,L Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten ins auf die Gegenwart. Aus den Anetten neu bearbeitet von vl. A. Krach, weil. Professor an der Universliät und am jüdisch-iheologische» Seminar zn Dreslsn. Neunter Band. Vierte durchgesehene Auflage. Leipzig. Verlag von Oskar Leiner 1907 . Geschichte der Men von der Verbannung der Inden ans Spanien und 7 (1494) bis zur dnnernden 7 , der Mnrrnnen in MM ( 1618 ). Von vr. H. Graetz» weil. Professor SN der Universsküt und UNI jüdisch-ihrologischen Seminar zu Nresluu. Vierte durchgesehene Auflage. Leipzig. Verlag von Oskar Leiner. 1907 . csndez-- u. 5tsdt vibliotyek vüsseldors Pas Aecht der Höerfetznng in fremde Sprachen Sehäkt sich der Verfasser vor. Vorwort zur övrtten Auftage. tifiteine gewiß nicht unberechtigte Freude darüber, daß die dritte Auflage einiger Teile meiner „Geschichte der Juden" nötig geworden ist, wurzelt weniger in der Befriedigung der Schriftstellereitelkeit als vielmehr in dem erhebenden Bewußtsein, daß die Kenntnis dieser Geschichte mit ihrem wunderbaren Verlauf, in ihrer Glorie und ihrem beispiellosen Martyrium in weite Kreise gedrungen ist. Diese erhöhte Jnteressenahme wird von der auch sonst gemachten Wahrnehmung bestätigt, daß hervorragende jüdischgeschichtliche Tatsachen und ihre Träger gegenwärtig auch vielen gebildeten Laien bekannt sind, welche früher, zur Zeit als ich vor vier Jahrzehnten zuerst mit meiner Darstellung begonnen habe, auch universell gebildeten Theologen nur bruchstückweise und nebelhaft bekannt waren. Die Teilnahme an dem eigenartigen Geschichtsgange des jüdischen Volksstammes nimmt noch täglich zu. Man könnte versuchtsein, dem ebenso giftigen, wie gewissenlosheuchlerischen und verlogenen Antisemitismus Dank dafür zu wissen, daß er diese Jnteressenahme geweckt und gefördert hat. Diese neue Auflage erscheint vielfach erweitert und verbessert infolge neuer Funde, welche seit dem Erscheinen der zweiten Auflage von Forschern gemacht und beleuchtet worden sind. Zur VI Vermehrung und Klärung des faktisch geschichtlichen Materials — von der Literaturgeschichte abgesehen — haben wesentlich ben- getragen: Amador de los Rios, Fidel Fita, Francisco Fernandez y Gonzales, Güdemann, Halberstamm, Kaufmann, I. Krakauer, Isidor Loeb, Neubauer, Emile Ouverleaux, Perles, Elie Scheid, Schorr und andere. Zu besonderem Danke fühle ich mich meinem verehrten akademischen Kollegen, Pater Fidel Fita, in Madrid verpflichtet, daß er das von ihm gefundene und verwertete Material für die jüdischspanische Geschichtsepoche mir freundlichst zugestellt hat. 'TZreskciu, Januar 18 SI, Der Verfasser. Inhalt Vierte Periode des dritten Zeitraumes. Epoche neuer Wanderungen und Ansiedelungen. Erstes Kapitell Seite Folgen der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal, Rundblick. Nachwehen der Vertreibung. Wanderungen; Überlegenheit der sefardischen Juden. Die Schicksale der Jbn-Jachja, der Abrabanel und des Isaak Akrisch. Die nordafrikanischen Staaten; Samuel Alvalensi, Jakob Berab, Simon Duran II. Schicksale der Juden von Bugia, Algier, Tripolis und Tunis. Abraham Zacuto und Mose Alaschkar. Ägypten: Isaak Schakal, David Jbn-Abi Simra; Ende der Ragid-Würde, Aufhören der seleucidischen Zeitrechnung. Errettung der kairoanischen Gemeinde vor der Nnmcnschlichkeit des Pascha Achmed Schaitan .... 1—2l Zweites Kapitel. Rundblick. (Fortsetzung.) Hebung »nd Sittenverbesserung Jerusalems. Obadja di Bertinoro und Isaak Schalal. Safet und Joseph Saragossi. Die Inden in der Türkei, Snleiman I. und Mose Hamon. Die Gemeinde von Konstantinopel. Elia Mis- rachi; die Karäer. Der Kehaja Schaltiel. Die Gemeinde von Salonichi und Adrianopel. Die griechischen Gemeinden. Elia Kapsali, Rabbiner und Geschichtserzähler. Die Inden in Italien und die Päpste; Bonet de Lates. Das erste Ghetto in Venedig. Samuel Abrabanel und Benvcnida Abrabanela. Abraham Farissol und sein Verkehr am Hofe von Ferrara. Die deutschen Juden und ihre Plagen. Jakob Loans und Joseph Joseliu von Rosheim. Vertreibung der Juden aus Steiermark, Kärnten, Krain, Nürnberg und andern Städten. Die Juden in Böhmen. Jakob Polak und seine Schule. Die Inden in Polen und die deutschen Einwanderer.22—62 VIII Avittos Kcrpitel'. Die Reuchlin-Psefferkornsche Fehde oder der Talmud ein Schibolct der Humanisten und der Dunkelmänner. Das Aufblitzen einer bessern Zeit; Pfefferkorn und die Cölncr Dominikaner, Hochstraten, Ortuin Gratius und Arnold von Tongern. Viktor von Karben und seine erzwungenen Angriffe auf den Talmud. Pfefferkorns oder der Dominikaner Schmähschriften gegen Juden und Talmud. Die Herzogin-Äbtissin Kunigunde, Hilfsgenossin der Dominikaner gegen den Talmud. Erstes Mandat des Kaisers Maximilian gegen denselben. Konfiszierung der Exemplare in Frankfurt. Einmischung des Erzbischofs von Mainz. Das Augenmerk der Judenfeinde auf Reuchlin. Reuchlin und seine hebräischen und kabbalistischen Studien. Vereitelung der Konfiszierung durch die Juden. Wühlerei der Dominikaner. Mandat des Kaisers, ein Gutachten von den Universitäten, von Reuchlin, Viktor von Karben und Hochstraten über das jüdische Schrifttum einzuholen.63 Seite -92 'Nievtes Kapitel'. Der Streit um den Talmud, ein Schibolct der Humanisten und Dunkelmänner. (Fortsetzung.) Reuchlins Gntaäüen zugunsten des jüdischen Schrifttums und der Juden. Die anderen Gutachten; Hochstraten für ein ständiges Jnquisitionsgericht gegen die Juden. Die Mainzer Universität gegen die Bibel. Mißbrauch der Dominikaner von Reuchlins Gutachten. Der Handspiegel; erste Schmähschrift gegen Reuchlin; dessen Augenspiegel zugunsten der'Juden schafft eine öffentliche Meinung. Freude der Inden und Jubel des Humanistenkrcises darüber. Engherzigkeit und Kurzsichtigkeit Erasmus', Pirkheimers und Mutians-.93—lll Jünstes Kapitel. Der Streit um den Talmud, ein Schibolct der Humanisten und Dunkelmänner. (Fortsetzung.) Pfefferkorn predigt in Frankfurt gegen die Juden und Reuchlin. Ränke der Dominikaner gegen den Augenspiegel und dessen Verfasser. Einschüchterungsmittel der Dominikaner gegen Reuchlin. Zuerst schüchternes und dann mutiges Auftreten Reuchlins gegen sie. Ausbruch des Kampfes, Streitschriften, Parteinahme des Kaisers Maximilian gegen Reuchlin und, das jüdische Schrifttum; Verbot des Augenspiegels. Parteinahme des Publikums für Reuchlin und den Talmud. Neue Schmähschrift des Dominikanerkreiscs gegen Reuchlin und die Juden (Brandspiegel). Reuchlins Schrift gegen die Cölnischen Verleumder für den Kaiser. Das schwankende Benehmen des Kaisers Maximilian in dieser Angelegenheit. Hochstraten als Ketzerrichter ladet Reuchlin als Gönner der Juden vor ein Jnquisitionstribunal. Der Mainzer Prozeß. Plötzliches IX Einschreiten des Erzbischofs Uriel. Vorläufiger Sieg Reuchlins und der jüdischen Literatur. Anmeldung des Prozesses beim Papste; die Vermittelung des Bonet de Lates augcrufen. Das Speyersche Tribunal und die Sentenz gegen Hochstrateu. Seine Machinationen. Verschwörung des ganzen Dominikanerordens gegen Reuchlin und die Juden. Gegcnbund der Humanisten für beide. Das junge Deutschland unter Ulrich von Hutten. Morgenanbruch durch die Fehde zwischen Reuchlinisteu und Dominikanern. Die elfteren von ihren Gegnern als Talmudisten verschrieen. Intrigen in Nom und Paris. Spruch der Pariser- Fakultät gegen Reuchlin. Die Sturmglocke. Rapp oder der Pfefferkorn von Halle. Die Dunkelmännerbriefe und die Juden. Tagesatzung zu Frankfurt gegen die Juden.l Keckstes Kapitell. Der Rcuchlinsche Streit und die lutherische Reformation. Größere Verwickelung des Streites; Spruch der Konzilskommission. Zweideutige Entscheidung des Papstes Leo. Der Kampf wird immer leidenschaftlicher. Fortsetzung der Dunkelmännerbriefe. Klagen der Dominikaner über Verachtung beim Volke. Schwärmerei christlicher Gelehrten für die Kabbala. Paulus Ricius; kabbalistische Fälscher. Reuchlin über die kabbalistische Theorie, eine Empfehlungsschrift für den Papst Lev. Galatiuus' kabbalistische Abgeschmacktheiten. Mischehe zwischen Kabbala und Christentum. Luthers Austreten, begünstigt durch die Reuchlinschc Bewegung. Wirren durch Maximilians Tod. Reuchlin und Luther, Talmudfrage und Reformation zusammengeworfe». Die Dominikaner verleugnen Hochstrateu und der Papst wünscht den Talmud gedruckt zu sehen. Erste Ausgabe des babvlonischen und jerusalemischen Talmud von Bömberg. Fortschritt der Reformation. Pfefferkorns letzte Schmähschrift gegen Reuchlin und die Juden. Quälerei der Juden von Regensburg. Der fanatische Prediger Hubmayer. Schmähliche Ausweisung der Juden von Regcusburg. Vollendung der Reformation. Luther anfangs für die Juden. Der Eifer für Bibel und hebräische grammatische Studien. Elia Levita, Lehrer christlicher Meister. Die hebräische Literatur in Frankreich; Justinianis iklors >Iebaeüim. Die Bibelübersetzungen: Liblia. Rabbiniea. Siebentes Kapitell. Die messianischc Schwärmerei, die Marianen und die Inquisition. Innerer Zustand der Juden; Shnagogenritus und Predigtweise. Elia Kapsali und die griechische Haftara. Zersplitterung in Gemcindeparzellcn und Zerfahrenheit. Dürre und Poesielosigkeit. Juteressenahme au Geschichte. Achtung philosophischer Forschung. Leon Mcdigos OialoKüi ck'amors. Die Herrschaft der Kabbala. Messianische Berechnungen und Seite 12—l56 IL7— lüö X Erwartung. Lämmlein und das messianische Bnßjahr. Die spanischen Marranen und die Inquisition; Luceros Mordtaten. Die portugiesischen Marranen; Gemetzel in Lissabon; der Marrane Mascarenhas. Joäo III. Schliche gegen die Marranen. Henrique Nunes — Firme Fes — Spionage und Tod. Schritte zur Einführung der Inquisition und plötzliches Einstellen derselben. Der Abenteurer David Reubeni in Rom und Portugal von Joäo III. mit Auszeichnung behandelt. Messianische Verzückungen unter den Marranen. Achtes Kapitel. Die kabbalistisch-messianische Schwärmerei Salomo Molchos und die Einführung der Inquisition in Portugal. Diogo Pires-Salomo Molchos schwärmerische Verbindung mit David Reubeni. Seine Auswanderung nach der Türkei. Sein Umgang mit Joseph Karo und sein Einfluß auf ihn. Karos Maggid. Molcho erweckt überall messianische Hoffnung, Aufregung unter den spanischen und portugiesischen Marranen. Renbenis Rückkehr nach Italien. Neue Schritte zur Einführung der Inquisition in Portugal. Clemens VII. günstig den portugiesischen Mar- rauen, Asyl in Ancona. Molcho in Ancona und Rom, seine Träume und seine Beliebtheit beim Papste und einigen Kardinalen. Seine Vorausverkündigung cingetroffeu. Verfolgung durch Jakob Mantiu. Prozeß gegen ihn und Flucht aus Rom. Clemens bewilligt die Inquisition für Portugal. Grausamkeiten gegen die Marranen. Schritte desselben zur Aufhebung der Inquisition. Molchos Tod auf dem Scheiterhaufen und Davids Gefangennahme. Schwärmerei für Molcho auch nach dessen Tode, Minen und Gegenminen zur Vereitelung der Inquisition. Duarte de Paz. Neue Intrigen unter Paul III. Karl V. und die Juden. Emanuel da Costa. Die Nuntien zugunsten der Marranen . . Aeuntes Kcrpitet. Einheitsbestrebung der Juden im Morgcnlande und ihre Leiden im Abendlande. Bedürfnis nach synhedrialer Einheit; mefsianischer Anflug dabei. Jakob Bcrab und die Wiederherstellung der Ordination. Levi Ben-Chabibs Gegnerschaft mit Winkelzügen. Gegenseitige Erbitterung und Anklagen. Joseph Karo, seine Jugend, seine talmudische Gelehrsamkeit, seine Verbindung mit Salomo Molcho und seine Visionen. Seine Schwärmerei für das baldige Eintreffen der Messiaszeit und die dazu führende Ordination. Sein Eifer für die Vollendung eines neuen Religionskodcx. Hinneigung mancher Christen zum Judentum im Reformationszeitalter. Halbjuden, Judeuzer. Michael Servet gegen die Dreieinigkeit, Antitrinitaricr, Judenhaß bei Katholiken und Protestanten. Ausweisung der Juden aus Neapel. Samuel Seite 196—223 224—2ik XI Abrabanel und Benvenida Abrabanela. Ausweisung der Juden aus Prag und Zurückbcrufung. Beschuldigung gegen sie in Bayern. Das Judenbiichleiu. vr. Eck und seine judenfeindliche Schrift. Luthers giftige Ausfälle gegen die Juden im Alter. Verfolgungen in Genua. Die drei jüdischen Geschichtswerke. Joseph Kohen, die Jbn-Vcrga und die drei Usque. Die Druckerei des Abraham Usque, die Ferrarisch-spanische Bibel. Salomon Nsqucs Dichtungen, Samuel Usques „Tröstungen". Zehntes Kapitel'. Die Reaktion in der katholischen Kirche, Caraffa und Loyola, der Theatiner- und der Jesuitenorden. Allgemeine Inquisition; die strenge geistliche Bücherzensur. Neue Anklagen gegen den Talmud. Die boshaften Täuflinge Eliano Romano und Vittorio Eliano. Neue Talmudkonfiskatiouen. Paul IV. und seine judcnfeindlicheu Bullen. Inquisitionen gegen die Marraucn in Ancona. Amatus Lusitanus. Märlyrertod der Marranen in Ancona. Repressalien von Seiten der türkischen Juden. Doüa Gracia Mendesia. Joüo Miquez-Joseph Nassi mit großem Gefolge in Konstantinopcl. Drohendes Schreiben des Sultans an den Papst wegen der Juden. Repressalien der levantiuischen Juden gegen den Papst. Verkappte Juden in Mönchsorden. Neue Scheiterhaufen für den Talmud. Verschonung des Sohar, erster Druck desselben. Ausweisung der Juden aus Österreich und Böhmen. Papst Pius IV. und die Juden. Das tridentinische Konzil und der Talmud. Pius V. Härten gegen die Juden. Ausweisung der Juden aus dem Kirchenstaate. Elftes Kapitel. Die Juden in der Türkei, Don Joseph Naßi. Stand der Politik in der Türkei unter Suleiman, Joseph Naßis steigende Gunst unter diesem Sultan, wird Vertrauter des Prinzen Selim. Feindseligkeit Venedigs und Frankreichs gegen ihn. Er wird Herzog von Naxos und der zykladischeu Inseln. Ränke der französischen Diplomatie gegen ihn. Verrätern gegen ihn fällt zu Josephs Vorteil aus. Parteinahme der Rabbinatskollegieu für ihn. Der cyprische Krieg durch ihn durchgesctzt. Einfluß der Juden in der Türkei. Salomo Aschkenasi, jüdischer Diplomat. Er entscheidet über eine polnische Königswahl. Er schließt Frieden zwischen der Türkei und Venedig. Günstige Rückwirkung für die Juden Venedigs. Gehobene Stellung und Stimmung der Juden in der Türkei. Mose Almosnino, Samuel Schulam, Gedalja Jbn-Jachja und seine Poeteuschule, Jehnda Zarko, Saadia Longo und Israel Nagara. Sinn der türkischen Juden für Unabhängigkeit. Joseph von Naxos will einen jüdischen Staat gründen; erbaut Liberias als kleines jüdisches Gemeinwesen. Er zeigt wenig Sinn für jüdische Wissenschaft. Sein Seite 277—315 316—357 Seite XII L; despotisches Benehmen gegen die Rabbinen. Joseph Karos Kodex Leünloliau Xrrioü. Nsaria der Rosst. Gedalja Jbn-Jachja und seine Kette der Überlieferung. Die schwärmerische Kabbala Isaak Lurjas und Chajim Vitals; ihre schädlichen Wirkungen. Tod des Joseph von Naxos und der Herzogin Reyna. Salomo Aschkenasi unter Murad; die jüdische Haremsvertraute Esther Kiera. Abnahme des Einflusses der Juden in der Türkei . . 358—4VS Zwölftes Kapitels. Die Juden in Polen. Lage der Juden in Polen; die judenfeindlichen deutschen Zunftkolonieu. Zahl der Juden Polens. Ihre Beteiligung au den Wissenschaften. Das Talmudstudium. Schalom Schachna, Salomo Lurja und Mose Jsscrles, erste drei rabbinische Größen Polens. David Gans' Geschichtswerk. Suprematie der polnischen Rabbinen, talmudische Atmosphäre. Die Wahlköuige; Heinrich von Anjou, feindselig gegen die Juden. Stephan Bathori und Sigismund III. judenfreundlich. Die jüdisch-polnischen Synoden. Mardochal Jafa und Falk Kohen. Die Reformation in Polen, die Antitrinitarier, Simon Budny und Martin Seidel. Disputation zwischen Juden und polnischen Dissidenten. Jakob von Belzyce und der Karäer Isaak Troki. Das polemische Werk Oüisuü Xiunna.410—438 Dreizehntes Kapitel. Ansiedelung der Juden in Holland. Erste schwache Anfänge zu ihrer Gleichstellung. Rückgang der Bildung. Verfolgungen in protestantischen und katholischen Ländern. Kaiser Rudolph II. und der hohe Reb Leb. Mardochal Meisel und seine erstaunliche Wohltätigkeit. Die Inden Italiens und Papst Gregor XIII. Bulle gegen jüdische Ärzte, jüdische Gönner der Marionen und den Talmud. Bekehrungseifer. Papst Sixtus V. David de Pomis. Unterhandlung mit dem Papste wegen Abdruck des Talmud. Die Zensnrplackereien. Clemens VIII. Ausweisung aus Mantua und Ferrara. Die Niederlande und die Marranen. Samuel Palache. Die schöne Marie Nunes und die Auswanderer nach Holland. Jakob Tirado und sein Zusammentreffen mit Mose Uri Halevi in Emden. Erste heimliche Synagoge in Amsterdam. Neue Ankömmlinge; Alouso de Herrera. Überraschung der ersten Gemeinde in Amsterdam am Versöhnungstage. Der erste Tempel Jakob Tirados. Beteiligung der portugiesischen Juden an der indischen Handelskompanie. Märtyrertod des Proselyten Diego de la Ascension. David Jesurun, Paul de Piua-Reul Jesurun, Elia Montalto. Zuwachs der Amsterdamer Gemeinde, ihr Tempel, Rabbinen und Begrübnisplatz. Joseph Pardo, Juda Vcga und Jakob Usiel. Beschränkte Duldung in Holland. . . 439-412 XIII ^oten. 1. Die Nagid-Würde in Ägypten und der letzte Träger derselbe», Isaak Schakal. 2. Chronologischer Verlauf und tiefere Exposition des Streites zwischen Renchlin einerseits und Pfefferkorn und den Dominikanern anderseits in Betreff des Talmuds. .. 3. Der Pseudomessias Ascher Lämmlein. 4. Zur Geschichte der Vertreibung der Juden aus Regcusburg (1519) und Anton Margaritha. 5. Salomo Molcho und David Neubeni. 6. Urkunde zur Entstehungsgeschichte der Inquisition in Portugal; Italienische Information; die Familie Mendes-Naßi . . . 7. Die drei Usque und die Ferrarensische Bibel. 8. Der Arzt und Staatsmann Salomo Aschkenasi und die Favoritin Ehster Kiera. 9. Isaak Lurja und Chajim Vital Calabrese. 10 . Die regelmäßigen Generalsynoden in Polen. 11. Die erste Einwanderung der Juden in Amsterdam. Seite 473-476 477—506 506 — 507 508—510 510—528 528—538 538—544 544 — 550 550-553 553—559 559—561 XIV. Wevicbtiguug. Seite Zeile zu lesen statt 36 4 v. u. Note 2. Literaturbl. 1845 1855 Seite Zeile 27 9 29 Note 3 37 Zeile20v.u. 191 WcrcHtrcige zu Als Ergänzung zur Bedeutung des Hofarztes Mose Hamon dient die Notiz in der Schrift rii-p von Abraham Treves (s. S. 250 Note) zum Schlussei i-on noi-w.i .-mv., uvuuienp .ns p"ii> in rov non 'i ^ on ivini oinn n'ii: z5on .nnr-oo nn.n unii nno n"noo n'»n n'-pi nnu 'bon uein o'u-nnn n'2» PU b^iin oonn win . . nun nnn woni> >M'in nvu i>on n'i nin nnn moiit bxnen bp noin bbnn nn rip piov .o'noi7i> npilln pmv . . . ns wipon Diese Notiz verdanke ich Herrn Halberstamm, wie manche andere. Elia Misrachis Todesjahr war 1526. Joseph Taytasak hielt ihm die Leichenrede. Ms. Halberstamm Nr. 25k. NN'ÜL bp 1"LN>N iNW -p:n >n) !I"'NN nnnv .ns .'NNIV N'8u ^1N Über die Bedeutung der Benennung Ghetto in Venedig worüber vielfach gemutmaßt wurde, gibt ein Italiener das Richtige an, daß der Platz, worin die Juden aus allen Teilen der Stadt eingeschränkt wurden, der Kanonengußplatz hieß, früher davon Gietto genannt, und später Ghetto ausgesprochen: äsl 1516 tnromi. (tz-Ii llibrei) riäntti in parts äella, eittä, clovs si touäüva 1's.rti- Alisris, eliiamat-r Oistto ells poi s.Itsra.nclo8i il voca- bulo s's clstto „Ollstto". Mitgeteilt von D. Kaufmann in (jrmrtsrlz' lisvisv vol. IX. Jahrg. 1890 p. 302 f. aus dem Staatsarchiv von Modena. Elia Levitas Grabinschrift hat M. Soave aus Venedig aus einer Sammlung von Inschriften mitgeteilt in Abr. Geigers Zeitschr. für Wissenschaft und Leben. Jahrg. 1871 S. 208 f. Vierte Periode des dritten Zeitraumes. Epoche neuer Wanderungen und Ansiedlungen. Erstes Kapitel. Folgen der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal. Rundblick. Nachwehe» der Beitreibung. Wanderungen; Überlegenheit der sefardischen Juden. Die Schicksale der Jbn-Jachja, der Abrabanel und des Isaak Akrisch. Die nordafrikanischen Staaten; Samuel Alvalensi, Jakob Bcrab, Simon Daran II. Schicksale der Juden von Bugia, Algier, Tripolis und Tunis. Abraham Zacnto und Mose Alaschkar. Ägypten: Isaak Schalal, David Jbn-Abi Simra; Ende der Nagid-Würde, Aufhören der seleucidischen Zeitrechnung. Errettung der kairoanischcn Gemeinde vor der Unmenschlichkeit des Pascha Achmed Schaitan. (1496 bis 1525.) Die ebenso unkluge, wie unmenschliche Ausweisung der Juden aus der phrenäischen Halbinsel bildet nach manchen Seiten hin einen ausgeprägten Wendepunkt in der Gesamtgeschichte des indischen Stammes. Sie war nicht bloß für die Verbannten, sondern auch für die Gesaintjudenheit von weittragenden, allerdings meistens trüben Folgen begleitet. Ihr Glanz war damit erloschen, ihr Stolz gedemütigt, ihr Mittelpunkt verschoben, die starke Säule an die sie sich bisher gelehnt, .war gebrochen. Ter Schmerz über dieses traurige Erlebnis durchdrang daher die Juden aber Lander, soweit sie Kunde davon hatten. Es war allen zumute, als wenn der Tempel zum drittelt Male zerstört, die Sohite Zions zum dritten Male in die. Verbannung und das Elend geschickt worden wären. Mag es Einbildung oder Überhebung gewesen ein, daß die spanischen (richtiger die sefardischenZ) Juden dem h Konventionell wurde in dieser Zeit das Bibelwvrt Sepharad ans die ganze pyrenäische Halbinsel angewendet, so das; der Name Sephardim oder Sefardim sämtliche Juden Spaniens, Kastilianer, Aragoncsen, Lconesen, ,Naoarresen und auch Portugiesen umfaßt. Graest, Geschichte der Juden. IX. 1 2 Geschichte der Juden. edelsten Stamme entsprossen seien, und daß sich unter ihnen Nachkommen des Königs David in gerader Linie befunden hätten; in den Augen sämtlicher Juden galten ;ie tatsächlich als die edelsten und vorzüglichsten, als eine Art jüdischen Adels. Und nun hatten gerade sie die härtesten Leiden getroffen. Die Verbannung, die Gewalttaufen, der Tod in jeder scheußlichen Gestalt, durch Verzweiflung Hunger, Pest, Feuer, Schiffbrnch, alle diese Plagen vereint hatten ihre Zahl von Hunderttansenden auf kaum den zehnten Teil herunter gebracht/) und die Übriggebliebenen wandelten größtenteils wie Gespenster umher, wurden von einen: Lande zun: andern gehetzt und mußten, sie, die Fürsten unter den Juden, als Bettler an die Türen ihrer Brüder pochen. Die mindestens 30 Millionen Dukaten, welche die spanischen Juden allein bei der Vertreibung in Besitz hatten/) waren ihnen unter der Hand zerronnen, und so standen sie völlig entblößt da in einer feindlichen Welt, welche an den Juden nur noch das Geld schätzte. Auch viele deutsche Juden wurden zur selben Zeit aus einigen Städten des Westens und Ostens ausgewiesen; aber ihr Elend glich keineswegs den: der spanischen Juden. Sie kannten weder die Süßigkeit eines Vaterlandes, noch die Bequemlichkeiten des Lebens, sie waren mehr abgehärtet, wenigstens an Schmach und freche Behandlung gewöhnt. Ein halbes Jahrhundert nach der Verbannung der Inden aus Spanien und Portugal begegnete man überall Flüchtlingen, hier einer Gruppe, dort einer Familie oder auch vereinzelten Züglern. Es ist eine Art Völkerwanderung in: kleinen, die ostwärts ging, meistens nach der Türkei, als sollten sich die Juden wieder ihrer Urheimat nähern. Aber auch ihre Wanderungen, bis sie wieder sichere Wohnungen erreichten und einigermaßen zur Ruhe gelangen konnten, sind herzbeklemmend durch die Unfälle aller Art, die Erniedrigungen, die Schmach die sie betroffen haben, schlimmer als der Tod. Einige herausgegriffene Beispiele von der Pilgerfahrt hochstehender Persönlichkeiten, die mehr oder weniger in den Lauf der jüdischen Geschichte eingegriffen haben, können wenigstens einen schwachen Begriff davon geben. Ein alter Zweig der Jachjiden aus Portugal, D v n D a v i d b e n Salomo (geb. um 1440, gest. in Konstantinopel 1504/), ein Mann ') Abrabanel Eint, zum Daniel-Komment, und im Texte p. 132; Isaak Akrisch Einl. zu dem von ihm edierten Tripel-Kommentar zu Canticum. 2) Abrabanel das. h Bergl. über ihn LarmoF: Die Jachjiden, x. 17 ff. und Band VIII/ S. 482 ff Davids zwei Schriften sind mimi, pv8, eine knrzgefaßte hebräische Gramma'ik nebst Poetik (Titel vip.i 8pL-) und ein kompilatorisches exegetisches Werk zu den Sprüchen (>pn 2 p), beide noch in Lissabon verfaßt. Wanderung der aus Spanien und Portugal Verbannten. 3 in einer geehrten Stellung, von^mannigfachen Kenntnissen und mit reichen Mitteln versehen, ein Spender und Wohltäter der Armen, er mußte für seine Familie um Almosen betteln. Dieser Don David (der III. in der weitverzweigten Familie der Jachjiden) war Prediger in Lissabon gewesen, hatte sich bereits durch zwei Schriften, in Lissabon verfaßt, einen Namen erworben und einen Kreis von Jüngern um sich gesammelt, als ihn der Zorn des portugiesischen Königs Joäo 11. traf. Er war beschuldigt worden, den spanischen Marranen auf Portugiesischem Boden hilfreiche Hand zur Rückkehr zum Judentum gereicht zu haben. Ein schmählicher Tod war David Jbn Jachsa zugedacht. Indessen rechtzeitig gewarnt, war es ihm gelungen, sich mitse'nerFamilie durch schnelle Flucht zu retten. Aber den größten Teil seines großen Vermögens hatte er durch Konfiskation verloren. In Neapel, wohin er geflohen war, traf ihn, sowie viele seiner Leidensgenossen ein noch härteres Los. Es war die Zeit, in welcher der aus Tollkühnheit und Schwäche zusammengesetzte König Karl VIII. von Frankreich den hochfliegenden, abenteuerlichen Plan faßte, Italien zu erobern, Griechenland zu unterwerfen, das türkische Reich zu stürzen, einen Kreuzzug anzutreten, um den Ruhm französischer Waffentaten auf dem ganzen Erdenrunde erschallen zu lassen. Es war ihm aber nur gelungen auf kurze Zeit, kaum zwei Jahre, (Febr. 1495 bis Ende 1496), das Königreich Neapel zu erobern, und zwar mehr durch die Verworfenheit und Doppelzüngigkeit der italienischen Fürsten, durch die Intrigen des verworfensten aller Päpste, Alexanders VI., und durch die Zerfahrenheit der italienischen Zustände, als durch einen g'ünzendeu Waffengang. Aber diese kurze Zeit genügte, um die vielen südischen Verbannten, welche durch Abrabanels Vermittlung im Neapolitanischen einen Haltepunkt gewonnen hatten, elend zu machen. Die „französische Fliege" hat sie nicht weniger empfindlich gestochen als der „spanische Skorpion". Benahmen sich doch die Franzosen gegen die chr stlichen Bewohner Neapels wie eine zuchtlose Räuberbande, wie durften da die Juden auf Schonung rechnen! Wie Tauben vor den Klauen eines Raubvogels, so flohen die jüdischen Verbannten vor den Griffen der Franzosen auseinander, wenn ihnen die Würger Zeit gelassen hatten, mit Zurücklassung ihrer Habe ihr nacktes Leben zu retten. Diejenigen, welche der Wanderungen müde waren, nahmen die Taufe an. David Jlm-Jachja büßte dabei den aus Portugal geretteten Rest seines Vermögens ein und konnte nur mit Not durch den Verkauf seiner wertvollen Bücher'ammlung nach der Insel Corfu und von da nach Arta (Larta) in Griechenland gelangen. Er wollte nach der Türkei übersiede^n, konnte aber weder das Schisfsgeld, noch Lebensuuterha't für ^eine Familie erschwingen, und) war gezwungen, einen Bettel- I* 4 Geschichte der Juden. brief an e nen gelehrten und vermögenden Glaubensgenossen. I e s a i a M e s s e n i. zu richten, ihm in der Not beizustehen.i) David Jbn-Jachja konnte doch wenigstens das Ziel seiner Wunsche, das Eldoradv für die Unglücklichen, die Türkei und Konstantinopel, erreichen und dort ruhig seine Tage beschließend) Nicht so gut erging es seinem Verwandten DonIosephIbn Jach ja. 3 ) der als siebzigjähriger Greis aus Portugal hatte entfliehen müssen. Mit seinen drei Sühnen. Schwiegertöchtern, anderen Verwandten und einem Vermögen, das sich auf 100 000 Crusadvs belaufen haben soll, wurde das Schiff, das ihn und die Seinigen trug, an die spanische Küste getrieben. Hier sollten er und die Seinigen dem Scheiterhaufen überliefert werden, weil sie es gewagt, als Juden den spanischen Boden zu berühren. Indessen hatte sich ihrer ein portugiesischer Grande angenommen. Don Alvaro de Braganza, welcher mit Joseph Jbn Jachja wie mit Abrabanel von früher her befreundet war und vor der Habsucht und dem Despotismus des portu giesischen Königs Joao II. in Spanien eine Zuflucht gefunden hatte. Don Alvnro hatte der Familie Joseph Jbn Jachja die Erlaubnis vom spanischen Hofe erwirkt, weiter segeln zu dürfen. Erst nach fünfmonatlicher stürmischer Fahrt konnte sie in Pisa landen. Aber hier hausten damals die Franzosen von Karls VIII. Raubscharen. Die blühende jüdische Gemeinde von Pisa, in deren Mitte die Söhne Iechiels von Pisa (VIIIF S. 358) so viel für die jüdisch-spanischen Emigranten getan hatten, war ausgeplündert, verringert und verarmt. Auch Don Joseph und die Seinigen wurden, wahrscheinlich, uni von ihnen Geld zu erpressen, von den Franzosen in Ketten geschmiedet und eingekerkert. Eine von dessen Schwiegertöchtern, jung und schön, welche in Mannskleidern aus Portugal geflohen war, stürzte sich in Z Bergt. Bd. VIII, das. 2) Ourmolz-, Biographie der Jachjiden. Das. 0) Seine Lebensschicksale in der Einl. zum philosophischen Werke nro seines Enkels Joseph b. David I. Jachja und als Ergänzung dazu iiu 8elml- nobelsk. seines Urenkels Gedalja I. Jachja p. 49 b >,vergl. OniinoF a. a. O., p. 14, 2K). Der Wideripruch, den tkurmoF' zwischen dein Berichte des Enkels und dem seines Urenkels finden will, ist nicht so klaffend, nni nicht applaniert werden zu können. Der elftere wollte nur die Leiden seines Großvaters erzählen. d. h. sie sich in Erinnerung bringen, überging daher die Züge, welche nicht direkt dazu gehören, »anientlich die anfänglich günstige Behandlung desselben von seiten des Herzogs von Ferrara. Der letztere dagegen wollte Biographisches geben und hat daher Züge aus Familientraditionen ergänzt. Aus der genannten Einleitung zu rin nr-.r geht hervor, daß dieser Joseph I. Jachja, der dritte dieses Namens, als Märtyrer starb. Er wird o-np.r gor genannt und dabei bemerkt: mL'irpo rmi . . roewo gor pr nisn nb . . . . Er muß also der Folterqual in Ferrara erlegen sein. Joseph Jbn-Jachja III. ö schivangerem Zustande, um nicht zur Taufe gezwungen zu werden, von einem zwanzig Ellen hohen Turm herab, blieb aber mit ihrer Frucht wunderbarerweise unversehrt. Die gefangenen Jachjiden erhielten erst durch Übergabe des größten Teiles ihres Vermögens als Lösegeld ihre Freiheit. In Florenz, wohin sie von Pisa übergesiedelt waren, war auch keines Bleibens für sie. Denn diese Stadt war nach Abzug der Franzosen ein Tummelplatz wilder Leidenschaften geworden zwischen den Anhängern des politisch-kirchlichen Schwärmers Giro - lamo Savonarola und seinen Gegnern. Don Joseph begab sich daher »ach Ferrara. Anfangs vom Herzog dieses Landstriches freundlich anfgenommen, wurde er später einer Anklage unterzogen, die entweder vom portugiesischen Hofe oder von jüdischen Denunzianten gegen ihn erhoben war, er habe mit seinem Vermögen und seiner Stellung die Marranen in ihrer Anhänglichkeit an das Judentum bestärkt und unterstützt. Zum zweiten Male wurde diese vielgeprüfte jachjidische Familie in den Kerker geworfen, woraus sie wiederum nur durch große Summen befreit wurde. Der Greis Don Joseph erlag aber diesen Qualen und starb gleich darauf (1498). Die edle Familie A brabanel blieb von herben Schlägen und nnstäten Wanderungen nicht verschont. Der Vater Isaak Abrabanel, der in Neapel am Hofe des gebildeten Königs Ferdin a n d I. und seines Sohnes A lfvnso eine angenehme hohe Stellung gefunden batte (Vilich 887), »rußte bei Annäherung der Franzosen die Stadt verlassen und mit seinem königlichen Gönner eine Zuflucht in Sizilien suchen. Tie einrückenden französischen Banden plünderten in seinem Hanse alle Kostbarkeiten und zerstörten eine wertvolle Büchersammlung, die ihm das Kostbarste war. Nach dem Tode des Körrigs Alfonso begab sich Isaak Abrabanel nach der Insel Corfu zu seiner Sicherheit, blieb jedoch daselbst nur bis zum Abzug der Franzosen ans dem Neapolitanischen, dann ließ er sich in M o rr o p o l i (Apulien) nieder, wo er mehrere seiner Schriften aus- und rimarbeitete. Tie Reichtümer, die er im Dierrste des Portugiesischen und spanischen Hofes erworben hatte, waren zerronnen, Frau und Kinder von ihm getrennt und zerstreutF) er lebte in düsterer Stimmung, woraus ihn nur die .Beschäftigung mit der heiligen Schrift und den Urkunden des Judentums zu reißen vermochte.— Sein ältester Sohn Jehuda Leon Medigo A brabanel hielt sich irr Genua auf, wo er sich trotz des nnstäten Lebens und des nagenden Schmerzes um sein ihm entrissenes und im Christentum in Portugal erzogenes Söhnchen mit Idealen beschäftigte. Leon Abrabanel war nämlich viel gebildeter, gedankenreicher und überhaupt bedeutender als sein Vater und verdiente mehr Beachtung, 9 Abrabanels Antwortschreiben an Saul Kohen, 8 >l and dessen Bio- gravhic von Chaskit». 6 Geschichte der Juden. denn bloß als Anhängsel zu diesem behandelt zu werden. Leon Abrabanel trieb die Arzneikunde nur als Brotstudium (wovon er den Namen Medigo erhielt), Astronomie, Mathematik und Metaphysik dagegen als Lieblingsfächer. Mit dem zugleich begabten und verschrobenen Pico de Mirandola wurde Leon Medigo kurz vor dem Ableben des letzteren bekannt und befreundet.*) Leon Medigo kam merkwürdigerweise mit Bekannten aus der Zeit seiner Jugend, mit spanischen Granden und selbst mit dem König Fernando, der seine Familie und so viele Tausende in die Verbannung und den Tod getrieben hatte, in nahe Berührung. Er wurde nämlich Leibarzt des spanischen Großkapitüns, Gonsalvo deCordova, des Eroberers und Vizekönigs von Neapel. Der heldenmütige, liebenswürdige und verschwenderische de Cordova teilte nämlich nicht den Haß seines Gebieters gegen die Juden. Er hat der jüdischen Literatur in einem seiner Nachkommen einen Pfleger geliefert. Ws König Fernando nach Eroberung des Königreiches Neapel (1504) befohlen hatte, die Juden von hier ebenso wie aus Spanieu zu verweisen, Hintertrieb es der Großkapitän mit der Bemerkung, daß sich im ganzen nur wenig Juden im Neapolitanischen befänden, indem die meisten Eingewanderten entweder wieder ausgewandert oder zum Christentum übergetreten wären. Die Ausweisung dieser wenigen würde dem Lande nur zum Nachteil gereichen, weil sie nach Venedig übersiedeln und ihren Gewerbfleiß und ihre Reichtümer dorthin tragen würden. Infolgedessen durften die Juden noch einige Zeit im Neapolitanischen *) Den Biographen des Leon Medigo (Oa-rmoF, diütoirs äes Usdsoiu» suitd, auch Biographie des Abrabanel in Orar discdnnad It., und Delitzsch. Orient. Literaturblatt Vo. 6 ff.) ist ein wichtiger Punkt aus seinem Leben entgangen, nämlich dessen Bekanntschaft mit Pico. Der marranische Arzt Amatus Lusitanus, der mit Leons Enkel Jehnda in Satonichi zwischen 1559—1582 bekannt war, erzählt von Leon Medigo folgendes (Lsntnrin VII eniativ 98p lednda ^.bradnnelins, mwKni iilins Isbudas sivs Ivsoni8 Vbra- bnustii kintoniei pbilosopbi, gni nodis diviuo8 de ainors dialog '08 soripto» relignu, nepos . . . snprsmnm disni odiit . . . apnd ss librum z'ustm; nmAnitndinis, gnem avns suns eompomrsrat, ressrv-rtnm Imbedat, eui de Oosli arinonin titnlns erat, non nisi Ion§obardi8 litsris iu- seriptus, st gnem dunns iile I>so ciivini Ilirancluleusis kiel prsoibus oomposnerat, et ex ejn8 prooemio eiieitnr; gnein lidrum e^o non ssinsl psrourri et legi, et ni mors iiumatnm nsxoti bnie ita praevsusiwt, snm brevi in Inesin mittels dsorevsiamn8. §8t sank opN8 boo doetissimum, in guo doun8 ills Leon gnautnin in piiiiasopdia vaiebat, satis indioa- vsrut; 8evln8tioo tainsn stilo insoriptum. Die Bekanntschaft Leon Medigos mit Pico steht also fest; sie muß innerhalb der zwei oder drei Jahre 1t92—94, zwischen der Einwanderung des erster» in Italien und dem Tode des letzter», gemacht worden sein. Über seinen angeblichen Übertritt zum Christentum vergleiche weiter unten. Isaak Abrabauel. 7 bleiben. Aber gegen die eingewanderten Marranen aus Spanien nnd Portugal ließ Fernando die grausige Inquisition in Venen ent einführend) Bei diesem freigebigen, klugen und heldenhaften Groß- kapitün Gonsalvo de Cordova war Leon Medigo über zwei Jahre Ueibarzt (1505 bis 1507); dort sah ihn der König Fernando bei seinem Besuche in Neapel. Nach der Abreise des Königs und der ungnädigen Entlassung des Vizeköuigs (Juni 1507) kehrte Leon Abrabanel, ohne eine anderweitige angemessene Tätigkeit zu finden, zn seinem Vater zurück, 2 ) der inzwischen in Venedig lebte. Der zweite von Isaak Abrabanels Söhnen, Isaak II., lebte nämlich als Arzt zuerst in Reggio (Kalabrien) und später in Venedig und ließ seinen Vater auch dorthin kommen. Der jüngste Sohn Samuel, später ein hochherziger Beschützer seiner Glaubensgenossen, hatte es noch am besten; er weilte unterdessen im Schatten des stillen Lehrhauses in Salonichi, wohin ihn der Vater zur Ausbildung in: jüdischen Wissen gesandt hattet) Der ältere Abrabanel betrat noch einmal die politische Laufbahn. In Venedig hatte er Gelegenheit, einen Konkurrenzstreit zwischen dem portugiesischen Hofe und der venetianischen Republik zu schlichten, welcher infolge der non den Portugiesen angelegten ostindischen Kolonien und besonders des Gewürzhandels ausgebrochen war. Einige einflußreiche Senatoren erkannten bei dieser Gelegenheit Isaak Abrabanels richtigen politischen und finanziellen Blick und zogen ihn seitdem bei wichtigen Staatsfragen zu Rate?) Aber seine Kraft war durch die vielen Leiden und Wanderungen gebrochen. Noch vor dem siebzigsten Lebensjahre hatte ihn die Hinfälligkeit des Greisenalters beschlichen. In einein Antwortschreiben (vom Jahre 1507) an einen wissensdurstigen Mann aus Caudia, an Saul Kohen A s chkenasi, einen Jünger und Geisteserben des Elia Tel Medigo (VIII, S. 244), welcher gewichtige philosophische Fragen an ihn richtete, klagte Abrabanel über zunehmende Schwäche und Greisenhaftigkeit?) Und wenn er es auch verschwiegen hätte, so würden seine schriftstellerischen Arbeiten aus dieser Zeit seine Altersschwäche verraten haben. Die gehetzten Opfer des spanischen Fanatismus hätten einen Leib von Erz und Kraft von Stein haben müssen, um dein Andrang solcher Leiden nicht zu erliegen. Ein anschauliches Bild von der unstäten Wanderung der jüdischspanischen Verbannten gibr das Leben eines Leidensgenossen, oer - 0 Tlnrita, ^ua>S8 (1s V, p. 327 b. 2 ) Abrabanel, Antwortschreiben an Sani Kohen Aschkenasi, ecl. Venedig von 1574, zn 20 b. '0 Schcm-Tob Athias, Einl. zum Psalnilrinmentar. h Chaskitu, Biographie des Abrabanel. : °) Abrabanels Antwortschreiben. 8 Geschichte der Juden. an sich ohne besondere Bedeutung durch seinen Eifer den gesunkenen Mut der Unglücklichen zu heben, sich einen Namen gemacht hat. Es war ein rühriger Sendbote, ein Bücherwurm, der Spanier Isaak benAbraha m Nkri s ch (geb. nm 1489, starb nach 1578)J) dem die jüdische Literatur die Erhaltung manches Wertvollen zu verdanken hat. Akrisch sagte halb in: Scherze und halb in: Ernste von sich, er müsse wohl zu einer Stunde geboren sein, als der Planet Jupiter durch dasTierkrelszeichen der Fische hindnrchg'ng, ein Zusammentreffen, welches nach der astrologischen Nativitätsstellung ein Wanderleben vorausverkünde. Denn obwohl lahm au beiden Füßen, habe er sein ganzes Leben mit Wanderungen von Stadt zu Stadt, zu Wasser und zu Lande zugebracht. Noch als junger Knabe wurde Akrisch aus Spanien h Die Data aus der Biographie des Isaak Akrisch verdienen eine eingehende Untersuchung, weil manche andere unbekannte Data dadurch ins Licht gesetzt werden können. Er war der Editor: I) des Briefwechsels zwischen Chasdai Jbn-Schaprut und deni Chazarenkönig (V S. 366 ) unter dein Titel: 12:22 8,?; II) der Geschichte Bostanais (das. S. 459 ) unter dem Titel: -2-2 in ,i'2 iw-'2; ans ,1:21:2; III) des Efodischen polemischen Briefes (VIII g S. 88): in nun :>.1I2N2 >.1.1; IV) eines Tripel-Kommentars zu Canticum und anderer Schriften. Um seine Lebensdauer zu fixieren, muß mau vom Ende aufangen: 22 . Lebet 5338 — 1. Januar 1578 kopierte für ihn Jacob Catalaui Schemtob Jbn-Schapruts polemisches Werk: ;i2 l^l Schlnßangabe . . 122.1 >1212 . . >m8w^2 2,2>" . . 'in Willi -"2 . . 111,2V U2ni:2 i2.11 W'IPNV §212' '1.12 . . 2211 ;I21 ^2:8 112 12N '2 .Iii.1 WI-21 -12,> ;,1 21212.1 12-.1 ,1-22 >1° I"8w.i 122. Er war damals im Hanfe des Herzogs von Naxos, lebte also noch anfangs 1578 . Dann erzählt er von sich (in der Einl. zu Nr. I V): 82p ni '2 w'iiroui 1152 1112:2 w'i^v 2112.N ;2 1:2» 22 ... . 122N1-1 IN'iüw'N 11282:2 122 11NW2.1 Iwis.l 11' 22 W1221 2'21i:i 2'21 >'ip 2'lin >.11N 1V1.1 >2 'I'I . .128:2:28 1282:221 1'V in 1'V2 1288 ilwiw.i 111 12V '8v 118.1 . . 2'8nV2w'1 2I1N '8.1N 1'12 . . '1P1' ni Iwn 2V in 1288 '11812 P1N21 '2N 1'22 a'12'28 'n,2 iv 12221 vw2i. Daraus folgt, daß er zu den Vertriebenen aus Spanien von 1492 und den Unglücklichen von Neapel von 1495 gehört hat. Er muß also noch vor 1492 geboren und folglich sehr alt geworden sein. In derselben Einl. erzählt Akrisch, wie er nach langer, langer Wanderung von David Jbu- Abi-Simra in Kairo ins Haus genommen worden, dort Ruhe gefunden und ungefähr 16 Jahre dessen Enkel und Urenkel unterrichtet habe. Er habe erst Ägypten verlassen, als auch seiu Gönner Jbn-Abi-Simra es verließ, d. h von da nach Palästina übersiedelte: . . -8v2 (.11:2: >2n h 111 '1 8w 82) ;8v 12 -2 'i,ni2i 12'12N2W1,28 N2NI 2x2.-», 'W121 82 IN 'Iipi. Hier ist keineswegs von I. A. Simras Tod, sondern von dessen Scheiden die Rede. Akrisch gibt das. an, derselbe sei 40 Jahre Rabbiner in Ägypten und 20 Jahre in Palästina gewesen. Da nun Jbn-Abi-Simra noch im Frühjahr 1569 eine Entscheidung mit dem Rab- binate in Safet mit unterzeichnet hat (Ussxp. Mose di Trani 2-22 I, blr. 131 ): 121 ' ' 1.11 ,1121 ' 2 N h 111 '11 2221.1 2 V 1 V 11 1'22 'NNV 21 2 " 2 " 2>1 11 N 1"2 '1 21'2 1"X' 11NP, so hat man daran wenigstens einen 1 srwiuu 8 uck gusm. Jbn-Abi- Simra soll noch Isaak Lurjas kabbalistischen Ruhm erlebt haben, etwa 1569 bis 1572 . In der Schrift I§r. III gibt Akrisch an, daß seine Büchcrsammlung im Jahre der Verbrennung des Talmud von der vcnetianischen Behörde Isaak Akrisch. 9 sausgewiesen, und in Neapel trafen ihn die Leiden, welche sich gegen die '.Verbannten verschworen zu haben schienen. So hinkte er von Volk -^zu Volk, „deren Sprache er nicht verstand und die nicht Greise, nicht Minder verschonten", bis er in Ägypten, im Hause eines Verbannten, ' der indes daselbst eine angesehene Stellung eingenommen hatte, für zeinigeJahre einen Ruheplatz fand. Wer vermag den umherirrenden Ver- ^bannten mit wunden Füßen und mit noch mehr wundem Herzen zn folgen, bis sie irgendwo Rast oder die Ruhe des Grabes gefunden haben! Aber gerade diese Riesenhaftigkeit des Elendes, das sie erduldet, -hob das Bewußtsein der sefardischen Juden zn einer Hohe, welche »an Hochmut streifte. Wen Gottes Hand so wuchtig schwer, so nachhaltig D getroffen, wer so unsäglich viel gelitten, der müsse eine Sonderstellung Ähaben, müsse ein besonders Auserwählter sein, dieser Gedanke oder Z dieses Gefühl lebte in der Brust aller Übriggebliebenen mehr oder , H minder klar. Sie betrachteten ihre Vertreibung aus der pyrenäischen »Halbinsel als ein drittes Exil und sich selbst als besondere Lieblinge r Gottes, die er gerade wegen seiner größeren Liebe zu ihnen nur um 'ch'v härter gezüchtigt habe. Wider Erwarten stellte sich bei ihnen eine gehobene Stimmung ein, welche die erduldeten Leiden zwar nicht ver- A gessen machte, aber sie verklärte. Sobald sie sich nur von der Wucht H ihres tausendfachen Elends ein wenig frei fühlten und aufzuatmen H vermochten, schnellten sie wieder empor und trugen wie Fürsten ihre Z Häupter hoch. Alles hatten sie verloren, nur ihre spanische Grandezza, .H ihr vornehmes Wesen nicht. So gedemütigt sie auch waren, verlief H sie ihr Stolz nicht, und sie machten ihn überall geltend, wo ihr wandernder I Fuß einen Nuhepunkt fand. Sie hatten auch einigermaßen die Be- Ä rechtigung dazu. So sehr sie auch seit der Überhandnahme der wissens- ^ feindlichen streng frommen Richtung im Judentum und seit der erfahrenen Ausschließung ans den Gesellschaftskreisen in den höheren konfisziert worden seii -m-bon nw-: rar -rpa Das Edikt zum Verbrennen der Talinudexcmplarc erging im Herbst 1553: in Venedig D wurden sie konfisziert im Oktober desselben Jahres, also in Eandia etwas später. « Ende 1553 war also Akrisch ans seiner Wanderung von Ägypten nach Kon- L stantinopel in Candia. Er verließ also Ägypten in demselben Jahre und hat H daselbst geweilt um 1543—53. Auch die biographischen Data für I. A. Simra I lassen sich dadurch fixieren. Er hat zn gleicher Zeit mit Akrisch Ägypten D verlassen und lebte in Palästina noch '20 Jahre, also 1553—73. In Ägypten A war also Jbn-Abi-Simra bis dahin 40 Jahre im Rabbinatskollegium, d. h. U 1513—53. Er ist über 100 Jahre alt geworden (nach Asula'l). Folglich war Wer vor 1473 geboren. — Wenn Akrisch nun in Einl. zn Rr. I angibt: Im W Jahre 1545, ungefähr vor 32 Jahren habe ein gewisser Angela Fabeln von W dem Ansammcln nlthebräischer Stämme mit Fahnen und Fahnenzeichen ge- D schmiedet, und er sei damals 15 Jahre alt gewesen, so muß diese Zahl korrumpiert W sein, denn er kann unmöglich erst im Jahre 1530 geboren sein. Vgl. Note 6. 10 Geschichte der Juden. Wissenschaften zurückgekommen waren und ihre Jahrhunderte lang behauptete Meisterschaft eingebüßt hatten, so waren sie doch den Juden nller übrigen Länder an Bildung, Haltung und auch an innerem Gehalt bei weitem überlegen, die sich in ihrer äußeren Erscheinung und in ihrer Sprache zeigte. Ihre Liebe zu ihrer Heimat war so groß, daß sie keinen Raum in ihrem Herzen für den Haß ließ, den sie gegen die Rabenmutter, die sie ins Elend gestoßen, Hütten empfinden müssen. Wo sie hinkamen, gründeten sie daher spanische oder portugiesische Kolonien. Sie brachten die spanische Sprache, die spanische Würde und Vornehmheit nach Afrika, der europäischen Türkei, nach Syrien und Palästina, nach Italien und Flandern und überall mit; wohin sie verschlagen wurden, hegten und pflegten sie dieses spanische Wesen mit so viel Liebe, daß es sich unter ihren Nachkömmlingen bis auf den heutigen Tag lebendig erhalten hat. Weit entfernt in den Ländern, die sie gastlich ausgenommen, in der Mehrzahl der übrigen jüdischen Bewohner anfzugehen, hielten sie sich als ein bevorzugter Menschenschlag, als die Blüte und der Adel der Judenheit, von ihren Stammgenossen gesondert, blickten verächtlich auf sie herab und schrieben ihnen nicht selten Gesetze vor. Das kam. daher, daß die spanischen und portugiesischen Juden die Sprache ihrer Heimat (welche durch die Eroberungen und Entdeckung von Amerika Weltsprache geworden war) rein sprachen, an der Literatur teilnahmen, dadurch auch im Verkehr mit Christen ebenbürtig und männlich ohne Scheu und Kriecherei auftraten. Sie bildeten in diesem Punkte einen Gegensatz gegen die deutschen Juden, welche gerade das, was den Menschen zum Menschen macht, eine reine und schöne Sprache, mißachteten und dagegen verwahrlostes und kauderwelsches Sprechen, so wie das sich Feruhalten von der christlichen Welt als Religiosität betrachteten. Die sefardüchen Juden legten überhaupt Gewicht auf die schöne Form, auf Geschmack in ihrer Tracht, auf Eleganz in den Synagogen und ebenio auf die Mittel zum Gedankenaustausch. Die Rabbinen spanischer und portugiesischer Zunge predigten in ihrer Landessprache und legten auf reine Aussprache und Wohllaut großen Wert. Daher artete ihre Sprache niemals, wenigstens nicht in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Ausweisung, in einen lallenden Jargon aus. „In den Städten Salonichi, Konstantinopel, Alexandrien, Kairo, in Venedig und anderen Handelsplätzen machen die Juden nur in spanischer Sprache Geschäfte. Ich kannte Juden aus Salonichi, welche, obwohl sie noch jung waren, das Kastilianische eben so gut und noch besser als ich auSspracheu", so urteilte von ilmen ein christlicher Schriftsteller etwa ein halbes Jahrhundert nach ihrer Vertreibung.*) ') ciousstvo cts Illesea8, bistoi'ia poutiücal eMolica (1606) bei äs los Rias, Lstuciio «obre Io8 .Iuäso8, p. -160 Note. Tie sefardischen Juden. 11 Selbst der milde und bereits gebrochene Isaak Abrabanel sprach verächtlich von den deutschen Juden wegen ihrer barbarischen Mischsprache. Er war nämlich erstaunt darüber, in dem Sendschreiben des aus Deutschland stammenden SaulKohen aus Kandia bei diesem eine so gewandte (hebräische) Sprache und eine so geschlossene Ordnung der Gedanken zu finden, und sprach seine Verwunderung freimütig aus: „Ich erstaune, eine so wohlgesetzte Sprache unter den Deutschen (Juden) zu finden, welche auch im Munde ihrer Großen und Rabbinen selten ist, wie bedeutend sie auch sonst sein mögen. Ihre Sprache ist voll Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit, ein Stottern ohne Einsicht"?) .Diese Überlegenheit der Juden spanischer und portugiesischer Abstammung an Bildung, Haltung, gesellschaftlichen Manieren und Welterfahrung wurden auch von den übrigenJuden, namentlich dendeutschen, mit denen sie überall zusammentrafen, anerkannt und bewundert. Daher durften jene sich herausnehmen, überall die Herren zu spielen und oft trotz ibrer Minderheit die Mehrheit der Gemeinden anderer Zunge zu meistern. In dein Jahrhundert nach ihrer Verbannung sind sie fast ausschließlich die Träger der geschichtlichen Begebenheiten; die Namen ihrer Stimmführer erklingen überall, sie lieferten Rabbiner, Schriftsteller, Denker und Phantasten, während die deutschen und italienischen Juden in dieser Zeit ein bescheidenes Plätzchen einnahmen. In allen Ländern, mit Ausnahme Deutschlands und Polens, wohin sie niemals oder nur vereinzelt gedrungen waren, wurden die sefardischen Juden die Tonangeber. Der nordafrikanische Küstenstrich und das bewohnbare Binnenland waren mit Juden spanischer Abkunft gefüllt, wo sie sich in dem Jahrhundert der großen Verfolgung von 1391 bis zur vollständigen Vertreibung zahlreich angesammelt hatten. Von Safi (Assafi), der südwestlichsten Stadt Marokkos, bis Tripolis im Nordosten befanden sich viele größere und kleinere Gemeinden spanischer Zunge. Obwohl vonden kleinen barbarischenTyrannen und der verkommenen maurischen Bevölkerung meistens gehaßt, mit Willkür behandelt und öfter zum Tragen einer schändenden Tracht gezwungen, blieb doch für die Gewandtheit hervorragender Juden daselbst Spielraum genug, sich auszuzeichnen, sich zu einer hohen Stnfe emporzuschwingen und einen ') Abrabancl's Antwortschreiben an Saul Kohen: n-vn p-nw iw' ^ ,pm one? nnn .nvn owi ms .1221 w 2 .1120 NL's iw.i raw px pvb Vcrgl. Renchlins Urteil über die deutschen Juden seiner Zeit in seinem Werke 6s verbo miritieo sä. I^on p. 33: 6srmuniu «inum- ünum religiöses, tumen purum äoetos Usbrusos nntrit, huvnium stnäiosis potins ubdorrenäum u pliilosoplns, gnum per invnrium unt potius ourio- situtem in srrvres euäsnänm esse psrsnuäeut, gnornm eos potissimnm ersännt unteres. 12 Geschichte der Juden. umfangreichen Wirkungskreis einzunehmen. In Bi arvkko stand ein reicher und geschichtskundiger Jude, welcher dem Fürsten dieses Staates bedeutende Dienste geleistet, bei diesem in hohem Ansehen. H In Fez, welches Flüchtlinge aus Spanien massenhaft ausgesucht haben, bestand, trotzdem Hungersnot und Pest viele Tausende derselben aufgerieben hatten, 2 ) doch eine Gemeinde von 5000 jüdischen Familien, in deren Händen die meisten Gewerke lagen. 2 ) Hier lebte ein Jude spanischer Abkunft, Samuel Alvalensi, wohl ein Enkel des Rabbiners gleichen NamensF) der wegen seiner Tüchtigkeit und seines Mutes bei dein König beliebt war und bei der Bevölkerung so viel Vertrauen genoß, daß sie ihn zum Führer annahm. In dem Streite zwischen den zwei regierenden Familien, den Nt erin v s und F eris s, stand er auf seiten der ersteren, führte 1400 Mann Juden und Mauren gegen die Anhänger der letzteren und schlug sie bei Centa aufs Haupt.") — In der Residenzstadt Tl e ms e n (Tremcen) nahm die sehr zahlreiche jüdische Gemeinde spanischer Abkunft den größten Teil ein>) Hier traf nach der Flucht aus Spanien der achtzehnjährige JakobBerab ein (geb. 1474, gest. 1541)-), einer der rührigsten Männer unter den spanischen Auswanderern, der scharfsinnigste Rabbiner seiner Zeit nächst seinein deutschen Namensgenossen, Jakob Polak, aber zugleich ein querköpfiger, rechthaberischer und unverträglicher Mann, der viele Gegner, aber auch viele Verehrer hatte. In M a q u e d a bei Toledo geboren, war Jakob Bernb unter vielen Gefahren, unter Mangel, Hunger und Durst nach Tlemseu gekommen, und von da begab er sich nach Fez, dessen Gemeinde ihn, den brotlosen Jüngling, wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Scharfsinnes zu ihrem Rabbiner wählte. Dort leitete er ein Lehrhaus, bis die fanatischen Spanier Eroberungeil in Nordafrika machten lind das stille Aspl der dortigen Juden beunruhigten. h Eeo .Itriaanns, Dtriens ileseriptio I,. II. idlo. 45, p. 105. h Abraham b. Salomo aus Terrutiel, Neubauer Tneeclota. Oxo»., p. 113. h Oev Dkrieaurw 111, Ao. 52, p. 243 ff., vergl. Resxp. Lcvi bi Chabib, Abhandlung über die Ordination p. 298 b. ') Pd. Vlllg S. 218. Jmannel Aboab, dioeinoloZia. p. 305 ff. 0) b,so .Vtrieanns das. IV, dio. 10, p. 334; Abraham Gavifou, Omer bn-8eb>bvba, p. 29 b und Ende. h Berabs Geburtsjahr ergibt sich aus feiner eigenen Angabe, daß er nach der Vertreibung ans Spanien 18 Jahr alt war, in der Abhandlung über die Ordination (Ke8pp. Levi Ben-Chabib, Ende). Daß er auch in Tlcmsen war, bezeugt Gavison a. a. O. p. 68 e: o-8no o-ooi 1x028,18 1x0 o"'"io ,iov 8o- oni-oo ,i'oo 1x028,10 1011 ,1NX ,100>1 . . . iozo opp- '11 oi-o o,op' 'i . . . o'ov 088021 . . . 'OX nnx IN IIOIOO 0.110X N Ol8o21 . . . 1-0001 1.1'X '201 0110'VI . . . O'OIO 10001 Über Berabs Todesjahr vergl. weiter unten. Die Juden in Nordafrika. 13 In Algier führte die bereits verringerte Gemeinde ein Abkömmling spanischer Flüchtlinge von 1391, Simon Turan tl. (geb. 1439, gest. nach 1510)/) ein Sohn des philosophisch gebildeten Rabbiners SalomonDuran (Vlllg, 166), Nachfolger im Rabbinate nach dem Tode seines Bruders Zema ch Dura n 1 >. Er galt zu seiner Zeit gleich seinein Bruder als hochnngesehene rabbinische Autorität, und beide wurden von vielen Seiten mit Anfragen angegangen. Von edler Gesinnung wie sein Vater war Simon Duran eine Schutzwehr für seine Glaubensgenossen und ein Rettungsanker für die spanischen Verbannten, die bis in seine Nahe versprengt worden waren; denn er scheute weder Geldverlust, noch Lebensgefahr, wo es galt Religiosität, Sittlichkeit und Rettung seiner Stnmmesgenossen dnrchznsetzen?) Fünfzig Juden, versprengte Flüchtlinge, die Schifsbrnch erlitten batten, waren an die Küste von Sevilla geworfen, von den fanatischen Spaniern — dem Worte des Ediktes gemäß — in Kerker gesperrt und zwei Jahre lang darin gehalten worden. Sie hatten täglich den Tod erwartet, wurden aber zuletzt doch begnadigt, d. h. als Sklaven verkauft. Als solche kamen sie in kläglichein Zustande nach Algier und wurden durch die Bemühung Simon Turans um 700 Dukaten, welche die kleine Gemeinde zusammengeschossen, ausgelöst?) Tie Eroberungssucht und der Fanatismus der Spanier vergällten sein Alter und brachten über die Juden einiger nordafrikanischer Städte neue Drangsale. Nachdem der Kardinal .4 imenes, der dritte Großinquisitor, der Gründer der Universität Alknla und der Begründer des finsteren, grauenhaften Despotismus in Spanien, die Stadt Oran mit dem Kreuze und dem Schwerte erobert hatte — ein Jude soll ihm dabei als Spion behilflich gewesen sein — ließen dessen Lorbeeren den neidischen König Fernando den Katholischen nicht schlafen. Er sandte eine Flotte unter dem Feld- Herrn Pedro Navarra zur Eroberung der Königreiche Bugia und Tunis aus. Tie Stadt Bugia wurde nach zweiwöchentlicher h Simon Daraus 11. Geburtsjahr folgt aas seiner eigenen Angabe im zweiten Teil der Respp. Xo. 48 (der erste Teil gehört seinein Bruder Zemach Turan an). Daselbst klagt er aber Leiden und drohende Gefahren und resümiert sic mit den Worten: -le-T- -' 12^77 . 1 ?: F- eww.n 'L'°o -eii -0112 N2IV 01 ? "-L71 '°7-!r Es ist offenbar hier von den Kriegszngen die Rede, welche Fernando der Katholische nach der Eroberung von Oran gegen Bugia, Algier und Tunis unternehmen ließ. Die Zeit dieser Kriege war Januar und Februar 1510 (bei spanischen Annalisten, Zurita IV 0. 1—13; falsch bei Leo Africanus das Jahr 1508 und ebenso bei Joseph Kohen in der Chronik und lümsk Im-Luelnr 1509). Simon Duran war also 1510 zweinndsicbzig Jahr alt. h Vergl. die genannten Ksspp. II, Ko. 5l. b) Skonto .loolnrsin eil. IRipo^vichi. p. 227 d. 14 Geschichte der Juden. Berennung erobert (31. Januar 1510) und ausgeplündert; die Einwohner hatten sich vor der drohenden Gefahr nach allen Seiten zerstreut. Ten Juden dieser Stadt*) erging es dabei schlimm genug; diejenigen, welche nicht die Flucht ergriffen hatten, gerieten in Gefangenschaft und hatten kein beneidenswertes Los unter den Händen der von der Inquisition zu Blutmensckien abgehärteten spanischen Soldateska. Sobald die Nachricht von der Einnahme Bugias nach Algier gelangte, zitterten die jüdischen Bewohner, sowie die ganze Stadt wegen der ihnen unausbleiblich drohenden Gefahr, und viele von ihnen suchten ihr Heihin der Flucht. Der bereits zweiundsiebzigjährige Greis Simon Turan schleppte sich von Torf zu Dorf und wollte nach dem fern liegenden Almadia auswandern Indessen lief es doch nicht so schlimm ab, die Einwohner von Algier unterwarfen sich freiwillig, leisteten dem König von Spanien den Eid der Treue uud versprachen jährlichen Tribut zu zahlen. Das Leben der Juden blieb verschont; sie mußten aber volles Lösegeld wie Kriegsgefangene an die mohammedanischen Bewohner zahlen.?) Tie mehr denn achthundert Familien zählende Gemeinde von Tripolis (Tarablus) in Nordafrika geriet größtenteils zur selben Zeit in Gefangenschaft.?) Ten Juden von Tunis ging es wohl nicht besser, da auch diese Stadt gezwungen war, mit Pedro Navarra zu kapitulieren. Hier hatten zwei bedeutende jüdisch-spanische Männer einige Jahre eine Zuflucht gefunden; der eine, der Geschichtsschreiber und Astronom Abraham Zacuto , der bereits am Abend seines Lebens stand, und ein jüngerer Mann, Mose Alas ch kar. Zacuto, welcher auf der pyrenäischen Halbinsel bereits eine Schule von christlichen und mohammedanischen Jüngern in der Mathematik und Astronomie hatte, dessen Schriften, durch den Truck veröffentlicht, vielfach gelesen und benutzt worden waren, war indes gezwungen, wie ein Geächteter umherzuirren, und war nur mit Not dem Tod entronnen. In Tunis scheint er einige ruhige Jahre verlebt zu haben, und hier hatte er seine mehr berühmte als brauchbare Chronik vollendet. Geschichtswerkdarf mansienichtnennen (8sksr üoolmsia 1504),4) sondern einen Abriß der jüdischen Geschichte p Joseph Koheu, Chronik p. 54, Lmele l>a-kacl>a p. 39, Hsspp. Mose Alaschkar, lio. 39. ?) Junta, Vuale» äs ViaZou VI, p. 9. ?) Joseph Koheu a. a. O. Üsüpp. Jakob Berab, Nr. 56. kespp. Levi Ben-Chabib p. 318. Rsupp. Mose Alaschkar Nr. 6. *) Das; das Zacutosche Jochasin (io'n, nicht Juchasin) in Tunis verfaßt wurde, sagt der Verfasser selbst sä. Amsterdam 13b; eä. Fiüpowski 22a. Das Jahr 1504 kommt in einem Passus in dem uuivcrsalgeschichtlicheu Teil vor, ecl, l?it. p. 231 a: . . . ni'r'b msbu tn rav.n rwm im nvm Ich weiß nicht, woher der letzte Herausgeber Filipowski die Notiz hat, daß dieses Werk 15u6 verfaßt sei. Daß Zacuto nicht in Afrika geblieben, sondern nach Die Juden iu Nvrdafnko. 15- und auch mehr Literaturgeschichte. Ein Anhang dazu war ein Jahrbuch der allgemeinen Geschichte. Zacutos Werk hat aber nur das Verdienst, die Geschichtsforschung unter den Juden angeregt zu haben; denn es ist weit entfernt von künstlerischer Anlage wie von Vollständigkeit. Er hat bloß aus Schriften, die ihn: zugänglich waren, formlos zusammengetragen. Nicht einmal die Geschichte seiner Zeit, die Leiden der spanischen und portugiesischen Inden, hat Zacuto vollständig oder in übersichtlicher Ordnung dargestellt. Seine chronologischen Angaben sind auch nicht immer zuverlässig. Zucutos Chronik war aber ein Kind des Alters und der Drangsale; er hat sie mit zitternder Hand und mit bangem Gemüt wegen der nächsten Zukunft und ohne genügende literarische Hilfsmittel zustande gebracht, und insofern verdient sie Nachsicht. Gleichzeitig mit Zacuto lebte in Tunis Mose ben Isaak Alaschkar (Äschakar, geb. um 1470, gest. zwischen 1532 bis 1538)/) der früher in Zamora geweilt und bei der Vertreibung aus Spanien in Gefangenschaft geraten und in den Mecresfluten dem Tode nahe war, Alaschkar war ein scharfsinniger Talmudist, wie sein jung verstorbener Lehrer Samuel Alvalensi, ein richtig denkender Kopf,, ohne beschränkte Einseitigkeit. Er vertiefte sich einerseits in die dunkeln der Türkei ausgewandcrt ist, teilt Jmannel Aboab (Xomologia p. 301) mit: lainbien MMö ä Rnrgnia ei sxcsllentö ilstrciiuiino Kadi llbraliain, biso äs 8emnel Zacuto. Vvn einem seiner mohammedanischen Schüler berichtet der abentcnernde mvstische Arzt Cornelius Agrippa von Nettesheim lepixtulae I,. I, Nr. tv, gegen Eiide): . . . aä iiia»nam illam Valentin», (Valencia in Spanien) iirotieiselmur, nbi axnä 6omparatnm Lnrnvsnnm, >äiilo8oglinm, nstrolo^ningns exeei eitat.issininm, otim 2ac.nti äioeipn- lum, äs ts nerenntnnti. Über seinen christlichen Jünger Angnstin Ricio vergl. Katalog der Druckwerke der öoälsiana 8. v. ') Nach einem Zitate bei Cvnforte zi 32b stammte M. Alaschkar ans Zamora .mir -">11 (so zu lesen statt mir i-vr, .Katalog d. Bodleiana p. 1765) »nd war ein Jünger des Samuel Valensi. Da dieser nun bereits 1-187 starb, nach Zacutos Angabe, so muß der Jünger mindestens 1170 geboren sein. Das Jahr 1530 kommt in seinen lieapp. vor, Nr. 67. Ec übte aber noch nach der Eroberung vvn Patras durch Andrea Doria und nach der Gefangenschaft der dortigen Juden, also nach 1532 (üeaigi. Vir. 52 Ende). Dagegen war Alaschkar zur Zeit der Einführung der Ordination durch Jakob Berab 1538 bereits tot. Daß er in Tunis gelebt, gibt die Überschrift z» Hsspzi. ipiri pr' 11, Nr. 23 zu:. i,rr'»m p pnx- i"x- mr 'i pwii cv.i. Daß er später in Ughpten und (Jerusalem gelebt, ist ans mehreren zeitgenössischen Response» bekannt. — Es . ist nicht richtig, daß er seine Replik gegen Schem-Tobs Polemik contra. Mai- muni (oirrn 'r ip nniri) 1495 verfaßt habe. Dieses Datum kommt darin nicht vor, wohl aber in einem seiner akrostichischen Gebete, die weder mit der genannten Replik, noch mit den Response» im Zusammenhänge stehen. In einem dieser Gebete: ripn .irr spricht er von seinen Schicksalen: -n eoriiori io.-ixii 'wri lim ,-,.i-/'i. Über seine Schriften geben die Bibliographen Auskunft. 16 Geschichte der Juden. Jrrgäuge der Kabbala und erhob anderseits seine Augen zu den lichten Höhen der Philosophie. Eine solche Mißverbiudnug zweier unverträglicher Denkweisen war damals noch möglich. Alaschkar ging so weit, Maimuni und dessen philosophisches System gegen die verketzernden Ausfälle der Finsterlinge in Schutz zu nehmen. Vor dem Schrecken, den die spanischen Waffen über die nord- afrikanischen Juden gebracht haben, scheinen Zacuto und Alaschkar mit vielen andern Trinis verlassen zu haben. Sie hatten die Unmenschlichkeit der liberkatholischen Spanier gegen die Juden hinlänglich kennen gelernt. Der erstere wanderte nach der Türkei und scheint gleich darauf müde ins Grab gestiegen zu sein (vor 1515)U) Alaschkar floh nach Ägypten und nahm dort vermöge seiner vielseitigen Kenntnisse und seines Reichtums eine geachtete Stellung ein. In Ägypten und namentlich in der Hauptstadt Kairo hatten sich ebenfalls viele jüdisch-spanische Flüchtlinge angesammelt und hier in kurzer Zeit ein bedeutendes Übergewicht über die jüdischen Ureinwohner erlangt. Als sie dort eintrafen, fungierte noch über sämtliche ägyptische Gemeinden wie in früherer Zeit ein jüdischer Oberrichter oder Fürst (Nagid, Reis) in der Person des ebenso edlen, wie reichen Isaak Kohen Schalal (oder Scholal, blühte um 1490, gest. 1525 /) er war seinem Verwandten Nathan Schalal in dieser Würde nachgefolgt. Er war ein biederer Charakter, auch talmudiscb gelehrt, der sein hohes Ansehen, welches von dem ägyptischen Mamelukensultan anerkannt war, und seinen Reichtum zum Wohl seiner Gemeinde und der dahin versprengen Flüchtlinge verwendete. Isaak Schalal stand daher bei seinen Zeitgenossen in hoher Achtung. Ohne Neid beförderte er verdienstvolle Männer unter den spanischen Auswanderern zu Ämtern, und dadurch gelangten diese nach und nach zu bedeutendem Einflüsse. Unter ihnen fand in Kairo eine Zufluchtsstätte der spanische Gelehrte Samuel Sidillo (oder Sid, Jbn- Sid, geb. um 1455, gest. um 1530/) ein Jünger des letzten toledanischen U Zacutos Todesjahr ergibt sich annähernd aus dein Umstande, das; er in der ersten Edition des kompilatorischen Werkes unter dem Titel oG-u mi,o (angeblich von Machir), das 1515 in Konstantinopel erschien, bereits als Verstorbener zitiert wird, im , 2 ip> a.-non n'vw lvm uevL (vgl. Herein (lbsmsck des Sen. Sachs VIIl, p. 210 und Katalog der Druckwerke der Bodleiana s. v. Abraham Sacnt und Machir). 2) Vcrgl. Note 1. Ü Dieser Name erscheint bei den Bibliographen verstümmelt. Er selbst nennt sich im Eingänge zu seinem talmndisch-methodologischen Werke imrv das er im Alter, 1522 verfaßt hat (als Anfang zum Sammelwerke a-rm x. 29b:) h -wn. Seine Zeitg-nossen, Jakob Bcrab, Leviben Chabib und andere, nennen ihn wo h Die sein Andenken tragende Synagoge hieß nvw (in Meoraot Olam p. l9a). Salomo Athia nennt in seinem 1 ü :t s 's Tie Juden in Ägypten. 17 Rabbiners Isaak de Leon, zu seiner Zeit wegen seiner Frömmigkeit und seines tiefen und klaren rabbinischen Wissens hochgeachtet. Samuel Sidillo wurde als Rabbiner im Kairoauischen Kollegium angestellt. Einen noch bedeutenderen Namen erlangte daselbst ein anderer gelehrter Flüchtling von spanischer Abkunft, David I b n - A b i Siinra (geb. um 1470, gest. um 1573)Z) ein Jünger des Mystikers Joseph Saragvssi, reich an .Kenntnissen, Tugenden, Schätzen und Nachkommen, der bald die Einheimischen überstrahlte und die höchste rabbinische Autorität in Ägypten erlangte. Noch viele andere spamsch-rabbinische Gelehrte fanden einen Ruhepunkt in Ägypten, nächst den bereits genannten auch Jakob Berab und Mose Alaschkar, auch ein sonst wenig bekannter Abraham Ibn - Schos ch a n , die sämtlich nach und nach ins Rabbinatskvllegium traten. Eine politische Wandlung in Ägypten brachte die Spanier au die Spitze der dortigen Jndenheit. Das Nilland mit dem dazu gehörigen Syrien und Palästina, dessen Eroberung den Sultanen von Konstantinopel so schwer wurde, weil auch die rechtgläubigen Türken dagegen waren, fiel endlich Seit in I. als sichere Beute zu. In einer entscheidenden Schlacht unweit Aleppo erfocht er einen glänzenden Sieg über den letzten Mamelnckensultan K a n ß u A l g a w r i, und sein Marsch von Syrien nach Ägypten glich einem Triumphzuge. Selim wurde (Anfang 1517) Herr aller der ausgedehnten Länderstrecken, welche in früheren Zeiten eine Reihe größerer und kleinerer Staaten bildeten. Der letzte ägyptische Sultan fand ein tragisches Ende und ebenso der in aller Eile erwählte Eintagssultau T u m anbe g. Eigen ist es, daß türkische Juden sich sehr warm für die Eroberung Ägyptens interessiert haben. Ein Kabbalist Salv m oTelMedras verlegte sich darauf, durch bedeutungsvolle Träume zu erfahren, ob Selims ^Feldzug gegen Ägypten einen glücklichen Erfolg haben, und in welchem HJahre er die Eroberung vollsühren werde. Beides soll ihm durch sSchriftverse im Traum offenbart worden sein.-) Den Sommer des- «selben Jahres brachte Selim damit zu, eine neue Ordnung in Ägypten Mu schaffen, es in vollste Abhängigkeit von der Türkei zu bringen und Äüberhanpt es in eine Provinz zu verwandeln, die von einem ihm ergebenen Pascha als Bizekönig regiert werden sollte. Einen Juden Gelehrtenkatalog zum Ps.-Kommentar in Ägypten einen rd'iw -sov 'i, vermutlich dessen Sohn. Nu» gab es in dieser Zeit einen auch lEmne? und geschrieben, von Immanuel Nboab 8ernlva wiedergegcbcn, 'Vers, eines Kommentars znm jerns. Talmud. Die Bibliographen haben daher die Namen vb-no und nbmo mit einander verwechselt und somit fälschlich den - Tajan von Kairo Samuel Seralvo benannt. Z Vcrgl. o. S. 9, Nnmeik. l. -) Meoraot Olani p. 2 b. Grciek, Geschichte der Juden. IX. 2 18 Geschichte der Juden. spanischer Abkunft, Abraham de Castro, setzte Selim zum Müuzpächter für die neue türkische Prägung ein, und dieser erlangte durch seine Reichtnmer und seinen Einfluß eine gewichtige Stimme im türkischen Beamtenkreise und in der ägyptischen Jndenheit. De Castro war sehr wohltätig, spendete alljährlich 3000 Goldgulden für Almosen und nahm überhaupt ein lebendiges Interesse an den Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen.*) Die alte Ordnung der ägyptischen Jndenheit scheint nun Selim I. oder der Vizesultan Cheibeg verändert zu haben. Bis dahin bestand seit Jahrhunderten ein Oberrabbinat und Oberrichteramt über sämtliche Gemeinden, dessen Inhaber eine Art fürstliche Gewalt hatte, ähnlich derjenigen, welche die babylonischen oder bagdadensischen Exilsfürsten ehemals inne hatten. Der Oberrabbiner oder Fürst (Nngid) ernannte die Rabbiner für die Gemeinde, entschied die Streitigkeiten unter den Juden ganz allein in höchster Instanz, hatte das Recht, jede neue Einrichtung oder Maßregel zu bestätigen oder zu verwerfen, durfte selbst gewisse Leibesstrafen über Vergehen und Verbrechen von seiten der Glaubensgenossen unter seiner Gerichtsbarkeit verhängen und bezog für diese Funktionen bedeutende Einnahmen. Diese Ordnung wurde seit der Herrschaft der Türken über Ägypten aufgehoben.-) Jede Gemeinde erhielt fortan die Selbständigkeit, ihren Rabbiner selbst zu wählen und ihre Angelegenheiten ohne Bevormundung zu ordnen. Der letzte jüdisch-ägyptische Fürst oder Großrabbiner, Isaak Schakal (o. S. 16), wurde seiner Würde entsetzt und begab sich mit seinen Reichtümern nach Jerusalem, wo er ein Wohltäter der anwachsenden Gemeinde wurde. Das Rabbinat von Kairo erhielt darauf der spanische Einwanderer David Jbn-Abi-Simra^j wegen seines biederen Charakters, seiner Gelehrsamkeit, seines Wohltätigkeitssinnes und wohl auch oder noch mehr wegen seines Reichtums. Man erzählte sich, er habe in seinem Hause einen Schatz gehoben, den er dazu verwendete, die armen Talmudbeflissenen in Ägypten, Jerusalem, Hebron und Safet zu unterstützen.^) David Simras Ansehen stieg so bedeutend,Jdaß er die jahrelang andauernden Streitiges Meoraot Otam p. t7b: 2- b> 2-222 21212 an 212 Om-Gir >'212271 I2'2 ^12-12 2-22122 2-2 212.1 1-!22>8,2 '2 2.222.1 '2 2-212. Athill's Gelehrten- klltalog: 12212 122!2.1i2 '2 22221 '2 bin 2"11 2222, . . . 22'2 2P>- '2 2-2X2 '^21:1 2?ixb 2'212I 2-22.1 I22-212 222> >22 1.2-22 2-8X1-. Es war sein Sohn, den Amatus Lusitanns kuriert hat, nnd von dem er berichtet (Oentnria V. dto. 77): ülamlsw ex 6nstris Lebrnens, vir gni 8oliiniuii Inrearum imxsratorm omnes rsilitne in enria badet. 18 kmanrnm venit, nt a noln8 enraretnr. 2 - Bergt. Note 2. °) Bergt, dessen R.S8mi. eil. Invoruo klo. -14: bi >2 21-12 - 1 . 12 - w b> .>21 -;22I I2I2t>2 ch Conforte Xars ba-Oorot ji, 36 b. Aufhebung der seleucidiseben Zeitrechnung. 1t) ketten zwischen zwei Gemeindegrnppen den Moghrebin (Afrikanern) kund Mostarabern, schlichtete/) und daß er einen sehr alten Brauch auf- Aieben durfte/) der sich in allzu übertriebener Erhaltungssucht Vvn »Jahrhundert zu Jahrhundert wie ein abgestorbenes Glied hingeschleppt «chatte. Die babhlonischen Juden hatten vor mehr denn achtzehn Jahr- -shunderten die s y r i s ch e oder s e l e u c i d i s ch e Z e i t r e ch n u n g (Llillsaii daivanim. Niiisan Sobelarot) zum Andenken an den Sieg des syrischen Königs Seleukos über die anderen Feldherrn Alexanders des Großen angenommen. Das syrische Reich und die Seleuciden ..-waren längst untergegangen, Syrien war nacheinander eine Beute der Mömer, der Byzantiner, der Mohammedaner, der Mongolen und der ^Türken geworden; nichtsdestoweniger hatten die babylonischen und von ihnen die ägyptischen Juden dieselbe Zeitrechnung beibehalten und sich derselben nicht bloß für geschichtliche Erinnerungen und weltliche Urkunden, sondern auch für religiöse Zwecke, Ausstellung von ssScheidebriefen und ähnlichen Urkunden, bedient. Während die palästinensischen und europäischen Juden nacheinander eine andere Zeitrechnung eingeführt hatten: seit der T e m p e l z e r st ö r u n g und seit Erschaffung der Welt (rl.sra, inuncki), hielten die babylonischen und ägyptischen Juden an der seleucidischen Ära so fest, daß jede Scheidungsurkunde, die nicht nach derselben datiert war, als ungültig angesehen wurde.Z Diese veraltete Zeitrechnung hob -lJbn-Abi-Simra für Ägypten auf und führte dafür die bereits allgemein tangenommene seit der Erschaffung der Welt ein/) seine Neuerung fand keinen Widerspruch. — Das Übergewicht der eingewanderten sefar- dischen Juden über die Mehrzahl der Urgemeinde (die Mostarabi) war so groß und fest, daß jene es wagen und durchsetzen konnten — gegen deren Widerspruch — einen alten, schönen, von Maimuni selbst .eingeführten Brauch aufzuheben. Die mostarabischen Juden waren nämlich seit mehr denn drei Jahrhunderten gewöhnt, das Hauptgebet in den Synagogen ohne Selbstbeteiligung, nur vom Vorbeter laut vorgetragen, anzuhören. Dieser Brauch schien aber den Frommen von der Phrenüischen Halbinsel, gegentalmudisch, wo nicht gar ketzerisch, und sie arbeiteten mit Eifer daran, ihn zu verdrängen, obwohl der von allen verehrte Maimuni dessen Urheber war.°) Tie grausigen Leiden hatten die sefardischen Juden herbe gestimmt und sie nur allzu geneigt si Joseph Sambari, Neubauer Vneodota Oxou. p. >58. 2 ) Bergt, seine Uesxp. I., Nr. 29. °) Bergt. Traktat ^boda. Kurs x. 10 a, debamot, p. 91 b, Oittiu 80 a,; das Wort mil-wb umfaßt auch Scheidebriefe, gegen die Ansicht der Tosa- fisten daselbst. Asulai s. v. niLi ui. °) Reupp. David Jbn-Abi-Simra ed. Invorno Nr. 94; vgl. Bd. VI. S. 338. 2 * 20 Geschichte der Juden. gemacht, auf religiösein Gebiete die äußerste Strenge walten zu lassen und dem Buchstaben knechtisch zu folgen. Ter Rabbiner David Jbn- Abi-Simra war ihr Wortführer. Während seines Rabbinats schwebte eine schwere Gefahr über den Häuptern der Kairoaner Gemeinde. Ter vierte vizekönigliche Pascha von Ägypten, A ch m e d Schaitnn (Satan), der mit dieser hohen Würde für seine Heldentaten bei der Eroberung von RhoduS belohnt worden war, hegte einen Plan, Ägypten von der Türkei wieder loszureißen und sich zum selbständigen Herrscher desselben aufzuwerfen. Als ihm die ersten Schritte dazu gelungen waren, stellte er an den jüdischen Münzpächter A b r a h a n: de Ca st r v das Ansinnen, die Prägung der Münzen mit seinen: Namen zu versehen. Dieser ging zum Schein daraus ein und ließ sich den Befehl dazu schriftlich von Achmed ausstellen. Damit versehen, suchte er sich heimlich aus Ägypten zu entfernen und eilte nach Konstantinopel an den Hof Suleimans II., um Anzeige von dem verräterischen Abfall des Paschas zu machen. Dadurch fand sich Achmed in der Ausführung seines Planes gehemmt. Seinen Zorn über de Castros Flucht ließ er daher an den Inden aus, warf einige derselben, ihrscheinlich de Castros Verwandte und Freunde, in Kerker und gestcn.ete den Mamelucken, das Judenquartier in .Kairo zu plündern. Auf die Bemerkung eines Ratgebers daß das Vermögen der Juden von Rechts wegen ihm, dem Herrscher, überhaupt gebührte, tat Achmed Schaitan dem Plündern Einhalt, um seine eigene Kasse nicht geschmälert zu sehen. Er entbot darauf zwölf angesehene Juden in seinen Palast und legte ihnen das Herbeischaffen einer unerschwinglichen Summe binnen kurzer Zeit ans mit der Drohung, wenn sie seiner Forderung nicht nachkämen, sie mit Weib und Kindern unbarmherzig umkvmmen zu lassen. Zur größern Sicherheit hielt er die berufenen Vorsteher, wahrscheinlich die Rabbiner David Jbn-Abi-Simra und andere alsGeiseln zurück. Das Flehen der Gemeinde um Nachsicht und Aufschub beantwortete der Wüterich mit noch schrecklicheren Drohworten. In dieser hoffnungslosen Lage wendeten sich die Hauptstadtjuden in: inbrünstigen Gebet zu Gott. Der Greis Samuel Sidillv sammelte die unmündigen Kinder unter zwölf Jahren, welche ebenfalls den: Tode geweiht waren, zum Gebet in seiner Synagoge, und dieses jammervolle Flehen der Unschuldigen inachte einen so tiefen Eindruck auf die Gemüter, daß die Szene nnver geßlich blieb. Inzwischen hatten die Sammler eine bedeutende Summe .rusammengebracht und boten sie vor der Hand als Abschlagszahlung an. Da sie aber kann: den: zehnten Teil der von Achmed Schaitan geforderte,: Summe entsprach, ließ sein Geheimschreiber auch die Sammler in Fesseln legen und bedrohte sie, sowie sämtliche Gemeindeglieder, klein und groß, noch an demselben Tage mit den: sichern Tode, Achmed Schaiton. 21 . sobald sein Herr nur das Bad verlassen haben werde. In demselben Augenblick, als der Katib diese Drohung ausgesprochen, wurde der Pascha von einem seiner Wesire, Bk o h a m m e d -- B e h , der ihn zu täuschen gewußt, und von einigen Mitverschworenen im Bade überfallen und schwer verwundet. Es gelang ihm zwar, sich in seine befestigte Burg zu werfen, aber diese wurde vvn der anfgebvtenen Bevölkerung Kairos gestürmt, weil Mohammed-Bey ihr die Plünderung derselben verheißen hatte. Achmed Schaitan entfloh zwar aus dem Schlosse, wurde aber verraten, eingeholt, gefesselt und dann enthauptet. Mohammed Bey befreite darauf die gefesselten jüdischen Vorsteher aus dem Kerker und sämtliche Inden Kairos von der Todesgefahr. Der Tag der Errettung (der 27. oder 28. Adar 1524) H wurde eine Zeitlang von den ägyptischen Juden als Gedenktag (Kairoanische ?nriu>, INrriir al-Nissrasln) gefeiert. ') Es existierte ehemals eine vollständige Geschichtsrolle über diese Begebenheit und daraus haben den Inhalt mitgeteilt: Der anonyme Verfasser des Meoraot Olam (p. l9), Conforte (Lore p. 32 a) und Joseph Jbn-Verga in den Tüclitainenta. zn dlcükbeb lebn-ta. p. II I. Diese Sekundärquellcn stimmen daher in den Hauptpunkten überein, differieren jedoch in Neben- »msttnden, »amcnttich in Betreff des Monatsdatums. Die zwei ersten Quellen gebe» de» 28. Adar als Tag der Errettung an, die erstgenannte sogar den Wochentag. Jbn-Verga dagegen hat dafür den 27. Adar. Joseph Sam- bari, welcher in Kairo lebte und also diese Feier mitmachte, bestimmt ebenfalls als Datum de» 28. Adar (Neubauer, ^neeäot.n. Oxon. p. 145): o-ima »arm Tmeen an wm nain n": w"- . . . Worin die Differenz ihren Ursprung hat, ist schwer zn ermitteln. Dazu kommt noch eine andere chronologische Differenz, v. Hammer, der das tragische Ende des Achmed Schaitan ausführlich erzählt (Geschichte des Osmanijchen Reiches III, S. 35), setzt dessen Hinrichtung unbestimmt nach einer türkischen Quelle in Februar 1524 (aas. Noten p. 294): „Achmed der Verräter hingerichtet in kebinl-^eliir (Februar)." Aber der 27. Adar desselben Jahres fiel ans den 2. März, der 28. also a s den 3. März. Die eine oder die andere Datuni- augabe beruht demnach ans einem Irrtum. Vergl. hcbr. Zeitschrift NnAZchl, Jahrg. tO, Beil p. 7—9. Zweites KaMel. Rundblick. (Fortsetzung). Hebung und Sittenverbesscrung Jerusalems. Obadja di Bcrtiuoro und Isaak Schakal. Safet und Joseph Saragossi. Die Inden in der Türkei, Sulei- mann I. und Mose Hamon. Die Gemeinde von Konstantinopel. Elia Misrachi; die Kartier. Der Kehaja Schaltiel. Die Gemeinde von Salo- nichi und Adrianopel. Die griechischen Gemeinden. Elia Kapsali, Rabbiner und Geschichtserzählcr. Die Inden in Italien und die Päpste; Bonet de Lates. Das erste Ghetto in Venedig. Samuel Abrabanel und Ben- venida Abrabanela. Abraham Farissol und sein Verkehr am Hofe von Ferrara. Die deutschen Inden und ihre Plagen. Jakob Loans und Joseph Joselin von Rosheim. Vertreibung der Juden aus Steiermark, Kärnten, Krain, Nürnberg und andern Städten. Die Juden in Böhmen. Jakob Polak und seine Schule. Die Juden in Polen und die deutschen Einwanderer. 1496 bis 1525. Durch die Einwanderung der Spanier und Portugiesen erhielt auch Jerusalem und mehrere palästinensische Städte einen großen Zuwachs an Gemeindemitgliedern und eine hohe Bedeutung, und auch hier wurden diese binnen kurzer Zeit ganz besonders Stimmführer und Tonangeber. In der allerkürzesten Zeit von sieben Jahren (1488 bis 1495) war die Zahl der Juden in der heiligen Stadt von kaum siebzig auf zweihundert Familien angewachsen, und wiederum in einem Zeitraunt von zwei Jahrzehnten (1495 bis 1521) war sie von zweihundert auf fünfzehnhundert gestiegen.^) Der Wohlstand der jüdischen Bewohner Jerusalems hatte sich durch den Zufluß neuer Ansiedler außerordentlich gehoben. Während früher fast sämtliche Gemeiudemitglieder beinah bettelarm waren, gab es drei Jahrzehnte später nur noch zweihundert Almosenempfänger. Was noch höher h Obadja di Beitinoro berichtet in seinen: Schreiben von 1488 : 2-212-2 ;2, 2-22 > 8 --: 2 >>-22- 21-2 (2-82-12-2) .12 128V1 n8 (Jahrbuch des Literaturvcreins Jihrg. I 8 U 3 , p. 213 ) .Vom Jahre 1495 berichtet ein anonymer italienischer Pilger (das. p. 218 ): 2>.22 -8>-2 2'282 1.22 -.1 L-2P2 2-p 2-8222-2, und voni Jahre 1551 referiert ein anderer anonymer italienischer Pilger (2-8222- -222- p. 21 ): 2-22>-.2221 .2:18 2-22221 2-1122-8 2'.22 -8>'2 .218:2 1"!2 22 2-1'!2 822 <2-8222-2) 8.2P2 '8^2 2182 '2 122 282 P2 2-22222 1822: 22 2-22^21 , 22P2 P282 -222.2 21,22-212 22 22 2.2'- '82.22 P81 >21 2'2 2-82-1"2 .2121'2221 2182 '22 '.21' 222' .22288 2282 2222 .21221 2'2822 22 ,' Jerusalem und di Bertiuoro. 23 auzuschlageu ist, auch die Sittlichkeit hatte sich durch die Einwanderer bedeutend gehoben. Jerusalem war nicht mehr die Räuberhöhle, welche Obadja di Bertiuoro angetroffen hatte. Die Gemeindemitglieder wurden nicht mehr von einein habsüchtigen, gewalttätigen, verräterischen Vorstand bis aufs Blut gequält und zur Verzweiflung oder zur Auswanderung getrieben; H Eintracht, Verträglichkeit, Gerechtigkeitsgefühl und Ruhe waren in ihrer Mitte eingekehrt. Es herrschte zwar darin eine übertriebene äußerliche Frömmigkeit vor; aber diese stand nicht mehr in grellem Widerspruche zu einem empörend unsittlichen Lebenswandel. Viel, sehr viel hatte zu dieser Hebung der Sittlichkeit und der Gesinnung in Jerusalem der sanfte und liebenswürdige italienische Prediger ObadjadiBertinorv beigetragen, der mehr als zwei Jahrzehnte der anwachsenden Gemeinde mit Wort und Beispiel innige Religiosität, Gesinnnngsadel und Entwöhnung von barbarischer Roheit lehrte. Als er in Jerusalem eingetroffen war, schrieb er an seine Verwandten: „Wenn es in diesem Lande einen einsichtsvollen Juden gäbe, der die Leitung einer größeren Körperschaft mit Billigkeit und Sanftmut verstünde, so würden sich ihm nicht bloß die Juden, sondern auch die Mohammedaner gern fügen, denn die letzteren sind gar nicht judenfeiudlich gesinnt, vielmehr voller Rücksicht gegen Fremde. Allein es gibt keinen einzigen Juden von Einsicht und geselligen Tugenden in diesem Lande, sondern alle sind sie roh, menschenfeindlich und gewinnsüchtig".2) Damals ahnte di Bertiuoro nicht, daß ihm selbst diese schöne Rolle zufallen würde, die Roheit zu süchtigen, die Nnsittlichkeit zu verbessern, die Niedrigkeit zu veredeln. Mit seinem milden, herzgewinnenden Wesen entwaffnete er die Bosheit :nnd heilte die Schaden, welche er in der Jerusalemer Gemeinde angetroffen, beklagt und schonungslos aufgedeckt hatte. Obadja di Wertinoro war ein Segenspender für die heilige Stadt, entfernte den 'HSchmutz von ihr und umgab sie mit einem sauberen Feierkleide. „Wollte ich sein Lob verkünden," so berichtete von ihm ein italienischer ^Jerusalempilger, „würde ich nicht fertig werden. Er ist der angesehenste IMann im Lande, und nach seinem Befehl wird alles geleitet, seinen »Worten wagt niemand zu widersprechen. Von allen Seiten wird ^er ausgesucht und um Rat gefragt, auch in Ägypten und Babylonien mst er anerkannt, und selbst die Mohammedaner erweisen ihm Ehre. zDabei ist er bescheiden und demütig, seine Worte sind sanft, er ist für jedermann zugänglich. Alles preist ihn und sagt er gleiche keinem Erdensohne. Predigt er, so lauscht jedes Ohr ans sein Wort, und man vernimmt dabei nicht das leiseste Geräusch, so still andächtig sind seine Zuhörer."^) — Verbannte aus der pyrennischen Halbinsel, die dahin y Vergl. Bd. VIltg S. 278ff. h Sein Sendschreiben a. a O. S. 2>3. h Sendschreiben a. a. O. S. 280. 24 (beschichte der Juden. versprengt waren, unterstützten ihn in seinem edlen Wirken, darunter ein spanischer Arzt, David Ibn - Schvschan , gelehrt und Vvn edler Gesinnung, der nach seiner Einwanderung in hohen: Ansehen bei der Jerusalemer Gemeinde stand. Wahrscheinlich kamen durch die Vermittlung des Obadja di Ber- tinoro und seiner Gesinnungsgenossen die trefflichen Beschlüsse zustande, welche sich die Gemeinde selbst als unverbrüchliche Gesetze auferlegt und in eine Tafel in der Synagoge zur Erinnerung eingegraben hattet) sie waren gegen früher eingeschlichene Mißbräuche gerichtet. Solche Bestimmungen waren: Die mohammedanische Behörde sollte in Streitsachen zwischen Inden nur im äußersten Falle angerufen werden. Der jüdische Richter oder Rabbiner dürfe nicht wohlhabende Mitglieder zwingen, Vorschüsse für die Gemeinde- bedürfn sse zu machen. Talmudbeflissene und Witwen sollten von Gemeindebeitrügen befreit sein. Juden sollten keine falsche Münze kaufen, und wem: zufällig dazu gelangt, sie nicht ausgeben. Ferner: Dem Spender eines Weihgeschenkes für Synagogen in Jerusalem sollte nach geschehener Übergabe kein Verfügungsrecht darüber inehr zustehen. Endlich, daß die Wallfahrer zun: Grabe des Propheten Samuel keinen Wein trinken dürften. Tenn an diesem Tage pflegten Männer und Frauen gemischt dahin zu wallen und zwar die letzteren unverschleiert, so daß, wein: der Weinransch die Sinne benebelt hatte, großer Unfug entstand. — Eine noch größere Bedeutung erhielt die heilige Stadt durch die Einwanderung des Isaak Schalal so. S. 18) mit seinen Reichtümern, seiner Erfahrung und seinen: Ansehen; sic fing dadurch an, wieder mitzuzählen. Nächst Jerusalem hatte die verhältnismäßig jüngste Stadt Palästinas, Safet in Galiläa, eine starke jüdische Einwohnerzahl und Gewicht erlangt, die allmählich so sehr znnahmen, daß sie mit der Mutterstadt nicht bloß rivalisieren, sondern ihr auch den Rang ablaufen konnte. Sie beherbergte zwar an: Ende des fünfzehnten und im Anfang des nächsten Jahrhunderts nur etwas über dreihundert jüdische Familien, Urbewohner (M o r i s c v s), Berber und Se- fardim.2) Auch hatte sie anfangs noch keinen bedeutenden einheimischen *) Diese Beschlüsse teilt der anonyme italienische Pilger mit (in L-br-iv g. 24 b): mb bx rm mbrnm p"pb r.-r> riwrom m:pr>; sie scheinen nicht lange vor seiner Ankunft 1526 Angeführt worden zu sein. Wenigstens missen wir von einem derselben, die Weihgcschenke betreffend, daß er 1514 vereinbart wurde; vergl. Note I. In diesem Jahre hat Obadja di Bertinvro höchst wahrscheinlich noch gelebt, vergl. LssM. Elia Misrachi Nr. 45 und Ussxi,. David Jbn-Abi-Simra I. Nr. 108. Dieses, im hohen Alter ausgestellte Responsum gibt an, derselbe sei noch nicht 40 Jahre tot. -) Die Jtineraricn der zwei genannten italienischen Pilger im Jahrbuch a. a. O. und in mbr-im Tie Juden in der Türkei. 2 » Talmudkundigen, dem die Führerschaft zugefallen wäre. Sie erhielt ihre Bedeutung und ihren weitreichenden Einfluß erst durch die Einwanderung eines spanischen Flüchtlings, der ihrer Gemeinde Halt und Richtung gab. IosephSaragv s s i wurde für Safet ungefähr dasselbe, was Obadja di Bertinoro für Jerusalem geworden war. Ans Spanien (Saragossa) vertrieben, war er über Sizilien, Beirut und Sidon, wo er sich längere Zeit aufgehalten, endlich nach Safet gekommen und hatte dort einen Ruhepunkt gefunden. Joseph Saragossi war ebenfalls eine sanfte, herzgewinnende Persönlichkeit und betrachtete es als seine Lebensaufgabe, Friedfertigkeit zu predigen und die gestörte Eintracht in den Familien und im Gemeindeleben wieder herzustellen. Selbst unter den Mohammedanern wirkte er in diesem Sinne versöhnend und beschwichtigend, und sie liebten und verehrten ihn deswegen wie einen Friedensengel. Als er einst Safet wieder verlassen wollte, klammerte sich die Gemeinde förmlich an ihn und setzte ihm, uni ihn zu behalten, einen Jahrgehalt von 50 Dukaten aus, wozu der mohammedanische Stadthauptmann zwei Drittel aus seiner Kasse beisteuertes) Joseph Saragossi verpflanzte das Talmudstudium nach Safet, aber auch die Kabbala. Durch ihn wurde die bis dahin jungfräuliche Gemeinde ein kabbalistisches Nest. Auch in der halbpalästinensischen Hauptstadt Syriens, in Damaskus, bildete sich neben einer uralten mostarabischen Gemeinde durch den Zuwachs von Flüchtlingen eine sefardische, und sie zählte in dieser Zeit fünfhundert jüdische Familien. Die Spanier bauten in kurzer Zeit nach ihrer Ankunft eine Prachtshnagoge in Damaskus, Khathaib genannt; bald vermehrten sie sich so sehr, daß sie sich in mehrere Gruppen nach der Landsmannschaft aus ihrer Heimat spalteten. 2 ) Tie Hanptströmung der jüdisch-spanischen Verbannten floß nach der europäischen Türkei^) der größte Teil der Überbleibsel von drei- hnnderttausend Geächteten fand in dem Lande ein Asyl, dessen Einwohner nicht die Liebe zu ihrem Aushängeschilde hatten. Die Sultane Bajazet, Selim I. und Suleiman II. haben nacheinander die eingewanderten Juden nicht bloß geduldet, sondern sie auch mit außergewöhnlicher Zuvorkommenheit ausgenommen und ihnen dieselbe Freiheit eingerüumt, welche andere Völkerschaften, Armenier und Griechen, dort genossen. Ter Dichter Salomo Usque schilderte mit Begeisterung die freie Stellung, welche seine Glaubensgenossen dort einnahmen. h Beide italienische Jtinerarien das. Jahrbuch, a. a. T. 275, 277, x. 161). 2) Jlinerarium r-iirii- 'nie 21 b, Hesxi>. Jakob Berab Nr. 33. Salomo Melech, Verfasser des Bibelkvmmentars 'er ein Zeitgenosse, bemerkt in der Einleitung: 1152 .iib.i-.i 211 .i: m: irm 01:^2 ,rn.i niibiri. 2 26 Geschichte der Juden. „Die große Türkei, ein weites und nusgedehntes Meer, welches unser Herr mit dem Stabe seiner Barmherzigkeit öffnete (wie beim Auszuge aus Ägypten), damit darin die Hochflut deines gegenwärtigen Mißgeschickes (Jakob), wie die Menge der Ägypter einst sich darin verliere und uutergehe. Dort hast du die Pforten der Freiheit und die Stellung auf gleich und gleich zur ungehemmten Befolgung des Judentums stets offen; sie verschließen sich dir nie. Dort kannst du dein Inneres erneuern, deinen Stand ändern, die Gebräuche abstreifen, verlassen die falschen und irrtümlichen Lehren, deine alte Wahrheit wieder in dich aufnehmen, die dein göttlichen Willen zuwiderlaufendeu Gewohnheiten hinter dir lassen, die du durch die Gewalttat der Völker, unter denen du als Pilger gewandert, uachzuahmen gezwungen warst. In diesen: Reiche empfängst du hohe Gnade vom Herrn, da er dir darin die ausgedehnte Freiheit gewährt, mit deiner späten Reue den Anfang zu machen"A) Tie eingewanderten Juden hatten in der Türkei in der ersten Zeit außerordentlich glückliche Tage, weil sie dem verhältnismäßig jungen Staate wie gerufen gekommen waren. Die Türken waren gute Krieger, aber schlechte Bürger. Den Griechen, Armeniern und Christen anderer Bekenntnisse konnten die Sultane bei ihrem oft gespannten Verhältnisse zu den christlichen Staaten wenig trauen; sie galten ihnen als geborene Spione und Verräter. Auf die Treue, Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit der Juden dagegen konnten sie rechnen. Sic bildeten daher einerseits die Geschäftsführer und anderseits den Bürgerstand in der Türkei. Nicht bloß der Handel in: großen und kleinen zu Wasser und zu Lande war in ihren Händen, sondern auch die Handwerke und Künste. Sie, namentlich die ans Spanien und Portugal geflohenen Marranen, verfertigten für die Kriegslust der Türken neue Rüstungen und Feuerwaffen, gossen Kanonen, fabrizierten Pulver und lehrten den Türken die Kunst, damit umzugehen.?) Sv hatte die verfolgungssüchtige Christenheit ihren Hauptfeinden, den Türken, gewissermaßen selbst .die Waffen geliefert, mit denen diese in den Stand gesetzt waren, ihr Niederlage auf Niederlage und Demütigung auf Demütigung zu bereiten. Besonders beliebt waren jüdische Ärzte in der Türkei, geschickte Samuel llsque, 6vnso!a<,'üo x. 233ab. 2) Nikolaus de Nikolai, Schiffahrt i>: der Türkei (vom Jahre 1554), ursprünglich französisch, IV o. 10: vergl. die Rede des veuetianischcu Bailc Jacopv Soranzo im Nachtrag zu Joseph Koheus Lmek Iia-Laelia p. 148, auch kanl ckovins dkovocomensis, cls IsAariuns ml 6lemsutem VII., iu Ltracrsrvslri bistorias kutkenieae seriptores I, Uv. II, p. 10: 8e:l ante alia Inüaeorum Keuus vsl memoria. MÜlem Iiorrsnt (Ilosoovitas), ueo eus intra üns8 «ulmittunt, gni etiam novissims I'uroas asnea tormsnta doeusriiit. bkoviosims ist hier vor etwa >530. Die Gemeinde in Kvnslantinopsl. 27 Jünger aus der Schule Salamancas, und sie wurden wegen ihrer Gewandtheit, ihrer höheru Bildung, ihrer Verschwiegenheit und Klugheit den christlichen, ja sogar den mohammedanischen Ärzten vorgezogen. Diese jüdischen Ärzte, meistens spanischer Abkunft, erlangten an dem Hofe der Großsultane und bei Wesiren und Paschas weitreichenden Einfluß?) Sultan Selim I. hatte zuin Leibarzte den aus Spanien, wahrscheinlich aus Granada eingewanderten Joseph Hamon?) und dessen Sohn und Enkel nahmen nach einander dieselbe Stellung ein. Sein Sohn MoseHamo n (geb. um 1490, gest. vor 1565)?) Leibarzt des klugenSultansSuleiman, warnochviel angesehener und einflußreicher als der Vater, wegen seiner Geschicklichkeit und seines männlichen, festen Charakters. Er Pflegte den Sultan auf seinen Kriegszügen zu begleiten; aus Persien, wohin er Suleiman auf einem Siegeszuge gefolgt war, brachte Mose Hamon einen gelehrten Mann, Jakob Tus oder Taws, mit (um 1535), der den Pentateuch ins Persische übersetzt hat. Diese Übersetzung ließ Hamon später auf eigene Kosten nebst einer chaldäischen und arabischen Übersetzung drucken.^) Mose Hamon galt als Beschützer seiner Stammgenossen und Beförderer des Judentums. .1 Auch als Sprachkundige und Dolmetscher wurden die Juden im ^türkischen Reiche gebraucht und gesucht, da sie wegen ihrer Wanderungen .»durch so viele Völker und Zungen die Sprachen ihrer Peiniger lernen »mußten und dadurch eine besondere Fertigkeit erlangt hatten, in Zungen Wu sprechen. W Die Hauptstadt K o n st antinoPel hatte eine sehr zahlreiche ^jüdische Gemeinde, welche täglich durch neue Flüchtlinge aus der lphrenäischen Halbinsel anwuchs, die größte in Europa wurde und "iwohl dreißigtausend Seelen zählte. Sie hatte vierundvierzig Shnagvgen H Nikolaus de Nikolai das. lila. 12. ") Gedalja Jbn-Jachja, Lelialsebelet p. 56 b; Jmanuel Aboab, Homolo^is, Hx. 366. Joseph Hamon 1. war wohl jedenfalls verwandt mit Isaak Hamon aus Granada in 8ebebet leimcla Nr. 37. 1 Nikolaus de Nikolai sagt über ihn: Der türkische Kaiser hat zum Teil «Juden als Arzte mit großer Besoldung. Zu meiner Zeit (d. h. >551—1554) Uwar der vornehmste Arzt Ammon, seines Alters etliche und fünfzig Jahre, Win großem Beruf und Ansehen nicht allein wegen seines Reichtums, sondern Hauch wegen feiner Geschicklichkeit und Tapferkeit (a. a. O.). Zur Zeit als Mose . A Almosuino in Konstantinopel petitionierte (1565), war Mose Hamon bereits tot; Z denn er zählt dessen Sohn Joseph Hamon zu den Beförderern seines Gesuches. I Z Über M. Hamons Verhältnis zu pcntatenchischen Versionen ist manches H Falsche geschrieben und nachgeschrieben worden; daher sei hier kurz das Nichtige H gegeben. Bekannt ist, daß 1546 in Konstantinopel auf Kosten Hamons der Z Pentateuch mit Onkelos, Saadias arabischer Version und einer persischen I Version von Jakob v'wu gedruckt wurde. Daß aber Hamon selbst die letzte ! veranlaßt hat, ist nicht bekannt, weil die Bibliographen jene Edition nicht vor 28 Geschichte der Juden. d. h. eben so viele Gemeindegruppen. Denn die jüdische Körperschaft in der türkischen Hauptstadt und in den übrigen Städten bildete nicht eine geschlossene Einheit, sondern zerfiel in verschiedene Gruppen und Bruchteile, je nach dein Lande oder dem Orte ihrer Heimat, von denen jede ihre Eigenart bewahren, ihre Erinnerungen erhalten, ihre Liturgie und ihren Ritus beibehalten und sogar ihre eigene Synagoge und ein eigenes Rabbinatskollegium haben wollte. Die Gesamtgemeinde teilte sich daher in lauter Landsmannschaften, die sich gegeneinander abschlossen und nicht zu einen: großen Ganzen verschmelzen mochten. Es gab also nicht bloß k a st i l i a n i s ch e, aragonische und portugiesische Gemeinden, sondern noch engere Verbände, Cor- d u a n i s ch e , T o l e d a n i s ch e , B a r c e l o n e n s i s ch e , L i s sali o n e r K a h a l s (Gruppen), neben deutschen, aPuli s ch e n , m essinischen , zeitune n s i s ch e n oder griechischen.^) Jede Kleingemeinde verteilte die Steuern unter ihre Mitglieder selbst- Augen hatten. Das Vorwort des Editors (Salomo Masal-Tob) sagt es aber deutlich. Es verdient überhaupt trotz seines schwärmerischen Stiles, mitgeteilt zu werden. Es lautet: 12^122 212221.2121 . . . , 21221-13 .22222 .222 . . . 21222,2 '2 .i'i.i 2Pp' '22 2201 P2) 1)2 'N2 2I2N '2221 pur M2P2 222 '22P1 2I2p)'H 21)2,2 21)1!vb N212.2 2212.2 '.2 2P P122 2N N12 . . . I).2lb) 21.12 »)I2N 1N' 2 .2 p") 211.112 -j2,' '2122 ;2 b.11) ,2'2!22 ibv . . . 222'5 I)'2p . . . ; 1 12 .2 .21212 '2.222 51212-2 5)2)1 212 p.2212.2 1 " 1 >> 1 )' 2 ) 2 V 1 P . . . 22 p '2 2 ')p 2>.l5 11.2 21 . . . L ')2 111221 1212 5>2) 5l22"2. Das Verbum n '22 bezieht sich doch wohl auf ven Übersetzer, daß ihn Hamon aus Persien mitgebracht hat. llber diese persische Übersetzung haben Walton in der Einl. zur Londoner Polygotte, Roscnmnller in einer Dissertation: (io vsr- sions üsntatsnslir persicn eoimnentatio, und noch andere nur Vages init- geteilt; Munk hat, wie über viele Materien der jüdischen und arabischen Literatur, auch darüber Licht verbreitet in seinen klotiess sar Laackia. 6a,m p. 62 ff. Dieser Übersetzung hat Alexander Kohut eine eingehende Schrift gewidmet: Kritische Beleuchtung d. pers. Pent.-Übersetzung, Leipzig und Heidelberg 1871.—Da diese Übersetzung 1516 gedruckt wurde, so muß sic M. Hamon bei seiner Begleitung Suleiman's im ersten persischen Feldzuge (1534—35) mitgebracht haben. y Die Zahl der Inden Konstantinvpcls in dieser Zeit läßt sich nicht genau ermitteln. Nach üslatione äs Ooiwtantinopott zählten sie 11300 erwachsene Steuerpflichtige über 12 Jahren, ohne Frauen, was etwa 30 000 ergeben würde. Stephan Gerlach bemerkt in seinem Tagebuche (p. 90), daß bis zum I. 1574 über 10 000 Juden nach Konstantinopcl eingewandert sein sollen, welche alle früher Christen gewesen, d. h. Marranen. Zinkeisen (Geschichte des osman- nischen Reichs III, S. 309, Note) hat die Zahl mißverstanden und sic als die Gesamtgcm einde aufgefaßt; daher findet man bei ihm die Zahl zu gering angeschlagen Gerlach schreibt das. S. 174: Die Deutschen und Ungarischen haben Schule zu Hanse, die Welschen, Spanier, Griechen ihre besonderen Schulen. Vor der großen Brunst (Sept. 1560 bei v. Hammer III 528; Llliarrisre, HsKotiabions äs la. Kranes äaiis ls üsvant III, p. 88 ff.) waren deren 44, jetzt (1575) sind hier etliche dreißig. Über die partiellen Gemeinden und Synagogen vergl. die zeitgenössischen Responsa. Tie Gemeinde von Kviistontinvpel. 2 !» ständig nicht bloß für ihren Kultus, ihre Geineindebeamte», ihr Armenwesen, ihre Hospitäler uud Schulen, sondern auch für ihre Abgaben an den Staat. Tie Stnatssteuern, welche die Juden zu leisten hatten, waren anfangs geringe, eine K o p f st e u e r für jeden Steuerfähigen (obarag) nnd eine Art R abbine r st e n e r, welche die Gemeinde unter sich verteilte in drei Sätze für drei verschiedene Vermögens- klassen von 200, 100 uud 20 Aspern (4, 2 und Dukaten)?) Nur die Familie des Arztes Hamon war von Abgaben frei, — Auch in der europäischen Türkei erlangten bald die sefardischen Juden die Führerschaft, und ihre Riten wurden maßgebend?) In der ersten Zeit hatten allerdings die angesessenen Juden, welche die Mehrzahl bildeten, das Übergewicht über die eingewanderteu. Das Großrabbinat bekleidete nach dein Tode des verdienstvollen, aber verkannten Mose Kapsali (VIII, 206), der wahrscheinlich aus einer eingewanderten griechischen Familie stammende Elia M i s r n ch i, welcher unter den Sultanen Bajazet, Selim I. und vielleicht auch unter Suleimnn Sitz im Tivau hatte, wie sein Vorgänger, und der offiziell-religiöse Vertreter der türkischen Gesamtjudenheit war. Diesen hohen Posten verdiente er auch wegen seiner rabbinischen und anderweitigen Gelehrsamkeit und seines biedern, unparteiisch gerechten Charakters. Elia Misrachi (geb. um 1455, starb zwischen 1525 bis 1527Ü war als ein Zögling der deutschen Schule und als ein Jünger h Bergt. Ilespp. E. Misrachi Nr. 89 : ib-w- ,»> 0 .np.-! nn p"r» 'i 22 '2 b-2 emab rstn 12 0-87 i: 4 v'>iv' .1222 bx uwro 222b >2 xiira' >2 b:2 '21 ,2211b 'p 22 p'nr' >2 b:2 222b am-!-, 2>sbx 0 212b 2NM22. (Über den Wert der Asper — 222b in diejcr Zeit vergl. v. Hammer III, S. 18 , Note e; 50 Asper — I Dukaten.) Bergt, noch über die Judensteiier in der Türkei Re^pp. Samuel de Medina (alte Ausgabe bau Salonichi, 6 bo 8 M Llwebpab illr. 8 k) uud Zinckeisen, Geschichte des osmanischen Reichs III, S. 368 , nach einer handschriftlichen Quelle. -) liespp. Samuel di Medina das. I, Nr. 53 . h Seine Geburtszeit uud Lebensdauer läßt sich nur aus seinem Todesjahr ermitteln. Er lebte noch, als der Streit zwischen Benjamin Seeb und David aus Corfu (-"ich schwebte. Noch 28 . Schebat 5285 — Januar 1525 hat der elftere an E. Misrachi ein Sendschreiben gerichtet (üespp. Leus 8 seb, Nr. 284 ). Dagegen war er 1527 bereits gestorben, als sein Sohn dessen Pen- tateuch-Superkommcutar in Venedig ediert hat. Da Misrachi sehr alt geworden ist, wie ans einigen seiner üsspp. hervorgcht, so ist damit seine Geburtszeit annähernd gegeben. Das; er ein Jünger des Juda Menz war, folgt aus der Quelle Bd. Vlll.g S. 448 . Er polemisierte aber mit Elia Baschjazi, also noch vor 1490 , vor dem Tode des letztem, wie aus der Beilage zu w'bn rnan scl. Ooslow-Lupatorin (anfangs) hervorgeht. Über seine edierten Schriften: Super- kommcntar zu Raschis Pentateuch-Kommentar, Glossen zu de Couchs -"22, zwei Rcsponsensammlungen, 100 21212,2 in 22212V 222 .->"12', eine hebräische Arithmetik, die auch ins Lateinische übersetzt wurde (Basel 1546 ), vergl. die Bibliographen. 30 Geschichte der Juden. des Rabbiners Juda Menz von Padua ein tiefer Talmudkundiger und ein strengfrommer Mann; aber er war darum doch nicht der Wissenschaft abgeneigt. Er verstand und lehrte Biathematik und Astronomie, hielt öffentliche Borträge darüber, wie über den Talmud und verfaßte Handbücher über diese Fächer,*) die zum Teil so beliebt waren, daß sie ins Lateinische übersetzt wurden. In der Jugend war er ein Heißsporn und führte eine Fehde mit den Karäern in der Türkei. Jur Alter dagegen war Elia Misrachi milder gegen sie gestimmt und legte sein gewichtiges Wort ein, um eine Ungerechtigkeit der Stocksrommen gegen sie abzuwenden. Einige Finsterlinge, namentlich von der apn- lischen Gemeinde in Konstantinopel, wollten den freundnachbarlichen Verkehr, welcher seit einem halben Jahrhundert und darüber zwischen Rabbaniten und Karäern bestanden hatte, auf eine gewaltsame Weise stören. Sie versammelten ihre Gemeindemitglieder und sprachen mit der Thorarolle im Arme den Bann über diejenigen aus, welche noch ferner Karäern, Erwachsenen wie Unmündigen, in Bibel oder Talmud Unterricht erteilen oder ihnen auch nur profane Fächer, Mathematik, Naturkunde, Logik oder Musik lehren, ja auch über diejenigen, welche ihnen auch nur das Alphabet beibringen sollten. Auch sollten rabbanitische Dienstboten nicht mehr bei karäischen Familien in Dienst treten. Diese llberfrommen beabsichtigten eine dichte Scheidewand zwischen den Talmudglüubigen und Bibelgläubigen zu ziehen. Der größte Teil der Konstantinvpolitaner Gemeinde war aber mit dieser unduldsamen Maßregel sehr unzufrieden. Namentlich klagten die rabbanitischen Lehrer, welche bis dahin vom Unterrichtgeben bei de» Karäern gelebt und in ihren Schulen zugleich rabbanitische und karäische Zöglinge hatten, über Verminderung und Verkümmerung ihres Broterwerbs. Infolgedessen versammelten sich die duldsamen Rabbaniten von Konstantinopel ihrerseits, um den ungerechten Bann der Finsterlinge zu vereiteln. Aber diese verfuhren so ungestüm und so gewalttätig und brachten einrohes, mit Knitteln versehenes Gesindel indieSynagoge, wo die Beratung stattfinden sollte, daß jene gar nicht zu Worte kommen konnten. So wurde der Bannbeschluß in feierlicher Form von einer trotzigen Minderheit gegen den Widerspruch und die guten Gründe der Mehrheit durchgesetzt. Da trat der Rabbiner Elia Misrachi mit Entschiedenheit gegen dieses ebenso unbegründete und gesetzlose, wie gewaltsame Treiben auf und entwickelte in einer gelehrten Abhandlung, wie ungerecht und selbst talmudwidrig das Abstoßen der Karäer sei. Er berief sich dabei auf die Autoritäten Hak Gaon und Maimuni, daß man rabbanitischerseits nicht bloß berechtigt, sondern auch verpflichtet sei, die Karäer als Inden zu behandeln. Er führte den Finsterlingen < h Vcrgl. dessen Res>,x, Nr. 58. )ie Gemeinde von Konstantinvpel. 3l zu Herzen, wie sie durch ihre unduldsame SIreuge den Verfall des Iugendunterrichtes herbeiführen würden, indem bisher der Wetteifer^ die komischen Mitschüler zu übertreffen, den rabbanitischen Schülern zum Sporn gedient habe. Zum Schluß machte Elia Misrachi noch auf den Umstand aufmerksam, wie der Bann gegen das Unterrichten der Karäer vergeblich sei, indem die später eingewanderten und noch in Zukunft einwandernden spanischen und portugiesischen Rabbaniten nicht daran gebunden wären, sich nicht daran zu kehren brauchten und also mit ihnen wie früher Verkehren dürften.*) Die türkischen Juden hatten zu dieser Zeit auch eine Art politischen Vertreter, Anwalt (Uabzm?) oder Kämmerling, welcher Zutritt zu dein Jultan und zu den Großwürdeuträgern hatte und mit seinen: Amt von: Hofe belehnt war. Schaltiel, ein sonst unbekannter, aber als edel geschilderter Mann, hatte diese Würde unter Suleiman inne. Bei jeder Ungerechtigkeit und jeden: gewalttätigen Verfahren gegen die Juden in: türkischen Reiche, die bei dem Hochmute der türkischen Bevölkerung gegen Andersgläubige, Juden wie Christen, bei den: Willkür- regimente des Provinzialpaschas und bei den: Fanatismus der christlichen Griechen und Bulgaren niemals fehlten, trat der Kahija Schaltiel für seine Glaubensgenossen ein und erlangte bei Hofe für Summen die Abstellung derselben. Indessen muß er sich einmal irgend ein Vergehen gegen sie durch parteiische Einmischung in ihre Angelegenheiten oder sonst wie haben zuschulden kommen lassen, denn sämtliche Konstantino- politanische Gemeinden (Kahals) faßten den feierlichen Beschluß, unter Androhung des Bannes ihn seines Amtes zu entsetzen. Schaltiel ließ sich aber diese Entsetzung nicht nur gefallen, sondern verpflichtete sich noch dazu, für sich und seine Kinder, ohne Zustimmung der Gemeinden, die Würde der Kahijalik nicht.zu übernehmen, selbst wenn der Sultan ihn dazu zwingen sollte (Oktober 1518), was jedenfalls von seinem edlen Sinne zeugt. Nach einiger Zeit sahen aber die Juden der türkischen Hauptstadt selbst ein, wie notwendig ihnen ein solcher tatkräftiger Vertreter sei, daß der Nutzen, den seine Verwendung für sie hatte, bei weiten: den Nachteil aufwog, den etwaige Übergriffe *) L-espx. das. Nr. 67. Joseph Bagi in einem Codex der Leydener Bibliothek, Katalog S. 126. 'h n",n?, ein türkisches Wort der praelsetns nulas, ein Würdenträger des Hofes, oder wohl auch einfach ein Onrtisamw, der Zutritt zum Hose, zum Serail, hatte. Das Responsum E. Misrachis Nr. II Ende und Nr. Ib, das Nachricht darüber enthalt, ist sehr beachtenswert: n-nv ", -- n»v "VN nnnn bvH Hon H-Nv n>oH no Nti'Hxv 'H l!"v . . . arn 1 ? N"N,N onov ,n'n pn mnv Hon min o'nvn >no op onin-n. Uns dem Umstande, daß der Sultan selbst ihn dazu ernannt hat (das.), w>v.H Hon nn nno nom n M H, und daß es von Xaliija ein Abstraktum gegeben hat, pA-n? (Vas.) geht hervor, daß cs eine beständige Würde war, die der Sulla» zu verleihen Pflegte^ 32 Geschichte der Jude». für sie herbeiführeu köuuteu. Außerden: bestand der Sultan darauf, Schaltiel, der bei Hvfe beliebt gewesen zu sein scheint, wieder in sein Amt einzusetzeu. Sv traten denn die Vertreter und Rabbiner sämtlicher Gemeinden Konstantinvpels abermals zusammen und beschlossen, den Bann aufzuheben, und ihn als ihren politischen Anwalt wieder anzuerkenuen (Mai 1520). Sie schrieben ihn: aber einige Bedingungen vor, denen er sich unterwarf, daß er wichtige, die Juden betreffende Angelegenheiten nie ohne Zustimmung der Gemeindevertreter vor den Sultan oder die Wesire bringen, und daß er überhaupt sein Amt nur zun: Besten der Judenheit verwalten solle. Einige hämische Überfromme, „welche nichts Ordentliches gelernt und sich von der unwissenden Menge als Heilige anstauneu lassen wollten, kleine Füchse, die den Weinberg des Herrn zerstören und nur Zwietracht zu säen bestrebt waren" (wie sie geschildert werden), erhoben Widerspruch gegen die Aufhebung des Bannes und des ersten Beschlusses. Infolgedessen mußten die Rabbiner der verschiedenen Gemeindegruppen ihr Wort zugunsten Schaltiels und seiner Wiedereinsetzung erheben. Nächst Elia Misrachi sprachen sich für ihn aus: I a k o b T a m I b u - I a ch j a, Abraham Ibn - Iaisch , Juda Ben - Bulat und andere spanische wie deutsche Rabbinatsverweser. Die zweitgrößte Gemeinde des türkischen Reiches war Salonichi (das alte Thessalonica), eine ungesunde Stadt, die aber nichtsdestoweniger die sefardischen Auswanderer anzog. Die Hauptströmnng derselben ging nach diesen: Knstenplatze, weil diese ehemals griechische Stadt mehr Muße für friedliche Beschäftigung bot als die geräuschvolle türkische Hauptstadt. Es entstanden hier daher bald mindestens zehn Gemeinden, und die meisten davon waren sefardischen Ursprungs. Später vergrößerten sie sich zu sechsunddreißig Gemeindegruppen. Salonichi wurde eine förmliche Judenstadt, in welcher mehr Juden als Nichtjuden wohnten. H Der Dichter Samuel Usque nannte diese Stadt hyperbolisch „eine Mutter des Judentums, gefestigt auf dem Grunde des Gesetzes, voll von vorzüglichen Pflanzen und fruchtbaren Bäumen, wie nun: sie gegenwärtig auf den: ganzen Erdeurunde nicht wieder findet. Herrlich sind ihre Früchte, weil sie ein Überfluß von Mildtätigkeit bewässert. In ihr hat sich der größte Teil der verfolgten und verbannten Söhne aus Europa und anderen Teilen der Erde gesammelt, und sie nimmt sie mit Liebe und Herzlichkeit ans, als wenn sie unsere allerehrwürdige Mutter Jerusalem wäre."Ü In h IIsspp. Samuel de Medina ( 212 -,, erste Edition, Konstantinopel 1550, miter dem Namen mpar) I, Nr. 881 ^ 12 - Die große Zahl der Synagogengemeinden ist in der Gutachtenliteratur des XVI. suecul. angegeben, vcrgl. Immanuel Aboab: XomoloZür p. 307. 2 ) Samuel Usgue, Ooiuola^Lo III, Nr. 3-1. Die Gemeinde von Salonichi. 33 kurzer Zeit erlangten hier die sefardischen Einwanderer das Vvlle Übergewicht über ihre Stammgenossen anderer Sprachen und selbst über die Nrgemeinde, so daß die spanische Sprache die herrschende in Salonichi wurde, welche sich deutsche wie italienische Juden aneignen mußten, wollten sie im Verkehr mit ihren spanischen Religionsgenossen bleiben. Hier hatte sich der Enkel eines der letzten jüdisch-spanischen Finanzmeister, des Abraham Benveniste, welcher in so hohen: Ansehen bei Juan II, und dem Connetabel Alvaro de Luna gestanden (VIII, 141 f,), niedergelassen, Jehuda Benveniste, der so viel von seinem väterlichen Vermögen gerettet hatte, daß er eine großartige Büchersammlung besaß. Er war die Fahne, um die sich die Schwergeprüften sammeln konnten, st Vertreter des Talmudstudiums waren hier lediglich Söhne der pyrenäischen Halbinsel; eine Gelehrtenfamilie T a h t a s a k, El i e s e rS ch i m e o n i (gest. 1530)») und Jakob Jbn-Chabib; alle diese waren keineswegs Fachmänner erster Größe. Nur der letztere hat ein literarisches Werk hinterlassen, aber nicht über die strenge Halacha, sondern eine Sammlung sämtlicher agadischer Sentenzen aus dem Talmud mit Erläuterungen eigener und fremder Arbeit.») Auch die Philosophie und Astronomie wurde in Salonichi von spanischen Einwanderern einigermaßen gepflegt, von den Ärzten P e r a ch j a K o h e n, seinem Sohn Daniel Ahron Afia (A f f i u s) und Mose Almosnino.st Aber am meisten fand hier die Kabbala Pflege und zwar ebenfalls von spanischen Einwanderern, von Joseph Taytasak, Samuel Franco und anderen.») Salonichi in der europäischen Türkei und Safet in Palästina wurden mit der Zeit die Hauptnester für kabbalistisches Brüten. — Weniger Bedeutung hatte die ehemalige Residenzstadt der türkischen Sultane, Adrianopel, obwohl sich auch hier, wie in Nikopolis eine bedeutende Gemeinde mit sefar- dischem Hauptelement bildete. Auch in Kleinasien bevölkerten die spanischen Flüchtlinge die Städte Amasia, Brussa, Tria und T o k a t. Smyrna st Eint, zu Chabibs Lu-.Inkod. st Einleitung zu Athias Psalmenkvmnicntar; Schiineonis Todesjahr lc- zeichnct eine Grabschrist bei Cvnfvire, p. 32. st Ln-Ialrob oder Ilu-Iisrael. zuerst ediert Konstantinvpel 1516 beim Lebe» des Kompilators, später von seinem Sohne Levi Jbn-Chabib vervollständigt. st Vergl. darüber Frankel-Graetz, Monatsschrift, Jahrg. 1861, S. 25 ff. Zu Ahron Afia ist noch zu ergänzen: Gedalja (Jbn) Jachja edierte 1568 in Venedig: ^.ron plülosoplio Z' mebaüsieo exoellsntisvimo opinions8 saeaäas äs Iv8 mas autentioo8 x nntiAnos ?IüI» 8 opI >08 gus 8vbrs la alwa sveriveron. Katalog der Bodleiana, g>. I6v2. Amatus Lnsitanus führt in seiner VII. Zentnrie (Nr. 15) einen Dialog mit LItins plülosoplms psrixatetiens. st Athias Einleitung. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 3 34 Geschichte der Juden. indessen, welches später eine zahlreiche Judenschaft hatte, war in dieser Zeit unbedeutend. Dagegen bestanden in Griechenland mehrere reich bevölkerte Gemeinden. In Arta oder Larta setzten sich neben dem Urstock der Romaniolen und Corfioten, auch kalabrische, apulische, spanische und portugiesische Ankömmlinge. Es scheint ihnen auch hier nicht schlecht ergangen zu sein; denn die jüdische Jugend beiderlei Geschlechts war noch zur Heiterkeit und zum Tanz aufgelegt gewesen, allerdings zum großen Verdruß der Strengfrommen. Als einmal bei einer solchen Lustbarkeit ein geschlechtlicher Unfug vorgekommen war — allerdings eine große Seltenheit bei der Züchtigkeit der jüdischen Mädchen und Frauen — untersagten das Rabbinatskollegium und der Gemeindevorstand von Arta das Tanzen überhaupt.^ Sie gingen später noch weiter und verboten den Verlobten, in das Haus ihrer Bräute zu gehen, weil hin und wieder einmal die Liebe der Hochzeitsfrist voraus- geeilt war. Dadurch entstanden Zwistigkeiten in den artensischen Gemeinden zwischen den Apuliern, welche gegen diese Strenge protestierten, und den übrigen, welche sie aufrecht erhalten wollten. Z — JnPatras, Negro Ponte und Theben gab es nicht unbedeutende Gemeinden, bei denen die Thebaner als sehr gelehrt, d. h. talmudkundig galten. 2 ) Die Gemeinde von Patras besaß einen sehr gelehrten Rabbiner, Da 0 idK 0 hen aus Korfus) dessen Autorität sehr weit reichte, einerseits nach Italien und anderseits nach dem Orient. Er war aber zu rechthaberisch und auffahrend in seinen Behauptungen und zu weitschweifig in seinen rabbinischen Auseinandersetzungen. Korfu wurde durch die Seekriege zwischen den Türken und dem christlichen Europa hart mitgenommen, dadurch wurde dieser David öfter zum Auswandern genötigt. — Die Riten der Gemeinde von Korfu waren maßgebend für die übrigen griechischen Juden. Eine ansehnliche Gemeinde war in Canea auf der Insel Candin (Kreta), welche zu Venedig gehörte. Hier standen zwei berühmt gewordene Familien au der Spitze, die Delmedigo, Söhne und Verwandte des Philosophen Elia Delmedigo (VIlIg, 244), und die Kap sali, Verwandte des ehemaligen Großrabbiners der Türkei. Hervorragend waren Juda Delmedigo (Sohn des Lehrers von Pico di Mirandola) und Elia ben Elkana Kap sali, ein Neffe des genannten Großrabbiners, auch Neffe und Nachfolger des philosophisch gebildeten Rabbiners Menahe m Delmedig v. Beide haben sich unter einem und demselben Rabbiner, IudaMenz in Padua, ausgebildet und waren nichtsdestoweniger einander abgeneigt. Da nun beide die ') Rssnx. 8s».jli.mili 8eeb Nr. 303—8; Uemn lam I>in-4a.ebjk>. Nr. 168. ch 8Iin ttli.-raebi Nr. 70: niroiisirn (^'n) .irn. 2 ) Von David Korfn (Abbrev. i"ii) sind Responsen vorhanden, die sein Schwiegersohn David Vital ediert hat. Tie Gemeinden in Griechenland. 35 Rabbinatswürde in Canea bekleideten, so gab es fortwährend Reibungen zwischen ihnen.H Hatte der eine etwas für erlaubt erklärt, so konnte man darauf gefaßt sein, daß der andere alle Gelehrsamkeit und allen Scharfsinn aufbieten würde, um das Gegenteil zu beweisen, und doch waren beide würdige, charaktervolle Männer, beide auch in außer- rabbinischer Literatur gebildet. Elia Kapsali (geb. um 1490, gest. uni 1555)2), dessen Vater Elkana, Gemeindevorsteher (Oonclsstmbls) von Canea gewesen war, besaß auch gute Geschichtskeuntnis. Als einst die Pest Candia verheerte und die Bevölkerung in Trübsinn versetzte, verfaßte er (1523) eine Geschichte des türkischen Reiches, um die Leser von der Todesfurcht abzuzieheu, in einem sehr anmutigen hebräischen Stile, in durchsichtiger und gehobener Sprache, fern von Überladungen und mit Vermeidung des Kauderwelsches von Barbarismen. Kapsali bestrebte sich, nur die Wahrheit zu erzählen. Er flocht darin die Geschichte der Juden ein und schilderte in düstern Farben das tragische Geschick der aus Spanien und Portugal Vertriebenen, wie er es aus dem Munde der Flüchtlinge vernommen hattet) Obwohl er eine Nebenabsicht bei der Abfassung der Geschichte erzielen wollte, die Erheiterung der wegen der Pest Traurigen, so hat er sich dabei doch nicht von der Phantasie leiten lassen, sondern hat die Begebenheiten wahrheitsgetreu wiedergegeben und die Verknüpfung von Ursache und Wirkung verdeutlicht. Auch auf die angemessene Form hat er Wert gelegt, und seine Darstellung kann zum Muster eines schönen hebräischen Geschichtsstils dienen und hat auch als solches gedient und Nachahmung gefunden. Kapsali verließ die trockene Chronikerzählung und war als U Bergt, darüber Lsspp. Mose Alaschkar Nr. 70 ff., Nr. IN; Uespp. Jacob Berab Nr. 54; üssiix. Meir von Padua Nr. 29. Mose Metz, Ein!, zu Delmedigos Elim, p. 39 b. h Vergl. über ihn Bd. Vlllg S. 443 ff. Seine biographischen Data ergeben sich aus folgenden Momenten. Um >525—1528 während des Streites zwischen Benjamin Seeb und David Kohcn aus Corfn war Elia Kapsali bereits 18 Jahre Rabbiner (das.); er ist also um >512 Rabbiner geworden, muß doch aber mindestens damals ein Zwanziger gewesen sein. Damit stimmt überein, daß er das Lehrhaus des Inda Mcnz in dessen letztem Lebensjahre 1509 besucht hat, etwa als achtzebnjähriger Jüngling. Anderseits richtete er nach dem Ableben des Jakob Berab, d. h. nach 1541, eine Anfrage an dessen Nachfolgerin Safet, an Joseph Karo und Joseph di Trani in betreff des Anfstellens eines Marmors mit einer Löwengestalt in der Synagoge (Respp. I- Karo b- 1 -r nprn Nr. 61—65 und Lesxp. M. di Trani I, Nr. 30). h Aus Kapsalis Geschichtswerk ws'.n «rnr oder r-nbn -no teilte Luzzatto eine interessante Piece daraus mit in Wieners deutscher Übersetzung des Xmek Iia-Laoba. Nr. XV ff. Mose Lottes aus Padua hat einen großen Teil desselben 1869 veröffentlicht unter dem Titel -ww oder üs vita. st seriptio Lilas Xapsali. 4 3 * 36 Geschichte der Jude». Geschichtsschreiber seinem Vorgänger, Abraham Zacnto, weit, weit überlegen. Für einen Rabbiner von Fach, der genötigt war, bei gutachtlichen Auseinandersetzungen sich einer verdorbenen Mischsprache zu bedienen, die weder hebräisch noch chaldäisch klingt, ist die reine Sprachform besonders bemerkenswert, und sein Geschichtswerk zeigt von großer Gewandtheit nnd von Talent. In Italien wimmelte es damals von flüchtigen Juden. Fast die meisten derer, welche aus Spanien, Portugal oder Deutschland ausgewiesen waren, berührten zuerst den italienischen Boden, uni, je nachdem, sich unter dem Schutze eines der duldsamen Machthaber dort niederzulassen oder weiter nach Griechenland, der Türkei oder Palästina zu wandern. Merkwürdigerweise zeigte sich das damalige Papsttum am judenfreundlichsteu unter den italienischen Fürsten. Alexander VI., Julius II., Leo X. und Clemens VII. hatten andere Interessen zu verfolgen und anderen Liebhabereien nachzuhängen, als ihr Augenmerk auf Quälerei der Juden zu richten. Sie und ihr Kardinalkollegium beachteten die kanonischen Gesetze nur in so weit, als sie dieselben zur Erhöhung ihrer Macht und zur Füllung ihrer Säckel brauchten. Mit vollständiger Vergessenheit des Beschlusses auf dem Baseler Konzil, daß jüdische Ärzte nicht von Christeil zu Rate gezogen werden sollten, wählten diese Päpste und ihre Kardinäle vorzugsweise jüdische Leibärzte. Es scheint, daß bei dem geheimen Kriege, dem Ränkeschmieden und der Giftmischerei, welche seit Alexander VI. in der Kurie im Schwange waren, wo einer in dem andern einen geheimen Feind argwöhnte, jüdische Ärzte deswegen beliebter waren, weil voll ihnen nicht zu befürchteil war, daß sie statt des Heilmittels einem Papst oder Kardinal den Giftbecher reichen würden. Alexander VI. hatte einen jüdischen Arzt um sich, Bo net de Lates, aus der Provence eingewandert, der auch Sternkunde verstand, einen astronomischen Ring anfertigte und die Beschreibung desselben in lateinischer Sprache dem Papste in überschwänglicher Lobhudelei widmetet) Bonet de Lates war später auch ein sehr beliebter Leibarzt bei Papst Leo X. lind hatte ans dessen Entschlüsse Einfluß. Julius II. hatte eiueu solchen an S i m e o u Z a r f a t i, der auch sollst in hohen Ehren bei ihm stand;-) vielleicht war es derselbe, welcher nach dessen Jn- thronisierung eine lange lateinische Anrede an denselben hielt. Kardinäle Bergt. Note 2. 2) David de Poniis äs rnsäioo Ilsbraso ». lO. (jaos iMer (VoMitiees insäieos Itsbraeov babeMes) latilis II. Inil, gut setsderiiimlm lUiMouiri Iliäaeum Limsonsin 2arlat.i iniuenMtlim, non «ins inaxiino äeeore, ürvors msiesäegus iuASiiti axuä se eonäuxit. Labseglleiiles eliani 8l»rnl,i xoMitioes (inaxima ex parls) Imlaslliu insäisum in eornin vnralioilsm VOSLI'llllt. Die Juden in Italien. 37 und andere hohe Kirchenfttrsten folgten diesem non oben gegebenen Beispiele und vertrauten ihren heiligen Leib meistens jüdischen Ärzten an.H So waren denn überhaupt jüdische Heilkünstler an: meisten damals tu Italien gesucht. Nach dein Vorgänge dieser Päpste, welche fast alle zugleich Gönner der Juden waren, wurden jüdische Flüchtlinge aus der Pyrenäischen Halbinsel und Deutschland und sogar Scheinchristen, welche in den Schoß des Judentums wieder zurückgekehrt waren, in vielen norditalienischen Städten ausgenommen und zur Verkehrsfreiheit zugelassen.-) Die bedeutendsten Gemeinden in Italien bildeten sich nach Aufreibnng der Inden von Neapel (o. S. 3) durch Zuwachs aus der Fremde im Römischen und Venetianischen. Hier neben der Stadt Venedigin der blühenden Stadt Padua und dort neben R o m die Hafenstadt A n c v n a. Im Rate der egoistischen venetianischen Republik herrschten in betreff der Juden zwei entgegengesetzte Ansichten. Einerseits mochte der Handelsstaat die von den Juden zu erwartenden Vorteile nicht entbehren und überhaupt nicht mit ihnen anbinden, um es nicht mit deren Glaubensgenossen in der Türkei (den levanti- nischen Juden) zu verderben. Anderseits empfanden die venetianischen Handelshäuser Brotneid, gegen die jüdische Kaufmannschaft. Daher wurden die Juden im Venezianischen, je nachdem die eine oder die andere Stimmung im hohen Rate der Signoria überwog, bald gehegt, bald gedrückt. In Venedig wurde zuerst unter allen italienischen Städten, wo Juden wvhnten, ein besonderes I u d e n q u a r t i e r, Ghetto, für sie eingeführt (März 1516),Ü eine Nachahmung der deutschen Gehässigkeit gegen sie. Durchschnittlich erhielten die eingewanderten Juden, Spanier oder Deutsche, in Italien das Übergewicht über die Einheimischen; in rabbinischer Gelehrsamkeit oder in gemeindlichen oder anderen Verhältnissen immer waren jene die Tonangeber. Eine bedeutende Rolle spielten die Abrabanel in Italien. Das Familienhaupt zwar, Isaak Abrabanel, war durch Leiden und Alter zu sehr gebrochen, als daß er nach irgend einer Seite hin hätte eingreifend wirken können. Er starb, noch ehe die schwankenden Verhältnisse Festigkeit airnahmen, *) Das. laoso illnstres Oaräinales, iunuineiabiles neue alias antistites, gut maximo euw sorrrm Z-auclio ^rapter luckaei ineclioi ckiliMutissimam vuiationem nä bvnani valstuclinein venere. 1'aoso et gnaiu maximns oivitates st xroviueias, guas luckasi meckiei larnlsm enarranl. Koma Lonstnm eommsuclnt, comprobatgus ete. H Samuel Usque, 6c>nsolatzäc> x. 229. k ss as ksxanlmos te ilsster- ram e gueinmin na. ksxanba, gusr a 8eubvr, aus aebes guem ts rseollm s äeixs viver livrs na Italia; vergl. Ilote S. h Wolf, Aktenstücke in Naskir I, S. l 7, Gedalja Jbn-Jachja, Zelialsolislet gegen Ende. 38 Geschichte der Juden. (Sommer 1509)*) Auch sein ältester Sohn Leon Medigo übte wenig Einwirkung auf seinen Kreis. Er war dazu zu sehr philosophischer Träumer und Idealist, eine Dichteruatur, die sich nicht gern mit den Dingen dieser Welt befaßte. Es ist daher gar nichts von ihn: bekannt, seitdem er die Stelle als Leibarzt des Großkapitäns in Neapel verloren hatte (S. 6). Einflußreich auf seine Zeit war nur der jüngste der drei Brüder, Samuel Abrabanel (geb. 1473, starb um 1550). 2 ) Er galt zu seiner Zeit als der angesehenste Jude in Italien und wurde von seinen Stammgenvssen wie ein Fürst verehrt. Er allein unter seinen Brüdern erbte von seinem Vater die Finanzwissenschaft und scheint nach seiner Rückkehr ans dem talmndischen Lehrhause von Salonichi (o. S. 7) sich darauf verlegt zu haben und bei dein Vizekönig von Neapel Don Pedro de Toledo im Finanzfache verwendet worden zu sein. Er erwarb in Neapel ein sehr bedeutendes Vermögen, das man auf mehr als 200 000 Zechinen schätzte. Den Reichtum verwendete er, um dem in seiner Familie erblich gewordenen Zuge, gewissermaßen Bedürfnisse, Wohltaten zu üben, seinerseits zu genügen. Der jüdische Dichter Samuel Usque entwirft eine schwärmerische Schilderung von dessen Charakter und Herzen. „Samuel Abrabanel verdient Trismegistos (Dreimal Groß) genannt zu werden; er ist groß und weise in: Gesetz, groß in: Adel und groß in: Reicht:::::. Mit seinen Glücksgütern ist er stets großherzig, eine Hilfe für die Trübsale seines Volkes. Er verheiratet Waisen in Unzahl, unterstützt Bedürftige, bemüht sich, Gefangene anszulösen, so daß er alle die großen Eigenschaften vereinigt, welche zur Prophetie befähigen?) Zur Erhöhung seines Glückes hatte ihn: der Himmel eine Lebensgefährtin zugeführt, die eine Ergänzung zu seinen hohen Tugenden war und deren Name Benvenida Abravanela von den Zeitgenossen nur mit andächtiger Verehrung ausgesprochen wurde. Zartfühlend, tiefreligiös, zugleich klug und mutig, war sie auch ein Muster des gebildeten Tones und des feinen Umganges, worauf in Italien mehr Gewicht als in den übrigen europäischen Staaten gelegt wurde. Der mächtige spanische Vizekönig von Neapel, Don Pedro, ließ seine zweite Tochter Leonora mit Benvenida vertraulich verkehren, um sich an ihr zu bilden. Als diese Tochter später Gemahlin Cosimos II. von Medici und Herzogin von Toskana geworden war, hielt sie sich immer noch zu der jüdischen Donna und gab ihr den Ehrennamen Mutter?) Dieses edle Paar, Samuel Abrabanel und Benvenida, *) Vcrgl. Bd. Vlll.g S. 129. Auch Jbn-Jachja in Lebalsebslet setzt Abrabanels Todesjahr 1509 und nicht wie Chaskitu 1508. H Bergt. Carmoly, Biographie der Abrabanel. 0?.ar disebmaä II, p. 60. Samuel Usque Lonsolatzäo OialoZ' III, Nr. 32. Über S. Abrabanel vergl. noch Nthias Einleitung zum Psalmenkommentar. h Jmanuel Aboab Xomolozla. p. 301. Samuel Abrabanel. 39 in den: sich Zartheit und Weltllugheit, warme Anhänglichkeit an das Judentum mit geselligem Anschluß an nichtjüdische Kreise vereinigten, war zugleich der Stolz und Notanker der italienischen Inden und aller derer, welche in deren wohltuende Nähe kamen. Samuel Abrabanel war, wenn auch nicht so talmudisch gelehrt, wie ihn sein dichterischer Verehrer schilderte, doch ein Freund und Förderer der jüdischen Wissenschaft. Er berief mit seiner jungen mutigen Frau den aus Portugal geflüchteten D a v i d I b n - I a ch j a als Rabbiner nach Neapel (1518), da die Gemeinde zu klein war, um einen solchen auf eigene Kosten zu besolden. In Samuel Abrabanels Hause hielt der gebildete Jbn- Jachja VvrträgeH über Talmud und wahrscheiulich auch über hebräische Grammatik. So bildete er eiueu kleinen Mittelpunkt für die jüdische Wissenschaft in Süditalien. Aber auch der verderblichen Kabbala räumte Samuel eine Stätte ein, ein Beweis, daß er den klaren Blick seines Vaters nicht besaß. In seinem Hause hielt ein Kabbalist. Baruch von Benevent, wahrscheinlich ein spanischer Flüchtling, Vorträge über Kabbala und Sohar, und er trug dazu bei, sie auf Anregung des in die kabbalistische Mystik närrisch verliebten Kardinals Egidio von Viterbv christlichen Gelehrten zugänglich zu machen. Auch christliche Männer der Wissenschaft verkehrten in Abrabanels Kreise. Eiir Jünger Reuchlins, Johann Albert Wid m aun- st a d t, ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit und freiein Blicke, der zuerst in Europa auf den Nutzen der syrischen Sprache aufmerksam gemacht hat, vervvllkommnete in diesem Kreise seine Kenntnisse der hebräischen Literatur. Das Hauptlehrhaus für talmudische oder rabbinische Studien in Italien war damals in Padua, und zwar geleitet nicht von Italienern, h S. Jbn-Jnchja in >?obai8ebelst p. 52 b gibt an, daß David I. I. van der Gemeinde nach Neapel berufen worden sei. Richtiger erzählt das Verhältnis der deutsche Gelehrte Widmannstadt, der sich in diesem Kreise bewegte. Seine interessante Relativ» möge hier eine» Platz finden: Hon dcwspb deobia. (soll heißen David 1. D. daobi-rs) Hwpaiuw (Immtannch veneraudas sanoti- tndini.8 et trnditioniv intra llebraeos exoellentis Heapoli traclitiones tal- mndickw doonit in asdibns Lainnslis Abrabanel anno Ob. 1582, nbi eo stiam praeoeptors 8nin nsns. Dodem tsinpors andivi Harn ob Lene- ventsnnin (s Lsnövsuts Dwpauias?) optiinmn Oabbnlistain, gui priuin8 libro8 2obari8 per ^.SKidinin VitsrböN8öm Oardinalsin in Obri8tiano8 vnl^nvit .... Dnjn8 (.-Iben daobias) msinoria inibi rstrieavit vetsrein illornin lDootornin) oonsnstndinem, gnv8 non aiia de oansa. cousnnxi gnaw gnod Heapoli tnin oinuee evAnoveriin. Die Stelle ist mitgeteilt aus einer Note Widmannstadts von Landauer, Orient Literatnrbl. 1855, Nr. 21 und Pcrlcs, Beiträge zur Geschichte der hebräischen und aramäischen Literatur. Landauer hat daselbst den Iap8U8 cniruni oder ineinorias Widmannstadts berichtigt: Joseph ^ben daebias statt David. 40 Geschichte der Juden. sondern von eingewanderten Deutschen. Juda M e n z^) übte bis in sein hohes Alter von mehr denn hundert Jahren eine Anziehungs- kraft für lernbegierige Jünglinge ans Italien, Deutschland und sogar der Türkei aus, als wenn sie aus seinen: Munde die alte Weisheit aus einer untergehenden Zeit vernehmen wollten. Ein Jünger des Juda Menz zu sein galt für eine besondere Ehre und Auszeichnung. Nach seinen: Tode stand seinem Lehrhause in Padua sein Sohn Abraham M enz (1504 bis 1526) vor, dessen Autorität aber nicht ungeteilt war. 2 ) Die eingeborenen Juden dagegen haben nach keiner Seite einen klangvollen Namen hinterlassen. Ungleich den dentschen Juden, welche nicht einmal ihre Landessprache rein zu spreche:: Verstandei:, gab es in Italien nicht wenige Juden, welche der lateinischen Sprache kundig waren?) Es war die Zeit der Renaissance, in welcher die Gelehrten auf einen eleganten lateinischen Stil Wert legten. Besonders haben jüdische Ärzte, welche an der Universität von Padua ihre Bildung erlangten, sich diese damalige Weltsprache angeeignet. Die Gelehrtengeschichte nennt aus dieser Zeit Abrahan: de Balmes (geb. um 1450, gest. um 1503) aus Lecce, Leibarzt und Freund des Kardinals D 0 menic 0 Grimani, welcher auch mit den: jüdischen Philosophen Elia Del- medigo befreundet war. Dieser Kardinal war ebenso in die jüdische Kabbala, wie in die Philosophie verliebt, und für ihn übersetzte d e BalmeS mehrere Schriften der arabischen Philosophie aus den: Hebräischen ins Lateinische. Für die jüdische Literatur hat er aber weiter nichts geliefert als die Ausarbeitung einer hebräischen Grammatik, welche der reiche Drnckereibesitzer Daniel Bömberg ins Lateinische übersetzt und nach Balm es' Tode veröffentlicht hat (1523). Sein jüngerer Zeitgenosse C a l 0 K a l 0 n y m 0 s aus Neapel, Arzt in Venedig, hat noch weniger geliefert. Er hat nur einzelne Schriften des arabischen Philosophen Averroes ins Lateinische übersetzt und weniges zu Balmes' Grammatik hinzugefügt. — Indade Blanis oder Laudadens in Perugia (gest. nach 1553)^) — U Bergt, über ihn Bd. VIII., S. 429. 2 ) Ghirondi Bibliographen Ksrein Obeineä III, i>. 9t. o) Sebastian Münster: In Oerinania. änäaei I,atins non äiseunt nt in Italin. Widmung zn seiner drainrnatiea Obaläaioa. David de Pomis, a. a. O.: Uern§ia linuäaäsnin blanis (Olauis) vsrbis sxtollit, Uononia tum Lsrvaäsnni äs Lkornis, tun: liUiain Uolanum omni seientia praeäitnin reeta rations perlanänt . . L.brain äs Ualmis . . rsvei snäUsimi 6aräina1is Orinmni Ubz'sious InASnti vir- tnts. De Balmes', des Ergänzcrs seiner Grammatik und Sfornos Schriften sind in den bibliographischen Schriften verzeichnet. Des elfteren Lebenszeit hat Perkes bestimmter eruiert. Er war in dem Jahre der Edition seiner Grammatik, 1523, bereits tot. In derselben bemerkt er, das; er in Jakob Alantin. 41 jüdische Ärzte liebten es damals, wie die christlichen Gelehrten, ihren Namen einen lateinischen Klang zn geben — huldigte neben der Medizin auch der wüsten Kabbala und war befreundet mit dem Mystiker Baruch von Benevent. Obadja oder ServadeusdeSforno (Sfurno, geb. um 1470, gest. 1550), war Arzt in Rom und Bologna, der neben medizinischen Studien auch biblische und philosophische trieb und einige seiner hebräischen Schriften mit lateinischer Übersetzung dein König Heinrich II. von Frankreich widmete. Aber so weit seine Schriften der Beurteilung vorliegen, erweisen sie sich als sehr mittelmäßig. Mlle diese jüdischen Ärzte und Gelehrten, standen weit hinter einen: spanischen Fachgenossen zurück, hinter Jakob Mantin, der ans Tortosa nach Italien geschleudert, dort als Arzt und Philosoph viel geleistet und einen klangvolleren Namen hinterlassen hat. Mantin (geb. um 1490, starb um 1549)/) war sehr sprachkundig; er verstand außer der Sprache seines Geburtslandes und seines Bolksstammes noch das Lateinische, Italienische und Arabische, Er war zugleich ein gelehrter Arzt und Philosoph und übersetzte medizinische und metaphysische Schriften aus dem Hebräischen oder Arabischen ins Lateinische. Er hohem Alter stehe. 1405 ist sür ihn ein.-irned kopiert worden, nnd der Kopist nennt ihn: '- 1128.11 nein 0 : 11 . Er mnsz demnach MN 1440 geboren sein nnd ein sehr hohes Aller erreicht haben (Perles, Beiträge 104). Sei» Verhältnis zum Kardinal Grimani bezeichnet ein Passns in der Widmung einer von ihm übersetzten philosophischen Schrift: tu tnnm rAnuwum . . . non «Issums amors (Kerns äss ktnclss ,s. V. 116). De Blanis Verhalten zur Kabbala hat erwiesen Nehem. Brüll (Jahrbuch I, 237). Da er 1553 für sich das mpi '0 kopieren ließ, so hat er alle im Text Genannten überlebt. Landabe ns Blanis scheint identisch mit dem von Jbn-Jachja (3elmlsel>e1et p. 34 b) erwähnten ewbai 1111 ' aip: iruaib 'wi inn irw zn sein. Imnäaclens wäre dann eine Übersetzung von 1111 ', wie von i'inp die Übersetzung 8sr- vacleus. Möglich, daß der in Athias Gelehrtenkatalog (Einl. zn Ps.) vorkommende 1 18 ' 1 'II'L- 1-00 wir 'HIN IIV '1 NL 111 cwi INN IV'NI identisch mit kervaMeus oder Obadja Sforno ist. y Sein Todesjahr ist bei den Bibliographen falsch 1550 angegeben. Amatus Lusitanus deutet ein anderes Datum au, wo er von dessen Tode erzählt (Oen- tnria. I, Anfang): Amatus bedauert, daß nicht sämtliche ,Avicennische medizinische Schriften ins Lateinische übersetzt wurden, und fügt hinzu: Oonleeerat uam opus Iwe lavobns Aantinns ksbraens, vir innltarnin linAmarnn« psritissünns ae ineclieinas äootissirnns . . . nisi inalns guiclaw Aenins enni a tam leliei sneeessn rstraxisset. Oonvoeaveram uaw s^o, gnnm Vsnetüs LASrem ad üoe eainnlendnm opns . . . uisi patrieins «inidam Vsnstns Oaniasenm st, 8 vriaw petsns, . . . ssonm dnxissst, a gno itiuers divus Didaens Kendneins, 6aro1i V apucl Venetos orator, illum nungnam rstra- üere potnit, ubi intra pauoos ciies vitam enm inorts eonrmntavit. Nun beendete Amatus seine erste Centurie 1 . Dezember 1540, und in dieser Zeit war I Mantin bereits tot. Vergl. über ihn die Bibliographien von Hartwig, Derenbourg in Kerns cle.s Kindes,s. VII, 283 ff. 42 Geschichte der Juden. machte die lateinischlesendeWelt mit der lichtvollen Einleitung Maimunis zu der Sittenspruchsammlung der Väter (Illrlcs^bot) bekannt, welche das sittliche Ideal des Judentums beleuchtet. Er stand als Leibarzt in hohem Ansehen bei dem Papst Paul III. und bei dem Gesandten des Kaisers Karl V., Diego M endvso in Venedig. Aber seine Gelehrsamkeit wurde durch sein schlechtes Herz verdunkelt. Neid und Ehrgeiz verleiteten ihn zu schlechten Handlungen, zu Angebereien und Verfolgung Unschuldiger. Ein Mann lebte damals in Italien, der sich zwar nicht durch glänzende Leistungen hervorgetan hat, aber doch fast allen seinen Glaubensgenossen überlegen war durch etwas, was literarische Leistungen überwiegt und nicht jedermanns Sache ist, durch gesunden Sinn und geraden Verstand, der die Tinge nicht nach dem Scheine und nicht von einem beschränkten Gesichtspunkte aus beurteilt, und dieser Mann, A b r n h a m F arissol, war nicht Italiener von Geburt. Farissol (geb. 1541, gest. um 1525P) stammte aus dem französischen Kirchenstaate, aus Avignon, und war aus einer unbekannten Veranlassung, vielleicht aus Not, nach Ferrara ausgewandert. Er fristete seine Existenz durch Nbschreiben von gesuchten Büchern und, wie es scheint, auch durch ein Sängeramt in der Synagoge. Obwohl in einem engen Gehäuse lebend, war sein Blick doch geschärft, sein Gesichtskreis weit, sein Urteil gereift. Farissol beschäftigte sich wie die meisten seiner gelehrten Zeitgenossen in Italien, mit Auslegung der heiligen Schrift, aber nach dieser Seite liegt seine Bedeutung nicht. Seine Überlegenheit beruht ans seiner Kleingläubigkeit inmitten der dickköpfigsten Glaubensseligkeit der Zeit. Er selbst sagte von sich: „Ich gehöre in betreff der Wunder zu den Kleingläubigen."?) Farissol war der erste jüdische Schriftsteller, der statt sich mit dem gestirnten Himmel, mit Astronomie und Astrologie zu beschäftigen (wozu jüdische Denker im Mittelalter eine allzu große Neigung hatten), sich auf Länderkunde, auf Erforschung des Erdkreises und was auf ihm webt, eingehend verlegte, wozu die wunderbaren Entdeckungen der Südküste Afrikas und Indiens durch die Portugiesen und die Auffindung Amerikas durch die Spanier ihn: Anregung gegeben hatten. Durch den mittelalterlichen Nebeldunst und die täuschende Luftspiegelung der Phantasiegebilde hindurch sah Farissol die Wirklichkeit und Tatsächlichkeit der Dinge, wie sie sind und liegen, hielt es für nötig, darauf hinzuweisen und verspottete die Geistesarmen, welche in ihrem gelehrten Dünkel Ü Z»nz setzte sein Geburtsjahr 1451 ohne Quellenangabe an im Exkurs zu Benjamins von Tudela Itinerarium, englische Ausgabe von Asher. Farissols Todesjahr folgt daraus, daß er sein geographisches Werk rnn-m Okt. 1524 beendete. Vcrgl. über seine Schriftstellerei die Bibliographen u. B. Vlllg S. 457. H Geographisches Werk -iiau e. 24. Abraham Farissol. 43 die Länderkunde als ein geringfügiges Wissen verachteten. Er mußte zu seiner Zeit nach eingehend beweisen, daß auch das Buch der Bücher, die heilige Urkunde der Thora, Wert auf Raum und Ländergrenzen lege, und daß mithin ein solches Wissen nicht so ganz unwichtig sei. Aber daraus ergaben sich ihm Folgerungen, welche den Wahn des Mittel-' alters zerstörten. Für das Paradies, das die Gläubigkeit in den Hinnne versetzte und mit Phantastischem Schmuck ausstattete, suchte Farissol einen Platz auf Erden. Damit deutete er einen neuen Gesichtspunkt für Auffassung der Bibel an; sie sei nicht durch Allegorien und metaphysische oder kabbalistische Überschwenglichkeiten zu erklären, sondern durch tatsächliche Verhältnisse nach dem schlichten Wortsinne. Farissol hatte Zutritt zum Hofe des Herzogs von Ferrara, Ercole (Hercules) d'Este I, eines der besten Fürsten Italiens, welcher mit den Medici in der Förderung der Wissenschaft wetteiferte. Der Herzog fand Vergnügen an dessen Gesprächen und lud ihn öfter ein, über religiöse Fragen mit zwei gelehrten Mönchen, einem Dominikaner und einein Franziskaner, zu disputierend) Es schien, als sollten sich die häufigen Religionsgespräche und geistigeil Turniere in Spanien auf italienischem Boden wiederholen. Farissol tat es mit philosophischer Ruhe, mit nötiger Vorsicht und Schonung der Empfindlichkeit der Gegner, wo er schwache Seiten berühren mußte. Er löste die Dogmen des Christentunis durch Vernuuftgründe und Bibelverse auf; Erbsünde, Menschwerdung, Dreieinigkeit, Hostienwandlung, Taufe, alles das behandelte er mit einem gesammelten Ernst, ohne den Mund zum Lächeln zu verziehen. Es versteht sich von selbst, daß er die Schriftverse, welche für die Begründung der Jesuslehre oder des Katholizismus angeführt zu werden pflegten, ins rechte Licht setzte und ihre Beweiskraft in nichts auflöste. Auch das Judentum gegen Angriffe zu verteidigen, wurde Farissol in Gegenwart des Herzogs Ercole öfter veranlaßt, und hier fiel seine Beweisführung keineswegs so schlagend und überzeugend aus; sie erscheint vielmehr öfter matt und nichtssagend. Unter anderem wurde ihm auch der häßliche Fleck des Wuchers entgegengehalten, dem die reichen Juden in Italien ergeben waren, wodurch sie nach der Ansicht jener Zeit zugleich gegen die Menschlichkeit und die Bibel sündigten. Farissol rechtfertigte die Zinsnahme von Nichtjuden. Er führte an, daß in einein geordneten, auf Rechten und Pflichten begründeten Staatswesen sich nicht mehr wie etwa im Natur- h Farissols an^n und nnn ni^n ein apologetisches und polemisches Werk, die Resultate seiner Disputationen (noch Handschrift, verfaßt 1503 — 1504), Anfang: 'vannn nnv nnm >nmi nnn's ri:in oF'pnm (iM'v) ''v imnn inia c.-A am^n-LN 2'2:nn ap nunnin -oA rnn Lnnnrn ip' 2?^ a'l^.n,n:n a'IDnn.n n:2 rip'l'iA An . nnn naiL') rn;n cn'is? N2ii> . . -niLNii >.nnn:in 44 Geschichte der Juden. zustande die.'allgemeine Brüderlichkeit durchführen lasse, in welchem jeder gehalten sei, dem Mangel seines Nächsten vhne Gegenleistung abzuhelfen. So wie die Gesetze zulassen, das; für das Überlassen von Besitztümern zur Benutzung ein Mietpreis gezahlt werde, so sei jeder auch berechtigt, sein Geld für Miete, d. h. für Zins auszuleihen. Aucb verpflichte sich ja jeder, d'er von einem Juden eine Anleihe nehmen wolle, von vornherein zu einer bestimmten Mehrzahlung, cs beruhe also auf freiwilligem B rzichtleisten. Die Päpste haben deswegen auch den Juden den Wucher gestattet, und die Juden müßten dafür hohe Steuern zahlen, wodurch auch dem Staate Nutzen erwachse. Auch sei der Zins an sich nicht so verderblich, da er im Gegenteile öfter den Geldbedürftigeu Vorteil gewähre, Geschäfte zu betreiben, um sich vor größerm Schaden zu schlitzen. Nur von Juden Zins zu nehmen, verbiete das jüdische Gesetz, als voll Brüdern im wahren Sinne. Die Christen aber seien nach dem Wortlaut des Gesetzes nicht als Brüder zu betrachten, wollten es auch gar nicht sein, indem sie sichtlich genug die Juden sehr unbrüderlich behandelten. Diese Rechtfertigung Farissols befriedigt allerdings nur halb. Besser klingt der Schluß seiner Abhandlung: Wer sich von bösem Leumund feruhält, nur würdige, nicht gehässige Geschäfte betreibt und eingedenk ist, gegen alle Dürftige ohne Unterschied Erbarmen zu üben, habe von Gott Segen zu erwarten.*) Farissol hatte auf Veranlassung des Herzogs von Ferrara den Inhalt seiner Unterredungen mit den Mönchen hebräisch nieder- geschrieben und daun in italienischer Sprache wiedergegeben, damit seine Gegeukämpfer sich auf eine Widerlegung vorbereiten könnten. 2) Dieses Polemische und apologetische Werk hat aber iveit weniger Wert als sein geographisches, das er im hohen Alter all der Schwelle des Grabes allsgearbeitet hat. Darin zeigen sich Farissols Geistesklarheit, gesunder Sinn, wie umfassende Gelehrsamkeit. In Italien hatten die Juden damals Wenigsteils noch die Freiheit uild die Fähigkeit, mit den Christeil ein Wort zu wechseln. Stiegen sie aber über die Alpeil nach Deutschland, so wehte für sie zugleich eine atmosphärisch und politisch rauhe Luft; schwerlich haben sefardilche Flüchtlinge in dieses ungastliche Land ihren Fuß gesetzt, ch Die deutsche Bevölkerung war damals nicht weniger feindselig gegen die Juden als die spanische. Sie hatte sie zwar nicht wie inSpanien umhoheStellungen und deil Einfluß einiger jüdischer Großen au den Höfen zu beneiden; über sie gönnte ihnen nicht einmal das elende Leben in den Judengassen, worin sie zusammengepfercht wohnten. Aus einigen Gegenden Deutschlands waren sie bereits verjagt, aus dem Cölnischen, Mainzischen, *) iVlLA'ku 4brabam e. 73. h Das. Einleitung. o) 2urita berichtet: V at,ro.8 (tnilias cts blsgana) unssaron sn Xn;>ole8 . . . Z' sn 4.lsinanla, lAanein. ^nalk8 cls 4i'ilKon M II. g. 9 b. Die beiden Loans. 45 > aus Augsburg; iu ganz Schwaben gab es damals keine Indens) AuK anderen Gegenden wurden sie fast gleichzeitig mit denen aus der pyrenäischen Halbinsel vertrieben. Der Kaiser Friedrich III. nahm sich zwar bis in seine letzte Stunde der von aller Welt Geächteten an. Er hatte einen jüdischen Leibarzt — gewiß eine Seltenheit in Deutschland — den gelehrten Jakob ben Jechiel Loans, dem er viele Gunst zugewendet und den er zum Ritter ernannt hat.2) Dieser pflegte den greisen Kaiser in seiner Hofhaltung zu Linz bis zur Sterbestunde. Auf seinen: Totenbette soll Friedrich seinem Sohne die Juden warm empfohlen haben, sie zu beschützen und den verleumderischen Anklagen gegen sie, deren Grundlosigkeit er sattsam erfahren hatte^ lein Ohr zu leihen.») Ihm imponierte gewaltig der Fortbestand der Judenheit unter den tausendfachen Verfolgungen seit der Herrschaft des Christentums, und daß diese wunderbare Erhaltung in Moses Gesetzbuch vorausverkündet worden sei: „Und se bst (u — upb) im Lande ihrer Feinde verwerfe ich sie nicht, werde vielmehr des Bündnisses mit den Vorfahren eingedenk sein." Kaiser Friedrich Pflegte davon scherzweise zu sagen: „Die Juden haben einen Affen (u — apb) in ihrer Schrift, den sollten sie billig mit goldenen Buchstaben schreiben.^) Wie es scheint, stand Jakob Loans auch beim Kaiser Max im ilian in Gunst, den: es zugefallen war, Deutschland in den allerschwierigsten Lagen zu regieren. Diese Gunst hat der Kaiser ans dessen Verwandten übertragen. Dieser Verwandte, war eine außerordentliche Erscheinung, eine tatkräftige^ Persönlichkeit, wie sie die deutsche Judenheit bis dahin noch nicht besessen hat. Es war Joseph Loa ns oder, wie er öfter genannt wurde I 0 s e l i:: (Josselmann) von R 0 sheim (gelw U Renchlin, äs aveentidus m'aslatio aä I. III: ljnigps euiu lusrint. (.Inciaei) props loto vitas insas temgors a. men patria exaeti et extorres,. use iu ullo äuei8 Lnsvornm terrikorio lmditurs auäeaut. ») Renchlin, Iluäiiueuta liußuas beim. >). 3: Mn» rsperi ea iu IsZutiaus (aä Ui'iäei'icmu :uii>sratcu sin) luäueuiu ävetnn: siiuul atgns liteiatniu, »omius laeobuin .lebiei Uoaus imperiali innuiticeutia et claetorem meäi- einas st «galten: anratnin. Jakob Loans lebte noch Oktober 1500- wie aus Reuchlins Schreiben au denselben hcrvorgcht, datiert vom Xislsrv 5261 — Okt. 1500 in epistolas Llarornin Virorniu I Nr. 101. Er kann also noch 1503 gelebt haben. ») Joseph Kohen, Un:sk Inr-Laelu: 92. h Lutliouins LlarKmillur, der ganze jüdische Glaub gegen Ende. Die Juden haben mit diesem Schriftwort chn „wenn auch" Lcviticns 26, 14) und falschem Trost den frommen christlichen Kaiser Friedrich . . . überredet, das; er gesagt hat, die Juden haben einen „affen" nsw. nämlich das bedeutungsvolle Wort apli — all. 46 Geschichte der Juden. um 1478, gest. 1554.1) Zu der Zeit, tu welcher neue gehäufte Leiden über die jüdischen Gemeinden in Deutschland hereinbrachen, war er ein Schutzgeist für sie und war imstande, lebensgefährdende Anschuldigungen gegen sie verstummen zu machen und Verfolgungen, wenn nicht abzuwenden, so doch zu mildern. Joselins Jugenderinnerungen waren erfüllt von märtyrerischen Grausamkeiten. Seine Familie, welche von den aus Frankreich im Anfang des XV. Jahrhunderts Vertriebenen ans Louhans (Loons) in der Franche-Comte stammte, hatte sich in der Nordschweiz in Endigen niedergelassen. Einige Jahre vor seiner Geburt wurden mehrere Juden kleiner Gemeinden beschuldigt, einige Christen ermordet, das Blut von gemordeten Kindern gesammelt und nach Frankfurt, Pforzheim und anderen Orten versandt zu haben, wodurch drei Verwandte seines Vaters verbrannt wurden, sein Vater aber hatte sich durch die Flucht gerettet. In Elsaß, wo seine Eltern sich darauf niedergelassen hatten, waren sie zwei Jahre vor seiner Geburt gezwungen, in einer Festung Zuflucht zu suchen, als die wilden Schweizerbandeil im Dienste des Herzogs Rene von Lothringen gegen Karl den Kühnen von Burgund ein fürchterliches Gemetzel unter den Juden von Elsaß und Lothringen angerichtet hatten, um sie zur Taufe zu zwingeil, wobei vierundsiebzig Männer, Frauen und Kinder, den Märtyrertod erlitten. In Mühlhausen War nur ein einziger Jude namens Bames geduldet; die übrigen aber mußten im strengen Winter in Höhlen einen Schlupfwinkel suchen. ?lls auch über achtzig dieser elenden Flüchtlinge der Märtyrertod ver- i) Für die Tätigkeit und die Bedeutung Joselin Rosheims sind gegenwärtig reiche Quellen veröffentlicht worden, l) Sein Tagebuch in der Bodleiana Nr. 2206 aus der Sammlung David Oppenheims, welches von l471 bis 1541 reichte, abgedruckt in Revue ä. M. f. XVI p. 85 ff. 2) Aktenstücke von ihm und über ihn, welche Mr. Scheid in den Archiven von Wetzlar, Kolmar und Obernai gefunden hat. Die biographischen Data sind ohne chronologische Ordnung zusammengetragcn von Isiäor Imeb, Revue II. 27l f. V. 93, ferner von Scheid das. XIII. 63 f. und Nachträge von I. Krakauer das. XV. 104 f. — Seine Lebenszeit hat Mr. Scheid annähernd berechnet, da er um 1503 zum „Regierer der Judenheit" ernannt worden ist und um 1553 von sich sagte, er habe bei 50 Jahren dieses Amtes gewaltet. Er muß also 1503 in einem gesetzten Alter gestanden haben. Der Widerspruch, daß einerseits aus Joselins Angaben hervorgeht, der Kaiser habe ihn 1503 zum Regierer ernannt, und er anderseits im Tagebuch bemerkt, er sei im Jahre 1510 ernannt worden, für das allgemeine Beste der Judenheit zu sorgen. (-iibn.u rpmxa mumm mwa -nar.n rre-iL nmü-.na pp 'ai.u), dieser Widerspruch ist Wohl dahin auszugleichen, daß der Kaiser ihn um 1503 zum „Obersten Rabbi" ernannt — die Gemeinden aber ihn erst um 1510, als neue Gefahren für sie drohten, anerkannt haben, ihr Verteidiger und Sachwalter zu sein. Daher nennt ihn Joseph Kohen Nordlingen in p>:m -i-m, ein Zeitgenosse, ir> .zar .b'.m.u siirem Joselin von Roßheim.. 47 hängt war, traf in der letzten Stunde Hilfe ein, indem Bames von Mühlhausen 800 Gulden durch den Verkauf aller seiner Habseligkeiten als Lösegeld dem Führer der Schweizer einhändigte, um welchen Preis der Unmensch sie verschonen wollte. Das waren die Wiegenlieder, welche der junge Joselin von seinen Eltern in Erinnerung hatte, die sich in Roßheim bei Colmar ansiedelten. Diesen Joselin, welcher von diesem Aufenthalt seiner Eltern Roßhei m (Roschheim) genannt wurde, ernannte Kaiser Maximilian auf Eingebung des Leibarztes Jakob Loans zum Großrabbiner (obersten Rabbi) der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Er sollte gewiß für die Leistung der Judensteuer an den Kaiser sorgen und die Säumigen mit dein rabbinischen Bann belegen, der damals unter den Juden dieselbe Wirkung hatte, wie der katholische. Dazu mußte er einen schweren Eid leisten') und dazu erhielt er auch die Befugnis, den Bann zu verhängen.U Sein Amtstitel war Versorger und L e i t e r der Judenheit (Uainss-^laiUiich, sogar auch in der Kanzleisprache „Regierer der Juden". Da Joselin aber, wenn auch talmudisch geschult, doch nicht den hohen Grad der rabbinischen Kenntnisse besaß, welche in Deutschland zur Würde eines Rabbiners und noch dazu eines Großrabbiners berechtigten, und er außerdem von den Juden nur als kaiserlicher Fiskal angesehen wurde, so haben ihn die Gemeinden zuerst nicht als solchen anerkannt. Erst als sie wahrnahmen, wie er sich ihrer mutig und unverdrossen angenommen hat, erkannten sie ihn als ihren Vertreter und Beschützer (Stadlan) an, wandten sich an ihn, wo ihnen Unbill widerfuhr oder Verfolgung drohte. Einen solchen treuen, hingebenden und klugen Annehmer haben die deutschen Inden bis dahin noch nicht besessen. Er durfte von sich rühmen, daß er weite Reisen im Interesse der Gemeinden gemacht und daß er vor Königen und Kaisern, in Ratsversammlungen und bei den kaiserlichen Kammern sie verteidigt hat.") Er hat in der Tat bei Fürsten und Magistraten vieles durchgesetzt. So oft er nur zur Audienz beim Kaiser Maximilian und seinem Nachfolger gelangen konnte, fand er bei ihnen Gehör. Joselin war eine allgemein beliebte Persönlichkeit, obwohl er nicht über große Geldmittel verfügen konnte. Nicht selten ist sein Haus von wilden Banden ausgeplündert worden, während Fürsten leutselig mit ihm verkehrten. Die innige Religiosität und das unerschütterliche Gottvertrauen, die ihn in gleicher Stärke, wie die Psalmensänger beseelten, sowie sein Feuereifer, die Sache der zum Tode Gehetzten zu führen, müssen seinen Zügen einen so verklärenden Widerschein gegeben und ihm so warme Sympathie erweckt haben, daß finstere Machthaber ihn freundes Aktenstück bei Scheid Rsvns XIII. 61 unten. 2) Aktenstück da!. 76. ") Aktenstück bei Scheid das. 257. 48 Geschichte der Juden. lich empfingen und ihn zu Worte kommen ließen. Er wurde mit Recht von seinen Stammesgenossen als ihr großer Verteidiger gepriesen und gesegnet. Ohne diesen ihren Schutzgeist hätten sich vielleicht die Juden in Deutschland nicht behaupten können. Denn die Vertreibung derselben aus Spanien wirkte ansteckend. Fürsten und Städte planten seitdem, sie auch aus den deutschen Gauen zu weisen. Um aber diese Grausamkeit zu rechtfertigen, wofür nicht wie auf der pyrenüischen Halbinsel der Vorwand geltend gemacht werden konnte, daß ihre Anwesenheit zum Schaden fiir die Nerichristen gereiche, daß diese zum Abfall von der Kirche verführt würden, wurde die Lügenmäre von Christenkindermord und Hostienschändung durch Inden noch häufiger verbreitet. Um recht viele Juden in die Beschuldigung hineinzuziehen, wurde immer hinzugefügt, von dem Kinderblut sei nach solchen Orten versandt worden, wo viele und reiche Juden wohnten. H Die Dominikaner, welche in Spanien die Ausweisung der Juden durchgesetzt hatten, betrieben mit der ihnen eigenen Schlauheit und Beharrlichkeit denselben Plan für Deutschland. Sie stellten die Juden als Schreckensgespenst dar, das nach dem Blute von Christenkindern lechze. Und Kaiser Maximilian, welcher von seinem Vater die Mahnung erhalten hatte, die Juden vor verläumderischen Anschuldigungen zu schützen, war kein fester Charakter, vielmehr allen Einflüssen und Einflüsterungen zugänglich, und hat den Rat seines Vaters nicht immer befolgt. Sein Verhalten gegen die Juden war daher stets schwankend; bald erteilte er ihnen Schutz oder sagte ihn ihnen wenigstens zu, bald bot er die Hand, wenn auch nicht zu ihrer blutigen Verfolgung, so doch zu ihrer Ausweisung und Demütigung. Ten lügenhaften Anschuldigungen gegen sie von Hostienschändung und Kindermvrd schenkte auch Kaiser Maximilian hin und wieder Gehör. Daher kamen während seiner Zeit nicht bloß Jndenvertreibungen in Deutschland und seinen Nebenländern vor, sondern auch Judenhetzen und Marter. Des Todes durch die Folter, des Märtyrertodes, waren sie so sehr täglich gewärtig, daß eigens ein Sündenbekenntnis für solche Fälle formuliert wurde, damit die unschuldig Angeklagten, wenn zum Abfall aufgefordert, ihr Bekenntnis mit dem Tode besiegeln und sich freudig für den einzigen Gott hingeben sollten. Wurden Juden irgendwo mit Bewilligung oder durch Passives Verhalten des Kaisers ansgewiesen, so hatte dieser kein Bedenken, ihre zurttckgelassenen liegenden Gründe für sich einziehen und zu Geld schlagen zu lassen. Gleich in den ersten Jahren seiner Regierung Vertrieb er die Juden von Steiermark, Kärnthen und^K r a i n. Die Landstände *) Aktenstück in Revns XVI, 237 R., nt ilixernnr .Inilnei nrln'8 Hinnktmt: Incknei trnnsinisernnt nnvAm'new nck eivilntes et wen nl>i stivites moinntnr ckmlnsi. Vertreibung uns Nürnberg. 4!» und Prälaten dieser Striche hatten Klagen erhaben, daß die Juden die Sakramente geschmäht, daß sie junge Christen jämmerlich gemartert und umgebracht, Blut van ihnen gezapft, es zu ihrem verdammlichcn Wesen gebraucht, daß sie durch gefälschte Briefe und Jnsiegel Christen betragen und in Armut versetzt hätten. Sie hatten ferner dein Kaiser 40 000 Gulden als Schadenersatz für den Ausfall der Judensteuer geboten, wenn er deren Vertreibung bewilligen wolle. Maximilian, obwohl einsichtsvoller und gebildeter als sein Vater, hatte alle diese Anschuldigungen für Wahr angenommen oder sich gestellt, als glaube er alles, und demzufolge ein Dekret erlassen l^> März 1496)/) daß die Juden bis zum Januar des folgenden Jahres bei schweren Strafen diese Länder zu verlassen hätten. Auch den zeitweiligen Aufenthalt oder die Durchreise von Juden daselbst erschwerte er ungemein. Indessen hatte Maximilian doch so viel Menschlichkeit, den Ausgewiesenen ireue Wohnplätze in M a r ch e k und E i s e n st a d t anznweisen und den Bürgern dieser Städte zu befehlen, sie um billigen Mietzins so lange zu beherbergen, bis sie sich Wohnhäuser erbaut haben würden. Auch gestattete er ihnen kurz vor dem Ausweisungstermi» wegen des strengen Winters und anderer Hindernisse noch etwas länger im Lande bleiben zu dürfen. Aber endlich mußten sie doch auswandern. Ihre Häuser, Synagogen und Friedhöfe, welche die Bürgerschaft nicht ankaufen wollte, um sie umsonst zu haben, wurden vom Kaiser veräußert und verschenkt. Tie Nürnberger Gemeinde verjagte der Kaiser zwar nicht geradezu, aber er erteilte den Bürgern die Erlaubnis dazu — um schnödes Geld. Und da machte noch die Christenheit den Inden ungerechten Geldgewinn zum Vorwurfe, während sie — eigentlich doch nur die Reichen — allenfalls solches Unrecht nur im kleinen begingen! Der Hintergrund zur Vertreibung der Juden aus Nürnberg um diese Zeit ist dunkel. 2 ) Mißhelligkeiten bestanden zwischen ihnen und dem ehrsamen Rat seit langer Zeit wegen Einführung einer neuen Ordnung oder Reformation des Gemeinwesens mit beschränkenden Punkten gegen sie, deren Ungesetzlichkeit sie behauptet hatten. Gleich nach F Ulkunde darüber in 560, Einl. dazu erst nach nacum Bl. '2 : 122 2 ?! 8"> 2 " 28.82 '»i8n pnr.8 8' 211 - ',8-ni ,8N81 Np» -l-o 8VN 8v 2"' nn-.n w8s8 120888 8"! 8^2-81 8-N2 '->.12 18-2^.88 ^8181811 871p v,8'8 12! ,882 81^8 ,'8-' .8,888!. Graeh, Gcichichtc der Juden, IX. 4 50 Geschichte der Juden. Maximilians Regierungsantritt ging ihn die Bürgerschaft an, die Ausweisung der Jndenschaft „wegen loser Aufführung" zu gestatten. Diese „lose Aufführung" formulierte sie in den Anklagen, daß die Inden durch Aufnahme fremder Glaubensgenossen ihre Zahl über die Norm vermehrt, daß sie übermäßigen Wucher getrieben und mit Schuld- fvrdernng Betrug geübt, dadurch die Verarmung von Handwerksleuten herbeigeftthrt, und endlich daß sie schlechtem Gesindel Herberge gegeben hätten. Um den Haß gegen sie rege zu machen, ließ der reiche Bürger Antonius Koberger die giftgeschwollene jndenfeindliche Schrift des spanischen Franziskaners Alfonso de Spina auf eigene*) Kosten drucken, welche die Lateinischkundigen, d. h. die gebildeten Klassen, in dein Wahne bestärken sollte, daß die Juden Gotteslästerer, Hostienschänder und Kindesmörder wären. Nach langem Petitionieren gewährte endlich Kaiser Maximilian die Bitte des Rates „wegen der Treue, welche die Stadt Nürnberg von jeher dem kaiserlichen Hause erwiesen", hob die Schutzprivilegien der Inden auf, erlaubte dem Rate, eine Frist zur Vertreibung festzusetzen, verlangte aber, daß die Häuser, Liegenschaften, Synagogen und selbst der Friedhof dem kaiserlichen Fiskus zufallen sollten. Er räumte noch dazu der Stadt Nürnberg das Privilegium ein, niemals mehr Juden aufnehmen zu müssen (5. Juli 1498). Nur vier Monate bewilligte der Rat anfangs zur Vorbereitung für die Verbannung — und im Rate saß damals schon der gebildete, mit Tugend und Humanität nur sich werfende Patrizier Willibald Pirkheim er, später eine Säule des Humanistenkreises. Auf das Flehen der Unglücklichen wurde ihnen die Galgenfrist um noch drei Monate verlängert. Aber die Juden, von den Schöppen in die Synagoge zusammengerufen, mußten einen Eid leisten, daß sie bis dahin bestimmt answandern würden. Endlich verließ (10. März 1499) die ohnehin sehr heruntergekommene und geschwächte Gemeinde Nürnbergs die Stadt, wo sie sich nach dem Ende des schwarzen Todes wieder angesiedelt hatte. Der Rat war noch menschlich genug, den Abziehenden einige handfeste Männer zum Geleite mitzngeben, um sie vor Mißhandlungen zu schützen. Die Liegenschaft der ausgewiesenen Juden fiel dein Kaiser zu, der sie für 8000 Gulden der Stadt überließ. Die Verbannten wollten sich anfangs in Windhei m niederlassen, und sie hatten eine Fürsprecherin an der Markgräfin Anna von Brandenburg, welche für sie diese geringe Gunst erwirken wollte. Aber der Rat versagte ihnen *) Das Uortalitinm ücier Alfonso de Spinas ist zuerst Nürnberg, Febr. 1464, „iinnsnüis .Intonii Koberger" gedruckt worden. Über die Schrift vergl. B. VIII g S. 228 f. Koberger war ein Patrizier und mit dem Angesehensten dieses Standes, mit Willibald Pirkheim er, befreundet, wie aus Huttens Briefwechsel mit dem letzteren hervorgeht. Quälerei der Juden von Regensburg. 51 auch diese geringe Erleichterung. So wanderteu die meisten der ausgewiesenen Nürnberger Juden nach Frankfurt a. M., und wurden dort unter leidlichen Bedingungen ausgenommen. Man erzählte sich, daß zwei Schöppen von Frankfurt sie geradezu eingeladeu hätten, sich in ihrer Mitte niederzulassen, weil sich die Stadt bedeutende Vorteile davon versprach. Dafür wurden diese Ratsherren von einem Geistlichen nbgekanzelt, weil sie Unglücklichen ein Obdach gewährt hattenU) , Um dieselbe Zeit wurden auch die Juden anderer deutscher Städte ausgewiesen, aus Ulm, Nördlingen, Kol mar und Magdebur g.U Ter Regensburger Gemeinde, damals der ältesten in Deutschland, erging es noch schlimmer, und sie vernahm bereits die Warnungsstimme, sich auf Verbannung gefaßt zu machen. Seitdem die Bürger dieser Reichsstadt durch die Händel mit den Juden wegen falscher Blutanklage von seiten des Kaisers Friedrich Demütigungen und Geldverlust erfahren hatten, war die ehemalige Verträglichkeit zwischen Juden und Christen daselbst geschwunden und hatte Verbitterung und Gehässigkeit Platz gemacht. Der Ingrimm gegen den Kaiser, daß er den Juden Schutz gegen verläumderische Anklagen gewährt, hatte den Leitern der Stadt den unglücklichen Gedanken eingegeben, sich der kaiserlichen Oberherrlichkeit zu entziehen und sich unter die unmittelbare Herrschaft des ländersüchtigen Herzogs Albert von Bayern-München zu begebeu. Diese Lossagung vom Kaiser hatte aber zu unangenehmen Verwicklungen geführt, der Stadt Regensburg die Unabhängigkeit gekostet und ihr bedeutende Verluste sowie Verarmung eingebracht. Der Kaiser Maximilian hatte ihr gar einen Reichshauptmann aufgezwungen, welcher Rat und Bürgerschaft als seine Leibeigene behandelte und sie im Zaum hielt. Anstatt alle diese aufeinanderfolgenden Unfälle ihrem eigenen Unverstände beizumessen, beschuldigte die Bürgerschaft die Juden als Urheber ihres Verfalls und ließ ihren Unmut an denselben aus. Die Pfaffen, verbittert, daß ihr Anschlag gegen die Juden mißlungen war, fanatisierten die Bolksmasse täglich mit bitterer Galle gegen sie und predigten geradezu, „die Juden müßten ausgeschafft werden".U Infolgedessen wollten ihnen die Müller kein Mehl, die Bäcker kein Brot verkaufen <1499); die Geistlichkeit hatte die Handwerker mit Entziehung der Kommunion bedroht, falls sie den Juden Lebensmittel zukommen ließen. Auch der Rat sann engherzig darauf, Plackereien gegen sie zu dekretieren. A» manchen Tagen dursten die Juden auf dem Markte gar nicht, an y Scliudt a. a. II. S. IKO, h Pfefferkorn im Brandfpiegel D. b. Über die Vertreibung aus Magdeburg (eigentlich Judendorf) I4S3, f. Güdemanu, Gesch. d. I. in Magdeb. 1866. H Gemeiner, Negensburgische Chronik IV. S. 27 f. 4 * 52 Geschichte der Juden. anderen nicht vor einer bestimmten Tagesstunde und erst nach den Christen ihre Einkäufe an Lebensmitteln machen. Den Christen wurde „bei des Rates ernsthafter Strafe" untersagt, für Inden Einkäufe zu machen, und daß ein jeder die Ehre Gottes und seine Seligkeit zu Herzen nehmen möge", herzlos gegen die Juden zu seiu.H Die Gequälten klagten bei ihrem nächsteuSchutzherrn, demHerzog von Bayern- Landshut, daß keine Stunde des Tages vergehe, in der sic vor Mißhandlungen sicher wären, wenn einer von ihnen mit Christen zusammenträfe.-) Aber dieser konnte oder mochte ihnen nicht helfen. Einen Augenblick glaubten sie, besseren Tagen entgegensehen zu können, als sie durch den Tod des Herzogs Georg von Laudshnt aus diesem scheinbaren Schutzverhältnisse in das des Kaisers, und zwar als Erzherzogs von Österreich, übergingen und ihm ihre Steuern zu zahlen hatten (seit 1504). Aber dadurch, daß sie sich an die verhaßte Fremdherrschaft anlehnten, wurden sie von der Bürgerschaft nur uoch scheeler angesehen und von der Geistlichkeit nur noch mehr geächtet.H Der Rat beschäftigte sich bereits ernstlich mit der Beratung, den Kaiser Maximilian anzugehen, seine Zustimmung dazu zu erteilen, die Juden aus Regensburg zu vertreibeu uud allenfalls etwa vierundzwnnzig Familien zu behalten.Z Nur uoch wenige Jahre waren ihnen vergönnt, ein elendes Leben daselbst zu führen. Wetterwendische Willkür bewährte Kaiser Maximilian recht oft in seinen Erlassen bezüglich der Juden. Er hatte den Bürgern der Elsässischen Stadt Obernai, deren Roheit die jüdischen Einwohner ihrer Stadt und die Umherreisenden bis aufs Blut verfolgte, bei seiner Ungnade befohlen, die ausgewiesenen Juden wieder anfzunehmen und ihnen kein Leid zuzufügen. Kanin zehn Jahre später (1507) erlaubte er dem Magistrat von Obernai, die neu Angesiedelten wieder zu vertreiben und Juden überhaupt die Berührung des Staatsgebietes zu verbieten.") Im ganzen gab es mit Regensburg nur noch drei große Gemeinden in Deutschland, nämlich in F- r a n k surt a. M. und W o r m s ,ch und auch diese wurden öfter mit Verbannung bedroht. In Prag wohnten zwar sehr viele Juden,Z aber diese Stadt wurde damals nicht zum eigentlichen Deutschland gezählt, sondern als Haupt- >) Gemeiner, das. S. 33, Sv -) Das. S. 63 Das. S 85, >17 ff. h Das. S. 161 . °) Aktenstück Revue XVI. 102, Josetin Tagebuch das. 87 Nr. 4 und Revers XIII. 67 f. ") Pfefferkorn in einigen seiner Schmähschriften, in, folgenden Kapitel. y Rpistolas obseuroi um virornm (Dnnkelmännerbricfe) II. Nr. 16, (8a- lutsa vokis ptm'Skh HmtM 8,t7!.k . . . Die Juden in Böhmen. 5i! stadt eines eigenen Kronlandes, über welches Ladislaus, zugleich König von Ungarn, sozusagen regierte. Dieser König war, obwohl ein Sohn des judenfreundlichen Polenkönigs Kasimir IV./) keineswegs den Juden wohlwollend gesinnt. In Ungarn sah er mit Gemütsruhe an, wie die Juden der Freistadt Tyrnau zuerst gefoltert und dann verjagt wurden, weil sie — die erste Anschuldigung gegen sie in Ungarn— sich des Blutes von Christenkindern zu allerhand Mitteln, zur Stillung des Blutflusses, zu Liebestränken bedien' hätten.?) Die böhmischen Juden hatten es unter Ladislaus nicht besser; das Judenquartier in Prag wurde öfter von Pöbelhaufen geplündert. Die Vertreibung der Juden war ein Herzenswunsch der Bürger. Doch hatten die Juden auch ihre Gönner, namentlich unter dem Adel. Als auf einem Landtage die Frage wegen Ausweisens oder Verbleibens der Juden zur Sprache gekommen war, ging der Beschluß durch (7. August 1501), daß sie von der Krone Böhmen in ewigen Zeiten geduldet werden sollten. Wenn der eine oder der andere unter ihnen sich gegen die Gesetze verginge, sollten die Schuldigen allein bestraft, und deren Verbrechen nicht an der Judenheit insgesamt geahndet werden. Der König Ladislaus bestätigte diesen Landtagsbeschluß, um ihn nur zu bald zu brechen, denn die Prager Bürgerschaft war dagegen und gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn zu vereiteln. Sie nahm den König so sehr gegen die Juden ein, daß er ihre Ausweisung bestätigte und diejenigen Christen mit Verbannung bedrohte, die sich unterfangen sollten, eine Fürbitte für die Juden einzulegen. Dennoch blieben sie im Lande,?) inan weiß nicht, durch welche günstige Fügung. Die Unsicherheit der Zukunft bewog indes eine Anzahl jüdischer Familien nacb Polen auszuwandern, von denen ein Teil sich in Krakau ansiedelte.ch Täglich der Ausweisung gewärtig, gewöhnten sie sich, sich an dem flammenzuckenden Krater anzubauen. Ein Abkömmling der italienischen Drnckerfamilie Soncin, Gerson Kohen, legte eine hebräische I/eretrles« In. Ha-nberA«, .Irtl/mes In Unrem-berA», In, lU'aA» Unckael, tlolonlno IVrttrlsael, Llerlol In Ilerblpoll. h B. VUU S. 290 fg. k- h Über die Verfolgung von 1494 in Tyrnau, Löw, nach Bonisacius Quelle in Zeit, des Judentums, Jahrg. 1839, S. 539. ?) Vergl. darüber v. Hcrrmann, Geschichte der Israeliten in Böhmen, S. 40 f. S. 53; Wolf, Aktenstücke Naskir, Jahrg. 1861, S. 149. U Lateinisches Aktenstück bei Osaeki von den Juden x. 44, wo von ack- ventms Lobsmornm die Rede ist. Die Einwanderung muß lange vor 1519, dem Jahre der Entscheidung des Königs Sigismund I. in dem Streit um eine Synagvge in Krakau stattgesnnden haben. 54 . Geschichte der Juden. Druckerei iu Prag au (um 1503)/) die erste iu Deutschland, beinahe vier Jahrzehnte nach der Entstehung hebräischer Offizinen in Italien. Viel Gelehrsamkeit scheint damals in der Prager Gemeinde nicht heimisch gewesen zu sein; denn die Gersonsche Druckerei lieferte in einer geraumen Zeit nicht ein einziges wissenschaftliches Werk, nicht einmal ein talmudisch-rabbinisches, sondern sorgte nur für den Shna- gogenbedarf,. während die italienischen und türkischen Druckereien wichtige Schriften aus der ältern Zeit und der Gegenwart verbreiteten. Nur eine einzige rabbinische Autorität Prags wird aus dieser Zeit genannt, und diese, Jakob Polak (geb. um 1470, gest. um 1530)/) der eine neue Auslegungsweise des Talmud angebahnt hat, war ein Ausländer. Er war nächst seinem Namensverwandten im Morgenlande, Jakob Berab, der gründlichste und scharfsinnigste Talmudist dieser Zeit. Merkwürdigerweise sollte die staunenswerte Fertigkeit den Talmud zu behandeln, welche erst in Polen ihre höchste Ausbildung erhalten sollte, von einem geborenen Polen ansgehen. Ein Jünger des Jakob Margoles (Margolit) von Nürnberg, wurde Jakob Polak in den bayerischen Talmudschulen in jenes spitzfindige Spiel von Fragen und Antworten über talmudischeThemata eingeführt, welches von den Städten, wo es im Gebrauche war, den Rainen Nürnberger, Regensburger und Augsburger erhalten hatte.Z Aber er machte das Spiel zum Ernste. Obwohl diese Methode der Talmndauslegung einen eigenen Namen erhalten hat — Pilpul —, so läßt sich doch keine faßliche Vorstellung davon geben. Es ist ein Aufwand von Scharfsinn zu geringfügigem Erträgnisse, das Ausführen eines Riesenbaues aus Sandkörnern, eine Kombinationskunst, welche das Entfernteste in nahe Beziehung zu bringen versteht, eine Haarspalterei, welche zugleich Staunen und Lächeln erregt. Jene Sophisterei der Pumbaditaner, die von den Talmudisten selbst verspottet wurde, daß sie ein Seil durch ein Nadelöhr zu bringen wüßten, wurde von der Pilpul-Methode des Jakob Polak noch bei weitem überboten. Diese Tisputierkunst, die ein Seitenstück an der Scholastik der mittelalterlichen Universitäten hatte, wurde zwar von manchen Talmndkundigen getadelt, brach sich aber dennoch Bahn, weil u Znnz, znr Geschichte, §. 261 f. S 270 ; dessen Analekten in Geigers Zeitschrift V. S. 30 ; Eisch »nd Grnber sect. II, B. 28 . Artikel; jüdische Typographie, S. 5 2 . ch Bgl. über ihn Note 2 und R. Brüll Jahrbücher VIII 31 f. 0 ) Jesaia Hvrwitz, 1-12.1 imb mr- (1-^2-) zn ii>i22- '22 g. I 8 l a; 2.1 i-i-i h-i i:i>-2 121 (1.-.1122-ich i^>-i22">8 . 2--128- 2-2122 -,-iib m-.11 1111 p - 1181 812 81121 8M.1 18 1281 28- ^2 11221.12 ;2I (lZ1IL2>M,-l) 1121122- 1>:xi .1111 2") 211 128 111.1 7^22 21 ll-82 2-^21 Jakob Polak. i)O sie dem Hange der Menschen, etwas Neues zu Tage zu fordern, entsprach und Handhaben bot. Zu Jakob Polaks Ehre muß es aber gesagt werden, daß er den Mißbrauch, welcher später damit getrieben wurde, nicht verschuldet hat. Er war so vorsichtig, seine durch diese Methode erzielten Entscheidungen nicht durch Schrift oder Druck zu veröffentlichen oder zu verewigen. Nicht einmal eine Abschrift von seinen erlassenen Gutachten hat er angefertigt, weil er es einerseits als Hochmut ansah und anderseits befürchtete, die Spätem könnten seinen Entscheidungen blindlings folgen und sich an den Buchstaben klammern. H Als angehender Rabbiner hatte Jakob Polak sich etwas herausgenommen, wodurch er sich heftige Gegnerschaft und sogar den Bann zugezvgen hatte. Er hat e eine Frau aus einer reichen Familie, und seine Schwiegermutter hatte Zutritt zum böhmischen Hofe. Diese verwitwete Schwiegermutter hatte ihre zweite Tochter vor deren Mündigkeit (vor dem zwölften Lebensjahre) an einen Talmudkundigen David Zedners verheiratet, welche Verbindung sie aber bald so sehr bereute, daß sie die Auflösung der Ehe durchsetzen wollte. Da der Gatte aber auf Scheidung nicht entgehen wollte, so wollte die Schwiegermutter, von Jakob Polak belehrt, die Ehe durch die einfache Erklärung des mündig gewordenen Weibchens: „ich mag ihn nicht", aufgelöst wissen. Diese allzuleichte Ehescheidung unter solchen Umständen — nach talmudischem Gesetze allerdings halb zulässig — war aber seit einem halben Jahrhundert durch Menache m von Merseburgs) aufgehoben worden. Jakob Polak gab sich nichtsdestoweniger dazu her, entweder aus Gefälligkeit gegen seine Schwiegermutter, oder um den talmudischen Standpunkt festzuhalten, die Ehe seiner jungen Schwägerin ohne weiteres als aufgelöst zu erklären. Dagegen erhoben nun fast sämtliche Rabbiner Deutschlands nachdrücklichen Widerspruch, namentlich sein Lehrer Jakob Ai argoles kurz vor seinem Tod und Piuehas von P rag, und belegten ihn sogar mit dem BannF) bis er den ungesetzlichen Schritt aufgeben und U Israel b. Schachna i» Rs8i>n. Mose Jsserles Nr. 26: .isOu m?Op ILIO ">'1 O^lpO -gOV OOO.O O'O'O^.O O'OP.O OLtt . . . 1 l O L MIOOO O1^L> ".IO 'Ott UNttll Tiri'.l 1OO1L-O1 , POS OLP'L MO O'OOli> .OOO'O Op 'OVPO l'tt'OO 1'lOIO 'L'Sl 'Ol . . . . . . OIOOtt OL'ttO Ott 'O IPOS' OIO'O 'Itt POl' ->Ottl . . . MUNNP1 lON'OO O'.O OOOO P^IS Opp" >>1O NttO.N 1OO 'Ol OLP ttO ttOPO 'ttNOI .... '^p lOOO'v 'UPI Ml 'O M ttOPIO 'tt.OO O'UttlO >btt OIO'OO IP'OP.O ttl> PINOO lOOLL OO'.LO OIL' Ol OSO OIL' ttO.Oi'O O.O'UPO OLM .O'.O. Eine rabbinische Klügelei von I. Polak inbetrcff der Gebetzeit am ersten Abend des Wochcnfestes s. bei Jesaia Horwitz Ans. rnplsL "OO. B. VIll.g S. 137 fg. h Rsspp. Juda Menz Nr. >3; Salomo Lurja O- zn Traktat ösdninot XIII. Nr. 7, ohne einen Namen zu nennen und die Notiz Nr. 2. 56 Geschichte der Juden. seine Schwägerin entweder in das Haus ihres Gatten zurückführen oder ihre Ehe durch einen vorschriftsmäßigen Scheidebrief auflösen lassen würde. Diese Sache hatte so viel von sich reden gemacht, daß auch die rabbinische Autorität von ,Padua, Juda Menz, darüber gefragt wurde. Als auch dieser sich gegen Jakob Polaks Verfahren ausgesprochen hatte, sah sich derselbe nach rabbinischen Bundesgenossen um, fand aber nur einen einzigen, den ein Familienunglück gezwungen hatte, sich wider seine Überzeugung für ihn auszusprechen. Me'ir Pfefferkorn (in Prag?), ein Jünger des I o s e p h K o l v n, sah nämlich seine Frau und Kinder im Kerker schmachten und konnte seine Hoffnung nur auf Jakob Polaks Schwiegermutter setzen, daß sie, vermöge ihres Reichtums und Einflusses, sich für deren Befreiung verwenden und sie durchsetzen würde. Aber diese war unedelmütig genug, ihre Verwendung nur unter der Bedingung zuzusagen, wenn Met'r Pfefferkorn die Auflösung der Ehe ihrer Tochter ohne Scheidung durch ein rabbinisches Gutachten gutheißen würde. Ter unglückliche Gatte und Vater mußte darauf eingehend) und so konnte Jakob Polak sein Vorhaben trotz des Widerspruchs aller Rabbiner durchsetzen. Auf welche Weise er dein über ihn verhängten Bann entging, ist nicht bekannt geworden. Geschadet hat ihm. dieser Vorfall keineswegs, denn es scharten sich nichtsdestoweniger zahlreiche Jünger um ihn, und sein Lehrhaus wurde tonangebend, sowie seine talmudische Auslegungskunst so sehr Mode wurde, daß fortan sich fast sämtliche rabbinischen Schulen damit befreundeten und denjenigen nicht für ebenbürtig oder für einen Schwachkopf hielten, der nicht imstande war, den Talmud auf dieselbe Weise zu behandeln. Polaks Schule verpflanzte einer seiner Jünger und Ebenbild nach Polen und gründete ihr dort erst die rechte Heimat. Nächst Italien und der Türkei war Polen in dieser Zeit eine Zufluchtsstätte für die Gehetzten und Ausgewiesenen, namentlich aus Deutschland. Hier — wozu auch Litauen durch Personalunion gehörte — waren die Juden weit besser gestellt, als in den Nachbarländern jenseits der Weichsel und der Karpathen, obwohl der Mönch Capistrano das gute Verhältnis zwischen dein Königtum und den Juden auf einige Zeit gestört hatte.2) Die Könige und der Adel waren auf sie gewissermaßen angewiesen und räumten ihnen in der Regel, wem: nicht andere Interessen ins Spiel kamen, Rechte ein, weil sie mit ihren Kapitalien und ihrem Handel den Bodenreichtum des Landes in Fluß brachten und die für ein geldarmes Land so unentbehrliche Barschaft verschaffen konnten. Zolles Bergt. Note 2. 2 ) B. VIII g S. 203. Tie Juden in Polen. 57 pocht nnd Brmmtweinbrennereien waren größtenteils in den Händen der Juden. (Ls verstellt sich von selbst, daß sie Äcker besaßen, und nicht bloß Handel/) sondern auch Handwerke betrieben. Gegen 500 christliche 0 Für dir Stellung der Jude» in Polen im XVI. Jahrhundert führt inan gewöhnlich einen Passus des päpstlichen Legaten Commendoni an, welcher zweimal sämtliche zu Palen gehörige Landesteile in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts bereist hat. Derselbe, der von vielen zitiert und nur von wenigen gelesen wurde, nicht einmal von dem kundigen 6naeüi, lautet bei Gratiain vita .lvliaiiuis Lomiueiicloni II. o. tö in dem Bericht über Russin.: .lmlaeorum gnogus das Akutes aelmixtaiu multitueliukin badeut, uou ut in pieiisgns loeis iuopein vitam loenore er ssrvitibns operidns toisrautium — guamgnaiu »s live gnüleni uensre gnasstus adstineaut , seel gut er ag-ros possiiieant er meicatnrau, saciant er litrsiarum guogus stueliis, maxiius astroium et lueriieinae se sxeolaut et Isrs vsetiZ'alibu» pubiieis piassint, ae all Iiousstam tortunaw psrveuiaut, ut non asgneutur inoelo iuZ-euuis, seri iuterrlurn st.iaiu iiupsreut. Xec tSAUinsnto capitis ut apull aüos aut uüa oinnino insiAui re a Liiilstiauis (tistiiiAUNnlui', rpiia aima feruut, et cum tslis inosullunt st plane aeguo cnin aliis fürs vivers viclsntur. Ferner kann dafür angeführt werden ein Passus aus einem Ilssponsnm des Mose Jsserlcs (Nr. 95), das; der Judenhaß in Pole» nicht jo stark war, wie in Deutschland: - 2222 » : 2222 - -^-S1 . . . 22^1 22i- 21-22 1122.-S P2S2 2S2-22- -22i2S >2 -iS ll-i-L-2 12'2i- g,2S'2 2I^V -P22-2 12S12- ;-S 2 2-S . . . . (/iS 21222 ) li-^2 211-222 -2 2:ivl 22'22 ns 'SIS 2-2P 1122 -S 21'222 -22 - 1 ' 2 >- 2221 . Auch das. Nr. 63: ns 2 -S 22 2 -X 12 22 s 2 >: 2 ' 2 .r 'S2-2 '2 '212: .... 22-I2S2 222 ^222L- 11 2222 222 2NS2L, 221>s 21-222 22PL> 22:22 22'-,- 2IP2 'S- 22-22 2'S2 ^S'2>- .222 i"2 ,22^S (pchs) 2SI2 PIS 2 1l(- 22 122 PSNL- 21212 ' 2 ' 22 S 2 - 22-21 ' 2,22 2 b 22 'S, 221 S. Zwar gehören diese Zeugnisse von christlicher und jüdischer Seile der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts an, aber zwei Notizen ans dem Anfang des Jahrhunderts sagen dasselbe aus. Sie stammen von Jndenieinden und sind deshalb »m so glaubwürdiger. Viktor von Karben berichtet in seinem judenseindlichen Buche äs vita et morrdus luüae- ornm vom Jahre 15es laraelites cks UoloAiis 18in) ihre Nachricht größtenteils geschöpft. Einige interessante Aktenstücke hat Perles anfgefnnden und abgedruckt in: Geschichte der Juden in Posen, Anhang. Sekundäre Quellen sind hinzngekomnien: Kraushaar, Geschichte der Juden in Polen 1886; Berson, Anhang zur Biographie des Arztes Tobias Rophe: I. M. Znnz p-w.i Anhang zur Geschichte der Gemeinde von Krakau 1871, Hermann Stcrnberg, Geschichte der Juden in Pole» 1878. 2) Bei sCommendoni oben S. 57 bei Berson und Ziinz. Onaebi führt den Bericht des polnischen Gesandten in Rom an den König Alexander an, daß sechs polnische Inden die Universität von Padua besuche». Tie Juden in Polen. 50 bei Krakau) oder sie hier und da aus Städten ganz answiesen.') Doch schon ihr nächster Nachfolger Sigismund I. (1506 bis 1548) war ihnen günstig und schützte sie öfters gegen Verfolgungen und Ausschließung. Diese dauernde Begünstigung empfanden sie indes nur solange, als der Bischof Tomizki und der Kanzler Szhdlowiezki den Staat leiteten, welche einsichtsvoll den Wert der Juden für das geldarme Land zu schützen wußten und Unbill gegen sie abwehrten, besonders so lange die Königin Bona, zweite Frau Sigismunds, ihren verderblichen. Einfluß auf die Regierungsgeschäfte nicht geltend machen konnte. Diese Königin aus dem Hause Sforza in Mailand, eine Nichte Ferdinands des Katholischen von Spanien, war zwar nicht ähnlich ihrer Cousine, der Königin von Portugal, welche keinen Inden sehen mochte und Schuld hatte an den Grausamkeiten des Königs Manoel gegen die portugiesischen Juden (Vlllg S. 377 f). Die Königin Bona hatte doch wenigstens eine Art Vorliebe für zwei jüdische Frauen, Mutter und Frau des Rabbiners MI' se Fis ch e l, und ihretwegen befreite der König diesen und die beiden Frauen von der Judensteuer.