hou- skiirvsu riuxoss sussi uns espltsbiou 8ur Iss suits st Iss okirötisns. Bleibt also nur für die Verfolgung Hormisdas' Regierungszeit 579—89 zehn Jahre. 4. Die vorbostanalschen Crilarchen. Während Scherira bezüglich der Diadoche der Schulhäupter sehr genau ist, ist er in Betreff der Exilarchen sehr wortkarg, und über die Vorgänger Bostanai's schweigt er ganz und gar. Der letzte von ihm genannte Resch-Galuta in der unmittelbar nachtalmudischen Zeit ist, wie in Note 1 bemerkt wurde, R' Huna st. 508. Ließe man sich von dem 8säsr 01s.ru Luits leiten, so wäre von dessen Nachkommen und überhaupt von diesem erlauchten Davidischen Hause Keiner in Babylonien geblieben. Denn R' Huna's Sohn, Mar-Sutra, starb durch Henkers Hand, und dessen Sohn Mar-Sutra II. wurde nach Palästina gebracht (Note 1). Wir haben aber annehmen zu müssen geglaubt, daß diese Angabe aus einer feindlichen Tendenz gegen die babylonischen Exilarchen hervorgegaugen 23« 35,6 Geschichte der Juden. ist. Denn Scherira, die glaubwürdigste Quelle für die jüdisch-babylonische Geschichte, läßt au einer Stelle gelegentlich die Aeußerungen fallen, daß noch in der nachtalmudischen Zeit, zur Zeit des Perserreiches, die Exilarchen in Ansehen in Babylonien standen. Er, der überhaupt nicht gut von den Resch-Galuta zu sprechen ist, berichtet von ihnen, daß sie zur Zeit der Perser tyrannisch herrschten P r.iir> S117.1 'w'ii> p.iö rr.11 ^S11. Sehen wir uns nach Namen um, so kommt vor Bostanai, der einen Wendepunkt für die Geschichte des Exilarchats bildet und Zeitgenosse des Chalifen Omar war (vergl. weiter), ein Name Kafnai vor. In der Schulam'schen Ausgabe des 3u.olis.siii wird, aus Nathan Babli's Mittheilungen, eine lückenhafte Reihenfolge der Exilarchen ausgeführt, und da heißt es: mw-. Der Kartier Jephet b. Said, der (1163) eine karelische Traditionskette zusammengestellt hat und Anan's Vorfahren aufwärts aufzählt, nennt ebenfalls vor Bostanai: Kafnai: 'smcw oi.i> iiori 211 112 rii> 112,2 s'Lvi mi -,2 211 nv. Diese aus einer unbekannten Quells geschöpfte Genealogie wird durch eine authentische Nachricht bestätigt. Zn dem bekannten Gutachten R' Hai's, worin die Geschichte Bostauai's und seiner Söhne erwähnt wird (Rssx. lAsouiiu Lokssrs 2s6.sk p>. 3s Ho. 17) heißt es: 'si'ii si .11 srnii L"i 'suirw. Hier ist offenbar ein Corruptel, es muß gelesen werden: mini p sm mi.irw. Wir haben demnach sichere Zeugnisse, daß vor Bostanai zwei Exilarchen fungirten: Chaninai und Kafnai. Da Bostanai bei der Eroberung der Araber (um 640) bereits mannbar und also um 600 geboren war, so fällt das Leben seiner Vorgänger ins sechste Jahrhundert. 5. Die Jude» Palästinas iu dev vorislamitischen Zeit. Während Schsrira über die Juden Babyloniens einige, wenn auch dürftige Nachrichten aus der Zeit zwischen dem Abschluß des Talmud und der Entstehung des GaouatS überliefert hat, verlautet über Judäa in dieser Zeit auch nicht ein Wort. Nur aus externen Quellen wissen wir, daß Juden zu Vieser Zeit in Palästina wohnten. Diese zerstreuten Nachrichten sollen hier zusammengetragsn werden. — Daß Juden in Liberias, dem Hauptorte der talmudischen Zeit, zahlreich wohnten, erfahren wir aus den christlichen Chronographen Eutychius oder Jbn-Batrik (10 8sssn1iim; 2kmis1ss s6. ikrososks V. II. p. 212, 220, 240). Theophanes nennt einen einflußreichen Juden Benjamin von Liberias aus dem Anfang des siebenten Jahrhundert (vergl. weiter). Liberias war noch im sechsten Jahrhunderts religiöser Mittelpunkt. Das folgt aus dem Sendschreiben des Bischofs Simeon von Bet-Arscham an Simeon, Abt von Gabula (in iksssmsni kiMobli. orisntslis I. 37g). Als der jüdisch - himjaritische König Dhu-Nowas die Christen von Nagaran bekämpfte, forderte der genannte Bischof die Christen in Palästina auf, daß die Führer des Judenthums in Liberias gefoltert und gezwungen werden sollten, dem jüdischen Könige zu bedeuten, die Christenverfolgung in Himjara einzustellen. Der syrische Text lautet: s:i mi p.iirni p-ös.iu vi'i 2 U 2 i s'ii'i »112 'w'i -m 11 " 2211:1 S'1'2.1 N'2 P2 S'21111 s:ns 12221 'I1.1S1 s- 11 . 1 ' S2i!2. Der Einfluß der tiberiensischen Gemeinde niuß sich also so weit erstreckt haben, daß der Bischof voraussetzen konnte, der himjaritische König würde einer Mahnung von dort aus Folge leisten. Ein Jahrhundert spater hatte Liberias noch dieselbe Bedeutung; denn der Mönch vom Berge Sinai, der zum Judenthume übergehen wollte, begab sich 814 über Noara nach Liberias, um dort sein jüdisches Bekenntnis! abzulegen: ch'uib in rnonts Lina inoiraolins sb in sslluls. rnnltos vixit annos. Vläft tnrdarn axosbolornrn st nrart^rnin. äsnsissiinis tsnsdris-a. pnrts opposita Äosvna, proq>Irsts.s st ornnsin popnlurn,jnäs.snrn sxlsnäiäa Inas oonspivnos. — In t?a1nsstinain xsrvsnit rsots-gus oontsnäit in Xoa-rs. st I^ibvacisrn (i. llidsr^acisrn), ärräs-sornln, nsssxit nxorsrn, prc>- pugnator ts-stns snäs-toas snpsrstitionis, änäasi snin sssnnänrn vooant Xbrakarn (^.ntioslrii Iroinilia 84 in rnnxiina didliotlrsoa xatrnnr sä. I^nZä. 1. XII. x. 265). Von den Juden in Cäsarea und Neapolis (Sichem) sprechen Malalas nnd Theophanes, von denen in Nazaret der schon genannte Jbn-Batrik, so wie auch von denen in Galiläa im Anfang des 7. Jahrhunderts: nin'bn nchn N 2 I bIbn (das. II 213, 241). In Jerusalem selbst scheinen aber keine Juden gewohnt zu haben; denn Jbn-Batrik spricht nur von Juden um Jerusalem: vipvbn rro bin '"sin -n.-nbn (242, zweimal). Das ist Alles, waS man von dem Aufenthalt der Juden in Palästina aus dem sechsten und siebenten Jahrhundert weiß. 6 . Die angebliche kriegerische Kemsgnng der Juden Palästina s unter Instinian. Der byzantinische Chronograph Theophanes referirt, die Juden hätten im Ansang der Regierung Justinian's gemeinschaftlich mit den Samaritanern einen Aufstand gemacht, die Christen todtgeschlagen und sich einen König von sama- ritanischer Abkunft gewählt, mit Namen Julian. Diesen Bericht haben manche Historiker ohne Kritik nachgeschrieben und dann hinzugefügt: Als der Ausstand der Juden und Samaritaner gedämpft war, wären jüdische und samaritanische Flüchtlinge nach Persien gekommen nnd hätten de» persischen König überredet, keinen Frieden mit dein Kaiser zu schließen, weil sie ihm eine ganze Armee von Juden und Samaritanern zur Hilfe stellen wollten. Diese Angabe entbehrt aber jeder geschichtlichen Basis und beruht auf einem Mißverständnisse, das sich Theophanes hat zu Schulden kommen lassen. Die Hauptquellen über den Aufstand in Palästina, der Biograph des Abtes St. Saba, Cyrill von Skythopolis (in CotelerS rnonurnsnta soolssias Arasvns I?. III. o. 70, S. 239) und Procop, beide Zeitgenossen Justinian's, erzählen lediglich von dem Aufstand der Samaritaner gegen die byzantinischen Römer und erwähnen der Juden dabei mit keinen: Worte (vergl. t?rooopins krstoris. aroana. s. II). Selbst das Chronicon Paschale berichtet nur von dem Aufstande der Samaritaner: ronr», r,2 Bonn x. 619). Der Jrrthum entstand aus einer unverständlichen Konstruktion des Chronographen Malalas von syrischer Abkunft. Dieser barbarische Byzantiner, dessen Griechisch das unbeholfene Syrisch durchscheinen läßt, leitet den Aufstand der Samaritaner mit den Worten ein (OIironoArapIria x. 445): St 'loni-ft,, 358 Geschichte der Juden. Sinn ist dunkel, bedeutet aber schwerlich, wie ihn die lat. Version wiedergiebt; Ls-iuaiitanis snim ssrrä s. s i 8 cf rr s cum OstristiLnis oonüieirrnbibns. Denn der Casus '/ouüalwv ist nicht Osrribiv adso1ubu8, sondern wird gleich Xo-.ar-.«vwv von der Präposition regiert. Eher kann der Sinn sein, daß die Samaritaner Christen und Juden angefallen haben. Und im ganzen Verlaufe der Erzählung spricht Malalas nur von den Samaritanern, daß sie viele Plätze in Skythopolis verbrannt haben (7ro21ot ro?ro- IxvöwTrülkt. LX rwv aö-r-,7v und daß 20 000 Samaritaner in Folge dieses Aufstandes umgekommen seien. — Malalas' dunkle und schwerfällige Construktion hat nun sein Copist, Thsophanes, mißverstanden und daraus das Factum gemacht, die Juden hätten sich an dem Aufstande der Samaritaner betheiiigt (OüronoAraxliis, Da. wo Theophanes seine Quelle nicht mißverstehen konnte, berichtet er auch nur von Samaritanern allein, daß Flüchtlinge derselben dem König Chosru die Ueberlieferung des Landes und Hilfstruppen (Juden und Samaritaner) versprochen xne i'-ror-ökMvmv «vrili Trpnä-öovcxt. «urwr'?r«vav wS t/ovrks x«t '/»väatovs rk x«t rrc^r^xovr». Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die Juden an dem Aufstands der Samaritaner in Justinian's Regierungsanfang unbetheiligt waren, und den samaritanischen König Julian nicht anerkannt haben, so würde es aus einer unzweideutigen Thatsache gefolgert werden können. Cyrill von Skythopolis berichtet, der Kaiser Justinian habe den Samaritanern in Folge ihrer Empörung die Strafe aufgelegt, daß sie keine Synagoge besitzen und kein Dispositionsrecht über ihr Vermögen, zu testiren und zu schenken, haben sollten (a. a. O. x>. 242). '/ovortVLoevos ^p^aü/rri'os rou r«s rwv X«L -rc-vifs r^s ?ro2rrkl»s x»t xlifporo/tkkv rovrwr tülo-s, x»ra ütxvltov k«nr»ls Trolpvr/i^i't-v. ikebereinst' MIN eud damit finden sich zwei Gesetze von Justinian, welche diese Rechtsbeschränkung der Samaritaner sanctioniren (Oocisx stastinismi I-. I. ll?. V. Nr. 17 und 18): «i'>rox(>»r»ip ök x^krv ex -1>«Sisxi/s X. r. 2 — Nr. l9 desselben Titels, welches bestimmt, daß die ungläubig gebliebenen Kinder der Samaritaner, Manichäer, Montanisten, Ophiten und anderer Häretiker nicht erbfähig sind, ist datirt vom Jahre 530, hängt also mit dem Aufstande der Samaritaner zusammen: onriiidus cfuas nostras eonstitutionss cis posuis p>s.Aanoiriiii — st 8s,wuritarurrr — oausa ooirstitusrsnt, sx stac rio8trs,1sM oonkiruaaiiäis. Aus der justinianischen Novelle 120, welche diese strengen Strafen gegen die Samaritaner aufhebt (vom Jahrs 551), ersehen wir, daß sie in Folge der Empörung verhängt worden war. Allen diesen Strafen waren aber die Juden nicht unterworfen; sie durften ihre Synagogen behalten und über ihr Vermögen disponiren, ein Beweis, daß sie von Justinian und seinen Beamten nicht als Mitschuldige der Samaritaner betrachtet wurden. Daß die Juden gegen die Samaritaner bevorrechtet waren, erhellt aus dem Gesetze des justinianischen Codex, vom Jahr 531 (1. o. Nr. 21). Es erklärt die Samaritaner gleich Manichäern, Montanisten und Andern für unwürdig, auch unter einander als Zeugen aufzutreten, während es den Juden Note 7. 35S gleich andern Häretiken, die Fähigkeit, unter einander Zeugniß abzulegen, zuspricht: Inbsr ss arrbsui tinsrsbicis, vsllnäasis, udi litiAnirärmi sxisti- ws.vsrinb, coricsctimns tosäus psrmixtuw, sb äiAnos litiAntoritiiis stiarn tsstss inbrsäuci, sxcsptis sciticst irisMvs vsi Mnnicliaicris tnor — vsi pg.AS.ns. snpsrstibio ästinst, 8grngribis niliito rninns. — 8sä iris «guiäsin, i. s., Nnnicligsis — st pgAgnis nsc non 8a.mgri.bis — ornns bsstimoninm, sicnb st alias IsZibirngs conssrvgbionss, ssncimns ssss inbsräicbnm. Die Samaritaner wurden im byzantinischen Reiche noch schlimmer behandelt, als die Juden, weil sie als Apostaten vom Christenthum galten. 7. Die justinianische UovrUe über das Uoriesen dev heiligen Schrift in den Syttagogen. Die Novelle 116 nkp« 'L/bg-rtwr, erlassen an den prget'scbns xrgsborio ^.rsodinäns in den Iden des Februar 553, welche für die innern Verhältnisse der Juden des byzantinischen Reiches so wichtig ist, hat vielfache Mißdeutungen erfahren. Klarer kann kein Erlaß abgefaßt sein, als diese breite, sich in Wiederholungen ergehende Novelle, und doch behauptet Zunz (Gottesdienst!. Vorträge S. 10) „sie verbreite mehr Dunkelheit als Licht über den Punkt, ob die griechische Uebersetzung in den Synagogen gelesen wurde." Vergl. die verschiedenen Ansichten darüber Zeitung des Judenthums Jahrg. 1841, S. 171 und Frankel, Vorstudien zur Septuaginta S. 58. Das Mißverständniß der Hauptsache beruht auf einer falschen Lesart der alten lateinischen Version. So lange man der Lesart folgte: gnoti gniäs-m (Inägsornm) sotnm Ugdsntss Iisbrgicgrn vocsm st ipss. ubi in sgcrornm tidrornm Iscbions volnnb, n s s Ars.sos.rii trgäsrs äiAngnbur, konnte man keinen rechten Sinn darin finden. Durch die Wiederherstellung des ursprünglichen griechischen Textes dieser Novelle (in Kriegels corpus guris 1. III. p. 640 ff.) tritt das richtige Sachverhältniß ans Licht, und man gewinnt dadurch einen Einblick in die Bestrebungen der Juden und in die Tendenzen des judenfeindlichen Kaisers. Der Streitpunkt, welcher vor den Kaiser gebracht wurde und dieses Edikt veranlaßt hat, war folgender. Eine Partei in einer griechischredenden jüdischen Gemeinde wollte eine Neuerung entführen; sie wollte neben der Vorlesung derPerikope des hebräischen Textes auch noch die griechische Uebersetzung derselben aus einer vorhandenen Version vorgelesen wissen. Dagegen waren aber die Frommen, namentlich die Vertreter des Judenthums, dieLehi er und Prediger ganz entschieden^ sie bestanden darauf, daß das Hebräische ganz allein vorgelesen werde. Das sagen unzweideutig die Worte der Einleitung aus (nach der wiederhergestellten WS ol (rwv 'Itti'poclwr) /kOvys riss »t bk (falsche Leseart vi-üt) ryv kl/.i/illüa «i-aäo-r. Der Gegensatz von k/Sy«ty Pwr?) und klli/rlü» spricht klar genug den Streitpunkt aus: auf der einen Seite lediglich Norlesen des hebräischen Originals, und auf des anderen Seite das Hinzuziehen einer griechischen Uebersetzung. Von einem chaldäischen Targum ist hier durchaus keine Rede. — Aus der in dieser Novelle wiederholentlich gebrauchten Fassung: Das „Griechische 360 Geschichte der Juden. zum Lesen" — „diejenigen sind berechtigter, welche die griechische Sprache zum Lesen (Vorlesen) ihrer heiligen Schrist hinzunehmen wollen" (rH,- kllyrlü» v wri/r rsr — 7rpnal«^/?arktr), „es ist den Hebräern gestattet, die heilige Schrift in ihren Synagogen in der griechischen Sprache zu lesen" (dl» «ry? kl/.yi'lüos räx lkpä; /?k/?/.aas »r«)-ti-vdiaxk^v 1 , ich sage, aus dieser Fassung muß man folgern, daß die griechische Partei sich einer bereits vorhandenen griechischen Version bedienen wollte, um daraus neben dem Hebräischen uorzu- lesen. Sie verlangte, soweit Justinian ihre Intention verstanden hat, eine doppelte Recitation, Hebräisch und Griechisch. Man darf also hierbei nicht an eine meturgamistische Uebersetzung Vers um Vers denken. Daher empfiehlt ihnen der Kaiser zunächst die Septuaginta und in zweiter Reihe die Aquilaische Version, als bereits vorhandene Versionen'). Ein noch wichtigerer Punkt in der Novelle ist das Verbot der Deute- rosis: „Die von ihnen sogenannte Deuterosis verbieten wir ganz und gar" unter diesem Worte zu verstehen? Einige Erklärer verstehen darunter den ganzen Talmud, Andere bloß die Mischnah. Aber Beide haben den Zusammenhang der Novelle verkannt. Es ist in dieser Novelle nur vom Gottesdienst in den Synagogen die Rede, wohin doch Mischnah und Talmud keineswegs gehören. Was auch Deuterosis bedeuten möge, es muß jedenfalls einen Bestandteil des Gottesdienstes ausgemacht haben. Der Zusammenhang der Novelle fährt unbedingt darauf. Der Kaiser erklärt diejenigen im Rechte, welche das Vorlesen ans dem Griechischen neben dem Hebräischen in den Synagogen wünschen, weil es für Jedermann verständlich ist, verbietet sogar das Hebräische allein zu gebrauchen, empfiehlt die Septuaginta, weil darin prophetisch auf Jesus hingewiescn sei, gestattet aber auch den Aquila und andere Versionen. „Aber die sogenannte Deuterosis verbieten wir ganz und gar, weil sie nicht in den heiligen Büchern enthalten, noch von oben durch die Propheten überliefert, sondern eine Erfindung (-!-,!(»(»-) von Menschen ist, die aus der Erde spricht und nichts Göttliches in sich hat." Führt schon das ü- (rhr -ö-orkana-») aas eine Verknüpfung mit dem Vorhergehenden, so erfordert es noch mehr der darauf folgende Passus: „Sie sollen die heilige Schrift selbst lesen, die Bücher selbst öffnen (»rr»? öl I--: aö-r»? «v«7rrüaaoi'r-s) und nicht das darin Verkündete verheimlichen, indem sie das von außen hergekommene ungeschriebene Geschwätz zum Verderben der Einfältigen dabei anwenden" (r»§ esti-lUr üt xkiwv»"'-»?). Also beim Verlesen aus der heiligen Schrift sollen sich die Juden nicht der Deuterosis bedienen, welche hier näher erklärt wird durch x-rn«, Man braucht nicht lange zu ralhen, daß unter Deuterosis der agadische und halachische Midrasch zu verstehen ist. Man muß das Wort in dem Sinns nehmen, wie es die Kirchenväter brauchen. Hieronymus, Epiphanius und Andere nehmen ükvrLAowr? gleichbedeutend mit 7r»y»Soa-x (vergl. Hieronymus Comment. zu Jesaias 3 l4 und Epiphanius aävsrsus Unsres. 13): i) Trapciümt? rr«jl »s-r-»? (°/ovü«ioi?) ükvrt'aMvt? x»Ulra<. Unter der Ueberlieferung verstehen sie aber in ihrem Sinne wirkliche Zusätze zu der heiligen Schrift und wirkliche Deutung derselben von Seiten der Pharisäer; sic sprechen selten von der 7r»^«S«a^, ohne sie als x-roP-,»-/» zu brandmarken. Da nun der Kaiser Justinian schwerlich die Novelle selbst stylisirt ') Vergl. Kodak pir- VI. S. 126. Note 8. 361 hat, sondern einer seiner Hoftheologen, so hat der Concipient sich offenbar der patristischen Redeweise bedient, uni den Midrasch zu bezeichnen, den der Kaiser in den Synagogen verbieten wollte. Die Deuterosis ist nichts anderes als die traditionelle oder midraschische Auslegung der heiligen Schrift. Durch diese Auffassung tritt erst der eigentliche Hintergrund des Streitpunktes deutlich ans Licht. Die Novelle giebt nämlich unzweideutig die Gegner der griechischen Partei an, eS waren die -nn), die rroro- und die Se0«ax«-.n-. oder, wie sie noch richtiger bezeichnet werden, die d. h. die Ausleger der heiligen Schrift, die nrnraa ^ 01 . Die Novelle verbietet ihnen bei schwerer Strafe, das Vorlesen aus dem Griechischen durch Machinationen oder Bannflüche zu verhindern: vö243) theilt Eutychius den racheschnanbenden Bericht der Mönche an den Kaiser 362 Geschichte der Juden. Heraklius mit. Dieser lautete: die Juden hätten noch mehr Christen erschlagen als die Perser: o2ostn ;r> i'rwn '2n^bn stop an (im'2n) onm:. Ziehen wir die Uebertreibung der Mönche ab, so bleibt doch übrig, daß die Juden mit den Persern gemeinschaftlich die Christen in Judäa bekämpften. Dagegen hat Theophanes zwei Berichte zusammengeschweißt, um die Juden in ein gehässiges Licht zu stellen. Einmal erzählt er: die Perser hätten, wie Einige meinen, 90,080 Christen durch die Hand der Juden erschlagen, und gleich darauf: „Denn sie (die Juden) haben die Christen gekauft und getödtet (6Iironogrs.xIria,I. 463): «71^'xrktpkv »,'rons. Die beiden Sätze widersprechen einander. Der erste gehört aber einer syrischen oder syraistischen Quelle an, wahrscheinlich Malalas, der öfter die syrische Redensart hat: F-» Barhebräus Abulfarag' hat ebenfalls die Zahl der 90,000 getödteten Christen in Jerusalem, aber er läßt sie nicht von den Juden, und auch nicht durch dieselben, sondern von dem persischen Fsldherrn Schahabara umbringen. Er hat auch einen glaubwürdigen Zug von dem freundschaftlichen Verhältnisse zwischen den Juden Palästinas und den erobernden Persern. Er referirt: „Zuerst haben die Perser einen Friedens- (oder Freundschafts-)Vertrag mit den Juden gemacht, zuletzt haben sie auch dieselben nach Persien exilirt" (OdronioonL^riaorrrn syrischer Text p 96): nemw nwtn ppe-ri .22 hup, (122222-) 22-22 1,22 202 222t 2.i-:?2 p2b .^1 12-1 (.->"02°) :22p 1:2)2 mini- 1:22^21. Ist schon die Zahl der in Jerusalem allein Umgekommenen übertrieben, so ist es noch ungerechter, sie sämmtlich auf Rechnung der Juden zu setzen. Wir wollen daraus nur das Factum auSschälen, daß die Juden sich den Persern bei der Eroberung Palästinas angeschlossen haben, ihrem Heere gefolgt sind und bei der Belagerung Jerusalems thätig waren. Der Herd der kriegerischen Bewegung der Juden gegen die Christen scheint Liberias gewesen zu sein, und die Seele derselben ein reicher Jude Benjamin. Dieser wird als der größte Feind der Christen Palästinas dargestellt (Theophanes OirronoArapIrin I. 504): k>.»«rypägr/aav al rb'k 1-li' -rrv» oro^oerk-, bii; ar-'roi-s. fragte Benjamin, warum er feindselig gegen die Christen gehandelt: llr« «i-rlnr iax»?ra,kks Er antwortete: «s r/Aewr-l; rr/s rrtork«>x War Liberias Mittelpunkt, so erklärt es sich, warum Eutychius die Juden von Liberias zuerst nennt unter denen, welche sich dem persischen Feldherrn angeschlossen haben. Indessen ist noch ein Punkt zu erledigen. Wenn die Juden gemeinschaftliche Sache mit den Persern gemacht haben, wie kommt es, daß der Hauptagitator Benjamin den Kaiser und sein Heer so freigebig bewirthet hat, wie Theophanes erzählt? Wie kommt es ferner, daß, wie Barhebräus tradirt, die Perser die Juden Palästinas nach Persien exilirt haben, da sie doch deren Bundesgenossen waren? Endlich wird dis Schwierigkeit noch größer, wenn wir Eutychius' Bericht hinzuziehen, daß Heraklius mit den Juden ein vollständiges Bündniß, einen schriftlichen Vertrag, geschlossen hat. Die Worte desselben lauten, nach kooooirs's lateinischer Uebersetzung (Xnnaiss II. 340>: Onruigns libsriacisna psrvsnisssb (Hsraolins), sZrsssi aä ipsnnr lluäasi libsriaäis inoolas, nso non rsZionis Oslilasas — sb Pla^arsblii — orrrn rnunsribns, lausig, oonaprsoantss, roZantss ut ssauribs-bsin ipsis LouLsäsrst, gusin vonssssib, bosäuscgus ouva ipsis iitsris obsi^liavit (si.ip ib'ir o.-n oo:>). Zwar stellt Eutychius das Sachverhältniß so dar, daß Heraklius erst bei seinem Eintreffen in Liberias auf seinem Triumphzuge nach Jerusalem, nach seinem Siege über die Perser, mit den Juden ein Bündniß schloß, und man könnte es so fassen, daß er ihnen Amnestie für ihre Empörung bewilligt hat. Allein dem widerspricht Eutychius selbst. Er erzählt nämlich: Als Heraklius in Jerusalem eintraf, traten die Mönche als Ankläger der Juden auf wegen deren Gemetzel an den Christen und Zerstörung der Kirchen und verlangten die Vertilgung der Juden. Als sich aber Heraklius auf sein Bündniß mit den Juden berief und den Wortbruch von sich wies, entgegneten die Mönche: Christus werde ihm die Ausrottung der Juden als Verdienst anrechnen, und was die Menschen betrifft, so werden sie ihn damit entschuldigen, daß er zur Zeit, als er das Bündniß mit den Juden geschlossen, von ihren Unthaten an den Christen noch nichts gewußt habe: sxouss.tuva sbis.ru ts üs.äisk>unbüorainss, guoä suru tibi odvis.ru sZrsssi nruusridus ts sxospsriut (äuässi), c>uc>ä äoio sd ipsis bseburu, sb sä erä- ps.ru gus.ru soirirllissrs,irb s.ruolisuäs.ru. Hat also Heraklius von der Betheiligung der Inden an der Demüthigung der Christen nichts gewußt, so war der Vertrag nicht ein Amnestiebrief, sondern ein freies Bündniß iutsr psrss. Indessen ist es unglaublich, daß das, was alle Welt wußte, Heraklius unbekannt geblieben sein soll. Heraklius zieht nach Jerusalem mit dem Kreuzesholze, das die Perser früher in Jerusalem bei der Belagerung geraubt hatten, woran sich die Juden betheiligt hatten, und er soll mit ihnen ein Bündniß geschlossen haben, im Wahne, die Juden hätten sich während der vierzehnjährigen Occupation neutral verhalten? Das ist ganz unmöglich. Man müßte also annehmen, daß Eutychius' Bericht von dem Bündnisse des Kaisers Heraklius mit den Juden erfunden ist. Aber dagegen sprechen wieder zwei Umstände. Einmal, das Theophanes selbst darauf hinweist in der Erzählung, daß Benjamin von Liberias den Kaiser und sein Heer verpflegt hat. Dann beruht Eutychius' Referat aus einer faktischen Tradition. Denn in Folge des Treubruches des Kaisers gegen die Juden haben die Christen von Jerusalem eine neue Fastenwoche zur Büßung der scheinbaren Sünde (nach ihrem Sinne) eingeführt. Diese Fasten, welche Hsrakliusfasten hieß mr), wurde, wie Eutychius erzählt, bis in seine Zeit von den koptischen Christen beobachtet. i?rinrsru si-M sssurüi s8pbirns.ns.ir>, — sssnninin sUsointnrn sbsbusruub, in gus. Ilsrsslii Arsbis. sssunarsub — gno rsrLibbsrsbu.r ipsi bosäsris sni vioisbio sb änässornrn ossäss — sb ovornra, esssi sb pisoiuin esu in ssäeru s.bsbiusutss, ssgus äs rs in ornnss rsZiouss iitsrss soripssrund. ^.sZ^pbi Oopbibss in Iiuno usgus äisin ss.suniuin iiluä obssrvs.üb tdas. 247). Eine solche Tradition, welche auf einem alljährlich sich wiederholenden Ritus beruht, ist ihrer Natur nach echt historisch. Ist es demnach unzweifelhaft, daß Heraklius mit den Juden Palästinas ein Bündniß geschlossen hat, so kann es nicht aus Unkenntniß ihrer Betheiligung an dem Kriege gegen die Christen geschehen sein. Die Schwierigkeiten löst aber Bar- hebräus' Bericht: Die Perser haben zuerst mit den Juden Frieden gemacht und später auch sie exilirt. Es muß also innerhalb der 14jährigen Occupation Palästinas von Seiten der Perser eine Sinnesänderung vorgegangen sein. Die Perser verfuhren feindlich gegen die Juden, das war Grund genug, um die Juden zu veranlassen, sich von ihnen, von denen sie so viel erwartet haben mochten, loszusagen und sich wieder dem Kaiser Heraklius zuzuwenden. Heraklius, der 364 Geschichte der Juden. an viele» Punkten mit den Persern zu kämpfen halte und sich überall nach Bundesgenossen umsah, mochte froh sein, daß er die Juden von seinen Feinden abzog und sie in deren Feinde verwandelte. Das scheint mir die einzig mögliche Lösung zu sein, welche sämmtlichen Berichten über dieses Faktum gerecht wird. 0 . Frühestes Vorkommen der Inden in Spanien nnd Frankreich. Von den gehäuften Notizen, die man herangezogen hat, um das frühe Vorkommen der Juden auf der pyrenäischen Halbinsel zu beweisen, haben nur wenige Beweiskraft. In Leviticus Nabba (o. 69) deutet R' Meir „das Land der Gefangenschaft" auf Gallien und Spanien: xpmi ^ n'vrvm n'^v. Indessen da Niemand für die Lesart i'.wo bürgen kann, so kann man streng genommen davon nicht beweisen, daß Juden in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in diesen beiden Ländern bereits angesiedelt waren. Die übrigen Stellen, wo im Talmud oder Midrasch w 2 °>ou vorkommt, beweisen für die Sachs gar nichts. Denn entweder das Wort bezeichnet dis weiteste Entfernung des Continents, gewissermaßen das tinis tsrras, oder es ist corrnmpirt ans w 2 °m - ^.pmirisg. in Syrien oder Chaldäa. Der Beweis von der Notiz aus dem Talmud, daß ein Exilarch R' Isaak von nach n> 2 Lvu gereist und dort gestorben ist, und man in Babylonien über die Jndentität der Person verhandelt hat, beweist nur die logische Beschränktheit desjenigen, der ihn zuerst aufgestellt: '2 — vv.io wi-r» r-rra n' 2 rOni> nrMxrv prir- pnr' 'anb p'w-n (dsstanaob 1156). Wie kommt ein babylonischer Exilarch nach Spanien? Und was soll das bedeuten: Er reiste vonCordova nach Spanien? Und wie hat man über den Befund des Verstorbenen in Spanien ein Verhör in Babylonien aufnehmen können? Hier, wie an mehreren Stellen, haben spanische Copisten, die bei noMy? an die ehemalige spanische Hauptstadt Cordova erinnert wurden, aus n'vru gemacht wvsvn. Der babylonische Exilarch ist nicht von Cordova nach Spanien, sondern von Corduene (.nn.in an rinri naa.a a'nai) bniL". Die eingeklammerten Worts sind wohl als Zusatz eines spanischen Copisten zu betrachten, der dadurch die Abstammung jüdisch - spanischer Familien vom Hause David's begründen wollte ivergl. darüber Rapoport Drsekr Llillin S. ISO ff.). Aus kirchengeschichtlichen Notizen erfahren wir, daß zur Zeit des illiberitanischen Concils (vor 320) Juden in Südspanien schon vorhanden waren und Einfluß auf die christliche Bevölkerung übten, so daß das Concil sich veranlaßt sah, zu warnen: xrotss- sorss (tsrrss) non xatsanbur Irnetms snos gnos s, Qso xsroixiund, eurn Krs.bis.rum sstlous s äuässis kzsusäiei. — lieber den frühen Aufenthalt der Juden in Gallien haben wir keine Spur. Denn der Bericht, daß N' Akiba in unz war: mod.iLn -epp n a.vn, darf nicht als das eigentliche Gallien, sondern als Gallien in Kleinasien gefaßt werden, wie Fürst im Orient richtig verstanden hat. 10 . Das jndisch-himsaritische Deich, die Tobva und die Kriege des Disn-Uon»a». I. Als zuerst aus einigen dürren historischen Notizen das Factum aufgestellt wurde, in Südarabien haben jüdische Könige geherrscht, klang es den beschränkten Nationalisten des vorigen Jahrhunderts wie ein Ammenmärchen, das kaum die Mühe der Erforschung lohnt. Durch den unermüdlichen Orientalisten Pocock gewann das Factum mehr historische Consistenz, aber es zerrann wieder in der Lust chronologischer Unbestimmtheit. Pocock versetzte nämlich die Bekehrung des jüdisch-himjaritischen Königs, — auf eine schlechte arabische Quelle vertrauend — sieben Jahrhunderte vor Mohammed, also um 130—80 der vorchristl. Zeit, etwa in die Epoche der Hasmonäer. Der geniale Sylvestre de Sacy, der Begründer einer wissenschaftlichen Richtung in der arabischen Literaturgeschichte, hat in seiner gelehrten Abhandlung: msmoirs snr äivsrs svsusmsuts cts k'kiistoirs äss Grades avant LIskaomsb (msmoirs äs 1'sosäämis äss msoripticms 1. 48 x. 484—703) mehr Licht über dieses interessante Factum verbreitet, reiche Quellen dafür zugänglich gemacht und es dem historischen Gesichtskreise näher gerückt. De Sacy hat von den sieben Jahrhunderten drei eliminirt und die Begebenheit um 220 — 238 der christl. Zeit versetzt, in die Zeit des Sturzes des Partherreiches. Aber auch dieses chronologische Datum ist viel zu hoch angesetzt. Denn dann müßte das jüdisch-himjaritische Reich bis zu dessen Untergang unter dem letzten König Dhu-Nowas (beiläufig im Anfang des 0. Jahrhunderts) drei Jahrhunderterte bestanden haben. Aber dann müßten wir mehr Nachrichten in den jüdischen Quellen darüber haben. Noch auffallender als jene Schwierigkeit, die man darin gesunden hat, daß Josephus nichts von diesem Reiche zu erzählen weiß, wenn es zur Hasmonäerzeit bestanden haben sollte, wäre es, warum die talmudischen Nachrichten Stillschweigen darüber beobachten! So ganz ohne Verkehr standen die babylonischen Juden mit der arabischen Welt keinesweges. Der Talmud weiß Manches von den Arabern unter dem Namen (— -- Stamm Tai) zu erzählen, sogar von ihren Festeszeiten, daß sie nicht fixirt sind. R' Levi, ein Jünger R. Jochanans 366 Geschichte der Juden. (250—300), berichtet Vieles über Arabien und seine Sprache. Und Jemen war nicht für die palästinensische und babylonische Welt verschlossen, sondern dem Weltverkehr geöffnet. Warum sollte den Juden während der Amoräer- epoche diese ihnen so schmeichelhafte Thatsache nicht zu Ohren gekommen oder von ihnen ignorirt worden sein? Ist man schon aus diesem Grunde berechtigt, an der Existenz des jüdisch - himjaritischen Reiches während der talmudischen Zeit zu zweifeln, so treten noch andere Momente dagegen auf, welche durch das zugänglich gemachte Libad al-^ZImni von Abulfarag' Alisfahani (um 950) die Zeit der Bekehrung des himjaritischen Königs zum Judenthum ganz bestimmt zu Ende des fünften oder im Anfang des sechsten Jahrhunderts fixiren. Perron, Professor der Chemie und Physik in Kairo und gründlicher Kenner der arabischen Literatur, hat durch kritische Beleuchtung und reiche Zusammenstellung der Quellen die Frage über den chronologischen Anfang des jüdisch- jemensischen Reiches zum endgültigen Abschluß gebracht in einer großen Abhandlung (im äourns.1 asiabi^us Jahrg. 1838 Ooto6is-Hovsra1>rs S. 353 — 85 und 434—061). Die Abhandlung lautet: sur l'iristoirs äss ^.radss avant l'islauaisras, äs I'sxogus äu pstit lodlm, äu sisgs äs Nsäins st äs 1'in- troäuetion äu luäa'isrns äs-ns 1s äsinsn. Die Beweise Perron's für die spätere, so zu sagen, nachtalmudische Zeit des jüdisch-himjaritischen Reichs, welche zugleich für die kurze Dauer desselben gelten können, sind so unerschütterlich, daß Herr Oüaussin äs iksrasval, der sie nicht anerkennen mochte, in seiner Geschichte der Araber in viele Ungereimtheiten gerieth. Da das Factum für die jüdische Geschichte interessant ist und nicht ohne Einfluß auf die Geschichte der Juden in Arabien im Allgemeinen blieb, so will ich hier Perron's Hauptbeweise auffllhren und noch andere Beweise hinzufügen, welche das Resultat erhärten können. 1) Das Litad al-^ZIiaiii, welches alte historische Traditionen treu wieder- giebt, berichtet, die Frau, welche den die Stadt Jathrib belagernden König Tobba — desselben, der in Folge dieser Belagerung von zwei jathribensischen weisen Juden bekehrt, das Judenthum annahm, — den jüngeren Tobba — mit frischem Wasser in seiner Krankheit labte, und die er reichlich belohnte, ich sage, dies« Frau mit Namen Fakha lebte bis zum Erscheinen des Islam: inuu mn. Also sie lebte noch entweder zur Zeit der Hecstra 622 oder zur Zeit von Mohammed's erstem Auftreten in Mekka 612. Mag Fakha noch so alt geworden sein, so kann sie doch keineswegs um 320 gelebt haben, wohl aber um 500. Folglich nahm Tobba, der himjaritische König, erst um 500 das Judenthum an. 2) Noch schlagender ist folgender Beweis. Der Jathribener, welcher seine Landsleute zum Widerstand gegen diesen Tobba aufstachslts, war (nach dem Litab al-XZUarä und Jbn-Jschak's Lirat ar-Lasul) der Ausite Ochaichah (".nn-nu) Jbn-G'ulah, zugleich Krieger, Waffenhändler, Wucherer und Dichter. An die Erzählung von Ochaichah knüpft das Litad al-^AUani die Geschichte von Tobba, der Belagerung von Jathrib, der Bekehrung des Tobba zum Juden- thum, der Reise der zwei jüdischen Weisen nach Himjara und der Einführung des Judenthums im himjaritischen Reiche. Sobald die Lebenszeit dieser Persönlichkeit fixirt wird, ist hiermit zugleich das Datum für das in Frage stehende Factum gefunden. Nun hatte Ochaichah eine Frau Salma, welche historisch wichtig für die Araber wurde. Salma verließ nämlich ihren Gatten und wurde Mohammed's Urgroßmutter von Haschim. Die Genealogie ist Haschim, Note 10. 367 Abdu lmuttalib, Abdallah, Mohammed. Hier stehen mir auf festem chronologischen Boden. Os Osrosvsl selbst, der das späte Datum von der Einführung des Judenthums in Himjara bestreitet, setzt nach Vergleichung der arabischen Genealogien die Heirath von Hischam und Salma 495 (Uistoirs äss ^rsdss 1. I. x. 259). Also um diese Zeit lebte Salma's erster Gatte Ochaichah und mit ihm der Proselyten-König Tobba. Die Frage kann nur sein, ob die Belagerung Jathribs vor oder nach Salma's Scheidung von Ochaichah stattfand, je nachdem würde das fragliche Factum vor oder nach 495 anzusetzen sein'). 3) Tabari (bei äs 8ss^), einer der ältesten arabischen Geschichtsschreiber, giebt diesem Tobba drei Söhne: Hassan, Amru und Zorah oder Zerah. Den letzten identificirt er mit dem letzten jüdisch-himjaritischen Könige Dhu- Nowas. Wenn also Tobba's Sohn bereits im Jahre 621 König war (weiter unten), so kann doch sein Vater unmöglich um zwei Jahrhunderte früher gelebt haben, sondern höchstens einige Jahrzehnte. Maßudi, der zuverlässigste arabische Geschichtsschreiber, stimmt damit zum Theil überein, er weicht nur darin von Tabari ab, daß er Dhu-Nowas als Sohn Zorah's, also als Enkel Tobba's darstellt; vxpsis pon zo "npm p onu rr (bei Schaltens Uistoris äootsui- äsrura). Tobba der Jüngere ist aber ebender zum Judenthum übergetretene. Auf die anderen minder schlagenden und weitläufigen Beweise, die Perron aufstellt, kann hier nicht eingegangen werden. Man kann aber noch andere Beweise hinzufügen. 4) Der Philosoph Abu - Ali Jbn - Miskawaih setzte diesen Tobba in dis Zeit des persischen Königs Caoad, über dessen Heer er einen Sieg davon trug: ->i>2 z2 NNIP 1727s IN 0 2 m 17'7 llv 2727S 172 zu NN702 zon '7P WS 7N^I ') Os Osresvsl kann die Augen vor diesem gewichtigen Beweise nicht verschließen. Er selbst setzt dis Belagerung Jathribs von einem Könige Abu- Kariba ums Ende des 5. Jahrhunderts. Nur reißt er diese Begebenheit außer Zusammenhang mit der Bekehrung des Königs zum Judenthum, d. h. außer dem Pragmatismus, welche sämmtlich arabische Quellen über diese Zeit haben. Auch ist er schwankend, ob dieser Abu-Kariba identisch ist mit dem Proselyten Tobba. Seine Wolte sind: (a. a. O. II. 654); O'Vidoü-ILsrids (qui sntrs- xiit I'sxxsäition sontrs IstUril)) stsit-il un roi äs Ifswsn? O'sst uns «gusstion, «gu'il wisst iwpossibls äs rssouärs. Laut es c^u'il ras xars.it soastsnt, o'sst isn i^us 1s lsLsnäs srslrs ä'oügs Iss tirs Iss lis svso Ointroäuvtioiiäugu.äsisiirsäslrs Iss ^srasn. Aber nicht blos diese Legende, d. h. das Litsi) s1-.4Alisai, sondern auch Tabari und Andere verbinden die Belagerung Jathrib's mit dem Proselytenthum Tobba Abu-Kariba's. Um nicht von diesem Beweise erdrückt zu werden, muß äs Osrssvsl zu einer ganz grundlose» Unterscheidung Zuflucht nehmen, äs srois, bemerkt er (I S. 92, Note 1), «gu'il ^ g, su äsux sntrsxrisss torrasss oorrtrs IstUrib xsr äss rois äitlsrsnts, st s ua IsnA ratsrvslls 1'u.ns äs l'sutrs. Oss lristorlsns suront sontonäu Iss ästsils äss äsux sisZss. Aber das heißt nicht Kritik üben, wenn man sich mit sämmtlichen Gewährsmännern in Widerspruch setzt. Alle diese wissen nur von einer einzigen Expedition gegen Jathrib, und diese lassen sie von einem himjaritischen Könige Tobba Abu-Kariba unternehmen. Daher ist es auch falsch, was dieser Geschichtsforscher (II. S. 653) darüber aufstellt. Osut-strs s'sZit- il ä'nu xiinos ^.bou-Osrlli äont xsrls Oroooxs sous 1s uora Kurz, äs Osrosvsl verfährt bei diesem Punkte sehr unkritisch. 368 Geschichte der Juden. 18m ->'2>1 IN 1'2N (citirt von Nowair bei Schüttens fiistoria äootaüiäaruill x. 66). Die Nachricht scheint Maßudi anzugehören; denn Jbn-Kaldun theilt in seinem Namen dasselbe mit, daß Abu-Kariba, d. h. eben Tobba, Cavad besiegt hat (bei äs Osrosval I. 81). Nun. Cavad's Regierungszeit ist bis aufs Jahr ermittelt 492 — 531. Der erste jüdisch - himjaritische König gehört also dieser Zeit an. Os Osrssval will diesem Beweise die Spitze abbrechen. Er meint, dieser Kavad, Zeitgenosse des Abu-Kariba, sei nicht identisch mit dem König Kavad, sondern ein bloßer persischer Prinz gewesen (das.): 1'uu äss slrsl's arsasiäss, uouirus Oodaä — gu'il ns Laut xas sontooärs avso 1s wouarcius ssssauiäs Godaä — lut äslaib pur 1'arrass fiiinsarits. Ich weiß nicht, wie die Stelle im Original bei Maßudi lautet, bei Nowarr lautet sie, wie wir gesehen, daß dieser Cavad König von Persien war, der 492—531 regierte. 5) Tabari und Maßudi erzählen, daß Tobba seinen Neffen, den Kenditen- häuptling Harith Jbn-Amru Almaksur, zum König über die Maadditen gemacht hat. Maßudi fügt hinzu, Harith war Herrscher von Hira, Mekka und Medinah gewesen: 2rnm 1>11 1x2 -8-- '1:28m —' -.12p 12 nir:8n N.INN pn (p2n) 1822 .i:-i28.-v .1228^ .ii-n8m (bei Schultens a. a. O. Jbn-Kaldun bei äs Osrssral I. 118 II. 268). Abulfeda giebt an, daß Harith ebenfalls Jude geworden sei: 'nin8n ii.irv :12p p '.iin8n nnnn z2n .11P2 182 an (?oooofis spssirusir Iristorias arad. sä. 'iVfiits x. 427). Nun ist dieser Kenditenfürst Harith historisch bekannt; seine Geschichte ist verwickelt mit dem Perserkönig Cavad und mit Almondhir von Hira. Os Osrssval selbst setzt ihn 495—524 (a. a. O. II. 286). Jbn-Alkindi stellt indeß die Verwandtschaft Harith's mit dem Königsharse Tobba's ein wenig anders dar (bei äs Osrosval I. 117 f). 6) Wenn man die Quellen mit kritischem Auge betrachtet, so zeigt sich noch dazu, daß eigentlich keine Differenz in Bezug auf das Datum der Einführung des Judenthums in Jemen stattfindet. Ehe ich aber daran gehe, die Ausgleichung zu treffen, müssen die Namen des betreffenden Tobba ermittelt werden, weil cs mehrere Tobba's gegeben hat, nach den meisten arabischen Quellen drei, einen altern, Mittlern und jüngern, nach Andern noch viel mehr. Dieser Tobba nun, an den die Thatsache von dem jüdisch-himjaritischen Reiche geknüpft wird, hieß nach demLibad al-IIcä (citirt von Perron a. a. O. S. 407): Tobba der Jüngere mit dem Hauptnamen Assad, dessen Kunje Abu-Kariba, und dessen Beiname Tobban war: zn2>i 201 i'prn8n pon (nach Perron: 210-282) 212-82 p 2-12 ,2n 1.11. Da dieser Tobba Assad Abu-Kariba einen Sohn Hassan hatte, der nach ihm regierte, so kann er, der arabischen Sitte gemäß, auch p-ivn 12X — (Abu-Hassan) genannt worden sein. In der That nennt Hamdun (bei Nowair Schultens a. a. O.) einen Tobba Abu - Hassan. Bedenkt man, wie oft in der arabischen Geschichte von Tradenten und Copisten Abu und Jbn verwechselt wurden, so kann es uns nicht wundern, wenn man demselben Tobba einen Vater Hassan (statt Maliki-Kariba) gegeben und dadurch dis Reihenfolge verschoben hat. Dieser Wirrwarr zeigt sich bei Hamza al-Jsfahani, der den Tobba, welcher das Judenthum eingeführt, folgendermaßen aufführt: -8» -iirm 1.1m "ipinrnin i.in i z>2v8n prn 1.11 — 212-82 z2 P2i p znon z2 P2N 1-8^ rm:8m 8pi: 1:1?; pi2v8n p2 i2-8n (Oaruna. fiispmirsusis sä. Oobtrvalä p>. 131). „Tobba Sohn Hassan's, Sohn Tobba's, Sohn Malikariba's, und das ist Tobba der jüngere, der letzte der Tobba's, derselbe, der nach Jemen mit jüdischen Weisen zurückkehrte, das Judenthum annahm und die Menschen dazu aufrief." Man braucht nur dis Namen- Verwechselung zu rektificiren, und man hat bei Hamza dieselbe Nachricht, wie bei Tabari, Maßudi und Jschak Jssahani. Dadurch schwindet der Zweifel, dessen äu Osrosva-I nicht Herr werden konnte (I. 108 f.). Sahen wir auf der einen Seite dadurch eine Verwirrung entstehen, daß der Proselytenkönig in zwei gespalten wurde, in Abu-Kariba Jbn-Mali- kariba und in Tobba Jbn-HassLn, so wurde auf der andern Seite die Verwirrung noch größer, indem zwischen den ersten jüdischen König von Himjara und seine Söhne mehrere Könige eingeschoben wurden. Diese Könige waren weiter nichts als Vasallenhäuptlinge mit dem Titel Kail und Dhu, welche neben den Königen herrschten. Die Annalisten Hamza und Abulfeda haben aber daraus selbstständige Könige gemacht und sie mit einer bestimmten Regierungsdauer den Häuptlingen angereiht. So z. B. der Kenditenhäuptling Harith, von dem Maßudi erzählt, Tobba habe ihn über die Maadditcn zum Könige eingesetzt, wird von Abulfeda zum Nachfolger eines himjaritischen Königs gestempelt: riipr ^2 an. Os und äs Osresvs.1 selbst streichen einen Namen, Nabiä Jbn-Nasr, den einige arabische Annalisten zum Nachfolger Tobba's Abu-Kariba machen, aus der Reihenfolge der himjaritischen Hauptkönige und nehmen mit Recht an, daß er bloß ein Fürst mit dem Titel Kail war (rnämoiis äs 1'^.saäärnis a. a. O. p>. 580 f. und Iiistoirö äss ^radss I. 99). Nach Maßudi folgten auf den ersten Proselytenkönig zuerst sein Sohn Hassan und dann sein Sohn Amru; Hamza schiebt aber dazwischen einen Morthad, dessen Sohn Waliah (oder Wakiah) und sogar einen König Abraha loder Ibrahim Jbn-Alasbach ir .i.-nou), der einer späteren Zeit angshört. Denn Abraham hieß der Aethiopier, der nach Dhu- Nowas (nach 530) regierte und Alasbach ist kein anderer, als der äthiopische Negus Elesbaa (wovon weiter), der gegen Dhu-Nowas Krieg geführt und Abraham zum Vasallenkönig eingesetzt hat. Os Osrosval hat alle diese Namen als Hauptkönige von Himjara aufgeführt, ohne auch nur eine Spur von Kritik zu üben. Er hätte die Manier der arabischen Annalisten und namentlich Hamza's kennen sollen, eine Menge Königsnamen aufzuführen und ihnen sogar eine unmögliche Regierungsdauer zu geben. Während auf diese Weise Alles für dis Annahme spricht, daß Tobba-Abu- Kariba zu Ende des fünften Jahrhunderts lebte: sein Sieg über Kavad, seine Zeitgenossenschaft mit Ochaichah und noch Anderes, spricht nur ein einziges Moment dagegen, nämlich die Nachricht Hamza's, daß dieser Tobba Zeitgenosse des Gründers der Sassanidendynastie Ardschir gewesen sei. Darauf haben äs und äs Osresvs,! die Chronologie der himjaritischen Könige gegründet. Aber wer bürgt für die Authenticität dieser Nachricht? Hamza ist kein zuverlässiger Gewährsmann und verdient um so weniger Glauben, wenn er Tabari und Maßudi gegen sich hat. Zwar bemerkt Hamza, er habe in einer alten Geschichte von Jemen gelesen, daß Amru Dhul' Awad Zeitgenosse Schabur's I., Königs von Persien war (sä. Oottrvalä 130 f.). Aber die Identität von Amru Dhul'-Awad und Amru, dem Sohne Tobba's Abu-Kariba muh erst kritisch erwiesen werden, was kaum möglich ist. So weit also in der dunkeln Epoche Gewißheit erzielt werden kann, ist das von Perron ausgestellte Resultat als sicher anzunehmen, daß der erste jüdische König von Jemen um 500 gelebt, und daß das jüdisch-himjaritische Reich nicht länger als drei Jahrzehnts gedauert hat. Daher die Dürftigkeit der Nachrichten darüber in auherarabischen Quellen. Graetz, Geschichte der Juden. V. 24 370 Geschichte der Juden. - Wenn übrigens die arabischen Annalisten angeben, daß das ganze Land Himjaria in Folge Tobba's Bekehrung das Judsnthuin angenommen hat: -non nimm, so ist das eine jener Ungsnauigkeiten, die bei arabischen Schriftstellern nicht selten sind. Aus Prokop's Nachrichten erfahren wir, daß es noch unter dem letzten jüdischen Könige eine heidnische Bevölkerung in Himjaria gegeben hat lOroooxius äs dsllo xsrsiso I. 26 p. 104): 'O/r?/ol V rckv Trolloös /txv 'I o o Fclto v?, rrollovr Fe Fcl^av ri-v 7r«I«x«v aF/?ovr»e, ,"v Fe xa/loüoev 'Ml^vrx^v ot Vl>v «vApmnoL X, -r. 4. Sicherlich haben während des Bestandes des jüdisch-himjaritischen Reiches einige nichthimjaritische Stämme ebenfalls das Judenthum angenommen. Jbn-Kutaiba, einer der ältesten arabischen Chronographen, berichtet: „das Judenthum war verbreitet im Stamme Himjar, im Stamme der Benu-Kinanah, der Benu Al-Harith Jbn- Kaab und der Kenda (Ibu-Ou.ts.ids. sä. IVusbsntslä x. 209 ; vergl. Ooooolrs sxssirusn 140 und Chwolson die Ssabier II. 404, wo eine Notiz von Dimeschki mitgetheilt wird, daß die Benu-Kinanah zuerst dem Mondcultus gehuldigt und dann das Judenthum angenommen haben: nn.nn on illpbx iovn nmv °nix:ri). — Die Nachricht, daß unter den Kenditen das Judenthum verbreitet war, stimmt mit der oben gegebenen Notiz, daß Harith Häuptling der Kenditen unter Tobba Abu-Kariba sich zum Judenthum bekannt hat. Die Kinanah waren mit den Koraischiten stammverwandt und wohnten in der Nähe Mekkas (vergl. äs Osresvsl I. 193 f. II. K88i. II. Da das jüdisch-himjaritische Reich nur von kurzer Dauer war, so kann es höchstens auf Abu - Kariba's Enkel übergegangen sein. Wie schon oben angegeben, nimmt Tabari drei Söhne desselben an: HassLn, Amru und Zorah (oder Zerah) Der letzte erhielt von einer Burg den Beinamen Dhu-Nowas, und das ist sein geschichtlicher Name geworden. Maßudi dagegen giebt Dhu-Nowas als Zorah's Sohn aus. Vor ihm regierte aber nach Ueber- einstimmung sämmtlicher Quellen Laknia Tanuf, der von den Ohrringen, die er zu tragen pflegte, Dhu-Schanatir hieß. Er wird von sämmtlichen Quellen als Usurpator bezeichnet. Ob Hassan und Amru sich zum Judenthume bekannten, wird nicht berichtet. Dhu-Schanatir war gewiß nicht Jude, da er ganz offen Pädastrie trieb, wie sämmtliche Gewährsmänner berichten. Dhu - Nowas war aber, wie aus seiner Geschichte erhellt, Judo mit seinem ganzen Wesen. Auch der Name Jussuf, den er annahm, spricht dafür: Tabari (bei Schüttens S. 108): -> 21 > '221 1 ' 2 N 7I>'2 NIMM 1 ' 2 N -MX 0 X 1 : 1 'i Die jüdische Geschichte interessirt eigentlich nur der letzte jüdisch - himjaritische König Dhu- Nowas, über dessen Leben und Thaten die Quellen reichlich fließen; aber neben dem Thatsächlichen kommen auch viele Entstellungen und Uebertreibungen vor, welche die Kritik eliininiren muß. Auch die Data seiner Regierungsdauer und seiner Thaten sind bisher noch nicht kritisch genau festgestellt worden. Os Osrssvsl läßt ihn regieren von 490 bis t>25. Das erste Datum hängt mit seiner fehlerhaften Chronologie der himjaritischen Dynastie überhaupt zusammen, das Datum 525 wird aber durch authentische Zeugnisse widerlegt. Nach meiner Auffassung regierte Dhu-Nowas von ungefähr 520 bis 530. Um zu einer Gewißheit zu gelangen, muß man die verschiedenen Vorfälle in Dhu-Nowas' Regierungszeit und die Quellen, welche darüber berichten, von einander unterscheiden. Das erste Stadium bildet Dhu-Nowas' Krieg mit Note 10. 371 einem König von Auxum. Die Hauptquellen darüber sind, Johannes von Asien oder von Ephesos und Mala las, von denen Einer vom Andern abhängig ist, wahrscheinlich Malalas vom Ersteren. Aus Malalas' Bericht haben geschöpft Theophanes, Nicophorus Kallistus und Cedrenus, wie sich auf den ersten Blick zeigt. Die Angaben der drei letzteren haben also für uns keinen geschichtlichen Werth. — Das zweite Stadium ist Dhu-Nowas' Krieg gegen die Christen von Nagaran. Hier ist das Sendschreiben des Bischofs Simeon von Bet-Arscham an den Abt Simeon von Gabula und einige Notizen bei arabischen Autoren Quelle. Die übrigen Quellen, Johannes von Asien und das Martyrologium des Metaphrastes, überbieten nur Simeon's Uebertreibungen und haben gar keinen historischen Werth. — Das dritte Stadium ist der Krieg des äthiopischen Königs gegen Dhu-Nowas. Hierbei ist Procop, Zeitgenosse der Begebenheiten und vorurtheilsloser Erzähler, Hauptquelle und neben ihm über das Detail des Krieges Johannes von Asien und arabische Notizen. Die Forscher haben diese drei Stadien nicht von einander unterschieden und sind daher in arge Confusionen gerathen. Die Annotatoren zu Malalas und Theophanes haben Widersprüche gefunden zwischen den Angaben dieser Chronographen und Procop's Bericht, wo gar keine sind, weil deren Bericht nicht einen und denselben Vorfall zum Inhalte haben. Wir wollen diese drei Stadien näher entwickeln. X. Der Syrer Johannes von Asien und der Gräcosyrer Malalas berichten aus einer älteren Quelle Folgendes: „Der jüdische König von Himjara hat römische (byzantinische) Kaufleute, welche durch seine Länder zogen, ergreifen und hinrichten lassen dafür, daß „die Christen in den römischen Ländern die Juden ihrer Länder mißhandelten und Viele von ihnen tödtetsn." Dadurch wurde der indisch-äthiopische Handelsverkehr unterbrochen. Der jüdisch-him- jaritische König heißt in diese» beiden Quellen und in den von ihnen abhängigen Dimianos, Dimiun, Damianos, Dimnos und Dunaan. Johannes von Asien bei ^.sssruaul Inöliotiisoa orisnbslis N. I. p 359 : zm Ina 112,1,12b »'111,11 »niin»b b»pob »'i'2ii »mir>»2 piop 12 . .. »121,111 pi »ii»ri bi 2 , 2 i„ 12» 12 P,1N111»,1 .112 121 PI» brqoi PI» qobi... iic>Zrs,iMa, I. 433 ): i>üv ovv »ak/Avvrwv kt? 1 /di^ax roiv (° 0 ^i/y-r<üv) k/r« ro ?ro»)o«,ö7r-,i>- — /4«o-t4kt« kTir« — pre- S'wwi: Den König, der über Damianos gesiegt (Aidng) nennen die Quellen bald den indischen, bald den äthiopischen. Malalas: Johannes von Asien bald: )ii'n mr, sn'iz ii:ni bald: Aidug war wohl nichts anderes als einer der Vasallenkönige, welche sich unter Hassan, dem Sohne des Abu-Kariba, von dem himjaritischen Reiche unabhängig gemacht haben. Os Osrssval nach arabischen Quellen: Hassan ns parvinb xas ä rssonsbibnsr I'nnits äs I'sinpiiö dirnvarits. Oss 6a^1 st Iss Odon inain- tinrsnt sontrs Ini Isnr inäöxsnäanss, st Is rnorosllsinsnt än ponvoir ns tit qns s'aovrortrs xsnäant son röZns (Instoirs äss ^.radss I. I l9). Nur der eine Zug in diesen gleichlautenden Erzählungen ist sicherlich falsch, daß Aidug den himjaritischen König Damianos oder Dhu-Nowas auch zum Gefangenen gemacht und hingerichtet, und daß sich dann ein anderer König von Himjara aufgeworfen Hai. Dhu No was regierte noch lange nach diesem Vorfälle. Das Jahr dieses Krieges giebt nämlich Johannes von Asien genau an: Das vierte Jahr des Justin oder das seleucidische Jahr 832, d. h. das christl. 521. Den Eingang der Erzählung; m.mi w-n nrn 8-:.n na nrhvh bezieht Assemani mit Recht auf das genannte Jahr. In Malalas' Text fehlt jetzt die Datumangabe. Theophanes und Cedrenus setzten aber drolliger Meise das Factum in das sechzehnte Jahr Justinian's, was jedenfalls falsch ist. Wir haben hierdurch also die Gewißheit, daß Dhu-Nowas bereits im Jahr 521 regierte. O. Das zweite Ereigniß in Dhu-Nowas' Leben ist sein Krieg gegen Nagaran, dessen christlichen Fürsten und Bevölkerung. Ich habe oben das Sendschreiben des Bischofs Simeon von Bet-Arscham (in ^.sssrnani didl. orisnb. I. 384 f.) als Hauptquells dafür angegeben, ich muß aber diese Angabe dahin beschränken, daß nicht der ganze Inhalt desselben historisch ist. Das Sendschreiben besteht nämlich aus vier Bestandtheilen. — a) Die erste Partie bildet den Eingang und die Beschreibung von Simeon's und seiner Begleiter Reise, bis sie in das Lager des Mondhir, Königs von Hira, angekommen sind. Da seien ihnen heidnische Araber aus den Stämmen Tai und Maadd begegnet und hätten ihnen zugerufen: „Was wollt ihr (Christen) nun ansangen, da euer Christus vertrieben ist aus dem Lande der Römer, Perser und Himjariten:" poh-7 NN'L'V SN1 pw'wxi pr8 NM v.n s'ivn: N'IPVI NN PPZS n'i'vn: n'onei (?) n'r>:.nn nn 2 ,-m. — I>) Die zweite Partie bildet ein Schreiben des jüdisch-himjaritischen Königs an den König Mondhir, worin derselbe ihm Folgendes anzeigt: Er habe die Regierung von Himjara angetreten, weil der christliche König, den die Aethiopier eingesetzt, gestorben sei, und ein christlicher Nachfolger sich nicht zu behaupten vermöchte. Er, der jüdische König, habe sämmtliche Christen gezwungen, Juden zu werden, habe 280 Priester hinrichten lassen, habe ihre (?) Kirchen in eine Synagoge verwandelt, habe die Stadt (Nagaran) mit 22,000 Soldaten belagert, habe den Einwohnern zwar einen Eidschwur geleistet, aber mit dem Vorbehalt, ihn zu brechen, well er gegen Christen und Feinde nicht Wort zu halten brauche, er habe ferner alle ihre Habe eingezogen, die Gebeine eines Bischofs geschleift, eine Kirche mit allen Personen darin verbrennen lassen. Er habe daraus die Uebrigen gezwungen, Christus zu verleugnen, sie seien aber standhaft im Glauben geblieben. Ihr Oberhaupt habe ihn, den König, beschimpft und gekränkt, dafür habe er sämmtliche Große der Stadt hinrichten lassen. Auch die Frauen habe er zur Verleugnung ihres Note 10. 373 Christenglaubens mit Strafandrohung aufgefordert, aber die Fürstin Rumi habe sie zur Standhaftigkeit ermahnt. Folgt dann eine lange Rede der königlichen Märtyrerin an die Frauen von Nagaran. Dadurch erinuthigt, hätten säminrliche Frauen den Märtyrertod erlitten. Dieses Alles schreibt der jüdische König selbst. Der Zweck seines Schreibens an Mondhir sei gewesen, ihn aufzufordern, aus dieselbe Weise gegen die Christen zu verfahren. o) Die dritte Partie des Sendschreibens des Bischofs Simeon bildet die Aussage eines Boten. Der Gesandte des christlichen Königs von Himjara habe bei der Nachricht von der Christenverfolgung einen Boten nach Himjara gesendet, um Genaueres über die Vorfälle zu erfahren. Der zurückgekehrte Bote Habs erzählt: 340 Große mit ihrem Häuptling an der Spitze (Arethas b. Kaleb) seien aus der Stadt (Nagaran wahrscheinlich) vor dem jüdischen König erschienen (wohl wegen Aufhebung der Belagerung zu unterhandeln). Der jüdische König habe hierauf den christlichen Häuptling mit den Worten angefahren: „Du hast Dich wohl auf Christus verlassen, daß Du Dich gegen mich empört hast!" 