Einleitung.
XV
nach der geistigen Seite. Und das organische Zusammenwirkendieser beiden Faktoren, wie bald der Volksleib, von den Blei-gewichten feindseliger Umgebung zur Erde uiedergezogen, seine Seelemit in den Stand der Niedrigkeit und Verdunklung herabzog, undwie diese, wenn sie, ihres göttlichen Ursprungs eingedenk, sich vondem Drucke befreit und den Flug himmelwärts nahm, auch ihrenLeib zum Aufschwung emporschnellte, das Alles muß eine prag-matische Behandlung der Geschichte veranschaulichen.
Die Geschichte des uachtalmudischen Zeitraumes hat also nochimmer einen nationalen Charakter, sie ist keineswegs einebloße Religions- oder Kirchengeschichte, weil sie nicht bloß denEntwickelungsverlauf eines Lehrinhaltes, sondern auch einen eigenenVolksstamm zum Gegenstände hat, der zwar ohne Boden, Vaterland,geographische Umgrenzung und ohne staatlichen Organismus lebte,diese realen Bedingungen aber durch geistige Potenzen ersetzte.Ueber die cnltivirten Erdtheile zerstreut und sich an den gastlichenBoden fest anklammernd, hörten die Glieder des jüdischen Stammesdoch nicht auf, sich in Religionsbekenntniß, geschichtlicher Erinnerung,Sitte und Hoffnung als ein einheitliches Volkswesen zu fühlen.Als Geschichte eines Volks stamm es ist daher die jüdische Ge-schichte weit entfernt, eine bloße Literatur- oder Gelehrten-geschichte zu sein, wozu sie die Unkunde und die Einseitigkeitstempeln, sondern die Literatur und die religiöse Entwicklung sindeben so wie das hochtragische Marthrologium, das dieser Stammoder die Genossenschaft aufzuzeichnen hat, nur einzelne Momentein seinem Geschichtsverlaufe, welche nicht das Wesen desselben aus-machen. Allerdings bildet diese Geschichte eine Eigenart, wie auchdas Volk, das sie erlebt, eine Eigenart ist, die in der Weltgeschichtekeine Analogie hat. Wie ein mächtiger Strom, durch große Wasser-massen hindnrchfließend und in inniger Berührung damit, seineij»eigenen Lauf einhält und seine Farbe nicht wechselt, eben so habender jüdische Stamm und die jüdische Geschichte der diasporischenZeit inmitten der gewaltigen Völkerströmung ihre eigene Art be-halten, ihr Wesen nicht verändert. Der jüdische Stamm fühlte,dachte, sprach, sang in allen Zungen der Völker, welche ihm herzlichoder engherzig Gastlichkeit boten; aber er verlernte seine eigeneSprache nicht, sondern liebte, bereicherte und veredelte sie nachMaßgabe der Cultnrstnfen, die er mit der Gesammtmenschheit