^) Nichtsdestoweniger war ihre Einmischung in die Regierung verderblich für die polnische Judenheit, zumal als die lutherische Reformation sie zur verfolgungssüchtigen Katholikin umgewandelt hatte. Die kräftigste Stütze hatten aber die polnischen Juden an dein polnischen Adel, der die deutschen Städte ans nationaler und politischer Antipathie haßte und daher die Juden zum eigenen Nutzen und als Werkzeug gegen die anmaßenden Deutschen begünstigte. Und da die Adeligen zugleich die Palatine, Wohwoden und hohen Beamte waren, so blieben die beschränkenden Gesetze gegen die Juden — zum Verdruß der Geistlichkeit und der deutschen Zünftler — öfter toter Buchstabe. Polen blieb daher ein gesuchtes Ashl für die irgendwo verfolgten Juden. Wollte sich ein zum Christentum übergetretener Jude, oder auch ein geborener Christ frei zum Judentum bekennen, so konnte er es eben so gut in Polen tun, wie in der Türkei. Günstiger noch als in Groß- und Kleinpolen waren die Juden in Litauen und den dazu gehörigen Landesteilen gestellt, die nur durch die Person des Königs mit Polen vereint waren. Die Rabbiner waren für die Krone wichtige Mittelspersonen; sie hatten die Befugnis, die Kopfsteuer von den Gemeinden einzuziehen und an die Staatskasse abzuliefern. Daher wurden die Rabbiner- großer Städte vom König gewählt oder bestätigt, galten als offizielle Obrigkeit zur Verwaltung der Genreindeangelegenheiten und vertraten sie bei der Krone. Sigismund I. ernannte gleich nach seinem Regie- '> Bei Oriaeki und anderen Quellen. 2) Bei Ziinz p. 17. Note. 60 Gesclücbte der Juden. rungsmitritle M i ch n e l v v n Brzecz zum Grvßrabbiner von Litauen; er hatte seinen Sitz in Lstrvg.H Tie Rabbiner behielten, wie bisher, die bürgerliche Gerichtsbarkeit; aber auch die peinliche wurde ihnen hin und wieder eingeräumt, unwürdige Mitglieder zu verbannen und sogar mit dem Tode zu bestrafen?) Michael von Brzecz inachte von dieser Befugnis Gebrauch, als sich zwei Juden an der Insurrektion des Krvnmarschalls Glinsk h beteiligten. Er verhängte über sie, als Verräter an Gott und dem Könige, den Bann, den er durch Posaunen in Litauen bekannt machtet) Er wollte aber seine Befugnis sogar über die in Litauen wohnenden Karäer ausdehnen, welche etwa ein Jahrhundert vorher aus der Krim oder Südrnßland eingewandert waren und ihren Hauptsitz in Trok und Luck hatten^) und vom Herzog Witold berufen worden waren, der ihnen Privilegien eingeräumt haben soll. Diese Privilegien soll Kasimir IV. ihnen bestätigt haben. Es entstanden daher Streitigkeiten zwischen Rabbaniten und Karäern; denn diese behaupteten, da sie ein anderes Judentum bekennten, so unterlägen sie nicht der Gerichtsbarkeit der Rabbiner. In der Tat war es ein Gewissenszwang, den ihnen Michael auflegen wollte. Ter Kanzler G a st h o l d entschied daher auch zu ihren Gunsten, daß die Privilegien der Rabbaniten keine Anwendungen auf die Karäer haben sollten?) h o^aoüi a. a. O. p. 86 aus Urkunden. 2 ) Dieses Verhältnis von der eigenen jüdischen Gerichtsbarkeit in Polen auch nach der Zeit der beiden Kasimire folgt ans einem Privilegium des Königs Sigismund August für die Posener Gemeinde, das Oinroüi nur abrupt zitiert (das. p. 90, Note), das Perles aber vollständig mitgeteilt hat (aus dem Archive der jüdischen Gemeinde in Posen, a. a. O. Seite 24): vsnigne si nliguos luäasos äiseolo8 tövaxvlovs) et in lkAem üuäkueain pseeantee ip8i llnüasi per Leni- oree 8no8 snxta. morsm 8num eorriKsre, ea8tiZ;ars et pnnire in ennetidrm sxee88ibn8 vel eriwinibn8 vel etism nrbs äepsllsrs st sxtnrbars ant vira privars psrrsxsrint, nt in so nnila-in ilÜ8 üilticnlta.tsiu et imxsäimentnin a. kalntinis tune et pro tempore existsntilnm imponatnr. Ans dem Tenor snxta. morem 8uuin geht mit Entschiedenheit hervor, daß die Befugnis zu peinlicher Gerichtsbarkeit kein neues Gesetz, sondern nur die Erneuerung eines altern war und anfgefrischt wurde, um die Behörden anznweisen, dem jüdischen Gerichte kein Hindernis in den Weg zu legen. Auch aus einem Passus der Le88p. Moses Jsserlcs folgt, daß die Juden überall in Polen dieselbe Befugnis hatten (Nr. 45): bpll.n oi'm (pa' 12 ) ll'mip.n pina muLiv L" or .npixi.i,. Pergl. US88P. Meir Lublin Nr. 138. o) Bei Sternberg S. 112 f. ^) Nissen, in '2112 1,1 p. 6a; s. Oaoüi das. p. 262. Ed. Neubauer, aus der Petersburger Bibliothek, S. 141 Nr. 58. b) Ornrelei, das. p. 267. Die Karäer scheinen aus Rache diesem Rabbiner Michael einen Brief unterschoben zu haben, dessen Inhalt den Rabbinismus bloßstellt. Er soll geschrieben haben: Unsere Gesetzbücher sind mannigfaltig, befehlen Verschiedenes. Wir wissen oft nicht, wie cs zu verstehen ist; wenn Die Juden in Polen. 61 In dem Lande, welches mehrere Jahrhunderte die Hauptheimat für den Talmud und die Pflanzstätte für Talmudjünger und Rabbiner werden sollte, welches gewissermaßen eine Zeitlang eine tälmudischc Atmosphäre hatte, in Polen, gab es im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts noch keine rabbinische Größe. Erst die zahlreich dort eingewanderten deutschen Talmudkundigen haben dieses Studium dort heimisch gemacht. Vou der Rhein- und Maingegend, von Baiern, Schwaben, Böhmen und Österreich hatten sich ganze Scharen jüdischer Familien an den Ufern der Weichsel und des Dniepr angesiedelt, und diese brachten nach dem Perlust ihrer Habe das Teuerste mit, was sie mit dem Leben verteidigten, und das ihnen nicht geraubt werden konnte, ihre religiöse Überzeugung, die Sitte der Väter und ihre Talmudkenntnisse. Die deutsche rabbinische Schule, der in der Heimat jeder Luftzug versperrt worden war, schlug ihr Zelt in Polen und Litauen, in Ruthenien (Reußen) und Volhynien auf, verbreitete sich nach allen Seiten und verwandelte sich unter der Hand, mit slawischen Elementen geschwängert, in eine eigenartige, in eine polnische Schule. Aber nicht bloß deutsche Talmndkunde haben die jüdisch-deutschen Flüchtlinge nach Polen verpflanzt, sondern auch die deutsche Sprache — in ihrer damaligen Beschaffenheit; sie impften sie den eingeborenen Juden ein und verdrängten nach und nach aus deren Munde die polnische oder ruthenische Sprache. Wie die spanischen Juden einen Teil der europäischen oder asiatischen Türkei in ein neues Spanien verwandelt haben, so machten die deutschen Juden Polen, Litauen und die dazu gehörigen Landesteile gewissermaßen zu einem neuen Deutschland. Die Juden Litauens und überhaupt Ostpolens bedienten sich zwar der Landessprache, Litauisch oder RussiuischZ) aber sie wurden deswegen von ihren dentschredenden Stammgenossen als Halbbarbareu angesehen. Mehrere Jahrhunderte hindurch zerfielen daher die Juden in spanisch redende und deutsch sprechende, gegen welche die Italiens als eine wenig zählende Klasse verschwand, da auch hier die Juden Spanisch oder Deutsch verstehen mußten. Das Gamaliel so befiehlt, ist Elcasar einer anderen Ansicht. I» Babylonien nnd Jerusalem sind verichiedene Wahrheiten. Wir gehorchen dein zweiten Moses (Maimuni), und die neuen nennen ihn „Ketzer". Lraetrl bei Kraushaar nnd Sternbcrg S. 112. So etwas kann kein Rabbiner geschrieben haben, cs klingt wie Persiflage eines Karaers gegen den Talinndisinns. *) Vergl. Ilesiip. llw'w nnwi zweite Abteilung von Me'ir Kaz (Bater des Sabbatar Kohen, 8vbaol>) aus dein 17. Jahrh., Res-w- Nr. 1i ii.-o-.-, >-n w' an . . . N'en'i siiv^ L'1212 021N c-L'sr; IWL'N 1 '!^ .INN NSL> ob- IIZN'I ,vxi p-m.n Mehrere Zeugenaussagen in diesen Response» sind in slawischer Sprache gehalten; vergl. I. B. Levisohn, bnnir-'v NUI-.N p. 34, Rote. 62 Geschichte der Juden. deutsche Wesen, die deutsche Unbeholfenheit und Biederkeit haben die in Polen angesiedelten Juden nach und nach abgelegt und überwunden, nur die Sprache nicht. Sie verehrten sie wie ein Palladium, wie eine heilige Erinnerung, und wenn sie sich auch im Berkehr mit Polen der Landessprache bedienten, im trauten Familienkreise, im Lehrhause und im Gebete behielten sie das Deutsche bei. Sie galt ihnen nächst dem Hebräischen als eine heilige Sprache. Es traf sich recht glücklich für die Juden, daß zur Zeit, als sich neue Leiden über ihren Häuptern in Deutschland sammelten, sie au der Grenze ein Land fanden, das ihnen gastliche Aufnahme und Schutz gewährte. Denn es brach damals ein Sturm in Deutschland aus, der sein erstes Wehen im beschränkten jüdischen Kreise hatte und nach und nach die Aufmerksamkeit der ganzeu Christenheit auf die Juden mehr als ihnen lieb war, lenkte. Eine weitreichende, weltgeschichtliche Geburt, welche Eurova umwandeln sollte, lag, sozusagen, in einer jüdischen Krippe. Drittes Kapitel. Die Reuchliii-Pfefferkoriische Fehde oder der Talmud ein Schibolct der Humanisten und der Dunkelmänner. Das Ausblitzen einer bessern Zeit; Pfefferkorn und die Cölncr Dominikoner, Hochstrate», Ortnin Gratius und Arnold von Tongern. Viktor von Karben und seine erzwungenen Angriffe ans den Talmud. Pfefferkorns oder der Dominikaner Schmähschriften gegen Inden und Talmud. Die Herzogin- Ablissin Kunigunde, Hilfsgenossin der Dominikaner 'gegen den Talmud. Erstes Mandat des Kaisers Maximilian gegen denselben. Konfiszierung der Exemplare in Frankfurt. Einmürbnng des Erzbischofs von Mainz. Das Augenmerk der Judenfeinde ans Nenchlin. Nenchlin und feine hebräischen und kabbalistischen Studien. Vereitelung der Konfiszierung durch die Juden. Wühlerei der Dominikaner. Mandat des Kaisers, ein Gutachten von den Universitäten, von Nenchlin, Viktor von Karben und Hochstraten über das jüdische Schrifttum einznholen. (1506 bis 1510.) Wer hätte das damals ahnen können, daß gerade von dem plumpen, allerwärts für dumm gehaltenen deutschen Volke, von dem Lande der Raubritter, der täglichen Fehden um die nichtigsten Tinge, der Zerfahrenheit politischer Zustände, wo jeder zugleich Despot und Knecht war, nach unten unbarmherzig tretend und nach oben erbärmlich kriechend, wer hätte es damals ahnen können, daß gerade von diesem Volke und diesem Lande eine Bewegung ausgehen würde, welche die europäischen Zustände bis in ihre Tiefen erschüttern, eilte neue Gestaltung der politischen Verhältnisse schaffen, dem Mittelalter den Todesstoß versetzeil und dem Anbruch einer neuen Geschichtsperiode das Siegel ausdrücken würde? Eine Reformation der Kirche und despolitischen Zustandes, welche erleuchtete Geister damals geträumt haben, hätte man am allerwenigsten von Deutschland erwarten können. Sollte von diesem Lande der größten Ohnmacht, wo der Kaiser selbst, der sich den Herrn der Welt nannte, vergebens befahl und drohte, und wo nur die kleineil Tyrannen, aber auch nur für kurze Augenblicke, etwas zu sagen hatten, voll diesem Lande sollte eine Kraftanstrengung ausgehen, welche die europäischen Völker verjüngen sollte! Gewiß, das schien den damals Lebenden als eine baare Unmöglichkeit. Uni> Geschichte der Juden. (i4 doch schlummerten in diesen: Volke stille Kräfte, welche nur geweckt zu werden brauchten, um eine Wiederverjünguug herbeizuführen. Unter den Dentschenherrschte noch die alte Lebenseinfachheit und Sittenstrenge, allerdings pedantisch nnd mit lächerlicher Außenseite, während in den tonangebenden romanischen Ländern, in Italien, Frankreich und Spanien, bereits Uberfeinerung, Übersättigung und sittliche Fäulnis eingetreten waren. Gerade weil sich bei den Deutschen die urger- manische Plumpheit am längsten behauptet hatte, konnte es den sittenverderbenden höheren Geistlichen nicht ganz gelingen, sie mit dem Gifte ihrer Lasterhaftigkeit zu verderben. Die niedrige Geistlichkeit war hier im Verhältnis zn der der übrigen europäischen Länder keuscher und verschämter. Der angeborene Sinn für das Familienleben und gemütliches Anschließen, welches die Deutschen mit den Juden gemein haben, bewahrte sie auch vor jener Zuchtlosigkeit, welcher die romanischen Völker damals bereits verfallen waren. Und gerade weil der deutsche Volksstamm schwerer zum Begreifen und unbeholfen zum Denken war, hatte er auch seinen Glauben und den Sinn für Recht und Wahrheit bewahrt und sie sich nicht gleich den übrigen Völkern durch Klügelei abhanden kommen lassen. In Rom und Italien verlachte man in den gebildeten Kreisen und am meisten am Päpstlichei: Hofe das Christentum und seine Glaubenslehren und klammerte sich nur an die daraus entsprungene politische MachtU) In Deutschland dagegen, wo inan außer in den Trinkstuben wenig lachte, machte man mit den: Christentums mehr Ernst, dachte es sich noch als ein Ideal, das einmal lebendig gewesen und wieder lebendig werden müßte. Aber diese sittlichen Keime im deutschen Volksstamme waren so sehr verborgen nnd vergraben, daß es günstiger Umstünde bedurfte, sie ans Licht zu treiben und als geschichtliche Mächte hervortreten zu lassen. Einen großen Anteil an der Erweckung der schlummernden Kräfte hatte — wie sehr es auch die Deutschen selbst verkennen — mittelbar der Talmud. Man darf kühn behaupten, daß der Streit für und wider den Talmud das Bewußtsein der Deutschen wachgerufen und eine ö f f e n t l i ch e M e i n u n g geschaffen hat, ohne welche die Reformation, wie so viele andere Versuche in ihrer Geburtsstunde gestorben, ja gar nicht zur Geburt gelaugt wäre. Eii: geringfügiges Gerolle hatte einen erschütternden Lawinensturz herbeigeführt. Das unscheinbare Saudkörnchen, welches diesen Sturz herbei- ftthrte, war ein unwissender, grundgemeiner Mensch, der Abschaum der Juden, welcher nicht verdient hat, daß von ihm in der Geschichte die Rede sei, den aber die Vorsehung bestimmt zu haben scheint, wie den Stinkkäfer, ein nützliches Werk wider Willen zu vollbringen. h Vergl. weiter »Men. Pfefferkorn und die Cölner Dominikaner. 65 Joseph Pfefferkorn *) aus Mähren war seines Handwerkes ein Metzger und selbstverständlich unwissend. Allenfalls verstand er Hebräisch zu lesen, aber nicht mehr als jederJude der damaligen Zeit, der nicht zum Gelehrtenstande gehörte. Mit der Verlogenheit, worin er eine Meisterschaft erlangte, behauptete er später von seinen: Vetter Me kr Pfefferkorn talmudische Gelehrsamkeit erworben zu haben; er konnte aber nur des Hebräischen unkundige Christen damit täuschen. Seine sittliche Verworfenheit war aber noch größer als seine Unwissenheit. Pfefferkorn beging einen Diebstahl mit Einbruch, wurde ertappt, dafür von den: Grafen von G u t t e n st e i n mit Kerkerhaft bestraft und nur auf dringendes Bitten seiner Verwandten und Erlegung von Strafgeld davon befreit. Diese Schmach, so scheint es, hatte er mit Taufwasser abwaschen wollen, und die Kirche war nicht sehr wählerisch, sie nahm auch einen solchen gemeinen Wicht auf, als er sich zur Annahme des Christentums in: sechsnnddreißigsten Lebensjahre mit Weib und Kindern meldete. Als Christ nah»: er den Namen Johannes an (um 1505?). In C ö l n scheint er die Taufe empfangen zu haben; jedenfalls wurde er dort von den unwissenden, hochmütigen und fanatischen Dominikanern gehegt und gepflegt. Hatten sie in ihm ein brauchbares Werkzeug erkannt, oder hat ihnen sein niedliches, lebhaftes, nicht allzu sprödes Weibchen gefallen??) Genug, die Cölner Dominikaner zeigten ihn: sehr viel Wohlwollen und bewirkte:: für ihn von: Bürgermeister den Posten eines Hospitnlaufsehers und Salzmessers. Ec hatte den Christen das Märchen aufgebunden, daß er ein Abkömmling des Stammes Naphtali wäre. Cölu war damals ein Enlennest lichtscheuer Großsprecher, welche den Anbruch 1 Vergl. über Pfefferkorn Note 2. Seinen jüdischen Namen Joseph gibt er in der Einleitung zn seiner ersten jndenfeindlichen Schrift „Jndenspiegel" an. Daß er aus Mähren stammte, folgt ans einer Notiz in epmtolas obseuroruiu virorum I, Hr. 38: Vsstsr lobannss ?Istkerkorn in 6olonia sst nnn8 pessiunm trnlator; nibil seit in Ilsbraso; ipss tact::8 K8t (lbristiainm, nt 8::am negnitiam oeenltaret. Hnanclo tnit acklme 1näasn8 in ikloravia, peren88it nnam innlisrsm in taciein, gnock non viäsret in banem ... et accepit pln8 gnain clnoent 08 Üoreno8 antnAienv. Er gestand selbst ein, des Diebstahls angcklagt gewesen zn sein, in Ostenmo contra Iaino8a8 epistolas obsonrornm virornm, kkr. 2b: tnernnt b?i PINN NN? NN n)zr> I2i'2i?> bnnvn Iren INN N'iene' onn NN (p. l7a). Erasmus bediente sich öfter der hebräischen Kenntnisse eines Konvertiten, Adrian von Löwen, bei seinen biblischen Arbeiten (Lrnsmi epistolns III, ^r. 36, 4V). Dagegen bemerkt Renchlin im Augenspiegel: „So ist bet: meynen Lebtagen ein Jnd in tcntschen Landen nie getauft worden, der den Talmud haben kinden, weder verstehen noch gar lehren, ußgenommen der Hochmeister von Ulm, der gleich darauf bald wieder Jnd' in der Türkei worden ist" (bei v. d. Hardt a. a. O. II, 22 b). 2) Lpeonlum bortationw U. II. o. 4, eol. 4 ff. Untrer verum esse, nsmiui snum per viro rnpisnclum esse, ns Inclneo etinm. InterroAv nune 70 Geschichte der Juden. daß es nicht billig wäre, das Eigentumsrecht der Juden auf ihre Schriften zu verletzen. Allein da die Christen sich dvch nicht scheuen, den Inden allerlei Gewalt anzutun, sie durch Steuern und Erpressungen aller Art zu bedrücken, und zwar nicht aus Bosheit oder Habsucht, sondern zugunsten der Juden, damit sie von ihrem Unglauben ließen, so sei dagegen die Konfiszierung ihrer talmudischen Schriften eine unschuldige Sache. Darauf ganz allein hatte es diese unter Pfefferkorns Namen erschienene Schrift abgesehen. Es war damals ein weit verbreitetes Urteil in Deutschland, daß die Cölner Nnchteulen mit Pfefferkorn dabei ein Geschäft machen wollten. Wenn sie auf die Fürsten und die öffentliche Meinung einwirken könnten, die Talmudexemplare mit Beschlag zu belegen — worüber dann die Dominikaner als gesetzliche Jnquisitionsrichter die Verfügung Hütten — so würden die deutschen Juden, die den Talmud nicht missen konnten, mit vollen Händen kommen, nur die Konfiszierung rückgängig zu machen. H Darum traten sie wieder unter Pfefferkorns Schild im nächsten Jahre mit dein gehässigen Inhalt einer Schrift „die I u d e n b e i ch t e" ( 1508 ) 2 ) auf, worin zuerst die religiösen Bräuche der Juden lächerlich gemacht werden, wie sie den Hähnen undHuhnern und Fischen beichten und dann ihre Beichtväter verzehrten. Dann aber werden die Christen vor dem Umgang mit ihnen, „als noch gefährlicheren Wesen, denn der Teufel selbst" gewarnt. Die Juden werden als Bluthunde bezeichnet, welche sich von dem Schweiße und dem Blute der Christen nährten. Es sei daher die Pflicht der Fürsten, sie zu verjagen; sind sie doch aus vielen Ländern, Frankreich, Spanien, Dänemark und vos: gugrs tum Zag.vis st multa. per vim psrsecutio iulertur? Hotorium sst, guocl umZuis vectiZalibus, eensibus, tsionsis pscuum pro tuitious st securitats ouerautur, quasi servum pscus ... et tätsos istos libros, quibus ssäucuutur st äetiusutur g vsritats, ankerte ab eis, in quibus blaspbsmautur sto. U Sehr drastisch schildert dieses Motiv ein Brief der epistolas obsenrormn virorum <11, Hr. 7): Ipse (kketkerboru) iustiZavit NbeoloZos Oolonias et ipsi instiZavsruut sum, st volusrrmt libros luäaeorum per totam ^Is- mauiam oomlmrsrs. Ut boo ksceruut proptersa, quoä luäaei ciebsreut vsuirs aä NbeoloZos et praetatum ?I. cum maZua pecuuia, oeeults äicsus: „ksrmittatis inibi libros meos, eoee bio babstis quaäraZiuta aureos." Ut aliqui äsäisseut libsuter centum atqus miUe. — Auch Reuchlin deutet dieses Motiv au iu dem Briefe an Colliu (Upistolas clarorum virorum II, 1l): kt'siksrborn — couatus, ut siuZuli Uebraei libri . . . coucrsmarsutur, vel potius . . . ut ante exscutiousm, si mauäatum illuä auro et arZeuto Zravi, ut ipsimst notavit, aliquauclo revocarstur,. particeps tisrst auri. Auch im Prolog zu Athanasius bemerkt Reuchlin i prokecto uescius illo tempore, quoä tbsoioZistarum cobors et miuistri aä spsm luturi sibi lucri alitsr cousuluissent. 2) Vergl. Note 2. Hetzerei gegen die Juden. 71 jüngst auch aus Nürnberg, Ulm und Nördlingeu vertrieben worden. Welcher Schaden und welcher Nachteil ist den Christen daraus erwachsen? „Billig sollt ihr jenen bei eurem Seelenheil Nachfolgen." Wenigstens sollte die Obrigkeit ihnen Geldgeschäfte zu treiben verbieten und sie zur Arbeit und zum Besuche der Kirche zwingen. Der Refrain des giftigen Büchleins von der „I u d e n b e i ch t e" ist, daß das jüdische Schrifttum an der Verstocktheit derselben Schuld sei, weil es die christliche Kirche schmähte. Eigen ist es, daß Pfefferkorn darin seine Genossen, die getauften Juden, zu geißeln für nötig hielt. „Alan findet manchen bösen Juden, der läuft in ein Land und läßt sich taufen, nicht daß er wäre Christ geworden, sondern um Geld zu verdienen, in Freuden und Wollust zu leben und seine Gunst besser verwerten zu können." Zuletzt kämen die Getauften wieder zu den Juden und sprächen: „Ich will nicht länger Christ sein. Und obschvn einige derselben bei den Christen bleiben, halten sie es doch heimlich mit den Juden." Wollte Pfefferkorn damit etwaigen Widerspruch gegen seine Gehässigkeiten von seiten anderer getaufter Juden verdächtigen? Jedenfalls hat er selbst Veranlassung gegeben, daß man seine aufrichtige Gläubigkeit stark bezweifelt hat. Nicht lange daraus (um Februar 1509) erschien unter Pfefferkorns Namen wieder in deutscher Sprache eine Flugschrift, über das jüdische Osterfest/) die an das Volk gerichtet ist und es geradezu zur Gewalttätigkeit gegen die Juden hetzt. Im Widerspruche mit der ersten Schrift klagt sie dieJuden an, daß sie es als Verdienst betrachteten, die Christen nicht nur zu betrügen, sondern auch ums Leben zu bringen. Es sei daher Christenpflicht, die räudigen Hunde zu verjagen. Sollten die Fürsten nicht darauf eiugehen, so möge das Volk die Sache in die Hand nehmen, zuerst die Fürsten augehen, den Juden alle Bücher mit Ausnahme der Bibel und alle Pfänder mit Gewalt zu nehmen, noch mehr, ihnen auch die Kinder zu entreißen und sie christlich erziehen zu lassen und die Erwachsenen als unverbesserliche Schelme ins Elend zu jagen. Es sei keine Sünde, den Juden das Schlimmste zuzufügen, da sie nicht Freie, sondern als Hörige mit Leib und Gut Eigentum der Fürsten seien. Sollten diese auf das Gesuch des Volkes nicht gutwillig eiugehen, so möge dieses sich in Massen versammeln, ja, einen Aufruhr machen und mit Ungestüm die Erfüllung der Christenpflicht zur Schädigung der Juden verlangen. Die Massen sollten sich zu Rittern Christi aufwerfen und sein Testament vollziehen. Wer den Juden Leids zufügt, sei ein Glied Christi, wer sie aber begünstigt, der sei noch schlimmer als sie und werde jenseits mit ewigem Weh und höllischem Feuer bestraft werden. h Bergt. Note 2. 72 Geschichte der Juden. Aber Pfefferkorn, Ortuii: Gratius und die Kölner Judenfresser kamen doch etwas zu spät. Aufläufe zum Totschlägen der Juden waren nicht mebr an der Zeit, wenn diese auch damals nicht weniger als zur Zeit der Kreuzzüge und des schwarzen Todes gehaßt und verachtet waren. Die Fürsten waren noch weniger zu bewegen, die Juden zu vertreiben, da mit ihnen auch ein regelmäßig einlaufender Einnahmeposten weggefallen wäre. Um Bekehrung der Juden war inan damals auch nicht sehr eifrig, vielmehr wiesen manche Christen höhnisch und spottend auf getaufte Juden. Es hatte sich damals ein Gleichnis unter den Christen gebildet: Ein getaufter Jude gleiche weißer reiner Leinewand. So lange sie frisch ist, erfreut sich das Auge daran, einige Tage im Gebrauche, wird sie beseitigt und zum Schmutze geworfen. So wird ein übergetretener Jude nach frischer Taufe von den Christen gehegt; gehen dann Tage vorüber, wird er vernachlässigt, gemieden, ausgeschlossen und dann gar verspottet.*) Tie deutschen Juden, welche von Pfefferkorns Eifer neue Gefahren für sich fürchteten, arbeiteten ihm, soviel sie vermochten, entgegen. Jüdische Ärzte, welche an den fürstlichen Höfen beliebt waren, scheinen ihren Einfluß bei ihren Gönnern geltend geinacht zu haben, um Pfefferkorns Anschuldigungen als erlogen darzustellen und unwirksam zu machen. Selbst Christel: zeigten ihre Unzufriedenheit mit den Wühlereien des getauften Juden und äußerten laut, Pfefferkorn sei ein nichtsnutziger Mensch und Heuchler, dem man keinen Glaubei: schenken dürfe. Er wolle die Einfältigei: nur täuschen"und sei nur darauf bedacht, seinen Beutel zu füllen. Wein: er seinen Zweck erreicht Habei: werde, werde er plötzlich verschwinden und dann entweder zun: Judentums zurücktreten oder auf einen: andern Schauplatze unter einen: andern Namen durch eine neue Taufe seinen Gewinn suchen. 2 ) Er sah sich daher veranlaßt (März 1509) alsbald eine neue Flugschrift ii: die Welt zu senden, die er geradezu „Iudenfein d"H betitelte. Diese giftige Schinähschrift widmete er den: judenfeindlichen Fürsten Philipp von Cöli:, den er beschwor, ihn gegen die Juden, die einen Anschlag auf sein Leben gemacht hätten, zu schützen. Pfefferkorn wiederholte darin alle seine früheren Anschuldigungen gegei: die *) Viktor von Karben, äs vita et woribus äuänsornw, o. 4 nnä s. 24. 2) Pfefferkorn, Lostis äuäasoruw: Bogen L. 4b: Osrtis monitis üäs äiAnornm dominum, gui st sorixssrunt, äuäasos in uonuullis terris st loois ooisinrns8s st oonsxirasse in uscem mesm st xsrnioiem . . . diso chs: inoäo, seä st tal8i uonnnll: Obristiuui . . . äisssminantss nbilibst äs ms ssrmouss prnvos . . . ^.suut: ists äobannss kcksktsrkorn est bomo lsvi8 et Simulator, oui aäbibenäa tiäss non est . . . vsstris sreäulis nimium simolioibusgus auribus inKsrit guiägniä sibi oollibitun: sst, guousgus saooum saun: iinplsverit stc. °) Bergt. Note 2. Die Fürstin Kunigunde. 73 Juden, setzte hnudgreislich nuseinander, wie sehr sie durch Zins von Zins die Christen verarmen machten. Er schwärzte darin die jüdischen Ärzte an, daß sie nur Quacksalber wären und das Leben ihrer christlichen Patienten gefährdeten. Es sei daher notwendig, die Juden auszuweisen,wie es der Kaiser Maximilian mit den Juden in Österreich, Steiermark und Kärnthen getan.Z Wenigstens sollten sie gezwungen werden, vom Wucher zu lassen und sich mit Arbeit zu beschäftigen, nicht etwa mit edlen und ehrenhaften Hantierungen, sondern mit schändenden und schmutzigen, sie sollten Straßen reinigen, Schornsteins fegen, Unrat ausführen, zuin Wegschaffen der Äser und ähnlichen Tätigkeiten angehalten werden.?) Ganz besonders sollten ihnen die Talmudexemplare und überhaupt jedes mit ihrer Religion zusammenhängende Buch, außer der Bibel, genommen und Haussuchung danach gehalten werden; sie sollten sogar durch die Folter zum Ausliefern derselben gezwungen werden. Auch bei der Abfassung dieser Schrift hatte der Magister der schönen Wissenschaft, Ortuin Gratius, die Hand im Spiele. Er übersetzte sie ins Lateinische und ließ ihr ein Epigramm in schlechten Versen vorangehen über die Halsstarrigkeit, Unbeug- samkeit und Schlechtigkeit des Geschlechts der Juden. Aber diese giftigen Flugschriften in deutscher und lateinischer Sprache waren immer nur noch Mittel und Vorbereitungen zu eiuem Plan, welcher die Hoffnung der Cölner Dominikaner verwirklichen sollte, Scheiterhaufen für die religiösen Schriften der Juden anzünden zu können oder eine Einnahmequelle davon zu haben. Auf den Kaiser Maximilian hatten sie es abgesehen, ihn wollten sie bestürmen, auf ihn, der nicht leicht zu einer Gewalttat die Hand bot, geradezu einen Druck ausüben, damit er die Juden samt deren Schriften und Geldbeutel ihrer Willkür überliefere. Sie bedienten sich dazu der Bigotterie einer unglücklichen Fürstin als Helferin. Tie schöne Schwester Maximilians, Kunigunde, Lieblings- tvchter des Kaisers Friedrich III., uni deren Hand mächtige Könige geworben, hatte ihrem greisen Vater in ihrer Jugend viel Herzleid verursacht. Hinter dein Rücken ihres Vaters hatte sie sich mit dessen erklärtem Feinde, dem bayrischen Herzog Albrecht von M ü n ch e n , verheiratet, auf desseu wachsende Macht Friedrich außerordentlich eifersüchtig war, und der erst jüngsthin die wichtige Stadt Regensburg der kaiserlichen Unmittelbarkeit entzogen und sie an sich gebracht hatte. Noch mehr; Kunigunde trug selbst zur Vergrößerung Bayerns bei, h Vergl. oben S. 51. ?) IIo8tis Inäaeoruin auf der letzten Seite: Loiuxsllsnät 8nnt (Inüasi) :u> labores, nee 608 stiain liberale et Iione8to8, 8sä xotinZ 8oräiclo8, xats vsrrere et innnäars vieos, abraclers tnltzüiem cawinornin stiain et poreorum elevata8 8vräe8 ste. 74 Geschichte der Juden. indem sie ihm Tirol und Vorderösterreich als Brautschatz zubrachte. Lange Zeit mochte der tiesgekränkte Vater nicht einmal ihren Namen nennen hören. Es war gar zum Krieg zwischen Friedrich und seinem ihm feindlichen Schwiegersöhne, Albrecht von Bayern-München gekommen, der nur durch Maximilians Klugheit in seinem für Deutschland unheilvollen Verlaufe gehemmt worden war. Maximilian hatte auch endlich eine Versöhnung zwischen Vater und Tochter zustande gebracht. Als der Herzog Albrecht im Manuesalter starb (1508), war di? verwitwete Kunigunde, vielleicht aus Reue über ihren Jugendfehler, aus ihren herzoglichen Gemächern bald nach der Bestattung ihres Gemahls in ein Franzisknnerkloster zu München getreten. Sie war Äbtissin der Klarissinuen geworden und kasteite ihren Leib. Auf das verdüsterte Gemüt dieser Fürstin spekulierten dis Coluer Dominikaner.Z Sie versahen Pfefferkorn mit Empfehlungsschreiben au Kunigunde. Er sollte ihr mit giftiger Zunge das schändliche Treiben der Juden, ihre Schinähungen gegen Jesus, Marin, die Apostel und die Kirche überhaupt schildern; auch sollte er ihr an die Hand geben, daß die Judenschriften samt und sonders all diese Schändlichkeitn enthielte!: und abgetan zu werde:: verdienten. Die Kölner Dominikaner hatten richtig berechnet, daß die Anklage, von einem geborener: Juden gegen seine Glaubensgenossen erhoben, mehr Gewicht haben würde, als wem: sie von Christen erhoben worden wäre. Wie leicht ist nicht ein Weib, nnd noch dazu eii: stockglüubiges, ii: Klostermauern verdumpftes, zu überrede::? Kunigunde schenkte den Verläumdungen gegen die Juden und ihr Schrifttum um so mehr Glaubei:, als sie aus dem Munde eines -ehemaligen Juden kamen, der doch derei: Gewohnheiten und Bosheiten kennen müsse, besonders auf dessen Versicherung, mit der Vertilgung der jüdischen Schriften würden sich sämtliche Juden nach und nach zun: Christentum bekehren. Pfefferkorn erlangte von der bigotten fürstlichen Nonne leicht, was er gewünscht. Sie gab ihn: eii: dringendes Schreiben an ihren laiserlichen Bruder mit, worin sie denselben beschwor, den Lästerungen der Juden gegen das Christentum zu steuern und einen Befehl zu erlassen, daß ihnen sämtliche Schriften mit Ausnahme der Bibel entrissen und verbrannt werden sollten. Sonst würden die Sünden der Gotteslästerung, welche täglich voi: den Juden begangen würden, -auf sei:: gekröntes Haupt falle,:. Mit diesem Schreibe,: versehen, begab sich Pfefferkorn stracks nach Italien ins Lager des Kaisers, der damals vor Padua gegen die Venetianer im Felde lag. Den: fanatischen Schreibei: Kunigundens und Pfefferkorns mündlichen Anschwärzungen gelang es, Maximilian, der, damals mit Krieg wird diplomatischen Wirren vollauf beschäftigt, nicht Muße hatte, die y Vergl. Note 2. Konfiskation der jüdischen Schriften in Frankfurt a. Ad 75 Sache reiflich zu überlegen, ein Mandat, (vom 19. August 1509) zu erpressen, worin er dein getauften Bösewicht Bollgewalt über die Juden einränmte. Er sollte das Recht haben, die jüdischen Schriften überall im deutschen Reiche zu untersuchen und alle, deren Inhalt gegen die Bibel und den Christenglauben gerichtet wäre, zu vernichten. Jedoch sollten die Pfarrer des Ortes und Stadtrüte dabei zugegen sein. Den Juden schärfte das Mandat ein, bei Vermeidung von schwerer Strafe an Leib und Gut, keinen Widerstand zu leisten und ihre Schriften zur Prüfung vorzuzeigen. Triumphierend eilte Pfefferkorn mit dein Vollmachtsschreiben des Kaisers in Händen, das ihn zum Herrn über die Juden gemacht, nach Deutschland zurück, um Jagd auf die jüdischen Schriften oder jüdischen Säckel anzustellen. Er begann sein einträglich zu werden versprechendes Geschäft mit der damals bedeutendsten deutschen Gemeinde Frankfurt, wo es viele Talmudkundige, folglich viele Talmud- exemplare und auch wohlhabende Juden gab. Dort lagerten auch Ballen jüdischer Schriften fremder Druckereien zum Verkauf in der Messezeit aufgehäuft. Auf Pfefferkorns Veranlassung versammelte der Rat sämtliche Juden in der Synagoge und verkündigte ihnen des Kaisers Befehl, ihre Schrifteil auszuliefern. Im Beisein von drei Geistlichen des Bartholomäusstiftes und zweier Räte wurden sogleich sämtliche Gebetbücher, welche sich in der Synagoge befanden, konfisziert. Es war gerade am Vorabende des Httttenfestes (Freitag, 28. Sept. 1509). Aus eigener Machtvollkommenheit, aber mit dem Vergeben, auch dazu vom Kaiser ermächtigt zu sein, verbot Pfefferkorn den Besuch der Synagoge für den Feiertag; er beabsichtigte an demselben Haussuchung zu halteil, denn ihm lag viel daran, der Talmudexeniplare habhaft zu werden, die jeder Kundige in seinem Hause hatte. Indessen waren die anwesenden Geistlichen nicht so rücksichtslos, das Fest der Juden in Trauer zu verwandeln, und verschoben diese Nachforschung nach den Büchern bei den einzelnen auf den folgenden Montag. Was taten die Juden? Auch das zeugt für das Weben einer neuen Zeit, daß sie es wagten, Einspruch gegen diesen gewalttätigen Eingriff zu tun. Sie ließen nicht mehr, wie früher in Deutschland, Beraubungeil, Plünderungen und selbst den Tod mit stummer Lammesgeduld über sich ergehen. Sie beriefen sich auf ihre auch von Kaisern und Päpsten verbrieften Rechte, welche ihnen Religionsfreiheit zusicherten, lind der Besitz ihrer Gebet- und Lehrbücher sei darin eingeschlossen. Sie verlangteil Aufschub der Bücherkvufiskatioil, um an den Kaiser lind das Kammergericht zu appellieren. Der Vorstand der Frankfurter Gemeinde sandte sofort einen Deputierten an den Kurfürsteil und Erzbischof von Mainz, 11 riel von G e m in i u g e n, nach seinem Sitz Aschaffenburg, um 76 Geschichte der Juden. ihn, dem die deutsche Judeuheit unterstand, und zu dessen Sprengel Frankfurt gehörte, zu bewegen, den Geistlichen ihre Mittätigkeit an der ungerechten Sache zu verbieten. Als Pfefferkorn am Montag (1. Okt.) die Haussuchung begann, protestierten die Juden so energisch dagegen, daß sie aufgeschoben wurde, bis der Rat darüber Beschluß gefaßt haben wurde, ob deren Einspruch Folge gegeben werden solle oder nicht. Der Beschluß des hochweisen Magistrats fiel zwar ungünstig aus, aber im Augenblick, als zur Konfiskation geschritten werden sollte, langte ein Schreiben von: Erzbischof an, welcher zunächst den Geistlichen verbot, Pfefferkorn Beistand zu leisten. Dadurch wurde der Anschlag vereitelt, denn auch die Ratsherren zogen sich von der Sache zurück, sobald sie von der Teilnahme des höchsten geistlichen Würdenträgers in Deutschland für die Juden Kunde hatten. Diese legten aber nicht die Hand in den Schoß. Denn, wenn sie auch nicht wußten, daß die mächtigen Dominikaner hinter Pfefferkorn standen, ahnten sie doch, daß Judenfeinde sich dieses boshaften Wichtes bedienten, um Verfolgungen über sie heraufznbeschwören. Sie sandten sofort einen Anwalt für ihre Sache an den Kaiser und einen andern an die nahen und fernen deutschen Gemeinden, zu gemeinsamer Beratung auf einein Gemeindetage für den folgenden Monat zusammen- zukommen, um Schritte zur Abwendung der Gefahr zu tun und Gelder znsammenzuschießen. Für den Augenblick schien die für die Juden so peinliche Angelegenheit für sie eine günstige Wendung zu nehmen. Der Rat von Frankfurt verhielt sich leidend; er legte allenfalls Beschlag auf die Bücherballen der jüdischen Buchhändler und verbot sie zu veräußern. Am günstigsten war für sie das Verhalten des Erzbischofs von Mainz. Sei es aus Rechtsgefühl — er war ein billig denkender Mann — oder aus Judenfreundlichkeit oder aus Abneigung gegen die dominikanische Ketzerriecherei — er war nämlich den humanistischen Bestrebungen zugetan und ein Feind der Dummgläubigkeit und des religiösen Übereifers - oder endlich aus Eifersucht, daß der Kaiser in seine Befugnisse eingegriffen und einem solchen Wicht geistliche Gerichtsbarkeit in seinen: Sprengel übertragen hatte, genug, Üriel von Gemmingen nahin geradezu Partei für die Juden. Er richtete sofort ein Schreiben au den Kaiser (5. Dkt.), worin er einen leisen Tadel aussprach, daß der Kaiser einen: so unwissenden Menschen, wie Pfefferkorn, Vollmacht in dieser Angelegenheit erteilt hatte, behauptete, daß seines Wissens dergleichen lästerliche und christenfeindliche Schriften unter den Juden seines Stiftes nicht vorhanden seien, und gab zu verstehen, wenn der Kaiser durchaus auf der Untersuchung und Konfiskation des jüdischen Schrifttums bestehen 'ollte, er einen Sachkenner damit betrauen müßte. So eifrig nahm er sich der Juden au, daß er au seinen Anwalt beim Reuchlin. 77 kaiserlichen Hofe, den Freien von Hutten, sofort Mitteilung von seinem Schreiben an den Kaiser machte und ihm ans Herz legte, den Juden förderlich zu sein, damit ihr Gesuch beim Kaiser erhört werden könntet) Pfefferkorn ließ der Erzbischof nach Aschaffenburg kommen, um seine Parteinahme nicht zu verraten und gab ihm zu verstehen, daß sein von: Kaiser mitgebrachtes Mandat einen Formfehler enthielte, wodurch es unwirksam würde, da die Juden die Gültigkeit desselben anfechten könnten. Bei dieser Unterredung tauchte zum ersten Male der Name Reuchlins auf, sei es, daß Pfefferkorn oder der Erzbischof ihn zuerst genannt hatte. Es wurde nämlich dabei besprochen, den Kaiser anzugehen, Reuchlin (und auch Viktor von Karben) zu Richtern über die Schriften der Juden zugleich mit Pfefferkorn zu ernennen.?) Der geschäftige Täufling gürtete alsbald seine Lenden, um eine zweite Reise zum Kaiser anzutreteu. Ohne Zweifel hat er vorher seinen Beschützern, den Cölner Dominikanern, Kunde davon gegeben und sich von ihnen neue Empfehlungsbriefe an den Kaiser einhändigen lassen. Mit ihrer Zustimmung sollte Pfefferkorn bei den: Kaiser den besten Kenner des Hebräischen unter den Christen als Mitrichter in dieser Angelegenheit in Vorschlag bringen. In allzukluger Berechnung begingen diese Schlauen einen Mißgriff, der ihnen den bereits errungenen Erfolg streitig machte. Pfefferkorn oder die Cölner Dominikaner glaubten sich nämlich der Mithilfe eines Mannes versichern zu müssen, der vermöge seiner Gelehrsamkeit, seines Charakters und seiner geachteten Stellung die Maßregel wirksamer zu machen versprach. Reuchlin, der Stolz Deutschlands, sollte ihr Bundesgenosse werden, um ihre etwaigen Gegner von vornherein zu entwaffnen. Es soll auch im Plaue gelegen haben, diesen von den Finsterlingen scheel angesehenen Mann, welcher zu ihrem Verdrusse die hebräischen Sprachstudien wie das Griechische zuerst in Deutschland und in Europa überhaupt unter den Christen augeregt hat, so oder so zu kompromittieren.o) Aber eben durch diese feinen Kniffe haben Pfefferkorn und seine Führer nicht nur ihre Sache vollständig vereitelt, h Die beiden Schreiben des Erzbischofs Uriel an den Kaiser nnd seinen Marschall, Freien v. Hutten, Aktenstücke a. a. O. S. 300. 2 ) Vergl. Note 2. Reuchlin an Jaque Lefevre, Briefsammlung 2: 6nmMS oMinnrnm littsrarum stnäio8i »muss uostrntss eontiteautur, 8S Krasoa st bsbraioa ins antors xrimario äiäioioss, non xotuit ackvsr8ariorum barbarorum msra anxsrbia asguo animo tsrrs tanta msas tamas prasoouia, psmasxs koriul- äantium, Mock amatioribu8 äoetrinia imbuta xosteritaa, xusrilia 8tuckia st senile äisoixliuaa, Mas Ham ckin noatra eonsuetnckins vsr8autnr, oontomnat. Erasmus gegen Hochstratcn bei v. d. Hardt a. a. O. II, m 8. 78 Geschichte der Jude». sonder» einen Sturm erzeugt, welcher in kaum einem Jahrzehnt das ganze Gebäude der katholischen Kirche tief erschüttert hat. Mit Recht sagte man später der halbjüdische Christ habe dem Christentum mehr geschadet, als es sämtliche unflätige Schriften der Juden vermocht hätten.Johannes Reuchlin ist eine Persönlichkeit, welche das Mittel- alter in die neue Zeit hat hinüberleiten helfen und darum einen klangvollen Namen in der Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts hat; ihm gebührt aber auch in der jüdischen Geschichte ein glänzendes Blatt. I o h a n n e s R e u ch l i n aus Pforzheim (geb. 1455, gest. 1522), oder wie ihn die bewundernden Liebhaber der humanistischen Studien nach einer schlechten Hellenisierung seines deutschen Namens nannten, Capnio, hat mit seinem jüngern Zeitgenossen Erasmus von R o t t e r d a ni die Schmach der Barbarei von Deutschland genommen und durch ihr Beispiel und ihre Anregung auf weitere Kreise bewiesen, daß die Deutschen in Kenntnis der altlateinischen und griechischen Sprache, in geschmackvoller Darstellung und überhaupt in humanistischer Bildung mit den Italienern, den alleinigen Inhabern dieses Faches in jener Zeit, wetteifern und sie noch dazu übertreffen konnten. Neben einer erstaunlichen Gelehrsamkeit in der klassischen Literatur und einem eleganten Stile besaß Reuchlin einen lautern Charakter, edle Gesinnung, eine in jeder Versuchung bewährte Rechtschaffenheit, eine bewunderungswürdige Wahrheitsliebe und ein weiches Gemüt, welches ihn zum aufopfernden Freunde, zum mitleidvollsten Helfer in der Not machte. Nach dieser Seite hin hatte Reuchlin wenig seines Gleichen in seiner Zeit, und wenn er Huttens Unerschrockenheit und mehr Gedankenklarheit damit verbunden hätte, so wäre er ein viel geeigneterer Reformator der Kirche und der Gesellschaft gewesen, als selbst Luther. Vielseitiger als Erasmus, sein jüngerer Genosse für die Anbahnung und Verbreitung der humanistischen und ästhetischen Bildung in Deutschland, verlegte sich Reuchlin auch auf die Kenntnis des Hebräischen, um die gottbegnadigte Sprache iune zu habeu uud es darin dem Kirchenvater Hieronymus gleich zu tun, der sein Vorbild war. Freilich, hatte er in Deutschland und Frankreich keine Gelegenheit, die heilige Sprache gründlich zu lernen. Die deutschen Juden verstanden selbst zu wenig davon, um sie einem lernbegierigen Christen beizubringen. Reuchlins Lehrer, Wessel in Basel, der ihm Liebe dafür eingeflößt und die ersten Elemente beigebracht hatte, konnte ihn nicht weiter darin bringen. Reuchlins Liebe zur hebräischen Sprache wurde zur Schwärmerei, als er bei seiner zweiten Reise nach Rom (Anfangs 1490) den gelehrten Jüngling, das Wunderkind Italiens, Pico de Mi- y Erasmus an Reuchlin in sxistolns oluroium virorum II, p. 2b: ?Iu8 nim8 ills Lsinijuclusns Lüirisrinnns noeuit rei 6>niiN,ia,uas, (zuum nuivsrss, Inänsoi'mn ssutinn. Reuchlins hebräische Studien. 7l> r a ndola, in Florenz kennen gelernt und von ihm erfuhren hatte, welche tiefe wunderbare Geheimnisse in den hebräischen Quellen der Kabbala verborgen lügen. Reuchlin hatte seit der Zeit einen wahren Durst nach der hebräischen Literatur; aber er konnte ihn nicht löschen.. Nicht einmal eine gedruckte hebräische Bibel konnte er erlangen.») Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wendete sich Reuchlin, der damals bereits Rat des Herzogs von Württemberg war, an den Rabbiner Jakob Margoles in Regensburg mit der Bitte, ihm einige namhaft gemachte kabbalistische Schriften zu besorgen. Dieser antwortete ihm darauf, er könne ihm damit nicht dienen, weil solche in Regensburg nicht aufzutreiben seien, und riet ihm überhaupt unter höflicher Form ab, sich mit der Kabbala einzulassen, weil sie dunkel und tief sei und mehr Schaden als Nutzen gewähret) Erst im reisen Alter gelang es Reuchlin, tiefer in die Kenntnis der hebräischen Sprache eingeführt zu werden. Bei seinem Aufenthalte in Linz, am Hofe des greisen Kaisers Friedrich III., den er mit seinem Herrn, dem Herzog Eberhard, besuchte, lernte er den kaiserlichen Leibarzt und jüdischen Ritter Jakob Loans kennen, und dieser jüdische Gelehrte wurde sein Lehrer in der hebräischen Sprache und Literatur. Jede Stunde, die Reuchlin den Geschäften bei Hofe abgewinnen konnte, widmete er diesen: Studium und arbeitete sich so gründlich ein, daß er bald auf eigenen Füßen stehen konnte. Sein Sprachgenie kam ihn: zustatten, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Auf Lvans' Anregung schenkte der greise Kaiser kurz vor seinem Tode dein lernbegierigen, sprachgewandten Mann, an dem er seine Freude hatte, eine kostbare hebräische Bibel, welche auf mehr als 300 Dukaten geschützt wurde. Ein herzliches Verhältnis bestand seitdem zwischen den: jüdischen Lehrer Loans und den: christlichen Jünger. Reuchlin nannte ihn „seinen Freund"T) An dem kaiserlichen Hofe hatte Reuchlin Gelegenheit, auch mit anderen gebildete,: Juden zu verkehren.^) Seine mit so viel Eifer erworbenen hebräischen Kenntnisse suchte Reuchlin alsbald zu verwerten. Er arbeitete ein Merkchen aus v o n dem wunderbaren Worte/) das eine begeisterte Lobrede ») Bergt. Strelers Brief an Reuchlin in spistotas otar. virr. I, Nr. -15. 2) Der Brief ist in sxistolas otar. virr. mitgeteilt, vgl. B. Vlll.g S. 417. Er ist nach Renchlins Rückkehr aus Rom, nach >499, geschrieben. °) Schreiben des Buonomo Tergestino, kaiserlichen Sekretärs, an Reuchlin vom März 1492, epmtolas oll. virr. I. Nr. 9: laeobrm kaum Iwans an aäkuo Viennas vivat, ig-norans s::m. Lrat tum paneis ante äiebns illie, ubi enm islignisti. ») Reuchlin im Augenspiegel bei v. der Hardt a. a. O. II p. 21 a. Oapnion sivs äs vsrdo wiriüoo, verfaßt Tübingen 1494, wie aus dem Vorworte des Herausgebers hervorgeht. 80 Geschichte der Juden. auf die hebräische Sprache, ihre Einfachheit, Tiefe und Göttlichkeit ist. „Die Sprache der Hebräer ist einfach, unverdorben, heilig, kurz und fest, in welcher Gott mit den Menschen und die Menschen mit den Engeln unmittelbar und ohne Dolmetsch von Angesicht zu Angesicht verkehren, nicht durch das Rauschen der kastalischen Quelle oder durch die typhonische Höhle oder durch den dodonischen Wald oder den delphischen Dreifuß, sondern wie ein Freund mit dem andern zu sprechen pflegt". *) Ein für seine Altertümer eingenommener Jude könnte nicht begeisterter davon sprechen. Dieses Werk, welches Reuchlin dem Bischof Dalberg von W o r in s gewidmet hat, bildet einen Dialog zwischen einem epikuräischen Philosophen, einem jüdischen Weisen (Baruchias) und einem Christen (Capuio), die in Pforzheim, Reuchlins Geburtsort, zusammengekommen wären. Es stellt sich die Aufgabe, nachzuweisen, daß die Weisheit aller Völker, die Symbole der heidnischen Religion, die Formen ihres Kultus nichts weiter als Anerkennung oder Entstellung der hebräischen Wahrheit feien, welche in den Worten, Buchstaben, ja selbst in den Figuren der hebräischen Buchstaben geheimnisvoll und tief enthalten sei.?) Eigentlich hat Reuchlin damit mehr die Sprache der Kabbalisten in schönen lateinischen Wendungen und mit klassischer Gelehrsamkeit verherrlicht, um sie dem christlichen Publikum warm zu empfehlen. Die kindische Auslegung der Namen und Buchstaben in der heiligen Schrift von feiten der Kabbalisten war es, die Capnio anstaunte, und er wendete sie auf die Dogmen des Christentums au.^) So schwärmte auch Reuchlin für die Zahlendeutuug der Buchstaben des Gottesuamens (Tetra- grammaton), wie die Kabbalisten,ch für die zehn Sefirot der Geheimlehre^) und suchte für alle diese Spielereien pompöse Belege aus der klassischen Literatur. Dieses mystische Kinderspiel übertrug er auf das Christentum, sah in den ersten Worten der Schöpfungsgeschichte die Andeutung der christlichen Dreieinigkeit von Vater, Sohn ') Vs vsrbo iniritioo II p. 124. 2 ) Das. II. p. 134. Das. Io. 3 Ende — er läßt den Inden Baruchias sprechen —: .It vero äs mübnslidst ssnsibillbus oonstantsm, purain st insllabilsin soisntiam tromini nsZ-avero, nisl non bnmana äisoiplina, 8sä äivina traäitions jnZIter ab nno st itsin ab attsro Insrit rsosxta, guain nos vsbraei 0 ab dal am appsllamus, icl sst rsosptionsin. In . Das. Io. 18 u. a. a. St. Reuchlius hebräische Studien. 81 und heiligem Geist.*) In den Buchstaben von Jesu Namen im Hebräischen, die er sich mißverständlich zusammengesetzt hat, erblickte Reuchlin die Spitze aller Wesenheit und aller Geheimnisse.?) Reuchlin mochte übrigens fühlen, daß seine hebräischen Kenntnisse noch manche Lücke hatten, und so ließ er es sich nicht verdrießen, als Gesandter des Kurfürsten von der Pfalz in Rom, um dessen Sache am Hofe des Papstes Alexander VI. zu vertreten (1498 bis 1500), sich in der hebräischen Literatur weiter zu bilden. ObadjaSforno?) aus Cesena, zur Zeit in Rom (später Arzt in Bologna) wurde Reuchlins zweiter Lehrer im Hebräischen. Sforno verstand auch Lateinisch und vermittelst dieser damaligen Weltsprache konnte er sich mit Reuchlin verständigen. Er besaß noch einige mathematische und philosophische Kenntnisse und schrieb später Kommentarien zu den meisten biblischen Schriften. Er war zwar kein feiner Kenner der hebräischen Literatur, sah sie vielmehr durch die Brille der Agada und der Kabbala an, aber für Reuchlin wußte er genug. So saß der deutsche Humanist, der bereits ein gefeierter Mann war, dessen lateinische Reden von Italienern bewundert wurden, zu den Füßen eines Juden, um sich durch ihn im Hebräischen zu vervollkommnen.*) Wo Reuchlin auch sonst Gelegenheit hatte, sich von einem Juden unterweisen zu lassen, verschmähte er es nicht/) so sehr war ihm das Hebräische eine hochwichtige Angelegenheit. Aber nicht alle Juden, namentlich nicht die deutschen, mochten sich dazu herbeilassen, einen Christen im Hebräischen zu unterrichten; sie beriefen sich vielmehr auf eine mißverstandene Stelle im Talmud, daß es verboten sei, Worte der Lehre einem Nichtjuden zu überliefern °) *) Das. III o. 4 : Similitsr io vsrbo NN2, gnoä SSt: orsavit, et goo in prineipio liloais über ioeipit; io goibns n (rn) pater, 2 (p) ülins 7 (012) Spiritus. ?) Das. Ille. 12 u. a. a. Stellen- er kombinierte nämlich den Namen Jesus, bekanntlich aus xiv- entstanden, irrtümlich als aus dem Tetragrammaton und v zusammengesetzt, also niv.w und sah darin das Wort v> — Wesenheit vn — Feuer und noch vieles andere. °) Vergl. 0. S. 41 . *) Reuchlin, Einleitung zum I. Buche der Loäimsota: ?ost vero IsAatus L-omae aä ^Isxaoärum VI, goi rsligni kosraot io liuZoa (Uebrasa) eanooss sos a Lesenateosi äuäaeo soilieet ^.bäia I. laeobi gplinroo petivi, gni ms guotiäie toto IsZ-atioois tempore pergoam Immaoiter io Ilsbraeis eru- äivit, oon sios iusiAiiis msreeäis iiopeoäio. Ebenso Einl. zum III. Buche. Melanchthon erzählt vita Usoeblioi p, 301: Derselbe habe Sforno sür jede Stunde Unterweisung einen Dukaten gezahlt. °) Einl. zur Schrift äs Loesotibus st OrtlioKrapbia. °) Epilog zu den Roäimsnta: 60m uostratss änäasi vsl inviäia vel impsrieia äoeti, Oliristiaoum osminsin io sornm linKua ernäire veliut etc. Graeh, Geschichte der Juden. IX. 0 82 Geschichte der Juden. Da er nun in Deutschland, ja man kann sagen, in ganz Europa der einzige Christ war, der sich mit der heiligen Sprache vertraut gemacht hatte, und die Sehnsucht nach Kenntnis derselben, sowie des Griechischen allgemein war, so drängten ihn seine zahlreichen Freunde, eine hebräische Grammatik anszuarbeiten, welche die Lernbegierigen in den Stand setzen sollte, sich selbst darin zu belehren. Die erste hebräische Sprachlehre von einem Christen ausgearbeitet, die Reuchlin als ein „Denkmal, dauernder als Erz" bezeichnet (vollendet März 1506),ch war freilich dürftig genug nusgestattet. Sie lieferte lediglich das aller- notwendigste zur Aussprache und zur Formlehre und damit zugleich ein Wörterbuch, dessen Unvollkommenheit von einem Anfänger nicht überraschen darf. Aber diese Grammatik hatte eine bedeutende Wirkung; sie regte die hebräischen Studien bei einen: großen Kreis der Humanisten an, die sich seitdem mit allem Eifer darauf warfen, und bei der lutherischen Kirchenreformntion erzeugten diese Studien einen neuen Gärungsstoff. Eine Reihe von Jüngern Reuchlins, Sebastian M ü n st e r , W i d m a n n st a d t, traten in seine Fußtnpfen und hoben die hebräische Sprache zur Ebenbürtigkeit mit der griechischen. Freilich kam auch von einer andern Seite Anregung. Fast um dieselbe Zeit lehrte in Padua Elias Levita?) — der erste deutsche Jude, welcher sich mit diesem von seinen jüdischen Landsleuten verachteten, wenigstens ungekannten Fache beschäftigte — die hebräische Sprache vor einem Schülerkreise. Bei seiner Auswanderung aus dieser Stadt nach Rom wegen der Kriegsunruhen nahm ihn der damalige Ordensgeneral der Augustiner, Egidio (Ägidius) de Viterbo, in sein Haus, sorgte für alle seine Bedürfnisse und ließ sich von ihn: im Hebräischen unterrichten. Diese beiden Beförderer der hebräischen Sprache unter den Christen, Reuchlin und Egidiv de Biterbo, wollten sie aber nicht um ihrer selbst willen, auch nicht zur Hebung der Bibel- stndien und einer vernünftigen Schriftauslegnng gepflegt Nüssen, sondern lediglich um dadurch in den Stand gesetzt zu sein, in den Abgrund der kabbalistischen Geheimlehre ohne Schwindel blicken zu können. Durch den Kabbalisten Baruch von B e n e v e n t ließ Egidio den Svhar (oder Teile desselben) ins Lateinische übersetzen.^) So hat die Kabbala, von Hause aus eine Feindin grammatischen Verständnisses, gegen ihren Willen dieses angebahnt. Hatte doch der Papst Sixtus IV. angelegentlichst empfohlen, daß kabbalistische Schriften durch die Übersetzung ins Lateinische denChristen zugänglich geinacht werden sollten. Z *) Am Ende der UmlimeMu lingmue bsbrueue sagt Reuchlin: exeZI mo- imnienlum ums perenmim. ") Vergl. weiter unten. 2) S. oben S. 39, Aumerk. I. <) S. B. Vlll.g S. 217. Reuchlins Vorurteil gegen die Juden, 83 Wem: Reuchlin in die Judeugasse Hinabstieg, um einen daselbst vergrabenen Schatz zu heben, so war er darum anfangs doch nicht weniger als seine Zeitgenossen von dickem Vorurteil gegen den jüdischen Slawin befangen. Uneingedenk seines ehemaligen Glanzes und ohne Blick für dessen gediegenen, wenn auch von einer abschreckenden Schale umgebenen Kern, betrachtete Reuchlin ihn nicht nur als barbarisch und alles Kunstsinnes bar, sondern auch als niedrig und verworfen.Z Er beteuerte aufs feierlichste, daß er weit davon entfernt sei, dieJuden zu begünstigen. Mit dem zerfahrenen Kirchenvater Hieronymus, seinem Musterbilde, bezeugte er, daß er die jüdische Nation gründlich haßte. ?) Er arbeitete, zugleich mit seiner hebräischen Sprachlehre, für einen Ritter, der mit seinen Juden ein Religionsgespräch einleiten wollte, ein Sendschreiben (Missive) aus, worin er alles Elend der Juden aus ihrem verblendeten Unglauben herleitete, statt eS in der Lieblosigkeit der Phristen gegen sie zu suchen. Reuchlin beschuldigte sie nicht weniger als Cfefferkorn der Lästerung Jesu, Marias, der Apostel und der Christen überhaupt. Er berief sich dabei auf die gegenchristlichen Schriften (Lipmanns Nizachon)») und auf die Gebetformel der Juden gegen die Ketzer.-) Später hatte es Renchlin zu bedauern, die'e juden- seindliche Schrift verfaßt zu haben. Denn sein Herz teilte nicht das Vorurteil seines Kopfes. Wo er mit einzelnen Juden zusammentraf, wendete er ihnen seine Liebe oder wenigstens seine Achtung zu; er mochte finden, daß sie besser waren, als das Bild, welches sich die Christen von den Juden entworfen hatten. Sein Rechtsgefühl konnte es nicht über sich bringen, den Juden geradezu Unrecht tun zu lassen oder gar die Hand dazu zu bieten. Als Pfefferkorn und die Kölner Dominikaner mit Reuchlin anbanden, stand er bereits auf der Höhe seines Lebens und Ruhmes; Von Hoch und Niedrig wegen seiner Biederkeit geschätzt, vom Kaiser Friedrich in den Adelstand erhoben, vom Kaiser Maximilian zum Rat und Richter des schwäbischen Bundes ernannt und auch persönlich hochgeachtet, von dem Humanistenkreise, gewissermaßen dein Orden freier Geister innerhalb und außerhalb Deutschlands, verehrt, geliebt und fast vergöttert. Obwohl sich Reuchlin bis dahin auch nicht einmal einen Schatten von Ketzerei hatte zuschulden kommen lassen, mit dem Tomini- h Eint, in Neuchlins Schrift äs arte Cabbatistioa. 2) Schreiben an Collin, sxistolae eil. virr. II. Bl. r. a. 2) Missive an einen Junkherrn, Pforzheim löOS, znm zweiten male abgc- drmkt in LövkinAS o>>era Ilntteni supptsin. I S. 177. h B. VIIIz S. 7>. b) Ans die Formell cvela-minim oder >vsla»i8selmmaclim i oder die auch Reuchlin fälschlicherweise auf die Christen im allgemeinen bezog. 0 * 84 Geschichte der Juden. kanerorden auf bestem Fuße staud und ihr Sachwalter in weltlichen Angelegenheiten ohne Vergütung war, so sahen die Finsterlinge doch in ihm instinktmäßig ihren geheimen Feind. Das Pflegen der Wissenschaft, die Beschäftigung mit der klassischen Literatur, die Sorgfalt für einen eleganten lateinischen Stil, die Begeisterung für die griechische Sprache, welche Reuchlin in Deutschland zuerst geweckt — in den Augen der Stockkatholiken die Sprache der Schismatiker — und nun gar die Einführung der hebräischen Sprache, die Bevorzugung der „h e b r ä i s ch e n W a h r h e i t", des hebräischen Textes, vor der verdorbenen, in der Kirche als kanonisch und unverbrüchlich geltenden lateinischen Vulgata, das alles galt den Finsterlingen als eben so viele Sünden, gegen die zwar nicht sofort von seiten der Ketzergerichte eingeschritten werden konnte, die ilnn aber einen Platz in ibrem schwarzen Buche sicherten. Der Auftrag an Pfefferkorn, den geheimen Agenten der Cölner Dominikaner, Reuchlin bei der Untersuchung der lästerlichen jüdischen Schriften heranzuziehen, war, wie bereits angedeutet, eine schlau berechnete Falle. Auf seiner zweiten Reise in des Kaisers Lager suchte Pfefferkorn daher Reuchlin in dessen Behausung geradezu auf, zeigte ihm des Kaisers Mandat, bemühte sich, ihn zum Bundesgenossen seiner giftigen Pläne gegen die Juden zu machen. Reuchlin lehnte dieses Ansinnen halb ab, lobte zwar das Bestreben, die jüdischen Schmähschriften gegen das Christentum zu vertilgen, meinte aber, das Mandat des Kaisers habe einen Formfehler, wodurch das Einschreiten gegen die jüdischen Schriften ungesetzlich erschiene, und die Behörden daher nicht willig dazu die Hand bieten würden. Reuchlin soll ihm damals auch zu verstehen gegeben haben, sich dabei zu beteiligen, wenn' er dazu aufgefordert werden sollte. Pfefferkorn begab sich infolgedessen zum Kaiser, um ein zweites formgerecht eingerichtetes und unanfechtbares Mandat von ihm zu erwirken. Die Inden waren aber auch nicht müßig gewesen, um vom Kaiser den Widerruf des Mandats und Zurückerstattung der ihnen genommenen Bücher zu erlangen. Die Frankfurter Gemeinde hatte indes einen eifervollen Manu aus ihrer Mitte, Jonathan Levi Zion, zu ihrem Anwälte beim Kaiser ernannt. Auch die Regensburger Gemeinde hatte einen Anwalt zum kaiserlichen Hofe abgeordnet. Ein bei der Umgebung des Kaisers beliebter Mann, Isaak T r i e st, wendete allen Eifer an, um mit diesen zusammen Pfefferkorns Plan zu vereiteln. Diese jüdischen Anwälte wurden von angesehenen Christen unterstützt, zunächst von dem Vertreter des Erzbischofs, dann von dem Markgrafen von Baden und endlich von einem „Marschall" G o l d e ck e r. Die jüdischen Anwälte machten zunächst die Privilegien geltend, daß den Juden von Kaisern und Päpsten Religionsfreiheit verbrieft sei, wonach es auch Das Schwanken des Kaisers Maximilian. 85 dem Kaiser nicht gestattet sei, Eingriffe in ihre inneren Angelegenheiten, in den Besitz ihres religiösen Schrifttums zu machen. Diese Privilegien wurden von einer Person aus der Umgebung des Kaisers geprüft und für bindend befunden. Die jüdischen Anwälte verfehlten auch nicht, dem Kaiser ein beglaubigtes Schreiben zu unterbreiten, daß ihr Ankläger ein verworfener Mensch, ein Dieb und Einbrecher sei. Schon glaubten sie am Ziele ihrer Wünsche zu sein. Der Kaiser hatte ihr Gesuch in einer Audienz angehört und ihnen baldige Antwort versprochen. Der freundliche Empfang erweckte in ihrer Brust oie Hoffnung, daß ihr Erzfeind Pfefferkorn zuschanden werden, die ihn abgenommenen Schriften ihnen wieder zurückgegebcn werden und die ganze peinliche Angelegenheit abgetan sein würde. Uriel von Gemmingen, ihr Gönner, sollte zum Kommissar in dieser Sache ernannt werden. War das nicht ein günstiges Vorzeichen? Allein sie kannten Maximilians wankelmütigen Charakter nicht. Sobald Pfefferkorn von neuen: bei ihm mit einem eigenhändigen Schreiben von seiner Schwester erschien, worin die überfromme Nonne ihn beschwor, das Christentum nicht durch Rücknahme des Mandats zu schädigen, neigte sich das Zünglein der Wage gegen die Juden.H Ohnehin wurmte es den Kaiser, daß die so tief stehenden Juden es gewagt hatten, seinem Mandat zuwider, die Auslieferung der Bücher in ihren Häusern zu verweigern. Darauf hin erließ er ein zweites Mandat (10. November 1509). Darin machte Maximilian den Juden zum Vorwurf, daß sie sich, erkühnt, Widerstand zu leisten, befahl die Konfiskation fortzusetzen, ernannte allerdings den Erzbischof Uriel zum Kommissar, gab ihm aber an die Hand Gelehrte von den Hochschulen Cöln, Mainz, Erfurt und Heidelberg und auch gelehrte Männer wie Reuchlin, Viktor von Karben und auch den im Hebräischen völlig unwissenden Ketzerrichter Hochstraten hinzuzuziehen. Diese Männer sollten die von Pfefferkorn eingezvgenen Bücher prüfen, die unschuldigen ihnen lassen, dagegen bezüglich der verdächtig befundenen kundige Juden zu einer Disputation darüber berufen. So glaubte Maximilian beiden Teilen Gerechtigkeit widerfahren gelassen zu haben. Mit diesem Mandat in der Tasche eilte Pfefferkorn nach dein Schauplatz seiner Tätigkeit in die Rheingegend zurück. Der Erzbischof Uriel ernannte darauf den Regens der Universität Mainz, Herman n Heß, zu seinem Delegierten, um die Bücherkonfiskation seitens der Juden zu leiten. Mit ihm zusammen begab sich Pfefferkorn abermals nach Frankfurt, und die Jagd auf hebräische Schriften begann von neuem. So wurden den Frankfurter Juden 1500 handschriftliche 86 Geschichte der Juden. Werke abgenommen (mit den bereits früher eingezogenen) und in dem Rathaus niedergelegt. Auch iu audereu Städten, W orms, Lorch. Bingeu , L a h n st e i n , Bi aiuz (eigentlich Wiensnu bei Mainz) und Deutz betrieb Pfefferkorn sein Geschäft mit vielem Eifer. Er behauptete später, die Juden hätten ihm bedeutende Summen geboten, von seiner Anklügerschaft abzustehen, er sei aber den Versuchungen des Satans nicht erlegen.*) Schlimmer noch als des Kaisers wankelmütiges Verhalten war die Teilnahmlosigkeit der größeren Gemeinden Deutschlands für die Beschickung eines Gemeindetages und Beratung zur Vereitlung der boshaften Anschläge Pfefferkorns oder richtiger der Dominikaner. Kleinere Gemeinden hatten allerdings ihre Beiträge zu deu Ausgaben für diese so peinliche Sache beigesteuert; aber die größeren und reichereil, Rothenburg an der Tauber, Weißenbürg und Fürth, auf welche die Frankfurter am meisteil gerechnet hatten, zeigten einen gleichgültigen Sinn. Da die erste Frist zur Versammlung nicht eingehalten worden war, hatte die Gemeindevertretung von Frankfurt eine neue augesetzt; aber auch die Zusammenkunft an diesem Tage vereitelten die drei Gemeinden.^) Als aber infolge des zweiteil Mandats des Kaisers voll neuem die jüdischen Bücher nicht bloß in Frankfurt, sondern auch in andereil Gemeinden konfisziert wurden, rafften sich die Gemeinden zu gemeinsamem Eifer auf. Ter Rat voll Frankfurt wurde zu ihren Gunsten umgestinlnlt, er brachte die Angelegenheit auf dem Reichstage zu Worms zur Sprache, sandte die bei ihm eiugereichte Beschwerdeschrift der Juden an den Kaiser^) und begleitete sie mit einer Bittschrift, daß der Kaiser Pfefferkorn die Vollmacht entziehen möge, weil dieser „mit Verschweigung der Wahrheit und Behauptung von Unwahrheit" in der Sache vorgegangen sei. Der Rat »lachte ebenfalls die Privilegien der Juden geltend und setzte auseinander, daß das Schrifttum der Juden auch für Christen von Nutzeil sei, und der Papst Clemens augeordnet habe, daß an den Hochschulen und Universitäten darüber Vorlesungen gehalten werden sollten.^) Dazu kam noch ein anderer Umstand. Zur Frankfurter Frühjahrsmesse pflegten jüdische Buchhändler ihre Bücherballen zum Verkauf zu bringen. Da nun Pfefferkorn auch diese zu konfiszieren drohte, so weigerte sich der Rat von Frankfurt zu diesem Allsinnen die Hand *) Über alles gibt Note 2 quellenmäßige Belege. B Vergl. Monatsschrift, Jahrg. 1875, S. 342, 375 fg. B Bürgermeisterbnch von Frankfurt, Frankfurter Archiv für Geschichte und Kunst, Jahrg. 1869, S. 214. h Monatsschrift a. a. O., S. 215. .Verwickelung in der Bücherkonfiskativn. 87 zu bieten, weil er das Meßrecht nicht verletzen lassen mochte. Ohnehin hatten die jüdischen Buchhändler Geleitschrifteil von den Fürsteil und Herreil ihrer Heimat, welche nicht bloß ihre Person, sondern auch ihr Gut schützten, allerdings gegeben im eigenen Interesse, nur nicht durch die Schädigung ihrer Juden Verlust an Einnahmen zu erleiden?) Und der Erzbischof Uriel verhielt sich schmollend, und war mehr den Juden zugeneigt. Er berief die vom Kaiser bezeichneten gelehrteil Männer zur Prüfung der jüdischen Bücher nicht zusammen, sondern tat nur, ivas er nicht unterlassen konnte. Auch von seiten mancher Fürsteil, welchen die Juden über die Tragweite dieser seltsamen Konfiskation die Angeil geöffnet hatteil, scheinen Beschwerden all den Kaiser gelangt zil sein?) Die öffentliche Meinung war besonders gegen Pfefferkorn eingenommen. Dieser und die Dominikaner ruhten aber auch nicht, sondern machteil Anstrengungen, den Kaiser und die öffentliche Meinung für sich zil gewinnen, — und es war wunderbar, daß die Feinde der Öffentlichkeit der bis dahin stummen Richterin den Mund geöffnet und ihr zur Macht verholfen haben. Zu diesem Zwecke erschien wiederum unter Pfefferkorns Namen eine neue Schmähschrift gegen die Juden: „Zu Lob und Ehren des Kaisers M a x i in i l i a n", in deutscher Sprache?) Diese Schrift blies ^dem Kaiser ganze Wolken von Weihrauch ins Gesicht und bemerkt mit Bedauern, daß die Anschuldigungen gegen die Juden in christlichen Kreisen aus Leichtfertigkeit und Unverstand so wenig beachtet würden. Es wird darin wiederholt, daß der Talmud, der Wucher der Inden und ihr leichter Erwerb Schuld an ihrer Schroffheit gegen ihre Bekehrung zum Christentum wären. Pfefferkorn verhehlte darin nicht, wie seine feindseligen Schritte gegen die Jaden von der Herzogin Kunigunde gefördert worden waren, und diese den Kaiser bewogen hatte, das Mandat zur Konfiskation der jüdischen Schriften zu erlasseil. In dieser Schmähschrift machte er die außerbiblischen, nach seiner Behauptung voll Schmähungen gegen das Christentum strotzenden Bücher der Juden namhaft (worin er jedoch nur seine Unwissenheit an den Tag legte) und stempelte die Juden zu Ketzern, weil sie einige Bräuche und abergläubische Praktiken hätten, welche im Widerspruche zur heiligen Schrift stünden. Ter boshafte Verläumder machte es gar den Juden zum Vorwurf, daß sie ihre Töchter lieber an einen Talmudkundigen als an einen Unwissenden zu verheirateil pflegten, und rechnete es den Frommen als Unkeuschheit an, weil sie aus religiösen Gründen in der Ehe enthaltsam wären. Ter Bnrgermeistcrlnch a. a. O, S. 2iö °) Monatsschrift, das. S. -tliv. °) Diese Schrift erschien März IvIO, vcrgl. -tote 2. 88 Geschichte der Juden. Messiasglaube der Juden, ihre Ausschmückung des Paradieses, ihre Gebräuche bei Beerdigungen, ihre unschuldigen Sagen (z. B. von einem alten Leichensteine der Wormser Gemeinde), all das wird indieserSchmäh- schrift nicht als Torheit verlacht, sondern als Verbrechen gebrandmarkt. Pfefferkorns Schmähschrift „zuin Lob des Kaisers Maximilian" fordert die durchlauchtigsten Fürsten, gnädigen Herrei: und alle Stände der Christenheit auf, sich die Lästerungen in den jüdischen Schriften gegen den Allmächtigen und seine lobwürdige Mutter zu Herzen zu nehmen, und widerlegt sophistisch alle Einwände gegen die Errichtung von Scheiterhaufen für den Talmud. Dein Haupteinwand, daß die Maßregel nutzlos sein würde, weil die Juden so manches Exemplar verbergen oder die verpönten neu kopieren oder aus dein Auslande beziehen dürften, wollte Pfefferkorn durch ein Verfahren begegnet wissen, welches die ganze Tücke seiner oder der Dominikaner Bosheit verrät. Man sollte den Juden einen feierlichen Eid auflegen, und zwar nachdem inan sie einen Tag zu fasten gezwungen, indem man vor sie dampfendes, wohlschmeckendes Fleisch, gesottene Fische, Gläser mit Wein, Ol, Honig und Milch hinstelle, und sie entblößten Hauptes mit Aussprechen des geheiligten Gottesnamens schwören lassen, daß sie sämtliche Schriften ausliefern, keine behalten, kopieren oder von außen beziehen würden. Wenn einer dann noch im Besitz eines Tal- inudexemplars betroffen würde, sollte er als Meineidiger an Leib und Gut bestraft und von den übrigen Juden mit dem Banne belegt werden. So sollten die Juden selbst durch Körper- und Seelenpein als Werkzeuge der Bosheit gebraucht werden. In derselben Schmähschrift suchte er auch die Stimmen, welche sich zugunsten der Inden vernehmen ließen, zum Schweigen zu bringen und sie von vornherein zu verdächtigen Wenn sich getaufte Juden gegen seine Verläumdungen aussprechen sollten, so möge man sie nicht als aufrichtige Christen betrachten; es würden nur solche sein, welche sich nur ans fleischlicher Lust haben taufen lassen, den jüdischen Glauben noch im Herzen trügen und nicht wünschten — diese verruchten und ungöttlichen Herzen —, daß die Schalkheit der Juden an den Tag käme. Solche getaufte Juden, welche seine Schrift Lügen strafen könnten, seien von den Christgläubigen wie die Teufel zu fliehen. Die Christen, die sich etwa günstig für die Juden vernehmen lassen sollten, würden entweder vom Gelde der Juden bestochen oder durch den Umgang mit Juden verderbt worden oder in ihren: Innern vom Christenglauben abgefallen sein. Aber auch auf die Stimme unbescholtener, frommer Christel: zugunsten der Juden sei nichts zu geben, denn es würden nur solche sei::, die auch das edelste Streben verdächtigte:: und zun: Schlimmste:: auslegen d. h. solche Christen, welche seine gemeinen Absichten durchschauten. Rückerstattung der konfiszierten Bücher. 89 Zum Schluß drohte Pfefferkorn, falls die Juden in ihrer Verstocktheit verharren sollten, werde er noch neue Schriften veröffentlichen, gegen welche die bisher erschienenen Anklageschriften sich kaum wie eine Vorrede ausnehmen würden. Er drohte, den ganzen Köcher seiner vergifteten Pfeile gegen die Juden zu erschöpfen. Er würde das verschollene Machwerk von Jesu Geburt^) in hebräischer Sprache veröffentlichen und mit Hilfe der getauften Juden Viktor von Karben, Fisch el von Krakau und anderer die Christenfeindlichkeit und Gemeinschädlichkeit der Juden aufdecken. Diese deutsch geschriebene Schrift wurde von einem Friesen, Andreas Ruder, ins Lateinische übersetzt, um die ganze christliche Welt, das deutsch und latem lesende Publikum, gegen die Juden, zu Hetzen. Damit begnügte sich Pfefferkorn noch nicht, sondern richtete ein besonderes Sendschreiben?) an Geistliche und Weltliche, worin er den Stand der Angelegenheit auseinandersetzte, daß der Kaiser, dem das Recht zustande, die Inden an Leib und Gut zu bestrafen, in Gnaden sich damit begnügt habe, bloß ihre lästerlichen Schriften durch ihn konfiszieren zu lassen, und daß er schon in mehreren Gemeinden den Befehl ausgeführt habe. Die Juden Hütten ihn aber durch Geld gewinnen wollen, von der Sache abzustehen. Da er aber der Versuchung widerstanden, hätten sie ihn an Leib, Ehr und Glimpf (Ruf) verfolgt, und zwar nicht in eigener Person, sondern durch von ihnen bestochene Christen, damit die Sache rückgängig gemacht werde, was natürlich dem Christentum zum großen Schaden gereichen würde. Darum wolle er „mit diesem Briefe" alle christgläubigen Menschen ermahnen, dein Märchen der Juden, als sei der Kaiser ihr Freund, keinen Glauben zu schenken. Jeder Christ sei vielmehr gehalten, dabei behilflich zu sein, daß das christenfeindliche Schrifttum der Juden vertilgt und vernichtet werde. Zum Schlüsse des Sendschreibens werden die angeblichen Schmähworte wiederholt, deren sich die Juden über die Urheber und Sakramente des Christentums bedient haben sollen. So versuchten die Kölner Dominikaner von neuem — sie standen stets hinter Pfefferkorn — durch die öffentliche Meinung einen moralischen Druck auf Maximilian auszuüben. Diese muß indessen so sehr gegen die Finsterlinge gesprochen haben, daß Maximilian sich bewogen fühlte, einen für einen Kaiser ungewöhnlichen Schritt zu tun, seine früheren Befehle gewissermaßen zu widerrufen und dem Rat von Frankfurt zu befehlen, den Juden ihre Schriften zurückznstellen (23. Mai 1510) „bis zur Vollendung unseres Vornehmens und Beschau der Bücher". ^) Die Freude der 9 I!lo die Geburtsgeschichte Jes». h Über dieses handschriftliche Sendschreiben Note 2. Bergt. Note 2. 90 Geschichte der Juden. Juden war groß, wie sich denken läßt. Waren sie doch einer großen Gefahr entronnen: denn es handelte sich nicht bloß nur ihr Schrifttum, das ihrem Herzen so teuer war, sondern um ihre Stellung im deutsch-römischen Reiche. Wie leicht hätten sich daraus andere Nachteile für sie entwickeln können? Tie Dominikaner hätten es nicht an Aufreizung fehlen lassen, neue Demütigungen und Verfolgungen über sie herbeizuführen. Aber sie hatten zn früh triumphiert. Die Dominikaner und ihr Bundesgenosse und Werkzeug Pfefferkorn, gaben die bereits errungenen Erfolge nicht so leicht auf. Ein trübseliger Vorfall in der Mark Brandenburg gab ihren feindseligen Bestrebungen neue Nahrung und einen Anhaltspunkt zn Anklagen. Ein Pommer hat in einer Kirche ein Ziborium mit einer vergoldeten Monstranz gestohlen. Über die Hostie befragt, machte er Geständnisse, sie an Juden in Spandau, Brandenburg und Stendal verkauft zu haben. Natürlich schenkte man dem Diebe vollen Glauben, und der Bischof von Brandenburg betrieb die Verfolgung der Brandenburger Inden mit glühenden: Fanatismus. Daraufhin ließ der Kurfürst Ioachi m I. von Brandenburg, ein Hanptketzerverfolger, die des Verbrechens Angeklagten nach Berlin bringen. Zn der Anschuldigung der Hostienschändung kam bald eine andere, die des Kindermordes, hinzu, wie früher in Breslau unter Capistranv und anderwärts. Joachim ließ die Angeklagten foltern und dann auf einem Roste achtnnddreißig verbrennen. Mit Standhaftigkeit und mit Lobgesang im Munde waren diese Märtyrer von Brandenburg zum Feuertode gegangen (19. Juli 1510), bis auf zwei, welche vor Todesangst die Taufe genommen hatten und scheinbar ehrenvoller, nur enthauptet worden waren. Das ist die erste Kunde von den Juden in Berlin und Brandenburg. Siebenundzwanzig Jahre später kam die Unschuld der Märtyrer an den Hellen Tag. Für den Augenblick beuteten die Judenfeinde den Fall ans und veröffentlichten, als wenn die Anschuldigung auf Wahrheit beruht hätte, eine Schrift darüber?) mit häßlichen Holzschnitten versehen, welche die ') „Ei» wnnderbarlich GUN,wt, nie die Märkische» Jüddcn das hoch- würdige Lpfer geschändet habe»." Pfefferkorn berichtet darüber in, Handspiegel nnd 1>r. Eck im „Jndcnbüchlein" Bl. X. Eine jüdische Quelle darüber teilt Zunz mit, spnagognle Poesie, S. 5>g. Auch die Brannschwciger Juden mnrdcn ans Joachims Anregung verhaftet. Joseph Joselin von Röschen» berichtet darüber in seinem Dagebnche: pinrr >ni 2 >n (i"? i-oey nrw imnai ->->'2 'a 'L-ai nne-o nch w'vr (Revue des Xtucles XVI, 88). An einer anderen Stelle berichtet er: Im Jahre 1ä37, bei einer Fürstenversanimlnng in Frankfurt, habe Joachim II. von Brandenburg erfahren, das; die Mänprer von Berlin nnschnldigerweisc verbrannt worden waren, indem der Dieb des Ciborinms seine erlogene Anklage bei der Beichte eingestanden habe, und daß Mandat zur Untersuchung des jüd. Schrifttums. 91 Qualen der Juden veranschaulichen. Dieser Vorfall machte viel Aufsehen in Deutschland, und die Kölner Dominikaner benutzten ihn/) um den Kaiser zu bewegen, ein neues Mandat zur Konfiszierung des jüdischen Schrifttums zu erlassen, da der Talmud allein an der angeblichen Christenfeindlichkeit der Juden schuld sei. Zwar auf gradem Wege konnten sie es von ihm nicht erlangen, denn er war nachgerade von der Lügenhaftigkeit der Anklage überzeugt. Aber sie schoben wieder dieselbe Mittelsperson vor, die bigotte Herzogin-Äbtissin Kunigunde, welcher die grauenhafte Schlechtigkeit der Juden durch diesen Vorfall noch greller geschildert wurde; sie sollte abermals auf den Kaiser eiuwirken. Tie Dominikaner wußten ihr beizubringen, zu welchem Nachteil es dem Christentum gereichen würde, und bereits gereiche, daß die hostienschnuderischen und kindermörderischen Juden sich rühmen könnten, ihre Schriften seien ihnen auf des Kaisers Geheiß wieder zugestellt worden, der Kaiser billige gewissermaßen die darin enthaltenen Schmähungen gegen die christliche Religion. Darauf bestürmte sie ihren Bruder förmlich und tat bei ihrer Zusammenkunft mit ihm in München einen Fußfall, ihn unter Tränen beschwörend, die Angelegenheit der jüdischen Schriften wieder aufzunehmen?). Auch Pfefferkorn belästigte den Kaiser während seines Aufenthaltes in Bayern mit Anschwärzungen. Maximilian war in Verlegenheit. Cr mochte einerseits seiner geliebten Schwester einen so innig gehegten Wunsch nicht versagen, anderseits war er von Pfefferkorns Lügengewebe gegen die Juden nicht sehr erbaut. Er fand indes eine Auskunft, um nach beiden Seiten hin billig zu erscheinen. Er erließ ein neues Mandat, das vierte in dieser Angelegenheit (6. Juli 1510), an den Erzbischof II r i e l, die Sache wieder aufzunehmen, aber unter einer andern Gestalt. Er wollte sich erst vergewissern, ob es göttlich, löblich und wirklich dem Christentum förderlich sei, die talmudischen Schriften zu verbrennen, wie Pfefferkorn so hartnäckig behauptet hatte. Die Sache sollte nicht als erwiesen angenommen, sondern erst gründlich untersucht werden. Der Erzbischof von Mainz sollte Gutachten darüber der Bischof von Brandenburg den Geistlichen untersagt habe, das Beichtgeständnis laut werden zu lassen. Infolgedessen habe Joachim 1l. seinen Entschluß auf- gegeben, die Inden aus seinem Lande zu verjagen (das. p. S2, Nr. 22): rivxu c.nw i>:n> .-anrpnav) naai' ainpnav Irwin v'anb xmi r>nuv o: -in- oa ub r>an rii'i',': . . r»L'°o n'b rava 1 'aa "02 WNLM . . . o'^wri re: N'-rii nie,' niai riw 2"wi 22 >'2 wwi . in,2v> rwwwa nm na- w . wnvr . m-nb 2:2 h Den Zusammenhang zwischen dem Vorfall in Berlin und der Sinnesänderung des Kaisers in betreff der jüdischen Schriften gibt Pfefferkorn selbst an, vergl. Note 2. ") Dieselbe Note. 92 Geschichte der Juden. von den genannten deutschen Universitäten und von den namhaft gemachten Personen Reuchlin, Viktor von Karben und Hochstraten einholen, denen der Kaiser eine besondere Aufforderung in offizieller Form zugehen ließ. Der Ausfall des Urteils oder der Urteile über den Wert des jüdischen Schrifttums sollte ihm durch Pfefferkorn, als Anreger der Sache, übermittelt werdend) Die Juden, hatten Ursache, mit bangem Gefühle den: Ausfälle der Gutachten entgegenzusehen. Ihr Weh und Wohl hing davon ab. U Reuchlin, Augenspiegel, Anfang; Pfefferkorn, l)sksn8io contra kavrosas. Viertes Kapitel. Der Streit um den Talmud, ein Schibolet der Humanisten und Dunkelmänner. «Fortsetzung.! Reuchlins Gutachten zugunsten des jüdischen Schrifttums und der Juden. Die anderen Gutachten; Hochstraten für ein ständiges Jnquisitionsgericht gegen die Inden. Die Mainzer Universität gegen die Bibel. Mißbrauch der Dominikaner von Reuchlins Gutachten. Der Handspiegel; erste Schmähschrift gegen Reuchlin; dessen Augenspiegel zugunsten der Juden schafft eine öffentliche Meinung. Freude der Juden und Jubel des Humanistenkreises darüber. Engherzigkeit und Kurzsichtigkeit Erasmus', Pirk- heimers und Mutians. (1510 bis 1511.) Es war ein glücklicher Wurf für die Juden, daß der biedere, wahrheitsliebende und für die hebräische und kabbalistische Literatur schwärmerisch eingenommene Reuchlin um ein Urteil über die Zulässigkeit oder Verwerflichkeit des jüdischen Schrifttums angegangen wurde. Die Kölner Dominikaner, welche ihn in Vorschlag gebracht haben mochten, haben dadurch ihr Vorhaben selbst vereitelt und in weiterer Entwicklung ihn zum Feinde ihrer boshaften Bestrebungen gemacht. Reuchlin machte sich, sobald ihm die Aufforderung vom Kaiser zugekommen war, sofort an die Beantwortung der Frage: „Ob es göttlich, löblich und den: christlichen Glauben nützlich sei, die jüdischen Schriften — worunter namentlich der Talmud gemeint war — zu verbrennen." Er vollendete sein Gutachten in kaum drei Monaten (12. August bis 6. Oktober 1510). Sein Urteil fiel außerordentlich günstig für die angeklagten Schriften aus, und er ließ es dabei nicht an derben Seitenhieben gegen die gewissenlosen Hetzer fehlen. Die Geliebte seines Herzens, die jüdische Literatur, sollte in den Anklagestand gesetzt werden, und er sie nicht mit dem ganzen Aufgebot seines Geistes verteidigen? Reuchlins Gutachten ist zwar sehr pedantisch und in dein schwerfälligen Stile damaliger Rechtsdeduktionen gehalten, aber nicht ohne Geschicklichkeit ausgearbeitet. Er ging dabei von dem richtigen Gesichtspunkte aus, daß man bei Beantwortung dieser Frage die jüdischen Bücher 94 Geschichte der Juden. nicht in Bausch und Bogen als ein gleichartiges Schrifttum zu behandeln habe; vielmehr müsse inan darin (außer der Bibel) sechs voneinander verschiedene Klassen auseistanderhalten. Unter der Klasse: Poesie, Fabeln „Merlin", Satire, mag es allerdings Schmähschriften gegen das Christentum geben, von denen jedoch ihn: nur zwei bekannt seien, nämlich Lipmanns gegenchristliche Schrift und die „Geburtsgeschichte Jeschu des Nazaräers", die aber nach der Versicherung der Juden selbst unter ihnen zum Lesen verboten und vernichtet worden seien. Gegen solche Schmähschriften, wenn sich solche noch fänden, sollte und müßte mit aller Strenge verfahren und sie ohne weiteres verbrannt werden. Die Klasse der Auslegungsschristen oder Bibelkommentarien dagegen — von R. Salomon (Raschi), Jbn-Esra, den Kimchiden, Moses G e r u n d e n s i s und Levi benGerso n —weit entferntdemChristentum nachteilig zu sein, sei vielmehr für die christliche Theologie unentbehrlich. Das Beste, was die gelehrten Christen über die alttestamentliche Schriftauslegung geschrieben, stamme von Juden, als Brunnen, woraus die rechte Wahrheit und das Verständnis der heiligen Schrift fließen. Wenn man aus den umfangreichen Schriften des besten christlichen Auslegers, des N i k o l a u s d e L Y r a, die Bestandteile ausscheiden wollte, die er vonRaschi entlehnthabe, so würde sich das, was er ausdem eigenen Kopfe hinzugesügt hat, in wenigen Blättern zusammenfassen lassen. Es sei auch eine Schande, daß viele Doktoren der christlichen Theologie wegen Unkenntnis des Hebräischen und Griechischen die Schrift falsch auslegten. Einige christliche Theologen mögen zwar sagen: „Wir wollen uns mit unseren Kommentarien behelfen, was brauchen wir die Juden!" Solchen könnte geantwortet werden: „Wer sich behelfen muß, der hat nicht viel übrig, wie wenn sich einer im Winter mit dünnen Beinkleidern behelfen wollte". — Die Klasse der Predigt-, Gesang- und Gebetbücher und ähnlicher Schriften darf man den Juden nach kaiserlichem und geistlichem Recht nicht entziehen, das ihre Synagogen, Zeremonien, Riten, Gewohnheiten, Sitten und Andacht unangetastet wissen wolle. — Die Klasse der hebräischen Schriften, welche Philosophie, Naturwissenschaften und freie Künste enthalten, unterschieden sich in nichts von solchen, welche etwa in griechischer, lateinischer oder deutscher Sprache geschrieben sind. Ist ihr Inhalt schädlich, dann möge man sie beseitigen. Was nun den Talmud selbst betrifft, gegen den die Hauptanklnge gerichtet war, so gestand Reuchlin ein, nichts, gar nichts davon zu verstehen; aber auch andere gelehrte Christen verständen nicht mehr davon, es sei denn durch die Anklagen, welche die Gegner desselben, Raimund Martin, Paulus von Burgos, Also nso de Spina, Peter Schwarz und in 9 Mose b. Nachmcm — Reuchlins Gutachten. 9ö neuester Zeit Pfefferkorn dagegen erhoben haben. Er kenne aber auch manche, welche kein Wort vom Talmud verstehen und doch ihn verdammen. Wie will aber jemand gegen die Mathematik schreiben, olme ein Wort davon zu verstehen? Es wäre ein Bacchanten- argu m ent, statt die Angriffe der Juden auf das Christentum zu widerlegen, mit der Faust dareiu zu schlage». Er sei daher der Meinung, daß der Talmud nicht verbrannt werden sollte, wenn es auch wahr sein sollte, daß unter vielem andern auch Schmah- worte gegen die Stifter des Christentums darin enthalten seien. „Wäre der Talmud so verdammuugswert, wie behauptet wird, so hätten ihn unsere Vorfahren vor vielen hundert Jahren, die mehr Ernst mit dem christlichen Glauben gemacht haben, als wir in unserer Zeit, längst verbrannt. Die getauften Juden, Peter Schwarz und Pfefferkorn, die einzigen, welche auf den: Verbrennen desselben bestehen, mögen ihre Privatabsichten dabei haben." In der bis zum Ermüden langen Auseinandersetzung ist das Bestreben Reuchlins sichtbar, vom Talmud durchaus die Brandfackel fern zu halten. Die Gründe dafür sind wenig stichhaltig und noch dazu, weil zugleich juristisch gehalten, sehr kniffig und rabuliflisch. Das Gutachten macht seinem Herzen, aber nicht seinen: Kopse und seiner Rechtsgelehrsamkeit Ehre. Wen könnten folgende Gründe überzeugen? Der Talmud müsse, wenn schlecht, um so eher erhalten bleiben, um den christlichen Gottesgelehrten als Schießscheibe zu dienen, woran sie ihre Fechtkunst üben sollten! Oder: „Die Juden könnten, wenn wir den Talmud verbrennen, sich rühmen, die Christen fürchteten für ihren Glauben, wie wenn ein Herzog mit einen: Ritter fechten wollte, und er seinen: Gegner vorher sein Messer entzöge!" Oder: „Die Juden würden dann erst recht sich an den Talmud klammern, weil das Verbotene erst recht mundet!" Oder: „Die Christen könnten einmal auf Kirchenversammlungen den Talmud zun: Belege brauchen und würde:: dann kein Exemplar finden!" Oder: „Wenn die Christen nicht mehr mit den Juden disputieren könnten — und das könnte nur auf den: Boden des Talmud geschehen — so würden sie unter einander in Uneinigkeit und Spaltung geraten, „weil das inenschliche Gemüt nicht feiern kann, worin der Anfang in dem Streite über Marias Empfängnis zwischen den Dominikanern und Franziskanern bereits gemacht ist, und ob der Apostel Paulus verehelicht und der Kirchenvater Augustinus ein Mönch gewesen." Unter den letzten Gründen ist noch der folgende der leidlichste: Das Verbrennei: des Talmud in Deutschland würde das Ziel verfehlen, dein: die Juden Habei: ihre hohen Schulen in Konstantinopel, im Orient überhaupt und auch in Italien, wo sie frei lehre:: dürfen. Tann brachte Reuchlin noch juristische Kniffe an: das kanonische Gesetzbuch verbietet, den Juden Geld 96 Geschichte der Juden. und Geldeswert zu nehmen; wer solches tue, verfalle dein Bann. Der Bann wird aber nur über eine Todsünde verhängt, folglich ist es Sünde, also Gott nicht wohlgefällig, den Juden ihre Bücher zu rauben. Auf dieses Gesetz seien auch Könige und Kaiser verpflichtet, und das kaiserliche Recht hat es bestätigt. Auch ist es kanonisch verboten, den Juden ihre Kinder mit Gewalt zu entziehen. „Darunter sind auch Bücher zu verstehen, denn manchem sind Bücher ebenso lieb wie Kinder, wie man auch von den Poeten sagt, daß sie ihre Bücher für ihre Kinder halten." Die Klasse der kabbalistischen Schriften zu verteidigen und sie vor dem Brande zu schützen, hatte Renchlin leichtes Spiel. Er brauchte sich nur auf die Vorgänge am päpstlichen Hofe vor kaum zwei Jahrzehnten zu berufen. Der gelehrte und wunderliche Graf Pico de Mirandola hatte für die Kabbala eine schwärmerische Verehrung angeregt und den Satz aufgestellt, sie sei das festeste Fundament für die Hauptlehren des Christentums. Papst Sixtus IV. hatte einige kabbalistische Schriften ins Lateinische übertragen lassen?) Ms nun später der Bischof Peter Gavisia gegen Pico de Mirandola auftrat und die Schädlichkeit der Kabbala behauptete, habe Papst Alexander VI. die Streitfrage von einem Kardinalskollegium untersuchen lassen und durch ein apostolisches Breve (1493) Picos Rechtgläubigkeit und die Nützlichkeit der Kabbala bestätigt. Reuchlin schloß sein Gutachten mit den: Resultat: Man sollte den Juden keineswegs ihre Schriften nehmen und verbrennen, vielmehr an jeder deutschen Universität zwei Professoren der hebräischen Sprache auf zehn Jahre anstellen, welche allenfalls auch das Rabbinische zu lehren hätten; dann könnten die Juden auf sanften: Wege durch Überzeugung zum Christentum bekehrt werden. Reuchlin begnügte sich nicht, in seinem Gutachten sein Urteil iiber das jüdische Schrifttum abzugeben, sondern er suchte auch die Gründe zu entkräften, welche die Judenfeinde, namentlich Pfefferkorn, dagegen vorgebracht hatten. Wenn es auch wahr wäre, meinte er, daß sie den Stifter des Christentums und seine Lehren leugnen, so wiegen diese Schriften doch nicht schwerer als die Tatsache selbst, daß die Juden beides ein für allemal nicht anerkennen, und doch hat sie die Christenheit vierzehn Jahrhunderte geduldet. Reuchlin bemerkte dabei, daß ja auch die Christen alljährlich in den Kirchen an: Charfreitag öffentlich die Juden als treubrüchig (poiUUi 9näasi) schmähten. Besonders brandmarkte er unter derHand den Ankläger Pfefferkorn, zwar ohne ihn zu nennen, aber doch kenntlich genug. Er bemerkte: Er habe keinen einzigen Inden zu seiner Zeit gekannt, der den Talmud Reuchlins Gutachten. 97 verstanden hätte, und deutet dabei geflissentlich boshaft an, er habe nicht nur mit Peter Schwarz, sondern auch mit Pfefferkorn Bekanntschaft gemacht. Er schilderte die gemeinen Beweggründe, welche Juden zur Bekehrung zu fuhren Pflegen: „Ich rede nicht von denen, die aus Neid, Haß, Furcht vor Strafe, Armut, Rache, Ehrgeiz, Liebe zur Welt, schlichter Einfalt zu uns kommen, und allein mit Worten und dein Namen nach Christen werden. Solcher habe ich viele kennen gelernt, aus denen nichts Gutes geworden ist; diese glauben eins wie das andere, und wenn es ihnen auf dieser Seite nicht gut geht, so laufen sie in die Türkei und werden wieder Juden."*) In einer andern Stelle seines Gutachtens versetzte Reuchlin Pfefferkorn unter der Blume die allerderbsten Püffe. „Wenn ein Unverständiger käme und spräche: ,Allergroßmächtigster Kaiser! Ew. Majestät soll die Bücher der Alchemie unterdrücken und verbrennen, weil in denselben lästerliche, schändliche und närrische Dinge gegen unfern Glauben geschrieben sind/ Was sollte die kaiserliche Majestät einen: solchen Büffel oder Esel zur Antwort geben, als daß er sagte: ,Tu bist ein einfältiger Mensch, viel inehr zu verlachen, denn zu willfahren.' Weil nun ein so schwachsinniger Kopf nicht die Tiefe einer Kunst begreifen und fassen kann und die Tinge anders versteht, alssiesind, wolltet Ihr raten, daß mansolche Bücher verbrennen müßte?"?) Reuchlins Parteinahme für die Juden oder sein Unwille über Pfefferkorn brachte ihn dahin, in grellem Widerspruche mit seiner eigenen Äußerung in seinem Sendschreiben an einen Junker (o. S. 83) Pfefferkorns Anschuldigung gegen die Juden ans der Ber- wünschungsformel in ihrem Gebete so lächerlich zu machen, als wenn diese und andere Klagen auf nichts, gar nichts begründet wären, und als ob er selbst sie nicht erhoben hätte. „Kürzlich ist ein Büchlein gedruckt worden,"?) bemerkte Reuchlin, „wider die Juden und darin angezeigt ein Gebet in ihren Gebetbüchlein, das sie wider uns gebrauchen . . . Dasselbe wird gar zu schwer wider sie angezogen, als ob sie die Heiligei: Apostel und ihre Nachfolger... die gemeine christliche Kirche und das *) Augenspiegel p. 32 b. ?) Das. p. 28. Reuchlin meinte damit (a. a. O. S. 23) die Stelle in Pf. bostis cknäae- ornm, wo die Verwllnschungsformel im Gebete a'-ir-nr-iSi (ursprünglich auf die getauften Juden und in: owbr: auf das römische Reich bezogen wird Reuchlin stellte sich an, als wenn er gar nicht wüßte, das; ---lanvL^ getaufte Inden bezeichnet, und als ob das Wort ein ganz unschuldiges pai tieipium grasssntis ternxoris gassivi wäre. Auch die Widerlegung einer anderen Anklage ist mehr den Juden wohlwollend als richtig. Pfefferkorn hatte ausgestellt: 8: guanüo 6In wtianns ünäaenm aäeat, ills enm snm exeepit speeis bsne- vota. iuguit irneipiti verbo tsntonieo: „8stl> vilünmnM, gnoä est 8atbs,»a8 vsnisti.bsns . . . 8stb üiabolns. Allerdings mögen einige rohe Juden das Wort: „Seid oder Sed Willkommen" so gedeutet haben. Dagegen Reuchlin : „Das kann nach richtiger Grammatik,: der hebräischen Sprache Graetz, Geschichte der Juden. IX. 7 98 Geschichte der Jude». römische Reich aus Bosheit verfluchte». Dadurch köunten die Jude» leicht in eine» solchen Haß bei de» Ungebildete» gebracht werde», daß sie uru Leib nnd Leben kämen. Bei Lichte besehen, findet man aber kein Wort darin, das die Getauften oder die Apostel oder die Christen überhaupt und das römische Reich bedeute." Gewiß, seitdem die Juden bvn der Christenheit gemißhandelt und verfolgt wurden, haben sie keinen so wohlwollenden Sachwalter gefunden, wie Reuchlin und noch dazu in einer amtlichen Erklärung für den Reichskanzler und den Kaiser. Zwei Punkte, welche Reuchlin betont hatte, waren von besonderer Wichtigkeit für die Juden. Der erste, daß die Juden Mitbürger des deutsch-römischen Reiches seien und d e s s e l b e n R e ch t e s und Schutzes genießen?) Es war gewissermaßen der erste stotternd ausgesprochene Laut zu jenem befreienden Worte vollständiger Gleichstellung, welches mehr als drei Jahrhunderte brauchte, um voll ausgesprochen und anerkannt zu werden. Damit war der mittelalterliche Spuk zum Teil gebannt, daß die Juden durch Vespasiaus und Titus' Eroberung Jerusalems ihren Nachfolgern, den römischen und deutschen Kaisern, mit Gut und Blut verfallen seien, daß diese das volle Recht Hütten, sie zu töten und nur Gnade übten, wenn sie ihnen das nackte Leben ließen, daß mit einem Worte die Juden gegenüber den Machthabern durchaus rechtlos wären. Die Juden haben auch ein Recht, das geachtet werden müsse, auch von Kaiser und Reich, von Geistlichen und Weltlichen, das war der erste schwache, zitternde Lichtstrahl nach so langer düsterer Nacht. — Der zweite Punkt, den Reuchlin schon mit mehr Offenheit betonte, war nicht minder wichtig: Die Juden dürfen nicht als Ketzer angesehen und behandelt werden. Ta sie außerhalb der Kirche stünden und znm christlichen Glauben nicht gezwungen seien, so seien die Begriffe Ketzerei und Unglauben— jene entsetzenerregenden und lebenverwirkeudeu Banuwörter im Mittelalter — gar nicht auf sie anwendbar. Entzog das erste Wort die Juden der Willkür des weltlichen Armes, so zog das zweite gewissermaßen ein Asyl um sie, wo sie die damals weit reichende geistliche Macht nicht erreichen konnte. In seinem Unwillen über Pfefferkorns Unverschämtheit ermaß Reuchlin selbst nicht die Tragweite seiner Äußerungen; sie sind ihm gewissermaßen nur entschlüpft; aber seine Feinde ermangelten nicht, sie als Waffen gegen ihn zu gebrauchen. nicht sein, ir-, so einen Teufel heißt, hat es einen Punkt ans der rechten Seite des Buchstabens O); das kann ein jeglicher Bauer merken, wenn sic sprächen: 8 obsä n'illbum, daß es nicht sei als: „seid willkninin". U Daß Reuchlin wirklich das hat sagen wollen, ersieht man ans der Abschwächung, die er in den lat. ^rZnmsuta daran anbringt.- ^i-Znitnr ssxtniu, gnoä äixerim: änäaeos oouoive8 ssss nobwonm Romani impsrii etc. Die übrigen Gutachten über den Talmud. 99 Von welchem Nutzen sein Gutachten für die Juden war, erkennt man erst aus dein Urteil der zu Rate gezogenen Fakultäten/) denen der Talmud natürlich ein Buch mit sieben Siegeln war. Tie Cvlner Dominikaner samt und sonders, die theologische Fakultät, der Ketzermeister Hochstraten und der graue Täufling Viktor von Karben, welche sämtlich aus einem Munde sprachen, ließen sich gar nicht auf die Beweisführung ein, daß der Talmud Schädliches und ChristeNfeindliches enthalte; sie schickten das vielmehr voraus, waren daher mit ihrem Rate bald fertig, die talmudischen Schriften und auch alle übrigen, welche wohl desselben Geistes seien, den Juden zu entreißen und zu verbrennen. Sie gingen aber noch weiter, namentlich hatte Hochstraten die Keckheit, es anszusprechen, die Juden sollten auf die Anklagebank gesetzt werden. Kundige Männer sollten nämlich ketzerische Stellen ans dem Talmud und den übrigen jüdischen Schriften (d. h. solche Äußerungen, welche mit dem Schriftworte nicht übereinstimmen, ihm widersprechen oder es aufheben), ausziehen und zusammenstellen. Dann sollten die Juden befragt werden, ob sie die Schädlichkeit der Schriften, in welchen solches gelehrt würde, anerkennen oder nicht. Geständen sie es ein, so dürften sie nichts dagegen haben, wenn solche lästerliche und ketzerische Schriften dem Feuer übergeben würden. Beharrten sie dagegen halsstarrig, solche Stellen als einen Teil ihres Bekenntnisses anzusehen, dann möge sie der Kaiser der Inquisition als offenbare Ketzer zur Bestrafung überlassen. Eine angenehme Aussicht für die Juden und gewinnverheißend für die Beutelust der Kölner Dominikaner! Pfefferkorn oder Viktor von Karben bekämen dann den Auftrag, Stellen aus dein Talmud auszuziehen, welche nicht sehr schmeichelhaft vom Urchristentum sprechen oder mit der Bibel nicht harmonieren. Daraufhin würde sich Hochstraten als Inquisitor darüber zu Gerichte setzen, die Inden des Rheinlandes vor ein Tribunal laden, sie aus- sragen, sie natürlich bei ihrer Zähigkeit ketzerisch strafwürdig finden und sie entweder zuin Feuertode verurteilen oder wenigstens Geld von ihnen abzapfen! Dieser Einfall macht den: Scharfsinne seines Erfinders Ehre. — Die Mainzer Fakultät gab ein ähnliches Urteil ab, ging aber noch viel weiter. Nicht bloß sämtliche talmudische und rabbinische Schriften seien voll von Jrrtümern und Ketzereien (wie gelehrte Männer behaupten, denn aus eigener Anschauung wüßten sie es nicht), sondern auch die biblischen Schriften dürften davon verdorben und verschlechtert worden sein, namentlich im Punkte des Glaubens! Daher seien auch diese den Juden abzunehmen, zu untersuchen, und wenn nach Erwarten befunden, dein Scheiterhaufen zu überliefern. Das war nicht minder schlau angelegt: Ter hebräische Text 9 Vergl. Nute 2. 100 Geschichte der Juden. der Bibel stimmt nicht mit den: Text der lateinischen von der Kirche benutzten Vulgata überein, welche von Stümpern herrührt. Die beschränkten Kirchenväter führten stets Klage, die Juden hätten manche Stellen in der Bibel gefälscht und namentlich Zeugnis von Jesus darin ausgemerzt. Wie, wenn man die unverdorbene Mutter der entarteten Tochter gegenüberstellte und ihr bewiese, daß, sofern sie nicht die Fehler der Tochter teile, sie nicht verdiente zu existieren? Ja, es war auch ein guter Einfall der Dominikaner, sich den unbequemen hebräischen Text, „die hebräische Wahrheit", vom Halse zu schaffen, jenen Text, der zu dem Kinderspiele der kirchlichen Deutelei majestätisch den Kops schüttelte. Torquemada, der allmächtige Generalinquisitor in Spanien, hatte Tausende von hebräischen Büchern und darunter auch die heilige Schrift verbrennen lassen (VIII g, 479), weil ihr Inhalt nicht mit der Vulgata und dem Kirchenglauben übereinstimme und daher ketzerisch sei. Ein so frommes und gottgefälliges Werk müßte in Deutschland nachgeahmt werden. Wenn die Mainzer und Cölner Theologen mit ihren: Gutachten durchgedrungen wären, so wäre das Buch von: flammenden Sinai, die Prophetenworte, die Psalmenlieder, Denkmäler einer gnadenreichen Zeit, den Flammen überliefert und dafür ein Bastard (die verdorbene lateinische Vulgata) untergeschoben worden. Tie Mainzer und Cölner Dominikaner scheinen es geahnt zu haben, daß von den: schlichten Wortsinn der Urbibel ihrem Unwesen Untergang drohte. — Die Erfurter theologische Fakultät hat in demselben Sinne geantwortet. Nur die Heidelberger theologische Fakultät war besonnen genug, dem Kaiser zu raten, Gelehrte aus sämtlichen Universitäten zu einer Kommission zusammentreten zu lassen, um die Frage über Duldung oder Vertilgung des Talmud gemeinsam zu beraten. — Tie ineisten Gutachten erwiesen sich auch in einen: andern Punkte als Echo der Pfefferkornschen Gehässigkeit, indem sie damit das Gesuch an den Kaiser verbanden, denJuden Geldgeschäfte auf Zins zu verbieten. Die Cölner und Mainzer hatten sich sämtlich so eng mit Pfefferkorn verbunden, daß sie den Kaiser um Schutz für ihn anflehten vor der angeblichen Verfolgung der Juden wider ihn und ihn als einen vortrefflichen Christen und eifrigen Diener der Kirche empfahlen. Glücklicherweise haben die Cölner ihren schlau angelegten Plan durch ein Bubenstück selbst vereitelt. Reuchlin hatte sein günstiges Gutachtei: über die jüdische Literatur versiegelt durch einen vereideten Boten dem Kurfürsten-Erzbischof Urieü) von Mainz überschickt. Er hatte vorausgesetzt, daß es als Amtsgeheimnis nur von demselben und von dem Kaiser erbrochen und gelesen werden würde. Aber Pfefferkorn, der sich dem Ziele nahe glaubte, ') Es ist gewiß von Pfefferkorn erlogen, als wenn der Erzbischof, welcher sich bis dahin der Juden angenommen hatte, sich gutachtlich in Übereinstimmung mit der Mainzer Fakultät geäußert hätte. Pfefferkorns Frechheit 101 Rache an den Juden nehmen zu können, bekam es erbrochen noch vor dem Kaiser in die Hand. Wie dies zugegangen war, blieb ein unauf- gehellter Punkt. Renchlin bezeichnete die Cölner geradezu als gewissenlose Siegelbrecher. H .Pfefferkorn aber, dem übrigens wenig zu glauben ist, erzählte den Hergang folgendermaßen. Ter Kurfürst habe sämtliche Gutachten mit Befugnis geöffnet und sie ihm, als dem vom Kaiser bezeichneten Agenten (Sollizitator) übergeben. Über Reuchlins judenfrenndliches Urteil habe derselbe spöttisch gelächelt, als wenn ein Jude hinter diesen: beim Niederschreiben gestanden und ihm diktiert hätte. Als es Pfefferkorn aus der Kanzlei habe holen wollen, habe er es vernachlässigt auf einen: Schreibpulte, ein Spott des Schreiberburschen, gefunden. Und als dann Pfefferkorn sämtliche Ratschläge über den Talmud den: Kaiser überbracht, habe dieser, zu beschäftigt, um sich selbst ein Urteil darüber zu bilden, drei Männern den Auftrag dazu erteilt, den: Professor der Theologie Hiervnh - inus Waldung, den: Juristen A n gelus. von Freiburg und den: kaiserlichen Beichtvater, den: Karthäuserprior Georg Reisch, ihn: Vorschläge über das Verfahren in betreff des jüdischen Schrifttums zu machen. Diese hätten nach reiflicher Überlegung den: Kaiser geraten, die ganze Bibel den Juden zu lassen, die übrigen Schriften ihnen durch die Bischöfe mit Hilfe des weltlichen Armes zu nehmen, ein Verzeichnis davon anzulegen, diejenigen auszusuchen, welche Philosophie, Medizin und Poesie znm Inhalte haben, und sie den Eigentümern zurückerstatten, die talmudischen und rabbinischeu Schriften dagegen, überhaupt alle, welche sich mit verkehrter Auslegung der heiligen Schriften befaßten und daher ketzerisch und lästerlich seien, zur Belehrung für Christen und zun: Zeugnis für den Glauben zun: Teil in Bibliotheken zu verteilen, sie aber, an Ketten zu legen, damit sie nicht wieder in die Hände der Juden gerieten, endlich aber die übrigen zu verbrennen. Über Reuchlins Urteil soll sich der Karthäuser Georg geäußert haben, es sei mit goldener Tinte (d. h. für Geld von den Juden empfangen) geschrieben. Der Kaiser selbst soll geneigt gewesen sein, die Frage über Duldung und Vernichtung der talmudischen Schriften dem nächsten Reichstage vorzulegeu. — Dagegen teilt der glaubwürdige Reuchliu mit, der Kaiser sei durch sein Gutachten so sehr von der Falschheit der Anklage überzeugt worden, daß er die noch zurnckgehalteuen jüdischen Schriften zurückzuerstattcn befohlen habe.^) F Augenspiegel a. a. O. S. 18 und Defensiv contra ealnnmiatores Oolonienses a. a. O. p. 92 b unten. °) Bergl. Reuchlins hebr. Brief an Bvnet de Lates (Nvte 2) und Simon Oratio continsns bistorianr Oapnionis (L. 4 b): Lase ssnteutia (lleneblini üe Dalinnä) aegnior onin iinpsratori plaenissst, libri in enriain Drank- tnräisnssm translati Imlasis restitnnntnr. 102 Geschichte der Juden. Aber die Verbissenheit Pfefferkorns und der Kölner Dominikaner hat ihnen das für gewonnen gehaltene Spiel verdorben. Fast sollte inan ihnen dafür dankbar sein, daß sie die anfangs in Amtsgeheimnis gehüllte Sache an die Öffentlichkeit gebracht, dadurch ein anderes Tribunal geschaffen und die Gefährdung der Juden in die Gefährdung der Kirche verwandelt haben. Sie waren nämlich über Reuchlins Urteil außer sich geraten, weil dessen Stimme viel Gewicht beini Kaiser und seinen Räten hatte. Sie machten sich daher bald daran, eine geharnischte Widerlegung gegen dessen Parteinahme für Juden und ihr Schrifttum in die Welt zu schicken und zwar in deutscher Sprache, um ihre Sache volkstümlich zu machen, und die Menge so zu fauati- sieren, daß der Kaiser selbst außerstande sein sollte, auf Reuchlin zu hören. Schon der Titel derselben war geeignet, eine Judenhetze heraufzubeschwören: „Handspiegel gegen die Juden und ihre Schriften, die das christliche Regiment schmähen, als gotteslästerlich, ketzerisch und abergläubisch vernichtet werden müssen." Welche Frechheit gehört dazu, eine für den Kaiser ausgearbeitete Urkunde zum 'Gegenstand eines öffentlichen Angriffes zu machen! Zur Frühjahrsmesse Vvn Frankfurt boten (1511) Pfefferkorn und sein Weibchen den „Handspiegel" feil, gingen auch damit von Stadt zu Stadt, von Tür zu Tür hausieren. Mehr noch als an Pfefferkorns früheren giftigen Schriften hatten die Kölner Dominikaner au dem „Handspiegel" Anteil. Er gestand es auch ein, daß er sich mit seinen Freunden bei der Abfassung beraten. Die Schrift ist daher gelehrter und nicht so platt gehalten. Schon am Eingänge verrät sich die Teilnehmerschaft oder Mitschuld eines derselben, des aufgeblasenen Arnold von Tongern. Vorgeblich ist der Handspiegel eine längst fertige Beantwortung auf Arnolds Frage, warum denn der löbliche Handel betreffs der jüdischen Bücher keinen Fortgang nähme. Die Antwort lautet, schuld sei daran nicht bloß die Anfechtung von seiten der boshaften Juden, sondern auch von seiten mancher Christen. Pfefferkorn stellte sich darin als der Beleidigte und Verletzte, als unschuldig verfolgtes Opfer dar, indem ihm Reuchlin nicht bloß an seine Ehre gegriffen, sondern ihn auch dem Kaiser als strafwürdigen Verleumder gebrandmarkt habe. Tie schwachen Seiten des Reuchlinschen Gutachtens waren den Gegnern sofort aufgefallen: gegen diese richteten sie zuerst ihre Angriffe und klammerten sich fest daran, um dadurch den sie so sehr überragenden Riesen zu Falle zu bringen. Reuchlin hatte im Gutachten behauptet, daß die Verwünschungsformel im jüdischen Gebete ganz harmloser Natur und gar nicht auf die Christen und das römische Reich gemünzt sei. Dagegen werden nun im Handspiegel Zeugnisse von getauften Juden, Paulus von Burgos, Geronimo de Santa Fe, auch von Alfonso de^Spina Pfefferkorn gegen Reuchlin. 103 und dem Kirchenvater Hieronymus angeführt. Nebenher wird bemerkt, daß Reuchlin das Hebräische, auf das er stolz tue, wenig kenne; nur lateinisch oder deutsch verdolmetschte Wörter verstände er, aber er lese sie so holperig, „wie wenn man einen Esel treppauf treibe". Seine hebräische Grammatik sei gar nicht von ihm selbst verfaßt; Juden hätten ihm dabei geholfen. Wenn er nun in diesem Punkt ein Stümper sei, wie dürfte er sich herausnehmen, ein Urteil abzugeben und an Fürsten und Herren zu schreibe», die Juden sollten nicht als Feinde, sondern als Mitbürger des römischen Reiches geachtet werden? Die verwundbarste Stelle an Reuchlin war sein fünf Jahre vorher erlassenes Sendschreiben an einen Junker über die Juden (o. S. 83), worin er mit ebenso dickem Vorurteil, ebenso vielen falschen Schlüssen, nur ohne die Giftigkeit Pfefferkorns und der Kölner Dominikaner dieselbe halbe Wahrheit ausgestellt hatte, weil die Juden ehemals Jesus hiugerichtet, so Hütten sie Gott gelästert und kämen aus der Lästerung des Stifters, Marias, der Apostel, des ganzen christlichen Volkes nicht heraus. Auch Reuchlin hatte sich auf polemische Schriften und auf die Berwünschungsformel berufen. Mit teuflischem Hohn deckt nun der Verfasser des „Handspiegels" die grellen Widersprüche auf, welche zwischen Reuchlins Ansicht über die Juden in jener Sendschrift (Msstvs) und in seinem Gutachten an den Kaiser herrschen. „Will nun Reuchlin auf dem Inhalte seines Gutachtens beharren, worin er die Juden entschuldigt und verantwortet, so müßte er sein erstes Urteil widerrufen. Hält er aber dieses noch fest, daß die Juden sich in Schmähungen und Lästerungen ergehen, dann hat er den Kaiser und die Fürsten belogen!" Das war eine unerbittliche Logik, und Reuchlin mußte die Versündigung schwer büßen, die er früher au den Juden begangen hatte. Alles übrige, tvas der „Handspiegel" noch enthält, sind abgehaspelte Gehässigkeiten und boshafte Verleumdungen der Juden. Als Beweis ihrer Lästerung wird die Grausamkeit mitgeteilt, mit der jüngsthin der Markgraf Joachim I. achtunddreißig Juden in Berlin verbrennen ließ (o. S. 90). Auszüge aus den zwei polemischen Schriften von jüdischen Verfassern sollten die Christ eufeindlichkeit der Juden belegen. Hätte Pfefferkorn die wuchtigen Einwürfe der spanischen Inden gegen die christliche Urgeschichte und Dogmen gekannt, so hätte er das Sündenregister bei weitem vermehren können. Oberflächliche Auszüge aus den: Talmud, nicht aus eigener Lektüre, sondern anderen nachgeschriebeu, sollten die Behauptung erhärten, daß die Juden durchaus — gegen Reuchlins Annahme — Ketzer im verdamm- lichen Sinne des Wortes seien, ihre Schriften Ketzerei enthielten und also verbrannt werden müßten. Eine noch schwerere Anklage Reuchlins sollte diesen in den Augen aller Christen brandmarken und Entsetzen vor ihm erregen: 104 Geschichte der Juden. „Reuchlin wird von den Juden gerühmt, folglich ist er bereits ihnen verfallen." Das seien so die jüdischen Künste, Christen in ihr Netz zu locken." Dafür führte der Verfasser des „Handspiegels" haarsträubende Geschichten an, wie die Inden einige Christen zum Abfall vom Christentum verlockt Hütten, Geschichten, die eben so gut ganz erfunden wie halbwahr gewesen sein können. Ein christlicher Arzt Thomas, ein wohlberedter Mann, der viel mit Juden verkehrte, habe Jesus verleugnet, sich heimlich zum Judentum bekannt, mit ihnen in den' Fastenzeiten gelebt und — entsetzlich — nahe an 600 Christen mit Arznei vergeben. Dieser Doktor Thonras habe auch nach Anleitung der Juden Christen zum Abfall vom Glauben verleitet, unter anderen sogar einer: Priester in Aßmannshausen (Rheingau) und dieser wieder Zwei junge Christenknaben. Pfefferkorn will alle diese abgefallenen Christen, den Doktor, den Pfarrer und die Kinder in Prag gesehen haben, von wo sie nach der Türkei oder Reußen (Polen) ausgewandert sein dürften. Desgleichen sollten die Juden es einem christlichen Boten aus Deutz jüngsthin angetan und ihn dermaßen verführt haben, daß er die Gebetriemen angelegt hätte. Dabei betroffen, sei derselbe vom Ketzermeister (Jakob Hochstraten?) zu ewiger Kerkerstrafe bei Wasser und Brot verurteilt worden. Pfefferkorn teilt dabei einen nicht uninteressanten Roman mit von einem judenfeindlichen Mönch in Erfurt, der nicht lange vorher von den Juden durch List zun: Übertritt berückt worden wäre. Dieser junge Barfüßer habe öfter von der Kanzel gegen die Juden gedonnert, ihre Schmähungen, ihren Wucher und ihre leichte Beschäftigung gegeißelt und das Volk gegen sie gehetzt. Vergebens hätten die Juden versucht, ihn durch Geschenke zum Schweigen zu bringen, vergebens den Bürgerrat beschworen, ihnen gegen den fanatischen Mönch beizustehen. In der Verzweiflung der Juden habe sich ein alter Rabbi erboten, Hilfe zu schaffen, wenn ihn: dazu 1000 Gulden zur Verfügung gestellt würden. Er habe damit angefangen, den Bettelmönchen regelmäßige Gaben an Brot und anderen Nahrungsmitteln zu verabreichen unter dem Vorwände, dadurch die Sünde des Wuchers, deren er sich bisher schuldig gemacht, zu büßen und sein unrechtmäßig erworbenes Vermögen würdigen Christel: zukommen zu lassen. Diese ungewöhnliche Büßfertigkeit des Rabbi habe ihn den Mönchen und sogar den: grimmigen Prediger nahe -gebracht. Schon träumte der letztere, den Rabbi in den Schoß des Christentums zu führen, da dieser einige Geneigtheit dazu zu zeige:: schien. Zun: Erstaunen sah die Bevölkerung von Erfurt den Barfüßer und den Rabbi stets zusammen. Der erstere scheute nicht das Haus des Jude::, der letztere nicht das Kloster. Der Rabbiner hatte eine schöne Tochter. Diese zu bekehren, forderte er den Mönch geradezu auf, dem er sie als Waise und als Christen zum Judentum belehrt. 105 Pflegetochter ausgegeben. Bei seinen Bekehrungsversuchen der schönen Jüdin überkamen aber den Bekehrer weltliche Gedanken, die. sein Herz in Unruhe versetzten. Sobald ihn der Rabbiner in dieser Stimmung gesehen, habe er ihm unter Tränen ein lange in der Brust verschlossenes Geheimnis verraten, daß der Mönch sein eigener Sohn sei, entsprossen aus einem jugendliche!: Vergehen mit dessen Mutter. Ms . Beweis habe er den: erstaunten Barfußprediger eiu Muttermal angegeben, das dieser am Leibe trage und habe hinzugefügt, nur deswegen habe er dem Kloster Almosen gespendet, um mit ihn:, seinen: natürlichen Sohne, in Berührung zu kommen. Der Mönch glaubt es und will sein Gemüt infolge der seltsamen Offenbarung durch Bekehrung seines angeblichen Vaters beschwichtigen. Dieser entgegnete ihm aber: In der Schrift heißt es, der Sohn müsse Vater und Mutter ehren und ihnen folgen, nicht aber umgekehrt. Durch die Aussicht auf die Hand der schönen Jüdin entschließt sich der Mönch endlich, da er von dem Rabbi und seiner Tochter nicht mehr lassen kann, Erfurt und den Schauplatz seiner Kapuzinaden gegen die Juden zu verlassen, die Kutte abzulegen, nach Rubischow ii: Polen zu entfliehen, dort das. Judentum anzunehmen und die Jüdin zu heiraten. Später soll der Barfüßer über seinen Abfall Reue empfunden Habei: und von den Juden unter Martern erschlagen worden sein. Die Nutzanwendung von diesen: Roman machte Pfefferkorn in: „Handspiegel": „So man sich mit den Juden einläßt, sie durch Überredung bekehre:: zu wollen, ziehen sie die Christen in ihren Irrtum und ihre:: Aberglaubei: hinein." Zuletzt greift der Verfasser des „Handspiegels" Reuchlii: ai: seine Ehre. Er sagt zwar nicht mit dürren Worten, aber er deutet es handgreiflich au, daß die Juden ihn: Geld gegeben, Pfefferkorn zu unterdrücken. Reuchlin, der vielleicht der Unbestechlichste seiner Zeit war, warfen seine habsüchtige:: Gegner vor, er habe sich den Juden verkauft! Pfefferkorn und seine Mitarbeiter hetzte:: auch den ganzen Franziskanerorden gegen ihn, als habe er unehrerbietig von einem seiner Mitglieder gesprochen. Die Hauptangriffe waren aber dahin gerichtet, Reuchlin habe das schwere Verbrechen begangen, den Inden eine gewisse Gleichberechtigung einzuräumen und sie nicht als Ketzer gelten lassen zu wollen. Mit der Wahrheit nahmen es die Verfasser des „Handspiegels" nicht so genau; sie bürdeten ihn: geradezu Dinge auf, die er in seinen: Gutachten gar nicht berührt hatte, z. B. daß er den Wucher der Juden in Schutz genominen Hütte. Diese Schmähschrift, in vielen Exemplaren verbreitet, gegen einen so hochgestellten und hochgeachteten Mann, den Vorsitzenden des schwäbischen Bundesgerichts, einen Gelehrten, der einer ganzen Universität gleichkam, machte natürlich außerordentliches Aufsehen; es war seit Erfindung der Buchdruckerkunst das erste geharnischte Pamphlet gegen 106 Geschichte der Juden. einen Würdenträger, und noch dazu in deutscher Sprache zu jedermanns Verständnis geschrieben. Reuchlins Freunde — und deren gab es nicht wenige — waren über die Unverschämtheit eines getauften Juden, der sich rechtgläubiger geberdete als ein in Ehren stehender geborener Christ, und der sich herausnahm, ihn mit Schmähungen zu überhäufen, mit Recht empört. Als Pfefferkorn mit einer neuen Ladung Anklagen in die Hofburg kam, fuhren ihn die Hofleute, der PropstZobel und der gebildete Patrizier Peutiuger wegen seiner Schmähungen hart an?) Tie Cölner Dominikaner hatten darin ihrem giftigen Hasse mehr uachgegeben, als die Klugheit riet. — Gegen solche Angriffe mußte Reuchlin etwas tun; seine Ehre war zu tief verletzt. Zunächst eilte er zum Kaiser Maximilian und führte Klage gegen seinen boshaften Verläumder Pfefferkorn, unter dessen Namen der „Handspiegel" erschienen war. Ter Kaiser gab durch Wort und Geberden seinen Unwillen über diese Schmähschrift zu erkennen und beruhigte den aufgeregten Reuchlin mit der Aussicht, die Angelegenheit durch den Bischof von Augsburg untersuchen zu lassen. Aber im Drange der Geschäfte in der Verwicklung der italienischen Händel, vergaß er — wie die Großen der Erde zu allen Zeiten — Reuchlin, die ihm widerfahrene Kränkung und die ihm versprochene Genugtuung. Die Frankfurter Herbstmesse nahte heran, auf welcher Pfefferkorn den Rest der Exemplare feilbieten wollte, ohne daß für Reuchlin etwas dagegen geschehen war?) Sv war denn Reuchlin gezwungen, für die Talmudfrage als eine persönliche Angelegenheit einzutreten, die öffentliche Meinung als Richterin anzurufen und dadurch der Sache einen weittragenden Klang zu geben. Er bereitete eine Berteidigungs- und Anklageschrift gegen den „Handspiegel" für die Frankfurter Messe vor. Vorher versuchte er aber manches, was er in seinen: Gutachten teils allzu günstig, für die Juden und teils nicht juristisch beweisend dargestellt hatte, abzuschwächen, zu berichtigen und die Ausstellungen dagegen im „Handspiegel" von vornherein zu widerlegen. Er schrieb 52 Artikel, angeblich an den Erzbischof Uriel von Mainz als Nachtrag zu seinem Gutachten (18. August 1511). Kurz darauf (Ende August oder Anfang September) erschien seine weltgeschichtlich berühmt gewordene Gegenschrift „A ugeuspiegel" (eine Brille auf dem Titelblatts gezeichnet), die er in aller Eile druckfertig gemacht hatte. Damit wollte er die Gemeinheit Pfefferkorns und seiner Mitarbeiter den: deutschen Publikuni in scharfen Linien zeigen, aber damit deckte er, ohne es zu wollen, die Blößen des damaligen Christentums auf. Das war eine Schrift, von der inan ohne Pfefferkorn vskensio contra kan:osa8 Lx. 2) Einleitung im Augenspiegel und in veleusio Ilenclüiui contra catnin- niatores Oolonisimes. Reuchlin und sein Verfahren gegen Pfefferkorn. 107 Übertreibung sagen kann, sie wog eine Tat auf. Sie war zunächst gegen Pfefferkorn, aber doch auch gegen die Cölner Dominikaner, als öffentliche Gönner, Beschützer und Anreger seiner Schmähungen, gerichtet. Reuchlins „Augenspiegel" wendet sich an alle diejenigen, welche, „weß Standes, Stellung und Würde auch immer, die Wahrheit lieben und Lügen, hinterhältige, tückische Überfälle, wie sie sich Pfefferkorn in seiner Lästerschrift gegen ihn erlaubt hat, aus dein Grunde hassen." Er erzählt in schlichten, treuherzigen Worten den ganzen Hergang, wie der getaufte „Jud" alle Anstrengungen gemacht, den Talmud durchaus für gefährlich anszngeben und dem Scheiterhaufen zu überliefern, und wie er auch ihn, Reuchlin, dazu habe benutzen wollen. Er teilt die Aktenstücke des Kaisers und des Erzbischofs von Mainz an ihn und sein Gutachten mit. Er berichtet, wie sich Pfefferkorn auf unehrliche Weise sein Gutachten zu verschaffen gewußt und es zu einer Schmähschrift ausgebeutet habe, welche nicht weniger als vierunddreißig Unwahrheiten gegen ihn enthalte. Der ganze Ton im „Augenspiegel" gibt die gerechte Entrüstung eines Ehrenmannes, dem ein Wicht ein Bein gestellt hat, wirkungsvoll wieder. Ehe Reuchlin an die Aufdeckung der Pfefferkornschen Gemeinheiten gegen ihn geht, verwahrt er sich dagegen, als habe er damit auf sein anderweitig ihm zustehendes Recht verzichtet. Denn Pfefferkorns Schmähschrift erfordere eine peinliche Strafe, die ihn wohl auch treffen würde. Habe er doch auch die Untertanen im Reich aufgefordert, Aufruhr und Auflauf gegen ihre Obrigkeit zu machen, um diese zu zwingen, die Juden zu verfolgen, ein Vergehen, welches mit dem Tode durch den Henker belegt sei. So möge denn entweder das Halsgericht ihn vorladen, oder er möge — was Reuchlin gewünscht zu haben scheint — „dem festen, fürsichtigen, ehrsamen, weisen, echten und rechten Freischöffen des heiligen, heimlichen westfälischen Fehmgerichtes" verfallen. Die Blntrichter der roten Erde sollten gewisserinaßen für den Talmud eintreten! Am meisten war Reuchlin empört über die gegen ihn erhobene Beschuldigung, er habe nur Geldeswillen die Schutzschrift für den Talmud erlassen. Mit gerechter Entrüstung beteuerte er daher, daß er sein Lebtag, von seinen Kindeszeiten an bis auf diese Stunde von den Juden oder ihretwegen weder Heller, noch Pfennig, weder Gold, noch Silber, weder Kreuz, noch Münz empfangen habe. „Und wer zur Verletzung seiner Ehre anders geschrieben oder gesprochen, der lüge wie ein nichtsnutziger, ehrloser Bösewicht, und hätte er eine fromme Miene wie ein Kartäuser!" Das war ein empfindlicher Stich für den Beichtvater des Kaisers, der ihn beschuldigt hatte, mit goldener Tinte geschrieben zu haben so. S. 101). Nicht minder empfindlich war Reuchlin über die Geringschätzung seiner hebräischen Kenntnisse und namentlich über die Beschuldigung, daß er seine hebräische Sprach- 108 Geschichte der Juden. lehre nicht selbst verfaßt habe. Würdig ist auch sein Auftreten für die Juden. Der Schelm Pfefferkorn hatte ihm auch zum Bvrwurf gemacht, daß er von den Juden hebräisch gelernt und alsv mit ihnen verkehrt hätte, was gegen die kanonische Satzung verstieße. Darauf Reuchlin: „Der getaufte Jud schreibt, das göttliche Recht verbiete mit den Juden Gemeinschaft zu haben, das ist nicht wahr. Es mag jeder Christ vor Gericht mit ihnen rechten, von ihnen kaufen, ebenso ihnen etwas schenken oder geben. Es kann ein Fall Vorkommen, daß ein Christ mit einem Juden eine gemeinsame Erbschaft antritt. Man darf auch mit ihnen sprechen oder von ihnen lernen, wie der heilige Hieronymus, und Nikolaus de Lyra getan haben. Und endlich soll ein Christ den Juden lieben wie seinen Nächsten; das alles ist in den Gesetzen begründet." — Hin und wieder hat der „Augenspiegel" auch beißenden Witz. Pfefferkorn hatte aufgestellt, der Jude sei wie der Teufel geartet. Darauf Reuchlin, die wahre Philosophie sei anderer Meinung darüber. Sollte es aber wahr sein, so sei es nicht zu verwundern, daß Pfefferkorn so viel Unwahrheit aufgestellt habe, weil er der teuflischen Natur teilhaftig sei und teuflische Milch getrunken habe. — Reuchlin sagte ihm ins Gesicht, er verstände sehr wenig hebräisch und habe in seinen judenfeindlichen Schmähschriften nichts neues aufgetischt, das nicht schon früher in lateinischer Sprache geschrieben wäre, das eine ausgenommen wie „die Inden den Hühnern und Fischen beichten", das ist die köstlichste Wissenschaft, womit er die christliche Kirche beschenkt hat.ch Indessen tat Reuchlin auch Pfefferkorn in manchen Punkten Unrecht. Er behauptete, dieser habe den „Handspiegel" nur um Gewinnes willen veröffentlicht. Da er eingesehen, daß man seiner Judenbüchlein satt geworden und er als Ungeheuer nicht mehr über die Juden schreiben könne, daraus er Geld wie bisher lösen könnte, so wolle er sich mit den Christen herumstreiten, um eine neue „Materie für Geldgewinn zu haben; denn er hat jetzt mehr Gulden ans mir gelöst, als Judas Pfennige ans unserm Herrgott." — Nein, nein, Geldgewinn allein hat Pfefferkorn nicht bewogen, auch nicht Leichtsinn, die Juden und Reuchlin zu verunglimpfen, sondern Haß und Rachegefühl gegen die echteren und Notwehr gegen den letzteren. Tenn wie sehr es auch Reuchlin in seinem „Augenspiegel" beteuerte, er> habe ihn nicht in seinem Gutachten an den Kaiser angegriffen, so war das eine Selbsttäuschung. Pfefferkorn war allerdings der Heransgeforderte und Angegriffene, weil er aber die Fehde mit plumpen Fanstschlägen und Kotwerfen gegen einen so hochgestellten und feingebildeten Mann geführt, hatte dieser auch das Recht, ihn mit wuchtigen Schlügen zu zermalmen. *) Augenspiegel a. a. O. p. 47 b und p. 53; die 32ste Unwahrheit. Reuchlius Augenspiegel. 109 Man kann sich denken, welches Aufsehen ReuchliuZ „Augenspiegel" in deutscher Sprache gemacht hat, als er zur Zeit der Frankfurter Messe erschien, damals der Sammelplatz von Tausenden, zu einer Zeit, wo es noch keine Öffentlichkeit gegeben hat und jedermann einer Skandalgeschichte volle Aufmerksamkeit schenkte. Daß ein gefeierter Mann, wie Reuchlin, der zur höchsten Beamteuaristokratie gehörte, einen Ankläger der Juden als Verleumder, Lügner und Wicht an den Pranger stellte, war so neu und überraschend, daß sich die Leser die Augen rieben und sich fragen mußten, ob sie nicht bisher wie in einem Traum geduselt hätten. Tie Juden griffen noch gieriger nach der Schrift, weil zum erstenmal ein Ehrenmann mit gewichtiger Stimme für sie in die Schranken trat und die so oft wiederholte Anschuldigung gegen sie als Verleumdung brandmarkte. Sie jubelten, daß sie endlich einmal einen Verteidiger gefunden und dankten Gott, daß er sie in ihrer Not nicht verlassen. Wer will es ihnen verargen, daß sie für Verbreitung der Reuchlinschen Schrift geschäftig waren?Z Am meisten jedoch sorgten die Finsterlinge vom Gelichter der Kölner selbst für deren Verbreitung. Peter Meyer, einer der unwissendsten und unverschämtesten Prediger (in Frankfurt), so wie er Reuchlins Schrift zu Gesichte bekommen und bei einein guten Frühstück mit Pfefferkorn einiges darin gelesen hatte, rief im Zorn: „An den Galgen damit, an den Galgen damit!" — Er geberdete sich über- y Das Dekanat der Kölner theol. Fakultät, d. h. Jakob Hochstraten, in Reuchlins Briesfammlung II, Sir. 12: llmlaei.8 ixsis, gut (nti nobis relatnin est) baue tumn tractatniu varnacnla in>8tra UnKna säitnm kt imprsssniu, IsAunt et circuint'srnut, occamonei» i>rac8titi8ti, cm» amplina nos irri- dcant, gnaullo luter Obristiauoa et guidem intsr sos, gni clocti reputantnr, ts nuieuiu iuveueiint, gni 8nam can8ain a^at, tneatnr ne üstemlut. Pfefferkorn, — 6laK. O. 3b: „Und da nun die Juden ans allen Landen da waren, da kauften sic Deinen Augenspiegel allenthalben und konnten seiner niet satt werden." — Auch Lstensio contra t'amoüas 8. 3 und II. 2. Peter Meyers Schreiben an Arnold von Tongern vom Februar 1512: Oouriuatio ve8tra sig'uittcat, gnid ds libello Lencblini actum 8it et Aandso velle- msnter .... ne impii dudaei de no8tra reliKions ri8uiu äs cetera, nt Iiactenu.8 tecsrunt, ntoveaut, gnia inanits8ts nobiscnm llixsrint, gnoll Oominne nnngnain lleeernit 808 , 8kd 8smper novo8 inittit dske»8ore8. Der Vers, der Ostsncho contra tamo8a8 In8tri88imns princep8 . . . nolnit, prolübere äskensionkiu, immo rslutavit eoutirniars prabibitionem . . . gua rs com- motN8 et ira punvtrm icksm 8acriüeuin8 proelamavit . . Usprieoinnm . . in 8kgnenti protk8to beut. virx. Aariak xraeäicars vslik. Beide Tatsache», das Verbot der Rcnchlinschen Schrift und Pfefferkorns Predigt, fielen also September 151!. Meiners und Maierhofs haben den Ausdruck äetensio an dieser Stelle mißverstanden und sie auf die Erklärung bezogen, während nur der Augenspiegel darunter verstanden sein kann, der im Grunde eine Ver- teidigungsschrift war. Auch der Verf. der ckst'snmo contra kamo8g.8 (B. 3) berichtet, P. Meyer habe den Augenspiegel verboten, hat aber die erlogene Wendung, als wenn der Erzbischof llriel den Verkauf desselben habe inhibieren lassen. Wirkung des Augenspiegels. Ul ihren Schmausereien verlachten sie das Christentum mit seinem Gottmenschen und die Kirche mit ihrem Statthalter und ihren Pfaffen als Erdichtung und Betrug. Aber vor uneingeweihten Ohren wagten sie auch nicht das geringste Wort des Tadels. Erasmus, der bedeutendste Humanist seiner Zeit, aber schwankend wie ein Rohr, äußerte sich gegen Pirkheimer, der Bösewicht (Pfefferkorn) könne gar nicht besiegt werden, weil er nur aus Verleumdung und Airschwärzung zusammengesetzt sei und so urrd so viel Gesinnungsgenossen habe, die ihm neue Kräfte einhauchten, wenn er ermatten sollte. Durch Schmähungen könne er daher anr wenigsten überwunden werden. Gebildete kämpften nicht nur zur eigenen Unehre, sondern auch vergebens gegen ihn, da er siegend oder besiegt seinen Gegnern nur Schande bringet) Pirkheimer, nur auf das Äußerliche und Vergängliche, auf eitlen Ruhm Wert legend, nahm es Reuchlin übel, daß er durch seine Schrift der: Namen des Halbjuden Pfefferkorn, der aus den: Gedächtnisse der Menschen ausgelöscht werden müßte, erst recht verewigt habe.?) Am widerlichsten erweist sich das Urteil des feingebildeten, aber verzärtelten Domherrn Mutian. Er machte Reuchlin zum Vorwurf, daß er die Geheimnisse des Gelehrtenkreises der große Menge ausgeplaudert und dadurch das Ansehen des Kaisers, des Reiches, des Papstes, der Kirche und namentlich der geistlichen und gelehrten Kaste erschüttert habe. „Darum laß uns, gelehrter Kapnion, unfern Glauben (oder Unglauben) und begünstige die Juden nicht auf der einen Seite, um auf der andern Seite den Christen Schaden zuzufügen."^) *) Von allen Biographen Renchlins zitiert. 2) Renchlins Briefs. I, Nr. 87. H Bei David Strauß, Hutten I. S. 209. Fünftes Kapitel. Der Streit um den Talmud, ein Schibolet der Humanisten und Dunkelmänner. (Fortsetzung.) Pfefferkorn predigt in Frankfurt gegen die Juden und Reuchlin. Ränke der Dominikaner gegen den Augenspiegel und seiner Verfasser. Einschüchterungsmittel der Domüütäner gegen Reuchlin. Zuerst schüchternes und dann mutiges Auftreten Renchlins gegen sic. Ausbruch des Kampfes, Streitschriften, Parteinahme des Kaisers Maximilian gegen Reuchlin und das jüdische Schrifttum; Verbot gegen den Augenspiegel. Parteinahme des Publikums für Reuchlin und den Talmud. Neue Schmähschrift des Dominikancr- kreises gegen Reuchlin und die Juden (Brandspiegel). Renchlins Schrift gegen die Eölnischen Verleumder für den Kaiser. Das schwankende Benehmen des Kaisers Maximilian in dieser Angelegenheit. Hochstraten als Ketzerrichter ladet Reuchlin als Gönner der Juden vor ein Jnquisitions- tribnnal. Der Mainzer Prozeß. Plötzliches Einschreiten des Erzbischofs Ilriel. Vorläufiger Sieg Renchlins und der jüdischen Literatur. Anmeldung des Prozesses beim Papste; die Vermittelung des Bonet de Lates an- gcrufen. Das Speicrschc Tribunal und die Sentenz gegen Hochstraten. Seine Machinationen. Verschwörung des ganzen Dominikanerordens gegen Reuchlin und die Juden. Gegenbnnd der Humanisten für beide. Das junge Deutschland unter Ulrich von Hutten. Morgenanbrnch durch die Fehde zwischen Reuchliuisten und Dominikanern. Die ersteren von ihren Gegnern als Talmudisten verschrieen. Intrigen in Rom und Paris. Spruch der Pariser Fakultät gegen Reuchlin. Die Sturmglocke. Rapp oder der Pfefferkorn von Halle. Die Dunkelmännerbricfe und die Juden. Tage- satznng zu Frankfurt gegen die Juden. (1511 bis 1516.) Mit der Veröffentlichung und Verbreitung von Renchlins Augenspiegel und seiner Verteidigung des Talmud war ein Kampf eröffnet, der mit jedem Tag ernster wurde, einen immer größeren Umfang annahm und eine über den Gegenstand weit hinausgehende Tragweite erhielt. Denn die Finsterlinge, welche noch im Vollbesitze ihrer Macht und ihrer Schreckmittel waren, nahmen die Herausforderung nicht gleichgültig hin. Pfefferkorns Sache war auch die ihrige, eigentlich von ihnen angeregt. Und nun hatte es ein Mann gewagt, ihrem Plan entgegenzutreten, die Berdamnis des Talmud nicht gut zu heißen, Reuchlin und die Dominikaner. 113 vielmehr ihn als gewissermaßen unentbehrlich für das Christentum auszugeben, die Verfolgung nicht zu billigen, sondern noch obendrein zu empfehlen, die Juden zu lieben. Welch eine Frechheit! Welche Entwürdigung des Christentums in den Augen der Dunkelmänner! Es hat sie in eine solche heilige Wut versetzt, daß sie über das Ziel hinausschossen, Dummheiten über Dummheiten begingen und so ihrer Sache einen unersetzlichen Schaden zufügten. ^ Jener Stadtprediger Peter Meyer in Frankfurt am Main, welcher das Verkaufsverbot des Augenspiegels nicht durchsetzen konnte, beging den zweiten Fehlgriff. Er kündigte von der Kanzel beim Gottesdienste an, Pfefferkorn werde an der nächsten Vorfeier des Marienfestes gegen Reuchlins Judenschrift predigen, und er ermahnte die Gläubigen, sich recht zahlreich zur Predigt einznsinden. Nichts konnte verkehrter als dieser Einfall sein. Pfefferkorn mit einer häßlichen abschreckenden Gestalt, mit ausgeprägt jüdischen Zügen und mit Gemeinheit verratender Miene sollte vor einem christlichen Publikum in seinem jüdisch-deutschen Kauderwelsch predigen! Jedes Wort und jede Bewegung an ihm mußte die Zuhörer zum Lachen reizen und die andächtigste Stimmung verscheuchen. Außerdem war es nach katholischer Satzung einem Laien und noch dazu einem verheirateten Laien streng verboten, die Funktionen eines Geistlichen auszuüben. Nicht lange vorher war ein einfältiger Schafhirt auf richterlichen Urteilsspruch wegen angc- maßten Predigeramtes verbrannt worden.Um die Form zu wahren, Predigte Pfefferkorn am bestimmten Tage (7. Sept. 1511) nicht in der Kirche, sondern vor dem Eingang derselben vor einer großen Volksmenge. Es muß sich recht possierlich ausgenommen haben, zu sehen, wie dieser häßliche Jude das Zeichen des Kreuzes über die Gläubigen machte und von dem christlichen Glauben in jüdischem Kauderwelsch sprach. Pfefferkorn war es dabei hauptsächlich darum zu tun, die Juden und ihre Gönner dem Abscheu und den: Hasse der Zuhörer zu überliefern. Doch war dieses nur ein kleines Scharmützel. Ter Hanptkrieg wurde in Cöln vorbereitet. Die Dominikaner, welche bisher niit geschlossenem Visier gekämpft hatten, wollten nun offen auftreten. Sie übergaben einem ihrer Genossen, Arnold von Tongern, die Prüfung des Reuchlinschen „Augenspiegels", um Jnzichten der Ketzerei darin zu finden, und er fand sie in gehäuftem Maße. Ein Dominikaner, der Beichtiger Ulrich von Steinheim, zeigte diese Tatsache Reuchlin mit einer bewunderungswürdig gespielten Einfaltsmiene und im Tone höchster Verehrung für ihn an (23. Oktober U Reuchlin. Ueksusio eoutra ealuwniatoie8 Loloineuse8 a. a. O. x. 57 b. f. Graetz, Geschichte der Inden. IX. 8 114 Geschichte der Juden. 1511) und fugte hinzu, die Cötuer würeu noch nicht über das Verfahren gegen ihn einig. Einige hätten geraten, die ketzerische Schrift bloß zu verbrennen, andere strenger, den Verfasser vor das Ketzergericht zum Verhör zu laden, noch andere endlich hätten andere Mittel vorgeschlagen.r) Dieses Schreiben, das ein Schreckmittel war, tat seine volle Wirkung; Reuchlin geriet in außerordentliche Angst. Man darf es ihm nicht als Kleinmut und Feigheit auslegen. Es war keine Kleinigkeit, damals mit den Dominikanern, welche mehr Großmacht waren als selbst der Kaiser und der Papst, anzubinden. Ter Papst Alexander VI., der vor keiner Untat znrückschreckte und über Gift, Dolch und andere Todeswerkzenge verfügen konnte, hatte eine wahre Angst vor dem Dominikanerorden. Er Pflegte zu sagen, er würde es eher wagen, einen der mächtigen Könige zu reizen, als einen der Bettelmönche, welche unter dein Schein der Niedrigkeit eine wahre Tyrannei in der Christenheit üben.^) „Wenn ihnen etwas nicht recht ist," schildert der ebenso geistreiche, wie mutvolle Ulrich von Hutten die Finsterlinge dieser Zeit, „so legen sie die Stirn in Falten, spitzen die Angen, stecken die Nase in die Höhe und rufen: „„ins Feuer, ins Feuer!"" — Diesen Sumpf aufzuwühlen ist ebenso gefährlich wie in Dornen zu greifen. Diesen gegenüber mnß man sich hüten, etwas unüberlegt ausznsprechen; es ist eine fürchterliche Rotte, die gewohnt ist, über alles abzusprechen und nichts anzuhören."s) Ter friedliebende Reuchlin, der bereits im sechsundfünfzigsten Lebensjahre stand und sich nach der Ruhe des Alters sehnte, ist daher nicht zu tadeln, wenn er dem Kampfe mit den nach Scheiterhaufen lüsternen Dominikanern aus dem Wege gehen wollte. Schon wenige Tage nach Empfang des Briefes von dem Beichtiger Ulrich (1. November) richtete er ein seine Verteidigung abschwächendes Sendschreiben an den Zensor seiner Schrift, an Arnold von Tongern, milderte seine Behauptungen im „Augenspiegel" und entschuldigte sich, er habe nicht als Theologe, sondern als Richter über den Talmud geurteilt und habe nicht wissen können, daß die Cölner Universität anderer Meinung über dieses Schrifttum sei; er habe sein Urteil in voller Harmlosigkeit abgegeben, ohne nach irgend einer Seite hin verletzen Reuchlins Briefs. II. Nr. 10. Dieser Brief mit seinem erbärmlichen Latein und seiner Petersünpel-Miene ist nicht als freundlicher Wink anzn- sehen, wie sämtliche Biographen Reuchlins ihn anffassen, sondern als ein Schreckschuß, um ihn zur Reue und zum Widerruf zu bewegen. Was liegt nicht alles in den Worten: Laut, äivsrsas seuteutms, ut auckivi. (sstiiilum, guia libsilus (speenlnm oeulare) eomlmrsretur. tjuickam, guia, antor inguirerstur. ^.lii aliter ete. . . Xou cknlnto itn, ut 8eribc>, bouo unimo aecchnetur. 6ou- eeclo ms Oomnmtioui vsstrus. 'h Erasmus' Sendschreiben an Pirkheimer in dessen oxera p. 208. 0) Hutten, Einleitung zum dismo. Reuchlin und die Dominikaner. 115 zu wollen. Sie möchten es ihn: nicht übel nehmen, wenn er, ein Laie, sich erlaubt habe, über theologische Dinge zu sprechen, und sie möchten es wie den ärztlichen Rat eines Priesters betrachten, der sich zuweilen erlaubt, in Krankheitsfällen mitzusprechen. Er bat flehentlich, inan möchte ihm seine Jrrtümer nachweiseil und ihn nicht ungewarnt b er- daminen. „Der Hahn möge ihm vorher krähen, ehe es donnert und blitzt." Etwas mutiger schrieb er gleichzeitig au einen ehemaligen Bekannten, den D o m i n i k a n e r p r o f e s s o r Konrad Kollin, mit der Bitte, seine Sache bei der theologischen Fakultät in Cöln günstig darzustellen und das drohende Ungewitter von ihm abzuwenden. In diesem Sendschreiben wagte Reuchlin, das Haupt der Finsterlinge, I a k o b H o ch st r a t e n, anzugreifen. Er teilt dem Freunde mit der Miene des Unglaubens von seiner Seite mit, daß viele Hochstraten für den Mitverfasser der Pfefferkornschen Schmähschrift hielten und ihn wegen Undankes verspotteten, den er von den Dominikanern trotz so vieler ihnen geleisteter Dienste erfahre.*) Gewiß nicht ohne boshafte Absicht haben die Cölner ihn fast zwei Monate auf Antwort warten lassen, um ihn durch die Ungewißheit über das ihm bevorstehende Geschick mürbe zu machen und zu Kreuze kriechen zu lassen. Erst anfangs Januar (1512) wurden ihm zwei Briefe zugestellt, der eine offiziell von der theologischen Fakultät und der andere privat und scheinbar gemütlich von Kollin; beide sollten einander ergänzen. Das Dekanat machte ihm zum Vorwurf, daß er das löbliche Beginnen des Kapers, die Judenbücher zu verbrennen, durch sein Dazwischentreten gestört, daß er sich als Begünstiger des jüdischen Unglaubens verdächtig gemacht, daß er den Juden, welche seinen Augenspiegel gelesen und verbreitet hätten Schadenfreude und Gelegenheit geboten habe, noch ferner Christus, die Jungfrau, die Apostel zu schmähen, daß er durch Verdrehung der Worte der Schrift Ärgernis gegeben und feine aufrichtige Gläubigkeit verdächtigt habe. Ohne die Verwendung Tongerns und Kollins müßte die Fakultät eine strenge Zensur über ihn verhängen. So aber wollte sie ihm Nachsicht erweisen und es ihm überlassen, die Steine des Anstoßes, die er hingeworfen, selbst aus dem Wege zu räumen, entweder seine ungenügende Verteidigung (in lateinischer Sprache) mehr zu begründen oder sein günstiges Urteil über den Talmud, als gehorsamer Sohn der Kirche zu widerrufend) Kollin ergänzte dazu in erheuchelter Freundschaft, daß er es gewesen sei, der ihm den Gnadenweg bei der Fakultät gebahnt habe. Er sprach bei dieser Gelegenheit die Formel aus, mit welcher das Riesengebäude der katholischen Kirche steht und fällt, daß ein *) Reuchlüis Briefs. II. Rr. I I, 12. "st Das. Nr. 13. 8 * 116 Geschichte der Juden. Laie, wenn auch noch so scharfsichtig und rechtgläubig, wie Reuchlin, in theologischen Dingen kein Urteil habe und haben dürfet) Kolli» deutete ihm auch die ihm drohende Gefahr an: Die Fakultät werde ihren Spruch nicht lange aufschieben dürfen, was auch nicht mehr in ihrer Macht stehe, indem Geistliche und Weltliche darauf gespannt wären. Er habe viele Feinde, welche auf seine Verdammung warteten. Sein Heil läge daher einzig und allein in den Händen der Cölner; wenn diese ihn freisprechen wurden, dann wurde ihn niemand verdammen. Er möge sich daher beeilen, sein Gutachten und seine Schrift für den Talmud und gegen Pfefferkorn zu widerrufen. Kollin ließ aber kein Wort darüber fallen, um seinen Herrn und Meister Hochstraten von der Mitverfasserschaft der Schmähschrift gegen Reuchlin zu rechtfertigen. Reuchlin antwortete gleich darauf (27. Januar 1512)?) an die Fakultät und an Kollin, dankte beiden für die Milde, die sie ihm bewiesen, bekannte, als Laie und als zweimal Verheirateter in theologischen Dingen unwissend zu sein, und reinigte sich von dem Verdachte der Judenbegünstigung, da er mit dem heiligen Hieronymus das Judengeschlecht gründlich hasse. In der Hauptsache blieb er aber fest. Widerrufen könne er nicht, da er nichts Ketzerisches geschrieben zu haben glaube, und sogar unaufgefordert in der beigegebenen lateinischen Rechtfertigung und Erklärung die anstößigen Äußerungen ans Licht gesetzt habe; alles, was er tun könne, wäre, diese Erklärung für jedermann in deutscher Sprache zu veröffentlichen, wozu es ihm früher an Zeit gemangelt habe. Eine neue Erklärung aber würde von der Fakultät ebenso ungenügend befunden werden, wie seine erste. Erbat daher seine dominikanischen Gönner, ihn: die anstößigen ketzerisch klingenden Äußerungen in seinem „Augenspiegel" deutlich auzugebeu; daun werde er imstande sein, sich entweder vollständig zu reinigen oder sie zu widerrufen. Endlich rückten die Cölner Finsterlinge, um dein Hin- und Herschreiben ein Ende zu machen, mit ihrem letzten Gedanken heraus (24. Februar); Reuchlin solle dafür sorgen, daß die noch vorhandenen Exemplare seines Augenspiegels zugunsten der Juden und des Talmud auf der nächsten Frankfurter Messe nicht mehr verkauft würden, und überhaupt den Inhalt seiner Schrift geradezu aufheben. Nur dadurch könne er seinen Ruf wiederherstellen und sich als wahreil Katholiken und als Feind der ungläubigen Juden und ihrer gotteslästerlichen Schriften erweisen. Sonst würde das Ketzergericht in Cöln ihn zur Verantwortung oder Verurteilung vorladen müssen. Das i) Reuchlins Briefs. Nr. II. Hon inirnm, si änrisla. tbeolvK-ions non nttiZ-it 8nbliIitMss. Das. Nr. 15, 16. Offener Krieg zwischen Rencblin nnd den Dominikanern. 117 wurde nicht aus Feindseligkeit gegen ihn, sondern geradezu aus christlicher Liebe geschehen. Tie Cölner wußten ihn an der schwachen Seite zu fassen. Sollten bei seinem Leben die Händel niedergeschlagen werden, so würde es nicht nach seinem Ableben an Ketzerrichtern fehlen, welche „den toten Löwen am Bart rupfen" und seinen Namen als den eines Ketzers brandmarken würden. Abermals gab sich Kvllin die Mühe, ihm zu beweisen, daß er diese Schonung von seiten der Fakultät lediglich seiner Freundschaft zu verdanken habe. Sonst hätten sie schon jetzt an alledeutschen Bischöfe geschrieben, den Augenspiegel aufznsnchen und verbrennen zu lassen und ihn selbst vor das Jnqnisitionstribunal geladen. Er möge sich daher beeilen, dem Verlangen der Fakultät nachzukommen, ehe Strenge gegen ihn geübt werde. Denn bald werde selbst er, Kollin, nicht mehr imstande sein etwas für ihn zu tun. Unter der Hand gab Kollin ihm zu verstehen, man könne aus seiner Äußerung herauslesen, Jesus sei gesetzlich und ordnungsgemäß von den Juden verurteilt worden. Welche Gotteslästerung! Es würde ihn schmerzen, wenn Reuchlin ein ruhmreiches Leben schimpflich (als Ketzer verdammt) beschließen sollte. Kollin gab ihm auch an die Hand, in welche Form er den Widerruf kleiden sollte, nämlich anzugeben, daß er als Jurist von den theologischen Fragen nichts verstanden nnd daher verzeihlich geirrt habe.*) Als die Kölner die Maske der Freundlichkeit fallen ließen nnd sich in ihrer häßlichen Gestalt als Menschenopferpriester zeigten, warf auch Reuchlin die Maske der Demut weg nnd zeigte sich als einen Mann von Mut, der seiner Ehre nichts zu vergeben gedenkt. Er antwortete (Z. März) der Fakultät, er könne auf ihren Wunsch, die vorhandenen Exemplare des Augenspiegels selbst zu konfiszieren, nicht eingehen, da sie nicht ihm, sondern dein Buchhändler gehörten. Was er noch ferner erklären sollte, um ihnen (den Kölnern) zu genügen, könne er nicht wissen, selbst wenn er den doppelten Geist Daniels hätte. Allenfalls werde er seine lateinische Erklärung deutsch drucken, um der Schwachköpfigen willen, die seine Worte in dem Gutachten in betreff des talmndischen Schrifttums mißdeuten könnten. Was er aber der Fakultät nicht sagen mochte, das sagte er dem heuchlerischen Freunde Kollin. Wenn dieser der Fakultät geraten, mit dem Verbrennen seines Augenspiegels noch nicht vorzngehen, so möge diese ihm dafür danken; denn er habe lediglich ihr damit einen wesentlichen Dienst geleistet. Er fühle sich durch den Rat erfahrener und durch den Beistand mächtiger Männer so fest und sicher, daß seinen Gegnern ein größerer Schaden an Gütern und Ruf drohe als ihm; das wolle er ihm ins Ohr sagen. Ja, er sei nicht bar der Hilfe allmächtigster h Reuchlins Briefs. Nr. 17, 18. 118 Geschichte der Juden. Personen. Seine Gegner möchten auch bedenken, daß ein Streit leicht beginnt, aber schwer beigelegt wird. Welche Bewegung würde es unter dem Adel und im Bolle Hervorrufen, wenn er mit beredter Sprache Anfang, Verlauf und Ende dieser Händel auseinandersetzen sollte? „Was wird die Welt dazu sagen, wenn ich ihr erzählen werde, daß ihr den wühlerischen, wie beweibten Laien, den Überläufer, den ehrlosen Verleumder, den getauften Juden, der gegen die Kirchensatzung vor der Versammlung der Gläubigen in Frankfurt gegen mich gepredigt hat, der in Verdacht steht, zu seinen Glaubensgenossen znrück- kehren zu wollen, daß ihr einen solchen nähret, begünstiget und in den Himmel hebt? Und er hat diese Händel nur angezettelt, um von den Juden große Summen zu erpressen. Du nimmst Anstoß an einigen unschuldigen Wörtchen, die ich geschrieben, und meinst, daß ich damit fromme Ohren verletzt habe, und du verabscheust nicht solche verwerfliche Taten? Hinter meinen mächtigen Beschützern werden Dichter und Geschichtsschreiber kommen, deren es jetzt eine große Menge gibt, und die mich als ihren Lehrer verehren; diese werden die Bosheit meiner Gegner und eurer Hochschule ewiger Schmach übergeben und mich als unschuldig Verfolgten besingen".H Hiermit war die Kriegserklärung zwischen dem Haupte der Humanisten und den Hauptvertretern des wissensfeindlichen, lichtscheuen Stockkatholizismns ausgesprochen. Eine Vermittlung war nicht mehr möglich. Denn von diesen zwei Kreisen verstand einer des andern Sprache gar nicht. Reuchlin trat zwar noch immer schonend auf; er veröffentlichte (22. März 1512) 42 Artikel in deutscher Sprache, welche er früher seinem „Augenspiegel" angehängt hatte, um seine allzn- schroff ausgesprochenen Behauptungen zu mildern. Sein „hl a res Vcrständnis in Deutsch" sollte dem Publikum die Überzeugung beibringen, daß er sich keine Ketzerei habe zuschulden kommen lassen, und daß er die Juden keineswegs begünstigt habe. — Wenn Reuchlin geglaubt hatte, daß er damit die Cölner beruhigen würde, so war er in einer argen Täuschung befangen. Diese wollten Krieg, einen erbitterten, schonungslosen Krieg, der ihnen ihren Gegner verwundet oder tot überliefern sollte. Sie antworteten auch darauf mit der Veröffentlichung einer Anklageschrift: „Die Artikel oder P r o p o s i t i o n e n von der allzugroßen B e g ü n st i - gung der Juden von seiten R e n ch l i n s" (Sommer desselben Jahres). 2 ) Es war weiter nichts als ein gemeiner Abklatsch aller früheren Behauptungen Pfefferkorns und der Cölner, eine ermüdende h Reuchlins Briefs. Nr. 10, 20. 2) .Irtienli 8>vs prupusifwiiW cts jrnlnieo t'nvors niini8 snsneotae ex Ilbelt» rberNvmeu Ooewris .lobimnis Heuelüini; s. Note 2. Ein erschöpfender Auszug bei lln.jns, viru Kenebliiü, p. 3ILff., 3^5 ff. Maximilians Wankelmut. 119 Wiederholung aller scheinbaren oder begründeten Anklagepunktc gegen Reuchlin und die Inden, oder eigentlich nur eine Kopie von Reuchlins Selbsteinwürfen. Die Hauptanklagen waren, daß Reuchlin, obwohl nur Jurist, sich angemaßt, in den theologischen Subtilitäten ein Wort mitzusprechen, wovon er vermöge seiner Laienhaftigkeit nichts verstehen könne, und daß er das Gute an den Juden und ihren Schriften mit sichtbarer Vorliebe herausgestrichen, dagegen das Schlechte an ihnen kaum berührt oder gar entschuldigt habe. Das Ganze lief darauf hinaus, daß Reuchlin in einem an Ketzerei streifenden Irrtum verharre und daß der Talmud verbrannt werden müsse. Diese erste Schrift der Cölner, in der Form geschmacklos und in: Inhalte größtenteils wahrheitswidrig — bis auf den Punkt, daß Reuchlin selbst früher dieselben Anklagen gegen die Inden und ihre Schriften ausgesprochen hatte — diese Schrift hatte Arnold von Tongern verfaßt, und Ortuin Gratius, der offizielle Dichter der Cölner, hatte schlechte Verse dazu gegeben, worin er Reuchlin in die Hölle verwünschte. Es kam auch der fromme Wunsch darin vor: „Möge der frevelhafte Urheber solchen Unfugs zugrunde gehen." Arnold von Tongern hatte diese Schandschrift den: Kaiser Maximilian gewidmet und in einen: Einleitungsschreiben an denselben die Gründe für die Abfassung auseinandergesetzt: Weil viele Christen an der offenbaren Begünstigung der Juden von seiten Reuchlins Ärgernis nähmen, das um so größer sei, als dessen Schriften in deutscher Sprache verfaßt, von jedermann gelesen würden, und weil die Inden eine Freude daran hätten und sich rühmten, Reuchlin sei ihnen von Gott erweckt, um die gegen ihre Schriften von: Kaiser ausgegangene Verfolgung zu vereiteln. Diese Anklageschrift, wie erlogen auch ihr Inhalt war, machte nichtsdestoweniger Eindruck ans den Kaiser, und er nahm nun Partei gegen Reuchlin, auf dessen Seite er seit Veröffentlichung des verräterischen „Handspiegels" gestanden hatte. Möglich, daß wiederum dieselbe weibliche Hand das Feuer geschürt hat, oder daß der Kaiser die immer mehr um sich greifende Aufregung dämpfen wollte. Bei seiner Anwesenheit in Cöln erließ Maximilian (7. Oktober 1512U) einen Befehl an alle Stände des Reichs und besonders an den Bürgermeister und Rat von Frankfurt, Reuchlins Schriften zugunsten der Juden (d. h. den „Augenspiegel" und die 42 Artikel des „klaren Verständnis") nicht seil bieten zu lassen, sondern sie zu konfiszieren und zu unterdrücken, bei Vermeidung seiner Ungnade und Strafe. Als Grund ist angegeben, daß die Juden durch diese ihre Verteidigung von seiten Reuchlins in ihrer Herzenshärtigkeit nur noch mehr bestärkt und einfältige Christen dadurch geärgert würden. Zu den einfältigen Christew Das Aktenstück mitgeteilt in Pfefferkorns Brandspiegel, s. Note 2. 120 Geschichte der Juden. hätte sich der Kaiser selbst zählen sollen. Denn es nahmen außer ihm und den Finsterlingen nur wenige Anstoß an den Händeln. Diejenigen, welche die Tragweite des Streites erkannten, freuten sich wohl über das Auftreten gegen die Unverschämtheit Pfefferkorns und der Cölner, aber die Inden dadurch zu begünstigen, davon waren alle weit entfernt. Der Kurfürst und Erzbischof von Cöln, Philipp, der mit den Dominikanern seiner Hauptstadt in gutem Einvernehmen stand, beeilte sich, dieses Mandat des Kaisers bekannt zu machen (27. November 1512U). Er schrieb an sämtliche Geistliche seines Bistums, dasselbe von der Kanzel zu verlesen und an die Kirchentüren anzuschlagen. Die Widerspenstigen, welche Reuchlins Schrift gegen Pfefferkorn nicht ausliefern wollten, würden dem Bann und anderer Pön verfallen. Dieser strenge kaiserliche und kurfürstliche Befehl hatte aber keineswegs die erwartete Wirkung. In Cöln selbst hatte Renchlin mehr Freunde als die Dominikaner, welche durch ihre polternde Anmaßung und die Verfolgungssucht ihres Oberhauptes Hochstraten durchweg verhaßt waren. Hier nahm der gebildete Dompropst Hermann von Nnenaar Partei für Renchlin und den Talmud, weil er in Hochstraten den boshaftesten aller Menschen, den einzigen Störenfried in Deutschland erkannte. Er schrieb später an den Kaiser: „Hochstraten ist die Pest von Deutschland, und wenn du diesen unschädlich machen wolltest, würde alles in Ordnung sein. Frage alle Gelehrten in Deutschland, so wirst du erfahren, daß er sie alle durchweg verletzt, sie alle angefeindet hat!" Fast die ganze vornehme Welt von Cöln hielt es mit Renchlin gegen die Dominikaner, bis auf einen einzigen Mann, der, wie man sich damals znflüsterte, mit Pfefferkorns schönem Weibchen ein zartes Verhältnis gehabt haben svll.ch Ein mariner Bewunderer Reuchlins, obwohl ein ungelehrter reicher Mann, Franz Struß, trug trotz des kaiserlichen Mandats und der erzbischöflichen Bannandrohung den Augenspiegel stets bei sich und las ihn so oft, daß er das Buch auswendig konnte. Unerschrocken setzte er damit den Dominikanern zu, hatte auf jeden Einwurf eine Antwort, so daß dieselben ihn mieden. Soweit hatten es die Judenfeinde gebracht, daß der Talmud in vornehmen Kreisen Verteidiger fand. Je mehr die Cölner in der öffentlichen Meinung täglich Boden verloren, desto inehr strengten sie sich an, sie zu berücken. Pfefferkorn (oder einer seiner Ohrenbläser) erließ abermals eine Schrift, worin Renchlin nicht mehr wie früher, wie ein hochgestellter Würdenträger, sondern wie ein verworfener Mensch, der nur Lügen häufen und u Urkunde in Pfefferkorns Brandspiegel. h Reuchlins Briefs. 11. Nr. 10 und 42. Unns tnutnin est. (hnoä soinin) ex optiinntnin üretiuns (Ooloniensinin) tibi non ndmodnin rregnns, eni, nt inns.-ntnnt aniduni, nioriKsrkl. solst ss8e illn bellnln (Uexricorni nxor) Der Brandspiegel. 121 Ränke schmieden wollte nnd sich von Juden bestechen ließe, behandelt wird. Seine Gutachten an den Kaiser und sein Augenspiegel werden darin Lästerschriften genannt. Schon der Titel charakterisiert die bodenlose Gemeinheit des Verfassers, „der B r a n d s p i e g e l" Ü oder „Abzutreiben und auszulöschen eines unbegründeten Lästerbüchleins — Augenspiegel — so Reuchlin gegen mich Pfefferkorn veröffentlicht hat". Mehr noch als gegen Reuchlin sprüht dieser Brandspiegel versengende Flammen gegen die Juden. Das Einleitungsgedicht verdient trotz seiner schlechten Verse mitgeteilt zu werden: Niemandem zu Schmach, Lieb oder Leid, Er sei Christ, Jud oder Haid, Noch um Gunst oder um Gut,. Allein um der Juden Übermut Ist das Büchlein worden gemacht Und die göttliche Ehre darin bedacht, So die falschen Juden fechten an. Ach, wie war' es so gut und so fein, Daß man ihnen solche Schalkheit nicht zulieb'. Sie müßten dennoch tun, was man sie hieß, Als heimlich Gemach fegen nnd Straßen kehren, Des Hungers müßten sie sich so ernähren (? erwehren) Auch Stcinbrüche und Mühlen treten, Und das Unkraut aus den Feldern ausjaten. Dann würden sie von andern Sinnen, Wenn sie ihr Brot durch Arbeit gewinnen. So haben sie vormals in Ägypten getan Willst du aber, Christ, das nicht merken, Und die Juden in ihrem Unrecht stärken So bist du in des Teufels List. In diesen:, ja in noch giftigeren: Tone ist die ganze Schmähschrift gehalten. Reuchlin, der die Gehässigkeit gegen die Juden nun einmal teilen mußte, wird darin ebenso unverschämt geschmäht: Wie er sich denn unterstehen dürfe, die verschiedenen jüdischen Schriften zu klassifizieren und zu charakterisieren, da er doch die rabbinische Schrift ohne Vokalzeicheu gar nicht zu lesen imstande sei. Ja, selbst sein eigenes hebräisches Wörterbuch würde er nicht verstehen, wenn man ihn: ein Exemplar ohne die beigefügte lateinische Übersetzung vorlegen würde. Er habe seine ganze hebräische Gelehrsamkeit lediglich durch Rat und ') Bergl. Note 2. 122 Geschichte der Juden. Hilfe der Juden zustande gebracht. Tie Juden kommen natürlich noch viel schlechter in dem „Brandspiegel" weg. Pfefferkorn brachte auch darin eine neue Lüge vor, daß selbst Mannuni, dieser jüdische Weise von idealer Sittlichkeit und Menschlichkeit, in seinen: Religionskodex vorgeschriebe:: habe, wie die Christen totgeschlagcn werden sollten, und ähnliche Unwahrheiten mehr. Er war srech genug sich anheischig zu machen, gegen jedermann diesen Nachweis zu führe», und wenn er überführt werden sollte, jede Strafe über sich ergehen zu lassen, selbst mitten im Feuer zu stehen. Ter Lügenschmied war durch den Schutz der allmächtigen Dominikaner sicher, daß ihn niemand beim Wo/t nehmen werde. Er wies darin die Anklage Reuchlins zurück, als habe er das Volk aufstacheln wollen, der Obrigkeit zun: Trotz die Juden zu mißhandeln. Aber in demselben Atemzuge hetzte er zu den grausamsten Verfolgungen gegen sie. Man sollte die Juden nicht totschlageu, meinte er, aber man sollte ihnen die Güter nehmen und sie denen geben, denen sie gebührten, oder an die Spitäler, Kirchen und Klöster. Die alten Juden sollte man behandeln wie die räudigen Hunde und die jungen Kinder ihnen mit Gewalt entreißen und taufen lassen. Man sollte damit nicht zögern bis morgen oder übermorgen sondern von der Stunde an müßte es geschehen. Es sei keine Sünde, so mit ihnen zu verfahren, da sie der Obrigkeit als verkauftes Eigentum verfallen seien. Tie Juden hätten nur noch drei Gemeinden in: römischen Reich, Regensburg, Worms und Frankfurt. Wenn die Fürsten, Herren und Städte mit diesen ebenso verfahren wollten, wie es mit den übrigen geschehen sei, so würden die Juden in Deutschland bald verschwunden. Und das wäre „nach den: heiligen Glauben göttlich und löblich". — Was war das für ein Christentum, dessen sich ein rachsüchtiger, blutdürstiger Wicht bedienen durfte, um die grausamsten Unmenschlichkeiten gegen die Zeugen seiner früheren Untaten zu predigen! Aber Pfefferkorns Rolle war ausgespielt. Nachdem die Kölner Dominikaner in offenen Krieg gegen Reuchlin getreten waren, eine Anklageschrift gegen ihn veröffentlicht und das Verbot seiner Schrift durchgesetzt hatten, richtete sich dessen ganzer gerechter Glühzorn gegen diese. Er arbeitete eine ausführliche Verteidigungsschrift in lateinischer Sprache aus (vollendet 1. März 1513)/) gegen die kölnischen „Verleumder", an den Kaiser Maximilian gerichtet, von zermalmender Kraft; sie war besonders für das außerdeutsche gelehrte Publikum berechnet, hatte aber die deutsche Überschrit: „Wer schreibt oder sagt, daß ich, Reuchlin, in einen: Ratschlage die Judenbücher betreffend, anders denn ein christlicher, frommer, ehrbarer Biedermann gehandelt Reuchlins Schrift gegen die Cölner. 123 habe, derselbe lügt, als ein unglaubwürdiger, leichtfertiger, ehrloser Bösewicht." Nur vorübergehend beschäftigte er sich in dieser Schrift zur „Entlarvung der Verleumder" mit Pfefferkorn, um dessen Freveltaten selbst gegen den Kaiser zu schildern, daß er eine für denselben bestimmte Urkunde erbrochen und zur Anschwärzung veröffentlicht habe, wofür er den Galgen verdient hätte. Hauptsächlich ging er vom Hammer zu den Schmieden, vom Jünger zu den Meistern, zu den Urhebern aller dieser gemeinen Händel über. Schonungslos zermalmte Reuchlin darin Arnold voll Tongern, Ortuin Gratius mit Nennung ihrer Namen, den Rädelsführer Hochstraten dagegen nur durch die Blume. Diese hätten es bei ihrer Hitze gegen die jüdischen Schriften geradezu auf unredlichen Gewinn abgesehen, und weil er sie gestört und ihnen die sicher geglaubte Beute abgejagt, darum richte sich ihr Unwille gegen ihn und sie bedeckten ihn mit Schmähung und Verketzerung. Sie verdienten keineswegs den Ehrentitel Theologen, sondern seien T h e o l o g i st e n. Warum nehmen sich denn gerade die Cölner der Judenschristenfragen so eifrig an? Warum nicht andere theologische Fakultäten Deutschlands? Die Sache gehöre gar nicht vor ihr Tribunal, sondern vor die Bischöfe. „Wer hat euch, verleumderische Cölner Theologisten, euch, Böcke und Schweine, den Hirtenstab über mich in die Hand gegeben? Wer euch zu Richtern über mich und mein Urteil ernannt, der ich um fast fünf Bistümer von euch entfernt bin, nicht dieselbe Luft mit euch atme, nicht Feuer mit euch teile? — So groß ist ihr Hochmut, daß sie mit dem Teufel im Herzeil auf die Wolkenhöhe steigen, dem Höchsteil sich gleichstellen wollen. — Erlaube ihnen, o Kaiser, das Geld der Juden zu nehmen und zu behalten, so werde ich Ruhe vor ihnen haben." — Die Juden sind zwar lange vor Christi Geburt iu Pompejus' Zeit in das römische Reich eingewandert; Cäsar, Augustus und Tiberius haben ihnen gestattet, nach eigenem Ritus zu leben und ihre angestammten Gesetze zu beobachten; die christlichen Kaiser Gratianus, Valentiinanus und Theodosius haben ihnen das volle Bürgerrecht eingeräumt, und Kaiser Honorius hat ihnen denselben Schutz, gleiche Verteidigung und Sicherheit, wie allen übrigeil Bewohnern des römischen Reiches verheißen; „Du allein, der erste deutsch-römische Kaiser, ich bitte dich darum, gestatte den Cölnern, die Juden vor ihr Jnquisitivustribuual zu ziehen, zu treteil und zu beraubeil, und daß sie es wissen mögen, daß sie es meinem Dazwischentreteu zu verdanken haben, ihre Säcke mit jüdischem Gelde zu füllen, von dem sogar der heidnische Eroberer Pompejus beim Betreten des Jerusalemer Tempels seine Hände rein gehalten hat. Wenn dll meiner Bitte Gehör schenken wirst, dann werden sie meine geschändete Ehre gern wiederherstellen; denn dann werden meine Äußerungeil auch nicht mehr skandalös und ketzerisch klingen. So lange 124 Geschichte der Juden. Du darauf nicht eingehen wirst, werden sie unaufhörlich gegen mich bellen — glaube es mir nur — daß ich mich der Begünstigung der Juden verdächtig gemacht, und daß ich nicht ehrfurchtsvoll genug von den theologischen Schriftstellern, d. h. von den Kölner Theologisten denke." — Seine im Vordergrund stehenden Gegner vernichtete Reuchlin förmlich mit seinen wuchtigen Schlägen. „Zum Führer haben sich die Kölner Dominikaner erwählt Arnold von Tongern, der sich lieber so nennt als aus Tongern, weil er aus seiner Geburtsstadt wegen eines Verbrechens verbannt wurde. Und selbst seine Genossen nennen ihn einen Weltpriester, damit nicht der an ihm haftende Schandfleck dem Orden zur Last gelegt werde. Dieser Fahnenträger hat zu seinen beiden Seiten einen Halbjuden Pfefferkorn und einen Halbheiden O r t u i n G r a t i u s, der sich als Poet ausgibt, in heidnischen Weisen Verse macht und nicht einmal das Rechtschreiben versteht. Möge Dieser gemietete Korrektor für die Druckerei die Elemente lernen, statt kindische Verse zu schmieden." Einen Halbheiden nannte er Ortuin 130 Geschichte der Juden. des getäuschten Erzbischofs von Mainz eine Untersuchungskömmissiön, bestehend aus lauter Thomisten und Gegnern der Reuchlinschen Richtung, und diese beschleunigte das Verfahren, um nur schnell zur Verurteilung zu gelangen. Um aber der öffentlichen Meinung nicht geradezu ins Gesicht zu schlagen, daß sie den Angeklagten ohne Verhör verdammt hätten, schlug sie an die Kirchtüren eine Art Vorladung an (26. September), nicht direkt für Reuchlin sondern für „denjenigen, der ein Interesse an der Sache hat", sich auf den andern Tag 3 Uhr nachmittag zu stellen. Tags darauf hielt die Kommission Sitzung, und Hochstraten las die Anklagepunkte gegen Reuchlin und den Talmud abermals ab. Die Jnguisitionsrichter nahmen zum Schein das Zeugen» verhör vor — natürlich lauter Dominikaner — auch sie waren einig darüber, daß der „Augenspiegel" verbrannt werden sollte. Am nächsten Tage sollte schon das Endurteil öffentlich verkündet werden, und schon wurde in den Kirchen bekannt gemacht, daß jeder Besitzer eines Exeniplares bei Vermeidung des Kirchenbannes dasselbe dem Ketzermeister zu überliefern habe. Damit wäre folgerichtig auch der Talmud und das ganze jüdische Schrifttum, vielleicht nicht einmal die Bibel in der Ursprache ausgenommen, zum Scheiterhaufen verurteilt gewesen. Die Cölner Dominikaner rieben sich bereits die Hände, sie glaubten ihrem Ziele nahe zu sein. Es sollte aber doch anders kommen als sie freudigen Herzens erwartet hatten. Das Nechtsgefühl vieler war denn doch über einen solchen mit Unrecht begonnenen und mit Verletzung aller Formen geführten Prozeß empört. Die von der Fäulnis der Theologie noch nicht angesteckte, von der Scholastik noch nicht verkleisterte und von Rücksichten freie studierende Jugend der Mainzer Universität gab ihren Unwillen über dieses schamlose Jnquisitionsverfahren laut zu erkennen, riß die Doktoren der Rechtsgelehrsamkeit mit hin, und das bewog auch ernste Männer von Einfluß einzuschreiten. Einige hochgestellte Personen vom erz- bischöflichen Kapitel, namentlich der Dechant Lorenz von Truchseß, verwendeten sich bei dem Ketzermeister, da weder Reuchlin noch sein Sachwalter vernommen worden, den Urteilsspruch noch hinauszuschieben, uni eine Vermittelung herbeisühren zu können. Obwohl Hochstraten weit davon entfernt war, die Sache auf friedlichem Wege beilegen zu lassen, ging er doch auf eine Verlängerung des Termins um 14 Tage ein, in der Voraussetzung, daß Reuchlin zu erscheinen sicb schämen würde. Das Domkapitel richtete aber ein dringendes Schreiben an Reuchlin, ja nicht beim Endtermin zu fehlen. Groß war die Spannung in vielen Kreisen, welchen V rlauf dieser Ketzerprozeß noch nehmen würde. Zur Überraschung der Dominikaner erschien der bereits gealterte, ehrwürdige Reuchlin in Mainz, begleitet von zwei angesehenen Räten Reuchlins Prozeß in Mainz. 181 des Herzogs don Württemberg. Nun gab sich das Kapitel die größte Mühe, einen Vergleich zustande zu bringen. Aber Hochstraten, welcher den Rauch des Scheiterhaufens aufwirbeln sehen wollte, ließ sich auf nichts ein und verzögerte die Unterhandlung bis zum 12. Oktober, dem Endtermin, an welchem, wenn kein Vergleich zustande gekommen, das Endurteil gefällt werden sollte. Schon hatte der Ketzermeister an alle Geistliche in Mainz den Befehl erteilt, von den Kanzeln zu verkünden, daß jedermann, Christen wie Juden, gehalten sei, bei Vermeidung empfindlicher Strafen, die Exemplare des „Augenspiegels" für den Scheiterhaufen auszuliefern. Außerdem wurde dem Volke 300 Tage Ablaß verheißen, wenn es sich am anberaumten Tage auf dem Kirchplatze einfinden würde, um dein Autodafe beizuwohnen und ihm Glanz zu verleihen. Am 12. Oktober war der Platz vor der Kirche in Mainz gedrängt voll von Zuschauern, Neugierigen, Teilnehmenden und Ablaßbedürftigen. Pfauengleich aufgeblasen schritten die Väter und Brüder des Dominikanerordens und Theologen von den Universitäten Cöln, Löwen und Erfurt, welche dazu eingeladen waren, auf die Tribüne zu, die dazu errichtet war, und „die Erde zitterte unter ihren Füßen". Hochstraten, bisher Ankläger, nahm wieder den Platz unter den Richtern ein. Schon schickten diese sich an, die Verwünschungsformel auszusprechen und das Feuer anschüren zu lassen, als ein Bote vom Erzbischof Uriel eiligen Schrittes herankam, mit einem Schreiben, welches ihre Lippen verstummen machte. Das Kapitel und namentlich der Dechant von Truchseß hatten diesem von der halsstarrigen Bosheit der Dominikaner gegen Reuchlin berichtet, daß dadurch jeder Vergleichsversuch gescheitert war, und ihn bestimmt, einen neuen Aufschub des Spruches zu befehlen. Uriel von Gemmingen war, wie die meisten Bischöfe jener Zeit, mehr weltlich als kirchlich gesinnt, und auch gegen Juden hatte er keinen kanonischen Fanatismus. Er hatte ihnen, welche seine Vorgänger schmählich ausgewiesen hatten, wieder gestattet, sich im Mainzer Erzbistum niederzulassen mit Ausnahme der Stadt Mainz. Er hatte einen Rabbiner namens Bei fuß, der zugleich Arzt war, kurz vorher (Juli 1513) über dieselben gesetzt, mit Anweisung seines Wohnsitzes in W i e s e n a u in der Nähe von Mainz. Diesen: hatte er Macht über die Gemeinde eingeräumt, nach dem rabbinischen Gesetze zu verfahren, Strafen über die Übertreter zu verhängen und überhaupt alles zu tun, wozu ein jüdischer Hochmeister befugt ist.Z Wenn Uriel sich auch nicht bei der seiner Kommission überwiesenen Frage wegen der jüdischen Schriften zu deren Gunsten ausgesprochen, so hatte er doch nichts dagegen getan. Die Anmaßung der Cölner Dominikaner und ihr ungerechtes Ver- tz (1mlem>8 Uociex clipIomMiens IV. p. 580. 9 * 132 Geschichte der Juden. fahren gegen Reuchlin empörten aber auch ihn. Daher erließ er ein Handschreiben an die aus seinem Stifte gewählten Kommissäre, das Urteil für einen Monat bis zu neuer Vermittlung anfznschieben. Sollten sie aber nicht darauf eingehen wollen, so enthebe er sie mit dein Schreiben ihrer Befugnisse als Jnqnisitionsrichter, und alles, was sie bisher beschlossen Hütten, sei null und nichtig. Mit verblüfften Gesichtern hörten die Dominikaner das laute Verlesen dieses ihre Machinationen vereitelnden Schreibens durch den Mund des Notars an. Hochstraten allein wagte zuerst freche Äußerungen über versagtes Recht zu sprühen. Die übrigen Genossen schlichen sich beschämt davon, verfolgt von dem Gespötts der Gassenjugend und dem Rufe der Erwachsenen: „Möchten doch diese Brüder ans Scheiterhaufen verbrannt werden, welche einem Biedermann solche Schmach antun wollen." Noch einen verzweifelten Versuch machte der giftige Hochstraten. Er drängte die Mainzer theologische Fakultät, ihr Gutachten endlich abzugeben, und sie erklärte, daß Reuchlins angcschuldigte Schrift Jrrtümer, Judenbegünstignng und Ketzereiverdächtiges enthalte (13. Oktober)?) Tann meldete Hochstraten eine Appellation an den Papst an, er, der früher eine solche von Reuchlin vorgeschlagene mit Hohn znrückgewiesen hatte, gab sie aber nach reiflicher Beratung wieder auf. So ging der schwer angeklagte Reuchlin, der Verteidiger der Juden und ihres Schrifttums, ans dem harten Kampfe als Sieger hervor. Als solchen feierten ihn nicht lange darauf Hermann vom Busche, der Missionär für die humanistische Bildung (wie ihn David F r i e d r i ch S t r a n ß treffend nannte) und U l r i ch v o n H u t t e n, der Ritter für Recht und Wahrheit, in einem schwärmerischen Lobliede „Reuchlins Triumph"?) „Jauchze, wofern Du dich selbst erkennst, ja jauchze, inein Deutschland!" Das ist der Refrain. Deutschland sollte die Augen öffnen und dem Besieger der boshaften Dominikaner bei seiner Heimkehr ins Vaterland einen glänzenden Triumph bereiten, oder wie die dichterische Fiktion lautet: Deutschlands Söhne und Töchter bereiten seinem großen, seinem unsterblichen Reuchlin einen erhebenden Empfang im schönsten Schinucke unter Blumengewinden und rauschender Musik. Hochstraten wird als überwundener, gefährlichster Feind in Fesseln geführt, „der häßliche Feuermain:, dessen steter Ruf es ist: -ins Feuer mit Schriftstellern und ihren Schriften!' Magst du Wahres oder Falsches, Gerechtes oder Ungerechtes erdenken, er hat immer Feuer für dich bereit. Er verschlingt Feuer, er nährt sich davon, er haucht Bergt. Note 2. 2) Über den oder die Verf. des Urlmigilms Oapnionis bergt. David Strauß und Böckling über Hutten. Reuchlins Triumph. 133 Flammen aus." Mit ihm werden seine Spießgesellen in Ketten geschleppt, Ortuin Gratius, Arnold von Tongern und Pfefferkorn. Diesen Erzschelm zerfleischte die dichterische Jugend am schonungslosesten: „Rufet herbei mir zwei Henkersknechte zum neuen Triumphe! „Bringet, ihr Schergen, das Werkzeug nur mit, vergesset das Kreuz nicht. „Bringet die Stricke und den mit Seilen umwundenen Haken. „So nun gerüstet, erweiset, ihr Henker, folgenden Dienst mir: „Schleudert ihn hin, das verhaßte Gesicht zur Erde gewendet, „Aufwärts richtet die Knie, daß er den Himmel nicht schaue, „Daß sein stierender Blick euch nicht berühre. Mit seinem „Lästernden Mund beiß er den Boden und speise den Staub auf. „Zaudert ihr noch, ihr Henker? So sperrt doch ihm hurtig den Mund auf. „Reißet die Zunge ihm aus, dem Stifter unsäglicher Übel, „Daß er mir im Triumphzuge Verruchtes nicht spreche. „Hauet die Nase und Ohren ihm ab, und treibet den Haken „Fest in die Füße hinein, an den anfgerichtcten Knien, „Zerrt ihn herum, daß Gesicht und Brust den Boden mir fege, „Schlagt das Gebiß ihm heraus und machet die Lippen unschädlich. „Habt ihr die Hände hinter dem Rücken ihm fest auch geknebelt? „Stutzet dennoch ihm ab die Fingerspitzen, ihr Henker. „„Schrecklich! Unmenschlich!" (rufet entrüstet mir Tongern entgegen.) „Schrecklich, unmenschlich wär solch ein Beginnen? Schrecklicher, glaub ich, „Waren die Laster, die Ihr mit frechem Sinne begangen" y. Daß die Juden auch ihre Freudech au dem Ausgang dieses Ketzergerichtes hatten, läßt sich denken. Handelte es sich doch dabei in erster Reihe um sie selbst. Tenn wenn Reuchlins „Augenspiegel" verurteilt worden wäre, so hätte kein noch so wohlwollender Christ sich ihrer annehmen dürfen, wem: er sich nicht als Judengvnner dem Verdacht der Ketzerei und der Kirchenstrafe hätte aussetzen wollen. Sodann wäre damit auch das jüdische Schrifttunt in feierlicher Weise verketzert worden. Wenn es wahr ist, was die Dominikaner erzählten, daß die Rabbiner infolgedessen aus ganz Deutschland zu einer Synode in Wor m s zusammengekommen wären und in der Niederlage der wütenden Dominikaner durch Reuchlin ein Vorzeichen von dem Untergang des römischen (päpstlichen) Reiches gefunden hätten, so Hütten sie allerdings eilten y In Huttens Werken. ") Pfefferkorn Vetensio contra tamosas. 1. 4b: Uropter guock luclaei nou 8oIum maximopers xavisr sunt, verum etiam per boo äetsriores taeti et eorum Uabiui circa per totum Imperium IVormatias eouveutum babns- raut .... omuino arbitrautes, guaucln ocuiare speeulum pro ss st contra, tot uuivsrsitates et cloetos ackmiseum sit, verum tiaberi possit iuclieium a Ueo äsZtruotiouis Uomsui impsrii st appropinguatiouis Uessias . . . . Uabiiii ckuclaeorum pstisruut logui cum Usnoblino . . ipee cum luäaeis SAressit cliversorium. 134 Geschichte der Juden. prophetischen Blick bekundet. Die Dominikaner erzählten sich auch, daß Reuchlin mit Rabbinern heimlich verkehrt habe. Joselin hatte zur selben Zeit vom Kaiser Maximilian ein Privilegium erlangt, des Inhalts, daß die Juden in Deutschland unter kaiserlichem Schutz stehen. Dieses Privilegium sollte sie besonders gegen die boshaften Wühlereien Pfefferkorns und der Dominikaner schirmen (1513)4) Indessen war Reuchlin noch lange nicht so weit, über seine und der Juden Feinde triumphieren zu können. Diese waren, wenn auch für den Augenblick gedemütigt, noch lange nicht überwunden. Reuchlin kannte ihre List und Bosheit zu sehr, als daß er sich der Siegesfreude untätig hätte überlassen sollen. Er wußte wohl, daß sie ihre Verfolgung gegen ihn von jetzt an verdoppeln würden. Daher beeilte er sich auch, die Berufung an den Päpstlichei: Stuhl anzumelden, damit von dort aus seinen erbitterten Feindei: Stillschweigei: auferlegt werde. Reuchlin fürchtete aber mit Recht, daß bei der Unzuverlässigkeit und Käuflichkeit der Päpstlichei: Kurie seine Sache eine schlimme Wendung nehmen könnte, wein: die Untersuchung außerhalb seines Gerichtsbezirkes unter dem Einfluß der Cölner Dominikaner geführt werden sollte. Daher wandte er sich an den jüdischen Leibarzt des Papstes Leo X., an Boi: et de Lates?) mit einen: Hebräischei: Briefe, ii: welchen: er ihn bat, den Papst günstig für seine Sache zu stimmen. L e o aus der erlauchten florentinischen Familie der Mediceer, von dem sein Vater sagte, er sei der klügste seiner Söhne, hatte erst einig? Monate vorher den päpstlichen Stuhl bestiegen. Er war eii: vornehmer Herr, der sich mehr für Politik als für Religion interessierte, mehr römischer Heide als katholische Christ war, der von seiner olympischen Höhe mit Verachtung auf theologische Streitfragen wie auf Kinderspiele herabsah und nur darauf bedacht war, wie er zwischen den zwei einander befehdenden Staaten oder richtiger Häusern, Habsburg und Valois, ohne Gefährdung der weltlichen Interessen des Papsttums hindurchlavieren könnte. Mit einer heute überraschenden Offenheit durfte dieser Papst die Äußerung tun: „Wie viel die Fabel von Christus uns und den Unsrigen genützt hat, ist bekannt"?) Ihm war nun die Frage zur Entscheidung vorgelegt, ob Reuchlins „Augenspiegel" nach Ketzerei rieche und ob er die Juden nach Gebühr oder über Gebühr begünstigt habe. Leo, dessen päpstliche Regierung in eine Zeit fiel, wo die theologischen Fragen Europa in Brand zu stecken drohten, verstand aber davon vielleicht weniger als sein Koch. Es kam also darauf an, in welchem Lichte ihn: die Streitfrage zwischen Reuchlin und den h Aktenstück des Frankfurter Stadtarchivs in Levus ck. M. XVI. 184. 2) Vergl. Note 2. o) Huautum uobis nostriseius illa äs Obristo tabula protusrit, satis sst Omnibus saeoulis uotum (Iloruaeus bistoria papatus p. 820). Dominikanern gezeigt wurde. Darum bat Reuchlin den Leibarzt Bauet de Lates, da er sich stets in den päpstlichen Gemächern bewege und der „Leib seiner Heiligkeit" seiner Hand übergeben sei, Leo X. dafür zu gewinnen, daß die Untersuchung nicht in Cöln oder in dessen Nähe geführt werden sollte; denn da wäre seine Sache verloren. Reuchlin teilte ihm den ganzen Hergang mit, wie Pfefferkorn und die Kölner Dominikaner sich gegen die Juden und den Talmud verschworen und wie nur seine außerordentliche Bemühung den Talmud bisher vor dem Scheiterhaufen gerettet habe. Hätten die Dominikaner diesen Brief in die Hände bekommen und lesen können, so hätten sie den vollgültigen Beweis von Reuchlins Judenfrenndlichkeit führen können; denn darin gab er vieles zu, was er öffentlich bestritten hatte. Es läßt sich denken, daß Bonet de Lates seinen Einfluß beim Papst zugunsten Reuchlins geltend geinacht hat. Wahrscheinlich ist es seinen: Eifer zuzuschreiben, daß Leo sogleich (schon am 21. November 1513) ein Breve an die Bischöfe von Speyer und Worms erließ, die Streitfrage zwischen Reuchlin und Hochstraten zusammen oder je einer, selbst oder durch delegierte Richter zu untersuchen und mit Ausschluß jedes anderen Tribunals das Urteil zu füllen, dem sich die besiegte Partei ohne Widerrede zu unterwerfen habe.H Der Bischof von Worms, einDalberg, mit den: Reuchlin auf freundschaftlichen: Fuße stand, mochte die Kommission nicht annehmen. So setzte der junge Bischof von Speyer, Georg, Pfalzgraf und Herzog von Bayern, zwei Richter ein, T h o m a s v o n T r u ch s e ß und v o n S ch w a l b a ch, welche beide Parteien binnen Monatsfrist (20. Dezember) vor ihr Tribunal in Speyer vorluden. Reuchlin erschien, von einen: Prokurator und anderen Freunden begleitet, pünktlich. Hochstraten dagegen, auf die Macht der Dominikaner vertrauend, stellte sich nicht, noch sandte er einen förmlich genügenden Sachwalter. Er trug ganz offen Verachtung gegen die Kommission, den Bischof, ja selbst gegen den Papst zur Schau. Die Richter betrieben den Prozeß anfangs nicht mit gebührenden: Nachdruck, vielmehr mit einer gewissen Mattherzigkeit, vielleicht aus Furcht vor der Rache der Dominikaner. Und so zog sich der Prozeß ein Vierteljahr hin (Januar bis April 1514). Die Cölner Dominikaner hatten sich sogar erlaubt, ans Grund der Mainzer Sentenz U Ausführlich in den ^otu luciioiornw bei v. der Hardt a. a. O. von p. 98 bis p. IlS. Auch Reuchlins Briefe iu Friedläudcrs „Beiträge" erstatte» Bericht darüber, Nr. 5 au Kaspar Wikt und Nr. 2 au Questeuberg. Der letztere trägt zwar das Datum April ISIS; allein da darin vom Speyerscheu Prozeß und von dem Verbrennen des Augenspiegels in Cöln die Rede ist, so ist das Datum offenbar korrumpiert; es muß heißen 15tk, was der Herausgeber bei diesem und dem folgenden Brief an den Kardinal Hadrian von: 29. Dez. übersehen hat. 136 Geschichte der Juden. (obwohl sie nicht publiziert und von dem betreffenden Hnuptkommissarius vernichtet war), mit Verhöhnung des Speherschen vom Papste autorisierten Tribunals, Reuchlins „Augenspiegel" in Cölu öffentlich zu verbrennen (10. Februar). Diese Rotte hatte eine unwiderstehliche Sehnsucht nach den Flammen des Scheiterhaufens. Hochstraten entschuldigte sich später, der Befehl dazu sei nicht von ihm, sondern von einen: andern Inquisitor ausgegangen.Tie Cölner Dominikaner trieben ihre Frechheit noch weiter. Sie beauftragten den unverschämten Pfefferkorn, die Verurteilung des „Augenspiegels" als „ketzerisch, ärgerlich und jndengönnerisch", in: Gerichtssaale zu Speyer, gewisserinaßen unter den Augen des Tribunals anzuschlagen, und nur mit großer Mühe gelang es Reuchlin und seinen: Sachwalter, daß diesen: frechen Gesellen dafür ein Verweis erteilt wurde. Es bedurfteUiberhoupt aller Anstrengung Reuchlins, um ein Schlußurteil in den: sich verschleppenden Prozesse herbeizuführen. Erst als er zwei deutsche Schriftei: über die Streitsache selbst und den Gang des Prozesses veröffentlicht hatte, würdigte der Bischof von Speyer, Einsicht davon zu nehmen und den Spruch zu fällen,-) der durchweg zugunsten Reuchlins ausfiel, daß Reuchlins „Augenspiegel" weder Jrrtümer, noch Ketzereien enthalte oder „danach röche", daß er nicht über Gebühr die Juden begünstige, daß demnach Hochstraten den Verfasser verleumdet habe, ihm daher Stillschweigen über diese Materie anfzulegei: sei, daß die Schrift von jedermann gelesen und gedruckt werden dürfe, und daß Hochstraten in die Kosten verurteilt sei (111 rheinische Gvldgulden), die er innerhalb der gesetzlichen Frist zu zahlen habe, widrigenfalls er zuerst mit den: leichten und bei fortgesetzten: Ungehorsam mit dem schweren Banne zu belegen sei. Die Cölner Dominikaner aus den: ganzen Orden knirschten mit den Zähnen, tobte:: und rasten über diesen Ausfall des Prozesses zu ihrer Beschämung, dachten aber nicht daran, sich dem Urteilsspruch U In der Tat fungierte damals als Ketzermeister Or. Call; Reuchlins Schreiben an Witt bei Friedländer, Beiträge p. 28. -) Das Datum 2l. April in den L,cta >1näieior::m p. 1I1b. gilt nicht vom ersten Urteilssprucb der Speyerischen Kommission; denn dieser war bereits früher gefällt e. 31. März, bei Böcking II «uppl. 550 f., sondern von dem Schlußurteil des delegierten Bischofs von Speyer zur Kontumazierung der nicht erschienenen Partei (Hochstraten), worauf die Exkommunikation erfolgen sollte. Den ersten Ilrteilsspruch hatte Reuchlin bereits am 21. April in Händen und berichtet darüber an Questenberg: gnrrm ssntentiam (clellniUvnm) aä bs ernn pras- ssnlibns mitto, nt vielem, trinmpkars vsritatsm. Es ist bereits o. S. 135 bemerkt, daß das Iahresdatum dieses Briefes (bei Friedländer p. 22, 23) 1513 falsch ist, statt 1514. Auch das Schreiben des späteren Papstes Hadrian vom 2l. April 1514 (das. Nr. 28) berichtet schon von der in Speyer gefällten Sentenz. Der Humanistenkreis. 