XIV
Einleitung.
mehr oder weniger uninteressante Einzelheiten? Herrscht darinder Wirrwarr des Zufalls oder die ordnende Hand eines innernGesetzes?
Der Geschichtsforscher und der Leser, denen an der Beant-wortung dieser Fragen etwas gelegen ist, müssen bei Betrachtungdes nachtalmudischen Zeitraumes stets das Eine im Auge behalten,daß die jüdische Geschichte, wie die israelitische Geschichte dervorexilischen Periode, und wie die jüdische Geschichte der nach-exilischen Epoche, aus zwei wesentlichen Faktoren besteht.Auf der einen Seite der unsterblich scheinende jüdische Stamm,als der Leib, auf der andern Seite die nicht minder unvergänglichscheinende Lehre des Juden thums, als die Seele. Aus derWechselwirkung dieses Volksleibes und dieser Volksseele spinnt sichder Faden der Geschichte in dem diasporischen Zeiträume ab. DieSchicksale der Juden unter den verschiedenen Nationen, wohin siedes Verfolgers Arm getrieben, der wandernde Fuß geführt; dieArt und Weise, wie sich die Einzelnen zu Gemeinden gruppirtenund zusammenschlossen gleich Atomen, von einem Krystallisations-trieb beherrscht; wie diese Gemeinden den Zusammenhang mit derGesammtheit oder dem Kern des Stammes oft über weite Raumes-fernen suchten und fanden; dieser Mittelpunkt selbst, unter welchenBedingungen er sich gebildet, von welcher Art seine Anziehungs-kraft war, wie er bald hierhin, bald dorthin versetzt wurde, baldeinen gemeinwesenartigen, bald einen persönlichen Charakter annahm:das Alles bildet einen Theil der nachtalmudischen Geschichte nachder leiblichen Seite. Die Gestaltung nnd Entwicklung desJudenthums, wie es durch Bibel nnd Talmud ausgeprägt, sichallmälig aus dem Dunstkreise des Buchstabens und der Satzungzur Lichthöhe des Gedankens und des Selbstbewußtseins empor-gearbeitet, die Hindernisse und Förderungen, die es in innigemContakt mit der wechselvollen Weltgeschichte gefunden, die wissen-schaftliche Läuterung, die es durch die Reibungen der aus seinemSchooße geborenen Sekten nnd Richtungen erfahren, die Wissen-schaft und Poesie, die es aus sich erzeugt, und die hinwiederumauf dasselbe gestaltend und veredelnd eingewirkt, die Persönlichkeiten,welche als Träger und Führer, als lebendiger Inbegriff seinesWesens, ihm neue Richtungen und Ziele vorgezeichnet, bilden denandern Theil des diasporischen Zeitraums der jüdischen Geschichte