'bp iioni dp zd ndnnn-:. Er habe ihn ferner aufgefordert, das Christenthum abzuschwören. Arethas habe aber eine lange Standrede voller Grobheiten gegen den jüdischen König gehalten und Habs seine Genossen zum Martyrium ermahnt. Darauf habe der jüdische König ihn und die 340 Christen hinrichten lassen. Dann theilt der Bote das Märtyrerthum eines jungen Kindes mit, das sich durch Schmähung des jüdischen Königs förmlich dazu gedrängt habe. — ä) Der letzte Theil des Sendschreibens bildet eine Ermahnung des Bischofs Simeon an den Abt Simeon von Gabula, daß er die Verfolgung der Christen in Nagaran den Bischöfen und Aebten bekannt machen sollte, namentlich dem Bischof von Alexandrien. Dieser sollte wiederum an den König von Aethiopien schreiben, daß er den Christen Beistand leisten möge. Die jüdischen Vertreter von Liberias sollten ergriffen und gezwungen werden ivergl. den Text o. Note 5, S. 356). Aus der einfachen Analyse des Inhalts ergiebt sich, daß nur Anfang und Ende des Sendschreibens einen historischen Charakter haben, die Partie d dagegen sicherlich Fiction ist. Es gehört nicht viel dazu, einzusehen, daß ein Tyrann, ein Henker, nicht in der Weise schreibt, daß er weder sich seiner blutigen That rühmt, noch ein begeistertes Martyrologium seiner Schlacht- opfer schreibt und noch viel weniger der Religion, als deren Feind er sich ausgiebt, die Gloriole reicht. Jeder Satz in diesem Stücke giebt sich als Dichtung aus. Und darauf beruht das Martyrologium des 8b. ^rsbUas und der Christen von Nagaran, das Metaphrastes zugeschrieben wird und nicht nur in die Heiligen- und Kirchengeschichts übergegangen ist, sondern auch von Historikern als beurkundetes Factum angenommen wurde. Os Osrssval schreibt noch: On aobs äs darbaris Pis Is tanabisors röliAisnx äs OUou-Horvns 1s xorba s, sxsrssr sonbrs Iss eUrsbisns äs Haägran, Urb oanss äs 1a rrrins äs 1'swpirs Uiva^arits (a. a. O. I. 125). Ich wiederhole, diese ganze Erzählung von dem Sendschreiben an Mondhir ist erdichtet. Die Partie e des Sendschreibens sieht nicht minder verdächtig aus, schon deswegen, weil sie auf der Aussage eines Boten beruht. Welcher Stenograph hat diesem Boten die lange Schmährede des Arethas gegen den jüdischen König mitgetheilt! Und nun gar das Martyrium äs pusro rnart^rs, von dem das Stück U gar nichts weiß! Außerdem widersprechen sich manche Umstände in den beiden Stücken. In d 280 Priester und dann alle Christen als Märtyrer, und in v nur 340 Große! Man darf sich nicht auf die Nachrichten 374 Geschichte der Juden. arabischer Schriftsteller berufen zur Unterstützung des Factums einer allgemeinen Christenverfolgung von Seiten des Dhu-Nowas. Sie beruhen sämmtlich auf einer falschen Auslegung einer Koranstelle „von den Leuten der Feuergruben" ounru Koran Sura 85 V. 4>. Die arabischen Schriftsteller verstehen darunter Dhu-Nowas' Verfolgung der Christen, obwohl der Vers gar nicht dazu paßt und eigentlich auf die Feuerprobe des Ananias, Mischael und Azaria geht, wie Geiger richtig nachgewiesen hat (Preisschrift S. 192 f.). Procop, ein Zeitgenosse des Dhu-Nowas, erzählt, daß auf den Christen in Himjara nur ein schwerer Steuerdruck lastete, aber nichts von einer blutigen Verfolgung derselben (der Text weiter unten). Wie diese Fiktionen in Simeon's Sendschreiben gekommen sind, kann man nach dem gegenwärtigen Stand der Quellen nicht beurtheilen. Indessen enthält die Partie o doch manches Thatsächliche, namentlich der Zug, daß Arethas oder Harith, Häuptling von Nagaran, sich gegen den jüdisch-himjaritischen König empört hat i 11201 . Damit würde die Nachricht des Jbn-Alkelbi stimmen, daß Dhu-Nowas Nagaran mit Krieg überzog, weil zwei Juden von den christlichen Einwohnern desselben erschlagen worden sind (bei Oanssin äs ?srssvs.I a. a. O. 128): Luivanb Ibn-sl- Xsldi 1s rnsurtrs äs äsnx jsunss jniks, sornrnis xar äss UaHlbanbs äs Nnäsran, Hub 1'osoasion ou 1s xrstsxts gul arois. OIiou-lsioivLS vsubrs osbbs vills. Fassen wir das kritisch Gesichtete zusammen, so würde als Resultat bleiben, daß Dhu-Nowas gegen die Christen von Nagaran Krieg geführt hat, weil deren Häuptling Arethas (Harith, nach arabischen Quellen Abdallah) sich gegen ihn empört hat. In Folge der Belagerung waren die Einwohner von Nagvran gezwungen, zu capituliren, und trotz der Capitulation ließ Dhu-Nowas den Häuptling und 349 angesehene Männer hinrichten, wenn wir dem Boten aus Hira Glauben schenken wollen, auf dessen Aussage diese Thatsache beruht. Von einer blutigen Christenverfolgung kann keine Rede sein, wohl aber von einem Steuerdrucks, den Dhu-Nowas den Besiegten aufgelegt. Den Krieg von Nagaran kann man chronologisch ziemlich genau bestimmen. Der Verf. des genannten Sendschreibens erzählt: er sei von Hira im Jahre 835 Lslsuoi- äaruiu abgereist und zwar im syrischen Monate Kanun, dem zweiten; nach zehn Tagen sei er in Mondhir's Lager angekommen: 0 » um 'irm pwo ; 2 p:i uniun 2 - 20 : poim uuvvon. Der syrische Monat Kanun II. entspricht dem jüdischen Monate Tebet. Also im Dscember 533 oder Januar 524 war der Bischof Simeon in Mondhir's Lager. Da erfuhr er die Niederlage der Nagaraner, als etwas frisch Geschehenes. Der Krieg ist demnach gegen Dude des Jahres 523 vorgefallen. Erinnern wir uns, daß Dhu-Nowas im Jahre 521 eine Niederlage gegen den König Aidug erlitten hat, und daß dieser entweder schon früher Christ war oder erst in Folge des Sieges Christ geworden ist. Die zwei Facta stehen mithin in einem pragmatischen Verhältnisse zu einander. O. Das dritte Stadium in Dhu-Nowas' Regierung, wodurch der Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches herbsigeführt wurde, bildet der äthiopische Krieg. Hier müssen wir Procop's Bericht, als eines zeitgenössischen, vorurtheilsfreien exakten Historikers, zu Grunde legen. Procop war auch gewissermaßen Augenzeuge dieser Begebenheiten, da er in dieser Zeit mit dem Feldherrn Belisar am Euphrat stand und die erste Kunde von den Vorgängen in Himjara erhielt. Er erzählt: Zur Zeit dieses Krieges (d. h. des persischen Krieges) hat der eifrig dem Christenthum ergebene äthiopische König Helle- Note 10. 375 steaios, als er erfuhr, daß die an der jenseitigen Küste wohnenden Homeriten (Himjariten) — von denen ein Theil Juden und ein Theil Heiden — den Christen maßlose Steuern aufgelegt, eine Flotte und ein Heer ausgerüstet und die Homeriten mit Krieg bezogen. Er besiegte den homeritischen König, tödtete viele Homeriten und setzte einen christlichen Homeriten mit Namen Esimphaios zum König ein (äs bsllo psrsioo I. o. 20): 'Vnv -roö? roö srn-l^o v -roüFi 'LH^?rö roö? A'pvvov? rvv TioXk^ov roääk —kri «vroüs ^1.Sk, nämlich Helle- steaios oder richtiger Hellesbeaios. Während dieses Krieges, d. h. während des Krieges, den Belisar im Aufträge des Kaisers Justinian gegen Cavad und die Perser führte, und den Procop bis zur Schlacht bei Kallinikus mitmachts, erzählt in Buch I, Capitel 13 —18. Mithin geschah der Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches nicht während Justins, sondern im Anfang von Justinian's Regierung, d. h. zwischen 527—31. Ja wenn wir den ganz bestimmten Ausdruck bei Procop: in der Zeit dieses Krieges (ünö roü? -roö -r«1.k^or roöäk) betonen, so scheint darunter die Zeit verstanden zu sein, welche der Schlacht bei Kallinikus voranging, und welche Procop im 17. und 18. Capitel erzählt. Dieser Krieg fand statt nach dem vierten Jahre des Justinian in der Osterzeit, wie aus o. 16 Ende (sä. Loun S. 81) und o. 18 (S. 91) erhellt, d. h. im Frühjahr 631. Man kann 376 Geschichte der Juden. demnach den äthiopischen Krieg gegen Dhu-Nowas um 530 ansetzen, zumal der christliche König, an den Justinian eine Gesandtschaft im Laufe des Jahres 53l schickte, nach Procop's Angabe, Estmphaios war, der noch vor Abraham regierte (vergl. Procop a. a. O S. 98, 105, 106). Dieser Estmphaios, von den Arabern Ariat genannt, scheint nur kurze Zeit regiert zu haben. Denn Procop, die zuverlässigste Quelle, datirt den Aufstand gegen Estmphaios mit den Worten: „nicht lange später" ob -ro-.x« uartpai- S. 105 Zeile 4). Die Angaben der arabischen Quellen über die Regierungsdauer Ariat's und seines Nachfolger's Abraham, (der bis zur Zeit von Mohammed's Geburt regiert haben soll, bis 570), sind sehr unzuverlässig und unter einander im Widerspruch. Procop will also mit den Worten sagen: „Justinian schickte die Gesandtschaft, als noch Hellesteaios lHellesbeaios) in Aethiopien und Estmphaios in Himjara regierte (im Jahre 531)", d. h. als der letzte noch regierte, und noch nicht Abraham. Ueberhaupt macht die Erzählung Procop's von dem Kriegszuge des Aethiopiers gegen den home- ritischen König, dem Siege über denselben, die Einsetzung des Estmphaios als Vasallenkönig von Himjara, der Gesandtschaft des Justinian an denselben und endlich dem Ausstande gegen ihn, den Eindruck, daß dies Alles in kurzer Zeit aufeinander folgte, etwa in den Jahren 530—31. Den Tod des Dhu-Nowas und den Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches kann man demnach in das Jahr 530 setzen, und da er, wie wir eben gefunden, bereits im Jahre 521 regiert hat, so würde seine Regierung etwa zehn Jahre gedauert haben. Die arabischen Quellen verlängern sie aber um 20 und 68 Jahre (Ouussin äs ksrosvsl I. 121 nach Jbn-Kaldun). — Dis drei Begebenheiten in Dhu-Nowas' Regierungszeit sind demnach chronologisch so zu vertheilen: Sein Krieg gegen den Nachbarkönig Aidug 54 l; L. Der Krieg gegen Nagaran 523 und 0. Der äthiopische Krieg gegen ihn 530. Es bleibt also ein Zwischenraum von beinahe 7 Jahren zwischen den beiden letzten Begebenheiten, während welcher Zeit die Christen, der Flüchtling Dus Dhu- Talnban, der Bischof Simeon von Bet-Arscham, der Kaiser Justinian, der Bischof von Alexandrien gegen Dhu-Nowas machiniren und den äthiopischen Negus Elesbaa oder Hellesbeai gegen ihn aufstacheln konnten. Von Dus, der den Kaiser Justin durch haarsträubende Erzählungen von Dhu-Nowas Grausamkeiten gegen ihn erbitterte, wodurch Unglück und die Unterjochung über Himjara herausbeschworen wurde, haben die Araber ein Sprichwort erhalten: o-a: ^ ni:. „Nichts Schlimmeres als Dus und die Erfolge seiner Reise" (bei Osussin äs ^srssvul I. 132). Noch ist zu bemerken, daß nach dem Bericht des Johannes von Asien der äthiopische Sieger sämmtliche Juden von Himjara erschlagen hat: ri'n-nllr nannai n'in p.nboin vim (^.sss- rnuiri UibliobUsos. orisnbslis I. x. 381). III. Der Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches hatte auch nachtheilige Folgen für die bis dahin mächtigen jüdischen Stämme in und um Hathrib. Dieser Punkt ist für die Geschichte der Juden noch gar nicht ins Auge gefaßt worden. Er läßt sich aber zu einer allerdings, der Natur der Quellen nach, beschränkten Gewißheit erweisen. Bei der Schwächung der jüdischen Stämme welche bis dahin über die arabischen Stämme Kail «gespalten in die zwei Hauptstamme Aus und Chazrag) geherrscht hatten, spielt in den arabischen Quellen der Chazragite Malik Jbn-Aglan eine Hauptrolle. Er hat nämlich Note 10. 37 7 einen stammverwandten mächtigen Häuptling mit einer Schaar kriegerischer Beduinen herbeigerufen und mit ihrer Hilfe die Juden von Jathrib zum Stande von Clienten (Mawali) heruntergebracht. Es kommt nun darauf an, chronologisch zu bestimmen, wann dieser Malik Jbn-Aglan gelebt hat, und wer der Beduinenhäuptling war. Läßt es sich Nachweisen, daß diese Personen und dieses Factum der Zeit nach dem Untergangs des jüdisch-himjaritischen Reiches angehören, so wäre hiermit der Fingerzeig für die pragmatische Verknüpfung gefunden. Oamssiu äs ^siosvecl setzt zwar Malik und das Factum der Unterjochung der jüdischen Stämme von Jathrib um 492 — 495 (a. a. O. II. S. 559—53). Ich glaube aber, daß sich der berühmte Historiker der mohammedanischen Geschichte der Araber in diesem Punkte wie in manchen Andern in Betreff der Chronologie versehen hat. Malik kann nämlich nicht am Ende des fünften Jahrhunderts bereits ein Krieger im Mannesalter gewesen sein aus folgenden Gründen: l) Ein Urenkel dieses Malik, mit Namen Ab bas, gehörte zu den zwölf Medinensern, welche Mohammed einluden, sich in ihrer Stadt niederzulassen (im Jahr 621): Abbas b. Obada, b. Thalaba, b. Malik Jbn-Aglan (äs i'srosvol III. S. 2). Mag nun dieser Abbas im genannten Jahre auch nur ein Dreißiger gewesen sein, so war er um 590 geboren. Folglich wurde sein Urgroßvater Malik um 490 geboren, wenn drei Geschlechter von einem Jahrhundert umspannt werden. Malik kann demnach nicht um 495 die Juden Jathrib's bekämpft haben. 2> Nachdem die beiden jathribensischen Stämme Aus und Chazrag die Oberhand über die jüdischen Stämme gewonnen, entzweiten sie sich und führten gegen einander eine zwanzigjährige Fehde, wobei wiederum derselbe Malik eine Hauptrolle spielte. Dieselbe Fehde setzt Os.ussrn äs I?sresvsl ebenfalls zu früh an zwischen 497 — 517 (das. II. 657 sf.). Denn am Ende der zwanzigjährigen Fehde vermittelte ein angesehener Chazragite Abu Hassan Thabit den Frieden, indem er Schiedsrichter zwischen den beiden Stämmen war. Thabit's Sohn, der Dichter Hassan, preist seinen Vater wegen dieser That in einem Verse, den das Libg,I> aufbewahrt hat. Er lautet nach Oanssin äs ksrosvsl's Uebersetzung (das. II. 661): „O'sst mon xtzrs (' 2 -n) Hirt s, Isrrnius 1s äiüsrsnä st ooneln 1a, pslx — sntrs Iss xartiss aä- vsrsss rasssuMsss autour äs Ini." Dieser Hassan, der Sohn des Schiedsrichters, der noch während Mohammed's Zeit blühte, wurde nach sichern Traditionen 7 oder 8 Jahre vor Mohammed geboren (um 562 — 63; Oanssiu äs ksrssval ibiä. II. S. 669). Sein Vater Thabit muß aber zur Zeit seines Richteramts bereits in den besten Jahren gestanden haben; denn einem bartlosen Jüngling würden sich die kriegerischen Stämme nicht gefügt haben. Wäre er also nach Oausslu äs I'srssval's Annahme, um 517 oder auch um 520—25 Schiedsrichter gewesen, so hätte er den Sohn als sin Siebziger oder Achtziger gezeugt haben müssen. Oanssin äs iksrssval fühlte diese Schwierigkeit und will den Ausdruck bei Hassan „mein Vater" durch „mein Großvater" in poetischer Freiheit gebraucht wissen. Aber das ist ein gezwungener Nothbehelf. 3) Es ist aber durch einen andern Umstand erwiesen, daß dieser Thabit und folglich auch der fragliche Malik, der Unterjocher der jüdischen Stämme, im sechsten und nicht im fünften Jahrhundert geblüht haben. Thabit war nämlich noch thätig bei der zweiten Fehde zwischen den Ans und Chazrag, bei „dem Kriege Chatib", dessen Ende ein arabischer Annalist und mit ihm 378 Geschichte der Juden. Oaussiir äs k?srosva,1 selbst in das Jahr 612 setzen (das. II. 686). Thabit schon ein Greis, mar in Gefangenschaft gcrathen und murde zum Spott gegen einen alten Bock ohne Hörner eingelöst. Mag er im Jahre 6lö ein hundertjähriger Greis gewesen sein, also geboren um S15, so kann er doch nicht um 517 oder 520 den Frieden vermittelt haben. Man muß demnach die erste Fehde zwischen den Stämmen Kail später ansetzen, als es Oaussiu äs ksrosval thut, zwischen 530 — 40 und das Ende derselben 550—69. Dann hatte Thabit das rechte Alter, um Schiedsrichter zu sein und einen Sohn im Jahre 562 zeugen zu können. Folglich war Malik Jbn-Aglan, der Gegner der jathribensischen Juden, erst in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts Häuptling der Chazragiten. 4) Diese Annahme, daß die Unterjochung der Inden von Jathrib erst nach 530, d. h. nach dem Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches, stattgefunden hat, wird auch von einer anderen Seite bestätigt. Nach den arabischen Nachrichten hat Malik die Juden durch die Hilfe eines auswärtigen Häuptlings gedemüthigr. Dieser Häuptling war kein anderer als der in der arabischen, byzantinischen und persischen Geschichte berühmte Ghassanidenfürst Harith Jbn-Abu Schammer, auch der Hinkende (^la-i-aZ) genannt. Ibrahim Halebi (bei Weil Mohammed S. 410) nennt den von den arabischen Stämmen gegen die Juden zu Hilfe gerufenen Häuptling vom Geschlechts G'ofna oder G'afna, d. h. einen Ghassaniden. Denn der erste Ghassanidensürst hieß G'ofna (Oaussiu äs iksrosval a. a. O. II. 207). Harith's Vater hieß zugleich Harith und G'abala; nian bezeichnet also den Sohn, den Parteigänger des byzantinischen Reiches, entweder nach dem Namen des Vaters Harith Jbn-G'abala, oder nach dem des Großvaters Jbn-Abu-Scham- mir. Von diesem Harith berichtet Procop, daß ihn der Kaiser Justinian im Anfänge seiner Regierung über sümmtliche Araber, die unter byzantinischer Botmäßigkeit standen, gesetzt und ihm sogar den Königstitel verliehen hat, was bis dahin ohne Beispiel war (äs dsllo xsrsisa, I. 17 S. 89): ö-v FH ör- röv ?r«7ö« krrk'ori/akr, WS er I^pa/Ilo-s aörw on rrgvrkpov roi-rH er /e ^e^orös -rw-rore. Merken wir UNs, daß Procop den Ghassanidenhäuptling, dem Justinian erlaubte, sich König zu nennen, Arethas Sohn des G'abala nennt, d. h. ins Arabische übersetzt: Harith Jbn-G'abala. Wenn nun Maßudi berichtet, daß ein Ghassanidenfürst von den Römern mit dem Titel Phylarch bekleidet wurde, so werden wir sofort auf Harith Jbn-G'abala rathen, und wenn er ihn Abu-G'obaila nennt, so werden wir sofort auf Harith G'abala rathen, und wenn er ihn Abu-G'obaila nennt, so werden wir keinen Anstand nehmen, das wn in i-n zu emendiren (vergl. Oaussru äs ksrssvs.1 a. a. O. II. 225): läa^ouäi uoirs s-pprsirä, <^u'11 >^.bou-Osol>s.)äai avait sts iirvssbi Iss Ü,oius.iii8 äs Io. ärZiritö äs i?ti^Ia.r^us. Keineswegs werden wir eine andere Persönlichkeit daraus machen, etwa einen Abu-G'obaila, wie es Oaussiu äs iksrosval thut, da Procop aussagt, daß die Titelverleihung an einen arabischen Häuptling von Seiten der Römer bis auf Arethas b. G'abala ohne Beispiel war. Nun berichten das Litab s.1 -H.AÜs.»i und Jbn-Khaldun, daß der Häuptling, den Malik gegen die Juden zu Hilfe gerufen hat, Abu- G'obaila hieß (bei Ouussiu äs iksresvul II. 650 f.). Wir müssen auch hier an den Ghassanidensllrsten Harith Jbn-G'abala denken, um mit Ibrahim Halebi in Uebereinstimmung zu bleiben, der denselben Häuptling vom Note I I. 379 Geschlechts G'ofna stammen läßt, d. h. von der Ghassanidenlinie. Wir brauchen auch hier nur in pn„, d. h. Abu-G'obaila in Jbn-G'abala zu emendiren. 5) Wir haben um so eher bei der Unterjochung der jathribensischen Juden durch einen auswärtigen Häuptling an Harith Jbn G'abala oder Harith Jbn-Abu-Schammir zu denken, als einer der ältesten arabischen Annalisten Jbn-Kutaiba tradirt, daß ebenderselbe in Arabien war, die Juden von Chaibar besiegte, ihre Frauen und Kinder in Gefangenschaft führte, später sie aber zurückschickte: n.-ch.-m 12 'oo°> ir'n - 022 ° -on ^ 01 p »2 ip- s.ipnr.i (Ibn-Hutaists. sä. IVüstsnIslä x. 314). Derselbe Harith hat auch den jüdischen Dichter auf dessen Burg Ablat belagert. Er hatte also die Juden auf der arabischen Halbinsel bekriegt. Es ist also ziemlich gewiß, daß er es war, den Malik gegen die Juden von Jathrib zu Hilfe gerufen hat. Durch diese Annahme ist die Chronologie dieses Factums gesichert. Denn die Blüthezeit dieses arabischen Häuptlings mit dem Königstitel ist durch die byzantinischen Schriftsteller ziemlich gesichert. Oaussin äs I?sresval setzt ihn zwischen 529 — 70 (a. a. O. II. 233). Vom Jahre 531 wissen wir, daß er, nach Procop's Bericht in Belisar's Heer im Kriege gegen die Perser betheiligt war und zur Niederlage derselben bei Kallinikus beigetragen hat. Wenn er es also war, der Malik gegen die jüdischen Stämme zu Hilfe gerufen hat, so kann dieses im Jahre 530 geschehen sein, mithin gleichzeitig mit dem Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches. Wenn wir in der Gleichzeitigkeit der Facta, des Unterganges des jüdischen Reiches von Himjara und der Unterjochung der jüdischen Stämme Nadhir und Kuraiza, einen pragmatischen Zusammenhang vermuthen können, so wird diese Vermuthung durch eine Tradition bestätigt. Das Utast al-XAtrani tradirt, Malik Jbn-Aglan habe den jüdischen Fürsten Alghitjun getödtet (bei Os-ussirr äs t?srssvsl das. II. 654). Derselbe beweist auch aus dem Narilr Larnioi, daß Alghitjun (p'.-v^.--) nicht Eigenname, sondern Titel war für die Juden in Jathrib. Nowairi tradirt, daß der Ghitjun ein Verwandter und Repräsentant des Königs von Himjara war. Seit Tobba Abu-Kariba, wenn nicht schon früher, war Jathrib von Himjara abhängig. Man kann sich also denken, daß dis judaisirten Könige von Himjara, namentlich Dhu-Nowas, einen Juden zum Fürsten über Jathrib gesetzt hat, zumal die jüdischen Stämme die Oberhand daselbst hatten. Wenn Malik den Ghitjun oder jüdischen Statthalter getödtet hat, so hat er damit die Unabhängigkeit Jathribs von Himjara ausgesprochen, und dieses kann erst nach dem Tode des Dhu-Nowas oder in Folge dessen geschehen sein. Der Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches hatte demnach die Schwächung der jüdischen Stämme in Jathrib in Gefolge, >guoä srab äsraonsbranäurn. I I. Der Gritarch Kostnna'i und die persische Königstochter. Die interessante Nachricht, daß Bostanät, der Begründer einer neuenZ Exilarchenlinie, eins persische Königstochter in der Ehe hatte, stammt aus einer Z Ueber die früheren Exilarchen vgl. Lsvus äss Lt. s. VIII 122; Kobak Jeschurnn VIII 77. 380 Geschichte der Juden. authentischen Quelle, deren Worte, genau abgewogen, manchen Jrrthum berichtigen können, welcher sich durch secundäre und tertiäre Quellen in die jüdische Geschichte eingeschlichen hat. Die Hauptquells ist R' Hat in einem Rechtsgutachten (Issoinidot daoiiiiii 8e1ia.a.rs 2säslc p>. 3 a, Nr. 17). Sie erzählt: Der zweite Chalife Omar gab die Tochter des Perserkönigs Chosru oder Kesra dem Exilarchen Bostanai als Sclavin; dieser heirathete sie und zeugte mit ihr einen Sohn, welchen die Söhne von anderen Frauen als Sclaven behandeln wollten: (-2212 l.) - 22:2 22 i, 22 ->L- bp 82 L- -8:-:n ( 22 ) 8122 8vi7: w -2 - 8:2212 12VP1 NM 10 22 b '1 2:222 78P2L-- q7l2 (2822 l.) 0820 12 22p 2 - 22 -: 222-2 212 172 812 12p 2221L-2 NM 872 .222 1228L- 122 w- 2222 212-L-1 -222 Ipbnv 122127 1'28 1-7P L--I 8V2 ,2'22 2222- 822b 2122-2- 222- 8222 818-2 -81-12 '2 2V 2221 1-282 2122-2- 1'2P1 22222 -b 12>21 212 8-L-: -812212 , 2282 - 122 . Zunächst ist hier deutlich gegeben, daß die Sclavin oder richtiger Gefangene die Tochter Chosru's war, und nicht die Tochter des letzten Sassanidenkönigs Jesdigerd II. Bestätigt wird die Nachricht zum Theil durch Abulfarag Barhebräus, welcher erzählt: Die Töchter des Chosru, welche als Gefangene bei Omar waren, haben ihn vor einem persischen General gewarnt: ppim -12 12-22 8-22 80 - 22-22 12022 1-2 2 - 2:2 ivpb (^.sssraanl didliotdsos, orisutal. 1 III. xaro 1 x. 422). In der That kann es nur eine von Chosru's Töchtern gewesen sein; denn Jesdigerd war nach einigen Annalisten noch im Knabenalter, als er auf den Thron gesetzt wurde (632 oder 634), nach Andern höchstens als ein Sechzehnjähriger. Er konnte also keine mannbaren Töchter gehabt haben, als seine Hauptstadt in die Hände der Mohammedaner fiel (637). Damit fällt Abraham Jbn-Daud's Angabe als ungenau weg, die da lautet, daß Omar Jesdigerd's Tochter dem Bostanai gegeben habe: 72- 1-0021 1-22 12 b.n 1 022 nirb.v nipp: 28-228 p 22 p - 2-2 -2 21 b: 2-82 - 8:2212 '27 22221 - N 2 INN b 8 p 2 L-- 172 22 P 1 - 22-2 22 S ib -2 22221 -. Der ganz unzuverlässige Theophanes giebt zwar an, dis Mohammedaner hätten des letzten Perserkönigs Tochter in Gefangenschaft geführt, aber um seiner Unzuverlässigkeit das Siegel aufzudrücken, nennt er diesen König Hormisdas: Ol ü- M^aloirkr>a»r -ra? rvö "0^>^laüvv Ai-/«rtp «? (OstroiiOArapliia. I. x. 522). Auf der andern Seite sehen wir aus R' Hai's Tradition, mit welcher Abraham Jbn-Daud übereinstimmt, daß Omar die gefangene Königstochter Bostanai geschenkt hat. Damit fällt die Angabe in dem Sagenbüchlein Geschichte des Hauses David (212 r>-2 22-^2 Amsterdam 1753 , ausgezogen in Heil- perin's 8scisr Iig.-Oorot. S. 37) — als unhistorisch, daß namentlich Ali, der vierte Chalife, aus Verehrung für Bostana'l ihm die Königstochter geschenkt habe: .22-82 .22.82 ib.2 22 (-8:2227) ib . . . 2782-28 12 -bp 12:1. Auch Jbn-Jachja hat, wahrscheinlich aus derselben Quelle, die falsche Angabe, daß Ali sich freundlich gegen Bostanai erwiesen habe: -8:12012 2182 222 -bp 82p:.i bnpvw- ib.21 22s i7v 22 22-87 ib 12:1. Uebrigens, wenn auch das ganze Büchlein vom Hause David's einen sagenhaften Charakter hat, so mag es doch manchen historischen Zug enthalten. Er beruft sich auch namentlich in der letzten Partie auf „Denkwürdigkeiten vom Hause David's" (212 2-27 21:12212 iro oder 212 2-2 -222). Die Sage von dem Traume eines Perserkönigs, daß er in einem Lustgarten (Bostan) sämmtliche Bäume bis auf ein kleines Reis umgehauen, von der Deutung dieses Traumes und von dem Namen Bostanai (1.222 82p:.i 1:2 22- b>- -8:222), scheint schon im neunten Jahrhundert in Schwang gewesen zu sein, da der Verfasser des 8sä.sr Ols-iii 8utts. diese Sage benutzt hat und sie ungeschickt auf den Exilarchen Mar-Sutra übertragen hat (vergl. Note 1). Auch den Note 11. 381 Umstand von dem Wappenbilde des Bostanaischen Hauses, einer Fliege, hat das 8 säor Oiain 8 ubts, aus „den Denkwürdigkeiten" entnommen, hat ihn aber auf eine andere Weise gedeutet. Das Sagenbüchlein hat auch den Umstand, daß dis Söhne Bostanai's von seinen jüdischen Frauen die Ehe mit der Königstochter als illegitim angegriffen haben. Nur giebt es, im Widerspruche mit der obengenannten Hauptguelle, an, Bostana'i habe mehrere Söhne mit der Königstochter gezeugt. 2'8'L22 122 22'bp 122p 1212 '228: 2^2 2122 ii> nbin von .-msL> 22 — 228 12281. So mag der Zug, daß die Königstochter Dara (.2282) hieß, echt historisch sein, wenn es nicht eine Corruptel von 1222 ist. Jedenfalls stammt die Sage, welche Bostanai und sein Haus verherrlichen will, aus Babylonien, da man in Palästina, wie oben (Note Nr. 1- angegeben, Bostanai und seine Linie nicht als legitime Exilarchen und nicht als von dem König Jojachin abstammend, anerkannt hat. Uebrigens darf man die Erzählung, daß Omar Bostanai die gefangene Königstochter geschenkt hat, nicht streng nehmen. Denn Omar war nie in Irak, und Bostanai wird auch schwerlich bei Omar in Medina gewesen sein. Der Befehl mag von diesem Chalifen, der den mohammedanischen Feldherren über Alles Instruktionen ertheilte, dem General Saad, dem Eroberer von Ktesiphon, gegeben worden sein, die Dienste des jüdischen Parteigängers durch ein solches Geschenk zu belohnen. Dieser Punkt muß näher beleuchtet werden, er ist für die Geschichte des Exilarchats und der jüdischen Geschichte, deren Mittelpunkt das Exilarchat eine Zeit lang war, zu wichtig. Zwei Quellen von Augenzeugen, welche über den Glanz des Exilarchen berichten (wovon weiter Note 12), stimmen darin überein, daß der Exilarch eine Ehrenstellung im Chalifat eingenommen hat. „Wenn er ein Anliegen beim Chalifen hatte, so schickte dieser dem Exilarchen einen Staatswagen, in dem er aber anstandshalber nicht sitzt, sondern ihn seinem Wagen vorangehen läßt": 22222 (n-iivb) ii> 12221 1222 228:2 i>28 212822 2:22 uro 22 2212 2'2 881 — 18 2L>8 22D22 (bei Jbn-Verga LoUödsb ilsduäs. Nr. 42). Bei der Audienz hatte er einen Ehrensitz (das. und Nathan Babli in Jochasin). Der Exilarch hatte beim Ausfahren eine Ehrengarde von 5V, später 15 Läufern: virm 2-28121 (Nathan) 1222 r '22 2--8 2 - 2 " 22 i. 2-M8 i"is Daß die Würde des Exilarchats von den Chalifen nach geschehener Huldigung bestätigt wurde, wird sich bei der Untersuchung über die Reihenfolge der Exilarchen zeigen. Es ist nicht sehr fehl gegriffen, wenn das NausssU Lsb-Ouvlck diese fürstlichen Prärogative zuerst an Bostanai ertheilen läßt: "wo 812 j22p2>l8l 2'2°>1L' 12' 2222 211281 21V22 5122222 ('81222 28) 12'22.22 1822 w'1 8121 222 1211222 2"2ri2> 2228 82-222121 8P2221 8-212 - 212'2" -2'82 12181 212222 -22-r .2222 s2I 8822" Diese Ehrenstellung genossen die vorbostonaischen Exilarchen keineswegs. Denn im Talmud wird nichts davon erwähnt, nur das Eine wird hervorgehoben, daß die Exilarchen die Besugniß der Strafgerichtsbarkeit hatten: -282 N12P22 SP2 28 P212V 2222 22121). Die persischen Könige wahrend der letzten talmudischen Zeit und nach derselben seit Jesdigerd I. (458) waren versolgungs- süchtig gegen die Juden oder mindestens doch ihnen nicht sehr gewogen. Diese haben schwerlich den Exilarchen eine Ehrenstellung verliehen. Sicherlich war daher Bostanai der erste Exilarch, welcher die Würde mit Prärogativen genoß. Wie Omar für geleistete Dienste Bostanai die persische Königstochter als Sclavin *) Vergl. llsvus äss Hb. j. VIII p. 122. Geschichte der Juden. schenkte, so hat er ihm wohl auch ein gehobenes Ansehen und eine Art fürstlicher Würde innerhalb der Judenschaft verliehen. Von welcher Art diese Dienste waren, läßt sich thsils aus der Zeitgeschichte, theils aus der Analogie von der Stellung ver Würdenträger der nestorianischen Kirche folgern. Die Mohammedaner, die zugleich dem byzantinischen und persischen Reiche den Krieg erklärten und für die Schlachten mehr fanatische BeZi geisterung als Hesresmassen, mehr persönlichen Muth als Taktik hatten, mußten sich nach Verbündeten umsehen. Darauf waren sie von Hause aus bei ihren öftern Fehden angewiesen. In Irak boten sich ihnen die nestorianischen Christen und die Juden als solche, da diese mit der Wirthschaft der persischen Könige und namentlich der Anarchie seit dem Tode Chosru-Firuz Ursache hatten unzufrieden zu sein. Daher mochten die arabischen Feldherren im Namen des Chalifen diesen zwei Religionsgenossenschaften Freiheiten und Privilegien bewilligt haben. Von den Nestorianern wissen wir das entschieden. Omar ertheilte dem nestorianischen Katholikos Jesujaba ein Diplom. Ali setzte Maremes zum Patriarchen oder Katholikos ein und gab ihm ein Freiheitsdiplom, weil er mit seinen Glaubensgenossen ihm bei der Belagerung von Moßul Vorschub geleistet hat (vergl. darüber Xsssvaani bidllotüsos, orisntalis äisssrbabio äs s^ris llsstoriaräs 1. III. xars 2 x. XOV). Von welchem Inhalte das Diplom war, erfahren wir aus einer Bestallungsurkunde für einen Katholikos, die erst in jüngster Zeit von Kremer aufgefunden worden. (Zeitschrift der deutsch- morgenl. Gesellschaft Jahrg. 1853 S. 219). Die Urkunde ist zwar für den Katholikos Ebedjesu ausgestellt, der 1944 —1075 sungirte, also von dem Chalifen Kann Biamarillah: aber sie beruft sich auf den alten Usus und bestätigt früher ertheilte Privilegien. Diese Bestallungsurkunde bestätigt den Katholikos (z>'8nn'^n) und Patriarchen (iiuiobn) Ebedjesu in der durch rechtmäßige Wahlhandlung ihm übertragenen Würde, nachdem über sein Verhalten Erkundigungen singezogen worden, und ernennt ihn zum Primas der Nestorianer Bagdad's und anderer Gemeinden, die im Ländergebiet des Islam wohnen. Er allein soll das Recht haben, den üblichen Ornat zu tragen, und keinem Metropoliten, Bischof oder Diakonus sei der Gebrauch der Insignien gestattet. Die Urkunde bestätigt ferner die Privilegien, welche die reinwandelnden Chalifen (d. h. die vier ersten: Abü-Bekr, Omar, Othman und Ali) der nestorianischen Kirche gewährt haben. Die wesentlichen Funktionen des nestorianischen Katholikos werden namhaft gemacht: Neben der Oberaufsicht über die kirchlichen Angelegenheiten und die religiösen Stiftungen: 1) Die jährliche Erhebung des Schutzgeldes ("n-i^bn nnsmon) von allen Männern, mit Ausnahme der Unmündigen, und Ablieferung desselben an die Staatskasse; 2) die Handhabung der Gerechtigkeit innerhalb der Confes- sionsgenossen. Der Katholikos wird ermahnt, in Rechtshändel vermittelnd einzuschreiten, dem Schwachen gegen den Gewaltthätigen beizustehen und „überhaupt, das, was sich zum Unrechte hinneigt, zum Rechten wieder zurückzuleiten". Man sieht daraus, daß der Katholikos der nestorianischen Kirche von Seiten der Chalifen nicht bloß als geistliches Oberhaupt, sondern auch als weltlicher Würdenträger anerkannt wurde, und zwar schon von den ersten vier Chalifen. Sicherlich hatte der Resch-Galuta dieselbe Stellung- zum islamitischen Staate wie der nestorianische Katholikos, und wenn wir auch kein Diplom darüber besitzen, so sprechen dafür die weiter zu erwähnenden Momente, daß Note 12. 383 die Chalifen die Wahl der Exilarchen bestätigten oder verwarfen. Es spricht ferner dafür was Scherira berichtet: die Exilarchen hatten früher „Macht von Seiten des Königs", d. h. des Chalifen besessen: (mm^ -wni) Aus dem Umstande, daß Bostanai so sehr in Gunst stand, daß er eine Königstochter von Omar als Geschenk erhielt, ist zu folgern, daß ihm zuerst die dem Exilarchate zugestandenen Prärogative, Macht- und Ehrenstellung ertheilt worden sind, aber ein solches Verhältnis! hat Omar wohl schwerlich aus Zuvorkommenheit gegen die Juden dem Exilarchen eingeräumt, sondern sicherlich nur für Dienstleistungen. Man kann also Bostanai als den Begründer des fürstlichen Ansehens der Resch-Galuta betrachten. — Bostanai's Blüthezeit ist durch sein Verhältniß zu Omar gegeben, im Jahre 637, als Ktesiphon eingenommen wurde (denn früher können die Königstöchter nicht in Gefangenschaft gerathen sein) stand er in heirathsfähigem Alter. Wenn man dem Naasssli LotL - Os.viä trauen dürfte, war Bostanai damals 35 Jahre alt und unverh eirathet (m:e' p mmoa .mm). Er wäre demnach 602 geboren. Da er bei seinem Tode erwachsene Söhne hinterließ, so kann man mindestens seinen Tod um 660 ansetzen. 12 . Die Reihenfolge der nachbostanaifchen Erilnrchen und ihre Bedeutung ) Scherira, der uns mit der Diadoche der Schulhäupter bis auf Jahr und Monat ihrer Funktionen bekannt macht, hat, wie es scheint, geflissentlich einen Schleier über die Exilarchen geworfen. Sie waren ihm und den Mitgliedern der Lehrhäuser mißliebig. Wenn Scherira von sich rühmt, er stamme aus dom Exilarchenhause, so fügt er, wie um einen Makel abzuweisen, hinzu: „aber nicht von den Söhnen Bostanai's: w.n mmn mmoa nbi Daher mochte dieser Annalist den Exilarchen von der bostanaischen Linie nicht die Ehre anthun, ihre Reihenfolge anzugeben. Dieser Punkt ist daher im Dunkel gehüllt. Wir wollen versuchen, ihn durch gelegent- liche Notizen bei Scherira und anderweitigen Quellen ein wenig aufzuhellcn weil das geschichtliche Verständniß nicht selten davon abhängt. Es handelt sich zunächst um den unmittelbaren Nachfolger Bostanai's, der, wie angegeben, mehrere legitime Söhne hinterlassen. Aber gerade der Name und die chronologische Stelle desselben ist unbekannt geblieben. 1) Eine Quelle in Zacuto's Jochasin (wahrscheinlich von Nathan dem Babylonier herrührend) und der Karäer Jefet b. Said nennen zwar Bostanai's Nachfolger Chasdai: (bei Jochasin); wa) pv u?) mm in n) mm 'nion (Jefetl. Aber diese Angabe ist entschieden falsch. Denn diesen Chasdai nennt Scherira ebenfalls und zwar als Vater des Exilarchen Salomo. Nun dieser Salomo fungirte sicherlich im Jahre 733: Denn in diesem Jahre setzte er Mar b. Samuel zum Gaon von Sura ein. bmve- io ->r> n nmio wn nion io nvbe- mbpe> monva mn nin pw -) monllv m:m (Dieser Mar b. Samuel wurde eingesetzt im Jahr 1044 8s1. — 733, sUeber die Exilarchen vergl. Lazarus in Brüll, Jahrb. Bd. X. (H.)s 2) Frankel, Monatschrift Jhrg. 1883 S. 186; Dsvus äss Db. s. XII x>. 262. 384 Geschichte der Juden. nach der von mir corrigirten Chronologie der Gaonen in Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1857 S. 383 und die Tafel dazu). Der Exilarch Salomo sungirte aber noch im Jahre 759; denn er setzte auch den Gaon R' Jehudai ein, nach Scherira: nnwo n:n nbi unnomsv -oz nini — mun' nr> cnnb n'rm nu'^^ n^V^ nNpw 'vo mn r;n nmw ldieses geschah 1070 8s1. — 759; a. a. O.) Der Exilarch Salomo sungirte also jedenfalls 733—759, aber auch vorher, denn er war bereits Exilarch, als er Mar b. Samuel einsetzte. Nehmen wir an, daß er die Exilarchenwürde 730 übernahm, so fällt das Exilarchat seines Vaters um 700—730. Bostanai sungirte aber (wie in der vorigen Note angegeben) bis um 680. Es bleibt also zwischen Bostanar und Chasdai eine Lücke von 40 Jahren für mindestens einen Exilarchen. Gerade um diese Zeit zwischen dem Todesjahre Bostanai's und dem Jahre 1000 8s1. — 689, d. h. in der unmittelbar nachbostanaischen Zeit, während seines ersten Nachfolgers, fallen die Reibungen zwischen dem Exilarchen und dem Collegium der suranischen Hochschule, von denen Scherira berichtet. Er giebt an: „Die Reihenfolge der suranischen Gaonen vor dem Jahre 1000 8s1. vermag ich nicht in Ordnung darzustellen, weil es unter ihnen Entartung und Haß gegeben, und die Exilarchen haben sie ein- und abgesetzt: erst vom Jahre 1000 an ist mir die Reihenfolge bekannt:" n'ea- in) un'ni n) mono unrio uni mvM pn)- > 12 - p)mm rvL- — ;:n) pnnnm pn) om'Lvi ur.n'^n kun-om pnI nmi nion )p pni st ll'p stm; -pn. Die Streitigkeiten fallen demnach vor 689. Schwerlich übte Bostanar selbst dies Willkürregiment; denn in diesem Falle würde R' Hai, der in dem oben (S. 413) citirten Rssxonsuiii von ihm referirt, nicht ermangelt haben, ihm etwas anzuhängen. Es ist demnach wahrscheinlich, daß erst Bostanai's unmittelbarer Nachfolger ein strenges Regiment gegen die suranischen Schulhäupter handhabte. Man könnte sogar aus Scherira's Ausdruck : ,,)in) pnopn vmwn" folgern, daß bis zum Jahre 1000 8s1. — 689 m ehrere Exilarchen sungirt haben. Falsch ist es also jedenfalls, auf Bosta n ai unmittelbar CH asdar folgen zu lassen*). Wir müssen vielmehr annehmen: 1) Bostanar; 2) eine Lücke?) von mindestens 40 Jahren für einen oder mehrere Exilarchen, Söhne oder auch Enkel Bostanai's; 3) Chasdai; und 4) Salomo b. Chasdai. War, wie die Karäer angeben, David, der Vater des karäischen Schismatikers Anan, ein Sohn Chasdai's, so hatte dieser zwei Söhne: Salomo und David. Die Karäer lassen den Exilarchen Salomo weg, obwohl seine Exilarchatsfunktion durch Scherira am meisten bekundet ist, weil sie Anan's Vater zum Exilarchen stempeln wollten. Wir haben oben gesehen, daß der Exilarch Salomo noch im Jahre 759 sungirt hat. Wie viele Jahre er noch später in Funktion war, hängt von dem Datum ab, in welches das Schisma des Karäismus oder das Auftreten Anan's zu setzen ist. 2) Wir müssen uns auch hier von Scherira's genauer Angabe leiten lassen. Er referirt: „Während die zwei Brüder Jehudai sin Surai und Dudai (in Pumbadita) gleichzeitig fungirten, trat Anan auf: vom (mim-) um: pp poi o'v'n inn pi°>o nnmno pnnno am-» rn (min). Nun fungirten *) Handschr. OarnascriZ 1383. nvbwi mnom nnn io mmn m- 2 mo mwr mion: nun' nni npom mn pn 2 n nno 'wur mn mm nn:n' n^om mn pnpn (Nösponsa Ononiva sck. Ilarlravy S. 378). ^) sDie Lücke in der Reihe der Exilsfürsten ist von Halberstamm theilweise ergänzt worden in der Zeitschrift Lob. Is-Inauä IV 339. (H.)j Note 12. 385 diese zwei Brüder (der erste 1070—73, der andere 1072—75 8s1.) nur in den zwei Jahren 1072—73 gleichzeitig — 761 oder 62. Demnach fiele Anan's Auftreten in eins dieser Jahre. Die arabischen und karäischen Schriftsteller haben andere Data, welche zwar dem Ermittelten nahekommen, aber sich als nicht ganz genau ausweisen. Makrizi berichtet (aus einer alten Quelle) an einer Stelle: Anan sei im Jahre 140 der Hegira vom Morgenlande nach Bagdad gekommen und habe das Schisma herbeigeführt (bei äs 8s.ezr Edrsslornatlris s-rads 2ins sä. I Text p. 91 und Uebers. 287): zv ona znmp oap. in' chn "na'e.npn zv "n'niri ppaindn w paw5n. Das mohammedanische Jahr 140 entspricht dem christlichen 758, also eine Differenz von 3—4 Jahren gegen Scherira's Datum. An einer andern Stelle giebt Makrizi ein anderes Datum an: Anan sei vom Morgenlande nach Irak im Chalifat des Abugafar Almansur gekommen, im Jahre 136 d. H.: 's pnapn chn pae-8n zn znmp oap: nawpo 'w ^2 p'nit'n: r>V "iw aspp wn puanadn anan "isnv'n (das. 100 und 294); d. h. im Jahre 754. Dieses Datum scheint von den Karüern zu stammen. Denn der erste kariiische Annalist Jefet b. Said hat diese Zeitbestimmung (in iiwi npnp.p): nwa aw- 2 pn prpaw^ naw (pp npchn) vaa.n an n'.n: na'pi pp": r":p. Die jüngeren Kariier haben dieses Datum in verstümmelter Gestalt tradirt; aus asp-wn machten sie appnan, und das Jahr der Hegira 136 übertrugen sie auf das Jahr der Welt 4400. Diese Angabe darf also gar nicht in Betracht gezogen werden. Wir haben also nur drei differirends Data: das Jahr 761—62 (Scherira), das Jahr 758 (Makrizi) und das Jahr 754 (Kartier). Das letzte Datum beruht offenbar auf einer Confusion. Weil es bekannt war, daß Anan unter dem Chalifen Abugafar Almansur aufgetreten ist, und dessen Regierung im Jahre 136 d. H. — 754 begann, haben die Kartier dieses Jahr auch für den Anfang des Schisma genommen. Das mittlere Datum 758 — 140 d. H. ist eine runde Zahl, die schon deswegen gegen eine präcisirte zurücktreten muß. Außerdem wissen wir, daß noch im Jahre 759 der Exilarch Salomo fungirte, folglich kann Anan nicht ein Jahr vorher aufgetreten sein. Wir nehmen daher Scherira's Datum 761—62 für das Jahr des karäischen Schisma als von allen Seiten gesichert an, und zwar in der Art, daß Salomo bis dahin als Exilarch fungirt hat. Erst mit seinem Tode begann die Rivalität um die erledigte Exilarchenwürde und in Folge dessen die Spaltung. 3) Der nächste Nachfolger Salomo s läßt sich schwer ermitteln. Es herrscht nämlich Meinungsverschiedenheit zwischen Rabbaniten und karäischen Schriftstellern, ob Anan förmlich als Exilarch eingesetzt war oder nicht. Scherira schweigt über diesen Punkt hartnäckig. Abraham Jbn-Dand, allerdings ein jüngerer und in Betreff der Karäer nicht unparteiischer Annalist von rabbanitischer Seite, behauptet: Eben weil Anan wegen seiner heterodoxen Richtung nicht zur Exilarchenwürde zugelassen wurde, habe er aus gekränktem Ehrgeize gegen den Talmudismus Opposition gemacht: (in l.) iw nwr> pp. zr> m:pw ui an pnw "paen na p usv i>ws poa> w nw.-n nd'nna nni oan awpni nun llwoi ndap ":p2 nn nwnd 12p — wpa nwnw ntw.i p->m nNa irna nnni, owe-n Dieselbe Behauptung, nur ausführlicher, theilt ein Karäer des dreizehnten Jahrhunderts, Elia b. Abraham, im Namen eines Rabbaniten, wahrscheinlich Saadia's, mit in seinem Werke ww-n amap nppn (Ms. zum Theil ausgezogen in NriAlanä äischrids äs ssata Xarasornnr p>. 242, vollständig abgedruckt in Pmsker's läünts Beilage Nr. XII). Es wird behauptet, Anan, obwohl gelehrt, sei seinem jüngern und minder tüchtigen Bruder Anania nachgesetzt worden, weil seine Religiosität verdächtig war, und wegen dieser Zurücksetzung habe Anan, um der ihm Graetz, Geschichte der Juden. V. 25 386 Geschichte der Juden. von Seiten des Chalifen drohenden Strafe zu entgehen, eine neue Sekte gestiftet. 12p 7X 17 777 PV '2 17717P2- 71227 71771'— 7^117 f->72-2 PV^ -1717 72-X 2777 >7ll 17'2V7b 7177 '277 127 xf-1 2-12-71 77177 1'7X 7-1172 f-171 7'7 PIN 7'II7 12 21 1122 7112--7I 711V 71NN 212-2 1'7X 7'117 bx 27'12 1221 7X7' P7271 71V72 7177 '122 7lil 2X7 i>v'b71 V7 2'X ^71 -77 pv X1P72 7V7 171X71 - 7lil 2X7 I717'2V71 ib 77'.72 2'22 7X77 >1727 7>V '7X 77 '7 (li-2-b) 72X' 7721 — 71772 772 712-2 7777 7P17727 >1771' — 7>7X7 717V1 77'7 7'X7 i-v '771 7121P7 717V1. Dagegen behaupten die jüngern Karäer, Anan habe bereits mit Uebereinstimmung des Volkes und durch Bestätigung des Chalifen die Exilarchenwürde inne gehabt, als er von den Gegnern seiner auf Reinigung des Glaubens gerichteten Bestrebung beim Chalifen als Empörer angeklagt wurde. Derselbe habe ihm zwar seine Gnade zugewendet, aber Anan habe auf seine Würde verzichtet, weil er seine Wirksamkeit verkannt und gehemmt sah (Simcha Luzki in mp'iv 7ix, aus einer älteren Quelle, S. 19): 22 ,v 7i7p7 2-217271 2'p'727 71777 '72- bx72' 7'7 f-7 (pp) MIX 1777 17'1711P1 1717-77 7lf>271 17277 °)7 i-v 1^2 21P27 - 27'bv X7lf-1 2'li-l >'7 7'7 7X7 27177 m.lf-x x>21 71'7i> 171121 17'27b 171X 1'7-V lil717'1 2'717X7 2'7I7 1'f-v 12P1 — i-XV22' 1^2 71277 7li>17 '21X f-X72' 7"7711 717727 P177 7722 1^127 bx 17>1'2i>71 1717221 17 s- 1177 s- ->i>27 >2 1X7' 72-X771 72X771 2"77 7X2-11 27'2 lb'271 1'sp i>271 ->727 '1'V7 727^1 >7i> 171171 1777' 22-71 77'2 (^711777 s-771 712-X77 2X2 — ->7 x'2'17 >1V '77. — Auch Makkizi hat diesen Zug — daß die Gegner nichts gegen Anan ausführen konnten, weil der Chalifs Almansur ihm befreundet war und ihn ehrte — gewiß aus karäischen Quellen geschöpft: 72x77x1 77 "rw'Vni-x 7'7p7 12 —> 7772 X2 -i-v niiip- 2^2 (bei äs 8nv^ Ölarsstoiu.s.tlais swads I Text S. 108). 4) Mag nun Anan gestürzt oder beseitigt worden sein, jedenfalls ist im Laufe der Jahre 761 — 62 ein Exilarch an seiner Stelle ernannt worden. Die oben citirte Quelle nennt ihn Chananja, Anan's Bruder. Der Karäer Elia, welcher diese rabbanitische Behauptung namhaft macht und sie als lügen- hast erklärt, giebt selbst zu, daß Chananja an dessen Stelle trat: pv ' 2-7 12 -v 71 272 2-P1X17 2'71X17 77 7-727^1 ppb 7712-7'77 1727 77712 1'7X 7'117 7X 17-^271. Dieser Chananja ist vielleicht identisch mit Achunai — 'xiinx, dessen Sohn bald darauf Exilarch wurde. Dieser Punkt bedarf aber der kritischen Präcisirung. Im Laufe der Jahre 1082—84 ^ 771—73 brach nämlich wieder eine Rivalitat um das Exilarchat zwischen Sakkai b. Achunai und Natronai b. Chabibai aus. Bei der Erwähnung des Schulhauptes Malka b. Acha bemerkt Scherira: Derselbe hat den Natronät b. Chabibai abgesetzt, als er die Würde usurpiren wollte gegen Sakkäi b. Achunai, der bereits einige Jahre vorher Exilarch war. Beide Lehrhäuser vereinigten sich mit Sakkai, setzten Natronai ab, und er mußte nach Maghreb fliehen: 'xiiiuii 7777 .x xmi 7-2 ->i-x 712-7 xnx 77 X772 -7 72 7-777 *) Eine Anekdote, die von Anan mitgetheilt wird, würde seine feindselige Stimmung gegen die Nabbaniten darthun, wenn deren Echtheit erwiesen wäre: X1.71 2.7 277-7 1771 7777 1-771 7771 11277 i-X72- '277 77 1772- 17' '2 72IX 7772- ->'27 >1V. Diese Anekdote theilt Mose Taku in seinem Werke 2717 777 mit (Ozar Nech- mad III. 64). Für dis Echtheit läßt sich anführen, daß Mose Taku mit karäischen Schriften bekannt war, Stellen von Sahal Abulsari und Abu-Ali (Jefet) citirt und an einer Stelle angiebt, ein karäischer Pentateuch-Commentar sei aus Babylonien über Rußland nach Regensburg gebracht worden: 11b 11-171 P7122-1-177 171X'77 X'21721 x'2177 '^772 X7 (2'X7P7 72- 2-217) iplV-77 772 7I2-. Auf derselben Seite kommt vor -i-vw-x i-x 2 ; -727.x 72x — . Mose Taku kann demnach dieses bissige Wort in den karäischen Schriften gefunden haben. Note 12. 387 P22- '22 P21 '2,2 8'22 1111 >82!18 12 12 '82» ^»V 812li-22 8'2'2 '82'21^> 12 (l's k;i>8 122'2> zip P2 82t2 21 12S81 '8211221 '1112P1 8'2'21 '821 2P 812112 '1"1 P22'81 .21P21 °>»8 '821121 -). Wir haben hier also zwei feste Punkte, s) R' Malta fungirte 1082 — 84 (771 — 73), und innerhalb dieser zwei Jahre drang er darauf, unter Betheiligung beider Lehrhäuser, den Usurpator Natronai abzusetzen; b) der Exilarch Sakkai b. Achunat war bereits einige Jahre Exilarch, als Natronai ihn verdrängt hat. Mit dem Zusammenstellen von R' Malka's Tod (1V84) nnd mit Natronai's Auswanderung nach Maghreb wollte Scherira vielleicht andeuten, daß beide Facta in demselben Jahre stattgefunden haben. Nehmen wir an, daß der Streit um das Exilarchat 772—73 entstand. Die „einige Jahre" (722- >22), welche Scherira Sakkai vor dem Streit fungiren läßs, fallen demnach mindestens innerhalb 770—73. Folglich hat der Exilarch, welcher an Anan's Stelle trat, sei es Chananja oder Achunät, Sakka'i's Vater, höchstens fungirt zwischen 762 — 70. — Der Streit um das Exilarchat scheint übrigens keinen schismatischen Hintergrund gehabt zu haben. Denn Natronai b. Chabibai wird anderweitig als Talmudanhänger und Jünger R' Jehuda't's namhaft gemacht (karäss S. 28 s): '8121 '1 12 1'2,2 '21' 111 12 812'12 2-'1 P82 '8111' '1 1128 8l',2 1111 "82'21 12 '821122 '1 121. Der Ausdruck 1'2,2 21' bedeutet bei Scherira und überhaupt in der gaonäischen Schulsprache eine dem Schulhaupte gegenüber untergeordnete Stellung einnehmen. Die Bezeichnung „Natronai ging nach Magreb", will sagen, er wurde aus Irak verbannt, wie wir es bei dem Exilarchen Ukba finden. 5) Während wir aus den vier Jahrzehnten von 733—773 die Namen von drei Exilarchen kennen: Salomo, Chananja und Sakkai b. Achunat, sind wir bezüglich ihrer Nachfolger in den folgenden vier Jahrzehnten ganz im Dunkeln"). Scherira berichtet zivar, daß ein Exilarch im Jahre 1097 — 786 das pum- baditanische Schulhaupt Chaninai abgesetzt hat: 12 8212 '8221 12 112 i'ii2i (r- 122-2) 8'2-2 1-12P1 2'p 1222 21128 12. Aber wer dainals Exilarch war, läßt sich nicht Nachweisen. Möglich, daß es noch Sakkai war, der noch dainals fungirt haben konnte. Carmoly vermuthet, daß es der Exilarch Samuel war, von dem wir aber nur eins höchst dunkle Kunde haben. Ein Kabbalist giebt nämlich an, ein N' Aaron, Sohn des Exilnrchen Samuel, der aus Babylonien wegen eines unbekannten Vorfalls auswandern mußte, habe die Geheimnisse des Gebetes dem R' Mose Saken mitgetheilt, welchen Kaiser Karl von Lucca mit Andern nach Mainz versetzt hat (Eleasar von Worins ü-okssoli Ns. mitgetheilt in Narrst 1s Lüroelmasli): 1821 nisii p,pi 110 2-1-211 112,21 2'.L'2 i-222 bp 12-8 8'221 8 1 2 2- 2 2- 122 P118 1'28 1p 212 21 11112 118 1'P2 8'1122li> P182 821 P182 121 P2 1 b' s> -;1P111 1'12- 12P2 PI '221 811 8'1122li-2 8r'2- P2811 1'1 1'1 — 12'2 '1 18 8P2 221 8,2lb 122-2' 22'2-111 8'112212 P182 12p 1 81,2 1^21 28'21 2'212'1 ll'2>28 1821 212'2l)p 8222 22. Die Zeit dieser Auswanderung von Lucca nach Mainz setzt Carmoly (nach einem Machsor Ms.) ins Jahr 719 der Tempelzerstörung, d. h. 787, ivas Ich habe die richtige Lesart aus den zivei Texten des Scheriraischen Sendschreibens wiederhergestellt. Die Schulam'sche Edition ist hier correcter, nur hat sie -82'2» 12 '821122 statt -82-21. Diese Lesart -82'2i ist aber aus dem Passus in iksräss gesichert. ') Vgl. Ooronsl ;i2 121, 152, 154: 1122 -221 2122- 8111 >82-21 12 8-2-2 '821122 .2121 P2 8l2- 1121,11 18 ") Vgl. jedoch Lssxonssn äsr Osonirn sä. Harlrsv^ 389: 2»i '8121 ;811',22 2'111 — 2'1'2l1 i-21 1-22 1 82 211 1'12 ;12 812li 2"1 '821122 111121 1'12 81»b2 sVgl. auch Hst llslmnä IV 339 H.j. 25 * 388 Geschichte der Juden. wohl richtig sein mag, da auch Josua Kohen (Lrusst sta-Laasts.) die Auswanderung unter Karl dem Großen setzt. Dennoch kann der betreffende Exilarchensohn nicht dieser Zeit angehören. Der Bericht des Elsasar von Worms, auf dem Carmoly's Combination beruht, leidet ohnehin an Dunkelheiten. Was soll dann der Ausdruck bedeuten: pii8 i '28 ix? Man hat daraus emendiren wollen: P 1.18 128 ! Aber dagegen spricht eine Notiz, die ich bald mittheilen werde. Ferner ist die Nachricht, daß dieser Aaron oder Abu - Aaron das kabbalistische Geheimnitz der Gebete tradirt hätte, jedenfalls ein Anachronismus. Denn die alte Mystik kannte damals noch nicht solche Geheimnisse. In einer Notiz (aus einem alten Gebetbuche Dis. des 14. Lase, in der Lidliobstsgus irnxsrials Nr. 174) wird dieser R' Aaron, Sohn des Exilarchen Samuel, ebenfalls mit R' Mose aus Lucca in Verbindung gebracht, aber sie hat da eine viel reinere Gestalt. Die Stelle lautet (wie sie mir der verstorbene Ehrlich aus Paris copirt hat): i'wcipi ' 2 ':: 8iix irc >2 i^mi 18221 ll' 2 '.i '1212 p 82 ix :iii8si 82 L '21 . 1212 " 11288 8 >ii: 2 i ir>x 112 - n'lL'.i i'i (111821 iwi) 182 ix a'x "22 i'iv '2 ui i8 i'.iuo i'i ivioi 82ip lill.i '2'2 vm'nip mal p 8^122 122 1 p8.ii 8121 8i.i .1122 aixu 121 i >2 P8i i'i im 8112 '2 .118 i. 22 >i ix li'8i ;822 1212 im Ni 1112.1 22 'iN 111.18 ('S 11'2^1 I'I 8111 1'11812 12'8 1211,2 12'L> 1,211 12>2 1212 ^ 2 ". 1,21 p'ir ii! 2222 N'LNN i> 8 i 22 8121 ^ 2 . Hier ist also nicht von kabbalistischen Geheimnissen des Gebetes, sondern einfach von Gebetstücken die Rede, die R' Aaron tradirt und R' Mose in der Rheingegend eingeführt hat. Soll diese Notiz verbunden mit der im Rokeach, als historisch genommen werden, so würde der chronologische Punkt noch dunkler werden. Denn wenn dis Einwanderung der Kalonymiden von Lucca nach Mainz im Jahre 787 stattgefunden, so muß R' Aaron mehrere Jahre vorher ihr Lehrer gewesen sein, also mindestens um 780. Sein Vater, der Exilarch Samuel, muh also damals nicht mehr fungirt haben, wenn man nicht annehmen will, daß der Vater selbst den Sohn ins Exil geschickt hätte. Von 780 rückwärts bleibt aber kein Raum für das Exilarchat eines Samuel, denn für diese Zeit haben wir, nach Scherira's authentischem Berichte, den Exilarch Sakkat b. Achunai. Es bleiben also nur zwei mögliche Fälle, entweder daß der Exilarch Samuel vor dem ananitischen Schisma und auch vor dem Exilarchen Salomo fungirt hat, was gar nicht angeht, oder er hat nach der Einwanderung der Kalonymiden, nach 787 fungirt. Im letzten Falle ist entweder die Verbindung der Kalonymiden mit R' Aaron unhistorisch oder sie hat nicht in Lucca, sondern in Mainz stattgesunden. Scherira nennt aber einen bedeutenden talmudischen Gelehrten Mar- Aaron, der im Jahre 814 bei Besetzung des pumbaditanischen Gaonats gegen einen unbedeutenden, aber der Mystik ergebenen Mann zurückgesetzt wurde: 12 .11.11 1'1211 111 8^1 12,2 1122 828 12 ->21'' '1 12 ('82'28 1 112) 1'1121 111218 21^1 ' 1 ' 8x 1112 1'12 '22 y'ixi 1'21 '111 PI 1'2 28 8111 1 ' 2,2 11118 8,12'i:22 2'1'1 8": 11'^8 '18 1111 12181 1182 1,211 8212 1'OI 11.11 P81 r^l' '1 122 i'8'i (Scherira's Text habe ich hier nach den Andeutungen der beiden Recensionen corrigirt). Möglich nun, daß dieser Mar-Aaron wegen erfahrener Zurücksetzung aus Babylonien ausgewandert, wie R' Achat aus Schabcha ein halbes Jahrhundert vorher, und nach Europa gekommen ist. Er mag in Mainz bei den Kalonymiden nach 814 gelebt und gelehrt haben. Weil diese aber ihren Ursitz in Lucca hatten, mögen die Tradenten ihn dorthin, statt nach Mainz, versetzt haben. Aber dieser dunkle und verwickelte Punkt bedarf noch der Aufhellung durch authentischere Notizen. Note 12. 389 6 ) Zwischen den Jahren 1127 und 1139 8 s 1 . (816 — 827 ) brach abermals ein heftiger Streit um die Exilarchenwürde aus zwischen Daniel und David b. Jehuda. Es ist befremdend, aber bezeichnend für Scherira, daß er diesen Streit mit einem sehr ernsten Hintergründe durch einige nichtssagende Worte andeutet, und ohne eine externe Quelle würde man die Tragweite desselben gar nicht kennen. Scherira berichtet nämlich ganz trocken: „Abraham b. Scherira (sin Mystiker) wurde im Jahre 1127 8 si. Schulhaupt von Pumbadita unv fungirte 12 Jahre, der zweite nach ihm war Joseph b. Chija. In Folge des Streites zwischen den Exilarchen Daniel und David b. Jehuda wurde R' Joseph mit der Gaonwürde bekleidet, und zuletzt einigten sie die Parteien dahin, daß beide den Titel führen sollten u. s. w. 12 2222!» 