187 des apostolischen Kommissars zu unterwerfen. Die Predigermönche in Nürnberg ließen nichtsdestoweniger den Augenspiegel öffentlich verbrennend) War es damals bei der Zerfahrenheit Deutschlands überhaupt schwer, den llrteilsspruch eines Richters in Vollzug zu setzen, so waren die Dominikaner noch weniger geneigt, etwas darauf zu geben, sobald er gegen sie ausgefallen war. Das Erkenntnis des Bischofs von Speyer verlachten sie als ein von einem dummen Jungen ausgegangenes. Den Anschlag des Urteils in Cöln riß der freche Pfefferkorn ab.?) Hochstraten hatte außergerichtlich (sxtrasuäioialitsr), d. h. ohue auch uur dem als apostolischen Richter fungierenden Bischof vvn Speyer eine Anzeige davon zu machen, an den Papst appelliert, obwohl er früher eine solche Berufung verworfen hatte. Seine Hoffnung, den Prozeß gegen Reuchlin dennoch zu gewinnen und den Augenspiegel verdammt zu sehen, gründete er ans die Käuflichkeit am römischen Hofe: „In Rom ist alles für Geld zu haben," äußerte er sich offen, „Reuchlin ist arm, sie, die Dominikaner, sind reich, daher wird das Recht durch Geld unterdrückt werden"?) Hochstraten konnte auch auf Gesinnungsgenossen unter den Kardinülen zählen, die, mit demselben Geifer gegen die freie Wissenschaft schäumend, jedenfalls den Prozeß so lange Hinzuschleppen imstande sein würden, daß Reuchlins Vermögen zur Bestreitung der Kosten nicht ausreichen würde. Außerdem rechneten die Dominikaner darauf, von einigen Universitäten, namentlich von der tonangebenden in Paris, ein Verdammungsurteil gegen den Augenspiegel zu erlangen und damit auf die päpstliche Kurie eineu Druck ausüben zu können. Sämtliche Dominikaner, Thomisten und Finsterlinge innerhalb und außerhalb Deutschlands machten daher gemeinschaftliche Sache, Reuchlin zu Falle zu bringen. Diese Kraftanstrengung der Tominikanerpartei hatte aber die Wirkung, daß sich auch die Freunde der freien Wissenschaft, die Feinde der Scholastik, der Verdummung und der kirchlichen Theologie, mit einem Worte die H u m anisten , aufrafften und zum gemeinsamen Handeln verbanden. Es bildete sich ein förmlicher Humanistenorden, eine R e n ch l i n i st i s ch e Partei (sxsroitns Renelilinistarum) im westlichen Europa, deren Mitglieder stillschweigend einander und Reuchlin Briefs. II. Nr. 42. ?) Bei Friedländcr Beiträge 29 f. Friedländers Beiträge Nr. 9, S. 46: Reuchlin an Qnestenbcrg: 6oeps- rnnt enim isli trnterenli aginä uos tninain ZxaiAsrs in vnIZU8: Loinnin esse vsnalein, ins i>anpsrem, 8S clivttes, oinus sn8 insuin anro P088S oggnZuari st 8npxriini. Ders. an dens. das. Nr. 4, S. 27: anclio !>clvei'8nrü iw 8eüein apMtoli aWellaruut extrasrnlieialiter, nt ins Ioiig'in8 vexent et iw extrsuinin tan n->m (üoetrina iZus Linaitico) erepta prima iiulüs e8t kt eleo ex iß-ns, eum rlkralurm ex igne esrvatnm es8s volnnk. >'une usennclo n Neueblin 8srvata S8t ex itz'ne, enm libri illi esrvata 8nnt, u8 etantibrrs lex panclitnr et Inoem c-rpit, intsrenntibn8 antem tsne- dn8 asteruas uoeti8 oünixlitur. Denigne in lioe fnclieio tue, nlü üae nestate i>srieulo8o neetn Iaboravimn8, non ts, 8eel leZ'em, non ll'üal- niuü, ss(l seelssiam, non Usueülin per no8, esä 1108 per Lenolilin servato8 et, äskeu 808 intelli§imn8. Schreiben an Renchlin von 15 l8 in Brief- sammlnng II, gegen Eitde. ch Dpi8tolas ob8eniornin virornnr II, Älr. 18, Thomas Morns, ei» Franziskaner, übersetzte damals das hebräische Tischgebet Ueneäieits Ilebrns- «rum ins Deutsche und Lateinische. Panzer, Ergänzung zn Annalen der deutschen Literatur. °) L>Ü8wlas ol>8cc. virr. das. Vergleiche den Brief des französischen Arztes Onillanms Oope an Reuchlin, Briefsammlung II, Nr. 38. Er hatte dem König von Frankreich Reuchlins Verdienste gerühmt: Nana aclver8ariri8 ills . . . elieit: ms parlier juela 12 are. Hochstraten, Apologie II, bei Böckmg: III. Untteni operum snppl. I, p. 434. I8ti Nalinntpüili eivs Dsneb I i ni8 tae. 140 Geschichte der Juden. Immer mehr Geräusch machten diese Händel in Europa. Waren sie bisher nur auf Deutschland beschränkt, so begannen sie jetzt auf zwei entlegenen Schauplätzen zu spielen, in Rom und Paris. Hochstraten und die Dominikaner arbeiteten mit aller Energie daran, daß das Spehersche Urteil hier von der bedeutendsten Universität und dort von der päpstlichen Kurie verworfen und Reuchlins Schrift zum Scheiterhaufen verurteilt werden sollte. Sie hatten hier wie dort mächtige und einflußreiche Verbündete, welche ihrer Partei mit Hingebung dienten. Sie rechneten am meisten ans einen fanatisch kirchlichen Kardinal in Rom, Bernardinus de Santa Croce, der vielleicht ehrlicher, aber jedenfalls nicht minder leidenschaftlich die Wissenschaft und ihre Pfleger haßte und sie vertilgt wünschte. Au diesen wandten sich sofort der Dekan und die ganze theologische Fakultät von Cvln und machten ihm blauen Dunst vor, daß der Augenspiegel gar nicht von Christen, sondern nur von Juden gekauft und verbreitet worden wäre und legten ihm ans Herz, ihre Sache beim päpstlichen Stuhl warm zu vertretend) Reuchlin war daher auch seinerseits genötigt, obwohl sein Prozeß formgültig vor dein apostolischen Gericht in Speyer gewonnen war, Schritte zu tun, damit die Appellation durch die Intrigen seiner Feinde keine Wirkung erlange. Er wendete sich an seine Freunde in Rom an den päpstlichen Staatssekretär Questenberg, an den wissensfreundlichen Kardinal Adrian, an den österreichischen Minister- Kardinal von Gurk, an den Augustinergeneral Egidiv von Biterbo, an den Regensburger Propst Welser und an andere, seine Sache beim Papst zu unterstützend) Vorher hatte er auf Veranlassung seiner Freunde eine Sammlung von Briefen von angesehenen Männern in Deutschland und Italien an ihn und seine Sendschreiben an diese veröffentlicht, damit Rom und der Papst aus seinen ausgedehnten Verbindungen nnd aus seinem eleganten lateinischen Stile, der in Italien als Empfehlung galt, ersehen sollten, mit welchen Männern die Rotte der Dominikaner angebunden hatte. Unter den „B riefenberü h m t e r M ü n n e r"^) waren nichtbloß lateinische, sondern auch griechische und hebräische enthalten, letztere von Reuchlin an seinen Lehrer, den jüdischen Leibarzt Loans und von dein Rabbiner Jakob Margoles so. S. 79) an Reuchlin. Es fehlte nicht darin die Urkunde des Kaisers Friedrich, womit er Reuchlin hohe Ehren und Würden übertragen hatte, und auch nicht ein Schreiben, woraus hervor- 9 Bei Friedländer, Beiträge, Nr. 27, 28. ') Das. Nr. 2, 4, 5. 3) Uplstolirs illr>8trimn sivs claroinm viroinm, März oder April 1514 erschienen, vcrgl. Note 2. ReuchlinS Prozeß i» Roin. lll gehen sollte, wie beliebt Reuchlin beim Pater des Papstes Lev X., bei Lorenzo von Medici von Florenz, gewesen war. Am meisten war es Reuchlin darum zu tun, daß die Untersuchungskommission in Rom nicht aus feindlichen Parteigenossen, aus Dominikanern oder Thomisten zusammengesetzt würde?) Und es gelang auch seinen Freunden, den Papst dazu zu bestimmen. Leo X. ernannte als Untersuchungsrichter den Kardinal und Patriarchen Domenicv Grim a n i. Es war bekannt, daß dieser philosophisch gebildete Kirchenfürst, der Freund Elia Delmedigos und Abraham de Balmes' 2 ), ein „Judengonner" war, als Patron des Franziskanerordens die Dominikaner haßte und also Partei für Reuchlin genommen hatte?) Ohne Zweifel waren angesehene Inden in Rom ebenfalls für Reuchlin tätig; aber sie wie die deutschen Juden hatten den richtigen Takt, sich im Hintergrund zu halten, um die Streitfrage nicht durch ihr offenes Hervortreten als eine Judensache erscheinen zu lassen und zu kompromittieren. Kardinal Grimani erließ hierauf (Juni 1514) eine Vorladung an beide Parteien, jedoch mit offenbarer Begünstigung für Reuchlin, wegen seines vorgerückten Alters einen Vertreter zu senden, an Hochstraten aber sich persönlich zu stellen. Mit Empfehlungen und gespicktem Geldbeutel versehen, erschien der Ketzermeister in Rom mit unerschütterlicher Zuversicht, den Sieg zu erringen. War nicht alles für Geld in Rom zu erlangen! Es ist nicht übertrieben, wie Hutten den damaligen Petrusstuhl in scharfen Versen schilderte: „Aus! ihr Männer, wohlauf, legt Hand an, lebet vom Raube, „Mordet, vom heiligen Gut stehlet, verletzet das Recht. „Eure Rede sei Gräuel und Eure Händel Verbrechen. „Wälzt Euch im Pfuhle der Lust, leugnet im Himmel den Gott. „Bringet Ihr Geld nach Rom, so seid ihr die rechtlichsten Leute: „Tugend und Seligkeit kaust und verkauft mau zu Rom. „Ja, auch künftig Verruchtes zu tun, verkauft mau in Rom sich. „Drum wenn ihr toll, so seid gut, wenn ihr verständig, seid schlecht?) Reuchlin konnte nichts dergleichen bieten; er war arm. Ihm stand nicht die Wünschelrute über die Goldschätze bigotter Weiber zu Gebote und auch nicht die Zauberformel über Beichtväter, welche geschickte Schatzgräber waren.") So weit war aber damals das Gemeingefühl nicht, daß Renchlins Freunde zur Bestreitung der Prozcß- Bei F-riedläuder das. Nr. 2, S. 23; Nr. 4, S. 27 ff. h Vergl. oben, S. 40 und Bd. 8, S. 24l. o) Über dessen Stellung zum Streite, Renchlins Brief au ihn das. Nr. l4, S. 56 ff. Hutten an Crotus Rubianus, äs atatn Romano exiZ-rammata, übersetzt von David Strauß, Hutten 1, S. 120. ") Vergl. oben, S. 137, Anmerk. 3. 142 Geschichte der Juden. kosten Gelder für ihn zusammengeschossen hätten; er mußte gewärtig sein, dieselben allein zu tragen. An Empfehlungen ließen es aber seine Freunde und Gönner nicht fehlen. Der Kaiser Maximilian, der Urheber aller dieser Wirren — weil er Pfefferkorns Gemeinheiten und der hysterischen Frömmigkeit seiner Schwester ein allzu geneigtes Ohr geliehen, später aber seine Unklugheit bereute — verwendete sich öfter beim Papste für Neuchlin. Er sehe ein, schrieb der Kaiser, daß die Cölner widerrechtlich und durch Ränke den Streit in die Länge ziehen wollten, um den unschuldigen, vortrefflichen, gelehrten und mit der Kirchenlehre Wohl übereinstimmenden Neuchlin aufzureiben. „Das was jener (zugunsten des jüdischen Schrifttums) geschrieben, sei in seinem, des Kaisers, Auftrag zu gutem Zwecke und Frommen der Christenheit geschehen."*) Auch der vielvermögende Minister des Kaisers, Kardinal von Gurk, verwendete sich bei Leo X. für Neuchlin, ferner einige Fürsten, sein Herr, der Herzog Ulrich von Württemberg, der Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, welcher einige Jahre später für Luther und die Reformation gegen dieselben Dominikaner eintreten sollte, der Markgraf von Baden, welcher sich ini Anfang für die Juden verwendet hatte, der Meister des deutschen Ritterordens, die Bischöfe von Straßburg, Konstanz, Worms und Speyer, endlich noch fünfzehn Äbte und dreiundfünfzig schwäbische Städte.?) Daraus konnte der Papst ersehen, wie sehr die öffentliche Meinung gegen die Dominikaner eingenommen war. Die Streitfrage schien auch anfangs eine günstige Wendung für Neuchlin zu nehmen trotz Hoch- stratens Geldverschwendung und polternden Auftretens. Seine und seiner Gesinnungsgenossen Anstrengung, den Kardinal Bernardino deSantaCroceals zweiten Richter in die Kommission zu bringen, wurde durch die Gegenmine der Reuchlinisten vereitelt. Der Papst ernannte dazu einen zweiten Gönner Reuchlins, den Kardinal Pietro Anconitanide St. Eusebio. Diese zwei Kommissarien erließen ein Mandat, daß sich kein anderer Richter und keine Körperschaft mit dein Prozesse befassen oder ein Urteil abgeben dürfe, bis der Spruch in Rom gefällt sein wurde. Aber die Dominikaner trotzten der öffentlichen Meinung, der Kommission und dein Papste. Den Kardinal Griinani verdächtigten und verlästerten sie als einen Dummkopf. Vom Papst sprachen sie wie von einem Schulbuben, der unter ihrer Zuchtrute stünde. Wenn er nicht in ihrem Sinne die Entscheidung treffen sollte, so würden sie ihm den Gehorsam aufkündigen, von ihm abfallen und selbst eine Kirchenspaltung nicht scheuen. Sie ließen Drohungen fallen, daß sie *) Maximilians Brief in Briefsammlung II, Ende. ?) Reuchlins Schreiben an den Papst, bei Friedländer a. a. O., Nr. 13, Ende. Epilog zu dessen äs arte oabalistios, und auch in tlota ilmlieiormn. Parteinahme für und gegen Reuchlin. 143 im Falle Reuchlin den Sieg davon tragen sollte, sich mit den Hussiten in Böhmen gegen den Papst verbinden würden. So verblendet war diese Rotte in ihrem Rachegefühl, daß sie aus bloßer Rechthaberei den Katholizismus untergrub. Auch die Majestät des Kaisers schonten sie nicht, als sie erfuhren, daß Maximilian sich für Reuchlin beim Papst verwendet hatte, und häuften Schmähungen auf ihnck) Ihre Hoffnung setzten die Dominikaner auf den Ausspruch der Pariser Universität, der Mutter sämtlicher europäischer Hochschulen. Wenn diese angesehenste theologische Fakultät Reuchlins Schrift und den Talmud verdammte, dann würde der Papst selbst nicht wagen, sich mit ihr in Widerspruch zu setzen. Alle Hebel setzten sie daher in Bewegung, von Paris aus ein ihnen günstiges Gutachten zu erlangen. Besonders wurde der König von Frankreich, Ludwig XII., durch seinen Beichtvater Guillaume Haqninet Petit bearbeitet, auf die theologische Fakultät zugunsten der Dominikaner einen Druck auszuüben. Die Politik, welche Frankreich und den deutschen Kaiser entzweit hatte, spielte ebenfalls in diesen Streit hinein. Weil der Kaiser von Deutschland für Reuchlin war, entschied sich der König von Frankreich für die Dominikaner und gegen den Talmud. — Wie sehr das Ansehen des Papsttums selbst bei den Rechtgläubigen damals gelitten hatte, zeigt sich an diesem Beispiele. Die Pariser theologische Fakultät durfte die Entscheidung gar nicht in die Hand nehmen, nachdem die päpstliche Kommission ein Verbot hatte ergehen lassen, daß kein Tribunal sich damit befassen dürfte. Nichtsdestoweniger setzte die Pariser theologische Fakultät selbständig die Prüfung fort, ob Reuchlins Schrift zugunsten der Juden und des Talmud Ketzerei eickhalte oder nicht. Tie Entscheidung war aber nicht leicht getroffen, da Reuchlin auch in Paris viele und warme Freunde zählte, namentlich den königlichen Leibarzt Cope und den griechischen Humanisten Jakob Lese bred'Etaple, der ein angesehenes Mitglied der Hochschule war. Daher zog sich die Beratung in die Länge (Mai bis anfangs August 1514). In siebenundvierzig Sitzungen wurde darüber verhandelt. ES gab unter den Stimmenden manche, welche sich teils zugunsten Reuchlins aussprachen, teils die Ungesetzlichkeit der Verhandlung hervorhoben, aber sie wurden von den Fanatikern so sehr ttberschrien, daß sie gar nicht zu Worte kommen konnten.?) Für viele französische Theo- h Kaiser Maximilians Brief an den Papst. Briefiannnlnng das. vom 23. Oktober 1515: gni (iiii oaptiosi tbeologl) stia.ni non veriti sunt i» eominissions sornm nupsr apncl Usatitnüinsm vestram impstrata nos st alias prineipss nostros dsrmaniae taxare. H Die Vorgänge während der Verhandlung im Schoße der Pariser Universität sind anschaulich geschildert in der Piece: Oöntra Lentimsntnin 144 Geschichte der Juden. logen war das Beispiel maßgebend, daß Ludwig der Heilige auf Drängen des getauften Juden Nikolaus Dvniw) und im Aufträge des Papstes Gregorius IX. drei Jahrhunderte vorher den Talmud hatte verbrennen lassen. Und in diesem Sinne fällte die Pariser theologische Fakultät den Spruch, daß Reuchlins Augenspiegel, der Ketzereien enthalte und mit allem Eifer die talmudischen Schriften verteidige, zum Feuer verurteilt und daß der Verfasser zum Widerruf gezwungen zu werden verdiente (2. August 1514). Sie scheute sich nicht hinzuzufügeu, daß die Verurteilung auf Drängen des französischen Königs geschehen sei. Ludwig xil. sagte zum Leibarzt Cope, welcher zugunsten Reuchlins ein gutes Wort einlegte, er judaisiere ebenfalls.?) An den Papst soll dieser König besonders geschrieben haben, er solle es mit dein Augenspiegel streng nehmend) Groß war der Jubel der Dominikaner und namentlich der Cvlner über dieses Urteil. Sie glaubten dadurch gewouuenes Spiel zu haben und den Papst selbst zwingen zu können, sich demselben zu unterwerfen. Sie säumte,: nicht, diese mühsam durchgesetzte Errungenschaft durch eine neue Schmähschrift dem Publikum bekannt zu machen. Unter Pfefferkorns Namen verfaßte ein Dominikaner, wie man sagte, Wigand Wirth, eine neue Schmutzschrift unter den: Titel „S turmglock e."^) „Sturm über und wider die treulosen Juden, Anfechter des Leichnams Christi und seiner Gliedmaßen; Sturm über Uarrlnsieuss bei Friedländer a. a. O. Nr. 31, S. 118 ff. Diese Piece ist eine sehr gelungene Satire auf die Dunkelmänner, ganz im Geiste der Lpwtolne obsenrorum virorum, wahrscheinlich auch von Crotus Rubianus. Das. I, Nr. 35, wird der Beichtvater Ludwigs XII. persifliert in dem Schreiben an drnllelmrw Rneklnstrw, gui S8t 1I:soloAornm lüieologissiinm .... gnoä rex in Onlliu äili»lt vos ... uv soitis rsKen: ) Bergt. Bd. VII, S. 94 f. ?) Briefsammlung II. ?) Pfefferkorn, Mitleidig Klag, Bl. <4. si Gedruckt 1514: vergl. Note 2. Die Sturmglocke. 145 einen alten Sünder Johann Reuchlin, Zuneiger der falschen Juden und des jüdischen Wesens. Ter Augenspiegel mit Recht und Urteil in Cöln abgetan, vertilgt und am Feuer verbrannt, welche Verbrennung durch die ehrwürdige und allerhöchste Universität von Paris bestätigt ist." Dadurch war aber des Kaisers Befehl, der beiden Parteien Stillschweigen auferlegt hatte, gebrochen, und Pfefferkorn wurde dafür von dem kaiserlichen Fiskal zur Verantwortung gezogen, weil diese Schmähschrift unter seinem Namen erschienen war. Das war natürlich den Kölner Dominikanern doppelt unangenehm, daß ihnen, die das Recht zu haben glaubten, immer das große Wort zu führen, untersagt wurde, zu schmähen und daß Pfefferkorn für einen andern bestraft werden sollte. Wie es scheint, hat hierbei wieder des Kaisers Schwester Kunigunde ausgeholfen; sie übergab abermals Pfefferkorn ein Empfehlungsschreiben an den Kaiser?) Auf diese bigotte Fürstin gestützt, wagten die Dominikaner sich noch mehr über des Kaisers Befehl hinwegzusetzen. Sie veröffentlichten (Dez. 1514) sämtliche Aktenstücke zu ihren Gunsten, welche den „Augenspiegel" verurteilt hatten, die Urteile der vier Universitäten Löwen, Cöln, Erfurt und Mainz?) Der Zufall aber spielte ihnen wieder einen Streich, der ihren Helfershelfer Pfefferkorn in der öffentlicheil Meinung brandmarkte. Ein getaufter Jude, namens PfaffRapp, nach andern ebenfalls Pfefferkorn genannt, war nur wenige Tage vor der Verdammung des „Augenspiegels" in Paris, wahrscheinlich wegen Kirchendiebstahls in Halle im Auftrag des Bischofs Albert von Magdeburg, zugleich Kurfürsten von Mainz, zum Tode verurteilt und mit glühenden Zangen zerfleischt worden. Es scheint, daß Ulrich von Hutten dabei als Richter fungiert hatte. Dieser oder andere Reuchlinisten beeilten sich, diesen Vorfall gegen die Dominikaner auszuspwlen und auf den ersten Urheber dieses ganzen Streites, auf Johann Pfefferkorn, eineil Schlagschatten zu werfen. Hutteil schilderte die Verbrechen dieses getauften Missetäters voll Halle in lateinischen Verseil mit geflissentlicher Übertreibung. Bei dieser Gelegenheit zeigte er sich auch lieblos gegen die Juden, als wenn nur Judäa und nicht Germanien ein solches Scheusal Hervorbringen könnte. Mail solle, warnte er, Juden gar nicht zur Taufe zulassen; denn nur getrennt und geschieden voll ihnen könnten sich *) Pfefferkorn, Oskeiisiu contra, tamosas K. 3: dtovnm slicli iilieliniir tsiitonies „LtiiriiiK'I ock" . . . citatus tarnen al> Oaek-areae Naseetutis tlscali (velnt Lapnioii ipss inalevol.8 suis clelati'onibim 8iilioriniverkit) . . Lo tempore, gno enper msmorato liliello injiists accn-ntns essein, pro- kectiis sinn coutiii no . . . aü impei atoreni cum literm proiiiotoriaiikiis üiivissas äs lilonziclisii, sorors ipeiiis. Dieser Punkt ist in den Monographien gar nicht beiührt. 2) Leiitiinsiits. gnatiior niiivsrsitatiim, Note 2. Krach, Geschichte der Juden. IX. tv 146 Geschichte der Juden. Christen Nor ihnen hütend) Andere Reuchlinisten beschrieben diesen Vorfall in deutscher und lateinischer Prosa?), ebenfalls mit Übertreibung der Verbrechen dieses Schelmes, als wenn er, obwohl un- geweiht, als Priester fungiert und Messe gelesen, dabei es heimlich mit den Juden gehalten, so und so viel Hostien geschändet, so und so viel Christenkinder geschlachtet, viele erwachsene Christen durch ärztliche Behandlung umgebracht, ja, durch jüdisches Geld bestochen, den Vorsatz r) Hutten, Dxois.ma.tio in seeleratissimum ckoannsm DleKsrborn, in dessen opers. poeties. ?) Im Jahre 1514 erschien „die Geschichte und Bekenntnis des getauften Inden Jo Hansen Psesferkorn, verbrannt auf der St. Moriziensburg bei Halle", auch lat. unter dem Titel: Lapti/mti Inüsei ckosu. -Haitis sssati lüstoria. sie. Ich halte diese Schrist nicht snr eine geschichtliche Relation, sondern snr ein tendenziöses Pamphlet der Reuchlinisten. Mehrere Umstände sprechen dafür. Pfefferkorn sagt es deutlich in seiner deutsch geschriebenen Ostsnsio contra, tsmosas oder „Beschyrmung" L. 2: „Auch ist ungehört, dessen einiger Jude .... Christ worden wäre, den man Pfefferkorn geheißen hätte: allein den man zu Magdeburg (?) verbrannt hat, hat sich Pfasf Rapp genannt, ein geborncr Christ und kein Priester, sondern ein Schalksnarr, wann er unter die Juden gekommen ist, so hat er es mit ihnen gehalten, und wann er unter den Christen war, hat er sich für einen getauften Inden ansgegebe» und pflog wider die Juden zu predigen. Denselben Psaff Rappen hat man um seiner begangenen Missetat verbrannt. Und haben die Renchlinischen mir zur Schmach dav on gedruckt, als ob ich der Mann gewesen wär." In der lat. Ostsnsio contra tamosss (ill. 3) sagt Pf.: Im^rsssns stis.ni sst 1lo»nntiss libslins contra illsletieum snetors Uirieo Onttsno iKne sombnstnm, in cujus prsetstions midi st prosagnas mess iiuinerito msisclioitur. Böcking, der gelehrte Herausgeber der Huttenschen Werke, versteht die Worte „snetors Onttsno . . . eombustuin", als ob Hutten bei der Verurteilung mitgewirkt hätte, sssessors jncties" (Einleitung zu Huttens Dxelsmstio). Es könnte auch dafür angeführt werden, daß nach Strauß' Kombination Hutten vom Kurfürsten Albrecht im Jahre 1414 als richterlicher Kommissar von Mainz nach Erfurt, also in die Magdeburger Diözese, gesandt wurde (Strauß, Hutten I, S. IlO, Note 2). So könnte er wohl bei der Hinrichtung des Llsletious in Halle fungiert haben. Allein snetors liirioo Onttsno bezieht sich richtiger ans imprsssus sst libslins. Vergleicht man das Sündenregister des verbrannten Bösewichtes in der „Geschichte und Bekenntnis" mit dem, welches Hutten in der sxvismstio davon aufgestellt, so stimmen die Vergehen keineswegs. Man darf daher nicht mit Böcking annehmcn, Hutten habe diese „Geschieht" in Verse gebracht. Beide scheinen vielmehr selbständige Pamphlete zu sein. Daß das von Pfefferkorn zitierte tibelius contra, msie- lieum a.uctors . . . Ilutteno identisch sei mit der „Geschicht", ist um so mehr zweifelhaft, als letzteres kein Vorwort hat, in dem Pfefferkorn und sein Geschlecht geschmäht worden wären. Möglich, daß »och ein drittes Pamphlet damals erschienen war. Jedenfalls ist es wohl als Tatsache anzunehmen, daß die Reuchlinisten aus der Hinrichtung des „Höllischen Pfefferkorn", wie sie ihn nun einmal genannt wissen wollten, Kapital geschlagen haben. Rapp oder der Höllische Pfefferkorn. 147 gehabt hätte, ganze Landstriche zu vergiften, und nahe daran gewesen wäre, den Erzbischof Albert und seinen Bruder, den Kurfürsten Joachim von Brandenburg, aus der Welt zu schaffen. Alle diese Verbrechen waren rein erfunden, nur um Pfefferkorn und seine Bundesgenossen damit zu verunglimpfen, als wenn er selbst es gewesen wäre oder doch sein könnte. Zu einem Bilde des Heiligen Christophorns in Berlin hätte Rapp oder Pfefferkorn die lästerlichen Worte gesprochen: „Was stehst du da, langer Schalk, und trägst ein H... Kind auf den Schultern?" Ein scheußliches Bild veranschaulichte, wie diesem Schelm Glied nach Glied mit glühenden Zangen ausgerissen worden. Das Publikum sollte durch Schmähschriften gegen den Hallischen Pfefferkorn gewarnt werden, dein indenfeindlichen Kölner Pfefferkorn Vertrauen zu schenken, da er es auf Schwindelei gegen die Christen abgesehen habe und es heimlich mit den Juden hielte. Indessen schleppte sich der Reuchlin-Hochslratensche Prozeß in Rom durch die Ränke und den Goldregen der Dominikaner lange hin. Kaum daß Reuchlin einen Rechtsanwalt finden konnte, weil die Juristen es scheuten, sich mit den boshaften Predigermönchen aufzulegen. Er hatte bei Einsendung der Akten erster und zweiter Instanz (Mainzer und Speyerscher Verhandlung) versprochen, die verbrieften Privilegien der Juden beiznlegen, um für seine Behauptung den Nachweis zu führen, daß nicht er es gewesen wäre, der den Juden das Wort geredet. Aber das, was er als Beleg nuftreiben konnte, entsprach sehr wenig dem Satze, den er in edelmütiger Regung aufgestellt hatte, sie sollten von jeher als Mitbürger im deutsch-römischen Reiche anerkannt worden sein. Er konnte aber nur vergilbte Pergamente beibringen, daß sie vom päpstlichen Stuhl einige Privilegien erhalten hatten, daß sie in ihrer Religion und ihren heiligen Schriften nicht belästigt werden sollten und daß sie des Kaisers Kammerknechte wären.*) Das letztere hätte Reuchlin nicht durch Schriftstücke zu belegen brauchen, die deutschen Juden waren allzu sehr Knmmerknechte des Kaisers. Aber gerade aus diesem ihren Kammerknechtschaftsverhültnis folgerten die Judenfeinde, der jedesmalige Herrscher habe das Völle Recht, nach Willkür mit ihnen zu Verfahren, sie zu verjagen oder gar ausznrotten und um wieviel mehr ihre Schriften zu vernichten; das sei keine Rechtsverletzung. Ohne Zweifel wurde diese schwache Beweisführung Reuchlins von den Privilegien der Juden von Hochstraten gebührend angefochten. ') Bei Friedländcr, Beiträge Nr. 8, S. 44, Reuchlin an Kaspar (Wirth) vom 18. Oktober 1514: llitto etiain privileKia. gnaeänin ünclasornni, ex guibus viäsbitur, gnocl ünänel eoiuinorantss in ^leinannia sint a seile axostolioa privilsZiati äs non inolestanclo eos in snis lidris, et gnoä sint eainerarü iinpsratoris. 10 * 148 Geschichte der Juden. Der Prozeßgang, an sich in Rom außerordentlich schleppend, wurde von den Dominikanern geflissentlich noch mehr hingehalten. Hochstraten hatte der Anklageschrift eine Übersetzung des „Augenspiegels" beigelegt, welche das Original an vielen Stellen geradezu gefälscht und dem Verfasser ketzerische Sätze in den Mund gelegt hatte. Die niedergesetzte Kommission ließ zwar von einem in Rom anwesenden Deutschen, Martin von Groningen, eine andere und zwar wortgetreue Übersetzung veranstalten; aber daran mäkelte wieder die Gegenpartei. Durch solche Hindernisse rückte der Prozeß nicht von der Stelle und kostete bereits im ersten Verlauf Renchlin über 400 Gold- gulden4) Das wars, worauf die Dominikaner gerechnet hatten, ihren Gegner, den Judengönner, der ihnen die Beute abgejagt, in Armut zu versetzen, damit er verhindert werde, sein Recht zu verfolgen. So schwand immer mehr die Aussicht, Reuchlins Sache in Rom triumphieren zu sehen. Daher waren Reuchlins Freunde darauf bedacht, einen andern Richterstuhl für diese Streitsache zu schaffen, von den: übelberatenen oder eingeschüchterten Papste an die öffentliche Meinung zu appellieren. Während der Spannung der Gemüter, als kleine und größere Kreise, hohe und niedrige Geistliche, Fürsten und gebildete Bürger auf Nachrichten lauschten, wie der Renchlinsche Prozeß in Ron: ausgefallen sei oder ausfallen dürfte, dichtete einer der jüngeren Humanisten (wahrscheinlich zuerst Crotus Rubianus in Leipzig) eine Reihe von Briefen, welche ihresgleichen, was Witz, Laune und beißende Satire betrifft, noch nicht in der Literatur hatten. Die „Briefe der Dunkelmänner" betitelt (sxistolas obsoarornin virornm, verfaßt im Laufe des Jahres 1515)2), größtenteils an den schuftigen Ortuin Gratius gerichtet, reden die Sprache der ungehobelten Mönche. Sie legen deren niedrigen Sinn, ihren Hochmut, ihre erstaunliche Unwissenheit, Lüsternheit, Gehässigkeit und Unflätigkeit, ihr erbärmliches Latein und ihre noch erbärmlichere Moral, ihre logikalische Faselei, ihr widriges Geklätsche bloß, kurz sie führen alle ihre Untugenden und Nnausstehlichkeiten so handgreiflich vor Angen, daß sie auch dem Halbgebildeten einleuchteten. Alle Feinde Reuchlins, Hochstraten, Arnold von Tongern, Ortuin Gratius, Pfefferkorn, alle ihre Helfershelfer, Peter Mayer, Wigand, die Pariser Universität mußten darin Spießruten laufen. Sie wurden mit Stacheln und Skorpionen gegeißelt, daß nicht ein gesunder Fleck an ihnen blieb. Diese künstlerischen Satiren, welche mehr als aristophanischen Spott enthalten, wirkten um so drastischer, als die Dominikaner, die Thomisten, die Doktoren der y Bei Friedländer, Beiträge Nr. 11, S. 49 Renchlin an Kardinal de St. Eusebio vom 10. Febr. ISIS. °h Vergl. Note 2. Die Dunkelmännerbriefe. 149 Theologie, sich selbst gaben, wie sie waren, sich selbst in ihrer widrigen Blöße zeigten, gewissermaßen sich selbst an den Pranger stellten. Es konnte aber nicht fehlen, daß bei dieser Verhöhnung der Dunkelmänner auch die Schäden des Papsttums, der ganzen hierarchischen Tyrannei und der Kirche überhaupt bloßgelegt wurden. Waren doch die Dominikaner mit ihrer hochmütigen Unwissenheit und frechen Unzucht nur Ausflüsse und naturgemäße Wirkungen der katholischen Ordnung und Institution! So wirkten die satirischen Briefe der „Dunkelmänner" wie eine ätzende Säure, um den ohnehin faulen Leib der katholischen Kirche vollends zu durchfressen. Die Juden und der Talmud waren die erste Veranlassung zu den Reuchlinschen Händeln, sie durften in den Dunkelmännerbriefen nicht fehlen. Solchergestalt wurden die so sehr verachteten Juden auf die Tagesordnung gebracht. Im zweiten Briefe legte angeblich der Magister Johannes Pellifex dem sogenannten Gewissensrat Lrtuin Gratius eine Gewissensfrage vor. Er sei neulich mit einem jungen Theologen zur Zeit der Frankfurter Messe au zwei anständig ausseheuden Männern vorübergegangen, welche schwarze Röcke und Kapuzen mit Mönchshüllen getragen, so daß er sie für Geistliche gehalten, vor ihnen eine Reverenz gemacht und das Barett gezogen habe. Sein Begleiter habe ihn aber zu seinen: Entsetzen darauf aufmerksam gemacht, daß es Juden gewesen. Sein Begleiter habe gar behauptet, er habe damit eine Todsünde begangen, weil es an Götzendienst anstreife und gegen das erste der zehn Gebote verstoße. Tenn wenn ein Christ einen: Juden Ehre erweise, handle er gegen das ChristeiUnn: und scheine selbst ein Jude zu sein, und die Juden könnten sich rühmen, sie seien mehr als die Christen, würden dadurch nur in ihren: Unglauben bestärkt, verachteten den Christenglauben und wollten sich nicht taufen lassen. (Es ist das dieselbe Anklagereihe, welche die Dominikaner gegen Reuchlin wegen seiner Begünstigung der Juden ausspintisiert hatten.) Der junge Theologe erzählt darauf eine Geschichte, wie er einmal vor den: Bilde eines Juden mit den: Hammer in der Hand in der Kirche, in der Meinung, es sei der heilige Petrus, das Knie gebeugt, dann bei näherer Betrachtung tiefe Neue darüber empfunden hätte. In der Beichte bei den Dominikanern hätte ihm der Beichtvater auseinandergesetzt, daß er damit, wenn auch unwissentlich, eine Todsünde begangen habe, und er, der Beichtvater, hätte ihn: nicht die Absolution erteilen können, wenn er nicht zufällig bischöfliche Befugnis gehabt hätte. Wenn das aber wissentlich geschehen wäre, so hätte nur der Papst die Sünde tilgen können. Und so rät der junge Theologe den: Magister Pellifex wegen seiner Reverenz vor den zwei Inden vor den: Offizial zu beichten, weil er hätte genau Hinsehen müssen und solchergestalt die Juden durch das gelbe Rad an: Kleide von den Geistlichen unter- 150 Geschichte der Juden. scheiden können. Pellifex richtet nun an Ortuin Gratius die gewichtige Frage, ob er damit eine Todsünde oder eine verzeihliche Sünde begangen, ob es ein einfacher oder ein vor den Bischof oder gar vor den Papst gehöriger Fall sei. Auch möge Ortuin ihm schreiben, ob die Frankfurter Bürger recht daran täten, die Juden in derselben Tracht wie die Doktoren der heiligen Theologie einhergehen zu lassen. Ter Kaiser sollte solches nicht duldeil, daß ein Jud, der wie ein Hund ist, ein Feind Christi.. . (das war die Sprache der Dominikaner). Gewiß, nichts konnte besser die Erbärmlichkeit und Spitzfindigkeit der scholastischen Theologen geißeln, als dieser Brief es tut. Ein Jünger Ortuins, S ch i r r u g l i u s, schüttet vor diesem sein beschwertes Herz aus, wie die zu Mainz gar nicht so fromm seien wie die Cöluer. Ein Mainzer wage zu behaupten, der Rock von Trier sei gar nicht Christi Rock, sondern ein altes l.. Kleidungsstück, daß das Haar der gebenedeiten Jungfrau gar nicht mehr in der Welt existiere, und daß er den Ablaß der Dominikaner verachte, weil diese Schwindler seien und Weiber wie Bauern täuschten. Darauf ich: „Ins Feuer, ins Feuer mit diesem Ketzer," — „Wenn das Hochstraten hörte, der Ketzermeister!" Ter Mainzer aber lachte und sagte, Hvchstraten sei ein abscheuliches Tier, Reuchlin aber ein Biedermann, die Theologen dagegen Teufel. Die Pariser Universität, welche Reuchlins Buch verdammt habe, sei von den Dominikanern bestochen gewesen; sie sei nicht die Mutter der übrigen Hochschulen, sondern die Mutter der Dummheit. Der Mainzer behauptete auch, der Talmud sei von der Kirche nicht verdammt worden. Darauf der Pfarrer Peter Mayer von Frankfurt: „Es steht aber iu der Glaubensfeste des Spaniers Alfonso de Spina, daß der Talmud ein abscheuliches Buch sei." Der Mainzer entgegenete darauf, die Glaubensfeste sei eine Schmutz- schrist, und wer Beweise daraus ziehe, sei ein DummkopfU) In diesem läppischen Tone fährt der Brief fort, die Untaten der Dominikaner auseinanderzusetzen. Ein Professor der Theologie redet Ortuin ins Gewissen, daß er doch den Jüngern durch sträflichen Verkehr mit Frauenzimmern kein böses Beispiel geben solle. Aber er gleiche diese Sünde dadurch wieder aus, daß er gegen Reuchlin schriebe. Man erzählt sich aber, daß Pfefferkorn, den Ortuin verteidigt, ein nichtsnutziger Mensch sei, der nicht aus Liebe zum Glauben Christ geworden, sondern weil die Juden ihn wegen seiner Untaten hätten hängen wollen, da er ein Spitzbube und Angeber sei. Auch sagt man, er sei ein schlechter Christ und werde nicht im Glauben bleiben, wie der in Halle verbrannte Pfefferkorn; daher möge sich Ortuin vorsehen.^) ^ lchüsNolas Obseurornin I, llr. 22. 2 ) Das. Nr. 23. Die Dunkelmännerbriefe. 151 E i t e l n ar r a b i a n u s von Pessenek teilt Ortuin mit, er habe jüngst in Worms mit zwei Juden disputiert, ihre Messiashvffnung als eine Täuschung dargestellt und sie auf Pfefferkorn verwiesen. Darauf hätten die Juden gelacht: „Euer Pfefferkorn in Cöln ist ein gemeiner Schwindler. Von: Hebräischen versteht er nichts, er ist nur Christ geworden, nur seine Schlechtigkeit zu verbergen. Als er noch Jude in Mähren war, schlug er eine Frau, die vor einer Geldbank saß, ins Gesicht, damit sie nicht sehen konnte, wie er mehr als 200 Gulden daraus stahl und dann davonlief. Und an einen: andern Orte war schon wegen Diebstahls ein Galgen für ihn aufgerichtet; er wurde aber, man weiß nicht wie, davon befreit. Wir haben den Galgen gesehen, auch einige Christen und Adlige, die wir Euch nennen können. Darum dürft ihr diesen Dieb nicht als Gewährsmann anführen." Darauf habe Eitelnarrabianus geantwortet: „Ihr schlechten Juden lügt in euren Hals, und wenn ihr nicht ein Privilegium hättet, würde ich euch an: Haar packen und in Kot werfen. Pfefferkorn ist ein guter Christ, da er mit seiner Frau viel bei den Dominikanern beichtet; er hört gern Messe, und wenn der Priester die Hostie in die Höhe hebt, sieht er nicht zu Boden, es sei den::, daß er gerade ausspeit. Meint ihr, daß die Gottesgelehrten und Bürgermeister in Cöln dumm sind, daß sie ihn zun: Spitalaufseher und Salzvermesser geinacht haben? Das würden sie nicht getan haben, wenn Pfefferkorn nicht ein guter Christ wäre. Ihr sagt aber, nur wegen seines schönen Weibchens sei er den Gottesgelehrten und den: Bürgermeister angenehm. Das ist aber nicht wahr, denn die Bürgermeister haben selbst schöne Frauen, und die Gottesgelehrten kümmern sich nicht um Weiber. Man hat auch noch nie gehört, daß ein solcher Ehebrecher gewesen wäre." Dann folgt eine unübersetzbare Bemerkung über Pfefferkorns Frau in: zynischen Geschmack der Dominikaner und jenes Jahrhunderts.^) Von derselben Art ist auch der folgende Brief, eine theologisch-gelehrte Anfrage von Feder- fusius an Ortuin Gratius: Wie der Leib eines getauften Juden bei der einstigen Auferstehung wohl beschaffen sein werde, eine schmutzige subtile Auseinandersetzung, der scholastischen Dominikaner würdig. Ein schallendes Gelächter ging durch das westliche Europa beim Lesen der Dunkelmännerbriefe. Alle, die in Deutschland, Italien, Frankreich und England Lateinisch verstanden, lachten oder kicherten über Form und Inhalt dieser. Selbstbekenntnisse der Dominikaner und Scholastiker. Diese plumpen Gemeinheiten, diese dickköpfige Unwissenheit, diese überklug sich spreizende Albernheit, diese Unzüchtigkeit in Wort und Wendung stachen allzu grell ab gegen die äußerliche Gelahrtheit und Ehrbarkeit des Standes, den: alle diese Lächerlichkeiten st lchnstolas Obsemoi'am Nr. 36. 152 Geschichte der Juden. in den Mund gelegt wurden, und regten auch den ernstesten Mann zum Lachen an. Man erzählte sich, daß Erasmus, der beim Lesen dieser Briefe an einem Halsgeschwür gelitten, durch das krampfhafte Lachen davon befreit worden wäre. Die lustige Komödie der Einfältigen scharte vollends die Lacher ans Reuchlins Seite, und die Dominikaner waren in der öffentlichen Meinung gerichtet, wie auch das Urteil des päpstlichen Stuhles ausfallen mochte. Man riet hin und her, wer der Verfasser derselben sei. Einige meinten, Reuchlin selbst, andere Erasmus, Hutten oder der und jener aus dein Humanistenkreise. Hutten gab die rechte Antwort auf die Frage nach dem Verfasser: „Gott selbst wars."H Es zeigte sich in der Tat immer mehr, daß der so kleinlich begonnene Streit um Verbrennung des Talmud eine weltgeschichtliche Bedeutung angenommen hatte, in welcher der Einzelwille gewissermaßen untergeht und für den Dienst des Allgemeinen getrieben wird. In Rom erkannten tieferblickende Reuchlinisten darin das Werk der Vorsehung. So rasch waren die Tunkelmännerbriese vergriffen, daß in kurzer Zeit eine neue Auflage erscheinen mußte, welche einen neuen Anhang in demselben Genre enthält.^) Einer dieser neuen Briefe läßt Jakob von Hochstraten klagen: „Ich wollte, ich hätte die Sache gar nicht angefangen; alle lachen mich aus und necken mich. Man kennt hier (in Rom) Reuchlin besser als in Deutschland. Viele Kardinäle, Bischöfe, Prälaten und päpstliche Hofleute lieben ihn. Wenn ich nicht angefangen hätte, säße ich noch in Cöln, äße und tränke gut, während ich hier zuweilen nicht einmal trockenes Brot habe. Ich glaube auch, daß die Sachen in Deutschland während meiner Abwesenheit schlecht gehen. Alle schreiben nach Belieben Bücher über Theologie." In diesem ärgerlichen und platten Tone ist der ganze Brief gehalten. Das gab neuen Stoff zum Lachen. Die Finsterlinge waren so dumm, daß sie anfangs glaubten, die Dunkelmännerbriefe wären zu ihren Gunsten verfaßt. Als sie aber an dem Hellen Lachen ihrer Gegner merkten, es sei auf ihre Verspottung abgesehen gewesen, wurden sie voll Ingrimm, waren aber ohnmächtig gegenüber einer solchen Angriffsart, auf die sie nicht vorbereitet waren. Pfefferkorn und seine Einflüsterer wollten die Wirkung abschwächen und erließen wieder eine Schrift in deutscher und lateinischer Sprache unter dem Titel: „Verteidigung gegen die berüchtigten Tunkelmännerbriese"; aber sie gossen damit erst recht Ol ins Feuer und erhöhten nur noch mehr das Lachen der Reuchlinisten. Nur die deutschen Juden konnten sich dem Lachen nicht überlassen. Die Dominikaner hatten inzwischen auf einem anderen Wege daran h lilsk 0sn8inet, eine glückliche Persiflage des damaligen Mönchslateins. ch lihii-tolas ob-M. vier. I. .Ippenclix Nr. 7. Tagsatzung zu Frankfurt wegen Ausweisung der Juden. 153 gearbeitet, zu ihrem Hauptziele zu gelangen oder wenigstens Rache an den Juden zu nehmen. Was frommte es ihnen, daß einige erleuchtete Christen, auf das Judentum aufmerksam gemacht, eine besondere Vorliebe für dasselbe faßten und ihre neugewonnene Überzeugung in Schriften kundgaben?*) Die christliche Gesellschaft im ganzen und großen war nun einmal gegen die jüdische Lehre und deren Anhänger eingenommen. Mit Recht sagte Erasmus damals: „Wenn es christlich ist, die Juden zu hassen, so sind wir sehr christlich."?) Daher wurde es ihren Feinden leicht, sie zu schädigen. Pfefferkorn hatte oster darauf hingewiesen, daß es in Deutschland nur noch drei große jüdische Gemeinden gäbe, Regensburg, Frankfurt und Worms, und mit der Vertilgung derselben würde es mit der Judenheit im deutschen Reiche ganz und gar zu Ende sein. Wenn sich vielleicht viele Glieder des Humanistenkreises von dem entsetzlichen Wahne, daß die Juden darauf versessen wären, Christenkindern das Blut abzuzapfen und Hostien zu schänden, frei gemacht hatten, im allgemeinen fand eine solche Anschuldigung Glauben und wurde von ihren nach Rache schnaubenden Feinden zu ihrem Unheil benutzt. Eine solche Anklage wurde während des Prozeßganges in Rom gegen die Gemeinde in einem elsässischen Städtchen (Mittelberg) erhoben und mehrere Personen in strenge Haft gebracht, darunter auch Joselin von Mosheim, der Verteidiger der Judenheit (1514). Er sollte verhindert werden, den Kaiser Maximilian um Schutz anzugehen. Erst nach sieben Wochen kam die Unwahrheit der Anschuldigung an den Tag, und die Verhafteten wurden entlassen. In: folgenden Jahre verschworen sich der Bischof von Straßburg mit den Adligen derer von Andlau und dem Bürgerrat von Tbernai, welche von jeher erbitterte Feinde der Juden waren, die Gemeinden aus dein Elsaß auszuweisen. Glücklicherweise gelang es dein unermüdlichen Joselin, der mehrere Male den Kaiser aufsuchte und vor ihm über den geplanten Gewaltakt Klage führte, den Schlag abznwenden?) Uni eine Austreibung der Juden aus Frankfurt und Worms zu bewirken, hatten die Judenfeinde ein zweckmäßiges Mittel ersonnen. Der junge Markgraf Albert von Brandenburg, bisher Bischof von Magdeburg, der später in der Reformationsgeschichte eine ß Erasmus' Brief au Capito v. Februar 1516: Kuper exieruut tu vul- Kus aliguot tidetti, mernm .lullaismum re8ipisute8. Video guantum mickarit Uinitns: . . . guo (ldrmtuiu ex .luckaismo viucliearet, et seutio virorum p. 3. Zweite Reihe der Tunkelmännerbriefe. 161 gegen die Dominikaner einzunehmen und zu erbittern. Hutten war, seitdem er das Treiben in Rom mit geschärftem Blick kennen gelernt hatte, am eifrigsten, den Sturz der Geistlichenherrschaft in Deutschland herbeizufiihren. Indem er Reuchlin wegen seines Kleinmutes tadelt, bemerkt er in seiner kurzen, schneidenden Weise: „Einen großen Teil Deiner Bürde nehmen wir auf uus. Ich blase jetzt eineu Braud zusammen, der zur Zeit ausfliegen wird. Ich werbe Genossen, welche nach Alter und Lebensstellung der Kampfesart gewachsen sind. Ich sollte die Sache der Wahrheit verlassen? Wie wenig kennst du Hutten! Vielmehr, wenn du sie heute verließest, würde ich nach meinen Kräften den Kampf aufnehmen, und meine Begleiter werden nicht träge sein." Hutten hielt auch Wort. Seitdem Reuchlin durch Alter und zunehmende Schwäche sich nur noch in Klagen ergoß, stellte sich Hutten in die erste Reihe und sprach Dolche und Flammen. Der zweite Teil der Duukelmännerbriefe, die wohl größtenteils von ihm verfaßt sind (Sommer 1517), hat das Lachen der Reuchlinisten und das Grinsen ihrer Gegner womöglich nur noch mehr gesteigert. Ein Magister klagt seinem Genossen Ortuin Gratius, was er Lästerliches aus dem Munde des Franziskaners Thomas Murner habe hören müssen, der ein warmer Freund Reuchlins sei. Er habe unter andern geäußert: „Wenn die Cölner eine gerechte Sache haben, warum lassen sie ihre Geschäfte durch den getauften Juden betreiben? Wenn es noch einen schlimmeren und nichtswürdigeren Menschen in Deutschland gäbe, würden sie sich mit ihm verbinden. Gleich und gleich gesellt sich?) Da konnte ich nicht dazu schweigen und sagte: .Johannes Pfefferkorn ist ein ehrlicher Mann und ist aus dein Stamme Naphtali geboren, aus altem Adel; er rühmt sich dessen nur nicht, weil er bescheiden ist? Darauf Thomas Murner: „Von Pfefferkorns Ehrlichkeit Hab' ich nicht viel gehört, was ich gehört habe, ist, daß, wenn die Juden ihn wegen seiner Missetaten nicht hätten töten wollen, er nicht Christ geworden wäre. Ein Jude habe gesagt: .Sehet, was bei den Juden nichts taugt, ist für die Christen immer noch gut genug? Darauf nimmt der Magister Pfefferkorn in Schutz und Thomas Murner sagt zum Schluß: „Pfefferkorn ist würdig, einen solchen Verteidiger zu haben". Über die Unfehlbarkeit des Papsttums, die sich in der Talmud- Pfefferkorn-Reuchlin-Hochstratenschen Streitsache, ebenso wie die Festigkeit des Kaisers bloßgestellt hatte, verhandelte einer der Dunkelmännerbriefe in einem so wegwerfend burschikosen Tone, daß mau daraus den baldigen Niedergang desselben ahnen konnte. „Ter Papst soll den .Augenspiegel' freigesprochen haben, er kann ihn aber wieder h lllpistolus obseuroi'. von. II, Ho. 3, quis. Lolilem seblem, qimeriv silü similsm. Nraetz, Geschichte der Juden. IX. 11 162 Geschichte der Juden. verdammen. Der Papst steht nicht unter dem Gesetz, ist vielmehr das j lebendige Gesetz auf Erden; darum kann er alles tun und braucht auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Und wenn er auch einmal Ja gesagt hat, kann er darum doch Nein sagen!"U Ein Brief eines Dominikanermönches berichtet an Ortuin — über das Gerede der Leute von den Händeln. Man sagt unter anderem, daß der Pfefferkorn, welcher die ganze schmutzige Geschichte eingebrockt Hab, nicht besser sei, als jener, welcher in Halle mit glühenden Zangen vom Leben zum Tode gebracht wurde (o. S. 145), und wenn man ihn ins Verhör nehmen wollte, würde er eben so viele Verbrechen einzugestehen haben. Die Leute sprechen weiter: „Pfefferkorn hat die Cölner Theologen und sie ihn aufgestachelt, die Schriften der Juden zu verbrennen, und das Habei: sie nur getan, damit die Juden mit vielem Gelds zu ihnen kommen und sprechen sollten: .Erlaubet uns unsere Bücher, da habt ihr vierzig Goldgulden/ Einige Juden würden dafür gern hundert geben, andere gar tausend. Da kam Reuchlin und hinderte diesen Plan; daher sind sie über ihn aufgebracht und nennen ihn einen Ketzer. Auch schreiben sie einige Bücher in lateinischer Sprache unter Pfefferkorns Namen, obwohl er nicht einmal das Alphabet kennt. Sie tun es aber, weil sie wissen, daß niemand ihm antworten wird, weil sich niemand mit diesem Wicht beschmutzen mag." Dann folgen Ausfälle gegen Arnold von Tongern, daß er als Fälscher befunden worden, gegen Ortuin, der beim Ehebruch ertappt worden, gegen Wigand Wirth (den Vers, der Sturmglocke), der die unbefleckte Geburt Marias geleugnet und dann zu widerrufen gezwungen worden. Darauf ein einfältiger Dunkelmann: „Ihr dürftet solches den: Volke nicht sagen, auch wenn es wahr wäre, weil der ganze Dominikanerorden dadurch verlästert wird, und die Menschen sich ein böses Beispiel daran nehmen." Zun: Schluß klagt der Mönch: Ich wollte, o Ortuin, die Sache hätte ein Ende, weil sie uns fast nachteilig ist; die Menschen wollen uns keine Almosen mehr geben. Ich ging die vergangene Woche Käse zu sammeln und habe in zehn Tagen nicht mehr als 15zusammengebracht, weil alle sagen: Gehe zu Johannes Reuchlin und sage, daß er dir Käse geben möge." ?) Außerordentlich belustigend ist ein Brief, worin von der einen Seite uachgewiesen wird, daß in Pfefferkorns Verteidigung gegen die erste Reihe der Dunkelmännerbriefe Ketzereien und Schmähungen gegen den Kaiser und Papst enthalten seien, und wie diese Ausstellung von der anderen gerechtfertigt wird. Angriff: Pfefferkorn nannte seine Heiligkeit eine Dienerin des Herrn auf Erden, sagte somit, der *) Lxi8to1s.s obsouror. virr. II. Nr. 5. -) Das. Nr. 7. Verachtung der Dominikaner. 163 Papst sei ein Weib, spielte daraus an, daß einst eine Päpstin auf Petri Stuhl gesessen, und deutet auch damit an, daß der Papst wie ein Weib irren kann, also auch die Kirche, und das ist Ketzerei. Verteidigung: Pfefferkorn ist ein schlechter Grammatiker und versteht nicht lateinisch; er glaubt nämlich, das Wort Papa (Papst) sei weiblichen Geschlechts. Er schrieb in diesem Punkte wie die Gottesgelehrten, und diese brauchen sich nicht um die richtige Sprache zu kümmern; das ist nicht von ihrer Fakultät.*) Ein anderer Bericht: Pfefferkorn reist in Glaubensgeschäften in ganz Deutschland herum, was ihm sehr unangenehm ist, weil er Frau und Kinder in Cöln zurücklassen muß, obwohl die Theologen in seiner Abwesenheit seiner Frau viel Gutes erweisen und sie trösten. Auch kommen zuweilen die Mönche aus dem Kloster zu ihr und sagen ihr: „Wir bedauern euch, daß ihr so allein seid." Und sie antwortet: „Besuchet mich zuweilen, denn ich bin beinahe eine Witwe, und gebet nur euren Trost"?) Ein Dominikaner schreibt an Ortuin, er habe noch nicht die Überzeugung, ob Pfefferkorn im Glauben bleiben werde. Neulich sei ein Dekan der Andreaskirche, ein getaufter Jude (Viktor von Karben?) gestorben, und er habe vor seinem Tode an einein Beispiel gezeigt, daß ein Jude seine Natur nicht lassen könne; er habe geäußert, „auch er wolle als guter Jude sterben." Ein anderer Konvertit habe vor seinem Ableben einen Stein in einem Topfe ans Feuer setzen lassen und habe öfter gefragt, ob er noch nicht weich gekocht sei. Und als ihn: geantwortet wurde, eiu Stein könne nicht weich gekocht werden, habe er bemerkt: „So kann auch kein Jude ein guter Christ werden; sie taufen sich nur aus Gewinn oder Furcht, oder um ihre Glaubensgenossen zu verachten"?) Die Dunkelmännerbriefe, sowohl die erste Reihe (wahrscheinlich von Crotus Rubianus), als auch die zweite (von Ulrich von Hutten) taten ihre volle Wirkung. Die Dominikaner mochten sich noch so sehr auf Leugnen und Lügen verlegen, mochten Renchlin und seine Anhänger mit Kot bewerfen, mochten „trübselige Klagen der Dunkelmänner, nicht vom Papste verboten"^) schreiben, worin sie in schaler Prosa und noch schlechterer Poesie Feuer und Schwefel auf ihre Gegner herabschwuren, und ihnen „abgehauene Hände, ausgeschnittene Zungen und zugeschnürte Kehlen" anwünschten —, das verschlug alles nicht mehr; ihr Ansehen war dahin. Mit ihren erdichteten „Klagen der Dunkelmänner" haben sie nur den ätzenden Spott ihrer Gegner *) bhüsiolae »bsenrnr. virr. II. Nr. 28. Leck NbeoIoZi nun snraut, dramwatieam, ania non ssr äs sas. taonltats. h Das. Nr. 37. 2) Das. Nr. 47. *) 6amsMMionss obsonrr. virr. non probibitas ab seäs apobtolica, 1518. II* 164 Geschichte der Juden. über ihren schalen Witz, ihre Geschmacklosigkeit und Rechthaberei be- ^ siegelt. Der Dominikanerwitz schreibt in einem der Gegen-Dunkel- j Männerbriefe: „Ich höre, die Juden freuen sich über den Fortgang ihrer Angelegenheit. Sie lesen ein gewisses Buch bei Tische und in ihren Teufelssynagogen, verhöhnen täglich die Christen und behalten ihre gotteslästerlichen Schriften. Daher, wenn die nichtswürdigen Feinde des Kreuzes aus angeborener und eingewurzelter Bosheit sich freuen, müssen wir, wollen wir anders selig werden, trauern. Diese Ehre haben wir, daß die Juden zum Skandal der Kirche die Dunkelmännerbriefe ins Deutsche übersetzen".*) Das Geheimnis konnte nicht mehr gewahrt werden, es wurde von den Dächern laut verkündet, daß die Kirche einen klaffenden Riß erhalten hatte. Nicht ihre Gegner, sondern der Provinzial des Dominikanerordens, Eberhard von Cleve, und das ganze Kapitel gestanden in einen: offiziellen Schreiben an den Papst ein, daß der Streit ihnen, den Predigermönchen, Haß und Verachtung eingetragen, daß sie für alle zur Fabel geworden, daß sie — jawohl, unverdient! — als Feinde der brüderlichen Liebe, des Friedens und der Eintracht in Rede und Schrift verschrieen würden, daß ihre Predigten verachtet, ihre Beichtstühle gemieden, daß alles, was sie unternähmen, verlacht und als Hochmut und Überhebung ausgelegt werde?) Die Jünger Domingos, welche ihren Aufschwung dem zunehmenden Fanatismus gegen die Albigenser verdankten, weil sie anfangs sittenstrenger als Welt- und Ordensgeistliche waren, hatten damals, wenigstens in Deutschland, beinah ausgespielt, da sie tief unter diese gesunken waren. Inzwischen pflanzte sich der Streit zwischen Reuchlin und den Dominikanern und namentlich Hochstraten auf einen: andern Gebiete fort und berührte das Judentum an einer andern Fläche. Die Kabbala bildete eigentlich den dunklen Hintergrund dieser Bewegung. Aus Schwärmerei für diese Geheimlehre, welche den Schlüssel zum tiefer:: Verständnis der Philosophie und des Christentums bieten sollte, hatte Reuchlin auch den Talmud geschont wissen wollen, weil darin nach seiner Meinung mystische Elemente enthalten seien. Die junge Kabbala war die Schutzpatronin des grauen Talmuds geworden. Reuchlin verstand aber noch wenig von dieser Afterwissenschaft, selbst zur Zeit, als er das Werk von „dem wundertätigen Wort" (o. S. 79) geschrieben. Seine Wißbegierde und sein Eifer ließen ihm keine Ruhe, sich darin zu orientieren. Es war für ihn bei den Angriffen seiner Gegner ans seine Rechtgläubigkeit, Redlichkeit und Gelehrsamkeit nun gar zu einer Ehrensache geworden, die Übereinstimmung der Kabbala mit dem *) lianisntatlonss obsenrr. virr. non probibitas ab secls anoatoliea Nr. 44. °) Sendschreiben an den Papst v. 10. Mai IS 18 bei Friedlünder a. a. O. S. 113 ff. Paul Ricio. 16ö Christentum gründlich Nachweisen zu können. Allein er hatte das Unglück, in seinen hebräischen Studien in schlechte Hände zu geraten. Seine Lehrer in der hebräischen Grammatik, Jakob Loans und Obadja Sforno, waren keine Meister darin. Als er gegen Pfefferkorns Verleumdungen des jüdischen Schrifttums dieses zu verherrlichen sich angelegen sein ließ, und sich auch nach einem jüdischen Dichterwerk umsah, um dartun zu können, daß die hebräische Sprache auch von den Musen begünstigt wäre, fiel ihm gerade ein mittelmäßiges Gedicht in die Hände, „die silberne Schale des Joseph Ezobi" (B. VII, S. 80), für das er so sehr schwärmte, daß er es ins Lateinische übersetzte?) Wie hätte er erst für die neuhebräische Poesie geschwärmt, wenn ihn: der Zufall die süßen und gedankenreichen Verse der Dichter Gebirol oder Jehudn Halevi zugeführt hätte! Ebenso erging es Reuchlin mit der Kabbala. Nachdem er lange nach einem Leitfaden gesucht, machte ihn das Ungefähr mit der trübsten Quelle derselben bekannt, mit einigen sinnlosen Schriften des Kabbalisten Joseph Gicatilla aus Kastilien, welche der Täufling Paul Ricio jüngsthin ins Lateinische übersetzt hatte. Dieser Ricio, ein deutscher Jude, erst Professor in Pavia, dann Leibarzt des Kaisers Maximilian, brachte aus dein Judentums einige nicht allzu bedeutende Kenntnisse des Hebräischen mit hinüber und verwertete sie unter den Christen. Viel Geist hatte er nicht; wenigstens Verratei: ihn seine Schriften nicht. In der Talmudfrage hatte ihm der Kaiser, der sich nachgerade selbst von dem Wert oder Unwert des Talmuds, worüber so viel hin und her gestrittei: wurde, überzeugen wollte, den Auftrag gegeben, ihn ins Lateinische zu übersetzen.-) Seii: ganzes Leben beschäftigte sich Ricio damit, ohne jedoch etwas Vollständiges zu liefern, und dein Außenstehendei: auch nur einen ahnenden Begriff davon zu gebe::. Er machte aus diesen: und jenem talmudischen Traktat und aus diesen: und jenem rabbinischen Buch Auszüge und verfiel oft dabei auf sein Steckenpferd, Jesu Messianität daraus beweisen zu wollen?) h Gedruckt zuerst Tübingen 1517 unter dem Titel: Kadi äossxd k^88o- xasus ksrpiniansnms, äuäasorum xosta äuloissiinus ex dsbraiea linKua in latinam traäuetus a. .7. Leuvdliuo. Der Titel des Gedichtes Kanx arxentea, oder asesptadulum für ^22 rnxp. Text und llbersetzuug, auch bei Wolf, Lidliotdeea dsbraea IV. Ende. 2 ) kauii Kien opuseula varia in talmnäioas traäitionis karragänsin. In der Einl. heißt es: Nonusrat guonäam äivus iilaximilianus Oaesar, uti vstu8ta illa st ol>8olsta Uo8soruin (guas Dalmnä angsllari lidnit) Volumina cks kedraiom Iatsbri8 in latinnm inutarsin elognium. °) P. Ricios Übersetzungen sind: 1) äs 8sxesnti8 st trsäseim inosaieas lsKis manäatis; 2) karraKo sx talmuäieo; 3) L.SA)'iNn k. LI 08 I 8 in lidruin Ai8naio8 xroosmium; 4) Oompsnäiuin 8ivs Nmedua in coäiesm Leuatoruin, äietnm 8audeärin. Ricio soll auch Auszüge aus Traktat keraedot gemacht haben. 166 Geschichte der Juden. Von dem Wahne des Grafen Pico de Mirando 1 a befangen, daß die Kabbala das Christentum lehre und bestätige, machte sich Paul Ricio auch daran und übersetzte etwas ans einem Werke des Joseph Gicatilla (L i ch t p f o r t e), oder vielmehr inachte er in seiner nachlässigen Art Auszüge daraus und widmete sie dem Kaiser Maxi- milian.i) Überhaupt haben sich damals getaufte Inden förmlich darauf geworfen, aus kabbalistischen Schriften das Christentum zu verherrlichen, und wenn sie solche nicht nach Wunsch fanden, so erfanden sie sie. Wie Paulus de Heredia (Bd. VIII, S. 224) schrieben in dieser Zeit getaufte spanische Juden — inan sagt ein ganzer Verein von zwölf Mitgliedern, darunter Vidal de Saragossa de Aragon und ein Davila — eine ganze Sammlung erlogener Schriften ') Die Übersetzung der portae iueis Radi äosepbi Oastilieusis erstreckt sich nur auf die Einleitung und einen Teil der nun wie Wolf bemerkt hat III, >>. 392. Sie ist wohl zuerst Augsburg 1516 erschienen. Reuchlin erhielt diese Übersetzung erst auf besonderes Verlangen im August dieses Jahres von dessen Sohn Hieronymus Ricius zugeschickt, wie aus dessen Brief II, Nr. 58 hervorgeht: Ostsrnin, gnam kantapsrs sxoptas, Ror- t,am Inois iibellniv, tibi . . . initto st inunsrs kraäo. Im dritten Buche äs arte Labbalistica, wo Reuchlin lange Auszüge daraus machte, sagt er deutlich an mehreren Stellen, daß dieses die einzige Quelle für seine Arbeit gewesen ist (vergl. eck. Frankfurt a. M. p. 735): gnas tasiis unne ... äs libro dabbalistiso ooinxsnäii portas Imeis, gusm R. Riems . . . sx Rabbi gnonäam Oastiiisnsi eollsKit et äs IsaAvgis, gnas sorigsit in Oab- balam äiseers xotestis. (Diese Stelle ist merkwürdigerweise in Picos Lgw- lvKia III, p. 735 hinein interpoliert worden, und daraus haben einige, auch der Bibliograph Wolf, fälschlich angenommen, Pico habe aus Ricius geschöpft, während Reuchlin und Galatinus öfter den Grafen Mirandola als ersten Kabbalisten unter den Christen aufstellen). Eigen ist es, daß Reuchlin den Joseph Castiliensis, Vers, von niw durchweg unterscheidet von Joseph t'ilius Larnitolns (d. h. öfter verschrieben als bwvnp), dem Vers, von ma rm oder bortns nneis (a. a. O. 631). Was noch auffallender ist: Jmanuel Aboab läßt den Joseph, Verfasser der nun 'v, zur Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien leben, also fast zwei Jahrhunderte später, als I. Gicatilla, Vers, des wn (biomoloxia p. 30l): Laiiö äs ^.ra^on . . . el Rab äosepb Obegnitilla kamosissimo Labaiista, bmo tres iibros nm^ exeellentes, gus Ilawö puertas äs Inx, pnsrta äs los eielos > eomento äs gnaärigÄ äs Isobaxgniel. Ebenso der Verfasser der nwwnv (>u 7): ab nwn llrmL VN (nbon v'n:n) ixv'i 'o 1VN IV'N LNWV .nbw LN2V INI) nv:iv vniri. Sollte dieser Joseph Gicatilla, Verfasser der portas Inois, nach Italien gewandert und mit jenem Dattilus identisch sein, von dem Pico Kabbalistisches vernommen hat? (^xolog'ia gegen Ende): onjns rss tsstsw babeo ^tn. Orauiouw, gni suis auribns auäivit Oatt.ilnin Reb- raeuw, psritnm bnjns soientiae (6abbalae). Rattiins kann wohl eine Korruptel für Oioatillns sein. Christliche Kabbalisten. 167 im Stile der Agada oder des Sohar, worin die Dogmen des Christentums in jüdische Gewandung gekleidet wurden. Unter anderen: wurde der herrrliche jesaianische Schriftvers: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaot" von solchen Lügenschmieden in agadischer Manier auf die Dreifaltigkeit nmgedeutet: „Heilig der Vater, heilig der Sohn, heilig der heilige Geist"?) Mit Recht bemerkte ein christlicher Kenner des Hebräischen und der Kabbala, daß damals sehr viele wunderliche Lehren aus der Kabbala, wie aus den: trojanischen Pferde, in die Kirche eingedrungen seien. 2 ) Sobald Renchlin von der Fundgrube des sinnverwirrten Joseph Gicatilla erfuhr, hatte er keine Ruhe, bis er sie erhielt, und er machte sich darüber her, die Kabbala von neuem für die Dogmen des Christentums auszubeuten und seine Behauptung, die Kabbala sei gut christkatholisch, zu belegen. Von seinen Freunden und Verehrern war er öfter angegangen worden, ihren Durst nach den aus schauerlichen Tiefen fließenden Gewässern zu stillen?) Mittels der Spielereien des Gicatilla glaubte Reuchlin das Rätsel der Welt lösen zu können — ein Lächeln erregender Irrtum des sonst so besonnenen Mannes. Daß die Kabbala nicht uralt, sondern nachweisbar jüngeren Ursprunges sei, ') Diese Nachricht gibt Abraham Farissol in seiinm Handschrift!. ssssu n-s (6oäex der Breslauer Seminarbibliothek, Nr. 59, Bl. 106 v.): nsn- 's 'spres SL'U ssns nnivb Nivss 'V^NSS' n 'bss pL-bv svnv s,sn bn'L" "-L-S 'S' b? snxsv 'Sv Nss-s 'senv s>>'s ins, . . , sn'vss vv),' osbv ns 'L'N sv snxvs n:,' ,s ns 'xvsv vp sssss i'n n",'.s, nns "vn snp'.s p'x vsv snsss, 'nvvw ll'sivn 2 .sv v nnw s^u, . 2 .s^, snn L'ss, sssvs s"'s 2 's,ns bu'w' P21P ISSN, ") . . . ni>',s (?) MS ,2 n 1,2'p'^b'n Vs, 1WNSNS N-,SNSN2 'S 8ns>, >>"SIS svn NIL'SSVS, S2S N'2'NSSI ssns ISS 2S°!V ns 'SN iis ,S,WSS22 PUP ssn 2 P sn'v'v vvpv s'ss snsn 2 'vns, s"s.ss, rnsussss, ssbi.ss, 2 'sbns mvv-s sss . . 2!P',S>'S 2V2, INS' 2'2'2U nv!>s rnussvs 'vsn 2VS ,:ns, .PN/'S 2'S,2 2'P12S rin'is unp L>np unp S'N'S bp Iv'pv 'SPS' N'SSVS I^.s SSS.S rrs 'S SZ,S1 'Spvu s,ss NL-'SP USUS ^2" SP svm SS s'v 'p'p'p psvns snv ns , 2'SSVS IS S2N 2'VPL v NW'SP NN, SS NU'SP nsss. Diesen lächerlichen psendepigraph. Passus zitiert auch Galatinns (äs nreanis 8. II. Ans.) Hnoä ilsnin» gnogns aperts monstrs.- vlt, eum äixit . . . 'p'p'p - - - gnoä p,er 8. Linisonem loelnrl tilinm st per 8. lonntlmn Il^islis liliuin super tsxtum Inruo aperts probatur. 8am 8. guiäem 8imeon sie Iisbruies rrit: unps nn s, unp p s, irnp sn si unp, st louatlmn, nunp nnn v"sp nss unp nsn wnp. Merkwürdig ist es, daß Farissol auf diese plumpe Interpolation halb und halb eiugcht und sie im Sinne des Judentums auf die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, abgeschmackt genug, deutet. 2) Widmannstadt bei Perlcs, Beitrüge 186: 8x Ime luäaearum und ihnen eine berechtigte Unterlage zn vindizieren. Er zitiert die Agadastellc (I, x. 626 b): bp nav 7p nav ip mpa rG mm . 12 . 22 , und fährt fort: gnibns s vsrbis obtortnin seslns inaliZnitats psrvsrsorurn bomiunm (nämlich Pfefferkorn und die Cölner) oontiAit, si moäo sint lroinines, ae non inaKis ciiaboli in- sa.rns.ti . . . gni ssclitionsin Vbristianitatis aäversnin nos, qnarnvis seenn- r- '2 wiiw; d) bnu-, 2,2; s) v'22,2 2222 -o. Er bemerkt dabei: i'i'i inn wr> „'22,28 .1122 >,22, 28,^2 21LM M02L innb 212 2222 '2222, 2-222 2 XL' 2 , 2122W .nv 12.2b: 12 2122b ,22I> 22-2 .... (Orient Literbl. Jahrgang 1849, 0 . 78>, also noch zur Zeit, ehe Egidio Kardinal geworden war, vor 1516. In Almanzis Katalog findet sich aufgeführt: 22 - 2 - 222 ->r, »»',2 - 2,0 Iiv-bx -2b 2,212 2222 222, übersetzt von Elia Levita für den Kardina Egidio 1515. Martin Luther. 171 in diesen Strudel hiueinzieheu. Selbst der steife Geheimrat und Patrizier Pirkheimer in Nürnberg, ein Kenner und Verehrer der klassischen Literatur, der Gewissensrat der Humanisten, schwärmte für die Kabbala und kaute au deren unverdaulichen Formeln.- „Um wieviel löblicher wäre es für die Tominikaner und Theologisten", sagte er, „anstatt ihre geschwätzige Zunge gleich einem Schwert zu spitzen, in trägem Geiste und mit frechem Munde Trimmes und Geschmackloses auszustoßen, um wieviel löblicher wäre es für sie, die Lehren, welche in Kabbala und Talmud noch verborgen liegen, zu erforschen, wie es Reuchlin und Paul Ricio getan. Sie könnten sprechen über die z w e i - uud dreißig Bahnen der Weisheit und die Geheimnisse der göttlichen Namen, der Worte des Gesetzes und der Synagoge, der großen zehn Siegel Gottes, der Buchstabenversetzung, was die Kabbalisten über die Geburt der Jungfrau, die Fleischwerdung des Gottessohnes, über dessen Tod, Auferstehung, Wandlung seines Leibes in Brot und Wein gedacht haben".^) Nur Hochstraten blieb von diesem kabbalistischen Wirbel unberührt. War es Einsicht oder Eingebung seiner Verbissenheit gegen Reuchlin? — der Haß macht scharfsichtig — genug, er behauptete in einer Schrift, die Kabbala sei eine Feindin des Christentums und lehre Unglaubens) Als das Interesse an dem Reuchlinschen Streit lauer zu werden anfing, tauchte eine andere Bewegung in Deutschland auf, welche das fortsetzte, was jener angebahnt hatte, die festen Säulen des Papsttums und der katholischen Kirche bis ins Innerste zu erschüttern und eine Neugestaltung Europas vorzubereiten. Die so weittragende, von Luther ausgegangene Reformation, hatte durch den ursprünglich sich um den Talmud drehenden Streit einen günstigen Luftzug vorgefunden, ohne welchen sie weder hätte entstehen, noch wachsen können. Aber die refvrmatorische Bewegung, welche in kurzer Zeit eine weltgeschichtlich wirkende Macht wurde, entstand aus winzigen Anfängen und bedurfte eines kräftigen Rückhaltes, wenn sie nicht im Keim erstickt werden sollte. Martin Luther (geb. 1483, gest. 1546) war eine kräftige, derbe, eigensinnige und leidenschaftlich erregte Natur, die mit Zähigkeit au ihren Überzeugungen und Jrrtümeru festhielt. Diese Natur war beherrscht von religiöser Durchdrungenheit, von einer zu dieser Zeit beispiellosen Hingebung an Gott und die Anforderung des Glaubens, der ihm nicht bloß Anflug, sondern tiefer Ernst, einzige Lebensaufgabe war, gegen die ihm alles unwichtig und bedeutungslos erschien. Luther war unstreitig der Frömmste un!> y Pirkhciniers Brief an Lorenz Beheim vom 28. Angust 1517. 'h Oestrnetio dabbalns sen Oabbnlistns iierüäirce n Rsuoblino in Ineeiw editas 1519. 172 Geschichte der Juden. Gläubigste seiner Zeit innerhalb des Christentums, auch von einem fleckenlosen Wandel und wahrhafter Demut. Sein Feuereifer für die Religion hatte die entschiedenste Ähnlichkeit mit dem des Apostels Paulus; darum fühlte-er sich auch von dessen apostolischen Briefen am meisten angezvgen. Paulus' Rechtfertigungslehre, die er dein damaligen Judeutume entgegensetzte, daß der Mensch seine Seligkeit weder durch religiöse Werktätigkeit, noch durch Sittlichkeit und Tugend, sondern einzig und allein durch den unbedingten Glauben an Jesu messianische Erlösung erlangen könne, diese Lehre hatte sich Luther zu eigen gemacht, hegte sie in stiller Brust, und sein Inneres stand bereits, ohne daß er es ahnte, in grellen: Widerspruch zur ganzen kirchlichen Einrichtung von der Seligkeit durch Sakramente, Ablaß, Messen, päpstlichen Gnadenschatz. Die ganze Einseitigkeit des Apostels von Tarsus gegen das jüdische Religionsgesetz wendete der Mönch von Eisleben auf die Kirchensatzungen an. In Ron: hatte er die ganze Fäulnis der Kirche, den Unglauben der Geistlichkeit, mit eigenen Augen gesehen; aber so sehr es ihm auch wehe tat, erschütterte diese Wahrnehmung nicht einen Augenblick seine blinde, mönchische Gläubigkeit von der Göttlichkeit der katholischen Kirche und von der Unfehlbarkeit des Papsttums. Wie der Apostel Paulus anfangs ein strenger Gesetzesgläubiger war, und die erste Christengemeinde mit seinem leidenschaftlichen Feuereifer verfolgte, so war auch Luther anfangs ein verfolgungssüchtiger Anbeter des Papsttums. „Ich war einstmals", bemerkte er, „ein Mönch und rasender Papist, so trunken, so ganz voll von den Dogmen des Papstes, daß ich bereit war, wenn ich es vermocht, alle diejenigen zu töten, welche an den: Gehorsam gegen den Papst auch nur mit einer Silbe mäkeln". Und diesen eigensinnigen Mönch hatte die Vorsehung erkoren, die Befreiung von den: Papsttum und den: ganzen mittelalterlichen Wust zu vollbringen. Es gehörte aber viel dazu, bis diesem Hartkopfe die Schuppen von den Augen fielen. Die erste Veranlassung dazu war der Ablaßschacher. Im Mainzer Erzbistum waren in kurzer Zeit drei Erzbischöfe gewählt worden, von denen jeder beim Antritt dem päpstlichen Hofe 20 000 Goldgulden Palliengelder zahlen mußte. Der dritte derselben, Kurfürst Mbrecht, war nicht mehr imstande, die Gelder aus seinem Stifte zu erschwingen, weil die Bewohner durch die Habgier der Kirche völlig ausgesogen und reiche Juden infolge der Vertreibung nicht vorhanden waren. Er mußte sie also aus eigenen Mitteln hergeben, oder vielmehr eine Anleihe bei den Fuggers in Augsburg dafür machen. Um ihn schadlos zu halten, versprach ihm der Papst Leo einen Anteil an den: Erlös von dem Ablaß, den er in lügenhafter Schwindelei zun: Ausbau der Peterskirche ausschrieb. Die wichtigste Angelegenheit der Kirchenfürsten Ablaßhandel. 17S war die Erschwingung von Geld. Ter Erzbischof Albrecht erlaubte also das Feilbieten von Ablaßzetteln in seinem Sprengel, während der Kurfürst von Sachsen es in seinen: Gebiete verbot. — Warum? Um das Geld nicht außer Landes bringen zu lassen. Tie Franziskaner mochten sich mit dein Ablaßkram nicht befassen, und so blieb dieses Geschäft dem Dominikanerorden, dessen, meiste Glieder die Unverschämtheit nicht scheuten. Ter Dominikanermönch Johann Tetzel, der Frechste unter diesen Frechen, den der Kaiser Maximilian einst wegen Übeltaten in der Inn zu ertränken befohlen hatte, und der das Ausbieten der Ablaßzettel für Kurmainz übernommen hatte, erging sich in Übertreibung und Marktschreierei, um nur viel Geld herauszuschlagen. Im Namen des Papstes, der mehr Macht hätte, als alle Heiligen, Apostel, Engel, ja mehr als Maria, bot er Sündenvergebung. Jesus habe sich nämlich seiner Macht bis zum jüngsten Tage begeben und auf seinen Statthalter übertragen, daher vermöge dieser in der Zeitlichkeit alles im Himmel und auf Erden. Wer Geld für einen Ablaßzettel gäbe, könne alle seine Sünden los werden und sogar Seelen aus den: Feuer erlösen, brauche auch gar nicht Reue und Zerknirschung zu empfinden. Sobald das Geld in den: Kasten klinge, fahre die erlöste Seele hinauf gen Himmel. Selbst wein: jemand die Gottesmutter geschändet hätte, könne er durch den Kauf eines Ablaßzettels Vergebung erhalten. Wer in Blutsverwandtschaft geheiratet, könne dadurch Dispens erlangen. Ja, selbst für eine zukünftige Sünde könne man durch Beisteuer zun: Bau Vergebung erkaufen. Kurz, es war ein Aufruf an die häßlichsten Leidenschaften durch Geldspenden alle Sünden und Verbrechen zu begehen. Die Prediger waren angewiesen, von der Kanzel die Vortrefflichkeit des Ablaßkrams zu loben. Ter Verkäufer wurde beim Eintritt in eine Stadt — mit der päpstlichen Bulle auf einem Kissen von Samt oder Goldbrokat — nnter Hellen: Glockengeläuts, mit Gesängen und Fahnen, von sämtlichen Priestern, Mönchen, dem Rate, der Schuljugend und der ganzen Bevölkerung in bunter Mischung eingeholt. Es nahmen manche Ärgernis an der frechen, von der Religion selbst gutgeheißeneu Ümkehrung aller Ordnung, an dieser Anreizung zu sündhaften Taten und Freveln, aber keiner fühlte sich so sehr davon verletzt, als Martin Luther — freilich weniger in sittlicher Entrüstung, als vielmehr aus seiner Auffassung des Christentumes heraus, daß kein Mensch vor Gott gerecht befunden werde, nicht einmal ein Heiliger, geschweige denn ein Papst, uin aus den: Überschüsse seiner Verdienste die Last der Sünden anderer erleichtern zu können. Als nun seine Beichtkinder nach den benachbarten Städten zu Tetzels Kloster strömten — nach Wittenberg durfte er wegen Konkurrenz nicht kommen — und 174 Geschichte der Juden. sich infolge erhaltenen Ablasses einem sündhaften Leben überließen, faßte Luther Mut dagegen einzuschreiten, predigte dagegen und schlug an der Schloßkirche seine 95 Thesen gegen den Ablaßhandel an, worin er sich anheischig machte, die Verkehrtheit und Unchristlichkeit dieses Ablaßschachers zu beweisen (31. Oktober 1517). In kaum vierzehn Tagen war sein Widerspruch gegen Tetzels Frechheit in ganz Deutschland bekannt. Es kam daher, weil die Aufregung wegen des Talmud und der Reuchlin-Hochstratenschen Händel bereits eine öffentliche Meinung ausgebildet und die Dominikaner so sehr verhaßt gemacht hatte, daß nicht bloß die Vornehmen, sondern auch der Kern des Volkes Partei gegen den Aberglauben und den pfäffischen Betrug nahm. Reuchlin mit seiner Verteidigung des Talmud war wider Willen Luthers Elias geworden, ohne dessen Vorläuferschaft des letztem Widerspruch gegen Tetzels empörende Frechheit verhallt oder erstickt worden wäre. Luther selbst erkannte an, daß Reuchlin durch seine Verteidigung des Talmud und Fehde mit den Dominikanern, ohne es zu wissen, ein Organ des göttlichen Ratschlusses gewesen sei.r) Auch so fand Luthers Aufschrei anfangs nur stillen Beifall. Die Deutschen waren damals nicht besonders rasch zum mannhaften Eintreten für gewonnene Überzeugungen, und wenn die Dominikaner nicht ein Verfolgungssystem gegen ihn eingeleitet hätten, wie gegen Reuchlin, wäre die Reformation in ihrem Keime totgeschwiegen worden. Aber nicht bloß der angegriffene Mönch Tetzel und ein anderer Streithahn, Doktor Johann Eck in Ingolstadt, der eine Zeitlang mit den Humanisten geheult hatte, sondern auch der Kardinal Prierias, der Gegner Reuchlins, ferner der unermüdliche Hochstraten, endlich die F u g g e r, die ihre Kapitalien auf den Sündensold der Geistlichen ausgeliehen hatten, sie stachelten die päpstliche Kurie gegen Luther auf. Leo X., der die neuen Händel in Deutschland anfangs als Mönchsgezänk mit derselben vornehmen Gleichgültigkeit wie früher den Reuchlin-Hochstratenschen Prozeß behandelte, wurde gedrängt, die Ablaßlehre in Ihrer ganzen seelenverderbenden Kraßheit im Sinne der Dominikaner durch eine Bulle gut zu heißen. Eben dadurch wurde die Reformation erst recht gefördert. Der Willensstärke Luther wurde durch den Widerspruch allmählich zu der Überzeugung geführt, daß der jedesmalige Papst, und dann noch weiter, daß das Papsttum überhaupt uicht unfehlbar sei, und daß der Glaubensgrund nicht der päpstliche Wille, sondern das Schriftwort sei. Es dauerte noch lange Zeit, bis sein Kopf die Vorstellung faßte, der Papst sei der Antichrist, und die römische Luthers Schreiben an Reuchlin vom Dez. 1518, Briefs. II, Nr. 73: . . . kuisti tu ssus orKuuum eonsilü ütviui, staut tibi ixsi ineoKnitum, itu om- «ibus xurus tkeoloZ-ias stmliosis sxsneetutissimns. Beginn der Reformation. 175 Kirche mit ihren Satzungen und ihrer Sittenlosigkeit sei die Feindin des Christentums. Luther war einmal nahe daran, seine Sache wieder aufzugeben und die Gläubigen zu ermahnen, der heiligen römischen Kirche treu zu folgen (Januar 1519). Aber die Tatsachen waren stärker als der Wille des Urhebers selbst. Die Heftigkeit der Finsterlinge von der einen und die Rührigkeit der Humanisten, namentlich des Feuergeistes Hutten, von der andern Seite, drängten in gleicher Weise zum entschiedenen Bruche. Der Tod des greisen Kaisers Maximilian, dem die theologischen Wirren, die er hervorgerufen, über den Kopf gewachsen waren, und die Wahl des neuen Kaisers, die sich ein halbes Jahr hinschleppte, zogen das Spiel der Politik hinein, und es entstand dadurch ein Wirrwarr, in welchem Freunde und Feinde der freien religiösen Richtung oder der wüsten Stockgläubigkeit nicht mehr zu unterscheiden waren. Hutten und die Humanisten waren für die Wahl Karls V., in dessen Hauptland Spanien doch die Dominikaner die Oberhand hatten und die Flammen der Scheiterhaufen nicht erlöschen ließen, und der päpstliche Hof war gegen ihn. Immerhin wurde die Reuchlinsche und Luthersche Sache, gewissermaßen der Talmud und die Reformation untereinander gemischt. Soweit war es gekommen, daß die Kurfürsten zur Zeit ihrer Versammlung zur Königswahl sich entschieden für Reuchlin' gegen die verfolgungssüchtigen Kölner aussprachenu) Hutten, der keine unternommene Sache fallen ließ, schonungslos den Purpurlappeu von den Eiterbeulen des römischen Hofes riß und dessen Scheußlichkeit an den Tag legte, nahm den geächteten Ritter Franz von Sickin gen für Reuchlin und Luther so sehr ein, daß dieser beide auf seine feste Burg einlud und ihnen Schutz gegen ihre Feinde versprach. Was weder der Kaiser, noch der Papst gegen die Dominikaner durchzusetzen vermochten, das erledigte Sickingen. Er, in: Verein mit den Dalbergs und anderen Rittern, sagte den: Provinzial und dem Konvente des Dominikanerordens Fehde an (26. Juli 1519), wenn Hochstraten nicht nach den: Beschluß des Speyerschen Urteils ihm die 111 Goldgulden Kosten zahlen und Bürgschaft gegen fernere Verfolgungen gegen ihn leisten würde. Die klugen Prädikanten wußten, daß dieser Ritter nicht Spaß mit sich treiben ließ, und daß von seinen: Worte nicht wie von den: des Kaisers oder des Papstes Umgang genommen werden könnte. Sie versuchten zwar noch allerhand Ausflüchte und Winkelzüge, wandten sich an Reuchlins mildes Herz; aber dieser war diesmal fest genug, sie wieder an"Sickingen zu st Reuchlins Brief an Galati» vom 12. Febr. 1519 bei Friedländer a. a. L. Nr. 23: Omuss imperii eleotorss miritiss ms amant eb inoreäibili elemeMia proseguuntur. 176 Geschichte der Juden. weisen, und dieser bestand ans seinen: Worte. So waren denn die Dominikaner gezwungen, klein beizngeben. Der halsstarrige Hochstraten wurde seiner Befugnisse als Prior und Ketzermeister entsetzt; und der Provinzial Eberhard von Cleve und der ganze Konvent des Ordens mußte den Papst unter vollständiger Verleugnung Hochstratens anflehen (10. Mai 1520), die Streitsache für alle Zeiten niederzuschlagen und zu begraben, da Reuchlins Gelehrsamkeit, reiner Charakter und Glaubensaufrichtigkeit alle Berücksichtigung ver- dienten.r) Anstatt den Talmud zu verdammen, ermunterte der Papst Leo einige Unternehmer, denselben zu drucken.?) So war durch die allen Zeitgenossen unbegreifliche Bewegung das Unerwartete eingetroffen: Reuchlin gerechtfertigt, der Talmud gerechtfertigt und gewissermaßen vom Papsttum begünstigt. In der Tat unternahm Daniel Bömberg, der reiche und edle christliche Druckereibesitzer aus Antwerpen, in demselben Jahre eine vollständige Ausgabe des babylonischen Talmudsin zwölf Foliobänden mit Kommentarien zu drucken, das Muster sämtlicher späteren Ausgaben, während früher von Gerson Sonciu nur einzelne Traktate gedruckt waren.^) Leo versah die Talmudausgabe mit schützenden Privilegien. Einige Jahre vorher hatte Bömberg den unangefochtenen, weil unbekannten j e r u s a l e m i s ch e n Talmud (um 1523 bis 1524) verlegt.^) Er beschäftigte dabei gelehrte Juden und soll mehr als 400 000 Dukaten auf jüdische Druckerei verwendet haben. Die Dominikaner erlitten auf der ganzen Linie eine vollständige Niederlage. Hochstraten war gezwungen, Reuchlin die Strafgelder von 111 Goldgulden zu zahlen, welche der arm gewordene kaiserliche Rat sehr brauchte; denn er hatte seinen Acker, wovon er sich und die Seinigeu ernährt hatte, verkaufen und noch dazu eine Anleihe machen müssen. Er war ein Märtyrer seines aufrichtigen Herzens und des Wahnes geworden, daß der Talmud mystische Elemente enthalte, welche für die Wahrheit des Christentums *) Das interessante Schreiben an den Papst das. Nr. 29. ") Hac occasions Lsntsntiam contra, libelinin Oapniouis sxtorssrunt (Oaräinalis krierias st tata ?rasäicatornin kactio>, guamvis panlo ants kontit'sx gnosäam sxdortatns knissst, nt laiinnt iinpriinsrsnt ac ackso xrivilsAÜs sxornasset. Sendschreiben aus Rom v. 1521 in Riederers zur Kirchen-Gelehnen- und Buchergeschichten I. S. 180. b) Bergt, darüber Wolf, öibliotbsca II. p. 890 f., 895 f. De Rossi, Ln- nalss 'Iz-poKrapInci von 1501 —1540. Ersch. und Grnber Enzyllop. Sekt. II B. 28 Art. jüd. Typographie x. 35 ff. Von Soncin waren zuerst 1483—89 nur die Traktate Lsracbot, Okinlin und lNckcka gedruckt. Übrigens gab es eine portugiesische Ausgabe vom Talmud, die Lampronti zitiert in :n-> Artikel .nnu. 4) Geht aus dem Vorwort hervor. Vergl. Frankel, Einl. in den jerus. Talmud, p. 139 a. Verurteilung des „Augenspiegels. 177 Zeugnis ablegten. Das Alter des armen Reuchlin war indessen getrübt. Er hatte bis au sein Lebensende keine Freude mehr. Er mußte, wenn auch von Freunden und Fürsten geschätzt, seine Vaterstadt verlassen, um in der Fremde zu leben. Tie Wut der Päpstlichen gegen Luthers immer kühneres Auftreten traf auch Renchlin, obwohl er keineswegs mit jenem sympathisierte und seinem Großneffen und Liebling Me - l a n ch t h o n wegen dessen Beteiligung au der Reformation das ihm zugedachte Erbe entzogen hat. Der Augnstinermönch von Wittenberg hatte nämlich endlich, durch den Widerspruch gereizt, dem kirchlichen llufuge den Krieg erklärt in seiner Schrift: „Au den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" (Juni 1520). Er hatte darin die Widerlichkeiten der Kirche, welche das damalige junge Deutschland und namentlich Hutten in Pamphleten aufgedeckt hatten, zusammengefaßt, aber den Beschwerden eine religiöse Unterlage gegeben und nachgewiesen, daß sie durchweg im schreiendsten Widerspruche zum Bibelwort ständen. Ten Papst ließ er zwar noch bestehen, aber er degradierte ihn zu einem Oberbischof. Und da Luther in diesem kühnen, reformatorischen Sendschreiben den Fürsten die Obergewalt über Kirche und Geistlichkeit zusprach, so fanden seine Morte bei diesen, wie beim Volke Beifall. Tie Finsterlinge in Rom, die Tvmiuikanerpartei, der fanatische Kardinal Sylvester Prierias, auch die Fugger, die Goldkönige damaliger Zeit, welche durch die Unzufriedenheit mit dem Ablaßgeschäfte Geldverlust erlitten hatten, bearbeiteten indes den Papst Leo, der ein Feind von Gewalttätigkeiten war, eine Berdammungs- bulle gegen Luther und seine Anhänger zu erlassen (15. Juni), worin auch der Humanist Willibald Pirkheimer eingeschlossen war. Zugleich' wurde Reuchlins „Augenspiegel" im Widerspruch mit einer früheren Erklärung in Rom verurteilt. Die Finsterlinge und Gewissenlosen, welche von der kirchlichen Knechtung und Verdummung lebten, hatten dem Papste in den Ohren gelegen und seine Nachsicht hart getadelt. Wenn er früher Reuchlins Kühnheit mit Strenge entgegeugetreteu wäre, Hütte Luther nicht soviel gegen die katholische Kirche gewagt. Sie gingen soweit, zu behaupten, der Papst habe Unrecht getan, Reuchlin nicht einfach als Ketzer verbrennen zu lassen?) Aber die Bannbulle gegen Luthers und Reuchlins Schrift war ein kalter Schlag, sie zündete nicht mehr, weil der Glaube daran geschwunden war; sie wurde nur wenig in deutschen Städten angeschlagen, in den meisten nicht zu- *) Sehr gut gibt diese Stimmung der Ultrakatholiken wider jenes trockenwitzige Pamphlet: itlockna ingnirenäi Uasrstieos aä nsnm Uomauas Lnrias, gedr. 1519. In guo inaxiinnm glorinm ingumitorea knisaeni eoussenti, guum talsm virum, tam cloetnm (keueblüünm) eombussisasiN. tznia semper eombnadores sunt ckoeliores eombnslis sie. Graetz, Geschichte der Juden, IX. 12 178 Geschichte der Juden. ^ gelassen, in vielen heruntergerissen, und der Überbringer derselben, der Trunkenbold vr. E ck aus Ingolstadt, eine gleich dem Legaten Cajetan besonders verhaßte Kreatur, entging kaum der Todesgefahr. Die Folge davon war, daß Luther durch öffentliches Verbrennen der Bulle (10. Dezember 1520) sich vollständig vom Papsttum lossagte. Der förmliche Bruch zwischen dem Katholizismus und der in Gärung begriffenen neuen Kirche, welche noch keinen festen Namen hatte, datiert von diesen: Tage an. So erschüttert war bereits das Ansehen des Papsttums in der öffentlichen Meinung, daß die zun: Reichstag von Worms versammelten Fürsten den bereits von: Papste als Ketzer verurteilten, und den: Feuertods verfallenen Reformator von Wittenberg einlnden, seine Gründe geltend zu machen. In allen Städten, die er durchzog, wurde er wie ein Triumphator gefeiert. An Demonstrationen und Adressen fehlte es ihn: nicht. Es war aber ein Werk der Vorsehung, daß der junge Kaiser Karl V., der Beschützer der die Scheiterhaufen unterhaltenden Dominikaner in Spanien, der die Neuerungen gern mit Stnmpf und Stiel ausgerottet hätte, sich ihrer bedienen mußte, um den: Papste auf politischen: Brette Schach zu bieten; sonst hätte Luther damals schwerlich außer Hutten und einigen Rittern Arme gefunden, ihn zu verteidigen. Es war eine außerordentlich günstige Lage, daß die Reformation nach den: Herzen der Deutschen anfangs mit den: Worte durchgekämpft werden konnte?) Aber daß das Wort damals wie eine Waffe oder wie ein Mauerbrecher wirken konnte, das hat Pfefferkorns und der Dominikaner erbitterter Krieg gegen den Talmud veranlaßt. Dieser Wicht war in den: Weltbrande, den er mit einen: Zündhölzchen angesteckt hatte, vollständig verschollen. Das behagte ihm aber nicht, er wollte sich daher durch eine neue Frechheit in Erinnerung bringen. Er war noch immer ein Schützling der Kölner Dominikaner — deren Prior Hochstraten wieder in seine Würde eingesetzt war — und hatte noch immer eine Spitalmeisterstelle; ein bereits erwachsener Sohn, der sich den: geistlichen Stand gewidmet hatte, stand ihn: zur Seite. Entweder auf Anreizung seiner Gönner oder aus eignen: Antriebe, um von seinen Kindern die durch ihn auch auf sie gefallene Brandnmrkuug abzuwenden, schleuderte er nach fünfjähriger Pause eine neue Schinähschrift gegen Reuchliu in die Welt-) unter'^den: Titel „Eine mitleidige Klage über a l l eli K lsa g e n"^ und st Bezeichnend für den deutschen Geist ist Luthers Äußerung in einem Schreiben an Spalatin vom 10. Jan. 1521 in seinen Briefen sä. de Wette 1. S. 54S. (jaick Hattsnas xstat, vickes. dtollsm vi st enecks pro svanKsIio esrtari. Ita ssrips: ack Iiomineni: Vsrbo vletas est Manilas, vsrbo servatn sst seelssiu, stiaia vsrbo rsparabitar. st Gedruckt 21. März 1521. Bergt. Note 2. Pfefferkorns letzte Schinähschrift. 170 widmete sie dem jungen Kaiser Karl. Obwohl man bei ihm auf Gemeinheiten aller Art gefaßt ist, so überrascht doch die zügellose Unverschämtheit dieses Pamphlets in Wort und Bild. Reuchlin erscheint darin ans einem beigegebenen Bilde gevierteilt und gehängt mit einigen scheußlichen Versen: „Du henkst allda mit Fuß und Hand"; der Kehrvers lautet: „Da liegt der Hase nu Kote." Reuchlin hätte verdient, heißt es darin, ivie ein Gottesverüchter in vier Teile zerstückelt und an alle kaiserliche Straßen gehenkt zu werden.*) Man erkennt daraus, was Reuchlin, den Humanisten und ihren Schützlingen, den Juden, widerfahren wäre, hätte diese Rotte gesiegt. Pfefferkorns Schmähschrift behandelt den würdigen Greis, der bereits an den Pfortei: des Grabes stand, ivie eilten verworfenen Menschen, wie einen Buben. Er nennt ihn einen „Münzmeister der Bosheit", eilten „Schulmeister der Lügen", eilten „Lästerer der heiligen Kirche", einen „Fälscher der heiligen Schriften", einen „Betrüger und Verführer des christlichen Volks", eilten „Patron der treulosen Juden", auch „Doktor Holzlöffel, Sanlöffel". In Sodom lind Gomorrha sei nicht ein solcher Übeltäter wie Reuchlin gewesen. Der junge Kaiser sollte dadurch gegeit Reuchlin und die Juden gehetzt werden. Die Schmähschrift hebt ferner hervor, welche Irrungen und Ketzereien durch Reuchlin überhand genommen, und daß die falschen treulosen Juden und andere Ungläubige dadurch in ihrem Übel bestärkt worden seien. Einige Proben genügen, die Frechheit dieser Schrift zu charakterisieren. „Du meinst, man habe jetzt mit Martinns Luther zu schaffen und zu schicken, daß man Deiner svll vergessen. Reuchlin, ich sage Dir, und glaub mir das, Deiner wird nicht vergessen." — Die ganze Schrift ist voll von den niedrigsten Beschimpfungen und Lügen. Sie wiederholt alle früheren Anklagen und den Widerspruch, den sich Reuchlin in betreff der Inden hat zu schulden kommen lassen, streicht ihm abermals all, daß er gar kein Hebräisch verstände, sondern sich von einem gelehrten Juden helfen ließe, 2 ) und daß er sich von den Juden für deren Verteidigung habe 1000 Dukaten zahlen lassend) Nur einmal spricht sie ein wahres Wort: „Hätte es Dir (Reuchlin) der Papst vor acht Jahren getan (den Augenspiegel zu verdammen), so hätte Martin Luther und Deine jüngeren obsonroram viroruin nicht dürfen wünschen, noch gedenken, was sie jetzt zum Nachteil des christlichen Glaubens öffentlich treiben. Und alles dessen bist Du ein Funken und Aufrührer, die heilige Kirche in *) Mitleidig Klag, Bl. L. h Das. Bl. U. 4. °) Tai. Bl. U. 2 b. 12 * 180 Geschichte der Juden. Irrungen und Aberglauben zu führen"^) Pfefferkorn wünschte, auf dem Wormser Reichstage eine öffentliche Disputation mit Renchlin zu halten, Mund gegen Mund, Schrift gegen Schrift.?) Er hätte nicht Pfefferkorn sein müssen, wenn er nicht bei dieser Gelegenheit auch den Juden etwas angeflickt hätte. Auch gegen sie wiederholte er die alten Verleumdungen, daß sie Jesus und die Kirche in ihren Schriften und Gebeten schmähten, und daß sie junge Christen gemartert und getötet, sowie Hostien mißhandelt hätten.?) Er sei gar nicht ungerecht gegen die Juden, er verlange ja nur, daß man ihnen nicht gestatte, aus Zins zu leihen, daß man ihnen ihre Schriften wegnähme, und daß man sie zwinge, in den Kirchen Predigten anzuhören und schwere Arbeiten zu verrichten, als da sei Straßenkehren, Kaminfegen, heimliche Gemächer reinigen, Steine tragen, Lehm treten, Kalk und Kohlen brennen, Lumpen und Hundekot aufsammelnA) Sein sehnlichster Wunsch und heißes Gebet sei stets gewesen, daß die Juden aus den drei größten Gemeinden Frankfurt, Worms und Regensburg, verjagt würden, und er habe zu seiner Freude erlebt, daß sein Gebet in betreff der letzten Stadt erhört worden sei. In der Tat waren die Juden ans Regensburg zwei Jahre vorher auf eine schmähliche Weise nusgewiesen worden. Diese Stadt, welche ihre Blütezeit bereits hinter sich hatte und durch schlechtes Regiment und Dummheit von Augsburg und Nürnberg weit überflügelt worden war, aber gern noch ferner im Schleppengewande einer Großstadt einhergehen wollte, ohne die Mittel dazu zu besitzen, schob ihren Verfall auf die Inden und kam ans den Reibungen mit ihnen nicht heraus. Sämtliche Handwerker beklagten sich, daß die Juden ihnen die Bissen von: Munde nähmen. Wenn es damit seine Richtigkeit hatte, wie sich die christlichen Ärzte und Bader beklagten, daß Geistliche wie Weltliche, Arme und Reiche, Städtische und Auswärtige nur von den Juden Arznei nehmen wollten/) so hätten sie die Schuld nur in ihrer eigenen Unfähigkeit suchen sollen. Die Inden hatten sich ihrerseits über Truck, Verfolgung und Quälerei zu beklagen. Der Kaiser Maximilian war daher von beiden Seiten so sehr überlaufen, daß er seiner Regierung in Innsbruck den Auftrag gegeben hatte auf einer Tagsatzung beide Parteien zu vernehmen und die Mißhelligkeit zu schlichten. Als die Parteien — von der Bürgerschaft zwei, von den Juden drei Abgeordnete mit ihrem Sachwalter, Dr. Za- sius in Innsbruck — erschienen, trugen die elfteren geradezu auf Ausweisung der Juden an. Ter Kaiser, der als Erzherzog von Österreich doppelte Steuern von den Juden bezog, gab das nicht zu. Es r) Mitleidig Klag Bl. 6l. 2. ?) Das. Ende. -) Das. II. 3. ch Das. K. 2. °) Gemeiner, Regensburgsche Chronik IV. S. 27l. Reibungen zwischen Christen und Inden in Regensburg. 181 kam also, wie es damals bei Prozessen üblich war, zu Verschleppungen?) Inzwischen schürten die Dominikaner und Franziskaner, namentlich ein wütender Domprediger Baltha s a r Hubmaier, ein ungestümer Jünger Ecks, der später als Wiedertäufer verbrannt wurde, das Feuer zu einem Judenbrande in Regensbnrg an. Der Klerus gab vor, eine Bulle vom Papst Leo X. erhalten zu haben — man sagte mittels der Fugger in Augsburg für 300 Dukateu — welche den Wucher verböte. Der Bischof Johann ließ darauf an alle Kirchtüren anschlagen, Klagen der Juden wegen Zahlung der Schulden, wenn Zinsen dabei wären, abzuweisen?) Nun kam noch dazu, daß zwei jüdische Jünglinge aus einem reichen Hause eines Tages unbedachte Äußerungen gegen Hubmaier getan und, durch eine verächtliche Miene Vvn zwei christlichen Knaben verhöhnt, Steine nach dem Fenster im Kanonikushofe werfen wollten. — Das wurde nun als Kapitalverbrechen angesehen. Die Jünglinge wurden mit Stricken gebunden und sechs Tage in Haft gehalten. Neue Klagen der Juden gegen die Geistlichkeit und den Rat, neues ohnmächtiges Einschreiten vom Innsbrucker Regiment. Der Bischof, zur Rede gestellt, leugnete die aufreizenden Predigten gegen sie?) Tie Juden hatten aber einen Christen gewonnen, welcher ihnen den Inhalt der gegen sie gerichteten Aufreizungen Vvn den Kanzeln treu hinterbrachte, damit die allen kundige Tatsache nicht mehr offiziell geleugnet werden könnte. Darauf stellten sie neue Klagen an, namentlich gegen Balthasar Hubmnier. Der Kaiser Maximilian war so aufgebracht darüber, daß er einen eigenen Sendboten nach Regensburg an den Rat sandte mit dem Ausdruck seines Unwillens: daß die Juden unter Österreichs Schutz noch viel härter behandelt würden als früher, und mit dem Befehle, den Domprediger aus der Stadt zu weisen?) Die Mönche behaupteten, die deutschen Juden seien aus allen Gegenden nach Augsburg zum Kaiser zusammengeströmt, um das Unglück von der alten und geachteten Gemeinde abzuwenden, sie hätten das Oberhaupt des deutsch-römischen Reichs mit mehr als 12 000 Goldgulden bestochen, für sie Partei zu nehmen?) Es war in der Tat viel, daß der Kaiser von der Geistlichkeit verlangt hatte, ihm die angebliche Bulle, welche die Zinsnahme verboten haben sollte, nuszuliefern. Darauf befahl er, au den Kirchtüren anzuschlagen, daß jeder Schuldner, der sich darauf zur Tilgung seiner Schuld beriefe, dem Kaiser verant- u Gemeiner, 289. h Das. S. 310. h Das. S. 314. Vergl. dazu die zynische Darstellung des Mönches Chri- stophorus Ostrofrancns, cts UaUsbouas metroxoli, 6ap. 3. Gemeiner, das. S. 333 ff. °) Ostrofrancns a. a. O. 182 Geschichte der Juden. H wörtlich gemacht und ivegen Ungehorsams bestraft werden sollte. Der Bischof war feige genug, der kaiserlichen Regierung gegenüber alles gegen die Juden Gesprochene und Getane zu widerrufen und die Bulle auszuliefern.Z Hubmaier selbst erhielt nur die Freiheit, nach Regensburg zurückzukehren, unter der Bedingung, nicht gegen die Juden zu predigen.?) Desto verbissener wurde die Geistlichkeit und namentlich Hubmaier gegen sie, und auch die Bürgerschaft wandte allerhand Quälereien gegen sie an, um sie mürbe zu machen. Die unschuldigsten Dinge wurden ihnen als schwere Verbrechen angedichtet. Unter anderem wurde ihnen vorgeworfen, daß sie sich im ganzen ungebührlich betragen, in geteilten Kleidern, wie die Landsknechte, mit schönen Baretten, samtenen Wämsern, nicht selten auf hohen Pferden, mit Armbrüsten, Spießen und Hellebarden ein- und auszögen, welche Verbrechen die Prediger von der Kanzel öfter gerügt hatten.Das konnte höchstens in der Judengasse geschehen sein; denn sowie ein Jude in dem christlichen Stadtteil ohne Abzeichen an seiner Kleidung betroffen wurde, verfiel er sofort in schwere Strafe. Sv schleppten sich Klagen und Gegenklagen eine Zeitlang hin, bis der Tod des Kaisers Maximilian eine allerdings für die Juden unglückliche Entscheidung herbeiführte. Zur Beschleunigung des Unglücks kamen noch Entzweiung innerhalb der bisher einigen Gemeinde und Verräterei hinzu. Von auswärts war nämlich eine reiche Familie namens Wolf eingezogcn, deren Haupt namens Moses von Ehrgeiz besessen war, eine Rolle zu spielen, d. h. in den Vorstand gewählt zu werden. Da aber die erbein- gesesseneu Gemeindeglieder fremde Zuzügler von den Ämtern auszuschließen pflegten, so suchte Moses Rache an den Vorstehern zu nehmen und verleumdete sie beim kaiserlichen Hauptmann Korbek, sie hätten ihn mit dem Erzjudenfeinde Haman auf eine Linie gestellt. Dieser ließ die Vorsteher in Haft bringen, und dadurch entstanden häßliche Reibungen und gegenseitige Angebereien in der Gemeinde. Zu den Angebern gehörte auch der Sohn des Rabbiners Jakob Margoles, der, wegen seiner Schlechtigkeit geächtet, zum Katholizismus unter dem Namen Anton Margaritha übertrat und ein krauses, lügenhaftes Buch drucken ließ, nur Juden und Judentum zu verlästern. Sobald der KaiserMaximilian die Augen geschlossen hatte(12. Januar 1519), eilten die Regensburger Abgeordneten, welche in Innsbruck an der Ausweisung der Juden gearbeitet hatten, sofort nach der Heimat, *1 Vom Sept. 1518. Bei Gemeiner a. a. O. S. 337. ?) Das. S. 318. °) Dass. a. a O. S. 337 ff. Vertreibung der Juden^aus Regensbnrg. 183 mit dem freudigen Gefühl, daß der Tvd den Prozeß zu ihren Gunsten entschieden hatte. In der Ratsstnbe, in den Znnftvcrsammlnngen, in den Wein- und Bierhäusern war man einig darüber, die günstige Gelegenheit während der Kaiserdakanz schnell zur Vertreibung der Juden zu benutzen. Die Dominikaner- und Franziskanerprediger, namentlich Hubmaier, hatten bereits gut vorgearbeitet. Ter Rat nahm die Sache in die Hand, wollte aber, nach echt deutscher Peinlichkeit, die empörende Ungerechtigkeit auf gesetzlichem Wege vollstrecken. Es wurde daher beschlossen, daß die Geistlichkeit, die erste Anregerin, die Sache aussühren sollte. Aber der Bischof und das Domkapitel, obwohl damit einverstanden, hatten doch Bedenken. Man zauderte; da äußerte einer der Beisassen, der mehr Mut hatte: „Wer viel fragt, begegnet viel Antwort, man solle nicht soviel über die Verbannung der Juden verhandeln, sondern nur zufahren. Wer Gott, Maria, Ehr und Recht liebt, wird die Notwendigkeit einsehen!" Infolgedessen wurde von dem engern und weitern Rat und den Zunftmeistern, der Beschluß gefaßt (Februar 1519), an die Ausweisung der Juden herzhaft zu gehen, ihn aber bis zum Tage der Ausweisung geheim zu halten. Die Juden hatten zwar Wind davon bekommen und sich beeilt, bei dem kaiserlichen Regiment in Innsbruck Anzeige davon zu machen und um Schutz zu flehen. Aber dieser traf zu spät ein. Die ganze Bürgerschaft hatte bereits den Plan verabredet und die Ausführung in Szene gesetzt. Die Handwerker erschienen in Masse vor dem Rathause (21. Februar 1519) und verlangten ungestüm Gehör. Ihr Wortführer setzte mit lauter Stimme auseinander, wie die Stadt einzig und allein durch die Juden heruntergekommen und verarmt wäre. Aller Handel sei in deren Hände geraten. Sie hätten Getreide fürs Ausland aufgekauft, den Weinhandel von Schwaben und das Eisengeschäft von den Hammermeistern an sich gerissen. Die Stadt habe durch sie in den letzten vier Jahrzehnten 132 000 Gulden Schaden erlitten. Nun sei die Stunde gekommen, sich diese verfluchten Leute vvm Halse zu schaffen und ans- zurotten. Wenn der Rat nicht auf ihr Gesuch eingehen wollte, so würden sie selbst Hand an die Juden legen. Das war alles abgekartetes Spiel. Die Ratsherren brauchten einen Vorwand, daß die Handwerker einen Druck auf sie ausgeübt hätten, und daß das Leben der Juden bedroht gewesen wäre, so daß deren Ausweisung zu ihrer eigenen Sicherheit geschähe. Der Rat zog sich scheinbar zur Beratung zurück und in der kürzesten Zeit eröffnete er den Handwerkern, was sie gebeten, sollte ihnen gewährt werden. Sofort begaben sich die Mitglieder des Rates in das Judenviertel und verkündeten den Bewohnern, daß sie nicht länger geschützt werden könnten, und daß sie in fünf Tagen die Stadt verlassen müßten. Sie könnten allerdings ihre Habe mitnehmen, doch müßten sie ihre Pfänder zur Bürgschaft für 184 Geschichte der Juden. Schuldforderuugeu au sie zurücklassen. Die „Synagoge des Teufels", in der sinnverwirrten Sprache jener Zeit genannt, sollten sie binnen zwei Stunden räumen, weil sie sofort niedergekissen und in eine Kirche verwandelt werden sollte. Der Jammer der an 500 Seelen zählenden Judenschaft war groß, rührte aber die Steinherzen der Regensburger Christen wenig. Alles, was sie den Unglücklichen gewährten, war eine Galgenfrist von drei Tagen (bis Ende Februar). Ihre ausstehenden Schulden wurden ihnen für eine Pauschsumme von 6000 Gulden abgekauft; aber ihre Habseligkeiten konnten sie nicht losschlagen, weil die Wachen an den Toren des Judenviertels den Christen den Zugang zu ihnen verwehrten. So mußten sich denn die Juden in das Unabänderliche fügen und die Stadt verlassen, die sie seit deren erster Entstehung bewohnt und mit deren Bürgern sie ehemals auf dem besten Fuße gestanden hatten, von denen sie während des allgemeinen Gemetzels zur Zeit des schwarzen Todes geschützt worden waren. Groß war das Elend der Verbannten; die Schwachen und Kranken starben schon auf dem Wege zu den Schiffen; die meisten von ihnen ließen sich in der jenseits der Donau liegenden Stadt am Hof unter dem Schutze der Herzöge von Bayern nieder. Die Bürgerschaft hatte noch vor dem Abzüge der Juden nichts Eiligeres zu tun, als die aus festen Quadern gebaute, auf Säulen ruhende Synagoge niederzureißen und an deren Stelle eine Kirche zu erbauen. Es lag ihr daran, das Besitzevgreifen zu einer vollendeten Tatsache zu machen, damit nicht einmal der neu zu wählende Kaiser imstande sei, sie ungeschehen zu machen. Nachdem die Juden unter Trauergesängen ihre beweglichen Heiligtümer geräumt hatten, gingen die Maurer und Steinmetzen sofort daran, den „Tempel im Kleinen" zu zerstören. Beim Niederreißen desselben und beim Aufbau der Kirche zeigte sich der kirchliche Wahn in seiner ganzen Erbärmlichkeit und war umso widriger, als er nicht einmal ganz ehrlich und nur künstlich angefacht worden war, um die Ausweisung der Juden unwiderruflich zu machen. Nicht nur Männer, Frauen und Jungfrauen, nicht nur das Geschlecht der heiligen Einfalt, das eigens dazu vom Lande herbeigeströmt war, und nicht nur Mönche aller Orden legten Hand daran, sondern auch die Vornehmsten der Stadt, der Weihbischof und Bischof, als Administrator, arbeiteten mit eigenen Händen daran. Mit Wetteifer sollen 4000 Menschen sich an dem „heiligen" Werke beteiligt haben, und jeder war glücklich, auch nur einen Stein dazu beizutragen. In aller Eile wurde eine Kapelle auf dem Platze der Synagoge erbaut, ein Altar errichtet und kurz nach der Ausweisung der Juden (25. März) zum ersten Male Gottesdienst gehalten. Später wurde die dort erbaute Kirche für „M aria d i e s ck, ö n e" eine der Händel wegen Vertreibung der Juden aus Regeusburg. 185 besuchtesten und einträglichsten/) dadurch aber ein Zankapfel zwischen den Geistlichen und Bürger». Die Regensburger Bürgerschaft schwebte aber eine lange Zeit von seiten der bayrischen Herzoge und des österreichischen Kaiserhauses in Sorge wegen des Gewaltstreiches an den Inden. Ten Zorn der elfteren wußte die bigotte Herzogin-Witwe und Äbtissin Kunignnd e, welche Pfefferkorn und die Dominikaner so eifrig unterstützt hatte, zu beschwichtigen.-) Aber die österreichische Regierung zu Innsbruck bestand zäh auf vollständiger Wiederaufnahme der Juden in Regensburg und ihrer Schadloshaltung, freilich nicht um ihrer selbst willen, sondern der Einnahmen wegen, welche dadurch dem Hause Österreich entzogen worden waren. Joselin von Roßheim war auch vom Kaiser Karl V. als -Vertreter und Anwalt der deutschen Judenheit anerkannt und setzte bei ihm die Bestätigung ihrer Privilegien im allgemeinen durch (1520)?) Er hat wohl auch ein Wort zugunsten der ausgewiesenen Juden von Regensburg gesprochen. Aber entschieden wurde die Streitsache nicht. Sie blieb noch lange auf der Tagesordnung; sie kam auch ans dem Wormser Reichstag vor dein jungen Kaiser Karl V. zur Sprache (1521). Jüdische Vertreter hatten sich daselbst mit gefüllten Beuteln eingefunden und die begründetste Hoffnung gehegt, daß die Ausgewiesenen den Judenfeinden zum Trotze, wieder ausgenommen werden würden/) sie erwies sich aber hinterher als eitel. Ter Kaiser als Oberhaupt des österreichischen Kaiserhauses verständigte sich endlich mit den Regensburgern, allerdings zu ihren: eigenen Schaden, indem sie dadurch den letzten Rest ihrer Freiheit einbüßten und in ein straffes Abhängigkeitsverhältnis gerieten. Dafür hatten sie aber die Genugtuung, daß ihnen das Privilegium verbrieft wurde, daß sie für ewige Zeiten keinen Inden anfzunehmen gezwungen werden sollten. Ten ausgewiesenen Juden wurde für den Verlust ihrer Häuser eine geringe Entschädigung — in Raten zahlbar — geboten und auch zugesicherl, daß die Gräber ihrer Väter verschont und deren Gebeine nicht entweiht werden sollten?) Aber über 4000 Grabdenkmäler des sehr alten jüdischen Friedhofes hatten bereits schwielige Hände des Landvolkes und zarte fanntisierter Jungfrauen in der ersten Aufwallung zerstört?) h Quelle» über die Bertreibung der Jude» aus Regeusburg, Christvphorus Ostrofrancus (ls Hatlsboims Lletic>i>oli stc. . . 8ubitu ibiäsm .Inäusorum liroseriMoue, Augsburg, Juni 1510; Gemeiner, Regcnsburgsche Chronik IV, S. 35t ff.; Aretiu, Geschichte der Jude» in Bayer», S. 93 ff. Joselins Tagebuch Rsvns XVI, Nr. 8. Vergl. auch Note 4. -) Gemeiner, das. S. 367. Joselins Tagebuch. Das. Nr. 9. h Gemeiner, S. 380 ff., 408 ff. °) Das. S. 412—415. °) Das. S. 366. 186 Geschichte der Juden. Mit teuflisch boshafter Schadenfreude weidete sich Pfefferkorn an dem Elend der Regensburger Inden und zählte mit innerer Befriedigung auf, aus welchen deutschen Städten seine ehemaligen Glaubensgenossen bereits ausgewiesen waren, nämlich aus Cöln, Augsburg, Straßburg, Nürnberg, Nördlingen, Speyer, Eßlingen, Reutlingen und Colmar. Er legte noch in seiner letzten Schmähschrift Bürgermeister, Rat und Bürgerschaft von Frankfurt und Worms ans Herz, den letzten großen deutschen Gemeinden — in Worms gab es noch ein Lehrhaus mit achtzig Talmnd- jüngern^) — dem guten Beispiele zu folgen und von dem Nutzen, den die Juden ihnen brächten, um Christi willen abzustehen. Der junge Kaiser, meinte er, werde nichts dagegen haben, da er den Juden nicht sehr gewogen sei. Sie möchten es aber ebenso rasch wie die Regensburger machen, die Synagogen zu schleifen, abznbrechen und umzuwerfen und auf deren Plätzen Kapellen und Kloster zu bauen. Ihr Vermögen dürften sie ihnen mit Fug und Recht sogar mit Gottes Bewilligung abnehmend) Pfefferkorns giftige letzte Schrift hatte indes für den Augenblick nicht die Wirkung, weder zum Nachteil der Juden, noch zu dem Reuchlins. Die Frankfurter und Wormser Gemeinden wurden damals nicht ausgewiesen, und Reuchlin wurde in seinen letzten Lebensjahren noch mehr geehrt. Die Universität Tübingen bat ihn eindringlich, einen Lehrstuhl in ihrer Mitte einzunehmen. Er durfte nun frei über hebräische Sprache Borträge halten, wozu sich viele Zuhörer, selbst Studenten von der Heidelberger Universität, drängten, während er es früher, vor dem Streite mit den Dominikanern, nur heimlich vor wenigen Zuhörern tun konnte. So hatten sich die Ansichten derMenschen während des kurzen Zeitraumes verändert. Wenn Pfefferkorn ein scharfes Auge für diese Veränderung gehabt hätte, hätte er sich wie ein Mordbrenner Vorkommen müssen, der aus Rache oder angeborener Bosheit eine baufällige Stadt in Brand gesteckt und dafür eine neue, schönere, geräumigere aus der Asche entstehen sieht. Sein Bileamsfluch hatte sich in Segen verwandelt. Pfefferkorns Name ist seit dem Erscheinen seiner letzten Schrift vollständig in Vergessenheit geraten. Das Andenken Reuchlins dagegen wurde im Laufe der Zeit immermehr gesegnet. Er starb zwar als Katholik (30. Juni 1522), aber er war doch durch seine Inschutznahme der talmndischen Schriften der erste Hauptanreger der Reformation und galt auch in seiner Zeit dafür. Die geistvolle st umme Komödie, welche kaum zwei Jahre nach seinem Tode in französischer oder lateinischer Sprache erschien (und bald ins *) Gemeiner, das. S. 380. Pfefferkorn, Mitleidig Klag zum Schluß. Fortschritt der Reformation. 187 Deutsche übersetzt wurde), stellt ihn bereits recht anschaulich als Urheber der großen immer mehr um sich greifenden Bewegung dar. Sie läßt einen Doktor, dessen Name Capnion (Reuchlin) auf dem Rücken zu lesen, auftreten, ein Bündel krummer und gerader Reiser auf die Bühne hinwerfen und sich entfernen. Eine andere Figur (Erasmus) bemüht sich vergebens, die Stäbe zu ordnen und die krummen gerade zu biegen, schüttelt den Kopf über das Chaos und verschwindet. Auch Hutten kommt darin vor. Luther erscheint im Mvnchsgewande, bringt einen Feuerbrand und zündet die krummen Reiser an. Eine andere Figur in kaiserlicher Tracht schlägt mit dem Schwerte auf das nur sich greifende Feuer und gibt ibm dadurch noch mehr Spielraum. Endlich erscheint der Papst, will loschen, greift nach einem Eimer, der aber voll Ol ist, gießt es ins Feuer und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen wegen der hell aufloderuden Flammen, die nicht mehr zu ersticken gehen?) Pfefferkorn und der Talmud hätten in dieser stummen Komödie nicht fehlen sollen; denn diese haben den Zunder zu dem Brande geliefert. Schon lagen die Verhältnisse derart, daß jeder Luftzug den Brand nur noch mehr begünstigte. Luther hatte auf dem Reichstage zu Worms Standhaftigkeit und Mut erlangt und durch sein: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders" oder durch ein anderes Festigkeit verratendes Wort den Bruch mit dein Papsttum vollendet. Obwohl der Kaiser Karl durch eigenen bigotten Sinn, von Finsterlingen belagert, und von Fürsten, auch vom König Manoel von Portugal und Heinrich VIII. von England ermahnt, geneigt war, den Reformator als Ketzer den: Scheiterhaufen zu überliefern, so ließ er ihn doch, teils aus Rücksicht auf den Kurfürsten Friedrich von Sachsen, teils aus politischer Berechnung, den Papst dadurch in Händen zu haben, ungefährdet abziehen und erklärte ihn erst einen Monat später in die Reichsacht. Indessen war Luther bereits auf seinem Patmos, auf der Wart b urg , verborgen und geborgen. Während er hier in der Stille an einer deutschen Übersetzung der Bibel arbeitete, wurde im Wittenbergischen von den reformatorischen Ultras, Karlstadt und anderen, alle kirchliche Ordnung nmgestoßen, der Gottesdienst in den Kirchen verändert, Messe und Priesterornamente abgeschafft, die Mönchsgelübde aufgehoben und Priesterehen eingeführt — d. h. die Priester erklärten ihre bisherigen heimlichen Konkubinen öffentlich als ihre Gattinen, wozu Luther — wenn anwesend — vielleicht nicht die Hand geboten hätte. Günstig für den Fortgang der Reformation war auch der Tod des Papstes Leo X. und die Wahl >) Forstcmaim, Jahrbücher für wissenschaftl. Kritik, S. 229. Vergl. Uevns äs äsux inonäss, Jahrg. 1868, p. IV4fg. In München wurde 1524 die Komödie gedruckt, und gespielt wnrde sie in Paris im Saale des Königs. Es traten darin die Figuren Reuchlin, Erasmus, Hutten, Luther und der Papst auf. 188 Geschichte der Juden. Hadrians IV., jenes beschränkten Parteigängers von Hochstraten, der durch seine guten Eigenschaften und strenge Sittlichkeit noch mehr verdarb, indem er durch den Versuch, Zucht, Keuschheit und Einfachheit in die römische Kurie einzuführen, sich im Kardinalskolleginm und unter den Höflingen erbitterte Feinde machte und daher in seinen Unternehmungen gelähmt wurde. Die Gemüter waren für die Reformation vorbereitet; sie faßte daher in Norddeutschland, Dänemark und Schweden feste Wurzel, drang in Preußen, Polen und anderseits in Frankreich und sogar in Spanien ein, in das Land düsterer, dumpfer Kirchlichkeit und blutdürstiger Verfolgungssncht. Zwingli, der Reformator der Schweiz, sagte sich nach vielein Schwanken ebenfalls vom Papsttum los, und so wurden auch da — wo mehr Freiheit der Bewegung als in den: geknechteten Deutschland herrschte — der neue Gottesdienst eingeführt, Priesterehen eiugesegnet, Bilder und Kruzifixe zerstört und Klöster aufgehoben. Eine neue Ordnung der Tinge war eingeführt, das allmächtige Rom war gegenüber dem neuen Geiste ohnmächtig Schwärmereien der Wiedertäufer begannen die Gemüter zu erhitzen und alle Lebeusverhältnisse umzugestalten. Für die Juden hatte Luthers Reformation anfangs nur eine geringe Wirkung. Sie bestand darin, daß, da sich Katholiken und Neuerer namentlich in Deutschland in jeder Stadt in den Haaren lagen, sie keine Mnße zu Judenverfolgungen hatten; es trat daher hier eine kleine Pause ei». Luther selbst, dessen Stimme bereits mächtiger als die der Fürsten klang, nahm sich ihrer anfangs an und strafte die vielfachen Beschuldigungen gegen sie Lügen. In seiner derben Weise äußerte er sich gleich anfangs darüber: „Diese Wut'(gegeu die Juden) verteidigen noch einige sehr abgeschmackte Theologen und reden ihr das Wort, indem sie aus großem Hochmut daher plaudert, die Juden wären den Christen Knechte und dein Kaiser unterworfen. Ich bitte euch darum, sagt mir, wer wird zu unserer Religion übertreten, wenn es auch der allersanftmütigste und geduldigste Mensch wäre, wenn er sieht, daß sie so grausam und feindselig und nicht allein nicht christlich, sandern mehr als viehisch von uns traktiert werden? — Die meisten Passionsprediger (in der Osterwoche) tun nichts anderes, als daß sie der Juden Mutwillen, den sie au Christo verübt, sehr schwer und groß machen und die Herzen der Gläubigen wider sie erbittern,"^) In einer eigenen Schrift, deren Titel schon die verbissenen Judenfeinde stutzig zu machen geeignet war: „Daß Jesus ein gell o r e u e r I u d e gewese n" (1523), sprach sich Luther noch derber gegen den uuvertilgbareu Judenhaß aus: „Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und Mönche, haben bisher also mit den Juden ver- U Luthers Auslegung des 22. Psalmes vom Jahre IS 19. Luther für die Juden. 189 fuhren, daß, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre, und hätte solche Tölvel und Knebel den Christenglauben regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher eine San geworden als ein Christ, Tenn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr tun können, als sie schelten. Sie aber sind Blntsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn; darum, wenn man sich des Blutes und Fleisches rühmen soll, so gehören die Juden Christo mehr an denn wir. Ich bitte daher meine lieben Papisten, wenn sie müde geworden, mich Ketzer zu schimpfen, daß sie nun anfangen, mich einen Inden zu schelten." „Darinn wäre mein Rat," so führt Luther fort, „daß man säuberlich mit ihnen (den Juden) umgehe; aber nun wir mit Gewalt sie treiben und gehen mit Lügenteiding um und geben ihnen schuld, sie müßten Christenblut haben, daß sie nicht stinken und weiß nicht, was des Narrenkrams mehr ist, — auch daß man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, hantieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt, wie sollen sie zu uns kommen? Will man ihnen helfen, so muß man nicht des Papstes, sondern der christlichen Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein. "H Das war ein Wort, wie es die Juden seit einem Jahrtausend nicht gehört hatten. Man kann darin Renchlins milde Verwendung für sie nicht verkennen. Luther hatte zwar dabei den Zweck im Auge, die Juden durch freundliche Behandlung für das Christentum zu gewinnen, aber diese Neben- oder Hauptabsicht war ihm, der so ganz in seinem Christusideal lebte, nicht zu verdenken. Manche heißblütige Inden sahen dagegen in der Auflehnung der Lutheraner gegen das Papsttum den Untergang der Jesuslehre überhaupt und den Triumph des Judentums. Drei gelehrte Juden kamen zu Luther, um ihn für das Judentum zu gewinnen.?) Es galt überhaupt nicht mehr für zeitgemäß, auch in katholischen Kreisen nicht, nach dein göttlichen Strafgerichte die Juden totzuschlagen oder zu verfolgen. Was auch Sophisten dagegen höhnend einwenden mögen, so bleibt cs doch wahr, es bildet sich in jeder ausgeprägten Geschichtsepoche ein Zeitgeist, den jeder widerwillig respektieren muß. Das Menschliche hatte sich in der Zeit der humanistischen Bewegung und im Anfang der Reformation ehe sie durch allzu theologische Konseguenzmacherei verwilderte eine Macht errungen und die Anforderungen des Kirchlichen zum Schweigen gebracht. Diesem Zeitgeist mußten selbst die Stockkirchlichen ihren Tribut zollen. Mit Bedauern sah ein Kirchenfürst (Bischof In Luthers gesammelten Schriften, Ausgabe von 1841, polemische Schriften, B. III. °) Luthers Schrift, von den Juden und ihren Lügen, Anfang. 190 Geschichte der Juden. Sadolet von Carpentras) die veränderte Zeitströmuug, deren Wandlung er selbst erlebte, und sprach es mit Unmut aus: „Ich behaupte nicht, daß alles nach der alten Strenge und Herbigkeit eingerichtet werden müßte (die Juden zu verfolgen). Ich sehe nämlich wohl ein, daß das den Zeiten entgegen ist. Unsere Sitten können nicht das dulden, was inehr Göttliches als Menschliches zeigt."H — Schwärmerische Gemüter unter den Juden knüpften daher an diesen unerwarteten Umschwung und namentlich an die Erschütterungen, welche das Papsttum und der abgöttische Reliquien- und Bilderdienst erfuhren, die kühnsten Hoffnungen von dem baldigen Untergange Roms und dem Herannahen der messianischen Zeit der Erlösung. Aber viel mehr als der jüdische Stamm gewann die jüdische Lehre durch die Reformation. Bis dahin wenig beachtet, kam sie in der ersten Zeit der Reformation gewissermaßen in Mode. Reuchlin hatte nur den bescheidenen frommen Wunsch ausgesprochen, daß an den wenigen deutschen Universitäten auf einige Zeit Lehrer der hebräischen Sprache angestellt werden sollten (o. S. 96). Durch seinen Eifer für diese Sprache (er hatte auch eine Schrift über die hebräischen Akzente und Prosodie veröffentlicht)^ und durch die zunehmende Einsicht, daß die Bibel ohne diese Kenntnis ein verschlossenes Buch bleibt, suchten Fürsten und Universitäten förmlich nach Lehrern derselben und errichteten Lehrstühle für die hebräische Sprache nicht nur in Deutschland und Italien, sondern auch in Frankreich und Polen. Die leichte, lachende klassische Muse, welche die Herzen von den kirchlichen Formen abgezogen hatte, wurde immer mehr vernachlässigt und dafür die ernste hebräische Matrone hervorgesucht. Jünglinge und Männer scheuten es nicht, sich um Juden zu scharen, von denen sie die hebräische Sprache erlernen konnten. Es entstand dadurch ein gemütliches Verhältnis zwischen jüdischen Meistern und christlichen Jüngern — allerdings zum gräulichen Ärger der Stockfrommen auf beiden Seiten; manches Vorurteil wurde dadurch beseitigt. Der Hauptlehrer der Christen war der Grammatiker von deutscher Abkunft Elia Le Vita (geb. in r) 8slloleti epistolss XVI, Nr. 17 vom Juli 1540. tzuill sst, quoll isti (ksntoree lluässornm) ts.iv llitiAsnter sxqnirunt msls jnrs .Inllseis, qni in 6bristisni8 oxtims (fürs) psrllits et protliZ'sts pstiuutur? Xsqus tswen is SAv snm, qni sll sntiqnsm illsm ooMinevtism 8sveri88imsm reälAi omnis eontsnäsin opportere; plsus sniin intsIIiAv !>oe eontrs- lium S88S tsmpvribns, vso ksells inors8 no8tros P 088 S xsti ill quoll lllu8 llivini qnsin Iminsni eoutinest. . . 8ell tsmeu K8t mollu8 omnibu» in rebu8. . . 8i 8it llsullum sliquill llullssm, ssinpsr its lletur, ut ns sperts Obrivtisnornm eominolls oppnKnemns. S. Note 5. Das Anagramm des Joseph von Arli. o) Os seoentibrm et ortkotz-rsplns linAnss Osbrsiese, Hagenau 1518. Zunehmende Pflege der hebrüischen Sprache. 191 Neustadt bei Nürnberg um 1469, gest. 1549)?) Tiefer arme Mann, der um das tägliche Brot zu kämpfen hatte, hat den Grund zur Kenntnis der hebräischen Sprache gelegt. Die Plünderung Paduas führte ihn über Venedig nach Rom, wo ihn, wie schon erzählt, der Kardinal Egidio de Viterbo zum Behufe grammatischer und kabbalistischer Studien ins Haus genommen und ihm. mit seiner Familie mehr als zehn Jahre den Lebensunterhalt gewährt hatte. Aber nicht bloß dieser Kirchenfürst, sondern auch andere hochgestellte Christen saßen zu Levitas Füßen: George de Selve, Bischof von Lavaure, französischer Gesandter, ebenso gelehrt wie staatsklug,2) und andere. Gegen den Borwurf, den ihn: ttbersromme Rabbiner deswegen machten, verteidigte sich Levita mit der Bemerkung, daß seine christlichen Jünger durchweg Freunde der Juden wären und deren Wohl zu befördern suchten. Auch lehre er sie doch nur harmlose hebräische Sprachkunde, ohne sie in das tiefere Verständnis der hebräischen und jüdischen Literatur einzuweihen — eine Entschuldigung, die nicht ganz auf Wahrheit beruhte. Auf Veranlassung seines Gönners Egidio bearbeitete er Teile der hebräischen Grammatik in hebräischer Sprache, die meistens von Renchlins Jünger SebastianM ü n st e r ins Lateinische übersetzt wurden. Elia Levita hatte keinen besonders tiefen Geist, hat auch im hebräischen Sprachbau keine wichtige Entdeckung gemacht, er folgte fast sklavisch dein grammatischen System der Kimchiden, weil er die bessern Vorgänger nicht kannte. Die Brauchbarkeit seiner Lehrbücher bestand lediglich darin, daß ihn: das ganze biblische Sprachgnt zu Gebote stand ilnd er Lehrgeschicklichkeit und faßliche Darstellungsgabe besaß. Über die Elemente ging er zwar nicht hinaus, aber diese genügten vollkommen dem damaligen Bedürfnisse. Nur mit einer einzigen Bemerkung hat Levita Bahn gebrochen. Gegen den festen Glauben der damaligen Zeit, daß die hebräischen Vokalzeichen uralt, womöglich vom Sinai zugleich mit dem Gesetzbuchs geoffenbart oder mindestens y Bergt, außer den Angaben bei den Bibliographen Bartolocci, Wolf und de Rosst, die Biographie Levitas von Wunderbar, Orient. Litbl. 1848 Nr. 4 bis 6 und S. Buber, eine hebr. geschriebene Biographie, Leipzig 1856. Dr. I. Levi, Elia Levita 1888. Der Widerspruch in Levitas Angaben, einmal, daß er in Egidios Haus 10 Jahre geweilt (Einl. zu Massoret): n>.n lem und ein andermal von dreizehn Jahrein >"5n 82 .mir .nnr'p wp mivp mrn (Einl. zu dieser Widerspruch, der seine Biographen stutzig machte, läßt sich dahin lösen, daß Egidio mehrere Jahre von Rom abwesend war, wie ans Renchlins Briefen in Frredländers „Beiträge zur Reformationsgeschichte" S. 79, 89 hervorgeht. Levita war in Egidios Haus in Nom 10 Jahre und in seiner Nähe außerhalb Roms noch 3 Jahre. ") Bergl. darüber die Notizen von Frensdorf in Frankels Monatsschrift 1863, S. 97 ff. 192 Geschichte der Juden. von Esra eingeführt worden seien, stellte er die Behauptung auf, diese Zeichen seien jung und nicht einmal in der talmudischen Zeit bekannt gewesen, weil sie bei dem vollen Leben der Sprache entbehrlich waren?) Man kann sich denken, welchen Sturm diese Meinung gegen ihn erhoben hat. Sie warf mit einem Schlage die festgewurzelte Ansicht um. Die Stockfrommen erhoben ein Zetergeschrei gegen ihn, als hätte er mit seiner Behauptung das ganze Judentum geleugnet. Elia Levita war daher bei seinen Glaubensgenossen wenig beliebt und hielt sich inehr zum christlichen Gelehrtenkreise, was ihm nicht weniger Tadel von den Stockfrommen zuzog und auch Folgen für seine Nachkommen hatte. Übrigens war er nicht der einzige Lehrer der hebräischen Sprache und Literatur für Christen?) Wie vor ihm Obadja Sforno Reuchlin im Hebräischen Unterricht erteilt hatte, so tat es gleichzeitig mit Levita Jakob Manti n und auch A braham de Balmes, Arzt und Sprachkundiger. Dieser behandelte die Erscheinungen der hebräischen Sprache philosophisch, ging tiefer ans die Bildungen und Formen ein, um in der scheinbaren Willkür und Zufälligkeit das Gesetz des Notwendigen zu finden. Balmes' Werk hatte aber weniger Gunst als die-Elia Levitaschen Schriften gefunden, weil es tiefer und daher schwerfälliger gehalten ist und sich in Widerlegungen des Kimchischen Systems einlüßt. Es entstand überhaupt eine förmliche Schwärmerei für die hebräische Sprache in der Christenheit. Die Trucker rechneten so sehr auf guten Absatz, daß in mehreren Städten Italiens und Deutschlands ältere oder jüngere hebräische grammatische Schriften verlegt wurden, auch da, wo keine Juden wohnten. Alle Welt wollte Hebräisch lernen, das hebräische Sprachgut und Schrifttum verstehen. Wenige Jahre vorher galt den Vertretern der Kirche die Kenntnis des Hebräischen als Luxus oder gar als ein verderbliches Übel, an Ketzerei streifend, durch die Reformatian dagegen wurde es unter die notwendigen Fächer der Gvttesgelehrtheit eingereiht. Luther selbst lernte Hebräisch, um gründlicher in den Sinn der Bibel eindringen zu können. Am auffallendsten zeigte sich dieser Umschwung der Gesinnung in Frankreich. Die tonangebende Pariser Universität hatte in der Mehrzahl ihrer Mitglieder Reuchlins Augenspiegel zugunsten des Talmud und der hebräischen Studien zum Feuer verurteilt so. S. 144). Kaum sechs Jahre später entstanden daselbst ein Lehrstuhl und eine U Ausführlich in Levitas Einleitung zu Massoret. -) Elia Levita bemerkt zu seiner Verteidigung in der reimprosaischen Einl. das.: 27 W . . 2'w 2-w: 27 W Ulli: 2'U >12^ . . . 1WIV 2>!vm 2'NLNI L-orn 2.-!2 2W211. Unter den Ärzten ist wohl Jakob Mantin zu verstehen, welcher mit Justiniani in Verbindung stand. Elia Levita und Justiniaui. 193 Truckerei für das Hebräische, und gerade jener Beichtvater des Königs Ludwig, G u i l l a u m e H a q u i n e t P e t i t, dessen Ohrenbläserei die Verdammung der Reuchlinschen Schrift durchgesetzt hatte (v. S. 143), dieser Dominikaner selbst trat als Förderer der hebräischen Literatur auf. Auf seinen Antrag ließ der König Franz I. den in hebräische Literatur eingelesenenBischof von Korsika, A n g u st i n I u st i n i a n i, nach Frankreich kommen. Dieser junge König, der zuerst den ritterlichen Charakter der französischen Fürsten hervorkehrte und aus Feindseligkeit gegen das Haus Österreich mit den ungläubigen Türken liebäugelte, hatte oder zeigte wenigstens seinem Vorgänger unähnlich Interesse für die Hebung der Studien und auch des Hebräischen. Er ließ Elia Levita einladen, nach Frankreich zu kommen, um dort den Lehrstuhl der hebräischen Sprache einzunehmenJ) wahrscheinlich auf Antrag seines Verehrers de Selbe. Man muß erwägen, was das damals bedeutet hat. Im eigentlichen Frankreich durfte seit mehr als einem Jahrhundert kein Jude wohnen oder auch nur weilen, und nun wurde ein Jude berufen, nicht bloß dort seinen Aufenthalt zu nehmen, sondern eine Ehrenstellung einzunehmen und Christen Unterricht zu erteilen. Welcher Umschwung! Elia Levita schlug jedoch diesen zuvorkommenden Antrag ans; er hätte sich als einziger Jude dort nicht behaglich fühlen und die Zulassung der Juden in Frankreich nebenbei zu betreiben, dazu war er nicht der Mann. Justiniaui übernahm dafür die Aufgabe, die Kenntnis des Hebräischen in Frankreich anzubahnen. Er hatte sich diese wahrscheinlich unter Anleitung des vielseitigen jüdischen Arztes Jakob Mantin angeeignet. Auf der Universität zu Rheims fingen unter ihm die französischen Studenten an, Hebräisch zu radebrechen. Da es aber an Exemplaren mangelte, so ließ Justiniaui die schlechte hebräische Grammatik von Mose Kimchi drucken.?) Was noch merkwürdiger ist, in Paris, wo 300 Jahre vorher die jüdischen Stockorthodoxen mit Hilfe der Dominikaner Maimunis religionsphilosophisches Werk, „Führer der Irrenden", verbrannt hatten, ließ der Dominikaner Justiniaui eine lateinische Übersetzung desselben drucken (1520) und wälzte die Schuld der ehemaligen Verketzerung auf die Juden. Bei dieser gedruckten Übersetzung, welche nach einer älteren bearbeitet ist, hat entschieden Jakob Mautin geholfen; der Bischof von Korsika gab sie aber stillschweigend als seine eigene Arbeit heraus?) Auch Levitas umfangreiches Werk über die biblische Orthographie (Nasoru), welches sein Jünger, der Bischof von Lavaure, auf seine Kosten druckfertig machen ließ, sollte in Paris gedruckt werden, wahrscheinlich auf desselben Betrieb, ist aber U Einleit, zu Levitas Tisebdi. H Vergl. darüber Wvlf, Libliotbsea. II x. 44V ff. b) Das. II1 1 >. 68V, vergl. Perlcs' Monatsschr. 1875 S. lv. Graek, Geschichte der Juden. IX. 1Z 194 Geschichte der Juden. aus unbekannten Hindernissen unterblieben?) Natürlich blieben die christlichen Lehrer der hebräischen Sprache Vvn den jüdischen Meistern abhängig; sie konnten keinen Schritt ohne diese tun. Als Paulus Fagius, reformatorischer Priester und Jünger Reuchlins, eine hebräische Druckerei in Jsny anlegen wollte, berief er Elia Lebita dahin; diese Einladung nahm er an, weil er in Not war und für seine chal- däischen und rabbinischen Wörterbücher keinen Verleger fand. Paul Fagius waren diese Werke gerade sehr lieb, weil sie ihm den Schlüssel zu der von christlichen Gelehrten so sehr gesuchten Kabbala zu bieten schienen?) Durch die Reuchlinsche und Luthersche Bewegung kam auch die so lange vernachlässigte Bibelkenntnis einigermaßen in Schwung. Judentum und Christentum beruhen auf der heiligen Schrift, und doch war diese gerade den Bekenner» beider Religionen durchweg fremd geworden. Dieses herrliche Denkmal einer gnadenreichen Zeit war von so vielen Hüllen verschleiert, von dem Spinngewebe zumeist sinnloser Auslegungen so sehr eingeschlossen und überhaupt durch das Beiwerk so sehr verunstaltet, daß es seinem wahren Werte nach vollständig unkenntlich geworden war. Weil man alles in der heiligen Schrift suchte und hineindeutelte, fand man gerade den wahren Sinn nicht. Den: christlichen Laienvolke war die Bibel seit langer Zeit unzugänglich geworden, weil das Papsttum deren Übertragung in die Volkssprache aus instinktmäßiger Furcht untersagt hatte. So kannten die Gläubigen nur Bruchstücke daraus, nur abgerissene Texte, und auch diese nicht einmal recht, weil sie durch die verkehrte Auslegung entstellt waren. Selbst Geistliche fanden sich nicht heimisch darin, weil sie sie nur aus der lateinischen Sprache der Vulgata kannten, und diese den Grundgedanken der biblischen Wahrheiten oster durch Unverstand und Verkehrtheit verwischt hatte. Es war daher eine wichtige Tat, als Luther in seiner Einsamkeit auf der Wartburg die Bibel, das alte und neue Testament, in die deutsche Sprache tibersetzte?) Luther mußte dazu, wie schon angegeben, etwas Hebräisch lernen nnd Juden nm Auskunft fragen. Es war den damals Lebenden, als wenn das Gottesbuch erst neu geoffenbart worden wäre; diese reine Stimme hatten sie noch nicht vernommen. Ein frischer Hauch strömte den Menschen daraus entgegen, als die Wälle entfernt waren, welche diese Lebenslust des Geistes so lange abgesperrt hatten. Das klassische Altertum hatte den Geschmack eines kleinen Kreises gebessert, das hebräische Altertum dagegen hat das ganze Geschlecht verjüngt, ihm wieder Sinn für Ein- *) Frensdorf a. a. O. H Levita wurde berufen und weilte daselbst 1510—1511. b) De,, von Luther ins Deutsche verdolitietschte Pentateuch erschien 1523, die historischen Schriften, Hiob, Psalter, Salomonische Schriften 1524. t Bibelübersetzungen. 195 fachheit und ungekünstelte Lebensverhältnisse beigebracht. Bald wurde die Bibel in andere europäische Sprachen übertragen, und die Katholiken selbst waren genötigt, von dem päpstlichen Verbote abzugehen, sie dem Volke in verständlicher Sprache zu übergeben, bedienten sich aber aus Unkenntnis und Unehrlichkeit dabei der Lutherischen Übersetzung^) Auch die Juden fühlten das Bedürfnis nach der heiligen Schrift in der Landessprache. Diesen: half der unermüdliche Elia Levita teilweise ab, der eine deutsche Übersetzung der Psalmen in Konstanz auf seiner Rückreise von Jsnh nach Venedig anfertigte.?) Eine spanische Übersetzung besorgte ein aus Portugal entkommener Marrane Dnarte de Pinelin Ferrara, der sich als Jude Abraham Usque nanntet) Die Nachfrage nach hebräischen Bibeln war so bedeutend, daß Daniel Bömberg das großartige Werk unternahin, das alte Testament mit den Kommentarien von Raschi, Jbn Esrn, Kimchi, Gersonides und anderen zu drucken, zugleich mit einer ausführlichen Masora?) dessen korrekte Herstellung eurem Kenner, Jakob ben Chajim, anvertraut wurde, der in seiner Vorrede sich sehr jüdisch-rechtgläubig geberdete und später doch zum Christentum überging?) Der Absatz der umfangreichen rabbinischen Bibel war so groß, daß immer neue Auflagen davon erschienen. h Der Katholik Einser in Dresden edierte ein Plagiat der lutherischen Übersetzung 1527; der Dominikaner Dietenberger in Mainz 1534; der Streithahn vr. Eck selbst mit heuchlerischem Bedauern, daß das kanonische Gesetz vom Ausschluß der Bibel für die Laien nicht aufrecht erhalten werden könne, übersetzte die Bibel 1537. In englische Sprache wurde die Bibel übersetzt 1535 von Tyndal und Coverdal, und in französische Sprache in demselben Jahre von Pierre Robert Olivetau. Über die polnische Verdolmetschung der Bibel vergl. weiter unten. 2) Er übersetzte die Psalmen in deutsche Sprache. Die Übersetzung des Pentateuch stammt nicht von ihm. 2) Vergl. Note 7 II. '9 Libtia RndbllliLN LombsrZlana. zuerst 15l7, dann 1526, 1548, vergl. Wolf II S. 366 ff. H Vergl. darüber Luzzatto in Orar dleobmacl III p. II2f. Jakob, b. Chajim muß also schon vor 1538 zum Christentum übergetreten sein, da Levita das Faktum schon in Massoret, in diesem Jahre erschienen, andeutet. Sivbrnkes Kaxilrl. Tie messianische Schwärmerei, die Marranen und die Jnc>nisition. Innerer Zustand der Inden; Synagogenritus und Predigtweise. Elia Kapjali und die griechische Haftara. Zersplitterung in Gemeindeparzellen und Zerfahrenheit. Dürre und Poesielosigkeit. Jnteressenahme an Geschichte. Achtung philosophischer Forschung. Leon Medigos OinIoKln ä'amore. Die Herrschaft der Kabbala. Mechanische Berechnungen und Erwartung. Lämmlein und das mechanische Bubjahr. Die spanischen Marranen und die Inquisition; Luceros Mordtaten. Die portugiesiichen Marranen; Gemetzel in Lissabon; der Marrane Mascarenhas. Joäo III. Schliche gegen die Marranen. Henrique Sinnes (Firme Fes) Spionage und Tod. Schritte zur Einführung der Inquisition und plötzliches Einstellen derselbe». Der Abenteurer David Neubeni in Rom und Portugal von Joao III. mit Auszeichnung behandelt. Mechanische Verzückungen unter den Marranen. (1500 bis 1525.) Es ist erstaunlich und doch wieder leicht erklärlich, daß die hochwvgende Bewegung, die krampfhafte Erschütterung in dem ersten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts, welche die christliche Welt aus den Angeln gehoben, die Juden innerlich kaum berührt haben. Während in der Christenheit eine durchgreifende Veränderung in Denkweise, Sitte, Studiengang und selbst in Sprache vorging, das Alte, Überkommene hier abgelegt und verworfen und dort frisch aufgeputzt wurde, damit es wie neu aussühe, mit einem Worte, während sich eine neue Zeitepoche herausarbeitete, blieb bei den Juden alles beim alten. Es kam daher, daß sie bis dahin kein eigentliches Mittelalter hatten, darum brauchte für sie auch keine neue Zeit anzubrechen. Sie bedurften keiner Wiedergeburt, brauchten nicht den unzüchtigen Lebenswandel abzustellen, den Krebsschaden sittlicher Fäulnis zu heilen, dem Übermut und der Raubsucht ihrer geistlichen Führer einen Damm entgegenzusetzen. Sie hatten nicht so viel alten Wust wegzuräumen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß innerhalb der Judenheit alles lauter Glanz war. Die erhebenden und versittlichenden Gedanken des Juden- Zersplitterung unter den Juden. 197 tums waren infolge der gehänsten Leiden und der verkehrten Richtung von den Satzungen und Ritualien überwuchert. Beim Bvlke fehlte die Innerlichkeit der Religion und bei den Führern die Klarheit des Geistes. Werktätigkeit und scholastischer Tunst waren auch unter den Juden heimisch. Im Gottesdienste wurde die Erhebung und im Geschäftsleben der redliche Sinn vermißt. Ter Syuagogenritus hielt krampfhaft alles fest, was aus dem Altertum überkommen war, füllte sich mit unverständlichen Bestandteilen und hatte im ganzen einen unschönen Charakter. Predigten gab es in den deutschen Gemeinden und ihren anderweitigen Kolonien so gilt wie gar nicht, höchstens talmudische Vorträge, welche dem Volke, namentlich dem weiblichen Geschlechts, unverständlich waren und daher das Gemüt kalt ließen. Tie spanisch-portugiesischen Prediger bedienten sich zwar der klangvollen Sprache ihrer Heimat: aber ihre Vorträge waren von scholastischem Wust erfüllt und für die Laienwelt nicht weniger unverständlich. Bei deil Gemeinden auf der Insel Kaudia war es von Alters her Sitte, wenigstens am Versöhnungstag nachmittags den Propheteil Jona iil griechischer Sprache vvrzulesen. Tiefen Gebrauch faud der dortige Rabbiner, der noch zu den Gebildeten gehörte, Elia Kapsali, durchaus anstößig und wollte ihn beseitigt wissen. Der Rabbiner von Padua, M elr K a tz e n e l l e n b o g e n, der auf eine Anfrage dessen Fortbestehen befürwortete, machte nicht innere Gründe dafür geltend, sondern lediglich rabbinischeU) Tie Erbauung und Belehrung des Volkes kamen wenig oder gar nicht in Betracht. Ein Ubelstand war auch die zäh unterhaltene Zersplitterung der Gemeinden. Tie Hetzjagd gegen die Juden hatte in größeren Städten Italiens und der Türkei Flüchtlinge aus der pyrenäischen Halbinsel und Deutschland zusammengewürfelt, die, weit entfernt, sich mit der Ur- gemeinde zu verbinden, sich vielmehr gegeneinander absperrten. Es gab daher iil manchen Städten fast ebenso viel Gemeindegruppen, als es Landschaften oder Städte in deren jeweiligem Mutterlands gab (o. S. 28). Kastilianische Gemeinden schlossen sich gegen aragonische und katalonische ab, lind apulische gegen kalabresische. Tie aus Lissabon eingewanderten Juden mochten sich nicht einmal mit den übrigen portugiesischen verbinden.-) ES gab daher z. B. iil Konstantinopel, Adrianopel, Salonichi, Arta (Larta) in Griechenland und vielen anderen Städten eine bunte Karte von Gemeinden, von denen jede ihren eigenen Vorstand, Synagogenritus, Rabbiner, Lehrhänser, Armenpflege, ihren eigenen Dünkel und gegenseitige Eifersüchteleieil hatte. Unter diesen U Uespp. Me r Katzeriellenbogen von Padua Nr. 78. -) Vergl. darüber Ls8pil. Gam. Jbn-Jachja (a'nr" rum) Nr. 108 p. 82 e; Hespli. Mose di Tram I. Nr. 307, II Nr. 18. 198 Geschichte der Juden. Umständen konnte nichts Großes, Gemeinnütziges, Allgemeines zustande kommen. Tie geistlichen Führer, obwohl im allgenreinen sittlich und auch innig religiös, beugten sich nicht selten vor den Reichen ihrer Gemeinde, sahen ihrem Übermut und ihren Ungebührlichkeiten nach und traten ihnen nicht mit Mut entgegen. In Padua z. B. gab es einen reichen Deutschen, namens HerzWerthei m, welcher die Eitelkeit hatte, mit seinem Wappen (einem Hirsch) zu prunken. Er ließ ein Ornament mit seinem Wappen aus Perlen anfertigen und wollte es in der Synagoge anbringen. Der greise Rabbiner der deutschen Gemeinde Juda Menz, hielt es für imgesetzlich, solchen aufschneiderischen eitler: Prunk im Gotteshause zuzulassen. Herz Wertheim, der ein Gegner dieses würdigen Mannes war, wollte aber seiner: Willen durchsetzen und fand manche Rabbiner, die, vor: seinen: Reichtum bestochen, ihr: darin zun: Verdrusse des Juda Menz unterstützten.i) Streitigkeitei: und Reibungen zwischen Rabbiner: waren die Folger: dieser zerfahrener: Zustande.?) Schlimmer noch als diese Zersplitterung irr lauter Gememde- atorne war die Gebrochenheit der Kraft, der kleinliche Geist, das gewissermaßen an: Bodenkriechen nicht bloß unter den Juden deutscher Zunge, sondern: selbst unter der: Schichten der sefardischer: Auswanderer. Nur wem: es galt, für das von der: Väterr: Überkommene zu sterben, zeigter: sich alle groß und heldenmütig; sonst war die Tätigkeit auch der Großen aufs Kleinliche gerichtet. Keine neue Bahn wurde eingeschlagen, selbst nicht beim Anblick der täglichen Umwälzungen ir: der christlicher: Welt. Diejenigen, welche sich noch auf der Höhe der Wissenschaft hielten, wandelten meist auf betretener: Bahner: und trater: sie nur noch breiter. Die vorherrschende Richtung war, das Alte und die Men zu erläutern, Kommentarien zu schreiben, sogar Kommentarien zu Kommentarien (Superkommentarien). Die Talmudisten legier: den Talmud und die philosophisch Gebildeten Maimunis „Führer" aus. Aufschwung und hoher Geistesflug fehlten ganz und gar. Kein Laut echter Poesie entströmte den: Munde derer, welche doch an dieser Brust groß gezogen worden waren, nicht einmal ein markerschütterndes Klagelied, das den Schmerz zu verklären vermag, hallte aus dieser Zeit wieder. Die einzige Erscheinung, welche eine Veränderung der Lage und der Zeit beurkundete, ist das Interesse an geschichtlichen Erinnerungen, freilich meistens auch nur unter den Juden pyrenäischer Abkunft. Diese trachteten danach, die grenzenlosen Leiden, die sie erduldeten, den nachfolgenden Geschlechtern aufzubewahren. Die neuen Leiden brachten ihnen die alten seit der grauen Vorzeit in frische Erinnerung ') D.esxp. Joseph Karo Nr. VS. ?) Bergt. Nsspp. Merr von Padua dir., -tv. Leon Abrabanels OlaloZbi U'aiaors. 199 und ließen sie erkennen, daß die Geschichte des jüdischen Stammes eine lange Reihe schmerzensreichen Märtyrertums war. Gleichzeitig mit A b r a h a mZ a c u t o (o. S. 14) arbeitete IsaakAbrabanel an einer solchen geschichtlichen Aufzeichnung*) von den ältesten Zeiten bis auf seine Gegenwart, die wohl geordneter und eleganter geschrieben war als der Wirrwarr des Chronikers Zacuto. Auch sein Sohn Leon Medigv weihte seinen Griffel den tragischen Erinnerungen seiner Stammesgenossen in Spanien.-) Bon der Geschichtserzähluug des EliaKapsali war bereits die Rede. Auch er widmete der Leidensgeschichte der spanischen Vertreibung einen großen Raum in seiner Chronik?) ' Sonst tauchte nichts Neues in dieser Zeit auf. Das freie Denken der philosophischen Forschung war nicht beliebt. Isaak Abrabanel, der Überlieferer des alten jüdisch-spanischen Geistes, fand in Maimunis philosophischen Schriften manches anstößig, dein Judentum widersprechend und verdammte die freien Forscher Narboni und andere, welche über das Gegebene hinausgegangen waren. Ein portugiesischer Flüchtling, IosephIabez, wälzte alle Schuld an der Ausweisung der Juden ans Spanien und Portugal auf die Philosophie. Sie sei die große Sünderin gewesen, welche Israel verführt habe, darum sei das Strafgericht über dasselbe so herb ausgefallen?) Iosephben D a v i d I b u - I a ch j a IV. in Jmola, ein Enkel des portugiesischen Staatsmannes Joseph Jbn-Jachja III., verwarf alle Philosophie, sogar die Maimunische und kehrte zur Ansicht des Dichterphilosophsn Jehuda Halevi zurück, daß dem jüdischen Stamme eine eigenartige, von den übrigen Menschen dem Wesen nach verschiedene, ihnen weit überlegene Seele innewohne, welche sich durch Ausübung der religiösen Vorschriften auf ihrer Höhe erhalten und sich zur Prophetie emporschwingen könne?) Ähnliches Mißbehagen am freien Denken bekundete der Arzt ObadjaSforno, der Lehrer Reuchlins. Ein frischer Hauch weht nur aus der philosophischen Schrift des geistvollen Leon Abrabanel oder Medigo, die schon durch ihren Titel: „G e s p r ä ch e v o n d e r L i e b e" (vialoKlu ä'amorchb) *) Unter dem Titel 212 ' schon in dem 1497 verfaßten Werke mpr: gewannt. -) Jbn-Verga 8ebsdet lelwäa Nr. 50: w 2 -> niw btwoiwi -2222 2^2 2222 22'v .212212 '->2 b'!2N22N 2212' : 12 b '2>N2 2122t! 212222 . . 'U2'2'1.. Diese Schrift Inda Abrabanels wird von den Bibliographen nicht genannt. ") S. o. S. 35. *) Der Hauptinhalt seiner polemischen Schrift mmn 2 m. ö) Sein Hauptwerk 2 m 221 . 2 , vollendet 1537, gedruckt Bologna 1539. Er kommentierte auch mehrere biblische Schriften. H Es sollte eigentlich nicht mehr die Rede davon sein, daß Leon Medigo, Verfasser der vialooiu ck'amore, zum Christentum nbergetretcn sei. Aber cs 200 Geschichte der Juden. zu verstehen gibt, daß der Leser es nicht mit den Abgeschmacktheiten der Alltagsphilosophen zu tun hat. Wenn einer, so bewies dieser Sprössling einer alten edlen Familie die Schmiegsamkeit des jüdischen Geistes. Aus einein behaglichen Leben herausgerissen, in ein fremdes Land geworfen, unstät durch ganz Italien gehetzt und im Herzen den nagenden Schmerz um den lebendigen Tod seines ihm entrissenen gibt Jrrtümer, die mit Zähigkeit festgehalten werden, und man darf nicht müde werden, sie zn widerlegen. Delitzsch gefiel sich noch in dem Gedanken, daß dieser gefeierte Schriftsteller bei der Abfassung Christ gewesen (Orient. Litbl. 1840 S. 98) und führt einen Schnitzer als Beweis dafür an. Gedalja Jbn- Jachja referiert nämlich von ihm: prob 'i nipr.n -nru isv m.n 'im'.n. Delitzsch verstand nun unter 'n-ii einen Christen. Bei etwas mehr Verständnis hätte er die Ungereimtheit einsehen müssen; das Wort bedeutet hier nämlich, daß dies Buch nicht Hebräisch, sondern Italienisch geschrieben war. Zu den Beweisen gegen Leons Übertritt bei Wolf, Dibliotlrsoa II p. 4.15, und der Bezeugung bei de Rosst und Jbn-Jachja läßt sich noch Folgendes hinzufügen. Amatus Lnsitanus kannte ihn noch nach seinem Tode als einen Juden (o. S. K, Anmerk). Ferner die Dialoge sind verfaßt 1502, und vom selben Jahre stammt sein versisiziertes Sendschreiben an seinen geraubten Sohn in Portugal, worin er Liebe zum Judentum und Bitterkeit gegen das Christentum ansspricht und auf Zions Glanz, sowie auf das Erscheinen des Davidsohnes hofft (Orai- Dlevbrrraä II p. 70). Noch mehr. Diejenigen, welche seine Bekehrung behauptet haben, scheinen die Dialoglri gar nicht gelesen zu haben. Denn darin nennt der Vers, die Talmndisten „die Weisen" schlechthin (Dialoglri, I p. 6 b) . . et 1i savii äieono, olrs il vero rieeo s gnello, ebs ss eoirtsnta cli guel gus possiscke; (Dialog'. III p. 100): e li sapieuti rrreta- pliorioawsuts cksolararro, ebs morirono (üloi'ss ecl ^.aron) baeeianclo 1a clivinitä. Beides Zitate aus der agadisch-talmudischen Literatur. Ferner nennt er Maimuni „den Unfern" (Dial. II. p. 96b): eck il rrostro Labt Uorss ck'Dgitto nsl sno lllorlrs. Eben so nennt er Abensnbron, d. h. Jbn-Gebirol (Dial. III p. 160): Doms pons il rrostro ^bsnsubron nel sno libro de tonte vitae. Bei Angabe eines Datums gebraucht er die jüdische Aera der Weltschöpfung (das. III p. 107). Liarrro sseoncko la veritä Debraroa ä eir.gns milia cknesuto ssssauta eins ckal prirreipio «lella ereations. Braucht man schließlich noch mehr Beweise, als den, daß sein Vater in seinem Schreiben an Saul Kohen noch im Jahre 1506 von ihm mit Zärtlichkeit spricht? — Der Irrtum, Leon Abrabanel Medigo zum Christen zu stempeln, beruht ans zivei Scheinbeweisen. Der erste Editor der Dialoglri von 1535, Mariano Lenzi, hat auf dem Titelblatt, wahrscheinlich, um christliche Leser dafür zn gewinnen, angegeben: Dialog-Irr ckr airrvrs eorrrposti per Dsorrs DIsckreo cli iiatioirs Debraso, s ckspoi tatto Olrristiarro. Das beweist also gar nichts. Dann wird im Texte unter denen, welche mit ihrem Leibe in den Himmel entrückt worden seien, Enoch und Elia, auch Johannes der Täufer angeführt. Aber das ist ohne Zweifel ein Einschiebsel von christlicher Hand. Kurz, Leon Abra- bancl Medigo ist bis an sein Ende Jude geblieben und hat die Dialoglri als Jude geschrieben. Was Delitzsch darin von der Trinitätslehre hat finden wollen, ist Phantasmagorie. Leon Abrabanel. 201 Erstgeborenen, behielt Leon Medigo die Geisteskraft, sich in die neuen Verhältnisse zu schicken, sich in italienische Sprache und Literatur zu versenken und die zerstreuten Züge philosophischer Gedanken in seinem Kopfe zu einem einheitlichen Bilde zu sammeln und abznrundcn. In kaum zehn Jahren seit seiner Flucht aus Spanien konnte er als gelehrter Italiener gelten, konnte mit den feingebildeten Männern des mediceischen Zeitalters an Geschmack wetteifern und sie noch an Vielseitigkeit des Wissens übertreffen. Mit derselben Feder, mit der er seinem in Portugal im Scheinchristentum erzogenen Sohne einen herzzerreißenden Ermahnungsbrief in hebräischen Versen schrieb „des Judentums stets eingedenk zu bleiben, die hebräische Sprache und Literatur zu Pflegen und sich die Trauer seines Vaters, den Schmerz seiner Mutter zu vergegenwärtigen, die den ganzen Tag um ihn weine und seinen Namen rufe"/) mit derselben Feder schrieb er seine „Dialoge der Lieb e", worin sich der Faden der tiefen Liebe Philos zu Sophia hindurchzieht. Dieser scheinbare Roman bildet den Rahmen zu Leon Medigvs philosophischem Systeme. Von Hause aus mit der aristotelischen und maimunischen Philosophie vertraut und in Italien mit der platonischen oder vielmehr neuplatonischen Metaphysik bekannt geworden, hatte er beide in seinem Kopfe zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen. In fließendem anmutigen Italienisch wickelt sich das Wechselgespräch zwischen Philo und Sophia über die höchste Bestimmung des Menschen ab. Das Lebensprinzip des Weltalls ist, nach Leon Abrabanel, die innige Liebe und das Verlangen jedes Wesens, eins für das andere zu sein. Sie ist der lebende Geist, welcher die Welt durchdringt, das Band, welches das All einigt. Mit Liebe hat Gott die Welt hervorgebracht. Er regiert und verbindet auch die Geisteswelt mit der Körperwelt mittels der Liebe. Diese Liebe muß aber gegenseitig sein. Tie Seele des Menschen muß ihrem Schöpfer Liebe entgegentragen, dann erreicht sie ihr Ziel. Dieses besteht in Tugend und Weisheit. Dadurch wird die höchste Glückseligkeit der Menschen erzielt, gewissermaßen ein wonnevolles Genießen der Gottheit. Durch die Jnnigkeit des Verhältnisses der Menschen zu Gott wird die ganze Natur veredelt und zur Bereinigung mit der Gottheit gebracht. Dies istungefähr derHauPtgedanke derLiebes- dialoge Leon Medigos. Das Ganze klingt mehr wie eine philosophische Idylle, denn wie ein strenges System; es herrscht darin mehr Phantasie als Gedanke vor, und die darin niedergelegten Bemerkungen sind mehr sinnig als wahr. Dem Judentnme stehen seine Liebesdialvge durchaus fern. Wenn auch manche biblischen Anschauungen und sogar tal- mudische Aussprüche eingeflochten sind, so verschwinden diese gegen 202 Geschichte der Juden. die Anhäufung von Ideen uns dein aristotelischen und Platonischen Kreise und von Deutungen der heidnischen Mythologie. Leon Medigo bezeugte der „hebräischen Wahrheit" hohe Verehrung und bemühte sich, die biblische Schöpfung aus nichts gegenüber der griechischen Philosophie festzuhalten, aber die eigenartige Lehre des Judentums war ihm nicht anfgegangen. Daher kam es dem: auch, daß sein Werk unter Christen mehr als unter Juden geschätzt wurde. Die Italiener waren stolz darauf, philosophische Gedanken zun: erstenmal in ihrer von ihnen so schwärmerisch geliebten Sprache entwickelt zu sehen. Ein italienischer Schriftsteller bemerkte: „Wenn die Dialoge des Hebräers Leon so gut italienisch stilisiert untren, wie sie es verdienen, würden wir weder die Lateiner, noch die Griechen zu beneiden haben?) Ein Römer M arianoLenzi, zog die „göttlichen Dialoge", wie er sie nannte, ans Licht und widmete sie einer edlen und geistvollen römischen Daum. Sie wurden eine Lieblingslektttre gebildeter Leser und in zwei Jahrzehnten fünfmal überdrnckt?) Zwei französische Schriftsteller (Denys Sylvestre und Sauvage Du-Parc) übertrugen sie ins Französische, und der letztere widmete sie der mächtigen Königin-Mutter Katharina de Medici?) Ein anderer Schriftsteller (Karl Saracenus) übertrug Leons Wechselgespräche ins Lateinische und widmete sie Grnnvella, Minister Philipps II. von Spanien?) Nicht lange darauf übersetzte sie ein Jude, Gedalja Ibn - Iachja, ins Spanische und widmete sie dem finsteren Könige selbst?) Die christliche Welt begann damals Interesse an philosophischen Fragen zu nehmen, die jüdische dagegen, auch die gehetzten Flüchtlinge aus der pyrenäischen Halbinsel, hatten den Sinn dafür eingebüßt. Ji: die, der strengen logischen Zucht entwöhnten Köpfe nistete sich die Kabbala mit ihrem tönenden Nichts ein; sie füllte gewissermaßen den leer gewordenen Raun: aus. Im sechzehnten Jahrhundert begann erst ihre Herrschaft über die Gemüter. Ihre Gegner, zuletzt noch Saul Kohe n aus Kandia, würdiger Jünger des Elia Telmedigo, waren tot oder nicht gelaunt, sich mit der ganzen Zeitrichtung auf den Kriegsfuß zu setzen, welche dein Geheimnisvollen, den: Paradoxen und Auffallenden nur allzu geneigt war. Sefardische Flüchtlinge wie Inda Chajat, Baruch von Benevent, Abraham L e v i, 0 Zitat bei Delitzsch a. a. O. cot. 88. 2) Erste Ausgabe Rom 1535, dann Venedig 1541, 1545, 1549, 1558. o) 1550, 155l. Die Übersetzung Sylvestrcs wurde korrumpiert in ein Visputu äi 8un Lalvestro st cli Imons llsbrso. 4) 1564. °) 1568. Später wurden sie noch zweimal ins Spanische übertragen; vergl. Delitzsch a. a. O. und Katalog der Bodleiana s. v. Ins Hebräische übersetzte sic Leon Modena, erschienen unter dem Titel ^ m-n Lyck 1871. Kabbalistischer Wahn. 203 M e 'i r beuGabbai, Ibn - Abi S i in r n hatten die Kabbala nach Italien und der Türkei eingeschleppt und erweckten ihr mit außerordentlicher Rührigkeit eifrige Anhänger. Auch die Schwärmerei christlicher Gelehrter, Egidio von Viterbo, Reuchlin, Galatini und anderer für die Kabbala iibte auf die Juden eine Rückwirkung aus. War die Geheimlehre bisher innerhalb der Judeuheit nur geduldet, so erhielt sie nun in der Zerfahrenheit und im Wirrwarr durch die Verfolgung und Wanderung einen offiziellen Charakter. Tiefer Lehre müsse doch eine tiefe Wahrheit zugrunde liegen, wenn sie bon vornehmen Christen so sehr gesucht werde! Tie kabbalistisch-gläubigen Prediger entwickelten deren Lehre — was bisher nicht vorgekommen war — von der KanzeU). In Fragen über Ritualien und Satzungen wurden auch die kabbalistischen Schriften zu Rate gezogen und gaben öfter den Ausschlag.-) Kein Wunder, wenn nach und nach mystische Elenrente aus dem Sohar irr die Gebetordnung Eingang fanden und ihr überhaupt einen geheimnisvollen Charakter aufdrückten.F Mit frecher Anmaßung behaupteten die Kabbalisten, daß sie allein im Besitze der mosaischen Überlieferung seien, und daß der Talmud und die Rabbiuen sich vor ihnen beugen müßten^) Es ging soweit, daß selbst ein Kabbalist, A braham Levi, eine Gotteslästerung in der Gebetweise der Kabbalisten fand, daß sie sich an die Engel oder an die Sefirot um Gehör ihrer Wunsche wendeten.^) Sie wagten sogar irr den Pcuta- teuchrolleu manche Wörter nach svharistischen Spielereien zu ändern und zu verunstalten, obwohl hierbei die skrupulöseste Korrektheit und Unveränderlichkeit des Textes zur Pflicht gemacht war. Denjenigen, welche die ursprüngliche Lesart wiederherstellen wollten, flößten sie abergläubische Furcht ein, daß dadurch Erblinden oder sonst ein Unglück unfehlbar erfolgen würde?) Solchergestalt wurde die Geheimlehre mit ihren Träumereien und Spielereien, die bisher nur in den Köpfen weniger Adepten spukte, allgemein unter der Judeuheit verbreitet und berückte den gesunden Sinn. Der Widerstand von seiten der Rabbiuen gegen mystische Eingriffe in den Ritus und das religiöse Leben überhaupt war nur schwach, da auch sie von der Göttlichkeit der h Lesum Levi b. Chabib Nr. 8 und Nr. 75 . -) Lesum David Jbn-Abi Simm scl. Livorno Nr. 8 , eä. Vsu. I Nr. 170 . h Siehe B. VII 2 S. 436 . u Lesum Tam Jbn-Jachja und Lesum Elia Misrachi, siche B. Vlllg 3 Seite 455 . v) Abraham Levis Sendschreiben an den Nagid Isaak Schakal Xerem 6 >iemeä IX m t 4 k fg. ") Lesum David Jbn-Abi-Simra sä- Livornv Nr. 101 . 22-22- 22 F F- c>ni . . . -nnn m -2 b2- 2-2212 '2 F- 2-2222 72 2--122- 2-2>2ipr»22 72 1212- 2^2 ns-I ,2^2122 22-N2 122,2 U '0 2-2222 U- MN '2 12-2N2 N2-NL2 N'2-222- '2 ,2-222^ '.22-2'2 nF 21M '22 227:2- 204 Geschichte der Juden. Kabbeln überzeugt waren und sich daher den Neuerungen nur matt- herzig widersetzteu. Es konnte nicht fehlen, daß die hohle Kabbala in den hohlen Köpfen Schwärmerei erzeugte. Wie bei den Essäern, so war auch bei den sohnristischen Mhstikern die Messiashoffnung der Angelpunkt ihrer ganzen Lehre. Das messianische Reich oder das Himmelreich oder das Reich der sittlichen OrdnungH zu fördern und das Eintreffen desselben durch Buchstaben- und Zahlenspielereien im voraus zu berechnen und zu verkünden, das war ihr Hauptaugenmerk. Isaak Abrabanel, obwohl der Kabbala nicht zugetan, hatte dieser messianischen Schwärmerei aus frommer Besorgnis Vorschub geleistet. Tie gehäuften Leiden der wenigen Überbleibsel von den Juden Spaniens und Portugals hatten vielen den Mut gebrochen und die Aussicht ans bessere Zeiten geraubt. Nicht bloß Ungebildete, sondern selbst gelehrte und fromme Männer gaben die so lang gehegte Messiashoffnung auf, wie einen süßen Traum, dem jede Möglichkeit zur Verwirklichung fehle. Ter jüdische Stamm sei für immer zum Leiden geboren, werde nimmermehr von dem Drucke erlöst werden, nimmermehr zur Freiheit und Selbständigkeit gelangen. Diese Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung seiner Landsleute, die, wenn nur sich greifend, die Wünsche der Kirche erfüllt hätten, schmerzten den im innigsten Glauben bewährten Isaak Abrabanel, und er machte sich daran, diesem gefährlichen klnmute entgegenzutreten. Er verfaßte drei Schriften,ch um aus der^Bibel, namentlich aus dem Buche Daniel und aus agadischen Sentenzen, den, wie er glaubte, allerstrengsten Beweis führen zu können, daß Israel auf eine glänzende Zukunft fest bauen dürfe, und daß die Messiaszeit unfehlbar eintreffen müsse. Mit dein ganzen jüdischen Schrifttum und auch mit der christlichen Literatur, mit Geschichte und Geographie vertraut, konnte Abrabanel dieses Thema gründlicher als bisher behandeln und entgegenstehende Ansichten, sei es von jüdischer oder christlicher Seite, widerlegen. Tie Wärme, mit der er diesen Stoff behandelte, stammte eben so sehr aus seinem Kopfe wie aus seinem Gemüte, denn die Messiashoffnung war für ihn ebenso sehr eine feste Überzeugung, wie eine Herzensangelegenheit. Man verzeiht dein mehr von Leiden als von: Alter gebrochenen sechzigjährigen Abrabanel, der diese Schriften mit zitternder Hand geschrieben, die herbei: Ausfälle gegei: die Schriftsteller, h Komment, zum Daniel mxs, vollendet 1. lebst — 6. Dez. 1496 (gedr. Ferrara 1551); II. über messianische Stellen in den Agadas M'e-L oyir-, voll. 2V. liebet — 26. Dez. 1497 (Karlsruhe 1826); III. über messianische Stellen in den Propheten und Psalmen .->>>,voll. 4. ^.llnr — 26. Febr. 1498 (Salonichi 1526). Ascher Lämmlcin. 205 welche den Messiasglauben nicht anerkannt (Galipapa) oder ihm eine untergeordnete Stellung innerhalb des Judentums angewiesen hatten (Aldo) i), da es ihn: eine Herzenssache und ein Notanker war. Aber er ging in seiner Rechtfertigung der Messiashoffnung zu weit, er wollte zuviel beweisen und geriet dadurch ebenfalls in kindische Spielerei. Nach seiner Berechnung müßte die messianische Zeit notwendigerweise im Jahre 5263 seit der Weltschöpfung (1503) anbrechen und die Voll- endnng derselben mit dem Falle Roms, etwa vier Jahreswochen später, eintreten.2) Seine Berechnung war aber ebenso willkürlich und erwies sich ebenso trügerisch, wie die seiner Vorgänger, Saa- dies, Abraham benChijas , N a ch m a n^i s und G e r s o- nide s' lwelche drei übereinstimmend 1358 als das messianische Jahr bezeichnet batten) und ebenso eitel wie die Vorausverkündigungen des A b r a h a m A b u l a f i a , des Mosede Le o n (im Sohar) und anderer Kabbalisten. Diese so bestimmt von einein besonnenen Manne, einer hochgeachteten Persönlichkeit verbürgte messianische Berechnung scheint, verbunden mit anderen kabbalistischen Träumereien einen Schwärmer aufgeregt zu haben, für die allernächste Zeit das Eintreffen der messianischen Erfüllung zu verkünden. Ein Deutscher, Ascher Lümmlein (oder Lämmlin)3), ^rat in Istrien in der Nähe von Venedig als mechanischer Vorläufer auf (1502). Er verkündete, daß, wenn die Inden strenge Buße, Kasteiungen, Zerknirschung und Wohltätigkeit betätigten, der Messias nach einem halben Jahre unfehlbar eintreffeu müsse. Eine Wolken- und Feuersäule werde ihnen, wie beim Auszug aus Ägypten, vorangehen, um sie ungefährdet nach der heiligen Stadt zu führen. Als Zeichen soll er angegeben haben, sämtliche christliche Kirchen würden plötzlich einstürzen. Die Gemüter waren durch die Leiden und den kabbalistischen Dusel für solche krampfhafte Erwartungen empfänglich. Ascher Lämmlein hatte daher einen Kreis von Anhängerngewonuen, welcheseine Verkündigung verbreiteten. Sie fand in Italien und Deutschland Anklang und Glauben. Es wurde viel gefastet, viel gebetet, viel gespendet. Man nannte die Zeit das „Bußjahr". Alle bereiteten sich zun: Eintritt des Wunders vor. Man rechnete sv gewiß auf die Erlösung und Rückkehr nach Jerusalem, daß man das Bestehende geradezu niederriß. Die Nüchternen und Besonnenen wagten nicht, der allgemeinen Schwärmerei entgegenzutreten. Selbst Christen sollen an Ascher Lämmleins messianische y Vergl. B. VIII^ S. 32, 177. Abrabanels Ausfälle gegen dieselben im Werk 1 x. 91, II p. 15, 17 und Ans. von III, auch in seinem enien emi. ') Im Jahre 1531 und 1532. Bergl. Abrabanel I p. 78, 86, 102, 122; II x. 6b, 12 e; III p. 16 b, 221. b) Siehe über ihn Note 3. Geschichte der Juden. 206 Prophetie geglaubt haben. Aber der Prophet starb oder kam plötzlich um, und damit hatte der Schwindel ein Ende. Diejenigen, welche fest und hingebend au ihn geglaubt, waren am meisten von der Enttäuschung betroffen. Biele Juden traten infolgedessen zum Christentum über.*) Isaak Abrabauel, der das von ihm ausgerechnete mechanische Jahr und die Lämmleinsche Bewegung erlebt hatte, mag nicht wenig davon beschämt gewesen sein. Er hütete sich daher, in den Büchern, die er nach diesem Jahr vollendet hat, eine mechanische Berechnung aufzustellen. Allein mit dem erfolglosen Ende des Lämmleinschen Bußjahres war die Messiashoffnnng keineswegs in den Gemütern erloschen; sie war ihnen notwendig, um sich in dein Elende aufrecht zu erhalten. Die Kabbalisten hörten darum nicht auf, diese Hoffnung Vvn neuem anzuregen und derer: wunderbare Verwirklichung von neuen: zu verheißen. Selbst in: Kreise der Marranen war der Messiasglaube rege; sie klammerten sich daran, weil er ihnen einen Hoffnungsstrahl, die Erlösung aus ihren: Elend bot. Ungefähr zur selben Zeit verkündete eine junge Marranin Vvn fünfzehn Jahrei: in Herrera in der Gegend von Badajoz, daß der Messias mit ihr gesprochen und sie in de:: Himmel gehoben habe, wo sie alle die Märtyrer, welche auf den Scheiterhaufen verbrannt worden waren, auf goldene:: Stühlen sitzeil gesehen. Dieses marranische Mädchen bestärkte die Hoffnung, daß der Messias sich bald offenbareil und alle ins gelobte Land führen werde. Viele Marranen ii: der Stadt und auswärts glaubte:: der Prophetin des Messias und suchten sie auf, auch solche, welche früher wegen Judaisierens augeklagt, durch reuiges Geständnis absolviert worden waren. Als die Schwärmerei ai: den Tag kam, wurde:: achtunddreißig, welche durch den Glaube:: an den Messias den Rückfall ins Judentum verrate:: hatten, in Toledo auf den: Scheiterhaufen verbrannt.?) Drei Jahrzehnte später entstand unter ihnen eine viel bedeutendere messianische Bewegung, welche vermöge ihres Umfanges und durch die dabei beteiligten Persönlichkeiten einen interessanten Verlauf nahm. Die Marranen in Spanien und Portugal spielten dabei eine Hauptrolle. Diese Unglücklichsten aller Unglücklichen, die ihren: angestammten Glauben entsagt, sich gewissermaßen ihren: eigenen Selbst entfremdet hatten, Kirchenriten mitmachen, ja sie noch peinlicher befolgen mußten, obwohl sie ihnen in tiefster Seele verhaßt waren, wurden deswegen von der Inquisition und den: Hasse der christlichen Bevölkerung verfolgt und an ihre Abstammung gewiesen. Der Großinquisitor Torquemada hatte es bei::: Papste Alexander VI. durchgesetzt, daß 0 Bergt, oben Seite 72 Note 3. Llorente lnsloirs äs bluqnisition I, 345 S. B. VIII 3, 479. Inquisition gegen die Marranen. 207 Marrnnen nicht in den Dominikanerorden von Avila als Mönche ausgenommen werden sollten, weil er ihnen mißtraute?) Sie erduldeten ohne Redeschwulst ein wahres Höllenleben. Der größte Teil von ihnen konnte bei aller Selbstüberwindung keine Zuneigung zum Christentum fassen. Wie konnten sie auch ein Bekenntnis liebgewinnen, dessen Träger täglich Menschenopfer verlangten, und diese unter den nichtigsten Vorwänden unter den Scheinchristen aussuchten? Unter dem zweiten spanischen Großinquisitor Deza waren fast noch größere Grausamkeiten vorgekommen, als unter dein ersten, Torquemada. Er und seine Werkzeuge, ganz besonders Diego Rvdriguez Lucero, ein frommer Henker in Cordova, hatten so viele Schändlichkeiten begangen, daß ein von sittlicher Entrüstung erfüllter Zeitgenosse die Inquisition drei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung mit den grellsten Farben schilderte. „Der Erzbischof von Sevilla (Deza), Lncero und Inan de la Fuente haben alle diese Provinzen entehrt. Ihre Leute achten weder Gott, noch die Gerechtigkeit, töten, stehlen und schänden Weiber und Mädchen zur Schmach der Religion. Die Schäden und das Unglück, welche die schlechten Diener der Inquisition in meinem Lande verursacht haben, sind so groß und so vielfach, daß jeder darüber betrübt sein muß". Lucerv (der Lichtvolle), von seinen Zeitgenossen wegen seines finstern Tuns Tenebrer o (der Finstere) genannt, hat die Schlachtopfer zu Tausenden gehäuft; er war unersättlich nach jüdischem Märtyrerblut. „Gebt mir Juden zum Verbrennen", soll er immer gerufen haben. Sein Fanatismus war in kannibalische Raserei nmgeschlagen. Jede Anzeige eines Marraneu, daß er jüdische Riten beobachtet, galt Lucero als begründeter Verdacht, und jeder Verdacht als erwiesene Schuld, die auf dein Scheiterhaufen gebüßt werden müßte. Unter den von Lucero eingezogenen Marranen ersannen einige aus Verzweiflung oder Rachegefühl oder aus List ein Anklageverfahren, welches recht viele vvn altchristlichem Blute und hohem Stande als Mitschuldige verwickeln sollte. Sie gestanden das ihnen zur Last gelegte Verbrechen ein und gaben an, daß in Cordova, Granada und anderen südspanischen Städten von Marranen Häuser als Synagogen benutzt würden, zu denen der und der, die und die, sogar Nonnen und Mönche und harmlose Mädchen von spanischem Vollblute zu wallfahren pflegten, um die jüdischen Feste mitzufeiern und jüdische Prediger anzuhören. Diese Anklage schien ganz unglaublich, ganz unwahrscheinlich. Wohlerzogene christliche Mädchen, die selten die Schwelle ihres Hauses zu überschreiten pflegten, sollten meilenweit gewandert sein, um unter Todesgefahr dem Gottesdienste in einer versteckten, >) Loletän 1887, 129, Lsvns ä. litt. XVIIl 137 L. VIII S. 106. 208 Geschichte der Juden. geächteten Synagoge beizuwohnen! Nichts destvweniger ließ Lucero eine Menge alter Christen mit neuen zugleich einkerkern und die be- zeichneten Häuser niederreißen. Tie Schergen der Inquisition hatten alle Hände voll zu tun. Es entstand aber dadurch eine drohende Gärung in Cordoba; die angesehensten Personen klagten über dieses Verfahren des Inquisitors Lucero und gingen den Großinquisitor an, ihn seines Amtes zu entsetzen. Teza war aber mit ihn: einverstanden, und so wurden auch die Unzufriedenen, Ritter, Vornehme, Donas, Geistliche und Nonnen als Begünstiger jüdischer Ketzerei angeklagt. Ihren Verwandten gelang es indes bei dem kastilianischen Könige von wenigen Monaten, dem deutschen Prinzen Philipp I., Jsabellas Schwiegersohn und Nachfolger, die Entsetzung Dezas und Luceros zu bewirken. Dafür nahmen diese aber nach dem Tode desselben schwere Rache an ihren Feinden unter dem frömmelnden Fernando, seinem Nachfolger in Kastilien. Es entstand eine so einhellige förmliche Revolution in Cordoba gegen die Inquisition, geleitet von hohen Adeligen, daß der zum zweiten Mal zur Regierung gelangte König genötigt war, Lucero zu verbannen und auch einen andern Großinquisitor in der Person des itzimenes von Cisneros zu ernennend) Der dritte Großinquisitor verfuhr schonender gegen die verdächtigen Altcbristen, ließ aber nicht weniger Neuchristen von jüdischer und maurischer Abstammung verbrennen. Er war es auch, der gegen Karl V. eine drohende Sprache führte, als er im Begriffe war, den spanischen Marranen für 800 000 Goldkronen die Freiheit ihres jüdischen Bekenntnisses einzuräumen. Die flandrischen Räte, denen der Kaiser die Frage zur Entscheidung vorgelegt, waren dafür gestimmt, aber der Begriff Freiheit und Duldung waren Mmenes' Ohr und Herz leere Laute. Er verbot seinein kaiserlichen Zöglinge, die Juden zu dulden, wie es Torquemada Karls Urahnen verboten hatte.?) Seine Nachfolger waren nicht weniger rechtgläubig, d. h. nicht weniger unmenschlich. Unter diesen bekamen die jüdischen Schlachtopfer christliche Mitschuldige und Leidensgenossen. Die refor- matorische Bewegung in Deutschland hatte auch in Spanien einen Widerhall gefunden. Luthers und Calvins Lehre von der Verwerflichkeit des Papsttums, der Priesterschaft und des Zeremoniendienstes war durch die Verbindung Spaniens mit Deutschland infolge der Personalunion des Kaisers Karl auch über die Pyrenäen gedrungen. Der Kaiser, dem die Reformation in Deutschland so viel zu schaffen machte, gab dein heiligen Offizium die Weisung, streng gegen die lutherisch Gesinnten in Spanien zu verfahren. Dem blutdürstigen Ungetüme war die ihn: zugewiesene Beute willkommen, und fortan 0 Llorente, bistoirs äs l'Inqnisition sn UspaZ-ns I p. 345 fsi H In allen Biographien des Kardinals, Großinquisitors und Regenten Limcnes mitgeteilt. Die Marranen in Portugal. 209 ließ es eine Art Gleichheit gegen Juden, Mohammedaner und lutherische Christen eintreten. Jedes Auto da Fe verkohlte in gleicher Weise die Märtyrer der drei verschiedenen Religionsbekenntnisse?) Mit den jüdischen Marranen in Portugal hatte es eine andere Bewandtnis als mit denen in Spanien. Der König Manoel, welcher die zum Auswandern gerüsteten Juden gewissermaßen an den Haaren zur Danse zerren ließ, hatte ihnen, nur sie nicht zur Verzweiflung zu treiben, sein Wort verpfändet, daß sie zwanzig Jahre unbelästigt von der Inquisition wegen ihres Glaubens und Tuns bleiben sollten?) Selbst hebräische Bücher zu besitzen und zu lesen war ihnen gestattet. Vertrauend darauf, wagten die portugiesischen Marranen mit weniger Heimlichkeit als die spanischen, die Satzungen des Judentums zu beobachten. In Lissabon, wo die meisten derselben wohnten, hatten sie eine Synagoge, in der sie um so andächtiger zum Gebet zusammen zu kommen pflegten, als sie äußerlich die Kirchenriten mitmnchen mußten und daher in ihrem Gotteshause mit Zerknirschung Gott um Verzeihung wegen der begangenen Sünde des Götzendienstes anslehten. Die Erwachsenen unterrichteten die Unmündigen in Bibel und Talmud und legten ihnen das Judentum eindringlich ans Herz, um sie vor Versuchungen zum aufrichtigen Übertritt zum Christentum zu warnen. Tie portugiesischen Marranen hatten auch mehr Freiheit anszuwandern und begaben sich nach Veräußerung ihrer Besitztümer einzeln oder in Gruppen nach der Berberei oder nach Italien und von da nach der Türkei. Zwar hatte Manoel, nur der Auswanderung der Marranen zu steuern, eine Ordonnanz erlassen, daß ein Christ ein Tauschgeschäft mit Neuchristen bei Verlust des Vermögens nicht abschließen und liegende Gründe von ihnen nur mit königlicher Erlaubnis kaufen, und daß kein Marrane mit Frau, Kindern und Gesinde ohne ausdrückliche Bewilligung des Königs außer Landes reisen dürfte?) Aber wie leicht konnte ein solches Gesetz umgangen werden! Sind auch manche Marranen bei der Auswanderung ertappt und bestraft worden — wie einst eine Gesellschaft solcher Unglücklicher, auf einem Schiff heimlich nach Afrika segelnd, vom Sturme getrieben, erst an: Gestade der Azoren landend, dort zur Sklaverei verdammt wurde?) — so gelang es doch anderen, der Wachsamkeit der Grenzaufseher zu entgehen. Tie spa- 9 Llorente a. a. O. II Auf. und p. 337 ff. ') Siehe B. VIII 3 S. 386. Auszüge aus Archiven über die Schicksale der Marranen in Portugal, Ilsreulnno än orig'sm s estndslsoimento >aers8eo8, äiinitti inanäavilnn8. 14 * Geschichte der Juden. älä nötiger als ein Fenerwunder"?) Bei dieser Äußerung fielen die Weiber über den unvorsichtigen Marranen her, schlugen und rauften ihn, Männer kamen dazu und schlugen ihn tot. Auch seinen Bruder, der ihm zu Hilfe gekommen war, tötete die aufgeregte Volksmenge. Richter und Polizeimänner, welche die Mörder verhaften wollten, wurden verfolgt und mit dem Tode bedroht, so daß sie sich in ein Haus retten mußten. Durch diese Vorgänge entstand ein'Auflauf in der Stadt. Ein Dominikaner forderte die an der Kirche versammelte Volksmenge in einer wütenden Predigt zur Ermordung der verdammten Neu- christen auf, weil der König sie begünstige, und zwei andere, Ioäo M o ch o und Fratre Bernardv , zogen gar mit Kreuzen durch die Straßen unter dem Rufe „Ketzerei, Ketzerei'" Die ganze Volks- Hefe der unruhigen Hauptstadt kam in Aufruhr, und zu ihr gesellten sich deutsche, niederländische und französische Matrosen, die Gelegenheit zum Plündern benutzend. So zogen nahe an 10 000 Mörder durch die Stadt und erschlugen die Marranen, Männer, Frauen, Kinder, wo sie sie antrafen, auf den Straßen, in den Häusern und Verstecken. Auf dem Platze der Dominikanerkirche, dem Ausgangspunkte der Bewegung, wurde ein lodernder Scheiterhaufen angezündet und Marranen darauf verbrannt. Dorthin schleiften die Buben die Leichname der Gefallenen an Stricken und schichteten zwei große Haufen davon auf. Sv ging es die ganze Nacht hindurch. Von Sonntag nachmittag bis Montag gegen Mittag sollen fünf- bis sechshundert Marranen auf solche elende Weise umgekvmmen sein. Damit war aber das Gemetzel noch lange nicht zu Ende, sondern wurde noch zwei Tage fortgesetzt. Ein Deutscher, der damals in Lissabon anwesend war, berichtete: „Am Montag bekam ich Dinge zu sehen, die fürwahr unglaublich zu sagen oder zu schreiben sind, wenn man sie nicht selber gesehen hat, von so großer Grausamkeit sind sie. Ich sah drei Mönche in der Stadt umlaufen, jeder mit einem Kreuze und sie schrien: „Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! Wer dem Christenglauben und dein Kreuze beistehen will, der komme zu uns, wir wollen gegen die Inden kämpfen und sie alle totschlagen!" So wurde das Kreuz abermals eine Fahne für Mörder, die den Trägern desselben in verschiedenen Haufen nachzogen, die Marranen aus ihren Verstecken bei Christen und selbst aus Kirchen zogen und sie tot oder ') Nachrichten über dieses Gemetzel bei sämtlichen portugiesischen Chronisten; neue Quellen i der Bericht eines deutschen Augenzeugen (o. S. 210), ferner eine Klageschrift der Marranen für den Papst, die G. Heine und Herculano benutzt haben x. 142 fg. Von jüdischer Seite Salomon Jbn-Verga a. a. O., der angibt: .11 nb 'i> >128 ll'2' lim '.1"i l'xb PI12 1N2U!^0 II'III ,11'U Gemetzel unter den Marranen in Lissabon. 213 lebendig zu den Scheiterhaufen zerrten. Schwangere Frauen.wurden ans den Fenstern geworfen und von Draußenstehenden ans Spießen aufgefangen, und die Frucht wurde öfter weithin geschleudert. Am meisten wurde Jagd auf den verhaßten Zollpächter Mascarenhas gemacht, der sich tags zuvor aus seinem Hause, wo er bereits belagert war, gerettet hatte. Als er gefangen und erkannt wurde, kühlte jedermann, auch Weiber und junge Mädchen, ihren Fanatismus an ihm. Jedermann stieß, stach und schlug ihn; wer nicht einen Hieb oder Stich seinem Leibe versetzen konnte, glaubte nicht selig werden zu können. Tann wurde sein Hausmöbel zertrümmert und nach dem Domini- kanerplatz geschleppt, um einen eigenen Scheiterhaufen für ihn anzuzünden. Es war aber nicht genug Holz für den Brand vorhanden, da schossen deutsche Matrosen in heiliger Einfalt Geld für Brennmaterial zusammen und fühlten sich ganz selig, das Mascarenhas auf ihrem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Auch am dritten Tage dauerte das wahnsinnige Gemetzel fort, namentlich in der Umgegend von Lissabon, wohin sich Marranen geflüchtet hatten. Das Bauernvolk folgte dem Beispiele des hauptstädtischen Gesindels. Schändungen an Frauen und Jungfrauen fehlten nicht bei dieser fanatischen Hetzjagd. Ein marranisches Mädchen, ans deren Keuschheit ein Mönch einen Angriff gemacht hatte, tötete ihn mit seinem eigenen Messer. Vergebens forderte der Gouverneur die Vvlksmassen im Namen des Königs auf, vom Morden, Rauben und Plündern zu lassen, vergebens ermahnte er die Mönche, ihre aufwiegelnden Kruzifixe in die Kirche zurückzustellen. Sie hielten es für eine fromme Tat, die Neuchristen zu morden und deren Güter an sich zi?ziehen. Doch legte sich nach und nachder Sturm, nachdem Mascarenhas'Tod bekannt geworden war, und der Gouverneur an verschiedenen Plätzen aufgegriffene Mörder hatte hangen lassen. Es gab auch keinen Marranen weiter zu erschlagen. Die Zahl der umgekommenen Neuchristen wird zwischen 2000 bis 4000 geschätzt. Selbst alte Christen wurden bei dieser Gelegenheit von ihren Feinden erschlagen. Der König war natürlich über dieses Gemetzel entrüstet; war es doch halb gegen seine Nachsicht gegenüber den Marranen gerichtet. Er ließ daher viele Rädelsführer fangen und bestrafen, zwei aufwieglerische Mönche wurden verbrannt. Die Bürgerschaft büßte ihre Selbstregiernng ein, weil sie nicht tatkräftig gegen das Mordgesindel aufgetreten war. Durch dieses Gemetzel war das Los der Marranen in Portugal gefallen. Das Volk wurde durch die Parteinahme des Königs für sie um so erbitterter gegen sie und sehnte sich nach ihrer Vertilgung. Ihr Leben hing also nur von der augenblicklichen Gunst des Königs ab. Vergebens fuhr Manuel fort, sie zu beschützen. Er bestimmte durch ein Dekret (vom März 1507): daß die Neuchristen den alten 214 Geschichte der Juden. gleichgestellt seien, und daß sie auswandern durften, und durch ein anderes (1512), daß sie noch sechzehn Jahre wegen ihres religiösen Verhaltens nicht vor ein Gericht gestellt werden sollten.*) Die altchristliche Bevölkerung blieb indes aus Rassenantipathie und Brotneid gegen die neuchristliche feindselig und erbittert. Aufreizende Schriften gegen die Marranen wurden an öffentlichen Plätzen angeschlagen. Manoel selbst wurde fast gegen seinen Willen Wiederuin zu Beschränkungen gegen sie hingerissen. Er verbot ihnen, abermals das Auswandern aus Portugal und unterhandelte schon mit dem Papste Leo X. — trotz wiederholter Zusicherung von Straflosigkeit wegen Judai- sierens —eine Art Jnquisitionsgericht für sie einzuführenA) Der König Manoel wurde gewissermaßen von dem Fluche seiner Untat gegen die Inden verfolgt, er konnte ihre unheilvolle Wirkung nicht bemeistern. Eine andere Wendung nahm das Verhältnis der portugiesischen Marranen unter seinen: Nachfolger Joäo III. (1522—1557), jenem Dummkopf, der den Ruin seines Landes geradezu herbeigeführt hat. Schon als Jnfant galt er als entschiedener Feind der Neuchristen. Zwar achtete er anfangs die Bestimmung seines Vaters, sie den Altchristen gesetzlich gleichzustellen und keine Untersuchung wegen ihres Religionsverhaltens bis zur abgelaufenen Frist anstellen zu lassen (1522, 1524)3). Aber diese günstige Nachsicht verdankten die Marranen den älteren Räten seines Vaters, welche einerseits noch erfüllt von der gewaltsamen Art bei deren Bekehrung waren und anderseits die Nützlichkeit derselben für das Gedeihen dieses kleinen damaligen Großstaates zu würdigen wußten. Dein: die Marranen waren die nützlichste Volksklnsse wegen ihrer Tätigkeit, ihres Großhandels, ihrer Bankgeschäfte und ihrer Kunstfertigkeit, selbst als Waffenschmiede und Kanonengießer. Sie waren im Alleinbesitze der nützlichen Kenntnisse der Medizin und Naturwissenschaften, und was damit zusammenhing. Es gab in Portugal fast nur jüdische, d. h. marranische Ärzte und Apotheker.^) In dem Maße, als sich entgegengesetzte Einflüsse aus Joäo geltend machten, und er sich jener Räte allmählich entledigte, erlangte seine fanatische Stimmung gegen die Neuchristen die Oberhand. Die Königin Katharina, eine spanische Infantin, von Bewunderung für das Glaubensgericht ihres Vaterlandes erfüllt, und die blutdürstigen Dominikaner, neidisch ') Bei Heine a. a. O. S. 159; Herculano das. x. 153 fg. Llorente, In- «imsition en LgxaZ-ns II x. 99. Bergt, das. II p. 42 Note, wo nachgewiesen ist, daß, da das erste Jndulgenz-Privilegium, 1497 ausgestellt, für 20 Jahre dauern sollte, so liefen diese 1517 ab, durch die Prolongation auf 16 Jahre dauerte also die Jndulgenz bis 1533. si Urkunde bei Herculano von 1515 das. x. 162 fg. °) Am besten das. x. 178 fg. 207. Die Frist sollte also erst IbN ablaufen. ») Das. I x. 186, II x. 30, 275. Ioäo III. und die Mcirrnnen in Lissabon. 215 cmf die Macht ihrer Ordensgenossen in Spanien, bestürmten den König mit Klagen über das lästerliche Verhalten der Marranen gegen den Jesusglauben und drangen daraus, deren Treiben durch Einführung der Inquisition zu steuern.*) Ioäo III. trug infolgedessen einen: Beamten, Jorge Themndo, ans, das Leben der Marranen in Lissabon, ihrem Hauptsitze, zu beobachten und ihn: Bericht darüber zu erstatten. Wie dieser ausgefallen ist, läßt sich Non selbst denken; allzu rechtgläubig und christkatholisch fromm waren die Neuchristen keineswegs. Liebe zum Christentums konnte nun einmal in ihren Herzen keine Wurzel fassen. Themudo wich wohl nicht weit von der Wahrheit ab, wenn er dem Könige mitteilte (Juli 1524), daß einige Marranen Sabbat und Passahfesi beobachteten, daß sie dagegen die christlichen Riten und Zeremonien so wenig als möglich mitmachten, nicht der Messe und den: Gottesdienste beiwohnten, nicht zur Beichte gingen, beim Sterben nicht die letzte Ölung verlangten, ihre Leichen in jungfräulicher Erde und nicht in Kirchhöfen beerdigten, daß sie für ihre verstorbenen Verwandten keine Seeleninesse halten ließen und ähnliches mehr.?) Ioäo hatte sich aber mit Themudvs Bericht nicht begnügt, sondern eine spionierende Aufpasserei gegen die Marranen veranstaltet. Ein aus Spanien eingewauderter Neuchrist, namens Henrique Nutzes, der später den kirchlichen Ehrennamen Firme-Fe erhielt, wurde vom König dazu gebraucht. Dieser hatte sich in der Schule des Blutmenschen Lncero (o. S. 207) zum glühenden Marranenhasser ausgebildet, und es war sein sehnlichster Wunsch, auch in Portugal Scheiterhaufen für sie entzündet zu sehen. Ihm gab der König den förmlichen, natürlich geheim gehaltenen Auftrag, sich in die Familien der Neuchristen einzuschleichen, mit ihnen wie ein Bruder und Leidensgenosse zu verkehren, sie zu beobachten und ihm seine gesammelten Erfahrungen mitzuteilen. Von Fanatismus und Haß gegen seine Stammesgenosseu verblendet, merkte Nutzes gar nicht, welch eine verwerfliche Rolle als genreiner Spion ihn: zugeteilt wurde. Er übernahm den Auftrag nur allzu willig, erfuhr die Geheimnisse der seelen- gemarterteu Marranen in Lissabon, Evora und anderen Orten und berichtete alles, was er gesehen und vernommen, in Briefen an den König. Mit dem Bruderknsse verriet er sie, die. ihn in jede Falte ihres Herzens blicken ließen. Er berichtete an den König nicht nur, daß sie keine katholischen Gebetbücher in ihren: Hause, keine Heiligenbilder auf ihren Schmucksachen und auf Tafelgeschirr hätten, daß sie keine Rosenkränze gebrauchten und dergleichen mehr, sondern er gab auch erculano, p. 18l f., 188, 206 fg. 