Einleitung.
Die jüdische Nation hatte auf den blutigen und rauchendenTrümmern Jerusalems und Betar's ihr Leben ausgehaucht; dieGemeinde bildete sich aus den zersprengten Resten, zusammen-gehalten und gefestigt von einsichtsvollen, hingebenden Führern.Der jüdische Staat war unter den wiederholten Streichen derrömischen Legionen zusammengebrochen; neue Mittelpunkte bildetensich für die jüdische Diaspora in den Lehrhäuseru zu Jabneh,Uscha und Sepphoris und zuletzt am schönen Tiberiassee. Undals das siegreiche Christenthum, bewaffnet mit dem römischenLictorenbeile, den letzten Einigungspunkt im judäischen Lande gesprengtuud das an der Spitze stehende Patriarchat dem Untergänge geweihthatte, entstanden an den Ufern des Euphrat neue Brennpunkte fürdie zerstreuten Gemeinden an den Hochschulen zu Nahardea, Suraund Pumbadita. Da bewaffnete der Fanatismus der Magierdie sonst milden neupersischen (sassanidischen) Könige gegen Judenund Judenthum; es trat eine neue Märtyrerzeit ein. Die Kraftdes Widerstandes schien gebrochen, die Auflösung der Gemeindenin mittelpunktslose Atome, der Untergang der Lehre war nahe. Wiehat sich die jüdische Geschichte durch die langen Jahrhunderte dochnoch fortspinnen können? Ist sie seit dem Abschluß des Talmudein bloßes Conglomerat von zufälligen Ereignissen, von Verfolgungenund Martyrologien? Oder hat sie den Charakter einer trockenenLiteraturgeschichte angenommen, in welcher Bücher und Schriftstellerdie Hauptrolle spielen? Ist die Reihenfolge der nachtalmudischenGeschichte ohne Zusammenhang uud Mittelpunkt? Hat sie eineneinheitlichen, concentrischen Verlauf, oder zersplittert sie sich in