22 1121 2n'121 l-2:ii-L21 P2 2'2 2U u"2 22 r>21- 22 .2221 2U2- 22 1°N2 >"2P 212-2 U2-2L- '2 !2P',22 2222N 22b 2'b'2 P2 'M22 10"2 -pvbl 21NU12 Y01' 22 '2,2'S ll'N'22 2212' ^2 2'2P ->01' 22 2222 2222N 22 222 U2212 222 122122 PL122 22 12'2 .221NZ U2- (Die Lesart ist corrigirt nach den zwei Recensionen.) Nach diesen dürren Worten muß man den Streit kleinlich finden, angefacht von Ehrgeiz und begleitet von willkürlicher Absetzung. Abulfarag Barhebräus beleuchtet aber durch eine interessante Notiz diesen Streit, wodurch auch das Sinken des Exilarchnts erst vecht verständlich wird. Auch das Datum dieses Streits wird dadurch präcisirt. In seiner Chronik der jakobitischen Patriarchen (Ms. und in lateinischer Ueber- setzung bruchweise mitgetheiit in ^.sssrrmui didliobirsss. orisubalis N. II. pars 1 S. 346 ) referirt Abulfarag bei Gelegenheit des Streites in der jakobitischen Kirche zwischen dem Patriarchen Dionysius von Telmahar und Abraham Folgendes: „Auch die Juden hatten einen Streit um das Principat. Denn die Tiberienser hatten einen gewissen David an die Spitze gestellt, die Babylonier dagegen Daniel von der Sekte der Ananiten (Karäer). Ihre Streitsache wurde vor den Chalifen Mamun gebracht, und derselbe erließ ein Edikt, daß es zehn Männern, wenn sie sich ein geistliches Oberhaupt wählen wollen, seien es Christen oder Juden oder Magier, gestattet sei, es zu thun: äuäasi Mohlis äs privaabu säbsroabi sunb. Harn didsriaäsusss^) guiäsur ^) Daß die Tiberienser bei der Ernennung des Exilarchen betheiligt waren, ist Unsinn. Entweder hat Barhebräus sich hier geirrt, oder die Lesart, die Assemani Vorgelegen hat, war corrumpirt. Ich vermuthe, daß der Text ursprünglich gelautet hat: n'-wm (Anbarenjer), und daraus entstand die Cor- ruptel: n"222. Obwohl eigentlich Firuz-Schabur von den Arabern Anbar genannt wurde, die zweite Hauptstadt der lachmidischen Fürsten (Vergl. äs I?sr- osvai, sssa^ sur iirisboirs äss ^.rabss N. II. p. 12 Note), so nannten die Juden das nahgelegene Pumbadita oder Nahardea ebenfalls Anbar. Benjamin von Tudela, der die Gegend bereist hat, sagt zweimal: Pumbadita ist Anbar: N2'222is uv, 22^ni> -221 21' 02-21 (sä. ^.süsr II p. 69 ), und ebenso muß man lesen (p. 53 ) NP22212 22m sn'222i°> »»22 (22m^u°, l.) 221'bsb 222' 22- 2221. Der Karäer Abulsari Sahal, der während des Bestandes der Hochschule Pum- badita's gelebt hat und in der Gegend war, nennt die beiden Lehrhäuser, auf welche er das Bild des Propheten Zacharias von den zwei Weibern anwendet, Sura und Anbar, d. h. Pumbadita oder Nahardea. wirmai N'2122 bu22" (-P 12^2 22'U 2-2-1 '2 2» i-1 p U121 — 2222 lf>,22 2U ('2) P21' 12P2 p,22 22122 1222 2N22-' 2N in'ri'1 2U21N1 (bei Pinsker S. 42 ). Der Karäer Jakob b. Neuben hat dieselbe Deutung: 22-u 212^21 2:2-2 -bp22 .12,2 :22s 22-u 2111 02-2- — 222221 22,212 2 2- 22-U UP2221I U'212 U12 !2'2 22 2222 — 22U 22 '2 '121 2'2221 21^2 ' 2-u 2 ( 8 slsr Iia-Osostsr Ns. Qö^äsn p. 224 vsrso). Suria ist hier offenbar Sura. So nennt es auch Benjamin von Tudela: 390 Geschichte der Juden. Oavicksrn gusnäaru sidi prasKsosrunt, Ladz-ionii vsro Oanislsm sx ^.nanitarurn (n-rnch ssoba (gui sadbatum solvsntss, ^sriarn guarbam ssus 1c>oo obssrvant). Dorum oansa aä Llarnonein Ostalitain äslaba, is IsZs lata sauxit, si clsvörn orrjusoumgus rsliKiouis viel in uuum oonArsgati antistitsin sibi orssrs vsllsut, sivs Olrristiani sind, sivs Ouäasi, vsl LlaM, icl ipsis tas ssss. Wenn auch Abulfarag oder sein Gewährsmann etwas Unrichtiges in den Bericht einflietzen läßt, daß die Ananiten oder Karäer den Mittwoch als Sabbat feiern, so wird der Hauptbericht dadurch nicht alterirt. Auch die Zeitangabe stimmt mit dem von Scherira für diese Thatsache angesetzten Datum. Sie wird bei Abulfarag Barhebräus zum Jahre 1l36 8sl. mitgetheilt, bei Scherira zwischen 1127 — 1139. Der Streit zwischen David und Daniel um das Exilarchat war also ein Kampf zwischen Rabbaniten und Karäern. Dis Anbarener (nach der Correctur) oder Pumbaditaner, waren für den rabbanitisch gesinnten David (b. Jehuda), die Babylonier dagegen für den Anhänger des Karäismus Daniel. Was unter „den Babyloniern" hier zu verstehen sei, ist zweifelhaft. Es können damit die Bagdadcnser gemeint sein; denn in der gaonäischen Epoche nannten dis Juden wenigstens Bagdad biw (an vielen Stellen vergl. weiter Note 13 Anmerkung!. Es kann aber auch das zur suranischen Hochschule gehörende Gebiet darunter verstanden sein. Denn weil Sura in der Nähe des alten Babylon lag, nannte man es auch Babel (Vergl. Dsspousum R' Hai in der Sammlung dlaaru Lsstsnirn 56): 22:1 :in miai r.n niw riaw":: oL '2 ll'pmi (nmiivw um bia ni'inb o-oiip o.i w. Nicht anders ist auch der Ausdruck baii ii- 21 zu verstehen: er ging nach dem bei Babylon liegenden Sura. — Es gab also damals im Anfang des neunten Jahrhunderts, ein halbes Jahrhundert nach dem karäischen Schisma, in dem jüdischen Babylonien oder in Irak, an dem Sitze der Hochschulen, so viel Karäer, daß sie Einfluß auf die Wahl des Exilarchen nehmen konnten, eine höchst überraschende Thatsache. Noch wichtiger ist die Nachricht, daß bei diesem Streite zwischen David b. Jehuda und Daniel der Chalife Almamun die osficielle Bestätigung des Exilarchen, so wie des christlichen Primas abgelehnt hat, „daß es je zehn Personen freisteht, sich einen geistlichen Obern zu wählen." Es folgt daraus, daß bis dahin eine solche Anarchie nicht gestattet war, daß also die Ernennung des Exilarchen, wie die des nestorianischen Katholikos unter staatlicher Kontrolle stand. Dann finden wir in diesem Nichtinterventionsedikt des Chalisen den Schlüssel zu einer historischen Bemerkung bei Scherira. Der letzte berichtet nämlich, in der Zeit des Exilarchen David b. Jehuda ist diese Würde machtlos geworden, so daß das pumbaditanische Collegium das Joch des Exilarchats abschütteln konnte, und sich herausnehmen durfte, nicht mehr wie früher zur Huldigung vor dem Exilarchen zu erscheinen: 1:1 -o-o mipM' pxrmo: rni'-wmri nnnini pim ni: nnwivi (v'mvm) li'-EN >ii:>i' NN 2 N'.I N'iioi ' 2 M -v (ns>? I'pn) (lieber Suria vgl. Frankel's Monatsschrift Jhrg. 1883, 377). Eben so der Vers, der Llaas^sft Lostansä: N>1'1221L1 NP11.1: snsei N'IIO n'.l PS' .inLV bL> nun: p!2' se- nun ,112'V' 'S'NI Da Sahal unter n-i:o das eine Lehrhaus in Babylonien versteht, so meint er sicherlich unter ina:n das andere, nämlich Pumbadita. Dieses wurde, weil es in der Gegend lag, dis Nahardea hieß, auch mit diesem Namen bezeichnet (vergl. Kssxoiisuiii R' Hai in Geiger Zeitschrift V. S. 398 Note 2): N1WP 112 imb N11O2 ns: NP1 1 . 1:2 NI xin Nil ns Note 12. 391 PPIP1 21l8 PIX X1'122W2 '82'1 Pli- '1128 2'x'2-l8 118 XN2 12 x8x '8-'l8 P1'112 p'111. 7) In dem Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert nach David b. Jehuda wird kein einziger Exilarch namhaft gemacht*). Der erste Name, auf den wir stoßen, ist Ukba, einer der letzten Exilarchen, der von dem pum- baditanischen.Gaon Kohen-Zedek b. Joseph verfolgt, abgesetzt und ins Exil getrieben wurde. Den Bericht über diesen Exilarchen und seinen Streit mit Kohen-Zedek verdanken wir einem Zeitgenossen, Nathan b. Isaak, dem Babylonier, der um 95V von Babylonien ausgewandert sein muß, (vergl. Note 21, II.): X 22 - 111 P 1 I 2 X 112 - X 2 P 1 P 1182 8p 1 X 12 - .122 ' 8>221 P 12 ' 12 P 12.1 )12 '1 12 X 12 -X 1 P12 21 12 1'2'2 12'2" 2X1 1'11 212222 12p xi-2- 1121 222- 8222 1112- 2111 xp'iex8 222- -2 X1-122IL2 Y21' 12 P12. Ich betone diese Zeitgenossenschaft und gewissermaßen Augenzeugenschaft Nathan's (1x12- .122), um für seinen Bericht mehr- historische Glaubwürdigkeit zu vindiciren, wenn er im Widerspruch mit Scherira steht, der ein jüngerer Berichterstatter war und die Vorgänge nicht aus Autopsie kannte. Der Widerspruch in Betreff Kohen-Zedek's Funktionsdauer, welche von Nathan auf 4V Jahre ausgedehnt, von Scherira aber genauer auf 19 Jahre angesetzt wird, von 1228 bis 1247 8s1. läßt sich zwar ausgleichen, indem man das Zahlzeichen 2 für eine Corruptel statt 2 halten, und diese Zahl für eine runde nehmen kann. Allein es bestehen noch andere chronologische und faktische Widersprüche zwischen Nathan's und Scherira's Bericht in Betreff der Vorgänge während Kohen-Zedek's Gaonat. Nathan tradirt nämlich Folgendes über den Streit zwischen dem Exilarchen Akba und dem Gaon Kohen-Zedek. Er sei ausgebrochen wegen der Einkünfte *) Vgl. jedoch Frankels Monatsschrift Jhrg. 1883 S. 376: X22- ->i8x np8x -8 'p8e>'X1 P2 1112'X P21X 22-2 X'2l8 222 P21 <880-89) "X- P2'i: 21—2X2'8x2 lVgl. auch Bet Talmud IV 339 (H)j 392 Geschichte der Juden. von den Gemeinden Chorasan's, die Ukba für sich in Anspruch nehmen wollte. Kohen-Zedek mit einigen angesehenen Juden Bagdad's haben es durchgesetzt, daß Ukba aus Bagdad verbannt wurde. Er begab sich nach Karmisin (pv'vip — Lsrvasn-Lolisli), weilte dort ein volles Jahr, dichtste Loblieder auf den Chalifen, der in der Nähe von Karmisin einen paradiesischen Aufenthaltsort in Safran hatte. In Folge dessen wurde er vom Chalifen wieder in seine Würde eingesetzt, bald darauf aber wiever von seinen Gegnern gestürzt und aus dem östlichen Chalifat verbannt. Er begab sich darauf nach Maghreb-Afrika. Ueber den letzten Punkt haben wir auch ein anderweitiges Zeugniß, daß nämlich die Gemeinde von Kairuan dem zu ihr geflüchteten Exilarchen Ukba in der Synagoge eine Art Thron neben dem Gesetzesschrein errichtet und ihn überhaupt als Fürsten behandelt hat lJbn-Jarchi in MsusiiA sä. Lsrliir p. 32s.): NOWI 1'22 1122 Hw (N22 l.) N12 li PV2V I'.IW .IN'LV N2P1P 1,2b ;N11'P2 1'1 21N2 um ib pi'iiv vi vH: pi 2 11112 inipw unbi pini 122 . Um das Datum des Streites und der Absetzung Ukba's zu fixiren, müssen wir in Nathan's Referat weiter hinabsteigen. Nach demselben blieb das Exilarchat 4 — 5 Jahr erledigt. Das Volk verlangte aber die Wiederbesetzung und ernannte dazu Ukba's Verwandten David b. Sakka't. Der suranische Gaon erkannte ihn auch an, aber Kohen-Zedek verweigerte drei Jahre die Huldigung. Ein blinder Gelehrter Nissi Naharwani vermittelte indessen die Versöhnung zwischen David und Kohen- Zedek. Fünf Jahre nachher starb dieser Gaon von Sura (bei Nathan p 210 p Ivbw genannt). An seiner Stelle wurde ein anderer 'vvp 12 >ni erwählt, der zwei Jahr sungirte, und nach seinem Tode berief David den berühmten Saadia aus Fajum zum Gaon von Sura. Von diesem chronologischen Punkte müssen wir ausgehen, um die Data aufwärts zu fixiren. Saadia's Berufung geschah 1239 8s1. — 928, also sungirte sein Vorgänger Hai (2 Jahre nach Nathan) 1237—39. Fünf Jahre vorher geschah die Versöhnung, also 1232 oder 33. Dieses Datum stimmt mit Scherira überein, der ebenfalls angiebt, die Versöhnung der Parteien fand statt 1233 im Elul: vbi uw biin ip ni 2 ib°> 1111 PN2 iw 2 v vp in'wi 111 nvbwii 2 pi. Weiter hinauf beginnt aber die chronologische Differenz. Nach Nathan versagte Kohen-Zedek David die Anerkennung 3 Jahre; David wäre demnach gewählt worden 1231, 4 oder 5 Jahr Vakanz des Exil- archats 1228—27. Mehr als ein Jahr vorher fällt Ukba's Amtsentsetzung, Aufenthalt in Karmisin und zweite Absetzung also 1227—26. Bei diesem Punkte tritt die Differenz zwischen Nathan's und Scherira's Bericht scharf hervor: I) Nach dem ersten war Kohen-Zedek mindestens bereits im Jahr 1226—27 Gaon, nach dem Letztem wurde er es erst im Jahre 1228. — 2) Nach Nathan war Kohen-Zedek bereits Gaon als David b. Sakkai zum Exilarcheu ernannt wurde, und jener versagte diesem drei Jahre die Anerkennung; nach Scherira war David vorher Exilarch, und er ernannte Kohen-Zedek zum Gaon. 3) Nach Nathan waren Kohen-Zedek und David Gegner, nach Scherira dagegen waren sie Freunde, so daß dieser jenen zum Gaou ernannte, während eine Gegenpartei in R' Mebasser einen Gegengaon aufstsllte. Um die Widersprüche augenfällig zu machen, stelle ich beide Texte einander gegenüber. ni 2 'ivi P 21 p 2 niui-i rn .11 .i" 2 i i-w '1 122 (N 2 , 2 ix 11 I 2 nun) mw.i iinwn Ivb 1.11'lpl W22'N N1211121 P211 N'2'11 1111 1211 iwp i'iw ip wni ni>2 ovw '1 in IN'WI 1111 PNI N1.12 (? 12 - 22 ) 1W2V 21 N1.1W 'N2I p 111 ip 11211 1N1L" bx 11NV Note 12. 393 P1U'2 .X1U12 1111 PIX P12 -1 IQ? 1"1P 2P 1U'22 111 Uviv- 112P1 -^7l 1 : 2 - s-l'lU 1P 1'i'l P211 12-22 '1 2'1'1 11t» 12-22 '1 12 PI- IN? 121 1-1,12 111 P211 2-112121 212^! '? 2-22- 11222 I"^1 WW21 212? 1'8-1 11211 . PIX 1N2 Nlb 1'p'l P21 11U1 1V22 INIt! 1L-P-2- 12P2- U'2-1 U2P1P s-L- 1111 p 1211 1'ip 1L-P — PIX 112 1-11 Nli» 2-.X1 1211p 1-12- -es- -U2I 12 111 11112-2 1X1 U12- .1112 12-2-- wttl ?2U 12P2- 2"1 U2P1P 12- 1'1 II 12 2PI I2XP ?p Ult! 2-111 .2-12- » II! 12?2 ,1X11 11'UI PIX 112 p!22 (Hier ist der Schulamsche Text correcter als der Goldbsrgsche,) Um die Widersprüche auszugleichen, glaube ich, daß Nathan als Zeitgenosse und Augenzeuge sür das Faktische, Scherira dagegen als exakter Annalist für das Chronologische ein glaubwürdigerer Gewährsmann ist. Demnach würde sich die Aufeinanderfolge der Thntsachen folgendermaßen gestalten. Im Jahre 1228 -- 917 wurde Kohen-Zedek Gaon (nach Scherira), Damals war aber noch nicht David b, Sakkai Exilarch (wie Scherira angiebt), sondern Ukba fungirts noch (nach Nathan). Kohen-Zedsk, der auch der suranischen Hochschule Einnahmen entzog, gerieth mit Ukba sogleich in Streit wegen der Einkünfte von Chorasan und bewirkte dessen Absetzung und Verbannung, immer noch im Jahre 1228, Ukba lebte in der Verbannung ein volles Jahr (nach Nathan), also 1229, Darauf wurde er vom Chalifen (Almuktadir Billahi) wieder eingesetzt, um bald darauf durch die Jntriguen seiner Gegner abermals gestürzt zu werden. Wir können das Alles noch ins Jahr 1229 setzen. Dann trat eine Vakanz ein, die aber nicht vier oder fünf Jahr dauerte (nach Nathan), sondern nur zwei bis drei Jahre 1229—31, Darauf wurde David- b, Sakkai zum Exilarchen ernannt 1231. Da ihm Kohen- Zedek die Anerkennung versagte, so ernannte wohl David den Gegen-Gaon Mebasser (oder Mekasser), Der Streit zwischen David und Kohen-Zedek (nach Nathan) und innerhalb der pumbaditanischen Hochschule (nach Scherira) dauerte drei Jahre 1231—1233, Im Elul des Jahres 1233 geschah die Aussöhnung zwischen Kohen-Zedek und David durch die Vermittelung des Nissi Naharwani (Datum nach Scherira, Factum nach Nathan). In der pumbaditanischenHochschule dauerte aber die Parteiung noch fort, indem der Anhang Mebasser's nicht von ihm lassen mochte, bis zu dessen Tods, Kislew 1237. Auf diese Weise läßt sich die Differenz ausgleichen, und man braucht nur da von Nathan's Angaben abzugehen, wo er selbst schwankt, nämlich in Betreff der Dauer der Vakanz zwischen Ukba's Exil und David's Wahl. Demnach fiel Ukba's Exil ins Jahr 1229—918, und da er, wie Nathan bezeugt, viele Jahre fungirt hat, so wäre seine Funktionsdauer anzusetzen: um 900—918. Die Lücke zwischen David b, Jehuda, der wohl bis 840 fungirt hat, und Ukba, beträgt demnach 60 Jahre, innerhalb welcher kein einziger Exilarch namhaft gemacht wird. 8) Der Exilarch David b. Sakkai, war, wie Nathan berichtet, ein Verwandter Ukba's, sein Neffe, (1111 p). Er wurde, wie oben angegeben, 1231 — 920 von dem pumbaditanischen Collegium ernannt, und erst drei Jahr später von Kohen-Zedek anerkannt. Im Jahre 1239 — 928 berief er Saadia aus Egypten zum Gaon von Sura, David hatte einen Bruder, Josiah-Hassan, der von Saadia's Partei als Gegen-Exilarch aufgestellt wurde. Er hatte auch einen Sohn Jehuda (Nathan's Fragmente). Dieser sollte nach David's Tod (vor Saadia's Tod, also vor 942) Nachfolger werden, starb aber 7 Monate nach seinem Vater, Aus Nathan's Worten ist es nicht klar, ob Jehuda mit der Würde bekleidet worden ist oder nicht: 121 P 22 1:2 1 - 111 ? 12 -P 21 ( 111 ) ubi 2 -ui 1-221 12 -sii i 2 i >2 2 - 2-11 -1 1 - 2 .X ? 2 - -,-ii.x i, 2 '- .x?i, -— Jehuda hinterließ einen zwölfjährigen Sohn, bei dem Saadia Vaterstelle vertrat. Inzwischen sollte ein ent- 394 Geschichte der Juden. ferntes Glied des Exilarchenhauses von den Bene-Heman aus Nisibis vicarisch fungiren, er wurde aber vor der Ernennung wegen Lästerung gegen Mohammed erschlagen. — Alles noch vor Saadia's Tod (vor 942), wie aus Nathan's Fragment hervorgeht. Ob nun der von Saadia erzogene Knabe, der Sohn Jehuda's und Enkel David's, zur Exilarchenwürde gelangte, bedarf der kritischen Untersuchung. Denn als Scherira sein historisches Lssponsura erließ 987, war das Exilarchat bereits erloschen. Aber ein Sprößling des erlauchten Hauses war noch vorhanden, wie Scherira berichtet: 88.8 28>»i >22 p.1822 i"i»8 »7 8i»n p-i> in (Schulam's Recensionl. Nach dem Goldberg'schen Text soll zwar nicht einmal ein Sprößling geblieben sein: i8>»i i'2i 111812 12 2"i»8 88 8i»n 8P'1' in i8'28 .181 8'2i2 8122 (S. 37). Allein diese Lesart ist entschieden falsch. Denn aus Abraham Jbn-Daud's Bericht erfahren wir, daß das Collegium der Hochschule von Pumbadita nach R' Hai's Too (1038) einen Nachkommen von David b. Sakkai mit Namen Chiskijah zum Schulhaupte ernannt hat. 8p 1112'»1.21 '821 12 UN 8k' 1:2 12 NI 8.1 »82 1'PIN 12'p.1 '81 'n 122'»' '12 mn 1 822 . Dieser Chiskijah war nach R' Hai's Tod 1038 schon Vater von zwei erwachsenen Söhnen, stand also damals in Mannesalter, und kann demnach im Jahr 987, zu Schcrira's Zeit, ein Kind gewesen sein. Chiskijah war also wahrscheinlich ein Sohn dessen, den Saadia erzogen hatte, also ein Enkel Jehuda's und ein Urenkel David's b. Sakkai. Chiskijah's Vater, der zwischen Saadia und Scherira blühte (940—980) scheint nun der letzte Exilarch gewesen zu sein. Dafür spricht eine Notiz bei Jbn-Verga. Dieser hat nämlich in sein Werk über die Verfolgungen (Leüsdst 4strucks. Nr. 42) einen Bericht über die Exilarchen ausgenommen. Zuletzt tradirt er aus einer unbekannten Quelle, die mohammedanischen Großen hätten den Glanz des Exilarchats beneidet und beschlossen, den Exilsfürsten auf seiner Fahrt zu erschlagen, und mit ihm die Angesehenen des jüdischen Volkes. Der Chalife hätte zwar dem bedrohten Exilarchen Hilfe geschickt, konnte aber die Ermordung desselben nicht hindern. Man beschloß hierauf jüdischer Seits das Exilarchat eingehen zu lassen: 1218 882»' >12 Lp .11.1 1228 P281 Lp L11 L'2»1 181p 8'L'11 l8l11 722 '»18 182 2»82 (22) '»82 1>2181 111121' 8'»11 212p'»2 '2 12'2O11 — 212 P2I IIP Lp 12'p' 2121 8:211 2811 .LP1 28» 18 l8"-'.11 12.11 222 8'»11 828 11Ip8 18-' 1821 1'2 P2»1 2»821 L'211'1 1P2I12 82 P8 012 212 P218 18 1'11 I881I Ll'1 12 118'»11 8228 12.28 II 182 8.82»'»21 882»' 8 p 122» LI» 88 828. Da nun Jehuda, David's Sohn, eines natürlichen Todes starb, sein Enkel Chiskija auch im Mannesalter nicht mehr als Resch- Galuta fungirte, so kann diese Verfolgung nur Jehuda's Sohn und Chiskija's Vater getroffen haben, und unter ihm ist wohl das Exilarchat erloschen. Die Reihenfolge der Exilsfürsten aus dem Bostanätschen Hause wäre demnach folgendermaßen aufzustellen: l) Bostana'i (um 600—660); 2) Sohn und Enkel anonym; 3) Chasdai (um 700—730); 4) Salomo (730 bis 76l—2). S) An an, der Stifter des Karäismus, und sein Bruder Chananja, Achu- nai? (761—2 bis 770); 6) Sakkai' b. Achunai (770—800); 7) Samuel? 1800—816); 8) David b. Jehuda — sein Gegenexilarch Daniel — (816—840); 9) Eine Lücke (840—900); 10) Ukba (900—918); N) David b. Sakkai (920—940); l2) Jehuda b. David 7 Monate; l3) Jehuda's Sohn (um 9->0—80). — Sein Sohn Chiskija wurde als Schulhaupt erschlagen 1040, seine zwei Söhne entflohen nach Spanien, deren letzter Sproß, der Dichter Chija Jbn-Aldaudi, starb in Castilien 11S4 (nach Jbn-Daud). Note 13. 395 13. Da« Exilarchat und Gaouat in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. Die politische Macht des Exilarchats begann, wie sich aus manchen Momenten (Nr. 11) ergab, mit Bostanai. Für den Anfangspunkt des Gaonats giebt es aber keine Spur von Zeugniß, ja nicht einmal die eigentliche Bedeutung des Wortes pnz läßt sich, so weit jetzt unsere Kenntniß des Semitischen reicht, ermitteln. Es ist schwerlich hebräischen Ursprungs; denn dann würde es nach der festen Bedeutung, die es im biblischen und talmudischen Sprachkrsise hat. Hoch- muth bedeuten. So viel ist aber gewiß, daß es ein Ehrentitel sein soll. Man muß, um den historischen Anfang zu ermitteln, davon ausgshen, daß offieiell nur der Präsident der suranischen Hochschule diesen Titel führte, die Schwesterakademie in Pumbadita dagegen, die überhaupt in vielen Punkten einen niedern Rang einnahm, nur ein Schulhaupt (>io'L" wni, uvomv n"i), aber keinen Gaon an ihrer Spitze hatte. Dieses bezeugt Nathan der Babylonier aus eigener Anschauung. In den Zuschriften mußte der Präsident von Pumbadita dem von Sura den Titel Gaon beilegen, ohne Gegenseitigkeit: prwe-v nnso mx: 'v^ npo-i pi?i nn'iovw n^'2" v'.ii nw ni miru ov'v n'n: nv'iovwi -vp upo-i pin 'ipm vo-L" w'ii (Nathan Babli in Jochasin). Ursprünglich durfte Pumbadita ihr Schulhaupt nicht einmal aus dem eigenen Collegium wählen, sondern es wurde ihr vou Sura zugewiesen: : u.i'ioms rQ'L" bp rio'w' c.io .NNVVV Nmve- 'i mvNi.1 novo ,10'v' L'no null vo'w'v pn-ov nnnoowv ."W'L" povv r.n no TML-noo (Jochasin sä. Filipowski x. 85 a). Dasselbe tradirt auch Nathan Babli: nov' .no-v-'.n L'no w bp nowv non nn'iomsv pno nn'. Das untergeordnete Ver- hältniß Pumbadita's gegen Sura wird auch von der alten Urkunde, auf die ich später zurückkommen werde, bezeugt. Wenn die pumbaditanischen Schulhäupter oster mit dem Titel „Gaon" siguriren, so rührt dieses theils von Ausländern her, welche von dem Rangunterschiede nichts wußten, theils aus der Zeit, als sich Pumbadita die Parität errungen hatte (seit 917), theils endlich aus der Zeit, als Sura untergegangen und Pumbadita allein sich behauptet hat (945—1088). In dieser Zeit wurden die Bezeichnungen „Gaon" und „Resch-Metibta" provaiseus gebraucht; bis dahin aber war Gaon ein privile girter Titel der suranischen Schulhäupter. Dieser Würdentitel war nicht ein leerer Schall und bedeutete nicht bloß einen Vorrang, sondern hatte einen realen Gehalt. Bei der Vacanz des Exilarchats fusigirte der Gaon von Sura als Exilarch und bezog dessen Einkünfte: (vo'v") im;' nrie-i.n 7o v'uo mv'L-o iipi Hw M'IVI.N 7o rnoo L'NI rnv'voi — 7oo pim un'iovw vo'L" pio PNI nno now vo'v' UVV (zweimal bei Nathan). Von den Geldspenden aus dem Auslands hatte die Hochschule von Sura zwei Theile und die schwesterliche nur einen Theil. Ein solcher Titel, verbunden mit solchen Privilegien, kann nur von Außen ertheilt worden sein, sonst hätte sich Pumbadita, die an Lehrkräften überlegen war, die Parität nicht nehmen lassen. Merkwürdig ist es, daß Scherira diesen Vorrang Sura's vollständig verschweigt, ja bei manchen Gelegenheiten zu verstehen giebt, die Metibta von Pumbadita habe die von Sura übertroffen. Es war dieses eine Parteinahme xro äoruo. Es läßt sich aber folgern, wer der Hochschule von Sura Rang und Privilegien ertheilt, und zu welcher Zeit das Gaonat begonnen hat. Da sicherlich der Rangunterschied zwischen den beiden Metibta in der talmudischen 396 Geschichte der Juden. Zeit nicht vorhanden war, eben so wenig wie der Titel Gaon, die persischen Könige in der nachtalmudischen Epoche den Juden nicht so günstig waren, um eine besondere Würde zu verleihen oder auch nur zu bestätigen, so bleibt nur der Beginn des Islam als die gelegene historische Situation für das Verleihen einer Stellung an ein corporatives Gemeinwesen. Ich erinnere daran, daß nicht bloß die Katholici der nestorianischen Kirche, sondern auch einzelne Klöster ihre Privilegien auf Omar oder auf Ali zurücksiihrten. Nun erzählt uns Scherira, daß N' Isaak Gaon dem Chalifen Ali mit vielen tausend Juden entgegenging, als derselbe Firuz-Schabur (Anbar) einnahm (Mai 657 vergl. o. S. 349): x-'l 27X2 '28 12 '°)p .VV22V 2P 212X2- I12'°>2 2'22- X121 1'X2 .22-' '2 221 I12W2 .2221 21-!' ll'2L 22O2 '°)p °)2P1 VW ,2X °)'2P21 1.2X2P7 212X2' I12W P2 P2-" 2 22 7x22"2 ->°)X 2 pe- 121X2 212XL-. Der Text scheint sogar auszusagen, daß R' Isaak mit den Tausenden von Juden in Anbar Ali die Eroberung dieser Stadt erleichtert habe. Jedenfalls sagt die Notiz deutlich, daß Ali ihn sehr freundlich empfangen habe. Sollte Ali nicht diesem R' Isaak für die Dienstleistung, oder auch nur für die Huldigung — während der Schwiegersohn Mohammed's von Feinden umringt war — ein Privilegium ertheilt haben! Freilich schweigt Scherira darüber, und wie es scheint geflissentlich, weil dieser R' Isaak ein Suraner war, und Scherira nur die Metibta vonPumbadita verherrlichen wollte. Das ist aus dem ganzen Verlaufe klar. Vom Jahre 906 8sl. — 589 giebt Scherira nämlich die gleichzeitigen pumbaditanischen und suranischen Schulhäupter an. Zur Zeit von Mohammed's Auftreten war Cha- nina aus Ls-6rlra.ru in Pumbadita und R' Chananja oder Chaninar in Sura: (>.11222) 2222 X-' 1'2'21 X22'2 '2 12 X2'22 '2 22 qi-2 '22 '2 22 1221.2 '22X1 ('X2V2 vur.) X'222 '2 2'2'2 1.21x2 X2122 21.22 P22X1 27ipb. Darauf will Scherira deren Nachfolger aufzählsn; es scheint hier im Texte ein Wort zu fehlen: 1'2'2221 „und nach ihnen": 2'2L- X121 11X2 PN-' '2 221 X2'2221°> PX2 X22 22 22 '21 212X2- I12-L2. Der Passus PX2 PNÜ' '2 221, wie die Lesart in der Schulam- schen Edition lautet, hat keinen Sinn, wenn man nicht zu pxr das Wort X 212 ergänzt, so daß das Ganze lauten muß: xiiv 11x2 pnr- '2 221 parallel dem X2'2221L 1'X2 X2N '2. Wenn auch Scherira hier den Ausdruck „Gaon" farblos für Schulhaupt gebraucht, so scheint es doch, daß dieser Titel erst mit R' Isaak begonnen hat. Der Chalife Ali war es wohl, der ihm diesen Titel und damit den zweiten Rang nächst dem Exilarchen eingeräumt hat. Auch dafür bietet die Verfassung der nestorianischen Hierarchie eine vollständige Analogie (vergl. ^.sss- rourö äissörtubio äs 8z-rrs usstoiraurs 1. III. purs 2 p. 648). R' Isaak war demnach der erste Gaon, d. h. das erste Schulhaupt von Sura, dessen Würde und Stellung vom Chalisate privilegirt waren. Der Anfang des Gaonats fiele demnach ins Jahr 657, während Ali's Chalifat. Ueber das Ernennungsverhältniß der Exilarchen und der Schulhäupter ist in den Quellen nichts Bestimmtes angegeben. Sie lassen nämlich ungewiß, ob das Exrlarchat erblich oder wählbar, und wie die Nachfolge der Gaonen beschaffen war. Die beiden Hauptquellen, welche über den Huldigungsakt des Exilarchen berichten, ein altes gutachtliches Lsspoosuro (vuie-xi 221 x 2 22 "e- 2 , citirt von Idu-VsrZu 8olrsl>st: äslruäs. Nr. 42) und Nathan der Babylonier, gebrauchen in Betreff der Ernennung des Exilarchen unbestimmte Ausdrücke: 2212 2-X2 X'2,222 X121 X'2'2 2.2'°)p 2'P22 2'2'P22 1'2 7X22-'2' 2P2-2 (bei Ibu-VörKS.); 2P2 22'222 2X 2222 X1.2 q2 2:.22"2' 2PL'2 ,2172 L'X2 '222 7p 12 22 122 '2 21p 22X2' 221 212 ' 2 " '2'X2 1 ' 2 ' 2 P ,22 1 . 2122 °) b. 2 p 2 . Indessen läßt sich aus des Letztern Worten: „Wenn die Gemeinde sich geeinigt, ihn zu ernennen," schließen- Note 13. 397 daß der Exilarch gewählt wurde. Die Wählbarkeit desselben ist auch historisch constatirt. Anan wurde abgesetzt und ein anderer an seine Stelle ernannt. Im Anfang des neunten Jahrhunderts hatte die eine Partei David b. Jehuda, die andere Daniel erwählt. Im daraus folgenden Jahrhundert wurde Ukba abgesetzt und später David b. Sakkai erwählt. Auch der Ausdruck im Edikt des Chalifen Almamun in Betreff der Bestätigung des Exilarchen spricht für Wählbarkeit: si äsosrn viri in nnnrn oonArsAubi nnbistitsin sisti orsnrs -vsllsnb (o. S. 3Ü0). Auf der andern Seite war aber die Nachfolge im Exilarchate auf die Familie beschränkt, welche von Davidischcr Abstammung gehalten wurde, und näher auf Bostanai's Nachkommen. Man sollte also meinen, daß hier Sohn auf Vater in der Würde folgte, und eine Wahl dabei nicht anwendbar war. Um diese Schwierigkeit aufzuheben, muß man wohl annehmen, daß ursprünglich die Exilarchenwürde erblich war. Als Anan aber dem talmudischen Judenthum gefährlich schien, und die Vertreter desselben sich anstrengten, ihn zu beseitigen, wurde wohl die Würde durch Wahl ertheilt, damit nur solche Personen zugelassen werden, welche dem Bestehenden nicht gefährlich schienen. Ueber den Wahlkörper und Wahlmodus ist nichts bekannt. Nathan drückt sich auch darüber unbestimmt aus „wenn die Gemeinde beschließt, einen Exilarchen zu ernennen": b.npn npn ,n«'««.n on. Man könnte vermuthen, daß dieselben Klassen, welche sich zur Huldigung des zu ernennenden Exilarchen «infanden, auch das aktive Wahlrecht hatten. Bei der Huldigung betheiligten sich nämlich officiell die Schulhäupter sammt ihren Collegien, die Gemeindevorsteher, die Richter und andere angesehene Männer: ap n:w«" '«mn':«'psapnv «upin: ^np.n Na PN'NW'L" 'la (Nathan): «v '«mni nw'«" -«mn «'rapnv v.n man«: n«m ««'°>:«n «::pn «'«'n: (Nssponsurn bei Ibir-VsrAa). Jedenfalls hatten wohl die zwei Schulhäupter eine gewichtige Stimme bei der Wahl. Die Ernennung und Amtseiusetzung der Exilarchen geschah unter einem feierlichen Ceremoniell, worüber wir zwei Urkunden besitzen (das schon genannte Nssporwurn bei Idn-VsrAs, und der Bericht Nathan's des Babylonier). Es sei hier bemerkt, daß die erstgenannte Quelle älter sein muß als Nathan, nämlich aus der Zeit, als noch die Schulhäupter von dem Exilarchen abhängig waren lvor dem Streite zwischen David b. Jehuda und Daniel, vor 825). Denn die beiden Berichte differiren wesentlich nur in einem Punkte. Das Rssponsunl giebt an, am Huldigungssabbat habe der Exilarch zuerst aus der Thorarolle gelesen und nach ihm die Schulhäupter ihrer Rangordnung nach: UNP1 nnp°) (un:ll «"N a«n«) lnao.n ln mm pn'avi Na'.nn pa nnin ns« pu'«i«i NI«'«">N '«mn i'inni p«mn. Nathan dagegen tradirt, die Schulhäupter haben nicht nach dem Exilarchen gelesen, weil es unter ihrer Würde war, einem Andern, d. h. dem Exilarchen nachzustehen: wnm nvwn pn: NI «'«">-> '«MN lon N'N« '«-.-p ii>us«H >»n'na«w na'«" «mn: inlna >:-« nnin nr« nila «mn i'p. Au welchem Sabbat die Huldigung stattfand, darüber belehrt uns Scherira, nämlich am dritten Sabbat nach den Hüttenfeiertagen (also im Monat Marcheschwan): mprmn p>a u:.nn nl zl na«'a ^«n Nv«l nn'na «w«> .-»nuva-n pa'n« vn: ^n:^a '«mnn 'Nr'N unui^a '«mnn »i'-'n (Scherira's Sendschreiben sä. OoiädsrA S. 37). Diese 398 Geschichte der Juden. Huldigung scheint auch den Namen M21 182, „große Versammlung" geführt zu haben. Vergl. Scherira (das. 40 ): .1822 uiwur 121 uoe-uo '22 winmi 1^1228 :nu -N21. Der Ausdruck kommt in den gaonäischen Responsen öfter vor (vergl. Franksl's Monatsschrift Jahrg. 1858 S. 222 ). Aus Scherira geht hervor, daß diese Huldigung Anfangs in Sura vor sich ging: nn:8r L»ii u8.i'i8 nnw 'wu ^ p8m (»1122) 21 '22 u8i'i P2P1 UN182 2"1 um 10 unv 8221 — (U1122) NN2. U2'12 2W1 P211 nnui^i. Er gisbt aber selbst an, daß dieses nur so lange dauerte, als die Exilarchen mächtig waren. Nach dem Sinken derselben unter David b. Jehuda begaben sich die Pumbaditaner nicht mehr nach Sura, sondern wenn der Exilarch eine Versammlung zusammenberufen wollte, mußte er sich nach Pumba- dita begeben: unuiwi :8iu u8i u.112821 »011282- p2 i8wriL'» »'L-in nun' 12 in '2-2 ^'n» »n'12 mso '8r'i pn8 '1.128 2'»'2>i8 pn8 »nn 12 »8» pn'ino »n'12 2121 pprp: 2118 (das. S. 37 ). Aus Nathan's Aeußerung sehen wir aber, daß der Huldigungssabbat in Atikah stattfand. Atikah war ein Städtchen, das später zu Bagdad geschlagen wurde (Weil, Chalifen II. S. 77 , Note 1 ). Der Brauch muß sich also später festgestellt haben, daß die Versammlung um den Exilarchen weder in Sura, noch in Pumbadita, sondern in Bagdad stattfand. In Bagdad residirten auch die Exilarchen zuletzt, wie aus Nathan's Bericht hsrvorgeht^). Wie die Ernennung der Exilarchen, so ist auch die der suranischen Gaouen und der pumbaditanischen Schulhäupter nicht ganz klar. Aus Scherira scheint hervorzugehen, daß ein Avancement stattfand, so daß der Zweite in der Rangstufe nach dem Schulhaupte, der Oberrichter, mit der Würde bekleidet wurde. Der Dajan-di-Baba oder Ab-Bet-Din hatte die Anwartschaft auf das Präsidium. Von der Nachfolge vom Jahre 1125 — 814 berichtet Scherira Joseph b. Abba sei zum Schulhaupt befördert worden, obwohl nicht ihm die Stelle gebührte (n'n2ii nin »8i), sondern dem R' Aaron, der Oberrichter war: (;>i n'2 2» nini n'2p pinn 21 12 ninip Ebenso deutet er an, daß im Jahre 1144 — 833 die Ordnung gestört wurde, als R' Isaak zum Schulhaupte ernannt wurde, und die Stelle dem Josef b. Rabbi gebührte, der Ob errichter war: »1"1 nini ^01' N 121 N '8 '2'p pn2' '1 128 »'22 nun' p 111 n'222 12: »221 (der Text emendirt nach beiden Recensionen). Vom Jahre 1254 — 943 berichtet Scherira, Aaron Jbn-Sargadu habe sich das Präsidium angemaßt, „obwohl der Platz dem R' Amran b. Meswi gebührte": (pinn -1) »in n:n »81 182 2-'1 '122 n 121 N '12 212 p '1 128 NIN »N 211 »8» 12 ' 2 » ' p»2 1 N 2 NIIM 28 '1»1. Scherira selbst war zuerst Oberrichter 1271 — 960 und dann wurde er Gaon im Jahre 1279 — 968 : 2"pi 11221 (»"pi 1122) pi n'2 2 » »rup »'nn2 »nini N1N»12 »12'2N2». Andererseits wissen wir, daß die Exilarchen die Schulhäupter ernannten. Der Exilarch Salomo berief zwei Schulhäupter für Sura aus dem pumbaditanischen Collegium. David b. Sakkaä berieth sich mit Nissi, ob er Saadia oder Zemach b. Schahin ernennen sollte (Nathan): pp'no 1182 2»i n'ni PNL- p N2'^ 8p: '2I'°> N'1P2 -1 8p 121 18211 (»1122) N2 21.11' '2. Endlich berief er Saadia aus Fajum nach Sura, und nach seiner Amtsentsetzung ernannte er einen andern. Man kann beide Thatsachen dahin vereinigen, daß allerdings der Dajan- *) Die Bezeichnung 822 als Stadt bedeutet bei Nathan Bagdad. Karmisin liegt fünf Tagereisen im Osten von 822 — Bagdad. 8222 an 'rn 1822 1212. II ^ a äs-lls Is bsrritoirs äs Lasäs-ä äsrrx villaZss äu noru äs Ls-rsar äs 8ao^, Odrsstoruatöls arads I. x. 77 , Note 21 , nn Namen eines arabischen Schriftstellers). Dadurch läßt sich die Lage Sura's einigermaßen geographisch bestimmen. Der Geburtsort des Exilarchen David b. Sakkai, Kasr, lag südlich von Bagdad, 7 Mil von Sura entfernt: pi-2 i »112 P21 ii'2 822 21112 12p. Note 13. 399 di-Baba (oder auch der erste Resch-Kallah) die Anwartschaft hatte, daß aber die Bestätigung dein Exilarchen zustand. Dadurch ist Scherira's Anklage gegen die .> Willkür mancher Exilarchen verständlich, sie bestand darin, daß dieselben außer- , halb der Rangstufe Schulhäupter ernannten. , Die Amtseinsetzung der Gaonen von Sura und der Schulhüupter von Pumbadita geschah ebenfalls mit einem feierlichen Ceremoniell (Nathan): ,221 * mm P222V2 1112 V»ib PV1PV 7112 li 11VP1 22122 p 2.12 INN 1221-V2.112-V' 2122 12 I'b» 111» P1-112 1'»V 1111 1222 P11. Jede der beiden Hochschulen hatte ein Collegium um sich, dessen Zusammensetzung und Stufenreihe aus Nathan's Bericht und dem Bruchstücke eines Nssxousuiu vom Gaon Amram b. Scheschna erkennbar sind. In der ersten Reihe vor dem Metibta-Haupte saßen zehn Männer, wovon sieben den Titel „Häupter der Lehrversammlung" führten, und drei „Genossen" hießen (Nathan): iiVp 1-22(1 22-1- ii-V- V»i iii-V- 112 in 1'2s( 1'2V1'V 11VP.11 — 12-V-1 V»1 i» 2.1-221 »2P Nil 1»1P2 »-11 2-V2» 2'121 NVIVI 1112 -V»1 212 (.1P2V l.). Jeder der sieben Resch-Kallah hatte unter sich zehn untergeordnete Glieder, die den Titel 2-211» (Lehrer) führten. Diese Siebzig, welche in sieben Reihen zu je zehn sahen, bildeten das große Synhedrin (Nathan): iiVp (p 11122 212 11» (22- mim >V»i 222- i»ip: lub- 1111V 1 21V P11122 2-P2V11 .2-Lli» 2'»1P2.1 211 ;-111221 P2. Das Verhältniß der drei 2-121, und ob sie auch untergeordneten Gliedern vorstanden, ist bei Nathan nicht klar. Aus dem Eingänge des genannten gaonäischcn Rosxon8u.ru läßt sich aber entnehmen, daß es im Lehrhause neben dem großen Svnhedrin auch ein kleines gegeben hat. Bestand das Große aus 70 Mitgliedern, so mußte das Kleine mindestens 23 haben. Dieses war nun sicherlich zusammengesetzt aus den drei 2-121 und wahrscheinlich mindestens zwanzig - untergeordneten Gliedern. Das Rssxousuiu nennt diese -2172 22, eine räthsel- ^ Hafts Benennung. Die Stelle lautet: (27 »>212 »121 »12-12 V-i » 2 - 2 -V 12 212p 2-211M 2-12221 2-1P- »2l(p12 12-122 2-111 (»1V- 1'2 ,12'1» 1»VI 111-1-2111 1221 2-21221 2-221 1221 1°,2 -V-1 121 »221 »2"1 12p 21 1221 -222 2l(v> 1l2p -12-2L1 1»V21 122p -11.12 2 2 1P22 2.1V -21'p -22 P21 lbl12 -11122^ 21P22 21V 1 1»1P1 12-1P 12-2S2 2li»VV 1l(»V1 .— 1712 12-V-2V 2-221 - 1 - 2(111 2 ' » 2 11 ') 2-221 ' 2-1-221 (21 2-2211 2-->l2»1 1'1 1-2 2» 12'2e( 2-2VI-V2 12>2°>2 211» (mitgetheilt i von I^ULWtbo in dessen Sammelwerk Lsb iru-O^s-r x. 48). Dabei ist zu be- s merken, daß Amram Gaon hier die 2-211» Ordinirte nennt (2-21221 2-221); < daraus würde folgen, daß die -2i-p -22 nicht ordinirt waren. Bemerkenswerth ; ist noch, daß nach Nathan's Bericht, die Stellen der lIsseLs Lails-Ir, der i OstsHsriru und der ^.lluüiu erblich von Vater auf Sohn übergingen: i-i 721 7 12 2V1-I 1-2» 21P2 V11- 121P2 1» »1221 p l( V-1 1172 -V»12 11» 1222 2» 22122 1 — .1121 ;i°>2 (p 2711 P12 11» P»1 — 2-121.1 P2 PI 2-2V2 ;2P 1-1 l('2»1 A ^ *) Daß dis Collegienmitglieder der zwei Hochschulen sich als Synhedr Isten ( betrachteten, bezeugt auch der karäische Polemiker Abulsari Sahal in seinem z Sendschreiben: 2iipi( 2iiVv2 1212 iV» -1 2p -2.1221 2-pm p V- -2 P.21V1 -2» pn-i ( 2-121 P2 212P1 111V7 st:»h 212V1 21-2 (»1V- -12 i» 2-»2 z-11122 21 -2 2'121»1 ,! (Pinsksr I-ilruts Beilage III. S. 32). H "> 2-»2i bedeuten im Talmud Gelehrte, welche die Mischnah und die Bo- i raitas ausivendig kannten; es waren lebendige Mischnah-Exemplare, die den j Mangel an Geschriebenen ersetzen. Man sprach sogar in der talmudischen Zeit H verächtlich von diesen Gedächtnißmenschen. Auffallend ist es, daß 2>»2i noch in der gaonäischen Zeit vorhanden waren. Denn auch Nathan spricht von solchen: s .-»21 p 111 1») 111212-V 12V 2- »2171 2'1'27l( 1.12-V- -V2» 727 212 — »112 12'V' V»1 400 Geschichte der Juden. ',2 12 L22 22K 2'2' 2K1 1222 12IP22 P22 INK PK: 12IP2 NK 2'22 INK 72 212IL> 'INI 27>h PS'OI2 i>2K V2K2 2L'2' K22I 222 12'P22 IN1K P2'L22 PK 22K2 12 222,22 7122 212IL> 1222 N 222 1 PN 2 NN'.' 1 i>. Das Collegium der Metibta bestand demnach aus I Gaon, 1 Dajan-di-Bab a, 7 Lssotis-Lallud, 3 Otia.dsriua, 70 ^.llnüra und 20 oder 30 Lsns-Lisurlis^). Jünger gab es noch in Nathan's Zeit (920 bis 48) in der suranischen Hochschule 2400: i "2 onv o'N'27nn nnv ni. 12 , wenn die Zahl nicht corrumpirt ist, statt 21 K .2 "22 — 400. 14 . Der Pseudomessras Serene. Das antitalmudische Schisma des Karäismus tritt nach den vorhandenen Quellen plötzlich und gewissermaßen unvorbereitet auf. Da eine solche Plötzlichkeit in der Geschichte eben so unmöglich ist wie in der Natur, sondern jeder lauten Erscheinung stille, unsichtbare Vorbereitungen vorangehen, so haben sich Forscher bemüht, antitalmudische Bewegungen vor Anan aufzufinden. Es ist ihnen aber mißlungen, weil sie ohne rechte Quellenkenntniß und ohne kritischen Sinn an die Arbeit gingen. Sie haben den Katalog der jüdischen Sekten zur Lösung des Problems herangezogen, ohne zu bedenken, daß sämmtliche Sekten bis auf eine einzige nachananitisch sind. Die vorananitische jüdische Häresie haben sie so unkritisch angeschaut, daß sie deren Antecedenz nicht einmal wahr- genommsn haben. Reiche, authentische Quellen bezeugen aber unzweideutig, daß zweimal vor Anan antitalmudische Bewegungen vorgegangen waren, die eine 40, die andere 10 —15 Jahre vor derEntstehung des Karäismus, beide aber mit messianischem Apparate. Die erste derselben wollen wir hier nach den Quellen inhaltlich und chronologisch beleuchten. In einem gaonäischen R.ssp>oirsuru kommt Folgendes vor.. Ein Jrrlehrer war aufgetreten, der sich für den Messias ausgab, und fand Anhänger. Diese waren in Ketzerei ausgeartet, heteten nicht die vorgeschrisbenen Formeln, beobachteten nicht manche Speisegesetze, scheuten nicht den Genuß von Heidenwein, arbeiteten am zweiten Feiertage, schrieben nicht Ehecontracte nach talmudischer Vorschrift. Sie wollen nun von ihrer Ketzerei lassen, dürfen sie ohne Weiteres in den Gemeindeverband ausgenommen werden oder nicht? Diese Anfrage und ihre gutachtliche Antwort stehen mit noch drei anderen zusammen in der Rs- sponsensammlung ( 8 aliuurs 2säick x. 24 L, d Nr. 7, 8 , 9, 10) und haben die Ueberschrift Natron«?, an den sie gerichtet waren: ontEv-i 221221 '2 2,1'22 1K2'1 22K 22 1'22K W21 N'r/2 '1K 221K 2'21 1221 p' 2 22 11'21212 22V2> 2P22 22K?2 P22P1 125 1" 212'2 21" P2222 P'KI .2222.2 2K PK12 P'KI 28 s,2 pi>i>S22 21'K P22'2 2222 22'2 22'2 12K P.12 7"! 11'222 p,2'22 212122 P2212 P'KI 22' 2'2 21'2 K 7 m 2>22 P 2 ' 2 r P 2 I 12 . Ehe wir den Inhalt dieser Sektirerei feststellen, wollen wir den Namen des Pssudomessias und sein Zeitalter ermitteln. Dasselbe HssxoiisurL ist in Mose Transts (1525 — 80) Gutachtensammlung ( 2-22 '2 (0. I. Nr. 19) ausgenommen. Dort lautet der Name des Pseudomessias 122 'i' 22 -i. Wir werden aus den externen Quellen sehen, daß diese Lesart richtig ist. Das Zeitalter läßt sich aus diesem Rssxousuru nicht entscheiden, da es zwei Gaonen Natron«? gegeben hat: Natron«? b. Nehemia von Pumbadita, dessen Funktion begann 1030 8s1. — 719, und Natron«? b. Hila?, der 10 Jahre uugirte (und zwar nach meiner Ermittelung) von 1170 bis 1180 8s1. — 859 — 69. *) sLöns 8sisurLs. Vergl. Halberstamm in Xobuks P 22 " V 13 7). Note 14. 401 Bei dieser Ungewißheit kommen uns externe Quellen, welche von einem Pseudomessias in den zwanziger Jahren des achten Jahrhunderts sprechen und zum Theil auch seinen Namen nennen, sehr zu Statten. 1) Die älteste Quelle, welche darüber berichtet, ist zugleich die ausführlichste und authentische, weil sie von einem Zeitgenossen herrührt. Isidor Pacensis schrieb seine Chronik um 750, seine Zeitangabe und andere Umstände haben daher volle Glaubwürdigkeit. Er erzählt: In der Zeit des arabischen Statthalters Anbisa sind die Juden Spaniens von einem Pseudomessias, Namens S erenus, verführt worden. Sie ließen ihre Güter in Spanien in Stich, um sich zu demselben zu begeben. Der Statthalter Anbisa ließ hierauf ihre Güter für den Fiskus einziehen. Die Stelle lautet im Original: Kusus tsruxors (in. ssrs Nsrtvruiu 759, suuo Lsouis sssuuäo, ^rsduru 103) äuässo tsubsti suut, sillut .ss.ru in Idisoäosü ruiuoris tusrsut, s guoäsru äuässo suub ssäusti, gut ob psr sutlxlirsslu uoiusu Lsrsuus ssslxlsus, uubilio srrors sos iuvssit, Nsssisrugus ss prssäiosus, illos sä tsrrsru rsxroruissiouis volsri suuutist, stgus oiuuis c^uss possiäsdsull ut suaibtsrsut iiupsrst. <^uo Issto iususs st vsoui rsrusussruub. 8sä udi live. ^.rudirsiu xsrvsuit, oruuis sos 1. I. x. 39) aus einer arabischen Quelle. Dieser Bericht fügt neue Umstände hinzu. Die Juden Spanien's empörten sich, weil ihnen eine Nachricht zukam, daß in Syrien ein Betrüger Zonoria austrat, welcher sich Messias nannte, und ihnen was sie wünschten versprach. Sämmt- liche Juden Spanien's und Gallien's reisten nach Syrien ab und verließen ihre Güter. Der Emir Ambiza zog dieselben ein. Lu ssts tisiuxo (723) los äu- äios gus Usiüs su Lspsns — ss sldorotsrou xorgus Iss viuo uusvs gus su 8iris ss Iisdis sxsrsoiäo uu oisito Louoris iiupostor, >^us ss äsoisssr suNsssisLz- rsg- prorusbiäo gus sllos ssxsrsu. V toäos los äuäios su Lsxsäs z- OsIIs psrtisrou s 8iris sdsuäousuäo sus kisuss. LI svair I^iubiLS splloo toäos sus Iiisuss, ossss g- posssiouss si sstsäo. In dem Namen Zonoria erkennt man Serenus und -nin wieder, nur ist er entweder durch die Aussprache der Araber oder arabischer Copisten verstümmelt. Wir erfahren aus Conde, daß der Pseudomessias in Syrien austrat. Das Datum differirt von Jsidor's Angabe nur um 2 Jahre. Graetz, Geschichte der Juden. V. 26 402 Geschichte der Juden. 3) Barhebräus erwähnt ebenfalls das Auftreten dieses Pseudomessias und giebt Zeit und Namen an. Im Jahre 1831 8s1. sagte ein Syrer, der Saüra hieß, von sich aus, er sei der Messias, und als er von dem Herrscher gefangen worden war, sagte er: ich habe mich über die Juden lustig gemacht: xwi mm 12 innrm 121 '1.11 ip irm N11N0 12L'1 M'IIO e-m (x'N'b "«i>i twbn) i'iisrx »i' 11'21 iv.i ^ 2 '^^ (Ollroräsou L^riaerma sä. Hrsoli sb Lrnus p>. 123). Das Jahr ist hier 720 angegeben, nimo hat allerdings mehr Klangähnlichkeit mit Zonoria als mit Serenus, aber der Zeitgenosse Isidor ist dafür ein com- petenterer Zeuge. Keineswegs darf man aber daraus Severus machen, wie es die Uebcrsetzer der Barhebräischen Chronik gethan haben. 4i Auch dis byzantinischen Annalisten erzählen von einem Pseudomessias aus dieser Zeit, geben ihn ebenfalls als Syrer aus, nur verschweigen sie seinen Namen. Hauptquelle ist Teophanes. Er berichtet in seinem Chronicon: In diesem Jahre erschien ein Syrer als falscher Messias und verführte die Hebräer, sagend, er sei Christus: rovrm k'rkt rr; x«l kir-lavyok roös xaoröi- X. r. (Otrrono- Aiaxchia sä. Loiui I. 617). Die genaue Angabe des Jahres fehlt bekanntlich in unseren Ausgaben des Teophanes, ein Uebersetzer hat sie indessen erhalten, nämlich im fünften Jahre des Kaisers Leon — 721 — 22: ^.nuo inrpsrii Qsonis quiubo s-xx Limit qniäuru Sirius xssuäosllristus st ssämoit Hsdrasos. Eben so hat es Cedrenus sHistoriaruru oompsmätulL sä. Dann I. 793): üe k crt- (x/koi'1'os) kPavi/ rrs xai rovs I'^.' x. r. Die externen Quellen geben also vollen Ausschluß über diesen Pseudomessias. Er hieß Serenus (Isidor Pacensis) und war aus Syrien (arabische Quelle bei Conde, Barhebräus und Byzantiner) Das Datum schwankt zwischen 728 und 723. Es ist also kein Zweifel, daß derselbe identisch ist mit 2-12 im gaonäischen Kssxousuin, und daß der Gaon, an den die Anfrage wegen desselben gerichtet war, Natronai I?) war, der vom Jahr 719 an fungirte. — Die externen Quellen kannten an Serene nur die messianische oder pseudomessianische Seite, die jüdischen Zeitgenossen wußten aber mehr von ihm, daß er sich mit dem talmudischen Judenthum in Widerspruch setzte und seine Anhänger zur Ketzerei verleitete. Betrachten wir jetzt den Umfang der serenischen Ketzerei. Die Stelle, die oben mitgetheilt worden, sagt zwar nicht geradezu, daß der Pseudomessias seinen Anhängern das Abgehen von den talmudischen Vorschriften eingeschärft, sondern nur, daß sie es gethan haben. Aber im Verlaufe erfahren wir, daß diese Ketzerei von ihm ausging. Es heißt nämlich weiter: rii'ip aib i'i.i . 1^221118 npi. Also er selbst hat ihnen Eheverbote gestattet. Wir können daraus entnehmen, daß die übrigen Punkte ebenfalls von Serene eingeführt wurden. Diese Punkte, über welche sich Serene's Ketzerei erstreckte, sind sämmtlich talmudischer Natur, wie aus einer anderen Notiz hervorgeht. Natronät wurde nämlich von einer andern Seite angefragt wegen Ketzern, welche sich über biblische Vorschriften himveggesetzt hatten, und er erwiderte darauf, daß ihm vorher eine Anfrage zugegangen war in Betreff Solcher, welche bloß talmudische Vorschriften *) Dadurch ist auch erwiesen, daß die Angabe in den Responsen des Bezalel Aschkenasi und Jbn-Abi-Simra, welche das Responsum in Betreff des Pseudo- mejsias Serene citiren, falsch ist, daß die Anfrage an R° Mose Gaon ergangen sei. Dieser fungirte nämlich über ein Jahrhundert später s827 —37). Note 15. 403 verwarfen. Dabei recapitulirt er die oben citirte Anfrage kurz: usiv pp-m 112 L"2> :22 V2W2: N2 22122- 2182- ^22 22221 22-2 M2L- U'lsi 2:i-U2- M2' ibu Nlbu2> 2'21.22 P2212 PNI 2'2 22 '7272 12 PSI 2U'221 2P2 212221 M2'2- 22N 22 112IP22 2: ;N2 2:mb P2-P2S2- 122 2" U22P1 b.i2L"2 P2'2 222 21'N, bedeutet nicht, daß sie überhaupt nicht beteten, sondern daß sie die vom Talmud und dem Brauche eingeführte Gebetformeln nicht für verpflichtend hielten. 3) 120 1" M2'2 M" P222-2 21>N bedeutet, daß sie ihren Wein von Nichtjuden berühren ließen. 4) 2L' 2>u LV2 22nb,2 2'2-ip, der zweite Feiertag ist nur talmudisch. 5) 212122 p2n,2 pu, oder wie es in der Parallelstelle heißt: 212122 P2212 pni bn22"2 paru, ist auch nur eine Opposition gegen die talmudische Vorschrift, nämlich schriftliche Ehepakten ausstellen und Scheidebrisfe schreiben mit allen Formalitäten, die der Talmud einschärst. 6) 222p 22b 2222, kann ebenfalls nur talmudischer Natur gewesen sein, Ehen mit entfernten Verwandten auf- und absteigender Linie: 2-2212 >2222 2212-. Alle diese Punkte, Speise- und Ehsgesetze, zweiter Feiertag und Gebetweise greifen tief ins Leben ein, darum sind sie in der Anfrage namhaft gemacht. Serene mag aber noch andere talmudische Bestimmungen verworfen haben. Mit Recht kann man daher den Pseudomessias Serene den ersten Reformator nennen. Uebrigens geht aus einer andern Anfrage an Natrona'k (das. Nr. 7) hervor, daß die Serener nicht die einzigen waren, welche talmudische Vorschriften verwarfen. Dieselbe betraf nämlich Solche, welche sich über die biblischen Vorschriften hinwegsetzten, weder Sabbat, noch Verbot von Blut und Unschlitt beobachteten. Dabei wird die Bemerkung gemacht, daß diese Ketzer von anderen bekannten sonderbar abweichen. Denn die meisten Ketzer verwarfen nur Talmudisches, hielten aber an Thora und Schrift fest, diese aber sprechen der Bibel Hohn: 2-i'2 i-22 ^ piiL-2 pv2 pinV ii'ni 12 P22 2 2 -12- 2112 21' P121 21S2U P12 2'222 '2222 P2P1S 1'1'Q 122- 2i-1p22- .1.222'' 2P-P2 1'2L2-rN PP'!2L N2P21 2212 '2222 bin 2-2S12 '2222 21-12- 21222- 1Ü2I 2'2wll I2'ii2i ni'2y 1N'2>11 .2222 2p'p2 i2ps 2.2W2SL' 1Ü2. Es war demnach R' Natronat bekannt, daß es hier und da Juden giebt, die sich praktisch über den Talmud hinweggesetzt haben. Er spricht davon wie von einer täglichen Erscheinung. Also 40 Jahre vor Anan's Auftreten hatte schon eine antital- mudische Bewegung stattgefunden. An einen Zusammenhang derselben mit den Sadducäern ist durchaus nicht zu denken. Wir kommen jetzt zu einem andern psrudomessianischen Antitalmudisten. 15. Der Srktenstister Abu- Isa Gbadsalj Ivfalsanr. Ueber diesen Sektenstifter und seine Sekte, die Jsawiten, liegen uns zwei Berichte vor. Der eine stammt von David b. Merwan Almokammez') Daß Almokammez Autor der von Jehuda Hadassi mitgetheilten Häresien ist, geht aus dem Anfang und dem Verlaufe hervor: be>) 2221:2 n bp pn 26« 404 Geschichte der Juden. (blühte um 950), ausgezogen in Hadassi's Werk asa.-i barm (Nr. 97), der anders von dem Mohammedaner Scharastani, der zwar erst um 1140 schrieb, aber seine Nachrichten über die jüdischen Sekten aus altern Quellen schöpfte (Text sä. Onrstom x 168 Haarbrücker's Uebersetzung I. S. 254). Wenn, wie es den Anschein hat, Scharastani Almokammez' Bericht excerpirt hat, so sind seine Angaben um so zuverlässiger. Makrizi's Nachrichten darüber (in äs Laog-'s Oftrssto- matstis ars-bs I, 307) sind dürftig. Wir haben hier den Namen des Stifters, die Zeit seines Auftretens und seiner Wirksamkeit, seine Messianität und seine häretische Dogmatik zu beleuchten. 1) Name. Almokammez nennt ihn Abu-'Jsa Obadjah aus Js- fahan: 'woun N'iaip mm w'piau na na. Scharastani hat den Namen voller: a-pp' so pnxu w'p-au. Er fügt hinzu, er wird auch genannt: m m.aftu a-mx .a 88 u maip. Der Name n 88 u a>a:p oder v'.abu mmp (wie Haarbrücker richtig cor- rigirt) ist Obadjah arabisirt. Der Sektenname lautet, wie wir gesehen, bei Almokammez w'piau na oder ammp, bei Scharastani "nnmp (Jsawiten), bei Makrizi "n'mnaru 8 u (Jsfahaniten), nach ier Geburtsstadt des Stifters. 2 ) Zeit. Scharastani giebt die Zeit seines Auftretens und das Ende desselben genau an. Er war zur Zeit des Chalifen Almansur, und der Anfang seines messianischen Auftretens war in der Zeit des letzten Omejjaden Merwan: zum w nnipa uanam awm 8 u zum w zua auvnau a-nv za zmaa> "n'vu 'aa zfto a'nu. Merwan's II. Chalifat') begann 744 und Almansur's, des zweiten Abbassiden, 754. Während der Unruhen, welche der Abfall der Provinzen des Chalifats gleich nach Merwan's Regierungsantritt hervorrief, mag auch Abu-'Jsa Obadjah als kriegerischer Messias aufgetreten sein. Er lebte aber noch einige Zeit unter Almansur; denn er griff dessen Heere in der Gegend der Stadt Rat an, wurde aber daselbst mit seinen Anhängern ge- tödtet. Scharastani: 8 np: 8 np- 'a 8 ua aunru aaun ull) (w'p:au) imu 8 -pi naunru. Rät war mit ganz Chorasan im Anfang der Negierung Almansur's besetzt von dem Magier Sindbad, der erst im Jahre 138 Heg. — 755 — 56 besiegt wurde. Vergl. Weil, Chalifen II. 34 nach Tabari. Zur selben Zeit scheinen auch Abu-'Jsa und seine Anhänger besiegt worden zu sein. Er hat demnach sein Wesen ein Jahrzehnt getrieben, um 745 — 55. 3> Messianität. Hadassi, d. h. Almokammez, sagt-ausdrücklich, Abu Jsa habe sich für den Messias ausgegeben: apa mmam upm -wm w (-mp:au) avu -Iran 8 mm N'L-2N MN nw'on. Aus Scharastani's Worten dagegen scheint hervvr- zugehen, daß er sich nicht für den Messias gehalten, sondern nur für einen Propheten und Gesandten, für den, der zu dem Messias beruft, den messianischen Vorläufer: a° 2 na 28 u n'wn 8 u 8 iL-a mm 'a: nm (w'p lau) apn Er glaubte auch, wie Scharastani tradirt, daß dem Messias fünf Gesandte nach einander vorausgingen. Indessen da er verkündet, daß der Berufer zum Messias selbst Messias sei: n'L-r> 8 u m u'r'u 'pua 8 u zu apn, so läuft das auf eins hinaus. Da seine Anhänger gewußt haben, daß er nicht vom Stamme David's war, so mochte er sich gescheut haben, sich für den Davidischen Messias auszugeben, und hat vielleicht behauptet, er sei der Messias vom Stamme Joseph: MN >a — raaoa ana p:ap 28 ua pmm ('pap l.) 'pa 8 u zmav za a:a u 8 aro za (cmaviL- n 8 p wnm 'a rasaa P'MN -m — nmwan mraa: NS'UN 'anaa aann:, und im Verlaufe (Nr. 98) ra-w nrp-aa pvp^au zmma za a:a a-an n 8 u 8 a ara-a — (nmuav 8 u) n'm» 8 u apa oa arm uma 8 nnaa mm an 'a o'piar apa. *) Merwan ließ einen Lessft - Oaluta enthaupten, vgl Rsvns äss Db. j. VIII x. 124. (-, 21 ' ,2 N'vv). Dafür spricht auch sein kriegerisches Austreten; denn der Volksglaube theilte dem ephraimitischen Messias eine kriegerische Rolle zu (wovon weiter unten). Abu-'Jsa sagte auch von sich aus, Gott habe zu ihm gesprochen und ihn beauftragt, die Söhne Israelis von der Hand der abtrünnigen Völker und der tyrannischen Könige zu befreien: 21221 ,1222 - 2 npn 22 ^ vpn 11222 m P 2 rnp 2 n 22 U 2 U ' 2 M P 2 2 M 22 N 22 psi'n' ;n. Auch Maimuni scheint von Abu-'Jsa, als von einem Messias, Kunde gehabt zu haben. In seinem Briefe über den Pseudomessias in Arabien zu seiner Zeit (IZAsrsb 1s- insm) berichtet er: Im Anfang des Islam trat ein Mann jenseits des Euphrat auf und sagte, er sei der Messias und zog mit 10,000 Mann aus, — aber sein Plan gelang nicht, und die Juden wurden durch ihn in der Stadt Jsfahan sehr verfolgt: 2 , 2 m 22 P 2 vm 22 p bnpvv' 121222 22-222 '2 npii 222 2-1 2'2V21 P2122 ,2V 21N.2 .212221 bn2L"2 2'°l2n I22VP (2'22 l.) 2222 N-". N'V2 N12V 22M 12122.2 221P2 ,N.2L VN 2'P2 1'22N bn2V' 12NV11 21121 12-p 1222p N21 12VP 22v1 nbl N'22. Der Anfang des Islam und die Stadt Jsfahan, beides patzt nur auf Abu- 'Jsa Jsfahani. Daß er zahlreiche Anhänger hatte,, bezeugt auch Scharastani. 21.2'bn ,2 2''12 2 2V2 .2P212N2. 