'ns p. 189 fg. 216 Geschichte der Juden. die Namen der judaisierenden Marranen an, und erteilte gehässige Ratschläge gegen sie. Henriqne Nunes beging noch einen grausigeren Verrat — fast möchte man ihn von dieser Ungeheuerlichkeit freisprechen und die Schuld auf das glaubenswütige Christentum damaliger Zeit wälzen — er zeigte seinen eigenen Bruder an, daß derselbe, anstatt, seinem Rate gemäß, nach Spanien zu gehen, um dort fromm katholisch erzogen zu werden, nach Lissabon zurückgekehrt, sich heimlich dem jüdischen Bekenntnisse ergeben habe.H Joäv III. war infolge dieser durch Verräterei erlangten Nachrichten entschlossen, die Inquisition nach dein Muster der spanischen in sein Land einzuführen, und sandte heimlich den zuverlässigen Nunes an Karl V. nach Spanien, wahrscheinlich um ihn dafür zu gewinnen und Einfluß auf den Papst auszuüben, daß er die Einführung der Inquisition innerhalb der den Marranen bewilligten Frist gewähren solle. Die Marranen hatten aber Wind davon bekommen und waren über den gewissenlosen Spion so sehr erbittert, daß zwei derselben ihm nachsetzten, mn seinen Verrat mit den: Tode zu bestrafen. Es waren zwei Franziskanermönche oder solche, die sich zum Scheine in das Mönchsgewand gehüllt hatten, Diego Vaz aus Olivenya und Andre Dias aus Vianna. Sie erreichten ihn unweit der spanischen Grenze bei Badajoz und töteten ihn mit Schwert und Lanze. Sie fanden auch Briefe bei ihm, welche von der Einführung der Inquisition handelten. Die Rächer oder Mörder, wie sie die rechtgläubigen Christen nannten, wurden aber entdeckt, zur Rechenschaft gezogen, und ohne daß sie ihr Mönchsgewand schützen konnte, auf die Folter gespannt, um ihre Mitschuldigen anzugeben, und zuletzt zum Galgen verurteilt. Das Gericht verhängte die strengste Strafe über sie, und es wurden ihnen vor der Hinrichtung die Hände abgehauen und sie an Pferdeschweifen zum Richtplatz geschleift (Anfang 1525). 2 ) Der Verräter Nunes wurde aber als Märtyrer verehrt, fast heilig gesprochen und erhielt den Ehrennamen F i r ni e Fe (Glaubensfest); die Stätte, wo er getötet worden, galt in den Augen der verblendeten Menge als ein Heiligtum und die Dominikaner sprengten Wunder aus, welche dieser Verräter verrichtet haben sollte. Man sollte nun erwarten, daß der fanatisierte König nach diesem Vorfälle mit noch größerem Eifer die Einsetzung deS Jnquisitions- tribunals gegen die siidaisierenden Marranen betrieben hätte, deren >) Das. x. 195 fg., 199 fg., 205. Diese Schändlichkeit wäre unglaublich, wenn der Fanatiker sie nicht selbst erzählte: Ln 1a primsra auäisnoia gns ins lriso msreeä (ei Lei) äs ins o^r me gusxs ässts mi bsrmaöo, gus lo babia manäaäo bnrtar äs aoä para Oastilla por Io ba^sr Oatbolioo, oomo lo tsnia bsobo, s vino a Lisboa, a barsrss suäio oomo los otros. ") S. die italienische Information Note 6 und Herculano a. a. O. p. 200 fg. 217 Jv'v III. und die Marranen in Portugal. Namen ihni durch Nunes' Liste bekannt geivvrdeil und die, wie daraus' gesetzt war, an dessen Tvd mitschuldig waren. Ter König ließ in der Tat sogleich eine strenge Untersuchung, um die Mitschuldigen der beiden marranischen Mönche zu ermitteln, durch einen Hauptfcind der Neuchristen anstellen, durch den Professor Petro M a rgal h o, denselben, welcher ihm Nunes als zuverlässiges Werkzeug empfohlen hatteck) Er hatte um so mehr Veranlassung, mit Strenge gegen die Marraneu zu verfahren, als zur selben Zeit die Cortes Klagen gegen diese erhoben, die, wie ungerecht sie auch waren, ihm einen Vor- wand zur Verfolgung der für gelneinschädlich gehaltenen Vvlksklasse bieten konnten. Tie in Torras-Novas (1525) versammelten Cortes hatten nämlich Beschwerde geführt,?) daß die Marranen die Renten der großen Besitzungeil au sich gerissen, daß sie Getreidewucher im großen trieben und die notwendigsten Lebensmittel verteuerten, daß sie allein die Arzneikuude austtbten, auch im Alleinbesitze der Apotheken wären und dadurch den alteil Christeil schädliche Medikamente verabreichten. Tie Cortes hatten daher au den König das Gesuch gestellt, daß den Neuchristeil verboten werden sollte, Apotheken zu besitzen und den marranischen Ärzten, die Rezepte in lateinischer Sprache zu schreiben, da außer ihnen sie nur wenige verständen. Sie hatteil auch verlangt, daß dafür gesorgt werden sollte, altchristliche Jünglinge Medizin studieren zu lassen, um den neuchristlicheil Ärzten dieses Monopol aus den Händen nelimen zu können. Unerwarteter- weise ging Don Jväo gar nicht ans diese Klagen ein und erließ keinerlei Beschränkungen gegen die Marraneu.^) Auch die Untersuchung gegen die Mitschuldigen an Nunes' Tvd wurde, wie es scheint, geflissentlich in die Länge gezogen^) Es wird ausdrücklich berichtet, der Köllig habe damals deil Plan zur Einführung der Inquisition fallen lassend) Welchem Umstande hatten die bereits aufs Schlimmste gefaßten portugiesischen Marranen diese Gunst zu verdanken? Ein Zufall, die Kühnheit eines Abenteurers scheint anfangs eine günstige Umstimmung im Gemüte des schwachen, wankelmütigen Königs hervorgerufen zu haben. Ein aus dem dlchten Tunket herausgetreteuer Mann aus dem fernen Osten, von dem man nicht weiß, ob er ein Betrüger oder ein alles wagender Schwärmer war, und ob er eine messianische oder U Herculano das. x. 208 fg., s. auch dieselbe blote 6. h Herculano, das. x. 185 fg. U Das. i>. 187. h Nach Herculano, 195 Note, wurde der Prozeß im Februar 1525 ein- geleüet, und die Berichterstattung darüber erfolgte erst etwa Oktober 1527; das. x. 208 f., 209 blote. h Italienische Information Note 6. 218 Geschichte der Juden. eine politische oder Abenteurerrolle zu spielen gedachte, hat in derselben Zeit eine tiefgehende Bewegung in der Judenheit veranlaßt, und davon sind die Marranen im äußersten Westen berührt worden. David, der Abstammung nach wohl ein M o r g e n l ä n d e r der eine geraume Zeit in Arabien und Nubien geweilt, trat nämlich plötzlich in einer eigentümlichen Rolle in Europa auf und erweckte durch Wahrheit und Dichtung unerfüllbare Hoffnungen. Er gab sich nämlich als Abkömmling des angeblich unabhängig in Arabien lebenden altisraelitischen Stammes Reuben aus, und zwar als Prinz nnd Bruder eines dort regierenden jüdischen Königs, vormals Joseph, und ließ sich daher T avid Reubeni nennen. In Arabien hatte er sich tatsächlich aufgehalten und zwar in der Landschaft Chaibar im nördlichen Hegas, wo zur zeit Mohammeds und noch später unabhängige jüdische Stämme wohntenA) Möglich, daß noch im sechzehnten Jahrhundert neuerdings eingewanderte Juden ihre Unabhängigkeit von den herrschenden, mohammedanischen Stämmen durchgesetzt hatten. Aber daß diese Juden Überbleibsel der ehemaligen Stämme Reuben und Gad waren, und daß sie unter einem jüdischen Herrscher standen, der noch dazu aus der Tavidischen Konigssamilie stammte, (wie David Reubeni erzählte), war unstreitig ein von ihn: erfundenes Märchen. Dieser Mann mit einer großen Lust an Abenteuern und Irrfahrten verließ Chaibar (Dezember 1522), wanderte mehrere Monate in Nubien umher, öfter unter mohammedanischer Verkappung, wollte auch dort zwischen den: weißen und blauen Nil Überbleibsel ehemaliger Stämme gefunden haben und traf endlich in Ägypten ein. Tort erzählte er zuerst sein Märchen von einem mächtigen jüdischen Staate in Chaibar, scheint aber wenig Glauben gefunden zu haben. Auch in Palästina, wo er mehrere Monate weilte, (März bis Juni 1523), scheint er kein geneigtes Ohr für seine abenteuerlichen Erzählungen und Pläne gefunden zu haben, und reiste daher über Alexandrien nach Venedig (Februar 152-l). In diese ehemalige Weltstadt, die Vermittlerin zwischen Europa und Asien, war bereits von Palästina aus der Ruf von dem Sendboten der altisraelitischen Stämme und seinen Fabeln gedrungen und hatte die Neugierde rege geinacht. Tie kurz aufeinanderfolgenden Entdeckungen neuer Welten zum großen Staunen des damaligen Geschlechtes, das mit einem Male von Ländern, Menschen, Sitten und Dingen reden hörte, von denen man bis dahin in dem engen Gehäuse der mittelalterlichen Geographie keine Ahnung hatte, diese alltäglich gewordenen Wunder hatten die ü Siehe Note 5. n Vergl. Band V S. 69 ff. und Band V Note 10. Von unabhängigen Stämmen in Arabien im 16. Jahrh. liefern nicht ganz unglaubwürdige Zeugnisse Isaak Akrisch im 121 : gegen Ende und Abr. Megasch Predigten o'.ii-x . David Reubeni. 219 damals Lebenden leichtgläubig gemacht. Sie waren darauf gefaßt, das Unglaublichste verwirklicht zu seheu. Die Köpfe, die noch von mittelalterlichen Vorstellungen befangen waren, zweifelten nicht daran, daß sich auch die verbreiteten geographischen Fabeln durch ueue Entdeckungen bewahren würden. Die Christen hofften auf die Auffindung des Reiches des fabelhaften Priesters Johannes, in den: das Urchristentum seinen Sitz habe. Tie Könige von Portugal, die Anreger der Entdeckungen neuer Läudergebiete, hatten eigens Kundschafter nach Asien und Afrika gesendet, dieses Land aufzusuchen. Tie Juden hatten erwartet, daß eines Tages die verschwunden geglaubten israelitischen Zehustämme in irgend einem Winkel von Asien aufgefunden, und daß selbst der fabelhafte Fluß Sabbation oder S a m bati o n , der an den Werktagen fließe und am Sabbat stillstehe, mit den daran wohnenden M osessö h neu, die das uralte Judentum bewahrten, irgendwo entdeckt werden würden. Nun war ein Abgesandter angeblich unabhängiger israelitischer Stämme in David Reubeni in Venedig cingetroffen. Welch ein Wunder! Tie Phantasie der europäischen Juden war die zuverlässigste Bundes- geuossiu für diesen Abenteurer: sie bahnte ihm den Weg. Sein angeblicher Reisezweck, den er halb durchschimmern ließ und sein Diener ganz ausplnuderte, erhöhte noch die Erwartung. Es hieß, er sei von seinein Bruder, der über dreimal huuderttausend auserwählte Krieger gebiete, und von den siebzig Ältesten des Landes Chaibar au die europäischen Fürsten, namentlich an den Papst abgeordnet, um von ihnen Feuerwaffen und Kanonen zu erwirken, um damit einerseits die mohammedanischen Völker, welche die Vereinigung dies- und jenseits des roten Meeres wohnender jüdischer Stämme hinderten, zu bekämpfen und anderseits mit den kriegstüchtigen jüdischen Armeen die Türken aus dem heiligen Lande zu jagen. David Reubenis Person und Benehmen trugen dazu bei, ihm Glauben zu verschaffen. Beides hatte etwas Fremdartiges, Geheimnisvolles, Exzentrisches. Er war von schwarzer Hautfarbe, zwerghaft und von einer Magerkeit, welche durch anhaltendes Fasten ihn zum durchsichtigen Skelett machte. Dabei besaß er Mut, Unerschrockenheit und ein barsches Wesen, welches jede Vertraulichkeit feruhielt. Er sprach nur hebräisch, aber in einem so verdorbenen Jargon (wahrscheinlich nach fremder Aussprache und ungrammatisch), daß ihn weder die asiatischen, noch die südeuropäischen Juden verstanden. Er gab vor, nie Talmud gelernt zu haben, noch überhaupt die jüdische Literatur zu kennen, sondern ein Krieger zn sein, der in einer einzigen Schlacht vierzig Mann erschlagen habe. Später stellte es sich aber beraus, daß er in den kabbalistischen Dusel eingeweiht war und nur Unwissenheit heuchelte. 220 Geschichte der Juden. In Venedig angekvmmen, kehrte er bei keinem Inden ein, svn- dern blieb im Hause des Schiffskapitäns, der ihn dahin gebracht hatte; aber sein mitgebrachter Diener hatte indessen die Inden auf ihn aufmerksam gemacht; sie suchten ihn auf. Ein jüdischer Maler, M vse , und ein angesehener reicher Mann, Mazliach (Felice), verwendeten sich eifrig für ihn, obwohl er ihnen nur im allgemeinen angedeutet hatte, er habe einen Auftrag für den Papst znm Wähle der Judenheit, und sie sollten ihm ein Schiff verschaffen, um so bald als möglich nach Rom gelangen zu können. In Rom angekommen (Februar 1524), ritt er auf einem weißen Roß mit einem Diener und einem Dolmetsch an den päpstlichen Hof und erlangte gleich eine Audienz bei dem Kardinal Giuliv im Beisein anderer Kardinale. Auch vom Papste Clemens wurde er in Audienz empfangen und überreichte ihm Beglaubigungsschreiben. Clemens VII. (auf dem päpstlichen Stuhle 1523—1534) war einer der edelsten Päpste, ans dem florentinisch-mediceischen Hanse, in unehelicher Geburt erzeugt, klug und milde, der von dem Bestreben beseelt war, Italien unabhängig von den Barbaren, d. h. von den Deutschen zu machen. Aber seine Regierung fiel in eine Zeit, wo Europa aus den Angeln gehoben war. Auf der einen Seite drohte die von Luther ausgegangene Reformation, die täglich Riesenfvrt- schritte machte, das Papsttum zu untergraben, und auf der andern Seite drückte die Wucht des in der Hand Karls V. vereinigten großen Reiches von Spanien und Deutschland, wozu noch Burgund und ein Teil von Amerika gehörten, auf Italien, und es war nahe daran, in sklavische Abhängigkeit vom Kaiser zu geraten. Überwarf sich Clemens mit dem Kaiser, so begünstigte dieser die Reformation und machte Miene, die päpstliche Gewalt einzuschränken. Versöhnte er sich mit ihm, so geriet Italiens Freiheit in Gefahr. So war er trotz seines festen Charakters in steter Schwankung und nahm, wie die meisten seiner Zeitgenossen, zu astrologischen Künsten seine Zuflucht, um das, was menschliche Klugheit nicht voraussehen konnte, durch Konstellation zu erfahren. Clemens war kein Fanatiker, überhaupt mehr weltlich als geistlich gesinnt und seinem Verwandten Leo X. ähnlich; daher war er auch milde gegen die Juden und schützte sie vor Verfolgungen. In dem kleinen Kirchenstaate innerhalb Frankreichs, in der Grafschaft Venaissin, in den größeren Städten Avignon und Carpentras, wo auch Inden aus Spanien sich angesiedelt hatten, waren diese und die Urbewohner nicht bloß geduldet, sondern mit außerordentlichen Freiheiten bedacht. Sie durften unbeschränkt Handel und Gewerbe treiben. Sie waren befreit von dem lästigen Zwang, Bekehrungspredigten anzuhoren, welche früher Päpste und Konzilien ihnen auf- David Renbenis Reisen. 221 erlegt hatten. Sie waren auch vvn dein Tragen einer jüdischen Tracht befreit. Vor Gericht waren sie gleichgestellt. Dieser Papst nahm die Inden dieses Kirchenstaats in besonderen Schutz und bedrohte diejenigen, welche ihren Frieden antnsten sollten, mit dem Kirchenbannes) Wegen dieser besonderen Begünstigung der Juden beklagten sich Deputierte der Städte und wünschten deren Beschränkung. Dem Papste Clemens VII. scheint David Reubeni Beglaubigungsschreiben von portugiesischen Kapitänen oder Geschäftsträgern, die er in Arabien oder Nubien angetroffen haben mag, überreicht zu haben, welche ihm wohl das Vorhandensein von kriegerischen Juden in jenen: Himmelsstrich bezeugt haben, vielleicht noch mehr, was ihnen der Abenteurer mit seiner imponierenden Erfindungsgabe nufgebunden haben mochte. Diese Kreditive überschickte der Papst dem Portugiesischei: Hofe, und als man sie dort bewährt gefunden, wurde David mit großer Auszeichnung und mit allen Ehren eines Gesandten behandelt. Auf einem Maulesel ritt er durch Ron:, begleitet von zehn Juden und mehr als zweihundert Christen. Der Plai: mag dem Papste, dessen Unternehmungen durch den Widerstreit der Verwickeltei: Verhältnisse jeden Augenblick durchkreuzt wurden, geschmeichelt haben, einen Kreuzzug gegen die Türkei, und zwar durch eii: israelitisches Heer zu veranlassen, den gefährlichsten Feind der Christenheit aus dem heiligen Lande vertreiben zu lassen und solchergestalt wieder die kriegerischen Angelegenheiten ii: Händen zu haben. Selbst die Ungläubigsten unter den Juden, welche Davids Worten nicht ganz trauten, konnten sich der überrascheirden Tatsache nicht verschließen, daß ein Jude von dem päpstlichen Hofe mit solcher Zuvorkommenheit und Ehre behandelt wurde, und waren auch ihrerseits überzeugt, daß mindestens ein Korn Wahrheit ii: Davids Angaben liege:: müsse. Tie römischen und.fremden Inden drängten sich seitdem ai: ihn, der ihnen eine hoffnungsreiche Zukunft zu eröffnen schien. Tie Senora Benvenida Abrabanela, Frau des reichen Samuel Abrabanel so. S. 38), sandte ihn: aus Neapel bedeutende Geldsummen, eine kostbare Seidenfahne mit den zehn Geboten eingestickt, und sonst noch reiche Gewänder. Er aber spielte seine Rolle meisterhaft, die Juden ii: scheuer Entfernung zu halten. Nur einem steinreicheil Manne, Daniel aus Pisa, machte er vertrauliche Mitteilungen. Dieser hatte Zutritt zun: päpstlichen Hose und sorgte für Davids Bedürfnisse und Bequemlichkeiten. Als endlich eii: förmliches Einladungsschreiben vom König von Portugal an David Reubeni einlief, sich an dessen Hof zu begeben, verließ er Ron: nach mehr denn einjährigem Aufenthalte und reiste ^) kevus cles Llucles Inivss VII 235 II. 222 Geschichte der Juden. mit einer jüdischen Fahne zu Schiffe dahin. In Almeria, der Residenz des Königs Joäo III. bei Santarem, Ivo David (im November 1525) mit einer zahlreichen Dienerschaft wie ein Fürst mit reichen Geldmitteln und mit einer schön gestickten Fahne eingetrvffen warF) wurde er ebenfalls mit Auszeichnung behandelt, und es wurde mit ihm ein Plan verabredet, wie für die israelitischen Reiche in Arabien und Nubien Waffen und Kanonen von Portugal geliefert werden sollten. Davids Erscheinen in Portugal hat gewiß eine Umstimmung gegen die Marranen hervorgerufen und Joäo^) bewogen, die beabsichtigte Verfolgung gegen sie fallen zu lassen. Zu einer so weitreichenden Unternehmung brauchte er ihre Unterstützung, ihre Kapitalien und ihren Rat. Wollte er ein Bündnis mit einem jüdischen König und seinein Volke eingehen, durfte er die Halbjnden in seinem Lande nicht verfolgen. Darum erkaltete plötzlich sein Eifer für die Einführung der Inquisition in Portugal. Man kann sich das Erstaunen und die Freude der Marranen in Portugal denken bei der Wahrnehmung, daß ein Jude nicht nur i» Portugal eingelassen wurde, sondern auch Zutritt bei Hofe erhielt und mit demselben in Verkehr trat! So hätte denn die Erlösuugs- stunde für sie geschlagen, nach der sie sich in tiefster Seele gesehnt hatten! Unerwartete Hilfe sei für sie eingetroffen, Befreiung und Rettung aus ihrer Angst. Sie atmeten wieder auf. Gleichviel ob sich David Reubeni als messianischer Vorläufer ausgegeben hat oder nicht, die Marranen hielten ihn dafür und zählten die Tage bis zur Zeit, wo er sie das neue Jerusalem in herrlicher Pracht sehen lassen würde. Sie drängten sich au ihn, küßten ihm die Hände und behandelten ihn, als wäre er ihr König. Von Portugal aus drang die angebliche Heilsbotschaft nach Spanien zu den dort noch unglücklicheren Marranen, die sich einem förmlichen Freudentaumel überließen. Ter Gemütszustand dieser Menschenklasse war ohnehin ungewöhnlich, exzentrisch und unberechenbar geworden. Täglich und stündlich die Seelenqual erdulden, Religionsgebräuche mitmachen zu müssen, die sie im Grund ihrer Seele verabscheuten, und im Versteck die Vorschriften des Judentums zu beobachten, in steter Gefahr dabei ertappt oder auch nur durch einen leisen Verdacht oder eine Denunziation in die Jnquisitionskerker geworfen, gemartert und zum Scheiterhaufen geschleppt zu werden! Es war kein Wunder, daß manche von ihnen das Gleichgewicht ihrer Seelenkräfte verloren und in h Siehe Note 5. H Vergl. Kayserling, Geschichte der Juden in Portugal lL7 fg. Der von Joäo cts 8ousu genannte ^.brubuin bsn Aumuiru, welcher zu Gunsten der Porlugiesen einen Waffenstillstand abgeschlossen hat, kommt auch in Davids Reisebericht vor: 'romL -non ^ on.o, .no'r? ll'ii.n-.n .-.nr: -'an: David Reubein in Portugal. 223 wahnsinnäbnliche Zustände verfielen. Ein Marrane in Barcelona, ein Junger des Rabbiners Jakob Berab (o. S. 12), hatte die fixe Idee, Gott in drei Personen zu sein; er prophezeite, er werde den Tod erleiden und in drei Tagen wieder auferstehen, und daß alle, die an ihn glaubten, selig werden würden.*) Er wurde allerdings hingerichtet, dafür hatte die Inquisition gesorgt, statt ihn als Wahnsinnigen einer Seelenheilanstalt zu übergeben. Messianische Hoffnungen, d. h. Erlösung durch ein Wunder vom Himmel, das war die Atmosphäre, in der die in ihrem Herzen der Religion ihrer Bäter treugebliebenen Marranen atmeten und webten. Bei der Nachricht von dem Eintreffen des Gesandten eines jüdischen Reiches am portugiesischen Hofe, flüchtete eine Menge spanischer Neuchristen nach Portugal, uni dem angeblichen Erlöser nahe zu sein. 2 ) David, der die Freiheit genoß, in Portugal sich frei zu bewegen, scheint sich aber sehr vorsichtig benommen zu haben; er machte ihnen keine Hoffnung und ermunterte sie nicht, sich offen zum Judentum zu bekennen. Er wußte wohl, daß er über einem Abgrunde schwebte, und eine Äußerung oder eine Tatsache von ihm zur Überredung der Neuchristen hinterbracht, ihm das Leben kosten könnte. Dennoch hefteten sich ihre Blicke auf ihn; sie waren mehr denn je erregt und gespannt auf wunderbare Ereignisse, die unfehlbar eintreffen müßten. >) Llorcnte, Histoire äs blugnisition en IlspLZus I p. 338. h S. Note 5. Rchkes Kapitel. Die kabbalistisch-messianische Schwärmerei Salomo Molchos und die Einführung der Inquisition in Portugal. Diogo Pires — Salomo Molchos schwärmerische Verbindung mit David Reubeni. Seine Auswanderung nach der Türkei. Sein Umgang mit Joseph Karo und sein Einfluß auf ihn. Karos Magid. Molcho erweckt überall messianische Hoffnung, Aufregung unter den spanischen und portugiesischen Marranen. Reubenis Rückkehr nach Italien. Neue Schritte zur Einführung der Inquisition in Portugal. Clemens VII. den portugiesischen Marranen günstig, Asyl in Ancona. Molcho in Ancona und Rom, seine Träume und seine Beliebtheit beim Papste und einigen Kardinalen. Seine Vorausverkündigung eingetroffen. Verfolgung durch Jakob Mantin. Prozeß gegen ihn und Flucht aus Rom. Clemens bewilligt die Inquisition für Portugal. Grausamkeiten gegen die Marranen. Schritte Clemens' zur Aufhebung der Inquisition. Molchos Tod auf dem Scheiterhaufen und Davids Gefangennahme. Schwärmerei für Molcho auch nach dessen Tode. Minen und Gegenminen zur Vereitlung der Inquisition. Duarte de Paz. Neue Intrigen unter Paul III. Karl V. und die Juden. Emanuel da Costa. Die Nuntien zugunsten der Marranen. (1525- 1538.) Am mächtigsten wurde ein edler, begabter, schöner Jüngling von David Reubenis Erscheinen und den Hoffnungen, die er erweckte, ergriffen und umgewandelt. Diogo Pires (geb. um 1501, starb als Märtyrer 1532),H der in einer günstigeren Umgebung mit seiner glühenden dichterischen Phantasie auf dem Gebiete des Schönen viel hätte leisten können, wurde eilt Werkzeug für die Aufschneiderei des angeblichen Gesandten von Chaibar. Als Nenchrist geboren, hatte sich Pires eine gelehrte Bildung angeeignet, verstand und sprach das Lateinische, die Weltsprache der damaligen Zeit, hatte es bis zum königlichen Beamten an einem hohen Gerichtshöfe gebracht und war bei Hofe außerordentlich beliebt. Er muß aber auch in die hebräische l) Vergl. über die Identität von Salomo Molcho und Diogo Pires, Note 5. Tiogo Pires (Salomo Molchv). 225 und rabbinische Literatur von frühester Jugend eingeweiht gewesen sein, und selbst in die Kabbala hatte ihn wohl einer der marranischen Lehrer eingeführt. Sonst ist weiter nichts von dem Jüngling bekannt, dessen Name bald in Europa und Asien einen so Hellen Klang erlangen sollte. Als David mit seinen chimärischen Plänen in Portugal aufgetreten war, wurde Diogo Pires von wilden Träumen und Visionen förmlich besessen, die sämtlich einen messianischen Hintergrund hatten. Er drängte sich daher an ihn, um zu erfahren, ob dessen Sendung mit seinen Traumoffenbarungen übereinstimmten. David Reubeni soll ihn aber kalt behandelt und ihm geradezu bemerkt haben, seine militärische Botschaft habe mit der messianischen Mystik nichts gemein; er verstünde überhaupt nichts von der Kabbala. Diogo Pires war aber im Wahne, die Kälte des angeblichen Gesandten gegen ihn rühre davon her, weil er selbst noch nicht das Bundeszeichen an seinem Leibe trage, und schritt daher zu dieser gefahrvollen Operation; ein dadurch erzeugter Blutverlust warf ihn aufs Krankenlager. David war sehr ungehalten darüber, als ihm Pires Mitteilung davon gemacht hatte, weil beide in Gefahr kommen könnten, wenn es dem Könige kund würde, daß ein Marrane sich durch einen entschiedenen Akt zum Judentums bekannt habe, und es dann heißen würde, er sei von jenem dazu überredet worden. Nach der Beschneidnng hatte Pires, der entweder damals den Namen S a l o in o Molch o angenommen oder ihn schon früher geführt, wahrscheinlich durch die Körperschwäche noch fürchterlichere Traumgesichte. Ihr Inhalt bezog sich immer auf die Marranen und deren messianische Erlösung. Einst sah er drei verschiedenfarbige Tauben, welche von mächtigen Schützen zu Boden gestreckt wurden: weiße Tauben (treugebliebene Juden), g r ü n e Tauben (schwankende Marranen mit dem Judentum im Herzen) und schwarze (dem jüdischen Bekenntnis bereits fremd gewordene Neuchristen). Durch Gottesboten seien die Schützen vernichtet worden, und die grünen Tauben erhielten ihre weiße Farbe wieder.H In: Traume will er auch vom Himmel durch ein eignes Wesen, das sich mit ihm unterredete (iVluKKict), den Auftrag erhalten haben, Portugal zu verlassen und nach der Türkei auszuwandern. Auch David Reubeni hatte ihm geraten, eilig Portugal zu verlassen, weil der Akt der Beschneidnng auch ihm Gefahr bringen und seine Pläne vereiteln konnte. Die Entfernung der Marranen aus Portugal muß damals nicht schwer gewesen sein. Es ist nicht bekannt, auf welchem Wege er nach der Türkei gelangte. Dort machte der junge, schöne, schwärmerische, dein Judentum neugewonnene Kabbalist großes Aufsehen. Er gab sich zuerst als einen >) In dem ersten ausführlichen Schreiben Molchos, Note 5. Graetz, Geschichte der Juden. IX. IZ 226 Geschichte der Juden. Sendboten des David Reubeni ans, von dessen guter Aufnahme am päpstlichen und portugiesischen Hofe auch im Morgenlande Gerüchte im Umlauf waren und die Köpfe erhitzt hatten. In Salonichi nahm ihn der kabbalistische Kreis des I o s e p h T a y t a s a k (o. S. 33) in Beschlag und lauschte ans seine Träume und Gesichte. In Adrianopel bekehrte Pires-Mvlcho den nüchternen, aus Spanien als Knabe aus- gewanderten Joseph Karo, der sich bis dahin lediglich mit Anhäufung von talmudischer Gelehrsamkeit beschäftigt hatte, zur KabbalaU) Schwärmerei ist ansteckend. Karo verfiel auch seinerseits in kabbalistische Schwärmerei gleich Molcho, hatte auch seinen Tranmsouffleur (NLAZick), der ihm geschmacklose mystische Schriftdeutungen offenbarte und die Zukunft enthüllte. Sein Kopieren ging so weit, daß er gleich Molcho in sicherster Erwartung lebte, er werde auf einem Scheiterhaufen als ein „dem Herrn angenehmes Ganzopfer" verbrannt werden. Molcho steckte seine Anhänger mit der Sucht nach dem Märtyrertum an. Er hielt sich auch eine Zeitlang in Palästina und namentlich in Safet auf, das, wie schon erwähnt, ganz besonders ein Kabbalistennest war. Molchos einnehmende Persönlichkeit, seine reine Begeisterung, sein romantisches Wesen, seine Vergangenheit, seine überraschende Kenntnis der Kabbala, obwohl als Christ geboren, alles an ihm erweckte ihm eine Schar von Anhängern, die seinen mystischen Äußerungen lauschten und sie gläubig Hinnahmen. Er Pflegte oft zu predigen, und die Worte flössen ihm sprudelnd über die Lippen. Ergraute Männer wandten sich mit Fragen an den Jüngling, bald ihnen dunkele Schriftverse zu deuten, bald die Zukunft zu offenbaren. Auf das Drängen seiner Freunde in Salonichi veröffentlichte er einen kurzen Auszug seiner kabbalistischen Predigten, 2 ) deren Hauptinhalt war, die messianische Zeit werde bald, mit dem Ende des Jahres 5300 der Welt (1540) anbrechen. Die Plünderung und Verheerung Roms (5. Mai 1527) bestärkte die kabbalistischen Schwärmer in ihren messianischen Hoffnungen. Das mit der Beute der ganzen Erde gefüllte Rom, das sündenvolle katholische Babel, war von deutschen, meistens lutherischen Landsknechten im Sturm erobert und gewissermaßen auf Befehl des katholischen Kaisers Karl V. wie eine feindliche Stadt behandelt worden. Der Papst und die katholische Kirche wurden von der rohen Soldateska verhöhnt und Luthers Name in der Hauptstadt des Katholizismus mit Jubel genannt, während Clemens VII. in der Engelsburg belagert wurde. Der Fall Roms sollte nach messi- nisch-apokalyptischer Annahme als ein Vorzeichen zum Erscheinen des Messias eintreffen. Nun war Rom gefallen. In Asien, der Türkei, >) Vergl. dieselbe Rote. 2 ) ni!vii oder iniLvn iss, gedruckt Salonichi 1529. Die Marranen in Spanien. 227 Ungarn, Polen, Deutschland regten sich daher im Herzen der Juden messianische Hoffnungen, die sich an Salomo Molchos Namen knüpften, und die er zur Verwirklichung bringen sollte, ch In Spanien und Portugal klammerten sich die Marranen noch mehr an die Aussichten auf die messianische Erlösung und an David Reubeni, den sie mit oder gegen seinen Willen für einen Vorläufer hielten. Ihre Illusionen machten sie so sicher, daß sie kühne Unternehmungen wagten, die ihnen unfehlbar den Tod bringen mußten. Mehrere spanische Marranen, die dein Scheiterhaufen geweiht waren, hatten merkwürdigerweise eine Zuflucht in Portugal sin Campo-Mayor) gefunden und blieben geduldet. Eine Schar junger Leute unter ihnen drang gar mit bewaffneter Hand von da aus nach Badajoz, von wo sie entflohen waren, um mehrere marranische Frauen, die im Kerker der Inquisition schmachteten, zu befreien, setzten die Stadtbewohner in Schrecken und erlösten in der Tat die unglücklichen Schlachtopfer. Dieser Vorfall machte viel Aufsehen in beiden Ländern und führte die nachteiligsten Folgen kür die Scheinchristen herbei. Der Inquisitor von Badajoz, Selaya, beklagte sich in einem. Schreiben an den König von Portugal über diese Kühnheit und wies ans die Ursache derselben hin: Ein Jude aus fernem Lande habe den Marranen soviel Mut und Hoffnung eingeflößt, daß sie sich aus Spanien an der Portugiesischen Grenze gesammelt und in Badajoz soviel Unfug zu treiben gewagt hätten.^) Er verlangte die Auslieferung sämtlicher nach Campo- Mayor geflüchteten spanischen Neuchristen und ermahnte zugleich den König von Portugal, die Marranen seines Landes nicht ungestraft judaisieren zu lassen. Durch eine eigene, man könnte sie eine Dominikanerlogik nennen, suchte Selaya das Bedenken des Königs als grundlos zu stempeln. Man sagt, die portugiesischen Neuchristen seien mit Gewalt zur Taufe gezerrt worden, und darum habe sie keine Verbindlichkeit für sie. Aber wie könnte man, so urteilte der Inquisitor von Badajoz, es gewaltsam nennen, wenn sie dadurch eine so große Wohltat, wie die Taufe, erlangt hätten? Dann sei es auch kein rechter Zwang gewesen, da es den Juden damals unter Manoel freigestanden hätte, sich mit dein Mute der Makkabäer töten zu lassen, wenn sie gegen die Taufe einen so großen Widerwillen empfunden hätten. Zugleich bemerkte Selaya dem Könige von Portugal, daß der Jude aus dem Morgenlande, der sich der königlichen Gunst zu erfreuen hätte (David Reubeni), ebenso wie seine Anhänger vollständige Ketzer wären, indem sie das alte Testament falsch auslegten. Die einzige rechtgläubige Sekte unter den Juden seien die Karäer, welche die y Siche Note 5. 2) Siche Rote 5. 15 * 228 Geschichte der Juden. Bibel wörtlich auslegten. Die Marranen in Portugal müßte» demnach so oder so, sei es als Apostaten dom Christentum oder als Ketzer innerhalb des Judentums verbrannt werdend) Wegen der gewaltsamen Entführung der marranischen Frauen ans Badajoz beklagte sich auch die Königin von Spanien bei Joäo III., und der Kaiser Karl selbst machte ihm ernste Vorstellungen darüber.-) Diese Vorfälle, verbunden mit anderen Anklagen gegen einige Marranen in Gouvea wegen Schändung eines Marienbildes und die ungestüme Forderung der Bürger, strenge Gerechtigkeit gegen sie zu üben, brachten den König wieder auf den Plan des Jnquisitions- gerichtes. David Renbenis Gunst bei dem König von Portugal war nur von kurzer Dauer gewesen. Anfangs von Joäo III. mit außerordentlicher Freundlichkeit ausgenommen und öfter zu Audienzen zugezogen (wobei ein arabischer und Portugiesischer Dolmetscher die Unterredung vermittelte), erhielt er die bestimmte Zusage, daß ihm acht Schiffe und 4000 Feuerwaffen zur Verfügung gestellt werden sollten, um seinen Bruder, den angeblichen König von Chaibar, in den Stand zu setzen, die Araber und Türken zu bekämpfen; aber allmählich wurde der König ernüchtert. Miguel de Silva, welcher bei Davids Anwesenheit in Rom portugiesischer Gesandter am päpstlichen Hofe war und damals schon den angeblichen jüdischen Prinzen von Chaibar für einen Abenteurer gehalten hatte, war nach Portugal zurückberufeu worden, und er machte die größten Anstrengungen gegenüber den anderen Räten, welche sich von Davids kecken: Wesen hatten täuschen lassen, ihm die Gunst des Königs zu entziehen. Ohnehin hatten die Huldigungen, welche die Marranen ihm offen und auffallend dargebracht hatten, Mißtrauen gegen ihn erweckt. Miguel de Silva, welcher beauftragt war, die Einführung der Inquisition in Portugal durchzusetzen, konnte darauf Hinweisen, daß der König selbst durch Begünstigung des angeblichen jüdischen Fürsten die Marranen in ihrem Unglauben oder in ihrer Anhänglichkeit an das Judentum förmlich bestärke. Dazu kam noch die Beschneidung und die Flucht des königlichen Beamten Tiogv Pires. Dieser Vorfall wurde am portugiesischen Hofe mit großen: Mißfallen vernommen, und es wurde den: König beigebracht, daß David ihn dazu ermuntert habe. So erhielt dieser mit einem Male die Weisung, Portugal zu verlassen, nachdem er beinahe ein Jahr da geweilt und mit Auszeichnung behandelt worden war. Nur zwei Monate Frist wurden ihn: gewährt, sich einzuschiffen. Er hatte aber, als wollte er sich an das Land an- >) Bei Herculano a. a. O. I x. 210 fg. 2) Bei Heine, in Schmidts Zeitschr. für Gesch. 1848 S. >60 u. Herculano das. 209fg. Der letztere las nur von der Befreiung einer einzigen Marranin, Heine dagegen von der mehrerer Frauen. Wechselnde Stimmung gegen die Portugiesischei: Marranen. 229 klammern und als hoffte er auf eine Sinnesänderung des Königs, länger als vier Monate zugebracht und mußte fast mit Gewalt aufs Schiff gebracht werden. Das Schiff, das ihn und seine Begleitung trug, wurde an die spanische Küste verschlagen, und David war in Spanien in Gefangenschaft geraten und sollte vor ein Jnquisitions- gericht gestellt werden. Indessen hatte der Kaiser Karl ihn: die Freiheit gewährt, und so konnte sich David Reubeni nach Avignon, in das päpstliche Gebiet begebend) Sobald der König Joäo mit David Reubeni gebrochen hatte, war der Grund zur Schonung der Marranen weggefallen. Immer inehr wurde der schwankende König von der Königin, den Dominikanern und einigen Großen zun: Entschlüsse gedrängt, die Inquisition einzuführen. Den Ausschlag gab der Bischof von Centn, Henrique, ein ehemaliger Franziskanermönch und ein fanatischer Priester. In seinen: Sprengel Olivenya wurden fünf Neuchristen des Judaisierens verdächtigt, 2 ) und er machte kurzen Prozeß mit ihnen. Ohne sich viel darum zu kümmern, ob das Jnquisitions- tribunal von: Papste genehmigt und von: Könige gesetzlich eingeführt worden war oder nicht, errichtete er einen Scheiterhaufen und ließ die ohne regelmäßiges Verhör Verurteilten verbrennen sum 1530). Das Volk jauchzte ihn: dafür zu und feierte den Mord der Judenchristen durch Stiergefechte. Weit entfernt, seine Tat oder Untat zu verheimliche::, rühmte sich Henrique derselben und drang in den König, endlich mit der Züchtigung der ketzerischen und lästernden Neuchristen Ernst zu machen. Darauf entschloß sich Joäo bei::: Papste Clemens auf Einrichtung von Untersuchungskommissionen in Portugal auzutragen. Indessen gab es noch einige Priester aus der alten Zeit, welche es wagten, ihre Stimme laut gegen diese beabsichtigte neue Gewalt- maßregel wider die Marranen zu erheben. Es waren besonders Fernando C 0 utinh 0 , Bischof von Algarvien, und Di 0 g 0 Pinst eiro, Bischof von Funchäl; ihre Namen verdienen der Nachwelt überliefert zu werden. Sie waren Zeugen dessen gewesen, unter welchen unmenschlichen Grausamkeiten die Juden unter Manoel zur Taufe gebracht worden waren — Coutinho war bereits ein achtzigjähriger Greis — und sie konnten sie nach keiner Seite als volle Christen anerkennen, sei es um sie als rückfällige Ketzer zu bestrafen, oder ihnen Richterämter oder geistliche Pfründen anzuvertrauen. So oft Neuchristen vor ihren: bischöflichen Tribunal der Ketzerei angeklagt waren, gaben sie ihnen die Freiheit und bekundeten ihre Gesinnung offen vor dein Könige und dessen Räten. Coutinho, welcher den falschen Eifer der jüngeren Geistlichkeit nicht genug verspotten konnte, erinnerte 9 Note 5. h Italienische Information in Note 8 nnd Herculano das. p. 22l. 230 Geschichte der Juden. auch den König daran, daß der Papst Clemens VII. selbst vor kurzem einigen Marranen gestattete, sich in Rom selbst offen zum Judentums zu bekennen. Dieser Papst, überzeugt von der Ungerechtigkeit gegen die Neuchristen, hatte ihnen nämlich mit Zustimmung des Knrdinal- kolleginms ein Asyl in Ancona eröffnet und ihnen gestattet, unbelcistigt das Judentum zu bekennend) Auch in Florenz und Venedig durften sie ungestraft leben. Das päpstliche Konsistorium selbst habe sich dahin ausgesprochen, daß die portugiesischen Marranen als Juden angesehen werden sollten. Er wäre dafür, so sprach sich Coutinho in seinem Gutachten darüber aus, daß statt der Neuchristen, welche der Schändung christlicher Heiligtümer angeklagt seien, die Zeugen gezüchtigt werden sollten, weil sie falsches Zeugnis ablegten. Nur durch milde Behandlung müßten die Neuchristen für den Glauben gewonnen werden?) Endlich entschloß sich Joäo, die Frage dem Papste vorzulegen, der, falls er die Einführung der Inquisition guthicße, ihn zugleich seines Wortes gegen die Marranen entbinden würde. Der portugiesische Gesandte am römischen Hofe, Bras Neto, erhielt den Auftrag, dafür eine Bulle vom Papste zu erwirken. Allein, was in Spanien so leicht durch einen Federstrich bewilligt worden war, das kostete dem Könige von Portugal viele Anstrengung und Kämpfe, und er hat sich der Inquisition nicht recht erfreuen können. In die Speichen dieses rollenden Rades griff nämlich die schwache Hand des liebenswürdigen kabbalistischen Schwärmers Diogo Pires oder Salomo Molcho ein. Er hatte sich vom Orient nach Italien begeben, um die mechanische Sendung, die er in sich fühlte, oder die man ihm zugedacht hatte, zu vollbringen. Er wollte in der christlichen Welthauptstadt ohne Scheu vor Fürsten von der baldigen Erlösung sprechen. In Ancona, wo er mit einem Gefolge eingetroffen war (gegen Ende 1529), ^) stellten ihm, wie er erzählte, einige Übelwollende nach; es waren wohl richtiger bedächtige Menschen, die von seinem Auftreten imOrient Kunde erhaltenhatten, von seiner ungestümen Märtyrersucht Leiden für die Gesamtjudenheit oder wenigstens für die Marranen in Italien, Portugal und Spanien befürchteten und darum ihn beim Bischof von Ancona angaben, daß er als Neuchrist zum Judentum zurückgetreten sei. Ter Kirchenfürst lud ihn vor sich und stellte ihn zur Rede. Molcho soll furchtlos eingcstanden haben, er habe das Judentum vorgezogen, weil es die Wahrheit lehre. Ter Bischof entließ ihn tatsächlich, als einen der Marranen, denen von: Papste und den Kardi- 0 Herculano das. p. 227; Jmauuel Aboab, HoinoloZ-in x. 294; Italien. Information State 6. 2) Hercnlano p. 224 fg. Die Sentenz Coutinhos ist in Schmidts Zeitschr. a. a. O. S. t78 von G. Heine als Anhang mitgeteilt. 2) Über alles Folgende s. Note 5. Mvlchos messianische Predigte» in Italien. 231 nälen Bekenntnisfreiheit bewilligt worden war, ungefährdet, verbot ihm aber, gegen das Christentum zu predigen. Molcho hielt sich noch einige Zeit dort auf, seine Predigten wurden sehr besucht, selbst Geistliche und vornehme Christen fanden sich in der Synagoge dazu ein. Er führte auch eine öffentliche Disputation mit einein Prälaten, scheint aber dadurch seine Sicherheit gefährdet zu haben, und begab sich infolgedessen mit den: Herzog von Urbino, Francesco Maria della Rovere I., der sich von der Niederlassung der Marranen in seinem kleinen Staate Vorteile versprach, nach Pesaro. Es ließ ihm da aber keine Ruhe; er brannte vor Ungeduld, nach Nom zu reisen, um dort der Ankunft des Messias vorzuarbeiten. Mvlcho hatte aber keine klare Vorstellung von dem, was er eigentlich beginnen sollte. Er erwartete daher eine höhere Eingebung, die, wie er glaubte, nicht ausbleiben könnte. Mit Zurücklassung seiner Dienerschaft in Pesaro begab er sich, einem Traumgesichte zufolge, zu Roß allein nach Rom. Beim Anblick der ewigen Stadt, die Molcho gleich Luther für den Sitz des Antichrists hielt, übermannten ihn seine Gefühle, und er verfiel in ein inbrünstiges Gebet, in welchem er um die Sündenvergebung und die Erlösung Israels flehte. Ta will er eine Stimme vernommen haben, welche in sein Gebet einfiel und ihm in Bibelversen andeutete: „Edom (Rom) wird Israels Erbe werden, sein Fuß wird wanken, Israel aber wird Sieg erringen." In dieser Stimmung zog er abends in Roms Mauern ein, begab sich in eine christliche Herberge, gab vor, ungekannt eine Geliebte aufsuchen zu wollen, und bat den Wirt, ihn zu einer Verkleidung behilflich zu sein. Er ließ dann sein Roß und seine Kleider in der Herberge, zog Lumpen an, schwärzte sein Gesicht, umwickelte seine Füße mit schmutzigen Lappen und setzte sich unter das Bettelvolk an der Tiberbrücke, dein Palaste des Papstes gegenüber. Das sollte eine messianische Ausstaffierung sein; denn nach der Sage soll der Messias unter den Aussätzigen und Zerlumpten Roms weilen und von dort aus zum Triumphe erweckt werden. Dreißig Tage hintereinander führte der portugiesische Schwärmer ein solches Bettlerleben, aß kein Fleisch, trank keinen Wein, sondern begnügte sich mit der allerdürftigsten Kost und erwartete eine prophetische Verzückung. In dieser Abspannung der Körperkräfte und in der Exaltation des Geistes fiel Molcho in einen tiefen Schlaf und hatte einen wirren Traum, der darum merkwürdig ist, weil er sich zum Teil buchstäblich erfüllt hat. Ein Greis war ihm erschienen, mit dein er schon öfter im verzückten Zustande verkehrt haben will, der ihn nach dem heiligen Lande versetzte, und er sah zwei Berge und Wesen in schneeweißen Gewändern, von denen eines eine Rolle in der Hand hielt, in welcher die Schicksale Roms verzeichnet waren, die mitzuteilen ihm aber verboten worden sei. Darauf fühlte er sich in: Traume wieder an die 232 Geschichte der Juden. Tiberbrücke versetzt, sah zwei Vögel von verschiedener Größe und Farbe, von denen der eine (nach Erklärung des Greises) bedeuten sollte, es werde eine verheerende Wasserflut über Rom und über ein Nordland hereinbrschen, und ein Erdbeben werde sein Geburtsland Portugal in Schrecken setzen. Der kleinere Vogel deute an, daß die Flut keine allgemeine sein werde. Nach der Flut würden zwei Kometen mit goldenen Schweifen sichtbar werden, die über Rom einige Tage zu sehen sein würden, von denen wiederum der eine Gottes Zorn über das sündhafte Babel, der andere Gottes Gnade für Israel bedeuten solle. Der Greis verkündete Molcho ferner im Traume, daß er von seiten seiner Glaubensgenossen Verfolgungen erleiden werde. Nach sieben Monaten, wenn Molcho das dreißigste Jahr erreicht haben werde, werde er in einen höheren Grad treten und in Byssusgewand gehüllt sein, dafür, daß er sich freiwillig dem Tode geweiht. Daun solle er nach Rom zurückkehren, aber vor dem Eintreffen der Flut es wieder verlassen. Dann werde auf dem messiauischen König der heilige Geist, der Geist der Weisheit und Einsicht ruhen, die Toten würden aus dein Staube erwachen, und Gott werde seinem Volke Ruhm verleihen. Ermattet von der langen Kasteiung und dein wirren Trauin- gesicht schleppte sich Molcho des Morgens nach seiner Herberge, ruhte sich aus, entledigte sich seiner Verkleidung und begab sich ins Freie, um Juden zu begegnen (Februar 1530). Da er noch völlig unbekannt in Rom war, gab er sich, um der Angeberei von seiten seiner Gegner zu entgehen, für einen Boten des Salomo Molcho aus, der selbst in Pesaro zurückgeblieben sei. Er wurde aber dennoch erkannt und als aufwiegelnder Marrane den: Jnquisitionstribunal denunziert. Mit dem Papste und einigen Kardinalen hatte er aber schon früher ange- knnpft und ihnen die drohende Wasserflut verkündet. Clemens VII., der seit einigen Jahren den Leidenskelch gekostet und Demütigung erfahren hatte, wie nur wenig Päpste vor ihm, der seinen Todfeind Karl V. in Bologna zum Köuig vou Italien und römischen Kaiser hatte krönen müssen (22. bis 24. Februar 1530), dessen Verschwörungei: und Verbindungen mit Frankreich und England sich als trügerisch erwiesen hatten, war nur allzu geneigt, aus Träume und Visionen zu hören. Es mögen noch andere unbekannte Beziehungen zwischen dem Papste und Molcho bestanden haben, in deren Folge jener diesen: eine überraschende Gunst zuwendete.Z Er hatte Zutritt zun: Papste und einigen judenfreundlichen Kardinälen, Egidio von Viterbo, den: Schwärmer für die hebräische Sprache, Elia Levitas Gönner, Parteigänger Reuchlins und der Humanisten, sowie auch zun: Kardinal >) Siehe Note 5. Mvlchos Treiben in Italien. 233 Gerouimv de Ghinucci, später zum Papste erwählte) Auch der Kardinal Lorenzo Pucci, Großpönitentiar der päpstlichen Kurie, der auch für Neuchlin Partei gegen die Dominikaner genommen hatte, war ihm zugetan. Während daher die päpstliche Polizei Molcho in den Toren Roms anflauerte, war dieser über die Mauer entkommen, zum Papste geeilt und hatte bon ihm ein Sicherheitsschreiben (Breve) erlangt, daß ihm kein Leid zugefttgt werden solle. Damit versehen, kehrte Molcho cheimlich nach Rom zurück (Mai?), trat an einem Sonnabend plötzlich in der Hauptsynagoge auf und predigte über den Text eines Prophentenabschnittes zum Erstauueu aller Anwesenden. Seine Anhängerschaft wuchs in Rom so sehr, daß er bis zum Herbste unangefochten jeden Sabbat in den Synagogen predigen durfte; er begeisterte seine Zuhörer förmlich, ohne jedoch seine Gegner entwaffnen zu können. Pires-Molcho war der jüdische Savonarola. Von seinen: Traumgesichte sprach er mit unumstößlicher Gewißheit und ließ sogar den: Könige von Portugal durch den Gesandten Bras Neto das Lissabon bedrohende Erdbeben ankündigen, damit er Vorkehrungen treffen könne. Molcho selbst war so sicher vom Eintreffen der Wasserflut überzeugt, daß er sich dein: Herannahen derselben nach Venedig begab; dort veranstaltete er den Druck neuer kabbalistischer Auslegungen. Mit David Reubeui, der inzwischen von Avignon nach Italien zurückgekehrt war, kan: Molcho wieder zusammen. Beide sahen einander erstaunt an und erwarteten voneinander Wunderdinge. Einer wollte durch den andern zu der erhabenen Rolle gehoben werden. Sie waren beide in Verlegenheit. Molcho erkannte bei dieser Gelegenheit die schwindelhafte Aufschneiderei seines früher bewunderten Meisters. Er glaubte ihm nicht mehr, daß er unwissend sei, sondern war überzeugt, daß er sich nur, um die Leute zu täuschen, unwissend stellte; als Prinz von Arabien durfte er keine talmudische und kabbalistische Gelehrsamkeit besitzen. Molcho widerrief sogar seine früheren eigenen Aussagen, als wenn er Davids Botschafter gewesen wäre: „Ich will die Wahrheit vor den: Schöpfer des Himmels und der Erde bekennen, daß meine Beschneidung und mein Aufgeben der Heimat nicht auf Anraten von Fleisch nnd Blut (David), sondern in: besonderen Aufträge Gottes geschehen ist". Trotzdem ordnete sich Molcho ihm noch immer unter. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß Molcho ein betrogener Schwärmer, dagegen David ein Abenteurer war, der es auf Blendwerk abgesehen hatte. Nachdem sein Versuch, y Der portugiesische Gesandte Bras Neto berichtete an den König, daß Pires Zutritt bei Papst und Kardinalen hätte (Hsrenlano p. 235). Dann referiert Herculano (238 f.), das; gegen die Zulassung der Inquisition sich entschieden ausgesprochen hätten: o Oarcleal litgiclio et 3sron)'nic> cls Obinueei. 234 Geschichte der Juden. den König vvn Portugal und Karl V. für seine chimärischen Pläne zu gewinnen, mißlungen war, hatte er sich nach Venedig begeben, um die Beherrscher der noch immer mit dem Morgenlande in Verbindung begriffenen Republik günstig dafür zu stimmen. Merkwürdigerweise fand er auch hier Auklaug. Er wohnte in: Palast eines Grafen, und der venezianische Senat schickte einen Länderkundigen an ihn, um ihn über Pläne und Mittel zu Eroberungen im Morgenlande zu befragen (1530)?) Beide wurden indessen von nüchternen Juden, welche Gefahr für sich und die Judenheit fürchteten, verfolgt. Molcho geriet noch dazu in Venedig in eine Privatgegnerschaft mit dem wissensreichen, aber wenig gewissenhaften Arzt Jakob Mantin (o. S. 41). Dieser hatte einen Streit mit einem andern Arzte, dein mehr talmudisch- gelehrten Elia Menahem Chalfon?) Molcho wollte eine Versöhnung zwischen beiden zustande bringen, Mantin war aber nicht dazu zu bewegen und übertrug seinen Haß gegen seinen Gegner auch auf ihn, klagte ihn bei der venezianischen Behörde an und brandmarkte seine Verkündigungen als Zauberei. Molcho wurde sogar in Venedig durch jüdische Hände vergiftet und verfiel dadurch in eine schwere Krankheit. Indessen traf die von ihm verkündete Überschwemmung in Rom wirklich ein, verwandelte Rom in einen reißenden See und richtete große Verheerungen an (8. Oktober 1530)?) Merkwürdigerweise war von der jüdischen Bevölkerung bei der Flut nur eine alte Frau umgekommen. Auch die Überschwemmung im Norden, die Molcho im Traume gesehen, war eiugetroffen. Flandern erlitt (November) das Schicksal Roms. Auch ein glänzender Komet erschien mit großen Feuerstrahlen, daß es schien, als wenn der Himmel sich öffnete. In Portugal erzitterte die Erde dreimal und das Erdbeben zerstörte >1 Bergt. Note 5. ") Außer der Nachricht von ihm in Molchos Sendschreiben kommt von ihm ein Lesponsnm vor in Mose Jsserles üsspp. Nr. 56. Daraus geht hervor, daß Chalfon noch tL50 am Leben war. 2) Nächst der Nachricht über die Überschwemmung in Nom bei Muratori: ^mnrli ä'Italia. X m 240 (vcrgl. Frankels Monatsschrift Jahrg. 1856 S. 205, 241 ff., 250) berichtet darüber der zeitgenössische portugiesische Chronikschreiber: (loronyskr Oos Reis äs üortnzal in 6oIIe§äo äs lidros ineäitos V p. 355, wo zugleich die Nachricht über das Erdbeben in Portugal und die Komct- erscheinnng, die Molcho im Voraus verkündete, vorkommt. Die Überschwemmung in Rom wird hier auf einen Sabbat 8. Oktober 1530 angesetzt und das Erdbeben 26. Jan. 1531. t?oi Kranäs tsrramoto in isrs rstzmo äs ?ortn°al; trsniso n terra, tres veses; autes äs trsmer a terra. Imma. estrella. äs psssar toi uisto eometa. eorsr äs pouents eontr-r Isvrrnts von ralos äo toZmu Z-rkruäes, gns parsoia, gns «.drin o oeo. Molchos Verkündigungei:. 235 in Lissabon viele Häuser und begrub viele Menschen unter den Trümmern (26. Januar 1531). In Santarem wären die Marranen damals um ein Haar Opfer des aufgeregten Fanatismus geworden. Die blindgläubige und fanatisierte Bevölkerung betrachtete das Erdbeben als Strafe des Himmels wegen der Duldung der Neuchristen und wollte deren Häuser stürmen. Es gelang aber dem Dichter Gil V i - cente durch ernste und scherzende Reden sie davon abzubringen?) Nach der Überschwemmung Roms war Molcho wieder in dieser Stadt erschienen. Hier wurde er wie ein Prophet verehrt. Ter Papst, dem er die ünglücksfälle vorher verkündet hatte, schien ihn ins Herz geschlossen zu haben; er erwies ihm förmliche Ehrenbezeugungen. Ter portugiesische Gesandte, Bras Neto, sagte ihm, wenn der König von Portugal wüßte, daß Molcho ein so gottgefälliger, zukunftskundiger Mam: sei, würde er ihm gestattet haben, in seinem Staate zu leben. Gerade in dieser Zeit hatte dieser Gesandte von seinem Fürsten den Auftrag erhalten, von: päpstlichen Stuhle ganz im Geheimen eine Bulle zur Einführung der Inquisition in Portugal gegen die Marranen zu erwirken. Es war ein sehr ungünstiger Augenblick dafür gewählt. Tie Sache wurde den: Großpönitentiar Kardinal Lorenzo Pucci zur Entscheidung vorgelegt. Aber dieser, sowie der Papst Clemens, von Salomo Molcho beeinflußt, waren gleich anfangs entschieden dagegen?) Pucci bemerkte den: portugiesischen Gesandten geradezu, der König von Portugal habe es, wie die Könige von Spanien, mehr auf die Reichtümer der Marranen, als auf die Reinheit des Glaubens abgesehen. Möge er ihnen lieber erlauben, frei nach ihren Gesetzen zu leben, und nur diejenigen bestrafen, welche, freiwillig den Katholizismus bekennend, dann wieder zun: Judentums zurückfallen sollten?) Bras Neto konnte für den Augenblick nichts ausrichten. Er fürchtete sich geradezu vor Molchos Einfluß kein: Papste und mußte seine Schritte geheimhalten, damit es die Marranen in Portugal nicht erführen und Summen an Molcho sendeten, um die Hingebung des Papstes noch mehr zu gewinnen, gegen die Einführung der Inquisition zu arbeiten?) Inzwischen wurde Molcho von seinen eigenen Glaubensgenossen und besonders von seinen: Feinde, Jakob Mantin, aufs hartnäckigste verfolgt. Dieser Rachsüchtige begab sich eigens zu den: Zwecke von Venedig nach Rom, das Verderben dessen, den er ohne Grund haßte, zu betreiben. Er stellte gewisserinaßen den portugiesischen Gesandten >) Herculano a. a. O. I. p. 223. ") Bergt. Note 5. Inhalt des Brieses des Gesandten Bras Neto an Jcäo III. vom II. Juni 1531 bei Herculano bas. i>. 233 sg. *) Note 5. 236 Geschichte der Juden. zur Rede, daß er einen ehemaligen Christen aus Portugal, der gegen das Christentum predige, frei in Rom einherwandeln ließe. Da ihm der Gesandte kein Gehör schenkte, wendete sich Mantin mit derselben Anklage an die Inquisition, brachte Zeugen aus Portugal, die aussagten, daß Salomo Molcho früher als Christ in Portugal gelebt, und bewirkte, daß der Angeklagte vor die Kongregation geladen wurde. Molcho legte hierauf dem Juquisitionsgericht seinen vom Papste erhaltenen Freibrief vor und glaubte, darauf gestützt, unbe- lästigt zu bleiben: allein die Richter rissen ihn ihm aus den Händen, begaben sich damit zum Papste und hielten ihm das Ungebührliche vor, daß er einen Verhöhner des Christentums schlitze. Clemens erwiderte, er brauche Molcho zu einem geheimen Zwecke und wünsche, daß man ihn unbehelligt lasse. Als die Inquisition von der Anklage abstehen wollte, brachte Mantin neue Punkte gegen ihn vor. Er wußte sich den Brief zu verschaffen, den Molcho einige Jahre vorher von Monastir aus über sein früheres Leben und seinen Rücktritt znm Judentum an Joseph Taytasak geschrieben hatte, übersetzte ihn ins Lateinische und legte ihn dem Tribunal vor. Da dieser Brief ohne Zweifel Schmähungen gegen Edvm, d. h. gegen Rom und das Christentum enthielt, so mußte die Inquisition darauf eingehen, und auch Clemens durfte sich nicht mehr der Anklage desselben widersetzen. Tie Kongregation machte hierauf Molcho den Prozeß und verurteilte ihn zum Feuertode. Ein Scheiterhaufen, wurde angezündet, der eine große Volksmenge herbeilockte. Ein Verdammter wurde im Büßerhemd herbeigeführt, ohne Umstände ins Feuer geworfen, und ein Richter zeigte dem Papste an, daß der Glaubensakt durch den Tod des Verbrechers geschehen sei. Das Erstaunen des Richters und der Zeugeil der Hinrichtung soll groß gewesen sein, als Salomo Molcho in deil Zimmern des Papstes lebend angetroffen wurde. Clemens soll nämlich, um seinem Schützling das Leben zu retten, einen andern untergeschoben haben, der den Scheiterhaufen bestiegen habe, während Salomo Molcho in den päpstlicheil Gemächern verborgen gehalten worden sei. Dies soll der Papst selbst dem betreteilen Richter mitgeteilt und ihm Stillschweigen über die Sache auferlegt haben, damit die Aufregung unter Christeil und Juden nicht neue Nahrung erhalteil solle?) Salomo Molcho war gerettet; aber er durfte nicht länger in Rom weilen; das sah er selbst ein und bat den Papst ihn zu entlassen. Unter Begleitung einiger treuer Diener des Papstes ritt Salomo Molcho Nachts aus Rom (Februar oder Mürz 1531). Wohin er sich begab, ist nicht bekannt, vielleicht nach Bologna, wo er auch öfters öffentlich gepredigt hat?) Alle diese Vorgänge U Sendschreiben bei Joseph Kohen p. 94 b. 2 ) Joseph Kohcn p. 9l n. Verfolgung der portugiesischen Marranen. 287 berichtete Molcho selbst in einem Sendschreiben an seine Freunde im heiligen Lande und beglaubigte sie durch Zeugnisse von den römischen Gemeindevorstehern und durch Aussagen von Personen, denen er das Schreiben übergeben hatte. Es ist also an der Wahrheit derselben nicht zu zweifeln. Er fügte in dem Sendschreiben hinzu, er habe noch mehr Verfolgungen und Schikanen von Juden erlitten, als er beschrieben, er wolle jedoch die Namen und Untaten seiner Feinde aus Schonung nicht nennen. Er erwarte die Zeit, in welcher Gott an ihn: Wunder tun werde; denn es sei gerade jetzt die Zeit der Gnade und der Liebe. Nach Molchos Entfernung aus Rom und besonders nach dem Tode des ihn und die Marranen besonders begünstigenden Kardinals Lorenzo Pucci (August 1531) trat eine andere Stimmung in Betreff der Marranen ein. Ein neuer portugiesischer Unterhändler Luiz Alfonso erlangte vom Papste, der dazu vom Kaiser Karl und von dein Großpönitentiar, Antonio Pucci, Nachfolger seines Oheims, gedrängt wurde, die so lang erbetene Bulle zur Einführung der Inquisition (ausgestellt 17. Dezember 1531), obwohl die Kardinale Egi- dio von Viterbo und Geronimo de Ghinucci sich dagegen ausgesprochen hatten. Als schämte sich dieser milde Papst, seine ehemaligen Schützlinge verfolgen zu lassen, gesellte er ihnen die Lutheraner zu?) Er war aber darauf bedacht, daß nicht die glaubens- wütigen Dominikaner Gewalt über die Marranen erlangten. Ein Franziskaner, der milde gesinnte Beichtvater des Königs, Diogo de Silva, wurde zum Generalinquisitor von Portugal ernannt. Indessen wurden doch drei Bluttribunale errichtet, in Lissabon, Evora und Coimbra, und sie nahmen sich die spanischen von Torquemado eingeführten und von Nachfolgern verbesserten, d. h. noch grelleren Konstitutionen, zum Muster. Tie portugiesischen Marranen waren noch viel schlimmer daran als die spanischen, nachdem der König und die Granden ihnen ihre Gunst entzogen hatten; sie waren beim Volke längst so verhaßt, daß auch ehrbare Christen aus Fanatismus umherspähten, um sie anzugeben, während in Spanien Spione dafür gewonnen werden mußten?) Als die Inquisition ihre fluchwürdige Arbeit beginnen sollte, dachten viele Marranen natürlich an Auswanderung. Aber wie schwer wurde ihnen die Flucht! Es ging ihnen wie ihren Vorfahren beiin Auszuge aus Ägypten, hinter ihnen her die Feinde, vor ihnen das Meer mit seinen Gefahren und Schrecknissen. Es wurde ein Gesetz erlassen (14. Juni 1532), welches ihnen das Auswandern nach Afrika y Bei Herculano das. S. 239. 2) Die Bulle bei Herculano das. S. 240. °) Das. II S. 40 fg. 238 Geschichte der Juden. und selbst nach den portugiesischen Besitzungen aufs strengste verbot. Den Schiffskapitänen wurde bei Todesstrafe verboten, Marranen zu transportieren, und sämtlichen Christen wurde untersagt, Grundeigentum von Neuchristen zu kaufen; diese durften ihre Habe nicht nach dem Auslande versenden und keine Wechsel im Lande ansstellenu) Nichtsdestoweniger rüsteten sich viele von ihnen heimlich zur Auswanderung, „fliehend das Land, welches die Giftschlange (Inquisition) berührt hatte; aber ehe sie noch das Schiff betraten, wurden sie von ihr mit Frauen und Kindern ergriffen und in düstere Kerker und von da zum Feuer geschleppt. Andere, ehe sie noch das Fahrzeug erreicht hatten, das sie in Sicherheit bringen sollte, gingen in den Meeresfluten unter. Viele von ihnen wurden aus den geheimsten Verstecken hervorgezogen und in den züngelnden Flammen verbrannt.?) — Diejenigen, welche ans dieser Angst und Gefahr den Klauen des blutdürstigen Tieres entgangen waren, fanden in den fremden Ländern keine Erleichterung, gefangen in Flandern, angehalten in Frankreich, übel ausgenommen in England. Bei solcher Quälerei verloren viele ihre Habe und dadurch auch ihr Leben. Diejenigen, welche Deutschland erreichten, kamen auf den Alpen durch äußerstes Elend um und hinterließen Frauen dem Gebären nah, die auf verlassenen und kalten Straßen Kinder zur Welt brachten und eine neue Art von Unglück erduldeten." Als wenn solche Mühsale noch nicht genügten, erhob sich gegen sie in Italien ein grausiger Verfolger. GiovannidellaFoya erwartete die Flüchtigen im Gebiete von Mailand und nahm ganze Wagen voll von ihnen gefangen. Da seine Gewalt sich nicht soweit erstreckte, sie zu töten, beraubte er sie des letzten Gewandes und unterwarf schwache Frauen und gebrechliche Greise tausend Folterqualen, damit sie entdeckten, was sie bei sich führten und andere verrieten, welche Nachkommen sollten, um auch sie zu erwarten und anzuhalten. So von allem entblößt,, ließ er sie in äußerster Verzweiflung und Elend. Waren sie der Giftschlange entkommen, fielen sie in die Krallen noch grausamerer Wesen?) — Indessen stellten die Marranen des- l) Herculano das. I, p. 25 l fg. Bei Heine a. a. O. S. t02. ?) Herculano I, 259 Samnel Usqne tribnlaqao III. Nr. 30. ?) Usqne das. Nr. 31. Das war die Quelle für Joseph Kohen in Uinslc ba-Laoba. p. 91. Zunz scheint die Urquelle nicht gekannt zu haben, und darum wußte er aus dem Eigennamen nns .ib'i wr nichts zn machen. Dieser Raubritter war gewiß kein Franzose und am allerwenigsten ein itoix, sondern ein Italiener. In dem Memoriale, welches die Marranen einige Jahre später dem Papste überreichten, klagten sie: st in qnainplnrinnr tnq-a. t-Uia contra ipsos (novos obristianos) pinries ooinprelisnsos psrpetrata snnt, gnock niiranänm Protests, qnock non aci Nnrearnin cloininia, sei ack «kiaboioruin äoinos non transtsrrentnr. Bei Herculano das. I p. 259 Note. Reise Reubeins und Molchos nach Regeusburg. 289 wegen ihre Fluchtversuche nicht ein, sondern betrieben sie nur mit noch größerer Vorsicht. Es blieb ihnen kein anderer Allsweg; ihr Anrufen der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und ihrer verbrieften Privilegien fand nur taube Ohren beim Kabinet. Die nach Rom entkommenen Marranen führteil daher beim Papst Clemens bittre Klagen über die Unmenschlichkeit, mit der die Inquisition sie und ihre Brüder verfolgte, und machten auch geltend, daß die Bulle, welche er erlassen, vom König lediglich erschlichen sei, da dem päpstlichen Konsistorium der Tatbestand nicht im richtigen Lichte bekannt gewesen sei. Sie beklagten sich ganz besonders darüber, daß ihnen trotz der ihnen zugestandenen Gesetzesgleichheit das Auswandern untersagt sei. Clemens VII., der ohnehin Reue darüber empfand, die Bulle erlassen zu haben, wozu er. gewissermaßen gedrängt worden war, ging auf die Beschwerde ein. Er mochte auch fühlen, wie die katholische Kirche durch die Scheiterhaufen der Inquisition, angewendet auch auf solche, die nicht dazu gehören wollten, gebrand- markt wurde, was den Lutheranern noch mehr Stoff gab, ihre feindseligen Angriffe auf dieselbe fortzusetzen, sie als blutdürstig zu schildern und verhaßt zu machen. Außerdem wußte er recht wohl, daß die Inquisition in Portugal nur auf Betrieb Spaniens und seines Erzfeindes, des Kaisers Karl, eingeführt war, um dadurch die Abhängigkeit Portugals von demselben noch fester zu begründen. Clemens ging daher mit dem Plane um, die Bulle zu widerrufen. In dieser Zeit nahmen Salomo Molcho und Reubeni — der in Venedig einen Wink erhalten hatte, es zu verlassen — ihre mystische Tätigkeit wieder auf und faßten den abenteuerlichen Plan, sich zum Kaiser nach Regensburg zu begeben, wo damals der Reichstag versammelt war. Welchen Zweck wollten der Schwärmer und der Abenteurer damit verfolgen? Ob im Interesse der Marranen, oder richtiger, den Kaiser zu bewegen, mit Hilfe der Marranen in Spanien und Portugal und mit dem Heere des angeblich jüdischen Königs in Arabien die Türkei zu bekriegen? Mit einer fliegenden FahneZ) worin die Buchstaben Llaobbl (Anfangsbuchstaben des Verses: „Wer ist unter den Mächtigen Dir gleich, Herr"), reisten beide von Bologna nach Regensburg, dem Aufenthaltsorte des Kaisers. Hier trafen sie mit Joselin von Roßheim zusammen, dessen rastlose Tätigkeit zur Abwendung neuer Übel von seinen Glaubensgenossen ihn nötigte, das Hoflager h Dem Schriftzng in seinem Namen gab Molcho in der Verlängerung des ", nach oben die Figur einer geteilten Fahne. Revns ct. Lt. s. XVI 32 f. In der Beschreibung zur Übergabe seines Sendschreibens an Abraham Treues in Ferrara, in welchem dieser Namenszug vorkommt, bemerkte er: po>n-i.n .-a . . . LNNItt N8 «N'N^ Nt! NW!N L'N'NU LN21N2 o.nnnn '1 >ri'N2 >nra U'V'N NN.NV2 kgr nmn^ MN . ">n INN znnn 'NI'.NN nnttnw n°> >L>N1NN lll.nn 240 Geschichte der Juden. des Kaisers Karl oder des Königs Ferdinand von Österreich aufzusuchen. Der Gegensatz dieser beiden Männer, Molcho nnd Joselin, obwohl beide demselben Stamm angehörten, beide für das Heil ihrer Stammesgenossen und ihres Bekenntnisses glühten und bereit waren, den Märtyrertod dafür zu erleiden, war scharf ausgeprägt. Pires- Molcho war äußerlich nicht als Jude zu erkennen, trug die abendländische Tracht, konnte sich in der damaligen Weltsprache verständlich machen und trug als Sendbote einer erträumten Mission den Kopf hoch. Joselin dagegen ging in der jüdischen Tracht einher mit schändenden: Judenabzeichen, konnte sich nur der deutschen Sprache im Elsässer Dialekt bedienen und trat demütig und gebeugt auf, weun er etwas durchsetzen wollte. Jener von hochfliegenden Plänen erfüllt, schwärmte für die Erreichung eines großen Zieles, die messianische Erlösung Israels herbeizuführen, und dieser, nüchtern und die augenblickliche Lage in Rechnung ziehend, arbeitete nur daran, das Erreichbare zu erzielen. Mit seiner Nüchternheit und seiner demütigen Haltung hatte Joselin der Judenfeindlichkeit von Städten und Mächtigen entgegengearbeitet. Während des wilden Bauernkrieges, als die Leibeigenen und nichtzünftigen Arbeiter fast den Juden gleich von Gutsherren und Patriziern bedrückt, und auf die von Luther verkündete evangelische Freiheit vertrauend, im Elsaß, Süddeutschland, Franken und Thüringen, das Joch ihrer Zwingherren abzuschütteln versucht hatten, kamen die Juden zwischen zwei Feuer. Von der einen Seite beschuldigte sie der Adel und die vornehmen Städte, daß sie mit ihren: Gelde die aufrührerischen Bauern unterstützten und aufreiztenZ und von der andern Seite überfielen sie die Bauern als Beförderer des Adels und der Reichen. Schwerlich Habei: sie den Rittern Hilfe geleistet, da diese ihre Erbfeinde waren. Ein deutsches Sprichwort sagte damals: „Ein reicher Jud und ein armer Edelmann sind nicht gut beieinander"?) Gewiß waren aller Hände gegen sie. Balthasar Hubmaier, jener fanatische Priester, welcher die Verbannung der Juden aus Regensburg betrieben hatte (o. S. 181), war Ratgeber der Schwarzwälder Bauernhaufen und wahrscheinlich Verfasser der zwölf Forderungen (Artikel), welche die Bauern geltend gemacht haben. Er war nach seinen: Abfall vom Katholizismus nicht milder nnd menschlicher, ja als Anhänger der Wiedertäufer noch fanatischer geworden. Wahrscheinlich hat er dir Bauern gegen die Juden gehetzt. Der Haufen in: Rheingau hatte die Forderung aufgestellt, daß kein Jude in dieser >) Mutians Brief an den Kurfürsten Friedrich von Sachsen in Tenzel 8::pi>Ieinen knm Instorias Ootbanae II 7ö: et msria achnvantibus Inänsis . . . xrinoipalsZ st illnstrea kamilias OWrimsrs. 2 ) vr. Eck Verlesung eines Judenbüchleins im Anfänge. Joselin vvn Rvßheim. ä41 Gegend wohnen und Hausen sollte.*) In einigen Landstrichen hatten sie bereits tätliche Angriffe auf Juden geinacht. Diese wären in den Gegenden, wo Sieger und Besiegte schonungslos wüteten, vertilgt worden, wenn nicht Joselin ihnen einige Hilfe gebracht hätte. Er suchte geradezu die Löwenhöhle auf. Er begab sich zu den Führern der Bauern im Elsaß, Haus von der Matten, Erasmus Gerber, Georg aus Roßheim und anderen, welche sich beim Kloster Alttorf in der Nähe von Roßheim aufhielten, und gewann sie durch sein Wesen und seine Geldmittel so sehr, daß sie versprachen, die Juden im Elsaß unangefochten zu lassen. Er erlangte noch vvn ihnen ein Schreiben an andere Haufen, daß sie den Juden kein Leid zufügen sollten, und erhielt auch Sicherheitsgeleite für jüdische Wanderer. Die Elsässer Führer ließen durch Herolde bekannt machen, daß sich keine Hand gegen Juden erheben sollte.?) Mt seinem rastlosen Eifer hatte Joselin seinen Wohnort Roßheim vor Zerstörung und Plünderung gerettet. Er hatte von den Führern erfahren, daß die Bauern am nächsten Tag einen Überfall der Stadt planten. Bei seiner Heimkehr in tiefer Nacht weckte er die Bürgermeister, sich eiligst zu dem Haufen zu begeben und ihn durch Unterwerfung und Leistung zu beschwichtigen; aber der eine Ratsmeister zitterte vor Augst, und der andere mochte den Schritt nur in Joselins Begleitung tun. Die Führer ließen sich darauf durch Bitten und Tribut für Schonung gewinnen. Auf dem Rückwege dankte der Bürgermeister dem jüdischen Anwalt für seinen Dienst und sprach: „Du und Deine Kinder sollen die Früchte Deiner Wohltat genießen". Aber die Väter der Stadt haben sie ihm schlecht vergolten.^) Zwei erlogene Anklagen drohten, die Vertilgung der Juden in Deutschland und den Nebenländern herbeizuführen. Der Sultan Su- leiman der Große hatte die Zwietracht in der Christenheit infolge der Reformation benutzt, um weite Eroberungen zu machen. Die Türken hatten bereits Ungarn überschwemmt, Ofen genommen und waren bis vor die Mauern Wiens vorgedrungen. Da hieß es, die Juden wären an der Niederlage der christlichen Heere schuld, sie hätten den Türken Spionendieuste geleistet. Auf der andern Seite hatte der >) Schaab, Geschichte der Juden von Mainz 123 nach Schnnk vom Jahre 1525. Vgl. über das Schicksal der Juden während des Bauernkrieges Alfred Stern in Geigers jüd. Zeitschr. VIII. Jahrg. 1870 57. H Eli Scheid aus Aktenstücken in Usvus ck. Lt. ,s. XIII 251, Joselins Tagebuch das. XVI Nr. II. Daselbst muß gelesen werden: i- ubv bip wno.-,L- onw'.n nu statt des sinnlosen '' w-mb chr> bip. Der Passus woa inooi bob bedeutet: die Führer der Bauern haben für die Juden sauve- Uomluits ausgestellt. 2) Scheid a. a. O. Grnetz, Geschichte der Juden. IX. 16 242 Geschichte der Juden. Bauernkrieg einen großen Teil von West-, Süd- und Mitteldeutschland zerrüttet. Städte und Dörfer waren in Not geraten. Um sich ein wenig aufzuraffen, brauchten sie Barschaft, und diese verlangten sie von jüdischen Geldbesitzern auf Zins. Da sie aber nicht mit dem Gelds haushälterisch umzugehen verstanden und nicht Zahlung leisten konnten, erhoben die christlichen Schuldner ein lautes Geschrei über die Wucherei der Juden. Schon hatte Kaiser Karl und sein Bruder König Ferdinand den Beschluß gefaßt, sie deswegen aus ganz Deutschland, Böhmen und Ungarn zu verjagen, als es dein rastlosen Joselin abermals gelang, die Herrscher von der Ungerechtigkeit der Anschuldigung zu überzeugen. Er war auf dem Reichstag in Augsburg vor zahlreicher Versammlung erschienen, wo die Entzweiung der Christenheit ausgeglichen werden sollte, und er hatte die Freude, daß die beiden königlichen Brüder Karl und Ferdinand seine Verteidigung anhörten und die Vertreibung der Juden verboten?) Joselin von Roßheim erlangte auch in Regensburg von den Herrschern die Bestätigung der Privilegien, welche Kaiser Sigismund den Juden gewährt hatte, daß sie unangefochten bleiben und Freizügigkeit genießen sollten und besonders, daß es den Handeltreibenden unver- wehrt sein sollte, Frankfurt a. M. zur Messe zu besuchen. Auch regelte Kaiser Karl die Verhältnisse des Darlehns und die Ausnahme, um Klagen wegen Wuchers zu verhüten?) Bis nach Flandern und Brabant, wo keine Juden wohnten wo er sich nur kümmerlich ernähren konnte, war Joselin dem Kaiser nachgereist, hatte eine geheime günstige Audienz bei ihm und konnte ein Gewebe von neuen Anschuldigungen gegen seine Stammesgeuosseu zerreißen. Während der Monate, die Joselin in den Niederlanden weilte, hat er eine Art Erbauungsbuch verfaßt?) Als Joselin in Regensburg, wohin abermals, um den Schmal- kaldischen Bund der Protestanten zu sprengen, ein Reichstag ausgeschrieben war (1532) den Kaiser ausgesucht Hatte, um neue judenfeiud- liche Bestrebungen zu vereiteln, traf er mit Salomo Molcho zusammen. Der nüchterne Verteidiger der Juden und der kabbalistisch-messianische Schwärmer konnten einander nicht verstehen. Joselin schrieb dringend au den marranischen Apostel, den Kaiser nicht zu reizen, da die Schwärmerei ihm und der Judenheit zum Nachteil ausschlageu würde. Da sich aber Molcho nicht warnen ließ, reiste Joselin eiligst ab, um nicht der Teilnahme verdächtigt zu werden?) Das Ende war, daß der >) Joselius Tagebuch a. a. O. Nr. 14—15 vom Jahr 1538. 2) Das. und Lsvus II 273 vom Jahre 1531. o) Tageb. das. Nr. 16 vom Jahre 1531. Das Erbauungsbuch hat den Titel vipn ^->i. Tagebuch Nr. 17 vom Jahre 1532. Molchos Märtyrertod. 243 Kaiser Molcho und seinen bösen Geist, David Reubeni, in Fesseln schlagen ließ. Er führte darauf beide gebunden mit sich ans seiner Reise nach Mantua. Die Fahne blieb in Regensburg zurtick. In Mantua ließ der Kaiser ein Glaubensgericht znsammentreten, und dieses verurteilte Molcho als Abgefallenen und Ketzer zum Fenertode. Während der Kaiser sich seinen Aufenthalt in Mantua durch Triumphe, Feste, Jagden, Komödienspiel und Lustbarkeiten aller Art angenehm machte, wurde der Scheiterhaufen für den Marranen aus Lissabon, Diogo Pires oder Salomo Molcho angezündet. Mit einem Knebel im Munde wurde er dahin geführt. Denn seine Beredsamkeit war so hinreißend, daß der Kaiser und das Tribual den Eindruck derselben auf die Menge fürchteten, wenn er seine Zunge hätte gebrauchen können. Darum verurteilten sie ihn znm Schweigen. Doch als die Henkersknechte schon bereit waren, ihn in die lodernde Flamme zu werfen, kam ein Bote des Kaisers, löste ihm den Knebel und fragte ihn in dessen Namen, ob er sein Verbrechen bereue und in den Schoß der Kirche zurückkehren wolle, in diesen: Falle solle er begnadigt werden. Molcho erwiderte darauf, wie zu erwarten war, da er sich gewissermaßen nach dein Märtyrertode gesehnt hatte, er wolle „als angenehmes Ganzopfer auf dem Altar des Herrn aufsteigen." Seine Antwort lautete, er bereue nur eines, in seiner Jugend Christ gewesen zu sein. Man möge mit ihn: nach Belieben verfahren, er hoffe, daß seine Seele in Gott eingehen werde. Darauf wurde er auf den Scheiterhaufen geworfen und starb seelenstark (November/Dezember 1532).i) Molcho fiel, ein Opfer seiner Phantasterei und seines Wahnes, in den er sich in steten: Kampfe mit der Wirklichkeit hineingeträumt hatte. Die reichen Gaben, welche die Natur ihn: verliehen hatte: Schönheit, glühende Einbildungskraft, Fassungsgabe, Begeisterungsfähigkeit, die für eine minder Phantastische Persönlichkeit Staffeln zum Glücke gewesen wären, brachten ihn: nur Verderben, weil er, in den Wirbel der Kabbala hineingerissen, damit das Erlösungswerk vollbringen zu können vermeinte. — David Reubeni erhielt nicht einmal den Glorienschein des Märtyrers. Karl ließ ihn nach Spanien bringen und ihn in einen Kerker der Inquisition werfen, wo er drei Jahre später noch lebte. Er soll zuletzt durch Gift aus den: Wege geräumt worden sein. 2 ) Das Glaubenstribunal hatte keine Gewalt über >) Vergl. Frankel, Monatsschrift 1856 S. 260. Josselmanns Tagebuch gibt an, daß Molcho in Bologna verbrannt worden wäre. Es ist aber ein Irrtum. 2) Schwerlich ist der, bei Hsronluuo III x. 12 erwähnte „Jude von Maputo", welcher in Evora I54l mit dem messianischen Schuhmacher Luis Dias und anderen verbrannt wurde, identisch mit D. Reubeni. Die Stelle lautet: t.ambsin salno o Inäeo cts ArMto, gns veio cla lucliu u ?urtn»a,l s, munitsstar-ss uos ssns, äirenäo Iss que era. o Asssias xromsttiäo s 244 Geschichte der Juden. ihn als Juden. Aber von den Marranen in Spanien, welche mit ihn: verkehrt hatten, und deren Namen er vielleicht auf der Folter angegeben hatte, wurden manche verbrannte) — So groß war indes die Begeisterung für Molcho, daß der Wahnglaube auch nach seinem Tode sich an ihn heftete und allerlei Fabeln über ihn erdichtete. In Italien und der Türkei glaubten viele, er sei auch diesem Feuertods, wie schon früher einmal, wunderbar entronnen. Einige wollten ihn acht Tage nach dem an ihm ausgeführten Auto-da-fe gesehen haben. Andere gaben vor, er habe noch seine Braut in Safet besucht. Joseph Karo> dessen Name bald einen weiten Klang haben sollte, sehnte sich nach demselben Märtyrertum wie Molcho?) Selbst der besonnene, dem Wunderglauben abholde Geschichtsforscher Joseph Ko Yen aus Genua war betroffen und wußte nicht, was von der Sache zu halten sei?) Ein italienischer Kabbalist, Joseph aus Arli,^) gab die Hoffnung nicht auf, daß die von Molcho verkündete und angeregte messianische Zeit bald anbrechen werde. Molchos Feuertod werde bald seinen Rächer finden. Durch die Spielerei von Versetzung der Buchstaben zweier jesaianischer Verse (Uotarioon) deutete er den Untergang der Jesusreligion aus mancherlei Zeichen: aus Luthers Auftreten, aus den vielen neuen christlichen Sekten, die sich damals bildeten, aus der Plünderung, welche Rom erfahren, und aus der feindlichen Stellung des Papstes und des Kaisers zueinander: „Unser Heil wird eintreten, wenn der Glaube an Jesus zur Erde fallen wird durch die verschiedenen neuen Glaubensbekenntnisse; Martin wird Neuerung einführen gegen Völker und. Fürsten; denn seine Herrschaft wird stark sein. Rom wird der Plünderung preisgegeben sein, die Götzen (Heiligenbilder) werden für immer zerstört. — Wenn Luther auftreten wird, wird Deutschland geeint sein, er wird sehen, und verachten Clemens, sein Reich, seine Priester und Götter, auch Rache wird er üben und Gemetzel. Fallen wird der Blödsinn des Frevels, seine Torheit wird der Himmel offenkundig machen im vierten Jahre, seit er selbst die Plagen der Zerstörung herbeiführt, zu füllen die Stadt Bologna mit Kriegsleuten, als seine Hände die Krone Roms aufgesetzt haben nach Wunsch und Willen des Kaisers, des Spaniers. Kriegsverhängnisse, außerordentliche Übel, Umwälzungen, Umkehr der Ordnung; dann wird das Unglück sich wälzen, das Verbrennen Mol- Ms vialig, äo Untrntss, onäs toäos os änäsos o ersräo. D. Renbeni kam nicht vom Euphrat, und da er in dem Kerker von Llarena war, in Spanien, konnte er nicht in Portugal gerichtet worden sein. *) Joseph Kohen Uineir Im-Unslm. p. 100 2 ) S. Note 5. b) In seiner Lchronilr sä. ^mstsrä. x. 96. *) Dieselbe Note 5. Duarte de Paz. 245 chos zu rächen. Israel niedergeworfen und verbannt, fünf Schiffe von den Zehnstämmeu werden es erheben zu seiner Herrlichkeit, um zu retten die Heiligkeit seines Ebenbildes. Salvmvs (Molcho) Gestalt wird der Feind erblicken. Diese Geheimnisse sind für Israel, Heil hat Gott verkündet, Heilung für Israel." Es war ein wenig Sinn in diesem Unsinn. Der Kabbalist aus Arli war auf den Papst Clemens nicht gut zu sprechen; aber mit Unrecht, denn dieser hatte gewiß an Molchos Tod keine Schuld, im Gegenteil, es war nur ein Schachzug des Kaisers, von den beiden Günstlingen des Papstes den eineil hinrichten und den andern einkerkern zu lassen. Clemens scheint aber eineil Gegenzug gemacht zu haben. Er arbeitete daran, jene so verhängnisvolle Bulle — nach jahrelangem Widerstand zur Einführung der Inquisition in Portugal bewilligt — zu widerrufeil oder wenigstens ihre Wirkung zu mildern. Die Marranen wußten das und machten alle Anstrengungen, die päpstliche Kurie für sich zu gewinnen. Sobald sie einsahen, daß auf Salomo Molcho, ihren wirksamsten Verteidiger, nicht mehr zu rechnen war, hatten sie einen andern nach Rom abgesandt, der ihre Klagen vor den Papst bringen und ihre Sache vertreten sollte. Dieser neue Sachwalter der Marrauen, Duarte de Paz, war völlig entgegengesetzter Natur als Molcho, ein nüchterner Kopf, fern von jeder Schwärmerei, schlau, berechnend, beredt und kühn, eingeweiht in alle Schliche damaliger Diplomaten- künste, ein tiefer Menschenkenner, der die menschliche Schwäche zu nutzen verstand. Duarte de Paz, welcher fast acht Jahre die Angelegenheiten der portugiesischen Neuchristen in Rom leitete, war selbst von marranischer Abstämmling und hatte durch Dienste, die er in Afrika dem portugiesischeil Hof geleistet — wobei er ein Auge verloren hatte — eine angesehene Stellung und das Vertrauen des Königs Joäo III. erlangt. Voll diesem zu einer geheimen Sendung auserwählt, und dafür im voraus am Tage der Abreise mit dem Grade eines Ritters des Christusordens beehrt (auch Com m e n - datore betitelt), begab er sich nicht nach dem ihm angewiesenen Platze, sondern nach Rom, um für die Marranen zu arbeiten. Duarte de Paz hat aber die Fäden seiner Intrigen so sehr verschlungen, daß man nicht mehr genau ermitteln kann, ob er den König oder dle Mar- ranen binters Licht geführt hat.H An Geld ließen es seine Klienten, ') Herculano, die beste Quelle für die Einführung der Inquisition in Portugal, welche durch die Notizen von Aboab (in dessen dloinolozia), von G. Heine und von Kunst inan» (Münchner Gelehrte Anzeigen i845) bereichert und ergänzt werden kann, hat zuerst das Jntrigensviel des Duarte de Paz aus einer geheimen Korrespondenz ans Licht gezogen (I x. 26t> f. n. a. a. O.). Aber Herculano tut ihm wahrscheinlich Unrecht, wenn er ihn als Verräter an seinen Stammes- 246 Geschichte der Jude». die Marranen, nicht fehlen, mittels dessen der päpstliche Hof für Recht und Unrecht zu gewinueu war. Trotz der Gegenmine» des Antonio Pucci, Kardinals de Santiquatro, der im Gegensatz zu seinem Oheim es mit dem portugiesischen Hofe gegen die Marranen hielt, erlangte Duarte de Paz wesentliche Erfolge seiner Bemühung und Spenden. Clemens war wiederum überzeugt von dem himmelschreienden Unrechte, das den Neuchristen widerfuhr, von den mit brutaler Gewalt zur Taufe Geschleiften katholische Rechtgläubigkeit zu verlangen, und besonders, daß ihnen die Freiheit genommen wurde, Reisen außerhalb Portugals zu machen. Infolgedessen erließ der Papst eine Breve (17. Oktober 1532), wodurch er bis auf weiteres das Verfahren der Inquisition eiustellen ließU) Duarte de Paz arbeitete noch weiter daran, eine allgemeine Verzeihung für die angeklagten und eingekerkerten Marranen zu erwirken (7. April 1533). Eigen ist es, daß der portugiesische Hof, der durch seinen Parteigänger Antonio Pucci auf die in Aussicht stehende Begünstigung der Marranen aufmerksam gemacht wurde, lange Zeit so gut wie nichts dagegen getan hat. Ein außerordentlicher Gesandter, Martinho de Portugal, Erzbischof von F u n ch a l, wurde zwar für Rom neben Bras Neto ernannt, vielleicht diesen zu überwachen; aber er verzögerte den Antritt seines Postens. Es scheint, daß am Hofe Joäos III. selbst Intrigen zugunsten der Marrauen im Spiele waren, was nicht durchweg auf Rechnung der großen Summen zu setzen ist, welche diese ausgestreut haben, um die Inquisition zu vereiteln. Die Partei, welche für die Inquisition arbeitete, hielt es nämlich mit Spanien und war in: voraus darauf bedacht, bei der voraussichtlichen Kinderlosigkeit des Königs die portugiesische Krone mit der spanischen zu vereinigen. Da- genvssen und Klienten schildert (p. 28l f.). Die geheime Korrespondenz Dnnrte de Paz' mit dem König und das Vertrauen des Königs ans ihn, woraus die Verräter« gefolgert werden kann, können ebensogut eine Intrige gewesen sein, uni den Hof irre zu führen. Daß er den König hintergangen hat, beweist die Tatsache, daß er später von Meuchelmördern, die von Joäo oder seinen Kreaturen gemietet waren, verwundet wurde. Tatsache ist auch, daß die Marranen ihm bis zuletzt vertrant und ihm nur Eigennutz vorgeworfen haben, und daß Jeäo später, trotz der verräterischen Briese an ihn, den Sendling des Christnsordens entkleiden wollte (das. II. p. 85). Noch im Jahre 1536 war der König so aufgebracht auf ihn, daß er nur ungern die Amnestie für dessen Familie bewilligte, „wegen der Schuld dieses Menschen, peius enipas clesss bommsm" (das. II. p. lt>9). De Paz hat allerdings eine verräterische Anklage gegen die Marranen geschlendert l538 (das. p. 263 fg>; aber sie entsprang aus einem Rachegcfühl, weil diese ihm zuletzt einen anderen Vertreter substituiert haben. Er hat auch spater sich wieder zum Judentum bekannt; aber daß er zuletzt Türke geworden sei, ist wohl nur Verleumdung oder Vermutung (das. II 268 Note). h Hcrculano das. I. p. 276 fg. Duarte de Paz. 247 gegen scheint die nationale Partei, welche die Selbständigkeit Portugals gewährt wissen wollte, gegen die Inquisition eingenommen gewesen zu sein. Daher die Minen und Gegenminen, welche mehrere Jahre ins Werk gesetzt wurden. Der Herzog don Braganza, Don Iayme, stand mit Duarte de Paz' Vater, einem noch im Judentums geborenen Marranen, in geheimem Briefwechsel, gewiß in Angelegenheiten der Inquisition, i) Es ging so weit, daß der vom Papste selbst ernannte Großinquisitor Diogo de Silva erklärte, er wolle die große Verantwortlichkeit nicht übernehmen und seine Stelle niederlegte?) Der schlaue Duarte de Paz scheint, um vom König die Geheimnisse in Betreff der Schritte gegen die Neuchristen zu erfahren, ein sehr kühnes Spiel eingefädelt zu haben. Mit dem portugiesischen Gesandten hatte er sich auf einen guten Fuß zu setzen gewußt, und er wagte sich sogar in die Löwenhöhle. Mit Joäo 171. selbst knüpfte er eine geheime Korrespondenz an,3) entschuldigte seinen kleinen Ungehorsam, des Königs Sendung vernachlässigt zu haben und nach Rom gegangen zu sein, und rechtfertigte sein Benehmen in Rom mit der Erklärung, er habe das alles im Dienste des Königs getan. Durch kleine Verrätereien von dein, was am päpstlichen Hofe damals vorging, und durch Enthüllungen dessen, was in Lissabon Politisches hinter dem Rücken des Königs gesprochen und geschrieben wurde, wußte er dessen Vertrauen zu gewiuuen. Er sandte ihm dazu den Schlüssel zu seiner Chiffreschrift. Er gab dem König ferner zu verstehen, daß er sechs Spione unterhalte, welche ihn von allem, was die Marranen in Italien und in der Türkei täten und trieben, in Kenntnis setzten. Er verriet endlich dem König diejenigen Marranen, welche sich heimlich zur Flucht aus Portugal anschickteu, um angehalten werden zu können. Alles das scheint ein mit den Marranen abgekartetes Spiel gewesen zu sein. Es gelang in der Tat Duarte de Paz, den portugiesischen Hof zu täuschen, der auf seine Spionsdienste rechnen zu können vermeinte. Der König selbst empfahl ihn warm seinem Sachwalter in Rom, dem Kardinal Pucci/) und er durfte auch frei mit dem Gesandten Martinho von Portugal verkehren. h Das. 283 Note 3. 2) Das. 275 fg. 277, 279 fg. Herculano konnte sich die plötzlich eingetretene Gleichgültigkeit gegen die Inquisition am portugiesischen Hofe nicht erkären. Auch die Minister waren nicht dafür. Das Faktum kann »nr durch die politische Parteistellung erklärt werden. Das. p. 28l fg. Herculano fand im Archive dessen Schreiben vom 4. Nov. 1532 und noch andere ans späterer Feit an den König in Chiffrcschrift. Der König schreibt noch 1536 an Pncci: s psra vsrckss a vsrtncks qns da nstts (sm Duarte äs Das) von snvio com S8ta oarta a.8 proprias oarta8 qns eite Ia8 cleu ao areebispo äo Dunebat psra ms enviar, porqus ms 248 Geschichte der Juden, Während er mit dem portugiesischen Hofe scheinbar zum Nachteil der Marranen unterhandelte, erlangte er von: Papste Clemens ein zweites außerordentlich wichtiges Breve zu deren Gunsten (vom 7. April 1533)/) bei dessen Beratung der portugiesische Gesandte geflissentlich ausgeschlossen worden war. Der Papst erkannte darin die von den Scheinchristen geltend gemachten Gründe für ihre geringe Anhänglichkeit an die Kirche als tatsächlich und berechtigt an. „Da sie mit Gewalt zur Taufe geschleppt worden waren, so können sie nicht als Glieder der Kirche gelten, und sie wegen Ketzerei und Abfall bestrafen, hieße die Prinzipien der Gerechtigkeit und Billigkeit erschüttern." Eine andere Bewandtnis hätte es zwar mit den von den ersten Marranen geborenen Söhnen und Töchtern; sie gehörten der Kirche als freiwillig zugeführte Glieder an. Allein da sie, von den Ihrigen im Judentums erzogen, deren Beispiel stets vor Augen hätten, so wäre es grausam, sie wegen Judaisierens nach den bestehenden kanonischen Gesetzen zu bestrafen; sie sollten mit Milde in dem Schoße der Kirche erhalten werden. Mit diesem Breve bob Clemens VII. die Tätigkeit der Portugiesischen Inquisition aus, berief alle Anklagen gegen die Marranen vor sein eigenes Tribunal und erteilte damit allen eine durchgreifende Absolution oder Amnestie für vergangenen Abfall von der Kirche. Die in den Jnqvisitionskerkern Schmachtenden sollten in Freiheit gesetzt werden, die Verbannten zurückkehren dürfen und die ihrer Güter Beraubten in deren Besitz wieder eingesetzt werden. Freilich sollten die Marranen nach Veröffentlichung dieser Verordnung ihre Vergehungen heimlich vor dein päpstlichen Nuntius oder vor den von ihm dazu erwählten Geistlichen beichten; aber wenn einige derselben auch nach der Beichte und Absolution des Judaisierens angeklagt werden sollten, und sie imstande wären, nachzuweisen, daß sie zu den ersten Zwangstäuflingen gehörten, sollten sie nicht als Rückfällige (Lsluxsl) behandelt und bestraft werden. Mit der dem damaligen Papsttum eigenen Verlogenheit, von welcher sich auch die besten Päpste nicht frei machen konnten, versicherte Clemens, er habe dieses Breve aus freien Stücken ohne Anregung dazu von seiten der Marranen erlassen, obgleich alle Welt das Gegenteil wußte und die Skudi nachrechnete, welche die Kurie dafür erhalten hattet) Clemens äesenbris. alguus 4s 8ns, Akuts s Io» piiueipusk, aus 4k sä 8S ausrisin kußli', per«, ssreiu presos s 8S xroseäsr sourrs. slls, s o ans u'isso ss oktersoia ts?sr e s.8 provisöes luiuliss qns psra 1880 nie ausris.. Usiculauo das. II. p. 55 Note. >) Bei Herculano das. II. p. 5fg. 2) Nsmorisl bei Herculano das. II p. 28 Note: 8sx (lobsuuss) orsäeus, nt cliesbatnr, Llsuisnteiu 4s bnsnsiuoäi usAotiis non iukormstniu, xsvuuis. tsutuin inotuin vsuis.ni prssclietsiu eoues88i8ss. — Kopie das. x. 24: Ls k-nus. us8ts8 Ilsz'uos aus por psits. §rv88s. 4s «liubsiro aus 8S 4so sm 8ns. eorts, se usKo- esain S8tk8 pi'ovisoes eoutra tüo sauta . .. obra. Vergl. auch das. S. 65 Note. Verhandlungen wegen oes Bestandes der Inquisition in Portugal. 249 erklärte alle, Geistliche wie Weltliche, welche sich der Ausführung dieses Breve widersetzen würden, in den Bann, und schärfte seinem Geschäftsträger Marco della Rovere ein, es sofort in ganz Portugal bekannt zu machen. Nichtsdestoweniger blieb es ein toter Buchstabe. Ter portugiesische Hof war entrüstet über die den Marianen durch Bestechung gewährte Begünstigung, beeilte sich keineswegs, sie auszuführen, knüpfte vielmehr neue Unterhandlungen an und erlangte, obwohl Clemens sein Breve noch einmal bestätigte <19. Oktober), ^ einen Aufschub desselben (18. Dezember), bis der König seine Gründe zur Behauptung der Inquisition vorgebracht hättei) — als wenn die Sachlage auch nur in: geringsten dunkel gewesen wäre. Ter portugiesische Hof begnügte sich aber damit noch nicht, sondern machte alle Anstrengungen, dieses Breve vollständig widerrufen zu lassen. Ein außerordentlicher Botschafter, Henriq n e de Meneses, wurde zu dem Zwecke nach Rom beordert (Februar 1534), neben dein ständigen Gesandten dafür zu wirken, dem Papste eine Strafpredigt wegen seiner milden Auslegung des Christentums zu halten und ihn auf das Beispiel seiner Vorgänger zu verweisen, welche die gewaltsame Bekehrung der Juden von seiten des west- gothischen Königs Sisebut gebilligt und im Sinne des Christentums gefunden hätten. Man muß dem Papste Clemens VII. Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hat mit vieler Standhaftigkeit die Sache der Menschlichkeit für die unglücklichen Marranen gegen den blutdürstigen Geist des damaligen Christentums vertreten, wenn ihn auch dabei andere, nicht so reine Beweggründe geleitet haben mögen: sein Haß gegen Karl V., welcher die Behauptung der Inquisition in Portugal betrieb, und die Gier nach den Summen, die er und seine Höflinge dafür einsteckten. Es fiel ihm schwer, die Marranen den Blutmenschen in Portugal ohne Gnade zu überliefern. Obwohl die Frage vielfach durchgesprochen war, ließ Clemens von neuem eine Kommission darüber beraten, die aus zwei neutralen Kardinälen erwählt war, de Ce - s i s und Campeggio. Freilich durfte der Großpönitentiar, Antonio Pucci, Kardinal de Santiquatro, obwohl parteiisch für den portugiesischen Hof, dabei nicht fehlen. Nichtsdestoweniger hat diese Kommission die haarsträubendsten Unmenschlichkeiten der Inquisition gegen die Scheinchristen offiziell beurkundet. Infolge ihres Berichtes erließ Clemens VII. fast auf dem Totenbette (26. Juli 1534) — er fühlte damals schon sein Hinscheiden — ein Breve an den Nuntius am portugiesischen Hofe, die Befreiung und Lossprechung der eingekerkerten Marranen energisch durchzusetzen.?) Ob diese, deren Zahl sich auf zwölfhundert belief, dadurch ihre Freiheit erlangt haben? Es scheint, daß ß Herculano p. 21 fg. °) Das. n. 2l—66. 250 Geschichte der Juden. Clemens' Tod (25. September 1534) seinen guten Willen und ihre Hoffnung vereitelt hat. Unter seinem Nachfolger Paul III. Farnese (1534—1549) spielten die Intrigen in Betreff der Inquisition von neuem, und zwar anfangs zum Nachteil der Marranen?) Dieser Papst gehörte zwar noch der alten Schule der weltlich gesinnten, diplomatischen, nichts weniger als bigotten Kirchenfürsten an. Er war überhaupt ein fein berechnender Kopf und nahm mehr auf irdische, als auf himmlische Gewalten Rücksicht. Die kirchliche Reaktion, die sich während seines Pontifikats durch die Theatiner und Jesuiten vorbereitete und alle Errungenschaften der Bildung und Gesittung inner- und außerhalb Italiens auf lange Zeit vereitelte, war nicht sein Werk; er war ihr auch innerlich abgeneigt, und duldete sie nur oder bediente sich ihrer aus Politik. Den Inden war Paul III. besonders gewogen. Wenn die Schilderung, welche ein beschränkter Bischof (Sadolet von Carpentras) von dessen Judenfrenndlichkeit entwarf, auch nur teilweise begründet war, so muß sie bedeutend genug gewesen sein. „Christen sind noch von keinem Papste mit soviel Gnadenbezeugungen, Privilegien und Zugeständnissen beschenkt worden, wie die Juden von Paul III. Mit Ehrenvorrechten und Wohltaten sind sie nicht bloß gefördert, sondern sogar bewaffnet worden"?) Paul III. hatte seinen jüdischen Leibarzt an Jakob Mantin, der ihm einige seiner Schriften widmete?) Er verbot die Aufführung der Passionsvorstellung im Kolosseum, weil die Menge, von der drastischen Darstellung der angeblich durch die Juden verursachten Leiden Jesu fanatisiert, die Inden ans der Straße mit Steinwürsen zu verfolgen pflegte?) Den Marranen ans Spanien und Portugal, welche bei ihm Schutz vor der Inquisition suchten, gestattete er, sich in Ancona und andern Städten der Romagna niederzulassen und erteilte ihnen ein Privilegium, daß sie nicht wegen Apostasie von der Kirche und wegen Ketzerei verfolgt *) S- Jmanuel Aboab, XomoloZIn p. 292. 2 ) g.Molst Ilpistol-rs H. XII Nr. 5: ad Onrdinnlsm rllsxnndrniu §nrnssinin von 1589: (jni polest vidsrs nmors rsliZstonis in suis provineiis Imtsi'kuws psrssqni, gni in iisdsm provineiis tantopers sustiust Indnsos? Iininovsro s-nAst, ooudsoornt, bonsstnt? Xnlii snim nngnnm nllo a. pontiüos Obristinni Arntiis, privilsAÜs, oonoessionibns donnti snnt gnod per böses S.UN 08 a. i?-mlo III. pontiüos bonoribns, prasroAntivis, bsneüeiis non nneti solnin, sed nrmnti snnt Indnei. o) De Pomis de insdioo Hsbra.so p. 70: . . . knnlns III prasssrtim qui Ineob Aantini prasssntia. nsns omni tei'S in tempore luit. Bergl. darüber die Bibliographen über Mantin. ^) ^.lssza.ndro d'Xnoona,, stndii nslls saors rapprsssntnrioni, Florenz 1877; Rsvns d. Lt. s. IX, 81 Note 3. Paul III. den Marrauen günstig. 251 werden dürften?) Und dieser Papst svllte die Hand dazu bieten, die Inquisition mit Scheiterhaufen in Portugal einzuführen? Sobald er den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, erachtete es allerdings der König von Portugal und noch mehr sein Bruder, der ein Kardinal und kirchlich gesinnt war, als eine wichtige Angelegenheit, Clemens' Bullen und Breven zugunsten der Marrauen aufheben zu lassen, welche die Wirksamkeit der Inquisition hinderten. Aber auch der Sachwalter der Marrauen, Duarte de Paz, dein ein Beistand an Diogo Rodrigues Pinto beigegeben war, ließ es nicht an Bemühungen fehlen, dem entgegenzuarbeiten. Gold wurde nicht gespart. Duarte de Paz, obwohl scheinbar in verräterischer Korrespondenz mit den: König, bot dem Kardinal Santiquatro, dem Parteigänger Portugals, eine jährliche Pension von 800 Crusados an, wenn er den Marrauen seinen Schutz znwenden wollte. Der Papst, diplomatisch bedächtig wie er war, der sich nicht gern durch ein Wort binden mochte, entschied zuerst (3. November 1534), daß Clemens' Breve nicht veröffentlicht werden sollte?) Als er aber erfuhr, daß es bereits in Wirksamkeit getreten war, ließ er die Sache von neuem untersuchen und ernannte dazu zwei Kardinale, Ghinucci und Simoneta, von denen der erstere die Marrauen entschieden begünstigte und eine Schrift zu ihrer Verteidigung veröffentlicht hatte?) Mag dieser sich den Marrauen verkauft haben, wie die Dominikanerpartei behauptete. Aber sein Kollege Simoneta galt als ein unbestechlicher Charakter, und auch er gab sein Gutachten zugunsten der Marranen ab. Infolgedessen ermahnte Paul 111. den portugiesischen Hof nachdrücklich, Clemens' VII. Absolutionsbulle Gehorsam zu erweisen. Er. bemerkte, wenn auch die von dem Könige den Marranen erteilten Privilegien, wegen ihres Verhaltens nicht zur Untersuchung gezogen zu werden, gegen das kanonische Gesetz verstießen, so müßte ein königliches Wort die Herrscher binden. Er war entschieden gegen die Gefangenhaltung der Marranen in unzugänglichen Kerkern und gegen die Güterkonfiskation. Aber wie alle damaligen katholischen Könige nur p Prinilegnim des Herzogs von Savoyen Usvus i elrs p<>8- snno vsnlr, stnr et linlntnr .... nelln vittn . 87. F Das. 151 f. Schicksal der Juden während des Krieges in Tunis. 253 vorher hatte der Gesandte Don Martinho an den König Joäo geschrieben, er möge Veranstaltungen treffen, diesen Ränkeschmied aus der Welt zu schaffen?), Don Joäo lehnte aber die Mitschuld oder Urheberschaft des versuchten Meuchelmordes mit einer Wendung ab, welche die bodenlose Unsittlichkeit der damaligen Regenten grell beleuchtet. „Wenn der Anfall von ihm befohlen worden wäre, so hätte er das Opfer unfehlbar getroffen". Der Papst war über diese Untat sehr entrüstet und ließ dem Prokurator alle ärztliche Pflege angedeihen; er wurde auch wiederhergestellt. Nichtsdestoweniger mußte der Papst dem portugiesischen Hof in Betreff der Inquisition willfahren. Der Hof schlug nämlich endlich den rechten Weg ein, sein Ziel zu erreichen; er wandte sich dringend an den siegreichen Karl V., die Sache zu betreiben. Der Kaiser hatte damals nämlich einen schweren Kampf bei Tunis gegen den Mohammedaner Barbarossa geführt, welcher, unterstützt von der Türkei, vie ganze Christenheit beunruhigt hatte. Nach vieler Anstrengung wurde Tunis von dem zahlreichen christlichen Heere, welches Karl selbst angeführt hatte, genommen mW Barbarossa besiegt. Den Juden von Tunis, die sich wieder daselbst angesammelt hatten, erging es dabei, wie sich denken läßt, am schlimmsten; sie wurden von beiden kriegführenden Parteien mißhandelt. Ein Leidensgenosse, Abraham von Tunis, der in Gefangenschaft geraten war, schrieb darüber: „Einen Teil von uns verschlang die Erde, einen Teil vernichtete das Schwert, ein Teil starb vor Hunger und Durst." Die Überlebenden wurden als Gefangene nach Europa geschleppt, wobei sich die Gemeinden von Neapel und Genua brüderlich erwiesen und diejenigen mit schweren: Gelds auslösten, die in ihre Nähe geführt worden waren?) Der Kaiser Karl zog darauf als Triumphator durch Italien. Hatte doch durch ihn endlich einmal das Kreuz einen Sieg über den Halbmond errungen! Karl V. war, wie schon erwähnt, kein Freund der Inden. Er schrieb ihnen strenge das Tragen der Judenabzeichen vor — einen gelben Ring am Rocke oder ganz offen an Kappen — und verbot den Wucher bei Androhung ihrer Ausweisung,^) bestätigte aber auch, wiederholt von Joselin angefleht, ihre dürftigen Privilegien, daß sie nicht totgeschlagen und beraubt, nicht zur Taufe gezwungen werden dürften, auch Freizügigkeit haben sollten. Wer sich an ihnen vergriffe, solle 15 Mark Silbers zur Hälfte an den Fiskus und zur Hälfte an die Juden als Strafgelder zahlen. Seine Dekrete waren zwar so wenig wirksam, daß er in h Bei Herculano p. 152 N. 2) Joseph Kohen, Rmek Im-Luvlm p. 101. Der bescheidene Historiker verschwieg seinen Anteil an der Sammlung zur Auslösung der Gefangenen. Vergl.; Revue cl. Rt. XVI, 37. o) O. S. Reichstagsabschicde von 1530, 1548, 1551. 254 Geschichte der Juden. kurzer Zeit mehrere aufeinander folgen lassen mußte?) Aber auch der gute Wille wäre anerkennenswert gewesen. Allein Karl war es mehr um seine Einnahmen von den Juden zu tun, deren er verlustig gegangen wäre, wenn sie vertilgt worden wären, als um Gerechtigkeit. Sodann waren die deutschen Juden unschädlich, ihre Existenz störte seine Pläne nicht; darum ließ er sie seine anerzogene Judenfeindlichkeit nicht allzusehr empfinden. Dagegen haßte er, als Enkel Fernairdos und Jsa- bellas von Spanien, die Marranen gründlich und gönnte ihnen die Flammen der Inquisition. Als nun der Kaiser, als Triumphator über Barbarossa durch Italien ziehend, in Rom eingetroffen war (5. bis 18. April 1536), verlangte er von Paul III. als Lolm seiner Siege (es war Sitte, daß ein Triumphator sich die Erfüllung eines innigen Wunsches vom Oberhaupt der Christenheit ansbitten durfte) die Bewilligung der Inquisition für Portugal?) Noch immer sträubte sich der Papst, darauf einzugehen. Er kam immer wieder darauf zurück, die portugiesischen Marranen seien ursprünglich mit Gewalt zur Taufe geschleppt worden, und darum hafte das Sakrament nicht an ihnen. Allein zum Unglück für die Marranen waren ihre Mittel erschöpft, die Geldgier des päpstlichen Hofes zu befriedigen. Ihr Sachverwalter Duarte de Paz hatte unerschwingliche Summen für die Vereitlung der Inquisition versprochen und noch dazu einen Teil des ihm zur Verfügung gestellten Geldes zur eigenen Bereicherung veruntreut. Sv waren die Scheinchristen gezwungen, dem päpstlichen Nuntius della Rovcre, welcher auf Zahlung gedrungen hatte, zu erklären, sie seien nicht imstande, die übertriebenen Versprechungen des Duarte de Paz einzulösen. Zudem wurde dieser Handel zwischen dem Nuntius und den Marranen dein Hofe verraten und zwang diese noch mehr zur Vorsicht, weil der Bruder des Königs, Don Alfonso, sie selbst mit einer Judenhetze durch das Gesindel wie dixißig Jahre vorher bedrohte. Auf seiner Reise nach Flandern erhielt zwar der ') Dekrete vom 18. Mai 1530, an ganz Deutschland und eins für Elsaß, dann wieder eins vom 24. Mai 1541, Urkunden bei Inmuasus, fu8 publicum imperii Hornaus, additameuba I, p. 301 f. 2) .iberculano a. a. O II, p. >53 fg. vergl. Note 6. Diese für den Ursprung der Inquisition in Portugal wichtiqe Nachricht findet sich nur bei L. L.boab l^omolog-ia p. 293: . . 8S resolviö cl Ue^ Dun Inan, gue passaudo aguel bisiupo por Roma Oarlos V., vietorioso cts 1o8 Nurcos por avsr Kanada a Nuue? ^ a la Oolsta, avisndo ds triumpbar, picliesss ssta Kiacia a pon- biücs, ds qus e! ds UortuAal pudissss mstsr la iuguisiciou su auoa Ue^nos, coiuo sra cosbumbre ds agnellos gus trinmpbavau psdir al papa Io gus ma8 Iss ag-ravada. Weder Herenlano, welrber die Verhandlung Karls mit dem Papste berichtet (a. a. O. II, x. 153 fg. 162) noch G. Heine, welcher dieselben Urkunden benutzt hat, wissen von diesem Motive. Bestätigung der Inquisition durch Paul III. 255 Nuntius von den Marranen Diogo Mendes und seiner verwitweten Schwägerin Dona Mendesia (welcher später ein Schutzengel für die Marranen wurde) eine bedeutende Abschlags- summech; aber diese befriedigte in Rom nickt, wo man auf viel mehr gerechnet hatte. So erkaltete am päpstlichen Hofe allmählich das Interesse an den Marranen. Als der Kaiser Paul III. immer mehr drängte, die Inquisition für Portugal zu bewilligen, sanktionierte der Papst endlich endgültig die Glaubenstribunale für die Portugiesischei: Besitzungen (23. Mai 1536). Da der judenfreundliche Papst die Sanktion nur mit schwerem Herzen und unter dem vom Kaiser auf ihn ausgeübten Truck erteilt hatte, so brachte er allerlei Beschränkungen an, dafi in den ersten drei Jahren das gewöhnliche, bei weltlichen Gerichten übliche Verfahren eingehalten werden sollte, d. h. öffentliches Gegenüberstellen der Zeugen — wenigstens für die Klasse der nicht als mächtig angesehenen Marranen — und die Konfiskation der Güter der verurteilten Marranen sollte erst nach zehn Jahren erfolgen?) Mündlich empfahl der Papst noch durch den Protektor Portugals mildes Verfahren gegen die Sckeinchristen, ferner, daß nicht der finstere Bischof von Lamego, sondern der milder gesinnte Bischof von Ceuta, Diogo deSilva, zum Generalinausilior ernannt werden, und endlich, daß der Familie des Tuarte de Paz gestattet werden sollte, unangefochten Portugal zu verlassen. Tun Joäos Freude über den endlich erfüllten Wunsch seines Herzens war so groß, daß er auch auf diese Bedingungen einging?) Doch war dieses Zugeständnis nur Schein; in Wirklichkeit sollte dieselbe Strenge gegen die portugiesischen Marranen angewendet werden wie gegen die spanischen. Tie Ermahnung, welche die Inquisitoren erließen, daß jedermann verpflichtet sei, judai- sierende Handlungen oder Äußerungen der Scheinchristen bei Strafe der Exkommunikation oder einer noch schärferen anzugeben?) unterschied sich in nichts von der, welche der erste kannibalische Großinquisitor von Svanien, Torquemada, erlassen hatte. Im November desselben Jahres begannen die Bluttribunale ihre die Menschheit schändende Tätigkeit, nachdem die dreißig Tage der sogenannten Gnadenfrist vorüber waren. Die Anstrengungen, welche die Marranen unter Mithilfe des Jnfanten Don Lui sch machten, noch einen Zeitraum l) S. Note 6 Ende. ch Hcrcnlano a. a. O. II. x. 163 fg. Das Datum ist das., wie oben, angegeben, bei G. Heine dagegen falsch, 26. Juli, das war vielmehr der Tag der Pnblizierunq in Portugal. °) Das. p 169. ch Das. g. 17l fg. Nonitorio vom 18. August 1536. ö) Das. II p. >77 fg. Die zwei marranischen Vertreter, welche mit Don Luis und dem Könige darüber unterhandelten, hießen Jorge Leäo und Nuno Henriques. 256 Geschichte der Juden. von einem Jahre zur Besinnung zu erhalten, führten zu nichts. Tie portugiesische Inquisition verfuhr fast noch grausamer als die spanische, einerseits, weil ihre Einführung soviel Mühe gekostet hatte, und die Gemüter dadurch erbittert waren, anderseits, weil die Standhaftigkeit der portugiesischen Marranen größer war als die der spanischen, und endlich, weil das gemeine Volk Partei für die Inquisition und gegen die Neuchristen nahm. Sogar ein eigenes Zeichen legte ihnen Joäo III. ans, um sie von alten Christen zu unterscheiden. Sie gaben sich indessen noch nicht sobald gefangen, wandten vielmehr noch allen Eifer an, um die Bulle zurücknehmen zu lassen. Die feinsten Intrigen wurden wieder am päpstlichen Hofe gesponnen: Duarte de Paz entwickelte wieder seine diplomatische Schlauheit. Die Marranen erhoben Klagen über die grausame Behandlung von seiten der Bluttribunale, daß die Richter sich nicht an die päpstlichen Instruktionen hielten. Ganz besonders beklagten sie sich, daß ihnen noch immer die Freiheit, auszuwandern und ihre Liegenschaften zu verkaufen, untersagt würde. In einer Denkschrift an den Papst wagten sie fast eine drohende Sprache zu führen: „Wenn Ihre Heiligkeit die Bitten und Tränen des hebräischen Geschlechtes verachten, oder, was wir nicht hoffen, verweigern den: Übel abzuhelfen, wie es dem Stellvertreter Christi geziemt, so protestieren wir vor Gott, und mit Klagen und Seufzern, die weithin ertönen, werden wir im Angesicht des Universums protestieren, daß, da wir keinen Ort finden, wo uns die christliche Herde aufnahm, verfolgt am Leben, an der Ehre, in den Kindern, welche unser Blut sind, und bis an unsere Seligkeit, wir zwar versuchen werden, uns vom Judentum fern zu halten, bis daß, wenn die Tyrannei nicht aufhören sollte, wir das tun werden, an welches keiner von uns sonst denken würde, d. h. wir werden zur Religion Moses zurückkehren und das Christentum verleugnen, welches man uns gewaltsamerweise zwingt, anzunehmen. Wir rufen feierlich aus, daß wir Opfer sind, bei dem Rechte, welches diese Tatsache uns gibt, ein Recht, von Eurer Heiligkeit anerkannt. Das Vaterland verlassend, werden wir Schutz suchen bei minder grausamen Völkern!" Ü Der aus Portugal zurückgekehrte Nuntius della Rovere, welcher den Stand der Dinge und die Persönlichkeiten durch langjährige Beobachtungen kannte, wußte den Papst zu überzeugen, daß die Gewährung der Inquisition ein Fehler war, und da Paul III. nur dem augenblicklichen Drucke nachgegeben hatte, so erfolgte bald darauf eine Umstimmung und sogar Reue über den getanen Schritt. Er ging soweit, die von ihm erlassene Bulle von neuem einer Kom- >) Herculano das. II. ISlfg. Neue Erbitterung gegen die portugiesischen Marmneu. 257 Mission zur Prüfung zu unterwerfen, ob sie nicht ungesetzlich bewilligt sei, und in diese Kommission wurde wieder der den Marranen günstige Kardinal Ghinucci gewählt und ein gleichgesinnter Kardinal Jacobacciv. Diese zwei wußten den dritten, den ehrlichen, aber beschränkten Kardinal Simoneta, so sehr gegen die Inquisition einzunehmen, daß er den Papst bat, das von ihm selbst angerichtete Übel — er hatte die Bewilligungsbulle ausgearbeitet — durch Widerruf wieder gut zu machen. Ein neuer Nuntius wurde nach Portugal geschickt, Gero uimo Riceuati Capodiferro, der gewissermaßen Vollmacht hatte, alle Handlungen der Inquisition gegen die Marranen zu vereiteln, diese zu schützen und namentlich ihre Auswanderung aus Portugal zu erleichtern. In der Instruktion, die der Papst ihm übergab, herrschte ein Ton der Erbitterung gegen den König, die fanatische Partei und die Inquisitoren?) Dem Nuntius schickte der Papst ein Breve nach (von: August 1537), wodurch er jedermann ermächtigte und gewissermaßen ermunterte, den angeklagten Marranen Schutz und Beistand zu leihen — gerade das, was in Portugal als Mitschuld und Teilnahme an der Ketzerei galt?) Capodiferro machte den weitesten Gebrauch von seinen Befugnissen; er warf sich zum Retter der Unglücklichen auf — allerdings für Geld — sprach diejenigen frei, welche das Tribunal verurteilt hatte, und beförderte ihre Flucht außer Landes?) So liefen lauter Klagen an den päpstlichn Hof ein, Klagen des Königs über den Skandal und die Beförderung von seiten des Nuntius. Es mag in der Tat dem König wunderlich vorgekommen sein. Er hatte endlich eine Bulle, ein Tribunal, einen Großinquisitor mit Kollegen und den ganzen Apparat der Menschenschlächterei zur Ehre Gottes, und doch hatte er wiederum so gut wie nichts. Denn Capodiferro machte deren ganze Tätigkeit unwirksam und eitel, und der Generalinquisitor de Silva, eben wegen seiner Milde gewählt, brachte mit Rücksicht auf den Nuntius nicht viel Brandopfer. Ein Zufall mischte indessen das Spiel wieder zugunsten des Königs und der Partei der Fanatiker. Man las eines Tages (Februar 1539) in Lissabon einen an der Tür der Kathedrale und anderer Kirchen angehefteten Zettel des Inhalts, der Messias sei noch nicht gekommen, Jesus sei nicht der Messias gewesen, das Christentum sei eine Lüge. Ganz Portugal war natürlich über eine solche Lästerung entrüstet, und eine strenge Untersuchung wurde angestellt, um den Täter zu ermitteln. Der König setzte einen Preis von 10 000 Crusados (Dukaten) auf dessen Entdeckung aus. Aber auch Capodiferro setzte dafür 5000 Crusados aus, weil er mit vielen andern der Meinung war, es sei ein von den Feinden der Marranen geführter Schlag, um den König 0 Herculano II x. 185—I9l. ") Das. x. 195 fg. h Das. x. 201 fg. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 17 258 Geschichte der Juden. noch mehr zu fanatisieren, und den Nuntius in Verlegenheit zu bringen. Um jeden Verdacht abzuwenden, ließen die Neuchristen an denselben Plätzen anschlagen: „Ich, der Verfasser, bin weder Spanier, noch Portugiese, sondern ein Engländer, und wenn ihr den Preis auf 20 000 erhöht, werdet ihr meinen Namen doch nicht erfahren." Dennoch wurde der Urheber in der Person eines Marranen Emanuel de C o st a entdeckt?) Er wurde vor die Inquisition geladen, gestand alles ein, wurde dann vom Zivilgericht auf die Folter gespannt, um Mitschuldige anzugeben und zuletzt — nachdem ihm beide Hände abgehauen worden waren — ans dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Marranen sahen schlimme Zeiten voraus und viele derselben entflohen.?) In der Tat ergriff nun der König die Gelegenheit, die Inquisition strenger und blutiger auftreten zu lassen und dem Nuntius sein Spiel zu verderben. Der bisherige Großinquisitor Diogo de Silva, der sich auch bei diesem Vorfälle lässig benommen hatte, wurde beseitigt und dafür der siebenundzwanzigjährige Bruder des Königs, Don Henrique, ernannt (Juni 1539), ein entschieden fanatischer Feind der Marranen. Der Hof fürchtete natürlich den Zorn der päpstlichen Kurie, weil damit den ausdrücklichen Bestimmungen des Papstes zuwidergehandelt wurde, und sandte daher einen festen, rücksichtslosen Gesandten, Pedro Mascarenhas, nach Rom, der die schwache Seite der Kardinäle und päpstlichen Nepoten kannte und die Marranen an Bestechungen überbot. U Die wütendsten Fanatiker wurden sofort zu Inquisitoren ernannt — zum größten Ärger des Nuntius und des Papstes. Joäo Soares, den der Papst selbst beurteilte: „Er ist ein Mönch von wenig Wissen, aber von großer Kühnheit und äußerstem Ehrgeize. Seine Gesinnungen sind die allerschlechtesten, und er ist ein öffentlicher Feind des apostolischen Stuhles, dessen er sich noch rühmt,"ch dieser wurde zum unumschränkten Herrn über das Leben der Scheinchristen gemacht und mit ihm zugleich ein anderer, Doktor Mello, ein Erzfeind der Judenchristen. Der portugiesische Hof hatte endlich Mut gefaßt, kräftig vorzugehen, anstatt bloß zu protestieren und zu verschleppen. Mit jedem Tage verschlimmerte sich der Stand der Angelegenheiten für die Marranen. Der Papst blieb zwar in der Verhandlung mit dem portugiesischen Gesandten in drei Punkten unbeugsam fest, daß der Jnfant Don Henrique nicht Großinquisitor bleiben dürfe, daß den der Ketzerei angeklagten Marranen die Namen der Zeugen, d. h. der Ankläger, genannt werden müßten, und daß endlich ihnen nach dem Urteilsspruch die Berufung an die Instanz der päpstlichen Kurie gestattet U S. Note 6. 2 ) Herculano das. n, 207 Note. 2) Herculano das. II, x. 211 fg. Das. x. 220. Grausige Schilderung der Inquisition. 259 werden solle. Paul III. ließ sogar eine neue Bulle ausarbeiten (12. Oktober 1539) — eine Ergänzung zu der drei Jahre vorher erlassenen — die durchweg günstig für die Neuchristen lautete und die Inquisition vollständig gelähmt hätte.?) Allein sie blieb ebenfalls toter Buchstabe. Der Bote, welcher ihre schnelle Besorgung in die Hände der Scheinchristen nach Portugal befördern sollte — versteht sich, auch ein Marrane — verzögerte seine Reise so sehr, daß der Nuntius bereits Lissabon oder gar Portugal verlassen hatte. Es ruht sogar der Verdacht auf ihm, daß er geflissentlich zeitiger als nötig war, seinen Posten verließ, um nicht in die Lage zu kommen, diese Ergänzungsbulle (vom Oktober 1539) verkünden und ausführen zu müssen Denn auch Capodiferro war, wie sein Vorgänger della Notiere, zuletzt mit den Marranen in Spannung und Mißstimmung geraten, weil sie seine übertriebenen Geldforderungen nicht befriedigen konnten oder mochten,^) obwohl beide 30 000 Dukaten Juden- oder Marranengelder aus Portugal mitgebracht hatten?) Möglich, daß er vom Papste selbst die Weisung erhalten hatte, diese günstige Bulle nicht offiziell werden zu lassen; sie war vielleicht nur darauf berechnet, die Marranen zu täuschen. Denn trotz aller Zerwürfnisse mit dem portugiesischen Hofe wollte der kluge Paul III. — so gut er es auch innerlich und aus Interesse mit den Marranen meinte — es nicht aufs äußerste treiben und mit dem König brechen und schonte daher dessen Empfindlichkeit. So blieb denn der erbittertste Feind der Marranen, Don Henrique, tatsächlich, wenn auch nicht vom Papste anerkannt, Großinquisitor von Portugal, und damit hatte die Zeit der Milde für die Marranen ein Ende. Mehr als früher wurden seit der Zeit Scheiterhaufen für die hartnäckigen Ketzer angezündet, und es fielen seitdem mehr Schlachtopfer zu zehn bis vierzig jährlich, ohne daß ihrer Berufung an den Papst Folge gegeben wurde?) Die Kerker füllten sich mit angeklagten und verdächtigen Marranen?) Grausig ist die Schilderung des zeitgenössischen Dichters S a- muel Usque von den Martern der portugiesischen Inquisition, die er selbst als Jüngling erlebt hat. „Ihr Eintreffen störte den Juden die Ruhe ihres Geistes, erfüllte ihre Seele mit Schmerz und Trauer, zog sie aus der Behaglichkeit ihres Hauses und brachte sie in dunkle Kerker, wo sie unter Pein und Seufzern lebten. Da wirft sie (die Inquisition) die Schlinge um sie und schleift sie zum Feuer; da verhängt sie, daß sie ihre Söhne töten, ihre Gatten verbrennen, ihre 0 Herculano x. 252. ?) Das. ^ 254 fg. h Das. x. 269 fg. -) Das. p. 322. 5) Inlorinnmoni Note 6. Herculano das. x. 303 Note. H Herculano das. x. 325. 17 * 260 Geschichte der Juden. Brüder des Lebens beraubt sehen müssen, ihre Kinder zu Waisen gemacht, ihre Witwen vermehrt, die Reichen verarmt, die Mächtigen heruntergebrncht, Edetgeborene in Straßenränder verwandelt, zurückgezogene und keusche Frauen schandbare und schimpfliche Stätten bevölkern aus Armut und Verlassenheit, die sie über sie bringt. Sie hat eine große Zahl verbrannt, nicht einzelne, sondern je dreißig und dreißig, je fünfzig und fünzig zusammen. Und nicht genug, dieselben verbrannt und vertilgt zu haben, bringt sie das christliche Volk dahin, daß es sich dessen rühmt und sich freut, meine Glieder (die Söhne Jakobs) auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu sehen, den es mit auf dem Rücken weit herbeigeschleppten Holzstücken anschürt und anzündet. Die widerwillig Getauften schleichen umher voll von Furcht vor diesem wilden Tiere (der Inquisition), daß sie auf den Straßen ihre Augen überall hinwenden, ob es sie nicht ergreift. Mit unsicherem Herzen gehen sie umher, zitternd wie ein Blatt vorn Baume und bleiben entsetzt stehen, aus Furcht, sich von ihm gefesselt zu sehen. Jeder Stoß dieses Tieres beunruhigt sie, und sie empfinden ihn, als wenn er ihr Innerstes träfe; denn in diesem Unglücke sind sie alle zum Leiden ein einziger Körper. Mit Angst bringen sie den Bissen in den Mund an ihrem Tische, und die Stunde, welche für alle Wesen Ruhe bringt, beunruhigt und erschreckt sie noch mehr. Die Freuden und Feste der Hochzeiten und Geburten verwandeln sich ihnen in Trauer und Seelenunruhe. Endlich läßt sie jeder Augenblick tausend tödliche Übel kosten. Tenn es genügt nicht, sich durch äußere Zeichen als Christen zu erkennen zu geben. — Das Feuer zehrt au ihrem Leibe. Unzählig sind die Arten ihrer Marter?) >) Samuel Usque Oonsola^äo III. Nr. 30. Das Jahr für Anfang der Inquisition ist dabei angegeben: 5291 — 1531, aber nicht ganz genau. Wenn Hefele, der Biograph des Kardinals Vmcnes, diese von einem Zeitgenossen, wahrscheinlich von einem Opfer der Inquisition ansgegangene Schilderung der Ungeheuerlichkeiten der Inquisition gekannt hätte, oder vielmehr wenn er nicht von der Tendenz besessen gewesen wäre, diese Schandflecken an der Kirche rcinzuwaschen und sie in die Farbe der Unschuld zu verwandeln, so hätte er nicht schreiben können, daß die Grausamkeiten dieses Ketzertribunals nur in historischen Romanen oder romantischen Historien existierten. Hefele beschuldigt Llorente der Übertreibung; aber die jüdischen Blutzeugen des XVI. und XVII. Jahrhunderts, die als halbe Leichen der Inquisition entgangen waren, schildern die raffinierte Unmenschlichkeit derselben noch viel eindringlicher. Der neueste Geschichtsschreiber der portugiesischen Inquisition, A. Herculano, hat die haarsträubende Grausamkeit derselben ebenso wie Llorente ans laut redenden Archiven kennen gelernt. Er schreibt in der Einl. zu seinem höchst interessanten Werke Origem cla, luqnischilv sm UortmAkü: „Wir könnten eine Geschichte der Inquisition schreiben, dieses Dramas der Gräueltaten, welches sich über zwei Jahrhunderte hinzieht. Die Archive des schrecklichen Tribunals sind hier fast unberührt. Nahe an 40000 Prozesse sind noch geblieben, um Zeugnis von fürchterlichen Szenen, von beispiellosen Abscheulichkeiten, Kampf der Marranen gegen die Jnquisitivn. 261 Ist diese Schilderung übertrieben? Hat vielleicht die Phantasie des Dichters geringe Leiden allzu empfindlich zu Märtyrerschinerzen vergrößert? Ein Kardinalskollegium, welches das Verfahren der portugiesischen Jnquisitivn gegen die Marranen offiziell zn untersuchen hatte, bestätigte diese Schilderung Wort für Wort urkundlich. „Wenn ein. Scheinchrist angeklagt wird — manchmal durch falsche Zeugnisse — so schleppen ihn die Inquisitoren in ein finsteres Loch, wo ihm nicht gestattet wird, Himmel und Erde zu sehen und am wenigsten mit den Seinigen zu sprechen, daß sie ihm beistehen könnten. Sie beschuldigen ihn auf dunkle Zeugnisse hin und geben ihm weder Ort noch Zeit an, in denen er das, wessen er angeklagt wird, begangen haben solle. Später geben sie ihm einen Sachwalter, der öfter, anstatt ihn zu verteidigen, ihn zum Gang zum Richtplatz verhilft. Gesteht ein Unglücklicher ein, wahrhaft gläubiger Christ zu sein, und leugnet fest die ihm zur Last gelegten Vergehungen, so verdammen sie ihn zu den Flammen und konfiszieren seine Güter. Wenn er beichtet, diese oder jene Handlung getan zu haben, aber ohne Absicht, so behandeln sie ihn auf dieselbe Weise unter dem Vorwände, daß er hartnäckig seine bösen Absichten verleugne. Trifft es sich, daß er offen das Angeschuldigte eingesteht, so bringen sie ihn in die äußerste Dürftigkeit und verdammen ihn zu ewiger Kerkernacht. Und das nennen sie gegen den Schuldigen mit Barmherzigkeit und christlicher Milde verfahren! Selbst der, dem es gelingt, seine Unschuld sonnenklar zu beweisen, wird zu einer Geldstrafe verurteilt, damit man nicht sage, sie hätten ihn ohne Grund verkästet. Die in Gewahrsam gehaltenen Angeklagten werden durch allerlei Marterwerkzeuge gepeinigt, die ihnen aufgebürdeten Anschuldigungen zu gestehen. Viele von ihnen sterben im Kerker, und die in Freiheit Gesetzten bleiben, sie und die Ihrigen, mit der Brandmarkung ewiger Schande entehrt?^) Je grausiger und blutiger die Inquisition verfubr, desto mehr klammerten sich die portugiesischen Scheinchristen an den letzten Hoffnungsanker, der ihnen noch geblieben war, an den Papst und ihre anderen Gönner, um, wenn auch nicht das Bluttribnnal ganz zu be- von langen Todeskämpfen abznlcgen." Enthält das Lissaboner Archiv auch lauter historische Romane über die Inquisition? Viele Züge haarsträubender Grausamkeit der portugiesischen Inquisition haben die Marranen in einem Promemoria für die Kurie znsammengestellt. Nsmorias xorrsctrnn a nvvitsr convsrsis rsAnl ?ortuKaIIias continsim narrativam rsram Ksstarnm circa, eos a rstz'ibus et inqnisitorr. iiliris rsqmi spatüo 48 annorwu, mit 44 axpsn- clicss. Aus diesem Nsworiale, das Herculano in der Bibliothek zu Ajnda in den Lznamicta Imsitana entdeckt hat, hat er die Geschichte der Inquisition und das. Martyrologium der Marranen dargestellt. Dieses Werk mußte gedruckt werden, um die katholischen Schönfärber zu beschämen. ') Herculano das. II. S. 40 fg. 262 Geschichte der Juden. fettigen, doch seine fluchwürdige Tätigkeit einigermaßen zu hemmen. Sie hatten einen neuen Vertreter und Sachwalter gefunden, der ehrlicher und nachdrücklicher für sie tätig zu sein verhieß. Duarte de Paz konnten sie nicht länger als solchen gelten lassen: er hatte sich zu eigennützig und habgierig erwiesen und sie am Ende durch seine übertriebenen Versprechungen und allzu kecke Schlauheit mehr in Verlegenheit gebracht als gefördert. Leidenschaftlich wie dieser Mann war, schleuderte er aus Rachegefühl wegen seiner Entsetzung blutige Anklagen gegen die Marranen bei dem portugiesischen Hof und dem Papst, heuchelte sogar Gläubigkeit und Zerknirschung, um seinen verräterischen Enthüllungen mehr Gewicht zu geben. Aber seine Ausbrüche schadeten ihm hier wie dort. Verdrießlich über das Mißlingen seiner Rache bekannte er sich, um den König von Portugal zu kränken, zuletzt offen zum Judentum und soll gar Türke geworden seines Sein Nachfolger Diogo Antonio hatte sich auch nicht bewährt, und so wählten die portugiesischen Marranen (1540) als dritten Sachwalter Diogo F e r n a n d e s N e t o, der auch glücklicher operierte. Gelder wurden ihm natürlich zur Verfügung gestellt, und sie gingen durch die Hand des Marranen Diogo Meudes und seiner edlen Schwägerin Dona Gracia Mendesia in Flandern?) Neto hatte einen kräftigen Beistand gewonnen an dem Kardinal Parisio, der schon früher eine Schutzschrift für die Marranen veröffentlicht hatte, „daß sie durch Zwang zum Christentum geführt, nicht als Glieder der Kirche betrachtet und behandelt werden dürften."^) Die Überhebung des Jnfanten Henrique hatte ihnen noch zwei Bundesgenossen zugeführt, welche viel beim Papste Paul III. galten und voller Haß gegen den portugiesischen Hof waren. Miguel de Silva, Bischof von Viseu, aus einer altadeligenFamilie, wurde vom portugiesischenHof wegen des Kardinalshutes, den er erhalten sollte und erhalten hatte, aus Neid so sehr verfolgt, daß er nach Rom entfliehen mußte, dort auch keine Sicherheit fand und aus Erbitterung ein eifriger Parteigänger der Marranen wurde. Dasselbe tat ein beliebter Arzt Ayres Vas, welcher von der Inquisition wegen Astrologie verfolgt, nur mit Not nach Rom entkommen war und dort der Liebling des Papstes wurde/) welcher gleich mehreren Kardinälen an die Trefflichkeit dieser Afterwissenschaft glaubte?) Beide arbeiteten gegen den Hof. Es handelte sich für die >) Herculano p. 263—68. S. oben S. 245, Anm. 1. ch Das. x. 321 und Note 6. 2) Das. Jmanuel Aboab, Mmologla, x. 262 zitiert Parisios Schrift in Gemeinschaft mit Alsatio: eonsilia xro dbristianis nvvitsr eonvsrms. ^) Herculano das. II. x. 34V. Ayres Vas war schwerlich Marrane, s. das. x. 221. Note 2. °) Das. x. 221. Zwiespalt zwischen Papst und Portugal. 263 Marranen zunächst darum, daß wieder ein apostolischer Nuntius nach Portugal gesandt werde, welcher wie Capodiferrv dort den päpstlichen Stuhl vertreten, der Grausamkeit der Inquisition Halt gebieten und die Auswanderung der Marranen begünstigen sollte. Ter portugiesische Hof verweigerte aber standhaft, einen solchen anzunehmen, weil es nur Brauch war, in außerordentlichen Fällen einen Nuntius auf kurze Zeit an den Hof zu senden, aber nicht einen ständigen Gesandten. Ter König klagte, der Nuntius würde sämtliche geistliche Befugnisse an sich reißen und den geistlichen und weltlichen Ämtern des Landes alle Macht und alles Ansehen rauben. Außerdem hatten die beiden letzten Nuntien geradezu die Marranen begünstigt, lim so inehr bestanden die Neuchristen ans Absendung eines Vertreters des apostolischen Stuhles. Sie boten dem Papste dafür 8000 bis 10 000 Tukaten und verpflichteten sich, den: Nuntius monatlich 250 Dukaten zu seiner Repräsentation zu gebend) Diese Unsummen, welche der Papst, einige Kardinäle und ihre Kreaturen erhielten, gingen durch die Hand des Diogo Mendes und seiner Schwägerin in Flandern, welche wie Schutzengel für ihre Leidensgenossen sorgten?) Nach langen vergeblichen leidenschaftlichen Verhandlungen, wobei der portugiesische Gesandte Christovam de Sousa dem Papste die gröbsten Schmähungen wegen Käuflichkeit der Kurie ins Gesicht schleuderte, wurde ein Nuntius nach Portugal abgeorduet in der Person des Bischofs Luis L i p p o m a n o. Aber Joäo III. gab Befehl, ihn nicht sein Land betreten zu lassen. Er mußte daher einige Zeit an der portugiesischen Grenze gewissermaßen umherirren, bis es beinahe zum Bruch zwischen dem Hofe von Lissabon und dem Papste gekommen wäre?) Ter Kampf, zwischen dem portugiesischen Hofe und dem apostolischen Stuhle entbrannte nämlich von neuen: oder eigentlich noch heftiger, da der prinzliche Großinquisitor nicht nur fanatisch, sondern auch halsstarrig war, während ilnn noch immer die päpstliche Bestätigung fehlte. Es war ein Kampf auf Tod und Leben nicht der Ringer, sondern der Unglücklichen, welche bei aller Selbstüberwindung sich mit dem Christentum nicht befreunden und versöhnen konnten und doch nicht den Mut hatten, Opfer für das Judentum zu bringen, weder von ihrer Überzeugung, noch von ihrem Mammon und ihrer Stellung lassen mochten. Wie konnten sie Liebe zu einer Religion gewinnen, deren Diener, Welt- und Klostergeistliche, den scheußlichsten Lastern offen fröhnten? Tie Klöster waren in Portugal damals Schandhäuser. Nonnen ge- >) Hcrculano II, 321. Der Papst gestand selbst z», daß de Moute auf Kosten der Marranen unterhalten wurde. Das. 327. h Das. 32 l. °) Das. III, 13, bet Heine in Schmidts Zeitschr. 1848, 187 f. 264 Geschichte der Juden. baren innerhalb der Klostermauern Söhne und Töchter und behielten sie bei sich bis zu ihrer Mannbarkeit. Tie Töchter wurden wieder Nonnen und die Söhne Geistliche. Eine Nonne von einer Äbtissin geboren, wurde von dem Nonnenkapitel zur Nachfolgerin in derselben Würde gewählt und hatte, einen Liebhaber?) Ter König von Portugal kannte diese allgemeine Verworfenheit, konnte sie aber nicht hindern, die Geistlichkeit war mächtiger als er?) Den Marranen blieben solche Schandtaten nicht verborgen, und sie sollten sich zu einer solchen Religion bekennen? Je grausamer die Inquisition gegen sie verfuhr, desto teurer wurde ihnen die Religion ihrer Väter?) Um den Papst oder doch seine Umgebung gegen die Marranen einzunehmen, ließ der Jnfant und Großinquisitor Henrique ein Sündenregister der Neuchristen zusammenstellen und sandte es nach Rom (10. Februar 1542). Ein Schuhmacher aus Senbal, Lodovico Diaz, habe sich zum Messias aufgeworfen und viele Marranen zu seinen: Glauben betört, darunter sogar den Leibarzt des Don Alfonso, des Bruders des Jnfanten-Großinquisitors. Es sei eine geheime Synagoge entdeckt worden mit Marranen, die zum Gebet versammelt gewesen. Die Synagoge iei freilich zerstört und die Beter dem Scheiterhaufen überliefert worden. Ein Arzt in Lissabon habe sich nicht gescheut, von Haus zu Haus den Marranen das Judentum zu predigen und ihre Knaben zu beschneiden. In Coimbra habe ein Marrane eine eigene Schule unterhalten und seine Schüler hebräisch gelehrt. Die Frechheit derselben sei so weit gegangen, daß sie sogar einen geborenen Christen zum Judentum bekehrt hätten?) Dies sollte zugleich eine Rechtfertigung sein für die zuletzt geschehene massenhafte Verurteilung der Marranen. Zwei ungünstige Umstände entwaffneten den Papst und die Gönner der Marranen, tatkräftig für sie einzutreten, eine ganz niederträchtige Fälschung und der zunehmende Fanatismus in der Umgebung Pauls III. (1542). Ein Richter legte dem König zwei Bündel Briefe vor, welche angeblich aus Flandern gekommen und an zwei Marranen adressiert waren. Sie waren meistens in Chiffreschrift geschrieben: nur der Name des „M annes von Viseu" (des die Marranen begünstigenden und vom König mit bitterm Haß verfolgten Miguel de Silva) und der Name des Agenten für die Marranen in Rom, Fernandes Neto, waren deutlich zu lese::. In diesen Briefen sollen die y Herculano III 40 f. 2 ) Das. °> Ans dcn Prozeßakten der Inquisition entnahm Herculano, daß viele Schlachtopfer der Inquisition tatsächtlich judaisicrt, d. h. jüdische Riten beobachtet haben, das. p. 83: qus muitas cta» vietimas 4a, Inqnisiqäo kkleetivainsnts jnüairiaclo. Z Das. III, 12. Bei Heine a. a. O. 168, s. Note 6. * Beeinflussung des Papstes durch Fälschung. 265 Marranen in Rom und Flandern in Chiffrsschrift ihre geheimen Umtriebe zur Verhinderung der Inquisition nirdergelegt haben. Mit diesen Briefen inachte der portugiesische Hof großes Wesen, legte die Entzifferung dem Kaiser Karl und den: Papste vor, daß die geheimen Schliche der Marranen und ihrer Gönner um: entdeckt seien. Es war aber eine grobe Fälschung?) Außerdem hatte der Papst sich eine Bulle abzwingen lassen, welche in Rom die Inquisition gegen Protestanten und Ketzer einführte. Unter den Anhängern der Reformation und den Gegnern der katholischen Kirche waren auch Unitarier, welche dir Dreieinigkeit als Götzentum betrachteten und verwarfen; sie galten als Judaisierende. Die Inquisition in Rom war auch gegen sie gerichtet. Warum nicht auch gegen Marranen, d. h. judaisierende Apostaten? Ketzer sind Ketzer?) Diese Konsequenz lag zu nahe, als daß die fanatischkirchliche Partei in Rom sie nicht hätte ziehen sollen. Die Marranen ließen indes, um ihren Gegnern in Rom und allrrwärts die Waffen zu entwinden und die verlogenen Angaben und Berichte des portugiesischen Hofes ein für allemal gründlich zu widerlegen, eine umfangreiche Denkschrift ausarbeiten (1544?), worin sie ihr trübes Geschick von der Zeit der Könige Joäo 11. und Manoel, die sie durch Elend aller Art zum Christentum gebracht, bis auf die jüngste Zeit durch Urkunden belegen und auseinandersetzen — ein ewiges Schanddenkmal für den Stand der Kirche in jener Zeit. Diese Denkschrift schildert mit ergreifenden Worten die Pein, welche die Marranen täglich und stündlich zu erdulden hatten, daß sie ihr ganzes Leben, auch die, welche nicht in Kerkern schmachteten, und im Anblick der für ihr Geschlecht errichteten Scheiterhaufen in Todesangst lebten. Denn die portugiesische Bevölkerung, roher als die spanische, nahm Partei für die Inquisition, empfand Schadenfreude an der Peinigung der Neuchristen und lieferte durch Angeberei Opfer über Opfer. Einige Einzelheiten in der Denkschrift sind denkwürdig. Sobald die Inquisition — gegen den Willen des päpstlichen Stuhles — ihre fluchwürdige Arbeit begounen hatte, wurden in Lamego sämtliche Marranen der Stadt, ein jeder kenntlich an einem körperlichen Gebrechen, an dem Pranger in grotesker Gestalt abgebildet und mit der Bezeichnung „Hunde und Verfluchte" gebrandmarkt. Dabei wurde ein Schreiben verbreitet mit dem Inhalt: „Dankei: wir Gott für die Gnade, daß wir in unseren Tagen Rache sehen werden an diesem hündischen, ketzerischen und ungläubigen Geschlechte. Alle müssen wir einen Lobgesang für diese Wohltat ai-stimmen. Schonet nur das Holz, Herculano das. 56 f. °) Die römische Inquisition ließ daraufhin den Agenten der Marranen Fernandes Neto als judaisierendcn Ketzer einkcrkern, das. 85, 92. °) Vergl. w. unten. 266 Geschichte der Juden. damit es uns nicht für das Opfer fehle. "^) In Porto haben einige Mönche an der Tür der Neuchristen das Geschick eines jeden derselben im voraus bezeichnet?) Die Bevölkerung arbeitete solchergestalt der Inquisition in die Hand. Diese wählte meistens ihre Werkzeuge aus der verworfensten Volksklasse. Ein des Mordes beschuldigter Wicht Francisco Gil erhielt den Auftrag, Neuchristen zur Anklage aufzusuchen. Seine Methode, solche zu ermitteln, war einfach. So oft er in eine Stadt kam, veranstaltete er ein Kirchenfest für irgend einen Heiligen. Sämtliche Marranen besuchten um so eifriger die Kirche, um nicht durch Versäumnis Anlaß zur Anschuldigung zu geben. War die Kirche voll von Besuchern, so ließ Gil die Türen schließen und forderte die Altchristen unter Androhung der Exkommunikation auf, sich von den Neuchristen zu trennen und anzugeben, was sie von deren ketzerischen Übungen wüßten. Die solchergestalt ermittelten Marranen führte er in Fesseln in die für sie bestimmten Kerker, mißhandelte und beraubte sie unterwegs?) Die Verließe, in denen er sie unterbrachte, waren enge Löcher von kann: acht Handbreiten im Umfange, schmutzig, dunkel, vollgepfropft?) Tie von dem Jnfanten-Großinquisitor ausgewählten Ketzermeister waren durchweg wilde Fanatiker, Menschen von rohen Sitten, welche nicht die Besserung der Sünder, sondern deren Tod wünschten. Der Ketzerrichter Manuel de Almador, den seine Standesgenossen „die Geißel für die Geistlichen" nannten,^) bezeichnete im voraus, sobald die Neuchristen ihm zugeführt waren, den Platz, wo der Scheiterhaufen für sie errichtet werden sollte, und bestimmte in: voraus mit höllischer Ausführlichkeit, welche von ihnen verbrannt werden sollten?) Als Zeugen wurden meistens Individuen aus der Volkshefe aufgestellt, welche im voraus sich auf die Flammen des Scheiterhaufens freuten, oder Dienstboten der Marranen wurden aufgefordert, gegen ihren Herrn zu zeugen?) In der Stadt Porto waren neun Zeugen vorausbestimmt, welche stets belastend gegen die Angeklagten aussagen sollten, darunter ein öffentliches Frauenzimmer, welche bis zum unzüchtigen Verkehr mit Sklaven herabgesunken war?) Aber noch empörendere Mittel wendeten die Inquisitoren an, die, aus dem Dominikanerorden gewählt^) gewissermaßen die Niederlage ihrer Ordensgenossen in dem Reuchlinschen Streit so. S. 164) än den Juden mit christlichem Bekenntnis rächen wollten. Ein Ehepaar, Simon Alvares, war mit einen: sechs- *) Hcrculano das. III 123 f. ^ D^si. 124. Das. 128 f. und 266. Das. 135 . °) Das. 134. °) Das. 137. h Das. 267 f. Das. 165. °) Das. 158. Bernardo de Santa-Cruz und Balthasar Limpv. 267 jährigen Töchterchen im Jnquisitionskerker in Coimbra. Die Eltern sollten als schuldig befunden und verbrannt werden; es waren aber keine Zeugnisse gegen sie aufzutreiben. Was tat der Ketzerrichtcr? Er ließ das Töchterchen auf sein Zimmer bringen, stellte es vor ein Gefäß mit Kohlen und bedrohte es, sein Händchen auf den Kohlen zu verbrennen, wenn es nicht aussage, daß es gesehen habe, wie die Eltern ein Kruzifix geohrfeigt hätten. Das Kind sagte das Verlangte aus, und die Eltern wurden verurteilt?) Ein andermal sollte ebenfalls ein Ehepaar verurteilt werden, dem eine christliche Dienerin bei der Verhaftung gefolgt war. Diese wurde gedrängt, Zeugnis gegen ihre Herren auszusagen. Da sie aber nur Günstiges für sie angab, so wurde sie eingesperrt und bald durch Strafe, bald durch Schmeicheleien zum Lügen nufgesordert. Da alles nichts half, so ließ der Inquisitor sie so lange an Kopf und Seiten schlagen, bis das Blut floß. Als die Unglückliche unter Schmerzensgeschrei etwas heransstotterte, ließ er es als nachteiliges Zeugnis gegen ihre Herren unterschreiben?) Dieser Unmensch hieß Bernardo de Santa-Cruz und war Bischof. Wenn dieses Ungeheuer bei guter Laune war, ließ er eiugekerkerte marranische Frauen und Jungfrauen zu sich kommen, erlaubte sich ihnen gegenüber schlüpfrige Scherze, und betastete sie in unanständiger Weise?) Selbstverständlich haben die teuflischen Dominikaner-Ketzerrichter die Folter angewendet, um von den Unglücklichen neue Namen von Schuldigen zu erpressen. Von der Tortur befreite weder die Ehrwürdigkeit des Alters von Matronen, noch die Schönheit und Jugend blühender Mädchen. Bei der Folterung weiblicher Angeklagter, deren Körper halb entblößt wurden, fügten die Höllensöhne zur Grausamkeit noch schlüpferige Redewendungen hinzu, welche die Opfer erröten machten?) Der Bischof Balthasar Limpo von Porto war frei von solchen Unflätigkeiten. Er galt als ein streng sittlicher Kirchendiener, und seine rücksichtslose Grobheit wurde als Gradheit angesehen. Auf den Konzilien, deren Mitglied er war, brandmarkte er die Unzüchtigkeit des römischen Hofes und der Geistlichkeit mit unfeinen Worten. Aber die Marranen, die in seine Hände fielen, hatten noch mehr von ihm wegen seiner Reizbarkeit und seines Jähzornes m dulden. Er hatte einen Streit mit den Marranen in Porto anläßlich der Bebauung eines Platzes, wo eine Synagoge gestanden hatte, mit einer Kirche. Dieser Streit reizte seine Gallsucht so sehr, daß er aus Rachsucht keinen *) Herculano, 145. ") Das. ^ Das. 149. *) Das. 184: xomint illas (u^ores er virs'iue8) ml tortoram sextew vsl ooto «molibsr äle, et mim clieit: „ob qaae tboies ^mlaeae", alias, „ei qni oonll", alter vero: «m^lia xeotora st ouums!" 268 Geschichte der Juden. der ihm als verdächtig zngeführten Neuchristeu verschonte. Trotz seiner Sittenstrenge war er nicht wählerisch in der Verwendung seiner Helfer. Ter Ankläger in seinem Jnquisitionsgericht war ein sittenloser Geselle und nur wegen seiner Herz- und Rücksichtslosigkeit von ihm gewählt. Ter Schließer seines Jnquisitionskerkers war ein Verworfener, welcher wahrend der Haft eine marranische Frau und deren Tochter zugleich verführte?) Die haarsträubendsten Unmenschlichkeiten beging die Inquisition in der Hauptstadt Lissabon, wo zahlreiche Marranen wohnten. Hier fehlte es an Platz, die Menge der zur Untersuchungshaft Eingezogenen einzukerkern. Hier galt es aber vorzubeugen, daß nicht ein Sonnenstrahl zu den Eingekerkerten dringe und nicht ein Laut von ihnen nach außen hörbar werde, damit die Grausamkeit nicht zu den Ohren des in der Hauptstadt residierenden Hofes gelangen könne. Der Großinquisitor von Lissabon, Joäo de Mello, war an Grausamkeit und Haß gegen die Marranen Lucero in Spanien so. S. 207) gleich. Erbarmen kannte sein Steinherz nicht. Das erste Scheiterhanfenschauspiel in Lissabon schilderte dieser Unmensch selbst dem König mit einer Gemütsruhe und einer Behaglichkeit, die nur durch die von allen Seiten genährte Glaubenswut auf der pyrenäischen Halbinsel begreiflich wird. De Mello schrieb dem König: „Etwa hundert Verurteilte bildeten den prächtigen Zug. Der Laienrichter führte sie in Begleitung der Klerisei von zwei Kirchspielen. An dem Richlplntz angekommen, sang man die Hymne: vsni oreakor Spiritus. Ein Mönch bestieg die Kanzel, die Predigt war kurz, weil die Tagesarbeit viel Zeit erforderte. Die Verurteilungen wurden verlesen, zuerst derjenigen zur Verbannung und zeitlicher Haft, dann derjenigen zu ewigen: Kerker und endlich derer, die zum Tode verurteilt waren. Es waren zwanzig. Sieben Frauen und zwölf Männer wurden an den Pfahl gebunden und lebendig verbrannt. Nur eine Frau wurde wegen überzeugend reumütigen Bekenntnisses begnadigt." Ter entmenschte Ketzerrichter de Mello machte die Bemerkung, daß der Himmel an dem Tage der Menschenbrandopfer voller Glanz gegen die stürmischen Tage vorher war, als wenn der Himmel zu dem Bluttribunal gnädig gelächelt hätte. Er fügte noch hinzu, daß noch eine Menge solcher Sünder in den Kerkern läge, welche nächstens zu einem neuen Scheiterhaufen geschleppt werden sollten. Der König war seiner Diener wert, er hatte seine Freude an dem Tod der Sünder?) Ein Umstand machte auf den gefühllosen Mello einen tiefen Eindruck. Tie Schlachtopfer stießen beim Anblick der Flammen nicht U Herculano, 101—171. 2) Das. 158s. Joäo de Mellv. 26S einen Lant aus und vergossen keine Träne, sondern nahmen Abschied voneinander, Eltern von ihren Kindern, Frauen von ihren Männern, Bruder vom Bruder, als weun sie gewärtig wären, einander bald wiederzusehen. Die Väter erteilten den Kindern in der letzten Stunde den Segen, und die Eheleute gaben einander den Abschiedskuß?) Joäo de Mello Pflegte auch von Zeit zu Zeit mit seinen Schergen und Familiären die Schisse zu überfallen, welche auslaufen sollten. Und wehe den Marranen, welche betroffen wurden, die Flucht ergreifen zu wollen. Sie wurden sofort verhaftet und in die dunkeln Kerker gebracht, wenn auch nicht die mindeste Schuld an ihnen haftete?) Ter Papst übersandte diese die Untaten der Inquisition brandmarkende Denkschrift seinen: Nuntius in Lissabon, um sie den: König und den: Jüfanten General-Inquisitor vorzulegen. Sie sollte wenigstens dazu beitragen, eine Milderung in der Bestrafung eiutreten zu lassen. Aber weder der eine noch der andere haben sie des Lesens gewürdigt, sondern sie wurde den Inquisitoren vorgelegt, ihre Meinung darüber zu äußern. Diese leugneten entweder die von ihnen begangenen Ungeheuerlichkeiten oder sie beschönigten sie unter den: Vorwände, daß die Reinheit des christlichen Glaubens nur dadurch erhalten werden könnte?) So war auch dieses Mittel fehlgeschlugen. Die gegenseitigen Anklagen des Papstes gegen die Umnensch- lichkeit der Inquisitoren und des Hofes gegen die Begünstigung der Marranen von seiten der Kurie führten nicht zun: Ziele. Der Nuntius Lipomano in Lissabon unterstützte nämlich die Nenchristen nicht tatkräftig genug, ließ sie vielmehr anklagen, einsperren, verurteilen, verbrennen und ihre Güter konfiszieren. Zun: wiederholten Male versuchte der päpstliche Stuhl der Unmenschlichkeit der Inquisition durch Sendung eines andern Nuntius Einhalt zu tun, um sie erst dann zu bestätigen, wenn der Papst sich von den: Stande der Dinge an Ort und Stelle volle Überzeugung durch denselben verschafft haben werde. Indessen vermochte auch dieser nicht viel durchzusetzen. Anfangs verweigerte ihn: der portugiesische Hof den Eintritt ins Land, und als er endlich nach mehreren Unterhandlungen eingelassen wurde, (September 1545), fand er den König außerordentlich starrsinnig und zu keinem Zugeständnis geneigt. Dem h Herculano, 190: äs nenbn oo::8n esto:: Mo ssMnMäo oomo äar i:os30 ssnbor tnntn gneieuoin sn tracmsirn bnmniia, aus vis8em os üllws Isvar sen8 Mis n cmsimnr, st g-s molbsrn8 seus »mriäos, s bmm irmnöü no8 o::tro8, et qus näo o::vs88ö gei'8on que ka>Is.88s, uem oburaWS, nsm üueess nsnlmm otro Movimento, 8Si:aö äe8geäirem 88 Iu:ii8 äoe otrv8 vom 8::»8 dsntzöe8, eomo q::e ss gnrti88sm gern tornar no ontro äin. h Das. 197. h Das. 235. 270 Geschichte der Juden. Papste wie den Marranen lag zuletzt, als sie einsahen, daß die einmal ins Leben gerufene Inquisition ihre fluchwürdige Tätigkeit uicht einstellte, viel daran, zwei Zugeständnisse wenigstens zu erzielen, daß den Neuchristen das Auswandern aus Portugal unverwehrt bleiben und daß den bereits Angeklagten und Eingesperrten eine allgemeine Absolution (?sräg,ö) erteilt werden sollte, wenn sie ihr judaisierendes Bekenntnis eingestehen und versprechen wollten, für die Zukunft gute Christen bleiben zu wollen. Aber gerade in diesen Punkten wollten der König und die Dominikaner nicht nachgeben. Paul III. war gelähmt. So sehr er auch einen Schauder vor den Grausamkeiten der portugiesischen Inquisition empfand und so sehr er auch die bedeutenden Summen brauchte, welche die Marranen ihm spendeten, um seine Politik in Italien und seinen Krieg gegen die Protestanten durchsetzen zu können, so durfte er doch nicht allzu schroff gegen den Hof von Lissabon auftreten. Er lag selbst in den Banden der katholischen Fanatiker. Loyola und Caraffa waren die Herren in Rom, der Papst nur ihr Diener. Zudem sollte das tridentinische Konzil zustande kommen, um die Glaubensnorm festzustellen, wodurch die Protestanten gedemütigt und zur Ohnmacht gebracht werden sollten. Dazu brauchte Paul III. fanatisch eifrige Mitglieder, um den Lauen die Stange zu halten. Solche Konzilsmitglieder konnte nur Spanien und Portugal stellen. In Portugal fanden die Jesuiten die freundlichste Aufnahme. So war denn der Papst gezwungen, milde gegen den portugiesischen Hof aufzutreten und sich aufs Bitten zu verlegen, wo er hätte befehlen sollen. Anderseits konnte auch der König seinen Willen nicht durchsetzen. So lange der Papst die Inquisition nicht als vollberechtigt anerkannt hatte, konnte er sie ganz und gar aufheben und die Anklagen wegen Judaisierens vor den apostolischen Stuhl berufen. Joäo III. wußte auch, daß einige Kardinäle ihren Unwillen über die Untaten des Glaubensgerichtes laut ausgesprochen hatten. „Was wollen die Inquisitoren? Wollen sie Menschenfleisch?"^) sprachen sie offen. Auch fürchtete er, daß der Papst die Jnquisitionsfrage dem Konzil vorlegen und daß dieses ein Berdammungsurteil darüber sprechen würde. Darum entschloß er sich zu einem Schritte, den er seinem Hochmut abringen mußte. Er berief vier angesehene Marranen^) und trug ihnen auf, eine Denkschrift auszuarbeiten, um ihre Meinung über die Mittel anzugeben, wie die Beruhigung der Gemüter herbeigeführt werden könne. Diese vier Personen sprachen mit Freimut, so lange nicht eine allgemeine Absolution erteilt und so lange anonyme Zeugnisse und Aussagen von niedrigem Gesindel und unter der Tortur oder sonst- ') Herculano III 263. 2) Das. 265 f. Paul III. und Balthasar Limpo. 271 wie durch Zwang erpreßt, gegen Angeklagte nicht für ungültig erklärt und die Grausamkeit der Inquisition eingeschränkt werden würde, könne keine Beruhigung eintreten, und die Flucht der Marranen außer Landes würde fortdauern. Sie bemerkten auch, daß die Neuchristeu in Spanien glimpflicher behandelt würden. Dort dürften sie nicht beschimpft und verhöhnt werden. Das war aber zu viel von diesem durch Glaubenswut verdummten König verlangt, der lieber sein Land in Verarmung und Entvölkerung verfallen ließ, als daß er Milde hätte walten lassen. Er sandte einen seiner würdigen Vertreter zum Konzil- den Bischof Balthasar Limpo, jenen jähzornigen und ungehobelten Marranenmörder (o. S. 267), welcher sich heransnehmen durfte, gegen den Papst eine Sprache zu sichren, die ihm hätte klar machen können, daß er nicht inehr Herr im eigenen Hause war. Dieser verlangte ungestüm von Paul III., daß er endlich die Inquisition gegen die rückfälligen Neuchristen im vollen Umfange gut heißen solle, und tadelte dessen Parteinahme für sie. Er bemerkt ganz richtig: „Als Christen und unter christlichem Namen verlassen sie heimlich Portugal und nehmen ihre Kinder mit, welche von ihnen selbst zur Taufe geführt worden waren; kommen sie nach Italien, geben sie sich für Juden aus, leben nach jüdischen Satzungen und lassen ihre Kinder beschneiden. Das geschieht vor den Augen des Papstes und des Konzils, in den Mauern Roms und Bolognas, das geschieht, weil seine Heiligkeit den Ketzern ein Privilegium gegeben hat, daß niemand sie selbst in Ancona des Glaubens wegen beunruhigen darf. Unter solchen Umständen ist es unmöglich, daß der König ihnen freien Abzug aus dem Lande gestatten kann. Verlangt das Se. Heiligkeit etwa, damit die Auswanderer sich als Juden in seinen Staaten niederlassen und die Kurie dergestalt Vorteile von ihnen ziehen kann? Statt die Errichtung der Inquisition in Portugal zu verhindern, wäre es längst die Pflicht Sr. Heiligkeit gewesen, sie in dem eigenen Gebiete einzuführen?)". Auf eine solche Standrede hätte der Papst nur antworten können, wenn er ein reines Gewissen gehabt, und das Christentum tatsächlich als Religion der Milde und Menschlichkeit gepredigt hätte. Da er aber den wahnbetörten Fanatismus brauchte, um den Protestantismus hartnäckig zu bekämpfen, und beim Ausbruch des schmalkaldischen Krieges die mörderische Kreuzesbulle erließ, worin den Katholiken im Rainen des Statthalters Christi zugerufen wurde: „Schlaget die Protestanten tot!" so mußte er einem Limpo gegenüber verstummen. Er war in den eigenen Schlingen gefangen. Eins noch wollte Paul III. retten, die freie Auswanderung der Marranen aus Portugal; unter dieser Bedingung wollte ') Herculano das. 313 f. 272 Geschichte der Juden. er dein portugiesischen Hofe in allein nachgeben. Die Neuchristen, welche das Land verlassen wollten, sollten nur eine Bürgschaft stellen, daß sie nicht in das Gebiet der Ungläubigen nach Afrika oder der Türkei auswandern würden. Auch darauf gab der Bischof Limpo eine schlagende Entgegnung. „Ist etwa ein Unterschied, ob diese Ketzer sich unter die Herrschaft der Ungläubigen oder nach Italien begeben? Sie lassen sich in Ancona, Ferrara oder Venedig beschneiden und gehen von da nach der Türkei. Sie besitzen ja päpstliche Privilegien, so daß niemand sie fragen darf, ob sie vielleicht Juden sind! Erkennungszeichen tragen sie nicht, und so können sie frank und frei gehen, wohin sie wollen, ihre Zeremonien beobachten, die Synagogen besuchen. O, wie viele von denen besuchen diese nicht jetzt schon, die in Portugal in ihrer Jugend getauft, zum Tode verurteilt oder in ekligle verbrannt sind! Räumt man ihnen die freie Auswanderung ein, so brauchen sie nur den Fuß in das Land der Ungläubigen zu setzen und können sich offen zum Judentum bekennen. Nie wird der König einen solchen Zustand dulden, kein Theologe, was sage ich, kein einfacher Christ kann ihm dazu raten. Statt daß Se. Heiligkeit sich bemüht, die geheimen Juden in Sicherheit zu bringen, möge er lieber die Jnquisitionstribunale in seinen Staaten vermehren und nicht bloß die lutherischen Ketzer, sondern ebenso gut die jüdischen bestrafen, welche in Italien Schutz und Zuflucht suchen."^ Paul III. war noch durch einen andern Umstand zur Nachgiebigkeit gezwungen. Durch den Sieg Karls V. über die Protestanten im Schmalkaldischen Krieg (April 1547), wollte dieser sich zum Herrn über das Papsttum machen und eine Kirchenordnung eingeführt wissen, welche auch den Protestanten zusagen sollte. Die spanischen Mitglieder auf der Kirchenversammluug vou Trient hatten von ihrem König die Weisung, seinen Plan durchzusetzen. Das war aber eine Kriegserklärung gegen den Papst. Demzufolge verlegte er das Konzil nach Bologna. Dadurch mußte er mit dem Kaiser brechen, und um nicht ganz vereinzelt diesem Mächtigen gegenüber zu stehen, war er genötigt, Portugal, sowie die katholischen Mittelstaaten für sich zu gewinnen. Um daher Portugal zu versöhnen, sandte er dahin einen besonderen Kommissarius mit Bullen und Breven versehen. Die den Marranen günstigen Kardinäle und darunter des Papstes Enkel, Farnese und Santafiore waren durch Jahrgehälter von dem Hofe gewonnen worden?) und billigten ihrerseits des Papstes Beschlüsse. Immerhin waren diese unter den obwaltenden Umständen in der versengenden Glut des Fanatismus, der damals als Reaktion gegen die bisherige Lauheit in der Kirche um sich zu greifen begann, noch milde genug. ') Hercularw 3IKf. 2 ) Das. III. 228, 261. Der Papst Paul III. 273 Vor allem aber sollten die der Ketzerei und des sogenannten Rückfalles angeklagten Neuchristen in Portugal für den Augenblick nicht verurteilt werden, im Gegenteil Verzeihung erhalten und erst in Zukunft verantwortlich gemacht werden. Auch dann sollten die ersten zehn Jahre die Güter der Rückfälligen nicht angetastet werden, sondern ihren Erben verbleiben. Auch sollten innerhalb eines Jahres die verurteilten Marranen nicht dem weltlichen Arm, d. h. dem Feuertode übergeben werden. Z In der Beschränkung der Auswanderung der Marranen hatte Paul III. doch nachgegeben. Es war das wichtigste Interesse für den König. Infolge der den Neuchristen von: Papste erteilten allgemeinen Absolution wurden die Kerker der Inquisition in Lissabon, Evora und anderen Städten geöffnet und achtzehnhundert in Freiheit gesetzt (Juli 1547)2). Bald darauf wurden sämtliche Marranen zusammenberufen und mußten ihr Judaisieren abschwören, aber nicht, wie es der Papst bedungen hatte, in aller Stille, nur vor einem Notar, sondern das Reuebekenntnis wurde auf einem weiten Platze vor einer Kirche im Beisein einer großen Volksversammlung abgenommen.ch Erst von diesem Augenblick an wurden sie als volle Christen angesehen und sollten bei etwaiger Übertretung als Ketzer bestraft werden dürfen. Der Papst hatte aber in einem Breve dem König ans Herz gelegt, daß die Tribunale auch gegen solche in Zukunft mit Milde Verfahren sollten, da sie doch nur aus Gewohnheit jüdische Gebräuche beobachteten. So hatte dieser Papst bis zu seinem Lebensende die Marranen in Schutz genommen. Nichtsdestoweniger fielen sie dem tragischen Geschick zum Opfer. Es war ein himmelschreiendes Unrecht, von ihnen ein aufrichtiges katholisches Bekenntnis zu verlangen und sie beim Ertappen bei judaisierenden Gebräuchen zu verurteilen, sie, die mit ihrem ganzen Wesen dagegen protestierten. Von der andern Seite konnte aber auch der Staat nicht zugeben, daß eine ganze Klasse der Bevölkerung, die äußerlich zur Kirche gehörte, die Freiheit erhalten sollte, sie gewissermaßen zu verhöhnen. Die Gerechtigkeit hätte allerdings gefordert, daß den Marranen die Wahl gelassen werden sollte, auszuwandern oder sich aufrichtig zur Kirche zu bekennen. Allein das konnte der Hof nicht zugeben, ohne den Staat zu ruinieren. Denn die Marranen jüdischer Abkunft bildeten den nützlichsten Teil der städtischen Bevölkerung. Ihre Kapitalien und ihr ausgebreiteter Großhandel vermehrten die Staatseinnahmen, machten überhaupt Geld flüssig und verwerteten die aus den indischen und afrikanischen Kolonien einlaufenden Rohprodukte: ') Herculano III. 323. 2) Jmauuel Aboab dloiuoloZIa. x. 293: 55 uo Msrisnclo nun abclicsr «I kszq IÜ 20 sl Hunsio (Llouts ?slieiauo) llxar sl itsrclcm en las xusrtas äs las iglssias Oatksclralss, ^ sl irüsirw liino adrir las earesres ) Don Joäo selbst erklärt dem Papste: sm onsa eonservaqäo (äos Lbristäos- novos) no reino o estaäo altamenls interessava por sxsrssrem, a dem äirsr sxolnsivamsnts a inäustria labril s o eommsreio, bei Herculano a. a. O. II, p. 30. Das. p. 275: os Obristäos-novos eonsti- tniam ums. Kranäs parts äs na^so, s parts inais ntil qns toäo o rssto äo povo. ?or eilos, pelos sens oabeäass, o voinmerolo, a inänstria s as rsuäas xudlieas ereseiain äs äia Mrs. äia. das. III 95: Peräia äiariaments subäitos aotivos inänstriosos, oxnlentos. 2) Olsmens VIll. erließ eine nova adsolntio et venia generalis für die Marranen wegen ungerechter Behandlung von Seiten der Inquisition am 23. Aug. 1604, welche lO. Januar 1005 publiziert wurde, Lnilarimn sä. Ooe- «inslinss D. V. pars III, eonstit. Nr. 342. Juan Martinez Siliceo. 275 reiche Präbenden. Darob war der Erzbischof von Toledo, Juan Martinez Siliceo (Guijarro) ergrimmt, zumal diese ihu durch boshafte Äußerungen und beleidigende Pasquille gereizt hatten. Vergebens hatte er Gesuche au den Papst Paulus III. gerichtet, Marranen zur Bekleidung von Kirchenämtern für unwürdig zu erklären. Er hatte zu diesen: Zweck eine feindselige Schrift über die „Probe der Reinheit" von jüdischem Blnt veröffentlicht, d. h. daß nur Altchristen zu Kirchenwürdeu zugelasseu werden sollten, worin er die Neuchristen samt und sonders als Feinde Christi darstellte, weswegen eben die Inquisition mit Recht jahraus jahrein solche zum Scheiterhaufen verurteile. Um die Altchristeu von den aus jüdischer Abstammung unterscheiden zu können oder vielmehr diese zu brandmarken, gab er ein genealogisches Gedenkbuch heraus, welches ein Geheimschreiber der Inquisition verfaßt hatte (bezeichnet als das grüne Buch von Aragouie n.ft) In diesem Buche waren mehr als hundert Familien namhaft gemacht, die von Juden abstammten, welche bei dem blutigen Gemetzel von 1391 oder bei der Massentaufe von 1412 bis 1414 zun: Christentum bekehrt worden waren und sich mit Alt- und Neuchristeu vermischt und verschwägert hatten. Dieser Geheimschreiber hatte auch nicht den Zweck seiner Ausarbeitung der genealogischen Verzweigung der Marranen verschwiegen, sondern es geradeheraus gesagt, damit die Altchristen sich hüteten, mit den Marranen zu verkehren, „denn es ist ein frevelhaftes, falsches, ungläubiges und verderbles Geschlecht. Es ist von einem Weinstock, der immer wächst und trägt, und je mehr man ihn ausgehöhlt, benetzt und beschnitten hat, desto bitterer schmeckt seine Frucht". Unter den gebrandmarkten marranischen Familien sind auch aufgezählt die Santa Maria, die Verwandten des Salomo von Burgos,2) die Santa Fe, Nachkommen des Josua Lorquhft und die d e l a C a b a l l e r i a ,4) welche in Wort und Schrift einen tödlichen Haß gegen ihre Stammgenossen gezeigt hatten. Ter Erzbischof Siliceo hatte also einen Anhaltspunkt, die Unreinen vor den Reinen zu kennzeichnen und zu ächten. Da aber alle seine Mühen, den Marranen den Zutritt zu Kirchenwürden zu verschließen, ohne Erfolg waren, beging er eine niederträchtige Falschmünzerei, welche augenscheinlich machen sollte, wie sämtliche Marranen nicht bloß falsche Christen, sondern nur darauf bedacht wären, die Kirche zu schänden und das Christentum zu verderben. Siliceo verfaßte selbst oder ließ einen Briefwechsel verfassen zwischen einein angesehenen Juden in Spanien und einen: Rabbiner in Konstantinopel. Der erstere hätte sich zur Zeit, als den Juden in Spanien die Wahl zwischen Auswanderung und Taufe gestellt war, mit einer Klage und Anfrage an den letzteren ') S. Band VIIIg S. ISO N. 2) Das. Vlllg S. 79 f. ft Das. S. 113. ft Das. S. ISO. 18 * 276 Geschichte der Juden. gewendet, was in dieser Not zu tun sei. „Der König von Spanien will uns zum Christentum bekehren, uns Leben und Vermögen nehmen, die Synagogen zerstören und noch andere Qual erdulden lassen." Die Antwort aus Konstantinopel hätte darauf im Namen aller angesehenen Rabbinen gelautet: „Der König will euch zum Christentum bekehren, tut es, da ihr nichts dagegen tun könnt, aber bleibt im Herzen dem Judentum treu. Er nimmt euch euer Vermögen! Lasset eure Söhne Kauf- lente werden, um die Christen um ihr Vermögen (durch Schlauheit) zu bringen. Lasset eure Söhne Ärzte und Apotheker werden, um den Christen das Leben zu nehmen. Lasset eure Söhne Geistliche, Kanoniker und Theologen werden, damit sie Religion und Kirche zerstören. Macht eure Söhne zu Advokaten und Notaren, damit sie sich an den Christen rächen können. Befolgt ja unfern Rat, ihr werdet aus Erfahrung sehen, daß ihr euch dadurch aus der Niedrigkeit zur hohen Stellung erheben werdet." Bei diesem gefälschten Briefwechsel beging Siliceo noch ein Bubenstück. Er nannte den Namen des angesehenen Juden, welcher angeblich die Anfrage nach Konstantinopel gerichtet hat, Cha m orro. Es lag eine für seine Zeit erkennbare Niedertracht darin. M o s e Chamorro hatte mit seiner Frau die Taufe genommen und den Familiennamen Elemente angenommen. Ihr Sohn Felipe Elemente war vom König Fernando zum Protonotar des königlichen Kabinetts ernannt worden. Sein Sohn Miguel Velas- quez Elemente hatte dieselbe Stellung eingenommen. Durch den gefälschten Briefwechsel sollte erwiesen werden, daß der Großvater dieser am Hofe geachteten Familie, welcher in Konstantinopel um Rat gefragt, nur widerwillig sich bekehrt habe und daß seine Nachkommen auf Verderben der Christenheit sännen. Diesen Briefwechsel wollte Siliceo in einen: Archiv von Toledo gefunden haben. Er beeilte sich, ihn dem Papste Paul III. vorzulegen, um diesen endlich zu überzeugen, wie gefährlich die Neuchristen der Kirche seien, und besonders, daß sie von Kirchenämtern ferngehalten werden müßten. Der Papst, entweder durch den Briefwechsel getäuscht, oder um das quälerische Gesuch des Erzbischofs los zu werden, verordnete kurz vor seinem Tode durch ein Breve, daß an der Kathedrale von Toledo kein Marrane mit irgend einem Amt belehnt werden sollet) Seitdem mußte, wer sich um eine Stelle an einer Kapelle dieser Kirche bewarb, eine ebenso strenge Ahnenprobe ablegen, daß er von altchristlicher Abkunft sei, wie für die Mitgliedschaft bei der Inquisition. So wurden die Marranen auch in Spanien gedemütigt und stets an ihren Ursprung gemahnt. Und da sollten sie kirchlichtreue Christen werden? ') Vergl. über diesen gefälschten Briefwechsel und seinen Hintergrund Levns ües Ulnäss jnivss M XIX. S. lükfg. Neuntes Kgxiiel. Einheitsbestrebnng der Juden im Morgenlande und ihre Leiden im Abendlande. Bedürfnis nach synhedrialer Einheit; messianischer Anflug dabei. Jakob Berab und die Wiederherstellung der Ordination. Levi ben Chabibs Gegnerschaft und seine Winkelzüge. Gegenseitige Erbitterung und Anklagen. Joseph Karo, seine Jugend, seine talmndische Gelehrsamkeit, seine Verbindung mit Salomo Molcho und seine Visionen. Seine Schwärmerei für das baldige Eintreten der Messiaszeit und die dazu führende Ordination. Sein Eifer für die Vollendung eines neuen Religionskodex. Hinneigung mancher Christen zum Judentum im Rcformationszcitalter. Halbjuden, Judenzcr, Michael Servct gegen die Dreieinigkeit, Antitrinitarier, Judenhaß bei Katholiken und Protestanten. Ausweisung der Juden ans Neapel. Samuel Abra- banel und Benvenida Abrabancla. Ausweisung der Juden aus Prag und Zurttckberufung. Beschuldigung gegen sie in Bayern. Das Judenbüchlcin. vr. Eck und seine judenfeindliche Schrift. Luthers giftige Ausfälle gegen die Inden im Alter. Verfolgungen in Genna. Die drei jüdischen Geschichtswerke. Joseph Kohen, die Jbn-Verga und die drei Usque. Die Druckerei des Abraham Usque, die Ferrarisch-spanischc Bibel. Salomon Usques Dichtungen, Samuel Usques „Tröstungen". (1538 bis 1553.) Jeder neu aufsteigende Qualm von Scheiterhaufen in Spmnen und Portugal trieb einzelne oder ganze Gruppen Marranen weit nach Osten, nach der Türkei, außerhalb der Gewalt des Kreuzes; denn auch in Italien fühlten sie sich nicht mehr sicher, seitdem auch die besseren Päpste gegen ihre bessere Überzeugung sich die Inquisition hatten abringen lassen. Die Türkei bildete daher immer mehr eine jüdische Welt im kleinen, in die sich selbst die despotische Regierung der Sultane keine Eingriffe erlaubte, so sehr auch die einzelnen der Willkür ausgesetzt waren. Hier wie in Palästina, wo sie sich durch Massenhaftigkeit und Wohlstand gehoben fühlten/) durften sie Träumen uachhüngen, eilte *) Isaak ben Emanuel de Lates Usspp- sä. IVisn. p. 64 vom Jahre 1543: lmmv' '12 2'2^.2 2L'1 rmi I2I> rm '.1 1P2 '2 '2X.2 pinll .nxmL'.i N2 nh.2 .71,21222 2:22 2 - 2 :, 222 Y 2 .ihlllb 278 Geschichte der Juden. gewisse Selbständigkeit zu gründen, eine religiös-nationale Einheit zu erstreben und messiänische Schwärmerei zu verwirklichen. Salomo Molchos, des Märtyrers von Mantua, Austreten ging nämlich nicht ganz spurlos vorüber, hinterließ vielmehr einen Nachhall. In Safet, der größten Gemeinde Palästinas, wo er längere Zeit geweilt, Verbindung angeknüpft und Hoffnungen erweckt hatte, rechnete man nach seinem Tode noch immer auf Erfüllung seiner messianischen Verkündigungen. Der Ablauf der runden Zahl 5300 seit Erschaffung der Welt (1540) schien ein geeignetes messianisches Jahr zu sein. Aber die Messiaszeit, so dachte man damals, könne nicht urplötzlich eintreten; es müßten vielmehr dazu von seiten der Israeliten Vorbereitungen getroffen werden. Maimuni, die gewichtigste Autorität, hatte gelehrt, daß der messianischen Zeit die Einsetzung eines allgemein anerkannten jüdischen Gerichtshofes, eines SYnhedrin, vorangehen werde oder müsse. Allgemein wurde daher das Bedürfnis gefühlt, autorisierte und ordinierte Richter, Synhedristen, wie sie zur Zeit des Tempelbestandes und des Talmuds in Palästina vorhanden und anerkannt waren, zu besitzen und überhaupt die so lange vermißte Ordination solcher Synhedristen (SsirckobL) wiederum einzuführen. Von seiten des türkischen Staates war kein Hindernis vorauszusehen. Die Rabbinen hatten hier ohnehin eine eigene bürgerliche und selbst peinliche Gerichtsbarkeit. Nur waren die von den Gemeinden eingestellten Rabbinen, die zugleich Richter waren, ohne innere, berechtigte, in der talmudischen Lehre begründete Machtbefugnis. Sie fanden Gehorsam, aber auch Widerspruch. Ihr Airsehen beruhte auf Herkommen und nicht ans deni Boden des talmudischen Judentums. Eine Einheit der Gesetzgebung und Gesetzauslegung war nicht möglich, solange jeder Rabbiner iir seiner Gemeinde selbständig war uird keine höhere Autorität anzuerkennen brauchte. Es war daher ein Zeitbedürfnis, eine Art religiösen Hohen Rates zu schaffen?) Und wo anders als in Palästina? Nur die heiligen Erinnerungen dieses Landes vermochten einem Kollegium von Rabbinen Würde und Autorität eines Synhedrin zu verleihen. Nur voir Zion durfte die Lehre, welche allgemeine Anerkennung finden sollte, ausgehen und das Wort Gottes nur von Jerusalem. Viele hatten von der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit gesprochen, die Ordination von Richterrabbinen mit einer höheren Autorität wieder einzufnhren, aber nur einer hatte die Tatkraft, Ernst damit >) Selbst der Hauptgegner der Wiederherstellung der göinieliA, (Ordination), Levi b. Chabib, hat ihre Notwendigkeit anerkannt. Abhandlung m-n in dessen Usspp. (der einzigen Quelle darüber) p. 32V o. unten: up.ne, nrn .-NX.12 llZ ,(.12'20N) 2NXNV r.n 718112 2N227I7I (ii'2 .1I8,1L p 27 7071 ll'IS 8N2N 1p! '11S2 1718 227N2 'NP2I2 271 .7I712'812 . 7N1P2 8227ib Versuch die Ordination wiederherzustelleu. 270 zu machen. Das war der scharfsinnige, aber querköpfige und darum auch kühne Jakob Berab (o. S. 12). Nach vielen Wanderungen und Ortswechsel von Ägypten nach Jerusalem und von da nach Damaskus hatte sich Berab im Alter in Safet angesiedelt (um 1534). Er war ver- mögend^) und genoß also durch Reichtum und Geist ganz besondere Auszeichnung. Er faßte den Plan, der messianischen Geftthlszerflosseu- heit einen festen Punkt zu geben. Berab hatte wohl dabei einen löblichen Zweck im Auge, aber auch ein wenig Ehrgeiz spielte in den Plan hinein, als erste Autorität, ja gewissermaßen als Synhedrialpräsident in Palästina zu gelten,^) dadurch auch selbstverständlich im ganzen Mvrgen- lande und warum nicht gar in der Gesamtsudenheit, anerkannt zu werden. Aber der erste Schritt war schwer. Nur Ordinierte können gesetzlich weiter ordinieren, und solche gab es schon lange nicht mehr. Glücklicherweise bot ein anderer Ausspruch Maimunis einen Anhaltepunkt dafür, nämlich, wenn die Weisen in Palästina ttbereinstimmten, einen aus ihrer Mitte zu ordinieren, so hätten sie das Recht dazu, und derselbe könnte zugleich die Ordination auf andere übertragen. Nun zählte damals keine palästinensische Gemeinde neben Safet, welches durch zahlreiche Einwanderer zu mehr denn 1000 jüdischen Familien augewachsen war. Safet oder vielmehr die Talmudkundigen dieser Stadt hatten es demnach in Händen, insofern sie nur einig darüber wären, die Synhedrialwürde wiederherzustelleu, selbst im Widerspruche mit Kollegen anderer Gemeinden, weil die Safetenser eben die Mehrzahl bildeten. Die fungierenden und nicht fungiereirden Rabbinen Safets, Männer ohne Klang und Namen, hatten eine zu große Hochachtung vor Berabs Geist, talmudischer Gelehrsamkeit und Reichtum, als daß sie Widerspruch dagegen erheben oder ihm Hindernisse in den Weg hätten legen sollen. Er brauchte bloß zu winken, und sofort traten fünfundzwanzig Männer zusammen, um ihm die Würde eines ordinierten Richterrabbiners zu erteilen. Damit war die Ordination wiederhergestellt (1538) und der erste Kristallpunkt zu einem neuen Synhedriu angesetzt. Es hing nur von Jakob Berab ab, so viele Kollegen, als ihm beliebte, Weiler zu ordinieren. In einem Vortrage setzte Berab die Gesetzlichkeit des Schrittes nach talmudischen Prinzipien auseinander und widerlegte alle möglichen Einwürfe dagegen^.) Daraufhin gaben 0 Levi b. Chabib. Rsspn. Nr. 93. Abhandlung a. a. O. >i. 39lbi -ui irgnb b-n 12 ns-n 211 nijin inu 112:1 ivi!> bub .ib.im- .1111 . Bergt, Resiqi. Mose Tram 1, Nr. 37 Ende, daß Berab 1533 noch nicht in Safet lebte, auch das. Nr. 247. ") Levi b. Chabib imputiert ihm diesen Hintergedanken, Abhandlung n- 283 d: IVN1 . . 'L'2.121 11127121 2121S2 ,12'!2' L'UI 7wob l'L b>' (712X2) 7Iwxi2 IL'VI °) Das. m 299 b. 280 Geschichte der Juden. auch andere palästinensische Talmudknndige in den übrigen Gemeinden nacheinander ihre Zustimmung zu dieser Neuerung zu erkennen. Dadurch glaubten Berab und seine Anhänger die erste Vorbereitung zur Ankunft der messianischen Zeit getroffen zu habend) In der Tat hätte die erneute Ordination wenn auch nicht die messianische Zeit herbei- stthren, so doch einen Kern zur Einheit des Judentums bilden können. Ein wiederhergestelltes Synhedrin im heiligen Lande hätte einen mächtigen Klang auch in Europa gehabt, einen besonderen Reiz ausgeübt und noch mehr Einwanderer angezogen. Die Quälereien der Juden in Italien und Deutschland, der Vernichtungskrieg gegen die Marranen in Spanien und Portugal, die Sucht nach dem Exzentrischen und Außerordentlichen in dieser Zeit, die mächtig angeregte messianische Sehnsucht, alles das wäre Anregung genug gewesen, gebildete und reiche Juden aus dein Abendlande nach dein Morgenlande zu locken. Mit Hilfe der mitgebrachten Kapitalien und auf Grund der synhedrialen Autorität hätte sich ein jüdisches Gemeinwesen mit staatlichem Charakter organisieren können. Berab wäre die geeignete, rechte Persönlichkeit gewesen, einen so großen Plan mit Beharrlichkeit, ja mit Eigensinn ins Werk zu setzen. Es stellten sich aber allsogleich Schwierigkeiten ein. Es war vorauszusehen, daß die Gemeinde von Jerusalem und ihre Vertreter sich verletzt fühlen würden bei einem so folgenreichen Akte übergangen zu werden, und die ganze Anordnung als null und nichtig erklären könnten. Gebührte doch der heiligen Stadt die erste Stimme in einer so wichtigen Airgelegenheit für das heilige Land und für ganz Israel! Jakob Berab sah das Wohl ein und beeilte sich, den ersten Gebrauch, den er von seiner erhöhten Würde machte, die Ordination auf das damalige Oberhaupt des Jerusalemer Rabbinatskolleginms zu übertragen. An der Spitze desselben stand damals Levi ben Jakob Chabib, aus Zamora gebürtig, ungefähr gleichen Alters mit Berab. Zur Zeit der Zwangstaufen unter den: König Manoel war er als Jüngling Scheinchrist geworden, hatte einen christlichen Namen geführt, das Kreuz geschlagen und andere Zeremonien des katholischen Kultus mit Verzweiflung in der Seele mitgemacht. Er hatte natürlich die erste günstige Gelegenheit benutzt, um ans Portugal zu entfliehen, das Scheinchristen- tnm von sich zu schlendern und Sicherheit in der Türkei zu suchen. In Salonichi war er eine Zeitlang mit seinem Vater Jakob ben Levi b. Chabib x. 288 ä. h Das. p. 386 1 .120 i'ii ,i2'vav 2>2>-2 122 12281 i8>'28 212 (22-2) mir» 1112 in ix'22. Mit welcher Gewißheit man damals auf die Sammlung der Juden in Palästina und selbst der Marranen aus Spanien rechnete, beweist ein ikesxi>. des Mose de Trani I, Nr. 387 : (,»212) 22 2,- 811' i8v 2'i,i22 im . 212,2 1212 8 . 122 " 1>282 8l22 " '121 ^22 111 " 221 ' 8l1 >2 ' 2 , 1 ' Levi ben Chabib. 281 Chabib zusammen, wv er dessen agadisches Werk dollendete und hatte sich zuletzt nach Jerusalem begeben (um 1525). Hier wurde er vermöge seiner umfassenden Talmudgelehrsamkeit, die zwar mehr in die Breite nls in die Tiefe ging, nach dem Ableben des Nagid I s a a k S ch a l a l*) als Rabbiner die erste Person in der Gemeinde. Er hatte sich auch um ihr leibliches und geistliches Wohl verdient gemacht und besonders der Zerfahrenheit gesteuert, in welche sie durch neue Zuzügler aus verschiedenen Ländern, die sich nicht gern der Zucht und Ordnung unterwerfen mochten, von neuem zu geraten drohte?) Levi ben Chabib besaß auch einige Kenntnis von Mathematik, Astronomie und Kalenderwesen. Zwischen ihm und Jakob Berab , mit dem er eine Zeitlang in Jerusalem zusammenlebte, bestand aber kein freundliches Verhältnis, und die Schuld lag wohl mehr an dem letzteren, der von Natur hochfahrend, anmaßend und unverträglich war, worüber sich mehrere ebenbürtige Zeitgenossen bitter beklagten?) Levi ben Chabib war daher bei mehreren gutachtlichen Entscheidungen mit ihm zusammengestoßen, doch hatte er sich ihm gegenüber stets freundlich und bescheiden Verhalten und alles vermieden, was ihn hätte verletzen können. In den letzten Jahren war auch zwischen den beiden ein leidliches Verhältnis ein- getreteu, aber Levi ben Chabib konnte es nicht vergessen, wie geringschätzig, als tief unter ihm stehend, ihn Berab behandelt hatte. Nun war an ihn, als ersten Rabbiner von Jerusalem, die Aufforderung ergangen, die Wahl des Jakob Berab zum ersten gesetzlich ordinierten Richterrabbiner, zuin Syuhedristeu, anzuerkennen, und durch seine Zustimmung gut zu heißen. Jerusalem wurde dadurch gegen Safet und er selbst gegen Berab zu einer untergeordneten Stellung herabgedrückt. Es war allerdings eine Verletzung in Wesen und Form, denn Berab hatte es nicht einmal der Mühe wert gehalten, die Zustimmung des Jerusalemer Kollegiums vorher nachzusuchen, sondern hatte seine Neuerung von oben herab dekretiert, er ernenne vermöge der ihm erteilten Würde Levi ben Chabib zum ordinierten Richter?) Er hatte auch dabei zu verstehen gegeben, daß ein Widerspruch von Jerusalem aus ihn wenig stören würde, da ein solcher nur als der ') S. oben S- 18 und Note I. H Abhandlung über die Ordination a. a. O. p. 291 cl ff. ?) Vcrgl. das. p. 319 o: '2 . . i>:ir>' '22122 2022 0, ,'S2 (2-02 '"2) 2222 illinir? bn22" 21>bl ^2212 . . . 2122 '222 b>2!2 2,21' 2bl2b°> 11212 .22^.2 bl2 >2,2>2ivb 22'b b,22 XIN 22>'e:b 22!,21212; das. 1>. 318 01 b2.2 2V 2>2 -2-22 ,222 -ll'.lbl ; Ue8PI>. Nr. 105: NI,21 °12.2 222122 ',2,12b -1'012. Bergl. Itespp. Mose Alaschkar, Ausfälle gegen Berab Nr. 31, 60. Dagegen behauptet sein Hauptjünger Mose de Trani in seinen Uespp., die Gegner Hütten Berab schreiendes Unrecht getan, er wäre gar nicht so anmaßend, absprechcnd und streitsüchtig gewesen. si Der Wortlaut dieser Ordination ist mitgeteilt in Lebi b. Chabibs Abhandlung a. a. O. p. 310 0. 282 Geschichte der Juden. von einer Minderheit gegen die Safetaner Mehrheit angesehen werden würde. Der Augenblick, als ein wichtiger Schritt zuin Zusammenschluß der Judenheit getan werden sollte, fand Levi ben Chabib, dessen Stimme jedenfalls gewichtig war, nicht groß genug. Er unterlag der Empfindlichkeit und vergaß schnell, daß es auch früher sein Wunsch gewesen war, die Ordination von Richterrabbinen wieder zu erneuern. Sobald ihm die Anzeige von dem Akt in Safet zngekvmmen war, erklärte er sich sofort und entschieden gegen die bereits vollzogene Wahl und verfehlte nicht zu bemerken, daß er vorher darüber hätte befragt werden müssen?) Sein Widerspruch scheint aber in Jerusalem keinen Eindruck gemacht zu haben, denn nur ein einziger rabbinischer Kollege, Mose de Castro, stand ihm zur Seite; die übrigen Rabbinats- mitglieder verhielten sich leidend. An Gründen gegen die Erneuerung der Ordination und eines Shnhedrin konnte es in den talmudischen und rabbinischen Gesetzen nicht fehlen. Es herrscht darin ein so verwirrendes Meinungsgewimmel, daß daraus für jede Sache das Mir und Wider geltend gemacht werden konnte. Und wann hätte es überhaupt dem bösen Willen oder der verletzten Eitelkeit an Scheingründen gefehlt, einen unangenehmen Schritt zu verdächtigen und zu verkleinern? Berab und seine kopfnickenden Wähler hatten auch eine Handhabe zur Verdächtigung der Ordination gegeben. Das rabbinische Judentum ist io durch und durch Praktisch, daß es für romantische Schwärmerei und Gefühlsverschwommenheit keinen Boden bietet. Die Safetaner durften also nicht ihren Herzenswunsch als Grund zur Einführung der Ordination geltend machen, daß dadurch die messianische Zeit gefördert werden könne; das hätte in den Ohren der Rabbinen, so voll auch ihre Brust von der Messiashoffnung war, als gar zu abenteuerlich und lächerlich geklungen. Andere dafür sprechende Gründe gab es zurzeit nicht. Das Festkalenderwesen, das früher von ordinierten Kollegen geordnet zu werden Pflegte, war seit einein Jahrtausend festgestellt, und cs durfte daran nicht gerüttelt werden. Andere Fälle, für welche im Talmud ordinierte Richter gefordert werden, wie etwa zur Verurteilung eines Diebes, eines Müdchenschänders, kamen gar zu selten vor, als daß daraus die Notwendigkeit der Ordination hätte hergeleitet werden können. Daher hatten die Safetaner einen Grund geltend gemacht, der praktisch und zeitgemäß scheinen sollte, aber doch weit hergeholt war. Es trafen viele Marranen aus Portugal und Spanien in Palästina ein, welche während ihres kürzeren oder längeren Verweilens im Scheinchristentum nach talmudischer Lehre Todsünden zu begehen gezwungen waren. Diese bereuten zerknirscht ihr Vergehen und lechzten nach innerer Sühne und Sündenvergebung — sie hatten mit der Maske des Christen- Jakob Berabs Streit mit Levi bcn Chabib. 283 tums nicht das katholische Prinzip abgelegt von der Äußerlichkeit der Buße — eine solche Sündenvergebung könne ihnen aber erst voll gewährt werden (das machte Berab geltend), wenn die gesetzlich Vvr- geschriebene Geißelstrafe (39 Streiche) an ihnen vollzogen würde. Diese Strafe vermöge aber nur ein gesetzmäßig ordiniertes Kollegium zu verhängen. Darin lüge also die Notwendigkeit für die Ordination?) Es wurde Levi ben Chabib nicht schwer, wenn er einmal seine Antipathie gegen den Urheber der Anordnung auf dessen Werk übertragen wollte, diesen Grund als nicht stichhaltig genug zu erschüttern. Aber er begnügte sich damit nicht, sondern brachte auch allerlei Sophistereien vor. Er wollte Jakob Berab die Absicht beilegen, daß er, wenn einmal berechtigt ordiniert, die Machtvollkommenheit beanspruchen würde, den bisherigen Festkalender umzusloßen und einen neuen, d. h. den uralten zur Zeit des Talmud gebräuchlichen, einführen zu dürfen — obwohl dieser sich ernstlich dagegen verwahrte — nur um böswillig behaupten zu können, wie gefährlich diese Neuerung für die Gesamtjudenheit werden und wieviel Verwirrung sie anrichten könne. Dieser Widerspruch von Jerusalem aus, von seiten des Levi ben Chabib und seines Kollegen Mose de Castro, welchen Jakob Berab nicht in dein Maße erwartete, da er ihnen nicht so viel Mut oder mehr Selbstverleugnung zugetraut hatte, erbitterte ihn in hohem Grade. Es war ihm mn so peinlicher, als dieser Widerspruch geeignet war, das ganze Unternehmen scheitern zu lassen. Tenn wie sollte er es der asiatischen, europäischen und afrikanischen Judenbeit annehmbar und es zum Angelpunkte einer Reorganisation machen, wenn die Hauptgemeinde Palästinas, wenn Jerusalem, die heilige Stadt, es verwarf? Dazu kam noch, daß in dieser Zeit sein Leben in Safet gefährdet war, wahrscheinlich durch Denunziation bei den türkischen Behörden, welche irgend eine Gelegenheit benutzen wollten, sich seines Vermögens zu bemächtigen. Berab war genötigt, für den Augenblick Palästina zu verlassen. Um die Ordination nicht alsbald fallen zu lassen, erteilte er vier Talmudkundigen die Weihen, ähnlich wie es einst in der Hadrianischen Zeit Juda ben Baba gemacht hatte. Diese vier hatte er aber nicht aus den ältern Rabbinen nusgewählt, sondern aus jüngern. Darunter war Joseph Karo, der Schwärmer für Salomo Molchv und dessen kabbalistisches Messiastnm, der mit ganzer Seele für die Ordination eingenommen war; 2) auch seinem besten Jünger Mosede Trani hatte Berab die Weihen erteilt?) Solche Bevorzugung jüngerer, >) Levi b. Chabib p. 277 b. o. Daß das Angegebene der Sinn der Motivierung für die Notwendigkeit der Ordination und daß dabei ans die ansgcwanderten Marranen Rücksicht genoininen ist, folgt aus x. 288 e. das. 2 ) Vergl. Note ö. °) Die übrigen zwei waren vielleicht Mo sc Cordnero und Joseph Sagis, beide Stock-Kabbalisten und Schwärmer für das messianische Himmelreich. 