Die Juden im Frankenreiche.
227
habe so derb zugeschlagen, daß der unglückliche Syndikus leblos zuBoden stürzte. Der Judenhaß, der eine Art Berechtigung für dieseUnmenschlichkeit begründen wollte, erfand eine Fabel, die Juden hätteneinst die Stadt Toulouse an die Mohammedaner verrathen oder ver-rathen wollen ^). Eine ebenso unwahre Erfindung ist es, daß dieJuden die Stadt Bordeaux an die Normannen verrathen hätten. Späterwurde die Ohrfeige in Toulouse in eine jährliche Geldleistung vonSeiten der Juden verwandelt.
Ludwig's des Frommen Urenkel, Ludwig II., Lothar's Sohn,ließ sich so sehr von Geistlichen umstricken, daß er, sobald er Selbst-herrscher von Italien wurde (855), einen Concilbeschluß bestätigte, daßsämmtliche Juden Italiens das Land, welches ihre Vorfahren langevor den eingewanderten Germanen und Langobarden bewohnten, ver-lassen sollten. Bis zum I. October desselben Jahres dürfe sich keinJude in Italien blicken lassen. Jeder Betroffene dürfe vom ErstenBesten ergriffen und zur Strafe abgeliefert werden. Glücklicher-weise für die Juden war der Beschluß unausführbar^). DennItalien war damals in lauter kleine Gebiete zersplittert, deren Be-herrscher dem Kaiser von Italien meistens den Gehorsam versagten.Mohammedaner machten häufige Einfälle ins Land und wurden öftervon christlichen Fürsten gegen einander oder gegen den Kaiser zu Hilfegerufen. In dieser Anarchie fanden die Juden Schutz genug, undder Erlaß blieb wahrscheinlich auf dem Papier. — Eine örtliche Ver-treibung der Juden fiel auch in Frankreich vor. Anseg isus, Erz-bischof von Sens, welcher den Primat über sämmtliche gallische Geist-liche hatte und der zweite Papst genannt wurde, vertrieb die Judenzugleich mit den Nonnen aus Sens^) sicherlich nach dem Tode Karl's(zwischen 877—882>. Den Grund dieser Verfolgung und deren Zu-sammenhang mit der Vertreibung der Nonnen, deutet die Chronikkaum an. Unter Karl's Nachfolgern, als die Macht des Königthumsimmer unbedeutender wurde und die Bigotterie der Fürsten zunahm,kam es so weit, daß der König Karl der Einfältige sämmtliche Lände-reien und Weinberge der Juden im Herzogthum Narbonne aus über-großem Eifer der Kirche von Narbonne schenkte (899, 914Z. All-mälig gewöhnten sich französische Fürsten an den Gedanken, daß derSchutz, den der Kaiser Karl der Große und noch mehr sein Sohn
1) Dergl. darüber Ousllssus ssriptorss Uramsoruna III. 430, Usugust,rsousil IX. 116. llistoirs äs UanAnsäss II. 151.
2) I>srt 2 wonnrasräs, lsgss I. p. 137.
OllrolliooL bei Lougusb rsonstl VIII. 237.
Die Aktenstücke darüber bei Lougast. Das. IX. 480, 521.
15«