Druckschrift 
5 (1895) Geschichte der Juden vom Abschluß des Talmuds (500) bis zum Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027)
Entstehung
Seite
114
Einzelbild herunterladen
 

114 Geschichte der Juden.

des Traumgesichts zu erfahren, sei er auf einen tranmkundigen Inden,gewiesen worden. Dieser, ein alter Mann, dessen Tochter mit einemGliede des exilarchatischen Hauses verheirathet war, habe den Traumauf die Verfolgung des Exilarchenhauses und auf die Frucht bezogen,welche noch im Schooße seiner Tochter schlummerte. Der König, vonder Richtigkeit der Deutung überzeugt, habe befohlen, die Wittwe, welchevermuthungsweise den letzten Stammhalter des Exilarchenhauses imSchooße trüge, mit aller Sorgfalt zu umgeben. Sie habe dann richtigeinen Knaben geboren, und dieser habe von dem Umstande des Lust-gartens (Bostan) den Namen Bostanal erhalten. Für die Erhaltungdes jungen Bostanal hätten die Herzen aller Juden nah und fern ge-schlagen und ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und er habe den Erwartungenentsprochen. Denn er habe sich durch Gelehrsamkeit und Berstandes-tiefe ausgezeichnet und sich durch taktvolles Benehmen einer hohenStellung würdig gezeigt. Als der König einst den herangewachsenenJüngling zu sehen gewünscht, habe er Weisheit und Anstand bekundet.Denn obwohl von einer Fliege so heftig gestochen, daß ihm das Blutheruntertroff, habe er aus tiefer Ehrfurcht vor dem Könige keine Be-wegung gemacht, die lästige Blutsaugerin zu verscheuchen. Der Könighabe ihn dafür sehr gelobt, ihn mit Geschenken überhäuft, ihn zumExilarchen eingesetzt und ihm die Befugniß ertheilt, Richter und Schul-häupter zu ernennen. Zum Andenken an die Fliege, die ihm so nützlichgewesen, habe Bostanal ihr Bild als Wappenzeichcn für das Exilarchatangenommen. Die arabischen Chalifen hätten Bostanal in dieser Würdebestätigt, und der vierte Chalife, dem er einst mit den heiligen Schriftenentgegengekommen war, habe, als er erfuhr, daß er im Alter vonfünfunddreißig Jabren noch ledig sei, ihm die schöne KönigstochterDara zur Frau gegebenZ. Um glaubwürdig zu erscheinen, hat dieSage einige geschichtliche Züge an ihrem Bilde angebracht.

Das jüdisch-babylonische Gemeinwesen, welches durch Bostanaiwieder eine Bedeutung erlangte, erhielt erst seine Befestigung und Ab-rundung unter dem vierten Chalifen Ali, Mohammed's Gefährten undSchwiegersohn, dem Helden von Chaibar. Omar war durch einenMeuchelmörder gefallen (644), sein Nachfolger Othman war durcheinen weitverzweigten Aufstand umgekommen <655), und Ali wurdevon den Verschworenen zum Chalifeu ausgerufen, hatte aber vielfacheund erbitterte Gegner zu bekämpfen. Das islamitische Reich war inzwei Lager gespalten; ein Theil war für Ali, der seine Residenz inder neuerbauten Stadt Kufa in Irak errichtet hatte, und ein anderer

-) Note II.