Druckschrift 
9 (1907) Geschichte der Juden von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal (1494) bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland (1618)
Entstehung
Seite
477
Einzelbild herunterladen
 

Note 2.

477

2

Ehronologifcher Verlauf und tiefere Exposition des Streite»zwischen Uenchiin einerseits nnd Pfefferkornund den Dominikanern anderseits in betreff des Talmuds.

So viel auch schon über den welthistorisch gewordenen Streit des frechenKonvertiten Pfefferkorn und seiner Genossen, der Dominikaner, mit Reuchlin,dem Begründer des Humanismus in Deutschland, geschrieben worden ist, einStreit, welcher die lutherische Reformation angebahnt und ermöglicht hat, sobleibt doch noch manche Nachlese übrig. Nicht bloß eine bessere Beleuchtungder Vorgänge wird vermißt, sondern auch manches Faktum ist den Forschernentgangen. Der Grund davon ist, daß ihnen nicht der ganze Umfang derQuellen zu Gebote stand, namentlich waren ihnen die Pfefferkornschen Pamphletenicht vollständig bekannt. Diese frechen Schmähschriften, welche in der Hitzedes Streites gierig gelesen wurden und einige Auflagen erlebt haben, wurdenspäter, als die Reformation das Interesse nach einer andern Seite hinlcnkte,ein Raub der Zeit, und nur wenige Exemplare sind in wenigen Bibliothekeneingesargt. Keine einzige besitzt eine komplette Sammlung derselben. Undgerade die Pfefferkornschen Libellen werfen ein grelles Licht auf diesen, dieInden damals so tief berührenden Streit. Die jüdische Seite an dieserStreitsache, die uns hier am meisten interessiert, ist aus naheliegenden Gründenin den Monographien nur nebenher und höchst oberflächlich berührt. DasVerhalten des Kaisers Maximilian in dieser Streitsache erscheint ohne volleEinsicht in die Gesamtquellen geradezu rätselhaft. Noch gar nicht bekanntist es, daß eine bigotte Frau den Hanptanstoß zu diesem hitzigen Streite, woraussich ein Weltbrand entzündete, gegeben hat.

Die Monographien über dieses Thema sind: l. Llajns, vita,

4. Uenoülini (1687); 2. Meiners, Lebensbeschreibung der Männeraus der Zeit der Wiederherstellung der Wissenschaften Bd. I (1795); 3. Meyer-hoff, Reuchlin und seine Zeit (1830); 4. Erhard, Geschichte desWiederaufblühens der wissenschaftlichen Bildung Bd. II. (1830);

5. Lameh, Reuchlin und seine Zeit (1855); 6. David Fr. Strauß in seinemUlrich von Hutten, meistens in Bd. I; 7. Ed. Bücking, Zwei Supplement-bände zu Illr. Unttsni opsra (1868 bis 1869) und 8. L. Geiger, RenchlinsLeben und Werke (1871) im dritten Buche. So wertvoll auch alle diese Arbeitensind, teils wegen der Zusammenstellung der Quelle» und teils wegen derGruppierung der Tatsachen, namentlich bei Erhard, Strauß nnd Bücking, sogewähren sie doch sämtlich keinen vollen Überblick über den ganzen Verlaufdes aus kleinen Anfängen zu so weittragender Bedeutung erhobenen Streitesnnd machen den Einblick in die ersten Quellen nicht überflüssig. Einenhebräischen Brief und ein lUomsmoria von Reuchlin, welche Licht auf dieAffäre werfen und in den älteren Monographien nicht behandelt sind, habeich in die Untersuchung hineingezogen. Ich war außerdem so glücklich, hand-schriftliche Aktenstücke und Briefe aus der Bibliothek des verstorbenen Roscn-thal in Hannover zu entdecken, welche den ersten Verlauf der Händel vonjüdischer Seite darstellen und außerdem deutsche Urkunden darüber enthalten,welche anderweitig nicht bekannt sind. Ich habe diese nach der Hschr. Nr. 7des Rosenthalschen Katalogs in Frankel-Graetz, Monatsschr., Jährg. 1875, zumersten Male veröffentlicht. Ans allen diesen Quellen hat sich manches Neue,