4) Dogmatik. Daß Abu-'Jsa Häretisches lehrte, bezeugt Scharastani im Allgemeinen: „Er wich in vielen Punkten von den Hauptsatzungen des Gesetzes ab, die in der Thora erwähnt sind": ".i'p2v2n onvn.n ,2 2''122 -s ii.i'im gni'm ".I-Iinim "12212222N "22'22im. Jndeß will das nicht etwa sagen, daß er sich über viele pentateuchische Gesetze hinweggesetzt hat, sondern daß er sie anders gedeutet hat, als das damals bestehende, talmudische Judenthum. Das geht aus Almokammez' Andeutung hervor, obwohl der eigentliche Sinn durch Ha- dassi's ungeschickte Uebertragung abgeblaßt erscheint. „Er hat erfunden und gedeutet die Schrift nicht im Geists der Propheten": v'21221 2-2122 2221 M22.2 l'.iin I2M22 212 '22 112P22. Aus desselben Angabe, daß die Jsawiten einiges vom talmudischen Judenthum festhielten, wie die 18 Gebetformeln und die Benedictionen vor und nach dem Schema, läßt sich folgern, daß sie anderes verworfen haben: v'pis 2 vp p 2 v nmipi 2222 2 v ms'im "in 221VP.2 .22-1 12-2 ->n .2x12:2 22 2-P222 2 2 '2 '222 VP2 21' 222. Besondere frappante Abweichungen werden weder von Almokammez, noch von Scharastani namhaft gemacht. Denn daß Abu-'Jsa siebenmaliges Beten täglich vorschrieb, nach einem Psalmenausdrucke, statt der talmudisch vorgeschriebenen dreimaligen, ist keine einschneidende Häresie (Almokammez): ''222.2 21-2 pav 22x122 2' 222 212-22 '1 2"2 2-1 (Scharastani giebt unrichtig an, daß Abu-'Jsa zehn Gebetzeiten für pflicht- mäßig ausgab: x.-i.-xpix 2221 — 2.112- ivp 2'21-n, da Almokammez die Begründung aus der Schrift dafür anführt, und diese für sieben spricht). Wenn Abu-'Jsa nach Almokammez die Scheidung ganz und gar aufhob, sogar bei Ehebruch: 212p 2222 i2wx ivvx ,->x v-x vi:>v 22m,. so ist das allerdings ein Hinausgehen über die biblische Bestimmung. Wie es die Jsawiten mit dem Festkalender hielten, läßt sich aus den Worten, wie sie Elia Hadassi wieder- giebt, nicht entnehmen. Sie lauten: .222.2 1211V2 22-2222 2-21,222 v-vip 22 Es bedeutet allerdings, sie machen die Feste nach dem Sonnenjahr, d. h. abweichend vom rabbanitischen Festkalender, der nach dem combinirten Jahre angelegt ist, aber das Wort 22-2222 ist störend; denn das will sagen, gemäß der, nämlich „der Rabbaniten" Vorschrift. Zwei Eigenthümlichkeiten werden noch von Abu-'Jsa, diesem kriegerischen Messias, mitgetheilt. Er schrieb seinen Anhängern Enthaltsamkeit von Wein und Fleisch vor, sogar von Vogelfleisch, nach dem Beispiel der Rechabiten, die freilich nur dem Weingenuß entsagten. 406 Geschichte der Juden. (Mokammez): sss p ssv- -:s sours souvs ssu ps ss-s mi>i>ms. Bei Scharastani wird nur Enthaltsamkeit erwähnt: ssn usss nusmSu .ssuris 's s^s, us'Ul pus^usu Hp n;s ss m.s srsi — Dann tradirt Scharastani, derselbe sei zu den Söhnen Mose's, welche jenseits der Wüste wohnen, gezogen, um ihnen das Gotteswort zu verkünden: s.s>sss'b bssSu um s.s -°s^u zusisr ^s -L>ir> ms >su s.ssi sbbu subs. Die Wüste bedeutet hier wohl die große Salzwüste, welche sich nördlich von Jsfahan erstreckt. Da wir aus einem andern Passus bei Scharastani wissen, daß er in Rar (dem alten Rhagae) war und dort die Truppen des Chalifen angegriffen hat, so wird die Reise wohl von Jsfahan nach Rat gegangen sein. Man glaubte also damals in jüdischen Kreisen, daß die Söhne Mose, von denen auch Eldad der Danite gefabelt hat, in der Gegend von Rai ihren Sitz hätten. Der Gaon Zemach, Eldad's Zeitgenosse citirt einen Midrasch, worin erzählt wird, die Söhne Mose's hätten sich die Finger abgeschnitten, um nicht vor Nebukadnezar die Saiten zu schlagen: s8ru ssss ms >s, ms SMS srrssis: .SSSS2> WSS2S M'.siss L'SMU 1SW sou msu o.sb kj'ps P'2SS s.sn ums .süss. R' Zemach spielt hier aus Midrasch zum Psalter 137 an, wo aber von den .sL's ms keine Rede ist. — Abu-'Jsa Obadjah trat demnach mehrere Jahre vor Anan auf und modelte am Judenthume. Anan war also nicht der erste Häretiker. 16 .. Eine messtariische Apokalypse mit historischem Hintergründe. Während Abu-'Jsa mit dem Schwerte in der Hand mcssianische Propaganda machte, erschien in Palästina eine apokalyptische Schrift, welche die Ankunft des Messias in nächster Zeit prophezeite. Diese Apokalypse ist nach vielen Seiten hin höchst interessant. Sie beschreibt die Reihenfolge der Chalifen bis zum Untergange der Omejjaden und giebt individuelle Züge von ihnen an, so daß sie als eine historische Urkunde gelten kann. Sie offenbart ferner die Stimmung der jüdischen Frommen in Betreff des herrschenden Islam. Sie eröffnet die Reihe der mystischen Schriften, giebt einen Schlüssel zum Verständniß der verwandten Literatur und ist auch in stylistischer Beziehung beachtenswerth. Diese merkwürdige Schrift führt den Titel „Geheimnisse des R' Simon b. Jochai" (mm- p proe» ms ms.srm), erschien zuerst in einem Sammelwerke Saloniki >743, aus dem sie Jsllinek abgedruckt hat in seiner Agadasammlung Lst-Ks.-Niärosolr 1. III. S. 78 ff. (Leipzig 1855). Fragmentarische Parallelen liefert zu dieser Apokalypse eine ähnliche Schrift unter dem Titel R' Simon b. Jochai's Gebet: -um- zs pzvss- m ns-s.s (abgedruckt aus einer Handschrift von Jellinek Lst-ka.-Niärs.sLli IV. T. 120 f.). dis aber einer viel späteren Zeit angchört. Daß die Apokalypse, die ms.sse, einen historischen Hintergrund hat, ahnte auch Or. Jellinek, der in den einleitenden Worten dazu bemerkt: „Unstreitig liegen uns hier bestimmte historische Anspielungen vor, die noch der Untersuchung bedürfen"; er bezieht sie aber auf die Geschichte des ersten Kreuzzugss. Dem ist aber nicht so. Es wird sich zeigen, daß der Verfasser der Apokalypse mit der Chalisengeschichte der Omejjaden sehr vertraut war, und man kann bis auf Jahr und Monat bestimmen, wann er sie verfaßt hat. Wir wollen Vergl. Nsvus ciss Ist. s. V. p>. 208. Note 16. 407 aber dabei analytisch zu Werke gehen, damit der Leser sich selbst von der Nichtigkeit der Resultate überzeugen kann. Die Einkleidung der Apokalypse ist folgender Art. Der Tanai R' Simon b. Jochar fastete 40 Tags, um das Ende des Exils zu erfahren. Darauf wurden ihm „die Geheimnisse des Endes" offenbart in dem Verse upr, .in ni-i (Uurrrsrr 24, 21), worunter die Herrschaft der Araber oder Jsmael's verstanden wird '). Darüber grämt sich R' Simon und klagt: „Ist es nicht genug, was uns Edom (Byzanz, Christenthum) gethan hat, nun soll noch das Reich Jsmael kommen? bnpoL" mrioo nbn onn .iwpv is imr ni>. Darauf erscheint der Engel des Angesichts Metatoron (der in der Agada Partei für Israel nimmt) und tröstet ihn: durch das ismaelitische Reich wird Israel von Edom befreit werden. Gott stellte für die Jsmaeliten einen Propheten nach seinem Willen auf. der ihnen das heilige Land unterwerfen soll, und sie (die Araber) werden es Israel zurückerstatten. Große Feindschaft wird zwischen ihnen und den Söhnen Esau's (Byzantinern, Christen) sein: ir> p-1222 ib rnp orp'L'mb um wnp.v pnr> oin bn o'rrn nn ov omo: nn oeib N'vr o.i'bp nun (:mn) .npviT: 'w p:i o.i-no .v'.vn nbim (eir'm l.) norm .vi>:r.w (b^iL"°:). Der Apokalyptiker spricht hier deutlich genug von Mohammed und erkennt ihn als Propheten an, den Gott aufgestellt hat. Dann werden Beweise in agadischer Manier aufgestellt, daß schon Jesaia von den Kameelreitern (Arabern) als hilfebringend für Israel prophezeit habe. Auch Bileam habe prophezeit, „daß die Kennen (Araber) nur von Abraham zehren werden". Darauf geht die Apokalypse die Reihe der omejjadischen Chalifen durch bis auf Merwan, den letzten Omejjaden. Ausgelassen sind nur diejenigen Lha- lifen, die nur kurze Zeit regiert haben, lieber die altern Chalifen sind die Angaben unbestimmt, dis letzten dagegen werden in ganz deutlichen Zügen geschildert, und die Schilderung bewährt sich als echt historisch. Der Text ist nicht ganz erhalten, hin und wieder machen sich Lücken bemerkbar. — Mit Uebergehung des Chalifen Abu-Bekr wird 1) Omar deutlich geschildert und der zweite genannt. Er wird durch den Bau der Moschee auf dem Tempel- berge kenntlich: br'.v.n imir." r.nm .m.-p piron mr'i br .v-.nnL.v oL' .vno: Mo mm .vL'N'1 .vmro.n ir: -pp pboo. Das hebräische Wort mmoom ist sehr glücklich dem arabischen Worts rpsv — Moschee nachgebildet. Omar's glückliche Kriege gegen das byzantinische Reich werden ebenfalls erwähnt; dann wird von seinem Tode in Frieden gesprochen: -norm -Mr-o 012':. Dem Apokalyptiker war nicht bekannt, daß Omar durch einen Meuchelmörder umkam. 2) Darauf wird ein Chalife geschildert als großer Herrscher aus Hadra- mauth, der nur kurze Zeit regieren und von den Helden per Araber erschlagen werden wird: 'w 0-2^2 a-2' .-w-pn 0:2 vrn2 1^2 12p- i.mm.m: 11p. Darunter kann nur Othman gemeint sein, der l l Jahre regierte und von den Verschworenen aus Egypten, Baßra und Kufa erschlagen wurde Daß er aber aus Hadramauth gewesen sein soll, weiß die Geschichte nicht. 3) Dann heißt es: wru inn ibr> ii'vp''. Statt mm.2, lese ich mnro oder d. h. Moawija, der nach Othman's Tod von den Syrern zum ^) Auch dis Karäer verstanden unter Lsni das islamitische Reich, wie Jakob b. Neuben (1050) in seinem bibl. Commentar (-Mp.-: oro) angiebt: uiv .0-002 :> -:p.v Lls. der Leydner Bibliothek PI. 74 rsvbo. 408 Geschichte der Juden. Chattsen ausgerufen wurde. Hier ist offenbar eine Lücke, denn die Schilderung dieses Chalifen fehlt, und was darauf folgt, gehört einem folgenden Chalifen an, wozu aber auch der Eingang in« pi2 2,21 fehlt. 4 ) Denn die Schilderung: „Man wird ihn von hinter der Heerde und den Eseln hinwsgführen und auf den Thron setzen: innpi -i-'^i Iiiixi -;«x.i 'UNS, spielt ganz unzweideutig auf den Chalifen Jezid I., Moawija's Sohn und Nachfolger, an. Das wird durch Abulfeda's Bericht klar. Misun, eine von Moawijah's Frauen und Jezid's Mutter war eine echte Araberin aus dem Stamme Kelbi. Einst pries sie in einem Gedichte das idyllische Hirtenleben und sprach ihre Verachtung gegen den Luxus des Palastes aus. Moawija fühlte sich dadurch beleidigt und wies sie aus dem Palaste zu den Heerden ihres Stammes. Sie nahm ihren Sohn Jezid mit: nix 2 i'i'i 282 '22 "i'i«2 >i« (p.2-2) n"x.-2v. (Sie kehrte zurück zur Trift der Kelbiten und Jezid mit ihr): "i-i«2i« -°> «iii« p2 «1x2 im 2«p« (Jezid blieb mit ihr zwischen ihren Stammesgenossen auf der Trift); ^.dullsäa, uunalss sä. ^.älsr I. 399 , - 192 . Der Apokalyptiker durfte also mit Recht von Jezid sagen: miixi inr.l .-„-M 1.111p'- (11« pi.2 °p'l). ö) Nach der Anspielung auf Jezid ist offenbar eine große Lücke; denn die Worte x-2^« nixm 1122 112x1, „es werden vier Nachkommen von ihm (als Chalifen) aufstehen, d. h. regieren", passen nicht auf Jezid, der nur zwei unmündige Söhne hinterließ, Moawija II, der nur 5 Monate nach seinem Vater regierte, und Chalid, der gar nicht zur Regierung gelangte. Um so mehr paßt der Zug von den vier Söhnen und Nachfolgern auf Abdulmalik, als eine Sage circulirtc, Abdulmalik habe einen Traum gehabt, vier seiner Söhne werden ihm auf den Thron Nachfolgen (vergl. ä'HsrdsIot bMiotdsqus orisntsls x. 7 d Artikel Abdulmalik). Ueberhaupt wäre es auffallend, daß Ab- dulmalik's Negierung, die stark und dauernd war (21 Jahre) in dieser Apokalypse nicht erwähnt sein sollte. Man muß daher nach Jezid eine große Lücke annehmen, welche von Abdulmalik handelte, und darauf passen die Worte: °w'io 11-2". xn« .11x111 222 112x1. Schon dieser Zug, sie werden den Tempel, d. h. die Moschee auf der Tempelstätte vergrößern, paßt auf Abdulmalik's ersten Sohn unv Nachfolger Welid I., von dem der Geograph Khondemir erzählt (bei ä'Hsi-bsIob p. 898 ), daß er die Moschee in Jerusalem vergrößert hat: I^s AsoAruxUs psrsuu XUonäsirrir touoUs uussi uux ioätü- rusuts äu rnsms 'Wsli.ä sb ä, 1'uArs.iräisssrusirti äs Ikeiilos^uss äs, ns 1a, vills äs äsrusslsrn. 6) Im Folgenden ist die Regierung des Chalifen Suleiman so genau gezeichnet, daß die Schilderung einen zeitgenössischen Verfasser voraussetzt. Das Original lautet: niip2>2ii nn2.11 ,iie«i 2x21 in« ->82 ii2x- ,11x111 xii« 11282 ppii (1.112- l.) N12' 221 2-.2H« ix 2'i,iz 2-i"n NI21 211x2 122p i'ii 1182-2 2'2D vie« 12-xi ix 211« U2 112-x-i 2ii pur (p«i l.) p« 2ii xn2 «111 1211 P12 2i2x 1111 2x12 1«2-1 1112' 2'1«21.11 PI21 1S12-1 i«x.2L" 22 112x1 2.11« 121.11 i«x22". Die dreijährige Ncgierungszeit paßt auf Suleiman, der nach arabischen Nachrichten 2 Jahr 8 Monate regierte. Noch mehr aber die Kriegsereignisse, die um so mehr historisch erscheinen, als der ganze Passus ohne den geschichtlichen Hintergrund räthselhaft und unverständlich aussieht. Tabari's Nachricht (bei Weil Chalifen I. 567 , Note 1 ) wirft ein Helles Licht zum Verständniß desselben. Es heißt dort: „Als Suleiman Chalife wurde, zog er gegen die Griechen und sandte seinen Bruder Muslama voraus. Da kam Jliun (Leo) der Jsanrier aus Armenien und forderte von Muslama einen Mann (Unterhändler). — Die Note 16. 409 Patricier sagten zu Jliun: „Wenn Du Muslama von uns entfernst, schwören wir Dir, daß wir Dich zum Kaiser wählen". Jliun begab sich zu Muslama und sagte zu ihm: „Die Leute (Konstantinopels) wissen, daß so lange Du Lebensmittel hast, Du keinen Sturm auf die Stadt unternehmen wirst; darum verbrenne Deinen Vorrath, dann wird sich die Stadt Dir ergeben". Muslama verbrannte alle Lebensmittel, aber dieses erhöhte den Muth des Feindes und versetzte die Muselmänner in Noth". Eine andere Tradition lautet: „Jliun kam zu Muslama und versprach ihm die Stadt zu überliefern, wenn er ihm die Lebensmittel schickte, damit die Griechen sehen, daß er mit ihm befreundet sei, und sich ihm ohne Furcht vor Plünderung und Gefangenschaft ergeben. Muslama erlaubte ihm, Früchte in Schiffen zu holen. Jliun hinterging ihn aber und bekämpfte ihn am folgenden Morgen. Die Muselmänner geriethen in Noth und konnten keine Hilfe bekommen, doch blieben sie bis zu Suleiman's Tod". — Jedes Wort in der Apokalypse ist durch diese Notizen historisch beurkundet. „Er (der Chalife) wird große Heere gegen die Edomim (Byzantiner) senden, sie werden aber in Hunger umkommen, obwohl sie viel Vorrath haben, weil er (der Feldherr Muslama) ihnen nichts verabreicht. Die Byzantiner werden gegen die Jsmaeliten aufstehen, sie erschlagen; die Js- maeliten werden ihren Vorrath verbrennen, und die übrigen werden entfliehen". Von der Hungersnoth im arabischen Heere berichtet auch der byzantinische Annalist Theophanes (OlronoArsgüiia. I. 611): Ft rvl? r» »TioS-vrjaxovi:» lfm« «i'rolv »«'lhaAtov. — Der Passus vom Verkleinern des Gewichts paßt aber nicht auf Suleiman, sondern auf seinen Vater Abdulmalik, der die ersten arabischen Münzen, die er schlagen ließ (und zwar von einem Juden Sumair) von schlechtem Gehalte machen ließ. Suleiman dagegen hat die Münzen verbessern lassen durch den Barmakiden G'afar, von dem diese Münzen den Namen G'afaria führten (vergl. Neiske's Abhandlung in Repertorium der biblischen und morgen!. Literatur 1. IX. x. 257). Möglich, daß dieser Passus im Texte der Apokalypse an Unrechter Stelle steht und in die Lücke über Abdulmalik's Regierung gehört. 7) Noch deutlicher als Suleiman's Regierung ist die seines Bruders Hi sch am geschildert (die Regierung des Fanatikers Omar II. und des Schwelgers Jezid II. ist als kurz und unerheblich übergangen). Hischam's Person und andere Umstände seiner Regierung sind ganz nach dem Leben portraitirt, wie sie nur ein Augenzeuge kennen konnte: emw "an zib.vn bi-:.-: -chv zv -ms: nnm IMV'N 1-vv vnm M22V vnn V'N z'pn V121S VN pinn: pnn ni>p nmp'L' -2 pvwv (n:v 'w: mv: l.) mv M 2-1 1 ' 2 'v Auf Hischam angewendet, ist jeder Zug in dieser Schilderung historisch. Hischam regierte 19 Jahre 9 Monate. Er schielte außerordentlich. So schildert ihn Abulfeda und Andere bin z-a binnO vnv'n ;sv: (-4.nus.Iss I. o. 456). Seine drei Male an Stirne, Hand und Arm werden wohl auch richtig sein. Von seinen Bauten erzählt Theophanes: Er fing an Paläste in den Provinzen und Städten zu bauen (OüronoArsPliis. I. x. 650): x«l (wurde Emir — Chalife) Ooä,:' x-elilkLv /Mpuv *) lieber den Ausdruck b:n bms, „sehr schielen" vergl. ä'IIsrdslot dibliotlr. orisnt. 418 a und Adlers Note zu Abulseda I o. Hebräisch steht hier für „schielen" ppn penv' vielleicht für ppn ästortus ooulo. 410 Geschichte der Juden. fast wörtlich wie in der Apokalypse. — Daß ein Chalife viel Kinder und Enkel hatte, braucht eigentlich gar nicht bewiesen zu werden. Indessen referiren auch die arabischen Annalisten, daß Hischam eine große Nachkommenschaft hinterlasscn hat: 712 .mp --221 (Abulfeda I. s) So ist auch dieser Zug in der apokalyptischen Schilderung historisch. — Hischam's Feldherren führten glückliche Kriege. 8) Darauf folgt eine Schilderung, daß ein Chalife aufstehen wird, der Wasserbauten am Jordan vornehmen, die aber einstürzen werden, und daß der Chalife von seinen Großen erschlagen werden wird. Diese Züge lassen nicht lange rathen, daß hier von Welid II. die Rede ist: .21222 2-p2'i -21 12.2 22x2 P 212 N 1 P 222 ^ 22'2 ' 2'2 N' 2 x 2 i s> 2 l nw-xm 2 '-ni- ni'221 2122.12 2 'pi 22 1'22 ^2222 ' 2'2 1.2112.22 "22.2 2x 122x2 22-1-22 ix-rs-i 2.12.2-1 -,-21.2 22-en 22-2x i-isni. Der Zug von seinen Bauten am Jordan patzt auf Welid II., da dieser vor seiner Thronbesteigung sich in Palästina aufgehalten und dort ein schwelgerisches Leben geführt hat Von den Bauten selbst und von dem Einsturze erzählen, meines Wissens, die arabischen Chroniken nicht. Ob der Erdeinsturz am Jordan identisch ist mit dem Erdbeben in Palästina, von dem Theophanes aus dieser Zeit berichtet, (I o. 651 ) kann nicht entschieden werden. Jedenfalls paßt der gewaltsame Tod nur aus Welid, da der vorletzte omejjadische Chalife Jezid III. in seinem Bette starb. 9 ) Der letzte omejjadische Chalife, der unglückliche Merwan II, wird in unserer Apokalypse nicht bloß genannt, sondern die Vorfälle während seiner Regierung werden Zug für Zug geschildert, und an dessen Untergang wird die messianische Hoffnung angeknüpst: 221x2 ,->22p: noni-o 2,-11 .2212-2 221 12.-2 22x2 I11212 rn .21-11 2-xr-2 .122 -.2 1001 2-211 112 22-2x1 212,2 2.1x22" 212^-2 -211 — 1-2-2 1- yx 12x11 n'-irr n'niiv ,2---> i-i-x xe-oni 2--2"p 22p -12 -212- 1-2 ii-ri (2x2- l.) 2x2- -.--21 -22-1 222-1 22--e-2 nur 1121 (nie:: l.) 02-21 ^22-22 2-212- 2-i>--n -- i-vi- i2s'i px.2 °,x :2n-. Merwaists Tapferkeit und Kriegslausbahn, die Unruhen unter seiner Regierung, der Ausstand im Nordosten (Chorasan) unter Abu-Muslim für die Abbassiden, die Niederlage seiner Heere bei Kerbela am Euphrat ( 29 . August 749 , und am Zab ( 25 . Januar 750 ), seine Flucht, sein gewaltsamer Tod uvd die Hinrichtung seiner Kinder und sämmtlicher Omejjaden von Seiten der siegreichen Abbassiden, Alles ist geschichtlich treu. Innerhalb dieser Schilderung wird ein Wahrzeichen angegeben, daß Merwan und mit ihm der Islam untergehen wird, wenn ein Th eil der Moschee bei Damaskus einstürzen wird, '-2 2 2- 2-1222-2 21p 222 '22x221 112-- i>->-2- nun 2212-2 2112-s 2 .211 222 P.121'1 po-r-i ,21222 2221 P2-I222 2ix,2 2--. Dieser Passus kommt noch einmal in diesem Stücks zum Schlüsse vor (er gehört aber einer andern Apokalypse an): 2212 22 N'2^2 ni-r- p 2--2 2 2 2- '2212 112-- 2212- 2.112 22.12-2 2112 's- 2!I In der Apokalypse (bei äsllinsü: IV. 120 ) kommt auch dieses Wahrzeichen vor, dort lautet es: 21--2 P2-222 2ix--2- 22 (22° l.) 2 x 22x222 ^2222^) °-i->- 2 - 2x21 ^) Ein Passus dieser interessanten Apokalypse kommt auch in iklrlrs äs N' Ulrsssr vor. Er lautet: x-22-2- p-2 2,1x22" 22 x.22-2-. 22m px-22- -2 2'2 21x1 2- 2,22 ps>2- P2121 2,21-2- 2-2222 P212 2122 P2'2x (2-21) .12 2.1x22" 212^-22 2211.22 2.22 2',22 222 '211 2-221P 221 ,212-221 'l 1 r 2 2x22 NI 22p 'N2 2-2-1x1 -2-1 2'x2ii: 22P2 P2-2121 P2I1N1. In I?irlrs äs id' n. (0. 30 ) werden diese zwei Momente, das Ausmessen des Landes und die Benutzung der Grabstätten, aufgezählt unter den l 5 Dingen, welche die Jsmaeliten üben werden: 2.1x22" '2 P 2 12 , 2.1 122 2 ' P 2 12.11 2 ' 2'2 N' 22.12 P 212 212 -x 2 21x22" '12 P 222 V 2-222 1"2 22 m -121 212°2-1 (1- P2 2 2 i- .212 2P.2 n'2 12-V' 1 2'22 22. Die Frage ist demnach, welche der beiden Schriften Original dafür ist. Indessen da in 1 ?irks äs L' H, Note 10. 411 ni-iv. Das Wort oder ;ii-i oder pn-r ist wohl G'ubarr bei Damaskus. Der Satz will jedenfalls aussagein „Wenn etwas bei der Moschee einstürzen wird, dann wird das islamitiiche Reich untergehen" Ta wir den Vers, so unterrichtet sehen, namentlich in der Rsgierungszeit der Chalifen Sulei- man, Hischam, Welid II. und Merwan II., so ist kein Zweifel, daß der Einsturz der Moschee ein Factum war, und daß er zur Zeit als ein ungünstiges Omen betrachtet wurde. Ich recapitulire nun. Nur ein Zeitgenosse konnte mit solcher Ausführlichkeit und mit so viel Detail, wie es nicht einmal die mohammedanischen Quellen haben, über die Omejjaden-Dynastie referiren. Da so Manches über Vorgänge in Palästina tradirt wird, so scheint der Vers, ein Palästinenser gewesen zu sein. Darum weiß er überhaupt so viel von den Omejjadischen Chalifen zu schildern, weil die meisten von ihnen in Damaskus residirt und deren Prinzen sich öfter in Palästina aufgehalten haben. Daher ist es auch begreiflich, daß der Vers, von jenen Chalifen, die in Medinah residirt haben, entweder gar keine oder nicht ganz zutreffende Schilderungen macht. Den historischen Hintergrund dieser Apokalypse erkannte ich aus den ersten Blick, um aber nicht fehlzugehn, wandte ich mich brieflich um Auskunft an den gründlichsten Kenner der Chalisenzeit, an Herrn Professor Weil in Heidelberg. Derselbe hatte die Güte, in einem freundlichen Schreiben meine Vermuthung zu bestätigen. Seine Worte lauten: „Das Fragment gründet sich gewiß auf historische Thatsachen; doch macht es die wortkarge Form schwierig, alle Einzelnheiten zu bestimmen, welche dabei angsdeutet werden''. Bei manchen Punkten verwies mich Herr Prof. Weil auf seine Chalifengsschichts. Ich Habs mir aber Mühe gegeben, die meisten Einzelnheiten als beurkundet nachzuweisen. Wir haben also an diesen „Geheimnissen des R' Simon b. Jochar" eines jener vabtciiris, sx svsrcku, die durch die Gruppirung der Vergangenheit die Verkündung der Zukunft bewahrheiten wollen. Gleich im Anfang ist darauf hiugedeu'.et, daß das Heil Israelis, die messianische Erlösung, durch die Entstehung des Islam gefördert werden soll. Zunächst wird sich die Förderung darin zeigen, daß Edom (Byzanz) von dem islamitischen Reiche gedemüthigr werden wird. Die messianische Zeit wird aber erst ihren Anfang mit dem Untergang des letzten Omejjaden nehmen. Der Apoknlyp- nker sah m dieser Katastrophe den Untergang des Islam überhaupt. Er führt fort: Nach Merwan wird ein frecher König aufstehen, aber er wird nur drei Monate regieren"; m-a-mi .isiw mw ip zia n.-op- 72 inm. Dieser freche König kann nun, nach dem Borausgeschickten, kein anderer sein als der Stifter der Abassidendynastie, Abdalah Assasfah. „Er wird drei Monate regieren", also hatte er damals noch nicht so lange regiert. Merwan's II. Tod fällt (nach Weits Berichtigung Chalifen I. 702 ) auf den 5 . August 750 . Die Apokalypse ist also geschrieben zwischen 5 . August und neben unverständlichen Momenten auch einige Vorkommen, die nur unsrer Apokalypse entnommen sein können, weil sie hier im Zusammenhänge stehen, so ist nicht daran zu zweifeln, daß der Vers, der I?ir 1 cs sie sämml- lrch der Apokalypse entlehnt hat. Die entlehnten Punkce sind nwi.v piv ivr-i ilo'.iv 112-1 r-ip.rn n-o nirm .11212 11111 — 2-01121 mu 1,2-1 —. Die übrigen Punkte: 7 uie--r> z-n pni-i .12u.11 L-1.1 ipv-i 1:11 (?) 2-111 -emi 2121 212 11121 mviipn 1--11 i.-op-, — iui-a-o mup 121-1, gehören vielleicht den Lücken an, die wir in der Apokalypse namentlich nach Jezid I, wahrgeuommen haben. Vergl. 0. S. 186 . Anmerkung. 4 l 2 Geschichte der Juden. October 75 V. — Das >sii' ;ip:2w '11 11110: ist demnach, so viel bekannt, das älteste Schriftdenkmal aus der gaonärschen Zeit und die älteste mystische Schrift. Sämmtliche Messianologien derspätern Zeit, nicht blos die mystischen, sondern auch die quasi raticnalistischen, wie die Saadia's und Hät's, haben von unserer Apokalypse Elemente ausgenommen. Es ist daher wichtig zu erkennen, wie der Apokalyptiker und mit ihm seine Zeitgenossen sich das Eintreffen der messianischen Zeit gedacht haben. I) Nachdem der freche König drei Monate regiert haben wird, wird Edom (Byzanz) über Israel 9 Monate herrschen. Der Vers, erwartete also damals eine Eroberung Palästinas von Seiten der Byzantiner. Der byzantinische Kaiser Constantinus Kopronymos, in fortwährenden Reibungen mit den Bilderverehrern, der Geistlichkeit und den Bulgaren, dachte wohl schwerlich daran, Palästina wieder zu erobern; aber der Apokalyptiker folgerte dies nicht aus den Thatsachen, sondern aus der agadischen Auslegung eines Verses im Propheten Micha ( 5 , 2 ): Gott wird sie, die Israeliten, preisgebsn bis eine Gebärerin gebären wird (9 Monate). 2 ) Dann wird der messianische Vorläufer, der Messias aus dem Stamme Joseph oder Ephraim (-100 p n), auftreten, der die Israeliten nach Jerusalem führen, den Tempel erbauen, den Opfercultus wiederherstellen wird. 3 ) Darauf wird der Antimessias erscheinen unter dem Namen Armilaos. Diese Figur ist in den messianischen Schilderungen stehend geworden. Da er hier zum ersten Mal eingesührt wird, so ist es nicht überflüssig, die Schilderung wiederzugeben, zumal sie als Kriterium zur Beurtheilung der einschlägigen Literatur dienen kann. Armilaos hat einen Kahlkopf, einen Aussatz an der Stirne, kleine Augen und ein taubes Ohr. Er ist der Sohn des Satans und des Steines ^): 11:2p i-:-pi 11,2 sin oisi'2is i:2w> pwi-stn iivp-i 1:2110 1:1s ii> .12' 1212 ans ii> 121' os: 1111s i'^s:2wn 1-2110 i-:r>' i:isi 11222 ipiri S22S11 s:-- 2 Oi 1'12 S 1 .NI 1111s INS IN 12:2 1P1 ans ch 121' 1S1 . Wenn Hitzig (im Commentar zum Daniel) behauptet bat, der Kaiser Casus Caligula habe als Modell zu Armilaos' Bild gesessen, weil jener als armillabus in xustli- *) Der Zug, daß Armilaos der Sohn des Satans und des Steines ist, beruht auf einer eigentümlichen Sage. Sie erzählt, es gebe in Rom einen Marmorstein von jungfräulicher Gestalt: w-w iw ps '-2112 w'w 112s ns- 11p: 1,21 (so in mehreren messianischen Arokalypsen). Dieser Stein ist eine Geburt von der Tochter des Kaisers Liberias. Der judenfeindliche Bischof Agobard klagt die Juden folgender Lügenhaftigkeit gegen Christus an: Xä sxirswa, vero, proxtsr plurs, rasuciaoia aoorrsabuirr (Lürristurn) T^bsiii suäioüs, irr oaiasi-sru rstrusurri, so quoci trlras Ipsius (oui sirrs viro wra. 8 - ouii xarbuna xroraissrab) Is-piäis oonospiuru. irrtulsrib (äs soräurois supsrstitioiriiius sä. Ls.ln.2 p. 77 ). Ter Stein ist also eine Geburt von Liberias Tochter, durch magische Mittel zur Welt gekommen. Rom und das Christenthum haben Antheil daran. Armilaos, als Erzeugnis; von Satan und dem Steine, ist entstanden durch die Kreuzung von Rom, Christenthum und Satan. Es ist also System in diesem Unsinn. Uebrigens kommt dis Sage von Jesu Verhältnitz zu Liberias und seiner Tochter in einem apokryphisch- aramäischen Evangelium vor (citirt von Schemtob Jbn-Schaprut in dessen polemischer Schrift ;ii2 ;ss Ns. S. 181 ): iw'i S121P2 '22211- pe-i-2 1121-w iss so-:: .nri.n' 11 — i'iis ;i pwii' 1-. s:i2:i wiwb-s sis : 211s 221 10021 si'i:s 12 pi2ip pbi 1:2 pii> 11s 10'p oi:'i22 112p s'i2wb si'i:s p iw'i s:p2i-2 p pii' '11 s 2 i siisi '-ii ich s:wi 2 1121 ;sri s:-02i s:-i2i s:s sii>s p ich 1:2s pi'i2pi -:i sii S112 'i> i's .psi: s:- 2 U 2 s.12 ich 1:2s .121 si -2 ii- s:i 2 p 2 sil' S12P-SI i 2 wrchi -upss i'psi- 11- .s:2,21 sprs 1-2 112s .'i2piii 1112p w: 12. cum procassit, vo» schwachem Haarwuchse (eaxillo rs.ro), hoher Statur, zarten Beinen, hohlen Augen geschildert wird: so ist diese Vermuthung durch unsere Apokalypse widerlegt. Die letzten drei Eigenthümlichkeiten kommen in dieser Schilderung gar nicht vor. Sie gehören späteren Anschauungen an, als man die Earrikatur noch mehr carrikirt hat. Da Armilaos schon im Targum zu Jesaias vorkommt (II, 4), so mag einer der judenfeindlichen byzantinischen Kaiser als Vorbild dazu gedient haben. — 4) Armilaos wird mit dem Ephrai- mitischen Messias Krieg führen und Israel in Wüsteneien vertreiben. Dort wird der Messias umkommen und Israel durch Leiden geläutert werden. 5) Dann wird der wahre Messias, der Davidide, erscheinen; Israel wird aber nicht an ihn glauben, da ein Messias schon umgekommen war, und wird ihn steinigen wollen. 6) Dann wird sich Gott offenbaren, der Messias wird auf den Wolken erscheinen, Armilaos tödten, Israel nach Jerusalem führen, und das zweitausend- jährigs messianische Reich wird beginnen. Darauf das jüngste Gericht. So weit geht diese Apokalypse. Was weiter folgt, anfangend mit den Worten: n pnvb n"vp.n nmp nv:u ppvv, gehört einer, anderen Apokalypse an, die unter dem Namen 'unr p ppvv ni>>sn (bei sisllinslr B. IV.) Züge aus der Zeit der letzten Kreuzzüge enthält. 17 . Zur Entstehung des Kariiismus.*) Bearbeitet von kaiserlich russischen Staatsrath vr. A. Harkavy. I. Die ältere jüdische Ueberlieserung bezeichnet die Karäer gewöhnlich mit dem Namen der altjüdischen Sekte der Sadducäer (o'piax), oder sie betrachtet wenigstens den Karäismus als vom Sadducäerthum abhängig. Die bekannten Aussagen hierüber sind folgende: a.) Ein alter rabbinischer Autor, wahrscheinlich Saadia Gaon, äußert sich in seiner Streitschrift gegen Anan über letztern wie folgt: pp npn imuv npiimvv pvnn oin'v: rnvnnv a'nriwn bp'bm Pi v'u bv: u,n (citirt im V'UNPN piim bei Pinsker II. 103; vergl. iblä. x. 9S). Daß dieses Citat Saadia angehört, nimmt Pinsker an (ibiä. x. 98», und ist es auch uns sehr wahrscheinlich. Dem widerspricht nicht, was Saadia an einer andern Stelle sagt p-unpbu VNN2 bru uv: UVNMVI UVNVUNLU1 NLV p ipi ninu 'i>u bp:bu nup: n'nn:voubu ;v nn'vubn i'uvi nvv p ppvv ^n^:u mn . . . ovbu vnunn uvv Lnbuv pbmnv ns bpvv >nn:n ppsun' a:pv bru p'unpbb bxun (III, 65; sä. Hirschfeld, p. 212). — („Nach ihm fJosua b. Perachjahj lebten Jehuda r) Die folgende Notiz ist als Ergänzung und Modificirung von Note 17, zum großen Theile nach neuestens aufgefundenen Quellen zu betrachten. A. H. 414 Geschichte der Juden. b. Tabbai und Simon b. Sch etach und ihre Genossen. Zu ihrer Zeit entstand der Ursprung der karäischen Lehre in Folge einer Collision zwischen den Weisen und Jannai u. s. w. shier folgt der talmudische Bericht aus LiääusoUiii 88 s,. über Janai's Antheil an den Streitigkeiten der Pharisäer und Saddncäers bis Simon b. Schetach mit allen seinen Schülern aus Alexandrien zurückkehrte und die Ueberlieferung ihre frühere Geltung bekam. Aber die Ansichten der Karäer hatten bereits Wurzel gefaßt bei Leuten, welche die mündliche Lehre negirten und vermeintliche Beweise erfanden, wie du es bei ihnen noch jetzt siehst"). Man sieht hieraus, daß auch nach Jehuda Halewi's Ansicht das Karäerthum im Sadducäismus wurzelt, obwohl er sich des Unterschiedes zwischen beiden Serien klar bewußt ist, wie aus dem weiteren Contexte erhellt. 0) Dieselbe Ansicht theilt auch der Historiker Abraham Jbn-Daud, der im niipn -wo von Anan berichtet: opim illpe- ip oimr.i ibibi: n'an pin inn w. Manche Codd. haben zwar o'vQn statt dies ändert aber an der Sache nichts, denn gemeint sind doch jedenfalls die sadducäischen Ketzer, da sie schon vor der Tempelzerstörung existirt haben. ä) Abraham Jbn-Esra nennt gewöhnlich die Karäer o'pnr, manchmal abwechselnd s) Ebenso drückt sich SamuelJbn-G'ami aus: pnx onmn min u. s. w. MIIIP beip: IL'M 2 'PVI . 120 b ounn 01 PV 1 'I>llin UV o-N'ii N '2 bp nrn 01 2 MVN 2 'LUN Miln 0 . 1 'INN non (Pinsker II, 155; vergl. ibiä. I. 13). Auch in den arabisch abgefaßten Schlachtregeln, die wahrscheinlich demselben Autor angehören, heißt es: pibn oni on>i.i ;rn oono puor,' (die Sadducäer und Boethasäer und ihre Anhänger, d. h. diejenigen, welche mit dem Namen Karäer bezeichnet werden — Geigsr's jüdische Zeitschrift, I. 241). 1) Endlich schließt sich auch Maimonides dieser Ansicht an, indem er im Commentar zu Abot (I, 3) ausdrücklich sagt: ow o-i-oio UV orn.n ,-nb v.u non no innb niinn.i .iivi.n m-ni: u. s. w. bbon po mrn om'o UV.i oe>: inn.n NNIN mornmr' MM u. s. w. 2'010'ii ll'pirr o'Qin.n 0M1P1 N1NN Ni Iiinbi iVN an: ll'oin'a: o'vonn brn oniLVi omip i"i mxinn ibna mi^n Diese Zeugnisse aus der älteren jüdischen Literatur, die sich wohl vermehren lassen, sind keineswegs leicht hinwegzudeuten, wie es Rapoport thun will (bei Kaempf, Nichtandal. Poesie II., 24V), dem übrigens nur ein Theil dieser Zeugnisse damals bekannt war. Der einzige Punkt, worin Rapoport dort unbedingt Recht hat, ist der Nachweis, daß in der NiseUiis, LlsAÜIa (IV, 8) omipn zii eine späte Korrektur ist für das ursprüngliche o-piix in. - Schon der Umstand, daß keine einzige ältere rabbinische Quelle dem Anan Selbständigkeit zuschreibt und daß er immer als Restaurator des alten Saddu- cäerthums charakterisirt wird — verleihet den oben angeführten Zeugnissen besondere Kraft. 2 . Wenn wir von der rabbinischen Literatur zur karäischen übergehen, so finden wir, daß dis ältesten Schriftsteller entweder ebenfalls deutlich ihre Seele mit dem Sadducäismus identificiren, oder sie lassen wenigstens diese Thatsache durchbliüen. Erst die Späteren, seit Saad Jbn-Mansur (Ende des XIII. Jahrh.), suchen die Identität beider Secten zu leugnen in Anbetracht ihrer Verschieden- Note 17. 415 heit in der Dogmatik, was aber nichts beweist. — Die bekannten älteren Kariier, die davon handeln, sind: «) Abu-Jusuph Ja'kub al-Kirkisani (schrieb im Jahre 937 ), der in seinem, neulich von uns edirten, Berichte über die jüdischen Seelen zuerst sagt: pnim piiuui -2'bp r>n222n -i.iimi >'M222n r>ir>n2 io in p-.2pi >„Zadduk war der erste, welcher die Rabbaniten entlarvte, Widerspruch gegen sie äußerte und einen Theil der Wahrheit aufklärte"); und weiter von Anan heißt es bei ihm: >2 pnin 2^-i p'2 p- 2 in 1.21 („er war der erste, der die ganze Wahrheit in Betreff der Gesetze erklärte"). Demnach ist das Verhältniß zwischen den beiden Secten wie das eines Theiles zum Ganzen. «») Abu-Jakub Jusuf al-Bassir (nmi.i -i-n) hat im -mranlln'm 2N22 folgenden Passus tMs. Petersb.) -i.-memoim -;n^22b 2n-2.-< in nm w nnvw ni 2ini> PM222» 2'2 '12' 2'2 '2 N22NN r>^22^n P2 p>2 N222N2 s>npi ll'.22N2u 22^2 ii,p 2P2 12 22 2'P'2P2N2 pewp-bn 221 nepp pmn.ni'n 22 2'i!22e°in2 p°i2pll2n 221 22^1. („Es ist kein Zweifel, daß er sAnans kühn im Widerspruch und unerschrocken offen austrat, nachdem die Ansichten der Weisen sRabbinens hoch gestiegen und ihre Gegner vernichtet waren, trotzdem die Zwistigkeiten während des zweiten Tempels existirten, deren Folge war, daß die Rabbaniten, welche Pharisäer hießen, die Oberhand gewannen und die Karäer, welche dann Sadducäer genannt waren, abgeschwächt wurden"). L) Jacob b. Rsuben im is-pn -o zum Pentateuch (bei Pinsler II, 84 ) sagt: ll'NIPN 2'1 ll'll'1222 2'P12'2 ll21 1222112 ll'1222 2'1 '1V 2'22 2112 k;ii>22 2'2V 2N '2 PI ll-piir L'pii'.n ll.ni 22-2221. Dieser Autor conipilirte bloß aus älteren karäischen Autoritäten, zumeist aus Jephet b. Ali; ob dieser Passus ebenfalls letzterem oder dem al-Hassir entnommen ist — kann jetzt nicht entschieden werden. /) Der Verfasser des lln2n.n1 amn^n pi"?2 schreibt: sannnn pj 2.12 112m llML'nni "lli2'2i 1"P1N-1 PN122N pllill-12' P12N1 INN 2221 (Pinsler II, 1 bl), und (p. 1041 2P12 '^P21 L22P N.N'N NN12NP ll.nn '2 NN1.2 lll.2'21 P12P 2122,212.N2N2' N2' 212 . . . NN 22-222 '2MN2 lllln'21 ,212p >21, N'N 21,2-21 §2112 NN '2 1N2N 22V21 2N2NN2 01W21 ,212p 1PN 2VN 2P1N2 N21 112 1N2N r;N ,1NN NN1P2 llN '2 MVP 122p NNP22 ns, '2 PNU llnm ll2'2i N 2 N2N p lln NN1N2 u. s. w. Von zweierlei Sadducäern, von denen Mordechai b. Nissan fabelt (nach Epiphanias bei de Rossi im ll-i-p nm2). wissen die ältern Karäer, wie überhaupt die ältere jüdische Literatur, nichts. 4 ) Sahl Abu'l-Sari dagegen erwähnt die Sadducäer nicht ausdrücklich, er behauptet aber, daß die Vorfahren der Karäer im Geheimen nach der wahren jüdischen Lehre lebten: nnoa imipr, w-pi >n ,nn mi- 2.12 2P2 -2pi-2u. s. w. 'N2N2 ll'SIPNI NN1NN 'N'2NN1 ll'1'21122 N' 22V,2 N'211 p.12.2 22-22 -22N 211 U. s. w. NN22 21P.-22 ll'll"p 1-21 lln-wb N12P7 1^2- Np ll-n-212 . Auch sprechen er und andere karäische Schriftsteller von Märtyrern und Verfolgten (--,2Mi und -mm:) in den alten Zeiten, was wiederum andere in dis voranan'sche Zeit setzen. -1 Auch Jehuda Hadassi in einer beiläufigen Erwähnung der Sadducäer stellt sich unbedingt auf ihre Seite gegen die Pharisäer, indem er von Jesus sagt: 22b 2-2 22222 -'2222 ,2-ipi 2221 ;pir>2 V-n w- '2 2-2:21.-» U2p2 22 221,2 -p2i- 122 2VN2 2222.2 ll: 20N1 ,s-22li- —) 2-22.17 12°12 2-2 2-21,2-21 2-,212p 12221, 2-2S- .222 222 2VN21, 12 »i.21 122221 22-222 ^'222 2-2 >2 bx 22'2 22 121222 , 2-,212p 122^2- sts-2 .2221,22 22211 22121 U.222-2 ll.2'222 2p ll'2'212 ll-,2-2p U. s. w. (DsLÜÜol IlS.- Loxstsr, Alphabet 99 , Buchstabe Jod und Kaf nach der hiesigen Handschrift- vergl. unsere Altjüdische Denkmäler aus der Krim S. 212 , Anm. 2 ) 416 Geschichte der Juden. 3. Abgesehen von allen diesen Zeugnissen, deren historischer Werth doch keineswegs gering anzuschlagen ist, ist auch die Uebereinstimmung beider Secten in mehreren gesetzlichen Punkten, wie dies namentlich von Geiger mehrfach hervorgehoben worden ist, unmöglich anders als durch Entlehnung der späteren Secte (Karäer) von der altern (Sadducäer) zu erklären, denn von einem bloßen Zufalle kann bei einem solchen mehrfachen Zusammentreffen nicht die Rede sein. Auch die Annahme Rapoports und des seligen PH, Frankl nach ibm, die Karäer hätten aus dem Talmud die sadducäischen Tifferenzpunkte mit den Pharisäern hervorgesucht und aus Opposition angenommen — ist für das ältere Stadium des Karäismus, wo von einem aus talmudischen Quellen zusammengelesenen und sabricirten Stammbaume und anderen Contrafaktionen noch keine Spuren vorhanden sind, ganz unwahrscheinlich. Zudem findet die Uebereinstimmung auch mit solchen sadducäischen Lehrmeinungen statt, die nicht aus dem Talmud, sondern aus Josephus und anderen Quellen uns bekannt sind, oder erst durch historische und logische Beweise erschlossen werden. Auch brauchen wir gar nicht zu einer solchen fernliegenden Vermuthung Zuflucht zu nehmen, wie dies unten nachgewissen werden wird. Es lag auch offenbar im Interesse des Heräsiarchen und seiner Lehre an eine alte Autorität anzuknüpfen, und zwar an eine solche, deren Losung er auch auf sein Banner schrieb, nämlich: das Festhalten an dem geschriebenen Worte der Schrift und dis Mißachtung der traditionellen Institutionen, da auch von den Sadducäern dieses Prinzip vorausgesetzt wird, wie das w wir, copuriL' iai zeigt, (vgl. auch die Definition des Sadducäismus bei Makrizi x, 105, der aus einer karäischen Quelle schöpfte), wenn auch weder die letzteren, noch Anan und seine Nachfolger dieses Prinzip conseguent durchzuführen im Stande waren. Oben wurde schon bemerkt, daß die Annahme, Anan habe die sadducäischen Lehrmeinungen aus dem Talmud hervorgesucht und zusammengestellt, unzulässig ist. Es mußte also eine andere Quelle für die Ansichten der Sadducäer gegeben haben. Wir haben neulich wirklich zwei karäische Zeugnisse aufgefunden von der Existenz einer dem 2aääc>Ic zugeschriebenen Schrift noch bis im IO. Jahrhundert: Ja'kub Kirkisani, der im Jahre 937 sein imm7n mir schrieb, sagt nämlich über Zad.dok (als Fortsetzung des oben angeführten Satzes): IM -ca L.i'ip pmoiM :ir> ',2 iw i.iru nauno fivmf pii I.i: 1NM '2> w ILL^M i.i'7 'i>p -ch'i bnp N2M: ui'bi iixp U22 'L- '7p Lp' i.2p7u 'bp no.iowpL ibi 'bp ii.iox iML imim .Iran: i7L»7 iv'ii.1. (Zaddok verfaßte eine Schrift, worin er die Nabbaniten sehr schmähte und viele Einwürfe gegen sie erhob; nur brachte er für seine Behauptungen keine Beweise bei, sondern trug alles in Form einer Erzählung (oder: einer Tradition) vor, nur in einem Falle zog er einen Beweis heran, nämlich beim Verbote der Nichte, bei welcher Gelegenheit er sich des Analogieschlusses von der Tante und Base bediente).— Das zweite Citat befindet sich in einem arabischen Com- mentare zum Exodus, der handschriftlich in der St. Petersburger kaiserlichen öffentlichen Bibliothek vorhanden ist, und entweder Sahl ben Mazliach (schrieb um 950 — 960) oder einen andern Karäer des tO. Jahrhunderts zum Verfasser hat. (Siehe meine Studien und Mittheilungen V, 225. Die Original- Quelle war wahrscheinlich die Streitschrift des Karäers rrwr> p gegen Saadia; vergl. Pinsker II, 95.) Da heißt es: i'pos b:pw mi.ii» wi> 2 ' »vipy» in- ipe i'piipim L,1L L»77» PL rp.ipco, L'i'L! p:ip .1.17 PL lii L.1L72 w LLvi» 1»L s'lll'sim PML1M 'ip ».11LM »'2M PI1P LiL w IM -chll, iilb» »1.1 i^LI »LL> >2- »i'-> L'il ->21'-^» .NSSS »LL SN»1 7W»NS 'S >'LO »LI »NS'tl ps»s;sb» 'S '-V N'S 'S. l„Die Alten pflegten den Neumond aufzusuchen szur Bestimmung der Feiertages, in Bezug worauf Saadia behauptet, daß dies in Folge fder Opposition) des Zaddok und des Boethos geschehen sei; indeß die Schriften der Saddu- eäer sind allgemein bekannt und man findet in ihnen nichts von dem, was er vorbringt, denn die Schriften Zaddok's sprechen wohl von dessen Streitigkeiten mit den Rabbaniten zur Zeit des zweiten Tempels über Opfer und andere Dinge, nicht aber ist da eine einzige Silbe zu finden über den Punkt, dessen Saadia gedenkt?') Da diese Zeugnisse als polemische Argumente gegen den Rabbanismus gebraucht werden, so ist es höchst unwahrscheinlich, daß die ganze Sache mit der Zaddok'schsn Schrift (oder den Schriften) rein erfunden sein soll, wo doch die Gegner mit einem einfachen nnu iso 'rm die Kartier entwaffnen konnten. Am wenigsten ist eine einfache Erfindung von Seiten Kirkisani's, nach dem ganzen Charakter deiner litterarischen Thätükeit zu urtheilen, anzunehmen. Viel eher wird sich die Sache so gestaltet haben, daß die schwachen Ueberreste der Sadductier, welche nach der Zerstörung Jerusalems im Geheimen hinsiechtcn (woraus mehrere rabbinische und karäische Berichte Hinweisen), zur Zeit der großen Sectenbewegung im Orient überhaupt und im Judenthume insbesondere ;VII.—VIII. Jahrhundert) sich ebenfalls aufrafften und mit einer polemischen Schrift (oder mit Schriften) gegen ihre alten pharisäischen Gegner hervortraten, welche Schrift entweder noch dem Alterthume angshört hatte, oder nach alten Traditionen neu abgefaßt, jedenfalls aber dem Stifter des Sadducäismus zugeschrieben wurde. Diese Schrift diente denn auch den ersten Karäern als Quelle für die sadducäischen Meinungen, welche sie sich ungeeignet haben, wie auch als Waffe gegen den Nabbanismus. 4 . Das Fundament also und die Grundzüge des neuen Schisma, insofern es von der Mutterreligion abwich, gewährte der Sadducäismus; aber auch andere jüdi'che Secten lieferten Materialien zum Aufbau des Karäerthums. Tie uns jetzt bekannten waren: die Jsuniten oder Jsawiten (arabisch .n'iO'p, n'Ziv'p) und die Judghaniten (n-mtsr). Der Stifter der ersten war n'isip -O'p >s», der 60 — 70 vor Anan aufgetreten war. Obwohl von niedriger Herkunft und ganz unwissend — er war Schneider und verstand weder zu lesen noch zu schreiben — soll er dennoch mehrere Schriften veröffentlicht haben, was von seinen Anhängern als Wunder betrachtet wurde, und nach dem Beispiele der damaligen mohammedanischen Sectenführer vereinigte er mit geistlichen Funktionen auch politische Lhätigkeit, indem er sich als Propheten und Messias ausgab, der persönlich von Gott den Auftrag erhalten habe, die jüdische Nation aus dem Exil zu befreien und ihre politische Selbständigkeit herzustellen. Er wollte sein Ziel mit den Waffen in der Hand erkämpfen, indem er an der Spitze eines Heeres non 10 000 Gläubigen die Muhammedaner (wie es scheint in Ispäh an) zur Schlacht herausforderte, wurde aber besiegt und erschlagen. Seine Parteigänger behaupteten aber, daß er nicht erschlagen, sondern in einer Höhle verborgen lebe, um nochmals zu erscheinen und seine göttliche Mission zu vollziehen. Sein Anhang, der sehr zahlreich war, ist, wie es scheint, ganz im Karäerthum aufgegangen, da Anan den Jsawiten Concessionen machte und so manches von ihren Lehrmeinungen in sein System aufnahm, unter Anderem wahrscheinlich auch das Sndducäerthum Gra etz, Geschichte der Juden. V. 27 418 Geschichte der Juden. als Religionsquells und als Waffe gegen den Rabbanismus zu benutzen. In der ersten Halite des 10. Jahrhunderts -waren nur noch etwa 20 Personen von den Jsawiten in Damaskus übrig. — Von ihrem Religionssystem ist nur wenig bekannt, jeooch missen wir, daß trotzdem Abu Jsa die Rabbinen sehr hochschätzte und sie mit den Propheten zu vergleichen pflegte, er dennoch manche Gesetzesbestimmungen den Sadducäcrn entlehnte. Auch erkannte er die volle Berechtigung des Christenthums für die christlichen Nationen und des Islams für.die muhammedanischen Nationen an und empfahl sogar den Seinigen die Lektüre des Evangelium und des Korans nebst ihren Commentaren. Auch verbot erden Gebrauch des Fleisches und des Weines, solange Israel sich im Exile befinde. Alles dieses, wie auch die mildere Ausfassung vom Islam, wurde auch von Anan anerkannt: wahrscheinlich nahm er auch (wie Schahrastaui I, 167 und Makrizi x. 108 berichten) die Person Jesu (aber nicht das Christenthnm) in Schutz, da Jesus doch auch im Koran als Prophet angesehen wird. Vom Fleische gestattete er bloß Geflügel, mit Ausnahme der Hühner, und den Hirsch. Die Secte der Judghaniten verdankte ihre Entstehung einem gewissen Judghan, der vielleicht Jehuda geheißen und von seiner Parthei mit den, Titel (der Hirt, nicht der Rufer, Missionär) belegt wurde. Er blühte 30 — 40 Jahre vor Anan. Er war Schüler des Abu-Jsa und ging in seinen Fußtapfen, indem er sich ebenfalls als Propheten und Messias ausgab, wahrscheinlich als gesetzlicher Nachfolger seines Lehrers. Seine Anhänger glaubten gleichfalls, daß er nochmals erscheinen und seine Mission vollziehe» wird. Nach Anan's Auftreten verschwand allmählich auch diese Secte, und im 10. Jahrhundert lebten die letzten dieser Sectirer in Jspahan. — Die Gesetzeslehre dieses Judghan war zumeist ähulich der seines Lehrers; auch er verbot den Genuß des Weines und des Fleisches. Außerdem befahl er Eifrigkeit im Beten und Fasten, was in der ersten Epoche des Karäerthums auch beobachtet wurde. (S. unten.) In Betreff des Sabbats und der Feiertage aber behauptete Judghan rationalistisch, daß.sie nur für Palästina zur Zeit des Tempels obligatorisch waren, nachher aber die Gesetzeskraft verloren haben und als bloßes Andenken zu betrachten seien. Auch diese ketzerische Meinung, welche spätere Karäer perhorrescirten, theiltcn mehrere Karäer noch im 10. Jahrhunderte. 5. Außer den Entlehnungen von den genannten Secten ließen Anan und die älteren Karäer auch viele rabbiuische Gesetze und Institutionen bestehen, zumeist aber mit großer oder geringer Aenderung. So z. B. befahl Anan das Gebet in einem besonders dazu bestimmten Lokal zu verrichten, das aber nicht Synagoge, sondern Hof (irn) von ihm benannt wurde, vielleicht aus I Reg. 8,64 sich berufend, wo nach dem Gebete Salomo's irn.i qm au qi-o.n steht: statt des rabbinischen Schaltmonats ->iu führte er uow ein; das ungesäuerte Brod, welches die Rabbaniten zwar einfach, ohne Gewürze, aber aus jeder beliebigen Getreideart zu verfertigen erlauben, mußte nach Anan unbedingt aus Gerste bereitet werden; die im Talmud bei der Kinderbeschneidung erwähnten Compresse und Pflaster lzum Stillen des Blutes) verwandelt er in ein unabänderliches Gesetz, ohne dessen Beobachtung die Beschneidung ungiltig sei, auch müßte letztere schlechterdings mit der Schecre vollzogen werden; den rabbinischen Esther-Fasttag übertrug er vom 13. Adar auf den 14. und 15. dieses Monats, d. h. aus die Purim-Feiertage; statt des einmaligen Citirens des o-' beim Morgengebete, ordnete Anan noch ein zweites ->'e- an Note 17. 419 beim Abendgebete; der rabbinische Gebrauch der davidischen Psalmen beim Gebets veranlaßte ihn, dieselben ausschließlich zum Gebete zu verwenden und alle anderen Gebetstücke und liturgische Hymnen zu verwerfen. Eine anders Kategorie karäischer Gesetze entnahmen Anan und seine Anhänger aus rabbinischen Lehrmeinungen, die zwar im Talmud als Aussagen Einzelner angeführt, aber nicht als Gesetzesnorm anerkannt werden. So z. B. fordern die Kartier, daß bei der Schlachtung des Viehes nicht bloß zwei Gefäße, wie die rabbinische Gssetzesnorm verlangt, sondern, vier durchgeschnitten werden müssen, übereinstimmend mit der Meinung des R. Jehuda bar Jlai (Llisdrns, Oinallin II, 1; vergl. Lsrs-otiot I. 22); den Fasttag zum Andenken an die Zerstörung Jerusalems übertrugen die Kartier vom 9 Ab auf den 10., offenbar nach einem Ausspruche R. Jochanans:"!m»r uwn »h^h» 've-vr »hx nnpr? »7 "nrn (Ls.'g.nib t. 29); Anan verbot den Coitus am Tags nach einer im Talmud (8a1rs,1i1>s.t I 86) erwähnten frommen Sitte; die Pubertät der Knaben in Betreff der Religionspflichten nahm Anan theils vom fünfjährigen, theilS vom zwanzigjährigen Alter an, letzteres wohl nach dem talmudischen Ausspruche: plrmxh 'o ia; die Heilung durch Aerzte verbot Anan, damit man sich ausschließlich auf die göttliche Hülfe verlasse — wohl nach der talmudischen Tradition (Lsra-elrob I. 10; I?ssue1rirri I. 56), welche diese Ansicht dem König Ezechias zuschreibt, jedoch erlaubt der Talmud ausdrücklich ärztliche Hilfe zu gebrauchen (Lsis-olrob I. 60); den rabbinischen Gebrauch der Wortanalogie i.-iir- rn») und der Sachanalogie (e'pvn) erweiterte Anan bis zur Verzerrung dieser nomokanonischen Regeln. Besonders trat sein Mißbrauch dieser Regeln hervor in dem Eheverbote bei verschiedenen Verwandtschaftsgraden, und ist Anan der Stammvater der nachher auch bei den Karäern so verrufenen Ausdehner jenes Verbotes (rwn.n 'brr), wie unten aus den Auszügen aus Anan's i-w ersichtlich ist. Endlich kam eine Kategorie von Gesetzen und Ritualien hinzu, die Anan, wie es scheint, selbständig aus dem Bibelworte deducirte oder als Meinungen früherer Sectanten auf das Bibelwort zu stützen suchte. Uebrigeus können wir jetzt bloß bei einem Theils derselben Nachweisen, auf welche Bibelstellen der Stifter des Karäismus und seine nächsten Anhänger sich stützten; bei einem großen Theils sind uns jetzt die biblischen Beweisstellen unbekannt, daher erscheinen jetzt viele ananitische Gesetze und Institutionen als rein willkürlich und aus der Luft gegriffen. So z. B. legte Anan die Pflicht auf, nicht nur von Gewächsen, sondern auch von Metallen und Mineralien den Zehnten zu geben, gestützt auf den biblischen Ausdruck p7»n ir-pQ H 71 (Levit. 27, 60), was nach seiner Meinung alle Produkte des Erdbodens bedeute (vergl. Studien und Mittheilungen III, 41, Anm. 119); das Verbot des Coitus am Sabbate entnahm er den Sadducäern, die es auf Grund des .no»hr> iw .nwpn uh untersagten, Anan suchte aber es noch durch den Vers -prpri V'ina zu begründen. Die oben angeführte Bestimmung, wonach das ungesäuerte Brot ausschließlich aus Gerste zubereitet werden müsse, ist auf seine Benennung -nh uv (Osutsron. 16,3) gegründet, da die Armen zur Zeit Anau's Gerstenbrot zu gebrauchen pflegten; das Verbot des Tragens am Sabbate, welches im Buche Jirmija (17,21) mit den Worten nrw.n mw »r>Q >»L'n »in ausgedrückt wird, beschränkte Anan auf Lasten, die auf den Schultern getragen werden müssen, indem er sich auf eine Wortanalogie (rnv n-m) mit dem Ausdrucke -g-wa (Nr. 7, 9) berief smv' -pnrv ruwn -uwa »7» »Mo p»j, ohne zu bedenken, daß man mit demselben Rechte das Tragen auf der Brust (nach Analogie des 27 « 420 Geschichte der Juden. ^ ULM, Exod. 28, 29 — 30), auf der Stirn (nach Analogie des UM ip uni idrci. 28, 38) oder im Schoße (ipm: in--w Num. 11, 12), als allein verboten erklären könnte; das Verbot des Lichtbrennens am Freitag Abend, auch schon des Freitag ani Tage angezündeten Lichtes, übernahm Anan unter Linderem von den Sadducäern, jedoch suchte er dieses Verbot aus dem Bibel- ivorte neu zu begründen und zwar durch die künstliche Erweiterung der Regel der Wortanalogie brs zur Buchstabenanalogie, indem er ni> 2 'n wpan tExod. 35,3) deßhalb --wub-o b- rw'pn ui, (ibict. 20, 10) gleichstellte, weil der Buchstabe r> in beiden Stellen sich befindet (in npan und in nr-pr). Aber das heißt wahrlich jene Regel, welche die Rabbinen sehr behutsam und nur in tradirten Fällen anzuwenden pflegen (:u uim ,-uL> nwr oiu wio -ibap ;:) aä adsuräum treiben, da der Servilbuchstabe n in den meisten mosaischen Gesetzen, Geboten und Verboten, sich vorfindet, und muhten sie nach Anan alle miteinander verglichen werden! Das Verbot krankes Vieh zu genießen, gründet Anan auf den Ausdruck .mo.-w.-i po mm wi (Levit. 11, 39), der sich auf gefährlich krankes Vieh, das geschlachtet wird, beziehe und zwar deshalb, weil es vir,' snaasoulinurn) heißt, womit auf den Schlachtenden als auf eine Manncsperson hingewiesen werde, während das ,n am Anfänge des Wortes .N 2 . 12 ,-! anzeige, daß das Vieh, ehe es acht Tage alt wird, weder zum Essen erlaubt sei, noch verunreinige, was offenbar sich auf die rabbinische Regel des Buchstabenwechsels von n und n stützt. Die Deutung des a'i.n.n (Jecheslel 15, 6, 15) als schwangere Frauen veranlaßte ihn den Coitus mit letzteren in den ersten drei Monaten zu verbieten. Zu Anan'schen Gesetzen von unbekannter Herkunft gehören- Die Verpflichtung, 70 Tage nach einander, vom 13. Nisan bis zum 23. Siwan zu fasten sim Dsetrlrol von Hadassi, Alphabet 246, Buchstabe i, und im Ackerst von Baschjatschi wird sie sehr schwach begründet), wie auch daS Fasten am 7. jedes Monats; die Beschneidung eines Erwachsenen ausschließlich am 11. Tage des Monates zu vollziehen; die Aufnahme einer Pro- selytin ins Judenthum ist nur am 8. des Monates gestattet; mehr als einmal in-24 Stunden ist der Coitus verboten; die levitische Unreinheit ist auf das Wasser unanwendbar (wahrscheinlich weil dasselbe doch als Reinigungsmittel gebraucht wird); das Reinigungsbad eines levitisch Unreinen muß in einem Gefäße genommen werden u. s. w. (4). Aus diesen heterogensten Elementen hatte Anan sein Gesetzbuch, hebräisch n-. 2 v.-i und arabisch nri-w ^ Summe ^) genannt (mehr als ein Gesetzbuch läßt -sich von Anan nicht Nachweisen; über ein anderes Werk siehe unten) zusammengeflickt. Der Gaon Natronai berichtet, Anan habe seinen Anhängern versprochen, ihnen einen eigenen Talmud anzufertigen ('tw-o --vom 02 b >-w'pn->); es ist aber leicht einzusehen, daß wenn auch darin die Sprache ^) und die game Möglicherweise wurde mit letzterer Benennung die Aufzählung der Gesetze'nach Art der in den mbirr nwb.n des Zeitgenossen Anan's, Jehudai Gaon, bezeichnet. ' 2) Die erhaltenen Bruchstücke aus dem Anan'schen Werke sind alle im talMvldischen hebräisch-aramäischen Idiom abgefaßt, wobei jedoch manche Eigen- thümlichkeiten Vorkommen; so zi B--gebraucht er immer für die dritte xsrs. siriK. mru statt ->r>-«.(nach dem Beispiele des talmudischen » 2 m ,umn), für ':.i -. 2 r gebraucht er zperst ':.n a.n (über den späteren Gebrauch bei den Gaonen und in Spanien pergl. mxiye . Studien und Mittheilungen IV, 353, wo außer Note 17. 