284 Geschichte der Juden gefügiger, wenn auch begabter Männer machte in Jerusalem noch mehr böses Blut?) In den darüber gewechselten Zuschriften, die für das Publikum berechnet waren, erbitterten sich beide Rabbinergrößen Palästinas immer mehr gegeneinander in einer so verletzenden Art, daß sie selbst durch die leidenschaftliche Erregung nicht entschuldigt werden können. Gegen die tadelnde Bemerkung des Levi ben Chabib ein geweihter Ordinierter müsse nicht bloß gelehrt, sondern auch heilig sein, hatte Jacob Berab eine boshafte Anspielung auf dessen Scheinchristentum gemacht: „Ich habe meinen Namen nie gewechselt, ich bin in Not und Verzweiflung stets in Gottes Wegen gewandelt!" Er warf Levi ben Chabib auch vor, daß noch immer etwas von den christlichen Dogmen an ihm kleben geblieben sei. Das traf den Gegner ins Herz. Er gestand zu, daß man zur Zeit der Zwangstaufen in Portugal seinen Namen geändert, ihn zum Christen gemacht hatte und er nicht imstande war, für die angestammte Religion zu sterben. Er entschuldigte sich mit seiner Jugend, er sei damals noch nicht zwanzig Jahre alt gewesen, sei kaum ein Jahr im Scheinchristentum geblieben, und hoffe, daß der Tränenstrom, den er bisher darüber vergossen und noch immer vergieße, leinen Sündenfleck vor Gott ansgelöscht haben werde. Nach dieser Zerknirschung kannte ben Chabibs Heftigkeit gegen Berab keine Grenzen mehr. Er schleuderte ihm die gröbsten Beleidigungen zu und erklärte, ihn nimmermehr von Angesicht zu Angesicht sehen zu wollen. Durch diese maßlose Heftigkeit des Hauptrabbiners von Jerusalem und durch den gleich darauf erfolgten Tod Berabs (Frühjahr 1541)2) zerfiel die Einrichtung der Ordination. Nur Joseph Karo, einer der von demselben Ordinierten, gab sie noch nicht auf. Diese Persönlichkeit (geb. 1488, gest. 1575) hat tief in die Ausgestaltung des rabbinischen Judentums eingegriffen. Als Kind mit seinen Eltern aus Spanien Vertrieben, hatte Karo frühzeitig die herbe Leidensschule kennen gelernt und war nach langer Wanderung in Nikopolis in der europäischen Türkei angekommen. Von seinen: >) Levi b. Chabib Abhandlung a. a. O. p. 298 u. 2) Berabs Todesjahr hat Zuuz (zur Geschichte und Literatur S. 231) kritisch zu fixieren versucht, weil die Notiz darüber in den Daten nicht stimmt. Mose de Trani referiert nämlich Lesim- 1, Nr. 103: . . 212 b .ibnL'i 2 "x n"i . 22 L' . 2^-2 22 'r >'2 2 - Tw'bv.ib p'so.i 22-2 2 p'-' .i'NL'L'm Es ist richtig, daß das Tagcsdatum mit der Jahresform von 1511 nicht stimmt. Darum wollte Znnz das Zahlwort '.2 als Einheit 5 betrachten und machte daraus 1546. Allein das '.2 bedeutet bei allen Schriftstellern dieser Zeit, auch bei M. de Trani, 5000. Berab starb also gewiß 5301 — 1511. Der Fehler steckt aber im Mona tsda tum; es muß heißen 22 », statt wm. Der erste ^.clur I dieses Jahres fiel auf Sonnabend. So stimme» die Daten vollständig. Joseph Karo. 285 Vater Ephraim im Talmud unterrichtet, verlegte er sich auf einen sonst vernachlässigten Zweig desselben. Er vertiefte sich so sehr in den Mischna- text, daß er ihn auswendig konnte. Später siedelte Karo von Nikopolis nach Adrianvpel über, wurde dort wegen seiner erstaunlichen Talmudgelehrsamkeit bereits als respektable Persönlichkeit angesehen und bildete Schüler aus. In den dreißiger Jahren unternahm er das Riesenwerk, den Religions- und Ritualkodex des Jakob Äschert^) zu kommentieren, mit Belegstellen zu versehen und zu berichtigen, ein Werk, woran er zwanzig Jahre seines Lebens wendete (1522 bis 1542) und zu dessen nochmaliger Revision er noch zwölf Jahre brauchte (1542 bis 1554). In diese seine trockene Beschäftigung, wobei seine Phantasie müßig blieb, hatte Salomo Molchos Erscheinen einen Wechsel gebracht. Der junge Schwärmer aus Portugal hatte einen so überwältigenden Eindruck auf Karo gemacht, daß er sich von ihm in die sinnverwirrende Kabbala einweihen ließ und dessen messianische Träume teilte. Seit dieser Zeit war seine Geistestätigkeit zwischen der trockenen rabbinischen Gelehrsamkeit und der phantastischen Kabbala geteilt. Er stand mit Molcho während dessen Aufenthalts in Palästina in Briefwechsel und machte Pläne, ebenfalls dahin auszuwandern. Er bereitete sich wie Molcho auf einen Märtyrertod vor, daß er „als heiliges Ganzopfer auf dem Altar des Herrn verbrannt werde" und hatte wie dieser phantastische Träume und Visionen, die ihm, wie er glaubte, durch Eingebung eines höheren Wesens zugekommen waren. Dieses höhere Wesen (LlaMcl) sei aber nicht ein Engel oder eine phantastische Stimme, sondern — drollig genug — die Personifizierte Mischna gewesen, die sich zu ihm herabgelassen und ihm namentlich in der Nacht Offenbarungen zugeflüstert habe, weil er sich ihren: Dienste geweiht habe. Solche Visionen, die er größtenteils niedergeschrieben, hatte Joseph Karo nicht in einer kurzen Zeit, sondern bis an sein Lebensende fast vierzig Jahre hindurch in gewissen Zwischenräumen. Sie sind später zum Teil veröffentlicht worden^) und machen einen betrübenden Eindruck wegen der Verheerung, welche die Kabbala in den Köpfen angerichtet hat. Das höhere Wesen oder die Mischna legte Karo die schwersten Kasteiungen auf, verbot ihn: den Genuß von Fleisch und Wein — mit Ausnahme an Sabbaten und Festtagen — und untersagte ihn: gar das viele Wassertrinken. Hatte er sich irgend ein Vergehen zu schulden kommen lassen, sich dem Schlafe zu sehr überlassen, sich zu spät zum Gebet eingefunden oder das Studium der Mischna ein wenig vernachlässigt, so erschien die Mutter-Mischna und machte ihm zärtliche >) B. VII, S 249. 2) Unter dem Titel mini- Über die Echtheit des Karoschen Maggid siehe Note 5. Sehr oft kommt darin die Phrase vor: mnvn nrvvn 'm -m .NM NN NNV'ON onn . . . I'en 286 Geschichte der Juden. Vorwürfe. Es ist erstaunlich, was sie ihm alles offenbart hat. Nachdem er zwei Kinder verloren und ein Sohn stumm geworden war, verkündete sie ihm, daß seine Frau einen frommen Sohn gebären, daß er dann sie verlieren und als Witwer noch zwei Frauen hintereinander Heiratei: werde, die ihm Vermögen zubringen würden. Z In der Tat hat Karo drei Frauen hintereinander geheiratet und eine derselben, eine deutsche, hatte ibm Vermögen zugebracbt. Diese Verkündigungen waren keineswegs betrügerische Schwindeleien, sondern Eingebungen einer aufgeregten Zeit und einer aufgeregten Phantasie, wie sie im heißen, üppigen Morgenlande häufiger Vorkommen als im kalten, nüchternen Norden. Joseph Karo war so voll von dem Gedanken, daß er berufen sei, eine Rolle in Palästina zu spielen und infolge derselben in der durch Salomo Molcho vorbereiteten messianischen Vorzeit als Märtyrer zu sterben, daß er Adrianopel verließ. Eine Zeit lang hielt er sich jedoch in dem von Kabbalisten wimmelnden Salonichi auf, in der Nähe des Joseph Taytasak?) Endlich traf er in dem Kabbalistennest Safet mit einem Gesinnungsgenossen, Salomo Alkabez, ein, einem geistlosen Schriftsteller, dessen Bewillkommnnngslied für die Braut Sabbat (lb,sclm voäi) berühmter geworden ist als der Dichter. Joseph Karo hatte die Freude, daß sich ein Teil seiner phantastischen Träume in Safet erfüllte; er erhielt von Berab die Weihen als künftiges Syn- hedrialmitglied so. S. 283). Nach dem Tode Berabs träumte Karo von nichts anderem als von seiner einstigen Größe; er werde die gestörte Ordination wieder ins Werk setzen, werde von den Weisen Palästinas und des Auslandes anerkannt werden, werde Fürst und Führer der Juden in Palästina, ja, im ganzeil türkischen Reiche werden, werde die besten Talmudjünger ausbilden, so daß nur die Jünger seiner Schule Anerkennung finden würden. Alle würden ihn als das heilige Bild (viokilg, Lnäisolm) verehren, und er werde Wunder vollbringen. Er werde zwar gleich Molcho zur Heiligung des Gottesnamens den Märtyrertod sterben, aber bald darauf wieder die Auferstehung erleben und in das Messiasreich entgehen?) ') Maggid-Mescharim, Eingang. 1 b, p. 7 a, I 3 b ss.; 31 a, 34 a, und noch einige mal. Das viele Geld, das ihm das. 2 b vom Auslande verheißen wird, sollte ihm wohl durch eine neue Heirat Zufällen. Einer seiner Schwiegerväter war ein Deutscher Lesxp. i>2ii ipan Nr. 29 und öfter; er hieß Zacharias Sachsel. 2) Nach Conforte 111111 nup 35 a war Karo noch 1533 in Salonichi, vergl. Maggid p. 50 (eigentlich x. 70 ) . . ;,2ii> 12^ 1211 pi> 211,2 cnn Lir 22111 . . . iir>v 7121:; vergl. Note 5 . o) Hauptstclle Maggid x. 38 : ^122 iiim i>2 ^ 121 ir> ii'i^i 722HN >2 72012 1I'li> ,121a 11121'i> 12'221 1111 71221 1102 '2 ;x'1 i»12'212 112^2215 Joseph Karos Kodex. 287 Alle diese Vorzüge und Vorrechte hoffte Joseph Karo durch ein Werk zu erringen, das in sich selbst die Einheit des Judentums erzielen und ihm ungeteilte Bewunderung einbriugeu sollte. Wenn er seinen gründlichen Kommentar zu Jakob Ascheris Religionskodex vollendet,, durch den Druck veröffentlicht, verbreitet und auf Grund desselben ein eigenes umfassendes Religionsgesetzbuch ausgearbeitet haben würde,, daun werde und müsse er als der Erste in Israel, als Fürst und Gesetz-- geber anerkannt werden. Sein Schutzgeist hatte ihm zugeflüstert,, er werde ihn würdig machen, viele Jünger auszubilden, seine Schriften gedruckt und in ganz Israel verbreitet zu sehen. Wenn er den Vorschriften des Schutzgeistes Nachkommen werde, dann würden die höheren Welten selbst fragen: „Wer ist der Mann, an dem der König der Könige Wohlgefallen hat, das Oberhaupt von Palästina, der große Schriftsteller des heiligen Landes?" Seinen Kommentar, seine Erklärungen und Entscheidungen (Kodex) würde er ohne Fehler veröffentlichen können?) So bestimmten hingebende Frömmigkeit, Phantasterei und auch ein wenig Ehrgeiz den Manu, den letzten Religionskodex für die Ge-- samtjudenheit auszuarbeiten, der allen Schwankungen, Ungewißheiten und allem Meiuungswirrwarr ein Ende machen sollte. Die von Salomo Mölcho augeregte kabbalistisch-messiauische Schwärmerei und die von Berab ausgegaugene Ordination gönnten Karo keine Ruhe, die von jenen geahnten Zustände durch ein umfassendes Schriftstück zu verwirklichen, wenigstens die Einheit im religiösen Leben anzubahnen. Toch vergingen noch einige Jahrzehnte, ehe die jüdische Welt dieses Gnadengeschenk erhalten sollte. Es war eine Riesenarbeit, die viel Zeit erforderte. Was Joseph Karo an Geist mangelte, mußte sein erstaunlicher, unausgesetzter Fleiß ersetzen. Nur religiöse Hingebung und Begeisterung, gepaart mit Phantasterei, konnten ein solches Werk zustande bringen. Von allen seinen hvchfliegenden Träumen wurde indes vor der Hand nur der eine verwirklicht, daß er nach Jakob Berabs Tod erster Rabbiner von Snfet und allerdings erst nach und nach als rabbinische Autorität anerkannt wurde. Aber unangefochten war sein Ansehen nicht; er hatte einen Nebenbuhler an dein besten Jünger Berabs, an Mose de Tran i. Während sich die Juden im Morgenlande einer gewissen Ruhe und Unabhängigkeit erfreuten, infolgedessen messianische Luftschlösser bauen konnten und daran arbeiteten, einen scheinbar idealen Zustand, zn:n n-'non in na ii' dn xixd n-in -nrnni dniL" '2:n , 1 'nrA NI'NI -znw.i p inni. Düse Vision hatte er Nissan 5303 — 1543, also 2 Jahre nach Bernds Tod. Vcrgl. ähnliche Stellen das. p. II, 16 d, 20 a, 24 a, 31 a; s. Note 5. st Das Hanptsielle x. 9 b, auch i>. 32 b u. a. St. 288 Geschichte der Juden. allerdings mit verkehrten Mitteln, herbeizuführen, unterlagen die ? abendländischen Juden dem Elend der stets frisch über sie verhängten Verfolgungen. Die alten Anklagen über ihre Gemeinschädlichkeit, ihren Kindermord, ihre feindselige Haltung gegen das Christentum, einige Zeit während der Reformationsbewegung verstummt, tauchten von neuem auf. Die stockkirchliche Richtung, welche sich um diese Zeit in der katholischen Welt geltend machte, um sich gegen das immer mehr erstarkende Luthertum zu behaupten, übte auch ihre Wirkung auf die Juden aus und brachte ihnen zunächst in katholischen Ländern neue Leiden. Zu den alten Anklagen kam noch eine neue hinzu, welche auch ! die Lutheraner gegen sie einnahm. Die lutherische und calvinische Re- ! formation, die bis nach England und Polen gedrungen war, hatte vielen über Religion und Christentum die Augen geöffnet und sie zun: l Selbstdenken gebracht, vieles als falsch, irrtümlich und lästerlich zu finden, was die Reformatoren selbst als wesentliche Bestandteile des Christentums ansahen. Die in die meisten europäischen Volkssprachen übersetzte Bibel gab denkenden Lesern an die Hand, sich selbst einen eigenen, ^ von den Dogmenschmieden in Rom, Wittenberg und Genf abweichenden Lehrbegriff der Religion zu bilden. Beim Lesen der Bibel kam das alte Testament vor dem neuen, und beim Übergang von dem einen zun: ! andern gewahrten so manche, daß da vieles nicht miteinander stimme, daß die Lehre von der strengen Gotteseinheit der Propheten im grellen l Widerspruch stehe zu der Dreifaltigkeitslehre der Kirchenväter und daß selbst die Apostel noch nicht die Dreieinigkeit kannten. Außerdem hatte die Reformation einen Anlauf genommen, neben der religiösen Befreiung auch die politische Freiheit von dem eisernen Joche der Fürsten anzubahnen, in deren Augen das Volk gar nicht zählte, sondern nur gut j zum Steuerzahlen und zu Frondiensten der Leibeigenschaft war. Nun ! fiel es nicht wenigen auf, daß die biblischen Schriften des Judentunis alles Recht dem Volke zusprechen und den Despotismus der Könige verdammen, während das evangelische Christentum ein Volkstum gar nicht anerkennt, sondern nur himmelnde Gläubige, denen es empfiehlt, den Nacken unter das Joch der Tyrannen zu beugen. Der Gegensatz zwischen dem alten und dem neuen Testament, daß das eine nebst einem gottesfürchtigen Leben tätige Tugenden lehrt, und das andere neben blindem Glauben nur leidende Tugend verherrlicht, dieser Gegensatz wurde von den durch das rege Vertiefen in die Bibel geschärften Augen nicht übersehen. Unter den: Gewimmel religiöser Sekten, welche die Reformation in den ersten Jahrzehnten zutage gefördert hat, entstanden auch einige, welche sich den: Judentum mehr zuneigten und von den herrschenden Parteien als H a l b j u d e n , Judenzer (ckaämsaatss, Ssoäsaäasi) gebrandmarkt wurden. Diese nahmen besonders an der Dreieinigkeit Anstoß und wollten Gott nur > Eintreten der Unitarier für die Juden. 289 als strenge Einheit gedacht wissen. M ichael Servet, (eigentlich Miguel Serveto) ein Aragonier, vielleicht von Marranen in Spanien belehrt, verfaßte eine Schrift über die „Jrrtümer der Dreieinigkeit", die viel Aussehen machte und ihm anbängliche Jünger zuführte. Er wurde dafür von Calvin selbst in Genf auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Tie Reformatoren hatten die fanatische Unduldsamkeit der katholischen Kirche beibehalten. Nichtsdestoweniger bildete sich eine Sekte der Einheitslehre (U n i t a r i e r , A n t i t r i n i t a r i e r), welche Jesu Wesensgleichheit mit Gott verwarf. In England, wo der Katholizismus nur durch die Laune und Liebesbrunst eines Tyrannei:, Heinrichs VIII., gestürzt worden war, fing jene religiös-politische Partei sich zu bilden au, welche das alttestameutliche Staatswesen den englischen Verhältnissen anpassen und verwirklichen wollte. Sie schien nur alttestameutliche Vorbilder zu kennen und von den Betbrüdern und Betschwestern des neuen Testaments nichts wissen zu wollen. Manche feierten den Sabbat, als den von Gott eingesetzteil Ruhetag, allerdings bei verschlossenen Fenstern?) Einige exzentrische Christen faßten tvie zur Zeit Ludwigs des Frommen in Frankreich, eine Art von Vorliebe für die Juden als Nachkommen der Patriarchen, als Reste jenes Volkes, das Gott einst seiner Gnadenfülle gewürdigt, als Blutsverwandte der großen Propheten, die schon deswegen allein die höchste Achtung verdienten. Es erschien damals unter der Unzahl von Flugschriften auch eiu Dialog zwischen einem Juden und Christen, worin die Stützen für die christlichen Dogmen aus alttestamentlichen Schriftverseu umgestoßeu wurden, wahrscheinlich voll einem Christeil verfaßt?) Solche Erscheinungen trugeil dazu bei, die Juden auch im Kreise der Reformatoren mißliebig zu machen. Die Anhänger der neuen Kirche heuchelteil gewissermaßen Judenhaß, um den Verdacht von sich abzuwenden, als wollten sie das Christentum untergraben und das Judentum au dessen Stelle setzen. Die Juden hatteil also hüben und drüben Feinde und mußten den Wahn bald aufgeben, daß der Katholizismus gestürzt werden und das Luthertum mit ihnen sympathisieren würde. Man kann daher mich noch aus der Zeit der Reformatiousbeweguug Jahrbücher der Judenverfolgung anlegen und für jedes Jahr Beschränkungen, Quälereien und Ausweisung eintragen. Aber die Zeit hatte sich doch gebessert. Nicht mehr plötzliche Überfälle, Niedermetzlung, Mord in Massen, wie früher, sondern ruhige gesetzliche Ausweisung, einfaches Hinausjagen ins Elend, immer auf Grund erlogener Beschuldigungen. Luthers Erbarmen mit ihren tausendfältigen Leiden, das er ini Beginne seiner Reformlaufbahu offen bekundet hatte, war nicht von >) Quellen bei Schudt, jüdische Denkwürdigkeit I, S. 538. 2) Luther, von den Juden und ihren Lügen, Ans. also noch vor 1543. Grnetz, Geschichte der Juden. IX. lg 290 Geschichte der Juden. langer Dauer und verwandelte sich nun in einen ingrimmigen Haß. In seinen Predigten, Schriften, Tischreden verlästerte er sie als Verblendete, Verderbliche und Auswürflinge. Seine Erbitterung entstammte der Enttäuschung, daß die Juden nicht, wie er erwartet hatte, durch das reine Evangelium, das er predigte und lehrte, sich in Massen bekehrt hatten. Es war ein vereitelter Triumph. In dieser Stimmung lieh Luther elenden jüdischen Täuflingen sein Ohr, welche ihre ehemaligen Genossen mit alten und neuen Anschuldigungen belasteten.*) Der giftigste dieser verlogenen und meistens rachsüchtigen Wichte war Anton M a r g a r i t h a/) Sohn eines Rabbiners Jakob Margoles aus Regeusburg, welcher mit seinen Anklagen gegen seine ehemaligen Brüder, vom Kaiser Karl abgewiesen und bestraft, sich den Protestanten zugewendet hatte. Er hatte eine Schrift „Der ganze jüdische Glaube" drucken lassen, worin er die jüdisch-religiösen Bräuche zum Gespötte aufzählte und zudem Beschuldigungen gegen sie schleuderte; daß sie Jesus und die Christenheit schmähten und verlästerten, daß sie Christen zum Judentum bekehrten — er selbst will in Ungarn mehrere solche Proselyten gesehen haben — daß sie Wucher trieben und dem Müßiggang fröhnten. Dieser gemeinen Schmähschrift schenkte Luther vollen Glauben und wurde noch mehr gegen die Juden erbittert. Auch der mildere Martin Bucer in Straßburg war gegen sie eingenommen. Er hatte von seiner Dominikanergalle gegen die Juden noch viel behalten. In leichten Streitschriften, welche damals in großer Zahl verbreitet wurden, hetzten diese Prediger gegen die unglücklichen deutschen Juden und fanden nur allzu sehr Beifall bei dem niedrigen Volke, das, ans die Autorität der Reformatoren gestützt, einen Freibrief erhalten zu haben glaubte, sie mit Seelenruhe zu mißhandeln und zu quälen. Aber auch einige Fürsten, welche der religiösen Neuerung beigetreten waren, und für die Luthers Wort päpstliche Unfehlbarkeit erlangt hatte, wurden zur Verfolgung gestimmt, so Johann Friedrich, Kurfürst von Sachsen, der starrsinnige Philipp von Hessen und Joachim H. von Brandenburg, die Hauptsäulen des neuen Bekenntnisses. Weil einige jüdische Vagabunden irgend etwas Straffälliges begangen hatten, und auch dafür bestraft worden waren, hatte der Kurfürst von Sachsen befohlen, die Juden aus seinem Lande auf Nimmerwiederkehr auszuweisen. Händeringend hatten sich diese an den bewährten Beschützer Joselin 1) Joselins Schreiben an den Magistrat von Straßburg aus Aktenstücken in französischer Übersetzung Levus ck. Ut. XIII 83: äexui8 11 (Uutbsr) s'est äs nouveau laisse exoiter Mr äss luits Uainsluolcs. (Das. 84:) Nartin Initiier s'sst laisse sxeitsr xar quelques äuiks baptises, lesquels nous ont ealom- nie ä'tntäinss rnsnsonAss. 2 ) Vergl. Note 4. Luthers Judenhaß. 291 von Roßheim gewendet, für sie Fürsprache einzulegen, und er war wie immer bereit, Helfer in den Nöten zu sein. Er ließ sich ein Empfehlungsschreiben vom Magistrat von Straßburg an den Kurfürsten ausstellen, der ein nicht zu unterschätzender.Bundesgenosse in dem Schmalkaldischen Bund gegen den Kaiser und die Katholiken war. Der Prediger Wolfgang Capito gab ihm ein sehr warm gehaltenes Schreiben an Luther mit, mit der dringenden Bitte, den Kurfürsten von Sachsen umzustimmen?) Joselins Schritte waren aber vergeblich. Johann Friedrich zeigte sich ihn: nicht so zugänglich wie Kaiser Karl, und Luther mochte nicht ein Wort zugunsten der Juden bei ihm sprechen. Er wollte ihn nicht einmal vor sich lassen und schrieb ihm nach vielem Drängen einen Brief, welcher seine Lieblosigkeit gegen die Juden bekundet und einen grellen Mißklang bildet gegen seine frühere mitleidsvolle Teilnahme für sie. Luther bemerkte darin, er habe sich früher für die Juden warm verwendet, aber weil sie einen schlechten Gebrauch von seinem Dienste gemacht, habe er die Lust verloren, sie zu verteidigen, weil sie dadurch nur in ihrem Irrtum bestärkt und noch schlimmer würden, als sie waren,2) daß sie trotzdem in ihrer Verblendung beharrten und der Kirche noch immer den Rücken kehrten. Joselin ermüdete indes nicht, weitere Schritte zu tun, um die Verfolgung seiner Schützlinge in den protestantischen Ländern abzuwenden. Er erlangte Zutritt zu einer Versammlung der Fürsten des Schmalkaldischen Bundes in Frankfurt a. M., um die Anschuldigungen zu widerlegen, welche Luther und Bucer gegen die Juden im allgemeinen aus mißverstandenen Stellen der heiligen Schrift vorgebracht hatten. Da er den hebräischen Text der Bibel gründlicher verstand, als die Führer der Reformation, so war die Verteidigung für ihn ein leichtes Spiel. Sie wirkte auch so überzeugend, daß mehrere Fürsten von ihrer Intoleranz gegen die Juden abgingen, darunter auch Joachim II. von Brandenburg, da es ihm noch dazu bei dieser Gelegenheit klar wurde, daß sein Vorfahr Joachim I., vom Betrug der Geistlichen verleitet, die Juden in Berlin dreißig Jahre vorher hatte unschuldigerweise verbrennen lassen?) Dieser Markgraf entledigte sich so sehr seiner Vorurteile gegen die Juden, daß er sich von einem jüdischen Leibarzt Li PP old behandeln ließ und eine Art jüdischen Hofagenten in Dienst nahm, den reichen Michel von Berlin, welcher einen augenblendenden Aufwand machte, sich von Dienern begleiten ließ und in diesem Gefolge zu Roß auf den Reichstagen zu >) Lsvns das. 78 f. Dabei ist bemerkt, daß auch Bucer Luther anging, sich für die Juden zu verwenden. 2) Das. x. 83 und Joselins Tagebuch Nr. 22. Tagebuch dieselbe Nummer. Vergl. o. S. 90. 19 * 292 Geschichte der Juden. erscheinen pflegte?) Aber der Kurfürst von Sachsen blieb ein hartnäckiger Judenfeind, wie auch Philipp von Hessen. Sie ließen die Juden ihrer Länder ausweisen oder unverwehrt quälen?) Aus der protestantischen Stadt Magdeburg und anderen Orten wurden sie in dieser Zeit abermals verjagt?) So war die Lage der deutschen Juden in dem Herde der Reformation, welche die Hoffnung auf Entfesselung aller Bedrückten, auf eine Art evangelische Erlösung erweckt hatte. In katholischen Ländern erging es ihnen zwar nicht besser, aber mit den Leiden war nicht das bittere Gefühl der Enttäuschung verbunden. — Im Königreich Neapel, wo die Spanier herrschten, arbeitete die ultrakatholische Partei schon lange daran, die Inquisition gegen die dort weilenden Marranen einzuführen. Als Karl V. von seinem Siegeszuge aus Afrika zurückkehrte, ging sie ihn an, die Juden überhaupt aus Neapel zu vertreiben?) weil die Marranen durch Verkehr mit ihnen in ihrem Unglauben nur bestärkt würden. Dem Kaiser lag nicht viel daran, die Juden daselbst zu beschützen. Aber die auch von den Spaniern hochgeachtete Dona Benvenida, die edle Gattin des Samuel Abrabanel (o. S. 38), hatte den Kaiser so eindringlich angefleht, den Ausweisungsbefehl zurückzunehmen, und ihre junge Freundin, die Tochter des Vizekönigs, hatte das Gesuch so warm unterstützt, daß er es ihnen nicht versagen konnte. Möglich auch, daß das Vermögen des Abrabanel dabei mitgewirkt hat. Aber einige Jahre später erließ Karl an die neapolitanischen Juden den Befehl, daß sie das Land verlassen sollten (1533). Aber so, wie Joselin von Roßheim für die deutschen Juden, so unterließ Don Samuel Abrabanel für die neapolitanischen nicht, jeden, fl Über Lippold oder Lippolt s. w. u. Über den reichen Michel, Frankel Monatsschrift Jahrg. 1861, 293 aus Räumers historischem Taschenbuch im Jahrg. 1885, 428. 2) Joselin Tagebuch a. a. O. und sein Schreiben an den Magistrat von Straßburg, Usvns XIII p. 81, 83. fl Luther vor den Juden; Vergl. w. u. fl Hauptquellen über die Auswanderung aus dem Neapolitanischen: Samuel Usqne, üonsolaqäo III, Nr. 32. Joseph Kohen, Xmsb ba-Haoba p. 102. G. Jbn-Jachja 8obaisebelst gegen Ende, und von christlicher Seite 2urita, ?nnals8 äs ?raZon N. XII, Oappaoio bist. Xeapol. XVII, 87. Die meisten setzten das Faktum 1540, nur Usqne ein Jahr später, und sein Datum wird von Widmannstadts Angabe bestätigt, der in seinen Notizen bemerkt hat: luisis boo anno 6bri. 1511 lluäasis Xeapolitano rsZuo sie. (Orient. Ltbl. 1845 ool. 323). — Die Differenz entstand wohl daher, daß einige früher, andere später ausgewandcrt sind. Der Zeitgenosse Joselin, welcher in derselben Zeit während des Reichstagsabschieds in Regensburg weilte, setzte ebenfalls das Jahr 1511 dafür an (Tagebuch Nr. 32). Über den günstigen Vertrag mit den Juden vom Jahre 1535 vergl. das Aktenstück, mitgeteilt von Kaufmann, Usvus cl. Lt. j. XX p. 39 f. Judenhaß in Neapel und Böhmen. 293 wenn auch scheinbar aussichtslosen Versuch, das sie bedrohende Elend abzuwenden. Es gelang ihm auch mittels einer bedeutenden Geld-, summe den Aufschub der Verbannung auf zehn Jahre zu erwirken, und noch dazu günstige Bedingungen für ihre geschäftlichen und religiösen Interessen während ihres Aufenthaltes zu erlangen. Unter anderem sollten sie nicht gezwungen werden, christliche Predigten anzuhören, Judenabzeichen zn tragen, Sabbat und Feiertage zu entweihen. Dieser Vertrag, welchen der Vizekönig Pedro de Toledo, der Gönner der Juden, mit Samuel Abrabanel und anderen angesehenen Juden im Namen des Kaisers abgeschlossen hatte (1535 bis 1536), wurde vom Kaiser kaum fünf Jahre später gebrochen. Er erließ einen unwiderruflichen Verbannungsbefehl. Vergeblich hatten die neapolitanischen Juden einen Abgeordneten an Karl geschickt, namens Saloino Rom, welcher einiges Gewicht bei ihm zu haben glaubte. Der Kaiser wollte ihn nicht anhören und bedrohte ihn mit seiner strengen Ungnade, wenn er es wagen sollte, ihn noch mit einem Bittgesuch zu belästigen. Jeder Jude wurde mit schweren Strafen bedroht, der sich in Neapel ferner blicken lassen würde (1540 bis 1541). Viele von ihnen wendeten sich nach der Türkei, einige nach Ancona unter päpstlichen Schutz oder nach Ferrara unter die Herrschaft des Herzogs Ercole II., welcher als Jndenfreund galt. Die zu Schiff ausgewandert waren, erlitten viel Ungemach, wurden teils gekapert und nach Marseille gebracht. Hier taten die daselbst lebenden Marranen viel für sie, und auch der König Heinrich II. zeigte sich menschenfreundlich. Da er sie nicht im Lande behalten durfte, so beförderte er sie auf seinen Schiffen nach der Türkei. Auch Samuel Abrabanel verließ Neapel, obwohl es ihm freigestellt war, ausnahmsweise dort zu bleiben; er wollte sich aber von dem Geschicke seiner unglücklichen Religionsgenossen nicht trennen?) Er ließ sich in Ferrara nieder, wo bereits einige seiner Verwandten wohnten, und lebte etwa noch ein Jahrzehnt daselbst. Seine edle Frau, hochgeehrt von Leonora, der Tochter des Vizekönigs von Neapel, inzwischen Herzogin von Toskana geworden, überlebte ihn?) Ein Jahr darauf empfanden die Juden Böhmens den, so zu sagen, gemilderten, anständigen Judenhaß. Es waren in den Städten, namentlich in Prag, öfters Feuersbrünste entstanden. Juden wurden neben Hirten als Urheber beschuldigt, daß sie Mordbrenner zu dieser verruchten Tat gedungen hätten; bestimmte Personen unter ihnen waren als solche bezeichnet worden. Diese, ergriffen, angeklagt und gefoltert, hatten Geständnisse gemacht und den Tod erlitten. Außer-, dem wurden die Juden beschuldigt, die heimlichen Kriegsrüstungen h Lg-musl Ilsaus das. ") Sie starb 1552. 294 Geschichte der Juden. gegen die Türken dem Sultan verraten zu haben. Die böhmischen Stände faßten daher den Beschluß, sämtliche Juden Böhmens auszuweisen, und der König Ferdinand, Karls V. Bruder, erteilte seine Bestätigung dazu. So mußten sie mit ihren Habseligkeiten den Wanderstab ergreifen (Adar 1542); von der zahlreichen Judenschaft Prags erhielten nur zehn Personen oder Familien die Erlaubnis, daselbst zu weilen. Viele von ihnen wanderten nach Polen und der Türkei, den beiden tolerantesten Ländern der damaligen Zeit. Indessen stellte sich noch im Laufe desselben Jahres die Unschuld der Hingerichteten und folglich der ausgewiesenen Juden heraus. Einige Große verwendeten sich daher für die Zurnckberufung derselben; sie waren doch unentbehrlicher, als der Brotneid, kirchliche Fanatismus und Rassenhaß glauben machen wollten. Auch der unermüdliche Joselin, welcher bei dem König von Böhmen ebenfalls in Gunst stand, von den Ausgewiesenei: dringend berufen, verwandte sich für die Rückkehr, obwohl er einige Jahre vorher, nach Prag geladen, um heftige Streitigkeiten in dieser Gemeinde zu schlichten/) von einem Teil boshaft verfolgt worden war. Und so durften diejenigen, welche sich in der Nähe der böhmischen Grenze niedergelassen hatten, wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sie mußten aber für diese Gnade ein jährliches Schutzgeld von 300 Schock Groschen erlegen und wurden gehalten, einen gelben Tuchlappen als Unterscheidungszeichen zu tragen?) In derselben Zeit hetzten zwei hochstehende einflußreiche Persönlichkeiten, die eine auf katholischer und die andere auf protestantischer Seite so gewaltig gegen die Juden, daß es als ein Wunder zu betrachten ist, daß sie damals nicht bis auf den letzten Mann vertilgt worden sind. Die Veranlassung der einen Aufreizung war folgende. In: Bayerland, in: Herzogtum Neuburg, war um die Osterzeit ein vierjähriger Bauernknabe aus Zappenfeld vermißt worden, und der Argwohn vermutete ihn bei den Juden. Nach Ostern war der Knabe von einen: Hunde entdeckt worden, und der Judenhaß glaubte Zeichen der Marterung an seinem Leibe zu finden. Ter Bischof von Eichstätt hatte daraus einige Juden ergreifen und nach seiner Residenz schleppen lassen, um ihnen den Prozeß zu machen, und außerdem an alle benachbarten Fürsten das Ansuchen gestellt, auch ihre Juden gefänglich ') Joselins Tagebuch Nr. 2a. 2) Quellens von Herr mann, Geschichte der Israeliten in Böhmen S. 41 nach Urkunden: Joseph Kvhen a. a. O. p. IV3. Beide haben das Datum 1542 für die Ausweisung. Gans dagegen im 2kmaeb Vaviä I setzt 1541; Usgns das. Nr. 35 ein falsches Jahr 1546 und eine andere Motivierung, nämlich eine Beschuldigung des Kindesmordes. Auch Joselin fixiert das Jahr 1542 und deutet an, daß einige Juden hingerichtct worden wären (Nr. 25 .... nenn» orrn pin n-w ."w owb- ll'orv xa-m ovp.n P1>1 rnvv WL-1V7I o'vow Das Judenbüchlein. 295 einzuziehen. Tie Untersuchung hatte aber die Schuld der Juden nicht ergeben. Bei dieser Gelegenheit hatten sich, wiederum durch eifrige Verwendung Joselins, der Herzog Otto Heinrich von N e u b u r g - S u l z b a ch und die Herren von Pappenheim der Juden eifrig angenommen und dem Bischof von Eichstätt entgegengearbeitet. Dieser hatte dagegen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, die Juden wenigstens ausweisen zu lassen. Ein Dichterling, Thier mayer von Eberts Hafen, hatte darauf eine Schmähschrift in deutschen Versen gegen den Herzog Otto Heinrich, als Judengönner, verfaßt, dem viel daran gelegen war, aller Welt die Unschuld der Juden klar zu machen. Wahrscheinlich auf seine Veranlassung hatte ein mutiger Schriftsteller freimütig die Juden gegen das Vorurteil der Christen in einer Schrift in Schutz genommen. Diese Schrift, „ein Judenbüchlein" — dessen Verfasser ein lutherischer Geistlicher (vielleicht H o s i a n d e r) war — hat zum erstenmal die ganze Lügenhaftigkeit und Bosheit der Beschuldigung des Christenkindermordes in Helles Licht gesetzt. Mit lauter Stimme rief der Verfasser — der viel mit Juden verkehrt und ihre Sprache, Gesetze und Sitten gründlich kennen gelernt haben wollte, daß den Juden mit den ewigen Anschuldigungen des Kindermords himmelschreiendes Unrecht geschähe. Ter Reichtum und der reine Glaube der Juden seien die Veranlassung dazu. Einerseits pflegten habsüchtige und grausame Fürsten oder verarmte Edelleute oder den Juden verschuldete Bürger solche Märchen zu erfinden, um deu Juden zu Leibe gehen zu können, und anderseits erfänden und verbreiteten Mönche oder Weltgeistliche solche Fabeln, um neue Heilige zu machen und neue Wallfahrtsorte zu stiften. In dem langen Zeitraum, seit der Zerstreuung der Juden unter den Christen, bis vor dreihundert Jahren habe man nichts davon gehört, daß sie Christenkinder geschlachtet hätten. Erst seit dieser Zeit, seitdem Mönche und Pfaffen viel Betrug mit Wallfahrten und Wunderkuren angerichtet, seien diese Märchen aufgekommen. Tenn die Pfaffen hätten niemanden mehr gefürchtet als die Juden, weil diese nichts auf Menschenerfindung gäben, und weil sie die Schrift besser als die Pfaffen verstünden, hätten sie die Juden aufs ärgste verfolgt, verunglimpft und verhaßt gemacht. Sie hätten ihnen sogar die heiligen Bücher verbrennen ') Diese Schrift ist wohl uulergcgangeu und nur auszugsweise bekannt durch Ecks „Juden büch leins Verlegung, darin ein Christ ganzer Christenheit zu Schmach will, es geschehe den Juden Unrecht in Beziehung des Christen- Kinder-Mords," vollendet Sept. >54>. Gedruckt Ingolstadt im selb. Jahre. Bl. O 4 deutet Eck an, daß der Vers, der Apologie für die Juden „der lutherische Prädikant Hosiander sei." Über deu Vorfall, der den Schriften zu Grunde liegt, f. Aretin, Geschichte der Inden in Bayern S. 44 ff. 296 Geschichte der Juden. wollen. Es sei daher gerechtfertigt, onzunehmen, daß die Pfaffen auch den Mord des Kindes im Neubnrgschen erdichtet hätten?) Der Verfasser weist ferner darauf hin, daß die Christen bis ins dritte Jahrhundert bei den Heiden als Kinderinörder und Blutzapfer verrufen waren.2) Die Geständnisse von Juden selbst, auf die man sich zur Begründung der Anklage berufe, seien unter der Folter gemacht worden und könnten nicht als Beweise angeführt werden?) Die fanatischen katholischen Geistlichen, und namentlich der Bischof von Eichstätt, sahen diese Wendung mit Unwillen an, daß die Juden, statt verabscheut und verfolgt zu werden, in dieser Schrift verherrlicht wurden, und sie beeilten sich, den Eindruck zu verwischein Doktor Johann Eck berüchtigten Andenkens aus der Reformationsgeschichte, ein Schützling des Bischofs voll Eichstätt, erhielt den Auftrag, eine Gegenschrift zu verfassen, die Blutbeschuldigung zu beweisen und die Juden zu verunglimpfen. Dieser juristische Theologe mit der Breit- schnltrigkeit eines Metzgerknechtes, der Stimme eines Aufrührers und der Disputiersucht eines Sophisten, der durch seine Eitelkeit, seine Stellenjägerei und Trunksucht die katholische Kirche, die er gegen die Lutheraner verteidigen wollte, erst recht in Mißkredit gebracht hatte, in Deutschland zuletzt bei Katholiken und Protestanten zugleich gehaßt und verachtet, dieser gewissenlose Streithahn übernahm gern den Auftrag, den Juden Fußtritte zu versetzen. Wo es galt, Skandal zu machen, zu denunzieren, das Volk aufzuwiegeln, alte Vorurteile und Jrrtümer mit sophistischer Zungendrescherei zu verteidigen, ließ sich Eck gern bereit finden. Er verfaßte (1541) eine judenfeindliche Gegenschrift gegen das „Judenbüchlein", worin er sich anheischig machte, zu beweisen „was Übles und Büberei die Juden in allen deutschen Landen und anderen Königreichen gestiftet haben." Alte Beschuldigungen von getauften Juden, von Paulus de Burgos an bis auf h Eck, Judenbüchleins Verlegung, Bl. dl 4. °) Das. Bl. 1 führt Eck die Erklärung des judenfreundlichen Vcrf. von dem Ursprung der Beschuldigung des Blutgebranchcs an. Er stamme aus dem Mißverständnis eines hcbr. Wortes. Das Wort vwi (Blut) bedeute im Talmud und im Sprachgebrauch der Juden auch Geld (wie im Lat. sau«uis). Wenn nun ein Jude von awi Geld gesprochen, so habe ein Christ darunter Blut verstanden und darum die Juden des Blutvergießens bezichtigt. Der Zeitgenosse Joselin hat dieses Faktum ebenfalls in sein Tagebuch eingetragen (Nr. 24) und dabei bemerkt, daß durch seinen Einfluß der Herzog von Ncubnrg und die Grafen von Pappenheim, sich der Inden angenommen hätten: bipsb w-ixim vw'nb 1 NW >".-N^L, 'p llp vr Lwnn llp NW'! nHiprz. Das Wort PW 2 W 2 ist zu lesen p-!iai"r. Ausfallend ist es, daß sich einige unsaubere Juden aus Heidelberg von Frankreich gebrauchen ließen, diesen ihren Verteidiger um die Sukzession in der Pfalz vermittelst einer Intrige zu bringen. Vergl. I. Landsberger in Fr.-Graetz Monatsschr. 1883, 379. b) Siehe Band VIII, S. 67, 95, 259 f., 341. Ecks unh Luthers Jndeufeindlichkeit. 297 Pfefferkorn wärmte er wieder auf; was irgend ein altes Weib von dem Blutdurst der Juden ausgesagt, oder was Juden unter der Folter bekannt hatten, namentlich die erlogene Geschichte von dem Kind Simon aus Trient stoppelte er zusammen und fugte angeblich seine eigenen Erlebnisse hinzu. Eck war unverschämt genug, aus dem alten Testamente selbst den blutdürstigen Charakter der Juden zu beweisen. Nicht bloß, die Erzählung, daß Simon und Levi Rache au den Sichemiten genommen, die Brüder Joseph verkauft, sondern auch daß Mose die Kanaaniter zu vertilgen befohlen und David Uria hatte töten lassen, legte er den Juden seiner Zeit zur Last?) Um ihnen Schaden zuzufügen, verunglimpfte er auch die von der Kirche gefeierten Helden des alten Testamentes. Mit seiner Zungendrescherei und seiner falschen Gelehrsamkeit behauptete er steif und fest, daß die Juden Christenkinder verstümmelten und deren Blut gebrauchten, um damit ihre Priester zu weihen, die Geburt ihrer Weiber zu fördern, Krankheiten zu heilen, und daß sie Hostien schändeten, die natürlich Wunder getan hätten. Mit Entrüstung rief er aus: „Es ist ein großer Mangel bei uns Christen, daß wir die Juden zu frei halten, ihnen viel Schutz und Sicherheit gewähren, "ch Er äußerte den frommen Wunsch, daß sämtliche kanonischen Beschränkungen gegen sie aufs strengste gehandhabt, und daß sie namentlich zum Auhören christlicher Predigten und zum Abstellen von Geldgeschäften gezwungen werden sollten. Recht lehrreich ist es, daß Luther, der Vorkämpfer gegen veraltete Vorurteile, der Stifter eines neuen Bekenntnisses, mit seinem Todfeinde, dem Doktor Eck, welcher ähnliche Verlogenheit mit derselben Unverschämtheit gegen ihn vorgebracht hatte, in Betreff der Juden vollständig ttbereinstimmte. Die beiden leidenschaftlichen Gegner waren im Judenhasse ein Herz und eine Seele. Luther war im zunehmenden Alter verbittert worden. Durch seinen Eigensinn und seine Rechthaberei hatte er im eignen Kreise vieles verdorben, die Eintracht mit den Gesinnungsgenossen gestört und eine dauernde Spaltung im eigenen Lager geschaffen, welche der Reformation mehrere Jahrhunderte hindurch zum größten Schaden gereichte. Seine derbe Natur hatte immer mehr das Übergewicht über seine sanfte Religiosität und Demut erlangt. Sein schwacher Kopf konnte die durch sein Werk selbst aufgehäuften schroffen Gegensätze nicht bewältigen, und was er mit seinem Verstände nicht ausgleichen konnte, sollte mit derber Faust niedergeschlagen werden. Er konnte nicht ins Reine damit kommen, wie er die evangelische Freiheit mit der Despotengewalt der damaligen großen und kleinen Fürsten — die er als von Gott eingesetzte Obrigkeit h Eck a. a. Bl. 0 1; U 2. h Das. Bl. 6 2 b. 298 Geschichte der Juden. mit sklavischem Gehorsam geachtet wissen wollte — in Einklang bringen sollte, und hatte daher die Junker ermutigt, die zu ihrer Befreiung von ihrem tausendfachen Trucke aufgestandenen Bauern „zu stechen, zu schlagen, zu würgen, wer da kann." In den Evangelien und Grundschriften des Christentums konnte er sich nicht zurecht finden, j Ter Gegensatz zwischen den gesetzverachtenden Paulinischen Elementen'und den das Gesetz hcchstellenden judenchristlichen Bestandteilen in denselben blieb ihn: ein Rätsel. Daher tappte er im Dunkeln umher. Das eine Mal erklärte Luther das Gesetz des alten Testaments für vollständig aufgehoben, auch die zehn Gebote: „Tu solst nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht morden", das andere Mal gestattete er dem Landgrafen von Hessen zwei Frauen nach alttestamentlichem Muster zu heiraten — aber im Geheimen. Er konnte vollends das Judentum mit seinen nicht den Glauben, sondern die Versittlichung und Veredelung der Menschen erzielenden Gesetzen gar nicht begreifen, und er geriet in förmliche Wut, wenn sich seine Genossen (Karlstadt, Münzer) darauf beriefen, z. B. auf das Jubeljahr zur Befreiung der Sklaven und Leibeignen. Nun war ihm eine Schrift zugekommen, worin das Judentum gegen das Christentum in einem Dialoge in den Kampf geführt wurde (o. S. 295) wahrscheinlich von einein christlichen Verfasser. Das war zuviel für ihn. Das Judentum sollte sich erdreisten, sich mit den: Christentum messen zu wollen! Flugs giug Luther ans Schreiben, um eine so leidenschaftlich giftige Schrift: „v o n d e n I u d e n u n d i h r e n L ü g e n" (1542) i) zu verfassen, daß sie Pfefferkorns und Tcktor Ecks Gehässigkeiten noch übertraf. Tie Tatsachen zur Beschuldigung der Juden entnahm er nicht aus dein Leben, sondern aus der Darstellung des boshaften Täuflings Anton Margaritha, von dessen Schrift er vollständig beeinflußt war. Luther bemerkte im Eingänge, er habe sich zwar vorgenommen, nichts mehr, weder von den Juden, noch Wider sie zu schreiben, aber weil er erfahren, daß „die elenden heillosen Leute" sich unterfingen, Christen an sich zu locken, wollte er warnen, sich nicht von ihnen narren zu lassen. Disputieren mit den Juden wolle er gar nicht, denn sie seien unverbesserlich. — Luthers Hauptbeweisführung für die Wahrheit des Christentums gegen die Leugnung von Jesu Messianität seitens der Juden ist ganz im mönchischen Geschmack gehalten: Weil die Christen ihnen über ein Jahrtausend alle Menschenrechte geraubt, sie wie schädliche Tiere behandelt, sie getreten, zerfleischt und niedergemetzelt haben, mit einem Worte, weil sie durch die Lieblosigkeit der Christen im Elende sind, darum müssen sie verworfen, und der Heiland der Welt müsse erschienen sein! Es ist nrch immer die mittel- *) Zuerst erschienen Wittenberg t543. Luthers Buch „Von den Juden und ihren Lügen." 299 elterliche Logik. Wenn er den Stolz der Juden auf ihre Abstammung, auf ihr hohes Alter, auf ihre Auserkorenheit und ihre Treue zunichte machte, so kann man das seinem theologischen Standpunkt, und wenn er sie verstockt und verdammt, Lügner und Bluthunde, giftige Ottern, rachgierige, hämische Schlangen nannte, weil sie die christologische Deutelei der heiligen Schrift nicht anerkennen wollten, so kann man das seiner Derbheit zugute halten, sowie auch, daß er sie als Teufelskinder bezeichnete, da er an allen Orten nur Teufelei erblickte mit Ausnahme seines sehr winzigen engern Kreises von Nachbetern. Es tiberschreitet aber das Maß aller Nachsicht mit der Eigenart einer ausgeprägten Persönlichkeit, wenn Luther sich in Lieblosigkeit gegen die Juden erging, wie man sie nur von Judenbrenzern gewöhnt war: „Was klagen die Juden über harte Gefangenschaft bei uns", heißt es bei ihm, „wir Christen sind beinah 300 Jahr lang von ihnen gemartert und verfolgt, daß wir Wohl klagen möchten, sie hätten uns Christen gefangen und getötet. Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie hier in unser Land gebracht hat" (als wenn Juden nicht vor den Germanen in einigen jetzt zu Deutschland zählenden Landstrichen gewohnt hätten). „Wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt; zudem hält sie auch niemand, Land und Straßen stehen ihnen jetzt offen, mögen sie ziehen in ihr Land, wir wollen gern Geschenke dazu geben, wenn wir sie los werden; denn sie sind uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück". Wie Pfefferkorn und Eck teilte Luther mit Schadenfreude mit wie die Juden öfter mit Gewalt vertrieben worden „aus Frankreich und neulich vom lieben Kaiser Karl aus Spanien (verworrene Geschichtskenntnis), dieses Jahr aus der ganzen böhmischen Krone, da sie doch zu Prag der besten Nester eins hatten, auch aus Regensburg, Magdeburg und mehreren Orten bei meinen Lebzeiten"?) Ohne Blick für die Duldergröße der Juden in der allerfeindseligsten Umgebung und unbelehrt von der Geschichte, wiederholte Luther nur die lügenhaften Anschuldigungen des Franziskaners Nikolaus de Lyra, des aus Ehrgeiz übergetretenen Rabbiner-Bischofs Salomon Paulus von Burgos und des vom Judentum zur katholischen Kirche und von dieser zuin Protestantismus übergetretenen Margaritha?) Dieser Erzjudenfeinden schrieb er nach, daß der Talmud und die Rabbiner lehrten, Gojim, d. h. Heiden und Christen zu töten, ihnen den Eid zu U Luther, von den Inden Bl. I) 4 b fg. ") Luther schrieb Margaritha die Anschuldigung nach (das. Bl. Ob), daß die Juden Christen mit ,,8ebeä Willkommen" begrüßen. Ebenso Luthers Tischreden II, Nr. 2927, Ausgabe der Luiherschcu Schriften von Jrmischer. Nicht Pfefferkorn hat er benutzt, wie ich in den früheren Ausgaben geschrieben. 300 Geschichte der Juden. brechen, zu stehlen und zu rauben, sei nicht Sünde/) und daß die Juden an nichts anderes dächten, als die christliche Kirche zu schwächen. Es ist gauz unbegreiflich von Luther, der in seinem ersten reformatorischen Aufslammen sich so kräftig der Juden angenommen hatte, daß er all die lügenhaften Märchen von Brunnenvergiftung, Christenkindermord und Benutzung von Menschenblut wiederholen konnte?) Übereinstimmend mit seinem Antipoden Eck behauptete auch er, die Juden hätten es zu gut iu Deutschland, und daher stamme ihr Übermut. Was soll nun diesem verworfenen, verdammten Volke, das gar nicht mehr zu dulden sei, geschehen, fragte Luther, und er erteilte auch eine Antwort darauf, die von Fanatismus wie von Lieblosigkeit zeugt. Fürs erste, riet der Reformator von Wittenberg, sollte man die Synagoge der Juden einäschern und „solches soll man tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren." Dann sollten die Christen ihre Häuser zerstören und sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall wie die Zigeuner treiben. Alle Gebetbücher und Talmudexemplare, ja selbst die heilige Schrift alten Testamentes sollte man ihnen mit Gewalt nehmen (gerade wie es Luthers Gegner, die Dominikaner geraten hatten), und selbst das Beten und Aussprechen des göttlichen Namens fei ihnen bei Verlust des Leibes und Lebens verboten. Ihren Rabbinen sollte das Lehren untersagt werden. Die Obrigkeit sollte den Juden überhaupt das Reisen verbieten und die Straßen verlegen, sie müßten zu Hause bleiben. Der Wucher sollte ihnen nicht bloß untersagt, sondern alle ihre Barschaft sollte ihnen abgenommen werden. Luther riet, damit einen Schatz anzulegen und davon diejenigen Juden zu unterstützen, welche sich zum Christentum bekehrten. Die starken Juden und Jüdinnen sollte die Obrigkeit zun: Frohndienste zwingen, sie streng anhalten, Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel zu handhaben, damit sie ihr Brot im Schweiß ihres Angesichts verdienten und nicht in Faulenzerei, iu Festen und Pomp verzehrten?) Die Christen sollten keine schwache Barmherzigkeit für die Juden habend) Dem Kaiser und den Fürsten redete Luther zu Herzen, sie sollten die Juden ohne weiteres aus dem Lande jagen, sie in ihr Vaterland zurücktreiben?) In der Voraussetzung aber, daß die Fürsten nicht eine solche Torheit begehen sollten, ermahnte er die Pfarrer und Volkslehrer, ihre Gemeinden mit giftigem Hasse gegen die Juden zu er- >) Luther, von den Juden, Bl. V. 2) Das. Bl. (l. 2 b. In den Tischreden (II, Nr. 2910) stellte er die unwahre Behauptung auf: „Die Juden, so sich für Arzte ausgebcn, bringen die Christen, welche die Arznei brauchen, um Leib und Gut. Und wir tolle Narren haben noch Zuflucht zu unseren Feinden . . in Gefahr unsers Lebens." °) Das. Bl. L 2 fg. ll. fg. 0 Das. Bl. L 3. ») Das. Bl. 3 unten. Luthers Predigt gegen die Juden. 301 füllen?) Wenn er Gewalt über die Juden hätte, bemerkte er, würde er ihre Gelehrten und Besten versammeln und ihnen mit der Androhung, „ihre Zungen hinten am Halse herauszuschneiden, den Beweis auflegen, daß das Christentum nicht einen einzigen Gott, sondern drei Götter lehre"?) Luther hetzte geradezu die Raubritter gegen die Juden. Er habe gehört, daß ein reicher Jude mit zwölf Pferden durch Deutschland reise, nämlich der reiche Michel so. S. 291). Wenn nun die Fürsten ihm und seinen Glaubensgenossen nicht die Straße verlegen wollten, so möge sich Reiterei wider sie sammeln, weil die Christen aus seinen: Büchlein erfahren würden, wie verworfen das jüdische Volk sei?) Noch kurz vor seinen: Ende ermahnte er seine Zuhörer in einer Predigt, die Inden zu vertreiben: „Über das andere habt ihr auch noch die Juden in: Lande, die großen Schaden tun . . Wiewohl ich Sorge trage, das jüdische Blut sei nunmehr wässerig und wild geworden, sollt ihnen ernstlich anbieten, daß — sie sich täufen lassen — wo nicht, so wollen wir sie nicht leiden. Nun ist mit den Juden also getan, daß sie unfern Hern: nur täglich lästern: und schänden — drum sollt ihr sie nicht leiden, sondern sie wegtreiben. — Wenn sie uns könnte:: alle töten, so täten sie es gerne und tun es auch oft, sonderlich die sich für Ärzte ausgeben ^) — so können sie auch die Arznei, die man in Deutschland kann, da man einen: Gift beibringt, davon er in einer Stunde — ja in zehn oder zwanzig Jahren sterben muß, die Kunst können sie. — Das habe ich als ein Landkind euch nur sagen wollen zum letzten — wollen sich die Inden nicht bekehren, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden, noch leiden"?) So hatten denn die Juden an den: Reformator und Regenerator Deutschlands einen fast noch schlimmeren Feind als an Pfefferkorn, Margaritha, Hochstraten und Eck, jedenfalls einen schlimmeren, als an den Päpsten bis zur Mitte des Jahrhunderts. Auf die Worte jener Wichte, die als sophistisch und verlogen bekannt waren, hörten wenige, während Luthers lieblose Aussprüche gegen sie von den Christen neuen Bekenntnisses wie Orakel beachtet und später nur allzu genau befolgt wurden. Wie der Kirchenvater Hieronymus die katholische Welt mit seinen: unverhüllt ausgesprochenen Judenhasse angesteckt hat, so vergiftete Luther mit seinen: judenfeindlichen Testamente die protestantische Welt auf lange Zeit hinaus. Ja, die protestantischen Kreise wurden fast noch gehässiger gegen die Juden, als die katholischen. Die h Luther, von den Juden, Bl. 1 fg. 2) Das. Bl. L. Ebenso Tischreden II, 2927. S) Das. Bl. lil 4 d. si Auch diese Beschuldigung hat er Margaritha nachgcbetet. °h Lutbers Predigten von 1546 in Jrmischers Ausgabe von Luthers sämtlichen Werken IV, Band 63, S. 187 fg. 302 Geschichte der Juden. Stimmführer des Katholizismus verlangten von ihnen lediglich Unterwerfung unter die kanonischen Gesetze, gestatteten ihnen aber unter dieser Bedingung den Aufenthalt in den katholischen Ländern. Luther aber verlangte ihre vollständige Ausweisung. Die Päpste ermahnten öfter, die Synagogen zu schonen; der Stifter der Reformation dagegen drang auf deren Entweihung und Zerstörung. Ihm war es Vorbehalten, die Juden ans eine Linie mit den Zigeunern zu stellen. Das kam daher, daß die Päpste auf der Höhe des Lebens standen und in der Weltstadt residierten, wo die Fäden von den Vorgängen der vier Erdteile zusammenliefen; daher hatten sie kein Auge für kleinliche Verhältnisse und ließen die Juden meistens wegen ihrer Winzigkeit unbeachtet. Luther dagegen, der in einer Krähwinkelstadt lebte und in ein enges Gehäuse eingesponnen war, lieh jedem Klatsch über die Juden ein geneigtes Ohr, beurteilte sie mit dem Maßstabe des Pfahlbürgertums und rechnete ihnen jeden Heller nach, den sie verdienten. Er trug also die Schuld daran, daß die protestantischen Fürsten sie quälten und ans ihren Gebieten verwiesen?) In den römisch-katholischen Staaten waren lediglich die Dominikaner ihre Todfeinde. Als wegen der gefundenen Leiche eines Christen die Juden zun: hundertsten Mal des Mordes angeklagt, ein Mann, drei Frauen und eine Jungfrau deswegen eingekerkert und gefoltert wurden, ohne sich schuldig zu bekennen, übergab zwar Kaiser Karl dem rastlosen Joselin ein Schreiben zum Schutze der Juden, worin er sie von der Blutbeschuldigung freisprach (1544)?) — Aber nach Karls Sieg über den König von Frankreich, stellten die auf dem Reichstag in Worms anwesenden Fürsten beim Kaiser den Antrag, die Juden aus allen deutschen Gauen zu versagen. Eine hochstehende Persönlichkeit — wahrscheinlich der Kardinal Alexander Farnese,^) Enkel des >) Joselins Tagebuch berichtet, daß Granvella dem Kaiser gegenüber die Bemerkung machte: cimll nciv r»ix .-,22 >nm (Nr. 28). 2 ) Joselin, Tagebnch Nr. 28. oz v'v' rnm mbxs w'MV.n ' 2 N 2 op nmrsa. Darauf bezieht sich gewiß das von Wols mitgeteilte kurze Aktenstück, daß der Kaiser von Speyer aus 3. April 1541 einen Erlaß erteilt hat, worin die Inden von der Beschuldigung freigesprochen wurden, daß sie Christenblut gebrauchten (Nasliir I p. 136). Privilegien im vollen Sinne können es übrigens nicht gewesen sein, denn in Nr. 28 berichtet Joselins Tagebuch, er habe außerordentliche Privilegien für die Inden vom Kaiser erlangt, welche ihm im Speyer zugesagt worden wären: vxxw vv-pn 'w'san i-:i innnb nv'rsz. 2) Joselin, Tagebuch Nr. 27. Es spricht viel dafür, daß der das. erwähnte c'11.1',-1 pnn.nb . . . o'llma.n) 2'sb "nr, SM op Kardinal Farnese war, welcher sich zu diesem Reichstag eingefunden hatte. Haß der Griechen gegen die Juden in der Türkei. 303 Papstes Panks III., welcher die Marranen in Portugal begünstigte — sprach so eindringlich zugunsten der Schonung der Juden, daß die meisten Fürsten ihr Vorhaben aufgaben. Nur einige protestantische Fürsten und Städte verjagten sie, Eßlingen, Landau und andere (1545). Bis in die Türkei hinein verfolgte sie der Judenhaß. Waren es nicht Dominikaner oder Protestanten, so waren es griechisch-katholische Christen. In den kleinasiatischen wie in den griechischen Städten wohnten Türken und Griechen untereinander. Die letzteren, welche ihren Übermut nicht aufgeben mochten, ihn aber an den herrschenden Türken nicht auslassen konnten, verfolgten die Juden mit ihrem stillen Hasse und benutzten jede Gelegenheit, ihnen Verfolgungen von seiten der Herrscher zuzuziehen. Eines Tages veranstalteten einige Böswillige unter ihnen in der Stadt A inasiain Kleinasien eine solche. Sie ließen einen armen Griechen, der mit Juden zu Verkehren pflegte, und von ihnen unterhalten worden war, verschwinden und klagten einige derselben an, ihn ermordet zu haben. Die türkischen Kadis zogen hierauf die Angeklagten ein, folterten sie und erpreßten ihnen das Geständnis des Mordes. Sie wurden gehängt, und ein angesehener jüdischer Arzt, Jakob Abi -- Ajub, wurde deswegen verbrannt (um 1545). Nach einigen Tagen erkannte ein Jude den ermordet geglaubten Griechen, entlockte ihm die Art seines Verschwindens und brachte ihn vor den Kadi. Dieser, mit Recht über die boshaften griechischen Ankläger erzürnt, ließ sie hinrichten. Auch in der Stadt Tokatin derselben Gegend, kam in derselben Zeit eine ähnliche Anschuldigung gegen Juden vor, und auch deren Lügenhaftigkeit kam au den Tag. Von diesen trüben Vorfällen nahm der jüdische Leibarzt des Sultans S u l ei m a n , M o s e H a m o n (o. S. 27), Gelegenheit, ein Dekret von demselben zu erwirken, daß eine Anklage gegen Juden in der Türkei, sie hätten einen Christen gemordet, dessen Blut in Osterkuchen getan, und ähnliche boshafte Anschuldigungen, nicht vor die gewöhnlichen Richter, sondern vor den Sultan selbst gebracht werden sollten?) In der Christenheit dagegen wiederholten sich erlogene Anklagen gegen sie immer und fanden Glauben beim Volke und auch bei vorurteilsvollen Richtern, und am meisten in Deutschland. Ausgedehnte und ernstgemeinte Privilegien, welche Kaiser Karl neuerdings (1545) 2 ) zu ihrem Schutze erteilte, lediglich durch Bittgesuche von Joselin erwirkt, nützten nicht viel. Die Juden wurden nichtsdestoweniger bald hier, bald da, im Elsaß, in Bayern, im Württembergischen ausgewiesen, mißhandelt, auf den Straßen ihrer Habseligkeiten beraubt >) Zeitgenössische Quellen: Joseph Jbu-Vcrga, Sebebet Isbnäa III. Joseph Kohen, Ümslr Im 2a,vlm 105. Der letztere gibt das Datum 1545. 2) Joselin Tagebuch, Nr. 28 u. isv Katalog Bodl. Neubauer Nr. 2240, 304 Geschichte der Juden. oder gar totgeschlagen?) Aus Roßheim selbst, Joselins Wohnort, dem er in Fährnissen wesentliche Dienste geleistet hatte, wurden in seiner Abwesenheit Sohn und Schwiegersohn mit ihren Familien hinausgejagt?) Grell beleuchtet wird die judenfeindliche Unduldsamkeit unter dem Kreuze und die freundliche Duldung unter dem Halbmonde durch einen Schriftwechsel zwischen hier und dort. Sobald der letzte Papst aus dem Humanistenkreise, der den Juden wohlwollende Paul III., die Augen geschlossen batte, kam infolge der Kirchenspaltung die strengkirchliche Partei der Jesuitei: und Theatiner ans Ruder, und diese wollte nichts von Duldung und Gewährenlassen wissen. Alle Organe des Papsttums drangen auf unerbittliche Durchführung der kanonischen Maßlosigkeit. Die Jude:: in dein kleinen Kirchenstaat Venaissin, innerhalb des französischen Gebietes, empfanden bald den Umschlag der Windrichtung. Bis dahin von den duldsamen Päpsten und besonders von Paul III. gewissermaßen gehegt, zeigten auch die päpstlichen Beamten ihnen Wohlwollen und Zuneigung?) Die Juden in den größeren Städten Avignon, Carpentras besaßen Reichtum, Güter aller Art und auch Äcker. Tie Bankinhaber hatten das Privilegium, einen hohen^ Zinsfuß zu nehmen, wodurch allerdings Schuldenmacher Gelegenheit hatten, sich zu ruinieren. Die Kurie bezog durch den Geschäftsumfang der Juden von Venaissin bedeutende Einnahmen. Zwei reiche Brüder in Carpentras, Samuel und Bondian Cres- cas standen in besonderem Ansehen bei den päpstlichen Behörden, waren vielleicht Finanzmeister und nahmen sich viel gegen Juden und Christen heraus?) Diese Begünstigung hörte mit der Inthronisation des Nachfolgers von Paul III. von der streng kirchlichen Observanz auf. Die kanonischen Vorschriften von der Ausschließung der Juden aus der Gesellschaft und von anderen Bedrückungen sollten rücksichtslos gehand- habt werden. Die Gemeinden sahen schlimmen Tagen entgegen und fürchteten massenhafte Ausweisung. Sie faßten daher eine freiwillige Auswanderung ins Auge und zwar nach der duldsamen Türkei, und beorderten zwei Sendboten nach Sälonichi, wo ihre ehemaligen Landsleute angesiedelt waren, um sichere Erkundigungen über die Lage der Juden in diesem Lande einzuziehen (1550). Die Gemeindevertreter von Sälonichi konnten den Sendboten beruhigende Auskunft geben, und entwarfen, wie Isaak Zarfati zwei- >) Revue cl. M II, 273, V 95 aus Aktenstücken. 2) Das. XIII, 252 f. °) Vergl. Lackoletl siüseoxt OarxeMraeeneis epietolas XII, 17; XIII, 3. ResW- Isaak de Lates x. 3. iw-oi-i ^nww) .imn a-nn.i '7 .a.l'ü ^ 7I^V>7I7.7 ",7 "N7N NI7^7^ ll'7I7j7 >17>' '»'La >171 ?I>7 Vertreibung der Juden aus Genua. 305 hundert Jahre vorher/) eine begeisterte Schilderung in Hellen Farben und mit verlockenden Aussichten von der Lage der Juden in der Türkei. Die Auswanderer würden dort nicht bloß Ruhe und Freiheit, sondern auch Wohlstand und Lebensbehaglichkeit finden, denn Volk und Regierung hegten nur Wohlwollen gegen die Juden, besonders gegen die aus der Christenheit ausgewanderten. Die Reichen würden Gelegenheit finden, ihr Gut zu vermehren, und die Armen durch Handwerke ihre Existenz zu sichern. Sie sollten nur nicht durch Selbsttäuschung mit der Auswanderung zögern, sonst würde es ihnen wie denen in Spanien und Portugal ergehen, in der letzten Stunde durch Drangsale aller Art gezwungen, zum Scheine das christliche Bekenntnis zu heucheln. Denn das Ende der Quälereien werde doch die Austreibung sein?) Sultan Suleiman brauchte nicht, wie Karl V., den Juden fort und fort Schutzbriefe zu erteilen. Sie fänden ausreichenden Schutz an dein duldsamen Geiste, der in der Türkei herrschte. Wie anders in der Christenheit! Tie Republik Genua hatte eine Zeitlang keinen Juden länger als drei Tage auf ihrem Gebiet geduldet. Indessen wurden nach und nach Flüchtlinge aus Spanien oder der Provence in dem Städtchen Novi bei Genna ausgenommen, verkehrten auch in der Hauptstadt und wurden daselbst stillschweigend geduldet. In der Parteistreitigkeit der Patrizierfamilien wurde die kleine Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen, von der einen verwiesen, von der andern wieder zugelassen?) Es waren meistens gewerbtätige, intelligente Juden, Kapitalisten, Ärzte. Aber auch hier wühlten die Dominikaner gegen sie und stachelten in ihren Predigten namentlich den Brotneid der christlichen Ärzte gegen sie auf. Gegen den Willen des Dogen Doria wurden infolgedessen die Juden aus Genua Vertrieben (April 1550), und unter Trompetenklang wurde verkündet, daß kein Jude künftig daselbst geduldet werden ') Band VIII3, S. 211. 2) Das interessante Antwortschreiben der Salonicher Gemeinde an die der Provence hat Isidor Loeb aus einer Handschrift mitgeteilt Levns cl. Lt. XV, 27ü f. Es hat die Überschrift: m-b) nem mbr-im mb) nmn . . . pwn 'mbv und ist datiert: nmr? '"v mv bibn n"i . . . riLrins (mb'b) l.). Mr. Loeb findet es auffallend, daß die Juden der Provence sich damals nach einem Asyl umgesehen haben sollten, da sie doch ein halbes Jahrhundert vorher ausgewiesen waren. Er vermutet daher, daß das Ausweisungsedikt von Ludwig XII. nicbt streng durchgesnhrt worden sei, oder daß später wieder Juden ausgenommen worden wären. Er gibt aber selbst zu, daß sich kein Beleg für diese Annahme findet. Die Korrespondenz kann daher nur von den Gemeinden in Venaissin, Avignon und Carpentras ausgegangen sein, welche unter dem strengen Kircben- regiinent Quälereien erduldet und eine Ausweisung befürchtet haben. Sie sind doch in der Tat 1569—70 ausgewiesen worden. Vergl. w. u. °) Joseph Kohen, das. p. 93—94, 96, 108. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 20 306 Geschichte der Juden. sollte?) Diese Austreibung aus Genua hat nur insofern einige Bedeutung, als ein gewandter jüdischer Geschichtsschreiber davon betroffen wurde, dessen Lebensschicksale im kleinen den Schmerzensgang des jüdischen Stammes im großen abspiegeln. Der Ans- und Niedergang im Völkerleben, sowie die Wechselfälle im- Leben des jüdischen Volkes brachten nämlich seit der grausigen Vertreibung der Juden ans Spanien und Portugal und der unmenschlichen Verfolgung der Marranen einigen scharfbeobachtenden Juden die Überzeugung bei, daß nicht der Zufall in der Geschichte walte, sondern daß sie eine höhere Hand leite und durch Blut vnd Tränenströme ihren Ratschluß zu Ende führe. Kein Jahrhundert seit den Kreuzzügen war reicher an wechselvollen, fast dramatischen Begebenheiten als das sechzehnte, in welchen: nicht bloß neue Länderent- deckungen auftanchten, sondern sich auch ein neuer Geist unter den Menschen regte, der nach neuen Schöpfungen rang, aber von dem Bleigewicht des Alten und Bestehenden stets niedergehalten wurde. Diese Fülle der Tatsachen führte einige gedankenreiche Juden, größtenteils von sefardischer Abkunft, zu der Reife des Urteils, in der wilden, scheinbar launenhaften und unregelmäßigen Strömung der allgemeinen und jüdischen Geschichte ein Werk der Vorsehung zu erblicken. Sie betrachteten die Geschichtserzählung als Trösterin desjenigen Teils der Menschheit, welcher von dem wilden Ritte der heranstürmenden Begebenheiten umgeworfen, überritten und zerfleischt worden ist. Und welcher Volksstamm bedurfte mehr des Trostes, als der jüdische, das Mürtyrervolk, das zun: Leiden geboren schien und sein Brot stets mit Tränen aß? Fast zu gleicher Zeit faßten drei geistesgeweckte Juden die Aufgabe ins Auge, sich in der Geschichte umzusehen und der jüdischen Lesewelt ihre ehernen Tafeln vorzuhalten. Es waren der Arzt Joseph Kohen, der Talmndist Joseph Ibn - Verga und der Dichter Samuel U s q u e. Alle drei gingen dabei von einem und demselben Grundgedanken aus. Der Geist der Propheten, welcher in der Betrachtung der Geschichtsbegebenheiten das geeignetste Mittel zur Belehrung und Erhebung erblickte, war über sie gekommen, und sie haben dadurch bekundet, daß die Juden auch in ihrer Niedrigkeit nicht dem Gesindel der Zigeuner glichen, das weder eine Geschichte hat, noch kennt, ja, daß sie in mancher Beziehung höher ständen, als diejenigen, die Zepter und Schwert, Rad und Kolben zur Knechtung der Menschheit gehandhabt haben. Der bedeutendste unter diesen als Geschichtsschreiber war Joseph ben Josua Kohen (geb. in Avignon 1496, gest. 1575)?) Seine >) Joseph Kohen, das. 108, auch in seiner Chronik x. 135. Die Daten sind in seinen beiden historischen Werken: türkische und französische (richtiger weltgeschichtliche) Chronik no-w 0 - 2 -,n Joseph Kohen. 307 Ahnen stammten aus Spanien. Bei der großen Austreibung war sein Vater Josua aus Huete nach Avignon ausgewandert und von da nach Novi im Genuesischen übergesiedelt, hatte auch einige Zeit in Genua geweilt und war auch von da vertrieben worden. Joseph Kohen hatte die Arzneikunde studiert, sie praktisch ausgeübt und theoretisch betrieben. Er scheint Leibarzt des Dogen Andreas Doria gewesen zu sein. Für seine Glaubensgenossen schlug sein Herz warm, und er ließ es nicht an Eifer fehlen, das Los der Unglücklichen unter ihnen zu erleichtern. Er gab sich einst Mühe, einen Vater und dessen Sohn, welche von dein herzlosen Gianettino Doria, Neffen und designiertem Nachfolger des Dogen, eingekerkert worden waren, zu befreien. Aber nur die Befreiung des Vaters gelang Joseph Kohen; der Sohn entkam erst in jener stürmischen Nacht, als Fieschi die Verschwörung ausführte?) In den Seekriegeil des Dogen Doria gegen Griechenland und die griechischen Inseln, sowie des Kaisers Karl gegen Tunis, wurden jüdische Gefangene wie Galeerensklaven behandelt oder mißhandelt. Da verwendete sich Joseph Kohen mit warmem Eifer, um Lösegeld für die Unglücklichen von jüdischeil Gemeinden zu sammeln?) Bei der Ausweisung aus Genua (1550) baten ihn die Bewohner der kleinen Stadt Voltaggio, sich bei ihnen als Arzt uiederzulassen, worauf er auch einging, und achtzehn Jahr dort zubrachte. Mehr als die Arzneikunde zog ihn jedoch die Geschichte an, und er sah sich nach Chroniken um, um eine Art Weltgeschichte in Form voll Jahrbüchern zu schreiben. Er begann mit der Zeit vom Untergang des römischen Reichs und der neuen Staatenbildung und stellte den weltgeschichtlichen Verlauf als einen Kampf zwischen Asien und Europa, zwischen dem Halb- und Martyrologium PVP angegeben. Das erste vollendet November 1553, ein Jahr später in Venedig ediert; einzelne Partien daraus deutsch und französisch übersetzt und das Ganze englisch von Bialloblotzki 1835—36. Das zweite zweimal umgearbeitct oder vielmehr durch Additamente vermehrt, erste Rezension 1557—58, zweite 1563 und letzte 1575 kurz vor seinem Tode. Es wurde ediert von S. D. Luzzatto und M. Lctteris Wien 1852, deutsche Übersetzung von Wiener 1858, französische von Julien See 1881. — Scaligers Tadel gegen I. Kohen wegen dessen Ungenanigkeit, daß er in seiner Chronik nicht einmal die Vertreibung der Inden aus Spanien erzählte, ist ungerecht. Er hatte bei Abfassung derselben schon in petto, dieses Martyrologium zu schreiben, darum hat er die Schicksale der Inden in der Chronik nur gelegentlich berührt. — Er hat auch ein medizinisches Werk von Joseph Algnades (ssoreta meäieiuae) aus dem Spanischen ins Hebräische übersetzt, und eben so ein geographisches Werk über die Entdeckung Amerikas aus dem Spanischen: Is, Iilstoria Asueral cls Io» änäios . . . gus eoutisus la couguista, äs LIsxico, welches 1552 erschienen. Vergl. darüber, so wie überhaupt interessantes Detail zu I. Kohens Biographie Isidor Loeb, Rsvus ä. M. X VI 28 f. 0 Chronik p. I29fg h Vgl. Loeb a. a. O. p. 46 f. 20 * 308 Geschichte der Juden. monde und dem Kreuze, zwischen dem Islam und dem Christentums dar; jenes wird repräsentiert durch das mächtige türkische Reich, dieses durch Frankreich, das den ersten christlichen Gesamtmonarchen, Karl den Großen, aufgestellt hatte. An diese zwei großen Völkergruppen knüpfte Joseph Kohen die europäische Geschichte an. In die „Jahrbücher der Könige von Frankreich und des otto- manischen Hause s" (wie der Titel seines Geschichtswerkes lautet), zog Joseph Kohen alle Begebenheiten und Kriege in der Christenheit und der islamitischen Welt hinein. Er selbst sympathisierte mit der französischen Partei in Italien, und darum stellte er Frankreich, nicht das deutsch-spanische Kaiserhaus an die Spitze der Christenheit. Joseph Kohen verstand es allerdings nicht, den Geschichtsstoff künstlerisch zu gruppieren und ihn in einen einheitlichen Rahmen zu fassen. Die Zeitfolge ist das Band, welches die zusammenhanglos nebeneinander gestellten Ereignisse und Tatsachen zusammenhält. Aber was ihm an Gestaltungskunst abging, das ersetzten seine Wahrheitsliebe und seine ungemeine Genauigkeit. Freilich, soweit er sich in der älteren Geschichte der Führung seiner oft schlechten Quellen überlassen mußte, beging er Mißgriffe; aber in der Geschichte seiner eigenen Zeit, die er entweder selbst erlebt oder gewissenhaft durch Zeugenverhör erforscht hatte, ist er ein unparteiischer, zuverlässiger Zeuge und darum eine lautere Quelle. Der hebräische Geschichtsstil, den er den besten biblischen Geschichtsbüchern entlehnt hat, belebt seine Darstellung ungemein. Die biblische Gewandung und die dramatischen Wendungen geben ihm einen eigenen Reiz und heben das Werk über den Stand einer trockenen Chronik hinaus. An die betreffenden Zeitpunkte reihte Joseph Kohen die Geschichte der größeren Judenverfolgungen an, wozu er sich seltene Quellen zu verschaffen gewußt hat, die noch kein anderer vor ihm benutzt hatte. Seine Hauptaufgabe war, die gerechte Waltung Gottes in der geschichtlichen Begebenheit nachzuweisen, wie Gewalt und Arglist ihre gerechte Vergeltung fanden und von ihrer errungenen Höhe herabgestnrzt wurden. Er empfand die Wehen der Geschichte' mit, darum schrieb er nicht kalt, sondern öfter mit maßloser Bitterkeit und ließ es nicht an Verwünschungen gegen die blutigen Verfolger unschuldiger Märtyrer fehlen. Joseph Kohen hatte bei Abfassung der Jahrbücher den Plan, die Judenverfolgungen, die er darin nur gelegentlich angeführt hatte, der Zeitfolge nach in derselben Form aufzuzählen, hat ihn aber erst später ausgeführt, weil ihm noch Quellen gemangelt zu haben scheinen. Von anderer Art ist ein Geschichtswerk aus derselben Zeit, woran drei Geschlechter, Ahn, Sohn und Enkel, gearbeitet haben. Aus der angesehenen Familie Jbn-Verga, welche mit den Abrabanels verwandt war, hatte JudaJbn-Verga, zugleich Kabbalist und Astronom, Joseph Jbn-Vergas „Lobedst .leliucka." 300 in einem Werke gelegentlich einige Verfolgungen der Juden zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern angemerkt, die er aus mehreren Quellen, namentlich aus einer ähnlichen Sammlung des kenntnisreichen und geistvollen Profiat Duran i) entlehnt hatte. Salomo Ibn - Verga, der die Vertreibung der Juden aus Portugal und Spanien erlebte, eine Zeitlang Scheinchrist war 2) und dann als Marrane nach der Türkei ausgewaudert war, hatte zu den Bemerkungen seines Verwandten einige Erzählungen hinzugefügt. Er verstand auch die lateinische Sprache und hat daher aus lateinischen Schriften neue Tatsachen entlehnt und nachgetragen. Sein Sohn Joseph Ibn - Verga, der zum Rabbinatskollegium in Adrianopel gehörte, hat dann wieder das Werk durch einige Tatsachen aus früherer und aus seiner Zeit ergänzt und diese Bestandteile als ein Ganzes veröffentlicht unter dem Titel: die Zuchtrute Judas (Lvlrsbot äslruäa).») Auch Joseph Jbn-Verga war des Lateinischen kundig und hat aus lateinischen Schriften manches darin einverleibt. Dieses Martyrologium der Jbn- Verga ist daher nicht aus einem Gusse, sondern ein zusammengewürfeltes Allerlei, ohne Plan und Ordnung, selbst ohne chronologische Reihenfolge. Erdichtete Gespräche zwischen gelehrten Juden und portugiesischen oder spanischen Königen sind darin als tatsächliche Begebenheiten mit angeführt. Der hebräische Stil ist aber, ohne eine biblische Färbung zu haben, wie die Geschichtswerke Elia Kapsalis und Joseph Kohens, glänzend und anmutig, bis auf die Stücke, welche aus lateinischen Schriften übersetzt sind, die sich schwerfällig und holperig ausnehmen. Salomo Jbn-Verga suchte (gegen Ende der ersten Sammlung) die Gründe, warum denn gerade der jüdische Stamm und am meisten die spanischen Juden mit so unsäglichen Leiden heimgesucht würden, und fand als solche einmal die Vorzüglichkeit des jüdischen Volkes, „was Gott am meisten liebt, züchtigt er an: strengsten"; dann als Strafe für die noch ungesühnte Sünde mit dem goldenen Kalbe in der Wüste. Am meisten habe aber ihre Absonderung von den Christen in Speise und Trank die Verfolgung herbeigeführt; ferner die Rache der Christen für Jesu Kreuzigung, die Vergehen der spanischen Juden mit Christinnen, der Neid auf ihre Reuhtümer und falsche Eide, die sie sich haben zu schulden kommen lassen. Jbn-Verga hat die Fehler seiner Stammesgenossen nicht verschwiegen, sie vielleicht grell übertrieben. Joseph Jbn-Verga fügte ein herzinniges Gebet hinzu tiber die Fülle der Leiden, welche Israel erduldet hat, und noch immer erduldet, so daß je die letzten die ersten in Vergessenheit bringen. Alle Völker ') S. B. VIII Note I. 2 ) A, S. 212, Anm. I. 2) Bergt, die Einleitung dazu in der von Wiener veranstalteten Ausgabe, Hannover 18S5. 810 Geschichte der Juden. der Erde sind einig in: Haß gegen diesen Stamm, alle Kreatur des Himmels und der Erde ist gegen ihn feindlich verschworen; ehe noch das jüdische Kind zu lallen vermag, wird es schon von Haß und Schimpf verfolgt. „Wir sind wie die niedrigsten Würmer verachtet. Gott möge seine Verheißungen für sein Volk bald in Erfüllung gehen lassen." Ter bedeutendste und originellste der drei zeitgenössischen Geschichtsschreiber war Samuel Usque, von dessen Lebenslauf bedauerlicherweise so gar nichts bekannt ist, nicht einmal in welchen: verwandtschaftlichen Verhältnis er zu den andern beiden Usque stand, die jedenfalls einer und derselben Familie angehörten, ausgewanderte Marranen waren und literarische Bildung besaßen. A b r a h a m Usque hieß als Scheinchrist Duarte PinelH und bearbeitete unter diesen: Namen eine lateinische Grammatik, die er noch in Portugal drucken ließ. Wie er diesen: Lande und den Jn- quisitionskrallen entgangen und nach Ferrara gekommen ist, ist nicht bekannt. In dieser Stadt, wo die portugiesischen Marranen unter den: Schutze des Herzogs Ercole d' Este das Judentum frei bekennen durften, 2 ) legte er unter den: jüdischen Namen A b r a h a n: Usque eine großartige Druckerei an, zunächst für die ehemaligen Scheinchristen in Italien und anderen Ländern, die, in: Marranentun: geboren, nach und nach das Hebräische, die Herzenssprache der Juden, verlernt hatten. Er selbst oder sein Verwandter, Samuel Usque, oder andere tibersetzten die hebräischen Gebete verschiedener Gattung ins Spanische, und diese wurden in der Usqueschen Druckerei verlegt?) Die zurückgetretenen Marranen hatten einen wahren Heißhunger nach Belehrung aus ihren Religionsquellen, und die Juden Italiens sorgten für dessen Sättigung. Sogar der trockene Religionskodex des Jakob Ascheri (Bd. VII 2 , S. 249) wurde ins Spanische übersetzt oder ein kurzgefaßter Auszug daraus gemacht, als „Tafel für die Seele" (mesa, ">i:.--b->) mwsnm tnisss. b) Nach Joseph Athias haben lOO kundige Männer an der Ferrarcnsischen Bibelübersetzung gearbeitet. Die drei Usque. 311 ischen Text in gutes Spanisch wortgetreu übersetzen und gab sie heraus (1550 bis 1553). Ein begüterter Marraue, Jom-To b A thias oder Geronimv de Vargas, trug die Kosten davon. Dieses großartige und sehr geschätzte Ferrarische Bibelwerk widmeten die Herausgeber zum Teil dem Herzog Ercole als Tankestribut für seine den Marranen gewährte Duldung, und zum Teil eiuer vornehmen marranischen Dona (Gracia Meudesia), welche der Schutzgeist ihrer Leidensgeuosseu geworden war?) Aber nicht bloß spanische und portugiesische Schriften verlegte Abraham Usque oder Tuarte Pinel in seiner Druckerei, sondern auch hebräische, ohne besondere Auswahl, rituelle, religious-philosophische und kabbalistische Werke?) Der zweite des Namens Usque, Salomo, oder, wie er früher als Scheiuchrist hieß, Duarte G o m e z,^) war zugleich Dichter und Kaufmann in Venedig und Ancona, wohin er aus Portugal eingewaudert war. Er überarbeitete Petrarcas verschiedenartige Dichtungen in schönen spanischen Verseil, welche ^von seinen Zeitgenossen wegen ihres kunstvollen Baues und Wohllautes bewundert wurden. Gemeinschaftlich mit einem andern jüdischen Dichter Lazaro Gracian hat er ein spanisches Drama aus biblischem Stoffe, aus dem künstlerisch schönen Epos von der jüdischen Königin Esther und der Rettung ihres Volkes, gedichtet. Dabei war Gomez-Salomo Usque ein gewandter Geschäftsmann und führte schwierige Aufträge glücklich aus/ Der bedeutendste unter den drei Usque war Samuel, dessen Christenname nicht bekannt ist, der ohne Zweifel ebenfalls vor der Wut der Inquisition aus Portugal entflohen war; er ließ sich mit seinen Verwandten ebenfalls in Ferrara nieder. Auch er war Dichter; aber seine Muse befaßte sich nicht mit fremdem Stoffe, nicht mit Nachahmungen und Überarbeitungeil, sondern schuf Eigenes und Eigeilartiges. Die zugleich glanzvolle und tragische Geschichte des israelitischeil Volkes zog ihn mächtig an, und sie lag nicht bloß in seinem Gedächtnisse als toter Gelehrtenstoff angehäuft, sondern lebte in seinem Herzen als frisch sprudelnder Quell, woraus er Trost und Begeisterung schöpfte. Die biblische Geschichte mit ihren Helden, Königen und Gottesmännern, die nachexilische Geschichte mit ihrem Wechsel voll heldenmütiger Erhebung und nilglücklicher Niederlage, die Geschichte seit der Zerstörung des jüdischen Staates durch die Römer, alle die Vorgänge und Wandlungen der drei Zeiträume waren Samuel Usque gegenwärtig. Er hatte sich Mühe gegeben, die geschichtlichen Quellen selbst zu befrageil und sich an Literaturgebiete gemacht, welche bis dahin kein Jude angesehen hatte. Für die nachexilische Zeit hatte er h S. weiter unten. h De Rosst a. a. O. x. 28. h S. Note 7. Z12 Geschichte der Juden. nicht aus der unsaubern Zisterne des falschen Josippon geschöpft, wie seine Vorgänger, sondern er hatte den echten Josephus gelesen, der, damals ein Liebling der literarischen Welt, bereits im griechischen Original und in lateinischer Übersetzung veröffentlicht war. Samuel Usque verstand das Lateinische, so wie er auch ein Meister nicht bloß seiner vaterländischen Sprache, der portugiesischen, sondern auch des Spanischen war. Aus lateinischen Quellen, aus dem Lügenwerke des Alfonso de Spina, aus spanischen, französischen und englischen Chroniken, selbstverständlich auch aus jüdischen Sammlungen trug er den Geschichtsstoff bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal zusammen. Diesen Stoff belebte er mit einem poetischen Hauche zu einem das Herz mächtig ergreifenden langen Klage- und Trostgedichte in portugiesischer Sprache, nicht in Versen, aber in so gehobener Prosa, daß es den Leser in seiner Einkleidung noch mehr au- mntet. Es ist ein Gespräch zwischen drei Hirten Icabo, Numev und Zicareo, von denen der erste das tragische Geschick Israels seit seinem Eintritt in die Geschichte mit blutigen Tränen beklagt, die beiden andern den Balsam des Trostes in das wunde Herz des unglücklich n Hirten träufeln und ihm die Leiden als notwendige Vorstufen zur Erreichung eines herrlichen Zieles darstellen. „Trost in den T r ü b s a l e n I s r a e l s" i) nannte Samuel Usque diesen geschichtlichen Dialog. Er beabsichtigte durch die lebensvolle Darstellung der jüdischen Vergangenheit die portugiesischen Flüchtlinge in Ferrara und anderwärts, die sich wieder an das Judentum angeklammert hatten, in ihren Trnbsalen und schweren Leiden zu trösten und auf eine schöne Zukunft zu verweisen. Samuel Usque wollte keineswegs eine zusammenhängende und fortlaufende Geschichte der israelitischen Nation geben; sie diente ihn: nur als Mittel, nur die Herzen durch die Erinnerung an das tränenreiche Geschick und den Hinweis auf die sichtbare göttliche Leitung derselben zn erschüttern und zu erheben. Er zeigte die israelitische Nation bald als trauernde Witwe, welche jammervoll die Hände ringt und Tag und Nacht Tränen vergießt um die lange, lange, Tausende von Jahren umfassende Reihe von Leiden ihrer Söhne, die ans Glanz und Licht in Dunkel und Elend gestiirzt sind, bald wieder als gottbegeisterte Prophetin im Strahlen- gewande, deren Auge die Finsternis durchdringt, eine herrliche ZuUuift schaut, und deren Mund Weisheit und Linderung für die brennenden Schmerzen ausströmt. Aber wenn auch kein Geschichtsschreiber, so hat doch keiner wie Samuel Usque die Hauptzüge der jüdischen Geschichte so lichtvoll und lebendig von den ältesten Zeiten bis auf seine Zeit dargestellt. Er hat auch, weil er den Geschichtsverlauf wahrheits- ') OollsolatzLo ä,8 i.i-ibnlg.?öe8 äs Urnel, vollendet 1552, s. Note 7. Samuel tlsgues „donsolLyso". 313 getreu abspiegeln wollte, die chronologische Seite der Begebenheiten nicht vernachlässigt und auch die Quelle angegeben, aus denen er das Material zusammengetragen hat. Die äußere Einkleidung dieses historisch-poetischen Dialogs ist folgende. Der Hirte Jcabo (oder Jakob, als Repräsentant von Gesamtisrael) beklagt in einer einsamen Gegend das Elend seiner Herde, die in alle Weltteile zerstreut, gedemütigt, zerfleischt ist. „Zu welchem Teil der Welt soll ich mich wenden, auf daß ich Heilung für meine Wunde, Vergessenheit für meinen Schmerz und Trost für die schwere, unerträgliche Pein finde? Der gewölbte Körper der ganzen Erde ist voll von meinem Elend und »reinen Drangsalen. In den Reich- tümern und Genüssen des glücklichen Asiens, da finde ich mich als einen armen und mühebeladenen Pilger. In der Fülle des Goldes des sonnenverbrannten Afrika bin ich ein unglücklicher, ausgehungerter, verschmachtender Verbannter. Und Europa, Europa, meine Hölle auf Erden! was soll ich von dir sagen, da du mit meinen Gliedern die größter: Triumphe gefeiert hast? Wie soll ich dich loben, lasterhaftes und kriegerisches Italien? Wie ein ausgehungerter Löwe hast du dich von dein zerstückelten Fleische meiner Lämmer genährt! Verderbte französische Weideplätze, Lämmer weideten auf euch vergiftete Gräser! Stolzes, rauhes und gebirgiges Deutschland, in Stücke zerschellt vom Gipfel deiner wilden Alpen hast du meine Jungen! Ihr süßen und frischen Gewässer Englands, einen bitter» und salzigen Trunk schlürfte aus euch meine Herde! Heuchlerisches, grausames und blutdürstiges Spanien, gefräßige und heißhungrige Wölfe Haber: ir: dir meine woll- reiche Herde verschlungen und verschlingen sie noch"?) — Die zwei Hirten Numeo und Zicareo, vor: Jcabos herzzerreißender: Klager: herbeigezogen, bewegen ihr: durch viel Zureden, seinen Schmerz auszusprechen, auf daß er seinen: beschwerter: Herzei: Erleichterung verschaffe. Nur mit Überwindung versteht er sich dazu. Er schildert dann den beiden Freunden die ehemalige Herrlichkeit seiner Herde und führt ihnen so die glänzender: Tage Israels vor die Augen. Dann geht er zu dem Elend über, welches die Gottesherde betroffen hat. Infolge sanften Zuredens läßt sich Jcabo allmählich herbei, ausführlich die Geschichte seines unglücklichen Stammes zu erzählen, zuerst die Schläge und Verbannung während des erster: Tempelbestandes, dann ir: einem zweiten Dialoge die Bitterkeiten und das Exil bis zur zweiten Tempelzerstörung durch die Römer, und im dritter: die Leiden, welche sein Volk ir: der langdauernden Verbannung erfahre::, von der spanischer: Gewalttaufe, die der westgotische König Sisebut über die spanischer: Juden verhängt hat 712 , 2 ) die Vertreibung der Inder: h OousoIs.tzA .0 m 6. h B. V., S. 61 . 314 Geschichte der Juden. aus England und Frankreich, Spanien und Portugal, das Entsetzen der Inquisition, die Usque aus eigener Anschauung kannte, bis zur Schändung einer Synagoge in Pesarv 1552. Auf diese Weise geht Jcabo (oder Samuel Usque) die lange Reche der jüdischen Geschichte durch. Er schließt die Zusammenfassung der Leiden: „Ihr sehet also, mitleidsvolle Brüder, wie die Tage waren und noch sind, seitdem ich in dieser unglücklichen Verbannung zubringe, seitdem die Römer mich zerstreut haben. So haben die listigen und boshaften Spanier den irdischen Leib und die göttliche Seele der Weinigen getroffen. So haben meine Lämmer den Zorn und den Ungestüm der stürmischen Franzosen erduldet; die Nahrung von ihren verdorbenen Weideplätzen, mit Galle vermischt, mußten sie wieder ausspeien. Hier seht ihr, wie die herzlosen Engländer sie mit kaltem Eisen würgten, und die wilden Deutschen ihnen vergiftetes Wasser zu trinken gaben. Da seht ihr, wie die schlauen Flamländer sie schädigten, und die kriegerischen und undankbaren Italiener sie mißhandelten. Das ist die Art, mit welcher die tapfern und halbbarbarischen Spanier sie zerstückelten und die zarten Wesen von der Brust der Mutter rissen, um sie hier dein Feuer, dort den: Wasser oder den wilden Tieren zum Fraß zu überliefern. Und bis auf den heutigen Tag hat keine dieser Folterqualen für mich aufgehört, im Gegenteil, wie ein Schiff von entgegengesetzten heftigen Stürmen auf der hohen See geschleudert wird, so daß es in keiner der vier Richtungen mit Sicherheit steuern kann, so finde ich mich, gequältes Israel, in der Mitte meiner Leiden bis auf den heutigen Tag. Kann: hast du aufgehört, den vergifteten Kelch der Babylonier zu trinken, der dich fast entseelt hat, als du wieder auflebtest, um gewissermaßen die Qualen von seiten der Römer zu empfinden. Und als dieses doppelte Mißgeschick ein Ende hatte, das dich so grausam zerfleischt hat, lebtest du zwar wieder auf, aber bliebst angenagelt an deine Trübsal, gefoltert von neuen Qualen. Es ist allen entstandenen Geschöpfen eigen, Wandlungen zu erfahren, nur Israel nicht, dessen unglückliche Lage sich nicht ändert, noch endet"?) Die Freunde sprechen Jcabo Trost und Beruhigung zu. Die Leiden, so schwer und unverträglich sie auch seien, hätten ihren guten Zweck. Sie seien zum Teil selbst verschuldet durch sündhaftes Leben und Abfall von Gott; sie dienten aber dazu, Israel zu bessern und zu läutern. Es sei auch eine Wohltat, daß es unter alle Völker der Erde zerstreut sei, damit es der Bosheit derselben nicht gelinge, es zu vernichten. „Denn wenn sich ein Reich in Europa gegen dich erhebt, um dir den Tod zu versetzen, bleibt dir ein anderes in Asien, um zu leben. Als dich die Spanier verbannten, veranstaltete es Gott, daß du ein Land fandest, das dich aufnähm und dich frei leben ließ, Italien"?) >) OousolayLo x. 213. 2 ) Das. x.- 229. Samuel Usques „Oonsolayäo". .315 Die Feinde, welche Israel so unbarmherzig behandelten, hätten durchweg ihre Strafen empfangen. Bon den Spaniern kann man sagen, daß Italien ihr Grab geworden, von Frankreich, daß Spanien seine Zuchtrute gewesen, von Deutschland, daß die Türken seine Henker seien, die es zur Mauer machten, gegen welche ihre Feuerschlünde Prasselten, und von England, daß das wilde Schottland seine beständige Geißel bleibe?) Ein Haupttrost sei, daß alle diese Leiden, Trübsale und Quälen, welche der jüdische Volksstamm erduldet, von den Propheten buchstäblich vorausverkündet und genau vorgezeichnet worden seien. Sie dienten nur dazu, um Israel zu erhöhen, und so, wie sich die schlimmen Prophezeiungen erfüllt hätten, so sei mit Gewißheit darauf zu rechnen, daß auch die tröstlichen nicht ansbleiben würden. Zuletzt verfällt Usque in eine eigentümliche Spielerei, um die stufenmäßige Erhöhung Israels zu veranschaulichen. Die erste Gefangenschaft in Assyrien und Babylonien erhob den Rest in den ersten Himmelskreis, wo der Mond seine Wohnung hat. Die grausige Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus erhöhte es in den zweiten Zirkel, dessen Name Merkur ist. Die Wehen und Schmerzen durch die Grausamkeit, die es bei seiner unglücklichen Ankunft in Rom erfahren, brachten es in den dritten Kreis. Und so erhoben es die Leiden in Italien, Frankreich, England, Deutschland und Spanien immer höher, bis endlich die Wehklagen auf den Scheiterhaufen und die Trübsale in Portugal es in den neunten und letzten Stern heben, und damit werden die Leiden ein Ende haben?) Tröstende Prophetenworte aus Jesaias balsamisch lindernden Reden beschließen die Dialoge. Jcabos Schmerzen beruhigen sich durch die Erwartung der gewiß eintretenden glorreichen Zukunft. >) 6onsoIa) OonsolkeqLo p. 2, Prolog: oreo s äirso por ssta tormsiets, qus tss Korke (»Korke) uos psrseKniö s perssKns, eomsnyker 8S j-e kemninar 6 ke ckessjnäke ws-nIiaL äspois äse tsmpevtnoske nonts cko inveruo gnererss >eos apsreesr. Die Reaktion in der katholischen Kirche. 317 Verfolgungen in Anwendung kam, welche der jüdische Geschichtsschreiber Joseph Kohen noch in seine Jahrbücher des Märtyrertums eintragen konnte. Diese neuen Trübsale hatten ihren Liefern Grund in der Reaktion, welche die katholische Kirche gegenüber der immer mehr überhand nehmenden Reformation des Luthertums mit aller Konsequenz durchzuführen bestrebt war. Zwei Männer haben fast zu gleicher Zeit, aber unabhängig voneinander, den sinkenden Katholizismus wieder aufgerichtet und eben dadurch dem Fortschritt des Menschengeschlechts Fußangeln gelegt. Ter Neapolitaner Pietro Caraffa und der Spanier Jnez Loyola. Beide, Männer der Tatkraft, haben mit Selbstbeherrschung begonnen und mit Knechtung der Geister und Leiber geendet. Das wurmstichige Papsttum, von dem inan damals glaubte, es werde unter dem Gelächter und Spott der Gegner von selbst Zusammenstürzen, und für das selbst seine Freunde nur Achselzucken hatten, haben diese beiden Männer zu einer Macht erhoben, die fast noch größer war, als zur Zeit Jnnocenz III. und seiner unmittelbaren Nachfolger, weil sie nicht auf der schwankenden Unterlage traumhafter Mystik, sondern auf dem festen Grunde willensEräftiger Überzeugung und rücksichtsloser Konsequenz ruhte. Caraffa, nachmaliger Papst Paul IV., und Loyola, der Schöpfer des bis auf den heutigen Tag noch so mächtigen Jesuitenordens, haben mit der Oberherrlichkeit des Papsttums über die Gemüter der Gläubigen, mit seiner Macht zu binden und zu lösen auf Erden und im Himmel, strengen Ernst gemacht, weil sie selbst davon überzeugt waren. Caraffa stellte die schlaff gewordene kirchliche Disziplin wieder her, verschärfte sie noch mehr und gab ihr eine eiserne Zuchtrute in die Faust. Loyola stellte ihr ein Heer abgerichteter, blind ergebener Schergen zur Verfügung. So konnte das halbgelvste Band der katholischen Kirche wieder straff zusammengezogen werden. So verderbt war damals die katholische Welt, daß ein Mann, der nur die niedrigen Leidenschaften zu bezwingen wußte, die Maitressenwirtschaft aus dem Kreise der Geistlichkeit entfernte und wieder Anstand und Ehrbarkeit einführte, schon allein darum augestauut wurde und Autorität erlangte. Und so verhaßt waren die alten Mönchsorden aller Gattungen und Namen, daß ein Mann, der nur der schamlosen Habsucht und Lüsternheit den Krieg erklärte, einen so großen Zulauf von Anhängern erhielt, daß er einen neuen Orden stiften konnte, welcher durch Berückung der Gewissen und Gefangennehmung der Vernunft sämtliche Katholiken zu einer Schar bewaffnete, mit ihrer ganzen Kraft das Papsttum zu decken. Caraffa, der Stifter des Theatinerordens, nicht aus zusammen gelaufenen Bettlern, sondern aus begüterten Edelleuten, dessen Glieder nach und nach die höchsten geistlichen Stellen und Würden einnahmen. 318 Geschichte der Juden. schlug dem Papste, der ratlos war, wie der Zerfahrenheit der Kirche, der Lockerung der Disziplin unter den Welt- und Klostergeistlicheu und dem Abfall vom Katholizismus gesteuert werden sollte, die Einführung der strengen Inquisition vor. Dasselbe Mittel, welches Tor- quemada, Deza, Nmenes de Cisneros in Spanien anwendeten, uni die Juden und Mauren zur Kirchlichkeit zu zwingen, den lodernden Scheiterhaufen, von unerbittlichen Richtern nnbefohlen und von gehorsamen Schergen entzündet, empfahl Caraffa für die große katholische Welt. Alle diejenigen, welche eine vom Papsttum auch nur um eines Haares Breite abweichende Glaubensmeinung hegten, sollten sie abschwören oder verbrannt werden. Die erbarmungslose Gewalt, die nicht denkt und alles selbständige Denken totschlägt, sollte der geschändeten Kirche wieder ihr Ansehen verschaffen. Sobald Caraffa vom Papste die Befugnis erhielt, eine solche unnachsichtige Inquisition für die ganze katholische Welt einzuführen, beeilte er sich, sie sofort für Rom, den Sitz der geistlichen Weltherrschaft, ins Leben zu rufen. Er selbst legte Gefängnisse mit Schlössern, Riegeln, Ketten und Blöcken an, um alle diejenigen durch Kerkernacht znm Tode zu führen, welche mehr oder weniger von Luthers Ansichten angefressen waren und an der Unfehlbarkeit des Papstes auch nur einen leisen Zweifel hegten. Der Regeln der allgemeinen Inquisition waren wenige, aber sie waren durchgreifend. Es sollte keine Rücksicht auf Rang und Stand genommen, ja gegen hochgestellte, ungefügige Geistliche mit noch größerer Strenge verfahren werden. Den Reformationssüchtigen sollte auch nicht das geringste Zugeständnis gemacht werden, und endlich sollte die beschlossene Züchtigung der Ungefügigen keinen Aufschub erleiden. Sobald die Inquisition eröffnet warZ) wurden selbst Träger hoher Kircheu- würden, welche eine eigene Ansicht über die kirchlichen Gnadenmittel hatten,, vor ihr Tribunal geladen, gefoltert, gerichtet und verbrannt, wenn sie sich nicht durch Flucht nach Deutschland oder der Schweiz retten konnten. Die strenge Inquisition fand keinen Widerstand, im Gegenteil noch Aufmunterung und Unterstützung von seiten des Adels und der städtischen Behörden, weil alle diejenigen, die aus alter Gewohnheit und persönlicher Stimmung nicht dem Luthertum und Calvins Lehre huldigen wollten, die Kräftigung des Katholizismus wünschten und förderten. Jeder, der innerhalb des katholischen Kirchenverbandes blieb, wurde ein eifriger Parteigänger dafür und unterstützte die Gewaltmittel zu dessen Hebung. So wurden selbst die nach Unabhängigkeit strebenden Bischöfe gezwungen, sich dem Papsttum zu fügen und strengen Gehorsam zu leisten. Um die entfesselten, nach Freiheit strebenden Geister wieder ein- Znfangen und zu knechten, schien es der Inquisition als höchst dring- ') 21. Juli 1542. Die strenge geistliche Bücherzensur. 319 lich, die Presse zu überwachen. Das Preßwesen hatte das Unheil -der Spaltung und Zerrissenheit über die Kirche gebracht (so glaubten Earaffa und sein Gesinnungsgenosse), es sollte zuerst und zumeist geknebelt werden. Es dürfe nur das gedruckt und gelesen werden, was der Papst und seine Anhänger für gut befanden. Die Bücherzensur war zwar schon von früheren Päpsten eingeführt worden, jede Druckschrift sollte einer geistlichen Kommission zur Prüfung vorgelegt > werden. Aber da bis dahin alles käuflich und bestechlich war, und keine Disziplin herrschte, so konnten die Berleger mit oder ohne Wissen der zur Überwachung bestellten Geistlichkeit Brandschriften gegen die bestehende Kircheneinrichtung drucken und verbreiten. Die aufregenden Streitschriften in der Reuchlinschen Sache, die Dunkelmännerbriefe und andere zündende Pamphlete, Huttens Raketen gegen das Papsttum, Luthers erste Schrift gegen die römisch-babylonische Hure, dieser rasch aufeinander folgende Zündstoff, welcher das aus Werg gesponnene Kirchenzelt von allen Seiten anzündete, war eine Folge der nachlässigen Handhabung der Zensur. Das sollte nun anders werden. Die bestellten Zensoren waren aufs strengste angewiesen, innerhalb der katholischen Welt, die noch immer groß genug war, in Italien, einem Teil von Deutschland, Österreich, Spanien und Portugal, keine Schrift durchzulassen, welche auch nur im entferntesten an den Dogmen der Kirche und der Unfehlbarkeit des Oberbischofs von Rom rüttelte?) Nur päpstlich treuen Geistlichen wurde das Zensoramt anvertraut, und aus Überzeugung oder Selbsterhaltungstrieb übten sie es ohne Nachsicht aus. Das Heranwachsende Geschlecht wurde dadurch im blinden Glauben erzogen und das bereits reife wieder dazu zurückgeführt. Das Tridentiner Konzil, welches anfangs nur mit Widerwillen von dem Papst und den streng Kirchlichen zusammengerufen wurde, sanktionierte, von dem hinreißenden Fanatismus Caraffas und des wachsenden Jesuitenordens beherrscht, alle reaktionären Maßregeln und kräftigte das Papsttum so nachdrücklich, wie es die Träger der dreifachen Krone kaum selbst geahnt hatten. Die Juden empfanden bald diese düstere katholische Reaktion, sic, die keinerlei Schutz hatten und nur der Inkonsequenz in Handhabung der bereits gegen sie vorhandenen kanonischen Gesetze ihre dürftige Existenz verdankten. Sobald die Kirche diese feindseligen Beschlüsse streng und ernst in Ausführung brachte, war das Dasein der Juden oder wenigstens ihre Ruhe gefährdet. Zuerst wurde wieder die Talmudfrage angeregt, aber nicht mit jener Lauheit wie vierzig Jahre vorher. Damals konnten die Kölner Dominikaner gar nicht hoffen bei dem päpstlichen Stuhle Gehör zu finden, den Talmud zu ver- ') Diese strenge Zensur wurde 1543 eingeführt. 320 Geschichte der Juden. brennen, und mußten zu allerhand Schlichen greifen, nur um den Kaiser dafür zu gewinnen. Jetzt herrschte ein ganz anderer Geist. Die Gemeinschädlichkeit des Talmuds brauchte nur von boshaften Konvertiten angedeutet zu werden, um sofort ein Dekret dagegen zu erlassen. Die neue Anschwärzung desselben ging auch von solchen aus. Elia L e v i t a/) der hebräische Grammatiker, der im Hause des Kardinals Egidio de Viterbo lange gelebt und viele Christen mündlich und durch Schriften in hebräische Sprachkunde und in oberflächliches Verständnis der Kabbala eingeweiht hatte, hatte zwei von einer Tochter hinterlassene Enkel, die von Haus aus in christlichen Kreisen verkehrten. Einer derselben, Eliano, hatte das Hebräische gründlich erlernt und war Korrektor und Abschreiber in mehreren Städten Italiens, während sein Bruder SalomoRomano weite Reisen in Deutschland, der Türkei, Palästina und Ägypten machte und vieler Sprachen kundig war: hebräisch, lateinisch, spanisch, arabisch und türkisch. Eliano, der Ältere, war zürn Christentum übergetreten unter dem Namen Vittorio Eliano und Geistlicher, später sogar Kanonikus geworden. Über diesen Abfall war Salonro Romano so empört, daß er nach Venedig eilte, um seinem Bruder bittere Vorwürfe darüber zu machen und ihn zu bewegen, in den Schoß des Judentums znrückznkehren. Aber anstatt zu bekehren, wurde er selbst bekehrt. Ein kirchlich gestirnter venezianischer Patrizier Cantarerro hatte sich arr ihn herangemacht, um ihn für das Christentum zu gewinnen, und was er angefangen, das hatte ein Jesuite Andreas Frusius, vollerrdet. So nahm auch Salomo Romano die Taufe (1551) und den Namen Johannes Baptista arr, zum großen Schmerz der noch lebenden Mutter. Er wurde Jesuit und später kirchlicher Schriftsteller, schrieb über Geheimnisse des christlichen Glaubens, einen hebräischen und arabischen Katechismus und anderes dieser Art. Dieser Enkel des Grammatikers Elia Levita 2) mit noch zwei anderen >) S. o. S. 190. 2) Joseph Koheil nennt als Delatoren gegen den Talmud in dieser Zeit: nuLia (Rmsk ba-Laeda p. 111). Der letztere ist gewiß identisch mit Johannes Baptista Romano, Elia Levitas Enkel, wie die Vergleichung mit dem Berichte Algambes (Libliotbeoa »ooietati» ckesn p. 225) über ihn ergibt: ck. L. Hamann» »ivs LIianns . . i» relixions Rebrasn» Riianns nomine ab avo materno lillia Hebsnatio pner institntus . . . Vsostias appulsns, nt tratrsm Obristiana saora eomplexnm retraberet, ab Oanta- rsno cleänetn» all ^näreaw Rrnsinw. Weiter wird das. berichtet, daß Eliano Romano vom Jesuiten Frusius Matthäi 1551 getauft, 1561 von Pius IV. nach Memphis geschickt, in Alexandrien von den Inden verfolgt wurde, weil er sie vielfach verleumdet habe st maAnam Romas Dalmntlicornm librornm vim Verbrennung des Talmuds im Kirchenstaate. 321. Konvertiten, Joseph Moro und An anal de Foligno, nicht genug, ihre Religion aufgegeben zu haben, traten gleich Donin vor dem Papst als Ankläger gegen den Talmud auf und wiederholten dessen Verleumdungen, daß die talmudischen Bücher Schmähungen gegen Jesus, die Kirche, die ganze Christenheit enthielten und die massenhafte Bekehrung der Juden hinderten. Julius III. war keineswegs streng kirchlich gesinnt und am wenigsten judenfeindlich; er ließ sich noch von jüdischen Ärzten, dem zu seiner Zeit berühmten Heilkünstler Vit,al Alatino aus Spoleto und dem Marranen A m a - tusLusitanus behandeln?) Aber es war nicht mehr des Papstes Sache, über den Talmud zu entscheiden, sondern er gehörte vor das Forum der Inquisition, d. h. des fanatischen Caraffa, und Julius III. mußte das Dekret, welches der Generalinquisitor vorlegte, gutheißen und unterschreiben (12. August 1553). Auch darin zeigte sich die so sehr gerühmte Unfehlbarkeit des Papsttums. Leo X. hatte den Druck des Talmuds befördert (o. .S. 176), und sein dritter Nachfolger ordnete dessen Vernichtung an. Die Schergen der Inquisition überfielen darauf die Häuser der römischen Juden, konfiszierten die Talmudexemplare und Agadasammlungen und verbrannten sie mit besonderer Bosheit zuerst am jüdischen Neujahrstage (9. September), bannt der Schmerz über die Vernichtung ihrer heiligen Schriften die Juden um so empfindlicher treffe. Aber nicht bloß in Rom fahndeten die Schergen der Inquisitoren auf talmudische Schriften, sondern auch in der ganzen Romagna und darüber hinaus in Venedig, wo in den hebräischen Buchdruckereien Tausende von Exemplaren angehäuft waren, in Ferrara, Mantua, Padua, auf der zu Venedig gehörenden Insel Candia, und überall; sie wurden zu Hunderten und tausenden verbrannt. Die Schergen unterschieden in ihrer Wut nicht mehr Talmudexemplare von den andern hebräischen Schriften. Alles, was ihnen unter die Hände kam, wurde den Flammen überliefert; selbst an der heiligen Schrift ineenclsnäam onraverat. Es wird noch weiter erzählt, wie die eigene Mutter seine Verfolgung in Alexandrien betrieben hat. Demnach sind Salomo Romano und Johann Baptista Romano Eliano identisch. Sein Bruder war der Kanonikus Vittorio Eliano (Wolf I, x. 47l, III, 240, Katalog der Bodleiana 2066). Dieser war also vor 1551 wohl bald nach seines Großvaters Tod getauft. Er scheint bei dieser Delation nicht beteiligt gewesen zu sein, sondern erst 6 Jahre später legte er Zeugnis gegen den Talmud ab (w. u.). >) David de Pomis, cts msclieo lisbraso x. 70: 8i>oletum Ilmbriagns tota Vitalem ^latinnm, patrnnm msnm, in eoslnm tollnnt . . gin chulinm tsrtium enravit. Amatus Lusitanus, Centuria III Ans.: Romain anpsiioridns annis ms oontnli, nt Inlio III. asZwotanti opem terrem. Aus Centuria IV, 19 geht hervor, daß dieses vor 1550, also gleich im Anfang von Julius' III. Pontifikat geschehen ist. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 21 322 Geschichte der Juden. vergriffen sie sich.*) Die Juden aller katholischen Länder waren in Verzweiflung, sie waren durch die Konfiskation auch solcher rabbinischer Schriften beraubt, welche die Vorschriften des religiösen Lebens enthalten, und worin vom Christentum nicht ein Wort vorkommt?) Sie wandten sich daher flehend an den Papst, das Dekret zurückzunehmen oder ihnen wenigstens den Gebrauch der unverfänglichen rabbinischen Schriften zu lassen. Auf das letztere ging Julius III. ein und erließ eine Bulle (29. Mai 1554), daß die Juden zwar gehalten wären, ihre Talmudexemplare bei Leibesstrafe auszuliefern, daß es aber den Häschern nicht gestattet sei, sich auch anderer hebräischer Schriften zu bemächtigen und die Juden zu Plagen. Die Übertreter sollten mit strenger Kirchenstrafe belegt werden?) Seit dieser Zeit mußten alle hebräische Schriften vor ihrer Veröffentlichung der Revision unterworfen werden, ob nicht ein Schatten von Tadel gegen das Christentum oder gegen Ron: darin enthalten sei. Die Zensoren waren meist getaufte Juden, welche dadurch Gelegenheit erhielten, ihre ehemaligen Genossen zu Plagen. tz Mehrere Zeitgenossen gtbcn Notizen über die große Talmudverbrennnng dieses Jahres. Joseph Kohen, Chronik Ende und Linslc ba-ll. p. III; Gedalja Jbn-Jachja Schalschelet p. 52 und gegen Ende. Von Venedig besonders: Inda Lern« a Einl. zu Abot-Komment. ni,.-o vnb; Arkevolti zum Schlüsse der 2. Edition des Aruch. Von Ancona: Emanuel von Benevent, Einl. zur Grammatikm,i>. Von Bologna: Portaleone wunm Ende. Von Candia: Isaak Akrisch, Einl. zur Efodischen Satire imano >.nn i>n (o. S. 8, Anm.). Matthatia Delakrut, welcher zur Zeit in Venedig weilte, bemerkt in einem handschriftlichen Werke (Xeubansr, Katalog Lockt, dir. I623>: "EI >iso L'UN rvubir Iiubn '1L0 -jinto IM' NMXUN2I auen a'irin pp pn miso. Schlechte Verse ans die Talmudverbrennnng von Jakob daFano. llsvne XI. 155—56 und von Mardocha: B.Jehuda de Blaues in Lüialim XIII, 109. Die Bulle, welche das Verbrennen des Talmuds verordnet, ist nicht mehr vorhanden, sie wird aber in einer andern des Papstes Julius III. vom 29. Mai 1554 erwähnt (Lullariuin inaZnuni Lomaunin I, Xr. 16): 6um sieut nnpsr aooepimns, liest alias kratrss nostri basrsticas pravitatis in nnivsrsa rspubliea ebristiana inguisitores Z'euerales esrtnm Ilebraieornm librornm volumsn dbsmarot Nbainncl (Hialmnä) nun- oupatnw, ortbockoxas üclei olkenelsntia oontinsns de inanclato nostro clamnavsrint et iAns eomburi ksesrint, nidilominns Inter eos Ile- brasos aäbuo ssss ckicuntur divers: libri sto. Diese Bulle befiehlt, die etwa noch zurückbehaltenen Schriften bei Vermeidung von Geld- und Leibcsstrase» binnen vier Wochen auszuliefern und fährt dann fort: non pdrmittsntes (nos) de oetsro sosdein Ilsbraeos etiain apostoliea auotoritats t'nuZ'ou- tibns oeoasions enjusvis sortis librornm apncl eos sxistentinin vsxari aut molsstari. Oontravenieutss st rebellss ao nobis in xrasinissis non pai sntss per ssntsntias st posuas soolssiastioas oompssesndo. 9 Nämlich die Schriften der Dezisorcn, Die oben zitierte Bulle und Joseph Kohen, Lm. Iia-IZ. p. 113. Marcellus II. und Paul IV. 323 Nach dem Tvde des Papstes Julius III. wurde es noch schlimmer für die Juden. Denn das Kardinalkollegium sah von jetzt an streng darauf, nur streng kirchlich gesinnte, womöglich mönchische Päpste zu wählen. Tie gebildeten, humanistisch gesinnten, Kunst und Wissenschaft liebenden Würdenträger waren, wenn es noch welche gab, in Mißkredit geraten. Der erste reaktionäre Papst war Marcellus II., unter dessen kurzer Regierung die Juden des Kirchenstaats um ein Haar der Ausrottung verfallen wären. Ein elender mohammedanischer Täufling hatte, um sich die reiche Erbschaft seines Mündels anzueignen, den jungen Erben gekreuzigt und die Leiche heimlich auf deu Campo Santo geworfen, einen Begräbnisplatz, wo, weil auf ihn Erde vom heiligen Lande gebracht worden war, nur Vornehme und Reiche für Entgelt beigesetzt wurden. Dieser Umstand machte den Vorfall noch auffallender. Einige gewissenlose Christen und der getaufte Jude Ananel di Foligno erhoben in der Tat die Anklage des Kindermordes gegen die Juden beim Papst Marcellus. Dieser war bereit ihr Wichtigkeit beizulegen und eine grausige Strafe über die römische Gemeinde zu verhängen, und nur die Klugheit und Menschlichkeit des judenfreundlichen Kardinals Alexander Farnese wendete das Mißgeschick von ihnen ab, indem er den wahren Mörder an den Tag brachte (April 1555)?) Auf Marcellus folgte der kirchlich fanatische Carnffa auf dem Petrusstuhl unter dem Namen Paul IV. (Mai 1555 bis August 1559). U I. Kohen das. p. 114. Es existierte über diesen Vorfall eine hebräische Aufzeichnung unter dem Titel nizn, angeblich von zeitgenössischen Rabbinern gefaßt, von welcher Abraham Graziano im XVII. Jahrh. einen Auszug gegeben hat. Diesen Auszug hat Kaufmann in Levus ei. llt. IV. 94 f. mitgeteilt. Dieser Auszug stimmt in deu Hauptpunkten mit der Erzählung in klinek Im-lZaelm überein und weicht nur in Nebenumständen davon ab. Er nennt den Namen des Mörders, eines spanisch-arabischen Konvertiten mbw — Sulaim, was eben beweist, daß der Bericht, wenn auch nicht von Augenzeugen, doch von Ohrenzengen ausgezeichnet wurde. Die Hanptdifferenz besteht darin, daß der Auszug dem Papste das Verdienst beilegt, die Entdeckung des Mörders und dadurch die Verschonung der Juden herbeigeführt zu haben, während Joseph Kohen dieses dem Kardinal Alexander Farnese »indiziert. Nun konnte dieser, welcher mit hochgestellten Christen verkehrte, besser darüber unterrichtet sein, was bei dieser Gelegenheit im Kabinet des Papstes besprochen wurde, als die römischen Rabbiner. Ferner gehörte dazu ein hoher Grad von Vorurteilslosigkeit bezüglich der Juden, ans die Anschuldigung eines Konvertiten gegen sie nichts zu geben, welche eben Alexander Farnese tatsächlich öfter bekundet hat (o. S. 3V2, N. 3), von Marcellus dagegen, welcher von den ultra-katholischen Kardinälen gewühlt war, liegt kein Beweis für eine solche ruhige Beurteilung vor. Die Darstellung in Lmslc Im-8. daß Farnese den Papst beschwichtigt:- msni mm-: im . . . und den günstigen Umschwung herbei- gesührt habe, empfiehlt sich daher als viel wahrscheinlicher. Bei Graziano hat nach Marcellus' Tod sein Nachfolger Caraffa-Paulns IV. den Minder hinrichten lassen. Bei Joseph Kohen dagegen ist dieser Punkt unbestimmt gelassen. 21 * 324 Geschichte der Juden. Er hatte als Greis die ganze Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit seiner Jugend bewahrt und seine Politik danach gestaltet. Er haßte die Protestanten und Juden, aber auch die Spanier, die brauchbarsten Werkzeuge des kirchlichen Fanatismus; er nannte sie und den bigotten König Philipp II. „verdorbene Sauren von Juden und Mauren". Bald nach seinem Regierungsantritte erließ er eine Bulle, daß jede Synagoge inr Kirchenstaat gehalten sei, zehn Dukaten zur Unterhaltung des Hauses der Katechumenen, wo Juden im Christentum erzogen wurden, zu leisten?) Noch rücksichtsloser war seine zweite jndenfeind- liche Bulle (12. Juli 1555), welche mit aller Strenge die kanonischen Gesetze gegen sie in Ausführung brachte. Sie sollten in Ghettos eingeschlossen bleiben und nur eine einzige Synagoge besitzen, die übrigen müßten zerstört werden. Sie dürften keirre christlichen Dienstboten, noch Ammen halten und überhaupt nicht mit Christen Umgang Pflegen, nicht mit ihnen essen oder spielen. Sämtliche Juden sollten gezwungen werden, grüne Barette und sämtliche Jüdinnen grüne Schleier zu tragen, auch außerhalb der Stadt. Sie sollten auch nicht von der christlichen Bevölkerung mit „Herr" angeredet werden. Es wurde ihnen verboten, liegende Gründe zu besitzen; innerhalb eines Jahres müßten sie dieselben verkaufen. Daher mußten sie ihre Güter, die über 500 000 Goldkronen wert waren, für den fünften Teil veräußern. Daß sie ihre Handelsbücher nur in italienischer Sprache führen sollten, war eine nicht ungerechte Maßregel. Aber wozu sollten sie ihnen dienen, wenn ihnen jeder Handel verboten war, es sei denn mit alten Kleidern? Aber auch für den Trödel fanden sie keine Käufer, da Christen laut der Bulle jeden Verkehr mit Juden mieden. So kamen die Handeltreibenden an den Bettelstab. Das Schlimmste in dieser Bulle war, daß den jüdischen Ärzten untersagt wurde, Christen ärztliche Hilfe zu leisten, ihnen, denen so mancher Papst seine Gesundheit zu verdanken hatte. Schwere Strafe war für die Übertretung verhängt?) Mit aller Strenge wurde diese feindselige Maßregel ausgeführt. Fortan mußten italienische Fürsten, wenn sie einen jüdischen Leibarzt in ihrer Nähe haben wollten, einen der folgenden Päpste bitten, ihnen diese Erlaubnis zu erteilen. Welche Wandlung seit kaum einem Menschenalter! b) In der päpstlichen Stadt Avignon wurde nicht lange vorher der jüdische Arzt Emmanuel de Lates von den Räten dieser Stadt für einen Ehrensold gewonnen, die Heilkunde auszuüben und 0 Gedalja Jbn-Jachja Lolmlsokelst, gegen Ende. 2) Die Bulle abgedruckt in Lullarium maKimm I. und in Lartoloeei Libliotbsea III, p. 742 fg., wird auch erwähnt von Joseph Kohen a. a. O. p. 116 und Jbn-Jachja das. Über die Wirkung dieser Bulle s. Note 6, Ende. h Oustavs Itaxle, Iss wsäeoins ä'^viZnon p. 73, Levus V p. 331. Emmanuel de Lates wurde berufen im Jahre 1529. Paul IV. und Kardinal Alexander Farnese. 325 zu lehren?) Und nun durfte sich kein christlicher Sieche von einem jüdischen Arzte behandeln lassen. Auf Talmudexemplare wurde unter Paulus IV. ebenfalls mit Strenge gefahndet. Mehrere Juden verließen darauf das boshaft gewordene Rom, um sich nach duldsameren Staaten zu begeben; sie wurden aber unterwegs von dem fauatisierten Pöbel mißhandelt. Die in Rom zurückgebliebenen schikanierte der Theatinerpapst auf kleinliche Art. Bald hieß es, sie hätten ihre Liegenschaften nur zum Schein verkauft und falsche Verkaufsurkunden ausgestellt, und er ließ sie dafür in Haft bringen. Bald ließ er bekannt machen, diejenigen Juden, welche nicht für das allgemeine Beste tätig wären, sollten binnen einer Frist Rom verlassen. Als die geängstigten Juden sich eine Erklärung darüber erbaten, was denn „zum allgemeinen Besten tätig sein" bedeute, erhielten sie die phnraonische Antwort: „Ihr sollt's zur Zeit erfahren". Paul IV. zwang sie zu Frondiensten bei der Ausbesserung der Mauern Roms, die er gegen den selbst heraufbeschworenen Feind, die Spanier, widerstandsfähig machen wollte. Einst befahl er, den die Juden mit Recht Hamau nannten, in seiner rasenden Judenfeindlichkeit seinem Neffen, in dunkler Nacht sämtliche Wohnungen der Juden in Brand zu stecken. Schon eilte dieser, wenn auch mit Widerwillen, den Befehl zu Vollstrecken, als ihm der einsichtsvolle Kardinal Alexander Farnese begegnete und bedeutete, mit diesem unmenschlichen Beginnen noch zu zögern, um dem Papst Zeit zur Besinnung zu lassen. In der Tat nahm dieser Tages darauf den Beschluß zurück. Infolge der Grausamkeit dieses Papstes gegen die Juden traten viele reiche und angesehene unter ihnen zum Christentum über. Wenn der fanatische Papst Paul IV. so gegen die Juden wütete, wie nun erst gegen die Marranen in seinein Gebiete! Viele mit Gewalt zum Christentum gezwungene Juden aus Portugal oder ihre Kinder hatten in Ancona ein Asyl gefunden und vom Papst Clemens VII. Indemnität erhalten, dem Judentum anhängen zu dürfen, ohne von der Inquisition belästigt zu werden (o. S. 230). Die zwei nachfolgenden billig denkenden Päpste Paul III. und Julius III. hatten dieses Privilegium der Marranen bestätigt,2) überzeugt wie sie waren, daß die an diese mit Gewalt vollzogene Tarife keine sakramentale Bedeutung haben könne. Je mehr die in Portugal eingeführte Inquisition gleich der spanischen gegen die Marranen wütete, desto mehr Flüchtlinge kamen auch nach Italien und ließen sich mit ihren geretteten y I. Kohen a. a. O. x. 116—118. Man übersehe nicht, daß dieses Alles ein glaubwürdiger Zeitgenosse erzählt. 2) Über die Duldung von seiten Pauls III. o. S. 2SI, 271, und von seiten Julius III. geht aus Gedalja Jbn-Jachjas Angabe hervor (Zelncksobslet gegen Ende): nrs nnw'i Ausdrücklich, italienische Information Note 6. 326 Geschichte der Juden. Reichtümern in Ferrara und Ancona nieder, auf die zugesicherten Privilegien des Oberhauptes der katholischen Christenheit vertrauend. Zu Ancona hatten sie eine Synagoge im Hause eines Christen?) Was aber galt dem haßerfüllten Papst Paul IV. eine von seinen Vorgängern und von ihm selbst eine Zeitlang stillschweigend anerkannte Schutzzusicherung, wenn sie mit seiner vermeintlichen Rechtgläubigkeit in, Widerspruch war? Er sollte es zugeben, daß Menschen, welche, wie äußerlich auch immer, mit dem Taufwasser einst besprengt worden waren, unter seinen Augen judaisiereu durften? Das konnte seine Verkehrtheit nicht ertragen. Paul erließ daher einen heimlichen Befehl, sämtliche Marranen von Ancona, die bereits mehrere Hunderte zählten, in die Kerker der Inquisition zu werfen, ein Verhör wegen ihrer Rechtgläubigkeit mit ihnen anzustellen und ihre Güter mit Beschlag zu belegen (Ellul ^ August 1555). 2) Es war ein harter Schlag für die Marranen, welche zum Teil bereits ein halbes Jahrhundert dort geweilt und sich in Sicherheit gewiegt hatten. Auch solche Marranen, welche türkische Untertanen waren und nur in Handelsgeschäften in der, durch ihren levantischen Handel blühend gewordenen Hafenstadt eine kurze Zeit geweilt hatten, wurden in die Anklage wegen Judai- sierens hineingezogen und eingekerkert. Ihre Waren wurden natürlich ebenfalls konfisziert. Der rasende Papst hatte sich selbst dadurch bedeutende Einnahmequellen abgeschnitten, in: Augenblick, als er sich in einen kostspieligen Krieg mit Spanien stürzen wollte. Nur wenigen Marranen war es gelungen, den Häschern der päpstlichen Generalinquisition zu entkommen; sie wurden sämtlich vom Herzog Guido U b a l d o von Urbino ausgenommen und in Pesaro einquartiert, weil dieser damals in Gegnerschaft zu dem Papste stand und den levantischen Handel durch die Verbindung der Marranen mit der Türkei von Ancona nach Pesaro zu ziehen gedachte. Auch der Herzog Ercole II. von Ferrara bot den Portugiesen und Spaniern jüdischen Geschlechts, von welchem Lande sie auch kommen mochten, Asyl in seinein Staate und lud sie förmlich dahin ein (Dezember 1555)?) Unter den nach Pesaro Entkommenen befand sich *) 0 . lksi'oso (lliobsls lilaicmi): 6 Ii Xbrei portoßstiem qlrmtiLiati in Ancona. 8 otko Unolo IV, gedruckt tkoliKno 1884 . Auszüge daraus Lsvus XI, 150 f. 2 ) Quellen darüber vergl. w. u. Joseph Jbn-Lab Usspp. eck. Xin 8 t. p. 63 e., ivo die Aufnahme der Marranen von Guido Ubaldo referiert ist: rn nnrn irin n'L'2.8 irv.i 2"n>2 8U,:n»2 2>22" u.nv 2'vm omui: orp 2I2I1N INV 012' 1222 ii>2,2i:i 1181'°? 2,ii> 11121—2'1I1'1. Beginn ihrer Einkerkerung folgt aus Jbn-Jachjas Angabe: — August, n-ii inv2, d. h. >.i — 1555 , also von August 1555 bis Mai und Juni des folgenden Jahres, nahe an 10 Monate. Daher bei I. Kohen: °>2i o-ir- 1020 0-22. (in,2M2 mmmi) »vi. 2 ) Über Ferrara s. LIa8Üir 1861 S. 45. Aktenstück von Wolf. Amatus Lusitanus. . 327 eine damals in hohem Ansehen stehende Persönlichkeit, der zu seiner Zeit berühmte Arzt Amatus (Chabib) Lusitanus (geb. 1511, gest. 1568)/) ein verständiger und geistvoller Mann, ein erfahrener Arzt, ein bedeutender Gelehrter und ein ebenso gewissenhafter, wie liebenswürdiger Mann. Als Scheinchrist hatte er einen anderen Namen geführt, JoäoRodrigodeCastel-branco. Auch ihn scheint wohl die Einführung der Inquisition in Portugal ans der Heimat vertrieben zu haben. Er hatte sich längere oder kürzere Zeit in Antwerpen, der damaligen Hauptstadt von Flandern, unter den dortigen Marranen, später in Ferrara und Rom aufgehalten, sich aber dauernd in Ancona niedergelassen (um 1549), wo er ganz offen den jüdischen Familiennamen Chabib angenommen und ihn in Amatus Lusitanus latinisiert hatte. Obwohl er sich offen als Jude bekannte, wurde er öfter an den Hof des Papstes Julius III. gerufen, um dessen kranken Leib zu heilen?) Selbst mit dem portugiesischen Gesandten in Rom, dem aus doppelt königlichem Geblüts, englischem und portugiesischem, stammenden Fürsten Alfonso von Lancaster, stand Amatus Lusitanus auf freundschaftlichem Fuße, verkehrte, so oft er in Rom war, in seinen: Palaste und widmete ihm eine seiner Schriften über Krankheitsgeschichten. Von Nah und Fern wurde er von Leidenden ausgesucht, denn er war ein gewissenhafter und vorsichtiger Arzt, der wohl an der alten (Galenischen) Heilmethode festhielt, aber sich nicht wie die meisten seiner zeitgenössischen Fachgenossen gegen das Nene in blinder, verstockter Konsequenz und in Unverstand verschloß; er selbst erfand manches wirksame Heilverfahren. Amatus behandelte die Leidenden, die sich seiner Kunst anvertranten, nicht, wie damals üblich, in Bausch und Bogen, für alle dieselben Heilmittel anwendend, sondern ging auf die Natur und Eigenart derselben ein. Die Heilkunst war für ihn ein heiliges Amt, das er mit ganzer Seele ausübte, um das Menschenleben zu verlängern. Amatus konnte daher einen feierlichen Eid ablegen — bei Gott und seinen heiligen Geboten -, daß er stets nur für das Wohl der Menschen besorgt gewesen, sich um Lohn niemals gekümmert, reiche Geschenke niemals angenommen, Arme umsonst behandelt und keinen Unterschied zwischen Juden, Christen und Türken gemacht habe. Nichts habe ihn an seinem ernsten Beruf gehindert, nicht Familienrücksichten, nicht beschwerliche Reisen, nicht die Verbannung?) Welch ein Gegensatz zu den meisten Quacksalbern seiner st Amatas' Geburtsjahr folgt aus seiner Angabe Osntnria IV. Ende, daß er 1553, 42 Jahr alt gewesen. Einer seiner Verehrer schreibt von ihm daselbst Ans.: ipss (Lmatns) ainabilis st re st nomine. — Über den Namen vergl. Ussxx. Samuel de Medina v"n Nr. 5 ii-on Zwei 'i'.n. st Siehe o. S. 321, Note I. st Osntnria VII, Ende. 328 Geschichte der Juden. Zeit, die nur auf Geldgewinn ausgingen, denen das Menschenleben gleichgültig war, die gelehrten Krimskrams answendig wußten und von der Natur der Krankheiten nichts verstanden?) Amatus hatte viele Jünger seiner Kunst, die mit Liebe an ilnn hingen, und die er als seine Kinder betrachtete. Bereits in seiner Jugend hatte er medizinische Schriften bearbeitet, die so sehr geschätzt waren, das; sie bei seinem Leben vielfach gedruckt wurden. Am meisten Aufsehen machten seine medizinischen sieben Centurien (je hundert Krankheitsfälle), in welchen er sein eingeschlagenes Heilverfahren und dessen Erfolge genau beschrieb und zugleich die Charakteristik der von ihm behandelten Kranken angab. Diese „Kuren" haben ihm noch beim Leben einen weitverbreiteten Ruf gebracht; sie wurden in Italien, Frankreich, Deutschland und sogar in Spanien vielfach gedruckt und von den Ärzten als Wegweiser benutzt?) Amatus war nicht bloß einseitig Arzt, sondern er verstand auch andere Fächer; er übersetzte die kurzgefaßte Geschichte Roms von Eutrop ins Spanische. Auch Hebräisch und Arabisch verstand er. Vom König von Polen erhielt er einen Ruf an seinen Hof zu kommen und sein Leibarzt zu werden, nahin ihn aber nicht an. Ein solcher Wohltäter der Menschheit, die Zierde seiner Zeit, mußte, weil er nicht ein albernes Glaubensbekenntnis vor der blutdürstigen Inquisition Paulus' IV. oblegen und sich nicht dem Feuertode aussetzen mochte, wie ein Verbrecher die Flucht aus Ancona nach Pesaro ergreifen^) und später noch weiter wandern. Mehr als achtzig portugiesische Marranen, welche nicht entfliehen konnten, mußten in den Kerkern der Generalinquisition schmachten, bis ihnen das Urteil verkündet wurde. Es lautete, das; diejenigen, welche ein reumütiges katholisches Glaubensbekenntnis oblegen, freigesprochen, aber nach der Insel Malta transportiert werden und Ansehen und Würden verlieren sollten. Sechzig Marranen verstanden sich zu dieser Heuchelei und wurden zu Schiff wie Galeerensklaven nach Malta geführt; es gelang ihnen aber zu entkommen und in der Türkei ihrem Bekenntnis zu leben?) Vierundzwanzig dagegen, darunter auch eine Frau, Dona Majora, blieben fest bei ihrem angestammten Bekenntnis: „Der Herr, unser Gott, ist einzig," und wurden auf Scheiterhaufen verbrannt (Mai 1556). Drei Trauerlieder verewigen den Märtyrertod dieser vierundzwanzig und nennen ihre Namen, gedichtet von Jakob da F ano , von S a l o in o Chasan und von Mardochar de *) Die gewissenlosen Quacksalber des 16. Jahrhunderts sind treffend gegeißelt in den Schriften des Theophrastus Paracelsus. 2) Vergl. darüber die Bibliographien und Carmoly, bistoirs «los wsäe- 0IN8 ,fnit8. 2) Osnlnria VII. Nr. 49: Visanrnin vsnieus sud 6nickauo Ildaläo. G. Jbn-Jachja in LebalsobslsI gegen Ende.» Dona Gracia Mendesia. 32 » Blaues. Das Trauerlied des letzteren pflegte in der Synagoge von Pesaro Jahr aus Jahr ein an: Tage der Zerstörung Jerusalems rezitiert zu werden?) — Ein Schrei des Entsetzens erscholl bei der Nachricht von diesen Scheiterhaufen der Marranen in Ancona unter allen Juden. Die Verurteilung war ebenso widerrechtlich wie gran-- sam, weil, wie schon erwähnt, die Religionsfreiheit der Marranen in Ancona von drei Päpsten hintereinander ihnen feierlich zngesichert war. Namentlich waren die portugiesischen Marranen in der Türkei von diesem Schlage gegen ihre Leidensgefährten betäubt. Sie sannen auf Mittel, Rache an dem wahnsinnig herzlosen Papste zu nehmen. Die eigentümliche Lage der Juden in diesem Jahrhundert gab ihnen die Möglichkeit an die Hand, an einen Kampf mit den: boshaften Feinde auf dem Petrusstuhle zu denken. Eine gewisse Einheit der Inden im Morgenlande konnte die Mittel dazu liefern. Es lebte damals eine edle jüdische Frau, die durch weibliche Anmut, Geist, Gemüt, Charakter und Seelengröße eine Zierde ihres Geschlechtes und Volkes war und zu den anserwählten Erscheinungen gehörte, welche die Vorsehung von Zeit zu Zeit in die Welt zu setzen scheint, um die göttliche Ebenbildlichkeit des Menschen nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen. Dona Gracia Mendesia^) hatte einen klangvollen Namen wie selten eine Frau, den ihre jüdischen Zeitgenossen nur mit Verehrung und Liebe nannten. Mit großartigen Geldmitteln gesegnet und sie nur zum besten anderer und zur Hebung des Geistes weise verwendend, gebot sie über einen Einfluß gleich einer Fürstin und herrschte über Hunderttausende ihr freudig entgegenschlagender Herzen. Man nannte sie die Esther ihrer Zeit. Aber welche Seelenkampfe mußte sie durchmnchen, bis sie sich frei Gracia (Channa) nennen durfte. Der Schmutz der Gemeinheit und Schlechtig. y Die Quellen über den Tod der Märtyrer von Ancona, welcher früher nur aus 8 obalsobslet und gelegentlicher Erwähnung bekannt war, fließen gegenwärtig reichlich. Ein Trauerlied von Jakob de Fano, veröffentlicht in Revue ck. Rt. X, 154 f. Ein Trauerlied von Salomo Chasan, abgedruckt aus einem Loäl. As. in der Zeitschrift Ribunou V, 343 . Die Namen der Märtyrer wurden richtiggestellt von Kaufmann Revue das. I 52 f. Auch ein Mardocha: de Blaues hat ein Trauerlied darüber wie über die Vernichtung des Talmuds gedichtet (p. S. 322 ), das unbekannt ist. Darüber berichtet Graziano, Revue IV yßf.. 11I» 12»°? »TU 1L>» V2»°?21 NUN' '2 12 '2112 "1 2211 .11 °?x 12' 11» 12'p 121 122s. 1'lldo 1"22 1'1N2>2 2»2 '2 21'2 . . >1»2'°> 1'>'2 1)122 1N2 '12. Von christl. Seiten italienische Information (Note 6 ) und aus Aktenstücken Feroso o. S. 325 u. 32 fl, vgl. w. u. Nichts desto weniger hatte ein Kanonikus Cäsar Garibaldi die Unverfrorenheit zu behaupten, daß dieses Martyrium eine Erfindung der Juden sei, in einer Broschüre: ::>: usserto uutoäuts sotto Ruolo IV; vergl. darüber! Revue XI, 149 . , 2 ) Über Gracia Mendesia, ihren Neffen und ihre Familie Note 6 . ^ 330 Geschichte der Juden. keit wälzte sich an sie heran, vermochte aber nicht, die Reinheit ihrer Seele zu trüben. Geboren in Portugal (um 1510, gest. um 1568), aus einer Marranenfamilie Benveniste, wurde sie unter dem christlichen Namen Beatrice an einen reichen Genossen desselben Unglücks aus dem Hause Naßi verheiratet, der den Patennameu Francisco Men des angenommen hatte. Dieser hatte ein umfangreiches Bankgeschäft gegründet, das seine Verzweigungen bis Flandern und Frankreich ausdehnte. Der deutsche Kaiser und Herrscher zweier Weltteile, Karl V., der König von Frankreich und wer weiß, wie viele Fürsten sonst noch, waren Schuldner des Hanfes Mendes. Ein jüngerer Bruder Diogo Mendes stand der Filialbank von Antwerpen vor. Als Beatrices Gatte mit Hinterlassung einer Tochter namens Reyna gestorben war (vor 1535) und die grausige Einführung der Inquisition in Portugal ihr Vermögen, ihr und ihres Kindes Leben zu gefährden drohte, begab sie sich zu ihrem Schwager nach Antwerpen und brachte ein Gefolge mit, eine jüngere Schwester und mehrere junge Neffen. Sie hat ärmeren Marranen die Mittel gereicht, sich ebenfalls dem Feuer der Inquisition durch die Flucht zu entziehen*.) Durch ihre und ihres Schwagers Vermittlung gingen die Summen, welche die portugiesischen Scheinchristeu den päpstlichen Gesandten und Kreaturen bezahlten, um die Inquisition zu vereiteln?) Begüterte Marranen suchten nämlich, wenn sie den Fangarmen der Inquisition unter de Mello (o. S. 268) entgehen konnten, Antwerpen auf, welches damals eine Welthandelsstadt war. Kaiser Karl V., obwohl er das Feuer der Scheiterhaufen in Spanien für die Scheinchristen immer noch ungerührt lodern ließ und die Einführung der Inquisition mit all ihrer Grausamkeit in Portugal befördert hatte, begünstigte doch die Ansiedlung der Marranen aus Portugal in seiner Lieblingsprovinz, den Niederlanden, um ihren Reichtum dorthin abzuleiten?) Mendesias Anwesenheit in der belgischen Hauptstadt war um so notwendiger, als das Hauptgeschäft nach und nach dorthin verlegt war, woran sie einen Hauptanteil hatte, da ihr Gatte ihr die Hälfte seiner Hinterlassen. 0 Samuel Ilsque, Oousols^Lo x. 231. -) Siehe o. S. 262. 2) Herculana, a. a. O. III x. 112. L lutzlaterra, a Hiau?a, ms.8 so- lustudo 08 ?ai8S8baixv8 toivaleeiam (os .Iudeo8 ?ortuAue888) a 8na in- du8ti1a 6 o 8su eommsreio vom 08 slsment 08 (le riquera. Das. 196: . . a rorrsuie da smiKiu^aö . . . dülKia-88 ein boa parts para 08 ?a'i'888- baixos, o qus ba8taiia xara exMear o lavor qus sm Oarlo8 V aebavam «8 loueo8 88loi'yo8 do ouuliado xara ds8truir a cla886 mai8 I'iea, 8 mais inäu8ti1o8s, äv8 xroxio8 S8lado8. L8 oidadse eommsreiae8 de Ulaudres otlsreeiam aoa Obri 8 tiä 08 novv8 partuAU8868, uäo 8ö um reluKio eoutea a iutoleraueia, ma8 tambsm um tlieavro adsquado ä 8ua 1udu8tiio8a ac- tividads. Nuito8 . . . daviam eom temxo buaeado alli a 8SKuran^a s L par: ... Gracia Mendesia und Karl V. 331 schaft urkundlich gesichert hatte. In Antwerpen nahm die Familie Mendes eine geachtete Stellung ein; der junge, gewandte, schöne Neffe Mendesias, Joäo Miques, verkehrte mit den ersten Männern der Hauptstadt und war selbst bei der Statthalterin der Niederlande, Maria, ehemals Königin von Ungarn, Schwester Karls V., sehr beliebt. Indessen fühlte sich Mendesia in Antwerpen nichts weniger als behaglich. Die Liebe zu ihrer angestammten Religion, die sie verleugnen mußte, und der Abscheu vor dem aufgezwungenen katholischen Bekenntnis, das sie täglich durch Kirchenbesnch, Kniebeugung und Beichte betätigen mußte, wobei sie vielleicht gar von Spionen umlauert war, machte ihr Flandern ebenso widerwärtig wie Portugal. Sie sehnte sich nach einein Lande, wo sie dem Zuge ihres für das Judentum glühenden Herzens frei folgen könnte. Daher bestürmte sie ihren Schwager, den Leiter des Bankgeschäftes, der inzwischen ihre jüngere Schwester geheiratet hatte, mit ihr nach Deutschland oder sonst wohin zu ziehen oder den ihr zukommenden Anteil vom Gesamtvermögen herauszuzahlen. Diogo Mendes hatte bereits eine Zeit für die Auswanderung festgesetzt, als er gegen Ende derselben (1540 bis 1546) das Zeitliche segnete; auch er hinterließ eine Witwe und eine Tochter, Gracia die Jüngere. Seit dieser Zeit begannen sorgenvolle Tage für die edle Mendesia. Sie war von ihrem verstorbenen Schivager letztwillig als Haupt des weitverzweigten Geschäftes anerkannt, weil er volles Vertrauen zu ihrer Klugheit und Rechtlichkeit hatte, lind ihr standen nur zwei junge Männer, ihre Neffen, zur Seite. Sie konnte die Geschäfte nicht so rasch abwickeln, um dem Drange ihres Herzens zu folgen und sich auf einem duldsamen Flecken der Erde offen zum Judentum zu bekennen. Dazu kam noch, daß die Habgier Karls V. ein Auge ans das große Vermögen des Hauses Mendes geworfen hatte. Gegen den verstorbenen Diogo Mendes wurde von dem kaiserlichen Fiskal die Anklage erhoben, er habe heimlich judaisiert. Es mag auch bekannt geworden sein, daß er durch Rat und Tat die Gegner der Inquisition in Portugal unterstützt hatte. Ms Strafe dafür sollte das ganze Vermögen, als das eines Ketzers, dem Fiskus verfallen, denn es waren scharfe Verordnungen gegen die Duldung eingewanderter Marranen in Flandern erlassen?) Schon war der Befehl erteilt, die Güter und Handlungsbücher des Hauses Mendes mit Beschlag zu belegen und sie zu versiegeln. Indessen gelang es noch der Witwe Mendesia, die Habsucht durch eine bedeutende Anleihe und Bestechung der Beamten für den Augenblick zu beschwichtigen. In dieser Lage konnte sie noch weniger Antwerpen verlassen, um nicht den Verdacht gegen sich rege zu machen und ihres Vermögens erst recht verlustig zu gehen. So mußte sie unter stetein schweren h Siehe weiter unten das letzte Kapitel. 332 Geschichte der Juden. Seelenkampf noch über zwei Jahre daselbst weilen, bis die Anleihe von dem Kaiser zurückbezahlt war. Endlich schien die Stunde der Freiheit für sie zu schlagen, sie konnte endlich Antwerpen verlassen, uni nach Venedig auszuwandern. Man erzählte sich, ihr Neffe Joäo Miques habe ihre Tochter Reyna, um deren Hand sich hohe christliche Adlige beworben hatten, entführt und sei mit ihr nach Venedig entflohen. Vielleicht war das nur ein von der Familie Mendes geflissentlich ausgebreitetes Gerücht, um ihrer Abreise nach Venedig einen Vorwand zu geben, damit ihr kein Hindernis in den Weg gelegt werde. Indessen hatte ihre Vorsicht keinen Erfolg. Nach ihrer Entfernung befahl Karl V. wiederum, auf die Güter ihres Hauses, so weit sie sich innerhalb seines Gebietes befanden, Beschlag zu legen, weil die beiden Schwestern heimliche Jüdinnen wären, und Mendesia die Ältere (wie sie genannt wurde) mußte wiederum bedeutende Summe aufwenden, um den Schlag abzuwenden. In Venedig begannen für sie (sie nannte sich wohl damals d e Luna) Unglückstage, schlimmer, als sie sie bisher erfahren hatte, denn sie kamen ihr von einer Seite, von wo sie sie am allerwenigsten erwartet hatte, von seiten ihrer jüngeren Schwester. Diese, ebenso unbesonnen und zerfahren, als die ältere gesammelt und charakterfest war, verlangte von ihr die Herausgabe des ihr und ihrer Tochter zukommenden Anteils am Vermögen, um selbständig darüber verfügen zu können. Dona Mendesia mochte und durfte aber nicht darauf ein- gehen, weil sie von ihrem Schwager zur alleinigen Leiterin des Geschäftes und auch zum Vormund über ihre noch unmündige Nichte eingesetzt worden war. Wegen dieser unwillig ertragenen Bevormundung'und wahrscheinlich von schlechten Ratgebern geleitet, tat die jüngere Schwester einen Schritt, der zu ihren: eigenen Nachteil ausschlug. Sie machte der venezianischen Signoria die Anzeige, daß ihre ältere Schwester mit den großen Reichtümern nach der Türkei auszuwandern im Begriffe sei, um offen zun: Judentum überzutreten, während sie selbst mit ihrer Tochter in: Christentum zu verbleiben gedächte; die venezianischen Behörden möchten ihr zu ihrem Vermögensanteil verhelfen, damit sie denselben als gute Christen in Venedig verbrauchen könnte. Tie venezianischen Machthaber, welche dabei einen guten Fang zu machen glaubten, zögerten nicht, auf die Klage einzugehen, luden die Angeklagte vor ihre Gerichtsschranken und gingen so weit, sie in Gewahrsam zu bringen, um ihre Flucht zu verhindern. Ihre übelberatene oder charakterlose Schwester sandte noch dazu einen habsüchtigen und judenfeindlichen Boten nach Frankreich, um die dort den: Hause Mendes zustehenden Güter mit Beschlag belegen zu lassen — gewiß durch Erhebung derselben Anklage gegen ihre ältere Schwester, daß sie judaisiere. Der Bote, welcher sich nicht genug für seine Sendung belohnt glaubte, Gracia Mendesia. 333 denunzierte aber die jüngere Schwester ebenfalls als heimliche Jüdin und bewirkte, daß der französische Hof das Vermögen des Hauses Mendes in Frankreich mit Beschlag belegte. Die Schuld an dasselbe Haus zu zahlen, hielt sich der König Heinrich II. ebenfalls für überhoben. Indessen arbeitete die unglückliche Mendesia daran, die gegen sie und ihr Vermögen geführten Schläge so viel als möglich abzuwenden. Ihr Neffe Joäo Miques spendete mit vollen Händen, um die Verluste abzuwenden, und seine edle Verwandte zu befreien. Entweder er oder sie selbst hatte einen Weg zum Sultan Suleiman gefunden und ihn bewogen, sich der Verfolgten anzunehmen. So bedeutende Reich- tümer sollten in seinen Staat eingeführt werden, und die venezianische Republik, die nur noch, von seiner Gnade existierte, wagt es, sie ihm vorzuenthalten? Das reizte seinen Zorn. Sein jüdischer Leibarzt, Mose Hamon (o. S. 27), der sich Hoffnung inachte, die Hand der reichen Erbin Reyna für seinen Sohn zu gewinnen, hatte den Sultan günstig für die Familie Mendes gestimmt. Ein eigener Staatsbote (Tschaus) wurde von der Pforte nach Venedig abgesandt mit der Weisung, die gefangene Marranin sofort in Freiheit zu setzen und sie ungehindert mit ihren: Vermögen nach der Türkei ziehen zu lassen. Es entstand dadurch eine Spannung zwischen dem türkischen Hofe und der venezianischen Republik, welche später zum Ausbruch kam. Die unbekannt unter dem Namen Mendesia oder Beatrice de Luna lebende Gracia Naßi war die Veranlassung, nicht bloß Venedig, sondern auch den französischen Hof in Unruhe zu versetzen. Wider ihren Willen wurde ihr eine bedeutende Rolle zugeteilt. Inzwischen war es ihr gelungen — man weiß nicht, auf welchem Wege — eine Zufluchtsstätte in Ferrara zu finden unter dein Schutze des Herzogs Ercole d'Este II., wo sie mehrere Jahre (um 1549 bis 1553) zum Segen und zum Tröste ihrer Religions- und Leidensgenossen lebte, und zwar unter ihrem jüdischen Namen. Es war ihr jetzt erst vergönnt, alle ihre hehren Tugenden, ihr weiches Mitgefühl, ihren Edelmut, ihre innige Frömmigkeit, mit einem Worte ihr großes Herz offen und frei zu betätigen. Auch ihre Klugheit und Besonnenheit kam den Marranen in Italien zustatten. Der Dichter SamuelUsque welcher ihr sein schönes Werk „Die Tröstungen für Israels Trübsale" (o. S. 312), gewidmet, sprach mit Begeisterung und tiefster Verehrung von ihr. „Das Herz wird als das edelste und vorzüglichste Organ des menschlichen Körpers gehalten, weil es schneller den Schmerz empfindet als die übrigen Organe. Es muß daher besonders befriedigt werden, wenn es die anderen sein sollen. Es liegt in meiner Absicht, mit diesem kleinen Zweig frischer Frucht unserer portugiesischen Nation (den Marranen) zu dienen. Ist es nicht billig, ihn Ew. Gnaden, als dem Herzen dieses Volkes, zu überreichen, da Sie in den Mitteln, welche 334 Geschichte der Juden. Sie spenden, deren Leiden mehr fühlen als jeder andere? Mich blendet dabei keineswegs die Liebe, daß ich, erlauchte Senora, Ihr Geschöpf bin, der ich durch Taten, Schriften und Werke für die großen Wohltaten danken möchte, welche ich von Ihrer freigebigen Hand empfangen habe. Tenn seitdem Sie angefaugen haben, Ihr Licht zu verbreiten, haben sämtliche Glieder bis zu den kleinsten Geschöpfen dieses Stammes herab die Wahrheit eingesogen, in deren Herzen Ihr Name und Ihr segensreiches Angedenken für ewige Zeiten eingegraben bleiben werden".^) Noch mehr verherrlichte sie der Dichter Samuel Usque im Verlauf seines Werkes. Er läßt seinen Numeo, den Tröster in: Dialoge, unter anderen Trostgründen für Israels Leiden auch den auführen, daß es unerwartete Hilfe durch diese edle Frau erlangt habe. „Wer hat nicht die göttliche Barmherzigkeit im menschlichen Gewände sich offenbaren gesehen, wie sie sich Dir zur Abwehr Deiner Mühseligkeit gezeigt hat und noch zeigt? Wer hat Mirjams inniges Mitleid auferstehen gesehen, das Leben hinzugeben, um ihre Brüder zu retten? Jene große Klugheit Teborahs, um ihre Volksgenossen zu regieren? Jene unendliche Tugendhaftigkeit und Heiligkeit Esthers, um die Verfolgten zu schützen? Jene ruhmwürdige Anstrengung der keuschen Witwe Judith, um die von Angst Belagerten zu befreien? Sie hat der Herr in unfern Tagen vom hohen Heere seiner Engel entboten und alles in eine Seele niedergelegt, und diese Seele hat er zu Deinem Glücke in den weiblichen schönen Leib der segensreichen Israelitin Naßi eingepflanzt. Sie hat in: Anfang der Auswanderung der (Marranen) Deinen dürftigen Söhnen, welche ihr geringes Vermögen mutlos machte, dem. Feuer (Scheiterhaufen) zu entgehen und einen so weiten Weg anzutreteu Kraft und Hoffnung gegeben. Sie unterstützte diejenigen mit freigebiger Hand, welche bereits ausgewandert, in Flandern und iu anderen Gegenden durch Armut geschwächt, von der Seefahrt niedergebeugt und in Gefahr waren, nicht weiter zu kommen, und stärkte sie in ihrer Dürftigkeit. Sie gab ihnen Schutz in der Rauheit der wilden Alpen Deutschlands, iu den: äußersten Elende der Mühsale und Mißgeschicke, die sie betroffen. — Sie versagte selbst ihren Feinden keine Gunst. Mit ihrer reinen Hand und ihrem himmlischen Willen hat sie die meisten dieser Nation (Marranen) aus der Tiefe unendlicher Mühsal, aus Armut und Sünden befreit, sie in sichere Gegenden geleitet und sie unter den Gehorsam der Vorschriften ihres alten Gottes gesammelt. So war sie die Kraft in Deiner Schwäche."^) Die beiden Herausgeber der ferrarisch-spanischen Bibel Abraham Usque und Athias (o. S. 311), welche sie zum Teil der „durch- *) Samuel Usque,. Oousolaqao, Widmung au sic. 2 ) Das. x. 24. Gracia Mendesia. :ZZ5 lauchten Senora Gracia" widmeten, schilderten mit wenigen Worten deren große Verdienste. „Wir wünschen die Übersetzung an Ew. Gnaden zu richten, als an die Persönlichkeit, deren Verdienste unter den Unfern stets den höchsten Platz einnehmen. Möge Ew. Gnaden sie annehmen, sie begünstigen und verteidigen mit dein Geiste, der immer diejenigen begünstigt hat, welche Hilfe von Ihnen verlangten." Freilich hat sie alle drei Usques beschützt; der dichterische Geschichtsschreiber hatte ihr, wie er selbst bekennt, alles zu danken; den Dichter Salomou Usque lDuarte Gomez) hat sie an einem Bankgeschäfte teil- uehmen lassen, mW Abraham Usque hat sie wahrscheinlich zur Unterhaltung der hebräischen und spanischen Druckerei unterstützt. Die Lobeserhebung aus deren Munde könnte parteiisch erscheinen; aber alle, auch die gewissenhaftesten Rabbinen jener Zeit, waren des Lobes von ihr voll und schrieben ebenso begeistert, wenn auch nicht so zierlich, von ihren Tugenden. „Die erhabene Fürstin, der Ruhm Israels, die weise Frau, die ihr Haus in Heiligkeit und Reinheit erbaut. Mit ihrer Hand unterstützt sie Arme und Dürftige, um sie diesseits glücklich und jenseits selig zu machen. Sie hat viele vom Tode gerettet und sie aus der Niedrigkeit des eitlen Lebens erhoben, die im Kerker schmachteten, dem Tode geweiht waren. Sie hat Häuser für die Gotteslehre und Weisheit gestiftet, damit jedermann sich darin unterrichten könne. Sie hat vielen Vorschüsse gemacht, damit sie sich nicht bloß ernähren, sondern auch in Wohlstand leben können. "H Nachdem sich Dona Gracia Naßi auch mit ihrer Schwester ausgesöhnt, welche eingesehen haben mochte, daß sie durch ihre feindselige Haltung gegen jene nur sich selbst gefährdete, nachdem sie deren Tochter, die schöne jüngere Gracia II., mit ihrem Neffen Samuel Naßi in Ferrara verlobt, damit das große Vermögen in der Familie bleiben sollte, und nachdem sie für alle ihre Familienglieder mütterlich gesorgt hatte, führte sie das längst gehegte Vorhaben aus, nach der türkischen Hauptstadt auszuwandern, um allen Anfechtungen auf christlichem Boden zu entgehen. Ihr begabter Neffe, Joäo Miques, welcher mit ihrer Tochter Reyna versprochen war, machte inzwischen weite Reisen, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, in Lyon, Marseille, Rom, Sizilien. Er hatte ihr durch seine Gewandtheit einen guten Empfang in Konstantinopel bereitet. Mit schlauer Diplomatie, die er im Umgangs mit christlichen Staatsmännern gelernt hatte, ließ er sich von dem Gesandten des französischen Hofes, mit dem die Familie Mendes-Naßi in stillem Kriege lebte, von Herrn de Lansac, in Konstantinopel warm empfehlen,^ und fand dadurch daselbst eine günstige Aufnahme. >) Josua Soncin, Rssxx. Nr. 12. -) Oluu'i'ürö, Xs§oeirUioii8 cls I«, kAmus claus Is chsvaM II x. 103, Note. 336 Geschichte der Juden. 'Erst in Konstantinopet trat Joäo Miques offen zum Judentum über, ^ nahm den Namen Joseph Naßi an und heiratete seine reiche Base Reyna. Er war aber nicht allein dahin gekommen, sondern hatte 'ein großes Gefolge von 500 Personen Spanier (Portugiesen) und italienische Juden nachgezogen. Er trat dort gleich anfangs wie ein Fürst auf. Durch seine Gewandtheit, seine Kenntnis der europäischen Verhältnisse und seinen Reichtum wurde Joseph Naßi in den Hofkreis eingeführt und galt viel beim Sultan Suleiman. Aber seine edle Schwiegermutter blieb wie bisher die Hauptleiterin des großen Vermögens. Bald empfanden die jüdischen Bewohner Konstantinopels die wohltätige Hand Dona Gracias und ihres Schwiegersohnes. Sie unterstützten die Armen, legten Bet- und Lehrhäuser an und setzten den Lehrern des Talmud Jahrgehälter aus. Der aus Salonichi wegen erlittener Beleidigung und der Pest nach Konstantinopel ausgewanderte spanische Rabbiner Io s e p h I b n - L a b erhielt seine ganzen Existenzmittel von Gracia und Joseph Naßi. Aber nicht bloß auf Spanier und Portugiesen in der Türkei erstreckte sich ihre Mildtätigkeit, sondern auch auf Deutsche und über Konstantinopel hinaus. Als daher die Nachricht einlief, der Papst Paulus IV. habe die Marranen in Ancona einkerkern lassen, um sie früher oder später verbrennen zu lassen, fühlte Dona Gracia einen brennenden Schmerz wie eine Mutter bei dem Unglück ihrer Kinder. Sie hatte sie alle wie Söhne und Brüder in ihr Herz geschlossen. Doch überließ sie sich nicht einem untätigen Jammern, sondern handelte in Gemeinschaft mit Joseph Naßi tatkräftig. Zunächst wandte sie sich an den Sultan Suleiman, j um ihn anzuflehen, wenigstens die Freiheit derjenigen marranischen ! Juden aus der Türkei, welche in Ancona in Handelsgeschäften anwesend mit eingekerkert waren, zu verlangen. Sie war so glücklich, dieses Gesuch erfüllt zu sehen. Der Sultan Suleiman richtete an den Papst ein Schreiben (9. März 1556)*) in jenem hochmütigen Tone, den sich die -türkischen Herrscher im Gefühle ihrer Macht gegenüber der Zerfahrenheit der christlichen Fürsten erlaubten. Er beklagte sich, daß seine jüdischen Untertanen widerrechtlich eingekerkert worden, wodurch seinem Schatze ein reiner Verlust von 4000 Dukaten und außerdem eine noch größere Einbuße an Einnahmen erwachsen sei, weil die türkischen Juden dadurch ! geschädigt worden wären. Der Sultan bestand darauf, daß der Papst ! die zur Türkei gehörigen Marranen in Ancona sofort in Freiheit setzen sollte, und ließ die Drohung durchblicken, daß er im Falle ungünstiger Aufnahme seiner Vorstellung Repressalien an den unter seinem Zepter wohnenden Christen zu nehmen gedächte. Paul IV. mußte zähne- *) Siehe Note 6. Racheplan der Juden gegen Papst Paul IV. 337 knirschend gehorchen, die Juden aus der Türkei in Freiheit setzen und ungefährdet abreisen lassen. Die übrigen, die keinen mächtigen Schützer hatten, wurden, wie erzählt, verbrannt. Dafür wollten die Juden sich empfindlich au dem Papst rächen, und sie rechneten dabei auf die tatkräftige Unterstützung der Doüa Gracia und ihres Schwiegersohnes. Der Handel der türkischen Juden war sehr bedeutend, alles ging durch ihre Hände, sie konkurrierten mit den Venezianern und sandten ihre eigenen Schiffe und Galeeren aus?) Die jüdisch-levantinischeu Kaufleute hatteu bis dahin, um den Venezianern den Rang abzulaufen, den Hafen von Ancona als Stapelplatz für ihre Waren, die von der Türkei nach Europa und umgekehrt gingen, benutzt. Der Herzog Guido Ubaldo von Nrbino hatte die aus Ancona geflüchteten Marranen in Pesaro nur deswegen ausgenommen, weil er darauf gerechnet hatte, daß der sogenannte levantinische Handel in den Händen der Juden seiner Hafenstadt zugeweudet werden würde. Die Gemeinde von Pesaro und besonders die marranischen Flüchtlinge ließen sich daher angelegen sein, ein Sendschreiben an sämtliche türkische Gemeinden, welche in Geschäftsverbindung mit Italien standen, ergehen zu lassen, ihre Waren nicht mehr nach Ancona, sondern nach Pesaro zu senden.^) Von Pesaro wurde eigens ein Sendbote Juda Farag nach der Türkei beordert, um mündlich zu ergänzen, was sie dem Papier nicht anvertrauen wollten und um ihrem Vorschläge Nachdruck zu geben. In der ersten Aufwallung der Entrüstung über die Untat des Papstes Pauls IV. stimmten viele levantinische Gemeinden diesem Anträge zu (Ellul — August 1556) und inachten miteinander ab, ihn empfindlich zu strafen, ihm die bedeutenden Einnahmequellen von dem levan- tinischen Handel vollständig abzuschneiden. Da aber eine solche Maßregel nur ausführbar und wirksam sein konnte, wem: sämtliche nach Italien handeltreibenden Juden damit einverstanden waren, sagten die Zustimmenden vor der Hand ihre Mitwirkung nur auf acht Monate zu, nicht mehr in Ancona Geschäfte zu machen (bis März 1557), damit inzwischen die wichtige Angelegenheit, welche so tief in die Geschäftsinteressen eingriff, Wohl erwogen und die Zustimmung aller europäischtürkischen Juden erzielt werde. Die besonders dabei beteiligten Juden von Pesaro und die ehemaligen Marranen im türkischen Reich gaben sich natürlich alle Mühe, einen gemeinsamen Beschluß, den Papst und seine Hafenstadt in den Bann zu tun, durchzusetzen. Es wurde dafür unter anderen geltend gemacht, der Herzog Guido Ubaldo habe nur in >) Vlberl Relnsioni 8eris III 1. I x. 275, Bericht des venezianischen Gesandten Marino Cavalli. 2) Die Sendschreiben der Pcsarenser an die Levantiner hat David Kaufmann veröffentlicht Revue ü. Rt. XVI, 66 f. Bergt, über die Jnzidenzpunkte dieses Faktums Kaufmann das. 6t f. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 22 338 Geschichte der Juden. Aussicht auf Gewinn von dein pesarenischen Hafen den Marranen ein Asyl geboten, und diese hätten sich ihm verpflichtet, dafür zu wirken. Er habe die Zumutung des Papstes, die Flüchtlinge zur Bestrafung auszuliefern, zurückgewiesen und sich dadurch dessen Zorn zugezogen, da er ihn seines Kapitanats entsetzt habe, das ihm so und so viel einbrachte, alles um der Juden willen. Es sei daher zu befürchten, wenn die levantinischen Juden nach wie vor nach Ancona Geschäfte machen sollten, daß der Herzog die Marranen in Pesaro der Wut des Papstes überliefern werde; es sei also die größte Lebensgefahr für sie, zu deren Abwendung jeder Jude religiös verpflichtet sei. Der Bann, welcher zuerst von dem Rabbinate in Salonichi über diejenigen, welche Ancona geschäftshalber aussucheu würden, ausgesprochen wurde, hatte in der Tat eine für diese Stadt empfindliche Wirkung. Ein Jahr ungefähr nach Entzündung des Scheiterhaufens in dieser Stadt klagte der Magistrat beim Papste über den Verfall ihres Wohlstandes. Wenn er nicht für Abhilfe sorgte, würde Ancona, das mit den anderen Seehäfen gewett- eifert habe, zu einem unbedeutenden Flecken herabsinken (10. August 1556) i). Die auconesischen Juden,swelche nicht zu den Marranen gehörten, erlitten dadurch ebenfalls bedeutenden Verlust und säumten nicht, auch ihrerseits Schreiben durch ihren Rabbinen MoseBasula (einen in Ansehen stehenden Kabbalisten) an die türkischen Gemeinden zu richten und sie zu beschwören, keinen bindenden Beschluß zu fassen, weil sie selbst dadurch in große Gefahr geraten würden bei dem leidenschaftlichen Gemüte des Papstes, der sie unfehlbar ins Elend jagen würde, wenn er erfahren sollte, daß die Juden Rache an ihm zu nehmen gedächten. Dagegen sei für die Pesarener nichts zu fürchten, da Guido Ilbaldo ein einsichtsvoller Fürst sei und die Marranen nicht für das Verhalten der levantinischen Juden verantwortlich machen würde. Er habe auch ohne weiteres einen Aufruf ergehen lassen, daß die flüch- si Die Klage der Anconenser beim Papste über den Verfall ihrer Stadt hat §ero8o (Llnroni) aufgefunden: Lentiseiins ?nter. Im innliKnitn Krnncls äslli xsrlicli innrrnui ns skorra, contra OKni uostro volsrs n 1n8ti«1inrs In bsniZnitn äi v. Lns, gnnli bnnno nvuto tnntn poeennsn, gns bnnno inäotto nlcnni ebrsi n tnr csrts loro innlsclstts 8coiunniclis st scslsrnts innlscli- sioni äs' loro rnbini in nnn eiunKOAn äi Lnloniccbio st Mblicnrs in inolti Inosin, per 1e gnnli proibiscono il vsnirs et innnclnrs inercnnnie et rode >1i vKni sorts in Ancona, st linuuo lsvnto totnlinsnts il trnküco et eommsrcio clslls robs cli Iisvnnts cli gnestn cittn, st linnno lnvinto in keenro, ovs 8i riclucono st trntüenno nl inseents 888i wnrrnni, cli innniein ebs ls tncsnäs 8vno in Kinn xnrts esssnts st vnnno innnennäo c>Ani cli xin cli tnl 8orts, gns 8S In bontn clslln 8tn. Vrn. non ci eoeorrs, gnsstn cittn . . rsstsrn nbbnnäonntn st äsrslittn st 8nrn coms nu cnstsllo o nun vllln ... ln gnnls 8vlen s8ssrs pienn äi nsK 02 i et trntücln, gnnnto nltrn nobil cittn cl'Itnlin. Mitgeteilt in Lsvus das. 618 Note. Uneinigkeit der Rabbinen bezüglich des Racheplanes. 339 tigen Marranen aller Länder in seinem Staate das Judentum offen bekennen dürften. Inzwischen hatte die Entrüstung der türkischen Juden gegen den Papst vielfachem Bedenken materieller Art Platz gemacht. Die jüdischen Kaufleute, welche ihre Schiffe nach Pesaro geschickt hatten, fanden, daß der dortige Hafen nicht dieselbe Sicherheit bot, wie der von Ancona. Guido Ubaldo hatte zwar versprochen, ihn zu verbessern; aber daraufhin mochte der jüdisch-levantinische Handelsstand seine Kapitalien nicht wagen. Aller Augen waren daher auf die Hauptgemeinde von Konstantinopel gerichtet; dorthin hatten die übrigen Vertreter der Handelsplätze Salonichi, Adrianopel, Brussa, Aulona, Morea Schreiben gerichtet, die Angelegenheit wohl zu erwägen und ihre Interessen zu berücksichtigen. Hier hatte natürlich Dona Gracia und Joseph Naßi die Hauptstimme, und sie waren von vorn herein entschieden dafür, den unmenschlichen Papst empfindlich zu züchtigen. Sie hatten zugleich allen ihren Agenten die Weisung erteilt, die Waren ihres Hauses nach Pesaro zu expedieren. Auch die portugiesischen und ein Teil der spanischen Gemeinden in der Türkei waren sofort damit einverstanden, einen durchgreifenden Beschluß zu fassen und unter Androhung des Bannes der jüdischen Handelswelt zu verbieten, Geschäfte nach Ancona zu machen. Es zeigte sich aber in Konstantinopel selbst eine kleine Opposition, indem ein Teil der Kaufleute seine Interessen durch die Bevorzugung von Pesaro zu gefährden fürchtete. Die Sache lag also in der Hand der Rabbinen von Kon- stantiuopel; wenn diese sich einstimmig dahin aussprächen, daß aus Rücksicht auf die nahe Gefahr der pesnrener Marranen der Hafen von Ancona zu meiden sei und die Übertreter dieses Verbotes dem Banne verfallen sollten, so würde ihre Autorität ins Gewicht fallen und den Ausschlag geben. Die Rabbinen von Salonichi und den übrigen großen türkischen Gemeinden würden ihnen unfehlbar Nachfolgen. Gracia und Joseph Naßi bewogen daher den von ihnen unterstützten Rabbinen Joseph Ibn - Lab , die übrigen Rabbinen der verschiedenen Konstautinopeler Gemeindegruppen zn bestimmen, sich für die Züchtigung des Papstes auszusprechen. Anfangs hatte auch ihr Vorhaben einen guten Fortgang. Drei Rabbinen, die Spanier Salomo Jbn-Billa und Samuel Saba, sowie ein rvmaniotischer, der angesehene Greis A brahamIe r u s ch a l m i auf seinem Sterbebette, Unterzeichneten den gefaßten Beschluß. Jbu-Lab hatte ein rabbinisches Gutachten darüber ausgearbeitet, worin er es nach dem Wunsche Dona Gracias als selbstverständlich hinstellte, daß ein allgemeines Verbot erlassen werden müßte, nach dem päpstlichen Ancona Geschäfte zn machen. Aber zwei Rabbinen waren gegen einen solchen Beschluß, Iosua Soncin, ein eingewauderter Italiener, aber Rabbiner einer der 340 Geschichte der Juden. spanischen Gemeinden, und ein Rabbiner einer deutschen Gemeindegruppe. Jener erklärte, er könne es nicht über sich gewinnen, dem gewünschten Beschlüsse seine Unterschrift zu geben, bis er die Überzeugung gewänne, daß die in Ancona wohnenden Juden dadurch keinerlei Gefahr ausgesetzt würden; sonst hieße es das Leben der einen durch das Leben der andern retten zu wollen. Für ihn war das Sendschreiben des Rabbiners Mose Basnla maßgebend, daß den Juden von Ancona eine größere Gefahr drohe, falls der Beschluß ausgeführt würde. Josua Svncin war entrüstet darüber, als einige Speichellecker der Dona Gracia hinwarfen, auf das Zeugnis des Mose Basnla sei nichts zu geben; er sei möglicherweise von den anconesischen Kaufleuten bestochen worden. Darüber rief jener Weh aus, ob denn die Rabbinen, die Lehrer der Thora den katholischen Priestern (damaliger Zeit) gleichzusetzen wären daß sie ans Eigennutz handelten! Josua Soncin schlug daher vor, einen eigenen Eilboten nach Italien, namentlich nach Padua an den allgemein geachteten, gewissenhaften Rabbinen Me kr K a tz e n e l l e n b o g e n zu senden, damit dieser, in der Nähe des Schauplatzes, darüber endgültig entscheiden sollte, auf welcher Seite eine größere Gefahr zu befürchten sei; er selbst wolle die Kosten des Sendboten tragen. Sv sehr auch Josua Soncin Joseph Naßi zugetan war und so sehr er Dona Gracia bewunderte, so mochte er doch nicht aus Liebedienerei sein Gewissen beschweren und ans den Vorschlag ohne weiteres eingehen. Er erklärte rund heraus, er könne vor der Hand sich nicht an dem Beschlüsse beteiligen. Auch der Rabbiner der deutschen Gemeinde versagte den Beschluß in seiner Synagoge bekannt zu machen, und opferte dadurch seinen Jahrgehalt, den er von Joseph Naßi bezog. Denn dieser, obwohl von edler Gesinnung, konnte keinen Widerspruch vertragen, war ein wenig gewalttätig und mag in dieser Angelegenheit Recht gehabt haben, da er den Herzog Guido Ubaldo besser als die Rabbinen kannte und wenig auf dessen Judenfreundlichkeit rechnete, wenn derselbe keinen Gewinn davon ziehen würde. Da nun in der Hauptgemeinde Konstantinopels kein einstimmiger Beschluß zustande kam, so waren die jüdischen Kaufleute der übrigen türkischen Gemeinden froh, ihren Handel nach Ancona fortsetzen zu können. Vergebens forderte Dona Gracia, die es als eine Herzensangelegenheit betrachtete, den Marranen in Pesaro Vorschub zu leisten, ein Gutachten von dem Rabbinate der Gemeinde Safets, das durch dessen zwei Vertreter, Joseph Karo und Mose di Trani, die höchste Autorität in der morgenländischen Judenheit genoß. Der Bann der Rabbinen über den Papst Paul IV. trat nicht in Wirksamkeit.i) Während die Rabbinen >) Josua Soncin, RssM, Nr. 39, 40; Rssxx. Jbn-Lab II p. 63; Lssxx. Mose di Trani I Nr. 237. Ausweisung der Marranen aus Pesarv. 341 noch berieten, trat zum großen Schmerze der Dona Gracia und ibrer Anhänger endlich doch das ein, was sie befürchtet hatte. Der Herzog Guido Ubaldo, welcher seine Erwartung getäuscht sah, seine Hafenstadt Pesaro zum Mittelpunkte des levantinisch-jüdischen Handels erhoben zu sehen und von dem Papste in judenfeindlichem Sinne bestürmt wurde, wies die in Pesaro aufgenommenen Marranen wieder aus (März 1558). Man muß es ihn: indes noch hoch anrechnen, daß er sie nicht den Schergen der Inquisition überliefert hat. Die Ausgewiesenen steuerten auf gemieteten Schiffen meist ostwärts. Die päpstliche Schiffspolizei lauerte ihnen aber auf, und sie entkamen nur mit Not. Einige von ihnen gerieten in Gefangenschaft und wurden als Sklaven behandelt?) Ter ebenso geschickte wie menschenfreundliche marranische Arzt Amatus Lusitanus, der eine kurze Zeit in Pesaro geweilt und dann in Ragusa vielen Christen das Leben gerettet oder die Gesundheit wiedergegeben hatte, mußte ebenfalls die christliche Erde verlassen und nach der fast jüdischen Stadt Salonichi auswandern (1558 bis 1559)?) Auch den Marranen in Ferrara scheint dieses Jahr Unglück gebracht, und der Herzog ihnen den Schutz entzogen zu haben, denn die Druckerei des Abraham Usque wurde in diesem Jahre eingestellt?) Der Kardinal Michele Ghislieri, nachmaliger Papst Pius V., welcher zu der zelotischen, mönchischen Partei gehörte, richtete ein Schreiben an diesen Herzog mit der Aufforderung den Dichterling Jakob da Fano, welcher den Märtyrertod der Marranen in Ancona in Versen verherrlicht (o. S. 328), und den Druckereibesitzer, der sie veröffentlicht hatte (Abraham Usque?) zu bestrafen, da doch die Ketzer gerechterweise verbrannt worden seien?) Joseph Naßis Bruder, D o n S a m u e l N a ß i, welcher die Geschäfte des Hauses in Ferrara leitete, wurde von dem Herzog Ercvle so sehr chikaniert, daß jener erst die Vermittlung des türkischen Hofes anrufen mußte, um freie Übersiedlung nach Konstantinopel zu erlangen?) Ein drohender Blick des ungläubigen Sultans vermochte mehr bei den christlichen Fürsten als die Stimme der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Je mehr sich der Papst Paul IV. dem Grabe näherte, desto rasender wurde er gegen die Juden. Weil ein Jude, David d'A scoli, es gewagt hatte, das Dekret des Papstes, gelbe Hüte zu tragen, in einer 9 Joseph Kohen, Umsk Im-Uaolm p. 119. 9 Seine VI. 6sntnria ist in Ragusa geschrieben; 1558 nahm er Abschied von seinen italienischen Freunden. Die VII. Lentnrm 1559 schrieb er schon in Salonichi. 9 De Rossi, ia. Uebraeo-Vsrrarsnsi p. 14. 9 Veroso in Uevns ) Italienische Information Note 6. Verbrennung des Talmuds. 343 Ottolenghi aus Ettliugeu (blühte 1540 bis 1576) ein Lehrhaus eröffnet, den Talmud gelehrt uud rnbbiuische Schriften drucken lassen?) Jeder Besitzer von Talmudexemplaren ließ sie daher heimlich nach Cremona bringen, und so entstand dort eine reichhaltige Niederlage dafür, von wo aus sie nach dem Morgenlande, Polen und Deutschland exportiert wurden. Diese allerdings dürftige Religionsfreiheit behielten die Juden auch unter den Spaniern, welche mit Paul IV. Krieg zu führen gezwungen waren. Nachdem der Papst sich zu einem schimpflichen Frieden bequemen mußte, saun er darauf, die jüdischen Schriften auch in Cremona verbrennen zu lassen. Die Dominikaner, diese Polizei des Papsttums, bearbeiteten in seinem Sinne die Bevölkerung, um einen Druck auf den Statthalter, den spanischen Herzog von Siesa (Sessa) auszuüben. Aufreizende Schriften wurden in Cremona verbreitet, welche das Volk geradezu aufforderten, die Juden totzuschlagen (8. April 1559). Einige Tage später wurde der Statthalter von zwei Dominikanern, von denen der eine, Sixtus Senensis, ein getaufter Jude war, angegangen, einen Scheiterhaufen für Talmudexemplare zu errichten, da er lauter Schmähungen gegen Jesus usw. enthalte. Da der Herzog von Siesa der Klage der Dominikaner nicht ohne weiteres Glauben schenken mochte, traten zwei Zeugen gegen den Talmud auf (17. April), der getaufte Jude Vittorio Eliano, Tochterenkel des jüdischen Grammatikers Elia Levita (o. S. 320), und ein gewissenloser deutscher Jude Josua dei Cantori (?), der in Streit mit Joseph Ottoleughi lebte und dadurch Rache au ihm nehmen wollte. So wurde denn der spanische Statthalter von Mailand von der Gemeinschädlichkeit des Talmuds überzeugt und gab seiner Soldateska den Befehl, in den Häusern der Juden von Cremona und in den Druckoffizinen Haussuchung zu halten, sämtliche Exemplare zusammenzuschleppen und damit einen großen Brand anznlegen. Zehn- bis zwölftausend Bücher wurden bei dieser Gelegenheit verbrannt (April oder Mai 1559)?) Hat doch dieser Papst sämtliche in ') In Riva di Trenta von 1559—1562, vergl. Ersch und Gruber, Enzyklopädie, oeot. II B- 28, S. 16. 'h Quellen: Sixtus Senensis, Libliotlieea 8aoro. II 8. v. traäitio»e8, IV; 8. v. eataloKuo sxpositoiuin — Radbiuornm: l?lu8 V. . . eum nute pouti- ÜLLtuin suuiu anno 1559 misit ins Lremouam aä aboleuüos llialmnäieos . . libi'os, quo8 .luckasi ex omui t'si's Italia iu eam nrbsm, taugnam in eomirmus suckaieas uationi8 eonvsitsruut. Joseph Kohen das. p. 120 fg. Es ist kein Zweifel, daß einer der das. erwähnten wamo Sixtus Senensis war, der vom Franziskanerorden zu den Dominikanern übergetreteu war. Endlich ist noch eine Quelle dafür „der Auszug eines Aktenstückes (Wolf, in Maskir I, S. 131): „17. April 1559 Kanonikus Bittorio Eliano, getaufter Jude, und Josua dei Cantori, ebenfalls getauft, legen gegen den Talmud Zeugnis ab." Der letztere ist ohne Zweifel identisch mit Josua an p bei Joseph Kohen das-, 844 Geschichte der Juden. Italien Vorgefundenen Schriften der Protestanten und selbst die Bibel, welche in neuere Sprache übersetzt war, anfsuchen und verbrennen lassen. Wie sollte er den Talmud verschonen. Beinahe wäre Vittorio Eliano, der boshafte Täufling, durch den Scheiterhaufen für den Talmud selbst zu Schaden gekommen. Denn die spanischen Soldaten, denen der Befehl zugegangen war, auf die Schriften.der Juden zu fahnden, kümmerten sich wenig darum, ob dieselben talmudischen oder andern Inhalts waren. Sie hätten daher um einHaar auch die kabbalistische Grundschrift, denSohar, das Schoßkind des Papsttums, mit verbrannt. Seit der Schwärmerei Picos de Mirandola und noch mehr Reuchlins, des Kardinals Egidio de Viterbo, des Franziskaners Galatino für die Mystik glaubten nämlich die orthodoxesten Kirchenlehrer und Kirchenfürsten steif und fest, die Kabbala enthalte die Mysterien des Christentums. Der Vernichtungsbann, welcher gegen den Talmud geschleudert wurde, traf daher den Sohar, das kabbalistische Grundbuch, nicht. Ja, er wurde gerade unter dem Papste Paul IV. mit Bewilligung der Inquisition von Emanuel de Benevent zuerst gedruckt?) Die Kabbala sollte sich auf den Trümmern des Talmuds aufbauen. Die angesehenen italienischen Rabbinen, Me Ir von Padua und andere gaben zwar nicht ihre Einwilligung dazu, sie trugen Scheu, dasjenige, was eine Geheimlehre bleiben sollte,. durch den Druck jedermann zugänglich machen zu lassen. Allein der eingefleischte Kabbalist Mose Basula (o. S. 338), ferner ein Rabbiner aus Mantua M o s e P r o v e n z a l i und ein hergelaufener Halbrabbiner Isank ben Emanuel de Late s,2) der es im Älter nicht weiter als bis zum Hauslehrer bei Isaak Abrabanel II. in Ferrara gebracht hat, diese drei unterstützten und förderten die Veröffentlichung des Sohar (Mantua 1558 bis 1559). der durch einen Streit mit Ottolenghi das Verbrennen des Talmuds veranlagt hatte. Aber bei Kohen gilt er als Jude (das. p. 121): w '-i.i' ov ,-b>- p-,ü> xb, an. Der Name nn p scheint ein Spitzname zu sein. Dei Cantori ist schwerlich identisch mit der Familie Cantärini. — Auch die Notiz von dem Pasquill gegen die Inden von Cremona (Wolf das.) gehört zn diesem Faktum von der Hetze gegen, den Talmud. 9 Zuerst H7, >^, die Einl. zum Ganzen, Mantua 1558. 2) Mose Basula gab eine Approbation zu n-> >n.m, die letztern zum i.in, de Lates' Approbation von Pcsaro 1558 in der Princepsausgabe und ein apologetisches Gutachten in seinen Lsspp. (ediert von M. I. Friedländer, Wien 186V). Aus diesen Resxonsen ließen sich de Lates' Biographica zusainmentragen, wenn es sich überhaupt lohnte. Aus den apologetischen Rsspx. das. geht hervor, daß der Druck des Sohar mit Bewilligung der Zensur erfolgte: i.in.i nwn.n m-brE Mose Basula machte den Einwand gegen den Sohar geltend: ,:>rN2N nbl ML L1LPV L'WLN nslLP 'Idol L.nn.1 'L L'VLLV OMI); s. B. VII. S. 473. Erhaltung des Sohar. 345 Noch während des Druckes in Mantua wollten ihn aber einige italienische Rabbinen verbieten und den Bann über die Herausgeber aussprechen, weil das Papsttum den Talmud verbrennen ließ und ihn verschonte und weil die Beschäftigung mit dem Sohar zur Ketzerei führe und er daher weit eher verdiente, dem Gebrauche entzogen oder gar verbrannt zu werden. Aber Isaak de Lates trat als geharnischter Kämpfer für ihn und die Herausgeber auf. Unter den albernen Gründen, die er dafür anführte, ist einer charakteristisch, „daß durch die kabbalistische Betrachtung die Übung der Ritualien nicht so nüchtern, trocken, geistlos, wie angelernte Menschengebote erscheine." So wurde der Druck des Buches fortgesetzt, welches dem Judentum fast schwerere Wunden beigebracht hat als alle bisherigen Schläge. — Ans Brotneid auf die Mantuaner Herausgeber, weil der Absatz in Italien und dem Oriente viel Gewinn versprach, ließ ein christlicher Verleger Vicenti Conti in Cremona in derselben Zeit ebenfalls den Sohar drucken, versprach viel inehr zu liefern, um die Mantuaner Ausgabe zu verdächtigen, hielt aber nicht Wort, sondern gab einen fehlerhaften Text heraus. An diesem C r e m o n e s i s ch e n Sohar war der getaufte Enkel des Elia Levita, der giftige Kanonikus Vittorio Eliano, beteiligt, und er scheute sich nicht, ein marktschreierisches hebräisches Vorwort dazu zu schreiben, um Kundschaft anzulocken und seinen Namen dabei zu nennenD) Ms nun während des Druckes die spanischen Soldaten nach jüdischen Schriften in Cremona suchten, fanden sie zweitausend Exemplare des Sohar und waren im Begriff, auch sie auf den Scheiterhaufen zu werfen. Vittorio Eliano und seine Geschäftsgenossen wären dadurch beinahe um ihren Gewinn und ihre Auslagen gekommen. Aber ein anderer Täufling, jener S i x t u s v o n S i e n a, der selbst schon wegen Ketzerei den Scheiterhaufen bestiegen hatte, von einein Kardinal — zur Schädigung der Juden — gerettet wurde und von der päpstlichen Inquisition den Auftrag hatte, den Talmud in Cremona vernichten zu helfen, tat der Wut der spanischen Soldaten Einhalt und rettete den Sohar.?) So wurde für den Augenblick der Talmud verbrannt und der Sohar verschont. Es war ein richtiger Instinkt der Judenfeinde, diese geistige Giftquelle den Juden zu lassen, in der Hoffnung, daß die Anhänger des Sohar sich eher vom bestehenden Judentum lossagen würden. Durch den Druck wurde der Sohar immer mehr als ein kanonisches Buch verehrt, und eine geraume Zeit wurde in jeder hebräischen Schrift, die nicht gerade trocken talmudisch gehalten war, der Sohar ebenso wie Bibelverse und gleichberechtigt mit der heiligen Schrift angeführt. Aber die Liebe des Papstttums U Zum Schlüsse der Cremonenscr Ausgabe heißt es- >"v .i7ui>2 .IN'")»! '1N7, 2'P7P727I 117) l'INÜ'I "727 MN7N '"x, 2"» 2) Sixtus Seuensis das. uä uomsu 8imou den. .laelm^. Z46 Geschichte der Juden. zur Kabbala dauerte nicht lange; einige Jahre später wurden auch die kabbalistischen Schriften in den Katalog der zu verbrennenden Schriften (Incksx oxgnrK-riorius) gesetzt?) Pauls IV. Feindseligkeit gegen die Juden und ihre Schriften blieb nicht auf Italien beschränkt, sondern erhielt, durch den von ihm entzündeten fanatischen Geist genährt, größere Ausdehnung. Getaufte Juden waren stets die Werkzeuge solcher Verfolgungen. Ein solcher Täufling Ascher aus Udine erhob ebenfalls Anklagen gegen die jüdischen Schriften in Prag, und die Obrigkeit konfiszierte alle samt und sonders, auch Gebetbücher, an achtzig Zentner, und schickte sie nach Wien (1559). Die Vorbeter waren infolgedessen genötigt, in der Synagoge auswendig vorzutragen. Ein Feuer, das in derselben Zeit (17. Tamus — 22. Juni) in Prags Judengasse ausbrach und einen großen Teil ihrer Häuser — 72 — in Asche legte, zeigte noch mehr den fanatischen Haß der Christen gegen sie. Anstatt den Unglücklichen beizuspringen und Rettung zu bringen, warfen sie selbst schwache Weiber in die Prasselnden Flammen und plünderten die Habseligkeitencher Juden. Als wenn das Maß des Unglückes für sie nicht voll gewesen wäre, machte der seit einem Jahre zum Kaiser eruannte Ferdinand 1. mit der Ausweisung der Juden aus Böhmen und Prag Ernst. Noch beim Leben des Kaisers Karl V. hatte er als Erzherzog demselben vorgeschlagen, die Juden aus dem böhmischen Lande zu vertreiben, weil sie mit Münzen und Zinsen nicht nach Gebühr verführen — auf die Zustimmung des Landtages konnte bestimmt gerechnet werden. Ein halbes Jahr später wiederholte er diesen Antrag, die Juden aus Prag Zu vertreiben, die Synagogen in Kirchen zu verwandeln und ihre Häuser zu verkaufen. Er hatte sich auch vergewissert, daß sich viele Käufer für die Häuser finden würden und der Fiskus dadurch keine Einbuße erleiden würde (10. Oktober bis 16. November 1557). Indessen hatten die Juden doch eine Galgenfrist erlangt; sie durften noch aus jährliche Kündigung bleiben?) Kaiser Ferdinand war zwar ein milder Fürst, der an dem Frieden zwischen Katholiken und Protestanten ernstlich arbeitete, aber gegen die Juden hatte er eine unüberwindliche Antipathie. Er war es, der zuerst für die wenigen österreichischen Juden die Zettelmeldung oder die Judenzettel einführte. Er hatte verordnet, daß jeder in Österreich wohnende Jude, wenn er geschäftshalber nach Wien käme, sich in der kürzesten Zeit beim Landesmarschall melden und angeben sollte, womit er Geschäfte zu y Das. acl uomsu Hsärag: 6eterum sx äeersto sauetas koinaoae iimuiaitionis owuss libri . . ack Labbalam pertinentes nupsr (vor 1564) ckamnati sunt. 2) Wolf Aktenstücke in Maskir IV, S. 150. David Gans acl annum 5319, Joseph Kohen a. a. O. x. 123 fg. Ausweisung der Juden aus Niederösterreich. 347 treiben und wie lange er daselbst zu weilen gedächte. Fremde Juden, die nicht K a m in e r g u t waren, mußten sich ebenfalls wegen eines Zettels melden, durften aber nicht länger, als ihnen der Stadtrichter bewilligt hatte, dort bleiben. Auch sollten die Juden, österreichische wie fremde, nur in zwei Herbergen verkehren, und wem: sie anderswo betroffen würden, dafür schwer bestraft werden. Vergessen war nicht, daß sie während ihres Aufenthaltes in Wien zur Unterscheidung die Judenabzeichen tragen müßten. Inmitten dieser Unduldsamkeit zeigt sich indes ein Zug der Milde in Ferdinands Verfügung. Das Dekret zur Beschränkung der inländischen Juden von: Lande sollte nicht öffentlich bekannt gemacht werden, .,weil ihnen dadurch auf dein Lande, in Dörfern und Märkten, bei den: gemeinen Manne große Verachtung, Unwillen und Gefährlichkeit zngezogen werden könnte, und leichtfertige Christen vorgeben könnten, den Juden wäre die Stadt Wien wegen großer Verbrechen und Übeltaten verboten". Die Anzeige von der Verfügung sollte den jüdischen Vorstehern geinacht werden, damit diese die andern unter einander vor Übertretung warnten. Dagegen sollte die Beschränkung der auswärtige:: Juden öffentlich bekannt gemacht werde::; wenn diese voi: leichtfertigen Personei: gefährdet werden sollten, hätte es nicht so viel auf sich?) Dieser Beschränkung der Juden ließ Ferdinand andere folge::, bis er ihre Ausweisung mit ihre:: Weibern, Kindern, Gesinde, Hab und Gut ans den: Lande Niederösterreich und Görz bis zum nächsten Johannestage befahl?) Sie erhielten zwar nach und nach Aufschub zur Auswanderung auf zwei Jahre, aber doch mußten sie endlich den wandernden Fuß in die Fremde setze::?) Dasselbe Los dachte Kaiser Ferdinand auch der alten Gemeinde von Prag zu. Was die Veranlassung dazu gewesen sein mag, ist je nachdem leicht oder schwer zu erraten. Die Prager Gemeinde stand damals bei ihren Schwestern in sehr üblen: Rufe, als niedrig, habsüchtig, gewissenlos, gewalttätig und streitsüchtig. Selbst vor Meineid schreckten viele Gemeindemitglieder nicht zurück. Die Vorsteher und ihre Verwandten durften sich alle Ungerechtigkeiten erlauben, und die Bedrückten erhielten kein Recht. Um die Besetzung der Rabbinen und die Wahl der Vorsteher entstanden regelmäßig so heftige Streitigkeiten, daß auf des Kaisers Veranlassung die angesehensten Rabbinate Deutschlands und Italiens eine Wahlordnung für die Gemeinde von Prag ausarbeiten mußten, Me: r von Padua, Jakob von Wo r ins (Oberrabbiner sämtlicher deutschen Gemeinden) und Elieser Treves in Frankfurt a. M?) Das Prager Rabbinats- h Urkunden von 1S48 bei Wertheimer,'Juden in Österreich I, S. IlOfg. 2) Das. S. 118 von 1554. b) Das. und S. ig 4 »on izzg. ch Wolf Aktenstücke, Maskir, Jahrgang 1861. S- 151, Note. 348 Geschichte der Juden. kollegium dieser Zeit, aus drei unbedeutenden Männern bestehend, war so kraftlos, daß unter seinen Augen Verbrechen geschehen durften. Mit großer zynischer Offenheit wurden falsche Zeugen gesucht und gefunden. Auf Angeberei mußte sich jedermann gefaßt machen. Der Grund dieser trüben Erscheinung war wohl, daß bei der Zurück- berusung der Juden nach der zwei Jahrzehnte vorher stattgefundenen Ausweisung nicht die bessergesinnten Juden, sondern nur die Hefe wieder nach Prag zurückgekehrt war. Die Christen wurden gewiß von diesem jüdischen Gesindel vielfach übervorteilt. Aber schwerlich waren die Christen derselben Klasse gesitteter und gewissenhafter. Die Anschauung war aber damals einmal so. Die christliche Gesellschaft übte gegen ihre Glieder große Nachsicht, an die Judenheit dagegen stellte sie die Anforderung der Tugendhaftigkeit und Rechtlichkeit mit äußerster Strenge. Über die zweite Austreibung der Juden aus Prag wurde übrigens lange verhandelt, denn selbst die Erzherzöge, die sich damals im Lande befanden, waren entschieden dagegen; sie erfolgte aber dennoch (1561)?) Die Abziehenden wurden von Raubrittern überfallen und ausgeplündert. Aber auch damals, wie nach der ersten Ausweisung schien es, als wenn die Prager Christen oder wenigstens der Adel eine Sehnsucht nach den Juden empfände. Kaum waren sie ausgetrieben, so geschahen schon wieder Schritte, sie zurückzurufen, und die Erzherzöge begünstigten sie. Ter Kaiser Ferdinand wies aber das Gesuch um abermalige Zulassung der Juden unter dem Vorwände oder mit aufrichtiger Einfalt ab, er habe geschworen, die Juden aus Prag auszuweisen und dürfe seinen Eid nicht brechen. Darauf unternahm ein edler Jude von Prag eine Reise nach Rom, um von dem neuen Papste Pins IV. — der judenfeindliche Paulus IV. war bereits gestorben — die Entbindung des Kaisers vom Eide zu erwirken. Dieser edle Mann war M a r d o ch a I Ze m a ch ben Gerschon aus der berühmten Druckerfamilie Soncin, deren Urahn Gerson oder Girolamo Soncino nicht bloß schöne hebräische, sondern auch lateinische Druckschrift gießen ließ und neben rabbinischen Schriften auch Petrarcas Gedichte herausgegeben hat, und deren Glieder in mehreren Städten der Lombardei, in Konstantinopel und Prag jüdische Druckereien mit vielein Erfolg betrieben?) Obwohl Mardocha't Zemach von der Prager Gemeinde schwere Kränkungen an seiner Ehre erfahren hatte, und seine verehelichte Tochter trotz ihrer Unschuld, eine zweite Susanna, von falschen Zeugen des Ehebruchs bezichtigt und von >) Quellen Mardocha't Jafa I. Eint.: nniQ lein; nun mir'? . . . Gans das. I. Joseph Kohen das. und 137. von Herrmann, Geschichte der Inden in Böhmen S. 41. 2) Zunz in Geigers Zeitschrift I. S. 38 fg. Erich und Gruber Enzykl. I. seet. 38 S. 42, Maskir I. 126 ff . Kaiser Ferdinand I. 349 feigen Rabbinen verurteilt worden war, so ließ er sich doch bereit finden, Opfer zugunsten der Prager Gemeinde zu bringen. Er unternahm zum angegebenen Zweck eine Reise nach Rom unter vielen Mühsalen und Fährlichkeiten. Seine Muhe war von Erfolg gekrönt. Der Papst, welcher damals die Macht zu binden und zu losen hatte, entband den Kaiser seines Eides, und dieser fühlte sein Gewissen erleichtert. Sein Sohn Maximilian (später Kaiser) nahm ganz besonders die Inden von Prag in Schutz, und so wurde das Ausweisnngsdekret rückgängig gemacht?) Sie durften wieder in Prag und einigen böhmischen Städten weilen, auch im Österreichischen wurden sie wieder zugelassen. Aber selbst unter den besten Kaisern, wie Maximilian II. und Rudolph, hatten sie ein dornenvolles Dasein: die Hand der offizielle!: katholische!: Kirche lastete schwer auf ihnen. Der erste konsequente Vertreter des fanatischen, verfolgungssüchtigen katholischen Kirchentnms, der Papst Paul IV. war zwar gestorben (August 1559), und die Römer hatten sein Andenken und sein System verwünscht. Das Volk batte sich wie zu den altei: Zeiten der römischen Republik auf dem Kapitol znsammengerottet, war durch die ewige Stadt gezogen, hatte Feuer ai: das Jnquisitionsgebüude gelegt, die Scherge:: und die Dominikaner gemißhandelt, die Wappenschilds und die Bildsäule, des Papstes zerschlagen und den Kopf derselben durch die Straßen geschleift, während der von diesen: Kirchenfürsten vielfach gekränkte römische Adel diesen: Treiben mit Schadenfreude znsah oder es noch unterstützte. Mit Hohngelächter hatten die Römer es angesehen, wie ein Jude das von diesen: Papste so unerbittlich befohlene gelbe Judenbarett auf den Kopf von dessen Bildsäule gesetzt hatte?) Allein was nützte diese kindische Wut gegei: den Verstorbenen? Das System überlebte seinen Urheber um Jahrhunderte. Die Römer hatten ihren Plan, keinen geistlichen Fürsten mehr über sich zu dulden, nicht ausgeführt, und diese Unterlassungssünde rächte sich schwer an ihnen und an der Menschheit. Es verging fast ein halbes Jahr, ehe ein neuer Papst gewühlt wurde, und dieser Pins IV. (1559 bis 1565), war zwar ein milder, weltlich gesinnter Mann, der nichts oder wenig von Theologie verstand und sogar die Unmenschlichkeit der Inquisition verabscheute. Allein er mußte nichtsdestoweniger dieses l) Grabschrist des Mardocha: Zemach: ie>- ?'ir PM ns . . . '2112 'i.i 02 x 2 1'N.I 11>2'281 '1' 5p 12>,21 llVNL'2 lb>1 >2111! 