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Geschichte der Juden.
Poesie in Form und Inhalt verschieden war, hatte mit ihr doch denreligiösen Grundton gemein. Der lobpreisende Psalm und das gemüth-ergreifende Klagelied waren die Muster für die neuen jüdischen Dichter.Aber auch ein drittes Element beanspruchte Berücksichtigung. Seit demUntergang der staatlichen Selbständigkeit war die Lehre die Seele desJudenthums geworden; religiöses Thun ohne Kenntniß des Lehrstoffesgalt als werthlos. Der Mittelpunkt des sabbatlichen und feiertägigenGottesdienstes war das Vorlesen aus Gesetz und Propheten, die Ver-dolmetschung des Vorgelesenen durch die Targumisten und die Erläuterungdes Textes durch die Agadisten (Homiletiker). Die ncuhebräische Poesiedurfte in keinem Falle der Belehrung ganz bar sein, wenn sie sichEingang in die Gemüther verschaffen wollte. Der Dichter hatte keinenandern Schauplatz als die Synagoge, kein anderes Publikum als diezum Gebet und zur Belehrung versammelte Gemeinde, und die Poesiemußte ein synagogales oder liturgisches Gepräge annehmen.
Das äußere Bedürfniß kam dem poetischen Drange entgegen. Derursprüngliche Gottesdienst mit seinen einfachen und kurzen Gebetstückengenügte nicht mehr. Er wurde zwar durch Recitation von Psalmenund eigene liturgische Stücke erweitert, aber auch diese füllten die Zeitnicht aus, welche die Gemeinde gerne im Gotteshause zubrachte.Namentlich erheischten die tiefer Andacht geweihten Tage des Neujahrs-festes und des Versöhnungstages, welche die in Reue zerknirschte undum Sündenvergebung und Erlösung flehende Gemeinde einen großenTheil des Tages (oder den ganzen) im Bethause fesselten, eine Er-weiterung des Gottesdienstes und mehr Andachtsmittel. Die Reihe derneuhebräischen Dichter, welche die synagogale Poesie anbauten, eröffnet,so viel bis jetzt bekannt ist, Joss b. Josä Hajathom (oder Haithom),dessen Schöpfungen nicht ohne echt poetischen Schwung, wenn auch ohnekünstlerische Formen sind. Vaterland und Zeitalter desselben sind durchausunbekannt, dach scheint er ein Palästinenser gewesen zu sein und Wohlnicht vor der ersten gaonäischen Zeit gelebt zu haben.
Josä b. Joss Z nahm die Gefühle und Erinnerungen, welchedie Gemeinde am Neujahrstage bewegen, zum Thema seiner Dichtungen.Am Neujahr, am Geburtstage eines neuen Zeitabschnittes, wo nachjüdischer Anschauung die Geschicke des laufenden Jahres für die Einzelnenund die Gemeinde entschieden werden, feierte er in einem erhabenenGedichte Gott als den mächtigen Herrn, als den Weltenschöpfer, alsden gerechten Richter und als den Erlöser Israels. Das Gedicht, dassich den alten Gebetstücken für das vorgeschriebene Posaunenblasen
i) Vergl. darüber Frankel, Monatsschrift, Jahrg. 18S9, S. 40t, 437 ff.