42t Manier des Talmuds vorherrschen, es doch im Ganzen genommen eher als Parodie des Talmuds betrachtet werden muß. Es ist demnach kein Wunder, daß das Werk auch bei den karäischen Gegnern des Rabbinismus sehr balv an Achtung verlor und einen üblen Ruf bekam, bis es auch von Kariiern ganz vergessen wurde. Eine der Hauptstützen des Karäerthums Daniel Kumisi, der Anfangs zu Ananas Bewunderern zählte und ihn o'b'rVll.n L'ni (Haupt der Weisen) zu betiteln pflegte, fand sich nachher so enttäuscht, daß er ihn nunmehr irni (Haupt der Dummköpfe) nannte. Was oie Dogmatik anbelangt, so hat Anan, wie es scheint, die des Nabbanismus angenommen, da schon die vorangehenden Serien gegen dieselbe nichts einzuwenden hatten. Höchst wahrscheinlich hatten schon die Ueberreste der alten Saddncäer, dem Beispiele der Samaritaner folgend, ihre Opposition gegen den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, die Auferstehung und den Messias — eine Opposition, welche nach der Entstehung und Ausbreitung des Christenthums und des Islams, mit denen die Sectirer mehr oder weniger zu liebäugeln pflegten, nicht mehr aufrecht gehalten werden konnte —ganz aufgegeben. Eine unverbürgte Nachricht lautet, daß Anan an die Seelenwanderung (zornig-,') geglaubt habe und soll er sogar eine besondere Schrift zur Vertheidigung dieses Glaubens verfaßt haben. Jedenfalls hielten mehrere seiner Anhänger an diesem Glauben fest. Anderseits berichtet Saadia, daß er den biblischen Ausspruch „das Blut ist dis Seele" buchstäblich genommen habe (Lichnd-sl- ^.rnanäb, Ans. der VI. Abthetlung sä. Landauer, x. 190 — lül). Auf welche Weise Anan diese zwei sich widersprechenden Ansichten auszugleichen suchte, ist jetzt nicht bekannt. Ebensowenig können wir jetzt ermitteln, ob die große Wichtigkeit, welche die Karäer dem Schlachten des Viehes beilegen, indem sie von dem Vollzieher dieses einfachen Aktes, im Gegensatz zum tnlmudischen eine streng dogmatische xroksssiorr äs Ist fordern, von dem anani- tischen Glauben an die Metempsychose oder von der strengen sadducäischen Praxis beim Schlachten oder von diesen beiden Momenten zusammen abhängig ist. _ Das oben Auseinandergesetzte glauben wir folgendermaßen resumiren zu können. Das älteste Karüerthum besteht aus folgenden Bestandtheilen: 1) Aus rabbanitischen Elementen, die entweder unverändert oder mit manchen Aenderungen und Modifikationen ausgenommen wurden. 2) Anderseits aber waren die rabbanitischen Gesetzesbestimmungen die Veranlassung entgegengesetzter Bestimmungen karäischerseits, und zwar aus gemachter Opposition. 3< Mehreres entnahm Anan den alten Sadducäcrn, deren Ueberbleibsel wahrscheinlich bis zu seiner Zeit existirten und vom Karäismus absorbirt wurden; jedenfalls waren damals besondere Schriften im Umlauf, die den alten Sadducäern und dem Stifter ihrer Sekte zugeschrieben wurden und als Quelle für das karäische Lehrspstem dienten. I) Ferner kommen noch hinzu manche Elemente von neueren Secten, die am Schlüsse des 7. und im 8. Jahrhundert, einige Jahrzehnte vor Anan, sich ausbreiteten, nämlich von Jsawiten und Judghaniten, Secten, die wiederum selbst vom Karüerthum absorbirt wurden. Anan noch Samuel Jbn-Nagdila im Trostschreiben an Chananel zuzu- sügen ist). 422 Geschichte der Juden. 5) Endlich sind auch von Annn mehrere Ritualien auf Grund buchstäblicher Auffassung oder eigenthümlicher Deutung der biblischen Worte neu creirt worden, um gleichsam dis Benennung Karäer zu rechtfertigen. Die weiters Gestaltung und Ausbildung des Karäerthums in der nach- anan'schen Zeit hoffen wir in einer anderen Notiz darzustellen. Anmerkungcil und Textbelegc. 1) Ein Iso der Suddacäer, welches ihm als Codex der jüdischen Gesetze galt, wird schon im Fastenkalender ermähnt (ovpn Cap. 4). 2) Schahrastani's Bericht über Abu-Jsa wird bedeutend ergänzt und modificirt durch die Nachrichten des Abu-Jusuf Ja'kub Alkirkisani (schrieb im Jahre 937 n. Chr.), der seinerseits aus den Schriften des David ben Merwan Almukammis und dem vnnv eines mohammedanischen Freidenkers Abu-Jsa AlwarrLk schöpfte, in welch' letzterer Schrift ebenfalls über jüdische Secten berichtet wurde. Diese Schrift benutzte auch der bekannte Schriftsteller Albiruni, so oft er über jüdische Secten spricht. (S. Itis etirouoloZ;' ot sueisut uattous, au ou^t. vsrsiou ot ttis arad. tsxt ot 4.tü s-r-at-tZg-üt^s. ot 1t.1ti irüui traust, Hä. 8aotig.u, I-ouäou 1879, x. 270, 278, 279, 431). Kirkisani's Bericht in der ersten Abtheilung seines rnnv, von welchem bedeutende Fragmente hier und ein Theil im Brit. Museum sich befindet, lautet wie folgt: '1X222XPX '2'p '2X2 ps12PV^X 121 2'22p 2X1222 fv 2P2 2221 NIX 12221 . )12v )2 P^V^X 22p 2X'X 'S 2212V ",X21 . 2121PX XP2X sv 21P1 . ^2P1 22121 L"1 2P2 2X21 21p 2P22X1 sX2p2pX 'pp 1122^X 2X2 2^ Pj2p' 2pl p2ipx P2 P22 'S p22 XV1X1 ^2P1' 2^ 21X slvpl' 22X2VX sX21 X2X2' Xpl2 )X2 21X slvpl' 221X2 22X2'^X 21p 2211PV1 '222 sX 2'.1 ',2 X22X221 X222 222X2 -X2P' X^?1 222' X2 X'2X 1VP1' Xll'S 2'112'PPX2 )122p' 22X2LX P2 2PXM PL' 2 221 22X 2vpp' (Cap. 2 der ersten Abtheilung). Das II. Capitel derselben Abtheilung lautet: 2X2pX 2P .'1X2SHXPX 2'22p 121 '2'p '2X ^'p 2'X22 'S .2tLP '2X2pX 21p 21X2 2211PV sXI 2121PX XP2X '2'p X2X sX 22P2 XV'S X1222X XS2XLV1 X222 222X 21X1 X2P' x!?1 222' xp X'V.X )X2 21X 22X2VX PX^vpX 222 21X2 2p'1XPX1 222X22 XVXD .21212 XpX )12' Xp X22 sXI 'S 222 21' ^-2 'S 2X1^2 P22 211X1 .'2X1I1PX1 >2'p122pX 221222 XV2 2X22PX st2 Xp 2X2L'!'X1 22^>PX 2221 . p'2^2 21'2 P2L» 212 plp 'px pp 2 22V2S1 s'1X22^X 2VX 2'L2 2121PX2 pp22 22VX 2p^X sX 2P1 21X2 p2 sX 2p ^>XP 2ppX )X 2P11 -X'SIXpX 222222 2'2N 'S 22ppi '22 X21 "j^2 ^>PS X121X1 .)1'1X22!?X PXP X2 'pp POL» 2'2P1 22L'P 21112^2 'Pi:' Xp 2PXvi^X1 )1'1X22^X 2X2 p^-2p1 2PXvi!-X1 2X1PPX 2lpp 22 P'V22'P -s"X2ppX1 2'11XppX X22 )12' '2PX s'ppX2 22112' X^I 2'112'ppX s12p2' .2'112'ppX 2222p 2^ 2p 2^P2 'VXL'PX 2'22X )2X 21PP' 2^>X2 2PP1 s?XPS . X2P2X 2'.lp 2121^-X )1^21' 221X sv 2vpp2 Xv '^p 221 221221111 222PX 2X22X sX 'pp 222 2^1p P2S . 2X'PXpX 'S XIISpXS' 2p 221XP 2PX1 .22 21P222X '2PX 2'ppX 'S pfX^SpX 2X2VX sv 2p2X 21PPX 21p Note >7. 423 ^>2 )8 2711 .72P22P8 22817 212121 2'22 )2 '2'7 21212 '2'7 12 8 2S2721 ',82pp81 p'118^8 282P2 2281 221p 'p8 N1P22 82212 2281 822 82212 228 >2 22771 2P '28171P81 72^O2p8 j8 2711 8222'2S2 282P8^8 'pp 2p22 '2p81 . L22'8 'S 822 212'p8 227N 822 822' 'S 72 2728 82p1 2222^ 228'21 2228p 218'2 212lp82 ','2S1^8 722p 22'222 'p8 28lp8 )82p 822^ 2P' 2^1 8^1,2 222 1^7 p^221 -2121^8 282S 2228p 2822 "^2 'S ',12' 78 212 822 ','22p 2P'2172 )822 7228 .272 82'S 28172 282S j'21 )211 .2812^ 72P181 ^2 72 2P28 82 Im achtzehnten Kapitel derselben heißt es: '2'7 128 28228 8281 .8OS1 ','2^72 2'2lN 2PS PL'222 2212 'P2 '2P8 )8S '1822178p 8 Wir machen hier daranf aufmerksam, daß das Erscheinen Abu-Jsa's bis fetzt nach Schahrastani um mehr als ein halbes Jahrhundert zu spät angesetzt wurde. Dieser Heräsiarch trat nämlich nicht zur Zeit des letzten Omajjaden und des zweiten Abbasiden Almanszur (754 — 775), wie Schahrastani angiebt, sondern zur Zeit des vierten Omajjaden-Chalifen ^.dä-uI-NalL >685 — 705) um 70—80 Jahre vor Anan. Dazu paßt auch besser die Zeitbestimmung Abu-Jsa's im Sendschreiben nach Jemen von Maimonides; wo es von diesem Pseudo-Messias heißt: Im Anfänge der Jsmaelitenherrschaft rwn,-w) p-ir-oe-' n;:i>v). Demnach war Anan nicht der Zeitgenosse des Abu-Jsa, sondern sein Nachfolger und gewissermaßen sein Erbe, was uns so manches erklärt. Kirkisani's Bericht über Judghan lautet wie folgt: 'O'7 '71.8 272 )821 218 ^8P'1 .228p8 '782 218 '8 8'782 2282'78 2122' '2p8 121 )8121' 218 s1271' 22'28p21 2121P8 87'8 '7281 2'227 '2'7 '28p 82'2p>2 )82 N'22^8- (idiä. Kap. 2). Das zwölfte Capitel daselbst lautet: '18Np8 282p8 2121^8 '728 8ß"8 s 8 .1 2 1' '8 .' 7 8 2 p 8 121 s8.1 21' ^>1P 2'822 'S .2L'7 .271.12 77P171' 221 22' 2!? 2181 2'O2^8 218 ',1271' 2282^81 . 82'22 2117^81 28pl7p8 ssp27'22'1 282VP81 22pp8 2222 2'18 .1 21' p 8 1 2P1 - 222 '2 82181 21.728 822 'S 22P82 28'78p81 28228^8 ',8 s1271'1 272 82'S ppp 2221 72II 7'82P^8 72 21p Plp^8 822 'S 22228L?. Und wirklich beißt es Cap. 19 von den älteren Karäern in Bassra 27'' )2 82'8 22'2 )8-1 .221 12 82181 227p8 822 'S 22P82 28"78'p8 7'21 ',8 Von den Judg- hnniten seiner Zeit sagt Kirkisani: 2S1 22122 2'18.'21'p8 8281 P82S282 2'2'. Daß der Beiname Judghan's '7-82 p 8 (der Hirt der Nation, gleich der Benennung des Mose s-on: .npin, xrr>'N 2 war, erhellt ans der ironischen Benennung .npin (Kamelhirt oder der Hirt der Dummtöpfe) bei Hadassi im Eschkol. Ebenso erwähnt auch Albiruni «^.btrar al- Dairisa, S, 15; englische Uebersetzung von Sachau S- 18) den neben Abu-Jsa Al-Jsfahani, welchen Titel natürlich Sachau (ibiv. 372 — 373) damals nicht erklären konnte. Die Schreibung bei Schahrastani, der man bis jetzt gefolgt war, ist demnach ein leicht zu erklärender Schreibfehler, da die Verwechselung der Buchstaben und 1 auch in arabischen Handschriften häufig vorkommt. Was seine Zeit anbetrifft, so gehörte, da er Schüler des Abu-Jsa war, sein Auftreten sicher nicht in die nachananische Epoche, wie man bisher annahm, sondern er war, gleich seinem Lehrer der Vorgänger Anan's, was übrigens Kirkisani ausdrücklich bezeugt: r>ni sn-np sn-iw 1x2 sno:. 424 Geschichte der Jaden. 4) Wir geben zuerst einige Stellen aus Anan's Gesetzbuchs wörtlich: s,) lieber das Verbot des Lichtbrennens am Sabbat: XII 1N2IN2 '11>2X>1 N1UX 'XI XlUNI 2N2 1N2N2 1'P2NU> 'Ul 1'2N X^INU 1'l!1>2X '2 ^-2X 1'OXI 1U 1XN2 111 s'iux II'IIN 12X^2 ^2 iN-j-n x^> 2N21 NX 11>2N x!- xs"11 'UPU X^INU 12 ^'NNXI 2.1 ^ !->X 1N>N x> 12 2'N21 12X>U 11>2N X> 1'2 2'N21 'Uli NX1 X11>'2 ?>X 12X^22 N2NU '>2 1N2L' 12X^2 1U1 X22U^ '--2 1N2N X>'N1 'UPL xs>1NU X11>'21 2ll >> P>X ->2>'1 'l'INX 12->'U^ ^ 1'UX )'21 Ul Nid! 12>U^ >> 1'OXI s'2'1 '2 LI XN11 >22 1N2L'2 111>''21 Xlll ^-2 ','21 X.11N >'2 P2NU^ ^ 1'OX .^>X1L"1 dl lieber das Zubereiten von Speisen von Freitag auf Sonnabend: '2 11^> (lux xp —) xuxp ls-IN2 1^IN2N 1NX NX1 12X 1SXN 1NX NX XNlISI X1L2 >)inö2xi pn^21 'XU XU1' s>2 XS'U^I >1N^'.111 )12'1 l'POX '21^1 XUU'U XNI^'"? f'1N>1 'Ul' yin> >11^21 'XU 1>'N21 XUU'U 'XU XN2'N 's->'UU '^irN2^1 X2'U> 'lvl ^'1N^ HlL>2>1 sUUl j'in'p XD'us- X^I >'2'1 '2 XN2N '>712X^1 XN2!N^1 'INUL' '2^1 XN2L' '^>uö )11^ XlN' XN2kNs' NP12X> X>1 XN2IN 'P1SXU '^^2^1 X2'us- LU'X -j'IUUX^ 1'!" (?) NlUjN XNS 11 >'2'1 '21 ->->'11X> X2'us> X^IU'2^ 1'2NN1 X'^2l1N2 l's-OXI l'^l^!? 1'IUlI 'Ul! X>1tN2 ^X X^12'2 XlllNU 1'!? NPOU1^1'2'U> 1'OXI X1N Xliv 'XN '21 ->>11X> '^INOI X2'U2 U121 x'>12'U XlllU 11.lUX '1l2N1 Xlill'X 'P1O21 X>71' 'U1>7l sl.12 >2X XN2L'21 (?) X'llU'? . 'Ul 1'2IN e) Ueber das Schlachten von krankem und jungem Vieh: Nlus^ ,12'lpl )l'>)2 1212^ 1^> U'llN 'Xl NUN2N sU NlU' '21 1X>1 -»11X> 121 >1N^2 NlU' (lUX —) XUX '2N O1NU1 X'N 1^>2l2 L'XP NN'U )1'>2 1^> j'UNNI NUN2 >> XlX U'Xj? NU'U XN'Ul NUN2 >'X111 l>2XN lNX NUN2N NXl XUX Xpl X'lPX N2P2 slL'^U NUN21 '2U NUN2N XUXI 121 )1!N>2 NlU' XUX '21 UlNU U'NNl 121 NU'NINI xs-l X'I'N X> 'v^ ls"2X^1 X'UUU X^ 'Ul' XUUN N2 X'111 1>1 XI 1'2 >X>'1U X^I 1U12 xs?X ^2'U^ ^ '1IN ä) Daß ein Knabe bis zum 7. Tage nach der Geburt und ein Mädchen bis 14 Tagen levitisch verunreinigen: 121 'U' ,1>'2L'2 11XU2 IX sni>1'2 —) N1'>2 >'.111 )XU1 f'2'1 '21 IX 'Ul 1>12 ^lill )X2 pjX 12'Nll O122 ''111 12pl! 'U' 1N> 1>21X21 s'UX .IL'NIl O122 ">'12 sl2pli 'U') 1NP 1>'21X2l 121 'U' 1'>'2N2 1UXU2 1'UX 1'112 1>1 XUUU X> 12pl 'U' INlNl 2'NN1 121 '2' IL^Nl U'NI^IN 2'U' N'>'2N 1X2U1 2N2 1'UX '112 1^1 XUUU 1!2'21X2l 1>2lN 1XUU21 L'IPX INNI U'INL-l IL's'L'l U'Nl^N21 U'U'^> 1XV2 U'IPX 2'>'12!N 1XUL1 1N>IN1 U'NliNUl ->>1lX> 1XL1P X1211U 1'1121> 1'lIINX ,12'L"^ U'v' U'21>'1 ''21 .1'UX '112 1^1 XUUU X> 12P11 'U' INNI U'N!N21 1211 'U' 1'liXU 1'> sli'IINU 12P11 slN> 1>2)lX Ul'1 U'21>1 s'21 1211 '>'2N Ul'1 128 27 2'121 8'121 1')82 81112 '2) 1'28 ks 81 2'22 7 !'!? 7'1221 ipll 18221 2'121 8'.-! 11)2 12p) '21' 127 1721821 121 '21' 1722 1'281 72 11)1 111)2 2'7',22 18221 2',121 -82211 1111 11) '2'2 2'2' 1722 -8'121 1')82 81112 1111)1 '7'22 (21'1^j 2'2171 s) Daß nur die geflissentliche Berührung eines unreinen Gegenstandes auch bei Kindern levitisch verunreinige: 81 p 212 21P1 17 8221 2'22 7III 1'1.12 2221 822 ' 22 7.1)1 ^21 1 ^" 112 ^> 18^-1 ',821 '1 1'2 '22 7 - 1)1 . (l 1 ' 22 )s ' 71'1 2 ') 2 P 1^'281 ^21 ",)12 '22'21 81111 ',71181 2172 '1 1'2 '221 '22'2 8p 8)822 7-1) . 821212 82171 17 822'2 ')82 k) Daß der Speichel eines Unreinen nur Männer, .aber nicht Frauen verunreinige: '222 8p 211 8,1111 ', 7118 ^ 11122 8 P 112 2121 ^11122 211 PI' ' 21 ^j 1112 2"8 2'22 ^221 211 2'121 11122 '21 2'121 1112 2'8^ 8p8 1'^ 112 2'121 82'1 p 21 2 ' 2 ) 1^'28 112 '222 211 818')'118 N 1822 P 28 -11122 8 P 112 212 '21 21221 1'2>2) 71'1 ^2 2 ') 2 P lp '28 p 2 Z) Ueber verbotene Verwandtschaftsgrade 1281 1'18 1281 1'18 128 18 1)2 128 22)'2^ 121^ 1'^ 1'281 Z 6 1)2 s2 ipl 1112 11p' 12 1lp2 p 1281 1'28 72 1^1 11^2 11p' 12 1'28 1)2 1281 1')2 1^1 1'28 11^' 12 128 ^'21 1'18 128 18 1)2 12181 1'28 1281 1121 ^l. 8'2111^ 8'211p 1')2 ipl 112 11p' 12 112 Pp21 811 1lp2 p 812.12 1lp2 121 8'2111 7-)8 18181 1)2 '12.11 11 H 81 112 P72 121 8'2111 7)8 1'181 1)2 s2 128 ^721 111181 1121 8'2111 1 p 1'281 -7111L2 81'28 (l- P 2 !", 11 ) ', 2 ^ 8111 811 112 ^'2 s 2 ' 12)2 128 11p' 12 1'28 1281 11118 p>'2p 18 112 P72P '212)'8p 12p)p 1)21 8'2111 1')2 Ipl 1 lp 2 11 p' 12 11^-2 12 Pp 2^1 1'28 '2 1^1 1'28 1')2 1^1 112 11 p' 12 112 P72 12 ^72p1 2 ' 2)2 1'28 1281 1'181 1)21 8'2111 8'1 1lp2 12 2'2)2 1lp2 '21 8'2111 7)8 111181 112 12 2'2)2 112 ^72 s21 8'2111 7)8 111181 112 2'2)2 128 ^721 1'181 -7„1'p72 71128 '2^'11 8'1 112 p'72 128 1118 !?72 1281 1'28 1118 pp'2 128 22)'2p 121^ 1'p 1'281 Z 11. 1'28 '18 128 8'2111 8^1222 72I 81'222 72 71128 '21 ',111118 p21 71128 ',2^'1 ',1)'8 128 1118 ^">'21 1'28 1118 P72 '12)2 128 '18 1281 '18 128 P72PI 1'28 '18 128 P72P '212)8p 12p)p 1p 1'281 -71112) P 721 8'2111 8P1222 721 81'222 72 ',11128 ',21 7 - 1'18 p2 72^>1 128 ',1)'8 128 '18 1281 1'28 '18 128 2'2)2 128 1118 ^721 1'28 1118 ppl 1128 12 "122p 1'28 '18 128 212 8)111 71'^72 ','1128 P 2!?'1 7 - 1112 ) 71'28 '1212 11"2111 1 . 1'17 P21 1')2 12)'2pl s' 211 p 1 11211 p 1281 ' 112 . 18 P 1 (l. 2'2)1) 2'2)p 71'pp2 ',' 1'28 2'2)2 '1"2111 '12)1 128 22)'2p 121p 1'p 1'281 Z l 7 .8'1 (111112 —) 11111 '2 1'28 '18 ',111118 p2 (l. ',21) 72I 112 s2 1281 11281 1)2 s2 1281 1128 ',2 426 Geschichte der Juden. f2 '12,12 112 121 112 121 112'8 121 8'2111 28 s21 P21 28 f21 P2 '21218p 12plp 1p 1'281 . 21'11V1 P1'28 P2p'11 s118 112 s21 722 Pt 112'8 P2 P1'18 >2 s'2p 112 12 pp2pl lpp21 22 12 pp2pl 1^P2 12 !?P2^- lpp2 1.2 2'N12 1712 Pt 22 Pt 1^P2 PI 8'2111 28 s21 ','21 28 PI "122p 112'8 .-2 212 81111 ',11'pp2 P1128 P2p'1 P18 t7!2 712t 112 121 .P211P1 112HP pp.1 1128 712 1i) Wenn ein Kinderloser zwei Frauen hinterläßt, so findet die Leviratsehe nicht statt: 1118 828 8P1 P112 811 8^1 82212 8p 'Hl P111 P'2V1 12 '8t ,212'2 P'N2 8^ p'2Lr '22 ','71171 '81 12.12 8P 1'1' ',12^2 121 i) Die Ordnung der Leviratsehe und über das Gerichtswesen: ,1'1N21 211PP 81'1 '2 87tt21 1'p 211' '212'p 1'p 'INI 211p 8111 '8t 1PL»1 ipp 1P21 '21 '2P2 8281 p!? 1p 1P2P ^81.11 128't 2'N21 22'21 1'2pl PP 118 P 1>'21 l^rp 1P21 828 8P1 rc. " 2 P p81.11 1111 22 22't 1128 2'1 '2P1 PP118^ 1'pl 2P12 2'L»18 112'p Np't 828 8P1 ^>18 PI 1'pl 2P12 18281 111 ^11.11 PI N'2 18P1 2'228 P1^> '1p 8P1 p'^'2 8lp'^p p'2p1 P112.18^ 8p8 1'^ '.12 111 22P12 828 '81 1'pl 212 '221 81'1 N'2p pl'2 p'12 '2 'p'2 211 >812' s112 N'81 81211 ^22 2'1 s'122 P81.12 81121 PP2'2 p'12 8p P28 >2118 P81.12 81121 PP22 1P2 '2 plp 8281 ,2'228 112p 2'121 2122 112p '2 1122 8^8 81'12 p'12 8p 128 l'II^S 18 2.11 2lp2 p 2lp2p 128 p2 18 '12p '2 21'1 218 2'1P 2P2 121 22 112' 8pl llpll pp 121 22 2'pl!- 128^ '!? '12p 21^2 18 '" p' '21 2'1p PI 1'^ P128'1 21'1 218 2'1p 121P2 1P221 1'18 12p' ^812' 1'2 18 21'12 22 128 18^1 Pl12 P1'2 p8 1821 1281 121 llp' 128 P12 1'22 P1'2 '1'1 P1'P2 22 81P1 P112222 ^'1 2'121 '2 1p 2'22 1111 1811 11P21 P2 pp '" p' 1L'8 P111 p 111.1'p rc. ' 12 p '2 21'1 218 2'1p 22P1^ 1P2 128'1 ir) lieber die Chaliza-Ordnung: 8118 1212'p 12'2 12p 211p 82'8 811 1122' '212'p '22 8p '1 s821 1111 1'282 1'p 8P1'1 1222 1'p 82p21 1'p '1P1 81'1 1'2p 1122' 18 llpp 2'81 PSI' 8^ 281 2'121 ip 8121 !?2p '21218p 8'1122 '22 P21 811 1'2p 1122' 8pl8 22P11 p8 11P21 1122' llppl 1122' llppl 821 '121 2'8P 811 1'2 ppl 2'11 8P llppl 828 8P1 81181 p'1 P8 811 811 1'2p 1'ppl p'81 12 21P21 p8 1'ppl 12P1 211 '121 221111 p81 2'lpl 22121 p8 1821 '12 211 P28 811 811 1'2p llppl P212 821 P81 2'8P t11p21 1'2 82'81 ',212 2111 22P11 ^8 2'12 8211 2'2SH '121 f12p121 811 ^812" P182 22111 11P21 1'2 82'8 8pl 212 8pl p'lpl 212 8p1 11P11 821 P 28 -,'lpl P 22 pp ',11 2'1211 P811'1 8212 '2I 82'81 82'1 ^21 pp 2'11 8P 121P2 1P1 18 1'pl 1P1 82'1 '2 8P2P s112 1'8 8pl 'p'2 p2 8lp'pp 'p'2 s1'2p 811 1'2 '1P2P Note 17. 427 Wohl Hausbesitzer; so ist ^"N21 sl. 7112^22?) 7112122 PXN2" PN P2'7 X^-N wahrscheinlich auch Studien und Mittheilungen IV. 175, K 554 zu übersetzen; vergl. auch Chananel zu ?ssua1iiiu I. 48 b. N2l!?2^ 'N2^ f71722 '221 2'7P12 '2 N'2 '22 2'7P'N PX 2'N2N N127N f2 X7'N 'XN2 22 V'X 2'P22> '^> N22X 2'N2N '2 X2X Xp 'N'2.1N 2'7P1N p!- 2'1N Xp '2P XN 2 XN PXN2"2 2'V 1'Nx!- 2'PNp '22' fX2 NN2X1 .PXN2" 2P12 PN12 dtp '22' N2X X^I X2X Xpl '22' N2X Xp 828 XPN1 '22 '7'N Xpl X1N '22' fX2 i-XN2"2 22» 1'NXP 2'PNp '22' fX2 ^'XNN —^ "NI N2^> N'!? 'N2X1 X7'N N'2^ N'p 1NPN 1'PX 1N2N1 IN'P 2P1 1^- 1XNP1 828 2'XPN NNNPP 'N22N Xp 1281 X2X Xpl PXN2"2 22» p'NXp 2'PNp NN7X2 lpp7 NUpNI 22P1N '7'pp 1'^>X 1N22' N2»771 828 Xpl '2N X2X1 2'N '2P N222 N'p NS^2'1 2'N '2P N'2.1^ 1N22' N2NPN 12S2 NPN'1 1^.'N Pp2 22'pp2 22'N2pV lp2 dtp 'N2N X1N X722 pp7N N'DX2 NPN'1 N'PN22 PPNIXp ^-'2 Pp72 X2X1 ^P2 N2p>2'2 X2X p'p7N Pp2 NN^>2 xp' ppp71 2"2p2 XS17 N'p12 ^p X2N2^N P2'NN 222 '27 X'NI X1N N2^2'N X'21N ^P7N XPN X22 '21^NN X'21N NUpNI X2X1 . 2"2^ XPN2 Npl2 ^>p '27 222 NX XD^VN X1N l^'722^ '2N7 2'2 'XN N2NP2N X7'1 '2 222 2N^> PNp '2N2 'N^'VN N'NIN^ N'p'Np X7'11 N7'17 PN^> '2N2 XpN PNp XD^V X^ '2N21 pnp '2N1.1 l!-'2X -^P7 ^ X2XN X2'N P2X PN^ PN^ Xp N'NINN 221 pnp rfXXL^>N2'2 2'27 Np12 V37N P'V N2 12'27 NlpX p2" '2 7N2N ^'PL' '27 N'^NI X2X '2 Npl2 X2N7 P21 N'722 P2 ^'PN2>2 Pp7 N'^12 PP7N pV lpp7 X2N 7N2N 'INN XSNlNN X1N IN'NINp 222N N'N' PVp2 ip.'N Pp2 lpp7 N2 NN P2'p2 pp7N Pp2 NNp2 Xp P^P71 2NN 'N21 NN f12'p2 1P.1N Pp2 'N'INN ^p Pp7 "N NN P2^2 N'N2X1 2'XP X21N !-PN 2NNN pp>2 'NN2 P2X 17L"N2N '2'N '2 '2N1.1 TslpL'N X>N NN ^1L^N2 N'N2X1 2'XP 222 Xp - N'722 'NN2 N'2N2 NlpL'2p X21N sl'^ P'N.1N ^>2 P'pp7 2N2 N2' 2N ^1p NN'2X 'NN2 NN7PN Npp2 XN2XN N2">" N22 NN2X1 N77P1 X2X X1NNN 12L- 'NP2N ^P7N ^l'pN N'2 PXNN'2 122' XNP71 X2X XP1 . X1N 22» 1'NX^ 2'PN^ 7N2N 2'XP XN'2 pp 12V XNP7N '2N ^XN2" 2'2 XN'2 NVX N'NN Xp 'N2N N^ NN2N p2^- '2127'Xp X'NN2-2 ^2 NN21 PXN2"2 (sie) p'2 N'pp N22' X2' Xp XN N'^Np X2' N22' NI 2"Xp N-1NN N2N Xp 1N2'X 2"N.12N 'X2 P2X . X'NN2'2 '2N2 N22'1 Np NN2N ^2p-X227 'N2N 1N'22 Np Np2'21 XN'2 Np 2'N'1 N1N'N2 N22 Np 'N2N Np X'NN2'2 X2pX NPP21 N'VX 2"X Np' '2 X2X Xp ro, Npp21 N2'X 2"X Np' '2 2X N'NI X2X XP1 NN2S'2^N N'p 22 2'NP21 N22 P'N2 Xp NNP2 X^ 'X N22»XN N'7'P2 XN2V Xp 'XN N2N N1NP N2 X22 '2 1'7'P2 "jN X22N X" ''21 X1N N2 '22 XpN P2 N^ V'N.12 N'22 Np NN'7 XN1 XN'72 'p'2 N2 X'N N'2 X'22 xp. (Anan deutete also N2N 711NP; Haß, gleichviel wer von beiden Haß gegen den andern hegt). Nun mögen einige Stellen aus Cap. l—2 und Cap. 13 der ersten Abtheilung aus Kirkisani's Werk, welche manche interei ante Nachrichten über Anan enthalten, hier Platz finden. Cap. 1 heißt es von Daniel Kumisi: 428 Geschichte der Juden. Np NSdt Np ni-'np nps d?nn P21 n.1p^t< 'S 2pdtp Sttnsptt 'S NpNIX NStt^dtp^dt N2.1S 'S NLdtNSdt 'NI 8,2SdtN2dt PS 21p Ntp NNddt plp'. Cap. 2 befindet sich der kurze historische Bericht über Anan's Auftreten: 'S ppni Nlp.i^dt 2dtN sdt^dtpp sdt^NI' NPS sdtSI .P'XNS^X 'S pnpdt PS n^2t> 1"S PS Pitt INI niWtspdt ns PS 'Sdt Sdt'dt pp 'SN1 . N2^>p 'S PP2' PS 2N'S p' 2^1 PSdtSN^dt ^'IdtpdtS dttspdtp sdtSI PS sdtSttp SdtNS sdts^p' NISdtl IN sdtS NSdt NS'NtSpdt 2dtN "dtN 'SdtNSP^d? '^dt 'SdttSNdt^dt im Xitud al-Isiidsur von Joseph Ha-Roe heißt es: N^lp 'S 'L' dttSNS N2' 2^ Ntdtl N'SNP^dt '^dt N'llS^dt pss pnsödtl niss^tt 'S N^dtp dt'S dtpdt spSdtSN^dt ^1P 'S dtp'Stt n^ dtSNPI dtNdt PS2 .Ntspp' 2ps 22dtpdt NSP pnisdt 'N^dt PSI ^'dtN2dt nsp pnisdt 'N^dt PS vergl. über diese Stelle Studien und 'dtS' NSdt'IN 'S Ndtnch 'NN ppn NSdt Mittheilungen V, 118) - N^tt SNSSV' 2^S NpNP 'S p'SttSN^dt NNNSdt NP1 Nt2. Cap t3 handelt von Anan's eigcnthüinlichen Meinungen in Religionssachen und lautet: NS NNSN dt2 N'dtSN 'S NL'P NpdtiN^dt SdtSpdt P^>N1 ps'SS^ p2Npdt nssptt 'S It^dt NSt< NPSdtN PSI Nl^dt-ls-dt 2d?n ssp -N^lp NNdtll dtNNS. IdtL" ksNSS S'NSN psNSS-tt^tt dtL'2s't< N^IP'S s'SdtN 'S !?2N^ ppns NttNdt NSdt P2P1' SNSdtS NSdtN'Sdt s2 StP dttSdtS nvdt^s N1P1 SNSdtNSdi 'pp SNNI'S 'S 1 P 2 N' sdt OdtS^ p^2' dt^'^ Nt'S^tt Ndtpspdt „ch O'^1 -NP212 'S ppn NNtpSSt dti-tN Ipdtp dt2 '^p ^>N' dts' NW '2' NPSV 'S s'Sdt PS sdt 2P11 >N2N N'22'1 N1NN2 P212 'S dt^dt pdtnpspdts NldtNSpdt SStdtt -dtN'2S s?St< sdtS NSdtSS N'StÜNptt PS dtN'22 P2 NN221 NN'SS sttNS pnpns NSdtNS^dt 'S P 2 PN.O' p><2 N2dtt -NN'.t "N PS -j^NSt .ks^pdt nnsp tNS dt'L'dts'dt nnn PS 'L' pp r^sn s2S tispdt sNN SStdtt .NNSttNS N'p' SdtNN' ksppdt ttS'dt tNS p^>n ns ^PS' s!? PS N)NS sdtt .NtNL'pdt Sdt'dt N'dtO PN NNS'pdt 'S N2-P NNtt 21' 'S .tpdtspdt NtttNS 'S N22N 21' 'S psnn dtNtldtS pn^dt 'S ^snn stt NNdtNdt dtNdt NN2^tt SSL' sdt 2P11 VSV PS PNINP1 NPSNdt 21' 'S S'SdtpX Sp2 Stildtl -NNL's'dt nsps'dt p^2' sdtS N^tt sch' nölp NNdtlll .NNdt p>n >N2'SSpdt NNL' IN -brNNL» dtSNN dtnn PS PSNN' NSdtNSdtl -Sdts'dt PS N2'N 'ns?dt N^dtS^ttl 'Npdt N>1 dtN^S N'Sttp sS' 2^ dtNtt N'Sd! NdtN2dt NlSdt ^N -111N' sdt Ittildtl ttNNSdt NtlSdtl NN2 N'N' NNINdt n>r SttNSNdt N1P stt 2P11 dtN2dt s2 Nilttl ppn PS NiiNttS NN2pdt stt N1N2S SIN PIN' 'S1 SttNSNdt ^-1p sdt 2P11 PS dt21' PPS2 21S schdtl -tt22N ss' NNNdtS NN2 'pp Sl^dt pss sdt s'S s2 PSdtSpdt 21S S.11dt1 -p'2 'S PNL'PI nn^in '!?dt s22 'S NL»P nnpn P2dt.1' sdt 2NN1 -NdtNiipdtS pdtStiptt 2NN1 Np'S2^dt '21' 212 S.11d!1 . NNtL stt NPS snSdtNptt '21 2NN1 -NNNdtl NN2 PS NNSdt 21'1 Np'p 'S sd<2i!dtpdt PSN NS2ptt 21' s22 'S NL'P N22S 21' PP1 dtNttl -NdtNINd? Pi ttN^ N'2' 2^1 . NS2pdt 'S PPNSI NL'P NN2 21' IN 'N^dt NNdtpdt 21' 'pdt N'p^dt NdtSNtt Note 17. 429 1V 822^8 LPO81 .'>2 P2 8VL' 8> '^>2 s8 2P11 .'82l8 '^'- 822^8 211' P2 18Sp8 s8 2P11 . '1218 P2 822^8 211' 2^1 mp^8 811 '2 12^8 'ilptt 111 1'2 s8 2P11 -N"2p8 822 jll 71822 ",82 1121 878 1'121^8 817 12 '^p 8^8 822^8 212 2^1 .771 222-2 227 '^1 227 181 22L'2 7^ 7'82 >12 18s'p8 18 2P11 . '7278 12 82278 211' 2^1 72^8 877 '2 12^8 svgl. Gan-Eden von AharonL 1V2 o, 121 os. 822' 8^ 78278 18 2P11 8728p 12 !?21.1' 87 878 822^8 18 2P11 .P18^8 '^p 8P2' '77 712 18 18181 -7172^8 '2 11lp8 2'P1 18 18181 .772' 8^> 7182 '^2 P1lp8 7782^ 1'1' 2^1 .87777 1P111 78128 llp^-8 '2 77178 7727 82278 ^P2 211' 2^1 .77781 72'72 '2 7^ 827822 182 878 j'1p8 18 2P11 .1'IO 222 7^ 12 '^>p 1^-21 712 s'IL"- 77 12 '^p 8^8 27 28'8 1'121 7^ '78' ',8 ^2P 782 878 11182^8 72'72^>8 ipl 7'1 82^812^ 7'2 117 7181 '2817782 Plp' 182 718 71p '271 .'22' Wir setzen noch her die Stellen über das Verbot ärztlicher Hilfe und des Gebrauches von Arzneien, wie auch über das Beten. Erster« lautet: 18 .'8217 '1' '18 '2 1p^ '77 7'11 7'17878 ^>82-1281 22^8 2777 7'11p^8 77'12 822-172878 277' 282^8 17 7^8 182 8782 lp8p. Von den täglichen Psalmen sagt Kirkisani: 7'2- 87'22' '1^8 18P18P8 18lpü 8281 1P1 7'2- '2-P7821 1'L- 787.1782 P122878 s2 21' p2^> 7pi s818p s82 '1^8 ^2 '77 '71 87 8182 ",71 8282 .8128728 7728 '^1 Hp 7P287 77781 78721 7871^82 77781 7872 P122878 28'8 P'2.l7 s8 '11 Der Karäismns, sei» Entstehen und seine Gntwicklnns. Es wird von Rabbaniten und Karäern als Thatsache vorausgesetzt, daß Anan der Urheber jenes Schisma war, welches man mit dem Karäerthum bezeichnet. Unter Karüismus, oder wie cs hcbräi'ch lautet: uipO -w ni, versteht man im Allgemeinen den Ausbau des jüdisch-religiösen Lebens auf biblischer Basis mit Verwerfung der talmudischen oder rabbinischen Normen. Gedankenlose Historiker begnügten sich nachzuweisen, daß der Karäismus das und jenes als wesentlich festhält, das und jenes als Rabbinisches verwirft, und führten das Alles auf Anan zurück. Sie haben keine Ahnung davon, daß das Karäerthum zu ihrer Zeit nur wenige von den Normen beibehalten hät, welche Anan aufgestellt hat. Auf den Eimvurf eines polemisirendeu Rabbaniten (wahrscheinlich Saadia's), daß Anan sich in vielen Punkten geirrt, und die späteren Karäer deswegen größtentheils von ihm abwichen: pp 717 'o 7^7 am 1'777 ,7'7727 1220 »7 222 2'1 1 7 >7 7 1 271,72 7 111- ,71212' .722 1'727 i-2 bp 1222 »!7 727 2'PI.^II ll'MNI '7272 pp '727 '2 27'7p, auf diesen Ejll- wuif entgegnet der unbekannte Vers, des 222771 2'U7P7 pii>7 Folgendes: —,7728 227- 72 IP'D27 87 27171 pp 822> 1728 '2 -18 .1122 2'7272 17'2N7 (2'87P7) - 7221 722 27 ' 1'2 7112 - 77211 2217 ' 22 . ^-8P ',2 plp 121121 '8lp8 81,1 81,1 sll' 128128 j2 821p 81'81 1p 818 -1-2 82'2 1'pp 1lp81 1'121^81 '2811^82 . '2--P82 St. Petersburg, November 1894. A. Harkavy. 430 Geschichte der Juden. Nicht bloß dieser Schriftsteller, der spätestens im 12. Jahrhundert geschrieben hat (oergl. Pinsker I-itzuts Luäruouifob Text S. l9 Anmerk. 2 und Beilagen Nr. XII), sondern auch ein Kartier des elften Süculum, Jakob b. Reüben und einer der ältesten karäischen Polemiker und Commentatoren, Salmon b. Jeruch am (geb. um 885 st. um 960) sprechen es ausdrücklich aus, daß der Karäis- mus nicht ganz die Lehre Anan's ist, sondern daß seine Nachfolger von ihm abgewichen sind, weil er noch an talmudischen Satzungen festhielt. Salmon stellt folgendes auf (Commentar zu Ps. 69, 1, nrab. LIs. bei Pinsker Text 21): „Anan trat auf und erweckte die Herzen der Menschen, weil die Gewohnheit der Rabbaniten und ihre Beschäftigung mit dem Talmud sie die Lehre Gottes hat vergessen lassen. Dann trat Benjamin auf, vermehrte die Anstrengung und deckte Punkte auf, in Betreff welcher sich Anan an die Rabbaniten gehalten hatte. Nach Benjamin traten die Karäer auf, und haben Zäune um die Pflichtenlehre Gottes gezogen Dann traten Männer von Ost und West auf, welche das Gesetz mehr kräftigten richteten ihre Sinns darauf, sich in Jerusalem niederzulassen, verließen ihr Hab und Gut und verachteten das Weltliche, und diese wohnen jetzt in Jerusalem." Ich setze die Stelle nach der von Pinsker gegebenen hebräischen Usbersetzung her, roipoxom ou::,n w? — o'L'M rn:8 i'x.n: ;ix 01 :)::: pnn -pm.-n oi'.illnn n::.ii '.1 nun 20m ::: U2?n. 'inn 18.1,11 ): rnr: nnu :n: .nviL' 2'::: .18: 12L-1 — ni: pnn w'oi.n ::x2,2i on:::: 2'L'M i:::x ;: nnxi oir>:: 2'i:.i w-oi.: nx: an: nun lli>ix: iorn:i :o':i 2L'i:i 1 : 1 x 1 o^L'i:': o:v7 2n'w 02:2 — In demselben Sinne, nur ein wenig verschieden, berichtet Jakob b. Reuben (Commentar zu Oaubivuru 3, 1 in nr-ixn non Lls. der Lehdn. Bibliothek): nnu cu:nn '::12 NP21 o'nnwb 2^1 N1N ich:' uch 0122 I2'p:i )ix n: pnx: 1 : 01227 , ichii ipn:xni ip:,:n ir'n :'iinn»n n'nnpn nni nnn nchn: 'nn.i on':n.>< nn Hier haben wir also in dem kurzen Zeitraums von Anan 761 bis Salmon b. Jerucham 950 drei Entwickelungen des Karäismus: Benjamin Nahawendi, die Karäer, d. h. die Späteren) und die frommen Asketen in Salmon's Zeit. Ja, wenn man Jakob b. Reuben's Worte urgiri, so war die Kluft zwischen dem Karäismus und Anan's Lehre eben so weit, wie zwischen Anan und dem Nabbanismus; denn er nennt denselben eins neue Theorie: ri' 2 "i> 2 - 0 : gegenüber der ;ix ni. Daß Alles haben die Oberflächlichen übersehen, welche sich mit dieser Sektengeschichte befaßten. Es folgt aus den Citaten dreierlei: 1) Man darf nicht Alles, was im späteren Karäismus als religiöse Pflicht oder als Opposition gegen den Rabbanismus vorkommt, auf den Stifter übertragen. 2) Anan hat das Talmudische nicht ganz und gar verworfen, sondern etwas davon beibehalten. 3) Der Karäismus hat sich neu gestaltet durch Benjamin, die späteren Karäer und in der Zeit Salmon's b. Jerucham. Da Benjamin Nahawendi um 80» — 820 geblüht hat lwis ich in Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1859 S. 144 nachgewiesen), so fallen die zwei letzten Phasen zwischen 802 — 950. I. Die Frage: worin bestand Anan's Schisma, hat durch das Vorhergehende ihre Berichtigung, aber nicht ihre Losung erhalten. Die Lösung ist auch sehr schwierig, wo nicht gar unmöglich. Anan hat zwar drei Schriften hinterlassen, worin er seine Grundsätze und seine Abweichung vom talmudischen Note 17. 431 Judenthum entwickelt haben wird: 1 ) .um bp 211-2 (citirt im Katalog von Simcha l-rurlcr Orastr 2 g.äikirn); 2 ) ,111-121 i-w und 3 ) "lobie (citirt von Iephet und mitgetheilt von Munk in Jost's Annalen Jahrgang 1841 S. 76 ). Allein alle diese Schriften sind untergegangen. Von den ältesten karäischen Schriftstellern Benjamin Nahawendi und Niisi b. Noach lR'Acha) erwähnt der Letztere Anan gar nicht und der Erstere nur bei einem unwesentlichen Punkte"). Die späteren karäischen Schriftsteller citiren nur hin und wieder Aussprüche von Anan, eben weil der Abstand zwischen ihnen und ihm groß war. Aus solchrn Einzelheiten lassen sich aber sein dogmatischer Standpunkt und der Umfang seines Schisma nicht beurtheilen. Wir wollen indessen die wesentlichen Notizen von Anan zusammenstsllen in der Hoffnung, daß Forscher auf karelischem Gebiete dieselben vermehren werden. 1 ) An die Spitze verdient ein Satz von Anan gestellt zu werden, der als sein Prinzip gelten kann „Suchet tief im Gesetze:'' 1:2s 12.1 pp 'i 12P2 uro 1-02 si'iiso iw'oi (Citat bei Iephet b. Ali mitgetheilt von Dukes Beiträge II. S. 26 ). Dadurch wird allerdings der Talmudismus völlig negirt. Nach demselben ist nämlich das religiöse Leben abgeschlossen: es beruht auf der Autorität der Halacha oder auf dem Brauche. Eine noch so gründliche Forschung im Schristworte und noch so überzeugende Resultate können nichts daran ändern. Indem Anan die Forschung als Kontrolle sür das religiös Verbindliche hinstellte, hat er allerdings das Rabbinische nach beiden Seiten hin, sowohl die Tradition l'vvO 12:2b 12b.1i, als auch die Verordnungen und Umzäunungen (11112 112,21), als nicht verbindlich erklärt. Von dem Umstande der Forschung hatten dis Karäer auch den Namen: 2121 Hp2 (Citat von Dukes das. 29 ): i-o obei 'bp2 1.1221 . ll'ILb^l '121 2P b": NW':."! pp '10': (.111.1' p) 1PI2' -1 '1112 ,11'lp 21->11 'bpi 2 N1P2 '22 IM 1 P 12 ' '1 I! 2 b.' 2 -b , 112 P :2 11111 . Anan hat demnach die Bibelexegese an die Stelle der Autorität gesetzt. 2 ) Sobald Anan der Tradition und dem religiösen Volksbewußtsein die Autorität absprach und zum Aufbau des Judenthums an das Schriftwort apel- lirte, mußte er die Mittel angebeu, wie die Religionsvorschriften praktisch aus- gesührt werden sollen. Das Schriftwort ist bei manchen Bestimmungen kurz, giebt auch nicht alle Fälle an, begrenzt selten die Dauer der Verbindlichkeit. Zwei Schriften scheinen in talmudischem Idiome, wie sie für die Entwickelung der Halacha in der gaonäischen Zeit üblich war, stylisirt gewesen zu sein. Denn die wenigen Citate, welche spätere karäischs Schriftsteller von Anan anführen, sind in dieser Sprache gehalten. Ein Citat bei Jehuda Hadassi (Eschkol Nr. 166 ): 121 p somi s:i'p2 : ibii 2si pp 1:11 ub'222 ums 1:2s p 121 mW iri'i P,2L2 boi pi'112 s2s pi'2'i'i p,2-2i 1:1 p so'bi si i2ii'2 21211,2 21. Ein anderes Citat findet sich bei Abulfarag' Josua b. Jehuda (in dessen 8 slsr Iia-IasoliLr, zum Theil mitgetheilt von Pinsker I-. L. Beilagen VI S. bö Anmsrk. 3 ): 12S2 n',2111 12» bpo 12s 20:2b 121b i'b iwsi: — pp '121 11202 ,212 '2wmb 12,22b ib 11OU1 112s ii'cs '2b ,11.11 s'i 1:2s bpo 12s bp2 '1221 12s 12m bpo 1211,21 11211,2 pbl 1'2!S 1S112 "22b 1>2S 12sb s'211 '2S11-121 S12111 1'2S 12s bp2b '21. Ein Citat hat Mose Baschjazi (in seinem 2 sbs.sli I^ssaoli Ns. der Leyd. Bibliothek Warner Nr. S>: pp 'i 1b.11 — — 2si ibioo '1212 222' i'oi 'isp-2 SN221 S2'11 (S212S,2 l.) S2S12S S,2 2.121. 2) Benjamin Nahawendi erwähnt Anan's Ansicht über den Werth eines hebr. 122, in Betreff dessen er von ihm differirte: p P2221 -:s '1212 '2 zi2bb 22122 11P12 2'sbs .1221 122 '2 b"m pp '121 bis '— 11P2 ll'sbs 112 p S1.1 122 12:2 (in seinein p' 2'22 11S22 sä. Closlorv-Dupatoris. 1833 . 432 Geschichte der Juden. Welche Regeln hat er zur Auslegung der Schrift aufgestellt? Es scheint, daß er neben den grammatischen und lexikalischen Hilfsmitteln auch die meisten Jnterpretati on sregeln des R'Jsma el (1112 ".n) adoptirthat. Dieser, bisher ganz übersehene Punkt geht deutlich aus Mose Baschjazi's Abhandlung über die genannten Jnterpretationsregeln hervor (in seinem o'i8n .1122 Lls.). Er giebt an, daß sich Anan mit der Regel der Folgerung (12m 8,2), der Wort- und Sinnanalogie und andern Regeln einverstanden erklärt hat. Ich gebe die Stellen in extenso: (12111 8p) isini rar- 8"i pp '1 12N pi 82 11127 ! 121 12 2M .non 12 12.11 1821 n8 112 12 111p 21121 12S2> 122 '1!2N 1122 11121 111' N'IL! 12PP non 10L' (S. 16 s,). In Betreff der Wortanalogie citirt Baschjazi eine lange Stelle von Anan, worin derselbe nachweist, daß die levitischen Reinheitsgesetze in der Gegenwart keine Verbindlichkeit mehr haben, indem sie nur für die Dauer des Tempel- und Opfsrcultusbestandes gegeben wurden: 21121 Ipiri PU 828 11111 NM N21 21.12 8"! 11821 L-N1 IIP '1 12s 11121 181p 12 . 0 !N 11'1 NN! 2 ',V 0 L'N 111.1 NN! non 0 !N 01 111.281 i8ip8 11111 NN! IM PNI 11812 182211 2!1 N!0 nnvio gn 1822111 IIP 11812 2'2".P IM PN 1 P 1 -I 1 'P11 1.221 1>2121 P1211 1121 nrn NN'üloo n8n 12 1N22 2"1 ich 0!N0N1 . 211'.22>2 2'2"1 1121 NLN L '1 pn 11811 P2121 — .00 I'i8i 21112 '2 1X221 182211 10 Ilx 1822112! x8u> 11812 n>o 1X22 p 00 .182211 10 2'22! '1'2 218,11 :8x 1822112' 1221 1'2'2 P12 XI! 111 '2 181! 112' (das.) Hier haben wir deutlich die Wortanalogie (n!V 1111). M. Baschjazi erwähnt auch, daß Anan eins dritte Regel, den Lehrsatz aus einem Verse adoptirt hat: >21x1 nch pp Nn 1211 pi nx 21122 on P122. Zum Schlüsse bemerkt Baschjazi, daß die Karäer elf von den Jnterpretationsregeln R' Jsmaels adoptirten: i2>p 11x11 ,no 12111 111112' o'wixi ii'2-p 282 212 112221 (das. 20 s): Daraus scheint hervorzugehen, daß sich auch Anan mit den elf Regeln einverstanven erklärt hat. Jephet b. Ali und Sahal Abulsari sprechen von den 13 Regeln, wie von etwas, das auch im Karäismus Geltung hat. Vergl. des Letzteren Sendschreiben (bei Pinsker 28): 122p 8p 0288 n8 -0 1112 "2'2 1L1N IN nr> 182 8821 8p 0288 on >o Nü'. Vergl. das. 26 und über Jephet das. 23 die polemischen Gedichte. Auch Hadaisi (in dessen isoi 8orn Nr. 174 sf) behandelt in seiner consusen Art die Gültigkeit der 13 Jnterprs- tationsregeln: 18112 guxo ivx nioi 18x1 — 10102 "i' 111.11 01022 122p '8>oevoi .002 2'P121 .— 112> 11'!12 1028' UPI — .12111 8p2 2'128.21 2'12l8 UN 2X121 8801 2021 8802 '1 rinn 11X'22 '1 .112 '8'222 '0002 112812 118 HP 12121 .— — '0 .002 — .20202! 712 n8n 8800 PNI —. 2021 8822 .12 '8'22'2 1212 11281 121 — 1212 "1 112 2121 8p ^212 8821 IN 12p 8821 2122 1 112 . 2X P122 '! 12 11280 '2 112 — 121 X2' 122'p 8p 1288 n8 '2 12N1 8821 )2 Xü'1 8822 1'12' 21^212 21P121 '2 21122 2'11121 P2 1 112 - 2'211'1 8o2 X'l! gl8l 12 PX2 1^21P11 .1122 n8r> 111N21 21P122 "X' 112 — 111N2 111N211. Die übrigen zwei Regeln sind agadischer Natur. Sie scheinen demnach in karäischem Kreise noch vor Hadassi, wahrscheinlich von Anan, angewendet worden zu sein. Indem Anan die alten Jnterpretationsregeln adoptirte, kehrte er hiermit nicht zur Bibel, sondern zum Standpunkt der Mischnai'ten oder ältern Tana'lm zurück. Wie diese, ehe die Mischnah mit der Autorität eines unfehlbaren Gesetzbuches bekleidet war, frei und selbstständig das Bibelwort deuteten, den Umfang und die Gültigkeit der pentateuchischen Gesetze bestimmten, so sollte es noch sort freistehen zu interpretiren. Anan zerschlug also nur die Fessel der Autorität, wollte die Unterordnung unter die Norm 1281 2182 '1212 beseitigen. Daß dadurch das Judenthum zusammengehalten und vor Zerfahrenheit geschützt wurde, verkannte Anan. Ihm lag daran, die Gesetzaus- Note 17. 433 legung eben so flüssig und frei zu machen, wie zur Zeit der schammaltischen und Hillelschen Schule, wie zur Zeit R' Akiba's und R' Jsmael's. Auch Jephet b. Ali hatte noch eine Ahnung davon, daß Anan und Benjamin sich die freie Schriftdeutung und Gesetzesauslegung der Mis chn alten herausgenommen haben: crivim .-m VN» i-2 -mm '122 112N2- ll'icib 2'2'bnc.i 1N-2-1 z'2-121 sip (.11-2-2 -i>p2 i-2-) 11P1 NNQ» bp 12-2 »11!-- ib c,2L- 1"»12 P-I111 2L-12- (Commentar zu Deuteron, citirt von Pinsker I-. L. Text S. 21). — Wenn ich sage, Anan hat den größten Theil der von R' Jsmael aufgestellten Jnterpretationsregeln adoptirt, so soll weder damit gesagt sein, daß er vermittelst derselben lediglich dieselben Resultate gefolgert, noch daß er nicht neue Regeln ausgestellt hat. Den Wortsinn und den Contextus hat er jedenfalls stark betont, und dadurch kam er auf ganz wunderliche Resultate. Die ungesäuerten Brode sollten nach Anan durchaus aus Gerstenmehl bereitet sein, weil die Schrift sie Armenbrod nennt: b"v MV cni 21121 12»L- 122 121 2'11p!--12 12-21 112-pib -P12 '2 12» P"1 pv -11 c-iv °i:n2 (Elia Baschjazi in ii-b» m» x. 39 1>). Die ungesäuerten Brode müßten erst am Rüsttag gegen Abend gebacken werden: pp 1121 2211 np i2»i 1122 ib2»i 21P2 12»22 c-2ipi s-2 1221 1L»1L- 1-12-2-. Eine sprachvergleichende Schrulle verleitet Anan, das Hühnergeschlecht zu den verbotenen Vögeln zu zählen, weil »12-211 „Hahn' im Chaldäischen bedeutet, und dieses Wort anklingt an das verbotene Geschlecht 12-211 (Jakob b. Nsuben 1. s. zu LsUsruini x. 40 rssbo): »ii -2 ib 1211221 »12-211 i-2i» me- »22 >2 pmb ibi:m 10» z:pi 12-211. Die Unterscheidungszeichen, welche der Talmud für die reinen und unreinen Vogelgattungen aufstellt, verwarf Anan und gab dafür andere an, die ganz willkürlich sind, weil sie nicht der Natur abgesehen sind. Er gab zwei Zeichen für reine Vögel an, „Wasserschlürfen und Füttern der Küchlein": ppi 1-1112» b-2»-i cmi ->»!->- 12-» c-mc me- 12» ibi:i ir-»i (ebendas.) und eben so Aaron b. Elia (im Mibchar): 1-1112» b-2»2 c:i bici -bc cmi -->»-.!-- iiiu> ^ip >2 12» z:pi Pili nn. Vermöge seines Klebens am Buchstaben nahm Anan an, daß das Schlachten der Vögel ein Abkneipen am Hinterkopfs sein soll, wie es beim Vogelopfer vorgeschrieben ist. Anan's Jünger gingen aber schon davon ab (Elia Baschjazi 11-b» 111» Lostssläts. 0. 6 V. 63 a): ip-b2i p:p2 ipbi: 11-221 Ifl-b22 »b» ^2 -sip2 12-12- pme- 12»2- s:p 1:21 1P1 MN 11»1 1P11 11P1 L-bii-b — .-ppi ip-i-22 wip2i s2 pin ic-p-ic- 12 P 21 L-ip2b ic-p-c- 12 P2 i-121 p»c- -222 -2M-22- cii»i2 ipii i»m 12c- c-::p o'»1^2: i-ic- pp -imim- 12» ipi-r» 'v c2n.n1 mn np'bcnc- c-121»!!- 0-2211 s2 12p ipi »-i i-:c>i 1p1.11 . 01:12 c-i2ip 21121 ni-'n-e-n. (Vergl. die Fragmente vom Commentar des Abulfarag Josua b. Jehuda bei Pinsker Beilage S. 73.) Dieser Punkt ist sehr belehrend, wie vorsichtig man zu Werke gehen muß bei Beurtheilung dessen, was Anan und was seinen Nachfolgern angehört. Wir sehen hier, daß ein Theil der Karäer mit den Rabbaniten übereinstimmend das Abkneipen nur^für Vögel gelten ließen, Andere dagegen es auch für die reinen Quadrupeden angewendet wissen wollten. Scharastani dagegen stellt es so allgemein hin, daß man ohne jene Notiz annehmen könnte, es habe gar keine Differenz darüber unter den Karäern geherrscht. „Die Ananiten nennen sich nach einem Manns, Namens Anan b. Daud Exilarch. Sie weichen von den übrigen Juden in Bezug ans Sabbat und Festeszeiten ab. — und schlachten die Thiere vom Hinterkopfe: i-p- b-:i -im 120: --i-:»:pi» siir^i-i — impbm 122b» >2 111-b» I'»c P2l» 1- 111»': b» 0»1 11»1 s2 s»:p ib »»spi» -bp s»i'ib» (Lostarastani sä. Ourston x. 167). 3) lieber die von Anan ausgegangenen tief eingreifenden positiven Ver- Gra stz, Geschichte der Juden. V. 28 434 Geschichte der Juden. änderungen sind wir vollends im Dunkeln. Es lassen sich nur einige Momente aus zerstreuten Notizen darüber zusammenstellen: a. Der Festkalender. Er machte den Monatsänfang vom Erscheinen der jungen Mondsichel und das Schaltjahr von dem Stande der Ernte gegen Frühlingsanfang abhängig. Makrizi, der aus Maßudi schöpfte und dieser wiederum aus karäischen Angaben, führt diese Neuerung geradezu auf Ana» zurück (bei äs 8ae^, Oftisstornabliiö arads "I. I. Text 108 , Uebers. 301 nach äs 8ao^'s Uebersetzung): ?arrni Iss pratiguss äans IssgusIIss 11 (^.nan) 8'sloiZiis.ib äs 1'usuAS äss snits, starb esils gui oonesrns 1'axxaribion äs 1a nonvslls Inns. — II ns s'srndarrassaib ansnnsrnsnb ü gusl sonr äs 1a ssrnains toindaib 1 a nsornsnis. II ns laisaib xoivb nsags äs ealenls, onr tairs 1'inbsroalabion ä'sntrs rsZIs 2 ri>si2 sip2 >pp: w 22>2 p p2'w "> o.: wssn- nw ):p 'n 22'p man. Die Mittheilung über den Ursprung des Streits zwischen Anan und seinem Bruder Chananja um das Exilarchat (in 02212: bei Pinsker S. 103 ) läßt Anan das Wort vor dem Chalifen führen und die Differenz zwischen ihm und seinem Bruder in das Kalenderwesen setzen: iwp: pown.i i>p ms 21 m (pp) 12s: nne: p.nvu owsm: nim bp uwrm 2'2 S122 ibvn: . rwsi iwp: 21 m man bp mm n:s:p,i w nrnnn Eben so Tobia im Namen Saadia's (das. S. 95 ): 8si^> .im: i:: pp 12p: nim ni V-n: isp2L» 2:2^2 22P2' ip p. Man darf also als gewiß annehmen, daß Anan den von Hillel II. eingeführten festen Kalender verworfen hat. Aber auch hierbei ging er nicht auf die Bibel, sondern auf die mischnartische Zeit zurück, wie sich denn auch die späteren Karäer, zur Rechtfertigung ihres Standpunktes, auf die Mischnah berufen. Es war demnach keine Neuerung, sondern nur die Reaktivirung einer früher bestandenen Ordnung. Es war aber noch weniger eine Verbesserung, da ein schwankender Festkalender gegen einen festen ein schlechter Tausch ist. — Daß in Folge dessen Anan auch den zweiten Feiertag aufgehoben hat, versteht sich von selbst. In Palästina wurde er von den Talmudanhüngern nicht einmal für das Neujahr gefeiert, wie aus R' Nissim's Anfrage an R' Hai hervorgeht (in Lsrsodis's 2:S2 zu.lom-lod. I.): 'wv umis ins 228 >s2 'i 2282 2M2 M 12b .-ftsrw s22u sis l'VLIN PS2> .2 Np Np 2'S'i WS Si2 ll'2' 22- 2-L>2 L'Si por:n bsi2'' Pis ins 2 W. 1 ). Das Wochensest. Sicherlich stammt die Neuerung des Karäiswus das Wochenfest 50 Tage vom Sabbat nach dem ersten Passahtage zu feiern, von Anan her, obwohl Zeugnisse darüber fehlen, da sämmtliche Karäer daran festhalten. Uebrigens ist das der einzige Punkt, den der Karäismus mit dem Sadducäismus gemein hat. o. Die verschärfte Sabbatstrenge. Bekanntlich läßt der Karäismus im Punkte der strengen Sabbatseier den Talmud und sogar die späteren Er- schwerer weit hinter sich zurück. Es muß also ermittelt werden, in wie weit Anan dabei betheiligt ist. Wir haben darüber Zeugnisse, daß er der Urheber der Sabbatstrenge war. Er gab nämlich von dem pentateuchischen Verse, betreffend das Ruhen am Sabbat, eine wunderliche Erklärung, daß man sich innerhalb der Stadt und ihres Weichbildes von 2000 Ellen im Geviert nur bewegen Note 17. 435 dürfe, wenn sie von Juden bewohnt ist. Hat sie aber auch eine nichtjüdische Bevölkerung, so darf man sein Haus nicht verlassen, und eine Raumveränderung ist nur gestattet, um sich in das Bet- und Lehrhaus zu begeben, norm Vm 12 V iin ll72VV cp27i inn p:x7 18p' 121,221 vnnnV 72n ;zp 1127 121,222 V>n o'r 7N 7277 7'P7 V722 N'7V 72N ll'Lln 7P 171V7 21,22 i>p .111' vorm cmn — 72P2 7p 777 onu c-2n 72N c'L7n 7P N'7V 722P2 7727 NM 7p 771' 121,221 72W71 V7727 cor 72172 V« -2 171V7 (b. Baschjazi). — Nach Anan soll ferner die Beschneidung niemals am Sabbat vorgenommen werden, weil die Wunde Heilmittel erfordert und diese anzuwenden am Sabbat nicht gestattet sei. Levi b. Jephet in dessen 8 . bei Piusker S. 90: — ( 72 m) 777 (;:p) 7niV« oni>r V .27 biN 2 7NW77 7777 712 P 2 7i 7Vip 7'7i V2V7 7N'2 7nn 72V M 2122 i>i 2 '. Ebenso Hadassi (in Dseiikol Nr. 181); on >2 72V7 ci >2 7^27 7iVp7^ icn pp i^> 2 V 2 pi 77.1127 ;p27 71 V 2 V 7 pr. — Der Coitus ist nach Anan am Sabbat verboten: rw'u 22 V 2 8 -- 71 w ppc i 2 V 772> pp 72n 712 V 7 7'p,22i V 772 lJbn-Esra zu Erodus 34, 121). In diesem Punkts stimmte Anan mit den Samaritanern überein. Ob auch das Verbot des Lichtbrennenlassens am Sabbatabend und überhaupt das rn iip27 n? auch im passiven Sinne als verboten anzunehmen von Anan stammt, dafür habe ich keinen Beleg. Er hielt aber so wie die Beschneidung, eben so das Schlachten des Passahlammcs am Sabbat für nicht gestattet, sondern es soll in diesem Falle Tags vorher geopfert werden: 7Vp P 27.1 c.i c'->mn V> . wVM pp 72 n ni . 72 V 7'b2 ii>2N'i ii>p>i cn.i im cv 71 P 22 7 ci« i27V> 72 V cv ui-V 712177 ;c M7 '2 12 -P 2 72V7 ci'2 7227 27V' -2 72n '7iin.7 p2':2i — iw7V' i>i>2 llV 7p 77N 72V2 V7V' '2 72N (72') 'i>p!2ni 'V21,2 8.1": 71 .1720, 82 . 1 ' n 8 i 17 V'1 (Jakob b. Reuben zu Abschnitt Lo, Jehuda Hadassi 1. o. Nr. 202 und Elia Baschjazi). ä. Die weite Ausdehnung der Verwandtschaftsgrade (2127) scheint nicht von Anan herzurühren. Ein langer Passus, den Abulfarag Josua von Anan in Betreff dieses Punktes ansührt, lbei Pinsker S. 65 Anm. 3) ist zu corrumpirt, als daß sich etwas Bestimmtes daraus entnehmen ließe. Gewiß ist es, daß Anan die Gültigkeit der levitischen Neinheitsgesetze für die Zeit nach der Tempelzerstörung nicht anerkannt hat (0 S. 432>. s. Die Ausdehnung der Leviratsehe auf Verwandte überhaupt, das auf die Geschichte von Boas und Ruth begründet wurde, scheint von Anan ausgegangen zu sein, da Benjamin Nahawendi, der, wie wir sehen werden, in vielen Punkten von ihm differirte, auch darin eine abweichende, dem Talmud zustimmende Ansicht hatte: 222 c' 7 n 2 01277 7iVp8 1717V 277 o'VM7V .inom '281 '77W7 P222 '71 'WOP7,27 -PI' '7 P22 U'2272 72,21 772,27 '8p2 p» (Eli» Baschjazi 1. o. p. 93 a). t. Die Erbfähigkeit des Gatten an der Hinterlassenschaft der Frau scheint Anan nicht anerkannt zu haben, wie aus dem Passus bei Jehuda Hadassi (o. S. 431 Anm. 1 ) hervorgeht. Auch in diesem Punkte differirte Benjamin von Anan. A. Ob die Abrogirung der Phylakterieen (p8'27), die Veränderung der Liturgie, namentlich die Verwerfung der formulirten Eulogien und endlich die Veränderung der Fasttage von Anan ausgingen, läßt sich bei der jetzigen Kennt- niß der Quellen nicht ermitteln. H. Wir haben aus einem Citat aus Baschjazi gefunden, daß die Jünger Nnan's, welche sich Ananiten (o-up) nannten, von ihrem Meister in einem Punkte ab- 28« 436 Geschichte der Juden. gewichen sind (S. -1331. Verfolgen wir diese Angabe. Zuerst wollen wir uns mit dem Namen beschäftigen. Levi b. Jephet giebt an, daß die Anan iten so genannt worden, weil sich sich an Anan hielten: ip ivu oni v'iipn iivu iv-uo ;ip ni. Er unterscheidet sie von den Karäern: iw — — -pbn rnvwn wn v'^ipn poi (citirt bei Pinsler S. 92). Abulfarag Jehuda spricht ebenfalls von Ananiten: ->iipi um — w o-mipn pm v» 121.1 iw cpbi ui>i. Auch Abulfarag Barhebräus nennt die Karäer Ananiten — u'iip (vergl. o. S. 389). Makrizi hat aber eine wunderliche Notiz, nach welcher gar zwischen Ananiten und Karäern ein wesentlicher Unterschied bestünde, indem die Letzter» eine ältere Sekte gewesen, und Anan zugleich gegen sie und die Rab- baniten aufgetreten wäre: pmi^i-ui piu^iim ;v iii'°iu ii>p uv 'ui (pup) uni ipv uv r>bui> (bei äs 8ao^ Ollrssborn. I. 108, vergl. 167). Aus einer Notiz bei Salmon b. Jerucham (o. S. 430) könnte man andererseits urgiren, daß die Karäer erst später auftraten, erst nach Benjamin Nahawendi: inu — pp ibim ll'ui^pi ii>ini inn — pv'w 1^- Indessen muß man hier ergänzen „die späteren Karäer" omiiui wuipi), wie die Parallelstelle bei Jakob b. Reuben lautet. Auf Makrizi's Angabe ist nun gar nichts zu bauen. Es lag ihm oder seiner Quelle daran, so viel Sekten als möglich dem Judenthume zu vindiciren, damit die mohammedanische Sage in Erfüllung gehe, daß das Judenthum 71 Sekten habe, und so wurden Ananiten und Karäer in zwei gespalten. In Wahrheit aber waren beide ursprünglich identisch. Ich kann Pinsker's Ansicht nicht theilen, daß die Karäer ursprünglich von den Ananiten verschieden wären und sich erst nach und nach unter Anan's Fahne des Antitalmudismus geschaart hätten (I-. L. Text S 18 ff.). Benjamin Nahawendi kennt nur Karäer >°?>w Ulpv im Gegensatz zu Rabbaniten (s. weiter unten); eben so stellt der jedenfalls ältere Karäer Nissi b. Noach: iiui,pvi >i>pw in Gegensatz zu mui-e-v w>w (bei Pinskcr I. o. 40). Die früher prornisons gebrauchte Benennung Ananiten und Karäer scheint erst später differenzirt worden zu sein, als ein Theil der Karäer Rabbanitisches aufgenommen hatte. Diese mögen dann Ananiten genannt worden sein, weil auch den Späteren sine dunkle Ahnung vorschwebte, daß Anan noch zum Theil im Rabbanismus gesteckt hat. Die Namen von Anan's unmittelbaren Jüngern läßt sich kritisch nicht mit Sicherheit sixiren. Das liülrun iau-Xaruirn stellt. drei derselben auf: b-.uLi (immu) 11112 'ii univ "n unu 'i i'iwim pp n« 2 i (aus einer Handschrift bei Pinsler Beilagen S. 186 Anmerk, und corrumpirt bei Wolf aus einem Leydner Codex LidlioÜrses, IV. 1070). Auch Simcha Luzki nennt diese Namen in seinem Katalog der karäischen Autoritäten: unv i"m unu ' 11.1 i'i'vi.n pp iiiimu 'im. Indessen ist nicht allzuviel darauf zu geben. Denn R' Acha, welcher hier als unmittelbarer Jünger Anan's aufgestellt wird, ist kein anderer als R' Nissi b. Noach, wie er selbst in seinem erhaltenen Werke seinen Doppelnamen angiebt (bei Pinsker, Text S. 37): 12 uii i»n pu 2 ni >oi >iu nu 'i uipii uud weiter: unu 'i 111211 ni >c>i >iu^). Acha — Nissi b. Noach muß aber, wie sich weiter zeigen wird, viel später als Anan, ja wahrscheinlich nach Benjamin Nahawendi gelebt haben. Da nun dieser durchaus nicht zu Anan's unmittelbaren Jüngern gezählt werden kann, so wird i) Simcha Luzki (in seinem Katalog, der einem ältern in n-uipn pi^n entnommen ist), zerreißt die zwei Namen und macht zwei Personen daraus, von denen er ni p mi nach Jephet setzt, wie denn überhaupt sein Katalog sehr verworren ist. Note 17. 437 auch R' Mocha's Jüngerschaft problematisch. Jedenfalls lebte dieser R' Mocha nicht später als im neunten Jahrhundert. Denn Salmon b. Jerucham erwähnt ihn in einer Einl. neben anderen karäischsn Autoritäten und citirt ihn und seinen Sohn Mose als Verstorbene. Er bezeichnet beide als Erfinder der tiberiensischen Punktation: 2ir>v 112, (xm2 l.) xnx >2 20 22'21P12 8x2 2222' >1x22» 1-2 21P12 >1,222 (vergl. Pinsker a. a. O. Beil. S. 61 f.). Mocha und sein Sohn Mose werden als Massoreten genannt (bei Pinsker a. a. O. Text S. 29 ff., wo auch von andern altern Massoreten die Rede ist). Karäer haben sich demnach frühzeitig mit Massora beschäftigt. — Neben Mocha und seinem Sohne Mose nennt Salmon b. Jerucham in dieser Einl. auch eine Autorität ini'ox >2, wahrscheinlich der als Jünger Anan's ausgegebene. — Makrizi nennt noch einen Jünger Anan's mit Namen Mali! und sagt von ihm aus, er sei ein Sektenstifter gewesen, dessen Anhänger behauptet hätten, Gott werde am jüngsten Gerichte nur diejenigen erwecken, denen er Propheten und Offenbarungsschriften zugewiesen zxixp °i>222 in x'22 -2x2, (bei äs 1. s. I. 117).') Dieser Malik ist, wie ich vermuths, den karäischen Schriftstellern nicht unbekannt. Er wird von David Almokammez (bei Jehuda Hadassi) und von Jakob b. Reuben erwähnt. Sie nennen ihn Malik gi22 >i>22x oder '8222, vielleicht aus Namla, also arabisch ^.rraruli und hebräisch da-Rairäi. Sie nennen ihn zusammen mit dem Sektenstifter Musa (oder Meswii Abuamran (vergl. Pinsker Beil. S. 84). — Wenn aber Malik, oder Malik Aramli ein Zeitgenosse Abu-Amran's war, so kann er nicht, wie Makrizi referirt, Anan's unmittelbarer Jünger gewesen sein; denn Abu-Amran blühte frühestens um 830 — 40 (vergl. Note 18, IV). Mögen nun die Jünger Auan's so oder so geheißen haben, für die Geschichte ist nur der eine Punkt von Wichtigkeit, daß sie nicht in verlos, ras- Zisbri schwuren. III. Nach Salmon b. Jerucham's Notiz (o. S. 430), die uns zum Leitfaden dient, bildet Benjamin Nahawendi^) b. Mose eine Epoche in der Entwickelung des Karäismus. Worin die Veränderung bestand, die Benjamin dem Karäerthum gebracht, giebt Salmon nur im Allgemeinen an. Nun hinterließ Benjamin eine Schrift über die Vorschriften des Judenthums unter dem Titel 2>i>i oder ;>2>i2 nur'«, gedruckt Ooslorv. Leiderhandelt dieses Buch lediglich von straf- und civil-rechtlichen Themata, so daß man daraus nicht seine eigenthümliche Auffassung des Karäismus zu erkennen vermag. Der Epilog des Buches deutet aber seinen Standpunkt an. Er habe, sagte er, auch Rabbanitisches mit ausgenommen, obwohl sich dafür keine Belegverse aus der Schrift beibringen lassen. „Wer von den Karäern es vorzieht, möge sich nach den rabbanitischen Vorschriften richtend 828 22 2122' X2,2!2 >8>>2 22 11'22!2 2>1'2 222 .2! 222 '122,22 222 - 22'2 ;2 P2'12 >122 2212.2 '22 ') Vergl. Rsvus ä. Lb. s. V x. 211: 22x22x1 >222i>x 122 2i>2i'x2 ;xoi . 2'222X 221 >2212X2 >2'X12.< 212 >8.X PLix'l -) Die Ortographie des Namens ist durchaus nicht zweifelhaft. Scharastani schreibt >2HX2i8x ;>2>i2 und eben so Salmon, Jephet und Jakob b. Reuben. Munk hat schon richtig erkannt (Annalen Jahrg. 1841, S. 76), daß die Schreibweise >22X2 oder >2111x2 eine Coiruptel ist. Nur diejenigen, welche gewöhnt sind, aus tertiären Quellen zu schöpfen, konnten dabei Zweifel hegen. 438 Geschichte der Juden. 0'1222 12221 22 11SV 2'1's 2UV1 . USP12 1'°?p '2,122 PSI 1'S °?2> °?p 2221 .22'P2I 02'2U 2 2 11'212 1-212.2 2 UV 222.22 221U 21 U2P12 22 1122°? '2°?12' U °?1 . BeNjaNNN hat also dem Rabbanismus Concesstonen gemacht. In einem Citat aus einer andern Schrift desselben, bemerkt er, daß er sich erlaubt habe, von de» vorangegangenen Autoritäten abzugehen: denn das Forschen sei durch das Princip des Karäis- mus nicht bloß gestattet, sondern zur Pflicht gemacht. Daher dürfe der Sohn vom Vater, der Jünger vom Meister differiren (in Jephet's Commentar mit- getheilt von Dukes: Beiträge II. 28): snu pv'is vu ii'isov snus °?"i »222 212 »: 2212 °?2 PI U'21 12 U°?1 '211U U'21 U°?1 '2222 U°? (Lücke) 21222 '221 ll'S°?U 1°?U>2 V'l (?) 212121 P222°? 2>V1U°? Iiri 2I2U U1.2 '2 I111222V .22 12.221 PS2 21 NP1°? 2M2P2 12 IN-' 12°?: S12°?12°? S'v°?22 121 '222 2S°?22 2!2°? 2U2 22.1 u°?1 2U °?p PI 1'2U °?p 2U ^'°?2>V V'l 22'2L2>1 22'222 I2-P22 211V 222 2I2P'V 'S °?p -INI '.2 '1L°?2 2'°?W1 221 2212 '2'!2 2'V1N2 >1'P IS'U.II ii>i 2VU °?v °?1S1 22V 222. Wir sehen also daraus, daß zu seiner Zeit bereits viele karäische Schriftsteller aufgetreten waren, die unter sich und von dem Snfter differirten. Es ist uns nicht vergönnt, einen Ueberblick über Benjamin's Differenzen zu haben, aber einige derselben, die uns aus zerstreuten Notizen bekannt sind, zeigen, daß er sich dem Rabbanismus näherte. 1) Wir habe» bereits oben gefunden, daß er die Leviratsehe auf Brüder beschränkt wissen wollte, während seine Vorgänger und wahrscheinlich Anan selbst sie auf Verwandte überhaupt ausdehnten (o. S. 435). 