122 b-22 MV112 0211 ü'7021 !V81. Vergl. dazu die Anmerkung seines Enkels bei Gans a. a. O. Ergänzung des Lwelc Im-Laelm x. 137, Anm. 181. Bericht eines Anonymen in 2ion II x. 72 fg. März 1562 kehrten die Inden nach Prag zurück, Hook in Liebens Epitaphien des Prager Friedhofes, S- 16. ") ?allavioini bi8toria eoneilii Viiäentini XXV, 9, 7. . . Usrmissrunt (komaui), nt Inäaens gnülam xrobroso eroeei oolori8 pillso 8::o illuck 8Ünn- laorum (Uauli IV) oomsAsret, ack ::Iei8esnäa.m Unuli 8s,uot,ionsrn ete. 350 Geschichte der Juden. höllische Institut bestehen lassen und durfte die gefallenen Opfer nur im Stillen beklagen. Die Jesuiten und die streng Kirchlichen hatten bereits in der katholischen Kirche die Oberhand erlangt, und jeder nachfolgende Papst mußte sich ihnen willig oder widerwillig fügen. Wurden doch unter dem Papste Pius IV., einen: der besten der römischen Hohenpriester, die Satzungen des tridentinischen Konzils zum Beschlüsse erhoben, welche die Geister der Katholiken bis auf den heutigen Tan knechten! Eine Deputation der römischen Inden hatte sich zu dem neugewählten Papste begeben, um ihm zu huldigen, und schilderte mit beredten Worten die Leiden, welche sein Vorgänger über sie verhängt hatte. Pius IV. versprach ihnen Abhilfe und erließ etwas, spät eine Bulle für die Juden des Kirchenstaates (27. Februar 1562), die allerdings günstig genug für sie ansfiel; aber die mildernden Bestimmungen lassen die noch zurückgebliebenen Beschränkungen um so greller hervortreten. Die Einleitung dazu ist deswegen interessant, weil sie die Heuchelei der päpstlichen Kurie an den Tag legt. „Die von meinem hochseligen Vorgänger aus Eifer für die Religion erlassenen Vorschriften für euer Verhalten haben (wie wir vernommen) einige nach euren Gütern Lüsterne zum Vorwand falscher Anklagen und Quälereien gegen euch genommen und sie gegen die Absicht meines Vorgängers ausgelegt, wodurch ihr gequält und beunruhigt wurdet. Daruin verordnen wir in Erwägung, daß die heilige Mutter Kirche vieles den Juden gewährt und einräumt, damit der Rest von ihnen selig werde und gestützt ans das Beispiel unserer Vorgänger" — nun, was verordnet der Papst Großes? — daß die Juden des Kirchenstaates außerhalb der Stadt ihre Abzeichen, das gelbe Barett, ablegen, daß sie Grundbesitz bis zum Wert von 1500 Dukaten erwerben, daß sie auch andere Geschäfte als mit alten Kleidern betreiben und daß sie allenfalls mit Christen verkehren, aber ja nicht christliche Dienstboten halten dürfen. Auch außerhalb des Ghetto dürften sie Kramladen halten, aber nur von Sonnenaufgang bis abends. Das war so ziemlich alles, was einer der besten Päpste ihnen gewährt hat, gewähren konnte. Wichtiger war für die römischen Juden der Punkt, daß die Anklagen wegen Vergehungen gegen die harten Gesetze Pauls IV. niedergeschlagen wurden, auch wegen des Verbrechens derjenigen, welche ihre Talmndexemplare nicht vorgezeigt hatten. Auch die Ungerechtigkeit, daß jüdische Gläubiger die bereits von christlichen Schuldnern eingezogenen Zinsen zurückzuerstatten gehalten seien, hob Pius IV. auf. Er gestattete ihnen auch, mehrere Synagogen zu besitzen?) Die italienischen Inden ließen >) Die Bulle ini LuIImium mngimin Uoinamim und im Auszuge bei Lurtoloee.i Libliotlieon III x. 741, auch in Jbn-Jachjas Lobalsebelst gegen Ende. In der Bulle seines Nachfolgers Pius V. heißt es: Ulurss 8 Z'ng,A 0 KS,s retinsre xos8iut, inänlsit Uins IV. Papst Pius IV. 351 es sich auch angelegen sein, von dein Papste die Lösung des Bannes über die talmudischen Schriften zu erwirken. Diese Angelegenheit lag aber damals in den Händen der auf dem Konzil zu Trient tagenden Kardinale und Bischöfe. Um sie durchzusetzen, wählten die italienischen Gemeinden zwei Deputierte (Oktober 1563), daß der Talmud und die übrigen angefochtenen jüdischen Schriften nicht in den Katalog (Index) der verbotenen Bücher ausgenommen oder daß mindestens das Urteil, ob das jüdische Schrifttum verboten sei, der päpstlichen Kurie allein überlassen werden sollte. Das letztere scheint ihnen gelungen zu sein. Da das Konzil nur dasjenige Verzeichnis verbotener Schriften genehmigte, welches vorher in der päpstlichen Kanzlei ausgearbeitet worden war, so war auch für die Behandlung der jüdischen Schriften die Ansicht des Papstes und seiner Umgebung maßgebend. Die Entscheidung darüber wurde dem Papste überlassen, und dieser stellte — für Summen — eine Bulle aus, daß der Talmud zwar überhaupt verdammt sei — gleich der ganzen humanistischen Literatur, gleich Reuchlins „Augenspiegel und kabbalistischen Schriften", samt den „Tunkelmännerbriefen", Erasmus' und Pirkheimers Schriften — daß er aber, wenn der Name Talmud wegbliebe und er vor der Veröffentlichung von den angeblich christenfeindlichen Stellen gesäubert, d. h. zensiert worden, doch erscheinen dürfe (24. März 1564).^) Sonderbar, der Papst gestattete die Sache und verbot den Namen! Allein er scheute die öffentliche Meinung, die den Widerspruch zu grell gefunden haben würde, daß der eine PapHAeu Talmud aufsucheu und verbrennen und der andere ihn frei gelassen hätte. So war doch wenigstens Aussicht vorhanden, daß dieses für die Juden unentbehrliche Schriftdenkmal, wenn auch in verstümmelter Gestalt, wieder ans Licht treten konnte. In der Tat wurde der Truck des Talmud einige Jahre darauf in Basel unternommen. >) Die Milde im Inäsx Driclsntinns in Betreff des vorher so verfolgten Talmud war bisher nicht recht verständlich. Zuerst heißt es: verboten zum Drucke sind: Duimuck Hebrusornm sjnsgns Zlossae, eommeututicmes, intsrpretutiones st sxpositionss omnes. 8i turnen xroäisriut eins nomine Dalmuck et sine iujuriis et eulnmniis in reliZ-ionsm obrintianum tolsru- dnntur. (Auch bei Wolf, Libliotbecu II p. 935, nur ist dort dafür ein falsches Datum nämlich 1559; die dem Gesamtindex vorangehende Bulle Pius' IV. ist aber 1564 datiert.) Der Fortsetzer des Linelc Inr-Luelia. gibt das Faktum wieder (p. 138): '2 in — i'pa — n'.nn rirxn iwrin rin or wxL an (zu lesen, ww nn). Den Schlüssel zu dieser Päpstlichen Milde lieferte neulich M. Mortara im Auszug aus einer seltenen Schrift nro, Oanon xnrilioutionis oder über die regelrechte Verstümmelung der jüdischen Schriften durch die Zensur (iüaslcir 1862, S. 74, 96, Note 17). Daraus erfahren wir, daß das Geld der Inden die päpstliche Kurie tolerant gestimmt hatte, den Talmud der Sache nach zu dulden und nur den Titel zu verbieten. Seit der Zeit wurde in den Ausgaben o"L> statt nw)n oder nn^ gesetzt. Z52 Geschichte der Juden. Aber auch dieses wenige wurde den Juden des Kirchenstaates entrissen, als Pius IV. einen Nachfolger erhalten hatte, welcher die düstern mönchischen und unduldsamen Satzungen höher als Menschenglück und Menschenleben achtete und die kirchliche Richtung Caraffas und seiner Genossen auf die Spitze trieb. Pius V. (1566 bis 1572) überbot noch sein Vorbild Paul IV. an Verfolgungssucht und Grausamkeit; denn jener hatte noch neben kirchlichem Eifer ein warmes Interesse für die Unabhängigkeit Italiens und mußte öfter das Kirchliche dem Politischen hintansetzen. Pius V. dagegen, an dein jeder Zoll ein Dominikanermönch war und der nichts von Politik verstand, opferte Menschen und Interessen dem einen Götzenbilde, der Unantastbarkeit des päpstlichen Stuhles. Ein Gemisch von Einfachheit, Edelmut, Strenge gegen sich selbst und hingebender Frömmigkeit mit herber Unduldsamkeit, bitterm Hasse und blutiger VerfolgnngssuchtZ) hätte Pius V. gern die ganze Erde in ein großes Kloster und alle Menschen in sich kasteiende, grämliche, himmelnde Mönche und Nonnen umgewandelt. Ihm tat die Inquisition nie genug, so viel der Opfer auch waren, welche dieser Moloch in seiner Zeit verbrannte. Selbst die strengsten Katholiken schienen ihm nicht rechtgläubig genug, wenn sie in einem unbedeutenden Punkte von dein Glaubensbekenntnisse abwichen, welches das tridentinische Konzil verknöchert hatte; sie wurden ins Feuer oder in den Kerker geworfen. Er war eine Zeitlang selbst Großinquisitor gewesen, und sein Ohr war gegen die Wehklagen der zum Tode verdammten Opfer stumpf geworden. Die Juden haßte dieser Papst nicht weniger als die deutschen Protestanten, die schweizerischen Calvinisten und die französischen Hugenotten. Sie empfanden bald das Herbe der neuen Kirchlichkeit. Drei Monate nach seiner Inthronisation (19, April 1566) bestätigte er nach allen Seiten hin die Beschränkungen Pauls IV. gegen sie, verschärfte sie noch inehr und setzte die Milderung seines Vorgängers außer Kraft, als wenn sie gar nicht verordnet gewesen wäre. Also abermals Ausschließung vom Verkehr mit Christen, Verbot, Grundbesitz zu haben, andere Geschäfte als Trödelhandel zu treiben, Einschärfnng, Judenabzeichen zu tragen, und Verbot inehr als eine Synagoge zu besitzen. Aber nicht nur gegen die Juden des Kirchenstaates erließ er diese Verordnungen, sondern auch gegen die der ganzen katholischen Welt?) Denn damals, in der Zeit hämisch-kirchlicher Reaktion gegen den Protestantismus, hatte des Papstes Wort einen ganz andern Klang als früher und fand willige Vollstrecker. So träte» abermals trübselige Tage für die Inden der katholischen Länder ein. >) Ranke, Fürsten und Völker II S. 373. ") Seine Bulle im Lullurinin »Männin Roinanuiu: non solum in tsrris nostris, ssä stiam ubiqne loeorniu; auch bei Joseph Kohen a. a. O. p. 13» und bei seinem Kontinuator p. 138. Mißhandlung der Juden von Bologna. 353 Namentlich wurden damals die mailändischen Gemeinden besonders geplagt, da dort der Statthalter des spanischen Königs Philipp II. regierte, jenes düstern Tyrannen, der an dein Anblick gefolterter und verröchelnder Juden und Ketzer Freude fand. Er hatte seinen Statthalter öfter angewiesen, die Juden ans dem Mailändischen zu vertreiben. Die Ausweisung ist zwar unterblieben, aber andere Plackereien wurden über sie verhängt, und die Inquisition konfiszierte wieder jüdische Schriften in Cremona und Lvdi. Der überkirchliche Kardinal Carl Borromev, den die Kirche heilig gesprochen, ließ es ebenfalls nicht an Feindseligkeiten gegen die Juden fehlen?) Auch verjagte in dieser Zeit (15. Juni 1567) das stets judenseindliche Genua die wenigen Juden wieder aus seinen: Gebiete. Eine Ausnahme sollte mit den: jüdischen Arzte und Geschichtsschreiber Jose P h K o h e n gemacht werden, der in Voltaggio weilte. Aber der edle Mann mochte keine Gunst genießen, von der seine Stammgenossen ausgeschlossen waren. Er teilte ihr Los und wanderte nach Casteletto (in Monferrat) aus, wo er von den christlichen Bürgern freundlich ausgenommen wurde?) Immer neue Leiden hatte Joseph Kohen im Alter in sein „Jahrbuch der Verfolgungen" einzutragen, immer neue Tränen seiner Volksgenossen in seinen: „I a n: n: ertal e" (Lmsb Im ttaoba) zu sammeln. Der geistliche Wüterich Pius V. gab öfter Gelegenheit dazu. Unter den: Vorwände, die Juden des Kirchenstaates hätten die voi: ihm eingeschärfte:: kanonischen Gesetze übertreten, ließ er viele von ihnen in Kerker werfen und ihre Schriften aufsuchen und verbrennen. Namentlich wurde der wohlhabenden Gemeinde von Bologna hart zugesetzt; es war auf ihr Vermögen abgesehen. Um einen gesetzlichen Grund für den Raub zu haben, wurden mehrere Reiche in Kerker geworfen (1567) und ihnen dann in einen: förmlichen Verhör vor einen: Jnquisitionstribunal verfängliche Fragen über das Christentum vorgelegt, z. B. ob die Juden die Katholiken als Götzendiener betrachten, ob die Verwünschungsformel gegen „die Minäer" und „das Reich des Frevels" im Gebete sich auf Christen und das Papsttum bezöge, und besonders ob die Erzählung in einer wenig gelesenen Schrift von einen: „Bastard, Sohn einer Verworfenen" auf Jesus anspiele. Ein getaufter Jude Alessandro hatte die Anklagepunkte zusammengestellt, und darauf hin wurden die Eingekerkerten unter Anwendung der Folter befragt. Einige derselben erlagen den Qualen der Folter und gestanden alles ein, was das Bluttribunal von ihnen verlangte. Nur der Rabbiner von Bologna, namens Jsmael CH anina, hatte den Mut, während der Folterung zu erklären, falls er in der Betäubung der Schinerzen Geständnisse machen sollte, diese in: voraus ') Joseph Kohen das. p. 129 fg. Graetz, Geschichte der Juden. IX. -) Das. p. 131. 23 354 Geschichte der Juden. für null und nichtig anzusehen seien?) Indessen da andere Lästerungen der Juden gegen das Christentum zugestanden hatten, so hatte die päpstliche Kurie einen Anhaltepunkt zu Beraubungen. Den Reichen und Vornehmen wurde unter Androhung der schwersten Strafen untersagt, die Stadt zu verlassen. Aber gerade dieses unsinnig strenge Verbot regte in den Juden von Bologna den Gedanken an, die Stadt ganz und gar und auf immer zu verlassen. Durch Bestechung des Pförtners gelang es ihnen, mit Frauen und Kindern dem Fallstricke zu entgehen und nach Ferrara zu entfliehen. Darüber wurde der Papst Pius V. so sehr gegen sämtliche Juden erzürnt, daß er dem Kardinalskollegium seinen Willen kundgab, die Juden des Kirchenstaates allesamt zu vertreiben. Vergebens machten einige Kirchenfürsten dagegen geltend, daß der Petrusstuhl von jeher die Juden geschützt, ja sich verpflichtet dazu gehalten habe, damit der Rest der Juden nicht untergehe und selig werde. Vergebens bestürmte die Geschäftswelt von Ancona den Papst, die Handelsblüte des Kirchenstaates nicht mit eigener Hand zu zerstören. Sein Judenhaß betäubte die Stimme der Vernunft, der Gerechtigkeit und des Vorteils. Die Bulle wurde erlassen (26. Februar 1569). daß sämtliche Juden des Kirchenstaates mit alleiniger Ausnahme derer von Rom und Ancona binnen drei Monaten auswandern sollten; die Znrückbleibenden würden der Sklaverei und noch härterer Strafe verfallen?) Ta für die Ausweisung doch ein, wenn auch scheinbarer Grund angegeben werden mußte, so beschuldigte Pius V. in seiner Bulle die Juden der Nnverbesserlichkeit in Übertretung der kanonischen Gesetze, des übertriebenen Wuchers, der Zauberei und der Verführung der Christen und stellte die Tatsache in Abrede, daß die Juden durch die Handelsverbindung mit der Türkei dem Kirchenstaate von großem Nutzen wären?) Die Duldung der Juden in Rom und Ancona rechtfertigte der Papst damit, daß diese unter den Augen der kirchlichen Behörden besser überwacht werden könnten. Eine besondere Härte lag in der Verordnung, daß diese beiden Gemeinden den Ausfall der Kopfsteuer der Ausgewiesenen decken sollten?) i) Aus einer Handschrift in der Sainmelschrift ba-8el>aebar Jahrg. II, Heft I. Monatsschrift Jahrg. 1871 S. 379 fg. h Lullartuin inag'nnin, kius V. sonst. KO; I. Kohen das. p. 132, Oon- tiunatio p. 139. Die letztere gibt an, die Ausweisung sei durch die Flucht der Juden aus Bologna provoziert worden, und beide Fakta stünden in Kausalnexus. °) Bulle das.: . . . eotzltantss (nos) prastsrsa, supraclietain Akutem (Usbraeornin) praeter insätosres ex Orients oonnneatns nullt reipudlioas n ostras nsni esse. <9 Auszug aus einem lils. im Besitze des Großrabbiners Zadok Kahn, Revue (lss Rt. X, 199: vm mm: -ui» nsr' irw mv envx m ixe: mne pin o-unn enn mma me? zoe mii le-m' (testa^o, leg.) Vertreibung der Juden aus dem Kirchenstaate. 355 In dem Kirchenstaate gab es damals außer in Rom, Ancona und Bologna über 1000 jüdische Familien mit 72 Synagogen. In CamPanie n (19 Synagogen), der R o m agna (13), in dem Gebiete des sogenannten Peterserbes (?atriinoninm ?strl) (12), m U in brien (8), Benevent (2), Fano (1) und in dein in Süd- jrankreich liegenden päpstlichen Gebiete Venaissi n (6 Synagogen), am meisten jedoch in der Mark, iu Ancona (30), in Rom (9) und in Bologna (11).i) Trotz des ihnen drohenden Elends entschlossen sich fast alle davon Betroffenen znm Auswandern; nur wenige gingen zum Christentum über. Die Verbannten büßten noch dazu ihre Habe ein, weil sie in der kurzen Zeit ihre Liegenschaften nicht veräußern und ihre außenstehenden Schulden nicht einzieheu konnten. Der Geschichtsammler Gedalja Jbn-Jachja allein verlor au seine Schuldner in Ravenna über 10 000 Dukaten?) Die Verbannten zerstreuten sich, suchten teilweise Schutz in den nahegelegenen kleinen Staaten Pesaro, Urbino, Ferrara, Mantua und Mailand. Die Juden von Venaissin, die einzigen auf französischem Boden seit der Vertreibung der Juden aus Frankreich, in Avignon und Carpentras haben ebenfalls die Heimat verlassen müssen (1570), wo sie unter den früheren Päpsten fast verhätschelt worden waren?) 7 p,2 ;x2b umx-n-n 222 im-i 5 ,'pan 2 P >227 22-22: 2>2:2>2 1212- 2-212-2 -,imi 2"2- 2>-o-rn2 ,- 5 x 2 ;,i 7 12m wx 2.2 -.2 2,7°: -2 27»- 2:2 . 22-7x2 2-x, ,-2- 2-x, 121:822. Da die Ausweisung der Juden aus dem Kirchenstaat 1589 erfolgte, so ist die Erlaubnis zur Rückkehr 29 Jahre später etwa 1589 , anzusetzen, welche tatsächlich Sixtus V. in diesem Jahre erteilt hat (w. u.). — Auf dieses Faktum, die Verbannung der Juden aus dem Kirchenstaate unter Pius V. beziehen sich wohl die interessanten Piecen, welche David Kaufmann aus einer Briefsammlung mitgeteilt hat. (ksvus «l. Dt. XVI, p. 71 f. Nr. III — IV und Bd. XX, p. 70 f. Nr. XI—XIII). Es sind Sendschreiben der Gemeinden von Pesaro und Sinigaglia für die etwa 6—790 Ausgewiesenen, welche sich da angesammelt hatten, um nach der Türkei auszuwandern, ohne Mittel zu besitzen. Diese Gemeinden haben deswegen Sendboten beordert, um in den norditalicnischeu Gemeinden Gelder für sie zu sammeln. In Nr. XII. ist erwähnt 281:2 222, worunter die Ausweisungsbulle Pius' V. zu verstehen ist. Das. ist auch erwähnt: .-<>12121 2^2x282 11-P12221 :-:i2p,2 21:-:: 722 :-x: !<"W2P1 ,22m, nämlich 2-2,21122, die Ansgewiesenen (das. XX. 72 oben). Auf die von Paul IV. verfolgten Marrauen von Ancona können sich diese Piecen durchaus nicht beziehen. *) Vergl. Bartolocci, Bibliotlises, III p. 757 . Der selbst von der Ausweisung betroffene Gedalja Jbn-Jachja zählt etwa 1990 ausgewanderte jüdische Familien außer denen, die in Rom und Ancona geblieben, und den Wenigen, welche sich getauft haben; Lvimlsolislst, Ende. h selialselwlot das. Vergl. Lsvus <1s8 M. IX. p. 85 . °) 1570 sind sie aus Avignon und Carpentras ansgewiescu worden und fanden Aufnahme in Marseille, Orange und anderen Städten. Vergl. darüber Jsidor Loeb in Revns d. Lt. XII. 163 f. 23 * 356 Geschichte der Juden. Unter den humanistischen Päpsten Leo X., Clemens VII. und besonders Paul III. waren sie nämlich von den Beamten des Kirchenstaates außerordentlich begünstigt worden. Die Kurie hatte durch deren Geschäftsumsatz fast ihre einzige Einnahmequelle in dieser Enklave, denn die Juden von Avignon, Carpentras und anderen Städten besaßen große Reichtümer, Güter aller Art und sogar Äcker. Sie hatten das Privilegium, einen hohen Zinsfuß zu nehmen, wodurch Schuldner allerdings Gelegenheit hatten, sich zu ruinieren. Zwei reiche Brüder, Samuel und Bondian Crescas in Carpentras, standen in hohem Ansehen bei den päpstlichen Behörden, waren vielleicht gar Finanzmeister und durften sich viel gegen Juden und Christen herausnehmen?) Nun wurden sie samt und sonders verbannt. In Carpentras durften sechs reiche jüdische Familien mit ihren Dienern noch zwei Jahre weilen, um ihre ausstehenden Schulden einzuziehen. Aber ihre Kinder durften sie nicht bei sich behalten?) Tie meisten Juden des italienischen und französischen Kirchenstaates wanderten wie alle aus unduldsamen christlichen Gebieten Verwiesene nach der Türkei und fanden dort die beste Aufnahme, wenn sie sie glücklich erreichen konnten und nicht unterwegs von dem maltesischen Raubritterorden anfgefangen und gemißhandelt wurden?) Es schien damals mit den Juden im christlichen Europa zu Ende zu gehen. Überall Haß, Verfolgung und Ausweisung. In den katholischen Gebieten der Fanatismus des zelotisch gewordenen Papsttums und in protestantischen Ländern die Engherzigkeit und Verblendung des von seiner Höhe zum albernen Schulgezänk herabgesunkenen Luthertums. Beide schienen den oft ausgesprochenen Gedanken der Erzjudenfeinde, daß die Juden im Abendlande nichts zu suchen hätten, verwirklichen zu wollen. Ausnahmsweise erhielten noch die ehemaligen Scheinchristen aus Portugal und Spanien, auf welche die päpstliche Inquisition unerbittlich fahndete, eine Zufluchtsstätte in Savoyen — für Gold. Der Herzog dieses Landes, E m a n u e l Pbilibert, war zwar nichts weniger als judenfreundlich. Er bedrohte die winzigen Gemeinden in seinem Lande mit Ausweisung, ließ sich indes einmal für die Summe von 2000 Dukaten und eine jährlichen Abgabe von 1500 Dukaten bewegen, sie zu dulden?) Seine Geldgier benutzten portugiesische und spanische Marranen, ihn anzugehen, ihnen zu gestatten, in seinem Lande zu weilen. Ihre Kapitalien, Gewerbfleiß und Handwerks- i) Vergl. Laäolsii exi8eoxi Larpsutoeiutsusis sxi8t. XII, 17; XIII, 3 und Iie8pi>. Isaak de Lates, x. 3: (vnpv'ip m'mn 78„:w) ^7 ^ 1V8 niiiillii o>:ii? V'1'!Ü7 .117 'n-ea 711! ^7- ") Levus XII 165. b) Lmslc ba-8aoda 132, 140. ch Das. 125, 129. Duldung der Juden in Savoyen. 357 geschicklichkeit verlockten ihn, iyr Gesuch zu genehmigen, und er räumte ihnen außergewöhnliche Freiheiten ein (1572)?) Besonders wichtig war für sie, daß sie von der päpstlichen Inquisition wegen Abfalles von der Kirche nicht verfolgt werden, daß die jüdischen Ärzte ihre Kunst an Christen, wie an den Juden ausüben und äußerlich sich wie ihre Standesgenossen kleiden und daß sie hebräische Bücher besitzen und drucken dürsten. Mit den Marranen und ihretwegen duldete Emanuel Philibert auch die Ausiedlung von italienischen, deutschen und levantischeu Juden — wer weiß, für welche Unsummen er diesen allen solche Privilegien erteilt hat. Allein nicht für die Dauer gewährte er sie ihnen, sonder,: lediglich für die Frist von fünfundzwanzig Jahren. Darum zogen besonnene Juden die dauernde und unentgeltliche Duldung unter den: Halbmonde der beschränkten und erkauften unter den: Kreuze vor. U Über die Privilegien von Emannel Philibert vom Jahre 1572 aus dem Archiv der israelitischen Gemeinde von Padua, Uevns ck. M. V, 232 ff. Aus dem ganzen Tenor dieses Textes ist ersichtlich, daß die Privilegien lediglich die kortuZchssi et LpuKnuoli cis stirps Uebrea, im Auge haben. Nur aus Rücksicht für sie ist der lange Passus gegeben, daß sie nicht von der Inquisition wegen Apostasie verfolgt werden sollten. Schlau beruft sich Eman. Philibert auf die Judulte der Päpste Paul und Julius III. für die Marranen in Ancona und verschweigt die fanatischen Erlasse gegen sie von deren Nachfolgern. Elftes Ksxikel. Die Juden in der Türkei, Don Joseph Natzi. Stand der Politik in der Türkei unter Suleiman, Joseph Naßis steigende Gunst unter diesem Sultan, wird Vertrauter des Prinzen Selim, Feindseligkeit Venedigs und Frankreichs gegen ihn. Er wird Herzog von Naxos und der zpkladischen Inseln. Ränke der französischen Diplomatie gegen ihn. Berräterei gegen ihn fällt zu Josephs Vorteil aus. Parteinahme der Rabbinatskollegien für ihn. Der cyprische Krieg durch ihn durchgesetzt. Einfluß der Juden in der Türkei. Salomo Aschkcnasi, jüdischer Diplomat. Er entscheidet über eine polnische Königswahl. Er schließt Frieden zwischen der Türkei und Venedig. Günstige Rückwirkung für die Juden Venedigs. Gehobene Stellung und Stimmung der Juden in der Türkei. Mose Almosnino, Samuel Scbulam, Gedalja Jbn-Jachja und seine Poetenschule, Jehuda Zarko, Saadia Longo und Israel Nagara. Sinn der türkischen Juden für Unabhängigkeit. Joseph von Naxos will einen jüdischen Staat gründen; erbaut Liberias als kleines jüdsches Gemeinwesen. Er zeigt wenig Sinn für jüdische Wissenschaft. Sein despotisches Benehmen gegen die Rabbinen. Joseph Karos Kodex Lekuleban ^rneü. Asaria der Rossi. Gedalja Jbn-Jachja und seine Kette der Überlieferung. Die schwärmerische Kabbala Isaak Lurjas und Chajim Vitals; ihre schädlichen Wirkungen. Tod des Joseph von Naxos und der Herzogin Reyna. Salomo Aschkcnasi unter Mnrad; die jüdische Haremsvertraute Esther Kiera. Abnahme des Einflusses der Juden in der Türkei. (1560 bis 1600.) Wiederum wie so oft lagen die Fäden des weltgeschichtlichen Gewebes so verschlungen, daß die systematische Verfolgung der Juden in der Christenheit sie nicht vertilgen konnte. Die Sonne, die sich ihnen im Westen in düsterm Gewölke verdunkelte, ging ihnen wieder strahlend im Osten auf. Es trat für sie in der Türkei durch eine günstige Wendung der Umstände eine Zeit ein, die dem oberflächlichen Blicke wie eine Glanzepoche erscheint. Ein Jude, der in den Ländern des Kreuzes ohne Umstände auf dein Scheiterhaufen verbrannt worden wäre, nahm eine sehr einflußreiche Stellung im Reiche des Halbmondes ein, brachte es zum Herzogsrange und herrschte über viele Christen. Mit ihm und durch ihn erhoben sich sämtliche nach Millionen zählenden Joseph Naßi. 359 Juden in der Türkei zu einer freien und geachteteu'Stellnng, um die sie ihre miuderzähligeu, geächteten Bruder im christlichen Europa beneiden durften. Zähneknirschend sahen die jndenfeindlichen christlichen Machthaber ihre Pläne hier und da von jüdischer Hand durchkreuzt und ihre inneren Verwicklungen nur noch mehr verknotet und verschlungen. Der getretene Wurm konnte seinen Peinigern denn doch unangenehm werden. Joseph Naßi oder Joäo Miqnes, der geächtete Marrane aus Portugal, machte manchem christlichen Herrscher und Diplomaten unruhige Stunden, und sie mußten in knechtischer Gesinnung dem schmeicheln, den sie, wenn seiner habhaft geworden, wie einen räudigen Hund totgeschlagen hätten. Die erlauchte Republik Venedig, das allmächtige Spanien, das aufgeblasene Frankreich und selbst das hochmütige Papsttum sah sich von ihm bedroht. Joäo Miqnes oder Don Joseph NaßiZ) bei seinein Eintreffen in Konstantinopel mit Empfehlungsschreiben von französischen Staatsmännern dem türkischen Hof empfohlen, hatte sich noch mehr durch sein einnehmendes Äußere, seinen erfinderischen Geist, seine Erfahrung und Kenntnis der christlich-europäischen Länder und ihrer politischen Lagen empfohlen. Bei Sultan Suleiman, der sich auf Menschen verstand, stand er bald in Gunst. Er hatte weitreichende Pläne, auch mit Spanien einen Kriegstanz zu beginnen, und den Mohammedanern an der afrikanischen Küste Hilfe gegen die Scheiterhaufenschürer zu senden. Durch seine Reichtümer und die Anhänglichkeit seiner Glaubensgenossen in den christlichen Ländern erfuhr Joseph Naßi vieles, was sich an den christlichen Höfen zutrug, und konnte die Wahrheit über den Stand der politischen und kriegerischen Angelegenheiten dein Sultan berichten, ohne daß dieser es nötig hatte, Spione zu unterhalten, oder sich von den christlichen Gesandten an seinem Hofe täuschen zu lassen. Don Joseph konnte ihm mit klugem Rate beistehen. So wurde er als fränkischer Bey in kurzer Zeit eine hervorragende Persönlichkeit in Konstantinopel und konnte seinen Glaubensgenossen wesentliche Dienste leisten. Sein 9 Bergt, über ihn oben S. 333 f. Nachrichten über diesen Staatsmann kommen in fast allen zeitgenössischen diplomatischen Berichten und historischen Darstellungen vor, namentlich in italienischen und französischen, selbstverständlich auch in jüdischen Relationen. Es gibt jetzt mehrere Monographien über ihn. Abgesehen von der unvollständigen und zum Teil verfehlten Behandlung von Ernst Curtins (Naxos, ein Bortrag für den Berliner Wissenschaft!. Berein, 1846 S. 4Vfg.) und in Ersch. und Grnber, Enzyklvp. (Il 27. S. 202 fg.) haben successive mehr Material zusammengetragen: Carmoly, von llosspd, clne äs iiaxos (1855), Graetz, in Wertheimers Wiener Jahrbuch 1856, und zuletzt M. A. Levi, Don Joseph Nassi (1859). Ich verweise im allgemeinen aus diese Monographien, und nur bei prägnanten oder bisher nicht genug betonten Tatsachen führe ich die Grnndguelle an. 360 Geschichte der Juden. Ansehen stieg aber noch mehr durch einen günstigen Zufall. Nachdem Suleiman seinen ältesten Sohn Mustafa wegen Verschwörung gegen sein Leben und seine Krone hatte hinrichten lassen, waren zwei Prinzen als mutmaßliche Thronfolger geblieben: Selim, sein friedlicher, sanfter, die Genüsse liebender, aber doch edel empfindender Sohn von der Russin Roxvlane, und Bajazid (Bajazet), sein kriegerischer, ungestümer, jüngerer Sohn, der Liebling der Krieger und der Ehrgeizigein Suleimcms Plan, den jüngern den: altern vorzuziehen, wurde durch Ränke vom Harem und andern Kreisen aus durchkreuzt. Bajazid ließ sich durch seine Natur zu unbesonnenen Handlungen, zum Ungehorsam gegen seinen Vater und zum Kriege gegen seinen Bruder Hinreißen (1556—59). Er wurde geschlagen und mußte nach Persien entfliehen. Selims Nachfolge schien gesichert, wem: Suleiman seinen rebellischen Sohn Bajazid überlebte. Aber wenn er früher stürbe, und der kriegerische Prinz von dem Heere als Nachfolger ausgerufen würde? Dieses Bedenken fühlten die berechnenden Höflinge und mochten sich nicht durch Parteinahme für Selim in den Augen seines Bruders ihre Laufbahn verderben. Sie hielten sich daher von Selim fern und redeten ihm auch nicht bei seinem Vater das Wort. Nur Joseph Naßi vertrat warm Selims Interesse bei dessen Vater, und als dieser jenem seine Gunst durch ein reiches Geschenk von 50000 Dukaten baren Geldes und 30000 in Wertsachen bezeugen wollte, wühlte er seinen jüdischen Günstling zum Überbringer derselben nach Selims Residenz in Kleinasien (1558—59). Der Prinz, hocherfreut über Geschenk und Gunstbezeugung, wurde von der Stunde an dem Botschafter und Überbringer hold und sicherte ihn: lebenslang seine Dankbarkeit zu?) Wie es scheint, wurde Joseph Naßi dem Prinzen Selim als vertranter Ratgeber beigegeben, um ihn vor den Schlingen zu sichern, welche die höfischen Ränkeschmiede während des Bruderkrieges ihm zu legen nicht unterließen. Seit dieser Zeit machte Selim den jüdischen Bey zu seinen: Liebling und Vertrauten und ernannte ihn zum Edelmann der Leibwache (Mutafarrica), eine Würde, wonach selbst christliche Fürstensöhne gierig haschten, und womit ein hoher Gehalt verbunden war. Auch dem Bruder seines Günstlings, Samuel Naßi, der durch Suleimans Machtgebot von dein Herzog von Ferrara freigelassen werden mußte (o. S. 341), bestimmte Selim ein Jahrgehalt, Die Gesandten der christlichen Höfe sahen mit Ingrimm den wachsenden Einfluß eines jüdische:: Günstlings, der alle ihre Schliche kannte, auf den künftigen Sultan und verbreiteten daher die lügenhaftesten ') Dieser Umstand war die erste Stufe zu Josephs Gunst bei Selon; das Faktum kommt nur bei dem Zeitgenossen Serono, 6ommentarii äella Oneirs
  • ) Lliarrisrs, das. p. 773 Note. S. Note 7 I. Das. p. 736; Joseph Kohen, Lmelr Im-Laeba p. 128. Almosnino, Lxlrsmos Krauäesas äs Ooustautinopla p. 77. Bei Curtius a. a. O., Ende; aus den Papieren der Erben des Coronello. welcher Josephs Statthalter auf Naxos war, eine Schenkungsurkunde auf Pergament, halb Lateinisch und halb Italienisch: äo8spbns Xnci, Osi 6ratia Joseph, Herzog von Naxos. 363 residierte indes nicht in der Hauptstadt seines Herzogtums, wo er den Weltbegebenheiten fern gerückt wäre. Er blieb vielmehr in seinein schönen Palaste in Belveder bei Konstantinopel und ließ die Inseln von einen: christlichen, spanischen Edelmann, Coronello, verwalten, dessen Vater Gouverneur von Segovia gewesen war, und von dem getauften jüdischen Finanzminister Abraham Senior abstammte?) Ein spanischer Hidalgo war demnach der erste Diener eines Juden, dessen Eltern aus Spanien verjagt worden waren. So scheel auch die christlichen Fürsten auf diesen ihnen gleichgestellten jüdischen Herzog blickten, so lagen doch die europäischen Verhältnisse derart, daß sie ihn fürchteten und ihm noch dazu schmeicheln mußten. Ec kannte recht gut die blutige Zwietracht in der Christenheit, die erbitterte Feindseligkeit der Katholiken und Protestanten gegeneinander und ermutigte die letztem zur standhaften Auflehnung gegen die tyrannische katholische Kirche, deren Häupter, der Papst und Philipp II. von Spanien, die Marranen blutig verfolgten. Er hatte erfahren, daß der niederländische Adel und einige Städte sich verbunden hatten, mit aller Macht sich der Einführung der Inquisition zu widersetzen. Darum schrieb der jüdische Herzog an den refor- matorischen Kircheurat von Antwerpen (Herbst 1566), die Bundesmitglieder sollten nur mutig im Widerstande gegen den König von Spanien ausharren, denn Sultan Selim habe große Pläne gegen Spanien vor, und seine Waffen würden den König bald so sehr in die Enge treiben, daß er nicht mehr an die Niederlande werde denken können?) Wollten die christlichen Machthaber etwas au dem türkischen Hofe durchsetzen, so mußten sie ihn und seine Glaubensgenossen schonen, da sie wußten, wie hoch er in Selims Gunst stand, und wie sehr sein Rat maßgebend im Divan war. Als eine österreichische Gesandtschaft vom Kaiser Ferdinand I. nach neuen Eroberungen der Türken in Ungarn und nach dem Fall von Szigeth in Konstantinopel eiutraf, um einen Friedensschluß zu erbetteln, Uax ?.sAsi Delagln, Dominus Xnclri sto. Ilnivsrsis et sinKulis miuistris et olüeialikus nostris >ms partes iuspsoturis uotum sit.tjualments bavsnclo ilsKuarcla alle, buoua, cliliKsnte s üilrl ssrvitü cli Dr. Oorouello I. II. D. e luoZ-otenents nostro usll' aclministrations cli tutte 1s isols uostrs sia uells esse cli Oinstieia eome uells altre cli ssrvitio nostro, volsnclo in parte Kratitiearlo . . e bavsnclo i! preclstto nostro luo§otensnts bumilmsuts snpplioato a Zli eoneecisr II inkrasoritti tsrreni e paseoli clella LiAnoria sslstente alle isols cli Xaxia .... paxanäo il tutto annuatim al wese äi Letteinbrs p. p alle LiK'uoria. Datum in Dalatio Dueali Lelveäer xrops Dsram Oonstantinopulis 1577 XV. .Inlii. .losepli Xavi. De inauäato Dueis losspb Loben seoretarius st amiuanuensis. ') Bei Curtius das. S. 40. Vergl. Bd. VIII 3 S. 332, 348, 421. ") Ltracla cle bello UslKieo I, 284 f. 364 Geschichte der Juden. und die türkischen Großwürdenträger durch Geschenke und Jahrgehälter dafür zu gewinnen, hatte sie den Auftrag, sich auch bei Joseph von Naxos abzufinden. Tie Botschafter sagten ihm ein Jahrgehalt von 2000 Thalern zu (1567). Seine erbitterten Feinde mußten ihren Haß gegen ihn verleugnen. Diejenigen, welche ihn nicht fahren ließen, Frankreich und Venedig, empfanden die Macht des jüdischen Herzogs schwer. Der König von Frankreich wollte noch immer nicht die beim marranischen Hause Mendes kontrahierte Schuld, welche auf Joseph übergegangen war, zahlen. Leicht verschaffte dieser sich einen Fermair vom Sultan, vermöge dessen er auf alle Schiffe unter französischer Flagge, die in einen türkischen Hafen einliefen, Beschlag legen durfte. Bis nach Algier sandte Joseph von Naxos Kaperschiffe aus, nur Jagd auf französische Kauffahrer zu machen. Endlich gelang es ihm, auf mehrere Fahrzeuge im Hafer: von Alexandrien Beschlag zu legen, sich die Ware anzueignen und sie für seine Schuldfordernng zu veräußern (1569). Der französische Hof schlug Lärm darüber, protestierte, tobte, alles umsonst. Seliin schützte seinen Günstling. Es trat dadurch eine Erkältung in de» diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Reichen ein, die für Frankreich unangenehmer wurde als für die Türkei. Dem französischer: Gesandten an der Pforte, dem Herrn de Grandchamp lag daher viel daran, den Sturz des Joseph von Naxos herbeizuführen. Nicht seine Ehre allein war dabei beteiligt, sondern die Ehre der französischen Krone. Sie hatte so oft der: europäischen Kabinetten großsprecherisch vorgeschwindelt, daß ihr Wort am türkischen Hofe von entscheidendem Gewichte und Einflüsse sei, und daß sie imstande wäre, den Divan für Krieg oder Frieden je nach ihrem Belieben zu stimmen. Und nun hatte es sich gezeigt, daß ihrer Flagge ein empfindlicher Schimpf von eben diesem Hofe angetan wurde, und daß sie nicht einmal imstande war, Genugtuung dafür an einem Juden, den: Urheber desselben zu erhalten. Der französische Gesandte sann daher darauf, diese Niederlage in einen Triumph zu verwandeln, wenn es ihn: gelänge den Sturz des einflußreichen, mächtigen Juden herbeizuführen. Eine Gelegenheit bot ihm dazu die Unzufriedenheit eines von Josephs Agenten. Ein jüdischer Arzt, namens David oder Daud, einer der Leibärzte des türkischen Hofes*) und auch im Dienste des Herzogs beschäftigt, der die Beschlagnahme der französischen Schiffe in Alexandrien ausgeführt hatte, glaubte sich von seinen: Brotherrn gekränkt und benachteiligt. Es entstand eine Reibung zwischen beiden. Sobald der ') Daß dieser Daud oder Oaont, wie der französische Gesandte schreibt, ein Hamon gewesen sei, wie M. A. Levv a. a. O. behauptet, ist durch nichts erwiesen und auch sehr unwahrscheinlich. Neue Intrigen gegen Jvseph von Naxos. 365 französische Gesandte Wind davon erhalten, suchte er das Feuer der Zwietracht zu schüren, ließ Dand eine Summe und eine Anstellung als Dolmetsch bei der französischen Gesandtschaft mit einem Jahrgehalte versprechen und setzte sich dann mit ihn: selbst in Verbindung, um ihm Geheimnisse über Joseph von Naxos zu entlocken. In seiner Gereiztheit ließ sich Dand zu unbesonnenen Äußerungen Hinreißen. Er versprach dem französischen Gesandten de Grandchanip vollgültige Beweise zu liefern, daß Joseph von Naxos seine Schuldforderungen von der französischen Krone gefälscht, daß er die Sultane über seine frühere Stellung belogen, und — noch schlimmer — daß er eine verräterische Korrespondenz gegen die Pforte geführt habe. Er machte sich anheischig, zu beweisen, daß Joseph täglich an den Papst, an den König von Spanien, an den Herzog von Florenz, an die genuesische Republik, kurz an alle Feinde des Sultans Bericht erstatte und die Vorgänge an der Pforte denselben verriete. Voller Freude über die Gelegenheit, den jüdischen Herzog zu stürzen, berichtete de Grandchamp an den König von Frankreich und an die schlaue Königin-Mutter Katharina von Medici (in Chiffreschrift), daß er bald imstande sein werde, den mächtigen Feind des französischen Einflusses am türkischen Hofe an den Strang zu bringen, und erbat sich dazu einen Gehilfen aus Frankreich, einen Menschen mit großsprecherischem Wesen und langem Barte, der als außerordentlicher Gesandter ausstaffiert werden und vom Sultan energische Schritte gegen Joseph von Naxos verlangen sollte (3. und 16. Oktober 1569). Der jüdische Herzog schwebte in der größte:: Gefahr und mit ihm wahrscheinlich die Gesamtjndenheit in: türkischen Reiche. Wenn Dand seine Gehässigkeit gegen ihn hätte bis zur offenen Anklage treiben, wenn französisches Geld der Intrige vollen Nachdruck hätte geben und wenn der Großvezier Mohammed Sokolli, der Todfeind Josephs, die Sache in die Hände hätte nehmen können, so wäre dieser verloren gewesen. Der französische Gesandte hielt es aber für angemessen, die Sache noch eine Zeitlang als Geheimnis zu behandeln, wahrscheinlich um Dand Gelegenheit zu geben, sich gewisse Schriftstücke zun: Beleg zu verschaffen. Er schärfte daher dem Könige von Frankreich ein, die Sache nicht verlauten zu lassen, namentlich den: türkischen Sendbote::, der damals an den französischen Hof abging, nichts davon zu verraten. „Denn sobald dieser es erführe, würde er sofort Joseph von Naxos einen Wink darüber geben, und dieser würde den Sultan und seine Minister zuvorkommend bearbeiten können, daß die Pläne gegen ihn vereitelt würden." Trotz dieses Geheimhaltens wurden doch Joseph von Naxos die von Daud und den: französischen Gesandten angezettelten Ränke verraten, und er kau: ihnen in der Tat zuvor. Es konnte ihm nicht 366 Geschichte der Juden. schwer werden, den Sultan Selim zu überzeugen, daß er ihm stets treu gedient und daß er unter allen Hofdienern am aufrichtigsten zu ihm gehalten habe. Er erlangte auch vom Sultan ein Dekret, vermöge dessen der Verräter Taud lebenslänglich nach Rhodus, der Verbrecherinsel des türkischen Reiches, verbannt wurde. Entweder auf Antrag Don Josephs oder aus eigenem Antriebe sprachen sämtliche Rabbinen und Gemeinden Konstantinopels den schwersten Bann über Daud und zwei Helfershelfer desselben aus. Ihnen schlossen sich die Rabbinatskollegien der größten türkischen Gemeinden an — Joseph Karo an der Spitze — freilich in zu gefälliger Liebedienerei, ohne sich vorher von der Schuld oder Unschuld Tauds Gewißheit verschafft zu haben?) Die außerordentliche Bemühung des französischen Gesandten und Hofes, den jüdischen Günstling Selims zu stürzen, mißlang vollständig und hinterließ in dessen Gemüt eine nur allzugerechte Erbitterung, vermöge welcher er die diplomatischen Pläne Frankreichs zu durchkreuzen und zu vereiteln nur noch mehr bemüht war. Noch mehr spielte Joseph von Naxos dem Staate Venedig mit. Es herrschte nämlich eine stille Feindschaft zwischen dem jüdischen Herzoge und der erlauchten Republik, welche beide vergebens durch >) Quellen über diese Intrigen Olmrrisrs, UsKveintion III p. 80 vom 3. Okt. 1569 und x. 83 vom 16. d. M. »nd U-ssW- Elia b. Chajim o'pwp v-v Nr. 55, 56. Der Streit zwischen Joseph und seinem Agenten Daud muß schon vor 3. Okt. d. I. ausgebrochen sein, da der französische Gesandte sich im ersten Bericht ans eine bereits früher darüber gegebene Mitteilung beruft. Wann aber Exil und rabbinischer Bann über Daud verhängt wurden, läßt sich nicht genau ermitteln. In den genannten Responsen finden sich zwar zwei Bannsprüche mit Taten gegen ihn, das des Salvnicher Rabbinats mit Samuel de Medina an der Spitze und des Safctenser Kollegiums, Joseph Karo vorangestellt. Das zweite trägt das Datum 24. Tischri 5331 — 23. September 1570 und das erste 'r> bibn -irrvi rr — 1573. Das MonatSdntum ist hier jedenfalls korrumpiert. Der Neumond Elul fiel in diesem Jahre nicht auf den Freitag. Aber auch das Jahr kann nicht richtig sein; denn abgesehen von dem Widerspruche gegen das Datum im Banntexte der Salvnicher Gemeinde, läßt eS sich nicht denken, daß die Zwistigkeit sich von 1569 bis 1573 hingezogen haben sollte. Vielleicht muß man dafür lesen — 1570, und zwar Elnl — August. Dann hätte sich die Intrige etwa ein Jahr hingezogen. Aus dem Rcspoiisum geht hervor, daß Dauds Machinationen verraten worden siudi ^ bnb noir- gus lo saeü ä los (.luclioa): (lomn 111 ;ix) ibr, wb .->>nv '.i chib. Es ist möglich, daß der französische Agent Claude de Bourg sie Don Joseph verraten hat; denn er lebte im Streit mir dem Gesandten de Grandchamp, suchte dessen Pläne zu durchkreuzen und wurde daher von diesem beim französischen Hofe verleumdet und mißhandelt. Der Gesandte hielt es darum für nötig, gerade zur Zeit der Rückkehr de Bourgs nach Frankreich dem König Verschwiegenheit darüber zu empfehlen. Türkisch-venezianischer Krieg. 367 Komplimente zu verdecken suchten. Abgesehen von der Mißhandlung, welche seine Schwiegermutter von der venezianischen Regierung erfahren, hatte sie ihm das Gesuch um freies Geleite durch ihr Gebiet für sich und seinen Bruder geradezu abgeschlagen?) Selim, welcher den Venezianern ebenfalls nicht wohlwollte, wurde von seinem jüdischen Günstlinge öfter aufgestachelt, Venedig den lange bestandenen Frieden zu kündigen und die Eroberung der venezianischen Insel Cypern zu unternehmen. Trotz der Abneigung, welche der erste Vezier, Mohammed Sokolli, der eine Vorliebe für die Venezianer hegte, gegen den cyprischen Krieg batte, wurde er doch unternommen. Der Sultan soll Joseph das Versprechen gegeben haben, wenn die Eroberung gelingen sollte, werde er ihn zum König von Cypern machen. Der Herzog von Naxos soll bereits eine Fahne in seinem Hause gehalten haben mit der Inschrift: „Joseph, König von Cypern." 2 ) Seine Verbindungen mit Europa erleichterten diese Unternehmung. Während noch Mohammed Sokolli Schwierigkeiten machte, einen solchen Seekrieg zuzugeben, kam Joseph die Nachricht zu, daß das Kriegsarseual von Venedig durch eine Pulverexplosion in die Luft geflogen war. Diesen Augenblick der Verlegenheit für die Republik benutzte Joseph und die Partei im Divan, welche er für den Krieg gewonnen hatte, den Sultan zu bewegen, die Flotte sofort auslaufen zu lassen. Im ersten Sturme fiel ein Hauptort von Cypern, Nikosia, und der andere Famagusta, wurde hart belagert (1570). Wie so oft, wurden auch diesmal für das Tun eines einzelnen alle Juden verantwortlich gemacht. Daß die venezianische Regierung sämtliche levantinische, größtenteils jüdische Kaufleute, die sich beim Ausbruche des Krieges in Venedig befanden, arme wie reiche, ein- gekerkert und deren Waren eingezogen hat, lag in der damaligen barbarischen Behandlung des Verkehrs zwischen Staat und Staat. Aber daß der Senat auf Antrag des judenfeindlichen Dogen Luis. Moceuigo den Beschluß gefaßt hat (18. Dezember 1571 ) 3 ), sämtliche Juden Venedigs, gewissermaßen als Mitverschworene des Joseph Naßi und des türkischen Reiches, auszuweisen, war ein Ausfluß des vom damaligen Christentum genährten Rassenhasses. Glücklicherweise H Liberi, Heia^ioni, ssris III 1. 2 x. 86; auch Maria Gratiani, äs detlo 6ii»'i W 35: Inlssku8 (Ilicbesius) xrasehms Veustis, a, guibus, ämu Veuetiis tmt, iüibsialitsr lurbitnm ss gusrebatnr. Bei v. Hammer, GeschictUe der Osmanen III S. 564, Liberi, Relaräous das. 1. 3 p. 87, und Gratiani das. x. 38. (Zuin Mebssium ixsum, esu» iusulas (6^pri) rexem taesrs ässtiua.8ss (8slimmu); sunl Mi Isruut, aucki- taingus voesm iliins Lliebemnm iSASm axxellasss. h Fortsetzung des Lwsk Iia-8ae,ia, Wolf, Aktenstücke in llaskir I, S. 1s. .868 Geschichte der Juden. kam es nicht dazu. Trotz der Anstrengung des fanatischen Papstes Pius' V., eine Liga der christlichen Staaten gegen die Türkei, eine Art Kreuzzng gegen die sogenannten Ungläubigen, zustande zu bringen und die türkische Flotte aus den Gewässern von Cypern zu vertreiben, mußte sich die Stadt Famagusta dem türkischen Feldherrn ergeben, und damit fiel die ganze Insel der Türkei zu. Tie Venezianer mußten um Frieden betteln und setzten ihre ganze Hoffnung, ihn zu erlangen, auf einen einflußreichen Juden, der ihn vermitteln sollte. Trotz des feierlichen Beschlusses des venezianischen Senats, daß niemand sich unterfangen sollte, ein Wort zugunsten der Juden zu sprechen, mußten sie doch geduldet werden, weil man es mit den Juden in der Türkei nicht ganz und gar verderben durfte. Die Macht derselben war in der Tat so groß, daß sie, die sonst Hülfeflehendeu, von Christen um Hilfe angefleht wurden. Tie Niederlande hatten einen ernsten Aufstand gegen Spanien und den finstern König Philipp II. gemacht, weil er das Bluttribunal der Inquisition in ihre Mitte gegen die dem Katholizismus Entfremdeten einführen wollte. Der Blutmensch Alba suchte den Abfall niederzuhalten und den Katholizismus durch Hekatomben von Menschenopfern in die Gemüter zurückzuführen. Der Galgen sollte das wankend gewordene Kreuz stützen. In dieser Bedrängnis wandten sich die niederländischen Aufständischen, die Geusen, an Joseph von Naxos, der mit einigen Adligen in Flandern von seinem frühern Aufenthalte daselbst Verbindungen hatte. Der Herzog Wilhelm von Oranien, die kräftige Seele des Aufstandes, schickte einen eigenen Boten an Joseph von Naxos, daß er den Sultan bewegen möge, Spanien Krieg zu erklären, wodurch die spanischen Truppen von Flandern hätten abberufeu werden müssen?) Dieser machte allerdings alle Anstrengung, Sultan Selim für einen Krieg mit dem verhaßten Philipp geneigt zu machen. Aber der erste Vezier Mohammed Sokolli, der für Spanien, wie für Venedig und die christlichen Völker überhaupt viel Sympathien hatte, war dagegen und mit ihm mehrere Würdenträger. — Der österreichische Kaiser Ferdinand ließ sich ebenfalls herab, um die Gunst der Pforte zu erhalten, an den jüdischen Herzog ein eigenhändiges Schreiben durch seinen Botschafter zu Achten, worüber der Neid des Großveziers nur noch vermehrt wurde.-) Sigismund August, König von Polen, welcher von der Pforte einen wichtigen Dienst erwartete, wandte sich auch au ihn, gab ihm den Titel „durchlauchtigster Fürst", und, was noch mehr bedeutet, versprach günstige Privilegien für die Juden seines Landes, um ihn für seine Pläne geneigt zu machen (1570 ^). >) Lümrrisrs, l^sAoomtion III p. 61; 8kraäa äs bello LelAieo p. 135. ") Bei v. Hammer a. a. O. S. 61V. h Note 6. Salomo ben Nathan Aschkenasi. 369 Man kann fast sagen, daß der Divan oder türkische Staatsrat unter dem Sultan Selin: aus zwei Parteieu bestand, aus einer geheimen christlichen durch den ersten Vezier, und aus einer jüdischen, durch Joseph von Naros vertreten, die einander Schach boten. Mit und neben ihm gab es noch andere Juden, welche, allerdings in untergeordneter Stellung, Einfluß übten, Männer auf die Würdenträger, Frauen auf die Sultaninnen?) Sultan Selims Gunst für die Juden war so offenkundig, daß sich ein Märchen bildete, er sei gar ein geborener Jude, der als Kind im Harem statt eines Prinzen untergeschoben worden?) Selbst der Großvezier Mohammed Sokolli, so sehr er auch ein Feind des Joseph von Naxos und des jüdischen Einflusses war, war darauf angewiesen, sich eines jüdischen Unterhändlers zu bedienen und ihm wichtige diplomatische Aufträge anzuvertrauen. Der venezianische Botschafter, der eigentlich die verschwiegene Aufgabe hatte, den Juden am türkischen Hof entgegen zu arbeiten, trug selbst dazu bei, einen: solchen Einfluß zu verschaffen. Salomo ben Nathan Aschkenasi^), welcher fast drei Jahrzehnte die diplomatischen Angelegenheiten der Türkei mit den christlichen Höfen leitete und Joseph von Naxos später verdrängte, war zur Zeit, als dieser eine gewichtige Stimme im Divan hatte, eine unbekannte Persönlichkeit in Konstantinopel. Aus Udine von einer deutschen Familie stammend, hal er frühzeitig Reisen gemacht, war nach Polen gekommen und hatte es bis zum ersten Arzte des Königs von Polen gebracht. Als Untertan der venezianischen Republik stellte er sich bei seiner Übersiedlung nach der türkischen Hauptstadt unter den Schutz der diplomatischen Agenten von Venedig. Salomo Aschkenasi verstand Talmud und wurde Rabbi genannt, hatte aber am meisten Sinn und Fähigkeit für feine diplomatische Fädenspinnerei, für Entwirrung verschlungener Knoten, für Vermittlung, Ausgleichung und Glättung. Als solcher war er bei mehreren venezianischen Agenten in Konstantinopel nacheinander, bei Bragadin, Soranzo und Marc-Antonio Barbara sehr beliebt. Dem letzten: diente er beim Ausbruch des cyprischen Krieges als geheimer Agent, leistete ihm bedeutende Dienste und geriet dadurch in manche Gefahr. Noch während des Krieges hatte Barbara um Frieden unterhandelt, und da er selbst in Haft war, führte er Salomo von Udine bei dem ersten Dragvman Janus-Bey ein, und dieser empfahl ihn wieder den: Großvezier Mohammed Sokolli?) 9 S. Note 8. 9 v. Hammer das. S- 563; Oliarrisre das. p. 78. 9 S. über ihn Note 8. 9 Dieselbe Note. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 24 370 Geschichte der Juden. Der erste Minister des türkischen Hofes erkannte dessen diplomatische Gewandtheit, fesselte ihn an sich und betraute ihn bis an sein Lebensende mit solchen Aufträgen, bei denen es galt, durch Klugheit und Feinheit zum Ziele zu gelangen. Während die türkischen Waffen gegen die Venezianer geführt wurden, mußte Salomo Aschkenasi schon die ersten Fäden zum künftigen Friedensschlüsse spinnen. Freilich wurde er dadurch von den Gegnern des Großveziers, wahrscheinlich auch von Joseph von Naxos umlauert, beargwöhnt und verdächtigt. Als der Sultan in der zweiten Residenz, Adrianopel, weilte, wurde Salomo von Mohammed Sokolli auch dahin beordert, unter dem Vorwände, dessen Gattin ärztlich zu behandeln; eigentlich sollte er alle Vorgänge und Bewegungen beobachten und darüber berichten. Infolgedessen wurde er von der Kriegspartei des Spionierens angeklagt, in ein scharfes Verhör im Nebenzimmer des Sultans gezogen und geriet in augenscheinliche Gefahr. Seine Klugheit zog ihn aber aus der ihm gestellten Schlinge. Die christlichen Kabinette ahnten gar nicht, daß der Gang der Begebenheiten, der sie zwang, Stellung nach der einen oder andern Seite zu nehmen, von jüdischer Hand in Bewegung gesetzt wurde. Das war besonders bei der polnischen Königswahl in dieser Zeit der Fall. Der Tod des letzten jagellonischeu Polenkönigs Sigismund August (Juli 1572), der keinen Thronerben hinterließ und eine förmliche Wahl ins Ungewisse nötig machte, setzte ganz Europa, wenigstens die Kabinette und diplomatischen Kreise in aufregende Spannung. Zunächst waren der deutsche Kaiser Maximilian II. und der russische Herrscher Iwan, der Grausame, als Nachbarn Polens, dabei beteiligt. Jener setzte alles in Bewegung, um seinen Sohn durchzubringen, und dieser pochte darauf, daß er oder sein Sohn zum Könige gewählt werde. Der Papst arbeitete daran, daß ein katholischer Fürst den polnischen Thron einnähme, weil sonst zu fürchten war, daß die Wahl eines der Reformation günstigen Königs die im Zunehmen begriffene reformatorische Bewegung unter dem Adel und in den Städten Polens und Litauens kräftigen, und diese Länder sich vom Papsttum losreißen würden. Er hatte seinem Nuntius und außerordentlichen Legaten Commendoni die Weisung gegeben, in diesen: Sinne tätig zu sein. Dagegen hatten wieder die protestantischen Länder, Deutschland und England, und vor allem die Anhänger der neuen Kirche verschiedener Sekten in Polen selbst das höchste Interesse, einen König ihres Bekenntnisses oder wenigstens einen, der nicht entschieden kirchlich-katholisch wäre, durchzusetzen. Dazu kam noch der persönliche Ehrgeiz einer mächtigen französischen Königin, die in dieses wirre Getriebe mit geübter Hand eingriff. Die polnische Königswahl. 371 Die ebenso kluge, wie falsche Königin-Witwe Katharina von Medici, die viel auf Astrologie gab, und der verkündet worden war, alle ihre Söhne werden Kronen tragen, wollte ihrem Sohne Heinrich, Herzog von Anjou, eine fremde Krone verschaffen, damit die astrologische Verkündigung sich nicht durch den Tod ihres regierenden Sohnes Karl IX. erfülle. Sie und ihr Sohn, der König von Frankreich, setzten daher alle Hebel in Bewegung, um Anjou auf den polnischen Thron zu bringen. Aber auch die Türkei hatte wichtige Interessen und eine gewichtige Stimme bei der polnischen Königswahl. Bor allem sah die Pforte ungern in Polen einen König, welcher mit den mächtigen christlichen Reichen in Zusammenhang stehen und also ihre Feinde verstärken würde; sie war daher gegen die Wahl eines Fürsten aus dem österreichischen oder russischen Hause. Sie wünschte aber noch besonders, daß die Wahl auf einen einheimischen Adligen fiele, damit dieser sich an sie anzulehnen gezwungen sei. Der Großvezier Mohammed Sokolli, die Seele des türkischen Divans, hätte gern einen Potocki wühlen lassen, weil er mit diesem Hause verwandt war. Ein wahrer Knäuel von Kabalen und Ränken verwirrte sich daher infolge der polnischen Königswahl; jeder Kandidat suchte eine starke Partei unter dem polnischen Groß- und Kleinadel zu werben, aber sich auch die Pforte geneigt zu machen. Heinrich von Anjou hatte anfangs Aussichten, aber diese schwanden durch die blutige Bartholomäusnacht in Frankreich. Auf des Königs und der Königin-Mutter Wink waren nämlich Hunderttausende von Hugenotten überfallen und gemordet worden, klein und groß, Männer, Weiber und Kinder (24. August 1572). Eine solche Unmenschlichkeit, mit kaltem Blute angeordnet und ausgeführt, war unerhört in der europäischen Geschichte seit den Mordtaten an den Sllbigeusern im dreizehnten Jahrhundert auf päpstlichen Befehl. Die Lutheraner und Anhänger der Reformation aller Länder waren von diesem Schlage betäubt. Die Kandidaten des polnischen Thrones suchten daher die Untaten der Bartholomäusnacht gegen Anjou auszuspielen, selbst der katholische Kaiser Maximilian stellte sich entrüstet darüber, um die reformatorisch Gesiuuten in Polen gegen ihn einzuuehmen. Destomehr mußten der französische Kandidat, seine Mutter und sein Bruder die Pforte bearbeiten, seiner Wahl günstig zu sein. Ein außerordentlicher Gesandter, der Bischof von Acqs, wurde zu diesem Zwecke nach Konstautinopel gesandt. So lag die polnische Königswahl letztentscheidend in der Hand eines im Hintergrund stehenden Juden. Denn Salomo Aschkenasi beherrschte den Großvezier vollständig und lenkte seinen Willen, und dieser leitete im Namen des Sultans die auswärtigen Angelegenheiten. Salomo 372 Geschichte der Juden. entschied sich sür Heinrich vvn Anjou und gewann den Großoezier dafür, als es sich zeigte, daß Potocki keine Aussicht hatte. Auch nach einer andern Seite konnte der jüdische Diplomat für den französischen Prinzen tätig sein, durch seine Bekannten unter dem polnischen Adel von seinem frühern Aufenthalte in Krakau als Leibarzt des verstorbenen Königs Sigismund August. Als Heinrich von Anjou endlich durch Vereinigung günstiger Umstände fast einstimmig gewählt war (Mai 1573), rühmte sich der französische Gesandte, Bischof von Acqs, daß er nicht einer der letzten gewesen, welche diese Wahl gewünscht und herbeigeführt hätten. Salomo Aschkenasi durfte, aber darüber an den König von Polen, später König von Frankreich, unter dein Namen Heinrich III., schreiben: „An: meisten habe ich Euer Majestät dabei Dienste geleistet, daß Sie zum König gewählt wurden; ich habe alles bewirkt, was hier (an der Pforte) getan wurde, obwohl ich glaube, daß Herr von Acqs alles auf sich bezogen haben wird."^) Großes Aufsehen machte es aber im christlichen Europa, als dieser jüdische Arzt und Diplomat von der Pforte abgeordnet wurde, den Frieden mit Venedig, an dessen Zustandekommen er mehrere Jahre gearbeitet hatte, endlich abzuschließen, und also als geachtete offizielle Persönlichkeit aufzutreten. So ganz ohne Widerstand wurde indessen der jüdische Botschafter von der erlauchten Republik nicht angenommen. Im Gegenteil, es war vorher im Schoße des Senats darüber eifrig verhandelt worden, und die Männer der Regierung waren dagegen. Allein einerseits bestand der Großvezier Mohammed Sokolli darauf, weil Salomv dessen unbedingtes Vertrauen besaß, und er durch ihn diplomatische Fäden für andere Zwecke anknüpfen lassen wollte. Anderseits sprach ihm aufs wärmste das Wort der heimgekehrte Konsul Marc-Antonio Barbar», welcher wiederholent- lich versicherte, der jüdische Diplomat habe die wärmsten Sympathien für Venedig. Unter diesen Umständen kam „Rabbi Salomo Aschkenasi", wie er genannt wurde, als außerordentlicher Botschafter der Türkei nach Venedig. Einmal angenommen, mußten die Würdenträger der Republik, der Doge und die Senatoren, ihm die größten Ehren und Aufmerksamkeiten erweisen, weil der türkische Hof in diesem Punkte sehr empfindlich war und den Mangel an gebührender Auszeichnung seines Vertreters als Beleidigung angesehen haben würde. Salomo wurde daher in feierlicher Audienz im Dogenpalaste ausgenommen, und dort wurde die Urkunde des Friedens zwischen der Türkei und Venedig von ihm im Namen der erster» unterzeichnet. Auch sonst erwies ihm die Signoria die zuvor- h S. Note 8. Salomo Aschkenasi rettet die Gemeinde in Venedig. 373 kommendsten Aufmerksamkeiten während seines Aufenthaltes in Venedig (Mai—Juli 1574), und sämtliche europäische Gesandte in Venedig drängten sich an ihn. Ter jüdische Botschafter hatte auch den Auftrag, die venezianischen Machthaber dafür zu gewinnen, ein Schutz- und Trutzbündnis mit der Türkei gegen Spanien zu schließen, mit dem der Sultan stets auf dem Kriegsfüße stand. Salomo machte im Namen der Regierung die glänzendsten Versprechungen für ein solches Bündnis; indes drang er damit nicht durch. Für seine Glaubensgenossen in Venedig war Salomo ein Retter. Ihre Freude über die Ehre, welche einem der ihrigen von den Machthabern erwiesen wurde, war nämlich mit Trauer und Besorgnis gemischt wegen der ihnen drohenden Ausweisung. Der Doge Mocenigo hatte nämlich darauf bestanden, den früher gefaßten Beschluß zur Verbannung der Juden (o. S. 367) vollstrecken zu lassen. Schon waren manche jüdische Familien, ohne den letzten Termin abzuwarten, ausgewandert. Salomo hatte aber noch in Konstautinopel mit dem venezianischen Agenten, Jakopo Soranzo, verhandelt, sich der unglücklichen Juden anzunehmen. Bei dessen Rückkehr nach Venedig brachte Soranzo sogleich die Judenfrage in der Sitzung des Dogen und der mächtigen Zehnmünuer in Beratung. Er machte ihnen begreiflich, welcher Schaden der Republik durch die Ausweisung der Juden erwachsen würde. Die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden seien es, welche den Türken Kanonen und Kriegswaffen aller Art fabrizierten. Es sei sehr bedenklich, sich die Juden zu Feinden zu machen, welche eine Macht in der Türkei bildeten, und Freundschaft mit diesem Staate zu erhalten, sei für Venedig vielmehr die sicherste Gewähr friedlicher Zustände, da es sich weder auf den Papst, noch auf Spanien verlassen könne, die sich in der Zeit der Not als ein geknicktes Rohr erwiesen hätten. Diese eifrige Verwendung Soranzos zugunsten der Juden bewirkte eine Umstimmung in den Gemütern des Dogen und der Dieci. Das Ausweisungsdekret wurde widerrufen (19. Juli 1573), und Salomos Anwesenheit in Venedig erhöhte noch die Freude seiner Glaubensgenossen, da er auch das Versprechen erlangte, daß sie nie mehr mit Ausweisung bedroht werden sollten?) Mit Ehren überhäuft und mit einen: Geldgeschenk von zehn Pfund Goldes, kehrte Salomo nach Konstantinopel zurück, wo seine Stellung sich noch mehr befestigte und sein Ansehen noch mehr stieg. Sein in Venedig zur Erziehung weilender Sohn Nathan wurde vom Dogen mit Aufmerksamkeit behandelt?) Joseph Kohen, Umsk Im-Laolm p. 131. Fortsetzung p. 147 sg , 151; Wols, Aktenstücke in Nn8kir I, S. 18. 2) v. Hammer, a. a. O., IV, S- 38. 374 Geschichte der Juden. Infolge des Einflusses des Joseph von Naros auf den Sultan Selim und des Salomon Aschkenasi auf den ersten Minister Mohammed Sokolli bewarben sich auswärtige christliche Höfe um die Gunst der türkischen Juden in Stambul. Wollte einer derselben etwas bei der Pforte durchsetzen, so suchte er vor allem einen jüdischen Vermittler dafür zu gewinnen, weil ohne einen solchen keine Aussicht vorhanden war, mit etwas durchzudringen?) Selbst der finstere Philipp II. von Spanien, der eingefleischte Juden- und Ketzerhasser, mußte sich, um Waffenruhe von den Türken zu erlangen, nach jüdischen Unterhändlern umsehen. Die Stellung der Juden in der Türkei und namentlich in der Hauptstadt, unter den Augen ihrer mächtigen Beschützer, war daher außerordentlich günstig. Sie durften alle ihre Kräfte frei entfalten und erwarben Reichtümer, welche auch damals Macht verliehen. Der Großhandel und der Zoll waren größtenteils in ihren Händen. Auch Schiffahrt im großen trieben sie und wetteiferten mit den Venezianern. In Koustantiuopel besaßen sie die schönsten und größten Häuser mit Gärten und Kiosks, die denen des Großveziers gleichkamen?) Wurden die Juden in den Provinzen irgendwo bedrängt, was namentlich von den boshaften Griechen geschah, oder wollten sie überhaupt etwas durchsetzen, so brauchte sich nur eine Deputation nach Konstantiuopel zu begeben, um vermittelst der jüdischen Großen die Plackereien abzuwenden. Die Juden von Salonichi, welche die Hauptbevölkerung der Stadt bildeten, aber nichtsdestoweniger von der Minderzahl der Griechen öfter geplagt wurden, hatten unter dem Sultan Suleiman vergebens nur Bestätigung von Privilegien zu ihrem Schutze nachgesucht. Ihr Prediger, Mose Almosnino, welcher mit mehrern Abgeordneten in Konstantinopel dafür tätig gewesen, verzweifelte schon, damit durchdringen zu können. Sobald aber Selim den Thron bestiegen hatte und Joseph von Naxos zu hohem Ansehen gelangt war, erhielt er unerwartet einen Ferman zur Bestätigung der gewünschten Privilegien?) Es konnte nicht fehlen, daß der Wohlstand, die Freiheit, die Behaglichkeit und Sicherheit des Daseins unter den türkischen Juden *) Obarrisre, XsKooiation III, p. 478 Note. ") Liberi, Relarioni 8sris III 1. 1 p. 275 fg., 1. 3 i>. 389; Gerlach, Tagebuch S. 192. di-a.tis.ni äs bsiio 6^pro x. 24: Inäasoruin nationem bsnslieiis ornaverat (Üsliinus) atgus in Aratiain äokannss Niebssü änäaei sx Ilispania pro Iwgl, guo tainiliaritsr utsbatur, ab Loliinana patrs urkeru in vetsribus üsbrasornin seäibus babitanäain . . . a§rumgns eolsnäuin iini>sti-avsrat. °) Almosnino, Predigtsammlung n- Nr. I. Einl. zu dessen Lxtreinos v Aranäeras äs Oonstantinoxls. S. Frankels Monätsschr. 1884 S. 42 fg. Mose Alsmosniuo und Samuel Schulam. 375 ihnen auch eine erhobene Stimmung verliehen, einen freien Blick über die Spanne Gegenwart hinaus geöffnet und ihren Geist wieder zum Schaffen angeregt haben. Tie geistige Fruchtbarkeit der jüdisch- spanischen Rasse, welche Schönes und Tiefes zutage gefördert, war auch in der Türkei nicht ausgetrocknet und erloschen. Der Sinn für Geschichte und Vorgänge jenseits der jüdischen Welt war ihr noch nicht verschlossen. Mose Almosnino photographierte während seiner Anwesenheit in Konstantinopel, um Privilegien für die Salonicher Gemeinde zu erlangen, sehr anschaulich das Leben in der türkischen Hauptstadt mit seinen Gegensätzen von glühender Wärme und erstarrender Kälte, erstaunlichem Reichtum und abschreckender Armut, verweichlichendem Luxus und strenger Enthaltsamkeit, verschwenderischer Mildtätigkeit und herzlosen: Geize, übertriebener Frömmigkeit und gottvergessener Lauheit, die sprungweise, ohne sanfte Übergänge einander folgten. In seiner Schrift über die „Gegensätze und Größe Konstantinopels" i) in spanischer Sprache hat Almosnino die Macht und Entwicklung des türkischen Staates mit Kennerblick geschildert. Er hatte überhaupt Vorliebe für Wissenschaften und Philosophie und gab seinen Predigten wie seiner Schriftauslegung eine wissenschaftliche Form. Für Geschichte war auch eingenommen der Arzt Samuel Schulam, ebenfalls ein Spanier von Geburt, der lange ein Abenteurerleben geführt, bis er in Konstantinopel von einer bei der Sultanin in Ansehen stehenden jüdischen Frau Esther Kiera^) unterstützt wurde. Auf ihre Kosten gab er Zncutos zwar schlechte, aber brauchbare Chronik (o. S. 14) heraus (1566—67), aber vielfach gekürzt und gedrängt. Er fügte zur Ergänzung ein Geschichtswerk hinzu, das bis dahin von Juden gar nicht beachtet worden war, die arabische Chronik der Dynastien des syrischen Chronisten Abulfarag' Barhebräus, zu der Schulam die türkische Geschichte selbständig nachgetragen hat. Auch übersetzte dieser Günstling der jüdischen Hofagentin aus dem Lateinischen die interessante Schutzschrift des alten jüdischen Geschichtsschreibers Josephus gegen die Angriffe des alexandrinischen Judenfeindes Apion — der erste jüdische Schriftsteller, der davon Gebrauch gemacht hat. Von weit größerem Werte waren zwei Urkunden, die er der Zacutoschen Chronik hinzugefügt hat, Scheriras geschichtliches Sendschreiben und die wichtigen Nachrichten des Nathan Babli über die gaonäische Zeit^), ohne die ein ganzer Zeitraum der jüdischen Geschichte einem leeren Blatte gliche. Auch h Die genannte Schrift Dxtremcw x- Kranäenrw äs 6on8tantinopls, in spanischer Sprache mit hebräischen Buchstaben, verfaßt 1567, wurde in spanische Schrift übertragen und heransgegeben von dem jüdischen Dolmetscher der spanischen Krone, Jakob Cansino, Madrid 1638. 'h S. Note 8. h B. V, 2 S. 287, 288. .876 Geschichte der Juden. eine Verfolgungsgeschichte wollte Samuel Schulam zusammentrage» i), man weiß nicht, ob er sein Vorhaben ausgeführt hat. Indessen diese Nachtseite der jüdischen Geschichte, das tausendjährige Martyrium des jüdischen Stammes hat in derselben Zeit ein fähigerer Geschichtsschreiber dargestellt, der bereits greise Joseph Kohen von spanischer Abkunft. Sein „Jammertal" 2) bietet eine lange Reihe düsterer Anblicke, Zerfleischuug, Tod, Jammer in allen Gestalten; aber er konnte doch seine Geschichte mit einer freudigen Erzählung schließen, wie die Veueizaner eifrig dahiuterher waren, den jüdischen Gesandten der Türkei, Salomo Aschkenasi, zu ehren und auszuzeichneu, sei es auch nur aus Politik. Die glänzende Stellung der Juden in der Türkei in der Gegenwart führte sie von selbst darauf, sich nach Parallelen in der Vergangenheit umzuseheu und sie den damals Lebenden vorzuführen. Niemand war dazu geeigneter als der hinkende Wandersmann Isaak Akrisch, welcher viele Länder gesehen und sich auf Sammlung seltener Schriften verlegt hatte. Nach vielen Irrfahrten und großem Elend war er in den sichern Hafen eingelaufen; er wurde von der jüdischen Gönnerin der Wissenschaft, Esther Kiera, unterstützt; später war er Hausgelehrter des jüdischen Herzogs von Naxos geworden und hatte Muße, seiner Liebhaberei nachzuhängen. Aus seiner Sammlung suchte er zwei Schriften heraus, deren Inhalt Ähnlichkeit mit der damaligen Gegenwart hatte, und gab sie unter dein Titel: „Stimmen eines frohen Botschafters" heraus: die Geschichten des Exilarchen Bostana't, angeblich aus dem davidischen Hause, der von dem ersten Kalifen Omar begünstigt worden und eine Persische Königstochter geheiratet 4), und den Briefwechsel des jüdischen Staatsmannes Chasda'i Jbu-Schaprut in Spanien mit dem jüdischen Chazareu- könig Joseph?) ') Samuel Schulam fügte, weil Zacutos Chronik der Gaoncu gar zu dürftig ist, Scheriras historische Sendschreiben hinzu und auch den wertvolle» Bericht des Nathan Kohen Babli über die letzten Gaonen aus einer bisher noch unentdeckt gebliebenen Quelle. Am Schlüsse des Werkes bemerkt er, er habe geflissentlich Zacutos Nachrichten über Beitreibung der Juden aus Spanien weggelassen, weil er die Absicht habe, die Geschichte der Verfolgung vollständig zu geben. Statt Zacutos kurzer, welthistorischer Chronik lieferte Schulam eine chronikartige Diadoche der zehn Weltdynastien. Er folgte darin unverkennbar der bistoria vz'nastiarum des Abulfarag Barhebräus. Die türkische Geschichte in dieser Partie ist sein eigener Nachtrag. Endlich gab er zum Schlüsse eine hebr. Übersetzung von Josephns' Buche contra ^.piouein. 2) Vergl. o. S. 35b. Das xa:.i schließt mit dem 2t. Tammus 1575. 3) bi.i, gedruckt um 1577, vergl. o. S. 9, Anm. 1, und Note 7, III. <) Band V S. 113. -h Das. S. 302. Nochblüte der hebräischen Poesie in der Türkei. 377 Selbst die hebräische Poesie trieb in dieser Zeit in der Türkei einige Blüten, allerdings Herbstblumen, welche die Spuren einer kalten Sonne und feuchter Nebel an sich trugen, die aber doch wohltuend abstechen gegen die freudlose winterliche Ode anderer Gegenden und späterer Zeit. Mehr noch als die Erzeugnisse selbst flößt ihr Anreger und Beförderer Interesse ein. Es war ein Jbn- Jachja aus der türkischen Linie dieser weitverzweigten Familie. Diese Familie hat in einer Reihe von Geschlechtern den Geistes- und Herzensadel ihres Stammes bewahrt. Der Urahn Jacob Tam, der Großvater Gedalja Jbn-Jachja, der Enkel Mose und der Urenkel Gedalja Jbn-Jachja II. mit allen Seitenverzweigungen waren sämtlich bei talmudischer Gelehrsamkeit Freunde der Wissenschaft und teilten ihr Vermögen mit den Armen. Mose Jbn- Jachja hatte in der Pestzeit nicht nur Tausende von Dukaten für die Leidenden gespendet, sondern sich auch bei der Behandlung der Kranken dem Tode ausgesetzt. Seine Gastfreundschaft für Fremde kannte keinen Unterschied unter verschiedenen Religionsgenossen. Sein Sohn Gedalja, ein Weiser und angenehmer Redner, eiferte seinem Vater in allen Tugenden nachZ und hatte vor ihm noch U .Amatus Uusitanuu, Osntmrin VII, Einl. Sie ist Uueäsiia .lo-bias gewidmet, 1561. Bergt, über den Dichterkreis dieses Jbn-Jachja: Carmoly, die Jachjiden p. 39 fg., wo auch einige Epigramme mehrerer Dichter mitgeteilt sind. Über Zarko und Saadia Longo s. Edelmann, psn Einl. x. IV fg. und p. 12 sg. Der erstere hat eine Vcrssammlung moralischen Inhalts, . 11 , 1 - cn), hintcrlassen, gedruckt Konst. 1560; von Longo existiert eine Sammlung von Oden, Epigrammen und Elegien, mo, gedruckt Salonichi 1594. Israel Nagara stand mit dem Salonicher Dichtcrkreis in Verbindung. Seine Gedichte gesammelt unter dem Titel: buiro mimi, zum Schlüsse weltliche Poesien und Reimprosa. Eine neue Sammlung omun,, Wien 1858. Über Israel NaHara s. Menahem Lonsano NM' MD p. 142: omm r>ii>M 2 pbmrwD rvv'v rwp um muvb nuiD .nv "'sm'uis "u uobu >r> 'vii'uill,, apch im ivnv miuo pvbb (inusro-me, wi alinn, musro-ma). ub umi ."nvin vi op bp ' 2 ,iu„ muu, rvimr M'UI llbiu: . . osur.il yum nai i:n nmun m .um bvs n-o i'D w . . . imrmm mima uul . . . bbv DDM lvuD (-NU)H buiv'. Noch Schlimmeres sagt der Kabbalist Vital Calabrese von Nagara aus, oder läßt einen Geist in einem besessenen Mädchen über ihn urteilen (Selbstbiographie, )ua>-, o-m mar-, p. 6 oder I b): im) wou wrpa um )au cwiD osrpa on ianD ommr.-iD urn ovu MMD I'2' b-1 ->2M I'L 1'Lr> m ,l) Pi iaND omvw.i U'-MD Ml . l2p r'i'D i2!i xpipa lpMi N-Ml . . ouüo ipL'i Milpv pap ll'i22.i LIM Mi, ,iuamu l.) gu:,:i (?) rimmm 0,02 nul vo.ivo 0:1 p' miv: iDi boui ai blpi . . . . (.iii 'b .iim, y,pm r>! ,i m'ro a>m 2 u,) mmD.i aib Diii, (,?LMib wi^ Ohne daß hier der Name genannt ist, erkennt man Israel Nagara darin. In einem Auszuge, welchen der anonyme Verfasser des rbip rrpiiuo (p. 39) von dieser Partie gegeben, ist der Name sogar deutlich genannt, nur sind die Sätze das. verrenkt: 1:11 VL . . IM-P 1-2 o,i iMD cmm-mri . . i^u: buiv" .i,:D vo' bm 378 Geschichte der Juden. die Liebe zur Poesie voraus. Er bildete eine Art poetischer Schule oder poetischen Kreises. Er ließ nämlich von Zeit zu Zeit diejenigen, welche in der neuhebräischen Poesie etwas leisten konnten, auf seine Kosten zusammenkommeu, um ihre Gedichte vorzulesen oder von Entfernten die Früchte ihrer Muße einsenden, um ihren Eifer für die so sehr verwaiste schöne Kunst rege zu machen. Unter den zahlreichen Dichtern des Jbn-Jachjanischen Kreises zeichneten sich zwei aus, Jehuda Zarko und Saadia Longo. Allenfalls läßt sich noch der in Damaskus lebende, im Versemachen fruchtbare, letzte Poetan Israel Nagara dazu zählen. Freilich im Inhalte ihrer Verse ist nicht viel von Poesie zu finden. Sie zeigen weder Erhabenheit, noch Schwung, noch irgend welche Empfindung. Die religiösen Oden und moralischen Betrachtungen dieser drei bessern Dichter bewegen sich in Gemeinplätzen und haspeln nur das Längstgedachte und Empfundene in anders versetzten, oft auch in denselben Klängen ab. Allenfalls in Epigrammen haben sie noch einiges Leidliche geleistet, namentlich Zarko. Nur wegen ihrer Formenglätte und wohlklingenden Verse verdienen sie den Namen Dichter. Es versteht sich von selbst, daß dieser Dichterkreis seinen Gönner und Beschützer Gedalja Jbn-Jachja durch Verse verherrlicht hat. Israel Nagara hat in seiner Jugend viele weltliche Verse gemacht, und auch seine religiösen Verse sind — auffallend genug — dem Versmaß und Reime weltlicher Gedichte und sogar türkischer, spanischer und neugriechischer Liebeslieder nachgebildet. Israel Nagara warf man vor, der Weinrausch habe seine poetischen Ergüsse gefördert, und in der heitern Stimmung soll er sich gar nicht ehrbar geberdet haben. Auch lateinische Verse zu machen, waren die Juden der Türkei infolge der Sicherheit und Behaglichkeit ihres Daseins aufgelegt. Selbstverständlich waren es eingewanderte Marranen, welche in dem großen Kerker Spanien oder Portugal auch die Sprache ihrer Zwingherren gelernt hatten. Als der gewissenhafte Arzt Amatus Lusitanus, der von Königen und Bettlern gesuchte Helfer, welcher wegen der Unduldsamkeit des reaktionären Regiments von Italien (o. S. 327 f.) nach Salonichi ausgewandert war und dort sich neue Freunde und Bewunderer erworben hatte, ein Opfer seiner Tätigkeit geworden und an der Pest gestorben war, setzte ihm einer seiner Freunde, der Marrane Flavio Jacobo de Evora, ein Denkmal in schönen lateinischen Versen. „Er, der das entfliehende Leben so oft im siechen Körper zurückgerufen, bei Königen und Völkern darum beliebt war, liegt fern von seinem Geburtslands im mazedonischen Staube". H U Larbosa Uaebaclo Libliotbeca Imsüana I, i>. 129. Aiiiatns starb 2>. Januar 1568. Unabhängigkeitssinn der türkischen Juden. 379 Das Hochgefühl und die Befriedigung der türkischen Juden an der Gegenwart flößten ihnen den Gedanken an Unabhängigkeit ein. Während die Juden in der Christenheit gar keinen Sinn dafür hatten und sich selbst von jeher nur in Untertänigkeit und in gebeugter Gestalt vor ihren Herrn denken konnten, machten sich jene mit dem Bewußtsein vertraut, jüdische Selbstherrscher und unabhängige Juden zu sehen. Die Berichte des Abenteurers David Reubeni von kriegerischen jüdischen Stämmen und gekrönten jüdischen Häuptlingen in Arabien oder Nubien beschäftigten türkische Juden ernstlich. Sie lauschten auf Nachricht von dorther, um das unter der Hand von vielen Seiten Erfahrene als Gewißheit bestätigt zu hören. Messianische Träumereien liefen dabei mit unter. Wenn es noch selbständige jüdische Stämme gäbe, so sind die Worte der Propheten von dem künftigen Glanze des jüdischeil Volkes nicht zur Erde gefallen und dürften sich einst verwirklichen. Samuel Usque, der dichterische Geschichtsschreiber, der aus Ferrara nach Konstantinopel infolge der Wut in Italien gegen die Marranen ausgewandert zu sein scheint, zog mit noch andern geflissentlich Nachrichten solcher Art ein und gab ihnen die weiteste Verbreitung?) Selbst Isaak Akrisch, der sich sehr ungläubig gegen solche Nachrichten stellte und Samuel Usque und Genossen als Phantasten und Lügenschmiede verdächtigte, ließ sich mit Wohlgefallen ähnliche Berichte von einem unabhängigen jüdischen Staate in Afrika erzählen und druckte sie als glaubwürdig ab?) Tie Lage in der Gegenwart machte solche Mären glaublich. Joseph von Naxos trug sich nämlich lange mit dem Gedanken, ein kleines jüdisches Gemeinwesen zu gründen. Der Jude und der Staatsmann in ihm, beide hingen diesen: Plane nach, und die großartigen Reichtümer seiner Schwiegermutter, über die er verfügen konnte, sollten ihn: als Mittel dazu dienen. Schon als flüchtiger Marrane hatte er an die Republik Venedig ernstlich das Gesuch gestellt, ihm eine der zu diesem Staate gehörenden Inseln zu überlassen, um sie mit jüdischen Bewohnern zu bevölkern. Er wurde aber damit abgewiesen ch, entweder aus christlicher Engherzigkeit oder aus kaufmännischer Furcht vor Konkurrenz. Als er später in Gunst u Vergl. Note 7. ch Akrisch in Ende. 8trnäa cts bsllo Lelg'ieo i>. 135: Vsiistias oontsnäit (Niebeeine), ibi 8.N8N8 68t enm 8sns,tu nAers 6 bello 6^xro x. 3b: Mobeeine (in numsro LIs,rrnnoruin) onm V6netis.8 i»i88n sliornn: veni88st clecino aeeiAnmulo loco eeileaue in alicinn iuenlnruin nrbi ml.jneentinn: enin eenntn eZ'Ieeet, nnlln re iinxetratn, errnuäo snin k688U8, 6on8tnntinoi:olin 86 eontnlit. 380 Geschichte der Juden. beim Prinzen Selim und auch beim Sultan Suleiman stand, ließ er sich von ihnen die Trümmer der Stadt Liberias und sieben Dörfer dazu schenken, um sie in einen kleinen jüdischen Staat zu verwandeln. Nur Juden sollten darin wohnen. Joseph von Naxos sandte einen seiner Agenten dahin, den Neubau von Liberias zu leiten, Joseph ben Ardut, der von Selim 60 Aspern (!?/§ Dukaten) täglich erhielt. Tie Reichtümer der Dona Gracia wurden besonders dazu verwendet. Ter türkische Prinz gab dem Pascha von Syrien den gemessenen Befehl, den Bau mit allen Mitteln zu fördern. Die arabischen Dorfbewohner der Umgegend wurden gezwungen, Frondienste dabei zu leisten. Sie taten es aber nur mit Widerstreben, weil die Mohammedaner eine Überlieferung hatten, wenn Liberias erbaut werden würde, so würde das Judentum über die übrigen Religionen obsiegen, und der Islam würde untergehen. Bei diesem Unternehmen rief ein alter Mohammedaner diesen Wahnglauben wieder, wach und machte die mohammedanischen Arbeiter gegen den Bau aufsässig. Ter Pascha von Damaskus mußte einschreiten und an zwei widerspenstigen Arbeitern türkische Justiz üben, bis sich die übrigen zur Arbeit verstanden. In einein Jahre war die Stadt Liberias mit schönen neuen Häusern und Straßen vollendet. Joseph von Naxos wollte daraus eine Fabriksladt machen, welche mit den Venezianern konkurrieren sollte. Er ließ dort Maulbeerbäume für die Zucht von Seidenraupen pflanzen und Gespinste von Seidenstoffen anlegen; er ließ auch feine Wolle aus Spanien kommen, nur dort feine Tuche weben zu lassen?) Joseph von Naxos hatte einen Aufruf an die Jndenheit erlassen ?), daß die von der christlichen Liebe Gequälten und Bedrückten Ruhe in dem von ihm geschaffenen Asyl Liberias suchen sollen. Praktisch, wie er war, wünschte er aber als Ansiedler Erwerbsfähige und Handwerker, welche durch Fleiß die jüdische Kolonie zur Blüte zu bringen imstande wären, aber nicht Mystiker und Phantasten, welche den Wahn hegten, mit der Wiederherstellung von Liberias werde der Anbruch des messianischen Himmelreichs im heiligen Lande eintreten. Ter Aufruf fand selbstverständlich freudigen Anklang. Ganz besonders machten die Juden des Kirchenstaates, welche die judenfeindliche Brille des Papstes Pius V. zur Verzweiflung gebracht h Llurrrisre, ^SAoomtion II. p. 736, auch Gratiain, äs bello LH'pro, o. S. 374, Amu.; Joseph Kohen, Linsü p. 227 fg. Der Familienname des das. genannten mim oon scheint verschrieben zu sein für ein ost verkommender Name portugiesischer Juden, unter denen es noch jetzt eine Familie gibt: Arduto. Ist vielleicht dieser Joseph identisch mit dem Sekretär Joseph Kohen in der Urkunde o. S. 363? H Note 6, Ende. Neuerbanung von Liberias durch Joseph von Naxos. 381 hatte, davon Gebrauch. Der jüdische Fürst hatte auch dafür gesorgt, daß die Auswanderer Gelegenheit zur Überfahrt finden sollten. Seine Schiffe erwarteten sie in den italienischen Häfen Venedig, Ancona und andern, um sie sicher vor den gottgeweihten Piraten des Malteserordens an Ort und Stelle zu bringen; dem: diese heiligen Ritter bekundeten ihre Ritterlichkeit an Juden, welche nach dem Orient segelten, um sie auszuplündern oder zur Taufe zu zwingen. Wie viele neue Ansiedler in Liberias eingetroffeu sind, ist unbekannt, und zweifelhaft, ob sie Josephs Plan gefördert haben. Er selbst scheint dein kleinen jüdischen Gemeinwesen nicht seine ganze Tatkraft zugewendet zu haben; seine Pläne gingen überhaupt ins Weite, und darum hat Neu-Liberias keine Rolle gespielt. Er arbeitete zunächst daran, die Insel Naxos mit den nahen Inseln im ägäischen Meere als Herzogtum zu erhalten. Und als er so glücklich war, vom Sultan Selim zum Herzog ernannt zu werden, dachte er gar nicht daran, seinen kleinen Inselstaat mit Juden zu bevölkern; vielleicht war es auch nicht ausführbar. Dann war sein Sinn darauf gerichtet, König von Cypern zu werden. Möglich, daß er die Insel der Göttin der Schönheit in einen jüdischen Staat umgewandelt Hütte, wenn er sie in Besitz bekommen hätte. Aber sein Feind, der Großvezier Mohammed Sokolli, ließ es nicht dazu kommen. So zerrannen seine Träume, einen selbständigen jüdischen Staat zu gründen. Überhaupt hat Joseph von Naxos nichts Wesentliches und Dauerndes für das Judentum getan. Er hat immer Anläufe dazu genommen, ist dann aber wieder erschlafft oder vergriff sich in den Mitteln. Der Grund lag in seiner geringen Kenntnis des jüdischen Schrifttums und in seinem Mangel an wissenschaftlichen: Sinn. Joseph von Naxos hielt nach dieser Seite keinen Vergleich aus mit dem Staatsmanne Chasda: Schaprnt oder gar mit Samuel Nagid, welche die Forderung der jüdischen Wissenschaft als eine Lebensaufgabe betrachtet hatten. Er hat wohl ein Lehrhaus in seiner Residenz Belveder in Konstantinopel angelegt und auch sonst die Ausleger des Talmuds unterstützt. Aber das war mehr Sache äußerlicher Religiosität als innerer Überzeugung, das Studium des Talmuds zu fördern. Er würde, wenn Christ geblieben, mit derselben Äußerlichkeit Klöster erbaut haben. Wohl hat Joseph von Naxos seltene hebräische Handschriften angekauft und auf seine Kosten seltene Schriftwerke kopieren lassend) Aber der arme Isaak Akrisch hatte auf eigene Hand noch früher eine größere Sammlung seltener Schriften angelegt?) Joseph hatte auch eine Druckerei in Konstan- Zusammengestellt bei M. A. Levi, Note 91. 'h Akrisch, Eint, zum Tripelkommemar zu Cauticum. 382 Geschichte der Juden. tinopel errichtet, aber weiter nichts als einen Teil der hebräischen Bibel veröffentlicht und dann sie wieder eingehen lassen, weil sie wenig Gewinn brachte?) Aber vor- und nachher haben weit weniger bemittelte Unternehmer Druckereien in Konstantinopel und Salonichi unterhalten. Mußte doch Joseph Karo, die hochverdiente Autorität Palästinas, der sich so sehr des Joseph von Naxos angenommen hatte, als ihm Gefahr gedroht, für den Truck eines seiner umfangreichen Schriften in Italien betteln lassen, ohne bei dein reichen jüdischen Herzog Unterstützung zu finden. Denken und Forschen über Religion und Bestimmung des Menschen war nicht Sache des Joseph von Naxos. So viel Geist er auch hatte, er richtete ihn nicht nach dieser Seite hin sondern auf weltliche Dinge; er nahm die Religion des Judentums als etwas Gegebenes hin, worüber weiter nicht viel zu grübeln sei. Im Alter hat er zwar ein Schrift- cben drucken lassen, das ein Religionsgesprüch sein soll, welches er mit einem zugleich ungläubigen und ini astrologischen Wahne befangenen Christen geführt haben will?) Aber man weiß nicht, wieviel daran ihm und wie viel der geschäftigen Feder des Herausgebers Isaak Onqueneira angehört, und selbst wenn der ganze Inhalt Joseph von Naxos angehört, würde es nur beweisen, daß er sich bei der Anschauung des Talmuds beruhigt hat, um andringen- der religiöser und philosophischer Fragen überhoben zu sein. Joseph von Naxos war überhaupt nicht geeignet, die geistige Blüte der Juden zu fördern; er hatte sich durch den Verkehr mit dein türkischen Hofe Stolz und herrisches Wesen ungeeignet, und konnte keinen Widerspruch vertragen. Er behandelte daher die Rabbinen, die von ihm lebten, als seine Kapläne, die selbst seine ungerechten Launen durch ihre Gelehrsamkeit rechtfertigen und durch ihre Autorität ausführen mußten, wenn sie nicht seiner Ungunst gewärtig sein wollten. Als ihn daher eine Laune oder ein Interesse auwandelte, sich mit seinem verräterischen Agenten Daud, den er hatte bannen und verbannen lassen (o. S. 366), wieder auszusöhnen und ihn aus der Verbannung in Rhodus zurückzurufen, sollten die Rabbinen auf sein Geheiß den über jenen verhängten Bann ebenso schnell lösen, wie sie ihn aus Zuvorkommenheit ausgesprochen hatten. Nun war die Sache nicht so leicht. Denn ein so feierlicher Bann von so vielen Rabbinaten und Gemeinden verhängt, konnte 3) Bei Olurrrisrs a. a. O. II, p. 779, Note um 1564. Seit 1503 war in Konstantinopel eine Druckerei; seit 1530 druckte das. Soncin viel; s. de Rosst, Xnnatss tZ'poKrapbioi saeeuli XVI und jüdische Typographie in Ersetz und Gruber, Enzyklop. II T. 28 S. 37. h Titel °>oi' niiL, herausgegeben von Joseph Onqueneira 1577; vergl. darüber Wertheimers Wiener Jahrbuch 1856 zu Josephs Biographie. Josephs von Naxos Verholten gegenüber den Robbinen. 383 nach rabbinischen Gesetzen gar nicht mehr aufgehoben werden, zumal mehrere Robbinen, die sich an dem Bannspruche beteiligt hotten, bereits dohingeschieden waren. Nichtsdestoweniger verlangte Joseph von Naxos namentlich von den konstontinopolitanischen Rabbinen, daß sie Daud vom Banne lösen sollten; er hatte ihnen bei etwaigein Widerspruche nicht nur mit Entziehung seiner Unterstützung, sondern auch mit seiner Ungnade gedroht. Indessen gab den Rabbinen ihre Sittlichkeit und Religiosität Selbständigkeit genug, sich von dem kleinen Tyrannen nicht einschüchtern zu lassen. Gerade der von Joseph unterstützte greise Rabbiner Joseph Jbn-Lab versagte seine Zustimmung zur Aufhebung des Bannes, und mit ihm stimmten sein ganzes Kollegium, ferner die Rabbinate von Ägypten, Alexandrien und Salonichi, welche um Gutachten angegangen waren. Nur zwei Rabbinen Konstantinopels sprachen sich im Sinne von Joseph von Naxos aus, Elia ben Chajim und Jehuda Algasi?) Die so überaus günstige Lage der Juden in der Türkei während eines ziemlich langen Zeitraums hatte also keine nachhaltig günstige Erhebung zur Folge. Sie erzeugte keinen einzigen Kraftgeist, welcher befruchtende Gedanken für die Zukunft aus sich heraus geholt und den Mittelmäßigen eine neue Richtung vorgezeichnet hätte, allenfalls mit Ausnahme des Asarja der Rosst. Nicht ein einziger der damals lebeirden Führer der Gemeinden ragte über das Maß eines Alltagsmenschen hinaus. Die Rabbinen und Prediger waren grundgelehrt in ihrem Fache, wandelten aber durchweg in ausgesahrenen Gleisen, ohne auch nur auf ihrem eigerren Gebiet eine neue Seite hervorzukehren oder eine Leistung besonderer Art zu hrnterlassen. Nur ein einziger Rabbiner hat ein epochemachendes Werk der Zukunft überliefert, das noch heute seine, wie wohl bestrittene, Geltung hat; aber dieser hat damit nicht etwas Neues oder Ursprüngliches geleistet. Joseph Karo, erster Rabbiner der palästinensischen Stadt Safet, der Lehrling Molchos in der Mystik (o. S. 226), der Jünger Berabs und der Geisterseher (o. S. 285 f.) hat nach langjährigem Fleiße ein neues religiöses Gesetzbuch (Loliulelmn ^ruob) vollendet?) Religiöser Drang, kabbalistische Schwärmerei und Ehrgeiz hatten gleichen Anteil an diesem Werke. Joseph Karo hätte nämlich noch h Rs8px. Elia b. Chajim ll'll Nr. 55, 56. In der letzten Nummer wird angedeutet, daß Joseph von Naxos die Rabbinen gezwungen hat, ihm dienstwillig zu sein: m.n wr-u (u'LM pi) nem mp? rn eu pv ^21 NW22 N22V 2'M>N°N 'U1I :M2MZ PUW mimL' NU Ul'rp U2'U1 1112^28 .NIM p'm.ni> '12 irm .nmr>2 U22V 2N2,ni> 1'UI . . NIM 2S2 h Zuerst erschienen in zwei Ausgaben mit verschiedener Schrift, Venedig 1587, dann bis 1598 — in 30 Jahren — 7 neue Auflagen; vergleiche die Bibliographen. Ä84 Geschichte der Juden. immer Verzückungen und Erscheinungen im Traume, er werde durch Vollendung seines Religionskodex als Norm für die ganze Judenheit überall als die erste Autorität anerkannt werden, er werde dadurch die dem Jakob Berab mißglückte Erneuerung der Weihen (Ordination) U für Richterrabbiner durchsetzen, die Einheit des Judentums wieder Herstellen und dadurch die messianische Zeit fördern. Und er hat ein ganzes Menschenleben damit zugebracht 2), um den weitschichtigen Stoff zusammenzutragen, das Für und Wider abzuwägen, das Schlußergebnis zu machen und es an die betreffende Stelle einzureihen. Er ist allerdings damit einein Bedürfnisse entgegen gekommen. Es mangelte in der Tat an einer das ganze Gebiet der religiösen Praxis umfassenden Norm, nicht aus Nnkunde, wie ehemals in Maimnnis Zeit, sondern gerade wegen Überladung des Wissens. Die Wanderung der Juden von West nach Ost, von Nord nach Süd und die Buchdrnckerkunst hätten nämlich einen bedeutenden Umschwung erzeugt. Die jüdischen Druckereien in Italien hatten die Beschaffung von sonst teuren und seltenen Schriften ungemein erleichtert. Je mehr der Talmud, die Kommentarien dazu, die Religionskodizes verschiedener Art und die Gutachtensammlungen vervielfältigt worden waren, desto mehr nahm die Zahl der Talmudbeflissenen in fortschreitenden: Verhältnisse zu. Die begabten Armen erhielten diese Bücher durch den frommen Sinn Reicher oder konnten sie in Bibliotheken benutzen, welche fast jede größere jüdische Gemeinde in einen: unterhaltenen Lehrhause besaß. Die zahlreichen Gemeindegruppen, welche sich namentlich in: türkischen Reiche Europas und Asiens bildeten, machten zudem das Bedürfnis nach Rabbinen fühlbar; jede Gemeindegruppe stellte einen Rabbinen und meistens gar ein Kollegium an. Jeder nur irgendwie beanlagte Kopf verlegte sich daher auf das Studium der talmudischen und rabbinischen Literatur, weil jeder sicher war, irgendwo ein Unterkommen zu finden. Die Zahl der Talmudkundigen war daher in: sechzehnten Jahrhundert viel, viel größer, als bis dahin. Dadurch trat aber eine große Zerfahrenheit ein. Da der Talmud und noch mehr die später:: Religionskodizes eine Meinungsverschiedenheit über fast jeden einzelnen Punkt des religiösen, rituellen, rechtlichen und eherechtlichen Lebens begünstigen, so trat eine Zerklüftung ein, welche zu Zänkereiei: und Zerwürfnissen in den Gemeinden führte, weil selten zwei Rabbinen über eine aufgeworfene. Frage eines Sinnes waren. Jeder war imstande, aus den: weitschichtigen Schrifttum Gründe für Ja oder Nein beizubringen. Ter eine hielt sich an Maimuni, der ') S. 0 . S. 284 f. und Note 5. 2 ) Bon 1522 bis 1558. Joseph Karos Religionskodex. 385 andere an Alfaßi, ein dritter an Ascheri oder an den Kodex von Jakob Ascheri, oder an Nachmani, an Bet-Adret oder an eine andere Autorität, die deutschen Juden Meistens an deutsche Autoritäten. Dieser Zerfahrenheit und Zerklüftung wollte nun Joseph Karo mit seinem neuen Religionskodex steuern. Er umspannte das ganze, fast unübersehbare talmudische und rabbinische Gebiet in seinem Gedächtnisse — wenn er es auch nicht im Geist zu beherrschen vermochte. Bei der Ausarbeitung folgte er der Ordnung im Kodex des Jakob Ascheri, berichtigte ihn aber aus anderweitigen Entscheidungen anderer Autoritäten und ergänzte ihn vielfach aus spätem Elementen. Karo gab seinen: Werke überhaupt mehr den Charakter eines Gesetzbuches, indem er den Stoff selbständig verarbeitete, formulierte und abrundete, während Jakob Ascheri die aufgenommenen Elemente oft in ihrem ursprünglichen Gefüge gelassen, wie er sie vorgefunden hatte, und daher die Träger derselben bei Namen bezeichnet^ Karo dagegen hat sich nach dieser Seite mehr an die maimunische Form gehalten. Meistens zählte er die Stimmen. Wenn Alfaßi, Maimuni und Ascheri nicht über einen Punkt zusammenstimmten, so folgte er zweien derselben als der Mehrzahl gegen den einzelnen. Da er von Geburt Spanier war, so bevorzugte er unwillkürlich die Ansichten spanischer Lehrer vor deutschen und französischen — und beging dadurch eine Einseitigkeit. Dem Gebrauche und dem Herkommen der spanischen Juden huldigte er über Gebühr und nahm sie als feste Norm in seinen Religionskodex auf. Nur in betreff der abergläubischen Praktiken, die aber teils vom Talmud stammen, wenn auch von Maimuni und auch von Jakob Ascheri mit Stillschweigen übergangen, und teils von später:: herrühren, hielt er sich an die deutsche Schule und räumte ihnen einen Platz ein. Karo stellte z. B. als Vorschrift auf das Waschen des Morgens nach dem Schlafe oder nach gewissen Verrichtungen, um die bösen Geister zu bannen i); — das Fasten auch am Sonnabend, um böse Träume unschädlich zu machen "); endlich daß man Feinde nicht nebeneinander begraben soll?) An Überfrömmigkeit übertraf er noch Jakob Ascheri. Man dürfe keine Verse und Fabeln an: Sabbat lesen, eigentlich auch nicht an Wochentagen, um so weniger solche, welche Liebeleien oder Ausgelassenheit zum Inhalt haben, wie die Novellen des Immanuel Romi^); Verfasser, Abschreiber und Drucker solcher Schriften seien zu den Verführern zur Sünde zu zählen. Kabbalistische Elemente hat Karo selbstverständlich auch ausgenommen^), wenn auch nur wenige, als hätte er es gescheut, für das praktisch-religiöse Leben ') Kodex Oraeb 6bajim Z -1. ") Das. 8 288. äors Oeal> Z 382. r) S. Band Vllg S. 268. Oraeb ObMio ß 61, 3. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 25 386 Geschichte der Jude». den Sohar mit dem Talmud auf eine Linie zu stellen. Es sind allerdings auch in seinen Kodex aus Talmud und rabbinischen Schriften vortreffliche Lehren über Heiligkeit, Keuschheit, Bruderliebe, Sittlichkeit und Redlichkeit im Wandel übergegangen; aber sie verschwinden in diesem Meere von kasuistischen Einzelheiten und Äußerlichkeiten, in diesem Fachwerk von Ober- und Untereinteilungen, von Wenn und Aber. Alle Fragen, mögliche und unmögliche, die irgendwo aufgeworfen wurden, sind in Karos Kodex berücksichtigt, auseinandergesetzt und ausgesponnen. Kurz, es erscheint darin ein ganz anderes Judentum als das, welches am Sinai offenbart, von den Propheten verkündet und selbst von Maimuni gelehrt wurde. Aber dieses Judentum entsprach vollständig den Vorstellungen der Juden jener Zeit, und darum wurde Karos Kodex allsogleich mit Freuden ausgenommen, verbreitet und als unverbrüchliche Norm festgehalten, in der Türkei, im ganzen Orient, in Italien und auch in PolenL) Karo war ein abgesagter Feind des Nachdenkens über religiöse Fragen und betrachtete das geringste Bezweifeln einer im Talmud vorkommenden Äußerung als schwere Ketzerei; er stand damit nicht allein, sondern dachte und fühlte gleich der Mehrzahl seiner Glaubensgenossen, gelehrter und ungelehrter. So hat das religiöse Leben wohl einen Abschluß und eine Einheit erlangt, aber auf Kosten der Innerlichkeit und des freien Denkens. Durch Karo erhielt das Judentum diejenige feste Gestalt, die es bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Karos Traum hatte sich zum Teil erfüllt. Seine rabbinischen Schriften sind Geineingut der Juden- heit geworden und haben ihr die religiöse Einheit gegeben. Aber Oberhaupt derselben, wie ihm der „Geist der Mischna" wiederholent- lich versichert hat, ist er nicht geworden, er wurde nur als Autorität neben vielen andern verehrt. Noch weniger hat er, dadurch die Weihen von Richterrabbinen als Synhedristen wiederhergestellt, oder gar die Ankunft des Messias gefördert. Es gab damals einen Mann in Italien, der mit seinem Forschungssinn und Wahrheitstrieb nicht nur alle seine jüdischen Zeitgenossen überragte, sondern auch imstande gewesen wäre, das Judentum von den Schlacken ungünstiger Jahrhunderte zu reinigen, wenn die Zeitrichtung nicht diesem Streben entgegen gewesen wäre, oder wenn er mehr Mut gehabt hätte, ihr offen entgegen zu treten. Asarja ben Mose der Rossi (min Im-^.cloiniin, geb. in Mantua um 1514, gest. 1578)2) alten italienischen Familie, hatte sich *) Vergl. Salomo Lurja rir^s a' zu 6buli» Eint.: arma .im ,riarma, .rrn.air iinpi arm ia rmran .rm"rn zav maya arm z:a> IMS °) Vergl. die vortreffliche Biographie von Zunz in Xersm Lbemscl V. x. I31fg. Asarja den Mose der Nvssi. 387 so sehr in Bücher vergraben, daß sein Körper davon Spuren tiefen Leidens an sich trug. Schwach, gelb, ausgetrocknet, mit Fieber behaftet, schlich er wie ein Sterbender einher. Aber in dieser lebendigen Leiche arbeitete rührig ein kräftiger, gesunder Geist. Er hatte sich das ganze jüdische Schrifttum zu eigen gemacht, sich noch außerdem in die lateinische Geschichtsliteratur eingelesen und auch Medizin getrieben. Dabei führte er ein Wanderleben, wohnte eine Zeitlang in Ferrara, dann in Bologna, mußte diese Stadt infolge der Folterung und Ausweisung der Juden unter Pius V. so. S. 354) meiden und ließ sich endlich dauernd zum zweiten Male in Ferrara nieder. Mit den Besten seiner Zeit, Juden, Marranen und Christen, Pflegte er Umgang und wurde von allen als ein Wunder der Gelehrsamkeit angestaunt. Dieser Schatz seines Wissens lag keineswegs tot in seinem Innern, sondern wucherte reichlich. Die ältere Geschichte hatte für ihn.besondere Anziehungskraft. Del Rossi war einer der wenigen, welcher die jüdisch-griechischen Glanzschriftsteller Philo und Josephus — wenn auch nur in lateinischem Gewände — und die kirchenväterliche Literatur gründlich kannte. Aber mehr noch als seine erstaunliche Belesenheit ist die Verwendung derselben an ihn: zu bewundern. Er war der erste, welcher diese zwei Literaturgebiete, die weitab voneinander lagen, den Talmud mit seinen Nebenzweigen einerseits und die Elemente in Philo, Josephus und der kirchenväterlichen Literatur anderseits in Berührung und Beziehung brachte, um aus den: Munde so verschiedener Zeugen die Wahrheit der geschichtlichen Nachrichten zu prüfen. Der-Rossi war auch der einzige, welcher sich nicht bei dem Gegebenen beruhigte, es nicht eher für wahr hinnahm, bis er es einer eingehenden Prüfung und Läuterung unterworfen hatte. Das war eben das Verkehrte in christlichen nicht minder als in jüdischen Kreisen, daß alles, was in dem alten und für religiös angesehenen Schrifttum mitgeteilt ward, ohne weiteres als unumstößliche Wahrheit gehalten wurde. Diese Verkehrtheit war die Quelle trauriger Jrrtümer, beschämenden Wahnglaubens und einer feindseligen Stimmung und Abschließung voneinander. Der Jude glaubte alles, was im Talmud als Geschichte und Geschehenes erzählt wird, und ebenso der Christ, was die Evangelien und die Kirchenväter überliefert haben. Weil die Träger dieses entgegengesetzten Schrifttums als religiöse Autoritäten galten, so nahmen die Bekenner der zwei verschiedenen Religionen alles darin Mitgeteilte gläubig hin, ohne zu untersuchen, ob es der Wahrheit entspricht. Es ist daher nicht hoch genug anzuschlagen, daß der Rossi sich von dieser Befangenheit frei gemacht hat, daß er zuallererst Geschichte von Sage, Wahrheit von Märchen, Kernhaftes von Hohlem zu unterscheiden anfing. Der Glanz, womit die allzu gläubige Nachwelt die alten Autoritäten 2ö* 388 Geschichte der Juden. der Überlieferung ausgestattet hatte, blendete ihn nicht; er entkleidete sie desselben, um sie als Menschen anzusehen, welche wohl Wahres überliefert und gedacht, aber auch Falsches mitgeteilt und geäußert haben können. Ein zufälliges Ereignis brachte die in der Rossi liegenden geistigen Schätze zutage. Ferrara, wohin er kurz vorher aus Bologna übersiedelt war, war von einem grausigen Erdbeben heimgesucht worden (18. November 1570); die zertrümmerten und baufällig gewordenen Häuser zwangen die Einwohner, Zufluchtsstätten außerhalb der Stadt aufzusuchen. In einem Dorfe war der Rossi mit einem gelehrten Christen zusammengetroffen, welcher seine schwermütigen Gedanken infolge des Erdbebens durch das Lesen eines griechischen Buches aus dem jüdischen Altertums erheitern wollte. Im Gespräche darüber wurde der Rossi inne, daß selbst seine gebildeten Glaubensgenossen aus einseitiger Beschäftigung mit dem Talmud oder mit abgelebten philosophischen Schriften ihre eigene glänzende Literatur aus der Epoche des zweiten Tempels so wenig kannten, während Christen daran ihr verdüstertes Gemüt aufrichteten. Er faßte daher den Entschluß, von dem christlichen Freunde ermuntert, den Aristeas- brief, die angeblichen Gespräche eines griechischen Königs mit jüdischen Weisen über die jüdische Weisheit, ins Hebräische zu übertragen, um sie seinen Glaubensgenossen zugänglich zu machen. In zwanzig Tagen hatte er diese Arbeit vollendet. Das waren die Erstlinge seiner Gelehrsamkeit, und sie führten ihn zu andern Arbeiten. Sein Hauptwerk „Augenleuchte" oder „Augenspiegel"^) hat zum Hauptinhalte, Parallelen talmudischer und profaner Angaben über dieselben Themata zusammen- oder gegenüber zu stellen. Vorangehend mußte sich aber der Rossi entschuldigen, daß er auch auf außerjüdische Zeugnisse Gewicht lege. Im Verlaufe kommt er gar zum Ergebnis, daß manche Angaben talmudischer Lehrer in betreff geschichtlicher und wissenschaftlicher Punkte falsch seien, daß sie also gegen die Zeugnisse profaner Schriftsteller zurücktreten müßten. Er scheute sich nicht, den kühnen Satz auszusprechen, daß die Zählungsweise nach Jahren der Weltschöpfnng innerhalb der Judenheit nicht richtig sei, weil sie auf falscher Chronologie im Talmud beruhe. Vermöge seines Wahrheitsgefühls sprach er agadischen Erzählungen im Talmud jeden geschichtlichen Wert ab und ließ sie allenfalls als poetische oder moralische Ausschmückungen gelten. Ter Rossis Bedeutung besteht eben einzig und allein darin/ daß er überhaupt nicht beim Gegebenen stehen blieb, daß er Forschung und Prüfung auf >) 1 IXL, ein Teil vollendet Nov. 1573, der andere Teil mit Berichtigungen und Nachträgen 1575. Gedalja Jbn-Jachja. 389 Gegenstände angewendet hat, welche bei der großen Menge als unantastbare Wahrheit galten, daß er Profanquellen zur Beleuchtung herangezogeu und daß er die Agada auf ihren eigentlichen Wert zurückgeführt hat. Tenn die positiven Ergebnisse jener geschichtlichen Forschung sind meistens nicht stichhaltig ausgefallen. So stark er im Wegräumen störenden Schuttes war, so gering war seine Leistung im Aufbauen. Seine Leistung erscheint erst in ihrem rechten Lichte, wenn mau sie mit der seiner zeitgenössischen Umgebung oder gar mit der seiner Fachgenossen vergleicht, namentlich mit der des Geschichtsschreibers Gedalja Jbn-Jachja. Sie bildeten förmlich Gegenpole. — Ein Abkömmling der edlen Familie der Jachjiden italienischer Linie, hatte Gedalja (geb. 1515, st. um 1587 ch den Sinn derselben für Wissen geerbt, und sein Reichtum ermöglichte ihm, diesen in einer reichen Bücherwelt zu befriedigen. Er hatte auf seinen freiwilligen und gezwungenen Wanderungen in Norditalien — er war Prediger und mußte durch die Unduldsamkeit der Päpste ein unstätes Leben führen — viel gesehen und viel gelesen, auch Profanliteratur, aber alles ohne selbständiges Urteil, ohne Unterscheidungsvermögen und ohne Sinn für den Kern der Wahrheit. Jbn-Jachjas kurzgefaßte „Geschichte der Juden", verbunden mit einer weltgeschichtlichen Chronik, „die Kette der Überlieferung" ch, woran er beinahe vierzig Jahre gearbeitet, liefert ein buntes Muster von zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten und Fabeleien, von Urkunden und blödsinnigen Erzählungen. An Verzauberungen und böse Geister glaubte Gedalja Jbn-Jachja ebenso fest, wie an die sinaitische Gesetzgebung und an den Talmud. Und doch oder gerade wegen seiner Märchenhaftigkeit hat sein Buch mehr Anklang unter den Juden gefunden als de'i Rossis Untersuchungen. Als des letztem „Augenleuchte" im ersten Abdrucke nach Safet gelangte, fanden die dortigen Über- srommen den Inhalt äußerst ketzerisch. Joseph Karo trug einem Mitglieds seines Rabbinatskollegiums, Elisa Galico, auf, eine Verdammungsschrift zu formulieren, die an die ganze Judenheit gerichtet werden sollte, de'i Rossis Schrift zu verbrennen. Die Safetaner übten ebenfalls eine Ketzerinquisition aus. Joseph Karo starb aber, ehe er das Verdammungsurteil unterzeichnet hatte Ms-ui — April 1575). Indessen waren Pie italienischen Juden doch nicht so fanatisch, de'i Rossi zu verdammen, da sie ihn als einen rechtgläubigeil und sittlich lautern Juden kannten. Das Mantuaner Rabbinat wendete darauf nur das Verfahren ben Adrets gegen die Beschäftigung mit Profan- i) Vergl. seine Biographie von Carmoly, die Jachjiden p. 33 fg. h oder gedruckt zuerst Venedig 1587. 390 Geschichte der Juden. literatur an, es verbot das Lesen des der Rassischen Werkes für ^ Jünglinge unter fünfundzwanzig Jahren?) Durch diese, wenn auch nicht ganz offizielle Verketzerung hat es wenig Einfluß auf die jüdische Mit- und unmittelbare Nachwelt ausgeübt, ist daher erst in der neuesten Zeit gewürdigt worden und hat eine neue lichtvolle Geschichtsbetrachtung in jüdischen Kreisen angeregt. Im christlichen Kreise ist det Rossis Werk viel früher beachtet, beleuchtet und daher ins Lateinische übersetzt worden. Wie konnte auch die nüchterne, prüfende Betrachtungsweise Anklang finden in einer Zeitströmung, in welcher die Schwindel erregende Kabbala das große Wort führen durfte, die Blindgläubigkeit als höchste Tugend und die Schwärmerei bis zum fanatischen Taumel anzupreisen und zu steigern. Die Verzückungen Salomo Molchos und Joseph Karos und ihre messianische Schwärmerei können als nüchtern gegen das Tun und Treiben gelten, welches nach ihnen auftauchte und einen wahren Hexensabbat feierte. In den letzten drei Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts errang die Kabbala in Palästina eine unbedingte Alleinherrschaft, veranstaltete Geistererscheinungen, Beschwörungen, trieb wahrhaft mystische Orgien, verbreitete sich von da aus über die ganze Türkei, Polen, Deutschland - und Italien, verdunkelte und verwirrte die Köpfe, verschlechterte sogar die Herzen, ließ keinen gesunden Gedanken aufkommen oder brandmarkte ihn als Ketzerei und Sünde. Abermals wie zur Zeit des jungen Christentums wurde Galiläa und namentlich die Gegend von Safet der Schauplatz für eine Menge böser Geister und Besessener, welche mystische Beschwörungen herausforderten und tiefe Geheimnisse offenbarten, und man weiß nicht, ob die Beschwörer um der Besessenen oder diese um jener Willen aufgetaucht sind. Es entstand > eine Zeit wahrer kabbalistischer Raserei, welche mit Zuchtlosigkeit und Herzensverderbnis Hand in Hand ging und nicht bloß die Wissen- ! schäften, sondern auch den zur Nüchternheit anleitenden Talmud heruntersetzte. Für die Judenheit begann damals erst ein eigen- ! tümliches, dummgläubiges Mittelalter, als sich in der europäischen Welt nur noch die letzte Spur des nächtlichen Grauens zeigte. Diese Richtung wurde von zwei Männern angeregt, die mit ihrer ^ Schwärmerei und ihren Verzückungen einen immer größern Kreis ansteckten, von Isaak Lnrja und seinem Jünger Chajim Vital Calabrese. Isaak Lurja Levi, geb. in Jerusalem (1534, st. 1572 2), stammte aus einer deutschen Familie. Früh des Vaters beraubt, kam der *) Quelle bei Zuuz a. a. O. 2) S- über ihn Note U. ^ junge Isaak nach Ägypten in das Haus eines reichen Oheims, Mardocha't Francis^, eines Steuerpächters, und wurde zum Talmudstudium angehalten. Er zeigte frühreifes Verständnis unter denJüngern des David Jbn-Abi-Simra, und im vierundzwanzigsten Lebensjahre galt er bereits als ebenbürtige rabbinische Autorität neben den: angestaunten Kenner der talmudischen Literatur, neben Bezalel Aschkenasi?) Vermutlich wurde er auch von Jbn-Abi- Simra in die Kabbala eingeführt, die ihn fortan so sehr beherrscht hat, daß sein Geist davon benebelt wurde. Das trockene Talmudstudium, welches mit massenhafter Gelehrsamkeit, unfruchtbarem Haarspalten und Formelwesen die Kopfe erfüllte, aber das Herz leer ließ, scheint Lurja widerwärtig geworden und ihn zur phantastischen Mystik getrieben zu haben. Er zog dem lärmenden Lehrhause die schauerliche Einsamkeit der Nilgegend und dein Operieren mit Verstandesformeln die Vertiefung in mystische Welten und schwärmerisches Beten vor?) Ter Sohar, welcher damals durch den ersten Druck überall hin verbreitet und jedermann zugänglich geworden war, zog ihn mächtig an. Je mehr ihm durch die Vertiefung in das tönende Nichts des Sohar die Kabbala vertrauter wurde, desto mehr suchte er die Einsamkeit auf, stellte den Verkehr mit Menschen ein, vernachlässigte selbst seine junge Frau, besuchte sein Haus nur von einem Sabbat zum andern — sein reicher Schwiegervater sorgte nämlich für ihn und die Seinigen — sprach wenig und das wenige nur in hebräischer Sprache. Mehrere Jahre soll Lurja auf diese Weise in stiller Einsamkeit zugebracht haben, und sie machte ihn, wie alle diejenigen, deren Verstandeskraft nicht stärker ist als ihre Phantasie, zu einem verzückten Schwärmer; sein steter Begleiter in dieser Abgeschiedenheit, das mystische Buch Sohar, trug dazu bei, seine Einbildungskraft zu erhitzen. Fest überzeugt von der Echtheit desselben, als Werk von Simon ben Jochai, und von der Göttlichkeit der darin geoffenbarten Phantasterei und Albernheiten, suchte Lurja darin durchaus höhere Bezüge und tiefere Weisheit. Er betete und vergoß Tränen, daß ihm die Rätsel und Dunkelheiten, die er darin fand, durch höhere Eingebung gelöst werden möchten, und wenn er den Schlüssel dazu gefunden zu haben glaubte, so war es kein anderer, als der Prophet Elia, der ihn ihm gebracht; in seiner erhitzten Phantasie sah er wohl auch Elia, den Lehrer von Geheimnissen, von Angesicht zu Angesicht. y Asulai s. v. Isaak Lurja. -) Das. und Conforte, Xors ba-vorot m 40 d. Bezalel Aschkeiiasi Berf. der 122,^2 °) Elieser Askari, Lbareäim x. 66 a: uv 1-21 ^21,221 >2110 "1 12°? 12 .1112,1' 21.1,1 1^>12'1 12 '2^1 1121,1 1 2'1>'2V v 2 11 1 2 (lI11I2.1,l) 392 Geschichte der Juden. Was offenbarte ihm der Prophet Elia, oder der Sohar, oder vielmehr seine eigene Einbildungskraft? Zunächst gab er sich Mühe, in die Verworrenheit und Zerfahrenheit des Sohar System, Einheit und Folgerichtigkeit zu bringen, wie wenn jemand in der Geschwätzigkeit eines halb Blödsinnigen Gedankenstrenge Nachweisen wollte. Der Einsiedler von Kairo suchte herauszubringen, wie Gott die Welt vermöge der Zahlwesen (8skiic>t) geschaffen und geordnet, oder wie sich die Gottheit in den Formen der Wesenheiten geoffenbart, oder wie sie sich in sich selbst zusammengezogen hat ^), um aus ihrer Unendlichkeit die Endlichkeit der Wesen zu entfalten. So kam ihm ein außerordentlich verschlungenes Netz und Gewebe von Kräften, Gegenkräften, Wirkungen und Gegenwirkungen, Formen und Stufen (karsoxbin) in den vier Sphären der Sonderung, Schöpfung, Bildung und Wandlung heraus. Diese leeren Begriffe belegte er mit so wunderlichen Namen, daß er später sich mit Recht beklagen konnte, daß niemand sein mystisches System verstehen könnte. Lurja wollte nämlich jedem Ausdrucke und jedem Worte im Sohar, die aus Spielerei und Sucht nach Klängen und überhaupt als Effektberechnung hingeworfen sind, eine tiefe, unendlich tiefe Bedeutung beilegen, und so erhielt das, was in jenem Lügenbuche Mose de Leons nur Nebenpartie bildet, in Lurjas Gehirn einen wesentlichen Charakter: Der Urmensch (^.cts-m Lmämon), der Alte der Tage (L-UL lomiii), das lange Gesicht (^.riob ^oxio), das kurze Gesicht (8<ür ^.oxiir), Männliches und Weibliches, Vater und Mutter, Gehirn, Lichter, Funken und Gefäße (Organe, Lsllm), Schwängerung, Säugen und Wachstum, Verbindung und Trennung (8Uvu8, Hssira) und vieles andere hatte für ihn in dem Wahne, daß mit solchen leeren Nußschalen ein Weltgebäude anfgeführt werden könne, eine tiefe Bedeutung. Einen neuen Zug bildet in diesem wirren Knäuel die Theorie, daß die Leitungsorgane, durch welche die göttliche Fülle sich der Welt mitteile, vor Überströmung geborsten wäre (8oct 8clisbirat Ivslim), wodurch ein neues Chaos durch sieben Stufen (8cbsva Llolaobiro) entstanden, und aus diesem chaotischen Gewirre sei eine neue Schöpfung hervorgegangen. Doch galt Lurja diese vielfach verschlungene Weltschöpfungstheorie nur als eine Art Voraussetzung zu einem viel wichtiger scheinenden si Die Lehre von der Sclbstkontrakiion der Gottheit, iw, scheint von I. Lurja zuerst aufgestellt zu seiu. Mein verstorbener Freund, Isaak Mises, hat die kabbalistischen Termini und die ihnen zugrunde, liegenden Begriffe lichtvoll entwickelt in dem Werkcheu 2okuo.t ?aaueavb (Krakau 1862—1883) Heft II, p. 34 fg. Allein diese scheinbar pantheistische Theorie der Kabbala ist nicht Lurjas System, sondern von Abraham de Herrera und andern bereits sublimiert und philosophisch zngestutzt; vcrgl. weiter unten. Isaak Lurjas kabbalistisches System. 393 praktischen Teile der Kabbala, wodurch die Welt der Gottesordnung (Olam ba-MIrlrun) herbeigeführt werden könnte. Diese Lurjanische praktische Kabbala beruht auf einer nicht minder wunderlichen Seelenlehre, immer auf Grund soharistischer Träumerei. Die Seeleu spiegeln die enge Verbindung des Unendlichen und Endlichen ab und haben dadurch eine Mannigfaltigkeit. Die ganze Seelenfülle, welche in die Zeitlichkeit eingeheu sollte, sei mit Adam geschaffen worden, aber jede Seele je nach ihrer höhern oder niedern Stufe, an oder aus oder mit dein ersten Menschen von höhern oder niedern Organen und Formen gebildet. Es gebe demnach Gehirnseelen, Augen-, Ohren-, Hand- und Fußseelen?) Jede derselben ist als Ausfluß oder Funke (Xmuch von Adam anzusehen. Durch die erste Sünde des ersten Menschen — auch die Kabbala braucht für ihre Wahngebilde die Erbsünde — sei das Hohe und Niedere, die Ober- und Unterseelen, Gutes und Schlechtes in Verwirrung und Vermischung geraten. Auch die lautersten Wesen haben dadurch eine Beimischung von dem Bösen oder dem Dämonischen „der Schale" (Lslixtm) erhalten. Die sittliche Weltordnung oder die Läuterung des ersten Menschen könne aber nicht eher eintreten, bis die Folgen der Erbsünde, das Durcheinander von Gut und Böse, getilgt und abgetan seien. Von dein schlechtesten Teil der Seelenfülle stamme die Heidenwelt, vom guten dagegen das israelitische Volk; aber jene sei ebensowenig ohne ein Gemengteil des Urguten, wie dieses nicht ohne Beimischung des Verderbten und Dämonischen, und dieses gebe eben die ewige Anregung zur Sünde und hindere den auserwählten Bruchteil des Menschengeschlechtes, die Vorschriften Gottes, die Thora, zu befolgen. Tie messianische Zeit werde eben diese Umkehrung der Ordnung durch die Erbsünde oder die eingetretene Unordnung wieder aufheben und die Vergöttlichung der Welt, d. h. das Durchdrungensein des All von den frei waltenden Ausströmungen der göttlicheil Gnadenfülle, herbeiführeu oder herbeigeführt sehen. Es müsse daher vorher eine durchgängige Scheidung des Guten vom Bösen erfolgen, was eben nur durch Israel geschehen könne, wem: es, oder die Gesamtheit seiner Glieder, die Beimischung des Schlechten loswerde oder von sich weise. Zu diesem Zwecke müßten die Seelen (zunächst der Israeliten) Wanderungen durchmachen, Wanderungen durch Menschen- und Tierleiber, ja sogar durch Flüsse, Holz und Steine?) Die Lehre von der Seelenwanderung >) Alle diese Bezeichnungen wollen nicht buchstäblich und materialistisch, sondern metaphorisch gebraucht sein, aber unter der Hand werden sic in der Lurjanischen Operation doch realiter angewendet. 2) Lhajim Vital Calabrese oG?-, sä. Frankfurt 38 e: nr>n r-mion rir- n>nr> inn llnn uwwi . . . innn ->272 n-m 'n 'N12 394 Geschichte der Juden. bildet den Mittel- und Schwerpunkt der Lurjcmischen Kabbala; er hat sie aber eigentümlich weiter ausgesponnen. Nach seiner Theorie müssen auch die Seelen der Frommen Wanderungen durchmachen, da auch sie von dämonischer Beimischung nicht frei seien; es gebe keinen Gerechten auf Erden, der nur Gutes täte und nicht sündigte. Damit hatte Lurja die Schwierigkeit gelöst, welche ältere Kabbalisten nicht zu überwinden vermochten, wie denn z. B. Seths Seele in Mose übergegangen sei. Diese Scheidung der guten und bösen Elemente in der Seelenfülle oder diese Sühne und Tilgung der Erbsünde, oder die Wiederherstellung der Ordnung in Adam würde aber, bei der steten Anreizung zu sündige», eine sehr lange Zeitreihe erfordern. Es gäbe aber Mittel, diesen Prozeß zu beschleunigen, und das war die ureigene Erfindung Lurjas. Neben der Wanderung der sündhaften oder mit dämonischen Kräften behafteten Seelen bestehe nämlich noch eine andere Art, eine Seelenaufschwingung oder Seelenschwängerung (Jbbur, snxsrtostatio). Hat eine selbst geläuterte Seele hinieden mauches Religiöse verabsäumt oder keine Gelegenheit gehabt, eine Pflicht zu erfüllen, so müsse sie ins Erdenleben zurückwallen, sich der Seele eines lebenden Menschen anzuschmiegen, sich mit ihr vereinigen und eng zusammenschließen, um das Verabsäumte nachzuholen. Auch abgeschiedene Geister frommer, sündenfrei gewordener Menschen treten hin und wieder auf Erden wieder auf, nur schwache, schwankende Seelen, die aus eigener Kraft das Gute nicht zusammenbrächten, darin zu unterstützen, zu kräftigen und zun: Ziele zu führen. Diese lautern Geister wüchsen mit den im Kampfe ringenden Seelen zusammen und bilden eins mit ihnen. Selbst drei Seelen können sich zu einer einzigen vereinigen, vorausgesetzt, daß sie einige Verwandtschaft miteinander haben, d. h. von demselben adamitischen Funken oder Organe stammen, wie denn überhaupt nur gleichartige (homogene) Seelen eine Anziehung aufeinander ausüben, ungleichartige (heterogene) dagegen einander abstoßen. Nach dieser Theorie habe die Verbannung und Zerstreuung Israels einen weit- oder seelenerlösenden Zweck. Die geläuterten Geister frommer Israeliten sollen sich mit den Menschenseelen aus andern Völkerkreisen verbinden, um sie von den ihnen innewohnenden dämonischen Schlacken zu befreien.*) TI'.I 'S Ü-K V2V1 N'.NS '1,-- 12'2>2I Y2IL» im:2 x2 i:>'2. Auch an anderen Stellen. Der alberne Vers, des 2-222 222 , Elieser Askari, bemerkt in kindischer Naivität, daß Pythagoras mit der Lehre der Kabbalisten nbereinstimme (p. 42a): 2'221,22>2 '2222 2'2I?2> 121 MN 12 11>'22: '2 '2222 2N1222 . . . bi^22 2N2 2122 P'IX .212 2'222 2'2V2'S1 *) Ollxnlim e. 2 . ö. Die Theorie von 2 »"», Metempsychose und 212222 2125 , snxerkoetatio animarnm, bildet einen Hanptteil der Vitalschen oder Lnrjanschen Isaak Lurjas kabbalistisches System. 395 Isaak Lurja träumte ein ganzes System von Seelenwanderung und Seelenverdopplung. Er glaubte das Geheimnis des Ursprungs, der Verwandtschaft und der Verzweigung der Seelen zu wissen. Wichtig schien ihm auch, das Geschlecht der Seelen zu kennen; denn es gebe auch weibliche. Seelen in männlichen Leibern und umgekehrt, je nach der Anziehung und Wanderung. Tas sei besonders für das Eingehen einer Ehe wichtig, ob die Seelen des Paares ihrer Abstammung und Stufe nach zueinander stimmten oder nicht; in dein einen Falle gäben sie eine gute, gediegene Nachkommenschaft, in dem andern Falle flöhen sie einander. Mit diesem Geheimnis vermeinte der Schwärmer von Kairo auch das andere zu besitzen, wie die guten Geister herabbeschworen, gewissermaßen zum Eingehen in den Leib lebender Menschen genötigt und so Offenbarungen aus der jenseitigen Welt zu machen gezwungen werden könnten. Damit glaubte er, den Schlüssel zum Messiasreiche und zur Herstellung der Weltordnung in Händen zu haben. War er imstande, an der Stirn lebender Menschen zu erkennen und ihnen begreiflich zu machen, welchen Zusammenhang mit der höhern Welt die ihnen innewohnende Seele habe, wodurch sie sich vergangen, und von ihr losgelöst sei, welche Wanderung sie bereits durchlaufen habe, wodurch sie die Schädigung und Störung an dem höhern Weltenbau wieder gut machen könne, wie sie sich von den Banden der sie umstrickenden bösen Geister befreien, welchen Geist sie sich zur Gesellschaft und Paarung anssuchen sollte, und wußte er auch die Mittel, die Beschwörungsformeln und die Anwendungen des Gottesnamens anzugeben, um reine Geister zur Betätigung eines höhern, sittlich-religiösen und asketischen Lebens auf sich herabzulocken, so könnte es ihm nicht schwer werden, die messianische Erlösung, die eigentlich nichts anderes sei, als Erlösung der Seelen in den Adamssöhnen, zu fördern. Lurja glaubte die Seele des Messias von Josephs Linie zu besitzen und eine messianische Sendung zu haben. Er sah überall Geister und hörte deren Geflüster in dem Rauschen der Gewässer, in der Bewegung der Bäume und Gräser, im Gesänge oder Gekrächze munterer Vögel, im Flimmern der Flamme. Er sah, wie sich die Seelen beim Verscheiden von dem Leibe loslösten, wie sie sich in die Höhe schwangen oder aus den Gräbern aufstiegeil. Ganz besonders verkehrte er mit den Geistern biblischer, talmudischer und rabbinischer Frommen und namentlich mit Simon ben Jocha'i; er erkannte, welchem seiner Zeitgenossen sich dieser oder jener Geist angeschlossen habe, und redete sie als solche an. Kabbala, von Vital znsainmengestellt unter dem Titel ^ Das künstliche Hcrabziehen der Seelen nennen die Kabbalisten aus der Lnrjanschen Schule i"r>, „Wasser von der weiblichen Seite", ein noch dunkel gebliebener Terminus. 396 Geschichte der Juden. Kurz, Lurja war ein entschiedener Geisterseher und Totenbeschwörer, ein zweiter Abraham Abulafia, oder auch ein Salomo Molcho, mit kabbalistischem Krimskrams messianische Hoffnungen zu erwecken, dabei aber doch nüchtern und sophistisch; er trug die talmudische Kasuistik in die Kabbala hinein. Von der Höhe seiner welterlösenden Mystik sah er mit einer gewissen Verachtung auf die meisten Kabbalisten der Vergangenheit und seiner Zeit herab, gestand nur wenigen diesen Titel zu, verwarf daher die meisten kabbalistischen Schriften, mit Ausnahme derer von Isaak dem Blinden und Nachmani, als unecht, als selbstgemachte Klügeleien, und erkannte sie nicht als wahrheitsgetreue Überlieferung an?) Den Geist, welcher Joseph Karo Offenbarungen mitgeteilt haben soll, bezeichnet^ Lurja geradezu als Lügengeist. Ohne hochmütig zu seines, glaubte er sich im Alleinbesitze der kabbalistischen Geheimlehre. — In Ägypten fand Isaak Lurja mit seinem Labyrinth höherer Welten, seiner Schöpfungs- und Erlösungstheorie wenig oder gar keinen Anklang. Es kümmerte sich niemand um den einsamen Schwärmer, wie er sich auch nicht um die wirkliche Welt kümmerte. Wohl um sein Erlösungswerk durchzuführen, siedelte er mit Weib und Kind nach Safet, den: kabbalistischen Jerusalem, über, wo die Geheimlehre in höchster Blüte stand, und der Sohar, die Trugschrift des Mose de Leon, ebenso sehr vergöttert wurde, wie das Gesetzbuch des Mose Sohn Amrams. Fast das ganze Rabbinatskollegium und sämtliche Tonangeber von Safet waren Kabbalisten. An der Spitze Joseph Karo, sein Doppelgänger Salomo Alkabez, ferner Mose Corduero (geb. 1522, st. 1570), der eine eigene Schule hatte, Mose Alschaich, der geschwätzige und flachköpfige Prediger, Elia de Vidas, Elisa Galico, Joseph Sagis, Mose Basula, ans Ancona nach Safet nusgewandert, und viele andere, namentlich eine ganze Schar junger Mystiker. Diese Stadt war damals eine nur mit Juden bevölkerte und wohlhabende Stadt?) Von Druck und Nahrungssorgen empfanden die Gemeindeglieder wenig; die Kabbalisten konnten daher nach Herzenslust ihr Wesen treiben. Sie fühlten sich geschützt von der Gunst des jüdischen Herzogs von Naxos beim *) S. Einl. zu cwn pp, wo Vital spricht: n'n ('"nxn) 'iw np w^nns ir.iss nnnsx ^p rix, nssns ui", pnos- > 2 , auch 6iIZ'u!iiu Eude das. p. 43 b.: ns mp npv ?x°ws NSLS N'NL- US ",p 1NXP c-,7^ ISSN NSXL> 2) S. Note 9. °) Obarrisre, dis°woiatiou8 äs la llranes III, p. 81 l. Brief des Kr. ätpps v. 4. Aug. 1579. Il est vsuu nouvsltss aus Iss ^rabe8 baditant aux moutLAiiss xrs8 vaiua,8Mö, gebaut gue ls gs,8ss, äu äit lisu avso 8S8 koree» s.8toit alle ö. la gwerrs äs ?sr8s, ss 8out 88lsvs8 et out 8aeeaßs et brrwls 2sket prs8 llisrrwalsiu, on z, avait §ranä nombrs äes 1uik8 st äs kort Chajim Vital Calabrese. 397 Sultan, wie in einem eigenen Staate, dessen Gesetzgeber und Herrscher sie allein waren. Ein kabbalistischer Kreis bildete auf Joseph Sagis' Vorschlag ein Konventikel mit eigenen Formen; die Mitglieder desselben kamen am Freitag zusammen und beichteten einander ihre Sünden ganz offen?) Die Kabbalisten hatten es bereits in Nachahmung des Katholizismus zur Ohrenbeichte und zur Verehrung der Märtyrer gebracht. — So war der Schauplatz beschaffen, auf dem Isaak Lurja, der Schöpfer der neuen Kabbala, neue Verirrungen anstiften sollte. In der ersten Zeit seiner Ankunft (um 1569 ) 2 ) scheint er wenig Beachtung in der Kabbalistenstadt gefunden zu haben. Was konnte er den ergrauten Mystikern lehren, das sie nicht schon wüßten? Ohnehin war seine Art verschieden von der aller übrigen. Er hockte nicht über Büchern, nicht einmal den Sohar führte er bei sich, sondern liebte es, auf freiem Felde oder auf Gräbern zu weilen. Erst durch seine Bekanntschaft und Verbindung mit einem noch größern, vielleicht nicht so ehrlichen Schwärmer wurde er eine gesuchte Persönlichkeit und steckte alle Welt mit seinen wachen Träumen an. Dieser Mann war der Italiener Chajim Vital Calabrese tgeb. 1543, gest. Tammus 1620)2), dessen Vater, ein Gesetzesrollenschreiber, aus Italien nach Palästina gewandert war. Vital hatte in seiner Jugend nichts Rechtes gelernt, sondern etwas von Talmud oder Geheimlehre bei Mose Alschaich und Mose Corduero gekostete Dafür besaß er eine ausschweifende Phantasie und eine entschiedene Neigung für das Abenteuerliche und für Lärmschlagen. Zwei und ein halb Jahr hatte sich Vital mit Alchemie und Goldmacherkunst beschäftigt?), wobei er sich ohne Zweifel kabbalistischer Formeln be-^ liebes, ei ss äoutoit envors cle guslgus plus Araml propres. Die Tatsache von der Verwüstung in Safet scheint mir zweifelhaft, denn wir besitzen aus dieser Zeit Detailnachricht über diese Stadt, und es wird auch nicht mit einem Worte darauf hingcdeutet. Ter französische Gesandte in Konstantinopel scheint Liberias mit Safet verwechselt zu haben, denn aus jener Stadt sollen die Juden um diese Zeit, wohl nach dem Tode des Joseph von Naxos, von den Arabern ausgewiesen worden sein (Robinson, Palästina III 524). 9 Vitals Selbstbiographie p. 13 b: 'i-vbn 712,2 wwv.-, 6 ?"».-, '12) wnn norm vnn bv nvo^i ^22 no:2n IN'22 0^2 nn> pvpnnb o'iwni 'n >nn' nsx N'pviv o'22n nuedll bnnn ll-m.v ni 'n> iip w NINN >22122 NI2>!2 v'irip«,-! onv. Im Verlaufe ist das. angegeben: n ni22vnn pl>2 b-newn n'n (->cr 'n) o>2v n2°,!2 'n '2x. Es ist wohl dasselbe, was Elieser Askari (onnn Ans.) berichtet: nn2n ivivp nsrv . 2°> °,22 21!vb 2'82PN2 2'22I 2liw> N20 NI212 1M2,2 N12NP 9 S. Note o. 9 Dieselbe Note. 9 Selbstbiographie x. 22a: 2,isn^„ : ,212s 2102 nunv hnw) ^ 22N 22. N12 2N2 'N,22>1 N2I.NN ;!2 '.ni'I22ir' Nonen 2'22> '2 pl> b> 22ni> "g2221 2NI2 Nllvpb NI21VN12 x'2'2i>nn. Darauf spielt auch die Einl. an: 2212 n"2 121222 >2 nirn 2271 . NVN21 2'lL> 'NI2.7I21.1N 1>2>!2 ^!22nnb 12^12 2'>2 2'NINNN 1M2'. 398 Geschichte der Juden. diente. Von dieser mystischen Kunst wandte er sich Lurjns Kabbala zu. Man weiß nicht, wer bon diesen beiden den andern ausgesucht hat, und ob es wahr ist, was die Verehrer derselben erzählen, Lurja habe auf Vitals Stirn gelesen, daß dieser eine ganz besonders auserwählte Seele aus dem reinsten Seelenäther besäße, die nicht einmal von der adamitischen Erbsünde befleckt worden sei, und daß er nur seinetwegen von Ägypten nach Safet ausgewandert sei, oder ob Vital zuerst sich zu Lurja begeben habe, um ihn chber dessen neue Kabbala auszuforschen. Gewiß ist es, daß beide, ohne es zu wollen, einander betrogen haben. Lurja, von Vitals Zügen und abenteuerlichem Wesen getäuscht, hegte von ihm die Hoffnung, er werde sein messianisches Erlösungswerk vollenden helfen, und dieser wiederum wurde von jenen: in die Täuschung gewiegt, er sei zu einer großen Sendschaft berufen. Auf den Hellei: Spiegel des Tiberiassees warfen wieder zwei Gestaltei: einen Schatten, der bestimmt schien, manch Hellen Geistesspiegel Jahrhunderte hindurch zu trüben. Als der Nachen, der sie schaukelte, gegenüber den: Fenster einer Synagoge war, eröffnete Lurja seinem neu gewonnenen Jünger zuerst seine kabbalistischen Geheimnisse, er fand ihr: erst da würdig dazu, weil er von der Mirjam quelle getrunken?) Seit dieser Zeit waren der in den dreißiger Jahren stehende Geheimlehrer aus Kairo und der um einige Jahre jüngere Novize aus Jtalieu so unzertrennlich, daß sie in den Überlieferungen nur eine einzige Erscheinung bilden. Sie suchten zusammen Einöden und Gräber, namentlich das Grab des Simon ben Jocha'l, des erdichteten Urhebers des Sohar, in Me'lron auf. Es war der Lieblingsplatz Lurjas, weil er da den Geist dieses vermeintlichen Urmystikers auf sich herabziehen zu können vermeinte. Hin und wieder sandte Lurja seinen Jünger aus, Geisterbeschwörungen vorzunehmen und überlieferte ihm dazu gewisse Formeln aus versetzten Buchstaben der Gottesnamen?) Nattirlich flohen böse Geister vor Vitals Anblick, gute Geister schlossen sich ihm an und teilte:: ihm Geheimnisse mit. Vital war es nun, der von der außerordentlichen, ^fast göttlichen Begabung seines Meisters, von dessen Macht über die abgeschiedenen und lebenden Seelen, von dessen Eingedrungenheit in die soharistische Geheimlehre und von dessen Erlösungsplan, die Menschen durch genaue Bezeichnung ihrer Fehltritte und Sünden zur Besserung zu führen, großsprecherischen Lärm schlugt) und, wie es scheint, mit künstlicher Berechnung auf Effekt und Marktschreierei. Der zuerst vereinsamte Lurja sah sich mit einen: Male von Besuchern ') OilZ'uliw, Ende. 9 Viele Stellen in der Selbstbiographie und bei Schlomel, Sendschreiben 0) Vital, Selbstbiographie p. 2 b. Isaak Lurja und seine Jünger. 399 umschwärmt; jüngere und ältere Kabbalisten kamen, um auf die neue Offenbarung zu lauschen. Mehrere Jünger schlossen sich ihm an, und er teilte ihnen die Ausgeburten seines wirren Kopfes mit, gab jedem an, welche adamitische Urseele ihm innewohne, welche Wanderungen sie vor ihrem gegenwärtigen Leibesleben durchgemacht, welche Aufgabe jeder hinieden habe, um die durch Adams Fall verletzte höhere Welt der Sefirot wieder herzustellen und so die Gnadenzeit fördern zu helfen. An der Wahrheit der Mitteilungen zu zweifeln, fiel den ohnehin in kabbalistischem Dusel Befangenen gar nicht ein. Es schmeichelte den sich ihm Anschließenden außerordentlich, zu hören und verbreitet zu wissen, daß die Seele dieser oder jener biblischen Persönlichkeit, dieses oder jenes talmudischen Weisen in ihnen wiedergeboren sei. Von den Jüngern, die sich um Lurja gesammelt hatten, bildete er zwei Klassen, Eingeweihte und Novizen?) Kabbalistische Unterredungen und Aufzeichnungen, Geisterseherei und Beschwörungen bildeten die Tätigkeit Lurjas und seines Kreises. Oster begab er sich mit ihnen nach dem nahe gelegenen Me'iron, der angeblichen Grabstätte Simon ben Jochais, und wies einem jeden von ihnen einen Platz an und zwar dieselben Plätze, welche die im Sohar aufgezählten Jünger Ben-Jochais eingenommen haben sollen (die nie existiert haben). Lurja fand in der wundersüchtigen Zeit und in der wundersüchtigen Gegend einen erstaunlichen Anklang. Es war ihm bereits gelungen, eine eigene kabbalistische Gemeinde aus seinen Jüngern und deren Familien zu bilden, welche einen eigenen geschlossenen Hof einnahm und sich von der Hauptgemeinde fernhielt?) Kurz, Lurja stand auf dem Sprunge, eine neue jüdische Sekte zu bildeu. Am Sabbat kleidete er sich weiß, der Farbe der Gnade, und trug eiu vierfaches Gewaud, um den vierbuchstabigen Gottesnamen darzustellen, lauter Spielereien?) Der Hintergrund aller seiner Offenbarungen und Tätigkeiten war, daß er der Messias vom Stamme Joseph, der Vorläufer des Davidischen Messias, sei. Dieses deutete er indes seinen Jüngern nur verstohlen an. Sein Wahn war, die messianische Zeit habe mit dem Beginne der zweiten Hälfte des zweiten Tausendtages seit der Tempelzerstörung begonnen?) Aus diesem Grunde hielt er sich für berechtigt, die svharistischen Geheimnisse zu veröffentlichen — weil die Gnadenzeit nahe sei. Eines Tages, an einem Freitag, h S. Note 9. °) Schlomels Sendschreiben, a. a. O. p. 46 a. h Lurjas UiubaZiin, p. 4b, 5b. S. Einl. zu Vitals w-n px. Die Berechnung war: 1 Tag — lovO Jahre, '/s Tag — 500 Jahre seit der Teinpelzerstörung, also 1500 -s- 68 — 1568. 400 Geschichte der Juden. kurz vor Eintritt des Sabbats, versammelte Lurja seinen Jüngerkreis, führte ihn, Sabbatlieder singend, ins Freie und richtete an ihn die Frage: „Wollt ihr, daß wir nach Jerusalem ziehen und den Sabbat dort feiern?" (Tie Entfernung von Safet bis dahin beträgt etwa 25 Meilen.) Tie Jünger waren bereits Lurja so sehr ergeben, daß sie auf sein Geheiß sich auch über die Sabbatheiligkeit hinweggesetzt hätten. Er aber hatte es in Verzückung gesprochen, im Wahne, daß in diesem Augenblicke der Messias in Jerusalem auf- treten werde. Einige Jünger hatten bedächtig geantwortet: „Wir wollen zuerst unsere Frauen von unserer plötzlichen Reise in Kenntnis setzen." Lurja bemerkte darauf, daß sie durch diese Bedächtigkeit das Erscheinen des Messias wieder hinausgeschobeu hätten?) Noch bei seiner Lebenszeit war die Gläubigkeit geschäftig, die erstaunlichsten Wunder von ihm zu erfinden, daß er sogar Tote erweckt habe. Es war auch ihm zu Ohren gekommen, und er war ehrlich genug, zu erklären, daß an diesem Märchen kein wahres Wort sei?) Indessen machten sich auch Bedenken gegen die nicht harmlose Schwärmerei Lurjas und der Lurjanisten geltend. Es gab doch noch immer einige, wenn auch sehr wenige, welche die Berechtigung der Kabbala überhaupt nicht anerkannten?) Der hundertjährige Greis, David Jbn-Abi-Simra, Lurjas Lehrer, in Safet zurückgezogen lebend, soll ihn gewarnt haben, solche tiefe und gefährliche Geheimnisse wie alltägliches Dinge zu behandeln?) Joseph Karo, der erste Rabbiner von Safet, der sich mit einer gewissen Eifersüchtelei von diesem Kabbalisten überflügelt sah, stellte ihn nicht sehr hoch?) Ein Mann in Safet hatte sogar den Mut, Lurja ins Gesicht zu sagen, er halte nichts von allen diesen kabbalistischen Extravaganzen?) Die Jünger Cordueros machten kein besonderes Wesen aus Lurja?) Selbst unter seinen Jüngern hegte mancher in nüchternen Augenblicken Unglauben au diese glühende Schwärmerei?) Lurja war genötigt, einen seiner^Jünger, Elia Falco, auszustoßen. Überhaupt gaben seine Jünger kein Beispiel messianischer Einträchtigkeit. Trotzdem sie ihr Meister wiederholentlich zum friedlichen Zusammenleben und Zusammenwirken ermahnte — wodurch ihre Seelen in eins zusammenwachsen würden — hatten sie öfter Reibungen miteinander; jeder wollte der erste im Himmelreiche sein. Namentlich h Diese Anekdote bei Schlompel p. 38 d. halte ich für echt. S. Note 9. h Corduero -nn, Abschn. I. Z Asulai s. v. Isaak Lurja. ^) S. Note 9. Vital, UilZ'nlim p. 36 o. ? Elia da Vidas, der sein rrorr, r>w'ni nach Lurjas Tod geschrieben, zitiert ihn hin und wieder, aber keineswegs als außerordentliche Erscheinung. °) S. Note 9. Vital Calabrese. 401 geberdete sich Chajim Vital Calabrese sehr anmaßend, drängte sich überall vor und, wie es scheint, beherrschte er sogar seinen Meister.*) Lurja ging zuletzt damit um, die meisten seiner Jünger von sich zu weisen und nur drei oder vier von ihnen zu behalten, als ihn der Tod durch eine ausgebrochene Pest (5 Ab — August 1572) ereilte.?) Während seiner fünftägigen Krankheit jammerten seine treuen Jünger über den ihnen und der Weltorduung drohenden Verlust und fragten ihn, was denn aus seinen Verheißungen werden würde? Er habe ihnen darauf die Trostworte zugesprochen, so erzählten sie, er werde wieder zu ihnen kommen im Traum und im wachen Zustande, vielleicht gar sichtbarlich und handgreiflich.?) Glaublicher klingt) daß Lurja geäußert habe, er verzeihe seinen Geschäftsfreunden, wenn sie ihn betrogen hätten, und wenn er sie übervorteilt haben sollte, wollte er ihnen vor seinem Tode alles ersetzen.^) Der unerwartet eingetretene Tod des achtnnddreißigjährigen Mystikers hat noch mehr zu seiner Verherrlichung beigetragen. Solche Naturen pflegt erst der Tod zu verklären, und ihre Verehrung steigt im Verhältnis der zunehmenden Jahre vielfältig. Mit morgenländischer Übertreibung betrachteten ihn seine Jünger noch mehr denn als einen Wundermann; sie nannten ihn den „Heiligen und Göttlichen" und suchten zu ihrem eigenen Ruhme für ihn und seine schwärmerische Träumerei Anhänger zu werben. Sie versicherten, daß, wenn Lurja nur noch fünf Jahre hätte leben können, er die Welt so gründlich gebessert haben würde, daß die messianische Zeit unfehlbar eingetreten wäre. Abraham Abnlafia, der aus sich heraus kabbalistischen Wirrwarr gesponnen hatte, wurde verketzert und verfolgt. Isaak Lurja, der dasselbe auf Grund des Sohar getan hatte, wurde fast vergöttert. Nach Isaak Lurjas Tode trat Vital Calabrese in den Vordergrund; er maßte sich sofort eine Art Meisterschaft über seine Mitjünger an, gab vor, Lurja habe ihn in den letzten Stunden zu seinem Nachfolger ernannt, und entzog ihnen, einer angeblich letztwilligen Anordnung zur Folge, die schriftlichen Aufzeichnungen, die sie von Lurja in Händen hatten. Er allein wollte im Besitz der neuen Geheimlehre bleibench, vorgebend, daß, wenn die Jünger die neuen Offenbarungen veröffentlichen würden, dadurch nur Ketzerei und Gefährdung des Seelenheils entstehen könnte. Vital Calabrese gab noch zu verstehen, daß er der Messias vom Stamme Joseph sei. Indessen kehrten sich einige Jünger nicht daran und lehrten *) Vital, Selbstbiographie x. 22 b, 18 a; Schlomels Sendschreiben a. a. O. p. 48 a. ?) Vital das. 23 b. ?) Das. 20 a. *) S. Note 9. ?) Vital, das. x. 20 a, 22 b, Schloinel das. 48 a und öfter. Graetz, Geschichte der Juden. IX. 26 402 Geschichte der Juden. frischweg, was sie von Lurja vernommen hatten, in verschiedenen Ländern; so namentlich Israel Sarnk in Italien^), wohin er gewandert war. So groß war die Verehrung für Lurja, daß Liebhaber für die von ihm gebrauchten Gegenstände und nun gar für seine Schriften hohe Preise zahlten.?) Unsäglich war der Schaden, den die Lurjanische Kabbala im jüdischen Kreise angerichtet hat. Sie hat das Judentum mit einem so dichten Schimmelüberzug bedeckt, daß es bis heute noch nicht gelungen ist, ihn ganz zu entfernen. Durch Lurja bildete sich neben dem talmudisch-rabbinischen Judentum ein soharistisch-kabbalistisches. Denn erst durch ihn ist das Lügenwerk des Sohar zur völligen Ebenbürtigkeit mit der heiligen Schrift und dem Talmud erhoben, ja noch höher als diese gestellt worden. Lurjas Schule hat jedes Wort im Sohar gewissermaßen zu kanonischer Heiligkeit gestempelt. Der geistesverwirrende Wust von sinnlosen Formeln und Wörtern, Buchstabenversetzung, Verrenkung des Gottesnamens, Verdrehung der heiligen Schrift galt seit der Zeit erst recht als tiefe Weisheit, die albernste Spielerei als Religiosität. Die Lurjanische Kabbala erblickte auf Grund des Sohar in jeder Kleinigkeit und Winzigkeit etwas Erhabenes und Welttrageudes, und sie drückte dadurch dem Judentums noch mehr, als es bisher die rabbinische Skrupulosität getan hatte, den Stempel des Kleinigkeitskrames auf. Lurjas Bräuche (ülmlmKim) stimmen zum Lachen, erfüllen aber auch mit Trauer, daß das Erhabene so sehr in den Wust der Niedrigkeit herabgezogen werden kann. Man soll nach diesen kabbalistischen Afterlehreu am Sabbat weiße Kleider tragen, oder wenigstens schwarze oder rote Farben vermeiden, man soll nur auf einem Tische von vier Füßen speisen, Fische am Sabbat genießen, weil sie keine Augenlider haben und dadurch die göttliche Vorsehung veranschaulichen.?) Man soll stets auf die Fingernägel blicken, aber mau dürfe nicht die Finger beider Hände ineinanderschlagen?) Lurja machte eine Art Brahmanen- tum aus der Lehre Israels. Man dürfe keine Tiere töten, auch nicht einmal die kleinsten und häßlichsten?) Einen neuen Wust von Aberglauben setzte die Lurjanische Kabbala au den schon aus aller Herren Ländern und aus allen Zeiten zusammengetrageuen Grund- 0 Durch die Vermittelung Saruks und seines Jüngers Abrahin de Herrera wurde die Lurjanische Kabbala in Europa bekannt. ?) Für Lurjas zahlte einer 25 Duk.; Schlomel a. a. O. p 41 b. h Lurjas IMlminm eap. über Sabbat, 112121 '2 sä. Mose Trcnko x. 5. r) Das. ?) Vital, OilZaliin p. 35; Trenkv, lLsvvauot 6 bi '2 (>i8i) '112 um i'i 22 1VP2 2121 2187! 'IMS 122 212' 2'1212 2'V18^ 121221 018.1 1>"!2 2>1°M1 222.1 .H22>'^ P?1 811 '2 ll>2, 2221 2181 PI?' 81 pi, . . . 1,2'i? Auswüchse der Lurjanische,: Mystik. 403 stock au. Man dürfe keine Tauben im Hause aufziehen; das bringe den Kindern den Tod; inan dürfe ein Haus, das man einmal bewohnt habe, erst nach Ablauf von siebeil Jahreil wieder beziehen?) Man dürfe nicht zwei Kleidungsstücke nüt einem male ausziehen. Überhaupt gab die Lurjanische Kabbala eine ins Lächerliche gehende, skrupulöse Vorschrift für An- und Ausziehen der Kleider an?) Wohl hat die Lurjanische Mystik Wert auf ei,len Umstand gelegt, der im jüdischen Kreise sonderbarerweise vermißt wurde, auf Andacht beim Gebete, aber auch diese Andacht artete in eine kabbalistische Spielerei aus. Jedes Wort und jede Silbe in den Gebetstücken sollte andächtig erwogen werden, um dabei an die Sefirotwelten, an die Zahl der Gottesnamen, die darin versteckt seien, und an vieles andere zu denken?) Wohl schärfte die Lurjanische Kabbala eine heitere Stimmung ein und verpönte jeden Trübsinn und jedes Aufwallen des Zornes und des Unmuts. Aber diese Heiterkeit hat durch den mystischen Beisatz etwas Beklemmendes und Unheimliches erhalten, wie das Lachen eines Wahnwitzigeil. Den Mittelpunkt der Lurjanischen Kabbala bildet der Sabbat, die Gebete und Mahlzeiten an demselben. Er galt als Versichtbarung der Sefirotwelten, als die Verkörperung der Gottheit lSolisobina) in der Zeitlichkeit; sie nannte ihn den Äpfelgarten <0bnlra1 Dapxnobin). Jedes Tun und Lassen an demselben wirke auf die höhere Welt ein. Mit einem Singsang eröffnete der Lurjanische Kreis den Sabbat, „die mystische Braut". Lurja hatte zu diesem Zwecke chaldäische Lieder gedichtet voll dunkler sinnloser Formeln. Den Knotenpunkt des Sabbats bildeten die Nachmittagsandacht und Nachmittagsmahlzeit (Uinelm) bis zum Ausgang des Sabbats, „die Abschiedsstunde der Braut". Das Zählen der Tage vom Passahfeste bis zum Wochen- seste, nach dem Talmud lediglich eine skrupulöse Formalität, umgab die Lurjanische Kabbala mit einem eigenen mystischen Qualm?) Joseph Karo, so sehr er auch Kabbalist war, hatte in seinen: Kodex angemerkt, man solle das opferähnliche Umschlagen von Geflügel am Rüsttag des Versöhnungstages vermeiden. Isaak Lurja dagegen und seine Schule steigerten diesen abergläubischen Brauch zu einen: hohen religiösen Akt und gaben mannigfaltige Vorschriften darüber. Die Lurjanische Kabbala führte gar eine Art zweiten Versöhnungstags ein. Ter Hosiannatag, der siebente Tag des Hüttenfestes, galt in der älter,: Zeit als ein Freudentag, an den: inan Bachweidenzweige, Symbol des Wassers und der Fruchtbarkeit, in: Tempel um y (UlKulim a. a. O. In verschiedenen Lurjanschen und Vitalschcn Schriften. Der größte Teil des Abschnittes ist diesem Thema gewidmet. ^) Alles in den onw oder -»n -in enthalten. 404 Geschichte der Juden. den Altar anfstellteU) Später war unter den babylonischen jüdischen Gemeinden der Brauch aufgekommen, solche Zweige in die Hand zu nehmen, damit zu schütteln und sie zu entblättern. Joseph Karo wagte noch nicht in seinem Kodex, diesem Tage eine höhere, mystischreligiöse Weihe zu geben. Erst die Lurjanische Richtung erhob ihn auf Grund des Sohar zu einein Versöhnungstage im kleinen, machte eine Vorschrift, die Nacht vorher mystische Wache zu halten, erblickte in jedem Blättchen des Weidenzweiges und in dem siebenmaligen Umkreisen der Gesetzrolle eine höhere mystische Beziehung. Die Lurjanische Kabbala legte ferner den Frommen einen förmlichen Gewissenszwang auf, sich mit ihr zu beschäftigen und zu befreunden. Wer solches unterließe, dekretierte sie, dessen Seele müsse so lange durch verschiedene Körper wandern, bis sie es sich angeeignet hätte. Auch in sittlicher Beziehung wirkte die Lurjanische Mystik verderblich. Sie stellte eine Art Seelenharmonie für die Ehe auf; eine solche, natürlich nicht gerade eine poetische, sondern eine mystisch geartete, fände sich selten vor. Wo sich daher Mißhelligkeit in der Ehe zeige, sei sie eben keine von der Sefirotharmonie vorherbestimmte Vereinigung. Die Kabbalisten — und wer war es nicht? — pflegten sich daher bei dem geringsten Zerwürfnis in ihrer Ehe von ihren Frauen zu scheiden, um die harmonische, ihnen durch Vorherbestimmung zugedachte Hälfte zu suchen. Ehescheidungen kamen daher im Kabbalistenkreise häufiger vor. Nicht selten verließen Kabbalisten ihre Weiber und Kinder im Abendlande, zogen nach dem Morgenlande und gingen dort eine oder mehrere neue Ehen ein, ohne daß die Kinder aus den verschiedenen Ehen etwas voneinander wußten. Diese verderblichen kabbalistischen Lehren blieben nicht etwa toter Buchstabe, sondern wurden von den Anhängern sofort in die Praxis umgesetzt. Die Anhänger derselben trugen gar eine Art kabbalistischen Kodex zusammen^), nach welchem sie ihr religiöses Leben regelten. Die Gräberverehrung in Palästina stieg durch Lurja noch viel höher, bis zum wahnsinnigen Rausche. Es ivar seit langer Zeit Sitte, am achtzehnten Jjar (im Mai) das angebliche Grab des Simon den Jochat in Me'tron zu besuchen und dort kostbare Gegenstände, selbst wertvolle Kaschmirschals zu verbrennen. Es beteiligten sich dabei Frauen, Kinder und auch Mohammedaner, wobei es lustig hergegangen und mancher unsittliche Unfug getrieben worden sein soll. Die Kabbalisten aus der Lurjanischen Schule wollten aber etwas vor y S. B. Ill, S. 89. 2 ) n22 718 2",28 81^22 INN . . . 22222 P2V 8812 , in Lnrjas 8 elmloliau .rrnob x. 37. °) >"28 -, 2 >> öfter gedruckt, zuerst Krakau, dann Frankfurt a. d. O. 1691. Josephs von Naxos Tod. 405 der Menge voraushaben. Sie brachten an diesem Grabe zweimal des Jahres 10 Tage und 10 Nachte vor dem Wochen- und dein Neujahrsfeste zu. Ein Zelt wurde von dem angeblichen Grabe ben JochaiZ bis zu dem angeblichen seines Sohnes Eleasar ausgespannt. Unter diesem Zelte trug je einer der Kabbalisten laut den Sohar vor und legte ihn nach Lurjas Anleitung aus. Ein Diener besorgte für die auf den Gräbern Brütenden Speise und Trank und vier mohammedanische Trabanten hielten Wache bei ihnenU) So glich denn der Glanz, der von dem jüdischen Herzog von Naxos und andern einflußreicheil Juden am türkischen Hofe auf ihre morgenländischen Glaubensgenossen fiel, genau betrachtet, einem Irrlichts, das einen Sumpf mit Hellem Schimmer flimmern macht. Denn in der Tat war die religiöse Versumpfung grell genug in dieser Zeit, es war ein entschiedener Rückfall ins Heidentum, und was noch schlimmer war, es gab nicht einen einzigeil Warner, der die Schäden erkannte, und mit wie schwacher Stimme auch immer die Verkehrtheit als solche gebrandmarkt hätte. Ob vielleicht das Vollgefühl der Sicherheit, in das sich die Juden der Türkei unter mächtigeil Beschützern ihres Stammes gewiegt, dieses Unwesen gefördert hat? Jedenfalls nahm es nicht ab, als dieser Schutz allmählich schwand. Denn der Einfluß des Joseph von Naxos auf den Sultan Selim hörte mit dem Tode dieses letztem auf (1574). Sein Nachfolger, Sultan Mur ad 111. (1574—1595), ließ zwar gemäß letztwilliger Verfügung seines Vaters den jüdischen Herzog in seiner Würde und seinen Ämtern. Aber direkten Einfluß auf den Divan hatte er nicht »lehr; er wurde von seinem Gegner, dem Großvezier, Mohammed Sokolli, und seinem Nebenbuhler, Salomo Aschkenasi, daraus verdrängt und konnte nur noch durch Intrigen vermittelst des Harems etwas durchsetzend) Joseph Naßi überlebte seine teilweise Ungnade nicht lange; er starb an einem Steinleiden (2. August 1579), von seinen Stamingenossen aufrichtig betrauert. Der Dichter und Prediger Saadia Longo in Salonichi hielt ihm eine Gedächtnisrede. Seine angehäuften Schätze zerrannen ebenso wie seine weitfliegendeil Pläne. Der geldgierige Sultan Murad, welcher auf Goldhaufen schlief, damit sie ihm nicht entwendet würden, zog auf den Rat des Mohammed Sokolli dessen ganzes Vermögen ein, angeblich um dessen Schulden zu decken. Die verwitwete Herzogin Reyna Naßi erhielt kaum aus der Hinterlassenschaft ihre ein- gebrachte Mitgift von 90000 Dukaten heraus. Diese edle Frau, auf welche zwar weder der Geist ihrer Mutter, der Dona Gracia, noch ') Schloniel, Sendschreiben a. a. O. p. 46 b. h Lbnrriere, kleß-ovintions äs In ^rnncs III p. 648, Note. 406 Geschichte der Juden. der ihres Gatten übergegangen war, gedachte gleich diesen ihr Vermögen im Interesse der jüdischen Wissenschaft zu verwenden. Sie legte eine hebräische Druckerei in ihrem Palaste Belveder und später in einem Dorfe Kuru -- G'ismu auf der europäischen Seite von Konstantinopel an. Allein sie wurde von einem geschmacklosen Geschäftsführer, Joseph Askaloni, dem sie die Presse anvertraut hatte, irre geführt, so daß nur bedeutungslose Schriften, die besser im Dunkeln hätten bleiben können, in ihrer Offizin (1579 bis 1598) erschienen sind?) Das größte Bedürfnis war, den Talmud neu aufzulegen, da das Papsttum und die Dominikaner ihn noch immer in den christlichen Ländern ächteten. Dona Reynas Druckerei nahm auch einen Ansatz dazu, es blieb aber beim Versuch. So hat sich diese edle Familie, zwei Männer und zwei Frauen, die so viel von sich zu ihrer Zeit reden gemacht, kein würdiges Denkmal von Dauer gesetzt; ihr Wirken mit der edelsten Absicht ging im Strome der Zeiten unter. Mit dem Abtreten des Herzogs Joseph vom Schauplatze stieg das Ansehen des jüdischen Staatsmannes Salomo Aschkenasi (o. S- 369 f.), des Friedensstifters zwischen der Türkei und Venedig. Aber so viel er auch durch seine feinen diplomatischen Künste durchzusetzen vermochte, er stand nicht wie Joseph von Naxos im Vordergründe der Begebenheiten als türkischer Würdenträger, sondern im Hintergründe als kluger, verschwiegener Vermittler. Salomo Aschkenasi hatte keinen Zutritt zum Sultan selbst, sondern verkehrte nur mit den Großvezieren hintereinander, deren rechte Hand er war. Die Unterhandlungen zwischen der Türkei und Spanien wegen eines Friedens oder wenigstens eines leidlichen Verhältnisses, von beiden Seiten gewünscht, aber wegen gleichen Stolzes immer hinausgeschoben, abgebrochen und wieder angeknüpft, leitete Rabbi Salomo, der wie kein anderer dazu geschickt war, und führte sie auch teilweise durch. Dabei zeigte er im Interesse des türkischen Staates eine damals seltene Uneigennützigkeit. Der spanische Gesandte hatte ihm Tausende von Dukaten versprechen lassen, wenn er es durchsetzen wollte, daß der Waffenstillstand auf acht Jahre ausgedehnt würde. Darauf erwiderte Salomo aus Udine mit Verachtung: „Gott behüte mich, daß ich einen solchen Verrat an meinem Herrn begehen sollte, ich weiß, daß der König Philipp von Spanien den Waffenstillstand nur dazu benutzen würde, um sich zum Schaden der Türkei zu stärken." ?) Er brachte den Frieden doch zustande U S. Carmolys lossgb, äuo äs Uaxos p. 12 fg; llkrskir, Jahrg. 1858 N. 67 fg.; Fürst, Libliotbecnr lll in 150. Oluu i'iers a. a. O. p. 832. Salomo Aschkenasi. 407 und Unterzeichnete Präliminarien im Namen des Sultans mit dem ersten Tragoman ChurremL) Für das gute Einvernehmen der Pforte mit Venedig sorgte er mit vielem Eifer. Dafür wurde er von dem Dogen dadurch belohnt, daß seine Söhne auf Kosten des Staates in Venedig lebten.?) Für seine Stammgenosseu wirkte Salomo Aschkenasi nur abwehrend. Sultan Murad hatte einmal in Airwandlung einer Laune den Befehl erlassen, sämtliche Juden im türkischen Reiche einfach totzuschlageu. Die Veranlassung dazu war, daß die Juden und namentlich ihre Frauen übertriebenen Aufwand machten; eiire jüdische Frau hatte sich die Freiheit herausgenommen, einen Halsschmuck voir Edelsteinen und Perlen im Werte von 40000 Dukaten zu tragen. Das war dem Sultan hinterbracht worden und hatte seinen Zorn oder seine Geldgier gereizt. Indessen mochten sich Salomo und die andern einflußreichen Juden bei den Vezieren für ihre Stammgenossen verwendet haben; eine bedeutende Summe Geldes wurde der Sultanin-Mutter und dein Anführer der Janitscharen von seiten der Juden überreicht, und infolgedessen wurde das Vertilgungsdekret in eine Luxusbeschränkung verwandelt. Tie Juden durften fortan gleich den Christen in der Türkei nicht in seidenen Gewändern einhergeheu und keine Turbane tragen, sondern nur eine Art Mütze (um 1579^). Nichtsdestoweniger behielten die Juden unter Murads Regierung die Steuerpacht, wie auch der Großhandel in ihren Händen war>) Salomo blieb Ratgeber und diplomatischer Agent bei sämtlichen Großvezieren, die Murad oder vielmehr der Harem in kurzen Zwischenräumen ein- und abgesetzt hatte. Auch unter Mohammed IV. (1595—1603) hatte er noch Einfluß und leistete dem Vezier Ferhad Pascha in seiner Bedrängnis treue Dienste. Ms dieser Großvezier beini Sultan verleumdet wurde, die Truppen, die er ins Feld führen sollte, aufständisch gemacht zu haben, und gezwungen war, nach Konstantinopel zu fliehen, erwirkte ihm Salomo vom Sultan vermittelst eines überreichten kostbaren Dolches ein Handschreiben, das Ferhads Leben sicherte (Juli 1595) 5). Sein Sohn Nathan, wahrscheinlich ebenfalls Arzt, stand in Ansehen bei dem Sultan Achmed I., und seine Frau Bnla Ischtaki bei einer Sultaniu.b) — Jeder Vezier hatte seinen jüdischen Geschäftsführer; ein Bruder Salomos stand bei Ibrahim Pascha in Gunst, und v. Hammer, Geschichte des osmanischen Reiches IV, S. 10. 2) Das. »8. h Bericht des venezianischen Gesandten Vatleo Venisr bei Liberi, Rela- rioni, seris 3, 1. II x. 299. ^) Bericht des venez. Ges. Anne das. 3, III p. 389 von, Jahre 1591. v. Hammer, a. a. L. IV, S. 217 fg. ") Note 8. 408 Geschichte der Juden. ein Arzt Benveniste bei Sind ns Pascha, welcher dreimal Großvezier warU) Auch jüdische Frauen mit klugem Sinne und ein wenig in Arzneikunde eingeweiht, erlangten unter den Sultanen Murad III., Mohammed IV. und Achmed I. vermittelst des Harems großen Einfluß. Unter diesen zeichnete sich Esther Kiera 2 ), Witwe eines sonst unbekannten Elia Chendali, besonders aus. Sie stand in besonderer Gunst bei der Snltanin Baffa, Lieblingsgemahlin Murads, welche die Politik unter ihrem Gatten und später unter ihrem Sohne Mohammed leitete. Wenn ein christlicher Staat irgend etwas bei der Pforte durchsetzen wollte, mußte er die jüdische Unterhändlerin Kiera gewinnen. Das wußten namentlich die Venezianer auszubeuten. Dafür, daß ihr der Staat ein Lottospiel in Venedig bewilligte, erhielt er bedeutende Handelsvorteile vom Sultan Murad, die ihm sonst versagt worden wären. Sie vergab zuletzt wichtige Ämter im Staate und ernannte Kriegsobersten. Alle Ehrgeizigen, die zu einem hohen Amte gelangen wollten, bezeigten daher der Kiera hohe Verehrung und Schmeichelei. Sie bereicherte sich natürlich durch ihre stille Macht, wie jedermann in der Türkei, der, wie schwach oder stark auch immer, in die Speichen des Staatsräderwerkes eingriff. Für ihre Stammgenossen zeigte sie großes Interesse; sie unterstützte Arme und Leidende, speiste Hungrige und tröstete Traurige. Auch die jüdische Wissenschaft empfand ihre spendende Hand. Auf ihre Kosten wurde Zacutos Geschichtswerk veröffentlicht (S. 375). Natürlich erregte ihre Stellung Neid. Esther Kiera hatte sich unklugerweise in die Ernennung der Reiterobersten eingemischt, zuerst einen hohen Posten dem einen zugesagt und ihn dann einem andern zugewendet. Die türkischen Sipahis, die stolzeste Soldatenklasse, nahmen solches sehr übel, rotteten sich zusammen und forderten ihren Kopf. Der stellvertretende Großvezier Chalil wollte sie zwar mit ihren Söhnen retten und sie in seinen Palast kommen lassen. Aber auf der Treppe wurde Esther Kiera samt dreien ihrer Söhne von den Sipahis ergriffen, zerfleischt und ihre Gliedmaßen an die Türen der Großen gehängt, welche durch ihre Hilfe ihre Stellen erlangt hatten. Nur einer ihrer Söhne blieb am Leben, weil er sich zum Islam bekannte (März 1600)^). — Unter dem Sultan Achmed I. gelangte eine andere jüdische Frau zu hohem Ansehen, die Witwe des Staatsmannes Salomo Aschkenasi, namens Bula Jschtaki (o. S. 407). Sie war so glücklich, den jungen Sultan von den Blattern zu heilen, die kurz nach seiner Thronbesteigung sein Leben bedrohten, und für welche die türkischen Ärzte -) S. Note 8. °) Dieselbe Note. -) Das. Ende der günstigen Lage der Juden in der Türkei. 409 kein Heilmittel kannten. Dafür, daß sie ihn bis zur Genesung pflegte, wurde sie reichlich belohnt. Aus Dankbarkeit wurde ihr Sohn an den Dogen Griinani in Venedig, wohin er eine Reise antrat, warm empfohlen und dort wie sein Vater mit Ehren empfangen (1603) H. Allein solche Gunstbezeugungen gegen Inden wurden auch in der Türkei immer seltener und hörten endlich ganz auf, je mehr das Reich erschlaffte, die Sultane Sardanapale wurden, und einerseits der Harem und anderseits die Prätorianer der Sipahis und der Janitscharen das Regiment führten. Der Glanz der türkischen Juden erlosch wie ein Meteor und verwandelte sich auch da in dunkle Nacht, die nur noch von Zeit zu Zeit verzerrte Traumbilder zum Vorschein brachte. Erpressungen, Plünderungen, offenkundige Gewalttätigkeiten der Paschas gegen die Inden der Provinzen fingen an, alltäglich zu werden, seitdem sie eines kräftigen Schutzes in der Nähe des Sultans entbehrten.-) Ter Mittelpunkt für die Judenheit wurde seitdem nach einem andern Schauplatze verschoben. *) Fortsetzung von Joseph Kohen Lmeb Im-Itaelm Ende; v. Hammer das. IV, S. 354. In der hebräischen Quelle ist aber das Datum 1602 in Ende 1603 und der Name Mohammed in Achmed zu berichtigen. Vergl. Note 8. H Vergl. Israel Nagara über Bedruckungen in Safet und Damaskus '2 mrv in seiner Liedersammluug p. 159; über solche in Jerusalem s. Zwölftes Kapitel. Tie Juden in Polen. Lage der Juden in Polen; die judenfcindlichen deutschen Zuuftkolonien. Zahl der Juden Polens. Ihre Beteiligung an den Wissenschaften. Das Tal- inudstudium. Schalom Schachna, Salomo Lnrja und Mose Jsserles, erste drei rabbinische Größen Polens. David Gans' Geschichtswerk. Suprematie der polnischen Rabbinc», talmudische Atmosphäre. Die Wahlkönige, Heinrich von Anjou feindselig gegen die Juden. Stephan Bathori und Sigismund III. judenfreundlich. Die jüdisch-polnischen Synoden. Mardochak Jafa und Falk Kohen. Die Reformation in Polen, die Antitrinitarier, Simon Budny und Martin Seidel. Disputation zwischen Juden und polnischen Dissidenten. Jakob von Belzyce und der Kartier Isaak Troki. Das polemische Werk 6Iiis::lr Lmnna,. ( 1566 — 1600 .) Polen, in diesen: Jahrhunderte durch Vereinigung mit Litauen unter den Söhnen Kasimirs IV. eine Großmacht geworden, war so ziemlich wie die Türkei ein Asyl für alle Geächtete, Verfolgte und Gehetzte. Das kanonische verfolgungssüchtige Christentum hatte dort noch keine festen Wurzeln geschlagen, und auch die monarchische Despotie mit ihrem von Priestern genährten Eigensinn, alles rücksichtslos durchzusetzen, konnte bei dem Unabhängigkeitssinn des polnischen Groß- und Kleinadels nicht durchdringen. Die Starosten durften auf ihrem Gebiete wie die englischen und schottischen Lords und Lairds unumschränkt herrschen und königliche Eingriffe abwehren. Das informatorische Bekenntnis, namentlich Calvins Lehre, fand unter dem Adel und der Bürgerschaft Eingang, wie sich früher die hussitische Opposition gegen den Katholizismus auch daselbst behauptet hatte. Polen war daher auch in diesem Jahrhunderte wieder ein zweites Babylonien für die Juden, wo sie in: ganzen und großen vor blutigen Verfolgungen geschützt waren, einige von ihnen es zu einer gewissen Stellung bringen konnten und sie ihre Eigenart ungehemmt entfalten durften^) Als die Juden aus Böhmen aus- ft dirnelck, o 2z'p) Berichtigungen S- 14, (o. S. ö8f.>. Tie Juden in Polen. 411 gewiesen worden waren und sich nach Polen gewendet hatten, wurden sie wohlwollend ausgenommen?) Ja, es wurde so hoher Wert auf sie gelegt, daß man sie gar nicht entbehren zu können vermeinte. Als viele derselben, angelockt von der günstigen Stellung ihrer Stammgenossen in der Türkei, sich anschickten, dahin auszuwandern, bot der Palatin von Krakau im Namen des Königs alle Mittel auf, um sie freiwillig oder gezwungen im Lande zu behalten^), wahrend in Deutschland Herren und Städte keine andere Sorge zu haben schienen, als wie sie sich der Juden entledigen könnten. 'Allerdings waren sie in Polen fast unentbehrlich. Sie hatten die Pacht von den Salzbergwerken, von den Zöllen und Brauereien inne, weil sie durch Fleiß und Sparsamkeit und auch durch Findigkeit Barschaft besaßen, welche sie dein nur auf das Waffenhandwerk und politische Intrigen bedachten Groß- und Kleinadel als Vorschüsse vorzustrecken imstande waren. Es kam nicht viel darauf an, wie sich die Könige zu ihnen verhielten, ob sie ihnen gewogen oder übelwollend gesinnt waren, der Adel schützte sie meistens auf seinen Gütern gegen feindselige Anfalle, insofern sein Interesse dabei nicht geschädigt wurde. Die letzten jagellonischen Könige Sigismund I. (1506—1548) und Sigismund August (1548—1572) hatten weder eine entschiedene Abneigung gegen, noch Zuneigung für die Inden, wie sie denn überhaupt keine entschiedenen Charaktere waren, sondern die Regiernngsangelegenheiten nach Gunst, augenblicklichem Einfluß oder nach Stimmung und Lärme entschieden. Begünstigungen und Beschränkungen der Juden wechselten unter dieser: beiden Königen miteinander ab, je nachdem eine jndenfreundliche oder judenfeindliche Persönlichkeit ans sie einwirkte. Nach dem Tode des einsichtsvollen Kanzlers Christoph Szydlowiezki begannen allerdings unter Sigismund I. Quälereien für die Juden. Die geldgeizige Königin Bona^) bediente sich eines gesinnungslosen Woiwoden, Piotr Kmita, um von den Juden Geld zu erpressen, und zwar durch Androhung oder Erlaß von Beschränkungen für sie. Es ist charakteristisch für *) Zünz das. h Ad. Kraushaar, I1i8toria 2^äacb II. 188 fg. Zünz das. h Über die Königin Bona s. Responscn Salomo Lurja Nr. 35 vom Jahre 1517 und über Kmita 6raeki, Hokgirava o /sz'äaeli n. 82 Note, auch x. 81. Note m. Imlaeos äsnlninabat (liniita) eomrnotis et oonoitatis in eos elamoribu8 nnntiormn terrestriuin, vel ml restring'snäani si8 insreaturas lieentiaiu, vel aä kutura inbibenäa . . . Aä base avsrtsnäa änäaei eollata. in commune peennia, ei munsra otlsrsbaut. llaec eaäem ratione msres.- tores 6raeovie»8S8 emnlAsbat propo8ito, ac promulKato rumore äs xer- inittsnäa ex totius 0onvsntU8 äscreto libera äuäaeis omni8 Keneriü merca- tura. 412 Geschichte der Juden. diesen Wicht von Werkzeug, daß er einerseits den deutschen Krakauer Kaufleuten Furcht einslößte, daß auf einem Reichstag die Handelsfreiheit der Juden noch mehr ausgedehnt werden würde, und anderseits unterstützte er scheinbar der elfteren Antrag, die Juden auszuweisen, und versprach seinen Einfluß in ihrem Interesse geltend zu machen, um von beiden Teilen Summen zu erlangen. Es gab nämlich eine judenfeindliche Partei in Polen, welche mit mißgünstigem Auge die bessere Lage der Juden in diesem Lande als in der übrigen Christenheit betrachtete und beharrlich dahinter war, das noch immer zu Recht bestehende Statut von Kasimir IV. zum Schutze gegen allzu grelle Verfolgung aufzuheben; sie konnte aber unter diesen Umstünden ihre Wünsche nur teilweise durchsetzen. Es war einerseits die katholische Geistlichkeit, welche die kanonischen Beschränkungen der Juden in der polnischen Gesetzgebung vermißte, und anderseits der deutsche Kaufmanns- und Handwerkerstand, welcher die Konkurrenz der Juden fürchtete. Diese Partei hatte unter Sigismund I. die Judenfrage auf dem Landtag zur Sprache gebracht, und es hatten sich dabei verschiedene Meinungen geltend gemacht. Einige — und das waren die Vertreter der Parteigänger der deutschen Städte — waren für vollständige Ausweisung der Juden aus Polen, andere für eine ihnen zu gewährende Freiheit und endlich eine Mittelpartei für Beschränkung ihres Handelst) In Deutschland hätte wahrscheinlich keine Stimmenverschiedenheit darüber geherrscht, in Polen dagegen drang die vermittelnde Ansicht durch. Den deutschen Zünftlern war natürlich dieser Beschluß nicht recht, und sie arbeiteten mit mehr Rührigkeit, als ihnen sonst eigen zu sein Pflegte, daran, die Juden verhaßt zu machen. Ter Posener Magistrat gab ihnen Schuld, als ein heftiger Brand, von dein Judenviertel ausgegangen, einen großen Teil der Stadt in Asche gelegt hatte, ihr Hochmut und ihre Unverschämtheit hätten das Unglück herbeigeführt. Er zog die Markgräfin von Brandenburg ins Mittel, daß sie sich bei ihrem ohnehin nicht besonders judenfreundlichen Gemahl Joachim II. verwenden möge, und dieser wieder bei dem polnischen Könige, die Juden aus Posen ausweisen zu dürfen oder wenigstens sie zu zwingen, außerhalb der Stadt zu wohnen?) Die Krakauer Kaufleute — immer wieder Deutsche — richteten ein Bittgesuch an den König Sigismund mit Klagen über die Geschäftstätigkeit der Juden, daß sie aus der Walachei Produkte bezögen und dadurch das Geld außer Landes führten und andere ähnliche kleinliche Querelen. Dieselben Krakauer deutschen Bürger stellten >) Reich-tagsverhandlungen von 1532—34. Czacki, das. 82. -) Petition von 1536 bei Imlca 82 srvie 2 , angeführt bei PerleS, Geschichte der Juden in Posen S. 18 sg. h O^aobi, a. a. O. x. 83. Die Juden in Pvlen. 413 an den König das wunderliche Gesuch, er svlle das von dein Kanzler Szydlowiezki im Namen des Königs streng gehandhabte gerechte Gesetz, daß Mörder eines Juden mit dem Tode bestrast und auch nur ein Auflauf zur Zerstörung des Eigentums der Juden mit einer hohen Geldstrafe geahndet werden sollte, zu ihren Gunsten aufheben. lind Sigismund war so kopflos, das Gesuch so weit zu genehmigen, daß er das Gesetz bis auf seine Rückkehr suspendierte mit der eitlen Warnung, daß die Bürger die Juden vor Unbilden schützen und ihre Privilegien achten sollten.*) Die katholische Geistlichkeit war anderseits erbittert darüber, daß die Juden in Polen sich von dem schändenden Abzeichen zu befreien gewußt hatten und sich in die Landestracht kleideten. Sie hetzte so lange, bis die Landboten auf einem Reichstage einen Gesetzesantrag stellten, daß die Juden durch eine schwere Strafe gezwungen werden sollten, wenn nicht auf Reisen, eine gelbe Kopfbedeckung zu tragen?) Um allen Anklagen zu begegnen, arbeiteten polnische Juden oder ließen eine Verteidigungsschrift in lateinischer Sprache ausarbeiten, worin sie auseinandersetzten, daß die Glaubensansichten sich änderten, und was heute Frömmigkeit sei, morgen als Wahn (in der Zeit der Reformation) gelte. Daher sollten sich die Menschen nicht um des Glaubens willen verfolgen. Tie Juden machten durch den Handel den Ertrag des Bodens fruchtbar und verschafften dadurch dem Lande Geld, weit entfernt es ihm zu entziehen. Es gäbe in Polen allerdings 3200 jüdische Kaufleute auf 500 polnische, aber dreimal so viel Handwerker. Wenn die christlichen Knusleute nicht so verschwenderisch lebten und ihre Waren ebenso billig wie die Inden verkauften, würden sie ebenso viele Kunden haben. In dieser Schrift protestierten die Juden auch gegen die Verfügung der christlichen Geistlichkeit, welche sie meistern und. ihre neugebauten Synagogen nach kanonischer Anmaßung abbrechen, lassen wollte. Sie erklärten, daß sie der königlichen Autorität allein unterworfen wären, unter deren Schutz sie ins Land gekommen wären und es bewohnten?) Es war damals die Zeit der Streitschriften, wodurch alle Welt auf die öffentliche Meinung einwirken wollte. Die Verteidigung hat ihre Feinde nicht entwaffnet, noch haben die vielfachen Anklagen ihnen wesentlich geschadet. Über die Zahl der Juden in Polen in dieser Zeit liegt keinerlei Schätzung vor. Es sollen damals 200000 Männer und Frauen dort gelebt haben, obwohl eine Zählung nur 16509 herausgebracht hat, *) Bei Sternbcrg, Geschichte der I. in Polen 130 f. Note, vom Jahr 1536. *) Das. S. 135. Note, vom Jahre 1538. 2) ^ä qnsrslam inereawrnm Liraeovieinüam resiionsum .Inäasornm äs. mereatura 1530 bei Oraolci x. 84. 414 Geschichte der Juden. weil sie den Zweck hatte, Kopfgeld von ihnen zu erheben, wobei die Juden ein Interesse hatten, ihre Zahl geringer anzugeben4) Allzugroß war ihre Zahl nicht. Die Posener Gemeinde zahlte damals 3000 Mitglieder, die in achtzig Häusern wohnten 2 ), und Wohl ebenso viel die K r a k a n e r , - oder vielmehr die in der Vorstadt Kasimierz Wohnenden, wohin sie früher ansgewiesen waren. Die drittgrößte Gemeinde war L u b l i in Steuern hatten sie viel zu zahlen unter verschiedenen Titeln. Dazu wurden sie ja im Lande ausgenommen, geduldet und von den Königen und den: Adel geschützt. Sie waren so ziemlich die einzigen, welche in dem geldarmen Lande Geld besaßen. Daher begünstigten die Könige ihre Handelsunternehmnngen. Als Sigismund August bald nach seiner Thronbesteigung mit dein russischen Großfürsten oder Zaren Iwan IV. (der Grausame genannt) Unterhandlungen wegen Verlängerung des Friedens Pflog, stellte er die Bedingung, daß die Litauischen Juden, wie früher, freie Handelsgeschäfte in Rußland machen dürften. Allein Iwan schlug diese Bedingung rund ab; er wollte keine Juden in seinem Lande sehen. „Wir wollen diese Menschen nicht, welche Gift für Leib und Seele zu uns gebracht; sie haben tödliche Kräuter bei uns verkauft und unfern Herrn und Heiland gelästert."^) Es hatte sich nämlich etwa siebzig Jahre vorher eine jüdische Sekte in Nowgorod durch einen Juden Zacharias (Scharja) gebildet, welcher auch Popen, ein Metropolitan Z 0 sima , die Fürstin Helena, Schwiegertochter des Großfürsten von Litauen, und mehrere aus dem Volke anhingen. Diese judaisierende Sekte hielt sich bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts; ihre Anhänger wurden aber, wenn entdeckt, streng verfolgt.^) Daher'wurden die Juden in Rußland gar nicht geduldet. Der König Sigismund August war indes trotz seiner gelehrten Bildung, die er sich im Auslands mit den fremden Sprachen angeeignet hatte, ebenso unselbständig wie sein Vater und daher Einflüssen des Augenblickes zugänglich. Nach seiner Thronbesteigung bestätigte er die Privilegien seines Großvaters Kasimir IV?) Er verkehrte mit den Dissidenten und selbst mit den christlichen Sektierern, welche von Katholiken und Protestanten in gleicher Weise verdammt wurden. Und dennoch duldete er die Jesuiten im Lande, welche durch ihre Verfolgungssucht dem Lande zwar den katholischen Charakter ausgeprägt haben, aber seine Freiheit und Macht untergruben. 0 Schätzung von 1451—53 das. bei Oaeki p. 80. Vgl. Sterilberg S. 144. ") lullrassewics bei Perles das. S. 20. Schätzung vom Jahre 1549. si Karamsin, Geschichte des russischen Reichs, deutsche Übersetz., VII S. 281 vom Jahre 1549. si Das. VI, S. 153 fg. °h Bei Sternberg 138, bei Perles 144. Beteiligung der Juden nu den Wissenschaften in Polen. 415 Ein Verdienst dieses Königs war, daß er die schöne nnd wissenschaftliche Bildung ans Italien, Frankreich und Deutschland in Polen unter dem Adelsstände heimisch machte. Polnische Edelleute, welche gern Reisen machten, brachten ebenfalls Interesse dafür aus Deutschland und Italien mit nnd ließen ihre Söhne an den reformierten Universitäten von Wittenberg und Genf studieren. Es entstanden Schulen in Polen, woran jüdische Knaben und Jünglinge mit christlichen gemeinschaftlich teilnahmenU) Eine jüdische Synode soll sogar an die Gemeinden ein Sendschreiben erlassen haben, worin sie die Juden zur Pflege der Wissenschaft aufgemnntert habe. Dieses Sendschreiben, wenn es echt ist, hat eine sehr interessante Seite. Die Mitglieder der Synode belehrten: „Gott hat verschiedene Sefirot (Ausstrahlungen). Adam gab uns das Vorbild verschiedener Vollkommenheiten. Ein Israelit darf sich daher nicht auf eine einzige Wissenschaft beschränken. Die erste Wissenschaft ist zwar heilig (die Theologie), aber die übrigen Wissenschaften dürfen darum nicht vernachlässigt werden. Die beste Frucht ist der Apfel des Paradieses, aber soll man darum nicht auch andere Früchte kosten? Alle Wissenschaften sind von unfern Vätern erfunden; derjenige, der nicht gottlos ist, wird den Ursprung unseres Wissens in den Büchern Mose finden. Was der Ruhm unserer Väter war, kann jetzt nicht in Unehre verwandelt sein. Es hat Inden an den Höfen der Könige gegeben . . . Leget euch auf die Wissenschaften, seid nützlich den Königen und den Herren, und alle Welt wird euch achten. Es gibt so viele Juden auf Erden wie Sterne am Himmel und Sandkörner im Meere, aber bei uns leuchten sie nicht wie die Sterne, sondern alle Welt tritt uns mit Füßen wie den Sand. Unser König, weise wie Salomo und heilig wie David, hat bei sich einen andern Samuel, fast einen Propheten (Samuel Maciejowski, Kanzler). Er betrachtet sein Volk wie einen unermeßlichen Wald. Die Winde streuen die Samen aller Bäume hin, und niemand fragt, woher die schönen Pflanzen kommen. Warum soll sich nicht auch unsere Zeder des Libanon erheben in der Mitte grüner Matten?" 2) *) Worüber der Primas von Pole», Pater Gamrat, im Jahre 1542 bittere Klage führte, bei Onaelci das. i>. 180, Rote b. ") Das Fragment ans einem Papierstreifen, das L-raelci in einem Archiv gefunden, nnd woraus er das Obige mitgeteilt hat (das. p. 178 fg s, erscheint höchst apokryph. Wer waren die Mitglieder der Synode, welche diesen Hirtenbrief zur eifrigen Pflege der Wissenschaft erlassen haben? Doch wohl auch Rabbiner. Aber es ist keiner aus dieser Zeit bekannt, der ein so warmes Herz für die Wissenschaften gehabt Hütte. Man erfährt auch nicht aus tlraolri, ob der Papierstreisen hebräische, lateinische oder polnische Buchstaben enthielt. Manche stilistische Wendungen klingen gar nicht hebräisch oder rabbinisch. 416 Geschichte der Juden. Auf Wissenschaften haben sich die Juden Pvlens zwar nicht verlegt, aber so ganz bar derselben, wie die deutschen Juden, waren sie keineswegs. Aristoteles, die in der jüdischen Welt so heimische, dem jüdischen Geiste so verwandte philosophische Autorität, fand auch im jüdisch-polnischen Kreise Verehrer; er zog die Jugend besonders mächtig an?) Auch Maimunis religiös-philosophische Schriften hatten daselbst einige, wenn auch nicht viele Leser. Die Sternkunde und die Medizin, diese beiden Lieblingswissenschaften der Juden von jeher, wurden auch von polnischen Juden gepflegt?) Jur allgemeinen herrschte unter den Juden polnischer Zunge nicht diese Ode wie unter den jüdischen Bewohnern Deutschlands, wo selbst das Talmudstudium einen schlendrianmäßigen, langweiligen, einschläfernden Charakter hatte. Die deutschen Rabbinen waren daher von ihren polnischen Kollegen vollständig abhängig geworden. Sie bedurften, um in ihren Gemeinden etwas durchzusetzen, der ausdrücklichen Nachhilfe der Autoritäten Polens?) Hier hatte in der Tat das Talmud- studrum einen Aufschwung genommen, wie kaum in Frankreich zur Zeit der Toßafistenschule. Unter allen Juden Europas und Asiens haben die polnischen sich am spätesten mit dem Talmud vertraut gemacht, dafür haben sie ihn mit schwärmerischer Liebe gepflegt, als wollten sie das Versäumte schnell nachholen. Es schien, als wenn die tiefen Falten des Talmuds erst in Polen ihr rechtes Verständnis, ihre vollständige Durchdringung und Würdigung finden sollten; eS schien, als wenn sich erst dort die rechten Steuermänner „für das talmudische Meer" bewähren sollten. Umfassende Gelehrsamkeit und erstaunlicher Scharfsinn waren unter den Talmudbeflissenen Polens auf eine tiberraschende Weise verbunden, und jeder, den die Natur nicht vernachlässigt oder ihm allen Geist vorenthalten hat, verlegte sich auf die Erforschung des Talmuds. Der tote Buchstabe belebte sich förmlich unter der warmen Begeisterung der jüdischen Söhne Polens; hier wirkte er wie eine vollstrotzende Kraft, zündete Geistesblitze und erzeugte übersprudelnde Denkfülle. Die polnisch-talmudischen Hochschulen waren daher seit dieser Zeit die berühmtesten in der ganzen europäischen Judenheit. Wer Gründliches lernen wollte, begab sich dahin. In einem jüdisch-polnischen Lehrhause ausgebildet sein, galt ohne weiteres als Empfehlung, und wer diese nicht hatte, wurde nicht als ebenbürtig angesehen. Drei Männer waren es, welche nach Jakob Polak den Ruf der polnischen rabbinischen Hochschulen begründet haben, Schalom Vergl. Hesxp. Mose Jsserles' Nr. 6 von Salomon Lurja: 2221 mn rmx, I222X IÜSN 1.12 2M2 ll'21N21 2'2,2O2, 0,^'-N2 2,02 >r>'N2; Mich dlls. Nr. 7. ") (lommsmloni, o. S. >77, Note. 2) Folgt aus mehreren Responsen Mose Jsserles'. sScholom Schochuo, Salomo Lurja und Mose Jsserles. 417 S ch a ch un, Salomo Lurja und M v s e I s s e r l e s. Schalom Schachna, der älteste unter ihnen (blühte 1528, gest. 1558 r), hat die haarspaltende, gesuchte, witzelnde (pilpulistische) Lehrweise Jakob Polaks (o. S. 54) in Polen weiter verpflanzt. Schachnas Lehrhaus füllte sich mit Jüngern, und er erhob es zur ersten, bedeutendsten Hochschule, aus der die meisten Rabbinen der polnischen Gemeinden hervorgingen. Von seiner sonstigen Wirksamkeit wie von seiner Persönlichkeit ist wenig bekannt. Nur der Zug verdient hervorgehoben zu werden, daß Schachna, gleich seinem Lehrer Polak, Scheu trug, ruhmsüchtig seine rabbinischen Auseinandersetzungen und Entscheidungen schriftlich zu hinterlassen, ein hervorstechendes Verdienst gegen die Schreibseligkeit seiner Zeit. Von einer andern Art war Salomo Lurja (geb. in Posen? um 1510, starb um 1573 ) 2 ) einer eingewanderten deutschen Familie. Er wäre, in einer bessern, kraftvollem Zeit und in einer andern Umgebung geboren, ein Fortbildner des Judentums geworden. Als Sohn einer verkommenen Zeit dagegen wurde er nur ein gründlicher Talmudist in einem hohem Sinne des Wortes, insofern er sich nicht bei dem Gegebenen beruhigte,, sondern jedes einzelne prüfte und auf die Gold wage kritischer Genauigkeit legte. Schon in seinem Jugendalter hatte er die Selbständigkeit, auszusprechen, er teile nicht die Schwäche seiner Zeitgenossen, den geschriebenen oder gedruckten Buchstaben von alteren Autoritäten wie unfehlbare Wahrheit zu verehren. Sein Vorbild war die französische Toßafistenschule, welche es mit Wort und Sache haarscharf nahm, die zerstreuten und zersprengten talmudischen Aussprüche einem Kreuzverhör unterwarf, kitzliche Fragen aufstellte und noch kühnere Schlußfolgerungen zog. Lurja war ein Rabbenn Tain des sechzehnten Jahrhunderts. Der gründlichen, haarscharf abwägenden Durchforschung des so umfassenden talmudischen Gebietes war seine ganze Geistestätigkeit gewidmet, und er war mit den besten Anlagen zu einem solchen kritischen Geschäfte versehen. Mit seinem kühnen Forschungssinne, unnachsichtig alles einer strengen Prüfung zu unteres Seme Funktionsdauer und sein Todesjahr sind bekannt durch seine Grabschrift auf dem Begräbnisplatze in Lublin, mitgeteilt von Halberstamm in der Zeitschrift 4s8okurun von Kobak Jahrg. V, 194. 2 ) Sein Geburtsjahr läßt sich jetzt besser ermitteln. In seinen Rs8xon88n> Nr. 64 gibt er an, daß er in seiner Jugend von seinem Großvater, Isaak Klauber aus Worms, nur Talmud gelernt, und daß dessen Bibliothek bei dem großen Brande in Posen untergegangen sei. Dieser Brand fand statt am 2. Mai 1535, Perles a. a. O. S. 18 fg. nach Lnkaszewicz. Damals war S. Lurja noch jung. Auch im Jahre 1547 nennt er sich noch mn-m iw- vwim Rssxp. Nr. 35. Sein Todesjahr wird von David Gans 1573 angesetzt, es spricht aber manches dagegen., Graetz, Geschichte der Juden. IX. 27 418 Geschichte der Juden. werfen, wäre Lurja zu einer andern Zeit selbst über den Talmud hinausgegangen, wenn ihm die Widersprüche grell entgegengetreten wären. Die so weit auseinandergehende Meinungsverschiedenheit über jeden einzelnen Punkt in dem Wirrwarr der talmudischen und rabbinischen Diskussionen war auch ihm anstößig, aber er legte sie sich durch eine eigene kabbalistische Seelenlehre zurecht. Sämtliche Seelen seien von jeher geschaffen und im Seelenraume vorhanden. Sie alle seien bei der sinartischen Offenbarung zugegen gewesen, und je nach dem höhern oder niedern Grade des Verständnisses auf der Stufenleiter der 49 Pforten oder Kanäle (Lnorot) hätten sie das Vernommene schärfer oder schwächer erfaßt. Von dieser Verschiedenheit der ursprünglichen Auffassung stamme die auseinandergehende Auslegung der Thora durch die in die Zeitlichkeit eingetretenen Geister?) Natürlich galt dem Sohne einer gläubigen Zeit der ganze Talmud als die echte Erweiterung der sinartischen Offenbarung, als unanfechtbare Autorität, die nur verstanden sein wolle, an der nur hier und da etwas zu berichtigen sei, die aber im ganzen und großen die Wahrheit enthalte. Aber auf alles, was in der spanischen und deutschen Schule über den Talmud geschrieben war, sah Salomo Lurja von seiner stolzen kritischen Höhe mit Verachtung herab, selbst auf Maimunis Leistungen. Er betrachtete sie als Verkleisterung und oberflächliche Übertünchung, welche einer ernsten Prüfung nicht Stand halte. Ganz besonders war er der Spielerei der nur auf Witz ausgehenden, von Jakob Polak angeregten (populistischen) Lehrweise gram. Er suchte Wahrheit, und daher war ihm die Geistesspielerei auch der Schachnaschen Schule widerwärtig. Lurja war zugleich ein ausgeprägter Charakter mit aller Herbigkeit und Eckigkeit eines solchen. Unrecht, Käuflichkeit, Scheinheiligkeit waren ihm so verhaßt, daß er darüber in einen öfter unklugen Feuereifer geriet. Mit dieser seiner Selbständigkeit und Charakterfestigkeit, die er überall geltend zu machen wünschte, stieß er freilich öfter an und verletzte manche Eitelkeit. In herbem Ton geißelte er die Talmudgelehrten, deren Tun nicht der Lehre entsprach, die nur des Disputierens wegen, oder um sich einen Namen zu machen, dem Studium oblägen. Daher zog er sich viele ^ Feinde zu, namentlich im eigentlichen Polen, wo die Schachnasche Schule tonangebend war. Salomo Lurja war daher zu seiner Zeit mehr gefürchtet als beliebt, und war gezwungen, ein unstätes Leben zu führen. Er eröffnete hier und da eine Schule, noch im kaum beginnenden Mannesalter, sammelte Jünger um sich, verließ sie wieder und siedelte sich erst in seinem vierzigsten Lebensjahre in *) Einleitung zu sämtlichen Traktaten seines w. Salomo Lurja. 419 Ostrog in Wolhynien an?) Gleich nach seiner Ankunft in diese Gegend geriet er in Streit mit einem Isaak Bezalels, Rabbiner von Wladimir, weil dieser in einem Prozesse über Konkurrenz um Branntweinpacht einer Stadt in: Gebiete der Königin Bona sich allein, ohne Hinzuziehung eines Kollegiums, zum Richter aufgeworfen hatte und ein ungerechtes Urteil erlassen haben soll. Lurja behandelte ihn, den Altern, wie es scheint, wegwerfend?) So war er in seiner Polemik rücksichtslos, derb ohne Schonung, forderte natürlich Vergeltung heraus, wurde dadurch nur noch mehr gereizt, klagte über Verfolgung, sogar über Undank seiner eigenen Jünger, die sich gegen ihn gekehrt hätten, und sah alles im düstern Lichte. Bald geißelte er die Talmudbeflissenen seiner Zeit, daß der Unwissenden viele, der Kundigen nur wenige wären, die Hochmütigen zunähmeu, und keiner sei, der den ihm gebührenden Platz einnehmen wolle. Sobald einer derselben ordiniert sei, geberde er sich als Meister, sammle für Geld eine Schar Jünger um sich, wie die Adligen sich Leibdiener mieten. Es gäbe „ergraute Rabbinen, die vom Talmud wenig verstehen, sich herrschsüchtig gegen Gemeinden und Kundige benehmen, bannen, entbannen, Jünger ordinieren, alles aus Eigennutz"?) Salomo Lurja überschüttete mit der Lauge seines Spottes diejenigen unter den deutschen Talmudkundigen, welche gegen Reiche und Angesehene eine weitgehende Nachsicht bei Übertretung rabbinischer Satzungen übten, dagegen über wenig bemittelte, fremde Männer, wenn sie auch nur um ein Geringes abwichen, z. B. unbedeckten Hauptes zu gehen, einen bösen Leumund verbreiteten?) Es stand übrigens nicht so schlimm sin diesem Kreise, wie es seine gereizte Stimmung schilderte; das beweist am bündigsten die Anerkennung, welche dieser grämliche Tadler selbst gefunden hat. 1) Vergl. Lsspp. Nr. 10 gegen Ende, Nr. 8 vom Scpt. 1553, datiert aus Ostrog. In Nr. 66 klagt er: .12122 ^ pnuni p 2 vio '2 mrviri o'i 2 iv.i .i'22 i°>.i°? '.i oxs xi: oi' rinn 1221 '2'ix pixa >ni'na -in, . . . ;ixn >22, PIX '12p ",2V V'MN '^>22 122.11 'NX. „Der Greis und sein Sohn" scheinen Schachna und sein Sohn Israel zu sein, und „das Land seiner Feinde" das eigentliche Polen, verschieden von Litauen, wo er dauernd geweilt hat; denn Jsserles nennt ihn xu'^s iv^v 'i in seinen Lespp. Nr. 132, IO. 2) Lurja, Lsspp. Nr. 35, 36; die Konipromißurkunde das. ausgestellt im Laufe 1546. Ans Lesxp. des Joseph Kaz (go,' .i'ixv Nr. 17) ergibt sich, daß der Prozeß in Litauen gespielt, und daß der von S. Lurja wegwerfend behandelte Rabbiner Isaak Bezalels war, von dem es öfter heißt i'rnxioa m. Damals um 1546 war S. Lurja bereits in dieser Gegend; im Itespp. Nr. 95 sagt er: ^22 nrx 2 , 2,2 ' 2 x w, d. h. Litauen. °) Kommentar iv^v bv v' zu Labs. Lsms III, Nr. 58. *) Lurja, Lssxp. Nr. 72. 