Einführung der Vokal-Zeichen.
S
lasen sie mit der Brille des Talmuds. Dem Volke aber, welches nichtvon Jugend an durch Ueberlieferung das Lesen des Textes gelernthatte, blieben sie aus Mangel an Vokalzeichen völlig unzugänglich.! In älterer Zeit hat es zwar die Verlegenheit dahin gebracht, daß
! Andeutungen für die drei Hauptvokale angebracht worden waren, aber
auch das nur spärlich und nicht überall gleichmäßig durchgeführt. Selbstfür Kundige waren Wörter, welche mit denselben Consonanteu geschriebenwaren, aber eine verschiedene Bedeutung haben, sehr schwer zu unter-scheiden. Wie sollte da der richtige Sinn der heiligen Schrift erfaßt! werden?
Da Wehle ein leiser Hauch wissenschaftlicher Regung vom ab-sterbeudeu Griechenland nach Persien hinüber. Die fanatische Ver-folgungssucht des Kaisers Justinian hatte die Philosophenschule von' Athen schließen lassen und dafür unwissende Mönche begünstigt. Dieletzten sieben Weisen Griechenlands wanderten nach Persien aus, weilsie den König Nuschirvau für einen Beförderer der Wissenschaft hielten.Zum Theil war er es auch. Von dem griechischen Geiste augeregt,entstand in der Gegend, wo Juden zahlreich wohnten, eine Schule fürHeilkunde und Naturwissenschaft. Auch die Sprachwissenschaft fandeinige Pflege unter den syrischen Christen am Euphrat und jenseitsdes Tigris. Es war eine Sekte, Nestorianer genannt, welchesich wegen eines dogmatischen Gezänkes von ihren Glaubens-verwandten westlich vom Euphrat, den I a ko b i t e n, getrennt hatten,und diese bitter haßten. Die Nestorianer standen den Juden näher,! und ihre Priester und Gelehrten theilten nicht das Vorurtheil und
> den Haß der abendländischen, oder wie sie sich nannten, der recht-
i gläubigen Christen, den Verkehr mit ihnen zu meiden. Diese syrischen
! Christen hatten — man weiß nicht genau zu welcher Zeit — in den
! Texten ihrer kirchlichen Schriften einen Nothbehelf für Vokale einge-
l führt, wobei die Kenntniß grammatikalischer Regeln unentbehrlich war.
i Von diesen angeregt, begann unter den Juden in ihrer Nachbarschaft^ der Nacheifer, der heiligen Schrift ein wenig Aufmerksamkeit zuzu-^ wenden. Um das Lernen und Begreifen der biblischen Bücher zu er-! leichtern, mußte zunächst der Text mit Vokalzeichen versehen werden.
! Diese führte ein unbekannt Gebliebener (oder mehrere) ein, zuerstgleich den Syrern nur Punkte bei verschiedendeutigen Wörtern, nach^ und nach dann ein vollständiges System. Jeder Consonant wurdemit einem Vokalzeichen versehen. Die Erfindung dieser Zeichen scheintjetzt kinderleicht, und doch waren Jahrtausende vergangen, ohne daßman darauf gekommen war. Das Einfache besteht darin, daß gewisses hebräische Consonauten, welche bald consonantisch, bald vokalisch