2) Er deducirte, daß das Abkneipen der Vögel nur für den Altar vorgeschrieben sei und nicht für den Profangebrauch, im Sinne des Rabbanismus: U2'V (pspsi) .P2P2 2°?1,21 P2P2 2°?212 2V 21.222 2VUV 'S11U2 1'2'12 '2 2PS, 121VP°? P2,22 21222 11-2 rp°?22°? '1U2 PUV 1221 2V'2V2 2'2'V P2P2 .221121 2P'°?122 2P'°?!22 21VP°? P2P2 2°?1I2 2'1U2 21'U p 2V'NV2 (Elia Baschjazi 22SU S. 63 a). 3) In Betreff der Bewegung im Raume am Sabbat differirts er ebenfalls von Anan und neigte sich der talmudischsn Auffassung zu. Man dürfe sich innerhalb der Stadt und des Weichbildes (2122) zur Befriedigung eines gebieterischen Bedürfnisses und um so mehr zum Gebet und Lehrvortrag, bewegen, nur darüber hinaus dürfe man nicht gehen: 22U.2 2p 221' i'.in.i 222 '2 22» 'iiiu.i p. 2'12 '21 pW 2U 2222 SPS 2'2' ,'22212 12U2V 22N1 .SIISP'I 1'222 12222 22N22 2'U2 U'22I U°?V 2222 SPS U-"V2V 221' 121P22 V'U u-' °?U 212U121 .22122 2'221 V2SVS 22'°?2 llul 21222 P 2 22 °?°? 'NV 2 N 2 ' (das. 29 d). Auch in einem andern Punkts ging Benjamin von der allzuscrupulösen Sabbatstrengs des Karäismus ab (vergl. Tobia bei Pinsker Beil. S. 85). 4) Ganz im Sinne des Talmud spricht Benjamin Nahawendi dem Gatten das Recht der Nutznießung und der Erbschaft an dem Vermögen der Ehefrau zu (pls'is 2UV12 S. 3a, 5d): 2°?21 °?p -Pili 212U1V 2°?ps '221 °?p 2'SO11 2VU '221 1.1 22212V 22 212p°?2 2'2 U'rilS °?PS21 21221 I1"22 2°?PS°? 221, '221 12'S°? /II 212122 2°?PS 222 2'221 P2 212122 2121V. 5) In talmudischsr Weise dsducirt Benjamin ferner, daß jüdische Parteien ihren Proceß jüdischen Richtern unterwerfen müssen. Von nichtjüdischen Gerichten dürfen sie ihn nicht einmal abhängig machen, wenn dieselben auch nach jüdischen Normen entscheiden (das. 3 a, 6 d): 221 'ins °?uiV' 2» pp,2°? 'UV2 22» pu °?U2V' PS 2>22 U°?U — 2H2P2 2'ISV 'S °? p ^ U L21SP2 US1 21'2 P'O'SS U°?I 22VVS U°? 1'°?12°? U°?1 1°?'°? U°?1 2'11 '1S°? U°?1 °?U2V' 'isi 22'1S°? O'V.2 2VU 2'VSV122 2°?U1 22U1V 22°? PI2°?1 P22°? 2212 2SIP Vps°? °?su p°?12 22U °?U2V'S 2'2°?n PU '°?2I22 2VU1V 21'S 2'2 °?u 22112 °?U1V'2V 2'PVIS °?p 2212 PS Glaubt man nicht einen strengen Talmudisten deduciren zu hören? Note 17. 139 8 ) Nahawendi will sogar einen Bann über renitente Parteien verhängt wissen (das. 2 a): -.unre- 1122 min t'iri -rr- 22«: vi>' (pi bpri) n) an 127 27 ii> ppripi — 1'1 N'rt mvn )V 2!21 PV 1 ' 7 p: PN 71 P> . 171 Z 1 7 . 1 PS 77:' N 7 N ^ni — 7:1 ,172 i 7 iu 72.2:2' p 7 i':: 111.2 pi> 7 p 2 .2:' n 7 i 752: nip>:p p22' 221 — o'2pL x 7 ? 12p 2211: 72 ii'- 2 : .17111 g 77 7 p 2>2- 7 Pi i':: 7 p:i : 7 p um ;> 77 p 2 nr> 27 772:1. iiiv'i 7:1 1:12 7 : 1:22 7 :g: 271 17 P22: 2)1 1722 712p: .2H1 I 2 i 7 w: 7221 ' 1 L' 1'1 7 :p' .271 is-n 7 N 27 2:' .27 2.21 — P 7 1'27 22 'v ix 12 2 1122 '1:1 1:22 112721 11221 P 7 lim 2 ' 7212 . 7 ) Im Punkte der Eheschließung weicht Benjamin vom Talmud vollständig ab. Die Ehe soll geschlossen werden durch Verlobung, Heimführen, Morgengabe, Bundschlieszen und vor Zeugen (Baschjazi 1 . 0. 89 a.): 12.21 722 P2-:: '7 2 ' 7 P 21 in:: 7.7122 iigpi: i 2>722 12p:. Daraus könnte man folgern, daß Anan die Eheschließung in der vom Talmud sanctionirten Form gelassen und erst Benjamin die IIsbnda. 1 i abgeschafst hat. Wenn Salmon b. Jeruchain behauptet, Benjamin Nahawendi habe den Karäismus dadurch befestigt, daß er in denjenigen Punkten, wo Anan noch an dem Rabbanismus festhielt, von ihin abging, so hat er ihn nur einseitig aufgefaßt. Denn, wie sich gezeigt, hat sich Benjamin in einigen Punkten an den Talmudismus gegen Anan gehalten, lieber Benjamin's Schriften vergl. Pinsler Text S. 15 , über seine Dogmatik weiter unten Note l 8 . IV. Unser Gewährsmann für die Entwickelung des Karäismus, Salmon b. Jeruchain, stellt als dritte Phase „die jüngeren Karäer" auf. Aus der allgemeinen Beschreibung bei demselben und bei Jakob b. Reuben erfahren wir aber wenig von der Natur der Leistungen dieser „221712 2227^". „Sie haben mehrere Bestimmungen aufgestellt, 2'ii: w'cn" sagt der Eine; „sie haben sich vertieft, es genau genommen mit den Gottesgesstzen, 0122.1 17:1 ip'2pn 1,21,77", der Andere. Worin bestand diese Thätigkeit? Wir sind hierbei auf Vcr- muthungen angewiesen, die aber auf sicherer Basis beruhen. So wenig wir. auch von dem System Anan's, seiner Jünger und Benjamin's wissen, so liegt es doch klar vor, daß sie nicht conseguent mit dem Nabbanismus oder Talmud gebrochen haben, nicht brechen konnten. Es war den Karäern mit den sogenannten Ritualgesetzen des Judenthums Ernst, sie betrachteten sie als G ottes- gesetze, die man nicht leichthin behandeln dürfe. Sie waren durchaus keine Reformer und keine aufgeklärten Nationalisten, um nur die sogenannten Vernunftgesetze für verbindlich zu halten. Nun liegen selbst die biblischen Bestimmungen nicht so umgrenzt und abgeschlossen vor, daß nicht Zweifel über, die Art und Weise der Ausübung derselben aufsteigen könnten. Nehmen wir die Beschneidung. Das Gesetz scheint deutlich, aber es ist fraglich, durch welche Personen, mit welchen Mitteln, unter welchen Umständen es ausgeführt werden soll. Der Talmudismus ist conseguent; er hat zur Beseitigung solcher Bedenken dis Tradition oder die Halacha oder den Brauch (LlindaZ) d. h. das Volksbswußtsein. Indem der Karäismus diesen Halt fahren ließ, gerieth er in Verlegenheit. Alles läßt sich nicht aus der.Schrift herleiten, selbst bet der geschraubtesten Exegese. Anan ließ das rituelle Schlachten bestehen, sogar wie es scheint, unter den talmudischen Modifikationen. War das conseguent karäisch, d. h. auf biblischem Grunde? Einer der Karäer Menahem Gizni (Saadia's Zeitgenosse?) gesteht es ein, daß die Riten fürs Schlachten nicht in 440 Geschichte der Juden. der Schrift begründet sind und doch von den Karäern festgehalten werden: 0'12'O2 i»! 2'X122 221x2 '2 xii xr2' xi> 22122 wrn'v '2 — 22'2L>2 2^22 2>xi2 'W1 2222 2'2L- 112m 7,2'N'FN i>x 2'X12 NM 221 ;2P21,21 PLI 2'122 '7 1122 21L1>'2 2L'X2 12!N, ^22 xP 2>,2'22 xP ll'p211 27, 2'X122 ;2 x^ll 22122 ;2 721 222 PX1 (bei Pinsler Beilage S. 59 ). Kurz der Karäismus hatte von Hause aus den Charakter der Willkürlichkeit, der Schwankung, der Inkonsequenz. Es erstanden neue Sekten (wie wir weiter sehen werden), welche mit dem Princip des Karäismus auch das Allerfesteste im Judenthum aufrüttelten. Der Karäismus mußte diese Verlegenheit überwinden, oder in den Schooß des Rabbanismus zurückkehren. Da kamen einige Männer, oder vielleicht nur ein Mann mit Autorität bekleidet auf neue Formeln, um einerseits das Princip des Karäismus, die Biblicität festzuhalten, andererseits der Schwankung zu steuern. Die angewendeten Formeln sind bekannt, sie sind laut Benennung und Zahl der mohammedanischen praktischen Theologie entlehnt, welche eben so wie das Judenthum zugleich eine Art Jurisprudenz ist ("2po 2^ auch "2'p2L'i>x 2x27m) im Gegensatz zur theologischen Dogmatik. Die sunnitischen Theologen führten bekanntlich den ganzen Umfang ihrer Gesetze auf vier Wurzeln (212X) oder Grundprinzipien zurück: Die Schrift oder das deutliche Koranwort (2x22), die Sunna oder Tradition ("mo-°,x), die allgemeine Ueberein- stimmung (px2°ixi,x) und die Analogie oder Folgerung (ox'p^x); (vergl. Scharastani sä. Ourston 153 f. Haarbrücker's Uebersetzung I. 23 V): „Wisse, daß dis Wurzeln der Gesetzesauslegung und ihre Säulen vier sind, die Schrift, die Sunna, die Uebereinstimmung und die Folgerung: 21x22x1 ix.inix'vx "22.x ix o^x 0X',22xi px2ixi>xi "21V°-X1 2X22°)X — "2P22X. Das schiitische Bekenntniß wich nur im Punkte der Tradition von der orthodoxen ab, weil es dieselbe verwarf; es hat also nur drei Wurzeln oder Principien. Da die Karäer mit ihrer antitraditionellen Richtung sich in der Lage der Schiiten befanden, so nahmen sie ebenfalls nur drei Principien an (2122) und paßten sie ihrer schismatischen Theologie an. Diese drei Wurzeln lauten bei ihnen ebenfalls: die Schrift (21222, p22'2), die allgemeine Uebereinstimmung (piap oder 22p) und die Analogie (2^2). Kurz und deutlich nennt sie Josua der Jüngere: ;2 ax 212x2 P12P2 ;2 2X1 L-p'22 222 ;2 2X1 21222. Genau die Zeit zu bestimmen, wann Karäer diese Formeln der mohammedanischen Theologie entlehnt haben, ist nicht möglich, aber jedenfalls geschah es früh. DennJehuda Hadassi referirt: Es existiren Differenzen über die Principien innerhalb des Karäismus. Sahal Abulsari habe sie auf vier gebracht, nämlich die drei genannten und die Vernunft. Said b. Jephet dagegen habe die Letztere verworfen, weil dis Vernunft mit der Thora öfter im Widerspruche sei, und habe nur die drei anerkannt. Joseph b. Noah Habs auch die Analogie nicht gelten lassen wollen. (2222 i>2wx Nr. 188 , 169 ): 22'i>22 '2xof>12x N'22'll ;2 ^22 P222 .22122 212,2 2^1X2 12^7121 ;2P 2211 'P 2222 X2,?2 '12 22' ;2 2'P21 .222122 22122 22P21 WP221 p,22,,221 2P22 22222 :2'222 '2 2'2222 212X2 2P22 22X '2 2P22 22222 xP 22P21 L',222 P22'22 2'222 22 22'^22 'li>2 '2 L"> — .22222 22O1XL' 22 22221 7IP22 ^2ll> 2'2'V 22 2201X 221221 ll'2222 2'221 21 p qvi' 2,1 2-P22 221' X21 P12P21 2222 22122,. Zu Abulsari's Zeit müssen also schon die drei Principien bestanden haben, und er wollte nur ein viertes hinzufügen, das ihm aber Said b. Jephet streitig machte. Auch aus dem Umstande, daß Saadia gegen den Karäismus geltend machte: man dürfe sich nicht von der Analogie leiten lassen, läßt sich folgern, daß diese Formel bereits vor seiner Zeit von den Karäern gehandhabt wurde. „Das Erste ist, bemerkt Saadia, Note 17. 441 daß man die Folgerung in Betreff der Religionsgesetze aufgeben muß:" 7MP207N w 2N'p7n 7»!o>a^ (bei Pinsker S. 20). Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß die sogenannten drei Wurzeln zwischen Benjamin Nahawendi und Salmon b. Je- rucham <820—890) eingeführt worden und daß darunter „das o'iir w'oin der jüngern Karäer" oder das „ip'vpn: :p7pa" zu verstehen ist. Die drei Formeln (mir,) sind allerdings Bestimmungen oder Abgrenzungen und setzen Vertiefung und größere Akribie voraus. Durch die drei Prin- cipien sollte einerseits dem Schwanken und der Willkür gesteuert und daskaräische Grundprincip gewahrt, und andererseits ein Mittel an die Hand gegeben werden, wie neue Bestimmungen gefolgert und neue Fälle beurtheilt werden sollen. lieber die drei Principien des Karäismus ist noch Manches zu bemerken. 1) Der Schrift (omo, legten die Karäer einen andern Begriff unter, als die Talmudisten und Rabbaniten. Diese verstehen nur den Pentateuch darunter (nun, nrvim) im engsten Sinne. Gesetzliche Bestimmungen der Propheten dagegen haben im Talmud lediglich den Werth von Tradition (n^op '-wn), aber keinesweges streng biblische Bedeutung. Die Formel dafür lautet: pwb' t-b (o'ma:) n7r,r 'nans nun 'non Obs-ZiAab 10 b; blick- ä»b 23 k,.; Ls-ba, Lurag. 2 b). Oester wird ein Prophetenvers als Beleg für eine Halacha citirt, aber nur als Accommodation (vergl. Obrr1in17b). Auch äußerlich wird die größere Heiligkeit des Pentateuchs bekundet, indem verboten wird, eine Rolle der Propheten oder Hagiographen auf eine Thorarolle zu legen: nun 7p o'unu pvu- px (Nositbu NsAtllab o. 4; Labil LlsZillab pi, 27a). Die Karäer dagegen verstanden unter Schrift nicht bloß den Pentateuch, sondern auch Propheten und Hagiographen. Jehuda Hadassi spricht sich darüber deutlich aus (Loobkol Nr. 173, S. 70b): nu :nn:nn n:n.v Ivn^ ln UP2L- unro NN1N 18 7p) nna^e-L' L'ainoi NN1N abn onn hoL crn:n nnn nn'°?»n .n'^'^zn vnop n'a ::>:->7 p-,: nr'x :'n:n:n: no^ npu NWPM ib 'nrnr. Durch diese Gleichstellung der prophetischen und hagiographischen mit den pentateuchischen Gesetzen gewann der Karäismus viel Spielraum für den Umfang der Gesetze. Alles was in der Bibel, gleichviel ob ermahnend, erzählend oder anspielend, vorkommt, galt den Karäern als religiöse Norm. Wenn der Rabbanismus darauf pochte, dis Tradition sei nothwendig, da die pentateuchischen Vorschriften oft sehr knapp und dunkel gehalten seien, so machte der Karäismus dagegen geltend, der Pentateuch habe seine Ergänzung an prophetischen und hagiographischen Schriften. Durch das Appelliren an die Schrift als an die letzte Instanz war der Karäismus dazu gedrängt, die Wortbedeutung des biblischen Sprachschatzes und den Textsinn genauer zu bestimmen. Die Grammatik im ausgedehnten Umfange wurde ein Hilfsmittel für die Gesetzesinterpretation. Auch hierin war den Karäern die mohammedanische Theologie Vorbild. Diese stellt als Grundbedingung für die Gesetzesdeduction genaues grammatisches Verständ- niß der arabischen Sprache überhaupt und des Koran insbesondere auf: "nripo (vergl. Scharastani Text 154, Haarbrücker I. 2Z2). Daher stellt Jehuda Hadassi, sicherlich nach Vorgängern, die Regeln der hebräischen Grammatik unter die Jnterpretationsregeln. Hebräische Sprachkunde war für die Karäer nicht eine Nebensache, ein Moment der Bildung, sondern ein religiöses Bedürfnis), gewissermaßen eine religiöse Pflicht. Die Erweiterung der hebräischen Grammatik war das Werk der Karäer. 442 Geschichte der Juden. 2) In Betreff der zweiten Jnterpretationsregel „der Uebereinstimmung" waren die Kartier in einer argen Selbsttäuschung begriffen. Sie haben diese „Wurzel", wie wir gesehen, dem Islam entlehnt. Aber dort bedeutet sie: „die Uebereinstimmung der Genossen Mohammed's (2282^8 7121.1; vergl. Scharastani x. 153, 155). Hatten sich diese über einen religiösen oder juridische» Punkt ausgesprochen, so hatte dieser Ausspruch Autorität, weil angenommen wurde, daß die Gefährten, welche die rechtgläubigen Jmame sind, dem Jrrthum nicht anheimfallen können; denn Mohammed hatte ausgesprochen: „Meine Gemeinde in ihrer Gesammtheit unterliegt nicht dem Jrrthum" (das. 153). In dieser Modalität konnten die Karäer aber diese Wurzel uicht gebrauchen. Als sie sie entlehnten und auch dasselbe Wort dafür anwendeten: (1-127, 227)- mußten sie ihr eins andere Bedeutung geben. Sie verstanden darunter solche religionsgesetzliche Bestimmungen, die zwar in der Schrift nicht angedeutet sind, aber sich von jeher im israelitischen Volke behauptet haben. In so fern ist diese Wurzel nichts Anderes als Tradition. Die später» Karäer scheuen sich auch nicht, das Ding beim rechten Namen zu nennen. Sie nennen es „Ueberlieferung" <27.272) oder „die Last der Erbschaft," die Erblehre (22-12-2 722). Aaron b. Joseph (Vers, des 2222, schrieb 1295) bemerkt in der Einleitung: 27.2722 n '2 272722 771 2-722 i-71 21222 77 2'i72'i 11218 212- tz.iiv-' tzv2 228 ,n°w .1-2 27.271 .271722 nun: 228 2222 212-22 212-22 21-8. Und in Abschnitt Lo: 1222- 22-22- ;ii2 ;.i2 2-1211 212.12 1-22- 2-2222 212 87 21222 -2 2-2-21-2 H22 77 2121.22 21-2. Vergl. Elia Baschjazi Anfang: 77 (11-222) 1228s 22-12-2 i-2 2 771 2-722 H71 21222 2217 21222 2-222 22-72-. Im Verlaufe setzt er diesen Punkt auseinander: 212122 ;i-8i <22 11721212- 2122» 212:2 2-- 212.1 .22-22- P12 2-2222 >22 272721 22-12-2 i>22 I827- 2781 .72112 ;2i-2i- 122-1 22:22 2-82 '2 27 2-2-2- 2-2122 2-127 ;2: -1.122 217-2-2 2-1.-2-0 22-2221 2^-2822 .22222- 21.2222 2122.2. Die Identität von 227 und 22:2« ^22 folgt auch aus Jehuda Hadassi's Angabe, daß Einige diesen Punkt, die Erblehre, verworfen haben, aber mit Unrecht: ; 22-1 2' i-22 2272 221' 87'. 2P221 72222 2'222 222 (.212.22) 27-7222- '2 2"1 22221 28212 222' .1121 2'2722i .212221 21-218.2 pii' p»2 »22221. Die Verlegenheit brachte den Karäismus also dahin, die Tradition, die sie durch das offene Thor hinausgewiesen haben, zu einer Hinterthüre wieder hineinzulassen. Nach und nach redeten sie sich ein, für jedes traditionelle Gesetz gebe es eine Andeutung in der Schrift, nur vermöge die Kurzsichtigkeit sie nicht zu sehen: '2 2222 22.22 222 2' 22272 .128 2: ;-8 21.222 ;2 7'1'2 22 P82- 27272 2-2- 22182---2 222' 2-212- (Baschjazi das.). Sie distingnirten auch die Traditionen von einander und wollten nur solche gelten lassen, die nicht gegen den Schriftstnn sprechen, nichts zum Schriftworte Hinzuthun und sogar eine Stütze an demselben haben und von ganz Israel angenommen werden: 21222 211 i'27.i .122- 2227 H22- 11-22-2 122.11 27,272 .2.1271 21.222 <2 7»O 22 2-1 22 2-212 tz.122- 721 21222 2282- 22 s-7 kpoi.l .121 1122 2227211 (bei demselben). Indessen ist diese Definition so vage, daß sie auf kein concretes Beispiel paßt. Woher soll man denn eigentlich wissen, daß eine gesetzliche Bestimmung von jeher anerkannt war, und daß ganz Israel einig darin ist? Wenn die biblischen Schriften darüber schweigen, so bleibt nur das Zeugniß der Mischnah und des Talmud übrig. Einige ehrliche Karäer gestanden daher auch ein, daß der größte Theil der Mischnah und des Talmud traditioneller Natur sei: 22 11-2128 '222 2122221 212-22 2122' 2-2222 1228 217 (da'.). Eben so Aaron b. Joseph (Michbar Einleitung): 2'22.i2.i 212 '2 2^-272 '2722 22.12.2 21 p.11 211 221722 127 2712221 2212 21222 P.12- 222 72 2722 I1N12 871 11-.2128 '228 22 2 2 ' 2 2 . Note 17. 443 3 , Die dritte karäische Jnterpretationsregel, die Analogie oder Folgerung (v'p'.i) hat in einem Punkte zu einer ausschweifenden Ausdehnung geführt. Einige Karner haben die Blutsverwandtschaft in Bezug auf Eheverbot maßlos ausgedehnt. Da Mann und Frau in der Schrift als Blutsverwandte betrachtet werden, so hört diese Verwandtschaft mit der Ehescheidung nicht auf, sondern dauert fort und geht auf den zweiten, dritten, vierten Gatten über, den sie nach einander heirathen, so daß Verwandte des einen Gatten sich nicht mit denen des ganz fremden, zweiten, dritten, ehelich verbinden dürfen. Diese Ausdehnung heißt bei den Karäern Uebertragung 2122 (arabisch 2-222). Buschjazi ( 1 . o. 85 d): luv L"ui iioui 22.1 -pi 2122.22 .22,2:1 2212L' 12,vu 21222 -^p2 >2UL> 122U2 INN ->12 022122 .1121 U-2 1'21 22U2 2U2'1 2.2' 2L'U2 2.11 21P1 1'2U2'2 12L'U 2'212 '2P22.-! IV 12PP2 !2L2'22 .2! 2'2' 22U2 2U2'1 2.2' ;21 . P2'U22 22p2f> L>'U2 21 (vergl. Rssxortsurn. des Karäers Josua des Jüngern hinter m-im nun 7 b). 2"I'>2 2'2UI 21212. 2'21'NU1 2'2U 2'121 2U2 21,222 2P22 22'U 2'22 2UI2 2P221. Diese' Uebertragung wurde im Anfang des zehnten Jahrhunderts von Abu Jakob da Hosd oder Albaßir bekämpft: 2222 ^22 2w'p.i2 2:2222 (»2,22 22 2^,2) 1222.21 2'2'22> 22 '2' 2P 212221 21^22 222 222>2 2U11 .212212 P22' 21.12 2122 21-2P 122U21 2P 22U p s^222 I.i2s'ii2.i 2121.2 P212 N2N.11 2-P22U 2^2>" 12U P2I2 21 (Pinsker, a. a. O. S. 147 ; vergl. Munk, Xodicis sur Xdoulrvsliä LIsrrvaQ Ibll - Ofauad). Wir können daraus entnehmen, daß das Priucip der Schlußfolgerung vor Salmon b. Jerucham, also vor 890 eingeführt wurde. Der Hauptopponent gegen das 2122 war, wie gesagt, Joseph da-Rosd (nach Munk's richtiger Auffassung identisch mit Albaßir). Dieser schrieb in Saadia's Zeit und zwar entweder im Jahre 910 oder 930 (vergl. Note 20 ). V. Eine andere tief eingreifende Erschwerung ist ebenfalls in den Karäismus eingeführt worden. Es ist bekannt, daß die Karäer noch jetzt die levitischen Reinheitsgesetze beobachten. Nicht bloß schließen sie Menstruirende und Wöchnerinnen von der Berührung, sondern auch solche Personen, die irgend wie durch Berührung eines Leichnams levitisch verunreinigt sind, vom Besuche der Bethäuser und vom Zusammenleben mit Reinen aus. Dis fortdauernde Gültigkeit der levitischen Reinhsitsgesetze hat aber Anan ausdrücklich negirt, wie aus der langen Notiz (0. S. 432 ; hervorgeht. Dagegen war die Beobachtung derselben in der Zeit des Salmon b. Jerucham so festgewurzelt, daß derselbe in seiner ^Polemik gegen Saadia den Rabbaniten unter Andern auch das zum Vorwurf macht, daß sie dieselben mit der Tempelzerstörung für aufgehoben erklären ('2 212222 Ns. Alphabet XIII. 1 ) 2'i2i2 2-2^2 -222221 212122 2,222 2'2'2v2'222 2512 2'imv .,2221 U22 222221 2'2.21U 2U2121 np'11. (Alphabet XIV. 4 ): 22P1 2,22' -222 22p:2 222p 221 22P22 22'1p 22'UL' 22 211 22.22 PU1 2N12 .21212 PU 2-22112 .22121 22'22'2 PIN. Salmon b. Jerucham scheint sich also gar nicht daran gekehrt zu haben, daß Anan in diesem Punkte dem Talmud zugestimmt hat. Wann und von wem sind die levitischen Reinheitsgesetze in der Zeit zwischen Anan und Salmon b. Jerucham wieder für verbindlich erklärt worden? Mir scheint, daß R' Acha, Nissi b. Noach der erste Karäer war, der diesen Punkt besonders eingeschnrft hat. Dieser schrieb ein Werk über die religiösen Pflichten unter einem Doppeltitel: 2212121 c-2-2L'22 ;n-2 und 21222 nur 22s i-w, geordnet nach dem Dekalog (zum Theil abgedruckt in Pinslers Idduds Text S. 37 ff. und Beil. S. 2 ff.). In demselben kommt er oft darauf zurück, daß die Israeliten 444 Geschichte der Juden. verpflichtet seien, sich von Unreinheiten fern zu halten, namentlich am Sabbat, Festtagen und beim Besuche des Bethauses: i-LS h'pLph hupw' ho L'L"n -p'eh oi-Li v'ppiLLi rnriLwL prn'L L'ivini L'ovp nhuL wpprinhi mp'pin hör, pnwnhi niuLw.n .nwu hu IM' uhwi nuLiwL i^op.p' uhw — .phen ripi Liri r>mrp ov L'wpn 'wupi pipv nh-LI hLL PL'hl ULL-H uhwl PIWU Lp LLL-H uhw WIPP LN H-L NW 1 PPW ppllhh. — Ein großer Theil seiner Abhandlung ist diesem Thema zugewendet. Es scheint sogar aus seinen Worten hervorzugshen, daß die Karäer seiner Zeit diese Seite des Judenthums, den Levitismus, noch nicht beobachtet haben. Denn er bemerkt: Da er gesehen, daß er die Gebote nicht nach Vorschrift ausübe, fühle er sich gedrungen, das Richtige auseinanderzusetzen und zwar in hebräischer Sprache. Denn Viele irren in der Erklärung: LML uhwL L'prim mrL.p o'pn ':uw >:u 'mum UINW ll"LPU1 L'PIWU PL-hL uhl L'PLP.P 'PLPL Nmr pwhp L'LPULI UPL^ uhl N',1 uh NULL PL'vh^ — L'Nv: LNPNSL1 L'priw UPPLL1 - LNwh L'PLP.P IM LPILPLW phu.p 'Muh PLPP NL 2 i>LL PL'H uhwi U>LW PL hiruh uhw hupw' PL IM L'L"N. Nissi b. Noach kommt immer auf diesen Punkt zurück: er schien ihm sehr wichtig. Wir müssen jetzt fixiren, welcher Zeit er angehört. Wir haben oben (S. 438) gesehen, daß er zwei Namen führte Nissi b. Noach und R' Acha. Als R' Acha machen ihn die später» Karäer zu einem Jünger Anan's. Aber dem kann nicht so sein. Denn in seinem Werke spricht er davon, daß bereits viele Erklärungen zur Thora existiren in aramäischer und arabischer Sprache, von altern und jünger» karäischen Verfassern: — Lnso iwpw — L-npnum o'h'LwL.p 'mui rmiiris 'PPL ipuaw pro H-L — imLL mp uh L'poiL.p ppprw. Da nun Anan sicherlich der erste Bibel-Commentator war, so kann es unmittelbar nach Anan nicht viele Commentarien gegeben haben. Auch kennt Nissi bereits die drei Juter- pretationsregein : >1122 arm ppu o'php -L hp nphpps p'nirv p'wpi pupp ripp pipi hp pphnpL mm ppirivi miou pir-r p'mw.pi — mihri pmpL u'pi — pmpL 'pw hu mrw P'IWPI — LP1LL w'pph NL"ph PLPPL wpll PLU1 PLIW Lp» ppu . L'w 'UV LPIU L'ppl' NMU PU1 pp'LO.phl Lp'hp L'pph LPILL PU1 ll'lhpl ll'PIPL LMUW L'PLP P12L L'L'P.'LP '^ww L'P'^LP 'PNU PLhh UMU L'L"PW PPNU1 PWUP1 )Lh LU PMPL (uhu I.) uhl ;urp 'LPPL 'h -U2 — 'h "ppn uh LU P.-LUIW L'p'prL LN hl L'I'LUL LNL (bei Pinsker S. II). Er gehört also keineswegs dem achten Jahrhundert an. Andererseits kann er nicht gar zu spät geblüht haben; denn sein Styl und seine Beweisart sind unbeholfen, wie Pinsker richtig bemerkt. Ich bin aber nicht mit dem gelehrten Kenner der karäischen Literatur darin einverstanden, daß Nissi's Polemik gegen die Rabbaniten gerichtet sei. Die ganze Haltung der Einleitung spricht dafür, daß der Verfasser von Karäern verfolgt wurde, weil er den bestehenden Karäismus für antibiblisch hielt: 'pu-rm (ahwim; rnip-> mp uppih 'pur> >p°>p.'L puh pp L'rpsr L pLp. In Jerusalem gab es meistens Karäer. Nissi b. Noach's Standpunkt ist eigenthümlich. Er ist Karäer, verhält sich aber auch zum Rabbanismus. Er schärft ein, Mischnah, Talmud und Zubehör zu studiren: mwoL 'pL mmw pM,m pihim pipsoim nwi-pL m^hpi piwr-L pLph NIMM riwL'L pivh'i PILH.PLI piuhpLi. Er verfährt offenbar eklektisch. Das Eingehen einer Ehe bestimmt er ungefähr wie Benjamin Nahawendi ( 0 . S. 439), aber er läßt die talmudischen Ehepakten (,iLir>L) nicht fahren: hupw' mmm --hp PL'PULI P'PLI PLULL uhu L'L"U L.ph pur- hupL" Hw L'ML ih'LUI ll'UPI Llh'PLL ULwh uhw .phLw nL-p°>Li nmphLi L'ppm .p L i n L L i pp'LLi LvmLLi. Einen neuen Gedanken führte er in den Karäismus ein. Das Bethaus hat die Bedeutung des Tempels, und so wie man denselben im levit. verunreinigten Zustande nicht betreten durfte, eben so dürfe man die Synagoge nur levitisch rein betreten: w'w oi^LL H-Lw 'Mrhh - ppuh PINL M'LIL 'LL1 LIWPP'L h'L^.ph hupw' L'L"NW imrhh Note 18. 445 8tt'2U1 )2W22 V2p: M2 i>n 2L- 22121 (üsolikol) Nr. 137 . P,2U1 bu2L"2 82p. Vergl. Jehuda Hadassi VI. Der Karäismus ohne festen Halt verfiel immer tiefer in Excentricitäten. Er bildete sich zu einem Pönitenzorden aus. In der leitenden Notiz von Salmon b. Jerucham aus seinem Pf.-Commentar (o. S. 430 ) heißt es: „Es sind später Männer ausgetreten, haben ihre Heimath und Gut verlassen, das Weltliche hintangesetzt und befinden sich „jetzt" in Jerusalem." Den Ps.-Commentar schrieb Salmon 953 — 57 . Also damals gab es schon asketische Karäer in Jerusalem. Aus Sahal b. Mazliach's Sendschreiben erfahren wir, daß in Jerusalem sechzig asketische Karäer einsiedlerisch lebten, über Zion seufzten und trauerten und beabsichtigten, durch ihr Gebet die Erlösung zu befördern (S. 31 ): L2i>-2 nmnoi 1222: 22m 2.2:2 ,m L22SL'2 122L2 2222212 IMP — M2LP 8p 221? irr: — M'NU p' 212VV1 2W2 nb'2U!2i 121U Ln (ll'2122 L'we-) p'r 22v bxi omin: — o':? uriri iwu: — »,22 2221 2N2L" 2U1V 2'2°>2!2 221 2222« 2N2ll 8u22"i' 2'2128.21 2'2'212 2'^'2L'!2 2'2-L' 28U22. Dasselbe berichtet der Zeitgenosse Jephet b. Ali in der Einleitung zum Ps.-Commentar (citirt von Munk, Hotios sur ^.boulrvsliä 15 ): „Die '2222 sind die Auserwühlten der Karäer, von denen die meisten in Jerusalem leben, und das sind die sechzig Helden;" i'oibm 22222' 's piw' 22^2 2'2122 L'WV LN, 2182 pnn 'S PPN--N2. Das sind die „Trauernden um Zion" 'i>2u p>r, von denen in den karäischen Schriften so viel die Rede ist. Ihre Askese bestand darin, daß sie sich des Weines und Fleisches enthielten. Auch diese Enthaltsamkeit leiteten sie aus der Schrift ab. Da es heißt, man dürfe außerhalb des Lagers nicht schlachten, so deuteten sie das auf „außerhalb des Tempels" und ohne denselben (Aaron in Mibchar zu Levit. 17 , 3 ): wo ivuw '2 r», 222122 IIP' 2U 2VU1 2'2'2 2082- '21 281x2 82 8812 P122 '2 28122 2 212 812U 22U22 22228 P'N2 822. Aus Sahal's Sendschreiben sehen wir, zu welcher lächerlichen Peinlichkeit der Karäismus zu seiner Zeit herabgesunken war. Auch er behauptet, Fleisch in der Zerstreuung zu genießen, sei überhaupt verboten: iipxi 21822 112U ;uri 2P2 2V2 222 8w (S. 32 ). Vor Abulsari Sahal, der sich in seinem Sendschreiben als Asketen giebt, ist nur ein Einziger bekannt: Jehuda b. Alan, welcher von D. Kimchi mit Namensverdrehung genannt wird: (;n'8x p ,221.2' l.) 2222' p -8x 222222 '.imi 2-122 (Uisklul 108 I>), d. h. ein Büßer. Pinsker vermuthete, daß dieser identisch sei mit dem von Maßudi (in äs Lao^'s Okrsstomatkis arads I.) genannten Jachja b. Zacharia, der im Jahre 320 d. H. — 932 starb Vergl. darüber I-ikuts Text S. 5 . 18. Die jüdischen Sekten im Orient nach Anan. Anan's Opposition gegen das bestehende Judenthum und sein Lehrsatz „Suchet tüchtig in der Thora" haben ohne Zweifel die Sektenbildung im Orient erzeugt. Makrizi zählt zehn solcher Sekten auf, mit Ausschluß der Karäer und Rabbaniten, aber das, was er von einigen derselben aussagt, ist so vage, daß sich nichts Bestimmtes dabei denken läßt. Historisch bezeugt sind jedoch nur 1 446 Geschichte der Juden. fünf bedeutende Sekten, wenn man die vorananitischen Jsawiten abzieht, und sie haben sich in Folge des Karäismus und anderer Einflüsse gebildet. Sie bestanden noch im zehnten Jahrhundert, ja einige derselben noch länger. Es sind die Judghaniten, die Makarijiten, die Akbariten, die Abuam- raniten oder Tiflisiten und die Balbekiten. Die Quellen dafür sind: David Almokammez (im Auszuge bei Jehuda Hadassi 2222 8122m Nr. 97 , 98 ), ferner Scharastani (sä, Ourston S, 164 f,), dann Makrizi (bei äs 8ae^, Ollrsstornatliis I. 307 ff, und Noten dazu) und endlich anderweitige Notizen, I, Die Judghaniten oder Jehudäcr. Sie haben ihren Namen vym Stifter Judghan, auch Jehuda aus Hamadan genannt. So vollständig bei Scharastani: ^ 8-22 -8x ^1221 "2>?p2-,'8^ nii,n' ,222s zur 8'pi is 2 2 2. Bei äs 8s,o^ falsch mp'W für ispn- und bei Jehuda Hadassi verschrieben zs,-,2i> 22 für isi2i- (das : sür das arabische Ghain gesetzt). Es ist der von karäischen und rabbanitijchen Schriftstellern oft genannte -222,2 221,2'ä) Almokammez giebt an, Judghan habe sich für den Messias ausgegeben und messianisch gewirkt: n-2-22, si,i -2 ,221,21 — 7-82: 2P122 si,2 IS2211 7-2-,2P N 2 P 72 8-2281 2121281 so8 2-npi 22 s8i -n n:,i -2 122s 1U-2S21 2S1212 lpri> Aehnliches berichtet Scharastani: „Was von ihm tradirt wird, ist seine Hochschätzung des Berufers des messianischen Vorläufers:" 21p 8,21 s2-2i -ps28s 22s r-'rpn. Beide berichten, Judghan oder Jehuda habe Fleisch- und Weingenuß untersagt und Fasten und Beten eingeschärft: (Almokammez): 2122 2122 218-221 21212 2-r-ipi ^-2i 22-22 2'22-s (22221- l,) 2-7.i2i-8s ii 22; (Scharastani): Er fordert zur Enthaltsamkeit und vielem Beten auf ("2,828s -i-'rw.i) und verbot Fleisch und Getränke aus Trauben bereitet ("2 22is8s), Nach Scharastani nahm Judghan einen äußern und einen innern Sinn, eine buchstäbliche und eine allegorische Erklärung der Thora an: s8-u,ii s:rs2i s^is^r, "2-2128«» 7s 2pi- ^s2, s8-is2i und zwar ganz anders als sonst die Juden es thun. Er ging auch darin von den Juden ab, daß er die Vergleichung (Gottes mit der Ereatur) nicht gelten ließ und neigte sich zur Lehre des Kadr (der Selbstbestimmung des Menschen, im Gegensätze zum Fatalismus): 8s,-21 2-22-2 im 's (ii,2-8s) 2,228s ni 22,28s -8s. Mit einem Worte, er huldigte der Lehre der Mutaziliten, oder war ein jüdischer Mutazilite, Davon berichtet Almokammez oder sein Epitomator nichts. Dagegen stellt er noch ein Moment auf, das wiederum bei Sch. fehlt. Jehuda aus Hamadan habe erklärt, daß die Sabbate und Festeszeiten in der Jetztzeit, d. h. nach der Tempelzerstörung, keine Bedeutung hätten: 22) 2-201S1 7:21 112 ps2 c,-> 1821 2-2x1:221 21222-2 -0 (o-:22i-8s. Dasselbe tradirt Jephet b. Ali von den Anhängern Judghan's und den Schadghaniten, daß die Verpflichtungen der Thora nur für die Tempelzeit gälten, im Exil dagegen ihre Verbindlichkeit verloren hätten: 2"2«u2i'2 221 212-.-2 21822 u-8x psr- 221s,2 727 022- 22:22-2 222S 2-2P122 PI 21822 22,221 2S:2I2 22-,-22> 12'8x PS2- 2-221S2 0,28111 2--2S22S2-21 2-21,22-2 n8'2S1 0222 2182S2 12-222- 2irv,2 :>2 2222 --S22-- 7 P 187221 P,22l8 (bei Pinsker a. a, O, Text S. 26 ), Unter dem Namen Jehuda der Perser tradirt Abr. Jbn-Esra von ihm, daß er ein Buch geschrieben, um nachzuweisen, daß die Thora nach Sonnenjahren, und nicht nach Mond- oder combinirten Jahren zählt (Einleitung zum Pentateuch): 22222 P22-221 220 222 -22 e,2 2212' 222 -2 222 2-2-2221 222-2; (lAASrst lla- 8 o 1 is,tltis.t I,): 1-2 8s22- nur- '2 -22-2 ,2212- 2VS Lirlrisani, Lsvus äss Lt, f, V, x>. 21s, Note 18 447 7N-01 a'rpa rm-wu"! a'aua nvrri W ll'PN' L'2'2 0">P:UN N-2W I:ap2 7>aN.1 NUN «,'ona (vergl. noch dess. Commentar zu Exod. 12, 1; Levit. 25, 19; Num. 3, 39>. Wenn man auch kein Gewicht darauf legen wollte, daß Jehuda der Perser im Kataloge der karäischen Autoritäten figurirt, so würde seine Dogmatik darauf Hinweisen, daß die Judghanija eine Abzweigung des Karäismus bildete. Es wird auch von ihm ein Commentar zum Pentateuch citirt (Luzki 2b d): N:nw 'oir,n nrri' bN iiwn n-nn.n bp. Die Entstehungszeit dieser Sekte läßt sich nur annäherungsweise bestimmen. Jehuda Hadassi setzt sie gleich nach den Jsa- witen und vor.Jsmael Akbari, Scharastani vor die Sekte, welchen ihren Ausgang von Benjamin Nahawendi nahm. Sie scheinen beide bei der Auszählung der Sekten einer chronologischen Ordnung gefolgt zu sein. Da nun Ismael Akbari um 833—42 austrat und Benjamin um 800—20 blühte, so muß Jehuda Judghan mindestens ebenfalls in Anfang des neunten Jahrhunderts angesetzt werden. Ihn zum Zeitgenossen und Mitagitator Anan's zu machen, verbietet der Umstand, daß Judghan's Opposition gegen das bestehende Judenthum viel weiter ging als Anan's. Wie die anti-jüdischen Paulinisten später auftraten als die Judenchristen, eben so kann Judghan nur Anan's Nachfolger gewesen sein. Als eine Abzweigung der Judghaniten nennt Scharastani die Musch- khaniten, deren Urheber ein gewisser Muschkha war: onnai anar- bp uas-.r- aunru. Die Muschkhaniten unterschieden sich von der Stammsekte nur dadurch, daß sie für ihre Lehre Propaganda machen und sie mit dem Schwerts in der Hand aufzwingen wollten. Muschka zog mit 19 Mann aus und wurde in der Gegend von Kum getödtet: aop '.npon w ^nrn op '.i>nuw. (das.) Sicherlich sind die Muschkhaniten bei Scharastani identisch mit den Schadghaniten bei Jephet. Einer der beiden Schriftsteller hat den Namen corrumpirt. II. Die Makarjiten oder Magharijiten. Um die Lesung des Namens zu rechtfertigen, bemerke ich von vorn herein, daß äs 8ao^ bei Abulfeda, welcher die ganze Stelle aus Scharastani ausgezogen, die Lesart gefunden hat: "n'-inpsau, und nicht wie Cureton's Text lautet. Diese Lesart ist schon darum falsch, weil jeder Sektenname im Arabischen die Endung "rn haben muß: es hätte denn heißen müssen Bei Jehuda Hadassi aus Almokammez lautet der Sektenname gewiß zu losen n'a-rabu, so daß die Differenz zwischen der einen und der andern Lesart nur im z oder p besteht. Die Bedeutung dieses Namens ist unklar. Scharastani bemerkt, nachdem er die Dogmatik der Makarija auseinandergesetzt, der Urheber derselben sei Benjamin Nahawendi: pLu-w i.-> bu rUa.a arm^ b'pi. Dasselbe scheint Almokammez sagen zu wollen, mit den Worten: nmriri pvua (wauuo oder) nana:. Der Lehrinhalt dieser Sekte ist rein dogmatischer Natur. — Der Mittelpunkt dieser Dogmatik war nach Scharastani, daß Gott zu erhaben ist, um sich Menschen zu offenbaren: na'Nan nnNn anw ;p 'bnpn ani-n 'bpw:. Die Offenbarung sei daher vermittelst eines Engels geschehen: 'ba "rnsarua n-ambn arm n 'Nnr.n riann zu. Diesen Engel habe Gott zu seinem Statthalter, gewissermaßen zu seinem Vice-Gott gemacht, und Alles was in der Thora vom Thun Gottes erzählt wird, beziehe sich auf diesen Engel. Sämmtliche Verse in der Thora, welche anthropomorphisch klingen, seien allegorisch zu nehmen: "rnnm °m -r ".nrianNnabn rmmnn ;n 448 Geschichte der Juden. "11-N2 niiw. Ganz dasselbe berichtet Almokammez (freilich bei seinem Epito- mator verdunkelt). Die ganze Stelle lautet- Im Gegensätze zu den Saddu- cäern, welche Gott körperlich faßten: im22n 1x2 (p2,22^.1 znii2 p 111) 2- 122, 2212-22 l'IILL IL'N 11111 112L2 LN >2 p'212 PS'O12 LN nb >2 211^2 o'nbn^ NI ^lil2 NN NIL NL'N inbrin NIN 2121 2'2ni>2 nrpllb L'1122 LN >2 L'NLIN 11PI 2>11221 2>W2L2 'N5NNN P 222 12 N 22 211P1. Auch aus einem Citat bei Joseph Roeh sehen wir, daß Benjamin Nahawendi annahm, Gott habe zuerst einen Engel erschaffen, und dieser Engel sei der Weltschöpfer: nno e>"i> 'n 'L 12m nwn >1:112^.1 P222 >1211 L^L LNNN 22^1 PNNNI 2'2'2>1 IN' bp llblpn NN NIL znb 2.11 znb2. Diese Lehre von der Verwerfung des Antropomorphismus (Muschabbiha) und der allegorischen Auslegung der Thora ist ganz die der mohammedanischen Mutazila. Wir sehen daraus, daß Benjamin Nahawendi, so wie Judghan, der den Kadr (lldsrurn ai-biti-iura) behauptete, Mutaziliten waren und eben so deren Anhänger, die Judghaniten und Makarijiten. Damit stimmt Makrizi's Bericht überein, daß die Karäer (Ananiten) die strenge Gotteseinheit und die Gerechtigkeit behaupteten und die Vergleichung Gottes verwarfen, d. h. sich der Theorie der Mutaziliten angeschlossen haben: i'22-ibn wn bipim i>ii,-Hn2 bzii "i2n2n>-bno (bei äs 8 ao^ Text 116 ). Dasselbe berichtet Maßudi, der die Ansichten der Juden seiner Zeit aus Umgang mit ihnen sehr gut kannte, daß dis Karäer Mutaziliten waren: ini.ibni bipbn Hu 211' 12 211 "i'mipbn, (das. 350 ). Auch Maimuni berichtet, daß die Karäer >und die späteren Gaonen von Saadia an) dem moslemitischen Kalam, d. h. der Mutazila gefolgt sind und einiges davon entlehnt haben: z-bpi' uro i'iiibn up.2 w Lnboin )2 1121 >'iin i'o-.bn iubn --"in n2n z' 22212 bn (p nill'in 112N '.10 ('Nl^bn 12PI L'vnHn (ppab 2p2bn N112 Lnbonbn (2 Mors 1 . 71 sä. Nunk p>. 91 Text). Eben so berichtet Aaron Nikomedi, daß die Karäer und einige Rabbaniten sich der Mutazila angeschlossen haben, weil deren Grundsätze mit der Thora übereinstimmen: 12,21 2>ni,2i '221 11-11 11112'b L'2'L02 2122p IN1V2 12I1P2 11P1 >11N 122>22 22211 >2212 (t^-OUS-siM sä. Oslitrisoli x. 4 ). Wenn nun Scharastani das Entgegengesetzte referirt, daß in Betreff der dogmatischen Streitpunkte: Kadr (und Muschabbiha): die Rabbaniten der Mutazila und die Karäer der entgegengesetzten Theorie huldigen: "11222^2 pnnizibni "ibiip2bn2 21:2 zi'moibns ii,2bn2 bipbn U2U1 "Ii22-2i>ui — ( 165 ), so beruht das auf einer Veränderung, die bei Rabbaniten und Karäern vorgegangen war. Mit Saadia neigte sich der Rabbanismus der Philosophie, d. h. dem Kalam der Mutazila zu, und die letzten Gaonen traten schriftstellerisch als solche auf. Saadia's Zeitgenosse Aaron Jbn-Sargadu, sein Sohn Doßa, R' Hai und sein Schwiegervater Samuel b. Chofni, auch ein gewisser Jbn-Alakuli, alle diese waren jüdische Mutaziliten. Da Scharastani die Schriften einiger von ihnen gelesen hatte, so konnte er mit Recht berichten, die Rabbaniten - gehen mit der mohammedanischen Mutazila. Die Karäer dagegen sanken seit Salmon b. Jerucham und Jephet b. Ali immer tiefer in Geistlosigkeit und Askese und mögen im Orient, so weit Scharastani Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen, ein klägliches Bild geboten haben. III. Die Akbaritsn. Den Namen haben diese Sektirer, wie Makrizi berichtet, von zwei Männern: Musa dem Bagdadaner aus der Stadt Akbara und Jsmael ebenfalls aus Akbara: >i22pbn i>p2oni «i22pbn >:ni°p2?n '012 onipn i'i22pbni. David Almokammez nennt zwar nur den letztem: >i22pbn b>p22n 11 p:p; aber der Karäer Joseph Bagi, Vers, der 1:2m 1-1,2 112.1-, nennt beide und zwar den ersten Note 18. 449 unter dem Namen Mesivi (für Musa, wie oft): 2121 '122x1 .'i2>2 ni 2121 rn: 'i22pbu bup22" Nil 'lieplbs i'2'2 Nil 2'112 Nil 2'2'dei Nil (?) briods Ni unronn i'imp (bei Wolf Lidiiotdsos IV. p>. 1991). Eben so Mardochai Troki (in >2112 i,i o. 3)?) Worin das Schisma bestand, ist weder bei Almokammez, noch bei Makrizi angegeben. Der letzte referirt allgemein: Die Akbariten wichen in einigen Punkten in Betreff des Sabbat und der Auslegung der Thora ab: "N'iinin i'vsni nooi>x 1» NN'L'X pL2Mi>. Noch unbestimmter lauten die von Hadassi citirten Worte: '21 ipV 21 '2 2'p2vs 12m iu'ipii 2121 nli 22 beim an 0^ 12^1 oulilliVn w'bnnL' 2'pios.i 'bi>2l pibnb 2"i mi ili>2-. Der Karäer Tobia b. Mose (in 12m iriu f. 19) giebt an, daß schon Saadia gegen Mose Albari in Betreff der Fetttheile polemisirt hat: >121 12, pbi 'vln'sn n, w >nn pi pilm o.i'iUplo 1211 (s'ili) 2'bn win 11112 (2'uipi) l'iiu liil.i 12N1 'I22pbu '1L"2 nn'iii n'n'N npi 2>lp2i 12>U1 mbp -2 ino nbi 2.1'121. Dasselbe berichtet Aaron Nikomedi (in i2'iL> u'i o. 19) nb '2 2'ioiu 2.12 obii p:p2 iipi ipim buivv nun 2'22>211I '122P1 '1W2 Ni NN 2'bi wbi nb 2'D1P obn Pi 2112.1 12U. Es wird sich weiter zeigen, daß Jsmael Akbari dieselbe Ansicht hatte. Jsmael's Lebenszeit bestimmt Almokammez: er blühte zur Zeit des Chalifen Almotassim (833—842): giü.n ni>bno 2HIP2 '2'2 i>i. IV. Die Abuamraniten oder Tiflisiten. Auch diese Sekte hat ihren Namen vom Stifter, der Mose (Meswi) hieß als solcher aber nach arabischer Weise den Beinamen Abu-Amran führte, aus' der Stadt SafrLn stammte und später nach Tiflis auswanderte (Almokammez): 1N12 b.-i 12IP22 P1PI1 '2'12lbu s12pl2U pllti WILlbn i2>2 12L' s12p12N Ni mi->i. Statt 112P12N muß man lesen si2p'2n, wie aus einer Notiz von Jephet hervorgeht (citirt von Dukes Beiträge II. 31): nn — iipi nini 21,p2 V' onn ll.i'inn -sbil nob 1'ipb 2-12.1 N'NN PN -2 P11 212 vbipi 112 '2 12'N 2--1222 bni 'i0p°:n 2'121 N'NN PN ivlnV 1L"2 Ni Nl.i - 12 P-. 2 U P 1 W 1 -rispibn 12>2. Wir sehen daraus, daß er die Auferstehung leugnete und zwar mit Anlehnung an mohammedanische Schismatiker. Mose Abu-Amram war Karäer, nahm Vieles von ihnen an, das Eheverbot mit der Bruder- und Schwestertochter, das Genußverbot des trächtigen Thieres und des Fötus, das Wochenfest vom Sabbat an zu zählen: 121P1 n'bnn ivn yn — nipll -ip2 -1212 nib .121121 ninnn 121 nnn 12 ioni wi-s p-7p -1112 PL-Ni Mw 2"1 HP122-1 211 i2lp2.il. Er wich indessen in einigen Punkten von ihnen ab. s) Der Neumond beginnt mit dem Verschwinden des alten Mondes, d) Die Fetttheile am Thiere sind nur an Opfern verboten, nach der Tempelzerstörung dagegen ist deren Genuß gestattet. Hierin stimmte er mit den Akbariten überein, was auch in dem allerdings verdorbenen Texte (bei Jehuda Hadassi- angedeutet wird: iisi 11111 -2-112 1-1-21 -i22pini i'p2oui — sinpiou ni .1020 - 2-P1V22 12m Ni'i '1022 L'111 VUi 1,282- P22 2-11N 2-1212 11P.1 -2 ->8111 (?) ->U1 Mi 12-U2 1'2ll 2P 12-211-11 k>u 2-1,2 Mi2 2-112S 2-2112 21-21 - IUI 21>i. 1M22 na. Jephet b. Ali berichtet ebenfalls von den Tiflisiten ('mbsibn ourwu), daß sie den Neumond mit der synodischen Conjunktion beginnen s oss w 'bil (834—42) 'i22pi>n i'p2cu. Graetz, Geschichte der Juden. V. 29 450 Geschichte der Juden. geschlecht gebracht werden (zu Exod. 12 , 5 ): (cscp isu l.) cs 2p is sw 2 S2u sps: )U-' — ncs snsn M'USI is in SW susw' psusi cm^2 scs SIM sws 's 'vsss rnsis SOS U 1 SW. Mose Abu-Amran's Zeitalter ist ungewiß. Es wird zwar angegeben, daß er zur Zeit des Malich Aramli aufgetreten ist: '2's is2p::u sr s2p '8ssu (z'82 l.) 782s; aber das giebt nicht mehr Gewißheit. Jedenfalls lebte er wohl im neunten Jahrhundert, da er mit Jsmael Akbari in Verbindung gesetzt wird, und dieser in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts auftrat. V. Die Baalbekiten. Auch sie haben ihren Namen vom Stifter Meswi aus Baalbek (Almo- kammez): um cs iss: sm ps8ps svs22 'ps8ps sw2 ns. Er hat das karäische Princip der Biblicität aä ubsnränin geführt. Allerdings soll das Wochenfest am Sonntag stattfinden, aber man weiß nicht, von welchem Sonntag die 50 Tage zu zählen seien: snu psv um 8su c8ip8 pwus ans sipmw ss 's um cs cus pwus an. Auch sprach er einen Zweifel darüber aus, auf welche Weise der Monatsanfang bestimmt werden soll, ps' u8i c'wsss >wus sp's' 8p pscs sss css zssms s:2p> svus sn'ss. Den Ausdruck pssw ssw beim Versöhnungstage urgirts er so, daß dieser Festtag stets auf einen Sonnabend fallen müsse; daher müsse der erste Passahtag stets an einem Donnerstag gefeiert werden: soss 's sw ppn pssw SSW smss S2UW ciw2 ssws c's:sss 21' 8:s'w SPS 'W2S ci'S ll8:p8 S"SS'. Die Kiblah soll nicht gegen den Tempel, sondern überall gegen Westen gerichtet sein: o'srcsi SSP2S smw >2 8s MSI U'S US 7SSI2S NSMU1 SSP2S S'M' s8sss S'MSWS cs WS,S 2 S sss i'smu cm' . Diese Stelle scheint Joseph Alkarkassani entlehnt zu sein, von welchem referirt wird: um 's: sspc suss um s8'sns c:p 2 's suis sss u:.s 's WSP 2 S s's 8u vsmu c«w'w ll's^cs sm'w m sps .suis (bei Pinsker S. 88). Gleich den Albanien und Tiflisiten gestattete Meswi Baalbeki den Genuß der Fetttheile 'S'8s2 c'SSS 'WSU2 Np8 sss m 1S'Sps8 '8s 8'sus8 p8is MSI2 ll's8ns SMS U1S 'S INSM. Nach seiner Ansicht durften die Opfer nicht am Sabbat gebracht werden, sondern die Sabbatopfer wurden am Freitag dargebracht: is'spnw s"s' u8 ssws, ssps S'S ssws csip 1SSP2 S2U1 WS'S msws SSW s8w S2USS pms8 — sp'p 8s sisssp 1 SSW ci'8. — Eine Differenz ist wegen des schlechten Styles, in dem Jehuda Hadassi die Sektengeschichte wiedergegeben hat, ganz unverständlich: sw ssm c8s P2S1 SS2SS ss:2 WSIP SS'S c'sisis.p'p '2 S2US. Es ist aber ganz unglaublich, daß Meswi Baalbeki zum Christenthum übergetreten ist (wie Delitzsch aufstellt ürmolisgiva S. 322 ). Denn dann würde er keine Anhänger behalten haben, die sich nach seinem Namen genannt hätten. Von den übrigen Sektennamen, die Makrizi nach einer ältern Quelle mittheilt, sind nur zwei hervorzuheben: 1 ) Die G'alutijiden; sie übertrieben den Anthropomorphismus: s-sws8u 's "sm>8u °p8ussi. Es waren das Mystiker, wie ich nachgewiesen habe (Frankel's Monatsschrift 1859 117 ). 2 ) Die Scharaschtaner, welche behauptet haben, daß 20 Verse (c'pws) in der Thora fehlen: "spwus psuM's "s>sm8u 12 ss's ssu cps ^uswsw susxu "s'suswsw8us "S'U 'U. Die übrigen sind bloß Unterabtheilungen von Karäern: z. B. die Jrakaner, welche den Monat mit dem astronomischen Neumond beginnen und von den Chorasanern differiren. Es ist dasselbe, was Levi b. Jephet berichtet: ss8s 8sspu8u 8p (wsss) iwp' pus^ss i:mu ps spsw psuc c'wsu (bei Pinsker S. 89 ). 0 Jsmael Akbari und Benjamin Nahawendi, vergl. Lsvus äso M. z. V. x. 217 . Note 19. 451 Was Makrizi von den Fajumiten erzählt, daß sie sich nach Saadia benennen und das Gesetz nach Notarikon auslsgen, ist Unsinn: "nmvrim nom ",->>' 2 ppn ;,i-mim Hp ",-immbn oni ' 21 'rbn 1 'po PU 'im oom. 19. Gldad der Danite?) Mit diesem Touristen haben sich in neuester Zeit Rapoport, Landauer, Carmoly und Jellinek beschäftigt, ohne zu erkennen, daß er ein Abenteurer und Charlatan war. Dieses verdammende Urtheil muß Jeder fällen, der sich Mühe genommen, die Notizen, dis wir über ihn haben, genau anzusehen. Schon der Umstand, daß er sich als einen Sohn des Stammes Dan ausgab, daß er diesen Stamm in seiner Integrität fortbestehen, einen unabhängigen Staat mit einem König Usiel an der Spitze bilden ließ, und daß er Traditionen aus dem Munde Moses' und Josua's in direkter Linie mittheilte, hätte darauf führen müssen, daß er es auf eine'Mystifikation abgesehen hatte. Und nun erst der Umstand, daß er Wörter für althebräisch ausgab, die, so weit wir jetzt den Semitismus kennen, keinem Dialekt dieses Sprachstammes angshörsn, verräth doch einen Betrüger auf den ersten Blick! x-mm soll Taube, npm Vogel, s-m-n Pfeffer und. Geschäft bedeuten! (Sendschreiben der Kairuaner an Zemach Gaon): norwn nmb wo obpr> up2w abe- amaa w L» arao (aibx) umw lrip,n pwb: ivui irin ib omir> nrin vsv uror nbu . vnoai bsbs nip'i o:s2 mm imrvi oai: irr br bp :.nubaL>i unm om' inm .mm prnw imi pmba oLm ub pr-tiin Jbn-G'anach im Namen des Ben-Koraisch: (wnp p nun') opn "nrnn 'b 'pllr n'rv'b :bip' bmabu pllv nm. Jehuda b. Koraisch gab an, er habe von dem Danitsn sagen gehört: „ich habe n'»L>", wenn er sagen wollte: „ich habe ein Geschäft, ich habe etwas vor." In Eldad's nume- nwb.n, das uns jetzt durch Goldberg (Jehuda b. Koraisch sä. Paris) und Filipowski (Jochasin sä. London) vorliegt, kommen ebenfalls monströse, selbstcrfundene hebräische Wörter vor: nrior pour — ! rviai ne-rrini ! o'iria oin unionv — ri' irrvn ubi nrin bwp nrrp nbonvn an: — nbnm npru onn2 am — ! ! rbmi. Sehen wir uns Eldad's Ritual über das Schlachten an, so ergiebt sich unzweideutig, daß er, der sogenannte Danite, ein Karäer war. Bruchstücke daraus liegen uns vor, theils in den oben angegebenen Werken, theils in dem Sendschreiben der Kairuaner an Zemach und theils in Notizen von R' Baruch (citirt von Mardochai zu OUrään I. Anfang). Dieses Citat, das am meisten karäische Spuren enthält, lautet: na.n — iiim m n'onV .lumv nwb.na amr mmo »na m rno N 2 ML- nwbn piv um: mb N 2 VN br rii'ozn 'L 2 NL -2 'SV PWM' wv illu . ''2 bizs nria nbr 2mw' an: nb'rn oipvb wupn bu ap 2inr" ab: .'wi i'2 NVN 1'2 N2MWN — .bn°> 2nL>i N0L>1 pil N0VV2 pniin nb lltti — TIM n"' ip 1 P 21 . . . 1 PI i '2 omo. Alle diese Punkte sind echt karäisch, wie aus dem numw nmbn des Jehuda Hadafsi, des Aaron Nikomedi, des Israel des Westländer's und des Elia Baschjazi in m'bn ni-m hervorgeht. Der Karäis- mus hat nämlich zwei leitende Principien für das rituale Schlachten. Erstens soll es eine gottesdienstliche Handlung sein; daher in der Richtung nach r) Vergl. Frankel Monatschrift Jhrg. 1878 S. 423. 29 * 452 Geschichte der Juden. Jerusalem vorgenommen werden (Baschjazi): oip-ii» 12: iu-> 2:2b u'i 12:2 i,p2: (Abweichend Israel der Westländer). Daher Frauen, Betrunkene, Unreine den Akt untauglich machen; ebenso wenn er ohne Segen- sprechung ausgeführt wird. Zweitens soll das Schlachten zum Zwecke haben, das Blut vollständig ausfließen zu lassen, sonst würde das Blut in den Muskeln bleiben: 212:1 ^1:12 211 urv aii'1222 'ob 2220 -i n'12 n'i 12-1212 -ii -12m s>ov 211 nurin u'.n i2'i22 12:212 — 'M12. Daher halten es die Ka- räer hier für unerläßlich, daß neben der Speise- und Luftröhre auch die Blutgefäße am Halse (2'i'i:> durchgeschnitten werden. Belege aus karäischen Schriften heranzubringen ist überflüssig; Fachmännern ist das bekannt. Dieser Punkt wird in dem Ritual Eldad's stark betont: ein Schlachten gegen die Vorschrift bewirkt, daß das Blut, statt auszuströmen, sich innerhalb des Thieres sammelt; der Genuß desselben käme demnach dem Genießen des Blutes gleich: 112 112, 112: 1221 i22 211 lii: 111U 1212 12'12 '10 1p (bei Goldberg 1 . o. XU); 2'121 ii:i:i ip-22 i:: ;i2 uro 2112 pi-:i2 -2 pi ?i2i 12-12 121:11 ip i2ni -21 211 Up- ui: 011 -1-: i2 212 112'11 (das. XXI.). Auch die Thierkrankheiten bei Elvad (iwi2 -i) weichen zum Theil vom Talmud ab. Kurz, es ist nicht zu verkennen, daß Eldad ein Karäer war. Wenn Eldad behauptete, daß die Da- niten einen hebräischen Talmud besäßen, daß darin keine Controverse vorkomme, und daß darin Alles traditionell auf Josua, auf Mose und Gott unmittelbar zurückgeführt werde: ui 221 2:2 w 1-212 ::-u: ipiirv 2i:pi pwiv 2ii2 iwiii -22 P 2 :i- -22 ::i 2 i g 2 I 2 ii irr 2 - 12 M 1 - uiu H 2 iii -i >-22 ui: 1:221 -ip 22 11:2:1 -22 122: so hatte er es offenbar darauf abgesehen, den rabbanitischen Talmud in den Augen der Rabbaniten zu diskreditiren. Daher ist es erklärlich, daß die Kairuaner und R' Isaak und R' Simcha, die ihn gesprochen, darüber erstaunt waren, daß Manches, das er ihnen mittheilte, mit dem Talmud übereinstimme, Manches wieder davon abwiche: :p222 0-221 ui 1122 : 12p -i ;.1P,222 :-i2 V1212 2-121 :-i: -:ii liiu -i :ui2 1122 u:2i: 12 p pip- u:2i ;2 (21-1212 l.) u-1212 p:is:2 :-i ;ipp2i ::i>2 2-221 -1212 pui:. Dennoch ließen sich Rabbaniten von ihm mystificiren. Der Gaon Zemach entschuldigt Eldad, daß seine Abenteuer sein Gedächtnis; geschwächt, und er darum Vieles vergessen hätte: 1111 11:2: :-ip 112x2 :-i:ip 2:12 r>-iii: ::2 iiiu2 pm iir ::-u2 i2ii 2-1 lliun i:p2i. R' Chananel ließ sich von ihm täuschen und nahm Einiges von ihm auf (vergl. Goldberg I. o. XXI. aus einem bodleianischen Codex). Spätere citiren die iui2- piu iioii, '"u i:oii oder vielleicht P211- i2u iwii des Eldad Hadani als eine wichtige Halachaquelle, und nur ihr richtiger Takt sträubte sich gegen Aufnahme der Eldadschen Fictionen (Tossafot zu Chulin Ans. und Mei'r Rothenburg Nssx. 193 ). In Spanien scheint Eldad übrigens eine andere Traditionskette geschmiedet zu haben „im Namen Othniel's", der es von Josua rc. vernommen (Chasda: Sendschreiben an den Chazaren- könig): p-2>i- >L2 i:p up p iu-:ip 12m .111 12 i2ii2 (;i 222-2 2>u) 2:iii 112x21 .11:221 w2 1L-2 >22. Die Karäer scheinen es gefühlt zu haben, daß Eldad Fleisch von ihrem Fleische war, indem er angab, daß der Rest der Stämme jenseits des Sabbationflusses den Talmud nicht kenne und kein festes Kalendersystem habe (Jehuda Hadassi LsoHstol Nr. 61 ): P-222O ii:i 12x2 pi:2- '222- i22 2-2:u ipip PP12 i-2i P22-1 U12:: 1:2-2 >i2 in 11:12 (21) 211 Iiiu 1L22 2i2ii> ui: 212 mp' 1'p:i. Mit einem Worte, es ist kein Zweifel daran, daß Eldad ein verkappter Karäer war, der nur deswegen Rabbauitisches unter Karäisches gemischt hat, um die Rabbaniten nicht vor den Kopf zu stoßen. Möglich, daß er selbst ein solches eklektisches Bekenntnitz hatte. Note 19. 453 Daß demnach Alles, was Eldad von seinen Reisen und Abenteuern, von den noch vorhandenen Zehnstämmen und von den Usus Nosstis am Flusse Sabbation erzählt, eitel Erfindung ist, versteht sich von selbst. Es gehörte mit zu seiner Rolle, darzuthun, daß das ursprüngliche Judenthum anders gestaltet war, und daß es sich noch rein bei den Stämmen erhalten habe, die noch vor der Vertreibung der Zehnstämme ausgewandert sein sollen. Seine Erfindungen sind theils in dem Sendschreiben der Kairuaner an Zemach Gaon, theils im Lse5kol des Hadassi und theils in den zwei Recensionen niedergelegt, die unter dem Titel ni.n iso circuliren (gedruckt zuerst in einer italienischen Ausgabe entweder von Conat oder Pesaro und Ferrara: Orient Jahrg. 1846 Literb. Nr. 31; Constantinopel 1516, 1519 und zuletzt von äsl- Unck Lst Halniärassla II. III.). Die Verschiedenheit der Relation rührt wahrscheinlich davon her, daß Eldad an jedem Orte, wo er sich aufgehalten, entweder geflissentlich oder von seinem Gedächtnisse verlassen, anders erzählt hat. So kommen in Lsodirol Var.) i.-w mnn pinm iip — ll.n'nw'ro br ox mvnbv r>r',xi — p-oiv in. Das erinnert an den Bericht Benjamin's von Tudela, welcher von einem eingeborenen Juden hörte, daß unabhängige kriegerische Juden auf den Gebirgen Nischabur wohnten, welche (im 12. Lasoränin) ein Bündniß hatten mit den Ghusen oder ungläubigen Türken. Diese Juden bei Nischabur oder Ostchorasan wollten von den Stämmen Dan, Zebulon u. s. w. abstammen (IbinsrariuiL sä. ch.sid.sr Text 73 f.): vMn ov» r": 1122': an 2'ir>x: (Lücke) 2>^2L> .nxriti 2:22': >2x2 '2 2N2m: 22-2 2.22» 222 n'22 2.2^ »n 212222.2 111 (nr l.) 212 p2sb .22222^ 2'2ch.2i — 222 b:x 2.2'bx — vw 2>222' 2'21.2'21 2122-1 '->.n 1.122- 2>- — 12128.1 2S12 2-x. Es ist ganz dieselbe Schilderung wie bei Eldad. Man muß also in Eldad statt 1.1-22 oder 12.12 cor- rigiren 12x22. Denn Nischabur gehörte zu Ostchorasan. Dann würde auch 454 Geschichte der Juden. passen, daß diese Juden tatarisch oder türkisch sprachen, und daß sie in dieser Sprache predigten: (-np l.) wip xnaom v-opn pL>7a nir-iia pnnw (So in der Dä. Oonst. 1516. In den übrigen falsch: 012 siL^a). Das Wichtigste an dem ganzen Eldad ist die Bestimmung seines Zeitalters. Es sind drei Data dafür vorhanden: 1) In der Edition von Sonst. 1516 kommt zum Schluffe vor: Eldad habe den Bericht nach Spanien gesendet im Jahre 43: o'pa-m ruv 1120 °, ii7x i:L>. Damit läßt sich allerdings nichts anfangen. 2) Jbn-Jachja (in n^7v) hat in seinem Exemplare eine vollständige Zahl gefunden. Auf die Aufrage der Kairuaner an Zemach Gaon, antwortet dieser, er habe durch Tradition von Isaak Gaon vernommen, daß Einige Eldad um 646 — 886 chr. Z. gesehen haben: r,' w ipi 022 iv r'L-.ni '21 1 N 2 N 1 UIN 1 L 2 MV 2 V px: pnr' Dadurch wäre allerdings das Zeitalter genau bestimmt; allein diese Zahl findet sich in keiner einzigen Ausgabe, und selbst ihre Echtheit zugegeben, hat man keine Gewißheit, ob sie nicht corrumpirt ist. Man hat auch an der Zahl gemäkelt; Rapoport liest dafür — 860. Landauer und nach ihm Fürst und Jellinek lesen dafür o"in und verstehen darunter die seleucidische Aera mit Hinzufügung der Tausend, also oin 'x — 1248 8s1. — 937. Also wieder Ungewißheit. 