Saadia's Religionsphilosophie.
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Durch Zeichen und Wunder ist das israelitische Volk der Sendungdes größten Propheten über alle Zweifel gewiß geworden, daß die vonihm gebrachte Lehre thatsächlich von Gott stamme. Es ist daher Pflichtder Israeliten, diese Lehre treu zu bewahren. Ein großer Theil dieserLehre des Judenthums stimme auch mit der Vernunft überein; es istder Theil der vernunftgemäßen Religionsgesetze *), wie die demüthigeVerehrung Gottes, nicht unwürdig von ihm zu sprechen oder von ihmzu denken, Gerechtigkeit, Wahrheit zu üben, Unkeuschheit, Diebstahl,Verleumdung zu meiden, die Mitmenschen wie sich selbst zu lieben undAehnliches. Der andere Theil des Judenthums, die rituellen Gesetzezeigen zwar nicht auf den ersten Blick, daß sie an sich wünschenswerthoder verwerflich wären. Man könnte also annehmen, daß sie nurWerth haben, weil durch sie der unbedingte Gehorsam gegen Gottbethätigt wird. Indessen dürfte sich doch für einige rituelle Gesetzes-bestimmungen ein vernunftgemäßer Grund finden lassen. Die Heiligunggewisser Zeiten könnte bezwecken, daß die Menschen an gewissen Tagenvon der Arbeit ruhen und Muße fiir Gebet und Sammlung findensollten. Die Auszeichnung gewisser Personen, wie die Aaroniden, könnteihren Grund darin haben, daß sie als Vorbilder die übrigen Menschenzum Guten anleiten sollten. Das Gennßverbot mancher Thiere könntegegen das Götzenthnm gerichtet sein. Das Verbot der Ehe innerhalbder Blutsverwandtschaft will wegen allzuleichter Vertraulichkeit derFamilienglieder der Unzucht Vorbeugen. Die levitischen Reinheitsgesetzebezwecken eine größere Sehnsucht nach Gebet und Heiligthum im Gemüthezu erzeugen, wenn der Mensch durch den unreinen Zustand dieselbeneinige Zeit entbehrt hat. Doch gab Saadia diese vernunftgemäße Be-gründung der rituellen Gesetze nur als Vermuthung und meinte, daßdie göttliche Weisheit noch etwas ganz Anderes damit bezweckt habenkönne, das dem Menschen verhüllt sei^).
Aus den Ergebnissen der Philosophie und der Offenbarung stellteSaadia eine Art praktische Sittenlehre zusammen, welche als der Glanz-punkt seines Systems angesehen werden kann. Der Mensch, obwohlein einheitlicher Organismus von Seele und Leib, hat vielfache Triebeund Neigungen. Der Begehrnngstrieb der Seele strebt nach Lust undGenüssen, um die Anforderungen der Sinne zu befriedigen. Der Er-regungstrieb erzeugt Muth, Ehrgeiz, Hochmuth und Rachegefühl. Wollteder Mensch sich einem dieser Triebe ausschließlich überlassen, so würde
h Arabisch Lvkariri.' alltssall, hebr. siolckisot.
2) Arabisch Lollariu' ssraifiall, hebr. lckisrvot selmraffob.üoauuob III 1 — 2.