420 Geschichte der Juden. Jüngere wie altere Talmudbeflissene waren noch bei seinem Leben voll Bewunderung für seine Leistungen. Selbst derjenige, den Lnrja so wegwerfend behandelt hatte, Isaak Bezalels von Wladimir, brachte ihm freiwillige Huldigung entgegen. In der Tat unterschied sich Lurjas Behandlungsweise des Talmud bedeutend von der seiner Zeitgenossen. Er hatte etwas von Maimunis klar ordnendem Geiste. Noch an der Grenze von Jugend und Mannesalter unternahm er sein Hauptwerk*), die talmudische Diskussion zu läutern und zu sichten, um daraus die religiöse Praxis festzustellen, und er arbeitete daran bis an sein Lebensende, ohne es ganz zu vollenden. Er war nämlich mit den bisherigen Ergebnissen höchst unzufrieden, und namentlich mit Karos Religionskodex?) Salomo Lurja vollzog allerdings diese Aufgabe mit mehr Gründlichkeit, Klarheit und Tiefe, als seine Zeitgenossen und Vorgänger. Aber wenn er glaubte, wie es den Anschein hat, andere Werke derselben Gattung, die verschiedenen Kodizes, vielleicht gar Maimunis (dem Lurja nicht sehr hold war) überflüssig und der Vielköpfigkeit und den: Meinungswirrwarr ein Ende zu machen, so lebte er in demselben Irrtums wie Maimuni und andere. Er hat nur dazu beigetragen, diesen Knäuel noch mehr zu verwickeln. — Alle seine übrigen zahlreichen Schriften tragen denselben Stempel von Gründlichkeit und kritischem Sinne, aber die Schäden vermochte er ebenso wenig wie andere zu heilen; sie lagen zu tief. Vermöge seines kritischen Sinnes legte Lurja auch Wert auf das, was seine polnischen und deutschen Fachgenossen als zu kleinlich gar nicht beachteten, auf grammatische Richtigkeit und Genauigkeit zur Unterscheidung der hebräischen Sprachformen. Dagegen war er ein abgesagter Feind der scholastischen Philosophie; sie schien ihm gefährlich und vergiftend für den Glauben. Freilich räumte er auch der Kabbala einen hohen Vorzug ein, beschäftigte sich viel mit ihr und wollte manche kabbalistische Schrift erläutern und hat es getan. Aber sein gesunder Sinn bewahrte Salomo Lurja doch vor der Verirrung, den Sohar, diese Ausgeburt des Lügengeistes, über den Talmud zu stellen, wie die zeitgenössische Schule des Isaak Lurja in Palästina?) Tie dritte tonangebende rabbinische Größe in Polen war Mose ben Israel Isserles in Krakau (geb. um 1520, starb 18. Jjar *1 Praktischer Kommentar zum ganzen Talmud unter dem Titel ^ begonnen 1546, nur zu sechs Traktaten vorhanden. -) Einleitung zu Obnlin. a) Vergl. darüber die bittersüße Polemik zwischen S. Lurja und Jsserles in des letzteren Lesxx. Nr. 6fg. und Rssxx. Lurja Nr. 98 und 73. Mose Jsserles. 421 1572).*) Sohn eines sehr angesehenen, mit dein Vorstandsamte bekleideten Vaters, verwandt mit Mekr K a tz e n e l l e n b o g e n in Padua, zeichnete er sich mehr durch Frühreife und umfassende Gelehrsamkeit, als durch eine besondere Eigenart des Geistes aus. Jünger und Schwiegersohn Schachnas war Jsserles selbstverständlich für dessen dialektische Lehrweise eingenommen, und dessen Lehrsätze galten ihm als unanfechtbar. Von Haus aus so vermögend, daß er eines seiner Häuser als Bethaus weihte^), konnte Jsserles in Behaglichkeit dem Zuge seines Geistes folgen, sich in den Talmud zu vertiefen und sich in dessen Jrrgängen heimisch zu machen. Er erlangte bald einen solchen Ruf, daß er, noch halb im Jünglingsalter, zum Rabbinerrichter in Krakau, oder vielmehr in Kasimierz, ernannt wurde?) Als zwei christliche Handelshäuser Bragadini in Venedig einander Konkurrenz machten, Maimunis Religionskodex zu gleicher Zeit zu drucken, und dadurch der Herausgeber, Me'tr K a tz e n e ll e n b o g e n in Padua, zu Schaden kommen konnte, wandte sich dieser an Jsserles, daß er mit dem Gewichte seiner Stimme den Verkauf des Nachdrucks in Polen verbieten sollte?) Es wurde mit der Zeit mehr Gewicht auf sein Urteil gelegt als auf das des greisen Mitrabbinen Mose Landau, der aus Prag nach Krakau gewandert war?) Mit dreißig Jahren umfaßte er das ganze Gebiet der talmudischen und rabbinischen Literatur ebenso gründlich wie der noch einmal so alte Joseph Karo. Auch Jsserles fühlte das Bedürfnis, das weithin zerstreute Material des rabbinischen Judentums zu sammeln und abzuschließen. Da ihm aber Joseph Karo darin mit Abfassung seines Kodex zuvorgekommen war, so blieb ihm nur übrig, Anmerkungen und Berichtigungen daran anzubringen. Denn er vermißte darin manche Elemente, namentlich die Berücksichtigung deutsch-rabbinischer Entscheidungen und Bräuche. Die Ergänzung zu Karos Kodex vder „Tafel" nannte er witzelnd „Map Pa" oder „Tafeltuch". Da die deutsche Judenheit von jeher skrupulöser als die übrige war, so *) Über beide Data ist viel gestritten worden. Das Gewisse ist, daß er 1572 gestorben ist. Wenn Asulais Sohn das Datum 1573 aus seinem Grabstein in Krakau gelesen hat (Asulai s. v.): .-uv rav oi '2 rnr, so hat er falsch gelesen. Der Grabstein ist gegenwärtig gefunden und die Schrift ousgefrischt worden. Da lautet sie: m'3. Vcrgl. I. M. Zünz, Geschichte der Krakauer Rabbinate (piL.i ->>r) S. 171, ferner S. 3fg. und Berichtigungen S. 18. Auf Jsserles' Grabschrift bei Wolf IV, Ende fehlt das Datum. -) Asulai s. v. H Vielleicht schon vor 1550, vergl. Jsserles, Lssxx. Nr. 10. Z das. °) S. über denselben I. M. Zünz, a. a. O. Text S. 4fg. 422 Geschichte der Juden. fielen Jsserles' Nachträge und Ergänzungen erschwerend ans. Seine Entscheidungen fanden allsogleich völlige Anerkennung und bilden bis auf den heutigen Tag für die deutschen und Polnischen Juden — und was dazu gehört — die religiöse Norm, das offizielle Judentum. Man kann nicht gerade sagen, daß er dadurch noch mehr zur Verknöcherung desselben beigetragen hat; denn diese Erschwerungen hat er nicht erfunden und eingeführt, sondern festgehalten und abgeschlossen; er war nur dem allgemeinen Zuge gefolgt. Hätte sie Jsserles nicht in den Religionskodex gebracht, so würde es ein anderer getan haben, wie denn auch einer seiner Jünger, Mar- docha't Jafa, einen ähnlichen Abschluß anlegte. Jsserles hatte indes auch regen Sinn für anderweitige außer- talmudische Fächer, zunächst für Astronomie; er arbeitete einen Kommentar zu Frohbachs astronomischem Werke (Nlisorioa,)r) aus. Eine Neigung hatte er auch zur Philosophie und beschäftigte sich mit ihr, so weit sie ihm aus hebräischen Schriften zugänglich war; Maimunis „Führer" war auch sein Führer. Dafür mußte er sich eine derbe Abfertigung von Seiten des stolz redenden Salomo Lurja gefallen lassen, der etwas gegen ihn persönlich oder als Jünger der Schachnaschen Schule hatte. Lurja sagte oder schrieb ihm, daß er sich den Schlingen der Verderbnis so unvorsichtig näherte und ein böses Beispiel gäbe, er möge lieber sich befleißigen, Sprachschnitzer im hebräischen Stile zu vermeiden. Jsserles mußte sich rechtfertigen, daß er die Philosophie, Gott behüte, nicht von den Griechen in ihrer Sprache gelernt habe, sondern ans den Schriften rechtgläubiger Juden?) Er verfaßte eine Art philosophische Schrift^), eine Sym- bolisierung des Tempels, der Tempelgeräte und der Ritualien, die, so geschmacklos und albern sie uns auch vorkommt, im Geschmacke her Zeit war, und dem gebildeten Asarja der Rvssi sehr gefallen c>at. Der Kabbala war Jsserles nicht besonders hold?) Indessen war ihre Zugkraft in dieser Zeit so stark, daß auch er sich ihr nicht entziehen konnte; auch er verfaßte einen Kommentar zum Sohar. Für Geschichte war Jsserles auch nicht ohne Sinn, und sobald ihm Zacutos Chronik (lloolmsin) zu Händen gekommen war, brachte er Anmerkungen und Ergänzungen dazu an^), wie es seine Art war. Durch sein Interesse an der Geschichte regte Jsserles einen seiner Jünger an, sich ernstlich damit zu beschäftigen. David r) Siehe die Bibliographien. ") Lesxx. Jsserles, Nr. 6 fg. Vergl. auch seine Anmerkung zu Jochasin gegen Ende. omn, gedruckt 1570, noch bei seinem Leben. Das. III, 4; Lespx. Nr. 6. b) Gedruckt Krakau 1580—81 mit Weglassung der Stelle, die den Sohar verdächtigt. David Gans. 423 Gans (geb. in Westfalen 1541, gest. in Prag 1613^), war als Jüngling nach Krakau gekommen, um die dortige rabbinische Hochschule zu besuchen; aber unwillkürlich wurde sein angeborener Sinn für wissenschaftliche Facher, Geschichte, Geographie, Mathematik und Astronomie von Jsserles, der ihn erzogen und geleitet hat, lebhaft geweckt. Gans verlegte sich auf diese Studien, machte persönliche Bekanntschaft mit den beiden Größen in Mathematik und Astronomie der damaligen Zeit, mit Kepler und Tycho de Brahe, und arbeitete mehrere Schriften über diese Fächer, natürlich in hebräischer Sprache aus. Berühmt ist seine Chronik (Asumolr vavick)?) geworden, welche aus Jahrbüchern der jüdischen und der allgemeinen Geschichte besteht. Es war viel, sehr viel für einen deutschen Juden, sich diese außerhalb des Bereiches der Alltäglichkeit liegenden Kenntnisse angeeignet zu haben. Aber bedeutend kann man David Gaus' Leistungen in der Geschichtsschreibung durchaus nicht nennen. Er führte für jüdische Kreise die nackte, trockene Form der Geschichtserzählung ein, wie sie früher geistlose Mönche gebraucht hatten, und die damals bereits einer künstlerischen Darstellung gewichen war. So waren die Juden, wenigstens die deutschen, gegen die gebildete Welt um mehrere Jahrhunderte zurück. Indessen so gering auch Gans' Chronik ist, so hat sie doch insofern ein Verdienst, daß sie die in den Talmud Versenkten daran erinnerte, daß eine lange Geschichtsreihe ihnen vorangegangen war. Freilich Paßte diese Wissenschaft so wenig in den Kreis der alltäglichen Studien, daß sie Gans vor dem gelehrten jüdischen Publikum rechtfertigen und besonders auseinandersetzen mußte, daß ein frommer Jude sich keine Gewissensbisse zu machen brauche, seine Chronik am Sabbat zu lesen. Er berief sich dabei auf seinen Lehrer Jsserles, der in diesem Punkte sich allerdings mehr von seiner Vorliebe für Geschichte als von der geltenden rabbinischen Satzung leiten ließ. Die geringe Achtung der Geschichte unter den deutschen Juden zeigt sich auch in der knappen Inschrift, welche Gans' Grabsäule trägt, kaum, zwei Zeilench, während die Lobrednerei keine Grenzen fand, wenn es galt, das Andenken irgend einer rabbinischen Winkelgröße zu verherrlichen. Das Talmudstudium, wenn auch nur gedächtnismäßig betrieben, gab damals mehr Ruhm als jedes auch noch so tief erfaßte Wissensfach. Diese drei dein Range und der Zeit nach ersten rabbinischen Größen, Schachna, Salomo Lurja und Jsserles, mit andern Rabbinern ') Zunz zu Ashers Edition des Itinerariuin von Benjamin von Tudcla; Hook zu Liebens Prager Grabsteininschriften. ") Gedruckt zuerst Prag 1592. °) Lieben, Prager Grabsteininschriften Nr. 9. 424 Geschichte der Juden. von örtlicher Berühmtheit, haben den Grund zum außerordentlichen Aufschwung der jüdisch-polnischen Gelehrsamkeit gelegt. Jede verwickelte und Aufsehen erregende Frage wurde ihnen, besonders aber dem letzter«, aus Deutschland, Mähren, Böhmen, sogar aus Italien und der Türkei zur endgültigen Entscheidung vorgelegt. Die widrigen Gemeinheiten in der Prager Gemeinde, denen gegenüber das dortige Rabbinatskollegium ohnmächtig war, wurden vor die Rabbinen Polens gebracht, und diese schritten kräftig dagegen ein.ch Leidenschaftliche Streitigkeiten in Frankfurt a. M., welche eine Verfolgung oder Ausweisung herbeizuführen drohten, wurden von Polen aus beschwicki- tigt?) So begründete dieses rabbinische Triumvirat eine gewisse Suprematie Polens über die europäische Judenheit, die von allen Seiten zugestanden wurde. Die Rabbineu Polens haben sich bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts und teilweise auch darüber hinaus als tonangebend behauptet. Es entstanden in diesem Lande durch das Triumvirat, dessen zahlreiche Jünger einen Wetteifer für das Talmudstudium bekundeten, Hochschulen, welchen die meisten Juden Polens als Schüler angehörten, so daß nach und nach fast sämtliche polnische Juden talmudkundig und svgar rabbiuatsbesähigt wurden. Selbst in kleinen Gemeinden von nur 50 Mitgliedern gab es mindestens 20 Talmudgelehrte, die wiederum wenigstens 30 Jünger unterrichteten. Überall entstanden Lehrhüuser mit einem Vortragenden Rabbinen an der Spitze, und die Funktion eines solchen bestand hauptsächlich darin, Lehrvorträge zu halten; alles übrige war Nebensache für ihn. Tie Jugend drängte sich in die Lehrhäuser; sie konnte sorglos leben, da die Gemeindekasse oder vermögende Privatleute für ihre Subsistenz sorgten. Von zarter Jugend an wurden die Kinder — allerdings zum Nachteile der natürlichen Entwicklung des Geistes — zum Talmudstudium angehalten, weil die höchste Ehre darin bestand, ein rab- binisches Lehrhaus zu leiten, und so regte sie den Ehrgeiz an, danach zu streben. Aufseher wurden ernannt, den Fleiß der Studierenden (Lnoimrim) und der Kinder zu überwachen. Diese hatten die Befugnis, die Trügen und Unwissenden körperlich zu züchtigen. Nach und nach wurde eine Art LehrPl a n für die talmudischen Vorträge im Sommer- und Wintersemester mit abwechselnden Theniata eingeführt, der sich so ziemlich bis zum Beginn der Neuzeit erhalten hat. Nach Schluß der Semester zogen sämtliche Talmndlehrer mit ihren zahlreichen Jüngern zu den polnischen Hauptmessen, im Sommer h Resnx. Jsserles' Nr. I I, 15 fg., 55, 66, 82 fg„ 90 fg. ksspn. Lurja Nr. 33. ") Mehrere LesM. Jsserles'. Talmudstudium iu Polen. 42ö nach Zaslaw und Iaroslaw und im Winter nach Lemberg und Lublin. So kamen mehrere Tausend Talmudjünger zusammen. Dort fand ein lebendiger Austausch der Bemerkungen und Subtilitäten über den talmudisch-rabbiuischen Lehrstoff statt. Es wurden öffentliche Disputationen gehalten, an denen sich jedermann beteiligen konnte. Die guten Köpfe erhielten auf diesen Reisen als Lohn für ihre Geistesanstrengung reiche Bräute?) Denn vermögende und halbvermögende Eltern setzten einen Stolz darein, talmudisch-geschulte Schwiegersöhne zu haben, und suchten solche auf den Messen. Die Juden Polens erhielten durch diesen Feuereifer sozusagen eine talmudische Haltung, die sich, in jeder Bewegung und Äußerung, im unschönen Achselzucken, in eigentümlicher Daumenbewegung kund gab. Jedes Gespräch gleichgültiger oder auch geschäftlicher Natur glich einer talmudischen Disputation; talmudische Wörter, Bezeichnungen, Phrasen, Wendungen und Anspielungen gingen in die Volkssprache über und waren selbst Weibern und Kindern verständlich. Aber diese Übertreibung des Talmudstudiums in Polen hat dem. Judentums keinen Nutzen gebracht. Wurde es doch nicht betrieben, um ein rechtes Verständnis desselben zu erzielen, sondern lediglich um etwas ganz Besonderes, Ausgesuchtes, Witziges, Pikantes, den Verstaudeskitzel Anregendes zu finden! Bei dem Zusammenströmen so vieler Tausende Tälmudkundiger, Meister und Jünger, Lehrer und Schüler, an den Hauptmeßplätzen strengte sich jeder an, etwas,. Neues, Überraschendes, recht Kniffiges zu finden, auf den Markt zu bringen und die übrigen zu überbieten, unbekümmert, ob es stichhaltig oder auch nur relativ wahr sei, sondern nur, um in den Ruf eines scharfsinnigen Kopses zu kommen. Das Hauptbestreben der Talmudbeflissenen Polens ging dahin, etwas Neues in der talmudischen Diskussion zutage zu fördern, etwas zu erfinden (Obiääusob). Die Vorträge der Schulhäupter und aller Rabbiuen hatten nur dieses eine Ziel im Auge, etwas Ünübertroffenes aufzustelleu und ein Spinngewebe von sophistisch-talmudischen Sätzen zusammen zu leimen, unfaßliche Haarspaltungen noch mehr zu spalten (LbilluLim). Dadurch erhielt die ganze Denkweise der polnischen Juden eine verkehrte Richtung; sie stellten die Dinge auf den Kopf und gerieten von einer Verkehrtheit in die andere. Die Sprache litt besonders dadurch, sie artete zu einem lachenerregeuden Kauderwelsch, zu einem Gemisch von deutschen, polnischen und talmudischen Elementen, zu einem häßlichen Gelalle aus, das durch *) Die Schilderung aus Nathan Hannovers ;i> Ende; sie stammt zwar vom Jahre 1648, aber der Grund zu diesem leidenschaftlichen Talmudstudium Ivar früher gelegt. 426 Geschichte der Juden. die witzelnde Art nur noch widriger wurde. Die verwilderte Sprache, welche alle Formen verachtete, konnte nur noch von einheimischen Juden verstanden werden. Mit der Sprache büßten die Juden Polens das Wesen ein, was den Menschen erst zum Menschen macht, und setzten sich selbst dem Gespötts und der Verachtung der nichtjüdischen Kreise aus. War die Bibel schon durch den Gang der Entwicklung seit der Maimunischen Zeit nach und nach in den Hintergrund getreten, so schwand ihre Kenntnis in Polen ganz und gar. Wenn man sich mit ihr befaßte, so geschah es auch nur, um Witz oder Aberwitz darin zu finden. Tie Umstände lagen damals derart, daß die Juden Polens gewissermaßen einen eigenen Staat im Staate bilden konnten. Freilich hatte es die kirchlich-reaktionäre katholische Partei, welche unter dem eifervollen Papste Caraffa Paul IV. den Petrusstuhl beherrschte, auch auf die Verfolgung oder wenigstens Knechtung der Juden Polens abgesehen. Der päpstliche Nuntius Alois Lipomano, der in das slavische Königreich gesandt worden war, um das Umsichgreifen der Reformation zu hemmen, begann seine Henkerrolle sofort mit den Juden. Den Dominikanern hatte er es abgesehen, wie man durch erlogene Anschuldigungen die Masse der Bevölkerung fanatisieren könne. Lipomano veranstaltete auch in Polen eine Hostienszene. Ein Mädchen mußte aussageu, daß Juden von Sochaczew (Kreis Rawa in Masovien) eine geweihte Oblate von ihm gekauft, geschändet und zum Wundertun gebracht hätten. Darauf wurden drei Juden von dem für den Plan gewonnenen Palatin Barkow gefesselt, und der Kanzler Przemberz, Bischof von Chelm, hatte den Auftrag, den König Sigismund August zu fanatisieren, daß er den Befehl zur Hinrichtung der Gefesselten erteilen möge. Indessen hatte der Mundschenk Mischkow, ein Protestant, dem Könige die Überzeugung von der Erlogenheit der Hostienschändung beigebracht, und Sigismund August war einsichtsvoll genug, zu erklären, daß er an eine solche abgeschmackte Fabel nicht glaube. Er erteilte dem Starosten von Sochaczew den Befehl, die angeschuldigten Juden in Freiheit zu setzen. Die Gemeinde von Sochaczew hatte auch unter Tränen die Nichtigkeit der Anklage beteuert. Allein der gewissenlose Bischof von Chelm übergab dem Boten, welcher den drei Juden die Freiheit verkünden sollte, ein gefälschtes Schreiben vom Könige aus Wilna mit, daß sie wegen ihres Gottesmordes hingerichtet werden sollten. Und so wurden sie verbrannt (1558). Lipomano, der diese Intrige geleitet hatte, wollte damit Schrecken einflößen. Er hatte sich aber verrechnet. Der König Sigismund August war über diese Untat unter Mißbrauch seines Namens entrüstet und verhehlte keineswegs seinen Unwillen Umtriebe gegen die Juden in Polen. 427 dem Nuntius gegenüber. Er sagte es ihm ins Gesicht: „Ich erzittere über diese Grausamkeit und wünsche nicht für einen solchen Narren zu gelten, der da glaubt, daß aus einer durchstochenen Hostie Blut fließe." Die ganze reformatorische Bevölkerung nahm Partei für die Juden, beleuchtete die Schändlichkeit des Nuntius und verfolgte ihn mit stächlichen SatirenU) Mehrere Landboten und besonders der Hetman Tarnowski drangen in den König, die Unheil stiftenden Bischöfe aus dem Staat zu weisen. Aber zu dieser Tatkraft vermochte sich Sigismund August nicht aufzuraffen. Aber er erließ ein Gesetz (1559), daß, wenn in Zukunft ein Jude des Kindermordes oder Hostiendiebstahls beschuldigt werden sollte, der Prozeß nicht vor einem Würdenträger des Reiches, sondern vor dem Reichstag verhandelt werden sollte, und zwar nicht auf Grund einer frivolen Anklage, sondern nur durch glaubwürdige Zeugen und Beweisstückes) — Von protestantischer Seite hetzte der Kron- marschall Rey v. Naglowic mit giftigen Schriften gegen die h Ausführlich erzählt diese Geschichte mit ihrem Hintergründe Lu bien ec, lüstoria rskormationis II, 4. p. 76 fg. Polnische Quellen bei Osaelci a. a. O. p. 87. In einer seltenen polemischen Schrift, die in demselben Jahre in Königsberg erschienen ist: Duos spistolas altera. . . Inpomaui ImKati . . altera Laümvili, sind zum Schluß einige Satiren gegen Lipomano wegen der Hostiengeschichte beigegeben: Os . . Inpomano . . pcmtiüeo, guocl lluclaeos 8oobaeovias . . . sxnrsrs susserit: .luclasos terra violautes corpora pauis, Liebs-aäclieta Lapas guem xukat esse Usnm, Inppomanus tlammis, tanguam illi icleireo teeisseut Uasretiei, psrclens, Uaerssiareba tuit. -4n parva est, panem esse Usum, Lbristumgus putare, Uaerssis? et vsrus guoct tlnat iucls ornor? Hiuck vpixramina ironlcum. Illapsam easlo Lbristi ooneimlsrs earnsm (juoä Isrro anäersnt äsnno Kramte nstas Vinclicibus tlammis luclasos nrsrs snssit UsKatns, praesnl summe Oarapba, tuus. L.SS mira, et saselis msrito msmorancla tüturis, vsnuo sie Okristum vulusra posss pati! Vier Satiren dieses Genre sind von Luclrsas Irioesius, eguss Lolonus, gedichtet. Urkunde bei Perles, a. a. O. S. 147. Ausfallend ist die Aufschrift zu diesem Gesetze: „Sigismund August dekretiert, daß die Juden in Szochaczewo, der Ermordung eines christlichen Knaben angeklagt . . . von der Anklage srei- zusprechen seien". In allen Quellen dagegen lautet die Anklage lediglich wegen Hostienschändnng. 428 Geschichte der Juden. Juden, sie auszurotten?) Hin und wieder gelang es auch den Judenfeinden, den wankelmütigen König zu bewegen, die den Juden erteilten Privilegien zu brechen, ihnen Beschränkungen aufzulegen und sie dem Brotneid der deutschen Zünftler preiszugeben. Er verbot ihnen auch einmal, goldene Ketten und kostbare Edelsteine an Gürteln und Schwertern zu tragen?) Er war aber aus Rücksicht auf den jüdischen Herzog von Naxos^) genötigt, den er seinen lieben Freund nannte, ihnen ein freundliches Gesicht zu zeigen und ihre Privilegien mehr Zu achten oder neue auszustellen. Der Posener Gemeinde, welche am meisten von den deutschen Zünftlern und Beamten geplagt wurde, erteilte er kurz vor seinem Tode einen sehr günstigen Schutzbrief?) Aber selbst die Beschränkungen hatten nur Folgen, wenn die Palatine und Woiwoden damit einverstanden waren; diese Adligen waren aber meistens auf Seiten der Juden. Daher fand denn auch der Nuntius Cvmmendoni. klüger und ruhiger als sein Vorgänger Lipomano, zu seinem Erstaunen die Inden in Polen, wenigstens in der Provinz Reußen (Lembergischen), nicht so schmählich behandelt wie in Italien und Deutschland. Im Gegenteil, statt der Abzeichen trugen sie Waffen und Ritterschmuck, und statt der Zurücksetzung verkehrten sie mit allen Christen auf dem Fuße der Gleichheit?) Den Ohrenbläsereien der fanatisch-kirchlichen Partei am Hofe wirkten die jüdischen Leibärzte entgegen. Salomo Aschkenasi aus Udine stand dem Könige Sigismund August eine Zeitlang als Hofarzt nahe, ehe er in der Türkei eine so weitgreifende diplomatische Rolle spielte. S i in o n Günzburg (geb. um 1507, gest. 1586)°) hatte eine Zeitlang das Ohr desselben Königs. Er war reich, gelehrt, angesehen, wohltätig und bescheiden, Vorsteher der Posener Gemeinde, von dessen Lob die Zeitgenossen überströmten. Simon Günzburg und andere Günstlinge des Hofkreises oder des Adels konnten drohende Wolken, ehe sie sich noch verdichtet hatten, zerstreuen. Nach dem Tode dieses Königs (1572) kam das Wahlkönigtum den Juden Polens recht zu statten. Denn jeder neugewählte König brauchte vor allem Geld, und dieses konnten nur Juden herbeischaffen oder er brauchte eine Partei unter den Adligen, und si (lracbi a. a. O. p. 88. Sternberg 144. h Das. p. 89-91. h Siehe Note 5, Ende. h Bei Perlcs 24. ch Siehe oben S. 58, Anm. 2. °) Über diesen Simon, David Gans 2smacb David I zum I. 5346. Oaeki das. p. 93 Note ü zitiert einen handschriftlichen Brief Commendonis, worin von dem bedeutenden Gewichte eines jüdischen Arztes beim König und dem Adel die Rede ist und er glaubte, er spielte auf 82^ monier Oint^bnrAa, pr^slorouz'm ko-mansüim (Posener Vorsteher) an. Er soll gar Feldmesser und Architekt gewesen sein. Bei Sternberg 148. Die politischen Könige und die Juden. 429 dadurch erlangte dieser im allgemeinen ihnen zugetane Stand das Übergewicht über die engherzige, judenfeindliche deutsche Bürgerschaft. Unter dem ersten Wahlkönige, dem Herzog Heinri ch von Anjou, dem die angestrengtesten Ränke seiner Mutter die polnische Dornenkrone aufs Haupt gesetzt hatten, konnten sie sich zwar nicht sehr glücklich fühlen. Obwohl er seine Wahl in letzter Instanz einem Juden, dem Leibarzte Salomo Aschkenasi, zu verdanken hatte i), so hat dieser leichtsinnige, nur den Vergnügungen ergebene König den Juden kein freundliches Gesicht gezeigt. Hat sich doch durch ihn zum ersten Mal die rührige, kühne, katholische Partei gebildet, welche die bisher bestandene Religionsfreiheit in Polen untergrub! Wie sollte oder wie konnte er die Juden begünstigen? Heinrich hat nicht einmal die Privilegien der Juden Polens anerkannt und damit sie gewissermaßen für vogelfrei erklärt. Er soll direkt feindselige Schritte gegen sie beschlossen habend) Daher erhob unter ihm und unter Leitung des Jesuitenordens der kirchliche Fanatismus sein Hydrahaupt wieder und klagte einige litauische Juden des Christenkindermordes an. Glücklicherweise regierte dieser gelangweilte König nicht lange (16. Februar bis 18. Juni 1574). Nach einer Zwischenregierung von dreizehn Monaten und nach langen Wahlverhandlungen und Intrigen gelangte der kluge Fürst von Siebenbürgen, Stephan Bathori, auf den polnischen Thron, wohl auch nicht ohne Mitwirkung des jüdischen Agenten Salomo Aschkenasi, da die Türkei dessen Wahl gefördert hat. Nicht lange nach seiner Thronbesteigung richtete er milde Worte an die Juden, nahm die von Litauen in Schutz gegen die lügenhafte Anschuldigung des Christenkindermordes und sprach die Überzeugung aus, daß die Juden darin gewissenhaft der jüdischen Lehre folgen, Menschenblut nicht zu vergießen?) Seine fast zwölfjährige Regierung (1575—1586) bildet einen freundlichen Abschnitt in der Geschichte der Juden Polens. Unter der langen Regierung Sigismunds III., des Schwedenprinzen (1587—1632), dessen Wahl das Vorbild für innere Spaltung und Bürgerkriege gab, erging es den polnischen Juden besser, als man von ihm, dem Jesuitenzögling und eifrigen Katholiken, erwarten sollte. Obwohl er die polnischen Dissidenten so sehr verfolgen ließ, fühlten sich die Juden unter seiner Regierung nicht unbehagliche) ü Oben S. 37V ff. ") Fortsetzer von Joseph Kohens Linste ba-Laoiis. x. 149. 62 s.oki das. p. 94, Fortsetzer des Lmele ba-Hneba. x. ISO. h Isaak Troki schreibt von dessen Regierungszeit in'LRisulr Lianna. I e. 46: cnin'b ovni bix a-iriv aim 'o-sb irn vT! . . o.-viivi nreinn ibn 'obv 'o. 430 Geschichte der Juden. Auf dem Reichstage zu Warschau (1592) bestätigte er die für günstig geltenden alten Kasimirschen Privilegien der Indens) Die bitteren Schmähungen zweier polnischer Schriftsteller gegen sie, Mvjezki und Miuz' inski beweisen eben deren günstige Lage, da diese dieselbe geschmälert wissen wollten. Es gab noch einsichtsvolle Polen, welche Minzynskis Ausfälle mißbilligten und ihn einen Ruhestörer nannten; freilich viele andere lobten ihn als Apostel der Wahrheit.?) Nur eine gesetzliche Bestimmung führte Sigismund III. zum großen Nachteil der Juden ein, die seinen erzkirchlichen Sinn bekundet. Er verordnet^ daß sie zum Bau neuer Synagogen die Erlaubnis von Geistlichen einholen müßten ?), eine Befugnis, welche die Religionsübung der Juden von der verfolgungssüchtigen Kirche abhängig machte. Unter dem Könige Stephan Bathori führte die polnische Juden- heit eine Institution ein (um 1580 ) 4 ), wie sie bisher im Verlaufe der jüdischen Geschichte in dieser Form noch nicht bestand, und sie verlieh den Gemeinden in Polen eine außerordentliche Einigkeit, auch Halt, Stärke und dadurch Ansehen nach innen und außen. Es hatte sich bisher von selbst gemacht, daß bei dem Zusammenströmen von Rabbinen und Schulhäuptern mit ihrem Anhänge an den polnischen Hauptmeßplätzen wichtige Fragen daselbst verhandelt, Prozesse geschlichtet und gemeinsame Verabredungen getroffen wurden. Die Nützlichkeit solchen Zusammengehens mag sich augenfällig herausgestellt und die Idee angeregt haben, regelmäßige Zusammenkünfte der Hanptgemeindeführer zu veranstalten, um allgemeine, bindende Beschlüsse zu fassen. Die Führer und die Gemeinden müssen damals von einem guten Geiste beseelt gewesen sein, daß sie auf ein solches Zusammenwirken eingingen. Es emigten sich zunächst die Gemeinden der Hauptländer Kleinpolen, Großpolen und Reußen zu dem Zwecke, regelmäßig wiederkehrende Synoden (lVaack) zu veranstalten, die an einem Hauptmeßplatze Lublin und Iaroslaw tagen sollten. Die Hauptgemeinden sandten Deputierte, gelehrte, bewährte Männer, welche Sitz und Stimme in der Synode hatten. Sie wählten einen Vorsitzenden, der die Verhandlungen über die zur Sprache gebrachten Fragen leitete und ein Sitzungsprotokoll führte. Streitigkeiten in den Gemeinden und zwischen einheimischen und fremden Geschäftsleuten, Stenerverhältnisse, religiöse und sittliche Anordnungen, Abwendung von drohenden Gefahren, gemeinsame Unterstützung leidender Brüder, das waren die Punkte, welche von den Synoden y Perles a. a. O., S. 12, 130. ") O^aeüi das. p. 95. U Das. ^) Vergl. Note 10. Die Bier-Lündersynoden. 431 verhandelt und bindend verabredet wurden. Auch eine Bücherzensur übte die Synodalversammlung, indem sie für gewisse Bücher die Erlaubnis erteilte, gedruckt und verkauft zu werden, für andere, die ihr schädlich schienen, Druck und Verbreitung untersagte. Die Krone, welche ein Interesse daran hatte, daß Handel und Wandel der Juden keine Störung erleiden und die ihnen auferlegten Steuern ungehemmt eingehen sollten, begünstigte die von der Synode gehand- habte Ordnung. Wahrscheinlich hat Stephan Bathori die Erlaubnis zu den synodalen Versammlungen erteilt. Ihre innere Organisation und Geschäftsordnung ist nicht bekannt, weil die Protokolle später ein Raub der Brände und der Judeuschlächtereien wurden, und so bleibt es zweifelhaft, ob schon im Anfang dieselbe Ordnung wie später geherrscht hat; daß die Synode aus mehr denn zehn Männern bestand, nämlich aus mehr als vier Delegierten der Hauptgemeinden Krakau, Posen, Lublin, Lemberg und andern und aus sechs Rabbinen, welche diese dazu beriefen. Vermutlich trat Litauen später hinzu, und davon wurden die Synoden die der Vier-Länder genannt (IVaack ^.rsLot). Sehr wohltätig wirkten die Synodalversamm- lungen. Sie verhüteten tiefgreifende Zwistigkeiten, wehrten Ungerechtigkeiten ab und bestraften sie, hielten den Gemeinsinu wach, lenkten ihn auf die Gesamtheit und arbeiteten solchergestalt der Engherzigkeit und Selbstsucht örtlicher Interessen entgegen, welche die Zersplitterung und Vereinzelung der Gemeinden so sehr nährte, wie sie namentlich in Deutschland heimisch war, wo auch unter den Juden das Pfahlbürgertum mit beschränktem Gesichtskreise herrschte. Aus diesem Grunde war die polnisch-jüdische Synode auch auswärts angesehen; entfernte deutsche Gemeinden oder Privatpersonen, die sich über Unbill zu beklagen hatten, wendeten sich an diese höchste Behörde in der Gewißheit, von ihr Abhilfe ihrer Beschwerden zu erlangen. Es gereicht den Männern, welche eine geraume Zeit von fast zwei Jahrhunderten die Synoden leiteten, zum Ruhme, daß ihre Namen, die würdig gewesen wären, der Nachwelt bekannt zu werden, dunkel geblieben sind, als hätten sie geflissentlich ihre persönliche Bedeutung vor dem Allgemeinen zurückgedrängt. Ebensowenig ist der oder sind die ersten Urheber bekannt, die das gewiß mühsame Werk durchgesetzt haben, den doppelt anarchischen Sinn von Juden und Polen zu überwinden und zu bewegen, sich einem großen Ganzen unterzuordnen. Nur vermuten kann man, daß Mardochar Jafa, ein aus Böhmen stammender Rabbiner (geb. um 1530, starb 1612) *), der viele Wanderungen und Leiden durchgemacht, diese regelmäßigen Synodalversammlungen organisiert U Vergl. über ihn Perles a. a. O. 42 f. 432 Geschichte der Juden. > hat. In seiner Jugend war er nach Polen gekommen, um zu den l Füßen Salomo Lurjas und Mose Jsserles' das Talmudstudium zu betreiben. Nebenher lernte er auch etwas von Philosophie und > Astronomie und vertiefte sich in die Mystik. In seine Geburtsstadt ^ Prag zurückgekehrt, sammelten sich Jünger um Jafa, um von ihm » die aus Polen mitgebrachte talmudische Weisheit zu hören; aber er j konnte sich dort nicht lange halten, da er durch die Ausweisung der ! Juden aus dem ganzen Landes gezwungen war, zum Wanderstab zu greifen. So kam Jafa nach Venedig und von Italien wieder nach Polen. Dort hatte er als Rabbiner zuerst in Grodno, dann , in Lublin und Kremnitz (um 1575 bis Frühjahr 1592) gelehrt. In ^ Lublin, als Hauptmeßplatz, strömten, wie gesagt, viele Tausend Juden zusammen, und es gab daselbst immer schwebende Prozesse und Streitigkeiten zu schlichten. Dadurch mag Mardocha: Jafa auf den Gedanken gekommen sein, die zufälligen Synoden in regelmäßige zu verwandeln und Statuten dafür auszuarbeiten. Er hatte in Venedig von den italienischen Juden Sinn für Ordnung empfangen. Seine Autorität war auch gewichtig genug, um seinen Vorschlägen, die zugleich einem Bedürfnis entsprachen, Eingang zu verschaffen. Als er wieder im Alter nach Prag zurückkehrte, nur das dortige Rabbinat zu übernehmen, scheint den Vorsitz bei den Synoden Iosua FalkKohen 2), Schulhaupt von Lemberg (1592—1616), geführt zu haben, dessen großes Lehrhaus sein reicher und angesehener Schwiegervater unterhielt. Die häufigen Synoden der Dissidenten in Polen, der Lutheraner und Antitrinitarier mit ihren Nebensekten in verschiedenen Städten, scheinen den jüdischen zum Muster gedient zu haben. Nur wurden hier nicht wie dort haarspaltende Dogmen verhandelt, sondern praktische, ins Leben eingreifende Fragen entschieden. Denn äußerlich betrachtet, boten Polen und Litauen in dieser Zeit das Bild eines von religiösen Streitigkeiten dnrchwühlten Landes, aus dem sich eine neue Gestaltung des Christentums emporarbeiten sollte. Als in Deutschland die reformatorische und gegen- reformatorische Bewegung sich bereits gelegt, die titanischen Himmel- ^ stürmer sich in alltägliche Pastoren verwandelt hatten, die neue ^ Kirche ihrerseits einen: Verknöcherungsprozeß entgegen ging und nach kurzen: Jugendrausche in Altersschwäche verfiel, gingen in den polnischen Landesteilen die Wogen religiöser und sektiererischer Spaltung erst recht hoch und drohten, eine allgemeine Überflutung herbeizuführen. Die deutschen Kolonien in Polen hatten die -) O. S. 348. °) S. Note 10. Reformation in Polein 433 Reformation dahin verpflanzt, und der polnische Adel, nachahmuugs- süchtig und ohne eigene Überzeugung, betrachtete es als eine gebietende Modesache, der gegenpäpstlichen Neuerung zu huldigen. Dieser nahm die Reformation an, die Kleinbürger und Bauern dagegen, d. h. die Leibeigenen, waren zu stumpf, um für oder gegen den Papst und die Messe Partei zu nehmen. Das Christentum war in Polen und Litauen überhaupt noch zu jung, um feste Wurzeln zu haben. So drang die Reformation, weil sie wenig Widerstand fand, in Adel- und Bürgerkreise schnell und sich fast überstürzend ein. Im allgemeinen war die Genfer Lehre Calvins von den: polnischen Adel, das Luthertum von den deutschen Bürgern bevvr- zugt. Neben diesen zwei Bekenntnissen, die auf Polnischem Boden einander ebenso feindlich gegenüber standen, wie in West- europa, gab es noch Hussiten aus der Bewegung der vorangegangenen Jahrhunderte, erbärmliche Zeichen eines vor seinen eigenen Konsequenzen zurückschreckeuden Denkens. Mit diesen liebäugelten beide Bekenntnisse, um ihre Zahl zu vergrößern. Die Könige Sigismund I. und Sigismund August hatten diese Bewegung gewähren lassen, ja von den Radziwills in Litauen, die seinem Throne nahe standen, beherrscht, war der letztere nahe daran, dem Papsttum untreu zu werden. Sv wurde Polen in weitester Ausdehnung ein Freistaat und ein Tummelplatz für die von dem Augustinermönch zu Wittenberg ausgegangene neue Lehre. Auf einem Reichstage zu Warschau (1566) wurde ein Gesetz angenommen, daß es jedem Edelmann frei stünde, in seinem Bereich den von ihm gewählten Gottesdienst einzuführeu, nur müsse sein Bekenntnis auf der Grundlage der heiligen Schrift beruhen. Wie verachtet der Vertreter des Katholizismus in Polen war, zeigte sich darin, daß, als der Nuntius Lipomano in diesem Reichstage erschienen war, er von den Landboteu mit den Worten „Willkommen, du Viperbrut" empfangen wurde.*) Selbst die in Italien, der Schweiz oder Deutschland von katholischer oder reformatorischer Seite verfolgten Denker oder Schwärmer, welche die religiöse Bewegung weiter treiben wollten, fanden unter dem Schutz der auf ihrem Gebiete selbständigen polnischen Adligen zuvorkommende Aufnahme und Schutz. So konnte sich in Polen eine Sekte bilden, welche folgerichtig fortgesetzt, dem Christentum überhaupt vernichtende Stöße, die anfangs nur dem Katholizismus zugedacht waren, hätte beibringen können. Die Asche des auf dem Scheiterhaufen zu Genf verbrannten *) Bei Sternberg 139: llnnc (Hixpomnuum) guainxriinum »uiwii ter- rarnm in 6omitio viclersM,, sxtswxlum eompsslarnni: snlvs, protz-snies vixisrnrnm! Graetz, Geschichte der Juden. IX. 28 434 Geschichte der Juden. Aragoniers Serd et, der „über die Jrrtümer der Dreieinigkeit" geschrieben hatte, schien einen neuen Keim kirchlicher Spaltung befruchtet zu haben. Eine Reihe seiner Jünger, So ein, Blandrata, Paruta, Italiener von kühnen Gedanken, die an dem Grundgebäude des Christentums rüttelten, in katholischem und reformatorischem Lager geächtet, trat über die polnische Grenze und durfte dort nicht nur frei leben, sondern auch frei sprechen. Die Hauptangriffe der Socinianer und Pinczowianer (wie diese in Polen wuchernde Sekte genannt wurde) war gegen die Dreieinigkeit als eine Art Vielgötterei gerichtet, freilich ohne folgerichtige Gedankenschärfe. Davon erhielten sie den Namen Unitarier oder. Antitrinitarie r?) Einer dieser Sekte, Georg Paul, ein Pole, eine Zeitlang Prediger in Krakau, erkannte und bezeichnte richtig die Halbheit der lutherschen Reformation. „Mit Luther fing Gott an, die Kirche des Antichrist vom Dache abzutragen, nicht vom Grund aus, damit das morsche Gebäude ihn nicht verschütte." Es entstand infolgedessen in Polen ein Gewimmel von Sekten, welche auf synodalen Versammlungen zusammenkamen, um sich zu einigen, aber stets noch weiter getrennt und zerklüftet auseinander gingen. Tie Schwärmerei, welche damals in Polen überhand nahm, macht es glaublich, daß manche Christen, von der Bibel geleitet, in der Verwerfung der katholischen Satzungen über das Christentum selbst hinausgingen und sich dem Judentum näherten. Die Tochter des Fürsten Nikolaus Radziwill empfand große Vorliebe für die Lehre Moses. Die Witwe, eines Krakauer Ratsherrn, KatharinaZelazewska, bekehrte sich geradezu zum Judentum, wurde selbstverständlich in Krakau verbrannt, ging aber in den Tod mit froher Seele, wie zu einer Hochzeit. — Die Verbindung der reformatorischen Bewegung in Polen mit der Sektiererei der Scharajiten in Nowgorod erzeugte in Rußland eine halbjüdische Sekte, die Subotniks. Die Anhänger des Scharja (S. 414) waren ebenfalls Unitarier,, leugneten Jesu Gottheit und verwarfen die Verehrung des Kreuzes, der Heiligenbilder und das *) Die Geschichtsliteratur über die polnischen Trinitarier ist sehr reich. Die erste Quelle: 8 au 4, Libliotbsea ^.utitriuitariorum ist vielfach ergänzt und bereichert: Unbisusk, liistoris, retormationis; Look, Instoria ^.utitriui- bariorum, Mosheim, Kirchengeschichte des sechzehnten Jahrhunderts, Valerian Krasinski, Geschichte der Reformation in Polen 1848, auch bei Lulaszewicz, Geschichte der reformierten Kirche in Lithauen 1848, Marhei necke, theologische Vorlesungen 1848 B- III, Fischer, Geschichte der Reformation in Polen 1855. Die letzte Sekundärquelle enthält viele wichtige Urkunden, ist aber polemisch und verworren. Unitarier und Juden. 435 Mönchtum. Der Metropolitan Zosima, der Apostel dieser Sekte, äußerte sich öffentlich: „Wer ist denn dieser Jesus Christus? Er sollte doch zum zweiten Male erscheinen? Wo bleibt die Auferstehung der Toten?" Nachdem die Scharajiten Gunst und Ungunst bei den russischen Großfürsten gesunden hatten und zuletzt durch den Verfolgungseifer eines Bischofs Genadji und anderer orthodoxer Geistlichen in Nowgorod verbrannt worden waren, trat ein zu dieser Sekte Bekehrter, Theodosius Kosoj aus Moskau, mit Feuereifer für die Verbreitung derselben auf — er soll gar eine Jüdin geheiratet haben — und gewann Anhänger in Weißrußland, in Witebsk und Moskau, selbst unter den Mönchen. Kosoj und sein Anhang erkannten nur das Fünfbuch Moses als heilige Schrift an und verwarfen demzufolge die Dreieinigkeit und Vieles aus dem Ritus der griechischen Kirche. Sie wurden natürlich verfolgt und mußten ihr ketzerisches Bekenntnis verheimlichen. Kosojs Anhänger, durch die Verfolgung zersprengt, zerfielen in Untersekten, von denen sich dieMolokani („Milchzehrer") bis, auf den heutigen Tag erhalten haben. Sie feierten den Sabbat statt des Sonntags, und deshalb bezeichnte sie der Volksmund als „ Subotniks " (Sabbatfeirer); sie haben auch sonst Manches vom Judentum beibehalten und gelten daher in Rußland für judaisierende Christen.*) Unter den Unitariern oder den Gegnern der Dreieinigkeit wurden diejenigen, welche sich halb und halb dem Judentums näherten und namentlich die Anrufung und Verehrung Jesu als eine göttliche Person verwarfen, von ihren verschiedenen Gegnern als Halbjuden (Lsmi-saclaiLantss) verlästert. Zu den konsequentesten Unitariern in Polen gehörte Simon Budny aus Masovien, Pastor des Calvinschen Bekenntnisses in Klezk (gest. nach 1584), der eine eigene Sekte, die Budnier, stiftete. Er war gelehrter als die übrigen Sektenhäupter, verstand Griechisch und war auch des Hebräischen ein wenig kundig, das er wohl von Juden erlernt hatte. Simon Budny hat sich durch seine einfache Übersetzung des alten und neuen Testamentes ins Polnische (Zaslaw 1572) berühmt gemacht. Seinen Umgang mit Juden bekundete er auch durch seine Hochachtung vor dem sonst von aller Welt geschmähten Talmud^). Eine eigene Stellung zu diesem wuchernden Sektenwesen nahm Martin Seidel ein, der zwar ein Schlesier (aus Ohlau) war, aber sich an den Grenzen Polens, wo mehr Gedanken- und Schwärmereifreiheit herrschte, aufhielt. Seidel verwarf Jesus ganz und gar und wollte ihn nicht einmal als Messias *) Bei Sternberg 116f. aus Rudnjews Abhandlung über die russischen Sekten. 2 ) Budnys Urteil über den Talmud bei Uolatio: ampi p p. 32a: INN I2LNM IMS M2V2 U'NIN IIL'O IN- 436 Geschichte der Juden. und noch weniger als Gott anerkennen. Nach Seidels Ansicht sei der Messias nur den Juden wie das Land Kanaan verheißen, aber nicht als außerordentlich übermenschliches Wesen, sondern als menschlicher König wie David. Das Gesetz des Judentums sei nur für die Juden Norm, für die übrigen Menschen aber seien lediglich die Zehugebote verbindlich?) Wiewohl die reformatorisch-sektiererische Bewegung in Polen und Rußland ungeachtet der häufigen Synoden, Disputationen, Protestationen im ganzen nicht tief eingreifend war, weil der größte Teil der Bevölkerung sich gleichgültig dazu verhielt, und der Adel selbst, der Beschützer derselben, nur oberflächlich davon berührt war, und daher viele Glieder desselben mit einem Sprunge zum Katholizismus zurückkehrten 2 ), so ging sie an den Juden doch nicht ganz spurlos vorüber. Sie ließen sich gern mit den Sektenhäuptern oder Anhängern in Disputationen ein, wenn auch nicht gerade um sie zum Judentum zu bekehren, so doch um ihre Überlegenheit in Bibelfestigkeit zu zeigen. Religionsgespräche zwischen ihnen und den Dissidenten (wie man sämtliche vom Katholizismus abgefallenen Polen nannte) kamen daher nicht selten vor?) Ein Unitarier Martin Czechowic (geb. 1530, gest. 1613) aus Großpolen, ein unklarer Kopf, der alle Wandlungen der religiösen Bewegungen durchgemacht — als katholischer Priester (in Kurnik) sich zuerst den Hussiten zuneigte, dann sich abwechselnd zu Luthers, Calvins und Zwinglis Lehre hielt, endlich Schismatiker wurde, die Kindertaufe verwarf und behauptete, ein Christ dürfe kein Staatsamt annehmen — dieser Martin Czechowic hatte in einem Werke die Einwürfe der Juden gegen Jesu Messianität zu widerlegen gesucht und die fortdauernde Verbindlichkeit des Judentums mit alten, rostigen Waffen bekämpft. Gegen diese Beweisführung schrieb, wie es scheint, ein rabbinitischer Jude Jakob (Nachman) von Belzyce^) in Lublin (1581) eine Widerlegung, die so ') Über Seidel, Lukaszewicz a. a. O. II p. 829 sg. 2 ) Vergl. Lukaszewicz a. a. O. S. 11, Note 13. °) Uartin Orweborvie, Losinorv^ LRrisriansllis (christliche Dialoge): Lehrer: „Warum hast du mich nicht besucht? Schüler: „Zufällig traf ich gestern Juden, so bald ich nur mit ihnen zu sprechen anfing, gingen sie auf die Sache (Religionsdogmen) ein, empfahlen mir ihre Religion und tadelten alle übrigen, besonders die christliche und türkische. Es ist eine schwere Sache, daß ein Christ einen Juden bekehre." Das Vorkommen häufiger Disputationen geht auch aus Lbwulr lilmnna, hervor: nwm» nnn — o'nxim 'vnns nein obnv 'LNN!: INN 02N 'bn eivpn — nmi> pun» nnn nv 'bn 1P2 — (n'vin) N'LNZ ll'-wwn (I, 1; 4—6; 8f., 40 f.). *) Bei Sand und Bock (o. S. 434, Anm. 1) wird eine Schrift angeführt: Ockpis ckaknba 2 Laibes na vialopsi lilareiua Oösdionviea. Isaak Troki. 437 scharf gewesen sein muß, daß sich Czechowic herausgefordert sah, seine Behauptung in einer Gegenschrift zu rechtfertigen. Mehr noch als Jakob von Belzyce ließ sich ein Karäer Isaak ben Abraham Troki saus Trok bei Wilna, geb. um 1533, gest. 1594^) in Disputation mit Polnischen und litauischen Anhängern verschiedener Bekenntnisse ein. Er hatte Zutritt zu Adligen, Kirchenfürsten und andern christlichen Kreisen, war bibelfest und auch im neuen Testamente, sowie in rabbinischen und in den verschiedenen religiös-polemischen Schriften seiner Zeit belesen und solchergestalt ausgerüstet, gründlichen Bescheid zu geben. Die Ergebnisse seiner ruhig gehaltenen Religionsgespräche sammelte Isaak Troki kurz vor seinem Tode (1593) zu einem Werke, das später berufen war, als Arsenal für die niederschmetternden Geschosse gegen das Christentum zu dienen. „Befestigung des Glaubens" (Elrisuü Lmnnn) nannte er sein Werk; aber er entkräftete nicht bloß die vielfachen Angriffe von christlicher Seite gegen das Judentum, sondern ging auch dem Christentums zu Leibe und hob recht geschickt und mit Sachkenntnis die Widersprüche und unhaltbaren Behauptungen hervor, welche in den Evangelien. und andern christlichen Urschriften Vorkommen. Es ist das einzige Buch eines karäischen Schriftstellers, das sich einigermaßen lesen läßt. Besonders Neues enthält es zwar nicht; alles was darin zur Verteidigung des Judentums und zur Bekämpfung des Christentums vorgebracht wird, ist bereits von Lublin 1581 d. h. Rssxousio äuoobi äuäusi u Lei. uä OialoKos Eneolwvviei. In demselben Jahre schrieb Czechowic dagegen: Vmäioius äuornm äiuloKornw oontru laoobum luäasum äs Leides, wahrscheinlich untergegangen. Ferner- Hat ein Ms. des Obisrck Lmrma von Unger (bei Wolf IV. p. 76V) zum Schluß die Worte: IINIIN nbnnNI NM bpIiI IPV' NVIIIN inro Inb INN 'INN 1V2 'lII ib I'IIN MNI . PIIllb NI ll'UIN ÜII NI'NM 'I IIIPN NII1 )21 IN N1N ll'nbn '2 !1!IN Es ist derselbe Notarikon-Unsinn, den auch Reuchlin aufgestellt hat (o. S. 80). Aus dem Umstand, daß Nachman Jakob von Belzyce in einer karäischen Schrift zitiert wird, zu schließen, er sei selbst Karäer gewesen, ist sehr übereilt. Ans seiner Abstammung aus Belzyce und seinem Aufenthalt in Lublin möchte im Gegenteil geschlossen werden können, er sei Rabbinit gewesen; denn daselbst gab es keine Karäer. Über ihn Geiger, in Liebermanns Kalender-Jahrbuch Jahrg. 1854, S. 21fg. Schon de Rosst hat bewiesen, daß der Vers, des mwn pun Karäer war. Es bedurfte um so weniger des weitläufigen Gelehrtenapparats im genannten Jahrbuche, um diese Tatsache zu beweisen, als der Vers, im Memoriale der Karäer als erster in der Reihe der Litauischen Karäer aufgeführt wird: NIi 7M2K pun bpI PNIUIN I-nn . . . PNU' '.NI . Dieses polemisch-apologetische Werk wurde zuerst von Wagenseil ediert 1681 in Nslu i^uss, Satunus mit lateinischer Übersetzung, aber nach einem fehlerhaften Texte, den Wagenseil in Afrika erworben hatte. Korrekt ist die neueste Edition vom Rabbiner M. Deutsch, Sorau 1865 und 1873, mit Benutzung der Verbesserungen aus Ilngers Kodex. 438 Geschichte der Juden. jüdisch-spanischen Schriftstellern früherer Zeit, namentlich von dem geistvollen Profiat Duran i) in schönerer und überzeugenderer Weise gesagt worden. Und doch machte Trokis Werk mehr Glück — so haben auch Schriften ihr eigenes Geschick. Es wurde in die spanische, lateinische, deutsche und französische Sprache übersetzt und erhielt durch das Ankämpfen gegen dasselbe christlicherseits noch mehr Ruf. Ein Herzog von Orleans^) machte sich daran, des polnischen Karäers Angriffe auf das Christentum zu widerlegen. Und als die erwachte und gekräftigte Vernunft sich die Aufgabe stellte, die Hebel anzulegen, um die Grundfesten des Christentums zu erschüttern und das ganze Gebäude abzutragen, holte sie auch aus dieser Waffenkammer ihre Werkzeuge. ^ B. Vlllg S. 87. 3) Dg Libliotüeea, Lntiebi'Isriank x. 45. Drrizehnkrs Kapitel. Ansiedelung der Juden in Holland. Erste schwache Ansänge zu ihrer Gleichstellung. Rückgang der Bildung. Verfolgungen in protestantischen und katholischen Ländern. Kaiser Rudolph II. und der hohe Reb Leb. Mardochak Meisel und seine erstaunliche Wohltätigkeit. Die Juden Italiens und Papst Gregor XIII. Bulle gegen jüdische Arzte, jüdische Gönner der Marranen und den Talmud. Bekehrungseiser. Papst Sixtus V. David de Pomis. Unterhandlung mit dem Papste wegen Abdruck des Talmud. Clemens VIII. Die Zensurplackereien. Ausweisung aus Mantua und Ferrara. Die Niederlande und die Marranen. Samuel Palache. Die schöne Maria Nunes und die Auswanderer nach Holland. Jakob Tirado und sein Zusammentreffen mit Mose Uri Halevi in Emden. Erste heimliche Spnagoge in Amsterdam. Neue Ankömmlinge; Alonso-Abraham de Herrera. Überraschung der ersten Gemeinde in Amsterdam am Versöhnungstage. Der erste Tempel Jakob Tirados. Beteiligung der portugiesischen Inden an der indischen Handelskompagnie. Märtyrertod des Proselyten Diego de la Ascension. David Jesurun, Paul de Pina-Reul Jesurun, Elia Montalto. Zuwachs der Amsterdamer Gemeinde, ihr Tempel, Rabbinen und Begräbnisplatz. Joseph Pardo, Juda Vega und Jakob Usicl. Beschränkte Duldung in Holland. ( 1593 - 1618 .) Ter freie Geist der europäischen Völker, welcher zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts einen so kühnen Hochflug genommen, die alten Fesseln, womit die Kirche die Gemüter so lange geknechtet, gebrochen und den Mehltau des Zweifels an der bis dahin heilig gehaltenen Autorität bis in das Gehirn der Träger der römischen Kurie geworfen hatte, dieser Geist, welcher eine Wiedergeburt der zivilisierten Menschheit und auch Politische Befreiung zu bringen versprach, schien in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts vollständig niedergebengt zu sein. Das Papsttum oder der Katholizismus hatte sich von seinem ersten Schrecken erholt und sich zusammen- gerasft. Durch das Konzil von Trient außerordentlich gehoben, schmiedete es neue Fesseln, in welche sich die treugebliebenen Volker gern fügten. Ter Lrden der Jesuiten, dieser rührige und nn- 440 Geschichte der Juden. ermüdliche Vorkämpfer, der den Gegner nicht bloß entwaffnete, sondern ihn auch in seine Reihen herüberzog, hatte mit seinen großartigen Zielen und weiten Plänen bereits viel verlorenen Boden zurückerobert und neue Lagen geschaffen, das Eingebüßte mit doppeltem Zins zurückzugewinnen. Italien, ein großer Teil Süddeutschlands und der österreichischen Länder, Frankreich nach langen Zuckungen und Bürgerkriegen nach der blutigen Bartholomäusnacht und dem Morde zweier Könige und größtenteils auch Polen und Litauen waren wieder katholisch geworden und zwar fanatisch katholisch wie Spanien und Portugal, die lodernden Höllen der Inquisition. In dem lutherischen und reformierten Deutschland, England und Skandinavien war ein anderes Papsttum zur Herrschaft gelangt, das Papsttum der trockenen Glaubensformel, die Knechtschaft des Buchstabens. Das byzantinische Gezänk um schattenhafte Dogmen und begriffsleere Wörter spaltete die evangelischen Gemeinden in ebenso viele Sekten und Untersekten, als es Mittelpunkte gab, und wirkte lähmend auf die politische Neugestaltung. Der Eifer der deutschen Fürsten für die Reformation war, nachdem sie die geistlichen Güter an sich gerissen hatten, bedeutend erkaltet, und sie traten teilweise zum Katholizismus über oder ließen ihre Söhne in ihm erziehen. Die klassische Philologie, welche so befreiend und befruchtend im Anfänge gewirkt hatte, war durch die strenge Bibelgläubigkeit von der einen und die Autoritätgläubigkeit von der andern Seite vernachlässigt und zur spielenden Schönschreiberei oder zu gelehrtem Kram herabgesunken. Das Studium der hebräischen Sprache, welches zuerst zündend gewirkt hatte, lag ebenfalls darnieder oder wurde nur oberflächlich für kirchliches Gezänk getrieben. Die Kenntnis der hebräischen Sprache galt in stockkatholischen Kreisen noch immer oder damals erst recht als Ketzerei. Und nun gar erst die rabbinische Literatur! Ms der gelehrte spanische Theologe Arias Montano die erste vollständige Polyglottenbibel auf Kosten Philipps II. in Antwerpen herausgegeben, zugleich eine hebräische und verwandtsprachliche Grammatik nebst Wörterbüchern dazu ausgearbeitet und auch auf ältere jüdische Schriftausleger Rücksicht genommen hatte, wurde er, der Liebling des Königs Philipp, er, der selbst einen Index ketzerischer Bücher angelegt hatte, von den Jesuiten und der Inquisition der Hinneigung zur Ketzerei und des heimlichen Judaisierens angeklagt und als Rabbiner verlästert. Wenn sich nicht der König und der Papst seiner kräftig angenommen hätten, wäre er der Inquisition verfallen. Allerdings haben dabei persönliche Gehässigkeit und Neid seiner Gegner eine Rolle gespielt. Aber einen großen Anteil an Montanos Verfolgung hatte das dunkle Gefühl, daß die Verallgemeinerung der hebräischen Schicksal der Juden in katholischen und protestantischen Ländern. 441 Sprache und der Bibelkenntnis die katholische Kirche untergrabe?) Die Naturwissenschaften waren ans katholischer wie Protestantischer Seite geächtet oder zur demütigen Stellung gegenüber der finstern Theologie mit der Zuchtrute verdammt. Das philosophische Denken mußte sich verkriechen; freie Denker wurden verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wie Giordano Bruno, oder mußten heucheln, wie Baco von Verula m. So schien die menschliche Gesellschaft einen Rückgang anzutreten, nur mit dem Unterschiede, daß das, was früher heitere, naive Gläubigkeit war, seitdem finsterer, verbissener Glaubenstrvtz geworden war. Die übereifrige Kirchlichkeit, welche jene Spannung erzeugte, die sich später in der gegenseitigen Vernichtung des dreißigjährigen Krieges entlud, machte den Aufenthalt der Juden in katholischen wie in protestantischen Ländern zu einer immerwährenden Qual. Luthers Anhänger in Deutschland vergaßen, was Luther im Anfang zu deren Gunsten so eindringlich geäußert hatte, um sich nur dessen zu erinnern, was er in seiner Verbitterung im Alter Gehässiges gegen sie vorgebracht hatte (o. S. 297 f.). So wurde den Juden Berlins und des Brandenburgischen Gebietes die traurige Wahl gestellt, sich taufen zu lassen oder ausznwandern, weil der jüdische Finanzminister, der mächtige Günstling des Kurfürsten Joachim II. und seine rechte Hand in finanziellen Schwindeleien, der Arzt Lippold, von seinem Nachfolger Johann Georg in Untersuchung gezogen, unter der Folter ansgesagt hatte, seinen Gönner vergiftet zu haben, obwohl er es später widerrufen hatte.?) Die katholischen Völker und Fürsten brauchten ihren protestantischen Gegnern nicht an Duldsamkeit und Menschlichkeit voranzugehen, und so wurden denn auch um dieselbe Zeit in einigen mährischen Städten die Juden von der Bevölkerung totgeschlagen?) und im Mainzischen von dem Erzbischof Daniel gequält, geschunden und dann ausgewiesen?) Es war ein hälbglücklicher Zufall für die Juden Deutschlands und der österreichischen Erbländer, daß der damalige Kaiser Rudolph II., obwohl ein Jesuitenzvgling, in dem Lande der ') Bergt, über Arias Montanus' Verfolgung Ickorsnts, Iiistoirs cks I'In- gnisition sn RspaANS III p. 75 fg. und über den Charakter der ersten , Polyglotte (Regst»), gedruckt Antwerpen 1569—1572, bei Wolf Libliotbee» II x. 341 fg. ?) 1573. S. Menzel, Geschichte von Preußen in Heeren und Uckert I. p. 346. Mendelsohns Vorrede zu Manasse ben Israel. ?) Gans, 2sm»ob Oavick I. und II. zum I. 1574. > ch Schaab, diplomatische Geschichte der Juden von Mainz S. 182 fg. Zeit zwischen 1577—1582. 442 Geschichte der Juden. stets rauchenden Scheiterhaufen erzogen und ein Todfeind der Protestanten, gegen die Juden nicht allzu vorurteilsvoll war. Wenn er auch vermöge seiner Schwäche und Haltlosigkeit nicht imstande war, Verfolgungen gegen sie Einhalt zu tun, so beförderte er sie doch wenigstens nicht. Rudolph richtete doch wenigstens einen Erlaß an einen Bischof (von Würzburg), die Juden in ihren Privilegien nicht zu kränken, und an einen andern (von Passau), sie nicht vermittelst der Folter zu peinigend) Damit er aber ja nicht von seinen Zeitgenossen oder der Nachwelt als Judengönner verschrieen werde, erließ er zur Abwechslung einen Befehl, die Juden innerhalb eines halben Jahres aus den: Erzherzogtum Österreich auszuweisen?) Tie Zeitgenossen machten damals viel Wesens von einer Unterredung, welche der Kaiser mit dem damaligen Rabbiner oder vielmehr Lehrhausleiter Liwa (Juda) den Bezalel (geb. um 1525, starb 1609 ) 3 ) geführt, ja ihn eigens dazu berufen hat. Dieser Mann ist unter dem Namen, „der hohe Rabbi Leb" mehr durch die Sage als durch seine Leistungen bekannt geworden. Seine tälmudischen und rabbinischen Kenntnisse waren nicht so bedeutend, daß er den zeitgenössischen Großen der polnischen Schule an die Seite zu stellen wäre. Er beschäftigte sich auch mehr mit agadischer als mit halachischer Auslegung und schriftstellerte meistens auf jenem Gebiete. Liwa ben Bezalel hatte sich zwar einige mathematische und oberflächliche philosophische Kenntnisse angeeignet, die er aber zur leidenschaftlichen Bekämpfung der freien Forschung und zur Verketzerung der Denker, namentlich des Asarja der Rossi (o. S. 386) benutzte?) Das Volk glaubte von ihm, er habe aus Ton einen Menschen (Golem) gebildet, ihm durch einer: Zettel, mit Gottesnamen beschrieben, Leben eingehaucht und ihn zu seinem Dienste verwendet. So oft er ihm den kabbalistischen Zettel entzogen, sei der Golem wieder in einen Tonkoloß zurückgesunken. Über die wesenhaften Geister in den Seelen und Gemütern der Menschen hatte Liwa keine Macht. Hatte Kaiser Rudolph, der sich selbst auf Erforschung der Naturgeheimnisse in müßiger Spielerei verlegt hatte, Liwa ben Bezalel zur Audienz eingeladen, um von ihm Wundertaten *) Wolf, Aktenstücke in Maskir I. p. 131 vom Jahre 157 7. °) Wolf a. a. O. 2) Seine Biographie von Hook, in Liebens Grabsteinschriften des Prager Friedhofes S. 2fg. Seine Schrift i (Prag l 580) ist eine fortlaufende Polemik gegen alle diejenigen, welche auch nur einen leisen Zweifel an der tälmudischen Agada ausgesprochen haben; von p. 38 d an ist die Polemik gegen Asarja int Rofsi gerichtet. Mardochai Meisel. 443 solcher Menschennachbildung zu lernen oder sonst kabbalistische Geheimnisse von ihm zu erfahren? Ter Rabbiner verschwieg hartnäckig den Gegenstand der Unterredung mit dem Kaiser. Aber erfreulicher Art war sie wohl nicht. Denn Liwa verließ mehrere Monate darauf Prag, um das Rabbinat in Posen anzunehmen, das gerade auch nicht glänzend gewesen sein kann, da die Gemeinde kurz vorher durch einen großen Brand in äußerste Not geraten war.*) Ter kleinliche, habgierige Charakter des Kaisers, der sich mit den Sternen und mit Goldmacherkunst beschäftigte und für seinen Schmelztiegel edles Metall gebrauchte, zeigte sich in seinem Verfahren gegen einen edlen Prager Juden, den die Zeitgenossen nicht genug verherrlichen konnten, und dessen Andenken bis auf den heutigen Tag durch Denkmäler der Wohltätigkeit geblieben ist. Marco oder Mardochai Meisel (Meysell, geb. 1528, gest. 1601 ) 2 ) gehörte zu den selten auftauchenden Menschen, welche den Mammon, die Quelle so vieler Übel und Verbrechen, zu heiligen vermögen und den rechten Gebrauch davon zu machen wissen. In Geschäftsgemeinschaft mit einem Arzte Isaak hatte er so glückliche Erfolge erzielt, daß er, nachdem er mit einem großen Teil seines Vermögens Segen um sich verbreitet hatte, noch über 600000 Mark Silbers hinterlassen haben soll. Meisel war der erste jüdische Kapitalist in Deutschland. Ein solcher Mann, den Wohltätigkeitssinn und Edelmut noch mehr als Reichtümer hoben, hätte es in jedem andern Lande zu einer angesehenen Stellung gebracht; in Deutschland soll Meisel höchstens den Titel Rat des Kaisers Rudolph erhalten haben. Für die zerrüttete, verkommene und verarmte Prager Gemeinde war Meisels reiche und weise spendende Hand ein erquickender Tau. Er speiste die Hungrigen, kleidete die Nackten, verheiratete jährlich zwei verwaiste Jungfrauen, baute Armenhäuser und Hospitäler, und, was noch mehr bedeutet, er schoß auch dem Herabgekommeueu zinsfreie Gelder zum Geschäftsbetriebe vor. Durch seine unermüdliche Wohltätigkeit steuerte er der schrecklichsten Not, welche in Prag seit der Rückkehr der Juden aus ihrer Verbannung (o. S. 349) geherrscht hatte. Sogar den Schmutz des Judenviertels verbannte er durch Pflasterung desselben. Es versteht sich von selbst, daß, religiösen Sinnes, wie er war, er auch Anstalten zur Förderung des Juden- st Gans, 2swneb vavül I. z. I. 5352. Die Unterredung Liwas mit dem Kaiser fand statt 1592 und schon Jjar desselben Jahres verließ er Prag. Über den großen Brand in Posen Juni 1590 s. Perles a. a. O. 30. Ü Quellen über ihn bei seinem Zeitgenossen Gans das.; die Grabschrift aus ihn bei Lieben a. a. O. Nr. 16 und Hook dazu; Fortscger des Lmsk tm-Laeba. I'. Ill tg. Wolf, Aktenstücke, Maslir Jahrg. 1862 p. tO. 444 Geschichte der Juden. tums ins Leben rief, ein Lehrhaus (Klaus), dessen Leiter (Lima ben Bezalel)*) und Jünger auf seine Kosten unterhalten wurden und zwei Synagogen, wovon der Bau der einen, der Meiselsy nagoge, ihm über 10000 Thlr. gekostet, die damals als ein Kunstwerk galt und seinen Namen bis auf den heutigen Tag verewigt. Meisels Wohltätigkeit beschränkte sich weder auf Juden allein, noch auf seine eigene Gemeinde. Verfolgte und in Gefangenschaft geratene Juden befreite er mit reichen Mitteln aus Not und Knechtschaft. Als das Judenviertel in Posen ein Raub der Flammen geworden (1590) und, der größte Teil der Gemeinde in Armut geraten war, schenkte er ihr die beträchtliche Summe von 10000 Talern und eben so viel später der in Not geratenen Krakauer Gemeinde. Daß er auch die Gemeinde in Jerusalem mit Spenden bedacht hat, lag in der religiösen Richtung jener Zeit und kann nicht besonders hoch angeschlagen werden. Mehr noch als für die Steuerung der Not leistete Meisel für die Steuerung der Zerrüttung der Prager Gemeinde, in welcher damals die Ungerechtigkeit und Käuflichkeit ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Die Vorstandswahl gab stets Veranlassung zu schreiendem Skandal. Nicht Würdigkeit oder Unwürdigkeit, sondern Gunst oder Feindschaft gab den Ausschlag für Wahl oder Ausschließung von derselben. Tie kaiserlichen Behörden mußten sich daher in die Gemeiudeangelegeuheiten mischen und Vorsteher aufdrüngen, wobei natürlich auch nicht immer nach Billigkeit verfahren wurde. Durch Meisels Bemühung erhielt die Prager Judenschaft wieder ihre Wahlfreiheit für Älteste, Rabbiner und Richter, und er hat wohl dafür gesorgt, daß sich die Ungebührlichkeiten dabei nicht wiederholten. 2) Wie wurde dieser edle Mann oder dieser kaiserliche Rat vom Kaiser Rudolph behandelt? Meisel hatte einem Edelmann eine Summe Geldes geliehen und sie sich auf dessen Güter versichern lassen. Der Schuldner machte aber den Einwand geltend, daß es gegen das Gesetz sei, liegende Güter an Juden zu verpfänden, und demgemäß erklärte die kaiserliche Kammerkanzlei Meisels Schuldforderung für verfallen. — Er hatte ferner der kaiserlichen Kasse eine bedeutende Summe vorgeschossen und Silbergeschirr für die Tafel geliefert, natürlich auf Interessen. Aber er erhielt weder die Zinsen, noch das Kapital zurück?) Noch habgieriger und gewissenloser zeigte sich des Kaisers Sinn nach Meisels Ableben. Wohl ehrte er Meisels 1 Auf Meisels Grabschrift heißt es: a-L-ni, und von Lima b. B. referiert Gans I. 5352: rea -7v> . . 'a '2 ui'i; daraus scheint die Identität Beider hervorzugehen. ") Folgt aus dem Aktenstück, mitgeteilt von Wolf, Maskir a. a. O. h Das. Tie Juden in Italien. 445 .Hülle indem er sich bei dessen Leichenbegängnis vertreten ließ. Biele Hofbeamte folgten dein Zuge des aufrichtig betrauerten Wohltäters, aber dessen letzten Willen ehrte der Kaiser nicht. Er hatte bei Ermangelung eines Leibeserben seine Neffen zu Erben eingesetzt und ihnen wahrscheinlich anfgetragen, sein Andenken durch Gründung von Wohltätigkeitsanstalten zu erhalten. Aber der Kaiser ließ dessen ganze Hinterlassenschaft, baares Geld und unbewegliches Gut, über eine halbe Million, einziehen, indem der kaiserliche Fiskus die Erbschaft kinderlos verstorbener Juden, als kaiserlicher Kammerknechte, anzutreten berechtigt sei. Die Rabbinen wurden noch dazu gezwungen, unter Androhung des Bannes, allen Schuldnern Meisels und denen die sonst etwas von ihm in Händen hätten, zur Pflicht zu machen, alles vollständig an die kaiserliche Kammer auszuliefern. Der Prozeß wegen dieser Hinterlassenschaft zog sich 10 Jahre in die Länge. In dieser Lage, von Katholiken und Lutheranern ohne Unterschied gerupft und mit Füßen getreten oder ins Elend gejagt, vom Kaiser wenig geschützt, aber dafür ausgesogen, steigerte sich die Verkommenheit und Gesunkenheit der deutschen Juden noch mehr, wenn das noch möglich war. Sie waren so sehr von Sorgen für den Augenblick erfüllt, daß sie sogar das Talmudstudium, das ihrem Geiste sonst Nahrung gegeben, vernachlässigt haben. Außer Liwa ben Bezalel, seinem Bruder Chajim ben Bezalel^) und allenfalls ihren zwei andern Brüdern, gab es damals in Deutschland keinen Talmndisten von einiger Bedeutung. Den Juden Italiens erging es in dieser Zeit fast noch schlimmer, und auch sie sanken in Elend und Verkommenheit. Hier war der Hanptsitz der verbissenen, schadenfrohen, unerbittlichen, kirchlichen Reaktion, die auf nichts sann, als darauf, die Gegner des Katholizismus vom Erdboden zu vertilgen. Vom Vatikan aus wurde die Brandfackel des Bürgerkrieges nach Deutschland, Frankreich, den Niederlanden geschleudert. Da nun die Juden seit Paul IV. und Pius V. (o. S. 324 f., 353 f.) auf der Liste der Ketzer oder der Feinde der Kirche standen, so war ihr Los nicht beneidenswert. Mit dem Verlust des letzten Restes ihrer Freiheit verloren sie auch ihre Zahl. In Süditalien wohnten keine Juden mehr. In Norditalien zählten die größten Gemeinden Venedig und Rom etwa zwischen 2000 und 1000 Seelen, in Mantua 1844 und im ganzen Mailändischen (Cremona, Lodi, Pavia, Alessandria, Casalmaggiore wohnten nur 889). 2) Auf Pius V., der von Natur finster kirchlich und verfolgungssüchtig war, und die Juden wie verfluchte Söhne Chams behandelt ') Jünger Schachnas und Genosse Jsserles', starb in Friedberg 1588. 2) Maskir V. x. 75. 446 Geschichte der Juden. hatte, war Gregor XIII. gefolgt (1572—1585), der von den Jesuiten und Theatinern künstlich zum Fanatismus abgerichtet worden war. Und der Wille des strengen Papsttums war für Italien maßgebend. Für die Juden war Gregor der konsequenteste Fortsetzer der Lieblosigkeit seines Vorgängers. Es gab trotz wiederholter Verbote noch immer viele Christen in Italien, welche — in ihrer Verblendung — sich lieber von jüdischen bewährten Ärzten, wie David de Pomis, Elia Montalto, als von christlichen Quacksalbern heilen lassen wollten. Das wollte Gregor aufs strengste verboten wissen. Indem er das alte kanonische Gesetz erneuerte, daß christliche Kranke nicht von jüdischen Ärzten behandelt werden dürften, und daß sie innerhalb dreier Tagen vom Beginn der Krankheit die Sterbesakramente nehmen müßten, belegte er nicht bloß die christlichen Übertreter desselben mit schwerer Strafe, sondern auch die jüdischen Ärzte, wenn sie sich einfallen ließen, einem christlichen Leidenden das Leben zu verlängern oder auch nur die Schmerzen zu mildern. Seine Strenge drang diesmal durch. Ein anderes gregorianisches Gesetz traf nicht bloß einen Stand, sondern die Juden im allgemeinen. Er stellte sie unter die Argusaugen der Generälinquisition. Wenn einer von ihnen irgend etwas Ketzerisches, d. h. der Kirche Mißliebiges, behauptete oder lehrte, ja, wenn er mit einem Ketzer oder einein von der Kirche Abgefallenen umginge oder ihm auch nur die geringste Hilfeleistung oder Gefälligkeit erwiese, solle er von der Inquisition vorgeladen und, je nach Befund, zum Verlust des Vermögens, zur Galeerenstrafe oder gar zum Tode verurteilt werden. Wenn also ein aus Spanien oder Portugal entflohener Marrane in Italien betroffen wurde, daß sein jüdischer Bruder ihm Herberge gegeben oder Erquickung gereicht, so konnten beide gewärtig sein, dem unerbittlichen Ärm der italienischen Generalinquisition zu verfallen. Auch gegen den Talmud entlud sich der Zorn des Papstes Gregor XIII. Die Juden wurden abermals ermahnt, die talmudischen und andere als kirchenfeindlich verdächtigen Bücher auszuliefern, die römischen innerhalb zehn Tagen, die übrigen innerhalb dreier Monate. Die Inquisitoren und andere geistliche Behörden wurden angewiesen, überall Nachsuchungen nach solchen zu halten. Wer später im Besitze derselben betroffen werden sollte, selbst mit Angabe, daß sie von den angeschuldigten Stellen gereinigt und zensiert wären, sollte einer schweren Strafe verfallen 2 ) — Am meisten ließ sich Gregor XIII. die Bekehrung der >) Bulle vom 30. März 1581: lilultos aälmo ex Obrisliams boimmdus 8888, aui. . . xrueeipne lluäaeorum 6t, aliorum iuüäelium enrs, emmri'volrmt. 2 ) Bulle vom I. Juni 1581. Xe quoevie Iibro8 Umlmuäieos . . . stirun snb xraetextu, 22'N '1 NINM? N21N>2 ono 122X2'22 ". L'222 '12 222 1N2>'8 212 Fortsetzer des Uinele ba-lZaelia, q. 165 fg. h Vergl. über die Ansiedelung und Geschichte der Marranen in Bordeaux lllalvesin, lüstoirs üss Inilo ä. Lorüeanx 104 ff. Das Privilegium für sie von Heinrich II. das. 106 f. stammt vom Jahre 1550. 456 Geschichte der Juden. die Kirche besuchen, die Sakramente mitmachen und ihre Kinder taufen lassen. Trotzdem wurden die fünfzig oder sechzig Familien, welche nach und nach aus Portugal und Spanien in Bordeaux eingewandert waren, als heimliche Juden beargwöhnt. Ein fanatischer Parlamentsrat de Lancre, beauftragt, auf Hexen und Zauberer zu fahnden und sie dem Feuer zn überliefern, klagte diese marranischen Familien geradezu an, daß sie judaisierten, kein Schweinefleisch äßen und am Sabbat nicht ihre Speisen bereiteten. Wenn sie nicht das Parlament und die Schöffen dieser Stadt in Schutz genommen hätten, wären sie verfolgt worden. Diese winzige Gemeinde und ihre Kolonie in Bayonne müssen von einer außerordentlichen Liebe zu ihrem Bekenntnis durchdrungen gewesen sein, daß sie nicht im Christentum untergegangen sind, obwohl sie lange das Scheinchristentum bewahren mußten. Es erscheint abermals als ein Werk der Vorsehung, daß der jüdische Stamm, der in Europa und Asien, in der Christenheit und unter dem Islam, am Ende des sechzehnten Jahrhunderts keinen rechten Halt mehr hatte, gerade in dem Lande ihres hartnäckigsten Feindes, Philipps ll. von Spanien, festen Boden fassen und von da aus sich eine Gleichstellung erobern konnte. Und in letzter Verkettung von Ursachen und Wirkungen war es gerade das blutige Jnquisitionstribunal, welches ihnen die Freiheit vorbereiten half. Holland, dieses der Meeresflut abgerungene Stück Erde, wurde für die gehetzten Opfer des grausigen, raffinierten Fanatismus ein Ruhepunkt, auf dem sie sich lagern und ihre Eigenart entfalten konnten. Aber welche Wandlungen und Wechselfälle mußten vorangehen, bis diese kaum geahnte Möglichkeit eine Wirklichkeit werden konnte? Der nordwestliche Winkel Europas wurde von jeher nur von wenigen Juden bewohnt, und es ist von ihnen nur eine geringe Kunde vorhanden; hervorgetan haben sie sich durch nichts. Sie litten wie ihre Nachbarbrüder unter den Zuckungen des aufgeregten Fanatismus, waren zur Zeit der Kreuzzüge und des schwarzen Todes niedergemetzelt oder verjagt worden, hatten sich , wieder hier und da gesammelt, alles in lautloser Ungekanntheit und in dunkler Vergessenheit. Als dieser Strich unter dem Namen der Niederlande unter dem weitreichenden Zepter Karls V. mit Spanien vereinigt war, wurden die Grundsätze der spanischen Judenfeindlichkeit auch auf die Juden dieses Landes übertragen. Dieser Kaiser hatte Befehle über Befehle erlassen, daß die wenn auch geringzähligen Juden aus den niederländischen Städten ausgewiesen werden sollten. Jeder Bürger war gehalten, die widergesetzliche Anwesenheit von Juden den königlichen Beamten anzuzeigen. Infolge der Einführung der Inquisition in Portugal hatten sich mehrere marranische Familien Tie Inquisition in den Niederlanden. 4ö7 mit ihren Neichtümern, ihrer Gewerbtätigkeit und ihrem Kunstfleiße nach den aufblühenden Städten der Niederlande Antwerpen, Brüssel, Gent begeben, um dort ungefährdeter ihrer Religion heimlich leben zn können. Den Mittelpunkt derselben hatten eine Zeitlang Diogo Mendes und seine hochherzige Schwägerin Dona Gracia gebildete) Auch diese traf die strenge Gesetzgebung Karls, doch noch mehr die seines Sohnes Philipps II.; sie wiederholten den Befehl, sie nicht zu dulden. Die Magistrate kamen in diesem Punkte dem Befehle ihres Herrn pünktlich nach, weil sie fürchteten, die Anwesenheit von Neuchristen könnte für sie die Inquisition herbeiziehen — ein Übel, das ihnen in ahnungsvoller Seele als eins große Gefahr für sie vorschwebte?) Der Inquisition konnten die Niederländer doch nicht entgehen. Waren sie doch, obwohl ein Anhängsel von Spanien, von lutherischen Ketzern umgeben und hatten solche gar in ihrer Mitte! Sie sollte auch bei ihnen eingeführt werden. Das war eine der Hauptursachen, welche den Abfall der Niederlande herbeigeführt und jenen langdauernden Krieg erzeugt hat, der klein in seinen Anfängen und groß in seinen Erfolgen war, der das gewaltige Spanien ohnmächtig und das winzige Holland zu einer Äacht ersten Ranges erhoben hat. Die niederländischen Unabhängigkeitskriege zeigten in der Geschichte das erste Beispiel vom Siege zähen Bürgertums über höhnische Überhebung blutiger Tyrannei. Der zähneknirschende Ingrimm des düstern Philipp II., des Henkerfeldherrn Alba, der Blutfeder Varga mit ihren Hunderttausenden von Soldknechten vermochten zuletzt nichts gegen den unvertilgbaren Freiheitssinn eines Völkchens. Ter fanatisch grausame Papst Pius V. war mit der Menschenernte, welche Alba und der Blutrat unter den niederländischen Ketzern hielt, sehr zufrieden. Aber es schien, als ob aus jedem Kopfe, den ?llba in den Niederlanden abschlagen ließ, hydra- ') S. oben 331 f. über die Geschichte der Juden in Belgien und Holland: darmolz', üsvus orientale I. p. 42 fg., 168 fg. Xoensn tlssobisdsnis der loden in Xsdsrland x. 127 fg. Xinils Onverlsaux „Xotes et Ovenmsuts 8nr Iss lnits de Lslg'igns" karis 1885, Separatabdruck auslXsvus d. Xt. l., lkoins VII, VIII, IX. Eine Kommission vom Jahre 1653 richtete an den Erzherzog Leopold Wilhelm eine Denkschrift, worin angegeben ist, daß Karl V. und Philipp II. Befehl erlassen hätten, die Marionen aus den Niederlanden ans- zuweisen. (Bei Ouvsrlsanx p. 32). „?sro ImIIamos qns en ei ano 1550 ^ 1559 kusron pudiieados en ssts pais dos ediotos sodre In salida de los nmrranos jndios o nnsvos edristianos qns eodados ds XortuZol z? Xspaüa lmvian veuido ä ssts pais, mas ssto ss Iiiro sutonees ds antoridad dsl Xsz." Xosueu S. 130 das. bemerkt mit Recht, daß die Furcht vor der Inquisition die Bürger gegen die Marranen eingenommen hat. 458 Geschichte der Juden. artig Hunderte emporwüchsen. Daß in diesem blutigen Strauß, der das ganze Land in einen glühend heißen Kampfplatz verwandelt hat, keines Bleibens für die Juden war, versteht sich von selbst. Alba hatte an den Rat von Arnheim und Zütphen eine Ermahnung ergehen lassen, wenn Juden sich da befänden, sie in Gewahrsam zu bringen, und so lange zu halten, bis er darüber verfügen würde. Man wußte, was diese Sprache aus solchem Munde zu bedeuten hatte. Tie Antwort des Rates war, es gäbe keine Juden in ihrer Mitte.*) Indessen gab es doch einige in dem Städtchen Waggen ingen (Gelderland), und diese wurden zur Erhöhung der Feier für die Geburt eines spanischen Jnfanten ausgewiesen 2 ). Tie portugiesischen Marranen, welche auch im dritten Geschlechts ihre jüdische Abstammung nicht vergessen konnten und nicht aufgeben wollten, hatten ihr Augenmerk auf die um Freiheit ringenden Freistaaten gerichtet, zumal die Inquisition noch immer gegen sie wütete und sie in Kerker warf und zu Scheiterhaufen schleifte?) Seit den ersten Anzeichen von dem Erlöschen des spanischen Glückssternes, seit dem Untergang der unüberwindlichen Flotte, vermittelst welcher Philipp II. nicht bloß für England, sondern womöglich bis ans Ende der Erde die Ketten körperlicher und geistiger Knechtung zu tragen gedachte, seitdem regte sich im Herzen der Scheinchristen unter dieses Tyrannen eiserner Zuchtrute immer mehr das heiße Verlangen nach Freiheit?) Ta Italien für sie durch die ver- solgungssüchtige Politik der reaktionären Päpste verschlossen war, so blieb ihnen nur noch die Hoffnung auf ein Asyl in den Niederlanden. Ein angesehener Jude Samuel Palla che, welcher vom König von Marokko als Konsul nach den Niederlanden gesandt worden war (um 1591), machte dem Magistrate von Middelburg (Provinz Seeland) den Vorschlag, Marranen aufzunehmen und ihnen Religionsfreiheit zu gewähren; dafür wollten sie aus dieser Stadt vermittelst ihrer Reichtümer einen blühenden Handelsplatz machen. Tie weisen Väter der Stadt wären gern auf diesen Vorschlag eingegangen; aber der so leidenschaftlich geführte Religionsund Freiheitskrieg gegen den doppelten spanischen Despotismus hatte auch die reformierten Prediger fanatisch und unduldsam gestimmt. Diese waren gegen die Aufnahme der Juden in Seeland?) *) Xoeueu a. a. O. x. 133 vom I. 1570. 2 ) Das. vom I. 1571. h Samuel Valcrio, Komment, zum Daniel (gedr. 1586) m 76 a. Siehe italienische Information Ende, Note 6. *) Loeuen das. x. 190 f. Das. Tie Marranen in den Niederlanden. 459 Tie Marranen gaben aber nichtsdestoweniger den Gedanken nicht auf, in den bereits von: spanischen Joche befreiten Probinzen der Niederlande eine sichere Stätte zu suchen. Mit mächtigen Banden fühlten sie sich zu dieser Bürgerrepublik hingezogen, sie teilten mit ihr den glühenden Haß gegen das nach Menschenopfern lechzende Spanien und seinen König Philipp H. Der große Statthalter Wilhelm von Oranien, die Seele des niederländischen Unabhängigkeitskampfes, hatte den Gedanken gegenseitiger Duldung und freundlichen Zusammenlebens verschiedener Religionsparteien, Bekenntnisse und Sekten ausgesprochen. Wenn auch dieser erste Keim echter Humanität anfangs zu Boden fiel, so knüpften die Marranen doch daran die Hoffnung auf eine Erlösung aus ihrer täglichen Pein. Eine beherzte marranische Frau Mayor Rodrigues scheint den Plan befördert zu haben, ein Asyl zunächst für ihre Familie in Holland zu suchen. Sie, ihr Gatte, Gaspar Lopes Homem, ihre zwei Söhne und Töchter, sowie mehrere Glieder dieser reichen und geachteten Familie waren dem Judentum noch immer zugetan und der Heuchelei müde, christliche Bräuche mitmachen und ein Glaubensbekenntnis hersagen zu müssen, die ihnen in tiefster Seele verhaßt waren und sie doch nicht vor den Schrecknissen der Inquisition zu schützen vermochten. Als ein Schiff mit auswandernden Marranen unter Leitung eines Mannes, namens Jakob Tiradoi), von Portugal aus — wer weiß unter welchen Vorsichtsmaßregeln — absegelte, scheint Mayor Rodrigues ihre liebreizend schöne Tochter Maria Nunes und ihren Sohn Manuel unter dem Schutze ihres Schwagers Lopez Homem dem Fahrzeug anvertraut zu haben. Die Mutter scheint auf den Zauber ihrer Tochter gerechnet zu haben; die außerordentliche Schönheit der Maria Nunes sollte den von Gefahren umringten Auswanderern als Schild dienen und ihnen in Holland ein Asyl eröffnen. In der Tat gelang es ihrer Schönheit, die erste Gefahr, welche den marranischen Flüchtlingen zugestoßen war, abzuwenden. Sie wurden nämlich von einem englischen Schiffe, welches Jagd auf die spanisch-portugiesische Flagge machte, gekapert und nach England geführt, und Maria Nunes hatte den Kapitän, einen englischen Herzog, so sehr bezaubert, daß er ihr, in der Meinung, sie gehöre dem portugiesischen Grandenkreise an, die Hand bot. Sie schlug aber den ehrenvollen Antrag aus, weil sie als Jüdin leben wollte. Tie Schönheit der in Gefangenschaft geratenen Portugiesin machte indes so viel von sich in London reden, daß die jungfräuliche, männliche Königin Elisabeth selbst neugierig wurde, die so sehr gefeierte und für die Liebe eines Herzogs ') S. Note m. 460 Geschichte der Juden. unzugängliche Schöne kennen zu lernen, sie zu einer Audienz einlnd und mit ihr in einem offenen Wagen durch die Straßen der Hauptstadt fuhr. Wahrscheinlich durch Maria Nunes' Vermittlung konnten die ausgewanderten Marranen ungefährdet England verlassen, um nach Holland steuern zu können. Aber ein Sturm bedrohte die von aller Welt Ausgestoßenen mit dem Untergang; die zwei Schisse, auf denen sie mit ihren Neichtümern fuhren, wurden leck. Indessen beruhigte sich das Meer, und sie konnten in den Hafen von Emden einlaufen. In Emden wie überhaupt in Lstfriesland wohnten damals wenige deutsche Juden, vielleicht schon seit längerer Zeit?) Sobald die Marranen zufällig durch hebräische Buchstaben und andere Zeichen von der Anwesenheit von Stammgenossen in dieser Stadt erfuhren, begab sich der angesehenste unter ihnen, Jakob Tirado, zu dem für gelehrt geltenden Mose-Uri Halevi (geb. 1544, gest. 1620), an dessen Haus sie hebräische Buchstaben > bemerkt hatten, entdeckte sich ihm und äußerte seine und seiner Genossen Absicht, das Scheinchristentum los zu werden und vollständig, womöglich sofort, ins Judentum ausgenommen zu werden. Mose-Uri hatte aber Bedenken, einen so auffallenden Schritt, anscheinend die Bekehrung von Christen zum Judentum, in einer nicht bedeutenden Stadt, wo nichts verborgen bleiben konnte, zu tun. Er riet daher den Marranen, sich nach Amsterdam zu begeben, gab ihnen den Platz an, wo sie sich ansiedeln sollten, und versprach ihnen, mit seinem Sohne Ahro n und seiner ganzen Familie zu ihnen zu kommen, bei ihnen zu bleiben und sie im Judentums zu unterweisen. Verabredetermaßen trafen die Marranen unter Tirado in Amsterdam ein (22. Shpril 1593), suchten Wohnungen, die ihr Zusammenleben ermöglichten, ließen sich, als Mose-Uri mit den Seinen nachgekommen war, ins Judentum aufnehmen und unterwarfen sich freudigen Herzens der schmerzhaften und nicht gefahrlosen Operation. Der bereits betagte Jakob Tirado ging ihnen mit dem Beispiel des Mutes voran. Mose-Uri und sein Sohn richteten den Marranen darauf ein Bethaus ein und fungierten darin als Vorbeter. Dabei zeigten großen Eifer nicht nur Jakob Tirado, sondern auch der Konsul Samuel Pall ache und ein aus Madeira eingewanderter marranischer Dichter JakobJsrael Belmonte, welcher die von der Inquisition verhängten Qualen in Versen unter dem passenden Namen Hiob geschildert hat?) ') Vergl. Gans, 2 emaob David II. zum I. 1581 '1x22 . . . 'r>>'2!i .11 121 -1)fn'11 ru'12 '2!2I> 2'lrm 2'212I ;i1'w ;2l2'11 122 P1M 121. ;i2>' 2'2'I1 ") Ds Larrios, Driuwpüo del Aovisrno populär p. 61 fg, wo auch die übrigen ersten Gemeindemitgliedcr aufgezahlt sind; über Belmontc das. und in andern kleinen Schriften dess. Vers. Abraham de Herrera. 461 Neue Ankömmlinge verstärkten die junge Gemeinde durch Personenzahl und Ansehen. Eine englische Flotte, die unter den: Grafen Essex die Festung Cadix überrumpelte und den Spaniern empfindlichen Schaden züfügte (Sommer 1596), brachte mehrere Marranen nach Holland und» darunter einen originellen Mann, der nicht ohne Bedeutung für die Folgezeit war, Alonso de Herrera (geb. um 1570, starb 1631). Er stammte von jüdischem und altspanischem Blute ab; sein Ahn war der große Kapitän Gonsalvo de Cordova, Eroberer Neapels für Spanien (o. S. 6). Er selbst war spanischer Resident für Marokko in Cadix und geriet bei der Einnahme dieser Stadt in englische Gefangenschaft. Freigelassen, kam er nach Amsterdam, nahm das Judentum und den Namen Abraham de Herrera an (falsch Jrira). Er wurde von Israel Saruk belehrt, ein Hauptbeförderer der lurjanischen Kabbala unter den gebildeten Inden (o. S. 420) und verlieh ihr einen gleißnerischen Firnis von der neuplatonischen Philosophie?) Indessen wurde den Marranen in Amsterdam die Ausübung ihrer Religion nicht so leicht. Als diese erste portugiesische Gemeinde zum vierten Mal heimlich den Versöhnungstag feierte (Oktober 1596), fiel den christlichen Nachbarn das heimliche Hineinschleichen vermummter Gestalten in ein und dasselbe Hans auf; sie witterten verräterische Zusammenkünfte verschworener Papisten und zeigten es dem Magistrate an. Während die marranischen Juden in Gebet vertieft waren, drangen Bewaffnete in das Bethaus ein und ver- h Ders. vistoria universal äuäazwa x. 20. Diese Relation ist noch wenig beachtet. Darum gebe ich sie hier mit einer kurzen Beleuchtung. Es heißt daselbst, daß der Prinz Moritz von Oranten samt dem Adel vom Haag der Leiche des Residenten Samuel Pallache (1616) folgte. Dasselbe geschah zu Ehren des Abraham Herrera; dann fährt de Barrios fort: ooms en sl äs 1531 (ls§. 1631) ei äst insig'ns äaxam ^.dr. Herrera, on^a viäa eanta ssts sousto; es ist eine Grabschrist: „von 4. Ion so äs vsrrsra von nodlesa vus äsl Zran Oapitan g'ran ässosnäisnts, 17 äsl Rs^ äs lllarrueeos Lesiäsute. vonäs en sl 6abo vsreulso sl mar emple^a, vrsnäiolo la ^.nZ'lieana totalsna, (juanäo a Oaäw rinäio sn naval gsnts. 17 sn la tisrra äs vollanäa al tin sapientö llnaräü la ls^ Lissabon, eon ürme^a, Vlamoss drall am vsrrsra, sl loaäo Vidro äs Ladalä eon äoeto andslo vwo, vnsrta äst Oislo intitnlaäo ste. Das Faktum von der Einnahme von Cadix durch die englischen Flotten fiel 1596 vor, wie aus der englischen Geschichte bekannt ist. 462 Geschichte der Juden. breiteten Schrecken unter den Versammelten. Da die meisten, noch erschreckt von den Überfüllen der Inquisition, in Amsterdam ein ähnliches Los befürchtend, sich durch die Flucht retten wollten, erregten sie noch mehr den Verdacht der Amsterdamer Offiziere. Diese suchten nach Kruzifixen und Hostien und führten den Vorbeter Mose-Uri und seinen Sohn in den Kerker. Indessen wußte Jakob Tirado, der sich mit der Behörde lateinisch verständigen konnte, dieselbe zu überzeugen, daß die Versammelten nicht Papisten, sondern Juden, dem Moloch der Inquisition entflohen, wären, ferner daß sie viele Schütze mitgebracht hätten, und endlich daß sie viele Gleichgesinnte mit ihren Reichtümern aus Portugal und Spanien nachziehen und dem Handel Amsterdams Aufschwung geben würden. Tirados Rede machte Eindruck und die Gefangenen wurden entlassen. Da ihr Religionsbekenntnis einmal bekannt war, so wagten sie durch Jakob Tirado das Gesuch an den Magistrat zu richten, ihnen den Bau einer Synagoge zu gottesdienstlichen Zusammenkünften zu gestatten. Nach vielfacher Beratung wurde das Gesuch gewährt. Jakob Tirado kaufte einen Platz und baute darauf den ersten jüdischen Tempel im europäischen Norden, „das Haus Jakobs" genannt (Set ckakob, 1598), das mit Begeisterung von der kleinen Gemeinde eiugeweiht wurde?) Die günstigen Nachrichten von den augesiedelten Marranen, die auf heimlichem Wege nach Spanien und Portugal gelangten, lockten immer mehr zu Auswanderungen. Die erste Anregerin derselben Mayor Rodrigues Homem fand auch Gelegenheit aus Portugal zu entkommen und sich mit ihrer schönen Tochter Maria Nunes und ihrem Sohne Manuel zu vereinigen. Sie brachte ihren jüngern Sohn Antonio Lopez und ihre jüngere Tochter I u st a Pereyra mit (um 1598); ihr Gatte scheint vorher das Zeitliche gesegnet zu haben. Zur selben Zeit traf auch eine andere angesehene Familie aus Portugal ein, die bereits den Flammen der Inquisition verfallen schien, die Familie Franco Mendes, Eltern mit zwei Söhnen Franciso Mendes Medeyros, einein literarisch gebildeten Manne, der den jüdischen Namen Isaak annahm, und Christoval Mendes Franco, reich und wohltätig, der sich M ardocha 'i nannte. Diese beiden spielten eine bedeutende Rolle in der Amsterdamer Gemeinde, haben aber später zu einer Spaltung Anlaß gegeben. Philipp II. erlebte es noch, daß die zwei Volksstämme, die er am blutigsten gehaßt und verfolgt hatte, die Niederländer und die Juden, sich zum Verderben seiner Schöpfungen gewissermaßen y S. Note II; andere Quellen geben diese Fakta ein wenig verschieden an. >»» „ >»>> »»»»> Tie Marranen in Amsterdam- 403 die Hand reichten. Denn der Staat Holland hatte seinen Nutzen von den eingewanderten portugiesischen Juden. Er war früher einer der ärmsten; der blühende Handel und der Luxus wareu uur im Süden, im eigentlichen Flandern heimisch; die Abgeordneten der Nordstaaten dagegen Pflegten sich zu den wichtigen Versammlungen unter Wilhelm von Oranten ihr Schwarzbrot und ihren Käse mitzubringen. Die erbitterten verheerenden Kriege hatten das Land noch ärmer gemacht. So waren denn die Kapitalien, welche die Marranen allmählich nach Amsterdam brachten, sehr willkommen und kamen dem ganzen Lande zustatten. Erst dadurch waren die Holländer imstande, den Grund zu ihrer Größe zu legen, indem sie den indischen Handel den mit Spanien in einer Mißehe verbundenen Portugiesen entrissen. Die Kapitalien der Marranen haben ohne Zweifel die Gründung der großen überseeischen Gesellschaften und die Ausrüstung von Handelsexpeditionen (Llaatsobaxxzc van clerrs) erst ermöglicht, die Eingewanderten waren dabei beteiligte) Auch die Verbindungen, welche die portugiesischen Juden mit heimlichen Glaubensgenossen in den indischen Besitzungen der Portugiesen hatten, beförderten die Unternehmungen der Holländer. Philipp II. starb (Sept. 1598) als ein abschreckendes Beispiel für eigensinnige und gewissenlose Despoten. Geschwüre und Ungeziefer hatten seinen Leib bedeckt und ihn zum Gegenstand des Nbscheues gemacht, dem sich selbst seine zitternden Diener nur mit Ekel nähern konnten. Ein Geistlicher soll ihm diesen schmählichen Tod wegen seiner blutigen Härte gegen die Marranen prophezeit habend) Auch das große Reich, das er seinem schwachen Sohn Philipp III. hinterließ, war voll von Eiterbeulen und Ungeziefer; es ging seinem Siechtum entgegen und zählte nicht mehr im europäischen Völkerrate. Die Zügel der Regierung erschlafften, und dadurch wurde es den Marranen noch leichter, durch die Flucht den Fangarmen der Inquisition zu entkommen. Sie hatten jetzt ein Ziel, dein sie zusteuern konnten. Ein außerordentlicher Vorfall in Lissabon hatte auch die lauesten Marranen entzündet, sich dem Judentums wieder zuzuwenden. Ein F-ranziskanermvnch F-ray Diogo de la Asum?äo von altchristlichem Blute, durch das Bibellesen von der Wahrheit des Judentums und dem Ungrund des Christentums überzeugt geworden — das Bibellesen ist gefährlich — hatte diese seine Überzeugung gegen seine Ordensgenossen lllanasss Leu-Israel, Ilumbls Lrlclrsss to tbs Droteotor Oromvrell in lervisb LArouiele, Jahrg. 1859 Uov. Deo.; deutsch von Kayserling, Jahrb. des literarischen Vereins 1881 p. 158; cts Larrios, Historie, universal .luclaz-ca p, 4. h Mitteilung des Marranen Abraham Jbn-Jaisch bei Chajim Vital, Selbstbiographie p. 24. 464 Geschichte der Juden. offen ausgesprochen. Wozu wäre die Inquisition erfunden worden, wenn sie solche Verbrechen ungestraft lassen sollte? Diogo wurde in den Kerker geworfen; aber es gab da nichts auszuforschen, da er seine Missetat, seine Liebe zum Judentums, offen und ohne Rückhalt eingestand; höchstens mochte das Tribunal mit der Folter versuchen, ihn zu bewegen, seine Mitschuldigen anzugeben. Denn er hatte versichert, mehrere seiner Ordens genossen teilten seine Überzeugung. Gelehrte Theologen wurden darauf angewiesen, den apostatischen Franziskaner durch Disputation von seiner Überzeugung abzubringen und die Schmach vom Christentums und dem Orden abzuwenden. Vergebens. Diogo blieb seiner Überzeugung von der Wahrheit des Judentums treu. Nachdem er ungefähr zwei Jahre im Jnquisitionskerker zugebracht hatte, wurde er südlich bei Linem feierlichen Autodafe in Lissabon in Gegenwart des Vizekönigs mit noch einigen andern Personen lebendig verbrannt (August 1603) *), darunter auch eine Marranin ThamarBarocas, die wahrscheinlich mit ihm in Verbindung gestanden hatte. Diese Tatsache, daß ein geborener Christ, ein Mönch, für das Judentum gelitten hatte und standhaft gestorben war, machte auf die portugiesischen Marranen einen gewaltigen Eindruck und riß sie förmlich zum Bekenntnis ihrer Väter hin Die Inquisition hatte seitdem ihre Schrecken für sie verloren; sie traten offener mit ihrem Judentums auf, unbekümmert darum, ob sie dadurch dem Tode entgegen gingen. Ein junger Dichter David Jesurun, den die Muse schon von Kindesbeinen an anlächelte, und der daher von seinen Bekannten „der kleine Dichter" genannt wurde, besang in einem feurigen Sonett in portugiesischer Sprache den Feuertod des Märtyrers Diogo de la Asum?äo: „Du warst das Gold, vergraben im dunklen Gange des Blutgerichts, Und wie das Gold das Feuer von Schlacken reinigt, So wolltest Du im Feuer geläutert werden. Du warst der Phönix, der sein Leben erneut Und dem Tode nicht untertan bleibt. Du verbranntest in der Glut, Um aus der Asche wieder zu erstehen, Ein Ganzopfer, Im Feuer Gott dargebracht. Im Himmel lachst du derer, die dich gemartert, Und heißest nicht mehr Fray Diogo, Sondern goldner Phönix, Engel, Opfer." *) lllanasse Leu-Israel, 8pss Israelis p. 88. Islralr Oaräoso, Lxesllen- elas p. 363; äs Larrios, dovisrno populär ckuäazwo p. 43. Die Spanier nannten den portugiesischen Proselhten-Märtyrer in ihrer Aussprache Oiexo äe la .^sseueiön. p>g Larrios, Lriumplw äel dovieruo populär p. 7S. Paul de Pina. 465 Dieser glühende junge Dichter war so glücklich, der Inquisition zu entgehen und nach Amsterdam zu eilen. Er dichtete ein schwungvolles Lied in spanischer Sprache kein: Anblick dieser Stadt, die ihm wie ein neues Jerusalem erschien?) Auch auf sein Beschneidungsfest dichtete er einige Perse. Ein anderer marrauischer Tichter- jüngling wurde gerade durch den tragischen Tod des Franziskaners Diogo dem Judentum anhänglich. Paul de Pina, von poetischen Anlagen, hatte ein schwärmerisch-religiöses Gemüt und war im Begriff, Mönch zu werden. Einen seiner Verwandten, Diogo Gomez Lobato, im Herzen dem Judentum anhänglich, erfüllte ein solcher Schritt mit Schmerz, und er wollte ihn daran hindern. Er gab ihm daher auf seiner Reise nach Italien ein Schreiben an den zu seiner Zeit gefeierten jüdischen Arzt Elia Montalto, früher als Scheinchrist Felix M o n t a l t o 2) ge- *) Das. p. 74. 2) Das. kslnsiou Io» kosta.8 p. 55; Rarboss, Aaeliaclo Inwitana II, 1 ,. 75; derselbe bemerkt, Montalto sei ein jüngerer Bruder des Amatus Lusitanus gewesen. Von Montaltos Entrüstung über die Aufschneidereien der Lurjanisten, als er noch in Italien mar, w. u. Über seine Schriften s. die Biographien und Varmolx, Iiistoirs clk8 Zleclseins .Inikd p. 169. Handschriftlich ist von ihm noch vorhanden: Tratt.aclo sobrs o Oapitnlo 53 cls Isaias s otros textos cls saxraäa Dseritura in portugiesischer Sprache, im Besitze des Or. Kahserling (vergl. Frankel, Monatsschrift 1868 S- 323). Die Seminarbibliothek besitzt ebenfalls eine Handschrift von Montalto (Nr. 87) unter dem Titel Drattallo por sl Oostor Llontalto 8obrs sl oapitnlo cls Oüaz?a8 in spanischer Sprache, kopiert 1670. Es ist nur ein Auszug aus dem Original. Die Veranlassung zur Abfassung dieses Traktats, welche im Original im Anfang gegeben ist, befindet sich im Spanischen zum Schluß. Das von de Rossi in der Libliotdeoa jnclaioa autiobristiana Nr. 120 angeführte libro ks^to por sl illnstrs LIian Lvntalto ist entschieden identisch mit dem Irattaäo nach dem von de Rossi angegebenen Inhalt. Dagegen ist das Lar.onamisnt» äst 8eäor Oabam Nontalto su Oarin eine Pseudepigraphic, so wie das ganze in Brüssel 1868 von Kaplan edierte Merkchen unter dem Titel Oanisllo ö rspnssta L los 6dri8tiano8 pseudepigraph ist. Alles, was darüber in der Monatsschrift a. a. O. gesagt ist, hat nicht den geringsten historischen Wert. Interessant ist, was Leon Modena über Montalto berichtet in vro >vn p. 66. Der kabbalistische Sendbote aus Palästina, Inda Galante, hatte in Venedig von den Wundern erzählt, die Isaak Lurja verrichtet haben soll. Da er krank wurde, behandelte ihn Montalto in Venedig und mar außer sich über diese Wundertätern, rw upw nb . bnt chpd pixrb bmri.m merz bp rem nrw.n piw, ^ bw' :-nen mpprri . min nun itaem w . ib N'.n l pir n.nn pn> IIP PN :rni n? UMMIN .awi br.n. Modena bemerkt dabei ein Datum: rire, .n": ->nr m >.:r: n'.nv nr:. Dieses Datum muß indes näher bestimmt werden. Das antikabbalistische Merkchen srn mn vollendete der Vers. Winter 1638 (zum Schluß); 25 Jahre und mehr vorher, wäre etwa 1613 oder 1612. Allein Montalto war noch vor Heinrichs IV. Tod (16l0) nicht in Venedig, sondern in Paris (s. w. u.). Man müßte also lesen vmn n"r. Das wäre 1610 oder 1609. Graetz, Geschichte der Juden. IX. ZO .-Ke-»» ' 466 Geschichte der Juden. uaunt, folgenden Inhalts mit: „Unser Vetter Paul de Pina geht nach Rom, nur Mönch zu werden. Ihre Gnaden werden mir die Gunst erweisen, ihn davon abzubringeu." Wenn dieser Brief einem Mitglieds der römischen Inquisition in die Hände gefallen wäre, so hätte es den: Schreiber und Empfänger das Leben gekostet. Elia Montalto, jüngerer Bruder des ausgezeichneten Arztes Amatus Lusitanus (o. S. 327), hatte ebenfalls Portugal, sein Geburtsland verlassen, um dein Judentums zu leben. Er ließ sich in Livorno nieder, der neuen Hafenstadt, welche die Herzöge von Toskana nach der Zerstörung des Hafens von Pisa zur Blüte erhoben. Montalto galt als ein ebenso geschickter Arzt wie sein Bruder, und der Herzog ließ sich von ihm behandeln. Er war auch eingelesen in die theologische Literatur und hatte das klare Bewußtsein darüber, warum er die Dogmen des Christentums für falsch hielt. Als er in Venedig weilte, führte ihm ein Edelmann einen Franziskanermönch zu, welcher mit ihm disputieren und die Wahrheit des Christentums beweisen wollte. Da die Disputation sich in die Länge zog und Montalto gerüstet war, die landläufige kirchliche Beweisführung zu widerlegen, so bat ihn der Mönch, seine Widerlegung gegen die christlichen Dogmen ihm schriftlich nach Spanien nachzusenden, wohin er sich eiligst begeben müßte. Zu diesem Behufe verfaßte Montalto eine Widerlegungsschrift, welche von der Unhaltbarkeit der Erbsünde und des daraus gefolgerten Erlösungsdogmas ausging und die falsche Auslegung des dreiundfünfzigsten Kapitels des Propheten Jesaia beleuchtete ^) — die wertlose Fund- grübe für die christliche Dogmatik. Es fiel Montalto nicht schwer, den jungen de Pina. der ihm den Brief überbrachte, von seinem Entschlüsse abzubringen und ihn für die Religion seiner Väter zu gewinnen. Es scheint ihm indessen nur soweit gelungen zu sein, daß de Pina zunächst die Reise nach Rom aufgab, sich nach Brasilien einschiffte, dann wieder nach Lissabon zurückkehrte, aber im Christentum verharrte. Erst der Märtyrertod des Diogo de la Asumqäo scheint ihn vollständig gegen das Christentum eingenommen zu haben. Mit der Trauerbotschaft eilte er nach Amsterdam (1604), trat mit Begeisterung zum Judentum über und nahm den jüdischen Namen Rohel (Reuel) Jesurun an. Der für sein Heil so sehr besorgte Verwandte Lobato nahm ebenfalls offen das jüdische Bekenntnis an und nannte sich Abraham Cohe n.^) De Pina wurde einer der eifrigsten Bekenner des Judentums und eine Zierde der Amsterdamer Gemeinde. Die Anhänglichkeit an das Judentum, welche portugiesische Marranen seit der Zeit unvorsichtig zeigten, mehrte natürlich die >) Oaski. üe lacob 18. Philipp III. und die Maroinen. 467 Opfer der Inquisition. Hundertundfünfzig derselben wurden nicht lange darauf in finstere Kerker geworfen, gemartert und zum Geständnis gebracht. Es schien dem Regenten von Portugal selbst bedenklich, eine so große Zahl verbrennen zu lassen. Außerdem hatten die marranischen Kapitalisten den spanischen Hof, dem seit der Vereinigung beider Königreiche auch Portugal zugehörte, gewissermaßen in Händen. Er schuldete ihnen hohe Summen, die er wegen der zunehmenden Verarmung beider Länder nicht zahlen konnte. Diese Marranen boten dem König Philipp III. Entlastung von den Schulden und überdies noch ein Geschenk von 1200000 Cruzados (2400000 Mark), wenn den eingekerkerten Marranen Verzeihung gewährt werden würde. Um die Räte dafür zu gewinnen, den König für die Begnadigung der Marranen umzustimmen, wurden auch ihnen 150000 Cruzados gegeben. Infolgedessen zeigte sich der Hof für den Gnadenweg geneigt und wandte sich an den Papst Clemens VIII., die Inquisition zu ermächtigen, diesmal nicht auf dem Tod der Sünder zu bestehen. Dieser erinnerte sich oder wurde daran erinnert, daß seine Vorgänger Clemens VII. und Paul III. den portugiesischen Marranen Absolution erteilt hatten. Er tat dasselbe und erließ eine Bulle der Begnadigung für die eingekerkerten Scheinchristen (23. August 1604). Die Inquisition begnügte sich daher mit der erheuchelten Reue der Eingekerkerten. Mehrere Hundert derselben wurden in Büßerhemden zum Autodafe in Lissabon geführt (10. Januar 1905), nicht um die Scheiterhaufen zu besteigen, sondern um, ihre Schuld öffentlich bekennend, lediglich dem bürgerlichen Tode zu verfallen?) Von diesen aus den Kerkern 1 Ohne Zweifel jene Massenanklage in Portugal, welche die Bulle Clemens' VIII. vom 23. August 1604 veranlaßt hat, Nr. 342 der Clementinijchen 6on8titntions8: Absolutio et venia Asnsralis pro eonvsrsis a .Indaisino ad tläsm Okristianani, iisqns, qni ab iis ds8osdsrnnt in loois . . VortnKaliiae. Der Anfang lautet: Vostnlat a Mbis olüoii xastoralis ratio. Dann heißt es: 6nin itaqns . . in VortnKalliae et VlZ'arbiornin rsKnis .... post säitas a Olemsuts VII. et dsinds a Vanlo III. . . . litsras 8nxsr generali venia et ak- solntions . . . oinnibns st sin§nli8 . . ex llsbraiea psrtidia ad Obristi tidsin oonvsrms.nonnnlii ex Asnsrs bnfnsinodi orinndi Usbraioain perlidianr rnrsns ssetari .... non dnbitavsrint ... Da die rücksichtslose Strenge der Inquisition das Übel nur noch schlimmer gemacht habe, von der Milde dagegen eine aufrichtige Bekehrung zu erwarten sei . . . st bi oinnss . . . snb sfnsdsin Vbilixpi (III.) rs^is id snininopsre dssidsrautis st a di obi 8 sxxo8esuti8 ao snixs postnlantis obsdisutia rsvsrtantur. Darum erteilt der Papst eine allgemeine Absolution und befiehlt der Inquisition, die Eingekerkerten in Freiheit zu setzen. Über das Faktum der Absolution vergl. Kayserling, Geschichte der Juden in Portugal S. 284. illannel Nboinar: referiert darüber (5si8 sxtravaZants8 do Lsino ds ?ortNKal x. 1888): 468 Geschichte der Juden. Befreiten begaben sich alle oder doch sehr viele nach dein neueröffneten Asyle, darunter auch Joseph ben Israel nach dreimal erlittener Höllenpein und mit zerrütteter Gesundheit und Verlust seines Vermögens. Er brachte seinen Sohn M anasse — oder wie er als Christ geheißen haben mag — als Kind mit*), das berufen war, ein schönes Blatt in der jüdischen Geschichte zu füllen. Zweihundertachtundvierzig Männer nahm Mose-Uri allmählich in den Bund des Judentums auf?), so sehr wuchs die Zahl der jungen Amsterdamer Gemeinde. Sie ließen sich einen Rabbinen sesardischer Abkunft aus Salonichi kommen, Joseph Pardo (starb 10. Dez. 1619), der die Stimmung der halbkatholischen Gemeindeglieder gut kannte und ihnen ein Buch (in spanischer Sprache) in die Hand gab, das einen mehr christlichen als jüdischen Ton anschlägt?) Bald genügte die von Tirado erbaute Synagoge Bet- Jakob für die große Zahl der Beter nicht mehr, und es mußte eine neue (Hsrvs 8vbn1om) erbaut werden (1608). Sie wurde von Isaak-Francisco Mendes Medeyros^) und seinen Verwandten gegründet. Wie den Entdeckern eines bis dahin un- bewohnten Landes jeder Schritt, den sie in dasselbe setzen, jede neue Einrichtung, die sie ins Leben gerufen und alle Personen, die sich dabei durch irgend etwas hervorgetan, wichtig und denkwürdig bleiben, so zeichnete die junge Amsterdamer Gemeinde freudig alles auf, was bei ihren Anfängen in ihrer Mitte vorgegangen war. Sie bewahrte auch die Namen derer, welche in der zweiten Synagoge fungierten: Juda Vega, aus Afrika eingewandert, als Rabbiner, und Ahron Uri, Sohn des ersten Gemeindegründers, als Vorbeter. Vega, der mehr talmudische Kenntnisse besaß, als er in Amsterdam verwerten konnte, hielt es Vbristiaös dlovos äe8obrigÄi'aö a lassuäs. llsnl ä-r äiviän, n gusl lbs eraö oreäorss, s ooutriburaö nlsm älsso vom o serviyo äs um inilbo s änren- to8 mil vrnüaäos xslo xerääa Aöral, ans o 8obsrs.no obtsvs äo 8nnto xaärs. i) S. Kayserling, Manasse ben Israel im Jahrbuch des Lit.-Vereins 1861 . S. 61 fg. ?) Zonlitz'srana. II. (vor Jan. 1609, Scaligers Todesjahr) Artikel Inäaei: II n plus äs 200 Iniks vortNKM8 ä .^.instsränm. Vs Üarrio8, Oasn.äs Ineob 1, 2. b) Vs Va.rrio8, viäs. äs Isbalc Unriisl und an anderen Orten; Lartoloooi Libliotb. III x. 817, Wolf I. p. 237, 556; der erstere sagt eigentlich I. varäo vsrtit 1610 librnm onafn nmn, also nicht gedruckt in diesem Jahre. 4) Vs Larrios, 6s.8n cls Ineob x. 10; Uovisruo xoxnlsr x>. 27. Vergl. über die Gründungen der ersten Synagogen in Amsterdam 8. U. äs Vastro, äs 8^na.K0Z;s äsr vortnKessob-IgrnsI. Vemssnts ts .4.m8tsränm (1875) 1>. 5 fg. nicht lange in einer Gemeinde aus, deren Mitglieder kaum richtig hebräisch zu lesen verstanden, verließ sie daher, um in Konstantinopel einem Lehrhause vorzustehen. Dort verfaßte er ein Geschichtswerk von der Tempelzerstörung bis auf seine Zeit*), das er lieber den portugiesischen Halbchristen in die Hand hätte geben sollen. — Besser paßte für diese eigentümliche Gemeinde sein Nachfolger IsaakUsiel (starb 1620), der ebenfalls aus Afrika (Fez) herübergekommen war, wahrscheinlich ebenfalls einer Flüchtlingsfamilie angehörte und daher seine Schicksalsgenossen in Amsterdam gut kannte. Er war Dichter, Grammatiker und Mathematiker, aber mehr, als dieses alles ein eindringlicher, das Gemüt ergreifender Prediger, der es zuerst wagte, die durch katholische Gewohnheiten eingelullten Gewissen seiner Zuhörer mit gewaltiger Stimme aufzurütteln, daß sie nicht glauben sollten, durch gedankenlos ausgeübte religiöse Riten einen Freibrief, gewissermaßen einen Ablaß für Sünden, Torheiten und Modelaster erkauft zu haben. Isaak Usiel schonte auch die Angesehensten und Mächtigen seiner Gemeinde nicht, zog sich aber dadurch ihren Haß zu, der bis zur Spaltung führte. Dafür hatte er auch hingebende Anhänger gefunden, die ihn in begeisterten Versen besangen?) Für die religiöse Sammlung und Kräftigung der religiös verwilderten portugiesischen Auswanderer war auf diese Weise gesorgt, aber noch nicht für die Bestattung ihrer Toten. Sie waren gezwungen, sie weitab von der Stadt nach Groede (in Nordholland) zu führen. Durch Bemühung der hervorragenden Gemeindeglieder, des Jakob Israel Belmonte, des dichterischen Rohel Iesurun (de Pina) und anderer, erlangten sie nicht gar zu weit von Amsterdam in O u d e r k e r k (bei Muiderberg) einen Begräbnis- 0 Die Nachrichten über ihn hat de Barrios erhalten: Viäa äs Isliaü Unmel p. 42 und Irinmiüio äsl Kovisrno xoxnlar luäaz'oo Bl. 3 b. An der ersten Stelle versifizierte er: M sabio VsKa . . . ^ üaz' sn In rara 8zmaZ'vZ'a OriSAa Ol Oibro äs ,2 anin (?) intitulaäo, Os guanto ä 8U8 Osdrs 08 da xa88aäo, Os8gns qus ä äö8bru1rlo8 Tito llsZ'a. Das heißt eigentlich, was den Hebräern zustieß seit der Tempelzerstörung durch Titus. Lammes, Iiwtoirs ä.S8 luitd (V. x. 2093) hat die Stelle mißverstanden „bis znr Zerstörung des Tempels" und Wolf hat den Irrtum fortgepflanzt (Lidliotü. III, x. 313). Über einen andern Juda Vega (n--o, falsch bei Zunz und Fürst: Bigo), Berf. der Predigtsammlung wbn (Lublin 1616), vergl. Conforte x. 40. ") Hauptquelle über ihn de Barrios: Viäa äs I. Ourns! Dort ist angegeben, daß er 1607 von Fez nach Amsterdam gekommen ist. Gedruckt ist von ihm eine kurze hebr. Grammatik iw'b 1627. 470 Geschichte der Juden. platz (April 1514) *), was der Gemeinde große Freude machte. Der erste Mann, welcher darauf begraben wurde, war Manuel Pimentel (jüdischer Name I s a a k A b e n a c a r ), der ein vertrauter Spielgenosse des französischen Königs Heinrich IV. war und von ihm „König der Spieler" genannt wurde?) Zwei Jahre später wurde die Hülle des bedeutenden und edlen Elia Felice Montalto nach diesem Friedhofe aus der Ferne gebracht. Die Königin Maria de Medici, Gemahlin Heinrichs IV. von Frankreich, welche ihn von ihrem Vaterhause kannte, schätzte ihn so hoch, daß sie ihn bewog, nach Paris zu kommen. Montalto stellte aber die Bedingung, daß es ihm, seinem Hause und seinem Anhang frei stehen sollte, als Juden zu leben, was ihm auch bewilligt wurde. Der Hof nahm auch außerordentliche Rücksicht auf seine religiöse Observanz. Als eine Prinzessin entfernt von Paris erkrankt war und Montalto gedrängt wurde, an ihr Siechenbett zu eilen, aber Bedenken hatte, daß er die Reise nicht vor Eintritt des Sabbats zurücklegen könnte, ließ der König mehrere Postgespanne für den Weg vorauseilen, damit er noch rechtzeitig an Ort und Stelle ohne Zeitverlust eintreffen könnte?) Nach dem Tode Heinrichs IV. blieb er Leibarzt des Hofes und begleitete ihn auf allen Reisen. In dieser Begleitung verschied er in Tours (16. Februar 1616). Die Königin ließ seine Leiche einbalsamieren und unter Begleitung seines Sohnes, seines Oheims und seines Jüngers Saul Morteira über Nantes nach dem Begräbnisplatze von Ouderkerk bringen?) Indessen waren die Amsterdamer Juden gezwungen, eine sehr geraume Zeit von jeder Leiche eine Abgabe an die Kirchen zu leisten, vor welchen sie vorbeigeführt wurde?) — Überhaupt waren sie in der ersten Zeit offiziell nicht geduldet, sondern lediglich übersehen. Es herrschte gar anfangs ein Mißtrauen gegen sie, daß sie unter der Maske von Juden Spionsdienste für das katholische Spanien leisteten und auf Verrat sännen. Aber auch als die Machthaber und die Bevölkerung sich von ihrem aufrichtigen Hasse gegen Spanien und Portugal überzeugt hatten, waren sie noch weit entfernt, sie als eine eigene Religionsgenossenschaft anzuerkennen und sie zu dulden. Auf eine kurze Zeit wurden die Synagogen ver- h Das. Driumplio äsl Oovierno populär p. 83 (falsche Pagina-Zahl), Oemilat äassaäim p. 50. Das. Vriuwplio p. 84. o) Ders. VIcla. äs Luriiel p. 37 fg. Lslaoion äs los postas p. 55 s. o. S. 85. 4) Auch Lassempisrrs, insiuoirs äs sa. vis zum Jahre 1615 erzählt von Moutaltos Tod und dessen Leichenkondukt nach Amsterdam auf Veranlassung der Königin Mutter. ö) Losuen a. a. O. p. 149. Tie Marraneu in Amsterdam. 471 boten und geschlossen?) Jüdische Flüchtlinge aus der pyrenäischen Halbinsel, die in Havre angekommen waren, wurden noch ins Gefängnis geworfen?) Zu dieser Unduldsamkeit in dem Lande, wo die Religionsfreiheit zuerst ihren Tempel erbauen sollte, trug der leidenschaftliche Streit zwischen zwei reformatorischen Parteien bei, den R e m o n st r a n t e n und K o n t r a r e m o n st r a n t e n. Die erstern, die Anhänger des Predigers und Professors Arminius (die Arminianer), waren milder in der Auslegung und Anwendung des Christentums als ihre Gegner, die finstern Calvinisten, holländische Independenten, die Parteigänger des Professors Gomarus (Gomaristen). In Amsterdam hatten die Kontraremonstranten das Übergewicht und verfolgten ihre Gegner, die als heimliche Anhänger Spaniens und als Verräter galten. Obwohl die Remonstranten Grund hatten, für allgemeine Duldung aller Glaubenssekten zu wirken, traten gerade sie als Ankläger gegen die Juden aus. Sie beschwerten sich öfter beim Magistrate von Amsterdam, daß alle Sekten in der holländischen Hauptstadt zugelassen würden, sogar die Juden, welche „den Heiland schmähen", nur sie selbst nicht?) Das Staatsoberhaupt, der Prinz Moritz von Orauien, war zwar den Juden günstig, aber er vermochte nichts gegen den Geist der Unduldsamkeit und die Selbständigkeit der einzelnen Staaten und Städte. Auch in Holland wurde demzufolge eine Judenfrage verhandelt und eine Kommission zur Beratung ernannt. Endlich wurde beschlossen (1615), daß jede Stadt, so wie Amsterdam, eine besondere Verordnung in betreff der Juden erlassen könne, sic zu dulden oder auszuweisen; aber da, wo sie geduldet wurden, sollten sie nicht gehalten sein, ein Abzeichen zu tragen?) Auf wiederholte Beschwerden der Remonstranten legte der Bürgermeister Reiuier Pauw dem Rate die Erwägung vor (15. Oktober 1519), was dagegen geschehen sollte, daß die vielen aus Portugal geflüchteten Juden sich sogar mit den Töchtern des Landes vermischten, welches ein großes Ärgernis gäbe, und besonders den Remonstranten Gegenstand der Beschwerden wäre, denen der Gottesdienst verboten würde, während er den Juden gestattet sei. Darauf wurde der Beschluß gefaßt (8. November), daß fleischlicher Umgang der Juden mit christlichen Frauen, selbst mit Dirnen, streng untersagt werden solle, in: übrigen bliebe es ihnen gestattet, sich frei zu ihrer Religion zu bekennen?) Indessen, das damals noch nicht reiche Amsterdam konnte die Juden, welche Reichtümer und Weltkenntnis dahin verpflanzt hatten^ nicht mehr entbehren. Tie veralteten Vorurteile gegen sie schwanden ? Loenen, x. 146. Bergt. S. H. . 146. st Das. p. 147. st Das. x. >46. 472 Geschichte der Juden. I'z., W Uz daher im nähern Verkehr mit ihnen imnter mehr. Tenn die eingewanderten portugiesischen Juden verrieten durch ihre gebildete Sprache, ihre Haltung und Manieren nicht, daß sie zu einer verworfenen Kaste gehörten; sie traten vielmehr durchweg als Edelleute auf, mit denen zu verkehren es manchem christlichen Bürger zur Ehre gereichte. Sie wurden daher mit einer gewissen Vorliebe behandelt. Bald wuchs ihre Zahl zu vierhundert Familien an, und sie besaßen in der Stadt dreihundert Häuser?) Es dauerte nicht lange, so entstand eine hebräische Druckerei in Amsterdam, welche die Argusaugen der Zensur nicht zu fürchten brauchte. — Aus Neid über den durch die portugiesischen Juden Amsterdam zugefallenen Wohlstand rissen sich manche christliche Fürsten um sie und luden sie in ihre Länder ein. Ter König Christian IV. von Dänemark richtete ein Schreiben an den jüdischen Vorstand von Amsterdam (25. November 1622), daß er einige Mitglieder ermuntern möge, sich in seinen Staaten und besonders in Glückstadt niederzulassen; er verhieß ihnen Freiheit des Gottesdienstes und noch andere günstige Privilegien?) Der Herzog von Savoyen lud portugiesische Juden nach Nizza und der Herzog von Modena nach Reggio ein, und beide räumten ihnen weitgehende Freiheiten ein?) So bildeten sich inmitten der finstern verfolgungssüchtigen Christenheit, deren zwei Religionsparteien im dreißigjährigen Kriege Schwerter gegeneinander zückten, kleine freundliche Oasen für die Juden, von wo aus sie die eingebüßte Freiheit wieder erobern und sich allmählich aus der schweren Knechtschaft erheben konnten. Die geduldete Niederlassung der portugiesischen und spanischen Marranen ermutigte die gehetzten Opfer der Inquisition, auch in Frankreich unter dem protestantisch gesinnten König Heinrich IV. sich anzusiedeln. Sie hatten die damals schon blühende Handelsstadt Nantes in Aussicht genommen. In Berücksichtigung des Wohlstandes, welchen die Flüchtlinge aus der iberischen Halbinsel überall förderten, und aus Feindschaft gegen Spanien gestattete ihnen dieser König die Ansiedlung in dieser Stadt (um 1600). Bald wuchs ihre Zahl auf mehr als fünfhundert Personen. Nur mußten sie, wie ihre Schicksalsgenossen in Bordeaux ihr Bekenntnis verheimlichen. Hier hatten sie aber Feinde nicht bloß an den katholischen Geistlichen, sondern auch an der auf ihren Welthandel neidischen Kaufmannschaft. Sobald Heinrich IV. die Augen geschlossen hatte, wies sein Sohn oder vielmehr die Königin-Regentin die Marranen aus Nantes (1615)^). Manasse ben Israel, Xstania äs Xabaeliaänerar q. 248. llninbls Xärsss to tbs krotsetor Oromrvell. ") Ders. Xäress: vaviä lkraueo iilenäes bei Iloenen p. 130; äs Larrios, Historik Universal luäaz-ca x. 4. ^ Das. 4) 8.xvne ä. Xt. XVII, 125 f. Woten i. Die Uagid-Miirde in Ägypten und der leiste Träger derselben Isaak Schalal. Nicht nur Maimuni, sein Sohn und sein Enkel, sondern auch vor und nach ihnen hatten die je an der Spitze der ägyptischen Judenheit stehenden Männer eine offizielle Würde und den Titel i')), arabisch 2'7 (Ners) „Oberhaupt, Es war damit eine gewisse Machtbefugnis verbunden. Vor Maimuni wird Rathanael Hibat-Allah Alg'ami als solcher genannt (bei Benjamin von Tudela, vergl. Bd. VI, S.258). Maimunis Ururenkel, Abraham Maimuni II., führte noch diesen Titel (bei Uarolli Laktor u Heruoli e. 5, p. 13). Ob dessen Sohn Josua noch diese Würde inne hatte, ist nicht bekannt. Josuas Sohn David II. wird Nagid von Damaskus genannt (Einl. zu Joseph Sefardis Superkomment, zu Jbn Esra). Diese Würde bestand aber noch, wie eben nachgewiesen werden soll, bis Anfang des 16. Jahrhunderts. Von Ende des XV. bezeugt es Isaak Abrabanel (in seinem i7'22 7ipi2', Vers. Ende 1197 p. 21): 7'7 m'.ib 2'i-27 2i'7 72IP2 7'))7 xi7 xb.7 bx72' P7X7 x'2)7 2)2X o'bip 7177 2'2pri . 7i7b,2b 717,7 22 772 b ab'217'2 X'2)i ,77p) 2'7-27 x'77 P7X7 ib,2 27,72 Äi°>Vb 2b2!7'b. Entstehung, Befugnis und Ende der Nagidwürde ist noch nicht kritisch untersucht worden. Der Gegenstand verdient es aber um so mehr, als sich daraus ergeben wird, daß die Einverleibung Ägyptens in das türkische Reich auch in den Verhältnissen der ägyptischen Juden eine Wandlung hervorgerufen hat. Über Anfang und Untergang der Nagidwürde hat der in Ägypten lebende Rabbiner David Jbn-Abi-Simra eine interessante Notiz erhalten, die noch nicht beachtet worden ist. Sie findet sich in dessen Usspp. V. III (eä. Furth 1781, Nr. 509; sie beginnt mit Nr. 400). Ich muß sie in sxbsnva geben: 172 77 X2) xs'ba bx ab-x xi,7)7 2-7-2 ib,2 2-bxp22'7 7iab2 rib-nrib 717,7 o.ib px ib:77 72x1 x>2) m '72 27b 2> 2x1 2'ii7'7 ;')p bp 7bx2 2'7-'2b 7x7271 777a N7P) x'2) 277 2'1 7777 2'bx72' 2" '7X ,717727 xb71 >7 772X . X'2) xbl z72 xb v'7727 P7I2 X172 '77 bl7) 7177 17 721P1 17 177.72 '7X1 1727 P7I2 X17I X7lb) 2'' 7 0771 P7) 2'X 17721 . 1727 717 P712 77X 2'X 222 17 X'777 1°127 71- 7'21 . 2'X'7)1 7)2^722 2221 . 17I7i>2 b77 72X 2'717'7 77 bp 7'))b 17'X 7)21 2'X'2)7 P7I2 ')lbs 72 . . . 7P1'-'771 7,727 2P7 ,7X 7I7)b 1727 72X21 X)b27 X7D277 ib 7'71 2-7P27 717')) 7 7b 7'IX72 '2b 7I7'))7 717 'I)2b 2"1X7 1P7I I'7 X72 IX 2'7'-'22 717 P7I 7,705)2 77X1 72X27'71 b7I 2'7721 77)21 7721 2),7 2')P21 71)122 ')'77 '7'7' " 7'7I . 1'2P21 17277 7772 ,ib ;'X1 1)'7I)1P2 717'))7 7b277 7) bp ->X1 . ;'X7)I77 17b22 7P lb27 771)1 . 7'))7 21,727 77X p'7 '7'7' ;7 7771 P2X77 )7)2 7X2) X7D2717 474 Geschichte der Juden. Joseph Sambari, welcher dieselbe Relation hat (Neubauer, Lmeoäota, Oxou. p. 1 l 5 ), nennt zwar den Namen des morgenländischen Kalifen und des ägyptischen, welcher des elfteren Tochter geheiratet hatte, die eben die Nagidwürde für Ägypten sollizitiert haben soll, und gibt auch ein chronologisches Datum dabei: 12p 1221 2-1P2 ->828 1,12 X-211 211221b 2"22 1122 I0-828X (?) p- xu> 8222 ->182-1 Plx8 1282,1 1X2 11M-8 1"22.11 2-v8x >1 XII 2112218 1"22 11221 . 18118 X (121 l.) '121 2'11.1>1 >>1P 8p 18x21 2'122. Die Data stimmen nicht. Denn Hedschra 366 ist gleich 976 und müßte nach jüdischer Zeitrechnung 4736 lauten; indessen würden sich diese ausgleichen lassen, wenn das Übrige historisch wäre. Der Name des Kalifen p-x-2 ist gewiß korrumpiert und gibt keinen Anhaltspunkt. Aber der deutlich gegebene Name des Königs Nasr-Addaula, der in dieser Zeit über Ägypten geherrscht haben soll, beweist die Ungeschichtlichkeit der Relation. Gemeint ist wohl der hochangesehene Hamdanide Nasr-Addaula, der um 942 vom Kalifen Almuttatti zum Obersten der Emire (Lmir al-IImra) ernannt wurde und mit demselben verschwägert war; aber dieser war nicht Beherrscher von Ägypten. Selbständige Könige oder Kalifen dieses Landes waren erst die Obeiditen, deren Herrschaft 9 l 0 begann, die aber als Fatimiden Todfeinde der Abassiden von Bagdad waren. Eine Verschwägerung dieser beiden Kalifenhäuser, von denen das morgenländische Sunniten, und das ägpptisch-fatimidische Schiiten waren, hat bis znm Untergang des letzteren durch Saladin 1169 nicht statt- gesunden. Die Namen bei Sambari machen die Relation, die er von David Jbn-Abi-Simra entlehnt hat, nicht mehr geschichtlich als seine Daten. Schwerlich ist die hier gegebene Motivierung des Ursprunges mehr als Sage, daß eine bagdadische Sultanstochter von ihrem ägyptischen Sultan-Gemahl gewünscht habe, in Ägypten eine Analogie oder Surrogat der Exilarchenwürde in der Nagidwürde zu schaffen, und daß Nachkommen des davidischen Hauses damit bekleidet worden wären, bis zu einer Zeit, wo auch nicht-davidische Persönlichkeiten dazu erhoben worden wären. Wohl aber läßt cs sich denken, daß eine am ägyptischen Hofe angesehene jüdische Persönlichkeit sich angelegen sein ließ, eine Art Oberherrlichkeit über die ägyptischen Gemeinden zu erhalten und dafür das Beispiel des vom orientalischen Kalifat unterstützten Exilarchats geltend gemacht hat. — Doch wichtiger als der Anfang ist das Ende der Nagidwürde. Für diesen Punkt kann David-Jbn-Abi-Simra als klassischer Zeuge angesehen werden, daß sie bis zur Dynastie der ;-xim bestanden habe. Es fragt sich nur, was dieses Wort bedeutet; es können nämlich damit Seldschuken und Türken gemeint sein. Indessen ergibt sich aus mehreren Zeugnissen, daß die Nagidwürde erst mit der Eroberung Ägyptens durch Selim I. 1517 ihr Ende erreicht hat. Wir kennen nämlich den Namen des letzten Nagids. Obadja de Berti noro nennt nämlich einen solchen vom Jahre 1488 Namens Nathan Kohen, der noch die ganzen Machtbefugnisse von ehemals besaß (in seinem itinerärischen Briese, Jahrbuch des Literaturvereins 1863 , S. 209 ): ,111 12-x o-ii.i-.i 822 ,1111 xn 2-1222 221-.1 1-111 1.1-°> IX .112- 12X 828 V1-P2 2122 112181 112x8 ->821 ,1X2 12 >8 2-1 2-122 ->82 18222 1- 11 21-1 XII 12X1 . 8.1P1 8.1^2 122 2-1-1 1122 XIII 2-222 1l8.1>21 822 12X 2-111-1 ;2 IX-121 2 PIX 2 X1.11 P2II 1-211 2211 1'2P X111 ;.121 >11 '1 122 1121 2-12 2-8211-2 22'. Es ist ohne Zweifel derselbe Nathan Kohen, von dem Jbn-Abi-Simra referiert, er habe es vermieden, sich mit einer Familie in Kairo zu verschwägern, deren Vorfahren unter Abraham Maimuni II. (I 3 l 3 ) vom Karäertume zum Rabbanitentum übergetreten waren (Rsspii. II., Nr. 796 , p. 37 c.): 'i i-m 2- 1V22 .12X1 ,118 PX1P12 -22 12X> ,111222 2,1'X2 12X P1p8 IUI x8 >121 8"! >11 »»»»MI I>. (:ii:n '1 i'-ri '1' 17. Sein Familienname ergibt sich aus einer Notiz des Abraham Levi in der seltenen Schrift .1110 in- von Sal. da Vida: o.i.i a'v'v, . . . ll'ii.i'.i bv b>' gbvi i' nn.12 .innv ivi i>z: a'vvn.i inn a'iüLa .i'.i . . . c"n.i nun imb . . . gbi b'biv ;.iv.i '1 wv .11.1 v'n.ii . v'ivs pi» ni'vbv . ibiv in v 7 i pnv' '1 ivw.i nu i'Tnch . . vnib 0.1-17 w-p'i Der allerletzte ägyptische Nagid mit denselben Befugnissen war also sein Nachfolger Isaak Kohen SchalLl oder ScholLl (beide Lesarten kommen vor). Das Material über diese früher wenig beachtete Persönlichkeit ist in Oüar Usekmncl (II, p. 149 f.) fleißig zusammengetragen. Doch kommt es hier weniger darauf an, wie oft und in welchen Schriften dieser Name auf- taucht, als vielmehr darauf, an ihm ein geschichtliches Faktum zu konstatieren. Isaak SchalLl hatte auch noch die Befugnisse, Dajanim, d. h. Richter-Rabbiner zu ernennen. Eine seiner Ernennungen hat zu weitläufigen Korrespondenzen und Responsen Anlaß gegeben. Er hatte nämlich einmal ein feierliches Gelübde getan (ein Nasiräergelübde), eine gewisse Person nicht zum Dajanat zuzulassen, bereute es aber später, da er keinen geeigneteren für dieses Amt finden konnte (kesxp. Elia Misrachi, Nr. 5V> : bv ini wan .mbv.i nwn.i on wwi .ini MI'N '">7 bvpv 1VNV . . . inbvvv I'v.1'1 . . . 11102 bm> (bniv l.) bvbv PN-' '12 1'2V1 1:1 .1V7N an pvvv. Als Ergänzung dazu das darauffolgende Usspousum niio- 11'2 vn 1>22 ;2W1 i.iwi . ;"i ;i7>2v n>n' an livov im -:'i.i nan, 112 ;2ini 7'n.nvnba p7nv 7,:vb. Noch deutlicher in einem Lesp. des David den Messer Leon (Kodex der LocUssana, Orar kilsobinack a. a. O.). An der Beantwortung dieser rituellen Frage haben sich außer Elia Misrachi noch beteiligt Jakob Berab und Jakob ben Chabib. Wir sehen also daraus, daß es noch in der Hand des Nagid Isaak SchalLl lag, Rabbiner-Richter zu ernennen oder zurückzuweisen. Isaak SchalLl war der Neffe des früher genannten Nagid Nathan. Der selten vorkommende Name SchalLl scheint einem Ort im Lande der Barbaresken anzugehören. Dort war die Urheimat Nathans, wie wir aus de Bertinoros Bericht ersehen haben: .in'1212 71x2 nm. Aus einem keoxousnm des Zcm ach Duran (1701 70- I, Nr. 65) erfahren wir, daß dieser oder ein anderer Nathan SchalLl früher in Tlcmsen gewohnt! 12 iw ".1 '2-27 inonbnb ainbvm .bnbv ll"7i (das. Nr. 136): bnbv Pion )w "I 1PI.1 i'b Suchen wir einen festen chronologischen Punkt, um zu konstatieren, daß Isaak SchalLl der letzte Nagid gewesen, und daß er seine Würde infolge der Eroberung Ägyptens durch die Türken cingebüßt hat. Elul —Sept. 1514 war er noch in seiner Würde, als die Jerusalemer Gemeinde den Beschluß gefaßt hatte, daß jeder, welcher Weihgeschenke einer Synagoge übergeben, damit sein Dispositionsrecht darüber verliere; sie ließ ihn durch Isaak SchalLl und sein Kollegium bestätigen (Reopp. D. Jbn-Abi-Simra II., Nr. 1644, p 9ck): 1:220.1 121:1 .10:2.1 1'22 Ivn.nv' nb .lTib.n li'-'b 1"7"1 '.l wv blbn vmb '10 lil 21'.12V . . . 07 (bnbv plv' '1.122) 12:1 (?) 1-2211 . l b.ip.i -bii: bv .1)17 -2'in . . vipi bv 121 01V2 122212 -.12.111 b"i i-::i bv 1.12-v- -222 '.l".l (1121 -2N in) -:n . 2-172 bv i:-i 1-2 0121:1. Die Statuten für die Jerusalcmische Gemeinde und ihre Bestätigung sind mitgeteilt in da Vidas Werk >111.1 112. Es ergibt sich daraus, daß sie 1509 — v"ni entworfen wurden. Dagegen war I. SchalLl um 1518 bereits in Jerusalem, wie ein Lsspoiwum des Levi ben Chabib ergibt (Nr. 25): Es handelt daselbst von dem Testamente eines Arztes Mose Vitalis von Jerusalem (vom Jahre 1503), dessen Erben ein Objekt, einen Hof, von der Gemeinde widerrechtlich als Heimfall zuerst verpfändet und dann vcr- 476 Geschichte der Juden. kaust, zurückgefordert hatten. Die Verpfändung geschah 1518 : 212128 --2- .ivv 222.2 2-8vi2' -52 11IV2 2"x2 II22 . . . Dabei wird auch der Nagid (d. h. Isaak Schakal) genanut: 8 ", 2-112 >8 228 -ri. 1518 war er bereits in Jerusalem eingebürgert, Ivo ihn der italienische Tourist oder Pilger, Vers, des 2-8vi2- -22V, antraf (das. p. 19 , 21 , a): 2222 222,22 88iv p2u- 2-222 2-112 2)28 2» >2-21 8x nun '221881 2-1x8 2vix 81 . 2 V 21P2U2 212 2V 2N21 2v,x 2N2I 21122. Nun ist Ägypten 1517 dauernd der Türkei einverleibt worden. Man kann also annehmen, daß Isaak SchalLl infolge dieser Wendung der Verhältnisse Ägypten verlassen hat und nach Jerusalem ausgewandert ist. Dadurch erhält der Bericht des D. Jbn-Abi-Simra (oben), daß durch die Eroberung der >-82112 die Nagidwürde aufgehört habe, eine geschichtliche Basis. Es scheint also, daß der Eroberer Selim I. sie geradezu aufgehoben hat, um Ägypten auch nach dieser Seite hin keine Selbständigkeit zu lassen. Rach diesem gewonnenen Resultate lassen sich die Abhandlung des Kabbalisten Abraham Levi von dem Mißbrauch der Kabbala und die darin vorkommenden Personen chronologisch rangieren (Lsrsm LRsmsä XI, p. 111 ff.). Sie ist an Isaak SchalLl und sein Kollegium in Ägypten gerichtet und hat die Überschrift: .... 2-282 ixuv 11-1-x 218 . . 1122 I22l8.2 ->'1U1 I 1 V 82 22vx > 1-1128 81.2 n8°>122 222 8,2 . . 22122 8-22.21 2-2188 21U21 2-11 . . . (8x82- l.) 882 >222 >222- '2222 2822 2222 . . . 281I2 V 82 . Diese Abhandlung muß vor 1518 , oder 1517 , vor dem Aufhören der Nagid- Würde geschrieben sein. Gestorben ist der letzte Nagid in Jerusalem um 1525 , denn Levi den Chabib ist zwischen 1524 und 25 in Jerusalem eingetroffen. Dieser gibt selbst an, er sei ungefähr 14 Jahre vor dem Streite über die Erneuerung der Ordination (rückwärts von 1538 oder 1539 ) noch in Safet gewesen (Abhandlung über die Lemielm in dessen He8pp. Ende p. 319 ä), d. h. um 1524 . Ein Jahr vor Adar 1527 , d. h. 1526 , hat er in einem Prozesse eines Erben des Isaak SchalLl interveniert (Nr. 95 , 96 ), hatte aber Isaak SchalLl selbst vorher noch am Leben angetroffen: w.i n8vi 22-28 112221 8", 2-112 -22 -2 >x-, .P21V 22 2"p8 1-8-1 82PI >-1,2 821 (22"I2) 2812 2-x8 1182 '228 211 .. . 11-228 12U>'2 In Tischri-Sept. 1526 war SchalLl nicht bloß bereits hingeschieden, sondern seine Witwe, Namens Kamr, hatte bereits wieder geheiratet (Lsspp. Jakob Berab 4 ): '> . . ->82-812 '2 2v8 22p 2x22-1 12122 2-2-xni 2-xn- 222 -2122 2-ix 118 PNU- . . 2-112 8v 112 22228 212 212-2 8v 2-2S12V--I8 2-v8v2 2-2222 2pl8 . . >112 21-2 21 2-21 . . . 281x2 228 2Iv8 8V12 88 281-1 -2- 82 2ix . . . V2122V 228 V 888v >22.2 .28v12-2 22-2-8 w"22 21V -2V2 V2128 2"' '1 Die Machtbefugnisse des Nagid in Ägypten, welche, wie sich gezeigt hat, 1517 aufgehört haben, sind im Verlaufe dieser Untersuchung genügend charakterisiert. Er hatte das Recht, Richter-Rabbiner in sämtlichen. Gemeinden anzustellen, und so auch abzusetzen. Ihm war auch von dem Kalifen das Strafrecht über sämtliche ägyptische Juden cingeräumt, kraft dessen er Renitente züchtigen durfte. Er durfte Prozesse allein ohne Assessoren entscheiden. Note 2. 477 2 Ehronologifcher Verlauf und tiefere Exposition des Streite» zwischen Uenchiin einerseits nnd Pfefferkorn und den Dominikanern anderseits in betreff des Talmuds. So viel auch schon über den welthistorisch gewordenen Streit des frechen Konvertiten Pfefferkorn und seiner Genossen, der Dominikaner, mit Reuchlin, dem Begründer des Humanismus in Deutschland, geschrieben worden ist, ein Streit, welcher die lutherische Reformation angebahnt und ermöglicht hat, so bleibt doch noch manche Nachlese übrig. Nicht bloß eine bessere Beleuchtung der Vorgänge wird vermißt, sondern auch manches Faktum ist den Forschern entgangen. Der Grund davon ist, daß ihnen nicht der ganze Umfang der Quellen zu Gebote stand, namentlich waren ihnen die Pfefferkornschen Pamphlete nicht vollständig bekannt. Diese frechen Schmähschriften, welche in der Hitze des Streites gierig gelesen wurden und einige Auflagen erlebt haben, wurden später, als die Reformation das Interesse nach einer andern Seite hinlcnkte, ein Raub der Zeit, und nur wenige Exemplare sind in wenigen Bibliotheken eingesargt. Keine einzige besitzt eine komplette Sammlung derselben. Und gerade die Pfefferkornschen Libellen werfen ein grelles Licht auf diesen, die Inden damals so tief berührenden Streit. Die jüdische Seite an dieser Streitsache, die uns hier am meisten interessiert, ist aus naheliegenden Gründen in den Monographien nur nebenher und höchst oberflächlich berührt. Das Verhalten des Kaisers Maximilian in dieser Streitsache erscheint ohne volle Einsicht in die Gesamtquellen geradezu rätselhaft. Noch gar nicht bekannt ist es, daß eine bigotte Frau den Hanptanstoß zu diesem hitzigen Streite, woraus sich ein Weltbrand entzündete, gegeben hat. Die Monographien über dieses Thema sind: l. Llajns, vita, 4. Uenoülini (1687); 2. Meiners, Lebensbeschreibung der Männer aus der Zeit der Wiederherstellung der Wissenschaften Bd. I (1795); 3. Meyerhoff, Reuchlin und seine Zeit (1830); 4. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens der wissenschaftlichen Bildung Bd. II. (1830); 5. Lameh, Reuchlin und seine Zeit (1855); 6. David Fr. Strauß in seinem Ulrich von Hutten, meistens in Bd. I; 7. Ed. Bücking, Zwei Supplement- bände zu Illr. Unttsni opsra (1868 bis 1869) und 8. L. Geiger, Renchlins Leben und Werke (1871) im dritten Buche. So wertvoll auch alle diese Arbeiten sind, teils wegen der Zusammenstellung der Quelle» und teils wegen der Gruppierung der Tatsachen, namentlich bei Erhard, Strauß nnd Bücking, so gewähren sie doch sämtlich keinen vollen Überblick über den ganzen Verlauf des aus kleinen Anfängen zu so weittragender Bedeutung erhobenen Streites nnd machen den Einblick in die ersten Quellen nicht überflüssig. Einen hebräischen Brief und ein lUomsmoria von Reuchlin, welche Licht auf die Affäre werfen und in den älteren Monographien nicht behandelt sind, habe ich in die Untersuchung hineingezogen. Ich war außerdem so glücklich, handschriftliche Aktenstücke und Briefe aus der Bibliothek des verstorbenen Roscn- thal in Hannover zu entdecken, welche den ersten Verlauf der Händel von jüdischer Seite darstellen und außerdem deutsche Urkunden darüber enthalten, welche anderweitig nicht bekannt sind. Ich habe diese nach der Hschr. Nr. 7 des Rosenthalschen Katalogs in Frankel-Graetz, Monatsschr., Jährg. 1875, zum ersten Male veröffentlicht. Ans allen diesen Quellen hat sich manches Neue, 478 Geschichte der Juden. namentlich ein präziserer chronologisch-pragmatischer Verlauf des Streites ergeben, und ich halte es nicht für überflüssig, dem Leser Rechenschaft darüber abzulegen. Die Hauptquellenschriften über dieses Faktum sind sehr zahlreich; sie sollen hier kurz angegeben werden, um Wiederholungen zu vermeiden. I. Die Pfefferkornscheu Pamphlete, teils gegen die Juden, teils gegen den Talmud und teils gegen Reuchlin, wovon weiter unten. II. Die Reuchlinschen Schriften. s) Das Gutachten oder der „Ratschlag" über den Talmud für den Kaiser Maximilian in deutscher Sprache, beendet Oktober 1510. d) Die lateinisch geschriebenen ^rAumsnts. und Erläuterungen dazu, beendet August 1511. Später hat er sie ergänzt und verdeutscht unter dem Titel: Ain clar verständnus in tütsch off Doctor Reuchlins Rathschlag von den judenbüchern, gedruckt 1512 nach Böckings Angabe (Supplement II, 53.) c) Der Augenspiegel, d. h. die zwei ebengenanuten Partien, Ratschlag und Argumente, im Eingänge die Veranlassung dazu nebst Urkunden und zum Schluß Widerlegung der Pfefferkoruschen Anklagen, gedruckt in Tübingen, August 1511. Diese Schrift ist ebenfalls selten geworden, neu aufgelegt ist sie in von der Hardts Iiistoria literaria, rstormationis, pars II. ä) veksnsio Lsucdliui contra, calumuiatorss suos Oolonieuses an den Kaiser Maximilian, beendet 1. März 1513, gedruckt 1513 bis 1514 in Tübingen, auch bei v. der Hardt abgedruckt. s) Halb und halb gehören auch dazu die ^.cta .Inäiciorum inter tratrsin llacobum Hoollstratsu, Inquisitorsin Lioloniensiuin et I. Usncdlin «x reZststro pnblico autentieo st siZillato, gedruckt Hagenau 1518, auch bei v. der Hardt daselbst. Die Akta scheinen unter Reuchlins Ausvizicn zusammengestellt und gedruckt worden zu sein. Dazu gehört auch Reuchlins Brief an Wimphling vom 30. November 1513 über den Gang des Prozesses in Mainz, bei Majus. III. Eine Hauptqnclle bilden ferner die zahlreichen Briefe an und von Reuchlin über diesen Streit. s.) Lpistolae claroruin (oder illnstrinin) viroruin (ich bezeichne sie als Briefsammlung); der erste Teil, gedruckt Tübingen 1514, enthält nur wenige Briefe, welche auf die Streitsache Bezug haben. Dagegen ist der zweite Teil unter dem Titel Lpp. Ulustrr. virr., Hagenau 1519, voll davon, enthält auch ein hebräisches Pro memoria Reuchlins über diesen Streit und ein apologetisches Schreiben des Kaisers Maximilian an den Papst für ihn. b) Eine neue Sammlung von Briefen von Reuchlin und andern dabei beteiligten Personen hat der Bibliothekar G. Friedländer aus einem Berliner Schriftenkonvolut ediert unter dem Titel Beiträge zur Resormations« geschichte, Berlin 1837. Es sind im ganzen 31 Nummern und geben manche interessante Einzelheiten. Dieselben sind in den oben anfgeführten Monographien nicht benutzt, nicht einmal von Strauß. Besonders interessant ist Reuchlins hebräischer Brief an den jüdischen Leibarzt des Papstes Bonet de Lates, den ich weiter unten seiner Wichtigkeit und Seltenheit wegen abdrucken lasse. Einzelne Briefe von und an Reuchlin sind in verschiedenen Sammlungen zerstreut, in Erasmus', Pirkheimers, Huttens, Mulians, Melanch- thons Schriften, in Schnurrers biographischen und literarischen Nachrichten, Note 2. 479 von ehemaligen Lehrern der hebr. Literatur in Tübingen, und in Tenzels bistoria. Kotbana. c) Auch die fingierten Briefe geben Aufschluß über diesen gewaltigen Federkrieg, zunächst die Lxistolae obscurorum viroruiu, der Lachstoff für viele Jahrhunderte. Es kann jetzt nach den Untersuchungen von Erhard und Strauß als ausgemacht gelten, daß Cr otus Rubianus der erste Anreger derselben und Vers, des ersten Teils gewesen ist, daß Ulrich von Hutten viele Briefe im Appendix und im zweiten Teil verfaßt und das Ganze wohl redigiert hat, und daß einzelne Briefe von verschiedenen Genossen des Humanistenkreises stammen. Über das Jahr der ersten Veröffentlichung derselben weiter unten. IV. Die Quellen von gegnerischer Seite sind wenig ergiebig und nur mit Mißtrauen zu benutzen, weil das Verdrehen und Entstellen der Wahrheit zu den Hauptkunstgriffen der Dominikaner gehörte. ' a) ^.ruoläi äs TuuKa.ro artieuli sivs prox, osivionss, eine verketzernde Schrift gegen manche Sätze in Meuchlings Augenspiegel, verfaßt August 1512. d) Ein Merkchen ohne markierten Titel, gedruckt Cöln, Febr. 1514, führt sich durch eine lange Beschreibung ein: Los iu opusculo contra 8psculuiu oculars Leucblini. . . iu üäei et sccissias tuitivueru coutiustur: kraeuota- insuta Ortuiui Oratii . . . contra malsvolsutiaiu, cuuctis cüristiauis üäslibus üsäicata; Historia st vera suarratio juriäici procsssus babiti iu llloAuntia contra libslluiu basrsticas saxieutem xravitates; Qscisionss guatuor nuivsrsitatum äs speculo oculari ab ecclesia llsi tvllsuäo. c) L.cta äoctoruiu Tarrlnsisusium äs sacr. lacultats tbsoloz-ias . . . contra oculars spsculuiu ä. Rsucbl., Cöln, Dez. 1514 (Böcking, Suppl. II, 82). ä) Dazu gehört auch die fade und kindische Nachäffung der Duukelmänner- briefe von den Cölner Dominikanern, unter dem Titel Taiueutatioues obscu- rorum viroruin non xrobibitas per seäsm ^.postolicam, Cöln, Mürz 1518. Die zweite Edition vom August desselben Jahres enthält einige geschmacklose Briefe mehr. Das Wichtigste in diesem Machwerk ist noch die Bulle Leos X. gegen die Dunkelmännerbriefe. Die wichtigste Quelle für Beginn und Verlauf dieses Streites sind, wie schon gesagt, die Pfefferkornschen Libellen. Obwohl sie ihre Stärke ganz besonders in Entstellung der Wahrheit haben, so äußern sie doch manches unbewacht, was die Wahrheit erkennen läßt. Außerdem enthalten sie wichtige Urkunden vom Kaiser und einigen Kirchenfürsten in dieser Angelegenheit, die anderweitig nicht bekannt sind. Sämtliche von den unter Pfefferkorns Namen gedruckten Schriften haben nicht ihn zum Verfasser, wie schon die Zeitgenossen behauptet haben. Bei der ersten Bearbeitung waren Pf.'s Schriften noch nirgends vollständig zusammengestellt und noch weniger chronologisch fixiert, auch nicht bei Wolf und Panzer (Annalen der deutschen Literatur). Ich gab mir daher Mühe, Einsicht in sie zu nehmen. Seit der Zeit hat Böcking (a. a. O. S. 55 fg.) diese Pamphlete vollständig beschrieben. Ich verweise also auf das daselbst gegebene Verzeichnis. 1. Judenspiegel 1507, auf lat. 8xsculum bortatiouis äuäaicas. 2. Die Judcnbeichte, Februar 1508, in plattdeutscher und oberdeutscher Mundart, auch lat. libsilus äs äuäaica. couksssious, sivs äs 8abbnto atLictiouis. 480 Geschichte der Juden. 3. Das Osternbüchlein, Januar 1509, wohl auch platt- und oberdeutsch. Auch lat. Larrertio äs rations L-rscIia. cslsbrernäi intsr änäaeos rscspta. 4. Der Judenfeind ist zu gleicher Zeit mit dem Osternbüchlein erschienen. Auch lat. Lostis änäkreornm, Cöln 1509. Zlsnsis Nurtins. Der lat. Ausgabe geht ein Gedicht voran: Ortnini Oratii Davsirtrisnsis ... äs pertiirkrcirr änükreornm spi§rammu politnm. Dann von Pfefferkorn ein lat. Schreiben au den Kurfürsten und Erzbischof Philipp von Cöln. Darin heißt es: Oonspiravernnt snim omiiss änäasi iu ms, ub ms vel gconito vsi valläs. manu iiiterticikrirt, gnum SKo srroiss st psssime» iilorum opsru ostsnäo. Von Ortuin Gratius sagt Pfefferkorn in demselben Schreiben: gut sti-rm mnlta contra änäa-sos et m-rxims in snnm Iionorsm alio in loco coirscrtpsit. Das bezieht sich wohl auf die judenfeindliche Schrift von Victor von Karben, die eigentlich Ortuin Gratius zum Verfasser hat (o. S. 67). — Datiert ist das Schreiben an Philipp: tertio Lai. Llartias 1509. Diese beiden Partien fehlen im deutschen Original. 5. In Lob und Eer dem Kaiser Maximilian, 1510. Auch lat. übersetzt von Andreas Kanter, Cöln, 8. März 1510 u. d. Titel: In lanäsiu st bonorem impsrertoris Llaximiliaui st cast. Daraus folgt, daß das deutsche Original noch etwas früher, Januar oder Februar desselben Jahres, vollendet war, jedenfalls noch vor Pfefferkorns Streit mit Reuchlin. Dieses Pamphlet gibt einen sehr wichtigen Aufschluß über das Hineinzichen des Kaisers Maximilian in den Plan gegen den Talmud, der auch durch Reuchlius hebr. Brief an Bauet de Lates bestätigt wird, was aber sämtlichen Monographien unbekannt geblieben ist. 6. Ein Brief an Geistliche und Weltliche in betreff des kaiserlichen Mandats, die jüdischen Schriften zu vertilgen. Dieser handschriftliche, vier Quartjeiten starke Brief war den Bibliographen vollständig unbekannt. Ich verdanke seine Benutzung der Wolfenbüttler Bibliothek, welche die meisten Pfesferkornschen Piecen besitzt. Wiewohl das Meiste darin leeres Gewäsche ist, so enthält das Sendschreiben doch manche nicht unwichtige Momente. Da dieses Sendschreiben von Böcking vollständig mitgeteilt ist (Supplem. II, S. 73 fg.), so sei hier darauf verwiesen. 7. Der Handspiegel gegen Reuchlins Gutachten zugunsten des Talmud. April 1511. 8. Der Brandspiegel. 1512. 9. Die Sturmglock. „Wider den alten Sünder Reuchlin", 1514. Es ist die einzige Piece, die ich trotz vieler Mühe nicht selbst einsehen konnte. Wie in Lpistolcrs Obscnrornm virornm angegeben wird, war ein Dominikaner Wigand Wirt, der beim Berner Betrug gegen die ccmceptio immuculata beteiligt war, Verfasser der Sturmglocke (appenäix Lo. 6): . . . itli n ri» ilnie» -Lrn bz npvp i>v nrni w'inipe nin '2 nema irvm rann snv'vi (phw 'n) Graetz, Geschichte der Juden. IX. 31 482 Geschichte der Juden. ">1 .(>1118 Ill'lll, ibbl muia p:822 pnv WM>-'22 (vi:v) 2"112 LL'2 ll'llisn N1V 1^21 11V8 ll1v!2 1VPV ift^ll in: -"NM N' °!V V':D1 (IINPI'SPS .^'"112 2P 2'22'v 1P 2112P2 iiivib 121 nft 112828 1211,2 1'1 ^'"112 8 v I1N21I 1812 '"->.12 ,8.1 1212'11 8p2 8v H'281 1'1 IIINPIISPL 1' ^ >2 'l MM' IMIN. ^über diesen Vorfall und die Entrüstung, welche Jakob Polaks — seiner Schwiegermutter zu Liebe — angeratene und ausgeführte Eheauflösuug verursachte, vergl. Lesxx. Juda Menz Nr. 13 und Salomo Lurja, Kommentar zu lebamot ( 1282 - 8 e> a>) XIII, Nr. 17, wo es ebenfalls heißt, daß I. Polak deswegen in den Bann getan wurde. Me'tr Pfefferkorn scheint gleichzeitig mit Jakob Polak Rabbinatsbeisitzer in Prag gewesen zu sein, aber der höchste und hochgeehrteste Rabbi seiner Zeit war er durchaus nicht. Sein Name kommt in der zeitgenössischen und spätern rabbinischen Literatur nicht vor. — Der Familienname Pfefferkorn war nicht selten unter den Juden. Ein reicher Mann dieses Namens i'i^e- pipiops 'i hat sich 1344 eine Bibel kopieren lassen (Katalog der Wiener hebr. Hs. S. 8 ). In Nürnberg gab es 1486 einen vermögenden Pfefferkorn 2 .28 212'^21 2'2112121 2l7'S2 82L")2 22P7 .222127 827 2'2 12721 .22)22 2'22 217 772227 87L- 2"2' 22'P2 2227 722 87 v'27)21 7'22v 22p 2'2 V1'2 1218 '2 -1)'222 2'22V2 2) p"p^> s2)1' '22 1)27v- '1 21' 12181 .L27ll- 2)2 2"28 '8 21'1 222'2 ')27 8v-'2 822172 2277 22-28 08 V2L-12-212P2 27 ^22L-27 8L'"V2'11 V2722V1) ^")2 1)27v- 2 2L-2 V1'21 -7l2' 8^1 1)'222L- V'22V2 .s')72 212 v'27)2 2' 2'227 )212)L-8^- 2"2' 'ff)'7vv ',112)227 ')L-1'11 82 ')L- !21'2 2'21 .0'212'^> 21127' 27^21 212 ^"21 -L-P12V2 )'v-21 82 87 s"27 V1'2 12181 .V'22V2 22p^- v')12'721 i2'2^7)2 27 v-"' 21lp 2222 ')S7 2222 82P7 22121 2P72 222)2 21'2 1218 1)'221 .22822121) 7')2 2D77 ll')12'721 2'27)2 22' 112'2V21 .',2'728 slL-72 2"2' 2V'P2 1)')128 ')27 82P^ 1)'2'2 22 28 21P271 L-1227 2L72 ')S7 ') 01' 77 2222 2"2' 22 2H72 221L-21 -2"2' 2O'P2 '212 8)' 2222L- 22812 2"2' 2L'P2 s82 s7v7l11 2)18 F1V s7)')') '282)12 ,72 17L7111 2"1" -',12-72 212 2'2 182 7"2 ",2 P1221 .21)12 228 827 V2')'2 2V2O22 2'21 "',72'7S8 12721 ,s')72 21V L2'2' 12L-V'L- ll'27)27 2"2' s')7v ',112)2212 v'2222 2)'8 2"2' 2D72 v) ,V2'2' 12L-V V'27)2L- ^'22-21 UL-7V- 212 77 »>1)77 7"O 12)1' 2"2 D27L- '2L-2 v"' '2 21' i-71 .217 21 7)72 71727 2'8"2'2 1222 2'^1!2 '21 -7L-22 2122-212 2V27 2"2' 2O'P2 1)')128 "8 21227 1)'7lt8 8127 21)'2?22 722 1)2L'8 2LL- 722 s72'7)p "2 1)27v-1 .1)222-221 -2"28 2812V2 212-77 212 271271 s-'7'^ slV-N 'V2 72)1V2 21'7 Durch den Erzbischof Uriel von Gemmiugen ist also die Konfiskation in den Häusern der Juden und in den Talmudbibliotheken verhindert worden. Dieser Prälat hat sich überhaupt bei dieser Gelegenheit den Juden günstig gezeigt, wie aus einem Schreiben an den Kaiser und noch mehr an Eitelwolf v. Hutten hervorgeht, beide 5. Oktober 1509 ausgestellt. Das letztere lauter. „Uriel von Gottes Gnaden, Erzbischof zu Menz, Lieber Getreuer! Welcher Gestalt wir Kais. M. . . . einer Sach halben haben thun schreiben, willst du auch hierin (?) nehmen. Begehren daher an dich mit Ernst befehlen, du wallst bei K. M. fordern und an sein, damit dem Pfefferkorn kein weiter Befehl oder Gewalt in solcher Sach von K. M. geschehn, und du so von wegen der Juden solch Brief bringen und beförderlich sein, damit sie ihre Bitt bei K. M. erlangen mögen, darin wirst du unsere Meinung insonder guten Gefallen Gegeben zu Aschaffenburg, Freitag Hieronymus. Unserm Marschalk und lieben Getreuen Freien von Hutten". 486 Geschichte der Juden. Pfefferkorn entstellt ein wenig den Hergang, wie er ihn in der Osksnsio oontra. tämosas erzählt, woraus aber jedenfalls auch hcrvorgeht, daß der Erzbischof Nricl von Mainz Bedenken gegen die kaiserliche Vollmacht in Pfefferkorns Händen hatte. In sxxeäitions bnjns negotii veuerunt, midi ab Urisls . . . scripta., nt in boe usKvtio supsrseäsrsm et ms aä OsobsuburZ (L.8obaUenbnrA) gnamprimnm eonterrem. (jno taeto milii prassnl äixit. . . metusnäum boe impsratoris manclatnm vsram tbrmam in ss non babst, gnia soius sKo snm in boe manäato positns, propter guoä gniäsm Inäaei neAOtinm boe äspellsrs posssnt. Ernsteren äixi: ms anäivisse äs gnoäam äootore, gni nominarstnr I. ksuoblin . . . üesponäst xraesnl, nt gnninxriinnm eonterrsm ms aä 6assaris euriam ae Vietorsm (a Oardsn) et Or. Rsneläin et ms ipsnm Oass. Najsstatis manäato insoribers laosrsm. Pfefferkorn erzählt geschwätzig weiter, wie ihm Erzbischof Uriel ein Viatikum zur zweiten Reise zum Kaiser gegeben, und auch der Frankfurter Senat ihn kräftig unterstützt habe. Im Bürgcrmeisterbuch (Archiv a. a. O. S. 212) ist angegeben, daß er nur 2 Gulden von der Stadt erhalten hat. Diese zweite Reise und das dadurch erlangte zweite Mandat bilden einen Einschnitt in diesem Geschichtsverlauf, wovon, wie von dem Folgenden in den Sekundärquellen keine Spur anzutreffen ist. Die Juden haben sich nämlich nicht so leicht gefangen gegeben, sondern alles aufgeboten, Pf. entgegenzuarbeiten. Die Frankfurter protestierten zunächst beim Kammergericht und sandten einen Anwalt oder Prokurator an den Kaiser, um die Ungesetzlichkeit der Konfiskation ihrer Schriften zu beweisen und die Charakterlosigkeit Pfefferkorns ins Licht zu setzen. Ihr Anwalt war Jonathan Levi Zion, und zu diesem gesellte sich ein Mann Isaak Triest. Sie folgten dem kaiserlichen Lager auf Kreuz- und Querzügen und berichteten am lb. November von dem Resultat ihrer Tätigkeit. "2N2N' 2>2 .2PN NX!N IN' 2P 11'N2X2 OP2 'PNI' ,2PN 'L'XN N2p 2222> 121IN ' 21 NX N1N -1"2' 2N12P1N1 P"PN XLl'NP Pnp PP22 18 NN'11 P"P2 O2p 'N2N2 X1N N2NP2 '2 -22p 2N12 'IX NL'X O'N2N,N NX 22N 'N2N21 ,1N122N'11 P"P2 N'2 '"V 22p 'N2N2 s'2X2 N'P2 211 IX pslp'N NIO-Pp NL'2X 'X NX1N NppL» N"1P2 '11X22 NL'X NPNN p2 '22 N1N N2N2 POPNNp N1P2 'N' ^X X'2,N^ 'N2 NX1N N1'N22 NXNL'X 11'IINX N'2 N2NP 'NX2^2 p"2p n"p slL'N 'n '1 O1'2 .'1XNN1 P21N 2N2N2 NL'X O'L^IXN p2^ 'NX22 Xpl . 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Oktober 1509. 488 Geschichte der Juden. DM82 111' 1'11 NI '711' 2'111' l"l' 12'P1 12'2118 l'^l^ 82p 1p21'N 17 P1"8 1"1 221ls-N 82 11 NI '"1 ',1 272 P2 P1121 .727 712111' 21' l"l' P2722 112:112 2121 222122 'p8 8'211 2"1281 1'7^ 227Sp'7,1 12'P1 12'21182 NP2 P2211 IN pp'N121 '2 >"21 2'1211 >7 P2P2 1N8 118p2p 1^1 81 1"1' 12'P11 111 1211 17 P2722 112211 1'p2lp l"l' 2'212 7218 2112p P2'P1 '12122 118 P7 11121 11'^P2 PI 1lp8N2 12 V112P211 P"P2 1PP 1N8 2'1221 ''1111 12121 1'2 7121^ 1"1' s1221l1 8 122 1'1 8pN 811N 121 2'1221 1P12' IpN 2'182P1211 1"1' 1122111 121281 chl'2 811N 121 .12^ 1111' 2lpN 121281 ^12 12'8 221 12'HII .1"1' 12'P,1P 1"1' 112211 7'11' 121 P22 N11N1 -12121 1'p ^11' 21PN 2121 ,21p 2112' 1N8 1N7'1 ,112211 '121 172N'N 1N7lp 118 2121 IP2.III 1'1 212 1171 -21'1 s?7 812'1 pp'N s18p1'L722 N'218'^ 118 22N 1"2 p'7 1812'N 121N811 2812212 2'12121 p2p 212 11182 21'1 112211 7'11'N '118 12121 27 1'lp 11'pl 1211,1p 212 18 p"2^ 1"7 1212 1'8N 112211 2122 117 P221 ,2'1221 822N p'8 1"1' P2'plp 1"l' ^>N ppN121 81p 112211 2121 ,21'P221P2 12'N1N 2'21'P1 p22p 12'P1 2pl2 112p 211 '22p 2'81P21 2'2112 1'1 2°?2 2'212 '2 18N1 1"1' 112211 11 P71 ,121N81 281221 P22P PP2 1121 8P 1"1' 12'P1N 1182 11N2 1211221 .p"21 2'2122 11' 12'12 2112' 1"1' 12'P1N 1211 P'N21 111' '12p,1 12181 1121 -1"1' 112211 pN 212 11' 12'122 2"2 12'P1N 'llpp 1N8 P21 '1'2 1'1 281 p"21 12182 '211p 2121p '1122N 2'2' '12 -1"1' 112211 1'2 12 1'IN 2'2121 2118 '12N1N '811^ 211p 1'1 222 12 21'1 P8 1282N21 2'128 2'1212 12121 '2'7 N'82lpl 12'P22 12p p'lllp -N81 2'1lp 1'^2 8p1 2'Nlp 12 1'1 8p 1'PN12 18 1"1' 12'P1 '22p P2'P1 12'2118N 12'N1 1'P'N121 121211 P2112 p'7^1 p2 12181 128 121 2N' 8111 11 1212 182121p 1'1' 811N 1"1' "22111 21121 122' 1"1' ,sp'1p2 118 12P82 1171 -lp'1p2 12121 182P'1 J'12 11221,1 p'^8 212 N11'221 ,s212'2N2 sp2"1 12P121 ,2112pl"12 118 182P121 P"21 2'1221 2"N1P P21' 8p'N 12121 P2P2 s'2722 P2211N '8'2'21P2 P2 1'22p 182'N 12121p 1"1' 11221,1 7"2' p"21 2'12P121 27 1812 21'71 ^2p 1"1' y,2211 1N7' s21 121N811 28122 '2p 2118 1P12' 211 2'122 12182 s8'2'28p 1118 PIN 212 8pl -p"21 P1121 1N21 NpN22 111 '2N1' 8"1 2212"2 1"1„ 8"p2 l"p' 112211 P7 11'^ l"l' 12'P,1N pp 12'1'2!2 811N 112 P1711 "811711 217112"2 2"P2P"2 8'1 17111 2"1N11' 8'1 281 ,2'2 -P"2p 1"7 11 NI 1"2 ^)P"N 21'2 12121 12p 81p 1N82 1"2N1 18'^82'p211 l"l' 12'p,1p 121PN1 181 >8'2'21P2 1221'21 ') 11. November. Note 2. 48 !) 1»p22 '8 21'N '2 .)X'2'2XP 121X Np' 2212.NL' 'XNlp 212P1 .2X22 2P12P)21 P"P2 2LP2L' L»221 2P2L' 22"222 PND' 2P2 'p N'ÜN 22P2 'U12XL' P1X2 2121 LXP)222 1)22'2L' 1212,2^ N12P 121X 1)2)1 D'pp IP'PN NV'N X^2N) 2121 22pL'22 NNN 2'L21P 1)X PN D'pp 22 22'pp PXL' D'pp P2)22P1 ppl)22^ 22)1122' MN^ L"1 1'DPI'I N"N' P2'P2 D212X PL' DS^> 182' 22?X 2lp2p 2X2>2 2212)1 2'222 2'2')X 22X 2'2'PD 21^1 22211 2222 N'NL 2t2X1 2122) pp L»p2p1 122p ))222p N"N' P2'P2 D212X 71212^ 22 222 .l'L',2^ 1')'P2 )2 IXLV'L'I D'^p '"L>2 222' 'plXL» 22'2 PLI P^L'222üL 'plp'XI -2122p 1)2) Xp 2L'X 2'222 L'12p L" '2 ,!p22 .2)2 Np '211S 'VN XID2P1 .t'L'n!' 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(in Lob und Eer), daß der Kaiser geneigt war, zugunsten der Juden zu entscheiden, daß Pf. aber vermittelst der Schwester des Kaisers eine Umstimmung hervorgebracht hat. Wir lassen ihn sprechen, geben aber sein Kauderwelsch in moderner Redeweise: „Und als die Juden solchen (der Konfiskation der Schriften) kein Widerstand geleistet, „sie Etliche mit merklichem Gelde und mit etlichen Furderbriefen 490 Geschichte der Juden. durch etliche Christen ausgegangen, zu der k. Majestät solcher Fürnehmen abzutreiben, abgefertigt, welches Pfefferkorn nicht verholen blieb, der sich schnell wieder zu der Fürstin k. M. Schwester erhoben, ihr solches, der Jüden Fürnehmen, entdeckt und daneben angezeigt, wo dieses löbliche Fürnehmen zurückgestellt würde, Solches dem Christenglauben nicht zu wenigen Nachtheil reichen .Auf Solches hat die lobwürdige Fürstin dem Pfefferkorn mit ihrer eignen Handschrift wieder zu ihren Bruder gefertigt. Und ans Solches hat die römische k. M. der Judenprokurator (so Ihrer Majestät von der Inden wegen angebracht hätten; wie solches Anbringen, so Pfefferkorn wider die Juden angebracht hätte, anders nicht, denn aus Neid, so derselbe zu den Juden trug, geschehen wäre, denn solche Schrift und Bücher, wie angezeigt wäre, sollten nicht gefunden werden, mit anderer mehr Anzeigung etlicher Freiheit und Privilegien, so sie von den Päpsten und Kaisern hätten) von der Hand gewiesen. Und den Uriel, Erzbischof von Mainz.in der Sache solche Bücher, die Pfefferkorn den Juden genommen, auf einen bekannten Tag durch gelehrte und verständige Doctores aus den Universitäten Cöln, Mainz, Heidelberg und Erfurt besichtigen lassen." Dieses zweite Mandat, ebenfalls durch Kunigundens Vermittelung erwirkt, teilt Pfefferkorn in dem Pamphlet Beschyrmung, Ostsnsio contra, tamosas (bei Böcking, 8nppl. I, p. 88 ff.) mit, ausgestellt Rofereit (Roveredo) 10. November 1509. Darin ernannte der Kaiser Uriel zum kaiserlichen Kommissär in der Talmudangelegenheit; es ist auch an ihn gerichtet. Die wichtigste Stelle darin lautet: 8eck p 08 tgna.ni cknckaei redeUarnnt snis alignibns iUieitis ser- inonidus, ev8 ackdno in nogtra psna st mnleta rstinemrw, tarnen secun- cknin tsnorsrn M8.llckg.ti no8tri D'ranlrkorcksnaee acoepsrnnt ckuckasia osrtnm nnmsrnin librornin . . . gnv8 retinnsrnnt et onetockisrnut. (jnamgnani erZw ckuckaei ack no8 iniasrint cks koo ns§otio, non 8een3 ac 8i .kok. Ut'etkerlcorn in Iroo nsZ-otio non S88St ckoetus et sxpsrtue, stiamgns gnock erbt non 8oln>n xrasnominati tidri, ssä plerigns atii, gni negus contra praeespta Lloz-eia, usgus in oontrunsliain ticket Odrietianae e88eut, et 8idi eeeuncknm teuorem privilstziornm snornin ackmissi, 8unt ablati, tarnen ... ne .Inckasi contra, aegnitatsm Zravantur . . . ckamne tibi plsnariaw potsstatsm etc. Uriel sollte Professoren von den genannten Universitäten berufen, und wenn es ihm beliebte, auch gelehrte Männer hinzuziehen, wie Hochstraten, Reuchlin, Victor von Karben und Pfefferkorn. Wichtig ist noch der Schluß: in8nxsr cknckaeoe cke ICranIckorckia ack te atgns iUos ckoctorea ae- es88a8. Die Inden sollten also in der sie so tief berührenden Frage wenigstens auch gehört werden. Die Juden sollten eine Disputation zur Verteidigung ihrer Schriften halten. Das geht entschieden aus dem Schreiben Jonathan L. Zions (o. S. 488) hervor. Mit Erlaß dieses zweiten Mandats tritt diese Talmudkonfiskationsfrage in das zweite Stadium. Sie hatte sich insofern ein klein wenig günstiger für die Juden gestaltet, als sie nicht der Willkür des Erzschelmes Pfefferkorn ganz allein preisgegeben war. Der Erzbischof Uriel ernannte einen Subdelegierten und sandte ihn zugleich mit Pfefferkorn nach Frankfurt. 8ic tactnin egt, gnock praeckietoe inilts et gninK8nto8 lidroe ad cknckaeie enatnleriin (vsksneio contra. tamoaa» bei Böcking, p. 90). In diese Zeit scheint auch die Konfiskation in den Gemeinde» Worms, Mainz, Bingen, Deutz, Lorch, Lahnstein versetzt werden zu müssen, wovon Pfefferkorn in seinem Schreiben (o. S. 480, Nr. 6) spricht, da er dabei bemerkt, daß es auf Uriels Befehl geschehen sei. — Ob dieser auch verordnet hat, daß Note 2. 491 die obengenannten Personen die Bücher, welche beim Rat in Frankfurt nicder- gelegt waren, besichtigen und prüfen sollten, ist zweifelhaft (in Lob und Eer, 3 . Absatz). Jedenfalls hatte Reuchlin also schön früher Gelegenheit, sich ernstlich mit der Frage zu beschäftigen. Die Aufforderung des Kaisers vom Juli 1510, sein Gutachten abzngebcn, traf ihn nicht unvorbereitet. — Ehe es aber zur Prüfung kam, wehte wieder ein anderer Wind, wovon die Monographen wiederum keine Witterung haben. Aber sie hätten doch aus der» Schreiben des Kaisers an Uriel vom 6. Juli 1510, das Reuchlins Augenspiegel einverleibt ist, ersehen können, daß Maximilian verordnet hatte, den Inden ihre konfiszierten Schriften znrückznerstatten. Das kaiserliche Handschreiben lautet: „Ich zweifle nicht, Deiner Liebden sei noch in frischem Gdächtniß der Handlung, so wir der Judenbücher halben in verschiedener Zeit vorgenommen, und darauf wir dich mit sammt etlichen Universitäten und Gelehrten und der Sache Verständigen zu Commissarien verordnet. Nun üaben wir in verschiedener Zeit den Juden ihre Bücher wieder zu geben verschaffen, dergestalt, daß die also beschrieben und unverruckt bis auf unser» weiteren befehl bebalten werden". Also vor 6. Juli 1510 hatte der Kaiser die Restituierung der Schriften an die Juden besohlen. Aus Pf.'s Osksnsio contra t'amosas (8. I ff.) erfahre» wir, daß dieses kein spontaner Entschluß des Kaisers gewesen, sondern von den Juden angeregt worden war, was sich auch denken läßt. Pf. erzählt, Satan habe den Inden eingegeben, den Befehl des Kaisers zur Konfiszierung zu vereiteln. 8io itagns kaetnm est, guoä luäasi alignos 1n8iAUS8 Oürwtianos psenniis eorrnpsrunt . . . illi probo imperatori äiu jam all aure8 iuttarunt per lalsaa instrrre- rionss guocl sna Lass. Aajs8ta8 >Iu(laei8 Iibrv8 rs8tituers man- ciarit, 8nb tali eoinlitiouo, gnia üi iibri oou8oripti et immoti rwgus acl uttsriorerir com»,i88ionein apncl eo8 rsmansrsnt . . . Irwnpsr pv8tguam luäasi 8ranütoiüen8e8 libroe rsüabusrunt, smi8sruut eontinuo Utsraa non 8oluin per Uomaunin imxerinin, 8sct in aliae stiam (ubi liaditant) proviuvia.8, gnil>u8 rem oinueur pro 8S all tsmpur tslieitsr aetam 8Uinina lastitia communiearunr. Die aufgefundenen Urkunden geben Aufschluß darüber, wie der Kaiser dazu gekommen ist, ein drittes, den früheren entgegengesetztes Mandat zu erlassen. Der Rat von Frankfurt scheint sich den Juden günstig gezeigt zu haben. Er beauftragte den Gesandten Jakob Heller, die Sache ans dem Reichstage zur Sprache zu bringen und beschloß: „so vil mit Fugen bescheen möge, Inn (den Juden) behelfflich zu sein?)" Es kam eine Verlegenheit dazu, welche den Rat zwang, Partei für die Juden zu nehmen. Pfefferkorn wollte nämlich auch den fremden zur Frankfurter Messe anwesenden Juden die bei ihnen befindlichen Bücher konfiszieren. Diese standen aber unter dem Schutze der Fürsten und Herren ihrer Heimat, und so schien es bedenklich, Eingriffe in ihr Eigentum machen zu lassen. Diese fremden Inden weigerten sich auch, ihre Bücher auszuliefern ^). Das übliche Meßprivilegium zu verletzen, hätte zu Verdrießlichkeiten führen können. Dieser Umstand mag den Rat bewogen haben, sich zugunsten der Inden bei dem Kaiser zu verwenden. Das Gesuch desselben ohne Datum findet sich in den „Aktenstücken" und lautet folgendermaßen: *) Bürgermcistcrbuch, im Franks. Archiv f. Geschichte und Kunst, 1569, S. 213. ") Das. S. 215. 492 Geschichte der Juden. „Allcrdurchlanchtigster usw. Römischer Kaiser. Ew. Majestät Unterthan, Bürgermeister und Rath der Stadt Frankfurt, geschickter und vecordneter nach folgenden Sachen, derselben Syndicus bringt Eurer Majestät vor: Wiewohl von Geistlichen und Kaiserlichen versehen ist, daß die Juden in ihren alten Gewohnheiten, Herrlichkeiten . . . Wesen und ... in ihren Synagogen beschirmt sollen werden, auch keine Neuerung und neue Gewohnheit laut der päpstlichen Rechte mit ihnen cingefnhrt oder auch ihnen ihr Gut genommen soll werden, wie auch mit sonderlichen bischöflichen und kaiserlichen Rechten versehen und gefreit seien, wiewohl auch die Judenbücher nicht allein von Juden, sondern auch von Christen fleißiglich zu bewahren und zu hüten, sonderlich in päbstlichen Rechten versehen und nit ohne Ursache gesetzt, dieweil das alte Testament anfänglich in hebräischer Sprache geschrieben ist, daraus lateinische Bücher ausgebessert und geprüft sind worden, auch etliche Inden zum christlichen Glauben dadurch kommen, darum auch in geistlichem Recht geschrieben ist, wenn die Christen in den hebräischen Büchern und Zungen gelehrt werden und sie mit ihren eigenen Schrift überwunden, würden sie eher zum Christenglauben bekehrt, darum auch der Pabst Clemens in geistlichem Rechte die hebräischen Bücher in etlichen hohen Schule und Universitäten zu lesen und zu lernen verordnet hat, damit verstanden wird, was . . . solche jüdischen Bücher der Christenheit bringen mögen. Darum auch die Juden die Bücher in ihren Synagogen in großen Ehren behalten . . . Aber solches unangesehen hat einer genannt Johannes Pfefferkorn nach Ew. kaiserlichen Maj. Befehlig ein Schcinmandat ordneter Jüdischheit zu Frankfurt ans ihren Synagogen ihre Bücher nehmen und hinter einen Rath nach Frankfurt führen lassen, so doch E. K. M. dieselben allein zu besichtigen laut des Mandats befohlen hat. Auch nachfolgend ein andere Schrift an einen Rath derselben Bücher dermaßen behalten, erlangt, damit gedachter Jüdischheit ihre Bücher ohne Besichtigung und ohne Unterschied wider Ew. k. Befehl beraubt und entsetzt worden seien und zum letzten Einvernehmen Commission allein wider die Jüdischheit zu Frankfurt und Verschweigung der Wahrheit und Borbringnng der Unwahrheit auf meinen gnädigen Herrn von Mainz erlangt, die Jüdischheit mit ihren Büchern zu Seiner sllrstl. Gnade auch etliche Hochgelehrten von weiten Landen dazu erfordern, damit die Jüdischheit in ihren hochzeitlichen Festen, in ihren Synagogen wider die an- gezcigte geistliche Rechte beraubt und untersetzt wird, auch zu merklichem großen Schaden durch Abwendung und Hinwcgführung ohne Unterschied ihrer Bücher kommt. In Maßen denn ein ehrbarer Rath zn Frankfurt wohl ermessen, deß- halber an Ew. kais. Maj. eine Vorschrift gethan haben. Ist deswegen meine deinüthigc Bitt aus angezeigten Ursachen solche letzte Commission meinem gnädigen Herrn von Mainz überschickt und abznschaffen und ob Etwas darauf in neuester Zeit gehandelt war, dasselb eassiren und abzuthnn und vernichtigen, auch einem ehrbaren Rath zu Frankfurt befehlen, ihnen ihre Bücher folgen zn lassen, doch mit Aufzeichniß der Bücher durch einen Rath zn Frankfurt zu besichtigen, auch mit Gelob die Bücher in ihren Synagogen und Häusern zu behalten bis zur Besichtigung derselben zu Franksurt und nirgends anders als auch in solchem heimsuchcn und Besichtigung billigst zu bestehen. Das will ein ehrbarer Rath zu Frankfurt mit E. K. M., die Gott der Allmächtige lang ge- fristen, wohl mit ihrem schuldigen Dienst aller Zeit zu verdienen willig seien." In dieser unbeholfenen Supplik sind drei Momente betont. Die Erhaltung der jüdischen Schriften sei notwendig, selbst im Interesse des Christentums! die Religion und die Schriften der Inden seien durch Priviligien der Kaiser Note 2. 493 und Päpste gewährleistet, und endlich Pfefferkorn sei widerrechtlich und nicht dem Mandat gemäß vorgegangen. Auch von anderen Seiten scheinen Schritte zugunsten der Juden gemacht worden zu sein. Aus der Bemerkung der Bürgermeisterbücher'): „Unter- schiedlicheJudenvonChur-Mainz, Chur-Brandenburg, Hessen usw. um Verfolgung der angefallencn Bücher verschrieben worden", geht hervor, daß die Juden dieser Länder denn doch zn einem Gemeindctag in Frankfurt zusammengekommen sind. Diese mögen sich an die Kurfürsten und Herren, unter denen sie standen, gewendet haben, daß ihnen himmelschreiendes Unrecht von dem Täufling Pfefferkorn geschehen sei. Denn das genannte Bürgermeisterbnch macht auch diese Bemerkung: „ohne Zweifel auf der Juden vortheil- hastes Ansuchen und von Churfürsten und anderen Herren geschehenen Jntercessions" (sind ihnen die Schriften zurückgegeben worden.") Maximilian scheint demnach von vielen Seiten in die Enge getrieben worden zu sein, und hat infolgedessen das dritte Mandat erlassen, den Inden ihre Bücher zurückzugeben, ein Mandat, das den Wankelmut und die Bestimmbarkeit seines Charakters dokumentiert. Es lautet in den Aktenstücken: „Wir Maximilian . . . erbieten den ehrsamen nnsern des Reichs lieben Getreuen, Bürgermeister und Rath der Stadt Frankfurt . . . Wir haben aus merklichen Ursachen uns dazu bewegt,' die Commission so wir an Uriel, Erzbischof zu Menz . . . von wegen etlicher Bücher, fo die Jüdischheit im Reich brauchen und setz und hinter euch erlegt seien, ausgehen lassen, haben ansgehebt und seiner Lieb befohlen in beredten Sachen früher nit zn handeln, noch procejsiren bis auf unfern weitern Befehlich, daneben auch der Jüdischheit zu verlassen, dieselben Bücher, so bisher in euern Händen erlegt worden seien, wiederum zu ihren Händen und Gebrauch überantworten, dergestalt, daß dieselben Bücher all und jedes besonder, was sie inhaltcn, ausgezeichnet und darüber Gelob von Juden genommen werden, solche Bücher in ihren Synagogen, Schulen und Häusern unverändert zn brauchen und sonst nirgend zu wehren oder zn thun bis zur Vollendung unseres Vornehmens und Beschau derselben Bücher. Demnach empfehlen wir euch mit Ernst, geben euch das auch unsere Macht hiemit, daß ihr so viel Bücher hinter euch erlegt seien, den Juden wiederum überantwortet und dabei Gelob von ihnen übernehmt, solch Bücher in ihren Synagogen . . . zu brauchen und sonst nirgend zu schicken, führen oder tragen, wo sie aber anders damit handeln, würden wir geursacht, dieselben Bücher wiederum von ihnen nehmen zu lassen. Das ist unser ernstlich Meinung. Gegeben in unserer Reichsstadt Augsburg 23. Mai unseres Reichs des Römischen 25." (1510) Zur Ergänzung mag noch hinzugefllgt sein, daß dieses Mandat dem Rat von Frankfurt am 0. Juni zugegangen ist. In den Bürgermeistcrbüchern ist dabei bemerkt (das.): „Darinnen Sr. Maj. Commission von gnädigen Herrn von Menz bescheen der jüdischen Bücher halber nffgehebbt (aufgehoben) und dieselben Bücher den Juden wieder zn ihnen zn stellen und Folge zu leisten." Der Rat ernannte eine Kommission von vier Beamten, die Zurückgabe der Bücher an die Eigentümer zn bewerkstelligen. Innerhalb der Zeit zwischen dem Erlaß des zweiten Mandats, 10. Nov. 1509, und dem des dritten, 23. Mai 1510, hat Pfefferkorn oder haben die Dominikaner die zwei Schriften verfaßt (in Lob und Eer) Maximilian und das Rundschreiben *) Das. S. 210, Anul. ') Das. 494 Geschichte der Juden. ,(o. S. 480, No. 6), um die den Juden günstige Stimmung zu paralysieren. In dem Rundschreiben ermahnt Pfefferkorn, von der löblich unternommenen Konfiskation nicht abzustehen. Er erzählt darin (bei Bücking II, S. 73): „eine merkliche Zahl von der Jüdischheit nit allein im Reich, funder in allen Landen nnd Orten . . . sich dann bei dem höchsten Pan (Bann) der Synagogen . . , verbunden haben, dem Handel Widerstand zu thun . . . und also bin ich . . . von der Jüdischheit mehrere mal gütlich angeredet und dazu mit ihrem beweglichen Gut und Geschenk mich zu bewegen ersucht, m dem Handel still zu stehen . . . wann ich denn mich von Jenen nit hob lassen bekehren . . . haben sie, die Ungetreuen seßhaftig überall verstanden, mich zu verfolgen und an meinem Leibe, Ehre und Glimpf abzuschneiden . . . und dieweil sie aber Solches in eigenen Personen nicht leichtlich vollziehen mögen, haben sie etliche Christen mit Geld und Geschenk zugemacht den Juden beiständig, räthlich und behülflich zu sein." Er führt dann fort, es wäre ein großer Skandal, „wenn die Bücher ihnen wieder zugelassen" würden . . . Darum werden alle Christgläubige in diesem Brief ermahnt. Deutlich genug ist aus diesem Schreiben zu sehen, daß selbst Christen bestrebt waren, die Konfiskation rückgängig zu machen. Und es ist ihnen gelungen; denn das dritte Mandat vom 23. Mai 1S10 befiehlt, den Juden die Schriften wieder einzuhändigeu. Es ist aber auch dabei nicht geblieben. Maximilian hat zum dritten Male seine Meinung geändert und das vierte Mandat erlassen, eben das vom 6. Juli aus Füssen ausgestellte (im Augenspiegel), das jüdische Schrifttum von den vier Universitäten und den drei Personen (Reuchlin, Hochstraten, Viktor v. Karben) prüfen und ein Gutachten über die Verwerflichkeit oder Unschädlichkeit desselben ausstellen zu lassen. Pf. wurde zum Übermittler der eingegangenen Gutachten ernannt. Dieses Mandat, aus dem Augenspiegel bekannt geworden, wird in den Monographien als das zweite behandelt, während, wie wir gesehen haben, es das vierte war: 1. von Padua 19. August 1509, 2. von Roveredo 10. Nov. 1509, 3. vom 23. Mai 1510 und endlich 4. von Füssen 6. Juli 1510. Was hat wiederum die Gesinnuugsänderung des Kaisers hervorgerufen? Ein Inzidenzfall, die lügenhafte Anschuldigung der Juden Brandenburgs, eine Hostie geschändet zu haben — wodurch 38 in Berlin verbrannt worden waren. Dieses Autodafe in Berlin fand zwar erst Freitag nach Apostel — 19. Juli 1510 statt, und das vierte Mandat ist früher erlassen; aber der Prozeß machte schon vorher Rumor. Damit wurde ans den Kaiser eine Pression geübt, sein für die Juden oder das jüdische Schrifttum günstiges Dekret zu modifizieren. Den Zusammenhang dieser zwei scheinbar einander fremden Fakta gibt Pf. (in Osksiwio contra, tamosas bei Böcking II, 91): 8ed postguam äominus NoKnntinns (II r ist) st alii Iionssti Oüristiani andivsrs: coutnmsliam lactanr ssss in Lsriino, et gnod dudasia libri sunt reatitnti, tmt eain ob rem lisvsrsntia ssu8 maxims psrtnrdata. Lutabat snim, satins es8ö tals nsKvtinm non incsMss guam mals terwinaWS . . . Lnr8U8 igfitnr ms mii-it ad impsratorm curiam ad soiiicitandnm, nt Oas8. lllas. latinn circa üiud nsKotinm cnram Iraders diZmarstur. Ht aic inKSnti laöors nnam commi88ionsm uactua 8nm, ds verdo ad vsrdo 8ic 80 - nautsin. Pf. teilt hierauf den Inhalt des (vierten) Mandats mit; es lautet ganz so wie bei Reuchlin im Augenspiegel. Nun kennen wir die Windrichtung; es wehte von Cöln aus — denn daß Üriel von Mainz ebenso gesinnt war, ist mehr als zweifelhaft (vergl. S. 485) — wahrscheinlich auch von München aus, aus dem Kloster der Clarissinneu. Das Mandat ist in Füssen in Bayern aus- Note L. 49ö gestellt zur Zeit des Regensburger Reichstags. Es ist recht gut denkbar, das; der Kaiser seiner Schwester einen Besuch in München abgestattet hat. Hier fügt sich Reuchlins Nachricht (im hebräischen Brief) gut ein, daß die Schwester- Äbtissin einen Fuszfall vor dem Kaiser getan und weinend verlangt habe, der Kaiser solle die Vernichtung der Judenschriften dekretieren. Das ist es wohl, was Pf. schreibt, daß er erst mit großer Muhe das Mandat vom Kaiser durchgesetzt habe. Es ist anch, mit dem ersten und zweiten verglichen, viel milder gehalten: Es soll erst ein Urteil abgegeben werden: „ob solche Bücher — die jüdisch-talmudisch-rabbinischen außer den biblischen — zu vernichten göttlich, löblich und dem Christentum nützlich sei und znr Mehrung und Gut kommen mag." Der Kaiser wollte also andere Stimmen als die Pseffcrkornsche darüber vernehmen, während er im ersten Mandat ihm allein vollen Glauben geschenkt und ohne weiteres daraufhin deren Vernichtung befohlen hatte. Was darauf weiter erfolgte, Renchlins Gutachten, die jedenfalls perfide Öffnung und noch perfidere Veröffentlichung desselben von seiten Pf.s und der Dominikaner, Pf.s Handspiegel und Reuchlings Augenspiegel, ist bekannt. Weil Reuchlins Gutachten so viel Aufsehen gemacht hat, sind die übrigen von den vier Universitäten, von Hochstratcn und von Viktor v. Karben ansgestellten Gutachten wenig oder gar nicht beachtet worden. Sie sind aber sehr wichtig, weil sich erst daraus ergibt, welchen Dienst Ncnchlin durch sein gerechtes Urteil den Juden nicht nur, sondern auch der Zivilisation geleistet hat. Die Cölner Dunkelmänner hatten nichts weniger im Plan, als den hebräischen Text der Bibel ganz und gar zu unterdrücken und nur die Vulgata bestehen zu lassen. Diese Gutachten der übrigen Votanten sind abgedruckt in Oseisionss guatuor Uuivsrsitatnm (o. S. 479 b) und in Pf. Öetsiwio contra tamosas bei Bücking I, S. 94 ff. 1. Das Votum der Cölner theologischen Fakultät vom ll. November 1510 (einen Monat später vollendet als das Reuchlinsche) läßt sich auf Beweise gar nicht ein, sondern schickt voraus: mauile8tum S8t, librum lluckae- ornm — Ddalmnt — tant 08 continsrs nsänm srrors8 et t'al8itats8, verum etiam b1s,8pbemia.8 et liaeresss contra le^em propriam. Darum haben die Päpste Gregorius III. und Jnnoccnz IV. denselben verbrennen lassen (was die gelehrte Fakultät erst aus der dritten und vierten Hand wußte, ans 7dnckrea8 Hovekla). Die Juden besitzen noch andere lästerliche Schriften gegen das Christentum (nt ckieitnr, fügt die Fakultät vorsichtig hinzu), und es wäre irreligiös, ihnen den Gebrauch derselben zu gestatten. Es sei sogar zu vermuten, daß auch ihre übrigen Schriften (außer Talmud und Polemica) verdorben seien. Es wäre daher ein gottgefälliges und sogar vernünftiges Werk, ihnen nur die biblischen Schriften alten Testaments zu lassen, die übrigen dagegen sämtlich zu nehmen. Ja, man solle Auszüge aus den verdächtigen Büchern machen und die Inden darüber befragen. Wenn sic dieselben als blasphcmisch und ketzerisch anerkennten, so dürften sic nichts dagegen haben, wenn solche Bücher verbrannt würden. Blieben sie aber hartnäckig, sie zu verteidigen, dann habe der Kaiser das Recht, den Stab über die Juden zu brechen: cks lioo prinesp8 Iiabet juckicars, 8ivs ckeüeiant in moralibu8, 8ivs contra IsAsm 8nam 1iacre8ö8 iuvsniant st okwsrveut. Die Fakultät fügt auch in ihrem Votum für llricl hinzu, daß die Juden im Zinsnehmen beschränkt, Handwerke zu betreiben, ein Judenzeichen zu tragen und christliche Predigten anzuhören gezwungen werden sollten — ganz Pfefferkorn. — In dem Schreiben an den Kaiser empfiehlt die Cölner Fakultät Pfefferkorn aufs wärmste, weil die Juden KÄMM- LrÄSBEö. 496 Geschichte der Juden. ihn verfolgen. Sie stellt ihm ein glänzendes Zeugnis der Rechtgläubigkeit und des christlichen Eifers aus. 2. Das Votum des Ketzermeisters Hochstraten vom 9. Oktbr. 151V. Es ist das Echo oder richtiger der Grundton des Gutachtens der Fakultät, weil von älterem Datum. Im Schreiben an Uriel beruft er sich auf das Urteil der Fakultät. Im Schreiben an den Kaiser dagegen führt er manches weiter aus, was jenes nur angedentet hatte, namentlich den Punkt, eine Art Jnqui- sitionsgericht gegen die Juden zu statuieren: Vorst xrastsrea imperial! oslsitnäini opns cliKuissimnm, si in praekata lidrornm examina- tions per sos, qni juäa'ica intsllig'unt scripta, sxtraliersntnr iuibi cou- tenti articnli srronsi, iinpii et blaspbsmi courra propriam leZ-eiu, et instituerstnr contra .Inäaeos soleiunis inqnisitio, et snxer articnlis extractis inatnre sxaininarsntnr. Vt quickem si tnnc articnlos illos recoAnoscant erroneos, etiain st tnnc consequeuter tatsri, liadsut libros tales eis esse psriculosos st msrito coinbnrsuäos. 8i antein articnlos talss ästeuäsriut st obstinat! in eis persevsravsrint, et tnnc potent Lass, Lias. quam nnics super ss corain Uilato stantss rsKiaw liabere xotestarsm protsssl sunt, tauguain lllaersticos sacrileZos in ckiviva et propria eornm IkAS cum äi^na anirnaävsrsions punirs. Zum Schlüsse wiederholt auch Hochstraten, was Pfefferkorn bis zur Ermüdung repetiert hatte, ein Rückgängigmachen der Talmudangelegenheit würde dem Christentnme außerordentlich schaden. 3. Die Mainzer theologische Fakultät vom 31. Oktober 1510 führt eine eigene Logik. Es sei zwar dem weltlichen Fürsten (tsrrsno xriucipi) kanonisch untersagt, die Juden zur Taufe zu zwingen; allein das gelte nur vom gewaltsamen Zwange, es sei ihm aber wohl gestattet, alle Mittel zu gebrauchen, um sie dahin zu bringen und namentlich Hindernisse zu beseitigen. Das größte Hindernis zur Bekehrung der Juden sei nun eben das talmndische Schrifttum (ub lrackuut plnrss ex clocboribus nosbris cabliolicis, qui ntrinsgne liuAnae bam bebraeas quam latiuas peritiam babusruut), iveil sic nicht bloß viele Jrrtümer lehrten und den Sinn der heiligen Schrist verdrehten, sondern sogar mit den alten talmudischen Schriften, welche vor Christi Geburt geschrieben — etiain contra autiquissimos eoruin Mialmuckicos et scripta, — im Widerspruch stünden. Daher sei zu raten, ihnen solche Schriften zu nehmen. Es sei aber vorauszusehen, daß auch die übrigen Schriften der Juden, auch die Originaltexte der Bibel von den Juden ketzerisch verderbt worden seien (Llsteruui quia tinistnr, qnock non solnin praetracti libri, seck etiain sornni tsxtus originales siut in csrtis xassibus et piaeclpns ubi inaxims t'acinut testiwoninin pro ticke nostra cbristiana, coiiuipti st clexravati). Daher sollten den Juden sämtliche Schriften, auch die Bibel abgenommen und den Diözesanbischöfen und dem Inquisitor übergeben werden. Diese sollten dieselben untersuchen, und, wenn laut Angabe ketzerisch befunden, dann müsse mit ihnen, wie mit ketzerischen Schriften verfahren werden. Auch an den Personen, welche solche Schriften besäßen, solle Strafe geübt werden. Es wäre überhaupt recht, wenn von je zehn zu zehn Jahren die jüdischen Schriften inquisitorisch untersucht würden. Den Kaiser rühmt die Mainzer Fakultät, daß er ein so gottgefälliges Werk unternommen, und ermahnt ihn, darin fortzufahren, um dadurch den Übertritt der Juden zu fördern. Auch sie empfiehlt dem Kaiser Pfefferkorn; er möge ihn, den musterhaft eifrigen Christen, unter seine schützenden Flügel nehmen. Note 2. 497 4. Das Botum der Erfurter Fakultät, wegen Kriegsunruheu zu spät eingetroffen, fiel ebenso aus. — Am vernünftigsten sprach sich die Heidelberger Universität aus. Der Kaiser möge Gelehrte von allen deutschen Universitäten zusammenberufen, um diese Talmudfrage reiflich zu erwägen. — Das Votum von Viktor v. Karben ist wegen seiner Weitschweifigkeit von Pfefferkorn nicht mitgeteilt worden. Es stimmte gewiß in allen Punkten mit dem der Cölner überein, da er unter deren Zuchtrute stand. Der weitere Verlauf, besonders das Schicksal, das Renchlins Votum erfahren, bis es in des Kaisers Hand gelangte, ist bisher auch nicht qnellengemäß dargestellt worden. Pfefferkorn berichtet darüber (Ost'snsio contra t'ainosas bei Bücking, S. 101), als wenn weder er, noch sonst jemand dabei eine Indiskretion begangen, sondern als wenn der Erzbischof Uriel die Schrift als einen unbedeutenden Wisch behandelt hätte. Dieser habe über dieses jnden-, oder richtiger talmudfreundliche Gutachten scherzweise geäußert: guock babnsrit (ksncüi.) Incka'lenin ueqnam post aurss suas ssäsntein. Er habe ihm, Pfefferkorn, erlaubt, cs sich ans der Kanzlei zu nehmen, wo die Schreiberburschen damit gespielt hätten: Ivi tnngns all oauoeiiariain st, invsni eon- suitationsin ipsius in svarnnis jacsntsin, gnam seribarnm pnsri saspins IsKerant pro rickionlo üabsntss. Uriel habe ihm dieses und die übrigen Vota mit einem Begleitschreiben an den Kaiser übergeben, worin er dem Urteile der Cölner und Mainzer seine Zustimmung gegeben. Das Schreiben Uriels wird das. S. 103 ff. mitgeteilt, aber es ist wegen des Datums: ckls Uartis post Isstuin Liinonis st Inckas 1510 d. h. 29. Oktober, verdächtig, weil die meisten Vota damals noch nicht vollendet waren. Pfefferkorns Bestreben ging sichtlich dahin, den Erzbischof Uriel als Gesinnungsgenossen der Cölner darznstellen. Uriel war nämlich zur Zeit der Abfassung der Ost'snsio contra, tainosas nicht mehr am Leben; darum konnte ihm alles mögliche untergeschoben werden. — Was von der Nachricht zu halten ist, der Kaiser habe sämtliche Vota einer Dreimännerkommissiou übergeben, seinem Beichtvater, dem Kartäuser Georg, und dem Rechtslehrer Hieronymus Baldung, und diese hätten die Vota der Cölner und Mainzer gntgeheißen (das. S. 104 sf.), weiß ich nicht. Von Baldung ist die Nachricht wahrscheinlich erlogen. Denn dieser interessierte sich später sehr für Renchlin, gehörte also zum Humanistenkreise. Einer von Renchlins Freunden schrieb ihm, kaum drei Jahre nach diesem Faktum: lujnnxit stiain midi Or. Hisronxmns Laicknu^ oinnsin opera-m snain nomins sno tibi in üao rs poiiiosri (vom 22. Mai 1513, Briefs. II, Nr. 96). In einem Punkte hat Pf. gewiß die Wahrheit verdreht. Er legt dem Kaiser eine ehrenrührige Äußerung über Renchlin in den Mund, als habe dieser sich zur Abgabe seines Votums von den Juden bestechen lassen. Usueülinnin snos articnios all gnenclam nobilein (Llissivs) ''NI Ndi'Nkk N>12 N122 !nN2N N1dt2N >lt2 NN222 X2lN I's-NL'I d2 212 -Nl'2'2 t<21N sl.lN '22^2 2'k<2N dtI2 'NN 'NNtt 2l^N2 2'kk21'l Il^MI 2'2222 NN'PN N2'N'N 'i'lL'I 2N1NN N"-IN 2.1 1222 s'kk 'I N2NK 2'2dt N1NNL'2N . N22> NIL-Nl IN'IN N121>l2 'NNX 21NX '^2!2 21221 21l2> NÄP 222 2N212 'IN ','kt 1N122 N^22> 2"NlN> 'Ndt2 NN' N"N' 1221Nlk N2'PN 222' 22^ 22> 2"2» 21?2 Nd!'21>P N'2> 2'^1N.1 2'22N1 2'N112t<2 N>1N.1 N2'2l' NNlt NNl.ldt 2>12 l>'21 N1N>kkN N22N2 2't2 2'12N11 2'>N21 MN N2'?l '>2N N2'2-1N :>1N.1 >1P2 NN1221 N1122 NNt< 22 122" 1N12>22 'N' >2 NN 22 >22 N1212» 2N'NNl INlKIL» ,IN'IL» N12"NN 'N22 I'DIN'N N22 Nl '21X2 21N2 2'N22N 12'N212t< NM Nl>'2N1 N1>>P1 2'21N'.11 2'22N 22122N1 Nl'2'2 NlvdiN '21Ndtl '2 N2> Nl ,>2 . 