3) Wollte man sich an den Gaon R' Zemach halten, so treten andere Schwierigkeiten entgegen. Es hat drei Gaonen mit Namen Zemach gegeben: Zemach b. Paltoj von Pumbadita (872 — 896), Zemach b, Chajim von Sura (889 — 896) und Zemach b. Kafnai von Pumbadita (936 — 38). Diejenigen, die Eldad ins zehnte Jahrhundert setzen, halten sich an den letzten Zemach. Zwar giebt Jbn- Jachja genau an, die Anfrage der Kairuaner sei an Zemach von Sura ergangen: X' 0 N 2 xnllaw 11 NZ N 22 111 ^x . 1 XW 222 V IXII'P^X U 2 ni>xe: 0W217, ,i>x. Allein mit diesem Punkte steht Jbn-Jachja, dem die Kritik nicht viel traut, allein und wird von den Editionen nicht unterstützt, welche einfach die Lesart haben: an Zemach Gaon, ohne weiteren Zusatz. Aber selbst wenn man daran festhalten wollte, so zerbricht Jbn-Jachja selbst die von ihm gereichte Stütze, indem er erzählt: Dieser R' Zemach habe von einem Gaon R' Isaak gehört, daß Einige Eldad im Jahre so und so viel gesehen. Eldad muß also, so folgert Herr Rapoport, viel älter sein als Zemach, der ihn nur xsr tra- äitiousrn. kannte. Man müßte dann das Zeitalter dieses Isaak Gaon untersuchen, aber dann käme man in neue Wirrnisse ohne Ausweg. Um Gewißheit über diese Datumfrage zu erlangen, müssen wir von sichern Punkten ausgehen. Sicher ist es, daß die Kairuaner, welche eine Anfrage au R° Zemach richteten, von Eldad, als einem in ihrer Zeit aufgetretenen Manne sprechen: 11 ^ ivr-i inx r^x ivva umx^ xnu und weiter U 2 V U 2 N 2 -^ MURMLN (vergl. 0 . S. 472). Die anfragenden Kairuaner, Eldad und Zemach Gaon sind demnach als Zeitgenossen anzusehen. Jbn-Jachja hat aber die Antwort Zemach's entweder mißverstanden, oder eine falsche Lesart vor sich gehabt. Die Richtige lautet nach der säitio priuosxs, wie oben angegeben: >n: 117X '2 M 2 V .nnllL- x:aii pnr' 1120 , d. h. Zemach antwortet den Kairuanern, Eldad sei ihm bekannt durch das, was er von einigen Gelehrten über ihn gehört, die sich's von Augenzeugen, R' Isaak und R' Simcha, erzählen ließen. Diese weitläufige Zsugenangabe faßt Jbn-Jachja kurz zusammen in dem Satz: 1 x 1 ii^x 1 x 2 px: zmr' 'io L" w. Hier ist überhaupt das Wort lixr zugesetzt, und der zweite Augenzeuge norM x:a-> unterdrückt. Dadurch ist Rapoport's Annahme widerlegt. Wir brauchen nicht auf einen Gaon R' Isaak Note 19. 455 (oder R' Zadok) zu recurriren, sondern Zemach Gaon hörte Nachrichten von Zeitgenossen über Eldad, die sie von Augenzeugen vernommen hatten. Es fragt sich also nur noch, ob Eldad Zeitgenosse eines der beiden Gaonen Zemach am Ende des neunten, oder des Zemach in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts war. Eine Notiz in dem Sendschreiben des jüdischen Ministers Chasda't b. Schaprut an den Chazarenkönig löst diesen Zweifel. Dieser berichtet, „zur Zeit unsrer Väter kam zu uns nach Spanien ein Mann vom Stamme Dan, der hebräisch sprach re.: tzs: ii'inu 'v'm UIIPI rnriri 111Q 1111 Iflp' P'IVW 1p ;i lllVL Ol'lll 1'1 111 Pi: ^N1L''S L- 11 P 1 PW °>1 111 Obwohl Eldad hier nicht genannt wird, so ist es doch klar, daß von ihm die Rede ist. Eldad war also in Spanien zur Zeit von Chasdai's Vätern: iviwu was zur Zeit seines Vaters oder Großvaters bedeuten kann, aber keinesweges zu Chasdai's Zeit. Chasda't war aber bereits im Jahre 940 im Dienste des Abdulrahman (wie weiter nachgewiesen werden wird). Folglich kann Eldad nicht Zeitgenosse des Zemach b, Kafnai gewesen sein (936 — 38), denn dann wäre er auch Zeitgenosse Chasdai's gewesen, und derselbe hätte nicht schreiben können: Eldad sei zur Zeit der Väter nach Spanien gekommen. Damit ist auch widerlegt, was Landauer und Munk (biotüvs sur ^.boulwullä. p. S7, 60) behauptet haben, daß Eldad Zeitgenosse des Commcntators des ii'r> isv, d. h. (wie kritisch sicher ist) des Dunasch b. Tamim gewesen sei, weil nämlich der letztere im genannten Commentar aussagt, er habe durch Abudani und David aus Fez das Buch Jezirah nebst Saadia's Commentar empfangen, und daß er von den Bene Ha-Dani Prin- eipien der Sprachvergleichung gelernt: vini in: 'imn ^niL» pixi ivix p':iV ip ^ lll^ip II 1PP1 — 'IIII'LI ,1'IPO '1 'LH 11NL 11 1LV lll'i M'1'1 0UL IVIHL 1'IL- ^UIL-' P 1 XO 1 V^ 0 M 11 V 11 ' 11 . Es ist aber entschieden falsch, daß Dunasch b. T. mit Eldad in Rapport gestanden hat. Dunasch war ein Zeitgenosse Chas- däi's, wie Munk selbst angiebt (1. . 52). Aber Chasda't war nicht Zeitgenosse Eldad's, sondern lebte mindestens eine Generation später, also eben so Dunasch b. T. Es ist mir auch ganz unbegreiflich, wie Kritiker darauf kommen konnten, Eldad den Daniten mit dem Abudani im Jezirah - Commentar zu identisiciren. Der Verfasser des Commentars, der in Kairuan lebte, wußte recht gut, daß Abudani und sein Genosse aus Fez stammten: ivimi vis, und doch soll Eldad den Kairuanern haben aufbinden können, er sei weit her, vom Stamme Dan? Es liegt nicht viel daran, zu untersuchen, wer Abudani war, aber mit Eldad ist er gewiß nicht identisch. Einen überzeugenden Beweis dafür, daß Eldad dem 9. 8use. und nicht dem folgenden angehört, liefert eine Notiz bei dem Karäer Ali b. Jephet. Dieser tradirt: Sein Großvater Ali (Jephet's Vater) habe eine Erklärung von Jehuda b. Koraisch adop- tirt: 'i>p 'io i::pi iriui — ipii^ii "i'i L-'ii^p zi mi' "ii "iv iLu 'piini I'INU ji' 11.1 1'"1 1 Q 121 (bei Pinsker S. 65): Nun war Jephet ein jüngerer Zeitgenosse Saadia's (920 — 80). Folglich lebte sein Vater um 900 und Jehuda b. Koraisch noch früher. Ben-Koraisch verkehrte aber mit Eldad (wie oben angegeben). Haben wir gefunden, daß Eldad dem neunten und nicht dem zehnten Jahrhundert angehört, so ist es eigentlich gleichgültig, an welchen der beiden Gaonen Zemach die Kairancr sich in Betreff desselben gewendet haben, da beide Zeitgenossen waren und fast zu gleicher Zeit fungirt haben. Indessen scheint es, daß Jbn-Jachja Recht hat, wenn er angiebt, die Anfrage war an den Suraner gerichtet. Wir finden nämlich, daß der Zemach von Sura mit den Kairuanern 456 Geschichte der Juden. in Verbindung stand (k?s.räss 21 d)i .i 2 ' 2 " 2 -ni 2 , 2 ^ 'i 12 iv .ipi -2 f>, 2'2 pi . 111,1 'iii >2 ;nii'p i-'i 2 2 - 2 >-p>ii 2 ' 22 ii (i> 2 ^- l.) I 21 »»iw n '212 um- ^ 12211 . Dieser Zemach fungirte wie angegeben, 889—898*), er konnte also den Kairuanern antworten (wie der Text des Jbn - Jachja lautete), daß ein R' Isaak (und R' Simcha) Eldad gesehen haben im Jahre 880, nämlich noch vor seinem Gaonate. Die Anfrage der Kairuaner geschah aber während seines Gaonats. Mithin kann die Zahl 2 "ii bei Jbn-Jachja richtig sein. Ja, man könnte auch die Zahl -"2 in der Lä, Oonst. von 1516 festhalten und dazu ergänzen - 2 ( 1 , 1 ). Indessen ist dieses nur Conjectur. Man hat irrthümlich geschlossen, daß Eldad in Babylonien war, weil ihn ein Nabana Isaak und Nabbana Simcha gesehen haben. Diese brauchen aber nicht gerade Babylonier oder Jrakenser gewesen zu sein. Den Titel n -21 *) Um die Funktionsjahre des Gaon Zemach b. Chajim von Sura zu bestimmen, muß ich eine kleine Correktur zu der Chronologie der Gaonen, wie ich sie in der Frankel'schen Monatsschrift (Jahrg. 1857, S. 336 und 381 ff.) auseinandergesetzt habe, anbringen. Das Datum der gaoiMschen Verordnung über die Angreifbarkeit der Mobilien für Schuldforderungen, das ich zum Ausgangspunkte genommen habe «S. 338), fand ich bestätigt durch eine Notiz von Isaak Albargaloni (,i:p' 2 v 'ip 2 ' I4o. 13). Sie lautet: 2 , 2,2 f >22 2111 p-i i-n 2 - .121 N112V ;'-2b 1"V1 ybu 1-L- 1P2P- u 1-,2,1 1,2p - 1^2^22,2 211 f>p21 12112 1'2-^7 2 '-mni 2 '-m-i > 2 'i. Also im Jahre 1098 8. — 787; cs ist also erwiesen, daß Gaon Bebak von Sura bis 1098 fungirt hat. Von dem Datum dieser Verordnung muß man bis National 82 Jahre zählen «wie ich das. 339 belegt habe). National muß demnach bis 1180 8. fungirt haben. Da er nun mindestens im Jahre 1170 fungirt haben muß, so ergiebt sich daraus die Richtigkeit der Schulamschen Lesart, daß Natronal 10 Jahre fungirt hat: 1170 —1180. In meinem Artikel hatte ich der andern Lesart den Vorzug gegeben, was hiermit berichtigt werden muß. Das iklus von 2 Jahren in der Gesammtsumme der Funktionsdauer der suranischen Gaonen muß demnach später eliminirt werden. Nach sorgfältiger Erwägung des Scheriraischen Textes ergab sich mir, daß man Natronal's Nachfolger Mar-Amram nicht die Funktionsdauer von 18 Jahren geben darf. Scherira berichtet nämlich: Amram habe bereits früher fungirt, sei abgesetzt worden und habe im Ganzen 18 Jahre fungirt: 212 p '1 12 1-1121 N-2»1L12 1^2 P21 1,121 1'-'2 11-1 PN- '1,2'N1 212p '1 1'i -'12 11 P2.1 '2,21 1-L> 1"'. — Es scheint, daß er eine zeitlang Gegen-Gaon von Natronal war. Einen Anhaltspunkt giebt Saadia Jbn-Danan, der Amram nur 8 Jahre vindieirt: 'i 1 "- 1,1 , 1 - 2 : 122-1 212 p 1 1 'IINI ;"11 122 - m- 112 -. Indessen sind acht Jahre zu wenig; denn aus einer Notiz ergiebt sich, daß Amram im Jahre 1189 noch fungirt hat (das. 340, 8). Man darf ihm also 12 Jahre, nach Natronal's Tod, beilegen, also 1180—92. Dadurch gewinnt man später an Raum. Man kann seinem Nachfolger 8 Jahre vindiciren, wie sämmtliche Editionen des Scheriraischen Sendschreibens haben: 1192 — 1200, und man kann Hilal b. Mischask ebenfalls 8 Jahre beilegen. Die corrigirten Data von Natronal abwärts würde» demnach so ausfallen: Auf diese Weise kann man sämmtliche Zahlen des Scheriraischen Textes festhalten und braucht keine conjicirend zu emendiren. 1170 — 1180 8.. 1180—1192. . 1192 — 1200 . . 1200—1207 . . 2"1 '2 122 'N-112- 212p PL'1- 1207 — 1217 . . 1217 — 1225 . . . . PL'1- 12 MN . . 1N2'2 12 mi.i Note 20. führten auch autzerbabylonische Talmudkundige, wie z. B. Isaak b. Joseph, für den der Bibekcodex mit dem oberen Vokalsystem geschrieben wurde im Jahre 917 (ikinnsr xrosxsutms S. 26 f.): ip» Hp, c,ov nmi gnpr: .v, smp uo ini ->on. Der Gaon Mar-Amram schickte seine Gebetsordnung nach Spanien an pp 22 mmi nno xmp (Orient. Litbl. 1847 S. 29l). Wäre Eldad in Babylonien gewesen, so hätten ihn die Schnlhäupter gesehen, Zemach Gaon hörte aber nur ans der zweiten Hand Nachrichten über ihn. — Als es mir zur Gewißheit wurde, daß Eldad ein verkappter Kartier war, hatte ich Jehuda b. Komisch ebenfalls in Verdacht des Karäismus, zumal ihn die Karäer in Citaten und Verzeichnissen zu ihren Autoritäten zählen. Den Verdacht begründete ein Ausdruck in der von Goldberg und Bargss herausgegebenen Abhandlung von Ben-Koraisch, indem er von von p.in (S. 43 unten) spricht, eins Phrase, die nur ein Karäer gebrauchen konnte. Nun hat Pinsker ein langes Fragment von b. Komisch veröffentlicht (S. 67 ff.), wo dieser gegen den Talmud polemisirt; (vergl. das. S. 179 ff.). War nun Ben-Koraisch unstreitig ein Karäer, so ist das Talmudgünstige in seinen Schriften offenbar spätere Interpolation, wie denn ohnehin manches Stück in dem edirten Lisalsb verdächtig erscheint. ^ 20 . Das Chronologische in Saadia's Leben «nd Schriften. Saadia ist einer der fruchtbarsten Schriftsteller in der jüdischen Literatur. 4 Seine Produktionen umfassen Exegetisches (im weitern Sinne), Polemisches, 1 Talmudisches, Philosophisches, Grammatisches (im weiteren Sinne), k Poetisches und Kalendarisches. Obwohl in jüngster Zeit viel über Saadia ) geschrieben worden, von Napoport, Munk, Dukes, Geiger, Ewald, Fürst, so ver- > mißt man noch immer einen vollständigen Ueberblick über den ganzen Umfang s seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Die chronologische Reihenfolge seiner Schriften ist noch nicht einmal in Angriff genommen worden. Hier soll der Versuch gemacht k werden. i Wenn Abraham Jbn-Daud in seiner Chronographie angiebt, Saadia habe ! seine sämmtlichsn Schriften während seiner Amtsentsetzung in Sura und zwar k in der Verborgenheit verfaßt: imeo i>r (mipo ">) irn so kann Nichts f falscher sein. Denn aus dem Commsntar des Dunasch b. Tamim zu Jezirah 1 erfahren wir, daß Saadia schon Manches geschrieben hatte, ehe er nach Sura k berufen war: pmi'p .vpii'.p wo mm o'vpe (n'ipo >-> »rnr) ^ (rum) cin'rr )'pp mm nnip'n nivrn« 'i .v: 2 > mir'? io '7 omu .-umr: m .v>.m inm oie:. Es muß also untersucht werden, welche Schriften Saadia in Fajum, und welche er in Babylonien versaht hat. 1) Die Erstlingsschrift i) Saadia's scheint die Widerlegung gegen Anan gewesen zu sein: pp '7p rxor. Denn Abr. Jbn-Esra cilirt in seiner Schrift 7°>oo mv' (Ns. der Seminarbibliothek) einen Vers aus einem Lobgedichte auf Saadia, daß derselbe zu 23 Jahren gegen Anan geschrieben: omr-p > 12^2 p wno mv-. -w'p -> 2 '.': pp rwp 7D.17. Von dieser Widerlegungsschrift gegen Anan spricht außer Jephet auch Salmon b. Jerucham in seiner Polemik gegen Saadia: rn ! ^) Vgl. soll, Geigsr's Zeitschrift L S. 255. 458 Geschichte der Juden. n8oc> NNNLN 1M2.1 ll-N.N ISO 8p m8 8w' n8 NNN w'wl' Nppll '8p00 m8^ kjNWI 1V10 pv 1 'NI 212 rrn w pp u' 2 -> 8p P'PN' v:V — — WIN P'NN pp i:'on '.-,. Saadia verfaßte demnach diese Schrift um 915. Einen Passus aus Saadia's Schrift gegen Anan hat der Vers, des mnnpn ,ri8n erhalten; lbei Pinsker S. 103 vergl. das. 98.) — Ob er noch vor dieser Zeit gegen den Karäismus polemisirt hat, hängt von der Richtigkeit des Datums ab, in welchem Joseph Roeh sein Werk nmv verfaßte. Denn darin hat dieser Saadia angegriffen. Nun circuliren über das Datum der Abfassung zwei Lesarten p'nn und r"nn. Wenn die) erste richtig wäre, hätte Joseph bereits 910 Saadia angegriffen, und dieser hätte schon im achtzehnten Jahre Antikaräisches verfaßt. 2) Ewald behauptet, Saadia habe unter allen biblischen Büchern zuerst die Psalmen ins Arabische übersetzt und mit einem kurzen Commentar begleitet. Dies soll aus der Nachschrift zur Psalm-Uebersetzung hervorgehen. (Beiträge zur ältesten Auslegung I, 5). Sieht man sich aber die Stelle näher an, so sagt sie dieses nicht so unzweideutig aus. Saadia spricht aus, er hoffe mit seiner Arbeit ein gottgefälliges Werk gethan und sich bei Gott Lohn und Sündenvergebung erworben zu haben: rw >8p, nrno 'ppp sma 12 nnppp mp '8p :'n 8 n ".-wnrmn >r, d. h. „dafür, daß wir vorher den Sinn einiger von seinen (Gottes) Schriften erläutert oder ausgelegt haben und daß wir, mit der Hoffnung ans ihn, es vollenden werden." (Ich verdanke die Copie dieser Stelle der Gefälligkeit des Herrn Prof. Rüdiger, der im Besitze des saadianischen Psalm- Commentars ist). Ewald bezieht die Stelle nur auf die Psalmen, während sie auf die ganze heilige Schrist geht. S. hatte schon einige Bücher übersetzt und commentirt und hoffte die übrigen eben so zu behandeln. Kaum läßt es sich denken, daß S. mit dem Psalter begonnen haben sollte. Es scheint vielniehr, daß er mit dem Pentateuch den Anfang gemacht hat. Wie dem auch sei, so ist es gewiß, daß Saadia die exegetischen Werke noch in Egypten verfaßt hat. Ehe wir zu dieser Beweisführung schreiten, muß bemerkt werden, daß er zu den Ilebersetzungen auch kurze oder längere Erklärungen beigegeben hat, wie ans den Psalmen- und Hiobcodices hervorgeht (vergl. Munk Motivs sur 8 s.aäia p>. 7, Note 2 und Ewald a. a. O.). Zum Pentateuch war gewiß ein Commentar beigegeben, wie Jbn-Esra (Einleitung zum Pent > bezeugt, indem er dessen Digres- sionen in der Schrifterklärung tadelt: u-iiwri n 8 :r.n pnp mapo '1 >n 8 p nm.i .-, 8 ' 02 p, rn-mn nipp o'pon nnms '.m. Saadia selbst beruft sich in seinem rmwx auf seinen Commentar zur Genesis (I, 1 Ende): nwisp 'nonrv nr> 0.12 rninn nvnp '8 L" "ML-P ON22N ll'inn PIN 'p8rn '1'N 8p 'NML>NP1 NN'2' leo N>1P'°>P NN21 n'L-nna 'NWN (auch II, 3). Er hat also im Commentar zur Genesis sieben Beweise für die zeitliche Entstehung der Welt (o8ipn w:in) beigebracht und die Ansicht von der Ewigkeit der Welt s. xarts rrnts widerlegt. Salmon b. Jerucham bezeugt, daß Saadia in der Erklärung zum ersten Capitel der Genesis sieben Beweise für die Nothwendigkeit der Tradition neben der schriftlichen Lehre aufgestellt hat (III, 9): c'ppp nnrin np 8pp n:i nwnp- :8 n'L>nna pnnsp nw» nipinon nimn npas orw nwnn 8 i n'nr>n 8 nn 1081 pp'nn 8p nnp nirp8 n:nr8. Gegen diese zwei Schriften, das pp '8p Pin8n pnnp und das nwn-w pnnr ist eigentlich Salmon's Polemik gerichtet. Nun war Salmon b. Jerucham, als er diese polemischen Verse schrieb, noch jung, wie er selbst angiebt (II, 5): onrn > 8:8 mmup nrm onm n> 2'8 >m n>pr nm8ip8 np-nn nn: mono x8 o'Lpnn s>o nprp n>npr> nun mn. Salmon's Geburtsjahr ist uns jetzt ungefähr bekannt ans der Mittheilung einer Mukadamah bei Pinsker (Likute S. 81). Er feierte im Jahre 1209 8s1sueiäs,ruin. sein dreizehnjähriges Bundesfest — 898, ist also geboren 885 und war sieben Jahr älter als Note 20. 459 Saadia. Nehmen wir an, daß Ben-Jerucham, als er sich i">r nannte, zwischen 30 und 35 Jahren stand, so schrieb er die Polemik 915 — 920. Innerhalb dieser Zeit hatte also Saadia die Uebersetzung und den Commentar zum Pentateuch angefertigt, aber nicht später, da er (wie weiter entwickelt werden wird) im Jahre 925 bereits eine Replik gegen seine karäischen Gegner und zwar gegen Ben- Jerucham geschrieben hat. Jedenfalls gehören seine exegetischen Werke noch dem egyptischen Lebensabschnitte an, da er außer dem Pent.-Commentar auch den zu Jesaia im Commentar zu Jezirah und den zu Hiob in der Einl. zu Lrnuüob erwähnt ^). 3) Saadia schrieb seine grammatischen und lexikalischen Werke (die vollständig aufgezählt sind Orient. Litbl Jahrg. 1849 S. 684 f.) wohl nicht lange nach seinen exegetischen Schriften, weil sie den Schlüssel zu seiner Uebersetzungs- weise liefern sollten. Einige derselben erwähnt Saadia selbst in seinem Commentar zu Jezirah, und da er diesen Commentar schon in den Urmanob erwähnt, dieses Werk aber im Jahre 934 verfaßte (wovon weiter unten), so sind die grammatischen Schriften jedenfalls vor seiner Gaonatszeit abgefaßt. 4) Eben so hat S. seine Asharot, vertheilt auf den Dekalog: nii.ii» pu, .-oipo noch in Egypten gedichtet; denn er beruft sich darauf ebenfalls im Commentar zu Jezirah. Diese Asharot nach dem Dekalog sind jetzt gedruckt in dem Sammelwerke o>,'», 'i' iwpv poip sä. I. Rosenberg, Berlin 1850. Die Identität derselben mit den von Saadia selbst citirten hat Or. M. Sachs nachgewiesen (das. S. 85j. Hingegen ist es falsch, diese Asharot mit der von Mohammed Jbn-Jschak ihm vindicirten Schrift p'»ir^» :»n-, wie Wunderbar behauptet (Orient. Litbl. Jahrg. 1847, S. 487 s.) zu identificiren. Denn da dis Asharot hebräisch sind, so konnte sie der Mohammedaner nicht kennen. Er führt nur die von Saadia arabisch geschriebenen Werke auf. Eben so wenig sind die Asharot mit der saadianischen Schrift zu identificiren, deren Titel Munk gefunden hat: (p».i) ", 1'lpo 1,011 1,1V !pi»n "i'rvoi» p'»iv>i» 'ip VU'P'U 2»N2 (Plotios p. 15). Hebräische Verse können nicht eine arabische Ueberschrift gehabt haben. Der Inhalt dieser Schrift bleibt noch problematisch, o»'pi» bedeutet Folgerung. 5) Die talmudische Abhandlung über . 11 , nirii führt Saadia ebenfalls in seinem Jezirah-Commentar an . 11 , nirv p,xo i,»ie 1221 , sie gehört mithin ebenfalls dem egyptischen Lebensabschnitte an. Da nun diese Abhandlung, wie Napoport vermuthet, nur einen Theil eines großen Werkes über mvi i»viv gebildet hat (Biographie Note 19), so gehört dieses ganze Werk derselben Zeit an. Saadia muß auch noch andere talmudische Schriften in Fajum verfaßt 9 Von Saadia's Uebersetzung sind jetzt bekannt die vom Pentateuch, von Jesaia, Psalmen und Hiob. Diese führt auch der arabische Literarhistoriker Mohammed Jbn-Jschak in seinem Pärisb ul-kälum (um 988) auf mit den Worten: iwon 2 »n 2 — (?) nie» »^2 »po, ">i»nn1» i'osn 2 »n 2 , »'pv'» iwsn 2 »n 2 21'» 2»N2 I'OSN 2»N2 — op 11»1 1121 1'OLN 1.11 N2,i>» vergl. äs 8as^ OUrssbo- watUis arsBs I. 357 f). Mohammed nennt aber auch Saadia's Uebersetzung der Sprüche mit den Worten: ii»i n» 2 i» iwrn 2 »nr; äs Laez- weiß nicht, was dieses bedeuten soll. Man muß aber dazu ergänzen: n»i p», und -» 21 » bedeuten die Sprüche Salomon's, des Sohnes David's. Daß Saadia die Sprüche und überhaupt den größten Theil der Bibel übersetzt hat, sagt Bachja (in > 11221.1 11211 ). Vergl. Napoport: Saadia's Biographie Note 33 und 41, v'v'ip in, S. 5, Note 1 und S. 25. lieber i»"nv»i» 2 ».i 2 bei demselben weiter unten. 460 Geschichte der Juden. haben, die seinen Rnf als Talmudisten begründet haben, sonst wäre man in Babylonien nicht darauf gekommen, ihm die die Gaonwürde zu übertragen, die vor Allem eine tüchtige talmudische Gelehrsamkeit erforderte. 6 ) Zwei antikaräische polemische Schriften, die eine unter dem Titel axna i'llnrn (hebr. naa.n.a, znao.n -wo) und die andere '.myao p ' 7 p ai 7 x anno. Gegen wen das erste gerichtet war und wer der sonst ganz unbekannte Jbn-Saka- wijah war, läßt sich nach den bis jetzt zugänglichen Quellen nicht entscheiden. Daß die saadianischen Schriften Repliken waren, geht ans deren Inhalt teilweise hervor. Saadia hatte darin die anthropomorphischen Agadas gegen die Angriffe der Karäer gerechtfertigt. Das sagt uns Mose Jbn-Esra (in oL-an mnv, Zion II. x. 137): px iL>x n:-oxi onaaa 7 "ia wma.-iL» nv )ax so )p imw'Lmai aroa ana 7: N'lpo non — maap.n o.n onix bavn bab p'so'V no nbap.n .nam.n PV7 ow'ixoi oiupwx.n nopo o'viaxon nproL». Näheres erfahren wir darüber, daß die Einwürfe Saadia's gegen die Angriffe eines Karäers auf die Agadas und das Schiur-Komah gerichtet waren. Er behauptet, die Agadas wollen nicht Gott anthropomorphisiren, sondern haben „das geschaffene Licht", in welchem sich die Gottheit zeitweise manifestirt, im Auge. Die Echtheit des Schiur-Komah sei nicht bewiesen, aber selbst wenn es echt wäre, könnten dessen Angaben sich auf dieses geschaffene Licht beziehen (Einleitung des Jehuda b. Barsilai zu seinem Jezirah-Commentar, mit- getheilt von Luzzatto in G. Pollak's - 71 p p. 696): '7 )p inx a°>o nnvm NM7 pmo V.7 2.7L> a:vbn.i '«an 7UXV 7 NX NW PU! 77 NL- i» .7'7po X7 bp 7»x 7pw.7 7 : 0 a: nowr nwwma 7so n'7po non 7oni o'vbip.n xiia? xwon 7:x x'.n — bvx.7 .71 mix pan xi> a.na xrna man na NLXN xn bx'nnaxn nann a>a'E 0 x 1 — x:n xina n:x o>x>a-a 1 X 7 L' n:x i>a >a nxnni pan zxaiai — n'nan noip nip'D 7 p. Gerade diese Angriffe machte Salmon b. Jerucham in seinem polemischen Pamphlet (Nr. XV bis Ende). Es beginnt mit den Worten na--n aninn'? )an na acha 'a anrpL nnp amaxi anix n^ax 7 'Nian. Unter Andern führt er auch die Agada von R' Jsmael über bx-nnax an und polemisirt weitläufig gegen das Schiur Komah (vergl. Frankel's Monatsschrift Jahrg. 1859, S. 69 ff. und das. 109, Saadia's Ansicht über Schiur-Komah). Wenn, wie Munk aufstellt, das inan Saadia's auch das Kalenderwesen behandelt und dis rabbanitische Ansicht vertheidigt hat, was durch eine lange Stelle daraus, von Jephet citirt, bestätigt wird (bei Pinsker S. 38, Note I ff.); so kann auch dieses gegen Salmon b. Jerucham's Angriffe gerichtet gewesen sein, der diesem Punkte mehrere Abschnitte widmete (V.—X.). Es ist also kein Zweifel, daß das non axna gegen Salmon b Jerucham gerichtet war. Wie dem auch sei, so ist es gewiß, daß Saadia das inan noch vor seiner Uebersiedelung nach Babylonien geschrieben hat. Denn es ist, wie aus einem Citat bei Abraham b. Chija (iwp.i -wo sä. London 1851 x. 96 f.) erhellt, im Jahrs 927 geschrieben: io, bi n'ipo M px.in 0 x 2 m NX 7L'X NXI.7 .7W.7 — '77p PL'77 ">2X1 7 7 7.7.7 7 70 X7P17 7727 7-7 ripibnn.n uowom) o^ip nx '777 win n n:v x>7, oi77:o7)x N'7bo7 . 7 ") 7 .-;7x nw x>7 non na 7°>nn NX'777 a-'n o-aannL' a>nnx wn. Es ist also ein Jahr vor dem Antritt seines Gaonats geschrieben. Wahrscheinlich ist auch die Schrift gegen Jbn- Sakawijah in Egypten verfaßt; denn nach der Uebernahme des Gaonats hatte er mit inner» Feinden genug zu thun, um Muße für auswärtige zu haben. 7) Auch die Schrift gegen den Ketzer und ersten Bibelkritiker Chiwi Al- balchi hat er noch in Egypten verfaßt. Wir haben oben gefunden, daß das Citat bei Jehuda b. Barsilai aus Saadia's Schrift gegen einen Ketzer dem non entnommen ist. Zum Schluffe dieses Citats heißt es: -o777x mn ->ox nxn Note 20. 461 L1X P2 11122 »2L'b 1121 L'11.121 ll'2ui>2.1 1"2,2.1 2IP Illb 1Uj!2 2MU2 12 21221 1222 0 M 22 . 1 . Saadia beruft sich demnach im 12.1 auf seine Schrift gegen Chiwi. Folglich ist diese vor 927 geschrieben; auch citirt er sie in den Emunot (o. S. 458). lieber Chiwi weiter unten. Wer der Karäer new »2 oder new p war, mit dem Saadia einen Disput über traditionelle Auslegung hatte (Jbn-Esra Pent. Comment. zu Exod. 21, 24) und von dem Jbn-Esra zwei abgeschmackte grammatische Bemerkungen citirt (das. zu Exod. 20, 23 und 22, 27), ist noch nicht ermittelt worden. Ob er identisch ist mit p 'ipin am Rande eines Mskr. von G'anach?^) 8) Wir sehen demnach, daß Saadia viele Schriften noch in Egypten verfaßt hat, wie eben Dunasch b. Tamim (o. S. 457) aussagt. Aus desselben Worten geht aber auch hervor, daß Saadia seinen Commentar zu 8stsr sis^irs. oder das 'iniL^u 2^12 nicht in Egypten, sondern in Babylonien verfaßt hat, wie der Zusammenhang lehrt. Abudani und David aus Fez haben Dunasch b. T. das 8stsr sis 2 ira.I 1 erklärt und erläutert (2111021 1115 ) von Saadia gebracht, und er (Dunasch» habe sofort Einsicht davon genommen, um zu sehen, welchen Fortschritt Saadia inzwischen gemacht hat. Denn an dessen früheren philosophischen Arbeiten, die jener noch in Fajum geschrieben, habe er (Dunasch I Manches aus- zusetzen gehabt, obwohl er damals erst 20 Jahr alt war (vergl. die Stelle Orient. Litbl. 1845, S. 503). Der Jezirah-Commentar gehört demnach Saadia's zweiten Lebensabschnitte an. Saadia traf in Sura im Monat Jjar 1239 8sl. — 928 ein (nach Scherira), und da er diesen Commentar bereits in den Urannot citirt (verf. 934), so ist er geschrieben 928 — 34. Man kann die Zeit vielleicht noch näher einschränken. 9) Es hängt mit dem Streit zusammen, den Saadia wider seinen Willen — mit dem Exilarchen David b. Sakka'i hatte. Der Verlauf dieses Streit.', hatte mehrere Wendungen. Wenn Abraham b. Daud aufstellt, Saadia habe wegen der Streitigkeiten sich sieben Jahre im Verborgenen gehalten: "1 urm 1 122 .i'ipo, so ist das falsch. Scherira läßt die Zeit unbestimmt: um .122 .i'ivo '1 12 ; die sieben Jahre beziehen sich auf die Dauer des ganzen Streites, wie Nathan Babli genauer angiebt; 1 i? oiuw ipii-iui 1 , 2 min. Innerhalb dieser sieben Jahre hat sich aber Saadia noch immer einige Jahre behauptet, wie aus folgenden Daten hervorgeht. Zwei Jahre nach Saadia's Berufung brach der Streit aus (nach Scherira): » 22 - '2 (i'ivc) U 12 M 2 2 Miui, also im Laufe des Jahres 930. Obwohl der Exilarch ihn seines Amtes entsetzte, so unterlag er doch nicht; denn er wurde von angesehenen und einflußreichen Juden Bagdad's unterstützt (Nathan): (innm l.) 112 H miobii I 22 >i' 2 -x boi 1WVM V12-1 lb.2.1 22U 2'w 112O11 2N22 122 MM 111>'i 1'1>'2 '1 2>' l'.l 21,221 >21211. Dasselbe berichtet Maßudi (bei äs 8s.cz- Osirssbonasbdis srads I 350: „lieber einen großen Theil der angesehenen und gelehrten Männer der Juden war Saadia Oberhaupt, und sie gehorchten ihm:" (ni'bu » 2 ) 21 V 2 u 2 22 >'iui l'rriu 2 iu> i'iu uiiu, 2 mi 2 . 1:2 i''i 2 >5>' 'uiw^ oum. Er war daher im Stande, einen Gegen-Exilarchen an Hassan-Josia, dem Bruder David's auszustellen, der von Saadia's Partei gehalten wurde. Maßudi, als Zeitgenosse, kennt den Streit genau. Er berichtet, daß der Zwist zwischen Saadia und David b. Sakkai zur Zeit des Chalisen Almuktadir ausgebrochen ist, und daß Saadia seinem Gegner Widerstand geleistet: »2 iiui niix'iim oui ,2uiv5u2 pr ,2 (i>xob) ii> 1 M 21 *) Neubauer, sionrnal ^.sis.tic(Uö 18K2 II x. 230. Dieser non »2 widerlegte Anan's Ansicht, daß der Beischlaf mit einer Schwangeren verboten sei. 462 Geschichte der Juden. ssnpLhx 'Msuh'n 'S 1^11 ,-,'hp ^PSNPX! 'S!. Ferner berichtet er, daß die Juden deswegen in Parteien auseinandergingen: tmh"-nh sm>h>,' ps soi,s) smm; und endlich, daß die Parteien ihre Streitsache vor den Wesir Ali b. Jsa und in einer Sitzung mit anderen Wesiren und Richtern brachten: oh'ns w mscnn ".-mrphm nnsnbn 'c>>p ;s 'hp wohn. Diese Sitzung kann aber nur zwischen 920 und 32 geschehen sein. Denn im Jahre 928 wurde Ali b. Jsa abgesetzt und verhaftet (Weil, Chalifen II. 558 f.) und gelangte erst wieder zu Ansehen im Jahre 930 (das. 586). Im Oktober des Jahres 932 wurde der Chalife Almuktadir ermordet. Bis zu Almuktadir's Tod hat sich also Saadia behauptet; denn Nathan Babli referirt sehr genau: Der Gegen-Exilarch Hassan- Josia hat sich drei Jahre gehalten: msU) (m'am' nmi sis m:< wo) mn. Folglich hat sich Saadia eben so lange behauptet. Die Verbannung Hassan's nach Chorasan, d. h. das Unterliegen der saadianischen Partei, erfolgte also erst drei Jahre seit dem Beginne des Streits. Es ging demnach von Muktadir's Nachfolger aus, dem schäbigen, habgierigen und verworfenen Chalifen Alkahir. Während dessen ganzer Regierungszeit unterlag Saadia. Denn Alkahir regierte vom November 932 bis April 934, und wenn man von den sieben Jahren, der Dauer des Streites, die drei abziehet, in welchen sich Saadia behaupten konnte, so fallen von den vier Jahren der Amtsentsetzung, zwei unter Alkahir's und zwei unter Alradhi's Chalifat. Die Versöhnung fand nämlich statt 936 (nach Nathan). Es ergeben sich daraus folgende chronologische Data: 928 — 30 Saadia in unbestrittener Funktion des Gaonats 930 — 32. oder 33 mit dem Gegen-Gaon Joseph Bar-Satia und 922 (3) — außer amtlicher Thätigkeit. 10) Die religionsphilosophischs Schrift Drnnnot verfaßte Saadia im Weltjahr 4693: nrs s'shn 's an 's shiph pn >s hsv.i hsp' sum 'hm, (I, 5 nach der richtigen Lesart des de Rassischen Codex Nr. 83; in unseren Editionen falsch "shsis). Da nun Saadia die ^.sra, vaunäl ein Jahr später ansetzt (o. S. 460), so fällt die Abfassung ins Jahr 934, d. h. während seiner Amlsent- setzung. Dieses Werk verfaßte er sicherlich in Bagdad. Diese Stadt hatte er im Sinne, wenn er aufstellt (in der Einleitung): s'psr- psn>-, mp c>ssw sr'ns i'Vp'L' nm psn hn zhisw m i>s 's nnin. Daß Saadia in Bagdad war und dort eine Sonnenfinsterniß beobachtet hat, sagt uns Jbn-Esra in dessen os^m rissn (0. III.): nm ni> sns^ss wQvn isissp psss ,sns 's S 2 M pxm ,-,p 2 ;s hp shw.-i rips. Es ist vielleicht die allgemeine Sonnenfinsterniß vom Jahre 934 am 16. April, Mittwoch 4 Uhr 30 Minuten (im Verzeichniß der in den Geschichtsbüchern angemerkten Sonn- und Mondfinsternissen). Man sieht daraus, daß von einem Leben im Verstecks keine Rede sein kann. Saadia hält sich während seiner Absetzung in Bagdad auf, von seinen Freunden geschützt. Sonst wäre auch Nathan's Relation unverständlich, daß die Versöhnung dadurch erfolgte, weil ein Mann, der einen Prozeß hatte, Saadia zum Schiedsrichter gewählt hat. Wie konnte Saadia gewählt werden, wenn er sich in einem Versteck aufgehalten haben sollte? Was Abraham b. Daud erzählt, Saadia habe seine sämmtliche Schriften im Verstecke verfaßt, reducirt sich darauf, daß er die Emunot in Bagdad geschrieben hat, vielleicht auch etwas früher, im Jahre 933, seinen Commentar zu 4s2iraü. — Nach Munk (Mottos Zur Jaaäis. x. 16) lautete der arabische Titel der Emunot: osnpmphm isnnsüh.'! snns. Der Titel scheint aber nach Scherira referirt, der Gegen-Gaon sei nach Chorasan verwiesen worden: ;ns->sh m-.m. Dieser PassuS scheint in Nathan's Bericht ausgefallen zu sein. Note 20. 463 Mohammed Jbn-Jschak anders gelautet zu haben. Derselbe zählt nämlich unter Saadia's Schriften auch eine unter dem Titel aus (bei cts 8ae^ idiä. 357): nnhmpo ->e>p in: hnno^h^i onno, d. h. Schrift der Beweise und das sind zehn Abschnitte. Gerade so viel Abschnitte haben aber die Emunot. Folglich lautete der Titel hnnonhn „ur^urnsnba." 11) Das nhz>-> -wo, das Abraham b. Daud citirt und von dem Abraham b. Chija (in nh:o.-i nhro) aussagt, Saadia habe darin die messianische Zeit berechnet, (Einleitung zu dessen -vorn 'o x. X.), hat Saadia später als die Emunot verfaßt. Denn bei Gelegenheit, wo er die Messiaszeit berührt (Abschn. VIII. > beruft er sich nicht darauf. 12) Die Schriften, für welche sich kein chronologischer Anhaltspunkt geben läßt, sind folgende: s,) Eine Uebersetzung der Mischnah ins Arabische mit einem Commentar. Daß Saadia die Mischnah übersetzt hat, erfahren wir aus einer Notiz des Touristen R' Petachja aus Regensburg (um 1180). Er berichtet in seinem owo: In Irak bedienten sich zu seiner Zeit die Kundigen der Erklärung Saadia's zur ganzen heiligen Schrift und zur Mischnah: mipo w.vs onoih hör o'iro nvp.-i hoo Da wir nun wissen, daß Saadia's Erklärung und Uebersetzung der Bibel in arabischer Sprache vorhanden war, so war wohl die zu Mischnah ebenfalls eine Version. Mohammed Jbn-Jschak scheint ebenfalls von dieser Mischnahübersetzung zu sprechen, indem er unter Saadia's Schriften eine mit folgenden Worten aufzählt: pr 'nhnnhn reo im vorn rnoo nrL'o '.rxrmrn. Wörtlich: „Die Uebersetzung des dritten Theiles des jüdischen Gesetzbuches von der andern Hälfte der Thora mit Erklärung." In dieser Fassung hat der Satz allerdings keinen Sinn. Man muß vielleicht mnim statt hnh'n'n emendiren, und der Satz würde dann heißen: „Die Uebersetzung des zweiten Gesetzbuches, nämlich von der andern Hälfte der Thora oder des Judenthums." Der Pentateuch — dessen Uebersetzung von Saadia Mohammed b. I. erwähnt hat: orw nho xpo: "-mrinim -vorn — bildet den einen Theil der Thora im weiteren Sinne oder das Judenthum, und die Misch na h oder das traditionelle Gesetz des ins -wo bildet den andern Theil desselben. Das Wort no.xwo sagt aus, daß die Uebersetzung von einer Erklärung begleitet war. d) Eine Hodegetik zum Talmud: vohnn wo-:, citirt von dem Sammler Bezalel Aschkenasi (vergl. Ausulai 8olisiii Ua.-6lsäc>Urn sä. Lsn-äuood 1. II. d. 16. Nr. 59.). s) Mehrere talmudische Abhandlungen über civil- und eherechtliche Themata. Bekannt sind: a. rinuL'.n D, das schon Scherira erwähnt (Nssp. 6-aorärn pix '->pL> 17 b. Nr. 11 und wohl auch 15 b. Nr. 30: nnpo 'o umin vsoo nuxm über Scheidebrief). L. pipen 'o, citirt von Me'iri Einleitung zu Abot sä. Stern x. 17: vp,-> ri'.-n w'po pn no.xh i-ono> pipsn oooo h": ,-oipo '->o ohop p: 'soipnoi omnnnpo 'mpo von o'pihn n.n: onoo mb n: o'i'pro: ovoio oho im n'.nn pnpsn 0 ", :h onoh hinLm: o'opoo zn: pmn mm Handschriftlich in der Bodleiana liegt ein Werk Saadia's über Erbschaft: nmvohn onno. — ü. Eine Schrift über verbotene Ehegrade citiren Karäer von ihm (bei Pinsker S. 174 Note 1). Ob Saadia auch ein besonderes Werk über Eide (nipwe' mo) verfaßt hat, wie Rapoport behauptet (Biographie Note 20) ist nicht sicher. Das Citat von Isaak Albargaloni spricht nicht von einer Schrift Saadia's. Ob die ompn und nipwe- in Versen, in einem Parmensischen Codex (Dukes XaoUal Xiärirlllrn S. 2) Saadia angehören, ist zweifelhaft. Die talmudisch-juridischen 464 Geschichte der Juden. Schriften hat er wohl in Irak oder Bagdad verfaßt, nachdem er sich praktisch mit der talmudischen Jurisprudenz beschäftigt hat. ä) Eine liturgische Agenda in arabischer Sprache i'ipo 'i 1112 handschriftlich in der Bodleiana. Er giebt darin Gebete und Pijutstücke an. Seine eigenen liturgischen Compositionen sind ebenfalls darin enthalten (vergl. darüber Frankens Monatsschr. Jahrg. 1859 , S. 407 ). Mohammed Jbn-Jschak nennt diese arabisch geschriebene Agenda Saadia's: p'niwini nniirin °,i2npn 2nn2 ( 1 . v.) „Einleitung zu den Gebeten und Gesetze" (darüber). Diese Agenda scheint er in Babylonien zusammengestellt zu haben, da sie vom babylonischen Ritus genaue Kunde giebt. s) n über Kalenderberechnung. Auch dieses Werk kennt Mohammed b. I. unter dem Titel: n'innin in: ii2p°?n anno; es scheint also ebenfalls in arabischer Sprache verfaßt gewesen zu sein, wie denn überhaupt der größte Lheil seiner literarischen Produktionen arabisch waren. Nach Luzzatto's Untersuchung (Orient. Jahrg. 1851 x. 101 f.) ist Saadia der Erfinder des Verfahrens, die jüdische Kalenderbcrechnung durch Annahme von sieben verschiedenen Jahres- sormen zu erleichtern, pn? i'ipo 211 2'ipv i. Wahrscheinlich war dieses Verfahren in dem ii2pi>n 2ni2 auseinandergesetzt. t) iL'n p °?p 1121211. Daß er gegen einen der Begründer der Massora polemisirt hat, erfahren wir aus einem Citat bei Dunasch b. Labrat in seinen Angriffen auf Saadia's Exegese bei der Etymologie des Wortes niw°?n. S. behauptet das n gehöre zum Stamme; Dunpi mini ybn ybn :12N1 12'N ;2 ip 2'2112- 'ei ,11P'P2 Nil '2 ni'vino 12N. Ueber Ben-Ascher (s. weiter Note 23 II, — f.). Z) nun p ip 112121, von Jbn-Esra citirt, (s. o. S. 461 ). II. Chiwi Albalchi oder Alkalbi, gegen den Saadia polemisirt hat, war wie schon Rapoport richtig aufgestellt hat (Biographie Note 31 ), kein Karäer, sondern ein rabbanitischer Ketzer, oder richtiger der erste consequente Bibelkritiker. Das ergiebt sich aus einer Notiz bei Salmon b. Jerucham, der ebenfalls gegen ihn polemisirt hat. Aus dieser Notiz und aus einem Citate bei Saadia können wir die Kritik Chiwi's gegen die Göttlichkeit der heiligen Schrift ihrem Umfange nach erkennen. Aus einem Citate in 2 12 2122 1222 ' 2 l 2 in >rn i 2 n nun lip :;i 2 °?i ,iio i'ioi in >np 2222 i'i 22 ii . 2'N22,1 2 in 22 P2 11122; 22 >i 1121 owiiui 12N1 I'NI — ll'ups yin 1,2 11N 1V'N2 P22,1 w 122N 2'2112 '2N°!2i> 12 p 12 PIN 1'N 0'2211 1» lim N °1 22 N 2 . Salmon b. Jerucham erwähnt einen andern Einwurf Chiwi's. „Wozu hat Gott Opfer vorgeschrieben, da er sich nicht nährt, wozu Schaubrode, da er nicht speist, wozu Lampen, da er keine Beleuchtung braucht (Commentar zu Kohelet 7 , 10, citirt und übersetzt von Pinsker a. a. O. Text S. 28): 21112 1112 121 12 N 1 I 2 P 2 2 "n NI , 12°1 2"1 , 12 °? 12NN1 , 1111,1 ' 21 P 2 1)111 n°?1 2121 2N°?2 2"1 12°1 PI) 11'N 2N 11121P1 N112P2 2"N 12°?1 12N' °?N 1,1°?^2' '2°?21 >11 112N1 12 11P21 2'22N1 vbp I2'2,1 1221 111N1 t>2p' Ni LN 11112 2"1 12°?1 °?2N> N°) 2N °:'22i nn ib. Diese zwei Einwürfe erwähnt Saadia in seinen Emunot (III. 10 ) unter den zwölf, welche man der Göttlichkeit der Bibel entgegensetzt, und sucht sie zu widerlegen. Man ist dadurch zum Schlüsse berechtigt, daß zehn von den dort aufgeführten zwölf Punkten aus den zwei Hundert ausgewählt sind, welche Note 20. 465 Chiwi gemacht hat. Die übrigen zwei (letzten) Einwürfe rühren von mohammedanischen nnd christlichen Polemikern her. Wir haben also daran einen Theil der Chivischen Kritik. Es sind nach der Reihenfolge in Emunot folgende: 11221 '2112 pu 2 ii 2>2 ( 1111 ) 111 1222 , 2111 b o>i -,22 oiu '12 i -,2 'bin (l .10 ll'1U122 bui 2 ' «i'i b. 11,222 112--2 ii'io 12 2 'L' 22112 112 P 2 i -,22 iiu 'bm : 11211 (2 . 2'U 1U2' 2'2lu -jb-, bni2' br 'I'I 2'2'1 '10121 2'N -jbu 11U2 1122 bll- ',27! 1'1'2 1,22 U112 1121 12 2'2 122121 1,b IIN'2' 'blu :'2'b211 l3 1'12 2'2l22 2.1211 l'lll 112 111N 12P1 212 '2 1'11 12 22211' s2 2117,' '2 2'112 2N1 .112 2'P21N1 0'12 2'2'1 '12121 112 ll'12p 2112- ib 21212) 112121 2112b 2N 21121,27, 21-2 1I2P2 1.12' 'bin :">'211 (4 1111 21N '12 s'2 111N N1121 1'221 -s'N 2121' 2211 'bin :'2211 (5 .2'11 121 2'2N221 ^2221 bl IN 2 NI 12b 12 12N'1 12221 12P22 121' 'bin : '2211 (6 111 'SI 1221 1"1 ib ,2 1112 b, 212 1 'lbi 'len 2 ibbi — Ii, 2 bii mibi . 21 b 12111 12N21 2'2.1 111'N 111N'122 1211 11P2 21N 1'1' 1'N 11-21 ',2112 2121'2 ,'>"2211 (7 . lb'21 b"1 2'2.1 1'1' 1,11' 1122 1112' N2211 2'N221 112.12 111-2 11'1 1'N 1211N 112 1'1>'2 2121'2 : >1'2211 (8 . 2>11121 N112 21N ' 12 b 1211 122 '2 2-11221 21>2 büupb lbl221 1-P2 :'>'2111 (9 .12 22 .1112> nb2 p> 2>b 12 1212' 1'N 1211> lb-> b> :'1'2>11 (19 Die hyperkritischen Bemerkungen Chiwi's, welche Jbn-Jsra von ihm citirt, zeigen ihn ebenfalls als einen freien, bibelkritischen Denker: daß das Wunder am rothen Meere aus Ebbe und Fluth zurückzuführen sei (Jbn-Esra Commentar zu Exod. 14, '27 >, daß das Manna nur ein süßer Pflanzenkörper gewesen sei, den die Perser P 2.1111 und die Araber po nennen (das. 16, 13), und endlich, daß die Bedeutung des Satzes 12 s ii> 11,2 '2 sei, Mose's Gesicht sei wegen des Fastens hornartig vertrocknet gewesen (das. 34, 29). Aus der Fassung von Saadia's Entgegnung auf Chiwi's Angriffe geht hervor, daß beide und ebenso Salmon b. Jerucham Zeitgenossen waren Es ist daher unverständlich, was Saadia Jbn- Danan berichtet, daß zu Chiwi's Zeit eine so allgemeine Judenverfolgung ausgebrochen wäre, daß Viele zum Islam übergegangen seien, (in Edelmann's Sammelwerk 11111 1121 x. 16): 1-221 112 -n iib. 1,22 2 ' 2 i b> 1221 211 112 p 122 1122 p , 2'12 '27-21 ','1 ' 2>2 1N71 P 1 NI 21 P 21 P 1 N 1 ', 2 ' 12 N 1 P 2 ' 11 . In den mohammedanischen Neichen war nur eine verbreitete Judenverfolgung unter dem fati- midischen Chalifen Alhakim (im Anfang des elften Jahrhunderts) und später unter den Almohaden. Aber Chiwi lebte als Zeitgenosse Saadia's und Salmon b. Jerucham's vor dieser Zeit. Die Notiz bleibt also räthselhaft. — Uebcr das Ephiteton 'obobn oder ' 27-21 ist zu bemerken, daß nur das von Luzzatto veröffentlichte Citat von Barsilai die erste Schreibart hat, alle übrigen Quellen, auch Salmon b. Jerucham, dagegen die letztere. Nur aus einer Angabe des Saadia Jbn-Danan (1. 0 . p. 28) läßt es sich entscheiden, daß Chiwi in Balch lebte und lehrte, also Albalchi richtig ist: -oboi 11 111 (i'i >2 -1 - 2 ' 2 ) i- 2 ' 2 , Nil P221 11111 12N 1211 1111 12b2 1121 -1 11112 2121 b-N12'2 1211 l'lll 1>21 b222 iblbu '1>2 1,211'1 '12b2 1N12 1'1>O 1'21 1'>11 1'1 bli: -12221 k^oibo '1'1 ' 2 b 2 i ".'1 1111 2 'i 2 b. 2 . Man sieht daraus, daß die frommen Schriftsteller geflissentlich den Namen des Erzketzers ' 27-2 in '212 verwandelt haben. Graetz, Geschichte der Juden. V. 3» 466 Geschichte der Juden. 21 . Chasdai l». Isaak Ikn-Zchaprut. Die vier gefangenen Talunidisten- Uathan der Babylonier. I. Die vortreffliche Monographie des friihverstorbenen Autors Philoxeno's Luzzatto, Hoties sur ^.bou-äousoul Ossäsi-ibrr-Olisproub (Paris I8L2) hat die Biographie dieses jüdischen Staatsmannes nach den Quellen und mit glücklichen Combinationen so erschöpfend behandelt, daß nur wenig Nachlese bleibt. Nur in Betreff zweier Punkte hat meine Forschung ein anderes Resultat ergeben. Der eine Punkt betrifft den Beginn von Chasdai's Carriere und der andere dessen Lebensende. 1> Der Beginn. PH. Luzzatto geht dabei von Jbn - G'olg'ols Relation aus. daß Chasdai erst durch seinen Eifer, die dunkeln Partien des griechischen Dioskorides ins Arabische zu übersetzen, sich die Gunst des Chalifen Abdul- Rahmann's III. Annasir erworben Habs. Der Dioskorides wurde diesem Chalifen vom byzantinischen Kaiser Constantinus VIII. Porphyrogenetus. dein Sohne des Basilius Macedo, mit andern Geschenken durch eine Gesandtschaft im Jahre 949 zugeschickt. Da aber Dioskorides' Schrift über die einfachen Medicamente den Arabern ein versiegeltes Buch war. so bat sich der Chalife einen Mann aus, der des Lateinischen kundig sei. Der byzantinische Kaiser sandte hierauf den Mönch Nicolas, der das Griechische für Chasdai ins Lateinische und dieser wiederum die lateinische Version ins Arabische übersetzte. Der Zeitpunkt, in welchem die Uebersetzung angefertigt wurde, ist zivar nicht bekannt, fällt aber jedenfalls, wenn man die Rückreise der byzantinischen Gesandtschaft, die Absendung des Mönches Nicolas und das Geschäft der Ueber- fetzung berücksichtigt, mehrere Jahre nach 949. Folglich begann Chasdai's Carriere bei dem Chalifen erst im Anfang der fünfziger Jahre des zehnten Jahrhunderts. So ungefähr stellt es Luzzatto dar. Er ging aber dabei von de Sacy's Uebersetzung der Stelle bei Jbn-G'olgol aus, deren Points im Original lautet: zürnen 12 p -ft.vn 'in in ".n.i'i zv, welche de Sacy (in dessen Ossorrpbioii äs i'IÜA^pbs pur i4däs.1is.til p. 496) so wiedergiebt: äaiis 1s, vus äss's.tbirsr Is, bsvsur äu priiios ^.Iiäsrrslimsn tllssäa .1 ftsn Osoiiroub l'Isrsslibs msbbsib bssuvoup ä'sräsur). Die Stelle läßt aber auch einen andern Sinn zu. „In Rücksicht des Nahestehens bei dem Chalifen", d. h. weil Chasdai dem Chalifen früher nahestand, war er eifrig, die Uebersetzung zu Stande zu bringen. So saßt sie Gayangos auf (in dessen ftisbor^ ob bUs maliomvbs.li ä^iissbiss in 8ps.iii ^.ppsuäix p. HV.s: iimoriA bkioss vlio oviuA bo blis SLbssm, in vftioli bks^ vors Iislä I>^ biis Llislil, soulä ad s.n^ bims Ao bo tks ps.Is.ss sml snisr blis liftrsr^, vas Ossäa^ iim Lsslirub blis Israslibs. Es scheint, daß Gayangos einen andern Text des Jbn-Golgol benutzt hat. Nach der de Sacy'schen Auffassung hätte Chasdai's Stellung bei Hofe erst in Folge der Uebersetzung begonnen und wäre demnach später eingetreten. Nach Gayangos' Auffassung dagegen hätte er schon vor der Uebersetzung eine Stellung eingenommen. Hätten wir bloß diese einzige Notiz zur Bestimmung des Datums von Chasdai's Ehrenstellung, so wäre es allerdings zweifelhaft. Allein cs giebt vollgültige Beweise, daß Chasdai bereits zur Zeit der byzantinischen Ge- sandtschaft bei Hofe angesehen war. Mose Jbn-Esra setzt in seiner Poetik den Anfang der Blüthe der hebräischen Poesie in das Jahr 4700 der Weltaera — 940 und zwar mit dein Mäcenat Chasdat's (Munk, Nobles sur Xdorilrvaliä p. 77, Note 2). Von Mose Jbn-Esra hat Jehuda Alcharisi seine Angaben über die Anfänge der jüdischen Poesie geschöpft (in laolcksiiioiii Nakams XVIII). Folglich muß Chasda't schon ini Jahre 940 ein Hosamt innegehabt haben, um Mäcen sein zu können. Das wird auch von einer andern Seite bestätigt. Von den zwei Repräsentanten der Chasdat'schen Culturepoche hat der Eine, Dunasch b. Labrat, mit Saadia in Verbindung gestanden und ihm metrische Verse gezeigt. Saadia war aber mit der Einführung des arabischen Metrums in die hebräische Poesie unzufrieden und bezeichnete es als etwas Außergewöhnliches und Verwerfliches. Dieses Alles folgt aus einer Stelle in Dunasch' Kritik gegen Saadia's (iipo ip 2:11 i::ir',i LIrv. Lolrröbsr) i,:in::i . iniL": 1112: inii ni 12N1 1'5'p: inis: !N 'i:i .ipL'2i 'i:e>: i:'2"i 2'N1 i:,:L'i mini 11 : 1 : ip'i> oii 11'1 ni Niro i:2 Iiiin 1'1P2 "I 12 in ': 2P1' I!un starb Saadia 942. Folglich hat Dunasch schon um 940 gedichtet und sein Mäcen war Chasda't. Aus der Polemik der Menahemisten gegen Dunasch scheint hervorzugehen, daß der letzte gar Saadia's Jünger war: v" i'ipo 'i nii i:L' i:: I'i'2iii 1'pr N'11 rip: .VN'.':: i:ipi i,22'2: lipro nii — ll'1'2' 12: li. lind als Dunasch gegen Menahem b. Saruk polemisirt hatte, war er etwa 30 Jahr alt, so fällt die Polemik zwischen Beiden in die vierziger Jahre, und Beide widmeten ihre Schriften Chasda'i, als er bereits Staatsmann war, und nicht ein Jahrzehnt später. Noch entschiedener spricht Chasda't selbst dagegen, daß er eist in Folge der Uebersetzung des Dioskorides, also nach 950 sich die Gunst des Chalifen erworben. Wir haben jetzt zwei historische Urkunden an dem Briefe Chasdat's an den jüdischen Chagan der Chazaren und an dessen Antwort an jenen, deren Echtheit jetzt Niemand bestreitet. Chasda't sagt nun in seinem Sendschreiben, daß die Gesandtschaften des deutschen Kaisers, des Königs der Sklavonier und des byzantinischen Kaisers an den Chalifen von ihm eingeführt wurden, durch ihn die Geschenke überreichten und von seiner Hand Gegengeschenke empfingen; 12 - 2 : 22 ',: 1:21 :nipr in 212 L-i::i pi 2 i iwr-n -ir, :iii 2 i irnr.i ''' ipi:nn :2 i:n:i 'i'ip :-in :':iv'. Folglich war er zur Zeit, als die byzantinische Gesandtschaft ankam (949), bereits Staatsmann und ist es nicht erst in Folge derselben durch seine Leistung bei der Usbertragung des Dioskorides geworden. Ja, nach Jbn-Adhari traf die byzantinische Gesandtschaft bereits im Jahre 334 d. Hegira — 944 — 5 ein (sä. 1. ll. x. 229): — pi-wo,: i::nin onin ii >2 ioi 'in im (334 " 1:0 w) ni--i irnrin 'in :i:i: p: :ni:: — "iv 2 : 2 oiin :nnr. Von den byzantinischen Gesandten erfuhr Chasda't das faktische Vorhandensein des Chazarenreiches, das er selbst bis dahin halb als Fabel betrachtet hatte: 12 - 2 - 22 ,: 'iiir- :n: 12 N ip 1:11 ip :in' 2 ni u:i 2 in ::i 2 ins :i:: 11 : 21 :. Nach Jbn-Adhari (das. II. x. 234) kam die Gesandtschaft des sklavonischen Königs Hunn im Jahre 342 der Heeira — 952 — 53 in Cordova an: 'ir> n 2 -i ioi 121 ,: 342 "iw 's i-n:in 'in "i:in,:xin, und auch dabei sungirte Chasda'i. Einige Jahre später begleitete Chasda't des Chalifen Gesandten Mohammed Jbn-Hussain an den Hof des gallicischen Königs Orduvo b. Radmir (Jbn-Adhari das. p. 237): 1'211 ;: piin 'i''pn- 2 in 'in irnein p: ;n: niioi poi 1012 :i,: (345 iw w) niwi in:in 'in i:ni:: ' 111 'in 211 : 2 ' 1 >'21 "i',:'i: 1 : 2 . Aus allen diesen Zeugnissen geht vnt Bestimmtheit hervor, daß Chasda'i' bereits in den zwei Jahren 940 30« 468 Geschiche der Juden. bis 48 seine Stellung bei Hofe h„tte. Wenn PH. Lnzzatto weitläufig nachweist, daß das Eintreffen des Namirez und seiner Großmutter Toda — von dem Dunasch' Verse singen, daß Chasdai es veranlaßt hat — erst in den Jahren 958 — 59 stattgesunden habe, so spricht eine Quelle bei Almakkari dagegen. Diese giebt an, daß Abderrahman schon in den Jahren 933 — 936 mit Tuta (Toda) und ihrem Sohne oder Enkel Garcia (oder Sancho) zu thun hatte. Die Angabe lautet nach Gayangos' Uebersetzung (a. a. O II. 135): In t.ds vsar 322 (933) ^.nnusir rnacls an inaursion into tds inountainon-; äistriots (Ha.vs.rrs), rviranas Irs naarvdsä on 1?arnp1nna. (jnssn 1? u ts. Ir ckrsaäinA dis vsnZsanos, earns out to nässt dirn s-nci put dsrsslt' nnäsr dis porvsr, npon rvdied ünnasir invsstsä. dsr son Karoia rvitd tds sovsrsiAnt^ ot tds larrä. — In tds ^sar 325 (936) dsarinA tdat Lntad <^nssn ot Landsluvs-d daä. intrin^sä tds trsatz- sndsistsci dstrvssn tds trvo, ^.nnasir invaäsä dsr dinAcioua, sudäusä tds grss-tsr parb ol it airck oornpsllsil dsr to askr psass. In der Thal, wenn man Dunasch' Verse genau betrachtet, so sagen sie aus, daß Chasdai Namiro's Sohn mit Großen und Geistlichen halb als Gefangene nach Cordova gebracht und in Folge dessen auch die Königin Toda oder Tuta dahin durch diplomatische Künste gezogen hat: wvL'M ri'2'v wllrn .noo.m a'ivo: ll'NV: 1 'QII 10 >0:7.1 v'ir n on vpi "teo pnnv: Der Aufenthalt des vertriebenen Königs von Leon, Sancho Ramirez, in Cordava im Jahre 856—59, um sich von seiner Corpulenz heilen zu lassen und den Chalifen um Hilfe anzustehen, ihn wieder auf den Thron zu setzen (wovon die spanischen Chronisten erzählen), braucht nicht mit dem Factum, wovon Dunasch sang, identisch zu sein. 2) Chasdai's Lebensende. PH. Lnzzatto setzt dieses annäherungsweise ins Jahr 996 und schließt es daraus, weil der, unmiltelbar nach Chasdai's Tod von einer Partei zum Nabbinen von Coidova erhobene Joseph b. Abitur in Cordova unterliegend, sich zu R' Hat begab, und dieser erst im Jahre 998 Gaon wurde (Mottos p. 57). Indessen abgesehen davon, daß b. Abitur, ehe er zu R' Hai kam, sich vorher in andern Ländern und Städten aufgehalten hat, in Bagana'd wahrscheinlich auch in Afrika und Egypten, so sprechen einige Momente entschieden dafür, daß Chasdai noch bei Lebenszeit des Chalifen Al- hakim, d. h. vor 976 gestorben ist. a) Als sich nach Chasdai's Tod (wie Abr. b. D. ausdrücklich bemerkt», wegen des Rabbinats Parteien in Cordova bildeten, die eine an Moses' Sohn Chanoch festhielt, und die andere b. Abitur wünschte und b. Abitur in den Bann gethan wurde, rieth ihm der Chalife, an den er sich gewendet hatte, auszuwnndern, und bemerkte ihm. daß, wenn seine Unterthanen eine solche *) Die Stadt wovon Abraham b. David spricht: .-unro im -wert- -firn lautete arabisch eben so ".im'w, heißt jetzt Pechina nah bei Almeria und war ehemals eine bedeutende Hafenstadt. Vergl. O-az-anAos I. o. I. 359, Note 122. Es ist also nicht Basna, wie Zunz ausgestellt hat. Note 2 t. 469 Unzufriedenheit mit ihm zeigten, selbst er auswandern würde: 12m ii- 22» 12221 22222 N'w -,2"2 2'212'2 12 12"- 2L-X2 '2 2-2-12 2-2X-22--2. Dieser Chalife war aber sicherlich Alhakim, den der Chronograph vorher genannt hat, daß b. Abitur für ihn die Mischnah (nicht den ganzen Talmud) ins Arabische übersetzt hat: 0-222x122-2- rx-or" 1222 -22-- pL-22 2-222 .22-2-2 82 2-2-0 21,2-2» r-2i- '2. Unmöglich konnte es dessen Nachfolger Hischam gewesen sei») denn dieser war bei seinem Regierungsantritt unmündig und blieb unter Vormundschaft bis zum Tode des Wesir's Älmansnr Jbn-Abi-Amr. Folglich brach der Streit um das Rabbinat von Cordova noch unter Alhakim aus, und zwar erst nach Chasda'i's Tod: 212.1.2 x'22.2 -X222 '2 22-2-1 22» 2.2,22 ,22211. Mithin starb Chasdai vor dem Chalifen Alhakim vor 976. t>) Die hohe Stellung Jakob Jbn-G'au's, des Hauptanhängers von b. Abitur, fällt innerhalb des Wesirats des Alinansur, der ihn dazu erhoben. Almansur war Wesir von 976 —1062. Jbn-G'au fungirte als Oberhaupt der spanisch-jüdischen Gemeinden mehrere Jahre (wie Abr. b. D. bemerkt) ein Jahr mit Glanz, ein Jahr im Kerker und noch einige Jahre, vom Chalifen Hischam befreit, ohne Glanz: 22 - ->2 22 » p 12 2 - 2 ---H 1.221212 12-22221 ix'ri .22 0 x 2-2 - 2:22 .nr ;2 -i °>2 2222 - 1:22. Man geht wohl nicht fehl, wenn man Jbn-G'au's Funktion zehn Jahre giebt, 990 —1000. Sobald er zu Macht gekommen war, setzte er Chanoch ab und rief b. Abitur aus dem Exil zurück, also um 990. Dieser war aber schon von Reisen so mürbe gemacht und so versöhnlich gestimmt, daß er anstatt zurückznkehren, euren derben Brief an die Cordovaner Gemeinde erließ und sie ermahnte, seinen Gegner Chanoch zu respsktiren. Sein Streit mit Chanoch fällt also vor 990, und damals hatte er schon viele Jahre im Exil zngebracht. Folglich muß Chasdai lange vor 990 gestorben sein. II. Durch Ermittelung von Chasda'i's Blüthezeit läßt sich auch die Zeit der vier Gefangenen, welche in der jüdischen Geschichte Epoche machend sind, chronologisch genau fixiren. Denn trotz der gediegenen Untersuchungen Rapoport's und Lebrecht's ist dieser Punkt noch immer nicht genug erhellt. Abr. b. David setzt das Faktum zur Zeit Scherirn's um str-.i — 990 (so die alten Ausgaben). Die Lesart Zacuto's sä. Filipowski dagegen -so — 943, ist wahrscheinlich eine Cor- ruptel; denn 943 hat Scherira »och nicht sungirt. Gewiß ist nur so viel, daß die Gefangennahme dieser Viermänner zur Zeit Chasda'i's stattgesunden hat; denn einer derselben, R' Mose b. Chanoch, war noch zu Chasda'i's Zeit in Cordova, da dessen Sohn auch von diesem Staatsmann gestützt wurde, also um 940 — 70. Wir können diese Zeit noch mehr einschränken. Das Faktum muß nämlich noch während Annasir's Regierung vorgefallen sein; denn der Admiral, der sie zu Gefangenen gemacht und R' Mose nach Cordova gebracht hat, war (wie Lebrecht richtig herausgcbracht hat) Jbn-Rumahis, und dieser war von demselben Chalifen ausgesandt (nach Abr. b. D.). » 2221,2 21 - 2:22 xr- 22- 1222 22202 2X-22" "2.2 1222' (p'2X22 l) "2X22 ;2 122- 2'"- 2- 21122 L-'ill- 20X1 2'1X2 P-2X22 ;2 2-221 2'2121 2',222 2-22X 221 2'1X X-2' — "2'X12X ;2222X 2>2222 n». Auch Saadia Jbn - Dana» hat die Lesart pxrixim ;ix (OUsruäalr 6-snusa.U x. 28). Diese Angabe ist durch Jbn-Khaldum bestätigt von Os.^g,n- Aos 1. e. Appendix X. x. XXXV. >: Nds ooininanäsr in clnsl ot' tUs ns.vs.1 loi-sss ol Xnäalns (unäsr Xi-äurrainnan Xnnasir, rvas a. ositain Ibn- Honrunis. Da nun dieser Chalife 901 starb, so fällt das Faktum um 940—901. 470 Geschichte der Juden. Man kann aber dieses Datum noch näher fixiren. R' Mose's Sohn, Chanoch, mar während der Gefangenschaft »och ein Knabe: ua inm. Nun starb dieser als Greis October 1014. Nehmen wir an, er sei 7g Jahr alt geworden, so ist er um 944 geboren. Um 961 war er also 17 Jahr alt und konnte nicht vp: genannt werden. Man muß also das Datum auf 948—955 beschränken. Die Angabe, daß Chanoch zur Zeit der Gefangenschaft noch jung war, ist um so gewichtiger, als sic sicherlich von Samuel Nagid stammt, der dessen Jünger war und die Vorfälle bei der Gefangenschaft aus dessen Munde vernommen hat. So dürfte die Angabe des Nodriguez de Castro, daß das erste Lehrhaus in Cordova von R' Mose im Jahrs 948 gegründet wurde, nicht so sehr aus der Luft gegriffen sein: I-s. xrirusrs. aoaäsruia. ss luuää sn la siuäaä äs Ooräova su sl ans äsl ruuuäo 4768 äs Oristo 948 xc>r R,' Llossb (Libliotbssa ssxaüola 4'. 1. p. 2 b). Eine andere Betrachtung dürfte das gefundene Datum bestätigen Es ist kein Zweifel, daß die bedeutenden Talmudisten — -'uir -urwr, .-ipavs — von denen drei bedeutende Lehrhäuser in Cordova, in Kairuan und in Kahira gegründet haben, durchaus Babylonier waren. Es spricht einmal dafür, daß der Zweck ihrer Reise .nbo rwwnb war, d. h. (wie cs Lebrecht ganz richtig erklärt hat) zur Einnnahme und Unterstützung für das Lehrhaus. Unter 71^,0 oder Lehrhaus xur' ist aber nur das pumbaditanische oder suranische zu verstehen. Die vier Männer waren noch jung; denn nur R' Mose war verheiratet, hatte aber seine junge Frau und seinen jungen Sohn mitgenommen. Dann konnten nur Babylonier so tiefe talmudische Gelehrsamkeit besitzen, das; sie die Nabbinen in Cordova beschämen und die Lehrer für die europäischen und afrikanischen Gemeinden werden konnten. Außerhalb Babyloniens war damals das Talmudstudium ein sehr oberflächliches, Palästina mit eingeschlossen. Das fühlte auch Rapoport (Biographie des Chananel Note 2). Nur meinte er, in Italien, das mit Palästina in Zusammenhang gestanden, sei ein gründlicheres Talmudstudium vorhanden gewesen. Aber die Beweise, die er dafür herangebracht, sprechen nur für das zwölfte, aber keinesweges für das zehnte Jahrhundert. N' Häi Gaon macht sich noch im elften Jahrhundert über die jüdischen Gelehrten Italiens lustig jlsiuiiu Os'üu Nr. 119): aman ero-nn b:: oemn pwaL-ll (dessen 1issxonsu.ru in 072 x. 55,. 58). Gegen Ende des elften Jahrhunderts konnte Nathan Norm, der Vers, des Aruch, nicht von italienischen Talmudisten lernen, sondern mutzte nach der Provence wandern und R' Chavanel copiren. Die ersten talmudischen Autoritäten in Europa waren der genannte Joseph b. Abitur, Jünger N' Mose's, R' Leontin und dessen Jünger N' Gerschom. Wenn Sabbatai Donnolo einige Talmudkundige seiner Vaterstadt Oria nennt, so waren sie sicherlich keine Autoritäten. In, zehnten und elften Jahrhundert berufen sich sämmtlichs Kundige auf „die Weisen Babels", und kein Einziger auf die > 2 :». Auch sagt Abraham b. Daud in seinem Bericht über die Geschichte der vier Gefangenen weder daß sie aus Bari, noch daß sie aus prioro ober pnoro waren, sondern „sie wollten gerade zur Zeit der Gefnngennehmung von Bari nach prwro reisen: npa--» prwLv rmop: m'127 'vnr rm -,22 v.^ 2 ' 2 :n. Wir müssen also dabei bleiben, daß die vier Talmudisten Babylonier waren, Glieder der Hochschule Pumba- dita's oder Sura's. Ist dem so, so dürfte sich der vierte') dieser Talmudisten, von dem die ) sVergl. Rsvus äss IÄ. s. VII 199 (H.)s. Note 2t. 471 Hauptquelle sagt :v2' -2-8 ->"277:, finden lassen. Es ist vielleicht Nathan der Babylonier -722.7 P727 p-u. Aus der Filipowskischen Edition des Jochasin erfahren wir, daß Nathan Babli in Narbonne lebte und ein talmudisches Lexicon verfaßte unter dem Titel: 24 rrioli (p. 1741 >): qi7--2: n>2!2' 77x2 82:2722 -722.7 ;.72 '7. Allerdings kommt dieser Pasius auch im ^.ruost des Nathan Romi vor; aber dieser konnte doch nicht der Babylonier aus Narbonne genannt werden. Die Identität dieses Nathan Babli mit jenem, von dem S. Schnlam mehrere historische Stücke über die babylonischen Lehrhäuser, über den Exilarchen Ukba, seinen Streit und seine Verbannung, über Saadia und seinen Streit mit David b. Sakkat, über die Ernennung des Exilarchen, über die Einnahmen desselben und der Lehrhäuser, kurz über das jüdisch-babylonische Leben mitgetheilt hat, drängt sich von selbst auf. Aus der Fassung dieser Mittheilung geht sogar hervor, daß Nathan, obwohl ans Babylonien, nicht daselbst geschrieben hat: 7: 772.7 7.72 '7 728 7L-8-. 82,2:7,- .7:72 L'ni 7 x 722: 7872 - .7:2 -H2.7 ,772- und weiter: 7872- 772 '7 7.2m M2> 12 7:7 1:2. Nathan stammte also aus Babylonien, wohnte aber und lehrte nicht daselbst. Aus seiner Schrift hat sicherlich S. Schulam, der erste Herausgeber des Zacuto'schen Jochasin die historischen Stücke entnommen. Sonst wüßte man nicht, woher er sie genommen, da Nathan schwerlich eine fortlaufende Geschichte des Exilarchats und Gaonats geschrieben hat, sondern nur bei dem einen und dem andern talmudischen Artikel gelegentlich manches Historische tradirt haben mag. Aus den erhaltenen historischen Stücken kann man auch entnehmen, zu welcher Zeit Nathan Babli seine Heimath verlassen hat. Er erzählt von dem Tode Saadia's, und daß nach ihm sein Gegengaon R' Joseph b. Jakob fungirt hat: .7-7-02 : 72 - 2 " 2,27.'- ;2 qrn- 7 2.72 7-77:7 '7 72 ': 77-22 772 !:; also 942 . Nathan weiß noch, daß nach Kohen Zedek's Tod in Pumbadita zuerst Zemach b. Kafna't, und dann Kaleb (Aaron) Jbn-Sargadu fungirt haben: — ,21- 772 .77-22 778 -: ;2 2^2 87,727 qv'.' ;2 272 (?) 1-778 Hm 7227 (?) 2'2'77 '2' '8222 72 7:2- N778 272 272872'. Der letzte trat inach Scherira) sein Amt an 12 ö 1 8 s 1 . — 948 . Von der Verkümmerung der suranischen Hochschule, welche so weit ging, daß Joseph b. Jakob Sura verlassen und sich in Baßra niederlassen mußte, weiß Nathan noch nicht, was Scherira erzählt: 7-772 77777-8: 8-07:22 (2,2--' 72) qm- -7 77778: tz'I8: 7^12 222)7 8-2727 7,2227 P82 P778 '7 >772 -7-28 72 7:77s 7 -b 7:.7 87: -7227 2.77 2-22-: 77-2 72'7!22 2'7> . Kurz, Nathan weiß noch nicht, daß die suranische Hochschule sich vollständig aufgelöst hat: 8.72-72 8-77.22 82-tz 8.72.7 777 (Scherira): in seinem Berichte existirt sie noch. Er muß also Babylonien verlassen haben, als noch R' Joseph, der letzte Gaon von Sura, fungirte, d. h. nach 942 . Daß Nathan ein Suraner war, geht eben so gewiß aus seinen historischen Stücken hervor, wie aus Scherira's, daß der Vers, selbst ein Pumbaditaner war. Wie Scherira für Pumbadita, so nimmt Nathan Babli Partei für Sura. Fragen wir uns, zu welchem Zwecks hat Nathan der Babylonier Babel, d. h. Sura verlassen? So ist die Antwort 772 .702277, d. h. er und seine Gefährten: R' Mose, der Begründer des Talmudstudiums in Spanien, R' Chuschiel in Kairuan und R' Schemarjah, der nach Misr verkauft wurde, wollten Gelder sammeln für die verarmte Hochschule von Sura, weil Pumbadita alle Einnahmen absorbirte. Gerade der letzte Gaon von Sura. „der nicht einmal R' Aaron, dem Gaon von Pumbadita, Stand halten konnte" (wie Scherira ironisch bemerkt!, hat diese vier Glieder seiner verarmten Hochschule als Sendboten nach Europa und Afrika ausgeschickt. 472 Geschichte der Juden. um den Gemeinden die elende Lage Sura's zu schildern und sie zu bewegen, ihre Beiträge nicht Pumbadita, sondern Sura zufließen zu lassen. Weil aber die vier Sendboten, wozu auch Nathan gehörte, in Gefangenschaft geriethen, kam Sura in die Lage, sich selbst auflösen zu müssen. Das ist ein bündiger Pragmatismus. In Spanien, wo man Geschichte sammelte, erfuhr man nach und nach, daß R' Chuschiel sich in Kairuan und R' Schemaria in Misr befindet; von dein vierten, der wahrscheinlich nach Narbonne, nach einem christlichen Lande verschlagen worden war, erfuhr man nichts. R' Nathan war für die Spanier verschollen, während er in Narbonne lehrte und dort ein Lehrhaus gründete, von dem die Spätern sagten: mriu.n b:7 rnm urr, nmn: . 72 : 7 p i'p u-n '(Benjamin Tudela x. 2). Kommen wir auf das Hauptthema zurück: Wenn R' Nathan zu den vier Gefangenen gehörte, so ist er ausgewandert nach 942, d. h. um 94ö. Und wenn wir das Moment berücksichtigen, daß Chanoch bei der Gefangenschaft noch jung war, so kann man die Zeit derselben 918 — 50 ansetzen. — Die zersprengten Glieder Sura's gründeten also Lehrhäuser in Cordova, Kairuan, Misr und Narbonne und bildeten neue Brennpunkte für das Talmudstudium. Dis Talmud - Exemplare von Sura ließ Chäsdäi für Spanien aufkaufen, wie Dunasch sang: uiio bu ::, 7 i: .77,u an .ipir» 77777 r'iooo nbw', was durch eine Notiz von Jbn-Abi-Osaibia bestätigt wird (nach Munk's Uebersetzung ^.rokivss israslibss 1848 p. 326 Note). Niais Hasäs-i' — parviut s. ss xrooursr tont os gu'ii cissira.it su Fs.it äs livrss äss.suiks äs I'Orisut. — War Nathan der Babylonier in Narbonne, so war R' Jehuda oder Leontin sein Jünger, und dieser wieder Lehrer R' Gerschom's. Daher die tiefe Talmudkenntniß Gerschom's aus Tradition von einem Babylonier. 22 . Dir Judenverfolgung nnter dem deutschen Kaiser Heinrich kl. und der Netter der deutschen Gemeinden Simon d. Isaak. Die Büßlieder (Lsliskot) des N' Gerschom b. Jehuda, der Autorität der deutschen Judenheit, klagen über harte Verfolgung und Tauszwang zu seiner Zeit: pbp: aminn cw27 7w> 7' — 7>buo 7'277 7770 ir.n 77w pn:7 znbso P.7UI >7:7 0>7M 77P2I 7rp IN' 272:72 77U2 'bp2 N'7p 2IP2 — . 2'27L2 oi'.n nbsb 1'W7 nnnnrcn . 7bu bop7 PU L'72:u.7 . n:u7.77 :n:u: ,711277 1727 — ,7'U7P72 N7sb 72727 L-Ip.7 >nbobi. Sein Zeitgenosse') und Mitrabbiner Simon b. ') Die Zeitgenossenschnft von R' Gerschom und Simon b. Isaak, welche bisher nicht für sicher gehalten wurde, ist aus einer Notiz bestätigt. Ephraim von Bonn (120l>) theilt in einem Machsor-Commentar mit (Dukes Orient Litbl. Jahrg. 1844 sol. 232). der Erstere habe dem Letztem vorgehalten, er habe eine Midraschstelle übersehen: P 12--1 uipb bopi ix pwo u77i pp 22 > '77 .iwp.i 2:e>72 7 i-wrn 7:7 7p nnu 2.772' I'UI rn:u 711 bp 727 7>2'U722 2'771 2222"1 2'7 '«7 U71P7. Diese Ausstellung bezieht sich aus das Pijut zum 7. Peßachtage (deutsch. Ritus: a-n'nu c'nbu7 nnu); in demselben werden allerdings die citirten Verse auf die Sündfluth angewendet: uipb bn:.72 7-brb m .772 2 . 7 'bp 72.77 717 >7222 opi 'eisr: o'po 7.72 727U1 2'7 mb U7P 2:72 b;7b b'7u 22 > 2 . Dieses Pijut trägt das Akrostichon: Simon ben Isaak. Derselbe war demnach nicht bloß Zeitgenosse von R' Gerschom, sondern verkehrte persönlich mit ihm. Zwei Pijut- stücke (Otsm für das Zwischenfest deS Peßach und Lsrodot für das Wochen- Isaak b. Abbun (der große oder ältere) aus Mainz hat ebenfalls Buß- und Klagelieder über erlebte Verfolgung gedichtet: Lsliodot-Samml. sä. Fürstenthal S. 568 ) i-"7 2>722 — 72278 ll'2'p 2217N 7'2 2722 — 1IP7P 22' 8p 2-717 21'7 82 772?2 77-:8 — 721L2 nun: 7U1P2 72177 — 721L'7 77121 .781- 72P78 227 1S2'2 p.'8- p8p 8122 — .77-8 718.12 27272- 2172 8222 nur? 272'72 71278 82:7171? 7'°:p2 IL'PL' 7122 — z2'PI2 21772 PP7 ^2L' - '7?::' 2177 727' 12 '7l8'7 2 ' 7171 ? 7-S - P1771 7817 2'2>2 7217s PS7 78:0 2'- PS-8 17> 7881N — 227.7 2,2:1 227 2?: — 1'2P '88712 (das. 557 ff.). Es war eine förmliche Neligionsverfolgung, wobei Einige zum Christenthum übergingen. Denn R' Gerschom hat eine Bannverordnung (277) erlassen, daß den später Zurückgetretenen ihre Apostasie nicht vorgeworfen werden dürfe (Nssponsum Russin Ormr Xsolrrrruä II. S. 17 k): 7 ii-2> p7i- iipspi '12:2 7.7' (222'7 '72'2 7.22-2' '2 8p 2 'S 177 ) 7 ' 2!27 822- 12 8p 212'-.1. Bekannt ist, daß R' Gerschom's Sohn die Taufe empfangen hat. Aus der Fassung in der ersten Quelle geht aber hervor, daß es eine Zwangstaufe war: p22> 7-72 i:22 71288 P72> 72'28 72'7 2727 7272-12' 122 8p 8277- 212"- '72- 7-72 P72' '7 '22 7212772 2122 721 782- 72P7 717 77p- '2-2787 (bei Nuräoslrui Nssä-Xuton III. Nr. 886,. Napoport hat diese Momente auf den ersten Kreuzzug bezogen (Biogr. d. Nathan Romi Note 46 ,. Da es aber aus Urkunden bekannt ist, daß N' Gerschom im Jahre 1028 starb (Xsrsra Oirsmsä. VIII. S.'I 07 ). so ist dieser Pragmatismus unhaltbar geworden. Man suchte einen andern dafür und glaubte ihn in der Verfolgung zu finden, von welcher Rudolph Glaber (bei Lougust, rsousil X. x. 34 ) zum Jahre 1010 berichtet. Allein dieser Bericht ist so vage gehalten, daß man nicht recht weiß, ob die Verfolgung die Juden zu Orleans oder die in Frankreich oder auch anders getroffen hat. Die ganze Darstellung des Mönches Glaber hat einen verschwommenen und historisch unfaßbaren Charakter. Die Juden bei Orleans (upuä Xurslianum) hätten einen Klosterdiener Robert bestochen, einen Brief mit hebräischen Schriftzügen an den König von Babylonien zn überbringen, die Grabsskirche in Jerusalem zu zerstören, da die Christen den Plan hegten, einen Kreuzzug zur Eroberung Jerusalems zu unternehmen. Als dann die Kirche wirklich zerstört wurde, sei die Unthat der Juden ruchbar geworden, und sämmtliche Christen des Erdkreises (!) Hütten beschlossen, die Juden ans ihren Ländern zu vertreiben. Urals äivulAutuin ssb xsr ordsra unl- vsrsru-a, eoirmauni oirririurn Lürristia-norum oonssirsu äsarstum sst, rrb »muss äuäusi s-d iilorurn tsrris vsl sivibatibus lunäitus psllsi'subur. Liogus urrivsrsi oäio Iradibi, sxpulsi äs oivitabidus, ulil A'Iaälo trusiäutl, alii Zurvluibus nseuti, nom-ulll sbiaru ssss äivsrsu ousäs intsrsmsrunt -itu ut. vix pauoi illoruirr in ords rspsiisnbur NoruLiro. Man weiß nicht, was an dieser übertriebenen Darstellung geschichtlich ist. Zudem steht Glaber mit diesem Berichte vereinzelt. Die übrigen zeitgenössischen Chronikschreiber wissen durchaus nichts von einer so allgemeinen Judenverfolgung im ganzen römischen Reiche. Diejenigen, welche aus Willen eine Verfolgung fest) haben das Akrostichon: ,127 -2 11P22 und 1127 72 p 7 p' z2 iip22>. Salomo Luria hat ihm demnach aus ältern und (wie sich immer mehr herausstellt) authentischen, nur corrumpirten Quellen richtig bezeichnet: 817:7 pp22- '7 71712 '71221 7 21p 2 722721 77172 8,7-7 P27 72 7'277 P7W 72, und aus einer andern Quelle: '71 817:7 iip8.7 '7 .i'.i (,,217 7>8n '71 ,17- '.17 '7 '»'2) 27 > 2 ' 2 i 7--:22 817-7 iip.222 Daß R' Simon b. Isaak aus Mainz war und das Epitheton 817-7 hatte, wird ans einer andern Notiz bestätigt werden. 474 Geschichte der Juden. der franz'osochen Gemeinde in dieser Zeit daraus machen (Zunz und Andere), haben gar keinen Anhaltspunkt dafür, da Wilken's Bericht auf Glaber basirt, und dieser, wie wir gesehen, von einer Verfolgung der Juden psr ordsru uiri- vsrsuru, oder in ordo L,oius.no spricht. Allein die Verfolgung, über welche R' Gerschom und Simon b. Isaak klagten, ging sie näher an; sie traf ihre eigene Gemeinde. Die Qnedlinburgi- schen Annalen rcferircn von einer Austreibung der Juden aus Mainz im Jahre 1012, bei Pertz mouuirrsiitg. dsrursuiss II. 81: 1012 sxxulsio chuäasorurn laota sst s. rsZs (Usuriso) tu ihlo^uritig.. Also in Mainz selbst, wo R' Gerschom und R' Simon lehrten, war eine Judenverfolgung, ausgegangen von dem Kaiser Heinrich II., den die Kirche heilig ge- svrochen hat. Es war aber, wie die Klagen der zwei genannten Selichot- Dichtsr bezeugen, nicht bloß eine Verbannung aus Mainz, sondern ein Zwang zur Taufe. Die Thatsache wird auch von einer andern Seite bestätigt. In einem handschriftlichen Memorbuche der Mainzer Gemeinde, das ein Synagogenfunktionär im Jahre 1206 aus einer ältern Schrift copirt hat (im Besitz des Herrn Carmoly, dessen Gefälligkeit ich die folgende Notiz verdanke), werden (S. 44) Namen frommer Märtyrer dem Gedächtniß geweiht, und zwar im Anfänge: N'n.ir' 21 V 12 11'21 . III'U ch 22 i nrr :22 1112,21 1>2 u, 22 ' 211 . 11:21 i: 2 iL' 12 .o-i'i: i '^21 i'i'i,2i ii2>' nr-v' iiiri zipuw 'i .i'iir,2i2 iii: 1 M 11'22 1 ^ 12.1 U'p 1 M 121 I.eir' 12 - 21 . Es waren also in R' Simon's Zeit Verfolgungen in der Mainzer Gemeinde, und derselbe hat sich bemüht, sie einstellen zu lassen. Erinnern wir uns, daß die Quelle bei Salomon Lnria ihn als Reichen schildert. — Aus der Notiz der Quedlinburgischen Annalen ist das Datum der Verbannung der Inden aus Mainz von Seiten Heinrich's II. angegeben: 1012. Wenn dieses Datum richtig ist, so hat die Verfolgung nicht allzulange gedauert. Denn am 16. 8elrs1,st 30. Januar 1013 ließ R' Gerschom seiner Frau Bona eine Urkunde in Mainz ausstellen, daß ihr ihre Lstuds.1i abhanden gekommen ist (Lsrsru Odsmsä a. a. O.). ,-ui- i ">2 11 212-12 '1 chk N,1>2 nrri22 nii'iri piui nrirni N2-V2i "2--2-1 »1 11-2- 121-2-1 nii-i — in 'i or n:i 2 .i 2 Li nri 1 : 21 p >2 n.i.n-n . 12-22 nrn i:en 121 .-< 2 : 21,22 i>- im- Ir: n, 2-112 .-r:-iin ii 2.12121 N 2 -P 21 221 m . 121.12 12 L- .1111 n 12 -. 11 . Also im Anfang des Jahres 1013 waren bereits wieder die Juden in Mainz. Man könnte vermuthen, daß R' Gerschom's Frau das Instrument ihrer Ehepakten während der Verbannung verloren hat, und daß er darum bei der Rückkehr nach Mainz ihr ein neues ausstellen ließ. Jedenfalls ist die Verfolgung der Juden in Mainz und wohl auch in andern Städten Deutschland's unter Heinrich II. historisch gesichert'). ') Von derselben Verfolgung in Mainz spricht höchst wahrscheinlich auch das Responsum des Meschullam b. Kalönymos an denselben Simon b. Isaak (in Lssx. 6-souiui sä. 6s.sss1 Nr. 61). Der Respondent fleht: „Gott möge die Leiden von uns, unfern Brüdern und den.Genossen unserer Gemeinde abwenden", unserer Gemeinde, d. h. der Gemeinde, welcher sowohl Meschullam, als auch Simon b. I. angehörte, d. h. Mainz. Der Passus lautet: 12 ciie-.u V.2112 N1.1I -21,222 21122 '1)1 UN '2 -2-212 MIL' >121 POL' - §212' §2 P>-12» '11 21,2-212,2 2W2 1212221 1212111 11122 12-2.1,2 '22,21 U'1M21 1222 11N12-11 .1121 1-^2 1:2 2'11' ll'21.1 i'ioi. — Die unverständlichen zwei Wörter: - 21,222 21-02 müssen wohl gelesen werden: - 2 -, 22 - 211 . 12 , in der Gegend von Zalkona. - 2 -, 22 --- oder 121 , 2 ir ist nämlich eine Ortschaft in Catalonien und wird auch in Lvaslr Irs.-Ls.o1rs. erwähnt neben Solsona (p. 66): 11-21 iip- i 2 ipinri 1212 - 212 - > 221 - 2 ^- 2 . 1 . Die Note 23. 475 23. Da« Ende des jüdische» Cyazarenreiches, G»tstel>»»g des Vokalsystems, Ben-Ascher. I. Man nimmt gewöhnlich das Ende des jüdischen Chazarenreiches mit dem entscheidenden Siege Swatoslaw's über die Chazaren (968) an. Dem ist aber nicht so. Nestor, der russische Annalist, berichtet: Als mohammedanische, byzantinische und bulgarische Gesandte nach dem Hofe Wladimir's von Kiew kamen, um ihn zu bewegen, zu ihrer Religion, respectivs Confession, überzutreten, haben sich auch chazarische Juden (2iäorvs kosurtii) eingefunden, um ihm das Judenthum zur Annahme zu empfehlen. Sie sprachen: „Wir haben gehört, daß die Bulgaren und die Christen (Byzantiner) gekommen find, jeder von ihnen, Dich ihre Religion zu lehren. Dis Christen glauben aber an den, den wir gekreuzigt haben, wir aber glauben an den einzigen Gott Abraham's, Jsaak's und Jakob's." Das war im Jahr 986. Gleich darauf sandte Wladimir ans den Rath seiner Bojaren Gesandte an die Höfe, welche die verschiedenen Religionen vertraten, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen, welcher Religion die Russen den Vorzug geben sollten (vergl. Scherer's Uebersetzung von Nestor's Annalen zum Jahr 986). — Auch ist es ganz undenkbar, daß, wenn die Juden -Chazarien's schon damals ohne politisches Oberhaupt gewesen wären, sie gewagt haben sollten, in einem mächtigen Reiche Propaganda zu machen. So etwas tann nur der Vertreter eines politisch selbstständigen Gemeinwesens wagen. Es würde also schon aus diesem Faktum folgen, daß ein jüdischer Chazarenstaat damals noch fortbestand. Diese Voraussetzung wird durch eine Urkunde bestätigt, -welche aussagt, daß die Chazaren damals von einem jüdischen Fürsten David regiert wurden, und daß an seinen Hof russische Gesandte kamen, um das Judenthum zu sondiren. Diese interessante Urkunde, welche der Karäer Firkowitz in Daghestan in einer alten Synagoge gefunden hat (mitgethcilt Orient Jahrg. 1841, Nr. 33, S. 222 und Zion I. p. 140 Note 5) lautet, wenn wir die Worte des Copisten vom Jahre 1513 weglassen: 8 . 122 -' mion >L 8 -e> - 2 m ri 8 n ,212-2 2' 212 ,22-2 '22 11 'NN 212822 2 2 2 2 2'P2 2 22-2- >2 12 2 2222 22-2'8 2-P22N1 2 2-L-1 I21N2 >-22-1 2's8n NP22N 212- N'2 11-121818 2-1122-1 21N2 2'"- 2">2 12-21 rr-nl N'L-1 'n: 8 lr- N22 N2222 2->2 2'212'2 11'nn 2'112L- 1'122 >22 022 P2n8 1122 I21N'8L-2 '2282- 2 2',2 2 8 .222 2222 '212.2 N'L-12 212 11'112n8 (21',2 l.) znsv'n N'2 21'222 22'P21 . 2!2 12182,28 11-1122,2 ll'21.221 2'N'211 2:2:2 '222 .211,28 '22: -812: 8.2,22 8n22" 22 11'NN '8 21N2.2 OL-8 'N1221 . P22,2 22-2 222 ->L-:V2 2-V '2>2L- 22122 2'2 ; 2,212 22-2 '2 1 > 2 N ll- 11>'21.21 2>122 22:2' '22 N1P22 2122 2122 121221 -11N2>1 '8 1222'L- '.22-,221 .222 n 2,2 2.2 2 n ' 2 ,2 22-28 2'2 >28 2 8 8,228 ; 1 2-n 2 2 21.1-2 12 '2S2121 21N2 2-12.2 '222 '8 12,2' '2 .2822 282 212 21222 >.2,22>21 .12228 PIN 2l8ll>21 2"22 -2-28 '2 21I2'1 '8/ 112 12121 . 22N2 '8 2->12'2 2221222 1'2228. Emendation dafür: '11,2 8r 2222: „Im Schutze des Schattens meines Schöpfers ' (Rssxons. Liä. pnZ. 13) ist höchst gezwungen. Es ergäbe sich aus diesem Lssxonsnnr, daß Meschullam b. Kalonymos ursprünglich in Mainz gewohnt und wegen der Verfolgung nach Catalonien ausgewandert ist; keineswegs darf man ihn mit Rapoport i» Lucca suchen (das. 42b). Wenn Meschullam in Catalonien war, so ist es viel natürlicher, daß an ihn eine Anfrage aus Nar- bonne gerichtet wurde (idict. Nr. 140), als wenn Italien seine Heimalh gewesen wäre. ('2,281.-, vergl. Zun;, Literaturgeschichte S. 11 l (H ) j 476 Geschichte der Juden. Darauf folgt ein Bericht über die Niederlassung der Juden in der Krimin, beginnend mit den Worten: irm .nii-v .uim> 'm (abgedruckt Orient 1. e. Nr. 2t, S. 162, Zion I. 135 und Pinner Prospectus der Manuscripte der Odessaer Gesellschast, Odessa 1845 S. 6). Jedes Wort dieser Urkunde trägt den Stempel der Echtheit an sich, daß die Chazaren ursprünglich Proselyten waren, daß Boten im Jahre 986 in Religionsangelegenheit von Kiew gekommen sind, und zwar Boten des Fürsten von Rußland und Moskwa: iLM sni uw':. Tie Worte sind einem Bibelverse entlehnt (Ezechiel 39, 1). Auch die Araber nennen die Russen ou-> (vergl. Frähn Jbn-Foßlan). Die Stadt »riouo ist Ta< mataracha, Tlnobarastan, das alte I'UnnoZoris., jetzt Taman. Dort wohnten längst griechische Juden, hatten die Zeitrechnung nach Weltjahreu, wie in Palästina (und nicht die seleucidische Aera, wie in Babylonien), und etwa nach der dort üblichen Aera bestimmte der Reisende Abraham b. Simcha das Jahr, in welchem er von dem Chazarensürsten David ausgesandt wurde, um alte Bibelexemplare zu kaufen. Tie Stadt die Heimath des Sendboten Abraham, und wahrscheinlich auch die Hauptstadt des Chazarensürsten Daviv, ist in der Nähe von Matracha das alte Bosporus, jetzt Kertsch (vergl. Piuskcr Istknls Text S. 17 Anm. I). Wir haben also zwei von einander unabhängige Zeugnisse über die Fortdauer eines, wenn auch kleinen jüdischen Chazaren- staates nach Swaloslaw's Siegen. Noch ein dritter Zeuge kann zugezogen werden. Abraham b. Daud erzählt im Jahre 1161: Er selbst habe in Spanien die Nachkommen jener Chazaren gesehen, die dahin gekommen waren, und daß der Rest derselben in ihrem Lande dem Nabbanismus zugethan waren: -lom c.-mr N'U't — mron ri? 1-O (2«1!2 7 ) 2 ) rrbll LN'-EL- Wahrscheinlich sind vornehme Chazaren nach dem Untergang ihres Reiches in der Krimm durch Mietislaw und Basilius II. erst 1616 nach Spanien entflohen. Wir haben bis jetzt den einen Thcil der Urkunde des Abraham b. Simcha oder die chazarische Seite in Betracht gezogen und ihn bewährt gefunden; aber auch das Uebrige darin enthält nichts Verfängliches. Abraham kam nach Js- fahan, um alle Bibelexemplare aufzukaufen, hörte, daß in Susa (oder Schuster) ein altes Peutateuchexemplar vorhanden ist, reiste dahin, ließ es sich zeigen, fand darin zum Schlüsse eure Reisebeschreibung des Jehuda Magihah — dessen Vater die hebräischen Vocale erfunden — und wollte es an sich kaufen. Da es aber die Susancr Juden nicht veräußern mochten, so copirte er sich die Neisebeschreibung. Er fleht zuletzt Gott um glückliche Heimkehr an. Dieses Silles scheint ebenso echt zu sein, wie der erste Theil von den Gesandten des russischen Fürsten historisch documentirt ist. Der Theil aber, welcher mit den Worten beginnt: .-nrr- p >m, trägt das Gepräge der Uuechtheit an der Stirne und ist von einem Karäer späterer Zeit zur Mystifikation hinzu- gefügt worden. II. Ein Punkt in dieser Urkunde ist von hoher Wichtigkeit: Die Erfindung der hebräischen Vocalzeichen. Sie sagt aus: „Der Vater des Jehuda Magihah, mit Namen Mose der Punktator, war der erste Erfinder, um für dis Jünger das Lesen der heiligen Schrift zu erleichtern" bp.vh niw.u nr'v vau 2 > (;v:V Mn) mpnm rn>>:b a-wt-hnh. Zum Subst. muß man nothwendig er- Note 23. 477 gänzen 2121p: der Erfinder der Vocalzeichen. Diese Tradition trägt ihre Wahrheit in sich durch die allereinfachste Motivirung: „Weil das Lesen des vorallosen hebräischen Textes inuner schwerer wurde, erfand Mose (aus Susa?) die Vocalpunkte". Darum erhielt er auch den Namen „der Punktator". Die Frage über die Entstehung der hebräischen Vocalzeichen, welche dem Hebraisten so viel Kopfzerbrechen gemacht hat, wäre hiermit gelöst. Dis Kritik muhte sich bisher mit der Antwort begnügen, da weder der Talmud, noch der mit der hebräischen Bibelliteratur vertraute Kirchenvater Hieronymus dis geringste Andeutung über Vocalzeichen geben, so sind diese erst in der nachtal- umdischen Zeit eingeführt worden. Aber warum hat sich kein Zeugnis; über die erste, Epoche machende Einführung derselben erhalten? Das quälte die Kritik. Jetzt haben wir das gewünschte Zeugniß. — Das Thema über die hebräischen Vocal- und Accentzeichen hat aber seit dem Jahre 1840 eine große Ausdehnung erhalten. Früher kannte man nur das übliche Zeichensystem und hatte keine Ahnung davon, daß es noch ein anderes giebt. Da fand Firkowitz hebräische Bibelmanuscripte nach einem ganz abweichenden System. Dis Vocalzeichen haben andere Figuren und stehen durchweg oberhalb der Buchstaben, die Accentzeichen sind ebenfalls anders gestaltet. Pinner hat davon (in seinem Prospectus) ein ganzes Facsimile gegeben. Bisher sind nur zwei Exemplare mit solchen Zeichen bekannt; eines derselben, die letzten Propheten umfassend, vom Jahre 916 (bei Pinner beschrieben S. >8 Nr. 3 ). Wir kennen demnach jetzt zweierlei Systeme, das übliche, in welchem die Vocalzeichen unterhalb stehen (mit Ausnahme des - und -) und das neuentdeckte mit anderen Figuren und der Stellung oberhalb. Wir wollen sie der Kürze-w>gen das Ilntersystem und Obersystem nennen. Aus einer Notiz in einem Pentateuchcodex mit Targum (in der Bibliothek von Parma) erfahren wir, daß das Obersystem das Assyrische und das Untersystem das Tiberiensische genannt wurde: : 222:2 pnp: rn 21:2.2 2?nn 2-2222 21.22 1-0021 — 21:22 2p L'212 2>22 '222 zrn '2 12S21 212'N P2S 21 PI 2 .2pp2b 2 P11:2 .2221 222 PIN 2 N21.2 2L'N pribr»22 IIP Pi: IL'N NI.2 (?) «2"M 2N222 2'22 '22 bni!2L' '22 >2:ip:n!2 2NN2 '22 '2222 21p:b 1N2N 1.22121 ;ip:2 P122' 22 22N2 '22 P21222 22>2 sr:::2 P2N2 (mit- getheilt von Luzzatto in 22p nw'b.i x, 24 vergl. cis Lasst Ooäioss mairu- sorixti Nr. 12 ). Nathan b. Machir war ein Zeitgenosse Raschi's vergl. Ls- sxonsuru Raschi (in Goldberg's Sammlung 2>:2^:r 2'->in S. 1 ). Ihre Namen haben beide Systeme wohl von dem Lande, wo sie erfunden worden, das eine in Assyrien (Susa?) das andere in Tiberias. Von dem tiberiensischen System, welches das jetzt übliche ist, wissen wir, daß die Kartier Mocha und sein Sohn Mose?) die Massoreten, es eingeführt haben um 780 — 800 : 2.2-21P12 pn.2 22N2' 'M22'22 21p: >:p.2!2 >2L'N '2 N21 (.1212 l.) NNN '2 22 ( 0 . S. 457 ), Nissi b. Noach spricht aber von Zeichen der Babylonier: 2-np: qiimbi 2P:e- 'L>1S2 2'22'1 212221 2-2P-2 P12L1 (bei Pinsk. T. 38 ). Das 2p:r- '2-:n 21p: ist wahrscheinlich identisch mit dem -nr-s 21p:. Nissi b. Noach scheint beide gekannt und dem babylonischen vor dem assyrischen System den Vorzug gegeben zu haben. — Es scheint aber- noch ein drittes System gegeben zu haben, wenigstens was die Accentzeichen betrifft. Denn das Machsor Vitry «circa 1100 ) spricht von einem üblichen, einem palästinensischen und einem 21p: i) sVergl. dagegen Frankels Monatsschrift Jhrg. 1876 S. 480 ; Jhrg. 1881 S. 403 , wo .im« '21 2L'2 '2 als Fälschungen erklärt werden; ferner S. 348 u. 395 über die Anfänge der Vokalzcichen (H)j. 478 Geschichte der Juden. -112 11 . (Xsrsrn Oiisnrsä 4?. IV, p. 203 mitgetheilt von Luzzatto): - 2 '/ 22 - -.21 lll'.l '21 lblp.1 '21 121/ '21 221- '21 1,211 '21 2^1 '2 122b 112U12 21 IH'11.1 .1211 -11211 11,21 PN 12>°>il 211,212 Nil 2>1L12 111-11.1 '122 b2N 11121 ini 2 " PIN 11,211 2'211 21 - 12 ' Nil 11^2 11 , 21 b. Die Stelle scheint corrum- pirt zu sein. . 21211 soll (wie Luzzato emendiren will) 2122 bedeuten. Bleiben wir bei den zwei Systemen, die uns bekannt sind. Es folgt aus dem Citat aus Salomon b. Jerucham's Mukadamah, daß das von Mocha und seinem Sohne eingeführte tiberiensiiche System jünger ist, als das 112 N 1,21 oder i/i 2 1 , 21 . Das assyrische System ist also vor 780 — 800 in Gebrauch gewesen. Aber seit wann? Darüber kann man jetzt nur so viel sagen: In der nachtalmudischen Zeit Möglich, daß es zur Zeit eingeführt wurde, als die Mohammedaner ihre Vocalzeichen dem Syrischen entlehnt haben. Einem Einwurfe muß noch begegnet werden, wenn das Resultat feststehen soll, daß vorher das assyrische System in Gebrauch war und von dem tiberien- fischen verdrängt wurde. Wir haben gefunden, daß das tiberiensische dem jetzt üblichen Punktationssysteme entspricht, und daß es von Mocha und seinem Sohne Mose eingesührt wurde. Beide gelten aber als Karäer und Mocha als Jünger Anan's. Ist es aber nicht unglaublich, daß ein von Karäern ein- gesührtes und von Karäern gebrauchtes Punktationssystem bei Nabbaniten Eingang gefunden haben soll? Darauf erwidere ich Folgendes: So schroff auch die zwei jüdischen Bekenntnisse gegen einander standen, so haben sie nichtsdestoweniger Einfluß ans einander geübt. Daß der Karäismus nach und nach rab- binische Elemente in sich ausgenommen, ist oben nachgewiesen. Aber auch die Nabbaniten, namentlich in Palästina, haben sich so Manches von dem Karäismus assimilirt. Sahal b. Mazliach bezeugt es ausdrücklich, daß die palästinensischen Nabbaniten dem Fleisch- und Weingenuß entsagt, levitische Neinheits- gesetze beobachtet, karäische Ehegesetze gehalten und zum Theil auch den karäi- schen Festkalender angenommen haben (Sendschreiben bei Pinsker Anhang S. 33): ichn.l 2'2','21 P2 212111 1.221221 21,21 .1.12 22211 'llli-l 1I-1N 111 '2 21N 12N- 2N1 ibrn- Nl2 2'21 212 2'1 .1122 2121 12p NI,2 2 '12 '2 >'2 2 21 '2 Iplb 11N 2"1 12^2 II Nil 11N212.1 122 1N22' nch 2>121 i.N 1P1- nbl 2'1211'2 1,221 ^N-1 122 11112N1 11-1/1 t>2 ;2 11I1N 2N1 12N 12 Nil 12N IHN 12 ns>1 IN 12 11,2' nh 2N -2 11N 21". 11'1 1-N12 11N 2" 2'2' -12 2'21p 211 NI,22 -12 '221 2112N 12N ;>'22 (?) P111 112P.1 P221 112.11 2.1'1'p 221 l'N.12 212 2'1 2'1°>1 2'21p 1'1 12N2 12N.1 111 i>n 1221 1121. Wollte man diesem Propagandisten keinen Glauben schenken und seine Angaben als Kunstgriff für die Proselytenmacherei ansehen, so bezeugen es rabbanitische Nachrichten, daß die Palästinenser manche levitische Reinheitsgesstze beobachtet haben. Eine Menstruirende durfte nichts im Hause anrühren (Üssponsa. Ononini .12121 -ipw Nr. 72 ): .111 11,2 '2m 1'222 2-122 nbl 11 1212 1P11I 11'N bni2- PIN -121 - 1>21 '212' 722 122122 .ui in , 2 'ii 2 ii'i.i , 21112 '. Man wird einräumen, daß solche Strenge antitalmudiich und nur dem Karäismus entlehnt ist. Aus folgendem Passus (k. o. Nr. 170): PN222 p/1112.1 PN 21,22.1 1'2 21122 - 2'2212 Nil -1,22 nh pf-212 P'N 1112 '21N 21121 1'22 nch 1212.1 1-22 Ni 1.11N P111 PN P1ir2 221 1-21.1 N.1- l"l 2N .11.1 P2I21 211,2 pii. 2 .i'.ii ni 2 .i n 2 'ii, geht hervor, daß die bni 2 - pin > 2 in, die Palästinenser, dieses Alles streng genommen, Lustrationen gebraucht und die -Aussätzigen aus Synagoge und Lehrhaus gewiesen haben. Diese Strenge ist aber jedenfalls knräischen Ursprungs (vergl. S. 144 f.) Maimum bezeugt, daß manche rabbanitische Gemeinden von den Karäern den Brauch angenommen haben, eine Wöchnerin 40 oder 80 Tage vom ehelichen Umgänge fern zu halten (in -2 >ii 2 n 8 Note 23. 479 XI, 15 ): 2-22-2 »2 221 2221-L- 2 - 7 i »7 2r,222 21212-2 »-221 212-,22 22,222 »2222 2i ;2i ;21»2 »VI 21>-2 »2» 7.272 21 ;-» — 2-7122- 22» 22,27 2221-1 2->-22» -Iw 2>- 2222 22» 1- NI 2 22 122b (ll-»2,2) 2-7-22 )21 2121,222 ;,2-,»2 212121,2-2» -,111 21212-22 (vergl, Raschi 8 aräss p. 6 d) .2-2.2 2-22-2 »,2ib7 L--2 2222- (?) bp p»7 -»212- '1 12 -2 »5 2222b 17712» 22! »22 22»! 2-,27 2 2LW 2"2»1 ,2272 22lb 2 222 >22°7>2 ^2,22 »22-22 2-21 N22 L-'l 22» 121 2-,27 2 21S22 22 22»1 ,2722 222 ,212L-2- 2/' 2272 2221- »2». Vergl. dazu Maimuui 811 . Issurs 8 ia.tr XI. 8 . In vielen Gemeinden Egypten's waren unter den Nabbaniten vollständig karäische Bräuche eingeführt (Lssxonss. 8 ailllniii 2122 2»v Nr. 152 ): — 172212 -7-2 1222- 2-222 -i>- 2122 22-» b»2e-- 212 1'21»L- 2-22 prni2 >22- 2>- (2'»2p) 217-2 7272 17271 ; vergl. Maimuni's Brief an Jbn- G'abar 2-7,21 2>-2 p. 74 : 21177 2222 5 ): 217-2 -222b 2-2-7 212 221» ii-r.2 2-2^2 -2-7» L-»2,22 2122 22» 2-22-.21. Haben also namentlich die palästinensischen Juden karäische Elemente, welche mit dem Talmud in direktem Widerspruch stehen, ausgenommen, um wie viel mehr dursten sie das tiberiensische Punktationssystem annehmen, das so zu sagen kein confessionelles Gepräge an sich trägt und zu den äür«Poga gehört. Denn die Nabbaniten der alten Zeit und die Gaonen haben die Vocalzeichen als etwas ganz Aeußerliches, nicht zur heiligen Schrift Gehöriges betrachtet. Als der Gnon Mar-Natronai II. angefragt wurde, ob man den Pentateuch nnt Vocalzeichen versehen dürfe, erwiderte er verneinend und bemerkte dabei, daß die Punkte und Zeichen nicht von Sinai stammen, sondern von „den Weisen" eingeführt wurden (mitgetheilt von Luzzatto aus Machsor Vitry 222 222III p. 200 ): »b -7-22 22-25 ;272> 2212 222 ? 221,2 222 2-,2lb 212» 2» 2.li»L-22 ;-.»7 -»7227 -2 22 172P22 -pvinb 172 212»1 P2-22 1217-2 2'2222 -2 -7'22 21,27 1,2 7 »21 2-,27 12 17P2L- 2212 222 2'2,217 p» 52'22 -1-212 bo2 212x7 ;e . Die Gaonen haben also die Vocalzeichen für etwas Unwesentliches gehalten. Man bemerke wohl, daß National nicht sagt, die Sopherim oder die talmudischen Gelehrten (11-2122), sondern „die Weisen" d. h. Männer ohne religiöse Autorität, haben dis Vocale bezeichnet. Also weit entfernt einen heiligen Charakter zu haben, galten sie den Gaonen als eine vollständige Nebensache. Den Karäern dagegen schienen sie so wesentlich zum Texte zu gehören, daß Jehuda Hadassi, gewiß von älteren Karäern entlehnt, sie als eine sinaitische Offenbarung betrachtet, ja sie schon von Adam her datirt: 2-2x21 21,27 »22 -2 2-2x21 2-, 272 2-2-,21 21-22 2i-i»2 212122 -2-21 P22-222 2-»b>2 1-2 - 222 21222 bx 2122 2-22» 2,222 -2 bx - 17-212» 2727 »2 21,2721 ; iI 7 - b >21 21 - 21»2 1727 22»21 22 x 21 221,272 2-222 »bl 2 ' 2'-221 21,272 2-2x221 (Dsoirirol Nr. 173 S. 7 od). Es ist demnach nicht ausfallend, daß die palästinensischen Nabbaniten die von Mocha emgeführien Vocalpunkte und Accente angenommen und weiter verbreitet haben Haben doch die Nabbaniten den massoretischen Text so wie ihn ein Karäer festgesetzt hatte, anzunehmen keine Scheu getragen und ihn als Musterexemplar benutzt. Es ergiebt sich nämlich zur Gewißheit, daß Aaron b. Zisch er und sein Vater Mose, deren massoretischer Text mustergültig wurde, Karäer waren Die Beweise sind nicht schwer zu führen. 1 : Der Karäer Jehuda Hadassi spricht von ihm, wie von einein Confessions- genossen ( 1 . o. Nr. 183 und Nr. 173 x. 70 a): 2-7122- bx 212212 P2.22 ;-i,2 222 '2222 221222 ,22,222.2 172-72 22 212 22-» )2 be- 217II. 2 ) In alten Codices wird ihm und auch seinem massoretischen Gegner Ben-Naphtali das Epitheton 222.22 beigelegt, welches nur bei karäische» Autoritäten vorkommt. fPinner xrospsobus S. 86 ): 22212,2:1 222 2,2p- p bm.22- 480 Geschichte der Juden. 12*) 117.78 72727 7L'>' 7^8 O'781227 2*7)127 2'77O7 12 87^72 >7:7! 711727 78 17-- 1)2 IN'.) 7^8 12 N2'2. Der Coder, wo diese Stelle vorkommt, ist im Jahre 10l>8 in Egypten copirt. Eben so heißt cs in einem andern Codex (unbekannten Datums das. S. 63). - pi 22-» ^ 2-22822 -:2- 1-22- -11822 21 p:8 222- '-ne: ^21 -22 p: 12 xw:.2- 82 2L-» p :-22- 2222- '822:. 3j Die Ueberschrift zu Ben-Aschers grammatisch - massoretischem Werk, in der rabbinischen Bibel ((2812: »2,22 vom Jahre 1öl7> und bei Dukes (Kontres Hamassoret Tübingen 1876 S. 1) lautet so, daß er zu den 2-8-22-2 gezählt wird. Das Epitheton 8-222 ist aber, wie Kundigen bekannt, eben so wie 2282 nur für Karäer gebräuchlich. Die Ueberschrift lautet: -,212,222 -wo 21 L-28» 222P2 22:2 2- 8> 22-» 2-222 2»2,2:.2 2-IP2 21,222 NW»! ^2 p.2.2» 2222- 2-2P2 x-,22.2 2212 12-21- 2-2-21221 2-8-22-22 2L> .222» -:-2- 2> i.ir-,2-1 1222-2 8> 122-:-. In dem von Dukes veröffentlichten Fragmente gebraucht Ben-Ascher selbst den Ausdruck i:-2- 2-8-22-221 (Kontres S. 36) 4) Folgendes spricht noch schlagender dafür, daß Ben-Ascher Karner war. In dem eben genannten grammatischen Werke bemerkt er ausdrücklich, daß die Propheten und Hagiographen zur Thora gehören und eine Ergänzung derselben sind (bei Dukes 1 o, S. 30): ,2:i2»i2 22i.22»2 2212 -»2,222 222 :2-»-2:.i -no -.22122 7:2:0 21-2, .22:00 .22:2 2:2-2, 22:22 2-2:20: 21-2122,2 >2'r 2:L'-U -2-2-2, 22122 2-21.2 22 2-2-21, 22122 22P22 22122 2122- 2:i2'22 2212L-»2 2t>2p 2212NU.2 22122-»2, 2-2122.2 222 - - 2-122 2,222 2>8 8x2 22222 2'22> 2N2» — 2-»-222 >2.2 2-2122 2'2'221 2'»-21 2212 2.2>8> 212272 221222 . 2-:i2-»2 P22I 22» 8-2- 2-21,2.2 2228 (22:2 l) 2-,21221 (-12221 l.) 12221 21222 822- >-'2128. Es ist bekannt, daß der Karäismus gegen die Tradition geltend machte, daß der Pentateuch durch die Propheten und heiligen Hagiographen ergänzt wird und dadurch nicht mangelhaft erscheint (vergl. o. S. 441). Ben-Ascher behauptet hier dasselbe Princip und führt sogar denselben Vers als Beleg dafür an, wie die Karäer. Es liegt in diesen holprigen Versen eine ganze Polemik gegen den Rabbanismus. Zum Schlüsse macht er auch das karäische Princip geltend, daß die Folgerung aus Analogie (^-,2122) eben so gut wie das Schriftwort ist (vergl. 0. S. 440). Die rabbanitischen Massoreten haben in aller Naivität diese Formel ausgenommen und nannten die Propheten (»2282-») „Ergänzung", und zwar die ersten Propheten »2-22,2 »2282-» und die letzten »2-222 -» und ahnten nicht, daß diese Formel gegen die talmudische Tradition gerichtet ist. 5) Man könnte auch als Beweis anführen, daß Saadia gegen Ben-Ascher nicht ftehr glimpflich polemisirt hat (0. S. 464 f.). Saadia hat aber nur, so viel wir wissen, gegen Karäer und Ketzer polemisirt und nicht gegen Bekenntniß- genossen. Ben-Ascher war also Karäer und dennoch ist der von ihm fest- gestellte massoretische Text') der heiligen Schrift von Rabbaniten in H So nennt ihn auch der Grammatiker Isaak b. Jehuda (unvollständiger Codex der Seminarbibliothek Nr. LIX. Heft 6 Bl. 5t>), woraus wir zugleich erfahren, daß das als alt geltende massoretische Werk 2821»: 282», der Grundstock unserer großen Maßora, jünger ist als Ben-Ascher. Die Stelle lautet: -122-1 ,2-222 0x2 12 2-2- 22-» >2-1 82 2821»: .282» -wo: -222 »221022 -2»r2i P22» 12 222 82» 22122 -822: p 2,2>- 2212.2 2x28 — 222 »22 2-2- 1'22»2 --2 1>8x »-22- .12:22 22811 P2 28» P2 -2-1 22»2> 22 82 2222 22-» p (22-2 p P2.2» l.) - 2»--2 22 2 > : 2 " 222 .' 21 . ') Noch am Ende des neunten Jahrhunderts war der massoretische Text nicht endgültig abgeschlossen, sondern es gab Varianten nicht bloß in Betreff Note 23. 481 I Palästina, Egypten und später aller Orten adoptirt worden, und ein Ben- Ascher-Text galt als Muster - Exemplar, wie Maimuni berichtet (. 111.1 iso V VIII. 4): niioci chx: ;:i ibu :>i:i: 'rimie» O'isO.i do: dm Li:L- 'imiir' wbi s i')ii>i ll'-)Lon oichp ;prii> n: tiim.io.ii tiimris.i inn.i tinwis i>: Di :m:i> 'imi — :>iwpi ipoin chi: uiie> o'i^l:: pii'i iso.i ni.i .i^iu o'i:i: ichp Dduoe.' isoi . o.io j -i> ;»:>:io i>:i i>.i ichpi O'iso.i i)Lv i'dtch o')V .ir::» llche-ii': i>iV — miso ^ i'ipi ip'.ixiL' i>:: tii:i o'Lps i: ii'd.ii . 1 : 1.1 owe- i: pipii i:>." iiwiV iiod.i: 'i:n:e' . 1111.1 iso: '.i:oo. Die Nabbaniten hatten also keine j Skrupel den massoretischen Text eines Karäers zum Muster zu nehmen. ! Es darf daher nicht auffallen, daß sie die von den Karäern Mocha und s seinemSohne eingsführtenAccentzeichen angenommen haben, da diese für den syna- gogalen Gebrauch unwesentlich sind und nur für den häuslichen Gebrauch bestimmt waren. Noch fehlen uns aber Zeugnisse, wie das tiberieusische System die Alleinherrschaft behaupten konnte. Ueber das Wesen des assyrischen Systems ' hat Herr Pinsker eine eingehende Abhandlung geschrieben. Im Jahre 957 kannten die Juden in der Krimm weder Vocal- noch Aecentzeichen. Sie wurden erst von Jerusalemischen Propagandisten zugeführt, welche 200 karäische Familien ° in Sepharad (Kertsch), Unchat, Sulchat und Kassa zum Rabbanismus bekehrten. (Notiz in einem Odessaer Codex bei Pinner Prospectus S. 64 und bei Pinsker Text S. 17): oi'.iion 11 : 12 » ,ii):i.i 111.1 p«rL i)i> inw.ie- p'tche-ii'i :'L:ii o'ichen uso: lem oche-ii« ui) i^p is unin ii)d:pi o.in^ wo irii,:.i mi: i>: > 2:1 i n-'i ;i>22 >: irr-: upii i>pi irchp um: chx: :>itu: uspi iin:i>ioi nn: p.u: s iei^:i -iso nn i)i> loridi 11 , 0 ) an . um'p.i nosoii iso: :i.i:: ui°> 1111 is:: ;ii:i '.i:.i: (?) 'D'ien IL^LI . 1 : 1 : >)N 1 — och'^ii': O'ISIO.I 1 ),:. 1 L> L'Upr» . 11110)0 nun iin ini ni> ;ip oni) ivnion i:: i:v wiip «niprw o'ii'.iL iv.inro owi «: nin piL iii" no' ip an» uiirur- unin cwin»i oip 'io'« . 111 : 11 . Pinsker, der diese s Handschrift selbst gesehen, bürgt für das hohe Alter dieser Urkunde. Ueber die ^ krimmischen Städte, die hier Vorkommen, ebendas. Die hervorgehobenen Buchstaben ergeben als Zahlzeichen 717, d. h. 4717 s-srs. murrcii — 977 chr. Zeit. ^ unwesentlicher Momente, wie ?1sirs, Oslsebivs, halber und ganzer Zwischen- ( räume (imi mon) Accente und Orthographie, sondern auch in Bezug aus ! Versabtheilung, wie aus Zemach b. Chajim's Gutachten hervorgeht (Schluß zu , iii>n Iso und auch von Jbn-Jachja in Schalschelet citirt) :iw uni,:,:: ch>sui ' 'POS:i 112110:1 N1N1NS01 .11151" 1111010 iuill" pirch loo po 0.10 ")V 2" O'P10,11 llwl.io 1 'PIOS.I 1111:1 nmorwi Oiopl-I. Die Varianten der «uoipLi M. 1 V 1 Q waren also früher mannigfaltiger und wesentlicher als sie uns jetzt vorliegen. Saadia folgt noch einer andern Versabtheilung und andern Lesarten. Man ist also gcnöthigt anzunehmen, daß erst durch Ben - Ascher's Text die abweichenden Exemplare verdrängt wurden, unv derselbe sich die Alleingeltung errungen hat. — Ben-Ascher schrieb, so viel wir jetzt wissen: 1) o'>:pa>.i yonpi (abgedruckt in Dukes Kontres) über Accente, Natur der Consonanten, Dagesch und Raphs und ! Anderes; 2) pm über 80 Homonyma. 3) Massoretische Angaben sind ! in dem von ihm geschriebenen Bibelcodex «.in Kairo bei den Karäern) enthalten. Geschichte der Jude». Register. —— A. Aaron b. Ascher 262, 285. Abbun b. Sardah 308. Abdallah Jbn-Saba 115. Abdallah Jbn-Salam 94. Abdallah Jbn-Saura 95. Abdallah Jbn-Ubej 89. 96 f„ 100. Abdul-Rahman III. 289, 298. Mal 81. Abrabanel 55. Abraham Kahana 161 Anm. Abraham Proselyte 26. Abraham b. Simcha 342. ALu-Asak 95, 98. Abu-Amraniten 202. Abu-Bekr 95. Abu-Hischam s. Levi Halevi. Abu-Jsa 156 f. 160. Abu-Jussuf s. Chasdar Jbn-Schaprut. Abu-Kariba 77. Abu-Kethir 235, 251. Abu-Zachnria Jachja Chajug 327. Achat s. Nisfi b. Noach. Achat aus Schabcha 161. Achuna Kohana b, Papa 174 Anm. Adonim s. Dunasch. Agada 17, 20. Agadisten 146. Agobard 209 — 218, 222. Ahunat 6. Albanien 201. Alablak f. Ablak. ! Albassir s. Josepf Roeh. ! Alghitiun 82. j Alhakem, Chalife 327, 329. ^ Alkarkassani s. Joseph Markassani. ! Almamun, Chalife 186, 187, 197. Almokammez 285. Almutadhid, Chalife 245. Almutawakkil, Chalife 230. Amolo 222-226 Amram s. Mar-Amram. Anan 164, 166-171. Ananiten 169. Anbar f. Firuz -Schabur. Ansegisus 227. Antiochien 13, 23. Apokalypse, messianische 158— 160. Arabien, Juden in 65, 108, 151 f. Arles, Juden in 43, 44. Aruch 233. Aschura 70, 97. Asma 98. Assad 75. Auvergne, Juden in 43. Avitus von Clermont 46 — 48 B. Baalbekiten 202. Babylonien, Juden in 2—14,112-128 288 f., 320 f. Bagdad, Juden in 198. Bahram Tschubin 12. Bann 125, 126. Register 483 Basilius der Macedonier 228. Bebai 175. Ben-Ascher s. Aaron b. Ascher. Ben-Kafron 316. Ben-Naphtali 286. Benjamin Nahawendi 191, 192. Benjamin von Liberias 25, 27, 28. Benu-Kainukaa 66, 69, 89, 198, 199. Benu-Kinanah 74. Benu-Kuraiza 66, 88 f., 162—104. Benu-Nadhir 66, 88 f., 166—162. Veziers, Juden in 44, 226. Luv üloss 160, 246 f. Bodo, Proselyte 218 f. Bordeaux, Juden in 227. Borion 22. Bosporus s. Sepharad. Bostanai 13, II3-II5. Bostanai's Söhne 115, 116. Brunhilde 42, 51. Büßer, karäische 238. Bulan, Chagan 178 f. Burgund, Juden in 44, 46 Byzantinisches Reich, Juden in 12, 155, 228 f. ( 5 . Ccisarea 22, 116. Carcassonnc, Juden in 43. Cassiodor 36, 38. Chaibar 66, 67, 160, 108. Chajug s. Jehuda Chajug Chanan aus Jskia 12. Chananel 290. Chananja, Schulhaupt 12. Chananja, Exilarch 165. Chananja Mescherschaja 174 Anm. Chaninai, Schulhaupt 13. Chaninai, Exilarch 13. Chaninai b. Abraham 175. Chaninai b. Jehudai, Gaon 277. Chaninai Kahnna b. Huna 174, 175. Chanoch 318 f., 326, 328, 331, 332. Charag 112. Osiasanub 18, 156. ! Chasdai, Exilarch 118, 161. Chasdai Jbn-Schaprut 289, 297 - 304, 308—317. Chazaren I76-I8I, 304—367, 341 f. Childebert I. 46. Chilperich 48—52. Chindaswint 129. Chintila 63. Chivi Albalchi 266. Chlotar II 51. Chuschiel 288, 289. Clermont, Juden in 46, 47. Collegium, gaoniiisches 122. Concil von Agdes 45. Concil von Epaone 46. Concil von Jlliberis 57. Concil von Mayons 48. Concil von Meaux 222. Concil von Narbonne 59. Concil von Orleans 46. Concil von Rheims 52. Concil von Bannes 44. Concil von Toledo 62 f., 129, 134, 135, 146. Cordova, Juden in 54, 288, 318, 328 f., 331. D. Dagobert, König von Frankreich 29, 51 Das au äi Lasis. 129. Daniel, Exilarch 197. Dara 113. David Almokammez s. Almokammez D. David Chagan 341. David, Exilarchensohn 118. David b. Jehuda, Exilarch 248, 257,260. Deutschland, Juden in 53, 183—185, 334—339. Dhu-Nowas 78—81. Diplom, gaoniiisches 125. Donnolo 292 — 294. Dossa 278- 306. Dubai 165. Dunasch b. Labrat 297, 308, 312-314. Dunasch b. Tamim 257, 296 f. 31* 484 Register. E. Eidesformel 185. Egica 139 f., 141. Eheerschwerung der Kariier 204. Einkünfte der Gaonen 124. Eldad der Danite 239—244. Cleasar b. Kalir s. Kaliri. Elesbaa 81. Ephoros, jüdischer 33. Erblehre der Karäer 204. Erwig >34—139. Dsxsta, Lliäi'ÄSoli 175. Exilarchat l 13,119—122,230 s.,244,278. F- Fortunatas 47. Frankreich, Juden in 43 — 52, 181, 182, 205 ff. 220, 332 f. G. G'alutija 194. Gaonäische Exoche 115. Gaonwürde 115. Gebetordnung (8iääur) 231, 233. Gelasius, Papst 36. Gemeindeordnung l 25. Gerschom 335 f. 339., Ghyssar 342. Giza 6, 7, 8, II. G'esiah 112. Gottesdienst 18. Granada, Juden in 54. Gregor I., Papst 40—42, 59. Gregor von Tours 47, 49, 51. . Griechenland, Juden in 228. Guntram 51. H- Habrian I., Papst 181. Hai b. David 245. Hai b. Nachschon 245. Hai b. Scherira, Gaon 320—323. Hakim, Chalife 310. ! üslaoliob Gsäolob 234. ! üa-laoliob Listuob 174. Harith Jbn-Amru 77. Harith Jbn-Abu-Schamir 82, 85. Harith Jbn-Kaleb 79. Harun ar-Raschid 184, 186. Hassan b. Mar-Hassan 328. Hassan b. Maschiach 256. Usolialob 193. Heinrich II. 337 f. Henoch der Aiystiker 194. Herakiius 24, 27, 29. Hilai b. Chaninai 196. Hilai b. Mischael 246. Hilderich 132, 133. Himjara s. Jemen. Hornusdas IV. 11. Huldigungsakt der Exilarchen 120,12 >. Hujej Jbn-Achtab 100, 101, 105. Huna Mar-Halevi 175. Hunai Gaon 118. I- Jakob von Nahar-Pakor 154. Jakob b. Natronai 246. Jakob b. Nissim 290. Jakob b. Samuel 281. Jakob b. Jbn-G'au 329-332. Jakob Jbn-Scheara 187. Jakob Tamani 286. Jannai 148 f. Jathrib, Juden in 66, 75 f., 81—83 Jbn-Albalia 55. Jbn-Abitur s. Joseph Jbn-Abitur. Jbn-Chalfon 328. Jbn-Daud 55, 327. Jbn-G'au s. Jakob Jbn-G'au. Jbn-G'ikatilla s. Isaak Jbn-G'- Jbn-Josiah s. Samuel ha-Kohen. Jbn-Koraisch s. Jehuda b. Koraisch. Jbn>Rumahis 279, 288. Jbn-Sakwija 256 Jbn-Sargadu 259, 260 s., 276, 278 Jehuda, Exilarch 277. Register. 485 Jehuda der Perser f. Jehuda Judghan j Jehuda Jbn-Daud Chajug 316, 328. ! Jehuda Gaon von Pumbadita 161. Jehuda Judghan 190 f. Jehuda b. Metr s. Leontin. Jehudat Gaon, der blinde 165, 174. Jehudat b. Samuel, Gaon 245. Jehudi b. Scheschet 317. Jemen 66, 87. Jephet Halevi 283. Jerusalem 15, 25, 27, 110. 3gAu1 äi ü,' l^aolisalrorr 234. Jlliberis 57. Jmrulkais 84, 85. Jochanan Hakkohen 150. Joktaniden 73. Jom-Tob-Kahana 257. Jonathan 18. Jos« b. Joss 146, 148. Joseph Alkarkafsani 344. Joseph Chagan 302, 301, 305—307. Joseph b. Abba 196. Joseph b. Chija 197. Joseph b. Gorion 235. Joseph b. Rabbi 198. Joseph b. Satia 260, 279. Joseph Jbn-Abitur 318, 326, 328—332. Joseph Noeh 256. Josia Hassan 260 f. Josippon 235, 295. Jotaba 68. Isaak Jbn-Abitur 318. Isaak Gaon s. Mar Isaak. Isaak, Gesandter 184. Isaak b. Aschi 196. Isaak b. Chija 198. Isaak Jbn-G'ikatilla 316. Isaak Jbn-Schaprut s. Chasda'r Jbn-Sch. Isaak Israeli 236 f. Isaak Sangari 179. Jsawiten 157, 160. Isidor von Sevilla 62, 63. Jsmael Akbari 201. Jsmaeliten 73. Israel st Isaak Israeli. Italien, Juden in 34—41,227,292,295. Juda, Günstling 221 . Juda b. Komisch 243. Judäa 1, 14 f., 22 f, 27, 110. Judeneid 185. Judensteuer 129. Judghaniten 191. Judith, Kaiserin 207. Julian von Toledo 136—139. Jussuf s. Dhu Nowas. Justin 1. 14. Justin II 23. Justinian 18, 19, 33. K. Kaab 75. Kaab Jbn-Aschscharaf 94, 95. Kaab Jbn-Assad 88, 89, 102, 103. Kafnn't, Exilarch 13. Kainukaa s. Benu-Kainukaa. Kairuan, Gemeinde in 242, 289, 291. Ls-Iarn 188. Kaliri 149 st Kalonymos aus Lucca 192 st, 185. Kämest 195. Kamuß 07, 106. Karäerthum 169, 173, 199—204, 238 f. 279 f. 340, 343 f. Karäismus s. Karäerthum. Karl der Große 181, 182. Karl der Kahle 221, 223. Kasser b. Ahron 277. Kaulan al-Jahu.di 153. Kertsch s. Sepharad. Kiblah 93. Kimoj b. Achat, Gaon 245. Kimoj b. Aschi 196. Kinana Jbn-Rabia 105. Kinana Jbn-Suria 95. Köln, Juden in 53, 184. Kohen Zedek I. Gaon 231. Kohen Zedek II. 246, 249, 276. Konstautinopel, Juden in 32, 33. Kufa, Juden in 108. Kuraiza f. Benu-Kuraiza. 486 Register. L. Lehrerversammlung 122, 123. Leo der Jsaurier ISS, 228. Leo der Philosoph 289. Leon s. Leontin. Leontin 334, 33S. Levi Halevi 343, 344 Ludwig der fromme 20S, 220 Ludwig II. 227. M. Machuza 13. Magdeburg 334. Uagistsi luäasorrina 206. Makarijiten 192. Makkabäerbuch, arabisches 235. Malik 82. Malka b. Acha 174. Manasse Jbn-Kazra 324. Mar-Abraham 196, 198. Mar-Ahron 196. Mar-Amram, Gaon 232. Mar-Chanina 4, S. Mar-Chaninäi, Gaon 118. Mar b. Huna 13. Mar b. Samuel, Gaou 161. Mar-Isaak, Gaon 117. Mar-Kohen-Zedek s. Kohen-Zedek. Mar-Raba 117. Mar-Sar-Schalom 231. Mar Scheschna II8. Mar-Sutra II. 4—6. Marhab 10S, 106. Diari Halevi 175. Mari b. Mar 12, 13. Marseille, Juden in 43, 51. Maschalla 187. iklnbssolikob Lsbanot, 18 . Massora 172 f., 286. Massoreten 173, 285. Mathatia, Gaon 232. Mebasser, Gegcngaon 248. Mebodes 13. Medinah s. Jathrib. j Menahem, Gaon 232. I Menahem Gizni 284. Menahem b. Saruk 297,308,310 f., 315 Merseburg, Juden in 334. Messar G'awaih 144. Metatoron 194. Moszia 285. Mohammed 90—107. Mose aus Baalbek 202. i Mose Ben-Ascher 285. ! Mose der Perser 201, 202. ^ Mose Abu-Amram s. Mose der Perser ! Mose b. Chanoch 288, 318. i Mose b. Jakob, Gaon 198. Mugassim 189. Musa Akbari 201. Musa Jbn-Nosair 142. Muschabbiha 189. Muschka 191. Mutazila 188. Mystik 193—196. Mystiker 195, 197. N. Nachschon, Gaon 233 f. Nadhir s. Benu Nadhir. Narbonne, Juden in 44, 227. Nasas 35, 41. Nathan der Babylonier 288. Natronar I. 154. Natronäi II., Gaon 232. Natronäi b. Chabibai 174. Nazaret 16, 25. Neapel, Juden in 39. Nehemia, Gaon 287. Netira 249, 258. Nissi Naharwani 249, 258. Nissi b. Noach 199 f. Msbarob äi N' Lirnon 6. loodäi s. dlpokalypse. O. Obadiah, Chagan 180. Obadiah Jsfahani s Abu Jsa. Register. Oberrichter (Os/jan äi Latrs.) 122. Omar 105, 108, 111, 112. Omarbund III. Orleans, Juden in 48. Otto I. 334. Otto II. 334. P- Pachda 5. Paltoj, Gaon 231. Paris, Juden in 43. Peroz-Schabur 11. Phatir 50 f. I'rjnb 18, 150 f. Pinehas Jbn-Azura 95. I?irlrs äi ü,' Utisssr 186 Am». Poesie, neuhebräische 145 f , 308 f. Poetan 148. Priscus 49 f. Pumbadita 124, 195 f., 244 f. Punktatoren 10. R. Raba b. Ami, Gaon 233. Raba b. Dudät 175. Rabat aus Rob 7. Rabbaniten 169. Rabbinerfunktion 124, 318. Reccared 59 f. Rsceswinth 129 f., 131 f. Rssotr daliabs. s. Exilarchat. Nssotr Ilsllstr 122. Ü,sseli-I?irtrs 17. Rhabanus Maurus 207. Rihana 104. Rom, Juden in 37. Russen 307. Hubs. Sl-4sRut 54. S. Saadia 250 f., 278. Sabbation s. Sambation. 487 Saburäer 8. Safia 107. Sahal Abulsari 280 f. Sahal al-Tabari 187. Sätd b. Jephet 344. Sakka'r b. Ilchunai, Exilarch 174. Salam Jbn-Mischkam 101, 105. Salmon b. Jerucham 255, 279, 284. Salomo, Exilarch 118, 161, 164. Sambation, Fluß 240. Samaritaner 16, 18, 22. Samuel Jbn-Adijah 83 s. Samuel ha-Kohen 327. Sar-Schalom 231. Sarkel 305. Lotrsolbob 162. Schefatia 229. Schemaria 288. Scherif Jbn-Kaab 82. Scherira b. Chanania 287, 320—323. Loliinr Lonaulr 193. Schoraich 87. 8säsr la-nulin. 2lw.oruiir>. 234. 8stsr 4Hrs.tr 262. Sens, Juden in 227. Sepharad am schwarzen Meere 156, 286, 342. Sepharad s. Spanien. Serene 152 f. Sidonius Apollonaris 45. Sigismund, König 45. Simon b. Isaak 337. Simon b. Kaifa 148. Simon aus Kahira 234. Simuna 7. Sisebut 60 f. Sisenand 62. Sklavonien, Juden in 303. Spanien, Juden in 51 f., 128 f., 153, 289 f., 308—319, 324—332. Südarabien s. Jemen. Suma'tr 144. Sura,Hochschulein121,161,196, 197 f. 244, 246, 278. Swintila 61. 488 Register. T. Talmud, Schlußredaction 8. lkana äi-ds-Miad 294. Taracona, Juden in 54. larbiWÜ 123. Tarik 142 f. Teinpelgefäße 33 f. Theodorich 36 f. Theodor von Marseille 51. Liberias 16, 285. Tiflisiten 202. Toledo, Juden in 55, 130, 141. Toulouse, Juden in 226. Traktate, kleine 18. Tyrus, Juden in 26. u. Ukba, Exilarch 246 s. Ungarn, Juden in 303. Urbib 28. V. Verordnung des R' Gerschom 336. Versammlung, große 121. Virgilius von Arles 51. Vocalzeichen, assyrische 10. Vocalzeichen, hebräische 9. Vocalzeichen, tiberiensische 10. Völkerwanderung 34 f. W. Wadil-Kora 106 f. Wamba 132.. Waraka Jbn-Nausal 91. Wecelinus 337. Witiza 141. Wladimir 341 f. Z. Zabir Jbn-Bata 101 f. Zadik, Gaon s. Isaak Aschi. Zainab 107 f. Zedekias, Leibarzt 221. Zemach b. Chajim 244. Zemach I. b. Paltoj, Gaon 233. Zemach b. Kafna'i 276, 277. Zorah s. Dhu-Nomas. Druck von Lskar Lciuer in Leipzig.