2'N2121 2'N>.1 NlN2l 2'N2»1 '>21 N2'^N >2 2di 21' >22 Nil 12>2' 221 N21X >21 122 2'>^P21 2'>^2N2 2N 21'1 -N12^NN 'N22 N122 Nl ^21 'NNtIdiL» 212>> 12> 2"2- NN1' N^IN.l N2N N12> l'n>! 2'N22 l'N K' 2d!I2 12'2'22 "2 . . msmorianr. Beide verdienen mit- 8. ?i'omei»oria. ^.cl xerxstnam eatnmuiae msmoriam a tireolvAistls st trn- tilbus Oolonisnsibus midi .loauui Reneülin tnrMsr ittatae. 2'2N k<> 2^2» 'IN '2 >2> 2NN' NN' !^"l IMINtk ^">'2'222 N2'?N N2'2" 22-> 2"2> 21P2 Nd!'11>1p N'2> N22N2 2'>1N.1 2'22N1 1l'N21X2 N>1N.l 2'>N22 NNt>' NN1.lk< 2>l2 1X21 NlNNXN Nls)2 2'diNlp 2'2'2B 2'N2d!l 2N2NN NlN NO'pl 'NMN N2"LNN .NlNl! NNl22l Nl'22 NNX 22 12L-" 'NlIN'II 'N22 '"2 Nll 22 >22 NlNL' 2N'NNl 2'N22N INldtIL-N 2N'2L' N22NNN 2'21N'.ll 2'2lN'N N22 Nl s2lk<2 21N2 '21NX1 l2'Ni!2k< N.12 Nl>2N1 Nl>Npl 2'N>2 2222N 2'N2.lN Nl'2'2di MvdiN >2 2t< '2 N2> Nl ^2 kkNl .2'N2l2l NvlX >21 N1N21 2'NLN '>'21 N2'^N 2'>>2N'2 2N 21' >22 Nll l/>L' 22l 502 Geschichte der Juden. Brief. ON' OO'O' NNX nOlO NOVXN N'N ON'X PI vO'L' N'L'V 1L"O OV'VXV POOL ON1X O'N'OV "2p O'OSON ONVns' N'L' s'X pOvO )OO . 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Brief. 22' pp 1'1'2- '12 plp'722 2-P28 p'22^ 1'12- 2'12'P1 2'2p21 2-122 f282 118 711' 1221 181 12-712'2 181 12-71 28 PI 12-12282 P1181 .218' 2'1p8 '2'72 212 1'1' '2 21182- 21P21 21P2 P222- 2.12' pp 2212-pl 21ppi 1822' 112P11 '122 '2118 1171 -'.11282- .1122 '222 112-111 112-P21 111118 P2 p2 1127 28'2lpl 2'1221 2.118 llppi 11'2 128 11 118 -11PP21 Pp21 '12.1 p8 112-7P 112 1127 IP'P 12112- 12'pl 11127 1181 1217 PI .'p8 2'1222 "7 '27'2211 12111 1128 'i 212 '282' 112P211 12'pl 1112 1282 2'1222 22-1111 1P111 f'122 1'18 .181 28 212 181222 lp'82 28 1p8 '.-.12-1 1121P1 'p22' 217'2 '21 '281 1112 '1' 17 '"2'1 '2212' 12 -si 1p8 2'1222 '12"71 '11212- i'12 '2' 12 'i 1'12- 12181 P2-1 1127 2'llpl P2-P '1222 181ppl 112^1 '112'2-11 '12121 '122-11 '11.111 811 '171' 8p '282' 12'P1 1282p 2'1211 1182 112l.11 '1222 -1722- 2'pil2 1'1' 1121.1 '1222- PI '121 P28-2- '2 p21 .111281 2'P1111 2'2'lp 1181 2'1212 1822' 281 '121 ','28' 18 '221 1118 1212 1212-21 11182- 122 2" '2 1212" 18 P12" 2'12O 2'1222 2-118 2-1221 1p2p '122 12 p21 .22112'i 111.1 1221 1'1'2- PI 128 ,128 1212-21 11182' 12-21182- 1181 -7'2'llp 2'72lp 11'2 '12121 '1122 8-p 1"1' 12'pl 22'2'1^ 2'1P"21 1--221 2118 -1182'2 '2118 1211 ^ 21-2118 '1'p : 128112 2'1'22 22'8 ppl 12-128 P21 21182- 21P21 21P2 P222- 212' pi 2212-pl 21ppp 1822' 112pl 'ISO 128 11 118 .112822' 1122 '222 1'2'7i 12 127 Ip'i 12112' 12'pl 2.12 1127 1181 12-7 P' 1p8 2-1S22 f'il'1 P11' -282- 12111 1128 'i 2'1S22 2-1111 1P111 P12V 1'18 -18p 28 212 18222 'p82 28 li.8 -.122-1 121P1 'i22- 217'2 'Sp '281 P112 1112 '"7 22'1 -2212- 12 'Sp 1127 lp8 2-1S22 '12"7' -112i2- 112Ü '2' p2 p 1-12- 12181 P2-1 'li.111 2-11P1 ',12-p '1222 181PP1 12'pl 1282p '1122-11 '12121 -122-11 '1222 '.1722' 8il '171' 8p -282- -1222- PI '121 2-1211 lp82 1'2il 2'plll 2'2'lp 2-PP12 1'1' 112P1 '121 ','28' f'28'2' '2 p21 .111281 2" '2 12-2" 18 504 Geschichte der Juden. Brief. 1X1 1X'21>1? 12'L'' "0211' 1212721 ',?12 2127 1>2212 '.127 '1' > 72 ' 2111P'2X1 >2 '2X2' 112X> >11.' >1P2 '1 X>1 -12'1P'7'2 12121 12'122X2 111X2' X"X 2'212 1P722' 21> 21'"" '^1X1 2>'1 121 2'21 122 X1121 11X 122 '^7 2.12 1112.1 -2'2121 11'7'2 17222 ',12112X1 '1122 '>7 12.12 12'2"1 111X '1221 2.11X1 >22 2 ' 21 > 11 > 2»1 11 .x 122 f 2 2.1 '1122 122 1211 2212> '12 21?2 'P11 '22^ 1211 11 1122121 '121'2X1 111X 27'2 '2X1 .'>7 12'2'>11 122X1 s12^>2 11X 122 '1122 1127 '1212 2'22 1222 '1212-1 '1p>11 1222'X 111X pj112-> 1211 '121> 272 '1121 1>2' X>2' 1X12'21 '11212' 1221 .122X1 '1f?11 '2'72 '111 2"X21> '222 2'212 X1p> 221 '122 1112'> '1271 '227 '112 '2X21 '12122' 122 X>1 11 1212 11'2'21 22'2-2 111 121 11 'X 112-7^ 1>12' 21> 1'1 111X 11>2-1 !"112 122 '>7 1212 '1.12 .21X1 2'1>X '2'7'2 '2>>j?> '12 2'212 212- XI' '2X2' '222 '211X f2>1 s-11 2 2 2-2> '11X 12'11' ^>11.1 111'2 '1'1 '12'121 '21P22 11X2 2'2'7'21 "'22 '2X 1>12 1212 '1112 1'21 11122 1>72 ' 1722 - 2 ' 1'2 f12 2-11P1 121.1 '2 -^X 11'2'21 "1122 1>722 '2X 2'P22 "1221 11'2'21 12-11P1 1X2 's' "112-12' IX 2.1>12' 21> 1'1' X>2' 12'211X 11X f'1 '22> X12> '21'121" 2112'1 X2222 122 '12'12 '221272 '^11 121' 21"X 2X1 12^2' 2'212'21 2'P112 11'2'21 12'211X 12-1"I? 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MA» Note 2. öOö Brief. - -;L"il llll 2'2'li )21>2 2X 121 ^ 1X'2l1ls2l X121 12X -WIN 17 721 2'X 1' 21'1>' 211P2 IX 2222'21 1U2'X122' )'1 V'X 2.11 2'>'2 12" 1121 7111 222^21 X2X '12'12l ',11 X12'1 2"2 2'72 'sl '1X22 '2 71X 11 1212 'lil 12'11 'll 2 >' 2111 '122 12 1212-2 X12- 122 '1"11 P11' 2X 'X112 '2 222-X2 11211 i 2 'i 1 X '2111 112 X 2 - 12 " 22 - 72 x 21 '12 12-71 12-7 121 llX 2'122 11 2-sl>22 2X )2l '121 2'212 11X111 11111 Xl2' '112X2' 122 slN121 1112' 2" "'22' 11X 22'1 '12-P2 121X2' 1221 .1111 11 112-71 1121 2'11X IX 2"2 112-1 '11122 212 72121 212' 2l2 ,12'1'X 2"2 ' 1>'1 1112 ^ 2 " 2"2 '2 1221 2'2121 11121 1X1 111 11 .11X"2l 1 P 2 ^ 1'2 '211 21 2"2 2 "P' 1 ' 212 ' 21111 '211X 7211 -12"2 12'11 -ll'l'l '112-2 I'romemoris. 2'11X 2'2211 2212.11 11'2'2X1 222 2'211 X1P1 2.11 '122 ^112'1 '1211 '221 '111 2X2'1 '12122' 122 Xll 11 1212 11'2'2X1 222'2 111 '111 121 11'X 112'7l lil2' 2l1 1'1 X12- 121 Xl2 711.1 122 '11 1212 211P1 '12 2'212 111X 1112". 2121 12'2 '1"1 '2 21X1 2'1"X '1'12 1122'X2 112ll '122 12 12'2'' X'2' 7>'2" 'IX ,12'1 '11X 111' 11X1 111 p ' ' 11'21 "21 212 '2 -, 22 ' -12'2'1 1211' 1121 11X1 121 721121 -121X 2'P22 1'21 21.12 7>2P,1 -1122 12X21 2121122 f'l'NII 2'2l11' -112f111 Dieses ^ck msmorieem oder Uromsmoris war entweder der Entwurf zu dem Briefe an Bonet de Lates oder eine Kopie desselben, die er mit Weglassung mancher Punkte zum Abdruck für die spistolss iUnstr. virr. übergeben hat. — Die Zeit, in der Reuchlin den Brief an B. de L. gerichtet hat, bestimmt Böcking (Suppt. II. 131) zwischen April und Mai 1514 d. h. nach Beendigung des Mainzer Prozesses und der Speyerschen Sentenz (29. März 1514). Aber mit Unrecht. In dem Briefe wird nicht einmal angedcutet, daß bereits inquisitorische Verhandlungen über seine Schriften stattgefnnden hätten. Im Eingang bemerkt vielmehr Reuchlin, daß die Händel wegen Konfiszierung der Schriften innerhalb zweier Jahre 012 - qi,i begonnen haben; das würde ans 15t 1 oder 15>2 Hinweisen. Gegen Schluß spricht Reuchlin von einer Schrift Pf.'s gegen sein Urteil — das ist offenbar der „Handspiegel" — dann von seiner Schrift in deutscher Sprache, welche die Dominikaner verketzert hatten — das ist wohl sein „Augenspiegel", ferner von einer umfangreichen Schrift der 506 Geschichte der Juden. Dominikaner gegen ihn: ww miLu nn-. Damit können nur Tongerns: ^rtieuli 8ivs prnexoeitionse vom August 1512 gemeint sein. Er führt also in diesem Schreiben die Vorgänge nur bis August 1512 herab. Infolge der denunziatorischen Schriften habe er sich dem Ausspruch des Papstes unterworfen und bitte darum B. de Lates diesen günstig für seine Sache zu stimmen, daß die Untersuchung wohl in Deutschland (nicht in Rom) erfolgen möge, nur nicht in der Cölner Diözese, wo seine Gegner ein Ungerechtes Urteil ertrotzen könnten. Daraus ergibt sich, daß dieses Schreiben noch vor dem Mainzer Prozeß, vor September 1513, verfaßt wurde. Was die Abfassungszeit der spietolus obsenrornm virornm betrifft, so muß das Datum ebenfalls berichtigt werden. Die bisherigen Ergebnisse der Kritik sind, daß die ersten Dunkelmänuerbriefe — bekanntlich ohne Datum erschienen — erst 1516 veröffentlicht wurden; so Strauß. Früher wurde gar angenommen, daß sie erst 1517 erschienen wären, bei Meiners und anderen. Nur v. der Hardt hat ihr Erscheinen 1515 angesetzt, aber ohne Beweis. Böcking setzte sie noch Ende 1515 und Anfang 1516' (Suppl. II. S. 138). Der Beweis für das Datum läßt sich aus Pfefferkorns Ostsusio contra Iamo8as epistolas führen. Diese Schrift war August 1516 bereits vollendet, und darin heißt es (A. 4 bei Böcking I. S. 15S): Impressas 8unt i^itur intr-r annnin et mientii tempue epi8toias aliguot Iamo8i8 eimue et 1nlame8, gnas ob8enrornin viroruin iu8eribnntnr. Also innerhalb eines Jahres vom August 1516 zurückgercchnet, waren sie bereits erschienen. Aus einer anderen Stelle daselbst scheint sogar hervorzugehen, daß das Gerücht von den Dunkelmännerbriefen schon Mai 1515 verbreitet war. Pf. zitiert das. (U. 4 bei Böcking das. 151) ein Schreiben der Löwener theol. Fakultät an den Papst, ausgestellt clseimo Lai. Innikm — 23. Mai. Das Jahr ist zwar nicht dabei angegeben, aber es ist wohl dasselbe, wie in dem vorhergehenden und nachfolgenden Aktenstücke, nämlich 1515. Nun wird in diesem Schreiben der Löwncr Fakultät geklagt: Luno untern inoe88it nnribne no8tri8 Irorrsiiiln8, neo eine iuerzmis rstsrsnärm rumor per dsrmuuius purtse, non parva 8eanclala oborta S88k Inäasie, Obri8tiani8 1n8ultantibn8, imrno gnock Ieäin8 et intolerabi1in8 S8t, non- nulli Odrietiani sie in wanne porri§ant libslloe oauino Ispors ae vipsrea inoräicitats plenoe oomponenclo, guibne et DbeoloZias lacnltatem et ip8in8 proteeeoree laoerant, slnrlnnt, ao üooci laoiunt et populie rnäibne invieam reclilnut. Die „Libellen mit hündischem Witz und Viperbissigkeit" gegen die theol. Fakultät und die Professoren 1 Hochstraten, von Tongern und Ortuin Gratius), sind das nicht die epietolae vbeenroruiu virornm? Merken wir wohl darauf, daß die Löwener nur vom Rumor sprachen; gelesen hatten sie sie damals noch nicht. Aber die Cölner Humanisten von dem Busch und Nuenaar mögen bereits davon gesprochen haben, entweder daß sic sie damals bereits in ihren Händen hatten, oder daß sie einen Wink über baldige Veröffentlichung erhalten hatten. Die epwtolas ob8eurr. virr. müssen also vor Mai 1515 erschienen sein. 3 . Der Dseudomessms Ascher Kämmlein. Die Nachrichten über diesen Pseudomessias im Anfänge des 16. Jahrhunderts wurden bisher nur ans Quellen zweiten Ranges entnommen. Daher Note Z. 507 wurde das Datum seines Austretens nur vage angegeben. Joseph Kohen, sonst eine zuverlässige Quelle, setzt das Faktum tu seiner Chronik um 1501 an und im Dmslr ba-Laoba (p. 93) noch unbestimmter zwischen 1496 und 1569; Gedalja Jbn Jachja (in Sebaisebelet p. 34 b) auf 1560 und ebenso David Gans (in Aemavb David I). Zeitgenössische Nachrichten, bisher unbeachtet, geben aber das Jahr Vvn Lämmleins Auftreten ganz bestimmt 1562 an. Die eine Quelle ist Abraham Farissol in seinem apologetisch-polemischen Werke L.VLLN pv, noch Handschrift. Nachdem Farissol mehrere pseudomessianische Bewegungen und ihre Ausgänge geschildert, fährt er fort: >v'L vv.-i vz ns, iwr'u NLvpW L'VLT, Lp nnw-m „vLL v.s'Lsii'n mb'bL „b.v .v^'^LL 't'pb, 'LLL, P'SL'L v'.v, V'LPL.V VS'LL VPLV ,'v'LVv TIIPSLNLI VL'U 'i wiv ,'LL'L, 1'VILLPVL, IL VL'L.S.v:, VLV .1L1VVL Lwn LN LNLV, . SL PLUvb -2 'Iran! nbnL "L"L"L tNL'L Np >,.S1 nrn N'.N .Nil .pLv pL.v n>n r>,LLL, .NL ^mrnvl . NNNN'S Eine andere zeitgenössische Quelle ist Pfefferkorn. In seiner ersten juden- scindlichen Schrift „Judenspicgel" oder speenlum bortationis sndaieas von 1507 (o. S. 479) gibt er einen sehr langen Exkurs über Lämmlcin (in der lat. Schrift Dar« I Bl. 0 3): Zlemini e§o vobisenm (mit den angeredeten Juden), enm nnmsraretnr a »ativitats anni 1562 tnmultum et vnrbam knisss iuter vos in Kailia (?), motam per dudaenm gnendam nomine Osmmsi, gni eoepit et ansus erat praedieare omnibns, nt gnisgns ss enm posnitentia st sxpiations pararst in advsntn messias, gnnm xrope esset, auunm dimidinin in baue apparitionsm detiuivit. Veutnram Posten dixit nubsm a Deo, gnas popnlum nostrum amplsxura köret, nti mafores nostros. Vpparitnrawtins ooiumnam iAnis dnosm Ilierosoiznuam versus, lmmoiauda itsrum saoiitioia . . . ^.dz'eeit in tidem pssndoproxbetias et prasdieationis snae portentnm kntnrnm, nt sub id tempns asdes saoras Obristianornm ruersnt atgns psrirsut. Loitis kratrss ineenm, quam Araves poenitsntias st expiationss vix tolerabiiss .... per nosrros tum aetas sunt, . . . Dbi tandem krnotns poenitsntias st tormsnti vsstri est aut inanet? Drimnm mazorss vsstri et vos omnes sxpsetatis spem adventns Vessias ad auunm 1506 post nativitatem Obristi. Lnper id gnod vodis extremnm oonstitnistis, tempns auni sex aeeessers. Wenn Pfefferkorn auch ein verlogener Schriftsteller war, so stimmt seine Nachricht von den Büßungen zur Zeit Lammleins mit der anderer Quellen so genau überein, daß an seinen Angaben über denselben nicht zu zweifeln ist. Das Jahr 1502 für Lämmleins messianische Bewegung ist demnach durch zwei zeitgenössische Zeugen konstatiert. Es ist auch durch eine Stelle in Sebastian Münsters hebräischer Vorrede zu seiner Edition der Bibel und in seinem n'lpL.v riw.v, bestätigt, worin er bemerkte: vL'MLvwL i-LL vLiL'v vmu-p p"ri> L"vv rnva v.vn nb.n (N. Brüll, Jeschurun IV. 205 und Perles, Beiträge 4>). — Der Schauplatz seines Auftretens wird in den meisten Quellen in Istrien oder im Gebiete Venedigs angegeben. Die Lokalität Gallia bei Pfefferkorn ist entweder ein Druckfehler oder eine ungenaue Angabe. — Gegen Ascher Lämmlein polemisierte Joseph Jbn-Sargu (Perles, Beiträge 41 N.) pn gvi' vLv.iL v-b^L SLLVL.V LL'N Lp .WLIIP.V V'L'P-. Diese Polemik ist wohl enthalten in der Bodleiana (Ood. Vs. Xo. 16634): np,- ansrvers on 3 Labbaiistieal gnsstions bv Voss Ilekex to ,peH -v.-« 'v. 508 Geschichte der Juden. 4 . Zur Geschichte der Vertreibung der Juden aus Uegensbnrg (4519) und Auto» Margaritira. Zwei Zeitgenossen, ihrem Charakter nach grundverschieden, bemerken übereinstimmend, daß Zwistigkeit und Hader in der sonst friedlichen Regensburger Gemeinde in den letzten Jahren vor ihrer Vertreibung mit Ursache derselben gewesen sei. Diese beiden Zeugen sind der verworfene Täufling Auron Margaritha und der biedere, für das Wohl seiner Glaubensgenossen in der Nähe und Ferne unermüdlich und unerschrocken eifrige Joselin lJosselmann von Roßheim). Der letztere bemerkt in seinem Sammelwerke itpv.i ->22 (.tls. Loäl. 2240 , abgedruckt I-sttsrboäs, ärisinaanäsUjksclt Dijäselrritt, Jahrg. X, 1880 — 81 , p. 137 ): 2-1212 221 12-22 nim ii -8 .1b11.11 ,211-222x1 1211,11 2 x i 8 i Der erstere bemerkt (Der ganz jüdische Glaub, sä. 1530 , L. 3 ): „Das ein solche Uneinigkeit zu Regensspurk unter ihnen (den Juden) entsprungen ist, dardurch sievertrieben worden scindz denn wenn sie eins gewesen wären, wären sie solcher Vertreibung wohl fürgekommen". Die Zwistigkeiten entstanden, wie Joselin angibt, durch zwei Verräter (2-12:2), die er nicht nannte. Aber den Namen des einen nennt Margaritha, und der andere war — nach Joselins von demselben geschilderten Untaten — Margaritha selbst, der Sohn des Rabbiners Jakob Margoles von Regcnsburg. Der von diesem genannte Angeber war Moses aus einer Familie Wolf. Er war reich und zugleich ehrgeizig. Er und seine Familie waren von auswärts emigriert und er strebte nach einer angesehenen Stellung in der Gemeinde, die ihm aber, als Fremden, die Eingesessenen nicht einräumen wollten. Ich lasse jetzt Margaritha sprechen: „In derselben Zeit ist ein Rorbek Hauptmann zu Regensspurk gewest. Ist der reiche Moses zu dem Hauptmann gegangen und gesagt .... „ich will euer Vst. anzeigen, worzu euch die hier altgescssenen Juden verglichen haben, näinlicb zum Ha man . . . . dem cs gehen wird wie dem Haman, den man gehenkt hat" .... wo sie es nicht bekennen, will ich euer Strenge so viel wie 1000 Gulden verfallen sein." Darauf ließ Rorbek drei Juden, welche diese Äußerung getan, gefänglich einziehen .... Darnach hat sich mein Vater, welcher oberster Rabi zum sclbenmal in Regensspurk war, mit sampt anderen in die Handlung getan, den reichen Moses wollen in den Bann tun .... Darnach hat der Kläger (Moses) ein wenig hinter sich gezogen." Das will soviel sagen, Moses Wolf hatte einen Anhang, mit dem es der Rabbiner nicht hat verderben wollen. Dieser brachte indes einen Vergleich zustande. Der Hauptmann erhielt 3000 Gulden Sühnegeld für die Beleidigung und steckte den Haman ein. Er begünstigte selbstverständlich den Angeber „und dieser wurde der Oberst zu Regensspurk (in der Gemeinde) und hat alle Ämter nach seinem Willen besetzt. Seine (unterlegenen) Gegner nannten ihn nicht Moses, sondern „Moßer" (1212), und verbreiteten Schriften, darin vieles Übles von ihm und seinem Geschlecht zu lesen war." Dadurch entstanden leidenschaftliche und häßliche Reibungen. So weit Margaritha. Diese Einzelnheiten geben das Verständnis für die Andeutung bei Joselin: 81.1 2: bl,21 2t1°> . . 128b (122-11 l.) 122-1 1-xi b-2-12 1-22 8211,2 b,28b 82 (1212.1) 21-2 ibxi . . . 11122 1'IIlb -12 2b^t1 12.1 1-181,21 . . . -8U 221 z-bx 181,2 1ix"2 22 ib>'2b ib>-2b >12,2.11 1'2-x.i .181.11 811.1. Damit sind Moses Wolfs Angeberei und unheilvolle Folgen gezeichnet. Dieser war also der eine der beiden Angeber, von denen Joselin im Eingänge spricht. Den anderen werden wir noch besser erkennen, da Joselin noch mehr Tatsächliches über ihn mitteilt. Von dem andern sagt er: irmn v'm.n imm .mr'iw'a wvaa m^'bp mrwb nivri nsa ipm cosia .nbu.n ^ (->nn.n l.) a>s>Ll navb n:-' niLin.i ci'bbpL L'ii.i'N : a.nb c'iaa n'.mr 'ba .nawm :a'L'.nb ('a l.) w nblr ix Joselin gibt auch das Datum für diese Angelegenheit an: pe,b 'b . . . . ,n'a mp,:.-, . p'v r>^!v an n"a nxw vimv a'MLb Dieses alles führt darauf, daß unter dem anderen Denunzianten Anton Margaritha zu verstehen ist. Derselbe hat nämlich ein giftiges Buch „Der ganz jüdisch Glaub" geschrieben, das im April 1530 in Augsburg gedruckt wurde. In diesem Buche, das die Gebetweise und Gebräuche der Juden lächerlich macht, kommt der Verfasser öfter auf drei Anklagepunktc gegen die Juden zurück, das; sie Jesus und die Christenheit schmähten, und daß sic Christen zu ihrem Glaube» verführten und die Bcschneidung an ihnen vornähmen. Bei der Verdolmetschung des ^lenn-Gcbetes gibt Margaritha an, daß die Inden bei den Worten i p-n banb . . . wpma a.-nv dreimal ansspeien, wider Christum und seine Gläubigen (Vl. 1.). Auf Bl. O. heißt es: „In Summa all der Inden Hoffnung und Beten ist dahin gerichtet, daß den Christen Scepter hinweggenommen und zunichte gemacht werden soll, wie sie denn jetzt an des Türken Krieg ein überflüssige Freud gehabt." Auf Bl. L.: „Ob aber die Inden sprechen wollen, sie machten jetztmal ans keinem Christen ein Inden, sage ich in göttlicher Wahrheit, daß es oft geschieht, wie in diesem Büchlein mehr angczeigt." Es ist also nicht zweifelhaft, daß Joselin unter dem andern der Angeber, welcher Mitveranlassung zum Hader in Rcgensburg war, Margaritha gekennzeichnet hat. Dieser muß aber, noch ehe er die Taufe genommen, Angebereien in Rcgensburg getrieben haben. Dieses deutet Joselin mit den Worten an: lainb gina . . . mmmr am' sp, d. h. außer der Angeberei durch Moses Wolf von früher (als Margaritha, wie er angibt, 13 bis 14 Jahre alt war, und während Rorbeks Hauptmannschaft, vor 1512), waren auch solche kurz vor der Vertreibung vorgekommen. Diese sind gewiß von Mar- garithn ansgegangen, noch ehe er getauft war. Gelegenheit genug war dazu in der Erbitterung der Bürgerschaft gegen die glückliche Konkurrenz der jüdischen Geschäftsleute und bei der fanatischen Wut der Dominikaner in der Stadt gegen die Inden, wovon der ungestüme Domprediger Balthasar Hubmaicr (welcher später Führer im Bauernkrieg war) die Kanzel erdröhnen ließ. Margaritha scheint in seiner Schrift selbst zu verraten, daß er sich der Angeberei schuldig gemacht hatte. Er bemerkt (Bl. L2): „Wenn ein Jude den andern vvr einer christlichen Obrigkeit verklagt, auch vor einer christlichen Obrigkeit angezcigt ihre Büberei und Händel und dergleichen, wird er vcm bei ihnen genannt." Von der Giftigkeit, die er in seinem Buche gegen die Jndenhcit bekundet, muß eine Dosis bei seinem verworfenen Charakter in seinem Innern noch vvr seiner Taufe gesteckt haben. Man kann sich wohl vorstellen, welch eine Aufregung es in der Gemeinde gemacht haben muß, daß der Rabbinersohn als heimlicher Angeber entlarvt worden war. Der Strafe von seiten der Gemeindevertretung entzog er sich wohl durch die Taufe. Margaritha muß noch vor der Taufe verlobt gewesen sein, also im Mannesalter gestanden haben. Joselin bemerkt darüber: °!rmm ipn irm.n M 2 > miom >:r' mm .M'in b'vrn . . . . rn a'ch-:: rm, mmin 510 Geschichte der Juden. Die von Joselin nicht genannten zwei Angeber waren demnach Moses Wolf nnd Anton Margaritha, und diese haben die Wirrnisse in der Gemeinde und als Folge davon die Vertreibung derselben veranlaßt. Nebenher sei beleuchtet, welch ein Wicht der letztere gewesen sein muß, weil Luther seine giftige Anklageschrift benutzt hat und auch persönlich von ihm gegen die Juden aufgestachelt worden sein muß. Joselin erzählt, daß der Kaiser Karl V. infolge der in Margarithas Schrift enthaltenen Anklagen gegen die Judenheit erbittert gewesen und Joselin habe vorladen lassen, um ihn darüber zu vernehmen. Was hat den Kaiser so sehr in Harnisch gebracht? Joselins Tagebuch gibt darüber Ausschluß. Im Jahre 1529 hatte Sultan Snleiman glückliche Eroberungen in christlichen Ländern gemacht, hatte Ofen genommen und stand mit seinen Heeresmassen vor Wien. Nun ging das Gerücht, die Inden stünden in geheimer Verbindung mit den Türken. Darüber war der Kaiser nnd König Ferdinand von Österreich so ausgebracht, daß sie die Juden ans ihren Reichen vollständig zu verjagen gedachten (Lsvus ä. Lt. XVI, 99, Xr. 14): p"i me-: a'222 2ii>'bx >222 ,v':>2 ix 2:2"? 22 pii22>2 -'iim.i 2:2 2ii:i--2 b2i: ,2121 212: 21,2 --2' 2122.2 .12-2 i>:2 -12 22'22 uv ,2,22 N2V 1:2 "',2221 ->2.21 22',22 i:-:i2N -:M2 212. Nnn hatte Margaritha in seinem Buche dieselbe Anklage erhoben, daß die Juden den Türken in dem Kriege Vorschub geleistet Hütten, und diese Anklage schien glaubwürdiger als die Gerüchte, da sie doch von einem Inden herrührte. Im Tagebuch, wie in seiner Schrift 22,21:2 'o erzählt Joselin, daß es ihm gelungen war, diese Anschuldigung gegen die Juden auf Landesverrat vollständig zu widerlegen und die beiden Fürsten von dem Ungrunde derselben zu überzeugen und zu beschwichtigen. Im Tagebuch: '2222 '2222: 221,22 21^2,22 22202 -2 2 x 1 1 ^ 2,212 ->2 N2'!2 . 2'222 U122 >:»2 , 2I2 - L"N 2 > x2 M12I22 N2>'>'22 221 ' 2I i :> 2l22:.22 MS2 ,:>121',2 i>2 M",21.1:'2I22-:N2 -222. In der Erzählung von der Angeberei: 212,N2 22:22b! 2122: 2121122 2'v>2i> ;>"2 21V' 2x12 22W2 ll'21122 >b 121 .,2'S2!22 2>bn2!2'2 Joselins Apologie, welche er bezüglich der Anklage des Landesverrats mit reinem Gewissen geben konnte, hat den Kaiser so sehr überzeugt, daß er Margaritha zuerst in Haft nehmen ließ und dann aus dem Reiche verwies. Joselin erzählt nämlich zum Schlüsse, daß Margaritha, der katholisch getauft wäre, zum Luthertum übertrat und für seine Glaubensgenossen Dornenstacheln war: i>2,2^ 12212! 1122: 2x2 (? 2L'22) 221,22 10:12^ M22 P122 212 1V2 P22: 2>' Ul'22 (2':>:2'b) 2':>:22 2'21 2'222 2121^2 2n 1^21 1:2!2N >212212 2N22 2>'12!22. Luthers leidenschaftlich verbissene Anklagen gegen die Juden in der Schrift „Bon den Juden und ihren Lügen", vor seinem Tode verfaßt, sind größtenteils aus Margarithas Buch „Der ganz jüdisch Glaub" entnommen. 5 . Zalomo Molchs und David Reubrni. Welche erstaunliche Fortschritte die Erforschung der jüdisch-geschichtlichen Quellen in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, dafür liefert nichts so sehr einen Beweis, als der Unterschied in der Kenntnis, die mau früher von den beiden Persönlichkeiten, dem Abenteurer David Reubeni und dem kabbalistisch- messianischen Schwärmer Salomo Molch o, hatte, und die man jetzt von ihnen hat. Bartolocci und Basnage haben die Existenz des ersteren Nute 5. 511 geradezu als Fabel oder vielmehr als Wechselbalg erklärt, indem das Faktum von der Gesandtschaft des äthiopischen Königs David aus dem Lande des Priesters Johannes 1533 von jüdischen Fabulanten auf einen jüdischen Prinzen David umgedeutet worden wäre. Der gelehrte von der Hardt hat zwar in seiner Schrift cts abrwu ?sa1mi 119 beide den Juden gelassen, hat aber ihre Biographien nach den ihm zugänglichen Sekundärquellen so entstellt, daß ihre wahren Züge daraus gar nicht zu erkennen sind. Jost hat ihnen in seiner umfangreichen Geschichte nur einige Zeilen gewidmet; er konnte in der Tat nach den ihm vorliegenden Quellen nichts Besonderes aus ihnen machen. Gegenwärtig kennt man als ganz neue Quellen nicht nur Berichte von jüdischen Zeitgenossen über die tiefe Bewegung, die sie erzeugt haben und ein umfangreiches Tagebuch von David Reubcni, sondern auch vier verschiedene Notizen aus zeitgenössischen christlichen Kreisen. Es stellte sich durch die neuentdcckten Quellen heraus, daß die von beiden ausgcgangene Bewegung nicht eine verschwindende Wcllcnkräuselung war, sondern daß sie eine nachhaltige, allerdings nicht sehr erfreuliche Wirkung hatte. Davids Austreten hat die Einführung der Inquisition in Portugal gegen die Scheinchristeu zuerst retardiert und dann beschleunigt, und Salomo Molcho hat dazu beigetrageu, daß sie die päpstliche Kurie eine Zeitlang ganz zurückgewieseu und zuletzt nur widerwillig sanktioniert hat. Molchos messiauische Schwärmerei hat noch über seinen Tod hinaus nachgewirkt. Den Zusammenhang zwischen Molchos Beliebtheit beim Papste Clemens VII. und den Hindernissen, welche eben dieser Papst der Einführung der Inquisition eutgegengestellt hat, habe ich früher schon geahnt und als Vermutung ausgesprochen in einer Monographie: David Reubeni und Salomo Molcho (in Frankels Monatsschrift 1856). Seitdem hat eine neue urkundliche Quelle diese Vermutung als historisches Faktum vollständig konstatiert. Durch de» Einblick in die Primärquellcn erscheint die Reubenische und Molchosche Bewegung in einem ganz anderen Lichte; sie verdient daher wegen ihrer Eigentümlichkeit und ihrer Tragweite eine eingehende kritische Untersuchung. Vorausschickcn will ich einen Überblick über die zuverlässigen Hauptquelleu: I. Chronologisch und pragmatisch ist als erste Quelle anzuführen: David Reubenis Tagebuch. Es ist ein »och handschriftlicher, sehr interessanter Kodex, der zur Michaelschen Sammlung gehörte. Er führt den Titel: opwr 'rami.n iw, von der Bodleiana in Oxford angekauft. Eine Kopie ist von der Bibliothek des Breslauer Seminars erworben worden, Ms. Nr. 128. II. Zwei Sendschreiben des Salomo Molcho, die er an seine Verehrer über seinen Rücktritt zum Judentume und über seine Erlebnisse gerichtet hat. Das Sendschreiben vom Jahre 1531 ist in Joseph Kohens Chronik mitgeteilt, und daraus ist es in die Schrift in? .im (gedruckt Amsterdam, wohl um 1868) übergegangen. Diese Schrift enthält eine wichtige Partie, die merkwürdigerweise bei Joseph Kohen fehlt, von i'rnb mnn rmp bis mr.-ib mnn .mp, büMiwr: mp-or. Diese Partie findet sich auch handschriftlich in einem Almanzi- schen Kodex. Sic ist das erste Sendschreiben an Joseph Taytasak in Salonichi von Mo na st i r aus gerichtet. Das nur in Joseph Kohens owm 'ini erhaltene dagegen ist das später erlassene. III. Das Aufsehen, welches Molcho unter den türkischen Juden gemacht hat, bekunden mehrere Äußerungen in einer Schrift, in der man das gar nicht sucht, nämlich unter Joseph Karos Visionen mir,« i'i::, wovon weiter unten. 512 Geschichte der Juden. IV. Das Aufsehen, welches sein messianisches Auftreten in der ganzen Judenheit gemacht hat, dokumentiert eine Notiz des Elieser Trev es, die sein Vater Naphtali Treves (in dessen kabbalistischem Gebetbuche pnp-? vom Jahre 1531, Bogen n. 2) mitteilt: 'i>p' > 1:2 VN 22 'bu na n"rn Lnärr — N'w?) ip-na nbripb irnpia main n>np >ana p'np.n an>n irnau L>a,a av n>na aa:i rib'ann 'a aa: oe- an ':a NL»n aiflnp ae'm .aira nab iaee>> a'e>rn a: . . . >nav baa a"n.n .naienn: up.n nx anvin> Also im Jahre 1531 berichtete man vom Orient nach Krakau, daß die messia- nische Erlösung bereits begonnen habe, und man tat von Jerusalem bis Salonichi Buße. Es ist gerade die Zeit, in welcher Salomo Molcho messianische Predigten im Orient und Italien gehalten hat. Über Elieser Treves siehe auch Brüll, Jahrb. I., 105. V. Von den externen Quellen ist chronologisch die erste, das Sendschreiben des Inquisitors von Badajoz Selaya an den König von Portugal vom 30. Mürz 1528. G. Heine teilte den Inhalt desselben mit (in Schmidts Zeitschrift f. Geschichte, Jahrg. 1848, S. 100). Dieser lautet: „Vor zwei oder drei Jahren ist ein Jude aus fremden Ländern nach Portugal gekommen und hat seinen Glaubensgenossen Mut eingesprochcn, sagend, sie sollten sich anschickcn, den Messias zu empfangen, der bald kommen werde, sie aus allen Ländern zusammenzubringen und ins Land der Verheißung zu führen. Der Mann hat vielen Anhang gefunden, und darum flüchteten alle Ketzer nach Portugal, wo sie Aufnahme fanden; es seien schon so viele an der Grenze des Reiches versammelt, daß neulich eine ganze Schar ans der Stadt Campo Mayor mit bewaffneter Hand nach Badajoz zu dringen gewagt und allerlei Unfug in der Stadt verübt Hütte." Aus der Zeitangabe in diesem Sendschreiben des Inquisitors von Badajoz: zwei oder drei Jahre vor 1528 d. h. 1525 oder 1526, ist nicht zu verkennen, daß dieser Mann, der aus der Ferne nach Portugal gekommen und bei den Marranen in Spanien messianische Hoffnungen erweckt hat, kein anderer als David Reubeni war. Auch Herculano teilt den Inhalt dieses Schreibens mit, und daraus erkennt man noch mehr Davids Züge (Da Origem s Lstabelsoimento cka IngnmiySo em DortuZ-al I, p. 211). Die betreffende Stelle lautet: Usiatava (Zslaz'a, Ingnisickor äs Dackajo?) eomo clons on trss aiiuov a-utes apxaraeera ein UortNKal um llncksu cko Orients, gns annnnoiava a proxima vincka cko iUessias, a libsrüaäs ckov Draslitas 8 a r88tanraqäo äo reiuo cks InüL. Er war also ein Jude aus dem Orient, der nach Portugal gekommen war und die Juden verführt hatte. Es ist schade, daß Selayas Originalbrief nicht wörtlich bekannt ist. VI. Eine noch interessantere Nachricht liefert das Schreiben des portugiesischen Gesandten in Rom, Bras Neto, an den König J 0 L 0 III. vom 11. Juni 1531 über die Schwierigkeiten, welche die Einführung der Inquisition in Portugal gerade am päpstlichen Hofe durch den Kardinal Lorenzo Pucci und den Papst Clemens VII. "selbst gefunden hat. Hereulano teilt den Inhalt dieses geheimen Schreibens mit, worin der Gesandte dem König berichtet: „Es lebte in Rom ein portugiesischer Jude, genannt Diogo Pires, welcher Sekretttr der Räte im Departement der Suppliken gewesen und aus Portugal nach der Türkei ausgewandert war, um die Taufe abzuschwören, die ihm aufgelegt war. In Rom angekommen, hatte er vom Papste ein Breve erhalten, daß niemand ihn aus diesem Grunde belästigen solle, und da lebte er mit großem Rufe der Heiligkeit unter den Juden, denen er die mosaischen Note 5. 513 Lehren auszulcgcn Pflegte. Diogo Pires hatte Zutritt beim Papste und den Kardinalen, und der Gesandte (eben Bras Neto) fürchtete sich vor ihm, nicht bloß wegen dessen persönlichen Einflusses, sondern auch, weil die Marranen von Portugal, mit denen er Verbindungen der Freundschaft unterhielt, ihm Geld schicken könnten, um den Forderungen des Königs Joäo III. durch Korruption zu widerstehen. Bras vermutete, daß ein Nepote oder Kämmerling des Kardinals Pucci oder gar des Papstes selbst sich hinein gemischt hätte." — Ich gebe die interessante Stelle im Original i Vivia ein Lama um lisdren portuK'uös oliamaäo Dio§o Dirks, gns tarn ssoriväo lins ouviäors» ün (lass. cln supplioaqäo, s gns saira äs DortuZ-al para n Nurgia n ad- snrar o baptismo, gus lös nvin siäo imposto. Vinäo n Doma, odtivsrn clo papa um brsvs para gus ninKusm o ineommoäasss gor tnl motivo, et nlli vivia eom Kraruls rspntaqäo äs 8nnetickncks entrs 08 suäeus, n gnsm oostumava S8pür ns clontrinns mosniens. Ninda Diogo Dires sutraäa eom o papa e oaräenass, e o eindaixaäor temin ss äells, naö sü psla snn inlinsnein psssoal, mns tnmdem porgus os eonvsrsos äs Dortugal, eom gnsm eonssrvava rslneöe8 äs ammaäs, lös poäsriam enviar äindsiro para odstnr ns prstensöss äs ,Ioäo III. gor msio äs oorrnpqäo, s Lras dlsto suspsitava gus algun sodsrintm on endionlnrio äs kneei, on äo proprio pnpn, nnänsss mettiäo nisto. Das Originalschreiben des Gesandten findet sich in Lissabon im Nationalarchiv (bei Herculano i. e. p. 235). Ohne besondere Kombinationsgabe kann man erkennen, daß unter Diogo Pires, Sekretär, früher Marrane, aus Portugal nach der Türkei ansgewandert, dann in Rom als Jude lebend, mit Zutritt beim Papste, im Rufe der Heiligkeit stehend und den Inden die Thora auslegend, kein anderer gemeint sein kann, als Salomo Molcho. Er war es also, der die Einführung der Inquisition in Portugal bei der Kurie zu Hintertreiben suchte. Jedes Wort in diesem Bericht stimmt mit dem, was Molcho in seinen beiden Sendschreiben berichtete, überein. VII. Eine fernere zeitgenössische Nachricht über Molcho gab der erste gründliche Orientalist des 16. Jahrhunderts, Joh. Albert Widmannstadt, in einer Notiz zu Molchos kabbalistischen Predigten (von Landauer unter Papierschnitzeln gefunden, Orient. Libl. 1855, Kol. 419 Note). D. 8alomonis Nololio, gui ss Nsssiam äuäasorum ssss prasäioavit, atgus Nantuas proptsr ssäitiouis Dsdraieas msrum, Oarolo V. . . . proviäsnts oouors- matus tnit anno (ni lallor) 1532, libsr äs ssorsta Dsbrasorum Ndsologia. Duzus vexillum viäi Datisbonas anno 1541 oum litsris ' 22 , 2 . Das Motiv für die Hinrichtung Molchos ist dabei zu beachten; es widerspricht entschieden jener albernen Annahme, daß Molcho den Kaiser habe zum Judentum bekehren wollen. VIII. Eine portugiesische zeitgenössische Chronik berichtet von Davids Eintritt in Portugal und Ende desselben (Oorouz(gua äos Lsi.s äs Dartugal, in Ouilestzäo äos insäitos V, p. 35lff.): 0 Hovsmdrs äs 1525 sntron Davit äuäsu ussts Demo äs Doiwugal sm 8Lota.ro (8antarsw) na vorts ässts Dsi (äoäv III.) sm ^Imsirim, ämsnäo gns sra äas tridns äsu s outras eausas näo vsräaäsiras, ssgonäo gns äuäsus sabsm äixsr, äs waneira gus ss soubs a vsräaäs äuäsu Nurguss so; s toi xrssso na sorts äs Dmpsraäor Darlos s o manäarao s trouxerao a Dlarsua äos Ingnisiäorss, ouäs esta prsssa sm Oastslla na äita vllla a eaäsa Ersetz, Geschichte der Juden. IX 33 514 Geschichte der Juden. äs Imgumsisam, te gus asa a. üm gus meres, aiuäa oss aus äs triutu e oiugus esta xrs88v uo oarsers äs Imguissmam äs I,Iarsua. So lebte David Reubeni noch 1535, oder war vielmehr damals im Kerker der Inquisition lebendig begraben. Diese vier zeitgenössischen Zeugnisse von Christen, dem damaligen portugiesischen Gesandten, dem Inquisitor von Badajoz, von Widmannstadt, der Molchos Fahne in Regensburg gesehen, und von dem portugiesischen Chronikschreiber, schlagen für immer den Zweifel nieder, als ob die Persönlichkeiten David Reubeni und Salomo Molcho der Fabel angehören, und dokumentieren deren historische Existenz. Aus den Zeugnissen Nr. VI hat sich ergeben, daß Molcho die Einführung der Inquisition in Portugal unter Clemens VII. hinter- trieben hat. Beider Geschichte verdient daher eine eingehende Untersuchung. Es sind darin sünf Stadien ins Auge zu fassen. 1. David Reubenis erste Reisen bis zur Ankunft in Italien. 2. Seine Geschäftigkeit in Italien und besonders in Rom. 3. Seine Reise nach Portugal und Tätigkeit daselbst. 4. Salomo Molchos Bekanntschaft mit ihm und seine Entfernung aus Portugal. 5. Molchos Reise in der Türkei und Italien und seine Tätigkeit mit David Reubeni bis zu ihrem letzten Gange. 1) David Reubenis erste Reisen. Über diese Reisen in Arabien, Nubien, Afrika, Palästina bis zu seiner Ankunft in Italien gibt sein Tagebuch allein Aufschluß. Pag. 19 das. lautet Von ihm selbst erzählt: ^N.l '^U,2 riOl' 'NN NL^L' '2 2l2 'Id! Ml> '"M NNl 212 N 7ll'2U2 17ll22U M2 2L>l' NN1 'IM l'LP'l'l 'NX '>U,2 'IS NN2 -NLMN NM 'Ml P'M Ml N.l '12 2NN2 'NNM .,N"N' Nl'S'DN 'IM N21N2 MNN2 M-' Ml 2'lpl P '!72U>'l .... (^lN'12 'Nst.lN 2L-di Njt 2'U' '' NNN ',222 N12N N2N'2 ",v . . . L'l2 Ndf'lN NNdi N1'S2L' 22j,'UL' 2L'tt 2" - - 2l>",2L' 'N Nf'IN (^s'pttlL Nl'1'22 112121 'NN 2l'2l Nlf"> '.ll 2'U' '.l ^12 2'2 112>,21 O'N.lN N2NN 2l,'L' '2>'VL' 12 'NNd! . . 2'L>NN '2 'NNMl . . . M2 l'282 222L' ^"-21> 'NblNP 'IN .ML' 212>U2 L22 s'28'2 '22 2'2^12 . . - l"U8?12t< NUll,' 222 l^L'l 2'flN-M" ^L' tt'212 '12U N'N NNl 11','.l' NL'd- 2'L-NN '2 ->^NV .... N1>lN.l 21222U2 «P 'Nd^Nl NNl ',21L' dtlN 2L-8 NNUd' N'N 'NUN 2L'l L-12 s-'N-N' Nl2NU L-KN2 Nl2NU dr'Nl . . . 2'12>,2 Nd'l 2'NlNL'N N>' lNl2^Ul NlNL' 'NU 8121 21>'1 N'N "jNvNl . . . 2'LlNN '' lUj,' 'NNUl,' (^NlNM Nl'NUN 2L>1 . . . 82L' >i'- — S^ääi, eine ansehnliche Hafenstadt am roten Meere, an der arabischen Küste, die nach Mekka führt. 2) i'pm- — 8naüim, eine Hafenstadt an demselben Meere, au der nubischen Küste. 3) .ivn, dieser geographische Punkt ist mir unbekannt geblieben. wahrscheinlich l-amünls in Nubien, in der Gegend des fünften Nilkatarakts, davon ein Berg Gebel Lamoule und ein Tal Wady Lamoule genannt ist. Ritter, Erdkunde, Afrika I, S. 616. Note 5. ülö ?8'221 '2 122118 '222 1212 12 :'?8 1281 1221 21' ^22 '218 811? .12121 '.1212 28 1281 ->218 2118 28 '21281 . . . . 1? '.12L'1 281 8?'2 N2'122 .11181 12L'2 12'^8 8221 . . . 1.212 8'221 22121 '2128 821 8?'2 22'122 ?872V' 82 1?81 ll'1211 118 .2121171 2122 21P2 121 12^ 82 2'2'1 11 '2 712 8?1 128 . . . ^'2?1281 .^'2?128 2'2? IN' 2'182 1'121 218 111212 1'12 8111 281 -8?'22 8'221 222 '2"?2' L"81 11 1281 '218 1'L^II 1^21 22^ 82112 ?^1?21 11 -,?1. 1121 22'122 '111' 811 ?1 ,8'221 222 122'8 ,12 ?282 (?128) 12'8 ','182 11!? 2122 8? .'>8 11281 . . : ??21 2128 1!?2l2 ?2 118 . . . O'21 2'L'28 . . . ??21 ^8 -218 1'L»?1 . . . 2'111 '211? 21 '2 2811 (?812?2 l.) ?18?2 1P22 '2722 p '118'.-,218 .1111? 2'!2?22 112 1211 2>'?'2 L^'l 2'!"S? 1712 221 1211 .11112 ?7 121271 . . . 1'121? O1P2 (^182122 2!?.112 1? ??12 (2'2') '1 22?,11 . . . 21?21 7222 182'2 12 l'^L'11 '1271 28 '2722 1?221 .^81 21P212 ID'1 112221 1211 8'11 822 2212'' '27212 17 21?2 1122 2'2' '1 722 ? 1221 ?'28P128 21P2 8222 '2722 1?221 . . . 2 ' 1 i 72 2'22 21? 2'1 2121 822 212^2 8'11 l'?72^8 212?2^ 2'2' 1127 '22?11 1'18 '? '2 -j?21 '22? '222'1 . . . 21?12 8 122 ? 72''8 -,?21 212 7 212?2 '21271 ("'pp 828 11? '27212 17 1P11 '1271 '28 '2722 P2 118 2'2' '27021 - - . 2'2' '1 12'22 '21271 . . 211 ? 8-127 1122 ?112 12 '22? (^2?'.1211 22'12? '27212 17 2'2' '' 1212 -,11 211?8 - 12P1 '1271 '28 72 2 "21 118 1"12 2'1222 '22222 ^2 '1181 (" . . . 21' '21 p?12 ?112 121'1 8111 72221 ?72 ("21128 '1 2'22 1222221 . . . 212-2L11 2'1222 '27221 -2"21 1182 1"22 2?L'11''- '222221 (. . ^ . .) 2'1W2 17 . . - 2"21 118 2"'2 1172 '2722 2"181 2'2' '1 1172 '.11271 . . . . - , 2'121l?1 '?8 1821 118 2"2 1?2221 2172 21P2 ?8 111212 '222222» -2 118 . . . 122118 p 122118 '1 -,112 82 '?8 11281 '^211 '1' PL»2? . . . 2'?L11'? '22?11 111212 ' 27 O 2 . In Jerusalem besuchte er alle Moscheen stets als Mohammedaner und angeblicher Nachkomme Mohammeds; er ließ >) Inno — Sennaar oder Sannar, eine bekannte Großstadt in Nubien am weißen Nil. 2 ) schwerlich das Land der Galla, vielleicht das Land der Galin oder Djalein, Ritter, das. S. 542. o) Tukaki, ein Berg und Nilkatarakt, Ritter, das. S. 578. .n^ni — Dongola, Alt-Dongola. Eine lange Erzählung von seinen Reisen in Nubien und Ägypten. °) Nämlich Abraham de Castro, Münzmeister, s. oben S. 8, Note. ') Abraham wollte ihm nicht in seinem Hause Herberge geben, weil David sich unter der Maske eines Mohammedaners verkappte. In Kairo will David um einen großen Teil seines Vermögens, Edelsteine und 1VV6 Fiorini, betrogen worden sein. 33 * 516 Geschichte der Juden. sich in der Omarmoschee einsperren. 2NP2 N'17NN1 2NP2N N'22 'NN271 '12> 1'lpll psO-' 'NX ",^2N2 2'N1>2 '' 1X21 .... N17122 n 2'2NP,N (?) '121XNN NN NX 7212 NNX 2NP2N N'22 '12^ 1N271 2N21N2 2N1 'N71N1 . . - ,'"2N sl'2 N"22 2>2N'2 'N7211 . . . NIX N'XN X'!?1 2N22> 'N21211 . . . 2N'2XN> 'N2^N1 .'"LN 112N 1"2 NI 72 'N7211 . . . N'7> N ^21P2N 22NN '12> X21 . . . 112N N"22 NX'NN1X2'>X2 'N71N1 N1'222 .'2NN2 Auch in Damiette gerierte er sich bei den Muselmännern als Nachkomme Mohammeds: p a-mix Nt«. '1X1 N"2N 1>O2 'UN 2 NXNN1X2'>X2 pjOI' NN221 'IX 'N7211 '1'2 >22 NXNN1X2'!-X2 'NNP^>1 N>'>21 21'2 >>2N21 21' >22 N17N2 >21X N'NI 2NN1N 27 2N172 >^N NN '2 '^> NIL? X^I ks21' "72 >2X2 22' 'N'lpl NXN1XP2 'N7-1N2 N7 ^>2P X>1 1^7 NP7'^1 2'11 >2 2'>22 N21' N12>'2 '1X2'2XPN 2.1 '>7 2'P7^ IN 2'"N1N1 -N2NN 2'^2X2 '1'2 '> NN2 "7 N1'22N '21X> s'N 2N^ 21.1 ?s21' N12 '> N2X '1X2'2XPN1 .NX'H'1'12 'N71N2 "7 N2N >2P2 NN X> '2 127 N>12' X>1 1122 N212 N22 1N'22 'N'1'7NN1 21P2 '> sNII N'12'2XPN 11"N 2XNN N'22 N2^N1 21'2 N"N ^>2N21 NN2 X> 2'21 'N^2X X> 2N> N1^"> N221 2'2' s12>2 1> NN2X1 N1NX> 2'X N'XN 'N>2N 'N2>2N2 NNX1 . 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NN2X1 1'1'72 PNH22 NN2X1 .'P>N )NX 'IX 11N' 2N1N' NX2 2X N2X1 .2N1X NN^ 1>N' ,NN1N1 272 '> N>2N N>'^N N7 >21X '1'XI 'N'1'7N> '22 21' NI 1> 2N>1 N12'2 2X '2 N>2X X>1 N2N N>2 X>1 "IV'LXPN N'2> '21P2> N2X s2 ',1722 N '12> X21 N1222 >NN2N N'^22 N N221N1 -2'21 X2N2 N2>> 2'1P1 2'7222 N122 N1>2 NNX2 N722 '> N2X1 2 >122 .NX21NN ^2 7N2X1 2N1N' 2'12 ",2'7 N>2X1 P1N>2 ,N2^> '17'N1N 1'>X 2X '2 N2N N22> >21X X>1 NI'2'LXN >X ",>N 'IX : 1> 'NN2X1 >21 2'1PN1 22N N2NX s72> N2N '27 N27N 2X1 ,>XN2' >2 N212> 2N1 NX'N N1222 N21N1 X2N >7 1X12' 2'21X 2'12 '27 N>2N >XN2' Note 5. 517 I1'27 2 "'2 12 2 2 212 '11 'IX '2272 p 22X1 22112 22122 '1 12'2' 2'22 -<2'.12 '22721 '!? 22X >2 '.22p7l 2122 1122 '22P71 '1X!2'2XP2 2277 21'22 '^> XH122 :l7 '2212X1 2'^22 '1 '127 >'21 2"2122 22'2 '1 ->21 .21722 '1X1 2^12.12 21'2O2 ^X '22^21 21I2P 21'2O2 '22121 . X12122 21'2O2 '7122'' X'22 27'721 .2121'2 2''222 222 'l 2'22 '221271 227 '2 '2X2'1 '22221 22122 2' 22 21X2^ 2'22122 1X2 2P1221 -2P122 27 '222 21'2 '27211 '127 kpl' X2 p '22X1 .221' ",72 21X '272' X7 12X1'22 '27.122 27 21'222 2222 21' '222'1 2" 2 2 22X 2212 2X2 '2 X12122 '12'222 2O2 '127 2272 17 '2212X1 1 "11 ^>12 12 2 212 '2 2'22 .2D1O '7 2P21 "721 .'7 1X22 p7l 212 27'^2 22 ^2'7 222X X" 7O12 2271 227 ^2 PI 2'212' 22 2'22 222X 2'72 i^OI'1 'IX '27O11 X12127 212p 21P122 2'21D 2272 '27.122 27 2222 ll'212'2 27 7211" 21' 1127 '222'1 7X112 2 '2 11221 '212' 2'22 X11l7'22XP 1122 21' '22 21P12 '21X 112 22X2 111212 '2'271 712'2 2122 '2'p X122 21'21 L'212 ,7"21 i212^>2 "^122 p 212 'IX .7x7 2^22 X12122 '27.121 '2721 2221271 22127 21' 227 221222 X1212 21'22 2222 '27.12 2122 2221212 P272 '27 2221 2X'21'112 22X '1.1 '127 X21 2"22 212 ^ 12X22 22X 2221221 PI P7 O1O 77 2212^ '1X1 21'2'2X2 2H22 '22721 1127 '22721 227 77 2212 '1X1 21'2'2X2 2'22 '22121 '1X1 '127 1K2 2'212'2 2.11 '122 '72 2'2221 2'1122 2 2 72 1X21 l"X'7l.1 ',12222 '127 '22121 2"I2X1 .2122 '112 2 X 2 21' 2"22122 2X 212 1X'7l.1 s12L'N2 '127 2'21 '21X 21X2" '1X1 '2221! ^21' 2"22122 11'127 X21 212 ^1222212 2127122 2'2 X122 17122 2'212'21 '27 X22 2222 2'2 '72 'P7l22,1 1'^X 22212 P222 '122 .722227 '2222 22X 72 Zunz' Berichtigung bezüglich der scheinbar widersprechenden Daten ist unnötig, da er sich von einer ungenauen Kopie verleiten ließ. In der mir vorliegenden Kopie sind die Data richtig. Auffallend bleibt das Datum ci> i"c pe-xi -nx 2-1,sp da das Jahr 1524 kein Schaltjahr war, also nur einen Monat Adar hatte. 2) Seine Tätigkeit in Rom. Mit Übergehung des Unwichtigen soll hier nur das Wesentliche bezüglich seines Aufenthaltes in Rom und Italien exzerpiert werden. '.Iicxi ms' ccs iscs >isi ^>spi 12p 'sisn .... ii's'sxs s>ss cs 7 i nipv "ns P 'ssi- pcs psi icps ps si^c- .seip.iL- i'^x isi^) mix 02 M'pn ici> i^-cs -,-x 1? s'sn imsuips ns' 'isn c's°-c cce-i i-x sss siss.ii . . . . p sus xis >s ans i: ic-x c's 7 s> c'S2>s ins'sxi 'l- s-e-ii . ,x>s 'ic-'s p-s ^?x ,s c.i 'i- sissrii c.mps ,:mx 2x1 ^ ^>sc' i-xs>i-iis Pc ,iip^- -siis-s ssx cxi .^six x"i ,ci^v cs'ms se-px sicx 7 :s ss .is^ s'^'si cs ^nss cm -,m .--'-x ^,x ssnp iso 1-1x1 .... i-ix sissx pvis r,ci> .im >ce- xnspc 'cp xse- sie-csi.c'sic c-sc-sc isi' sss» 2s^- pe>^ 1^ s's cm . . . sisnci sicisp scip s's s>' isse' csc '^-isxis rsxi imsi-s- rix i'issi cx 's mx: xi cx 's icxi mix ;'s>isi ixmciis pcc bp'c pi ins'xsnxs 518 Geschichte der Juden. 11111.1 112X1 'bx 1X21 21'bx pvbl 1VX >'121 X2112 2'211X1 1V2V1 . L'111' 2'211X1 11l) 11'L'SXI P2, '1'2 lL2111 l'l'I 1»vb 'b 1'1' '2 '12V11 .... qbV 11V21 711lb X111 11'2'SXI .... 2rb X2V X2'S2bx'1l'l . . 11X L-'X '1'XII (iX'bl' 1>2V11 bx'11 '1 1111 . ... ' 2 b '111 bl ib '112X 1X1 ... . bllpui 2211 11X2 IV 12211 1'2>v bx 212 'b 212 1X1 ... . 2'21221 bl 'b blp'V IV X2112 .... VO' XI XII PX 'bx 'b 111L1 '1111^2 bl 2V ll'S'lXI 1'22 '1lb.11 bx'11 '12 212.1 'b 1X'21> .... 11'S'lXI '112V 'IX ''X 12>' '.11211 11'l'SXI 'isb (bx'11 'l) X111 'IX '121211 .... 2'1111 bl . . . 221X2 112VXI2 2'1L11.1 blb 211 . . 2>2121 >1 2'121 . . . '11L11 IlL'b 211p plsb V'l.IIIVll'X.1 irilV 12 bl IVPX 'IX . . . 12X1 2'21I2 2'121 2'V2 11'2'LXII bx'11 '11 . . . b'p'2 PI bx 2111 bl 1212 1'11 '1112 12IP 1'11 l'Vxb 112 >2 12L'V 1NX 11'S'SXI 1X2 2'21221 blp 2>!2V12 2'2' P11.I'l^.l bl 'b 1121V >1'^ X2'°>2 12'11 . . bpox X2111 1111' 'II 1111222 1>121V 'l X.2112 . . . 2'1221 '1 'isb 1X21 . . . 2'bl12 21 '2 ... . 2.1'bp '12V21 lllllb .... 11'2'LXI 'bx IVV'V V'1'12 IX 21121 11V2' 1"2 1'llb li>x '2 1WI .... '1V2 12V 1211 bx'11 '1 11'2'SXI X1P 12 11X1. '12'2 bx 212 1°7 '1'2'V 'IX PX 'bx 1211 . . 1'llb '1lb.11 .... l'2'X11 121111 2'2> 1"22 Viix ii 2 i'i .. . bxniliil qbob 21 '.lim PNI. Darauf folgt eine lange Erzählung, wie der portugiesische Gesandte Miguel Ausflüchte machte, um ihm das verlangte ssut'-oonäuib (puil) nach Portugal vorzuenthalten. Von diesem portugiesischen Gesandten Don Miguel da Silva berichtet auch Herculano aus portugiesischen Urkunden über die Einführung der Inquisition (Da orixem I, p. 216) 1 srs nnnoio 6 ksKsäo s Isters sm liisbos v. Usrtinbo äe ?or- tntzsl, gue^ bsnäo iäo por smbsixsäor s Roms sm 1525 psrs snbstitnir O. Llißnel äs. Lilvs. Auch das. II. 804 s. von MZ'nel äs 8ikvs . . . . envisäo s Roms emdsixsäor . . . §oi msnäsäo rstirsr, ssnäo sub- stitniäo xor I). Nsrtinlio. Miguel da Silva war noch Gesandter in Rom während Davids Aufenthaltes daselbst bis 1525. Auch von Don Martinho, welcher auf Don Miguel folgte, ist in Davids Tagebuchc die Rede (w. u.) 11X2 l'lll X2I12 21'1 >ri2 '12121V 122 11X2 l"22 21'1 'Ü12 X2112 '1V21 p '1NX .pb'2 '1 2'212 2'VlbV2 '11X mbb 2>111>1 1X21 . . . 12'21 11V X2112 '112>'V XX2I1 Über Roncelin (l'briii), Viterbo, Bolsena, Siena reiste er nach Pisa und verweilte dort im Hause des Sohnes des angesehenen, reichen und frommen Mannes Jechiel von Pisa beinah 7 Monate: dort wurde er mit großer Aufmerksamkeit behandelt. Auch Scnora Benvenida Abra- banela erwies ihm Ehre und machte ihm Geschenke: xn'i '21 'bx nbrn 'bx 11^72> 211 .. . 211 12 v'1 111211 IIL'V 12 2112 12' '212 ^711 'X XO'S 1'P2 'bwX12 .11V» 2'2V'2 '1 X2112 '11'12 'bx 1lb2'2> 12^2 ,12iri> '2'^v 2>12li 2112 1P112X XIII'21 Er erzählt ferner, daß, nachdem Don Miguel vom Könige von Portugal abberufen und an seine Stelle Don Martinho als Gesandter nach Rom gesandt wurde, dieser ihm günstige Nachricht überbrachte und ihm ein Schiff in Livorno zur Fahrt nach Portugal anwies. bxiiu>ii-> 1^21 1)12 2 'e>v 2 2 ' 2 'b p 'inxi >"112- q21 P2>12 P11 .1I1!0X21'X 1>s212 PI 1>P2 PI li>21 X2112 i'p'2 PI (?) zblll 12V X111 11112vi> 1X2 11X px .pbv V^'^ i>X11'21122 1^21 px X2'S2 '°7X 212 X2112 11'221 1 X 12 zbi, zorv P 211 lob . 2 b 2 , 21 . Von Pisa reiste er über Livorno auf einem Schiffe nach Cadix ('wbxp, zu lesen ' 2 'ixp), wo er von den spanischen Behörden beinahe arretiert und festgehalten worden wäre. Es wurde indes seiner weiteren Fahrt kein Hindernis entgegengesetzt, und er konnte auf einem portugiesischen Schiffe über Almeria nach Tavira, der Grenzstadt Portugals, gelangen. Hier zeigte er dem Richter ein Schreiben vom Papste vor, wurde infolge dessen freundlich behandelt, und weilte dort 40 Tage im Hause eines Marranen ( 21 m), bis Empfehlungsbriefe für ihn vom König eingetroffen waren. Nvte ö. 51 !) 3) Seine Tätigkeit in Portugal. Nach der Quelle (o. S. 51L VIII), tras David November 1525 in Portugal ein. Seine Beschreibung der Vorgänge während seines Aufenthaltes daselbst bis zur Abreise nimmt mehr als 50 Blatt des Manuskriptes ein. Der zwölfte Teil ist ansgefüllt mit Zänkereien und Stänkereien, die er mit seiner Dienerschaft hatte. Aber auch das historisch Wichtige würde hier zu viel Raum ein» nehmen, es müßte besonders ediert werden. Der Hauptinhalt ist, daß er von Marranen umschwärmt war, daß jüdische Gesandtschaften aus Afrika ihn ausgesucht und daß der. König Joäo III. und die Königin ihn mit großer Auszeichnung behandelt haben. Der König habe ihm versprochen, 8 Schiffe mit 4000 Kanonen ihm zur Verfügung zu stellen, sei aber eifersüchtig gewesen, daß er sich von den Marranen die Hände küssen lasse: 1281 ,i> -b -§i) -brn ^ -mm 1 D-S 2 's, -b ii) zbiii .-pi- 18 P 2 .- 2 - 218 212 - i-)i 8b .1211 11 -b iivpi .-b8 . 2 -n-pi 2 -bii) 28 -p-ii !2 2 - 2^8 '1 2 p ;o-) ipii 2 Er berichtet auch, daß Miguel da Silva, welcher ihm als Gesandter in Rom feindlich war, als königlicher Rat seine Pläne zu vereiteln suchte, indem er dem Könige stets vorhielt, Davids Absicht sei, die Marranen zum Judentums zurückzufiihren. Das habe er dem Könige schon vor Davids Ankunst insinuiert: i) 2-!2 1-1 '21 ->bi 2 i - 12 b 1 , 21 p .111 .... 121 ip emiiv »bei 2 - 18.1 bs 2-2 pn 821 .... b -^-2 PI 128 181 . . . . - 1))2 1112 .111 8111 zb, 2 i !2 1121 bpi: . . . "bllb 2-112 1-)sb ib^-l 281 .2-111- 2-21)8.1 1-Illbl -^lllbl) 2-11lb (m) 82 '2 'b -1128 2-1-D1 bp 12-p wp-1 1118 llb-1 21-)2I 21'2»I 21 1-)sb 2-21)81 22 18-- .1118 -.lb-2- .2-111' IIIN'I 21')'2 Die Verehrung für ihn, welche die Marranen öffentlich kund gaben, brachte ihn in Verdacht und bestätigte die Angaben Don Miguels. David erzählt, der König habe ihn einmal rusen lassen und ihm Vorwürfe gemacht, daß die Marranen mit ihm in einer Synagoge zum Gebet zusammenkämen: -)81 .2-111' 2'21)81 1-Illb '12 182 118 '21 '2 lllpb 182 -2 '11212 ')8 (lbl2ls -b 1281 12)21 1>2 1-wp 1181 ib'bal 21'2 ->2!2 2-1222 2-81P2 z2p 2-bbel2 21 2'21)81 z-8 -1P22- r.ibe-i. David stellte aber dieses Faktum in Abrede und erklärte es als eine Verleumdung. Aus seiner Darstellung geht mit Entschiedenheit hervor, daß die Beschneidung, welche der königliche Sekretär Diogo Pires oder Salomo Molcho an sich vollzogen hatte, zuletzt den König so aufgebracht hat,, daß er David den Abschied gegeben, indem er bemerkte, daß er nicht imstande sei, in diesem und in den folgenden Jahren ihm Schisse zu stellen, -irbi 2,-1 1121 -P2P 1D-L21 1lb»-b b'-2- ')8 P8, 112-pb 2'21 2P22P '2 21 ')8 1'1 :-!2p 1211 zbpl -)°lb 1- 11 28 ,8 ... . 12-s2 1^2 b.8 ibl l'-ll 281 .... 1821 1)122 82, 1)2-1 1812 8°) .2-2' '1 1p 1211 212-111 .... P1211 12-8 18 12 112 P"-L2 18 . . 82112 Ullbl 12bb Tie Veranlassung der plötzlichen Ungnade soll ihm die Königin eröffnet haben, weil David den Sekretär beschnitten und mit den Marranen heimliche Beratungen gepflogen habe. . . 12 - 2-11 . . . -) 2 -i 21-2 -28 - 1 P 2 iibe- 112-8 12 bl 2.11 2- 11.1- 2-21)81 111.111 lb->2 1-12 lb»> 12121 b8 1-2-p 118 -2 1'bp p>22- zb.2.1 . . . -b8 PI- 822- zbl2b 2-12112 1-12p1.lb.-21 -12- bei ,^b.-21 1))2 2-21)81 2P 11ÜP 12-1P 118 2)1 .11 1I2P2 121 1'bp Am meisten feindselig zeigte sich ihm b, 2-.-2 pi, Miguel da Silva, der auch verhinderte, daß das ihm vom König verheißene Ehrengeleite und die Ehrengeschenke gewährt wurden. Dieser Don Miguel, später Bischof von Visen, Lieb; ling der drei Päpste, Leos X., Clemens' VII. und Pauls III., welche ihn zuni Kardinal erheben und in Rom behalten wollten, wurde deswegen nach Portnga 520 Geschichte der Juden. zurückberufen und von Joäo IH. ingrimmig gehaßt und verfolgt (Hercnlano II, p. 304 f.). Ms er nach Rom entflohen und zum Kardinal kreiert war, unterstützte er energisch die Anstrengungen der Marranen in Rom, die Einführung der Inquisition in Portugal bei der Kurie zu Hintertreiben (Hercnlano II, p. 310 f. und III, p. 58 si). In des Königs ingrimmigen Haß gegen die Marranen, welcher sich durch den Widerstand steigerte, wurde Miguel da Silva hineingezogen. — Die Zeit der Abreise Davids von der Residenz Almerin ist nicht angegeben, sie muß indes im Sommer 1526 erfolgt sein, denn im Dezember desselben Jahres war er bereits in Mmerin, wovon weiter unten. Es ist zwar im LIs. angegeben, daß er zwei seiner Diener, mit denen er fort und fort Stänkereien hatte, im Adar (März) 1527 entlassen habe. 2,772 -mv 2-02 'inm iin. Es ist aber gewiß ein Schreibfehler, statt >"oi. Der König gewährte ihm eine Frist von zwei Monaten, sich einzuschiffcn, er aber hielt sich noch einmal so lange auf der Rückreise, namentlich in Tavira, auf, um mit dem Hose durch schwindelhafte Aufmerksamkeiten und Vorwände wieder anzuknüpfen, und verkehrte auf dem Wege von Atmerin bis zur Hafenstation mit Marranen: wm.2'2>7N >i8 q,22 72p 2'L-17 an >2 727 7,2--'2- 7,2>i ,8 pn nb 182.7, 78-8, 2,' 17'22 2.7 -2 2'7I7> 2-21187 77778 28 '2 7:7 721-. Endlich wurde er gezwungen, die Hafenstadt Tavira (787.82) zu verlassen und sich einzuschiffen. Im Hafen von Almeria auf spanischem Gebiete wurde er und seine Begleitung angehalten, weil er als Jude den spanischen Boden nicht betreten durste. Er zeigte zwar die vom Papste erhaltene Bulle vor, aber die spanischen Behörden gaben nichts darauf und gestatteten ihm nur, einen Boten an den Kaiser Karl V. zu senden, der damals in Granada geweilt. Nach 12 Tagen kam sein Bote mit einem Geleitschreiben für ihn vom Kaiser, daß ihm gestattet werde, durch das spanische Gebiet zu Wasser und zu Land zu reisen. Nichtsdestoweniger wollte ihn der Alkalde nicht ziehen lassen, weil ihn der Großinquisitor von Murcia (78-27,22 72,-7 8,72.7 7-777) bedeutet habe, ihn in Gewahrsam zu bringen. Erst nachdem dem Inquisitor das Schreiben des Kaisers vorgelegt worden war, gestattete er ihm die Weiterreise. Hierbei bricht der Reisebericht Davids ab. Seine anderweitigen Fährnisse erfahren wir nur aus dem Berichte seines Begleiters Salomo Kohcn, welcher sämtliche Ausgaben aufzeichnete, die >er in Davids Aufträge gemacht hatte, bis zur Zeit, als das Schiff, das ihn trug, im Monate Jjar (Mai) 1527 an einer Insel Schiffbruch erlitten hatte. 7-2 -.7'2,- 72>8 7,82,77 82 78 (? 728722 ,72722) 7,2722 P2 7282° '28 2,728 72 1-71-2 p- )2 7'2 P22,77 >77-8 8,77 2,>2 >2 I"27 722 2,778 '"7 2,>2 7,7 '7 . . ,22,78 2I>2 . . 7,8X177 -.7-2,- 12 '778, . . . 72'7»88 7- 7 8-182! 1» 8,7 8>x,7 72-8 82 78,2 1182, 71-L27 77227 8,77 2,>2 >2 .,"27 7 "8 2-7 7 'X7 2I>7 7- . . . . ,"27 722 7"' . 2'2>77 2"' ,22 272, Weiterhin berichtet dieser Salomo Kohen, aber in einem Tenor, als wenn David ihm diktiert hätte, daß ihm nach dem Schiffbruche viele Wertsachen von einem spanischen Granden Claromonte konfisziert worden sind, obwohl er ihm die Pässe vom Papste, dem Könige von Portugal und dem Kaiser nebst Geschenken zugesandt hatte. Hierbei sind auch genaue Data angegeben, aber sie stimmen nicht ganz zu den ersten, a'i-i-7 82 78 ....' 7282- 7.8 2,728 72 72,7 88 27, 2,8-17 '2 . . 7,7 . . 782 ,"27 7"8 77'8 '2 2>>2 12 2 I >2 7 8 8 - 2> 7277 7-82' 177782, 17,81 1282, 71'22 8-2 78,2 778'722 8- ,"27 7>>8 2>778 7"' >2 2,'2 '2217788-2, 82, 78,27 82 78 . . 72,7 88 '7782' 121... -7227 .78 „8 8'2' 1-ll8 "227 8.8 '7782 1"2 >V'82',7 2I>2 '7', . . . 72--2I 8.82127,2 1822, 7,'2'2872 p '7'2 I'72> . . . 2-2722,7 1'8'2 8777 7'-72 -177 2'7 '88 '7782 1'72' 82 2- 12'8.8 7277 82 ,"-,7 7''8 2-778 2'2' Note 5. Ü2I -o.-n .11,22 1-n 12IW2 iH 1N22 ui . . . ,12 12'N 22 ,1,221 n.112'2 mm 12-211 . . .IV 221 c -1122 12-221 in 2 21 m ' 11,22 Zum Schluß des Berichtes ist angegeben, daß Don Claromonte David und seine Begleiter im Monate Ab (Juli) 1527 nach Avignon gebracht und daß er von den Gemeinden von Avignon und Carpentras als Lösegeld für die Gefangenen 600 Dukaten empfangen habe. Außerdem hätten die Juden große Ausgaben gemacht, um nach Rom zu senden, damit der Rest des geforderten Lösegeldes erlassen werde, weil Claromonte sehr viel verlangt und den Schreiber als Geisel zurückbehalten habe, in iwv n 2 i'oi 2 n v-ni i >22 p nn !2N1I22>S1,21 P'I'IN ,2",2 '1212 !2V21nb,22 1121 bl,2 liv .;i>V1N2 1-2'blll (?) 11"bl11,21'2 2M11 . . ll'111'1 1'2 )>2,2 . . . 1!2N . . . 211 >,211 11N2 2NV 12 . . . 111 . . . 1>'2 1'1'2'221 .P'ILI 1112 b>122 1>'2 12112 12vb 2'111'1 1!2>'2! 11NVI11 1222 .111 . . . 212L2 1121112 VV1 10 Iw l'2n xii°>1 (? wu) 1LI2 I2vi2>ib 21'121V 1,21 PN IV Iibii2 bn,2- 1'1 >2 . 2N,211 11N2 Erstaunlich sind die Summen, über die David zu verfügen gehabt haben will. Die Reisespesen für die Hin- und Rückreise in Portugal sollen 2200 Dukaten, die Geschenke, die er den Dienern des portugiesischen Königs gemacht haben will, beinahe ebensoviel und die Wertsachen, die ihm Don Claromonte abge- nommen, beinahe ebensoviel betragen haben. David Reubenis Bericht ist indes nicht als lauter Aufschneiderei anznsehen. Nüchterne Berichterstatter als Augenzeugen bezeugen die Hauptfakta. Farissol, ein zeitgenössischer, glaubwürdiger Zeuge bestätigt, daß David Renbeni Zutritt beim Papste und bei Kardinälen gehabt, und daß er sich gegen Juden hochfahrcnd und gegen hochgestellte Christen keineswegs kriechend benommen habe, sondern seiner Rolle als Gesandter einer jüdischen Großmacht treu geblieben sei. Nach Farissols Angabe hatte David in der Tat ein Beglaubigungsschreiben und Zeichen von portugiesischen Agenten aus Afrika mitgebracht, und diese wurden vom König von Portugal als echt anerkannt. Sonst ist es auch gar nicht denkbar, wie er den päpstlichen und den portugiesischen Hof so lange in Täuschung halten und so vieles bei ihnen hätte durchsetzen können. Farissols betreffende Worte lauten: iiw'eni bn (bn -,2112 i°i 2 ) 2121 bv bni121I2 lb>2 12121 N2 IV 2'211 >12 N2112 22»! . . L22N) 1>1211 ;2N1 111 '111'lv 1 M 2 V V 121 11 ' 2 N. Joseph Kohens Bericht über David ist zwar auch nicht ganz genau. Er läßt ihn (in der Chronik und in bimsü Im,-Kaolin) zuerst in Portugal anftreten, dann erst nach Italien kommen und dort bei den Inden Hoffnungen erwecken. Das ist aber nach Davids eigener Darstellung und nach Farissols von Augen- und Ohrcnzcngen vernommenem Bericht unrichtig. Joseph Kohen scheint Davids ersten Aufenthalt in Italien gar nicht zu kennen; seine Angaben betreffen dessen zweiten Aufenthalt daselbst. Er bestätigt indes, daß David in Avignon war: in-bnennb N 21 2122 von ;> 2 > 2 N 2 ibi 11212 - i 2 V'i. Zunz' Datumangaben für Davids Reisen zu Itinerarx ol Lsnjamin ot Nuckeln (eck. Ascher II, p. 27lf.) sind ungenau; sie sind um ein ganzes Jahr zu viel. 4) Salomo Molchos Bekanntschaft mit David und Entfernung aus Portugal. Dieses Moment in der Geschichte der beiden Schwärmer ist noch gar nicht ins rechte Licht gesetzt worden. Man nahm gewöhnlich an, daß Molchs von David zum Judentum zurückgcfuhrt worden sei und mit ihm zugleich Portugal verlassen habe. Beides ist unrichtig, wie Molchos authentische Darstellung 522 Geschichte der Juden. selbst in seinem ersten Sendschreiben an Joseph Taytaiak (o. S. 511 II.) answeist, die mit Davids Bericht übercinstimmt. Dieser erzählt nämlich von Molch» — ohne ihn beim Namen zu nennen — daß der Sekretär des Königs von ihm verlangt habe, die Beschneidung an ihm vorznnehmen, daß er es aber verweigert und ihn aus die Gefahren aufmerksam gemacht, daß dieser sich heimlich beschnitten, und daß David ihm infolgedessen geraten habe, um deni Tode zu entgehen, nach Jerusalem auszuwandern. W12.1 -iop iu>» »,n,i isio.n 'im »i-r wp '.12IWI .lb'i>71 .112 1:11 . 2'OIM.I N1'12 -ill.1 '^->2 »1N.12 »IN '21 »1NN1 nb>2 l-'l» . . . -p'2" w 1^.1 'W2 »UNI 2'benn'b IN -chn ,1NNP .N2nrv .N2 7!»ir> :ib MN2»! aNn »in i'» .>N» N2»i .'N2N >wn ',nxvn nNmnn >n» »2 iLwn n> '21 .'W2 .... ,n'n:.n 'i» na-pni nenn ni >2p nvp.n 'b ii:»i .nb-2 n>nn ni-np n'n i>» nN-Na '.1'U'P >1» >2 'N» N2»' 11.1 N2N.N P1I> '» ,11b 221 N222 n'n' 1°> . . . I2P 'N2P2I '222 ZNINI .NN1N2 N2222 N'N2 2'212»N i>21 >2»! NN» Ip' . . NL'PN »N2- ib N2VN1 . . . "2I2N IN 'Nni NN21 . . . 'b2N '22N N21221 N2I2 »INI . bpisn NI innb II'2 NLNPI 'N'INP »i> 2» -;» ,N'N2N N212N NI NLNP2' N2^2 ')» 1'» INI:» . . . 2'1N1 -bll.11 .»II.- .'22P2 '2» . . >b Dasselbe bestätigt Molcho in dem genannten Sendschreiben (das hier der Seltenheit des Druckwerk» wegen, dem es entnommen ist, Platz finden mag), wie er sich an David gedrängt habe und von ihm eher zurückgewiesen als ermutigt worden, und wie er allein Portugal verlassen und angegeben habe, er reise in Davids Aufträge. Ans diesem Sendschreiben ergibt sich auch, daß er zunächst nach der Türkei gewandert ist und zur Zeit der Abfassung des Schreibens erst die Absicht hatte, sich nach den Ländern der Christenheit zu begeben. Joseph Kohcns Angabe, daß er zuerst in Italien gewesen sei, muß demnach berichtigt werden. >".->7! 12X 11X '1'1 ->X21211S2 '1'7'22 12'2 1'2,1> '1X2 117 »-X21211S2 '>2,1 1'2 121> '221X11 111 1"1112 1'211 >'1 11221 2'X1 ''1X"1 11X2 '1>122 12X 112 11 112122 11X112 11X12 '1'XI ls">1 21>12 '72 '1'X12 1X121 1'>211 ,21'21> 1.121 '> ^12' 12X2 2112'22 21 svl 1'221 7"' 111 1"112 '22> ',>112 '2X 271 21' s?221 -1>'2 1'12 12'>'X2 's>7 '> ''X12 112'222 'l'p'12 1>7 '2 .11V 1127 1'71> '21>12 '1'XI 12X2 ls> '171' X> 11 >22 i's' 12X1 '222 12221 2'>7'2 1'1 dtlll .211 2'1211 .1x11 11X 12X 11X1121 11X121 1X1' '1' s»72 '2X 12 '21 121X2 '12>11 1>'2 1'12 127x2 17 1211 1lsl.1> 1211 12'X '^-1X '2>2 '112X1 122' s72^ I"2s111 'IX 2'X 7X1 1>'2 1'12 '1'27 1>'>21 .11X2 211 '2 '1S>7121 '12.111 2X21 >11.1 17122 'S >7 pjX '2XS11 2117 2722 '11X XL'1 (2X1 XS111 '21111 .122121 7212 )'722 11111 1'1 >X '12111 '1222 '1127H 11X1 -1S12' '2 ^2X'„ l.) (2X2 xs' s21 '22 '2 '222 1221 >X1 ''121 '27 '211X 121 1> '112X1 111 1"112 1X11 1X1 >X1L" '222 11X2 ''llv '2'111 l^'l' 'X112 1122 '12"P '11X 1X212» (1'2»7 l.) 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'71827- 7-X '- 18'77 7"7 178212 '^28 7'721-7 7'21871 8 - -'7-1 '11-2 728 7'11-2 7287 781 '7 17'271 7817 7287 '2 : 178- .7!-'S721 2'1117.77 '"LN '127 7287 -^2771 N22 78 717^ '72717 712^17 1'7 7111771 7182 7- '-- 0'72872 77 777 0'21871 '1827'2 '7'87 8'77 7287 7-27 '1721 ,-7-2 -11 71721 777 77771 712-2721 778 2'8 8781 L'7-8 78722 17'8721 1-22 7777 1'7121 2'8 78777 2'781221 L'7P'1 0'12- 771' 1'7.171 -2877 -2 771' 7187 877 178771 17112 -'7771 7'77 '77 71L' 771877 sp7- -122 1'71 71717.1 77187 17'7 1'7l 7'187 -'-17 ,777 1122 -1717 2 "8 '127 .'7'872 -2877 L "8 '777 72^-- !2'721-7 0'218- -2877 L "8 -82 .'78 717p !27'12 1-'172 7- 17.117 ''-- 1-'1'2 7121-- 11717 87 .12'271 71 -- -1- OIL' 77' '71 :'78 77L'7 772 778 212 7871 8-2 7- P1772^ 777 2'2187 7-2 7'21 -12877 L"871 .7787 11'-- 72- '1271 >17.17 L"871 .77' 11'12 1178ll'11 7'777 '2- 7771 '27 -- 1'271 '1'- l'l'-l '2 -- 1'2 72'1 '^>- >21 78 71777 :'- 728'1 '72'- -- '17'2-'1 7272 2'2-2 27-2 11'7-8 7L'7 7'117 7.11 71712 -7 72 --1 -7 72 77'111.1 'IIL'1 7^87 711177 77P2 '77- -77 8 - '1178 72181 ? 817 72 7718 7'7'221 7718 7'727 7-87 '777 7- 1-^7 711177 -- '277 17271 '8 .77- 7- 717 7777 78 '7-7' 87 7.11 ^7 72 '7-7' 87 778 77'-- 7817 '2- 7'71 77'-- '72771 '217 -771 1--7 71-"77 >7 78 7871 ''1'- 81 8 L' '^8 728'1 ,-7'872 8 - 717 L"871 72- >1 IL'-II 777 7'1.17 -- 72'1 ,7111'7 -7 72 -77 7.11 7111'7 22 1'7 7L'8 7717 717-7 7'71 777 7'117 7127- 7717 72- 778 77'7 87 -771 117-71 7-171 77 7111.1 11'L' 7L'8 7111'7 -- 721 7S2 -- 711-'8 1821 711L'8772 771' 7'2 7777 77171 777772 71122 7.17 2'87 -8 72181 8'77 7-7 712 71 7111L'2 77'717'21 7121 712 7717 728'1 .-'1'-2 -7 '7822 78 7-87 7'7171 7'72127 72 177- -8 '1178 '7'177L'71 . '22 7--1 7'7' 8 ' -78 7'7777 78 7-7- 77- -717 8 - '-8 -7 1217'2 -7817 7127 7'782 '77 177- -8 '1178 777 1- '77281 1'12- 72182 '7177 8-1 7817 787272 -P'81 .'718 -72'1 7'7777 1^8 (-2?) L-7'2 8171 7111L'877 718727 '7'872 -L'877 -P17 78727 '7'87 ',7 7781 217P7 '1-'1'221 .L'7'2L' 722 777 7772- 7127 '18 -8 -'7-1 .-77 '- 7- '7'87L' -72 771787 7177 72-8 717 8 -78- 7-2- 817 '177 .122' '7217-1 '7 '87'- 717^28 7221 72'7 787 217'2 Molchs muß demnach bereits vor 1526 Portugal verlassen haben. 5) Molchos Reisen in der Türkei und Italien und seine Tätigkeit mit David Reubeni bis zu ihrem letzten Gange. Ans dein Eingänge zu Molchos Predigten (auch unter dem Titel 'o nmsvn) geht hervor, daß er in Salonichi gewesen ist, und zwar noch vor 1526, Note 5. 525 dem Druckjahre dieses Merkchens (das im Jahre hi 2 — 5289 — 1529 in Salonichi erschien). Es heißt daselbst: 222 2'iriin ',2'ii8n2w Lwri-i owinii >pn 'in 1x2b 2-111 11m 218 118108. Dort wurde er mit dem Kabbalisten Joseph Tahtasak bekannt, an den er eben das ansgezogene Sendschreiben (I) von Monastir ans gerichtet hat. Dasselbe bezeugt ein Passns in seinem zweiten Sendschreiben, worin er das erste erwähnt (bei Joseph Kohen); i'p2 112.12 iir-n 1N121 pip 220 8nir '11112 w (^oi->2 l.) nois'e: ->21' '->1.128 IN'1'22WW12. Im Verlaufe erzählt er, daß Jakob Maut in seine erste Vision, die er Tahtasak mitteilt, als Anklagepnnkt gegen ihn, ins Lateinische übersetzt und einigen Kardinälen übergeben habe: pipn ,222'!- ^01' i"22 in '1182» 12m inirnii ini2 222121 1208 11 m 1N1.11 'iril PL>88 (p2M2 2,2p') 1 , 2 ' 1 P 11 MN Ml 2M V22. — Molcho hatte auch Bekanntschaft mit Joseph Karo, wahrscheinlich als dieser noch in Adrianopel wohnte. Bekanntlich war der Verfasser des Lvlinlolmn .i.rneli noch vor 1522 von Nikopol nach Adrianopcl und von da nach Salonichi übergesiedelt, wo er noch 1533 war (6onkorts p. 35 a). In Safet war er vor 1538 , als Jakob Berab daselbst die Ordination einführte (0. S. 283 ). Karo hatte kabbalistische Visionen, die er niedergeschrieben hat, und die nebst seinen späteren Visionen in Salonichi und Safet in dem mystischen Werke o"no2 iw2 unvollständig gesammelt sind.') Daß er noch während seines Aufenthaltes in Adrianopel kabbalistische Träume hatte, beweist ein Passus das. (p. 50 eigentlich p. 70 ): n8n 112p (gor iw) ->100 1,218 ',2'm8nio8 1288 1211 128 211p an 212 212-.11 n8v. Hier lernte Karo, wie es scheint, Salomo Molcho kennen. Doch zuerst muß ich Belege für ihre Bekanntschaft beibringen, ein wichtiges Moment für die Entwicklungsgeschichte des kabbalistischen und rabbinischen Judentums. illaZ'Aiü p. 65 a. verkündet Karo ein spiritns kamiliaris oder die personifizierte Uisoüna: pw'.ii n'21122 '22' ni2ip8 2-212 8niv' pin2 ni,2n>n8 12m, 82 Nil . 8nlL" 82 '1'p Iw 11im8 l8'1 Nlw'l 12228 121N1 .... '1212 8p Nl8ix8 1 , 2 ' 21 N 'N 2 'II ,2121 . . c> 21 ' 1'2 > 1 , 2 N 1 -> 8'1 P 1 I 212 P 2 NL" 2 ' 8 ' 2!221 2 W 1211 2'221 2 ' 2 P .1121 11222 1122.1N1 1282 '1,21N1 121 '1'12 128t2 '2 2W12 >212 N!21p8 121.1 'N28> .in,28.121 >2i wi, >i2i2 8p N,pi8 p'8o, in8p. Der Sinn dieses Unsinns ist ') Ter illaAAick, gedruckt zuerst Venedig 1645 und ein Nachtrag 1654 , ist öfter ediert. (Ich zitiere nach der Amst. Edit. von 1708 ). An der Echtheit dieses Werkes, d. h. daß die Visionen wirklich von Joseph Karo niedergeschrieben sind, ist nicht zu zweifeln. Als Beleg dafür kann ein Datum angeführt werden. In Abschn. rwi w z>. 61 d wird eine Vision mitgeteilt, die er am Beschneidungstage seines spätgeborenc» Sohnes gehabt haben will: 2"2'i2'.i 1112 8,8n ,"28 im 121211 111.12 '8 N12'2 1'1' N11I ,1111' PI N21' 8l2'11 l8'1 N212I . . l8'1 1'12 21' 1'1'p I'ni8 -2P 1>2111 1'121 N'8s.i 1I2N )i8. Dieser Sohn Jchuda ist demnach 8. Elul — August 1569 geboren. Die Richtigkeit dieses Datums gibt dieser Sohn selbst an. Bei der Vorbereitung des Druckes der Responsen feines Vaters (2-121 ,281 1,21121) war Jehuda 27 Jahre alt. Einl. i-pr w . . . nii> i-pri i2n M>1 WM 2212 fi ,22 2'2'8 WM. Der Druck war vollendet: 1212' 1112 '11 'L — Tebet 5358 — Dezbr. 1597 . Wenn er also damals 27 Jahre alt war, so war er 1569 geboren (vergl. über ein anderes richtiges Datum aus dem NaAZick, Note 9 ). Ans einer stelle im LlaKZick scheint zwar auf den ersten Blick hervor- zugchen, daß Karo noch während seines Aufenthaltes in Nikopvlis, also noch vor 1522 , eine Vision gehabt hätte (p. 22): bisipwi n.11,2 mm 11 in n8.11 ,2W'1 gI1,l8 pp'l 22, nun 'N12 N1W ,2WN, 01,2 INI . . . 1,2ir I21P-2 P22 18p 1I21M N1'2. Allein es scheint eine Korruptel für 8,S,1'11N zu sein. Denn es läßt sich nicht denken, daß er schon vor 1522 , d. h. etwa im dreißigsten Lebensjahre (Karo wurde geboren 1488 ), einen Schwiegersohn gehabt haben soll. 526 Geschichte der Juden. so wie Salomo gewürdigt wurde, Molcho, d. h. königlich genannt, von oben gesalbt und als Ganzopfer auf dem Altar, als Märtyrer, geopfert zu werden, ebenso werde auch er, Joseph Karo, die Krone des Märtyrertums erringen. Dieser Passus ist nach Molchos Tod, nach 1532 und vor 1542, vor Vollendung des Werkes y:i> ma, geschrieben. Wir haben daraus gewonnen, daß überall wo im Maggid 'i'na .2:2212 oder 'i'-r >2:2112 vorkommt, Molcho darunter »erstanden ist. Aus p. 69 rr daselbst geht hervor, daß Karo mit Molcho in steter Verbindung war und von ihm Kabbalistisches gelernt hat: .ivbe- -p kpbi .22 'ui:: 2:2KP 2-ri2 kw . . '-nna. Dann heißt es weiter: mciinib naipvi ib a.-nx >22 in:, rir'iin, >2'i ib >21.2 ,211 nw xirn >n nnnb 'i'22 .2:2212 kwx«, 2>' n.222 .2,22^2 n'2.2l >2'2p (.22.22 I.) '122122 'n' nwll i'2>' ,2>'iiN2 12 wn nn, 2! mn, pi'illb 2222b'M2>2p n'22N 1.22.2 in^nni. Vergl. noch daselbst p. 4a, p. üb, x. 21 b. Daraus folgt, daß Karo es sich zum hohen Verdienste angerechnet hat, Molcho erkannt, auf ihn und seine Bedeutung aufmerksam gemacht und ihn einer großen Stadt empfohlen zu haben. Diese große Stadt könnte wohl Salonichi gewesen sein. Dann müßte Molcho zuerst in Adrianopcl und dann erst in Salonichi gewesen sein und seine Reisen in der europäischen Türkei in Kreuz- und Qnerzügen gemacht haben. In Mvnastir war er auch, wie wir gesehen, aber zweifelhaft, ob im Anfang oder am Ende seiner Reise in der Türkei. Aus einer anderen Stelle folgt, daß Karo den Wunsch hatte, sich mit Molcho in Palästina zu vereinigen (p. 25 d): c> 22 n.i ox> ' 2 ' 2 > . 2:2112 212 im.i.ii, bniL" P 2 .ib cubpb 121,2 '2 y-w'w 12M -2 INN, 22 K 121 Das. (p. 3K zitiert Karo einen Passus aus einem Werke Molchos: »1222 'i'i' .ivbe- npnr '»<.1 pipivi >222 ib 2)2 .622P2 .2K' .22212 u>"!2 nr>wn 'n.2 2:2»«,22 I22l>'2 Daß Molcho in Palästina war, geht aus seinem zweiten Sendschreiben aus Italien (Ende) hervor, das sicherlich dahin gerichtet ist, wahrscheinlich nach Safet. Dort soll er eine Geliebte gehabt haben (Zekalsokelst). Wie lange er in der Türkei und Palästina geweilt hat, läßt sich nur ungenau bestimmen. Einige dreißig Tage vor Adar (Januar oder Februar 153V) war er bereits in Rom (II. Sendschreiben bei Joseph Kohen). Vorher hatte er sich längere Zeit in Ancona und Pcsaro aufgehaltcn. Er ist also im Laufe von 1529 in Italien angekommen. Wahrscheinlich kam er direkt dahin voü Palästina, wo er wohl seine Predigten, spätestens 1529, verfaßt hat. Da er während seines Aufenthaltes in Portugal sich schwerlich viel mit Kabbala beschäftigt hat, so muß er sie nach seiner Flucht in der Türkei gründlicher erlernt haben. Seine Auswanderung aus Portugal hat noch im Lause des Jahres 1525 stattgefunden ( 0 . S. 524), und er konnte die Kabbala während der Jahre 1525 bis 1528 gelernt haben. Kenntnis des Hebräischen brachte er wohl aus Portugal mit. Von Palästina war er, wie sich gezeigt, nach Ancona gekommen, wo er einige Zeit geweilt, und von da begab er sich über Pesaro nach Rom. Dort iveilte er kaum länger als ein Jahr, denn Adar 1531 (-2 00122 212 -' 2-212 12202 -„Pi:!-') hatte er cs schon verlassen. Erst im Lause des Jahres 153V kam er wieder mit David Renbeni zusammen und hatte' die richtige Einsicht von dessen Charlataneric. In Rom predigte er jeden Sabbat (zweites Sendschreiben und portugiesischer Bericht, 0 . S. 513). Im Verlaufe des Jahres 1530 wurde er mit dem Papste Clemens VII. bekannt und erhielt von ihm einen Sicherheitsbrief (-2IL22 I2I!2>'b .2,122, 122 M2 M2 1'N . . . II'S'SX.2 »1222, das. und die portugiesische Quelle VI). Vor der Überschwemmung in Rom, die er dem Papste voransverkttndet haben will, also vor 8. Oktober 1530, verließ Molcho Note 5. s27 Rom und hielt sich in Venedig einige Zeit ans, um ein neues kabbalistisches Werk zu drucken. Nach der Überschwemmung kam er wieder nach Rom und war noch daselbst nach dem Erdbeben in Portugal, 31 . Januar 1531 , als die Nachricht davon in Italien eingetroffcn war, also noch während des Februar. Erst zwischen 18 . Februar und 18 . März, d. h. im Adar desselben Jahres, muß er wegen gehäufter Anklagen gegen ihn Rom verlassen haben. Sein zweites Sendschreiben stammt aus dieser Zeit. In dieser Zeit war sein Ruf bereits so weit verbreitet, daß man im Orient, Polen und anderen Ländern messianische Hoffnungen an ihn knüpfte (dasselbe Sendschreiben und Quelle III). Seit dieser Zeit, vom Februar bis März 1531 und bis zu seiner Reise nach Regensburg zum Kaiser Karl, Sommer 1532 , haben wir keine direkten Nachrichten über ihn. Er reiste damals zum ersten Male gemeinschaftlich mit Renbeni. Seine Abwesenheit von Rom hatte zur Folge, daß die Gegner der Marranen das Übergewicht bei der Kurie errangen, namentlich nach dem Tode seines Gönners Lorcnzo Pucci, und sie setzte» die Bulle des Papstes Clemens vom 17 . Sept. 1531 vnm aä uiüil inag-is zur Einführung der Inquisition in Portugal durch. Über die Reise Molchos und Davids nach Regcnsbnrg zu Karl V., den Feuertod des elfteren und die Einkerkerung des letzteren ist zu dem, in den jüdischen und christlichen Quellen Gegebenen nichts weiter hinzuznsügen, als daß die Nachricht, sie hätte» den Kaiser zum Judentum bekehren wollen, eine Fabel ist. Das richtige Motiv ihrer Reise zum Kaiser gibt Josselmann Roßheim an, der mit ihnen gleichzeitig in Regcnsbnrg war, um, wie öfter, Schutz sür seine versolgten Glaubensgenossen zu suchen, sie aber nicht gesprochen, vielmehr Regensburg verlassen hat, um den Verdacht abznwendcn, als habe er mit ihnen die Hand im Spiele. Molcho wollte vom Kaiser die Zustimmung erlangen, die Juden zu einem Kriegsznge gegen die Türkei zu bewaffnen (Tagebuch in llsvns cteo Iürncke8, XVI, p. bl, Nr. 17 ): p-w 22 ipi 8 L»82 82 o'ro.n P2182 .... 2'22 .21L-2 .28ü8 0'212'2 io 82,28 82v> ii,282 ill'pn 22i>-8 rimw'N .21P22 8,281,2 2282, '2 .21120.2 . . . 22',2.2 27 221x8 872' 12'.2>.28 1228 .2228 >0202 . . . 'x,:2':l . . . 22,2.2 222 202828 ,2288,22 1.28 '2' 22',2.2 2,28' 872 ' '22 ,221LL'2'2P2 2'>'.2 P2 '.2,2221. Düs Richtige wild wohl gewesen sein, nicht sämtliche Juden zu einem Kriegszng zu führen, sondern die Marranen in Spanien und Portugal. Dazu sollte Karl die Erlaubnis geben, d. h. ihre Auswanderung ans den Ländern der Inquisition zu gestatten. Dieser Plan war gar nicht so abenteuerlich. Es war eine vernünftige Modifikation des Planes von David Rbubcni, von den christlichen Fürsten Kanonen zu verlangen, um die Mohammedaner in Arabien zu bekriegen. Bon David Renbeni spricht Josselmann nicht, sondern erwähnt nur zum Schluß, daß der Kaiser Salomo Molcho bei der ersten Unterredung in Fesseln schlagen und in Bologna verbrennen ließ. Widmannstadt und Joseph Kohen dagegen geben an, daß er in Mantua verbrannt worden sei. Der letztere und die portugiesische Quelle (0. S. 54 f.) referieren, daß David in Spanien cingekerkert wurde. Die Schwärmerei sür Molcho hörte nnt seinem Tode nicht ans. Ans einer Spielerei des Kabbalisten Joseph de Arli sehen wir, wie viele Hoffnungen die Kabbalisten wenigstens ans ihn setzten, und daß sie ihre messianische» Erwartungen zugleich an die Lnthcrsche Reformation knüpften. Ans einem Manuskript in der Almanzischen Bibliothek teilt nämlich Luzzatto (Llasüir V, p. 45 ) ein Anagramm von Joseph de Arli mit, d. h. eine kabbalistische Prophezeiung ans zwei Jesaianischen Versen, wobei jeder Buchstabe als Wort ergänzt wird: - -/221-22 N22't2 !-ir<2-2-^-22. Der erste Vers rllckwärls gedeutet: x-2- -----2 -2-22- --22-2 -"2-: X22I (Jesajas 58 , 7 ) wird 528 Geschichte der Juden. folgendermaßen ergänzt: 2 - -)L 2 biL 2 s -282 12 :- 2:128 n -'2 i) 2 Li 2 .'- 2-22 ini-M'ö -2 . 2 - 2-211 2 - 2 -- 2 ^: 2 .- 22 - . . (>x . 2 -:i -2 2-22 2 -P 21 2122 2212 n^:b 2 -b -)-8 . . (7§ 22-2 . 2 - 12 - 22-2 222 ) 2 !: 2212 »ib- b-- . 221 - npin. Der andere Vers geradwärts gedeutet: W-W 22 ni-rä". 11 p- 2 "« '2 ^7!v-> W12P-1 p-2-8 nin- 22-- 2Ni< 22,-lii 2LV2 pinn« ^2» 8-22- N:iv822 ^282 '2 (das. 60, 0): 8 , 2 ' 22 - i ::-28 2 - 2 - ( 2121 )!- 22122 - 2-282 .1221 NU!---' 212p: 28 -1-2b81 1-2212' '212^21 -2)-2-bp 212- . . (»2 8 - 22 ' ni> 2 - 2 W 8 , 2-"-22 2 :w 2 2 - 2 -)) ->--' 12122 - . 22 - 21-22 -22 222 1 - 2 - 1 : 2 : 222 2 -vib 2 i 8 2 - 8-: 1-12 2-22 2 i 8 i- 2 !- 12 V -22 - 2 ): 2l22b>2 221PL . 2-L2 22b>2 22-p ',1221 p-)2 . (?2212) 2221- 2-2!>2 22-2-2 2 1p)b 222 b>2b-2 18 - 212222 -S12!>2 - 2-21S2 - 2121 2122' 12182.-:- V-ll-2'2 2222- 21-28 "2 - p 2 2') ' p - w 1 2 - b 8 2 2) - - 1 - b 1 2 2-8 222 - 1822) 2-2- 22i--2 2:1221 - 12122 2222p --^2^>' '2-22' 21^2: .2-2 28122 2-2-8 2P2 21212)- ' vb-2 ^822)-- Diese kabbalistisch-anagraimnatische Spielerei ist nach Molchos Tod, nach 1532, aufgestellt worden, mp'--.-, im vierten Jahre, scheint anzugeben, daß nach Verlauf von vier Jahren seit der Krönung des Kaisers Karl in Bologna die messianische Parusie Molchos eintreffen sollte. Diese Krönung hat bekanntlich Papst Clemens widerwillig vollziehen müssen. Darauf spielt die Deutung an. Die Krönung fand statt 22. und 24. Febr. 1530, also im Jahre 1534. Das Stück wäre demnach 1533 oder 34 geschrieben. Der Vers, wird genannt oder auch 'bin, Luzzatto das. auch 'bi- d. h. cks Xrli, oder 'bin e>'n (in einem Briefe von ihm, Ansllir IV, p. 98 Note). Nach einer Nachricht Leon de Modenas (^ri Xolmw, p. 75) war dieser Joseph ungehalten über den Druck des Sohar von Mantua und richtete ein satirisches Sendschreiben an den ersten Herausgeber, Emanuel de Benevent: 2 ib -n- won (bnw-p) n,.i '-in- 'i2n,-2i n,-br> b- . . . bni:2? -r-n -2- nbv :b'n,22.2 -Mi.2 -,--.2 ,biN2 ->o>> . nv>- N)2"b .2- N'b nnbo 6 . Urkunde zur Entstehungsgeschichte der Irrquisttion in Portugal; Italienische Information; die Familie Mendes-Uaszi. Während die Inquisition in Spanien fast durch einen einzigen Federstrich eingesetzt wurde, kostete ihre Einführung in Portugal unter den Päpsten Clemens VII. und Paul III. viele Käinpfe, zog sich eine geraume Zeit hin und ist reich an Zwischenfällen, Intrigen, Minen und Kontreminen. Eine merkwürdige Illustration dazu geben die von Herculano größtenteils noch jungfräulich in Archiven vergrabenen mitgeteilten Urkunden. Eine Ergänzung dazu liefert dcr ') Das Wort war für Luzzatto unleserlich; es ist wohl P 212 — Martin Luther. ") - vielleicht ii-e'e — -w-'-m, Papst. o) Ein ähnliches Notarikon, anknüpfend an den V. Micha 2, 13, welches, infolge des Krieges zwischen Franz und Karl V., den Untergang Roms und eine messianische Zeit verkündet, hat Neubauer aus einer Kollektion mitgeteilt (Revue äes Rt.ucks8 XII, x>. 92). Note 6. 529 italienische Bericht (Inlormstioui), wie cs scheint, eines in Rom residierenden venezianischen Gesandten oder Agenten vom Jahre 1564, vielleicht Girolamo Soranzo. Diese lnt'orinstioui befinden sich handschriftlich in der Berliner königl. Bibliothek (Llsnnsoripti Itslisui llolio Xo. 16, ein starker Kodex, der mehrere Piecen enthalt, von denen diese die l3te Piece ist). Davon hat zwar David Cassel eine hebräische Übersetzung gegeben (Lsrsm Obemsck VIII, Anfang); sic verdienen aber im Original angesehen und beleuchtet zu werden. Die Casselsche Übersetzung leidet ohnehin an der Entstellung mancher Eigennamen und an einem irreführenden Druckfehler, daß Paulus III. die Marranen in Ancona gezüchtigt und verbannt hätte, einem Fehler, der nur durch Einblick ins Original berichtigt werden kann. Der italienische Bericht enthält außer der Entstehungsgeschichte der portugiesischen Inquisition noch manche wichtige Fakta, die anderweitig nicht bekannt sind. Doch muß manches in diese» In- tormstioui berichtigt und präzisiert werden. Denn der Verfasser teilt dasjenige, was in Portugal vorging, nur vom Hörensagen mit und ist in betreff der Chronologie nichts weniger als genau. Inkormslloni soininsris «lei prinelpio et piogiesso «leiin «ronvvrsiouo, die bann» Iiavnto 1 Mnckel uel lkeKno «II LortnKsIIo, et I'oevaslone vlie Iinnno »lato In Inr «nettere l'Ingnisitione soprn «I! loro Icksnno. (Das Datum fehlt, aber im Texte ist das Jahr 1564 angegeben.) Dis DXV snni poeo pin o msno il Ls von Lnisnnsl «li Is. ms. üi kortoKnIIo eonvsrti li Dincksi, ebs srsno nei LsKiii 8noi, slls nostrs ssnets estbolies Iscls; i gnsli ssssncko Dincksi srsno povsri st ckopo Istti Dbristisni ckivsntoruo riselii, psrelis von II bsnstioio ckslls Ie«is si sono Istti Neckiei, DIiiinrAioi st Lpsoisli st ooinineioruo s trsltiosrs in oZui msres.nt.is Krsncks st pioools ooins Zli sltil Dbristisni: cki msniers elis l'serssciinento ckslls rivberi^s st l'inorscknlits lora nstivs osusorno, ebs iltorussssro si Diucksisino osssrvsncko ssorstsmsnts nslls loro osss tntrs Is eeriinonis Dincksiolis st. inssKusnckols slli snoi tiAli et tsusncko nslls oitts «li Disbons uns sinsKOKs, ovs oslsbrsvsiro t«rtti Zli otiois snoi, eoms Isnno qni in Loms, st nisntsckimsno si eonlesssvsno et eominnuiosvsno all' nssims «lsi Dbinstisni; st «nolti «li essi portsvsno il ssorsinsnto s osss sns .seorstsmsnts et Io Kettsvs.no nslls stslls. Xs volsncko pin pst.««' nostro siZnors Dio «inssto st. «nolti sltri ebs t'sesvsno slls Iscks estbolies volss sooprirs ps«' msro «l'nn «li loro, oliis- msto «lsi Obristisni Lsrmslecks^), psrelis lui mori psr ls tscks estol. eoms bnon Dliristisno, il gnsls vscksncko ebs tutti srsno 6inclsi in ss- orsto, seopri sl Ls Don Diovsnni 3", tltzlio «li Don llbnsnnels, Ls «li kortvKsllo, psr msno «l'nn VbsoloKo, obismsto lllssstro Listro lllsrKSKlio, il qnsls menü sl Ls il cketto Lermst'ecks st I'intdrmö sm- plsmsirts eoms'pssssvs ls voss. lllt bsvnto eonsiKlio soprs «li «inssto si risolvs il Ls «li instte«' l'Inqnisitious nsl Legnio sno; st sooioebs «inssto oliioio clells Ing. si t'sessss orclinstsmsnts, msnck<> qnsl mscks- siino Lsrmslscks, psr ssssr bnomo «li bnon spirito st Ksloso ckslls estliol. Iscks, sll' Imperators Osrlo V."), Ls «li DsstiKlis st. ck'^rsKons, perebs 8'inkor«ns8se «lsi mocko, «>ns si bsviesss s teners in ckstts In«jnisitions, Is Ersetz, Geschichte der Inden. IX. Z4 530 Geschichte der Juden. gngls il Re Don Leräingnäo Ogtliolieo, 8 no ^.vo, ligvig orclingtg in tntti li LsKni 8 noi, intsnäsnäo eoms tntti II lllgrrgni Aiuägii?gvg»o. Dostni non puots eosi 8 eerstgmsntv gnägrs, et trgttgre il negntio, dis non t» 88 s 8 vopsrto äglli ülgrrgni per ins^o äsKli intriii 8 eelii st eon- 8 iAleri äsl Ls, li gngli ergno eorrotti äg äitti Nnrrg.nl von oro st gltri prs 8 snti g Ans elrs li rivelg 88 sro li 8 eereti, elis 8 i trgttgvgno in nrgterig äsll' lugnmitions; st seoperto gne 8 to trgttnto proviäsro äi (Ine Diovgni Ugrrgnl AgKligräi et g 8 psttorno, die cinesto Lsrwgteäs tu 8 se 8 peäito per ritornnrssns von l'Iutormgtions et mguäorni gue 8 ti äus Oiovgui tnori gä ineontrgrlo st ineoutrgto Ali tg§Iiorno In te 8 tg et li piZüoruo l'Intormgtions st tntts ls lsttsrs, elis 8 eeo portgvg ägtsKli ägll' Impsr. Ogrlo V. et xoi 8 S n'guäorno in LortoAgllo st portgrno gns 8 tg tS 8 tg g^li Lsbrei, ever ülgrrgni, st keesro eoprg äi gns 8 to §rgnäi 88 img ts 8 tg st gllsKrs^^g. Dt trovgnäosi vieino g nng tsrrg gne 8 to oorpo morto, lg 6 in 8 titig tses äiliASiing et gvvi 8 ö il Ls, il gngle kess tnrs ingnisitions 8 vprg cli tznestg inorts et ritrovorno li mgltgttoiä et prs 8 i li äreäsro lg eoräg et eonts 88 vrno »Aul ev 8 g; gl gugli tu äetsrmiugto gnssto psr ^iugtitig, elis All tu 88 Sro tgZ-ligts ls innni, poi elrs tu 88 sro tirgti g eoäg cli egvglli et vlrs tn 88 sro 8 gngrtgti, et ev 8 i kn tgtto. Li moäo elis per il 8 neess 8 v äi gussto enso il äissKno äsll' lug. ^ln gngle Irgveg gnimo il Ls äi msttsrs nsl Ls§no 8 no) non lrslärs gll- liorg söstto st 8 tstts 808PS80 nn poeo äi tsmpo; nsl nun! tsmpo geenäs elis il Vs 8 eovc> äi 8 sptg, träte Lrgiies 8 ogno, ritrovö nsllg tsrrg äi Olivsnsg 8 nn äioessi eingns Llgrrgni elis Kinägisgvgno st o 88 srvg- vgno ln Istz'Aö äi llloi 8 s st provS 88 Ö eontrg äi loro per Dinstitig et li tsos gbrn 8 vigre, st il ästto Vö 8 oovo gnäo gl Ls et S 88 vrtö 8 ng Ngs 8 tg g mstisrs gus. 8 tg Ing., rinvvgnäo usllg memorig äsl Ls lg morte äi gnsllo Lsrmgkeäs, Iggngls iu 8 isins von li eiugne Llgrrgni, elrs il Vsseovo Agveg tgtto gdrnAigrs, egN 8 ö olis il Ls 8 i ri 8 olve g suppliegrs g Lgpg Lgolo 3 " l'Iug. lg gngls tu eonee 88 g äg 8 . 8 gntitg°). Dt veäsnäo li Ugrrgni S 88 er oones 88 g l'Incju. eontrg äi loro eon xgnrg ä'e 88 srs gddrnZ-igti, impetrorno ägl Lgpg nng psräongnrig Asnsrgle äi tntts li eriinini, elrs lrgvsvguo eoinini 88 i eontrg lg no 8 trg 8 gutg st egt. keäe, Ano gl äi elis 8 i pnläieg 88 S lg Lallg äellg lugn. nsl LsZno äi Lorto^gllo. Lgvutg lg psräongn^g et pnläiegtg lg Lollg äsll' lug. 8 tettsro in Pgnrg äns o trs gnni st non xinägirgvgno, mg äipoi, eome nsllg vsritg tn 88 sro äi ugtnrg Oinäsi st gttsttiongti 88 iwi gllg lsKAS äi llloi 8 tz, rs- äisrnnt tgngngm egus 8 gä vomitum 8 nnm et eomineiorno äi nnovo g Z'inägisgre; mg tnorno 8 copsrti per meri äellg Ingui 8 itions st rnolti äi loro tnorno gl>brn 8 eigti, et gltri eouäeuugti g egresrs psrpstng, Ei nsllg LÜttg äi Lisbong, eoms in gnellg äi Lvorg, äi Loimbrg, äsl Lorto, äi lomgr et äi molts gl trs tsrrs äsl LsAno. Oouriungn- äo 8 i pol l'Ingni 8 itions per 8 pgtio äi vi,s. ö vüs. gnni, nei gngli tnrouo gl>l>rn 8 oigti st eonäsnngti molti, veäsnäo loro eome lg eogg pg 88 gvg, rmpetrorno ägl Lgpg nn'gltrg psräongnrig Zenergle äi tntti li eriinini 8 noi; äi tgl moäo elrs gnelli elr'ergno in pritz'ions tnrouo libergti per virtn äellg äettg psräonginrg. Lt 8 tguäo tntti eon gns 8 tg gllsKre^rg äellg seoonäg peräongurg, elis il Lgpg ZAi Agvsg eonee 88 o, eoms elis trioutgvsno eontrg i 6 Iiri 8 - Note 6. 531 ti«ni, Mio cli loi'o olii«in«to Llnnnsl cl« 6o8t«^) il i«Ie l>«vev« n»' otlitio, olis «oooinmoänv« tntti cinelli olis osro«v«no pnäroni, »10880 ä«I 2 slo äsll« IsAxs cli Noiss, «ttnooö nn« notts nn« osänl« 8vpr« clsl Loino <11 Lislion«, usll« c^n«I osänl« si oontsuev«, olre'I Nsesi« non er« «noor« vennto, et olis Oliristo non er«, il vero Aö88i«, «IIkK«näo li kroteti, et Is sorittnrs. L« M«I 008 «, veänt« ä«IIi 6Iiri8ti«ni, st «I Ls c«usö Kr«näi8si»io 8o«nä«Io; äi n,«nisr« olis il Le tsos t«rs ^rnncls incinisitions et äiliZen^« per sooprirs, ol>i Ii«vsv« k«tto «insll« osänl« et äeposito veil« n>«no cli Uno« 6är«läi, L«uoliisro cli Hislion«, X eoucli « olii sooprisss il in«lt«ttors, «noor« olis to88S ooinp«Ano nel clslitto: Lt ii Xnntio olis «li'lior« er« in Lort 0 A«IIo olii«in«to 6«po cli tsrro olis poi tn il 6«rä. 8«n SiorKio, äexositö «noo Ini V sonäi in >n«no clsl weässiino L«noliisro « rs^nisitions cli olii 80 vxri 88 S i^nsl äslitto, niolts psrsons 80NO 8t«ts posts in priZ'ions, clklls gii«Ii si Ii«ve« Hiiiilolie sospstto, et 8i keosro niolts prooessioni cv8i äs ?reti, ooins äs trnti, et «noor« äs tntti, olis prsA«v«no l)io, olis sooprisse Ii in«It«ttori, et Oio I>« volnto soopriis ooins Iwr« äiro; in« «v«nti olis 8i sooprisss li lll«r- r«ni li«vsnclo p«nr«, olis il popolo non 8i lev«88s oontr« cli loro, st li «>n«^ 2 « 88 sro ooins un'sltr« volt« er« «oo«änto, volsero inoolp«r Kl'IiiKlssi in qnssto inoäo, i c^n«Ii «ll'Iior« nnov«nients 8'er«no tntti Initlisrrini, et «ttnooorno «lls ports clsl insässiino Loino nn« osänl«, öde äiosv« oosi: Io no 8oi L«8ti§Ii«no, ni ?ortntzäis8, ül« 8oi Ill°ls8 SN olis 08 PS8 Lier: »iil ä«is vinti mil änrsis X, no lo 8«l>rsi8. Xienteäiinsno 8i 8v8pstt«v« olis Ali Ll«rr«ni Ii«ve8ssro t«tto cpiesto, per olis Kl'InAlesi er«no 1nitlisr«ni et 'tion dinäei; st tnoenäosi l« äiliAenir«, st ino8tr«näo8i l« Istter« « molte psrsons tn' uuo, olis eonodbs I« in«no äi olii er« qnest« Istter«: et esssnäo posto in prigloiis eo8tni, «v«nti olrs Ii tu88s ä«t« l« oorä« oontessö ä'li«vers soritto Ini et oosi tn «l>l>rn8oi«to pnblio«insnts st t«Kli«ts§li Is ni«ni. Xon p«8- sorno inolti Aiorni olis I'Incjnisitious soopri « Lisbon« nn« 8 in«§ 0 A« pnblio«, äovs loro t«osv«no tutts Is 8ns osreinonis «I inoäo 6inä«ioo, et tnruo «l>bru8ei«ti inolti et psnitsnti«ti inolti et I« 8 in«K 0 K« tn' rovi- n«t« ooin' IioKtzl äi «noor«, psrolis i Ls non Ii«n volnto olis Ii 8i t«l>rio«88s in inoäo «louno. L«88«to cznseto 8i seopri »n nnovo Ue88i« elis tr« loro 8 'sr« lsvnto, il >i>i«I'sr« nn 6 «l 2 o 1 «ro, ol>i«w«to Lnäo- vioo Oi«ü°), n«tivo nells tsrr« äi 8 stnv«I, il s «o>z>ni 8 tö ripntntions äisss, olis lni er« llls 88 i«, st Io psr 8 n«äs « niolts psrsone, psro tn'«äor«to ä« S 88 i; tr« i ^n«Ii olrs I'«äor«v«uo tn' nn Nsäioo äel 0 «rä. Don ^Itouso, tr«tsllo äi cinssto 0 «räin«ls cli ?ortOA«Ilo; il pin äi 200. M gnssto insss 01 Oin^uo p«ss«to <11 gnesto prsssnts «nuo 1584 neli« eilt« <11 liivor« In'iuesso in priKions oon «ss«i inoltl «ltri, un insäioo dii«in«to iilastro Roooo, psrdis srano inoltl «nni, die gnanäo si oominunionv«, port«v« il 8«er«msnto « o«s« sn« et 1» ASttav« neil« 8t«II«, 11 gn«is 8 '«in« 2 iia ä« 8S stesso ln priAions per non S88er' «ddrusoi«to, in« «bdrusdorno I'oss«. ksr 11 gn«1 rispetto inoltl 88 ns v«nno in Unrein«, äovs pndlioainsuts 80 U 0 Oinäsi: «ltri 8t«nno ln §srr«r«, st viv«no ooins tzll «ltri Llinäsi; 1 gunii «1 tsnipo Ol 6-inIio tsrtio impetrorno <1« sn« s«ntit« u» Ilrsvs ciis potsssero vivers eoins 6iuäsi ssnr« s88sr o«stiK«ti, oon I«Is« Iulorin«tions, elis lunino ä«to « sn« Laut. äioeuäo elis loio Inrno I«tti Liiristiani per lorii«, m« elis sempre nell'aniino 8uo Inrno Llinäsi et ln gnssto inoäo 8t«v«nu ueil« Oitt« ä'^.uoon« vivenäo ueil« lsKKS <>1 iiloiss; in« L«oio IV. s«psnäo oonie p«ss«v« gusst« ev8«, in«näö nu Ooinini8s«rio «II« Oitt« ä'^uoou«, st Isos inittsrs in Linier« st «bdrusd«rs pin 01 80 psrsone. Xs s Oitt« in Itnii«, äovs non ei 8i«no iilarsani (I. iilnrrnni) i?ortnKiissi, Inß-Kiti <1«II« Ingnisitione <11 ?ortotz«IIo; 1 gn«Ii ooms äivsn- t«no rioelii, perdis tr«Itio«uo in oZ'iii eo8« eoins Oiiristiani, 8S ns vnnuo in Nnroiii« äovs «vvi8«no II Nnroo äi tutto gnsiio elis 8i I« äi gni, Ir« 1 :w Nr. 80) und Samuel de Medina (II, Nr. 3 bis 8), durch M. A. Levys glückliche Kombination bekannt geworden sind. Im Jahre 1541 hatten die Marranen wieder bedeutende Summen für den Papst zusammengeschossen, und ihr neuer Sachwalter, Diogo Fernando Neto erhielt sie abermals durch Diogo Mendes: ebristäo-novo rigui88imo, estabslsoiäo sin Rlanäres (das. p. 321). Es wäre auch sonst sehr auffallend, daß Dona Gracia Naßi, welche so viel für „sn rmyLo portuKnssa", für die portugiesischen Marranen getan (wie Samuel Usque nicht müde wird, zu wiederholen), nicht mit ihren Neichtümern und ihrem klugen Rat an der Spitze der geheimen Agitation gegen die Inquisition gestanden haben sollte. Nebenher sei noch bemerkt, daß sie bereits 1535 Witwe und in Flandern war (der Brief des Nuntius ist Januar 1536 angefangen), woraus sich ein ungefährer Schluß für das Alter ihrer Tochtcr und des Joseph von Naxos ziehen läßt, und daß ihr Schwager Diogo Mendes noch 1541 gelebt hat. D. Gracia ist also nach 1541 nach Italien gegangen, und zwar zwischen 1541 bis 48; denn in diesem Jahre war sie bereits in Venedig gewesen, nnd wie cs scheint, einige Zeit. Denn der französische Gesandte in Venedig, Mr. de Morvilliers, schreibt am 12. Juli 1549: I/ainee äs äeux Renäso, gui a I'sutisrs aämini8tration äs tcmt Is bien, 8'k8t, il ^ a 8Spt cm Imib inois, rstires (äs Veuiee) aveo 8a tills. L Rsirare 8oni8 eanl conäuit bien ainpis gut iui a taills Rr. 1s äuo. Also gegen Ende des Jahres 1548 hatte sie bereits Venedig verlassen. In Ferrara hat sie sich ganz unzwciselbaft aufgehalten, wie hier der französische Gesandte in Venedig angibt, der doch gut unterrichtet sein mußte; auch die Intorinationi bestätigen es. Sie muß mchrere Jahre dort gelebt haben, nämlich von Ende 1548 und noch September 1552, als ihr Samuel Usque sein Werk OonsolacM widmete, bis mindestens 1. März 1553, als ihr Abraham Usque die spanische Bibel dcdizierte. Das Lob, das der erstere ihr in der Widmung und im Texte (p. 231) erteilte, daß Gott sie zum Heile der flüchtigen Marranen gesandt, um sie ans Elend und Verzweiflung zu retten, ist aus Selbsterfahruug geflossen. Er und viele andere Leidensgenossen in Ferrara haben unmittelbar aus ihrer Hand Wohltaten empfangen. Wenn sich M. A. Levy (Joseph von Naxos, Note 42) auf Josna Soncin beruft, daß sie in Ferrara gar nicht oder nur kurze Zeit gewesen nnd unmittelbar von Venedig nach Konstantinopel gereist sei, so ist dieser Beweis nicht so schlagend. Soncin wollte bloß ihre Intention ausdrücken, daß sie Venedig verlassen. 1 Note 6. 535 um nach Konstantinopel zu gehen (Lesp. Nr. 20): 'i-e-ip ne sei, u'-r-uu: nn-in n^are. In dein folgenden Passns das. n-'bi-'uI i>-n-s u-r-uir: nnein nu-b eue- 'n -nun Nllp 'LNN NN nur- ,n-ll a-npu> nipnmll n:nn, muß ein Zahlcnfehler stecken. Die Kalamität, von der die Rede ist, betraf die Einkerkerung der Marranen in Ancona 1555. Es sind also 7 Jahre seit Gracias Abzug von Venedig bis dahin verflossen (nach Morvilliers Angabe). Es muß also heißen --in- n 'inn. Man ist zu dieser Emendation genötigt, weil Soncin selbst das. angibt, ihr Neffe und Schuldner Agostin Enriques habe ihr 4 oder 5 Jahre regelmäßig Rechenschaft abgelegt, und zwar von ihrem Abgang von Venedig gerechnet, d. h. von 1548. Erst von dieser Zeit an habe er ihr die Bilanz verweigert. — Ihre Lebensdauer läßt sich auch dadurch einigermaßen ermitteln. Sie war 1535 bereits Witwe; 1565 bis 66 lebte sie noch, als Fürer von Haimendorf Liberias besuchte (Reise ins gelobte Land, S. 278). Dagegen war sie 1568 wohl schon heimgegangen. Als nämlich Mose Almvsnino die Leichenrede auf Josua Soncin hielt — 10. Nissan 1569, bemerkte er (Predigtsammlung ne pllNL Nr. VIII, x. 61) i u-e-r ns-eune NNL nneen bp 'NL-ne' r-inn: nrni. Es scheint, daß sie die Rangerhöhung ihres Schwiegersohnes zum Herzog nicht erlebt hat, starb also um 1565 bis 66. Sie kann demnach im Anfang des Jahrhunderts geboren sein. Ihre energische Teilnahme für die Marranen betätigte Dona Gracia bekanntlich nach ihrer Ansiedelung in Konstantinopel dadurch, daß sie Sultan Suleiman um Intervention auflehtc gegen Pauls I V. unmenschliche Grausamkeit wider dieselben. Der zuverlässige Joseph Kohen tradiert das Faktum, nachdem er die Einkerkerung der Marranen in Ancona erzählt (Lmek ba-Laclia p. 117): PNNN! ibu.n bn -Hm n>:e> '-'iien-e o-vimn nn-ll ni-ire nr-s 'biemieuecupm «chpI vuen W'M NN n^r- n.-enb bp-i-en bki nie-! . ib. (Bcatrice oder Beatrice de Luna war bekanntlich auch Gracias Name). Sultan Snleimans Schreiben an den halbtollen Papst Caraffa — Paul IV. infolge Gracias Petition hat die Briefsammlnng Letters cki principi (Venedig 1581) N. III, p. 171 erhalten. Bei der Seltenheit des Buches teile ich die betreffende Stelle mit: „8olima.ii Lultau Imperators . . . ä ?apa Laolo IV. Oipoi ctrs liaverets riosvnto it mio ckivo et imperial siAillo . . . ckovete sapsre, olis aleuui clslla Aeusratious ckeZcki Lsbrei Irauno latto uotitiears alla wia seeelsa . . . Lorta olle esssuäo aleuui suckckiti et. trabutarii uostiü auclati uei passi vostri et massimeuts in L.ueoua per tratiear, ls rnbe st taeoltä loro souo stati ritsuuti all instan^a vostra. II elis in paickieolare s cki prsg'iuckioio al lssoro uo8tro cli 400 mila cluecati oltrs al clauuo, elrs uostri suckckiti, quali souo t'alliti et uou possouo pag-ars ls obliAatioui loro al cketto uostro tesoro per eouto cki ckatii et oommereii cksi porti uostri, eks essi liavevauo iu mauo. Lsia-ios lireZIiiamo la sautitä vostra, clis seeoncko ls virtü cki questo universale et illustrs siglllo uostro, cksi quäle sarä portators il sserstario Oaoeiarcko, liuomo . . . ckel Ls cki Liaucia . . . voglia esssr eoutsuta cki likrars li pretati suckckiti . . . uostri eou tutta qnella loiu laeoltä olis liavevauo st si trovavauo, aeeioelie possano satistare al uostro tesoro sopra la ritsutions cki ckstti prigioui. 6on qussto ei ckarets eagckous cki trattare amielisvolmsuts i suckckiti uostri et il rssto cks' Oliristiaui die traücauo in quests bancke . . . L'ultimo ckslla . . . luna cki Lambslaelii I'anuo ckel proleta 964 — 9 cki mar^o 1556. — Für das Faktum von den ans Pauls IV. Befehl Hingerichteten Marranen, 536 Geschichte der Juden. welches die lut'vrmatloni erwähnen, sind gegenwärtig reiche zeitgenössische Quellen bekannt. S. o. S. 329 Note I. Die Geschichte Don Josephs, die mit der seiner Schwiegermutter Dona Gracia eng zusammcnhüngt, ist bereits von vielen Seiten aus den reichhaltigen Quellen beleuchtet. Hier seien nur noch nachgetragcn zwei lateinische Briefe des Königs Sigismund August von Polen an ihn, von denen einer das Datum 1570 hat, wodurch Josephs Stellung und Einfluß noch mehr hervortritt. Diese zwei Briefe haben aus einem Archive abdrucken lassen Alex. Kraushar (Geschichte der Juden in Polen, distoi'M ^z'ckocv rv Avises II, p. 318) und Mathias Bcrson (in Frankel-Graetz, Monatsschrift, Jahrg. 1869, S. 423). 1. Inclaso Xasi Lig'ismnnckns XnAnstns rsx. llxeellens clomine amics uostsr clileets. Reciit all Islieitatsm vsstram loauues Vanvimniins Vin- eentluns ))io sxpeckitions usKotii, per ipsnm uobm euarrati, expsetadi- mu8 nos nt, eommnuibns votis lelioss svsntns rssponcksant. Intsrimgns proonradimns in prompt» lindere omnem illam snmmam gnas all oentnmgniugnaKiutn millia 8»i8 temporibns exdnrsancka, asoenclit: Dens Optimns lllaximns nun enm 8»o llliuistro trniwmittsuclo ncl uos rsllnent, nt omuin liino iucks promissa, nllimplsrl pos8int, nd eoclem Qelsitnäo Vsstra, intslliKers potsrit, gnnm promptn sink volnutne nostrn, «t nuimi propsusio srg'n iilnm tnm espeotn privilsZiornm 8»o tempore eoullrmnnilornin guam cmsnsvis nltsrius oktloii prnsstninli, gnock nb ip 80 Vnnoimnlio plsnine IntelliKSt, gnsm illi pro ssoniitats 8»n ex nnimo oommeuclamns. Vnr8nvins, clis XXV. Vsdrnnrii. 2. IU»8tri8 kriuceps nmies no8ter ililscte. Oratisslma 88t uodis eZreZia. istn .volnutne. Illustritatis Vsstrne SI' 0 ' 0 , N08, gnnm uodis partim litterns Illnstrit-ctis Ve8trns reprns8entnut, pnrtini stinm rennntinut ii, gni istinc ncl uo8 reverti soleut. (jnucl enm itn 8it, persrmckers sidi «lebst Illn8tritn8 Vk8trn, pnrntcw no8 vieissim e88s ntgns tors ncl retsren- n8trltntem vsstrnm Iitteri8 cliseeclsre, po8tnlnnts.8 nd Illnstritnts Vestra, nt ei gnn in re, in nstz'otiis uostris, opere, oltlcio, Invors IIIn8tritnti8 Vestra op»8 dndnerit, ssutiat sibl dn8 Xostrns litterns mazuo npncl Illnstritntem Vsstrnm in rsdns «mnidus nclznmento tnisss. vntnm Vnrsnvine, clie VII lllnrtii nuno LlOdXX. Der Passus im ersten Briefe: „espsetn privileglornm sno tempore eoullrmauäornm" deutet wohl an, daß Joseph von Naxos snr seine polnischen Glaubensgenossen Bestätigung gewisser Privilegien verlangt, und daß der König ihm darin zu willfahren versprochen hatte. Herr Halberstamm teilte mir mit, daß in einem llls. seines Besitzes (Nr. 390) enthaltend Briefe von italienischen Rabbinen, angegeben ist, Joseph von Naxos habe an den König von Polen eine Gesandtschaft mit einem großen Gefolge geschickt. Die Notiz lautet: ini'L v'x n? 2 ' n"-o n-sr >20 i'.s -nien '-von mpLv . . . 'Lp ,2'N 22>n 2P.2 5,2: ->,20 ib ,22,pn ,LP 2N2P, L'pe: Lp 8'U^WL I^L.I P8 . V'-T: 22! 7>',2 ,NL p>r>p 0L0L P2N ,8p ^2.8 Die gesandtschaftliche Verhandlung zwischen dem König von Polen und der Pforte in dieser Zeit (1570) betraf die Wahl des Woiwodcn für die Moldau, an welche beide Ansprüche und Interessen hatten. Von Polen wurde der Note 6. 537 junge Bogdan unterstützt, die Pforte war aber gegen ihn eingenommen, weil sie wußte, daß er sich ihrer Souveränität völlig entschlagen wollte. Sie begünstigte dagegen einen Abenteurer Jwonia. Dem König Sigismund August lag aber so viel an Bogdans -Bestätigung, daß er deswegen eine» außerordentlichen Gesandten an den Sultan ernannte, und zwar Taranowski (vcrgl. Zinkeisen, Geschichte d. osman. Reiches III, 519). Von diesem Taranowski ist auch in dem zweiten Schreiben des Königs an Joseph von Naxos die Rede. Er wurde darnach angegangen, des Königs Vorhaben bei der Pforte zu unterstützen. Der Zweck von Josephs Gesandtschaft an Sigismund August ist mir unbekannt. Zur Geschichte und den Plänen des Joseph von Naxos hat David Kaufmann einen neuen interessanten Beitrag geliefert ans einer Kollektion von Briefen und Sendschreiben, den er in leivmü t^nartsrlx Hsvieiv, (Vol. II, x. 305 ff.), mitgeteilt hat. Da diese Vierteljahrsschrift außerhalb Englands nicht allgemein bekannt ist, so dürften die Auszüge daraus, welche Don Joseph und die Geschichte der Juden des Kirchenstaates betreffen, nicht überflüssig sein. Es sind zwei Sendschreiben, das eine von der kleinen Gemeinde Core in Companien an die italienischen Gemeinden, ihr, welche infolge der jnden- seindlichen Bullen verarmt ist, Mittel zur Auswanderung zu spenden (Nr. 167), und das andere von der Gemeinde in Ancona, welche Beitrüge für die Emigranten von Core empfiehlt und befürwortet (Nr. 168). Aus dem ersteren ergibt sich, daß die verarmte Gemeinde sich entschlossen hatte, samt und sonders auszuwandern, weil ein Aufruf von Joseph von Naxos an die Juden ergangen war, sich in dem von ihm neuerbauten Liberias anznsiedcln. Gelegentlich wird erwähnt, welche Leiden die Gemeinden im Kirchenstaate durch die Bullen Pauls IV. und Pius V. erduldet haben. Retrospektiv referiert das erste Sendschreiben lp. 306): rubip.ii 71121-21 2 ,- 212 . 2 , a'iii'v.n ipi -2 '- 2 > --opr, >2 '.in . . . . bniv' b,22 bn 7i,2pp2 .22', 2.2 2ini2 .12 inv 'P 222.2 ibins ii'S'L.i P 212 . . . 2 >, 2212.21 . . 2 - 212 ' 11 b invi nbv 2 p na:» n- 2 i 2 v 8 bi 27:2 il-l >2 22 p ivn 2 v ,22 22 , 2 p 2 j ,2 n'bib ,n u.nn o-viipi ii'ii'22 rin ii'b^ii i-.iv 1 - 220 - 121 , 2.2 22 - 2-2 11 - 2211 : bp 1222 V .2 ,bp np . 212 - 12,22 11-22 2 - 2-1212 1-2 22-2 .22 vipbi bnrb 22 , 2-2 2-2 2 b -> 2 v 12-22 , 22 -i 2 b in v.i-ii an -oba 22 b 22 VI 2 b a-22viii . 2-22 P 212 0 - 2-.-2122 121 1122 (-222 v l.) 1222 -v 2,212!2I 2,212 ^12I2 22 Ni, .... 221.22 >12'P 2V2 22»1L12,2 2i2bi2 V2-21 .... 2.22121 bn 2P (.22->"v l.) 22--V 2121'^PI 2V,2 nbl22 -220 blllv 2,222 11!2,2 n '72 .... 2,2b2'21 v-22 11212V 21,212 b22 11-22-2P '1 nbv -v-12 2 12-2 11'bp ( 222 V I.) 222-v 2-211212 >21 2-bl2- 112 P2V 2112'12 .... 2>bü.2 '2 Np ... . 2-2112121 2-2112 .211212 12-P-1 11-bp 1:2 2-12P2V212.2-V22 2-21212 nbl PI12 2222 nb 2blp2v .22122 2IV Tttvpb b 2 . 2 v. 2 bl 221.21 P1'2 21V llb .222 2.22 2122V 221222 2.2 2 ,212212 2br 122.22 .21.21 . . . 222 '2 2'11 PI '21,2 ,2",2 .ib'LTII ,2,2p- 2121.22 212'2 II2P .2V2 2"V12 .... .ibll.l P2 72-b .... 2lbv p'122'12 22,212 -bl2 bl,2 11'72 212-pb '.2' '2 222 12 2V2 2-22V P22 12'2 21121 2122 ib .2.272 '.2 222V -> 2 1 - 112 H'1122 2b2.2 21122 2'2'NP 2-22V2V 2'2 iblpl .... ll"21222 ,222V 1122 II7lbl21 bp 221121 .212 P12 .2121,212 .2222 2221 2-212 221 b'1.2 b"12 P.222 2-2-12 . . . P222 ^1212 11P22' . . . . 22' .22,2 2V2 2'2'2'b v"2> . . 2'22 222122 2---1lb . . . 2'P1'2I 21-12 .211,21221 22"--1-I2 .21.2 '2 I22-2I . I"12 2-V1.21 .2,b.2,22 P1-2 bp I22P1 1P22 2'22 >2 I1P2V 221 ... . 1.2p,12vbl..22IV'2 P22.2 .22 1,2.271 2v'b '22 .2 1 2 2 b 12 'bp2 2'21.2' 2'V12 v,2212 P22.2 'llpb 2V2 '212 b- 712.2 21lb 22b .222 11.2P'22 P1P bp.11.2122 22'2V . 2-22V2 222 2'V1.2 Der Entschluß der Gemeinde von Core, nach Liberias auszuwandern, muß von ihr gefaßt worden sein, ehe Pius V. die Bulle erlassen hatte, sämtliche Juden des Kirchenstaates, mit Ausnahme von Rom und Ancona zu verbannen, 538 Geschichte der Juden. also vor Februar 1569. Aus einer Notiz, welche Herr Charles Dejob aus einem Schreiben eines Bischofs an den auf Judenbekchrnng versessenen Kardinal Sirleto mitgeteilt hat (kevne ä. XI, IX, x. 85), könnte man entnehmen, daß die Gemeinde von Core ungeachtet aller Vorkehrung zum Auswandern, doch den Entschluß nicht ausgcführt und auch den Ausweisungsbefehl illusorisch gemacht hat. Die Notiz lautet: I'eveMS äs Niuor. ss xlsiKnsit. gn'en äonusnt äs I'srZ'snt (Iss luits) tunt s kows qn' s 6ors, ils snssent. ewxeells I'sxeention ck'nn srrst gni Iss ebssssit äs estts pstits ville. Woher mag die verarmte Gemeinde Geld hergenommen haben, um in Rom hochgestellte Kirchendiener und in der eigenen Mitte die geistliche und weltliche Polizei zu gewinnen, das Verbannungsdekret unvollstreckt zu lassen? Die Gemeinde zählte nicht mehr als 290 Seelen, wie uns das Schreiben der Anconenser berichtet: qo OLM o.i'L'n o.n. 7 . Die drei Dvque «ud dir Frrrarenstsche Kibrl. Gegen die Mitte des LVI. Jahrhunderts tauchen in der jüdischen Literatur drei hervorragende Marranen, sagen wir, Schriftsteller namens Usque, auf, welche die Bibliographie bisher nicht kenntlich genug gemacht oder sogar manches Irrtümliche über sie verbreitet hat. Es sind Salomo Usque, Abraham Usque, und Samuel Usque. Ihre Namen und Leistungen sollen durch das Folgende bemerkbarer gemacht werden. I. Salomo Usque. Von demselben ist bisher nur bekannt, daß er Petrarcas Gedichte aus dem Italienischen ins Spanische gelungen übersetzt, daß er eine Canzone über die sechs Schöpfungstage gedichtet und sie dem Kardinal Borromco gewidmet, und daß er gemeinschaftlich mit einem anderen (jüdischen) Dichter Lazaro Gracian ein Drama „Esther" ausgearbeitet hat (nicht gedruckt, von Leon di Modena ins Italienische übersetzt; vergl. Wolf, Libliotliees III, p. 300, 1025 und de Rossi, vinmonsrio s. v. Noäsns). Der portugiesische Bibliograph Barbosa Machado gibt mehr über ihn an (Libliotlrsos lusitsns I. III, s. v. 8slnsqns lusitsuo), wodurch man aus die Spur geleitet wird, wie sein Name als Marrane gelautet hat. Lalnsgus lusitsuo noms sktsoisäo, eom qns euendrio o proxrio, trsäuxeo äs. linKvs Itslisns sin s 6sstsU- bsns eom „sowmsrios s si'Z'Uinentos" qns mnilo illusträo s tisäu^äo, sonetos, csnvioues, insäri^sles s ssxtinss äo Arsuäs iwets . . Ustrsroks, inlmsirs psrts Vsnstis 1567, äeäiesäs s Xlsxsnärs Xsrnsss, prin- sips äs Usrms. Weiter teilt Barbosa Machado einen Passus des Al sonso de Ulloa mit, welcher Barros erste zwei Dekaden über die Entdeckungen der Portugiesen in Asien ins Italienische übersetzt hat, daß dieser Salusques Übcrsctzuugskunst sehr gerühmt habe: Am schwierigsten seien Petrarcas Verse zu übersetzen; daher verdiene Sal usque besonders Lob, daß er nicht bloß den Sinn, sondern auch Silbenmaß und alle Formenschönheit von Petrarcas Poesie wiederzugeben verstanden habe: XI inASnoso 8slnsgns lusitsuo, qns >>s trsäuxiäo (Is obrs esoiits eu versos äs Istrsreiis), msrsss Note 7, 539 mucbo loor, por baver obliAacto no solo ä, In seuteucia, mos nun o los mismos uumsros cts los sxiabas cts los versos etc. Endlich bemerkt derselbe Bibliograph, Also» so de Ulloa habe seine übersetzten Dekaden dem Duarte Gomez gewidmet und ans Salusque ein Sonett gedichtet: Um aptauso üs trackutor len o sequiuts Loneto o mismo II Ikon o quäl ua. cleäicotorio qus len clo trackuqäu clos Oeeaäas . . a, Ouurls Komss. In diesem Sonett preist de Ulloa Spanien glücklich, daß es jetzt in der eigenen Sprache Petrarcas Lieder besitze, „Dank dem guten Portugiesen Salusque": mereect clel busn Latusqus Uusitauo. So weit der Bericht von Barbosa Machado. Nun, Salusque ist eine Abkürzung für Salomo Usque, das ist nicht zu verkennen. Weiterhin (x. 407 a) ist der Name bei Barbosa Machado in Seleuco Lusitanv verstümmelt. Ter unkritische Barbosa hat aber nicht erkannt, daß Salomo Usque, dessen Übersetzungskunst de Ulloa im Sonette seicrte, und Duarte Gomez, dem derselbe die Dekaden gewidmet, eine und dieselbe Person war. Das erfahren wir aus den Zenturien des marranischen Arztes Amatus Lusitanus, des Zeit- und Leidensgenosscn aller drei Usque. Derselbe hat Duarte Gomez behandelt, und im Eingänge zu dessen Krankheitsgeschichte <6sut,uria V euiiatio 19) teilte er einige für uns interessante Biographica über ihn mit: Uckuarckus Uv men Unsitunus, vir Ai-ovis, iloetus st pasto, ul qui Uetrorcos uumsros Iieuclesasz'IIados et eou- tiuucutos betrusca UiiKua seriptos in linAnom Uispauieam vsrtot ito oorclote, opposits st suis nnmeris eonsoue, nt omnibus ackmiratioui lnit, boe anno oetatis suas quoctro§esimo quinto ex Venstiis, nbi varia et inKSntia, msroium ue^otio sxerest, ^ueouom veuit. Hier haben wir cs deutlich, daß Duarte Gomez so kunstvoll Petrarcas Verse übersetzt hat. Niemand wird darauf fallen, anznuehmen, daß zwei verschiedene Personen zur selben Zeit dieses großen italienischen Dichters Poesien zur Bewunderung der Zeitgenossen ins Spanische übersetzt hätten. Also muß Salusque oder Salomo Usque und Duarte Gomez enr Xa/i cts vone envopsi' Iwmine exprss . . . ?onr eests eanee Isäit 8isur 4088x5 Xaxi snvoz- en vostrs eonr l'an äs 8S8 prineipauls I'acterU'8 äsmsnraut ä Vs nies, uomms Oäonart äs Oomstri. Daraus läßt sich nun weder folgern, daß es ebenfalls derselbe war, welchen Dona Gracia mehrere Jahre vorher zum Teilnehmer an einem Bankgeschäfte in Ferrara eingesetzt und ihm, sowie ihrem undankbaren Neffen Agostin Enriques zu diesem Geschäfte eine Summe vorgesäwsscn hat. Er besaß auch ihr Vertrauen, wie das ihres Schwiegersohnes Joseph Naßi; die Nachricht darüber hat Jvsna Soncin (Uespp. Nr. 20) erhalten: an 2'u.ibi (n-o-u cun) nir-.i mxn 2>21.1I 2'S18 n"' 1'2 ,D.i .ns nsb .1^2:2 (v',2'i:w) p22i:8 '2NN11, PMIM 2P nwnw'2 ,2--n. Als Agostin eine Ausflucht ersann, einen Vertrauensmann von Dona Gracia zu wünschen, dem er Rechenschaft über Summen, die er ihr schuldete, legen wollte, schrieb sie an ihn: mpi' ni PSL'NN bp 1NN1 .82,1 :2p .2!'21- '21811 818 P1X8 '1811 ;,1.1 218 NM. Weiter heißt es das.: 2-8.11 ni'wb 2"'2> 11212 >128 ',ii '1 20 P222181 11211 1182- :n2n 11 .118-'-: i'»2 P22ii8i> 1118.1 122 2"2ii '21811 Das Ergebnis dieser Untersuchung ist, daß Salomo Usquc, früher als Marrane in Portugal Duarte Gomez genannt, zugleich ein gewandter Dichter und ein gewandter praktischer Geschäftsmann war, und mit den Schutzpatronen der Marranen, Gracia Men des Naßi und ihrem Schwiegersöhne, in Verbindung gestanden hat. II. Abraham Usquc. Dieser ist bisher nur als Editor und Truckereibesitzer in Ferrara bekannt gewesen, in dessen Offizin spanische, portugiesische und hebräische Schriften erschienen sind von 1551/52 bis 1558 (vcrgl. de Rossi äs äJ-pog'rapIiia. Ile- braeo-Herrarsimi p. 28 ff. und 62 sf.). Bei ihm erschien auch die berühmt gewordene Ferrarensische Bibel alten Testaments, die erste spanische Übersetzung derselben, mit gothischen Buchstaben gedruckt. Auf dem letzten Blatte ist angegeben: con inänstrm äUiZ-eneia äs ^braliam Ilsqne Uortn- Kirs8, estampaäa. en Hsrrara ä costa. , ässpssa äs Vom Vok Xtias, liiso äs I-svi Xtias, Lspanol, su 14 . äs Xääar äs 53!3. Diese spanische Bibel, welche von sehr vielen beschrieben und besprochen wurde, von Bartolocci, Richard Simon, Vogt, Wolf, Nicolaus Antonio, Element, Knoch, Osmont, de Bure, Crevena, de Rossi und Rodri-- gnez de Castro, bietet ein Rätsel dar, welches bisher nur schlecht gelöst wurde. Denn es existiert eine ganz gleiche Bibel mit denselben Thpcn, demselben Format, in demselben Orte gedruckt und in demselben Jahre und Tage vollendet, die aber ediert wurde von Duarte Pinel auf Kosten des Geronimo de Vargas. Es finden sich nämlich zum Schlüsse einiger Fcrrarcnsischen Bibelexemplare die Worte: eon iuäustria z- äiliASneia Note 7. 541 de Duarts kinsl üortu^uss, sstampada eu I'errara ä eosta dss- pesa de Isrouimo de Varnas üspanoi, eu primero de lllarqo de 1553. Der erste März 1553 entspricht gerade dem 14. Adar 5313. Dasselbe Druckwerk ist also zu gleicher Zeit zweimal erschienen und hat verschiedene Editoren und verschiedene Patrone gehabt, bald Abraham Usqne und Joni-Tob Atias und bald Dnartc Pinel und Geronimo de Vargas. Außer dieser Verschiedenheit fällt noch eine andere ans. Einige Exemplare sind dem Herzog« Ercole II. von Ferrara gewidmet, und unter der Widmung sind Duarte Pinel und de Vargas gezeichnet, andere wiederum sind Gracia Naßi dediziert, und unter der Dedikation sind Jom-Tob Atias und Abraham Usqne unterschrieben. Woher diese Verschiedenheit bei sonstiger völliger Gleichheit? Einige Exemplare bieten indes noch eine allerdings unbedeutende Differenz. Die üsqneschcn Exemplare (so wollen wir die einen nennen) übersetzen den Vers Ics. 7, 6 rii.i i:^pi iai durch: ds la mopa ooueibien, die Pinelschcn Exemplare dagegen durch: ds I». virKsu eonvidisu. Man sieht wohl ein, daß die Übersetzung: „die Jungfrau wird schwanger werden," zugunsten der christlichen Dogmatik veranstaltet wurde. Daraufhin haben die meisten der genannten Bibliographen angenommen, die Pinelsche Ausgabe sei für Christen, die Usqueschc dagegen für Inden ediert worden. Diese Hypothese hat aber Rodriguez de Castro (Libliotbeea Lsxaliola I, p. 402 ff.) gründlich widerlegt. Er, als Spanier, war kompetent zu erklären, daß das spanische Wort mopa ebensogut „Jungfrau, Mädchen" bedeutet, wie virZ-sn. Mit Recht fragt er ferner, wenn die Pinelsche Übersetzung für Christen veranstaltet worden wäre, warum denn nicht auch andere Verse im Sinne der christlichen Exegese übersetzt sind, wovon aber keine Spur vorhanden ist, vielmehr bieten sämtliche Exemplare denselben Text nur mit Ausnahme dieser einzigen Variante. — Gegen die Hypothese von zwei Editionen verschiedener Editoren für Inden und Christen läßt sich überhaupt viel cinwenden. Es ist nicht denkbar, daß überhaupt damit eine Edition für Christen veranstaltet worden wäre: denn gerade die angeblich christliche, die Pinelsche Edition, erhielt das päpstliche Imprimatur, und bekanntlich perhorreszicrte damals der offizielle Katholizismus nichts mehr, als die Übersetzung der Bibel für Christen. Ferner sagt auch diese Ausgabe, wie die andere, daß sie die „alte, bei den Juden übliche Übersetzung bcibehalten hat": Ins lorqado seguir ei leu- »majs, qns lov autitzmos llsdrsos Lspalwles usarou; sie hat also auf ein jüdisches Publikum gerechnet. Ferner, abgesehen davon, ob auch die Pinelsche Edition die Haftarot enthält (was die Bibliographen ungewiß lassen), so enthält sie gleich ihrer Zwillingsschwester mehreres, was nur für Juden Wert hat und nur ihnen verständlich ist. I. Im Eingänge nach dem Prologe ein Register der Richter, Könige, Propheten und Hohenpriester und ein Summarium der Jahre von Adam bis zum Jahre 4280 muudi entnommen dem ab-.p uv: snmario ds los alias desds )1dam basta sl aiio 4280 dsl mundo, saoado ds Lsdsr Olam. 2. Beide enthalten die Angabe der Lcktionsabschnitte für den einjährigen Zyklus ivvis; mit Genesis beginnt üarasoba Nr. 1 und läuft fort bis üaraseba mai nun. 3) Beide geben gewisse masoretische Indizien, die Zahl der Verse „^snobim", pii: Hälfte der Bücher „la mitad". Wozu das alles für Christen? Rodriguez de Castro, obwohl er alle diese Momente übersehen hat, erschüttert mit Recht die Hypothese von der Konfessionsverschiedenheit der beiden Editionen der Fcrrarensischen Bibel, ohne jedoch eine bessere an ihre Stelle zu setzen. Denn seine Hypothese von einem Sozietätsverhältnis zwischen S42 Geschichte der Juden. Usque-Atias einerseits und Pinel-de Vargas anderseits zur Herausgabe der spanischen Bibel ist nicht stichhaltig. Das Rätsel läßt sich aber leicht lösen, wenn man eine Eigentümlichkeit dabei ins Auge faßt. Ist es denn Zufall, daß je der Herausgeber ein Portugiese und je der Patron ein Spanier war? Man erwäge: von inäustrla . . . äs vuarts Uiuel kortNANSs, cou iuäustria äs ^braliam Il8gus ?srtuKNS8; ä oo8ta ... äs äsronimo äs VarAa.8 L8pauol, ä so8ta. . . . äs ^om Tod ... ^ria.8 §8paoo1. Erwägt man dieses, so kommt man sofort darauf, daß Duarte Pinel und Abraham Usque eine und dieselbe Person war, und ebenso der Patron de Vargas und Jom-Tob Atias. Beide waren Marranen, die als Christen den einen und dann nach ihrem Rücktritt zum Judentums den andern Namen geführt haben, wie so viele andere. Die Ferrarensisch - spanische Bibel hat nicht zwei Editionen, sondern nur eine einzige von einer einzigen Person, Pinel-Usque, hcrausgcgebe», auf Kosten eines und desselben marranischen Juden, de Var gas-Atias. Aber warum ist der Prolog in einigen Exemplaren mit den spanischen Namen und in anderen mit den jüdischen Namen unterzeichnet? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Die spanische Bibel ist unter den Auspizien des Herzogs Ercole II. von Ferrara ediert worden, wie das Titelblatt der Pinelschen Exemplare angibt: eou pri- vitsAio äs iI1u8tris8imo 8Säor äugus äs Tsirara. und die Dedikation: 8S imprimiö xor mauäaäo z? ooiwentimiento äs vne8trs. LxesIIenoia. Sie wurde serner der Zensurbehörde vorgelegt und von ihr geprüft und genehmigt: vmta. ^ sxaminnän por et oltivio äs la. Inguwision. In der Widmung an den Herzog heben der Editor und sein Sozius es ausdrücklich hervor, daß die Bibelübersetzung die Zensur passiert hat — und flehen ihn auch um Schutz gegen verleumderische Zungen an: äs baxo äs euzm 8nb1ims tavor uavsAa.remo8 por sl tsmps8tuo8o mar gus Ia.8 ästraotors8 1enAna8 pneäen Isvantar. Wenn die Marranen auch in Ferrara geduldet wurden, so durften sie wohl in einem offiziellen Akte nicht geradezu als Juden auftretcn. Daher mögen die Herausgeber, Pinel und de Bargas, in den Exemplaren, welche der Zensur und dem Herzoge vorgelegt und dem letztern gewidmet werden sollten, ihre jüdischen Namen verschwiegen und auch den Anstoß vermieden haben, den das Wort in Jesaias, durch „junge Frau" wiedergegebcn, erregen könnte. Sie setzen daher dafür geradezu vii-KSu in einigen Exemplaren, um die Zensur zu befriedigen. Aber sie hatten ebensoviel, wo nicht noch mehr, der edelherzigen Dona Gracia Naßi zu danken, und wollten auch ihr ein Zeichen ihrer Erkenntlichkeit durch eine Dedikation geben. Hier, su kamills, durften sie die Maske fallen lassen, sich geradezu Abraham Usque und Jom-Tob Alias nennen und das Wort moqa. statt vii'Ksn gebrauchen, welches wie.-mb? eine vox meäia ist, ebensogut „Jungfrau" wie „junge Frau" bedeuten kann. Mit einem Worte, die Ferrarensisch-spanische Bibel ist nur für Juden ediert, und es sind von ihr zweierlei Exemplare abgezogen worden, offizielle für die Augen des Herzogs und der Zensur und nicht offizielle für die der Juden. Nach dieser Auseinandersetzung ist an der Identität von Abraham Usque und Duarte Pinel einerseits und von Jom-Tob ben Levi Atias und Geronimo de Vargas anderseits nicht zu zweifeln. Daraus folgt, daß beide Marranen waren — der erstere aus Portugal und der letztere aus Spanien. — Der erstere war nicht bloß Druckereibesitzer in Ferrara, sondern auch Schriftsteller. Denn Nikolaus Antonio führt von Pinel eine Schrift an: Uäuaräi UinsIIi Uu8itani latiuae Ara-mmatioae oompenäinm. Note 7. 543 Lsnvckem tra.ots.tu8 cts Llalenckis, gedruckt Lissabon 1543. In diesem Jahre scheint Abraham Usque noch in Portugal als Marrane gelebt zu haben. Rodrignez de Castro schreibt ihm zwar noch einen Traktat über die jüdischen Riten für das Neujahr zu; es ist aber ein Irrtum, wozu ihn Wolf verleitet hat. Es ist weiter nichts, als oräen cks Uoseb-ba soliana, d. h. ein 21122 , das Abraham Usque ediert hat. — Es sei noch zum Schlüsse hcrvorgehobcn, das; auch Abraham Usque wie Salomo Usque in Beziehung zu Dona Gracia Naßi stand, indem er mit seinem Sozius ihr die Bibel gewidmet hat. III. Samuel Usque. Bon diesem, vielleicht dem bedeutendsten der drei Usque, ist viel weniger bekannt und eigentlich weiter nichts Bestimmtes, als seine paränetische Behandlung der jüdischen Geschichte in seinem, man kann sagen Meisterwerke: Ovimolaqäo a.8 tribnlaqöss cks Israel, gedruckt Ferrara September 5313 bei Abraham Usque und gewidmet mit einer schwärmerischen Medikation der Dona Gracia. Ohne Zweifel war auch er Marrane, wie aus vielen Äußerungen in seinem Werke hervorgeht, aber seinen marranischen Namen habe ich bisher nicht ermitteln können. Aus einer Notiz bei Isaak Akrisch (in dessen 22,22 gedruckt um 1577) geht hervor, daß Samuel Usque später in Safet gelebt und dort national-romantische Agitationen getrieben hat. Ich gebe wegen der Seltenheit des Buches und anderweitiger Wichtigkeit dieser Notiz hier in extenso wieder: 22v >122 22i>8 2221 1>2'12 '22 i>v 2'x'2>2i PW "2V'2S 2218 '2'82v >2 i>x qm '->b 2',222 2:22V 122 2'si 2iv (>81122,2°, -,221 (?) 81-2122-1,22 82v 22182.2t 21222 rinn 28X22 V2L2I . . . 2l(vI2 2'222 ,2122 '8'X,2.2V 218X2 2 22V 22t): (211 ,;.22.2 q21> 2122 q8°,121 ;vv .8121 l'v' 12V :2>118 2212' 2DX2 22VV 228 2222 '1>>'2 28 '2>82v 2122 2'21 2"V2 22V 2'1V 2'v(vl 2'1v( 212,2 21'2 22V ^) l'v 12 21>22 2'2 2N )2I1 2'2I ,2'2X2 '8X1'2 2'2>'S 'x 21222, L's282 22: 2'22V2 2->x( 212,2 182V 2222 2'2V '2 nb, . . 22,22 I'222 1'21 ;2' 221 . 22°1-2 2VI 2.2'xi2X1 22,'X 1122 22'(l2°! 2'1,22 ,1'(x ll'lxi( 2'21 282>'2 P2 2xi>1v2 2x',2v1I 2x22 '12 28 222V 8?8 (('118) PXl(ni21 p( ( 8 1,2V '1V2 2V1 ',2V18 2 8 1,2V 2282 2V 22X2 2'x'v2 '1v 12,2 ,'2281 .112212 2x1 82V 228 '22x 2x '2222 '18 1,2Xx '122 228 °,2 2,218 2'2, 2122 '1X'2 1'2 222 2.1: ' 2 2 X 0'1'282 1'2 2LX "ix, .... 1222 (x 2'x,2 228 2">'V2 '1V.2 ,281 .... 2"22V2 P2812 /121 2'22 2'V18 ,'(x 12>x.2 12222 221' xv2 2'2V v"v «22X (81,2V 212 '2281 .2.22 Daß Samuel Usque von Ferrara nach Safet ausgewandert wäre — vielleicht infolge der kirchlichen Reaktion unter Paulus IV. — ist nicht unwahrscheinlich. Es ist auch möglich, daß er nationalen Hirngespinsten nachhing. Denn er hatte, trotz seiner Bildung und umfassenden Kenntnis der Profanliteratur, auch eine Vorliebe sür die Kabbala. In seiner Oonsolaqäo (p. 228 b) läßt erfolgendes Thema zwischen Numeo und Jcabo besprechen: Numeo: „Diejenigen Juden, welche im Gewände des Judentums in diesem Leben ihre Sünden abbüßen und an Gott und seinem Gesetze festhaltcn, erlangen Anteil am jenseitigen Leben, nicht aber diejenigen, welche sich von Israels Körperschaft losgelöst haben. Jcabo: „So wären also die Seelen derer verloren, welche durch Zwang und Gewalt das Gesetz aufgegeben, aus Todesfurcht die Maske einer anderen Religion angenommen hätten und in ihr gestorben wären (die Mar- ranen)?" Nunieo: „ksra K8ts8 ontra g-rancks miserioorckia nsa a maKsstacke *) Der Passus 2 iv i"v 12 2,222 ist wohl eine Korruption für ,"2 p - 2,'22 2 iv; denn im fünfzehnten Jahre war Akrisch von diesem Schauplätze entfernt und lebte nocki in Italien. Bergt, a. S. 8, Note 1. 544 Geschichte der Juden. 4iviua, zia.88a.u4o aquslla.8 almaa 4s uns iioritros oorp 08 , qus ueUs8 88 smsiiclsin st pnrKSiu aquella zueoataneia, 4s qvs U8aram; d. h. die Seelenwanderung soll die im Christentum gestorbenen Marrauen läutern. Daraus und aus noch anderen Momenten ergibt sich, oaß Samuel Usque von der Mystik durchdrungen war. Die Marrancn hatten überhaupt durchschnittlich eine besondere Inklination für die Kabbala. Er mag daher sich in dem Kabbalistennest Safet angesiedelt haben. Das; Samuel Usque mit Dona Gracia in Verbindung gestanden, bemerkt er wiederholentlich in seinem Werke; er nennt sich in der Widmung „ihr Geschöpf, V 088 N t'situra." — Nebenher sei hier bemerkt, daß die voiiaoiaqäo nicht 1553, sondern ein Jahr vorher erschienen ist; der 27. September 5313 ist 1552. Das Werk ist noch vor dem großen Scheiterhaufen für jüdische Schriften in Italien gedruckt worden, sonst hätte der Verfasser auch diese Kalamität mit ausgenommen, wie es Joseph Kohen znm Schlüsse des '121 getan. — Bemerkenswert sind die Quellen, welche Samuel Usque für die zum Zweck der Erbauung umgearbeitete Geschichte benutzt hat. In der Einleitung bemerkt er, er habe sich Mühe gegeben, Geschichtsfakta zu sammeln, sie aus authentischen Quellen am Nande angegeben (p. 3): reeolbencko (eu 08 traballios) por esrto nam (uäo) eom pouoa tacki^a s trabaUio 4s 4ivsr808 s 11111 z- aprova4o8 aniors8, eomo nos Marxens 8S xo4s vir st 08 inaia ino4srno8 traballioa antori- na4os eom g.8 msmorias 4o8 veUioa qus sn sllss 88 am (iiäo) aobailo. Im ersten und zweiten Dialoge ist am Rande öfter angegeben: .Io8«to 4.18 z-atoriaa iu4aiea8, mit Angabe des Buches und Kapitels. Usque hat also Josephus gelesen, wohl in der damals bereits edierten lateinischen Übersetzung. Von jüdischen Quellen zitiert er bei der Geschichte von Bar-Kochba: Uvro 4s 8anlis4rin, oaziitulo qus eomsnqa, bislo88a Dsralrim (p. 140), ferner Leba Labbati. Er zitiert Abraham Jbn-Daud: Lbrabäo Usvi no Uvro 4s Dabala (p. 192b). Bon externen Quellen zitiert er: Coronioa 4»8 smzisra- 4ores Uomauo8 4s Dion (p. 142, 154); Ovid, Lucian, Plutarch (p. I5lb). Für die diasporisäze Geschichte im dritten Dialog meistens tortaiitiuiri liclsi (Chiffre D. §.) des Alfonso de Spina, öfter Oorouiea 4s Dvpaila, z-8toria 4s 8am Den 18 4s Uranqa (p. 149), Dorouiea (4s) IiiKratsrra (p. 177), Dorouiea 4v8 smpsra4ore8 s 4o8 Daqi-m (p. 186). In Band VIII, Note I, habe ich uachgcwiesen, daß er Profiat Durans (Efodis) 'o vielfach benutzt hat. 8. Der Arzt rrnd Staatsmann Salomo Aschkenast »nd die Favoritin Esther Kiera. Fast noch mehr Einfluß auf die maßgebenden Persönlichkeiten an der Pforte und dadurch ans Staatsangelegenheiten als Joseph von Naxos hatten unter Sultan Murad III. ein jüdischer Arzt und eine jüdische Favoritin des Harems. Dadurch waren sie beide imstande, zugunsten ihrer Glaubensgenossen in der Türkei zu wirken, wenigstens jene elende Lage von ihnen fern zu halten, in die sie nach deren Tod vom Anfang des 17. Jahrhunderts an geraten sind. Der jüdische Arzt und Diplomat Salomo Aschkenasi ist zwar bekannt; er war bereits Gegenstand historischer Behandlung (Ersch und Gruber, Enzyklop., Sek. II, Bd. 27, S. 203 ff.; Luzzatto zu DmsU-ba Laelia, p. 150 ff. N. 2. Lcvi, Joseph von Naxos, S. 8). Aber einige wichtige Notizen über ihn wurden Note 8. 545 übersehen, und erst dadurch ist man imstande, seine nicht uninteressante Biographie zu verfolgen. Von der jüdischen Favoritin Äiera ist bisher nur das Wenige bekannt, was v. Hammer in seiner Geschichte der Osmanen über sie mitgeteilt hat. Einige ergänzende Nachrichten über sie dürften daher nicht unwichtig sein. I. Salomo Aschkenasi. Fast alle Gesandtschaftsberichte, französische, deutsche und italienische, namentlich venezianische Berichte ans dem 16. Jahrhundert nennen den jüdischen Arzt Salomo Aschkenasi. Er war dadurch so bekannt geworden, weil er den Frieden zwischen der Türkei und Venedig nach dem Cyprischcn Kriege vermittelt und abgeschlossen hat. Ein französischer Gesandter an der Pforte bezeichnet ihn als Kadi 8alomon, lavori äs tons Iss Lassas (dnarrisrs, XeZooiations III, p. 883). Bekannt ist cs auch, daß er bestimmend darauf eingcwirkt hat, daß Heinrich von Anjou (später Heinrich III. von Frankreich) zum König von Polen gewählt wurde. Salomo schrieb 1580 an diesen König: massims in In slsotious obs vostra maAkstä Io slsoto rs äs I?olonia, oüs io In causa äs Intto gusllo ss opsrö gm, si dsn oreäo ods mcmsior äs ^cxs (Llr. ä'Xogs) avsrä tirato il tutto a ss (Olmrrisre das. p. 932 Note). Wenig bekannt aber ist cs, daß derselbe früher, vor seiner ärztlichen und diplomatischen Wirksamkeit in der Türkei, Leibarzt des Königs Sigismund August von Polen gewesen ist, obwohl dieselbe Hauptguclle, der Bericht eines französischen Gesandten, es mittcilt. Zur Zeit, als dieser Heinrich bei der Nachricht von dem Tode seines Bruders, Karls IX. von Frankreich, heimlich Polen verlassen wollte, um die französische Krone zu übernehmen, berichtete der französische Gesandte in Venedig, Nr. de Ferriers, darüber an die Königin-Witwe Katharina de Medici 25. Juni 1574 und teilt den, nach seiner Ansicht, weisen Rat eines jüdisch-türkischen Gesandten bei dem venezianischen Senate mit, der Heinrichs von Anjou Schritte für gefährlich hielt. Es würde durch Heinrichs Aufgeben der polnischen Krone eine große Verlegenheit in Polen entstehen und der Türkei Gelegenheit zur Intervention geben: „ponr In eraints gu'ils (Iss kolonais) out ä'estrs invaäsa par Is Vranä-8eiANSur saus eoulsur äs la ßprsrrs g. oommenos su Noläa-vis et anssi par Is moxsn äs Nranssplvaim ImgusIIs (— oomms mir ests äit enoores liier par l'ambassaäsnr suvoz'ö par Is ) die Rede ist. Es ist nämlich daselbst von der zweifelhaften Verlobung der Schwägerin eines italienischen Arztes dieses Namens die Rede. An der ersten Stelle: ips .-on> irmvns ivm osnn nsii.nr> Z'wvw'w ll.-ws» nsne-v.i ,-^wo.n wem Nirm isips 'vw >i>n b:i. Bei Jsserles: op iiwv nw o.-.isn -mna ns n>nv NN2I21 NIN n)s.n S1P.1I . . . MPN1P ns MV in): S'pnirns INS 11N I^ris 'Pli nL^e, > 1 . Ein Arzt Namens Salomo aus Italien, der in dieser Zeit in Krakau lebte, kann kein anderer als Salomo Aschkenasi gewesen sein; er war, obwohl er den Beinamen Aschkenasi führt, ein Italiener und stammte aus Udine. Aus Jsserles' Lssponsum erfahren wir auch das Jahr. Das Zeugenverhör über diesen Eheprozeß ist ausgenommen: vsv s">, d. h. Januar 1559. In diesem und dem vorangegangenen Jahre war S. Aschkenasi gewiß in Krakau, in der damaligen Residenz der Könige von Polen. Carmoly gibt an, eine Handschrift gesehen zu haben, welche von weiten Reisen dieses jüdischen Arztes in Frankreich, Deutschland, Polen und Rußland berichtet (bistoirs äss roääseins .jnit's p. 185). Aus dem wichtigen Bericht über ihn von einem venezianischen Gesandten (wovon weiter) wiro sich ergeben, daß Salomo bereits 1564 in Koustantinopel war. Wenn der französische Gesandte lllr. du Ferrier mitteilt, er sei lange Zeit erster Arzt des polnischen Königs Sigismund August gewesen, so ist diese Zeit zwischen 1548 bis 1564 einzuschränken. Sonderbarerweise leugnet Jechiel Zünz in seinem Werke (Geschichte der Krakauer Rabbinate, piri i>p Xcläitamm. p. 68 ff.) die Identität des Arztes Salomo Aschkenasi mit dem Arzte Salomo, von dem bei Lurja und Jsserles die Rede ist. Er polemisiert gegen meine Identifizierung und behauptet, der Arzt in Krakau sei Salomo Calahorra (auch Kalmar genannt) gewesen. Aber die von ihm zitierten Zeugnisse hätten ihn belehren können, daß er auf falscher Fährte gewandelt ist. Denn der in polnischen Urkunden genannte Doktor Salomon Calahorra, dessen Identität mit (^nins'bp niss nsw ivi>v (Vater des Vers, von i>nieo nsro) sicher ist, war ein Spanier aus Calahorra, während der Arzt Salomon bei Jsserles ipiiw, der Italiener, genannt wird. Für Salomo Aschkenasis Biographie, namentlich für seinen Eintritt in das Vertrauen des Großveziers Mahommed Sokolli und sein allmähliches Avancieren ist der Bericht des venezianischen Gesandten Marcantonio Barbara von 1573 (in XIbsri'8 Lslusioni cksAli ambasoiatori Vsnsti D. XVI. oder Xppenäios Florenz 1863) von großem Interesse. Barbara war es, welcher die Unterhandlung über Abschluß des Friedens mit der Türkei durch Vermittelung Salomos leitete, er hat die allergünstigsten Berichte über ihn an den ') n-ms'iip ist kein Erratum, wie Zünz glaubt, sondern die richtige Aussprache 0 aI aI o ra. In jedem spanischen Lexikon kann man lesen, daß k anstatt ü gebraucht wird, besonders in der alten Orthographie. In dem Aktenstück des Königs Stephan (LIstrz'üa Xoroua von 1578 bei Math. Versöhn: NobiasL Lodu p. 48) Salomon Calehore msä. cir. bsbrasus, oivis 6ra- eovisusio. Seine Familie stammte demnach aus dem spanischen Städtchen Calahorra. Dieser Name wurde aber Calafora und von den Juden Kalifo r a, korrumpiert Kalwari, ausgesprochen. Note 8. 547 Senat geschrieben, und diejenigen zu widerlegen sich angelegen sein lassen, welche zu dem jüdischen Diplomaten kein Vertrauen hatten. Barbara erzählt (daselbst p. 399), daß er beim Ansbruch des Cyprischen Krieges (1870) in Konstantinopel Hausarrest gehabt, mit keinem Würdenträger verhandeln gekonnt, sich des jüdischen Arztes zu Unterhandlungen bedient habe: ini vslsvs clsll'opers cli 8, ski 8 slomous, st gusls il kssss . . . svsvs ästo kscolts cli vsnirs in csss mis iibsrsments; il gnsl Radi ssssuclo ststo slignsuti mssi prima, iutroclotto col msrr^o mio s curare cksuus bei (OrsAomsuo Arsuäs), ms ns vslsi anco . . . liicl eassiulo 8ski 8slomous nomo cli 8pirito s per opinions inia cli bnons voiouts . . . Dann heißt es weiter von ihm (das. p. 400): tjusst'kuomo non svsvs äs principio prstics s>- cnns, ns CON08CSNÜS von illsksmst kssss, ms srs Kens, como snclclito cli vostrs LiKNvris, ststo smieo clsi cisrissimi bsili ltrs- Ksilin s 8orsnM>), misi preclecsssori — daß er unter diesen der Republik viele Dienste geleistet — st äsuus bei l'svsrs introclotto sl kssss . . . ssssuäo nsto sno snclclito in ltcline er svsnäo in Verons et Oäsrxo krstsili s uepots. Barbara erzählt weiter, wie er selbst während des Cyprischen Krieges durch Salomo Nachrichten von Wichtigkeit erhalten habe, die dieser ihm mit Gefährdung seines Lebens verschafft habe — cli cks ns kn snso sccussto con ^rsu psricoia cleils vits s kn skc»'7.stc>, per iikersrsi, cli psZ-ars moiti clnesti. Er rühmt ferner (p. 401) mit besonderer Wärme seine klugen Ratschläge, seine Opferwilligkeit und Dienstbeflissenheit: s son snco kennt» äi clirs eüs in sei snni cirs ü s prstico msco, non ko potnto vsäsr coss cks ini sdkis scsuäsli^^sto, ns cleils sns konts, ns clslis sns cliliASnrs; p. 402 teilt Barbara mit, daß Salomo dem Hofe nach Adria- nopcl folgte, um die Prinzessin, Gemahlin Mohammed Sokollis, zu kurieren, daß er von dessen Gegner angcklagt und in der Nähe des Sultans in Verhör genommen wurde, daß er sich aber sehr geschickt aus der Schlinge gezogen. 8. 407 bis 408 berichtet er, daß Salomo den Entwurf zum Frieden zwischen der Türkei und Venedig ausgearbeitet hat. Der ganze Bericht ist eigentlich ein Panegprikus auf Salomos diplomatische Tüchtigkeit und Treue gegen Venedig und eine eindringliche Bitte an den Senat, ihn zum Unterhändler für den Friedensschluß zuzulassen; p. 414: blslls gnsl coss sis pur sicurissims, cks s piü cks uecssssris l'opsrs cli Rsdi Lslomoue, s ls sns vsuuts gui s ststs tsuuts cls ms, s Is tsuZo, äi sommo ksnslicio slls coss uostrs sts. Es folgt daraus, daß Salomo erst gegen 1570 mit dem ersten Pascha Sokolli bekannt wurde. Marcantonio Barbara drang endlich durch. Salomo wurde als Gesandter für den Friedensschluß zugelassen und in Venedig mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt, worüber Joseph Kohen, der französische Gesandte (oben S. 545) und der Herausgeber eines 8ckulcksu ^.rnck, beendet Tammus 1574, berichten (Lmsk Ks-Lsclis, p. 150). Selten ist einem Juden in der Christenheit eine solche Ehre und Auszeichnung zuteil geworden wie ihm. Im Mai 1574 war er nach Venedig gekommen, und weilte mehrere Monate daselbst. Wenn er auch Venedig Dienste geleistet hat, so hat er doch nicht minder das Interesse der Türkei wahrgenommen. Er hatte einen Auftrag, ein Schutz- und *) Vittorio Bragadini wurde znm Baile für Konstantinopel Februar 1564 gewählt und Jacopo Soranzo Juni 1565. Also war Salomo mindestens bereits seit l564 in Konstautinopel. 35 * 548 Geschichte.der Juden. Trntzbündnis mit der Republik gegen Spanien in Anregung zu bringen, drang aber damit nicht durch, (Morosini, Historia veusta I^XII, p. 583 ff.). Vsrum uulla in parts priori cisorsto inntato ckimissns Lalomon uv clseem anri libris Leipudtieas nomius äonatns sst. Später hat er feine Dienstbeflissenheit für Venedig aufgegeben. Mattes Zane berichtet über ihn 1594: Vorrat bassä (da per tamiKiiars) 8 aIomous teckesoüo pooo anrieo cks11s oose cks11a 8. V. eck nno sno Irutstto e tamitzliar ä'Idraim bassä (Xtberi Ls- larioni, Serie 3, III, p. 389). Er hatte noch unter Mohammed IV. (1595) Einfluß (Quelle bei v. Hammer, Gesch. d. Osmaneu, IV, S. 247), kann also frühestens, wenn man dazu nimmt, daß er in den fünfziger Jahren bereits Leibarzt war, um 1520 geboren sein. Perles hat auf eine wenig beachtete Notiz aufmerksam gemacht, woraus hervorgeht, daß der Diplomat Salomo Aschkenasi im Jahre 1605 bereits aus dem Leben geschieden war, ferner, daß seine Frau, welche großes Ansehen am türkischen Hof genoß, weil sie den jungen Sultan Achmed I. von den Pocken geheilt hatte, den Namen Bula Jkschati führte; daß er drei Söhne hinterlassen hat, Nathan, Sa m n e l und Obadja, und endlich, daß der erste« in den Jahren 1605 bis 160 die Gunst des Sultans Achmed genossen hat. Diese Notiz findet sich in dem Vorwort zn den Nesponsen des Mose Alschaich (mais.i l'vbn 22212) in der von seinem Sohne veranstalteten ersten Ausgabe derselben (gedruckt Venedig 1605 bis 1606, mitgeteilt von Perles in Frankel-Graetz, Monatsschrift, Jahrg. 1879, S. 287 ff). In diesem Vorworte dankt der Sohn des Verfassers dem Nathan Aschkenasi, dem Sohne des Diplomaten, dafür, daß derselbe sämtliche Kosten des Druckes getragen hat, und bemerkte dabei die oben erwähnten Punkte. Sie lauten: . . . .ibpa.i xn 2222 ion bu i2"u>2i p'ieu, 'I12VU 22bv 22"222 72 . . . 'ii22'8 221222 iv.i m.i ii>2 bb-2 b.i 22112 p'1222 'Nirm ..iibmr.i lim 22222b b- nrw .702 22b 721 2i>2 2218 2"2bi Nibu2'!2 872' . . bnb ibb°!2>> ab- 1>'2> . . . 2'1>>' N2L2 .1- 111221 2'2' P21 2'pr2 '18 '2 8'2'p'8 ub>2 2212 22 22212212 2821121 22'2>'22 2221b 222, ;ni 2121 1121 12121 12b llpi.n 2'212 2.-1 ub.2 :.212.2 b822-' '12 'bwui2 '218 2'1122 rnubi 2'22'21 ibi22 '1'P2 . . . . . . 2'221>' 2"22 22P11 nrl 2,2'2I .'112218 b 8 1 2 21 2"22 82'11 22 b>' Auch Joseph Koheu Continuator berichtet, daß im Jahre 16v5 Nathan Aschkenasi ein Empfehlungsschreiben vom Sultan Achmed I. an die Signoria von Venedig überbracht habe und infolgedessen von dieser und von dem Dogen Grimani mit Auszeichnung behandelt worden sei (Lmsll Im-Luelm, p. 177). II. Die Favoritin Esther Kiera. Venezianische Gesandtschastsberichte und türkische Sultanschroniken erzählen von dem Einfluß, den eine Jüdin auf eine Sultanin hatte, und vermittelst ihrer ans den Gang der wichtigsten Staatsangelegenheiten, als diese unter Murad III. und Mohammed IV. vom Harem ans geleitet wurden. Die europäischen Gesandten mußten sich um ihre Gunst bewerben, wollten sie irgend einen Vorteil für ihre Höfe erlangen, Ihr Name lautet in den europäischen Nachrichten verschieden: Kiera, CHiera, Chierara, Chirazza oder Chiarazza. Sie war Favoritin der Sultauin Baffa, einer geborenen Venezianerin, Gemahlin des Sultans Murad III., welckic als CHassaki (Sultanin-Gemahlin) und nach dessen Tode als Walide (Sultanin-Mutter) unter ihrem Sohne die Zügel der Regierung leitete. Der venezianische Gesandte Contarini berichtete im Jahre 1583 von einiger Zeit vorher: ILt pereüs it amdasciator 8oranro uou tu prsseutö (tu 8nltauu), ss us rmenti assui eou In Oliierara, edrea ebs pration seco lamitzliarments (Liberi Lelarioni, Serie 3, III, p. 236). In einem anderen venezianischen Berichte heißt sic: In Lliirnü^n Usbrea (bei v. Hammer, a. a. O., IV., S, 156). In demselben Berichte kommt auch vor: I^oli^a. sorittn clalln Lnttnnn in ürvors ilslla. 0 Ii i a. r n 2 2 n per il lolto 8no, Llarr:o 1587 (das. p. 159, Note ct). Die Venezianer haben nämlich der jüdischen Favoritin eine Lotterie bewilligt, und dadurch erlangten sie ausgedehnte Privilegien von der Sultanin. Soranzo Bernardo berichtet 1592: Loleva, in tsinpo mio nsarei per inerrw cou la. Lerenissimn 8rllbs.ua. In dlrinrnLnn Ildrsn (Liberi a. a. O., Serie 3, II., p. 361). Die Sultanin schrieb an einen venezianischen Gesandten, sie habe den Samt erhalten per In 6 Ir lern no8trn «elrinvn (bei v. Hammer a. a. O-, S. 615). Die türkischen Geschichtsschreiber nennen sie Kira, berichten von ihr, daß sie sogar Reiterämter der Sipahi verteilt habe, und erzählen von ihrem Tode durch den Aufstand der Sipahi gegen sie (das. 303 sf.). Es wäre auffallend, wenn in der jüdischen Literatur nichts von dieser einflußreichen Frau Vorkommen sollte. Und in der Tat sprechen jüdische Schriftsteller von ihr, und zwar mit großem Lobe, als einer hochherzigen Wohltäterin und Beförderen der jüdischen Literatur. Der wandernde Hinkfuß Isaak Akrisch erzählt, daß die hochgestellte Frau Kiera Esther, Witwe des Elia Chendali, ihn vor dem großen Brande in Konstantinopel reichlich unterstützt hat, und noch mehr beim Ausbruch desselben (1569), als fast das ganze Judenquartier ein Raub der Flammen geworden war (Einleitung zum Tripel- Kommentar zu Canticum): 1X1,771 , 1777.1 . 1-2 bx -,i:bi ( 1212 'b) 2 - 17 ' '1 11 x 1 . 2>bll 2'1'21'V 2'21 >17117 1X22 1.1'27 '7 . >7171 1'7X '117 ll 7 17 7 X . . 1.12X 11" j7 NX 221 >1X217 l.l'lb >.12^12121 1'1> .171171 112177 >11X 1>'>>22 11>1 121211 21,7 277 '.lirx 2 ib' 2 i 2 i >1222 >17 . 1 X 1 >. 12 'X. Wir erfahren daraus ihren jüdischen Namen; der Name ii»,7 ist wohl ihr türkischer gewesen. Durch die Ermittelung ihres jüdischen Namens ergibt sich, daß durch ihre Unterstützung Zacntos hebräisches Geschichtswerk.loebasiu von Samuel Schulam 1566 ediert wurde, und daß sie eine Mutter der Armen, Witwen und Waisen gewesen ist. In der Einleitung dazu bemerkt nämlich der erste Editor: 2 b,e> . . . p bx, 2 v iux 112X '17 b'1 121X >11X21 112V '212) Ml IX 1>>'lb 1711,7 1 221 1227 11'1 '1 .1X17 11721 12>x '1 1X1> 121X ;iv 1117 >bl71 1>7x '112 lb>>71 X217 17>2 2'1'/V2 >117 "?2 2'7,'2X11 2"7>1 1X17' P1X1 .'7217 .1'2722 XS121 1^71r I22V 1-VV22 lb,17 1VX . . . 2'2'2',72 2'121 17lilir>b 2'22 2>>, 21> i>221 1'übl 2',' s'2>7 I>>22!> PIX >'172lb O'büllll 111P711 2.17 llpbl 1'1> 1-727X1 2>,7,1> . 1lb,,7 >71,72 xbl 1112 111 . . P'2X7 1lbe> 1>1> 1'III^IX 72 112121 112V .1X127' X27 1'1> >1212 . . 2>I7'71 1'7 7x X27 .101X11 . SaiNUel Schulam, unerschöpflich in ihrem Lobe, erzählt, als an ihrer Tafel unter den anwesenden Männern von Kenntnis von diesem Werke und der Nützlichkeit, cs durch den Druck zu verbreiten, die Rede Ivar, forderte sie ihn ans, es auf ihre Kosten drucken zu lassen: ->221 722 pmiub i>ix >7xi . 11712.17 xi? 21,7 >bx 12 x 1 ,. Samuel Schulam hat zwei mißlungene Verse zu ihrer Verherrlichung gedichtet. — Zacntos Werk, welches trotz seiner Mittelmäßigkeit die Kenntnis der jüdischen Geschichte verbreitet und gefördert hat, verdankt seine Veröffentlichung dieser Kiera-Esther, deren Namen und Taten bisher verschollen waren. Noch vor 1566 muß sie also sehr reich, aber schon verwitwet gewesen sein. — Ihre und ihrer Söhne Ermordung durch den Aufstand der Sipahi setzten türkische Geschichtsschreiber 15. Ramadhan 1008 Hegira ^ 30. März 1600 (bei v. Hammer das. S. 303). Auch der Fortsctzer von Joseph Kohens Liuek Iia-Lsebs (p. 172) erzählt von ihrem Einfluß, Ansehen und schmählichem Tod, aber ohne 550 Geschichte der Juden. ihren Namen zn nennen: wirm 82, 2212.1 i?» i>'v2 2221' 1212m io>n i2'o2>2i,22 22 ',-1 i>bn 21112,21 2'pii2. Ihr konfisziertes Vermögen betrug nach dem türkischen Geschichtsschreiber 5 000 000 Asper — t 00 000 Dukaten, nach dem eben genannten jüdischen Historiker: Y22 8p2> nn2 ^2,12 uv. Französische und venezianische Gesandtschaftsberichte haben noch den Namen eines sonst unbekannten jüdischen diplomatischen Agenten unter Murad III. aufbewahrt, eines Arztes Benveniste. Bei Olmri'isrs, MZ-oviations IV. I>. 236 berichtet der französische Gesandte an Heinrich III. vom 13 . Dez. 1589 von intimen Politischen Verhandlungen, ainsz' gn's, rapports is iZsnnvsnists lall. Vom 15 . Januar 1594 lautet der Bericht, derselbe sei plötzlich in der Nacht vom Sultan mit noch zwei Vertrauten des Paschas in Kerker geworfen worden (das. 246 und in der Note): oomme sn estant nou nsnismsut «In tont rsmw ia oliargs äs äe^ä 68 waiim än äiet jnit (Lennveui8ts), mai8 gua8i ia. äsiibsration st äsoi8ion ä 8on arbitrs et voinnts. Iluf Anklagen der Schwester des Sultans sollte er streng bestraft, dann gezwungen werden, den Turban zn nehmen, kam aber zuletzt mit der leichtern Strafe der Verbannung davon. Er durfte später wieder frei zurückkehren und wurde abermals vertrauter Geschäftsführer des ersten Pascha Siawns oder Sciaus, wie Matteo Zaue berichtet (Liberi, Serie 3 , III, p. 389 vom Jahre 1594 ): Seinem La88ä Im per kamiZ'Imrs ii äottors Lsnvsui8ts. 9 . Isaak Lurja und Ctzajiin Vital Calabrese. Über diese Begründer der jüngeren Kabbala hat man bisher nur Nachrichten aus einer einzigen Quelle geschöpft, dem Sendschreiben des Schlomel Prosnitz aus Lundenburg, ans den Jahren >607 bis 1609 (abgedruckt in Joseph del Medigos 1221 112,p. 37 ff. und andern Schriften). Diese Quelle erweist sich aber als sehr getrübt. Denn dieser aus Mähren eingewanderte Kon- fusioniarius hat alles ausgenommen und zurückgetönt, was ihm der oder jener naiv oder mystifizierend mitgeteilt hatte. Wir sind noch imstande, dessen Angaben zum Teil wenigstens zu berichtigen durch Vitals Selbstbiographie, unter dem Titel 7 n- 2 ii mm >i >122,, (mns nnuo st iooo gedruckt, aber wohl Ostrog 1826 , überdruckt Lemberg 1865 ohne Seitenzahl). Es ist dasselbe Schriftchcn, welches Asnlai ( 8 . v. inui mm) unter dem Titel nimm '2 zitiert. Diese Selbst- biogcaphie hat Vital im Alter in den Jahren 1610 bis 1613 geschrieben, und wiewohl er darin meistens Mystifikationen, Visionen, Träume und Aussprüche von Besessenen mittcilt, so schimmern doch zuweilen durch den dichten mystischen Qualm, den er verbreitet, die Umrisse von Tatsachen durch. Auch ans andern Schriften lassen sich Schlomels Ansschneidereien berichtigen. Wenn man diesem Glauben schenkt, so muß Isaak Lurja in einem beständigen mystischen Dusel gelebt haben, ohne sich auch nur einen Augenblick um die Dinge dieser Welt zu bekümmern. Leon Modena dagegen teilt die Nachricht eines Freundes von Lurja mit, eines Jakob Abulafia, daß dieser die von Lurja erzählten Wundertaten in Abrede gestellt, und daß jener noch vor seinem Tode seine Geschäftsbücher durch- geschen habe, 270 'in p. 66 : ."'ini°) nn2 >12 wir: n'Lpi>i2n 2,2p' 1211 2'2pr> .2:22 1'1 n8v ,i> 12IN 1'1 NM 22 '"1N121 lin >'11N2L22 11--212 281P2 2'121 1'1 ni 12N Note 9. ööl 1.112 211p '11 .111122 P21P 2111 211 '"INI 1'12 .... >')>' 2-12182 2'1211 2'12 .2)211 1812 221P2 18118 12' 281 22) )l12 'IN 2l) 1281 121 2P 11112121 22>1 In Vitals Selbstbiographie ist Lurjas Todesjahr genau angegeben: 5 . Ab 5332 — 1572 (woraus cs Asulai entnommen, falsch bei Conforte I"i>!2 oder korrumpiert). Daß er 38 Jahre alt geworden (Mnemonicon: 0211 i')x )"n 11x21) mag richtig sein. Dagegen ist die gewöhnliche Annahme, daß er erst zwei Jahr vor seinem Tode von Ägypten nach Palästina, d. h. Safet, übcr- gesiedelt sei, unrichtig. Zwar erzählt das nicht nur Schlomel, sondern auch Vital (Selbstbiographie p. 6): 5330 — 1570 habe ihm eine Kartenlegerin verkündet, Ende dieses Jahres werde ein großer Weise vom Süden nach Safet kommen und ihn in der Kabbala unterweisen: 112,1 11 -,122 »12' )ni 221 . . )"2 (.112) '112 82 8-11 11222 1'1 ^21 .(l)npl 122 l)^ 112t" 8111 2'122 122 2111 122 .1221 2'122 P2 )":. Es ist aber an sich kaum denkbar, daß Lurja in der kurzen Zeit von kaum zwei Jahren in Safet so viele Junger geworben haben sollte und einige später von sich weisen wollte, oder gar, daß Vital eigentlich nur ein halbes Jahr mit ihm verkehrt Hütte, was auch Asulai auffallend findet. Vital widerspricht sich selbst an einer andern Stelle der Selbstbiographie (p. 11 d, 13 a), wo er einen Traum von 1566 erzählt und dabei bemerkt, zwei Jahre später sei Lnrja in Safet eingetroffen: 21)181 i«22i 11.12 -12111 . . 1221) '1 122 )-) i"2 2'i 112 2'2' 2'.112/2 1! 1181 pp'81 . . . 21)1 1111 ;2'81 )im 122' )-) 2'211 'l 118 . . . 12p >112)1 122) '11228.1 )"I '112 82. Das wäre also 1568 . Auch ans einer Andeutung Joseph Karos in seinem Visionsbnche Maggid (zu 82.1 >2) geht hervor, daß Isaak Lurja noch vor 1569 in Safet war und damals bereits dort einen bedeutenden Rnf hatte. Seine Jnspiratrix, die Mischnah, verkündet Karo nämlich im Jahre 1569 , sic werde ihm beistehen, daß er tiefer in die Kabbala cindringen werde, „als das Haupt in Mclron": )i)8 ,"2) im 2'8112 111' l)2p1 122l) 11')l .... 7ix22 '12'2 811 . . . . 2>"22'1 112 7112 .7)12) >i" 811, iii'222. „Das Haupt von Mc'iron", das sich zu Karo verfügen werde, um von ihm die Kabbala zu lernen, kann in diesem Zusammenhänge und in dieser Zeit nur von Isaak Lurja verstanden werden. Lnrja hielt sich mit seinem Jüngerkreise öfter in Mclron, dem wahren oder angeblichen Grabe Simon bcn Jochals, auf, wie Isaak Sarug und Schlomel tradieren. In diesem Orte glaubte er sich mit der Seele des angeblichen Autors des Sohar in nähern Rapport setzen und sic auf sich herabzichen zu können. Daraus folge, daß Lurja 1569 bereits in Palästina lebte. — Die Lnrjanistcn haben freilich das Entgegengesetzte behauptet, Karo habe Lurjas Kabbala gar nicht begreifen können, sie sei für sein Verständnis zu tief gewesen (bei Schlomel). Es wäre töricht, alle Extravaganzen bei Schlomel zu berichtigen, nur einige Punkte dürften von Interesse sein. Derselbe gibt nämlich an, Lnrja habe zehn Jünger um sich gehabt. Die Zahl ist falsch. Vital spricht in der Selbstbiographie ( 14 b) von Jüngern zweier Ordnungen oder Rangstufen (i'i2i 11,281 12). Er teilt auch die Namen der Lnrja-Jünger erster Ordnung mit ( 23 b): 1 . Elia Falcon (den Jmanuel Aboab ZlomoloZ'ia p. 3 l: el sx- celsuts seüor Lliab Saloon nennt); 2 . Joseph Arzin; 3 . Jonathan (vielleicht Joseph) Sagis; 4 . Gedalja Levi; 5 . Isaak Kohen Aschkenasi; 6. Samuel Uceda; 7 . Abraham Gamaliel; 8. Sabbatat Mose; 9 . Jchnda Mascha'n; 10 . Joseph Jbn-Tcwil Maghrebi. Diese mit Vital wären schon elf, dazu kommt noch 12 ) Israel Sarug (1112 und >2,12), der Hanptverbreiter der Lnrjanischen Kabbala in Europa, der Lehrer Abraham Herreras und anderer. In der Schrift über die Scelen-Emigration (2-),1)1), 552 Geschichte der Juden. wo der mystisch-psychische Zusammenhang sämtlicher Lurjajllnger, als einander in der höher» Sefiraordnung ergänzend, betont wird, scheint eine Zwölszahl der Jünger, den zwölf israelitischen Stämmen entsprechend, angenommen zu sein, oder sogar zwei Klassen von je zwölf. Vital spricht selbst von neun anonymen Genossen und noch dreien: 1101 pn> 2-8, onoiipi o-ion '2 b81v> '1 011 0"181 l'p-1 NN lbn.1 .01-70 w '0 'MIO . . -1,0 110V 110V wo -,x 1101 PNU' -1 0 "N 8 I ( 1 'I 18 l.> P 28 1"112 0 "N 81 7,10. An einer anderen Stelle (Selbstbiographic 14 b) bemerkt Vital, daß um 1610 von den Lurjajüngcrn erster Ordnung außer ihm nur noch drei am Leben waren, nämlich Nr. 4 , 7 und 9 . Als Jünger zweiter Ordnung nennt er das.: 1. Jo in-Tob Zahalon (um 1580 noch jung, nach dessen Responsen Nr. 31 , 33 ); 2. David Kohen; 3 ) Isaak Crispin; 4 ) Joseph -jivbn (wohl oivbn); 5 ) Jehuda Uriel; 6) Jsmael Levi Aschkenasi. Außerdem wird noch in Vitals o"i pp -i°- genannt: >nov8 ;,p2v 'io n-ob.ib A '"i8i wo. Von einem der Jünger erzählt Vital sehr naiv, er habe nicht genügend an seinen Meister geglaubt (das. 23 b); 11N8 ,10-0 PI '1120 .17128,1 ;,10N 202 8b> pro 10 v'1 012 10,1 1'1 P101 PN-:- '1 . Ivisb (>1I2) 1-1 8^1 Auch über Lurjas kabbalistische Hinterlassenschaft haben Schlomel und Andere, und wie es scheint, Vital selbst in besonderer Absicht allerlei Mystifikationen verbreitet. Sie behaupteten, Lurja habe gar nichts Schriftliches hinterlassen, mit Ausnahme einer kurzen Einleitung. So ein Jünger Vitals, Chajnn Kohen aus Moßul (o"i iip2 Einl.): popb ni8 121,01 iO,: '"181 0.10 8b oO,p2 o>,o'i-i op ivp, und er gibt an, dieses von Vital selbst gehört zu haben. Dagegen zitiert der außerhalb dieses Kreises stehende Kabbalist Eliejer Askari (o'm p. 66 a) ein handschriftliches Werk von Lurja unter dem Namen 1112 wo. Ferner haben die Vitalisten ausgcsprengt, Lurja habe vor seinem Tode besohlen, daß Vilal sämtliche schriftliche Aufzeichnungen seiner Jünger ihnen abnehliien solle, was er auch getan, so daß er im Alleinbesitz der Lurja- nijchen Kabbala geblieben sei. In der Selbstbiographie und in der Einleitung znm o"i pp läßt sich Vital angelegen sein, die kabbalistischen Traditionen seiner Mitjünger zu verdächtigen: '1122 ipovv 122 o'ioo 01b 10.10 iviono rwp -o pi -'1-1 O'IOOI 108 bp 71200 P8 lob . . . PP10I 1,001.10 O'IOII 10.10 00,01 12V bp inbm ;i2 p'niib. Über den Schwindel, der mit den Lnrjanijchcn Schriften während Vitals Krankheit getrieben wurde, vergl. Asnlal o'biioi ov 8. v. Lllmjim Vital 4 lr. 21. Auch das ist Mystifikation. Denn wir besitzen Lurjas kabbalistische Theorien auch durch ein anderes Medium, nämlich durch Israel Sa rüg; sie haben ihren Niederschlag in den kabbalistischen Schriften des Abraham de Herrera gefunden, und sie differieren durchaus nicht von dem System, welches durch Vital und die Vitalisten bekannt geworden ist. Aber darin haben die Vitalisten wohl Recht, daß Vital selbst nichts Eigenes in der Kabbala ausgestellt, sondern nur Lurjas Traditionen treu wiedergegebcn hat; er war auch gar nicht der Mann der Erfindung, sondern der Ausbeutung und Verwertung. Man darf also sämtliche Schriften, die entweder unter dem Name» Lurjas oder Vitals kursieren, dem ersteren vindizieren; nur Form und Einteilung gehören Vital oder seinem Sohne Samuel an. Die Schriften sind gedruckt und handschriftlich in großer Menge vorhanden, oft dasselbe unter einem anderen Titel oder einem anderen Gusse. Man kann sie ihrem Inhalte nach in fünf Rubriken bringen; sie sind in den Sammelschristen Vitals o'-n mi-m (seit 1772 gedruckt) und in andern Partien enthalten. 1. Die abstrakte Theorie der Lurjanischen Kabbala, die Lehre von den Personen oder Stufen, prwir der Sefirot, einer Art Prosopopöie, don der Verbindung und Trennung derselben (m> und iiwi) und anderen abenteuerlichen Distinktionen. Die Lurjanisten behaupten selbst, daß die Lehre von den Prosopen den alteren Kabbalisten unbekannt war: ii-wi nb niaii p'auii . ll'LI^IL ',',p ib^ kil 111'rL 1 PI 2 . Die Auslegung und Kommentierung der heiligen Schrift, der Agada, namentlich des Traktats .-Ibot, auch der Halacha, des Buches .le^iia, des Sohar und seiner Teile, besonders der beiden Iilra. und des niso xiip'iri nach dieser Theorie. Diese Rubrik führt den allgemeinen Titel: wuapb oder wviii. 3 . Die Theorie von der Metempsychose und der Superfötation (-mp, iiuuv -bi-bH, ein Hauptbestandteil, wo nicht der Mittelpunkt der Lurja- nischen Kabbala, enthalten in den Schriften unter dem Titel 4 . Die Anwendung der Kabbala auf die Gebete, Ritualien, Fest- und Fasttage unter dem Begriffe inw oder iwu 'upa>. 5 . Neue Ritualien oder Modalitäten, welche Lurja vermöge seiner kabbalistischen Theorie cingefiihrt oder sanktioniert hat. Sie haben radikale Autorität erlangt, und die Spätern haben davon einen Kodex zusammengestellt: ,-ini br> iiip eine Partie derselben bildeten die Ritualien und Zeremonien für den Sabbat: irr- mpi. Tie von Lurja eiugeführtc kabbalistische Askese heißt '"iwi ppi. — Es lohnt sich nicht, kritisch den mystischen Qualm zu analysieren, den die Lurjanisten über die Erhaltung der Vitalschen Schriften verbreitet haben, wie sie zuerst geheim gehalten, dann kopiert, vergraben, entdeckt »nd ans Licht gezogen worden wären. Für die weitere Entwickelung der Kabbala, wie sie den Sabbata'ismns und Chaßidismus aus sich erzeugt hat, welche beide eine feindselige Stellung zum Rabbinismus einnahmen, ist es nicht überflüssig, anzuführcn, daß der Keim dazu in der Lurjanischen Theorie liegt. Dem Talmud wird darin eine niedrige Stufe angewiesen. Wie Joseph Jbn-Kaspi die Philosophie höher als den Talmud stellte, und diese als die „Seele", jenen als den „Körper" bezeichnetc, ganz ebenso brachte die Lurjanischc Mystik den Talmud in ein untergeordnetes Verhältnis zur Kabbala. „Werden Talmud nicht mit Erfolg betreiben kann, soll ganz davon lassen und sich ausschließlich mit der Kabbala beschäftigen" (Einl. zu °"i pp): a-iuibi p-pa npro abru- i-v .12 bi iiubi: ine,ui nipu iiubw- -pir (ibrpi iuri) im iu:ir ^i:a> nine -ui .iurv nir aip- xb .1! nir .11 w .iio'bpi irn-b c-wi-.ii iruip 112.1.1 nurir pwp'i iiub.112 ii' 1',' ,niuii popa n>bru irmu> iivbr. Die niedrige Stellung, welche die Lurjanisten dem Talmud anwiesen, zeigt sich auch in ihrer Klassifikation der Fächer, nächst der Bibel zuerst die Kabbala und dann unter ihr Mischna mit Talmud: wmr, .111.1 :niib nb'pu cm brr 11,1.1 np-rp null new ibrp r-rur (Jakob Zemach: '"in mir oder iiru, i-rr i>. 33 a). 10 . Die regelmäßigen jüdischen Generalsqnoden in Pole«. Eine interessante Erscheinung, einzig in der jüdischen Geschichte der dia- sporischen Zeit, bieten die regelmäßig wiederkehrenden Synodal Versammlungen in Polen, welche sich bis zur Teilung Polens erhalten haben. Eljakim Milsahagi hat zuerst darauf aufmerksam gemacht in seiner halb tollen und halb 554 Geschichte der Juden. geisteslichten Schrift .->>2x1 (Ofen 1837 ), und seine Angaben sind in Orient -22.-« i>-i, abgekürzt i"n oder 1-2 — 21-21 >-). Wann diese zuerst zustande gekommen sind, läßt sich nur negativ bestimmen. Zur Zeit, als noch R. Sch achna lebte, vor 1558 , bestand noch keine Synode; denn bei einem wichtigen Prozeß zu seiner Zeit wurden die streitigen Parteien zur Messe nach Lublin vorgeladen, ohne daß dabei von einer großen und noch weniger regelmäßigen Versammlung (2x1) die Rede ist (kssgi,. Mose Jsserlcs, Nr. 63 , 64 ). Auch im Jahre 1568 , zur Zeit des Druckes der Lubliner Talmudedition, wird eine solche nicht erwähnt, obwohl angegeben ist, daß die Rabbinen der drei Länder Polen, Reußen und Litauen die Ausgabe approbiert und vorgeschrieben haben, die Traktate durchzunehmen in der Reihenfolge, wie sie durch den Druck vollendet würden. Das Titelblatt zu Traktat ,2212 lautet: 2,2-2- -2-121 2217 -iwi .222222 '22 22-2»- 822 ,227-2- .... 221 2222.22 12-2222 12-71 1-212 ;-8lS 2,1-22 2-82-2 P2W 21S21 22-12 12:22 221 12222 8"12 211-22 (Katalog der hebräischen Druckwelke der Bodleiana p. 271 ff.). Hier ist lediglich vom Beschlüsse einzelner und nicht von einem gemeinsamen Synodalbeschluß die Rede. Bei Salomo Lurja kommen wohl partielle oder provinzielle Synoden vor, wie solche von Reußen (2272, 82- 2- zu Lada. Lama Nr. 10; zu Odnlin I. Nr. 31 , 39 ), aber noch nicht von einer autoritativ gebietenden allgemeinen Versammlung. Mit diesem bestimmt ausgesprochenen Charakter ist der Beschluß cincr Synode vom Jahre 1580 konstatiert. Herr Chaim Nathan Dembitzer, Mitglied des Rabbinatskollegiums von Krakau, welcher die Geschichte der Vierläuder- Synodcn als Fortsetzung seines Werkes über die Rabbiner von Lemberg 27-22) zu geben versprach, hat mir frcundlichst aus seinen Notizen darüber eine mitgeteilt, welche dieses Faktum und Datum bestätigt. Diese Notiz befindet sich nach seiner Angabe im Memoriale einer Synagoge von Krakau. Sie betrifft den allgemeinen Beschluß, daß die Juden in Polen die Schanksteuer von Bier, Branntwein, Met und Wein nicht in Pacht nehmen sollten, weil deren Erhebung die Juden beim Volke verhaßt machen würde. Der Inhalt dieser Verordnung ist mitgeteilt in den Respousen des Joel Serkes (n"2 — 2-22 2-2 Dir. 61 ): -2-12 '2,2' 212» 2I22-- 182- ,121:822 21-2.1 2WP2 7 ? 2'2>11? 22222 12111 >1,722- 21,722 Y112 2-21.2-22- 2121,722 2122 2-112 2,7>w'2 27,21 21222 2-2 -2 .28l>-22- P1>- 212-2 (1-11 12-2 2 >) Das polnische Wort: -11122-2 — Orioiiorvö erklärt Siegfried Hüppe (Verfassung der Republik Polen, S. 318 ) als Zapfengeld, nämlich das deutsche Wort „Zapfen" polonisiert — eine Steuer auf Bier, Met, Wein und Branntwein. Diese Steuer wurde seit dem 15 . Jahrhundert zuerst in Städten und später auch auf adligen und geistlichen Gütern erhoben. Es läßt sich 2'72-i L'7727 22 2271.21 27'8v 2 ' 8 ' 2'121 2'2712-. Jul genannten Atcmorialbnch ist nun angegeben, daß diese Verordnung erlassen worden war „von den Leitern und Rabbincn der Vierländer von Polen", wobei auch das Datum angegeben ist: 17172- 772-2 1702 1"!2 '2 21'2 1'8-2,8 IV'17 1'8is 71272 -7 'NUN '7'7722 72'-' 77,277 d. h. 534 l — Nov. 1580. In diesem Jahre bestand demnach bereits das Institut der Synodalversammlungen und zwar aus Laien nnd Rabbinern. Wenn die Protokolle echt sind, die ein Herr Atlas veröffentlicht hat, die er von einem Manne mit verschnörkeltem Namen erhalten haben will, welcher wiederum sie nicht im Original, sondern als Kopie in einer andern Hand gesehen hat, ich sage, wenn diese echt sind — und sie scheinen echt zu sein — so haben wir reichhaltige Nachrichten von den Verhandlungen und den Beschlüssen der Synoden aus den Jahren 1595 bis l597. Diese Protokolle, aus vier Nummern bestehend, sind abgedruckt in der von Sokolow edierten hebräischen Zeitschrift: g'sn.i lJg. II, 1886, g. 451 ff). Aus diesen Protokollen geht hervor, daß die Synoden damals bereits eine feste Konstitution hatten mit einer Wahlordnung, einer Kommission und einer Kasse für ordentliche nnd außerordentliche Ausgaben. Diese Protokolle ergeben auch das Faktum, daß die Gemeinden von Litauen sich an den Synoden beteiligt haben. In Nr. 4 wird ein Mann aus Gnesen von der Synode mit schweren Strafen bedroht, weil er sich eine Illoyalität bei der Steuererhebung hatte zuschulden kommen lassen. Die Überschrift lautet: ,"72- 772-2 ,22V und der Schluß: 7 VI 7 >7'V 0M7 'S2 I' 8 v 72-i> 2-2-,2 2'2-7iv 71V 7> Mm. In Nummer 3 lautet die Überschrift: ,"72> p"s 8 p'wn-u ww 7182 iv 717 - 7-27 m'i >i7'72. In derselben Nr. werden zwölf Deputierte namhaft gemacht, je zwei aus Krakau, Posen, Lemberg, Chelm, Lublin, Wolhynien und Litauen: -, 8.21 vm.iui 2"n 7 "i, 7-2 . 22-8 77-72-2. In derselben Nummer ist auch eine Berechnung über Schuldentilgung und Ausgaben detailicrt, wobei einige Posten figurieren, welche zur Abwendung von falschen Anklagen und Befreiung von Gefangenen verausgabt worden waren. In dieser wie in der folgenden Nummer sind fünf Namen von Deputierten verzeichnet, welche nicht dem Rabbiuerstande angehört haben. In Nr. 2 vom Jahre 1595 ist ei» Beschluß mitgeteilt, der zum Inhalte hat, daß, falls der König eine neue Kopfsteuer der Gcsamtjudenheit in Polen anflegen sollte, sic nicht als Pauschale übernommen werden, sondern es überlassen bleiben solle, sie von den einzelnen zu erheben: 7"72> , 2 's 8 pw 7 - 7 ' 82 - 72:2.7 27 222- ,71V 22.7 1282- .77277 8'V 77.2 2>'.22 27: 12'2271 17271 1727 77' 2V '2727 -122.772 7122-7 71V 177,72'' M2- 8tt72-' >722 ,1^1777 7127b 2'72-71 l8>27 '22 71V 2-,22,7 2:727 778,7)77 8 v 727.7 17'7' ,77 2 ' 72 - 7 , -,82.72. Zum Schluffe kommt ein dunkler Passus vor, welcher anzugeben scheint, wie groß die Pauschalsumme war, welche die Gesammtjudcnheit in Polen jährlich als Kopfsteuer zu leisten hatte: 22 -,21 2.7'8u V'-72' 17V 'S2 ,77 2.78 IV'2' .28 21,72 822 .1,781 7,178 2'772,2 1'7' 7M 82 '772 .781787.7 '2 8 vi 21227 'S 8 v 77V 7x8 7>'277 77772- 17V 'S21 2 'S 8 2 2" 2 128 Dieses Faktum von der Leistung einer Pauschalsumme als Kopfsteuer, welche dann die jüdischen Deputierten (d. h. die Mitglieder der Synode) auf die Landesteile nnd einzelne Gemeinden zu repartieren pflegten, kommt auch in einem Aktenstücke vor, welches sich im Königlichen Staatsarchiv der Provinz denken, daß diese Steuer, besonders vom Branntwein, in Polen mißliebig war. Es war also eine weise Maßregel, den Inden die Pacht dieser Getränksteuer zu untersagen, weil die Mißliebigkeit der Steuer auf den Pächter und die Gejamt- judenheit übertragen worden wäre. Geschichte der Juden. üö6 Posen unter der Rubrik Leürversenr: 6. 122 befindet. Auf die Forderung der Gemeinde Posen au die.Schwerseuzer Gemeinde hat die letztere folgendes erwidert: „Wir sind der Posener Synagoge ganz und gar nichts schuldig; wir haben sie.nur gegeben, weil vor alten Zeiten alle Juden der Krone Polen jährlich 220000 fl. bezahlen mußten, welches durch vier jüdische Landesälteste und Deputierte erhoben worden ist. Da wir eine kleine Synagoge und nahe an Posen waren, so haben wir sie, unsere landesherrlichen Beiträge und anderen Abgaben, welche durch die Deputierten auferlegt waren, durch Repartition der Posener Ältesten bezahlt und entrichtet; auch ist zu bemerken, daß die gedachten Landesdeputierten durch die vier Hauptstädte, nämlich Krakau, Lublin, Lemberg, Posen, die ganze Summe erhoben haben". Zum Schluß heißt es: „Anno 1761 hat der König Stanislaus . . . die Abgabe im ganzen, weil sie nach eigenem Nutzen gehandelt haben, denen vier Landesdeputicrten aus den Händen genommen und jede Stadt vor sich selbst ihre Abgabe ablicfcrn sollte .... jeder Kopf 2 fl. jährlich an die Krone Polens nebst Rauchfangsgelder selbst geben mußte')". Auffallend ist in diesem Aktenstück die Pauschalsumme 220 000 fl. und in dem früher angeführten Protokoll nur 22000. Steckt in dem einen oder anderen ein Zahlenfxhler? Jedenfalls ergibt sich daraus sicher, daß die Synoden sich auch mit Steuerverhältnissen befaßt haben, und zwar bereits im Jahre 1595. Ans einer Notiz, welche ich ebenfalls der Freundlichkeit des Herrn Dembitzer verdanke, geht auch hervor, daß die Nierländersynode Beschlüsse über Abgaben gefaßt hat. Diese 'Notiz stammt ebenfalls aus einem alten Memoriale einer Krakauer Synagoge. Sie betrifft eine Art Geschenk für den König unter dem Namen Lpilllorvo. Sic lautet: 112)1 IW een I"ve> rue> nrn >2 "2 'e eue 1^1) riwin 1 >)1N)I omn .imv.ii pbi-> riviM o>ii.i>>i bb^ Wit'a 112,1b pi'b rurin 'i ')>i )2 in-ean ivn "w'ne mii imvie:.ipni? bip,o inbii ai'i» f.iv .'inpb>se> .inip) .n)"ip>nl bin) f'bir i)>i 2 i i'bis ro'nvv a'iii'i b- i:, 2 bi Dieser Beschluß stammt aus dem Jahre 1606. Fügen wir noch eine 'Notiz aus der ersten Zeit der Synodaltätigkeit hinzu, nämlich vom Jahre 1607, wobei erwähnt ist, daß dabei der Rabbiner Josua Falk Kohen (Verfasser des W-p o-imr: >o ^ pee) beteiligt war (in einem unter seinem 'Namen edierten i) Auf diese Umwandlung der Kopfsteuer beruft sich die Konstitution vom Jahre 1775 (vvlumiua leZuui, Bd. VIII, p. 95): „Die Kopfsteuer von den Juden, die auf Grund der Konstitution vom Jahre 1764 auf alle Juden und Karaimen der Krone Polens .... von jedem Kopfe beiderlei Geschlechts vom ersten Jahre der Geburt auf zwei poln. Gulden bestimmt wurde." Dagegen heißt es (daselbst B. VII, p. 81) von den Abgaben der Juden in Litauen in der Konstitution vom Jahre 1761: „Ta wir genügend wissen, daß die Judenältesten (rznlui starsi) gewohnt waren, über die auf Grund der Konstitution anno 1717 festgesetzte Kopfsteuer von 60 000 poln. Gulden hinaus nach willkürlicher Verteilung bedeutend größere Summen mit nicht geringem Druck der Gcsamtjudenheit eingetrieben haben . . . verordnen wir, die erwähnte Summe der Kopfsteuer ut supra aufhebend, eine allgemeine Kopfsteuer von allen Juden und Karaimen .... nach oem Modus der in der Krone existierenden und festgesetzten Kopfsteuer, das heißt zwei poln. Gulden per Kopf." Also von 1717 bis 1764 betrug die Pauschalsumme der Kopfsteuer von den litauischen Gemeinden 60 000 poln. Gulden. In diesem Verhältnis wäre die Gesamtsumme für die Landesteile Groß- und Kleinpolen, Reußen und Wolhynien ungefähr richtig 220 000. Note 10. öö7 7>1271,7 oder 117,71, gedruckt Sulzbach 1692, Brüuu 1775). Daselbst heißt es «ms dem Titelblatt: 1'77 PX7.1 pi7 i?72 i'.ii 717 p^v77 7pi 17-x 7>-iox -7'7p 127 -L-XI ->7X117 1'bis 17-12 1I21X 17^7 V1 117-17' -7-X1 .12.1 7'271 p'7,7 11,72 Ml 1P1 10 " e? 17177 11 ' 7p. Im Texte zu den Beschlüssen über Zinsnahme Ende Nr. 14: 27'x II^'i-7 1X177, X,7X1,71 X7I17 >°7X7 '7 11 rix '77 pb,'l7 >7'X17 11'17 1717 117X -7'7P '2X1 llp'77 211,7 71'11 >'7P7 ,117 1:27 77712 1'1 X^7 77 . . . 7"N1I 111711X7 7',77P12 '17b >12771 711712 ,11117.1 pb 1'1'7 .172 117-17'. Znm Schlüsse heißt cs: '171 1 'pll 1'1,71 1277.17 17 711111 71171 1717' 117 flbl . . . '117771X . . . >7 112111 77,71 1"72 -72X17 1'1'7 17 11711172 (der Ausdruck '7217 1 ' 1 ', eigentlich p'7217 bedeutet die Messe zu 8t.. Oromnies). Diese Synoden werden auch zuweilen die der „Dreiländer" genannt, je nachdem Litauen mitgezählt wird oder nicht. Im oben angeführten Protokoll (S. 555) werden die Delegierten von Litauen mit erwähnt. In anderen wieder ist dieser Landcsteil ausgeschlossen. Das Verhältnis von Litauen zu den übrigen Landesteilcn wird erst richtig gestellt werden können, wenn mehr Material darüber zusammengestellt sein wird. So viel ist sicher, daß diese Synodalversammlungen vor dem Jahre 1572 nicht organisiert waren, also noch nicht zur Zeit des Königs Sigismund August. Unter dem Ephemcrenkönig Heinrich von Anjou können sie wohl nicht entstanden sein. Denn wenn sie auch nicht von der Krone autorisiert waren, so hat sie dieselben doch vielleicht in ihrem eigenen Interesse gebilligt. Ja, wenn man in Betracht zieht, daß die Synoden auch die Steuerverhältnisse geregelt und repartiert haben, so muß der König geradezu seine Zustimmung zu dieser Organisation gegeben haben. Aus dem oben angeführten Aktenstücke geht hervor, daß erst der König Stanislaus Poniatowski im Jahre 1764 die Machtbefugnis der Deputierten aufgehoben hat. Bis dahin müssen sie also sozusagen -.»--Savkrv fungiert haben. So läßt sich vermuten, daß unter dem König Stephan Bathori, welcher den Inden Wohlwollen gezeigt hat, zwischen 1575 bis 1580 die Organisation der Vierlkndersynode begonnen hat. Aus den oben angeführten Notizen geht mit Entschiedenheit hervor, daß sie tatsächlich wohl organisiert war. Es war ein Wahlmodns dafür cingesührt, die Verhandlungen und Beschlüsse wurden protokolliert, kurz, cs zeigte sich darin ein zivilisierter Charakter. Diese Organisation kann nur von Männern ansgegangen sein, welche eine gewisse Weltkenntnis neben Autorität besessen haben und imstande waren, in das formlose polnische Wesen Ordnung zu bringen. Aus diesem Umstande ließe sich folgern, wer die Regelmäßigkeit der Synoden eingeführt hat. David Gans berichtet mit zeitgenössischer Treue, daß Mar- dochar Jafa, der 20 Jahr Rabbiner in Grodno, Lublin und Krcmniz war, als das Haupt der Rabbiner und Richter der Drei Länder galt; Jjar 1592 sei er nach Prag gekommen: (i'ii 122 I zum Jahre 5352): . . . ir- '7112 '1 171,17 171 X7 XII 112IX 171171 '7"11 117'7" '17X1 '^71172 1 ,7 p 1 17X1 XII 7 "7v i"x. Jafa war nach dem Tode seines Lehrers Mose Jsserles und Salomo Lurjas die bedeutendste rabbinische Autorität in Polen, hatte in Deutschland und Italien Reisen gemacht, und hatte so viel anderweitige Bildung und auch, so zu sagen, deutschen Ordnungssinn oder deutsche Pedanterie, um öffentliche Angelegenheiten nicht mit polnischer Formlosigkeit leichthin zu behandeln. Da er in Lublin, einer der zwei polnischen Hauptmessen, Rabbiner war, so verstand es sich eigentlich von selbst, daß er bei wichtigen Prozessen, Verhandlungen und Beratungen, die zur Zeit der Messen ausgemacht zu werden Pflegten, den Vorsitz führte. Zu diesen Messen in Lublin und Jaroslaw strömten so viele Tausend Inden ans den drei polnischen Landesteilcn zu- 558 Geschichte der Juden. sämmen, daß cin christlicher Satiriker bemerkte: „Auf der berühmten Meß zu Jaroslaw in Polen, so auf Mariä Himmelfahrt angeht, die Juden allein für 20ovv Gulden an Zwiebeln und Knoblauch verzehren" (bei Schudt, jüdische Denkwürdigkeiten I, S. 209). Da die Messen regelmäßig waren, in Jaroslaw im Juli und in Lublin im Beginne des Frühjahrs, so ergab sich eigentlich die Regelmäßigkeit synodaler Versammlungen von Rabbinern und Gemeindevorstehern von selbst. Es gehörte nur dazu, daß ein Wahlmodus für die Gemeinde» delegierten, welche bei der Synode Sitz und Stimme haben sollten, entworfen, und daß endlich eine Autorität vorhanden sei, in welche sämtliche Gemeinden ihr Vertrauen setzen könnten, um sich den von ihr sanktionierten Beschlüssen zu unterwerfen. Dafür war nun Mardochak Jafa sehr gut geeignet, und man könnte daher annehmen, daß er als Rabbiner von Lublin zwischen 1573 bis 1592 die Regelmäßigkeit der Synodalversammlungen der Dreiländer in Anregung und Ausführung gebracht hat. Dafür spricht auch die Bemerkung des Josua Falk Kohen (Einl. zu 2 'i-> 21-82 ' 2 ): Mardochak Jafa habe seinem Kodex ( 12 , 28 ) nicht die Vollendung geben können, weil er mit öffentlicher Angelegenheit beschäftigt gewesen: 17712 72-V77, 7122 812 217721 2188.77 212 > (ns« " 1 ) 21772 . 1-22 '. 1 x 22 ' 1:1 .. . 2'1'77 8212 82271 71,228 -812 18 777 88 1 ' 8 > 2 ' 82','2 Im Jahre 1624 ist von der Synode der Vierländer die Rede ohne Angabe, ob Litauen dazu gerechnet wurde. (Memoriale des Posener Gemeindearchivs, mitgcteilt von Perles a. a. O.): 01278 '7 - 11,7 2 , 1,22 >8 8.7 ,, 2 s 8 7"ee? 778 7-7- 22272 21278.7 2,212 r >112 .7182 218 ,22>>7 8"17 82 2'27127 ' 1 > 1>2 1 " 2 ' Diese Beschlüsse über Bankrotteure, welche eben in diesem Jahre von der Synode erlassen wurden, sind auch mitgeteilt Ende des Werkes pv-ip 7.282 von Kaim Kalisch mit vielen Zusätzen und Varianten; in der Überschrift heißt es: p 8 n> 21'727 21278 >278 2,2122 P2>7 2'2712 -1'7. Um 1640 berichtet darüber Jom-Tob Lipman Heller (Verfasser des 2 "' 212212 in seiner 72>8 28-12 g. 30): 212 - 12 - -2-87 .727.7 pi 2 p 2 8-77 71122 >i 8827 >- 7 - 7-8 77>21 8,71 8'22 87,2 81172 ;> 781 : 8-OI7 P 2>21 8,71 >812 21278 >278 - 1 - 2,21 -1-712 21 . Die begeisterte Schilderung von der Herrlichkeit der Vierländersynoden, welche Nathan Hannover (Ende 72122 p-) gegeben hat, bezieht sich ans dieselbe Zeit, nämlich vor der Verfolgung unter Chmiel 1648. Dieses Referat gibt die beste Auskunft über die Institution in ihrer Glanzzeit: 2187,2 -L-8i 212 281 712>2 2-2>S '2 2-2V1- 1771 .21278 >'2787 '2172 -1--8 Pl 8 P2217 71 2> 71.2-1-722 27 271 p8>2 P782 2-1-81 7I2V 2.78 12721 728 2172 2l8.7,27 -!1'87 82.2 72' p>2,22 2827>" 7'7' 8221 2228 2-712 P 2 > 82,8 7'7' 822 >227- 1771 212787 >278 2-87,217 22 278 77», 2717 222'82 >77712 122 177 212787 >2787 2-217L71 8,88 18 28 217122 821 27'1'> 2187 >28 278 L'11>8l 21 P 22 P 2281 771 77l8 1'8lS 212822 V 8872" 82 21 - 12-8 721 27-28 18'2' 7L>,27 7277. Man sieht daraus, daß die Synoden mehr eine laienhafte als rabbinische Grundlage hatten. Nicht die Rabbiner bildeten den Grundstock und die Majorität, sondern die Gemeindedelegicrten — von jeder bedeutenden Gemeinde je einer oder je zwei (o. S. 555) —, und daß diese erst sechs Rabbiner zugezogen haben. Doch waren die Delegierten, wenn auch Laien, auch talmudknndig. Daß diese Vierländersynode auch die Bücherzensur ge- handhabt hat, ergibt sich aus den Approbationen vieler in Polen gedruckter Schriften. Nach der großen Verfolgung der Juden in Polen 1648 hatte die synodale Tätigkeit, wenn auch nicht ganz abgenommen, doch ihren Glanz eingebüßt. Wir erfahren es aus der Klage des Elia Lublin (Lespp. ,7-88 i- Einleitung) ans der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts: ,>",22 . . . '287121 > 2,72 72-2 Note 11. 559 >2>S1 2"nn, 21V2 2!V '12 PULNI) '1'1'2 bniV' '2222 1 x 12 2'2 2V 2'2 '2'21 pb2,2 1)12,2 2,2 VP2 V'l . 2'>112 22'2U2 22V 2222 NV'bl 1'ble 2)'122 21^1222 2'1,v 2',27u 2 'P' 12'2 22-2 2 N 1 1 VN 2 , . Aus einer Schilderung des Mose Chages (ll '222 2 )V 2 Nr. 349) vom Anfang des XVIII. Jahrhunderts scheint hervorzugehen, daß damals die Synodalsitzungen nicht mehr jährlich oder gar zweimal im Jahre, sondern von drei zu drei Jahren stattfanden: »iinb) 22 °, L-V i'iii ipi.i '2 'b 1121 , 22212 i>2 PIN ',ü,22 1N12' 2VV '12 N^N 1)'N 2lboix'2 2')V ')b 22N (n')lblL 2>'l)2V 121 ^21 . ibn 22V 1V22 12 1,22221V 2221)1 i>2 2N 22212 ')sb )',!' 12N ^21 22'V' 'V212 222 2212 21),22 2^1)2 b2b P22bl .... 112 2,V>'b .... 2^72 112P221 12°72,22 I"12'12 >N2), ')'2)>2, '2212 i,p 2')V2l, 21'1P2 11), w'-' NV221 2'222 P)P2 ^2 22b P12V 1 ' 1'2 12 M 2 22 I 22 V' 2 V ,22 1212 °72, 21 , 21212 . Weitere Forschungen über dieses Thema werden hoffentlich diese Skizze ergänzen. Ausgehoben wurden die Synoden wahrscheinlich von Stanislaus August Poniatowski in der Konstitution von 1764. 11 . Die erste Einwanderung der Inden in Amsterdam. Die erste Ansiedelung portugiesisch-marranischer Familien in Amsterdam, welche die Mnttergemeinde für Kolonien in England, Dänemark, Hamburg und Brasilien geworden ist, hat noch immer keine kritische Untersuchung gefunden, obwohl viel darüber geschrieben worden ist. Selbst das Jahr der ersten Einwanderung ist noch immer schwankend gehalten. Einige setzen es 1590, andere 1593; Hugo Grotins in seiner distoria Leisten bestimmt 1597 dafür, und endlich eine Quelle gar erst 1604. Diese Varianten Zahlen stammen aus verschiedenen Seknndärquellen. Eine Primärquclle gibt es nicht dafür. Die eine Quelle, welche anscheinend die richtigste ist, stammt von Uri (Phöbus) Halevi Enkel der ersten Religionsbeamtcn der ersten portugiesischen Gemeinde in Amsterdam, welche die marranischen Mitglieder daselbst in den Abrahamsbund ausgenommen haben, nämlich Mose-Uri-Halevr, ihr erster Chacham, und sein Sohn Ahron, ihr erster Vorbeter. Ans den Erinnerungen und Überlieferungen derselben hat Uri die Geschichte der ersten Ansiedelung ausgezeichnet unter dem Titel: insmorias para os siZstos Int.uros in portugiesischer Sprache. Diese Memo- rias erschienen (mit Approbation der Rabbinen David Cohen de Lara und Isaak Aboab de Fonseca vom Jahre 1673 bis 74) im Jahre 1711; die zweite Edition 1768. Aus der letzter« brachten die daardoeksn voor äs Israeliten in Xedsr- lanlls ein Abrege (Jg. 1835, I, p. 21 ff.). Diese Überlieferung, welche doch von den Zeitgenossen der Ansiedelung stammt, setzt die erste Einwanderung 5364 - 1604. Die zweite Sekundärquelle ist Daniel de Barrios, der die Einwanderung mit geschmacklosen Intermezzos vom Jahre 1684 in einer Piece: Driumpdo del Avvisruo populär en 1a easa äs daeod, erzählte. Er kannte Uris Aufzeichnung, denn er zitiert die beiden Approbationen von de Lara und Aboab (6asa ä. I. p. 2). Nichts destoweniger setzte er die Einwanderung der schsnen Maria Runez, ihres Bruders und ihres Oheims Manuel Lopes 1593 an (p. 5): lilanusl z- Zlaria (Xu,Iss) ss smdsroarou para Holland», su auuo .ludaioo 5350 gus eorrssponds al ds 1593. Im jüdischen Datum ist die Zahl korrumpiert statt 5353. 560 Geschichte der Juden. Die dritte Sekundürguelle ist der Dichter David Franco Mendez, Sekretär der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam. Er hatte mehr historischen Sinn als die beiden genannten Vorgänger und hatte Gelegenheit, aus dem Gemeindearchiv Authentisches zu erfahren. Von dem Ursprung dieser Gemeinde schrieb er in portugiesischer Sprache: ZIsinorin.8 äo S8ta.blioemsnto s pro- K-resso äv8 Inäeii8 Uortll°'nsss8 s Uspniilioss iiella. eiäaäs äs ^M8tsräa.w 110 anno 1769 (bei Losueii, l)e8eliisäsiii8 äsr äoäeu in ^.ui8teräam, p. 149). Aber diese handschristlichen Memorias sind nicht bekannt. In diesen setzt Mendez die Einwanderung merkwürdigerweise einmal 1598, das andere Mal >604. Mit de Castro zweierlei Immigration anzunehmen (äs Lz-iiaZoAs äer portnZ'. im-aet. Osiiisents ts .l,w8t. 1875, Anmerkung, S. II), ist untunlich. Mendez hat aber auch einen hebräischen Bericht über die Einwanderung gemacht, den, ebenfalls handschriftlich, mir Carmoly zur Benutzung überlassen hat. In dieser hebräischen Schrift sind die betreffenden Data genau angegeben, wodurch sich die anderweitigen Angaben berichtigen lassen. Der Sturm, welcher die mit auswandernden Marranen besetzten Schisse nach Emden verschlagen hat, infolgedessen diese mit Mose-Uri Halevi Bekanntschaft gemacht haben und von ihm ans eine Niederlassung in Amsterdem aufmerksam gemacht wurden, wird von Mendez ausdrücklich in das Jahr 1593 gesetzt: mn '7V 7171 . . . 1'72'7 217,2 2'2 > 77 x 2 717 72',' 77VW i>2 727p 71122 . . 2177 2-2118 2'717' 77!vx NML'U 7722V I7M2 7I'18. (4)353 — 1593. Ihr Eintreffen in Amsterdam wird ebenfalls in dasselbe Jahr (1593) gesetzt mit genauer Angabe des Tagesund Monalsdatums. 712 - 5'728 2 " 2 2 7-2 275 1722-1 . . 77>p7 72 212 '22 1812-1 7,217 22 b ;v '2 .'."2,278 ( 2 - 12117 ). Das Jahr 1593 ist demnach durch zwei, wenn auch nicht klassische Zeugen, bestätigt, während das Datum 1604 schon dadurch unhaltbar ist, weil die beiden Fakta, die Überraschung in dem Bethause und der Bau der Synagoge (1596 bis 97) das Vorhandensein der marranischen Ansiedler vor 1596 voraussetzten. Wie ist aber Uri-Phöbus zu dem Datum 1604 gekommen? Es scheint einfach eine korrumpierte Zahl zu sein: i" 22 > '7 statt 7"is 77 oder i"i 2 >, vielleicht in der zweiten Edition. Denn de Barrios, welcher Uris Memorias gelesen hatte, setzt die Gründung der Gemeinde durch Mose- Uri 5340 (a. a. O. p. 31): ^ ei Unbi Uri Usvi . . . t'niräü ei Inäaismo äs8<1s ei ai>o äs 5340. Dieses Datum ist offenbar eine Korruptel: v" 2 - 77 , welche er vorgefunden haben muß. Beide Datnmangaben, 5340 bei Barrios und 5364 bei Uri-Phöbus, sind als Korruptelen anzusehen. So ist nur das Datum 5353 — 1593 gesichert. Die Szene der Überraschung der kleinen Gemeinde im Bethause am Ver- söhnnngstage setzt Franco Mendez Tischri 5357 — September 1596: 21-7 '77 27'711!p 7722 7l5n5 77?7 5.7,272 ,2"2>5 722' 71V2 778 21 ' . . . Diese Szene blieb den Zeitgenossen so denkwürdig, daß sie der jüdisch-portugiesische Dichter Antonio Alvares Soares in Verse gebracht hat, worin er dieselbe Jahreszahl an die Spitze stellte (bei Barrios das. oder Diinwplio äsl Kovierno populär p. 16, falsche Zahl 70): 6azw sl clsmwo äia äst innäuro Leptimo iiiö8, sl 8vl en ln balnuyg. - Oinoo inil z? trsoisnta.8 z- oiiiousnta. ^ eiste VS 2 S 8 , guanäo sl kusblo pnro liln äia. äs Lipnr ImIIa. propioin . . . Im Eingänge hat zwar de Barrios dafür ein Jahr früher: OoiiKrsKaroims sn S8te 8kioro äia äsl rrilo äs 1595 las eiiidotzL<1o8 inäieos ^M8tsloäaiii08 Note 11. 561 (das. p. 13, falsch p. 67). Aber darauf ist nichts zu geben: Barrios' Schriften wimmeln von Druckfehlern, besonders bei Zahlen. Die Einweihung der ersten Synagoge npp' ma des Jakob Tirado bestimmt David Franco Mendez am ersten Abend des Neujahrsfestes — September 1597: enm '-ewai o'nwd gmm, nb -2 Dl nDr> MW e>"n Die Auswanderung der zahlreichen Familie Mendes Franco ans Oporto setzt de Barrios 27. April 1598 (das. p. 10) und in demselben Jahre die Einwanderung der Mutter der schönen Maria Nunes und ihrer Familie (das. x. 6, falsch p. 9). Als die ersten Gründer der Gemeinde nennt de Barrios drei: Samuel Pallache (Payache), Jacob Tirado und Jacob Israel Belmönte (Oovisrnv populär Inäaieo, das durch erstaunliche Verwahrlosung der Paginierung mit p. 23 bis 24 und mit p. 6l ff. fortgesetzt wird, p. 62): oreoeo 1a. Asnts.von sl Llovisrno politieo gns oomsn^ü eu los illnstrss Lamnsl knarre Irs, lalmood Niraäo zs .laliaeob Israel Uelmouts. Von dem zweiten bemerkt er, daß sein Andenken in der Synagoge jedes Jahr einmal gesegnet wurde. Er hat nämlich die erste Synagoge Bet-Jacob erbaut. Im Eingänge bemerkt er in seinem bombastischen Stil (p. 61): ässsmdo^v sl dslieo nosbro L.no äs 5350 .... tavoreeiäo äel iusiKiis lllaZistraäo äs ^msteräam . . . . z: eomsntzo a pnlilioarss sl äs 5357. Das will sagen, daß die Einwanderung 1590, und die öffentliche Anerkennung durch Zulassung eines Synagogenbaues 1597 erfolgte. Nun, das Datum 5350 ist gewiß bei ihm ebenso korrumpiert wie oben (S. 559) statt 5353. Daraus geht hervor, daß Jacob Tirado in demselben Jahre eingewandert sein mnß, wie die Gruppe mit Maria Nunes, deren Einwanderung de Barrios 1593 — 5350 datiert. Gehörten diese beiden Gruppen zusammen, oder sind sie, wenngleich in demselben Jahre, so doch gesondert in Amsterdam eingetroffen? Welche Gruppe hat Emden berührt und Bekanntschaft mit Mose-Uri angeknüpft? Die Memorias nennen keine Namen derer, welche Mose-Uri nach Amsterdam dirigiert hat. Sie sprechen nur von zehn Männern und vier Kindern, welche auf zwei Schiffen in Emden eingetroffen waren. Barrios bringt indes Jacob Tirado mit Mose-Uri in Verbindung (in Urooewinm): Os los primos Inäios gns eonourrieron ä tu oinäaä äs ^.mstsräam por sl sadio Uri Usvi z: por sl nobls äaooli Diraäo. Demnach gehörte der letztere zu den zehn Männern, welche in Emden mit dem erstercn Verbindung angeknnpft haben. Anderseits gibt Barrios an, daß auf dem Schiffe, welches Maria Nunes nach Amsterdam brachte, sich nur drei Personen befanden, diese, ihr Bruder Manuel und beider Onkel Manuel (oder Miguel Lopez Homem). Er deutet aber an, daß diese Gruppe zu Jacob Tirado gehört hat, denn an die Erzählung von den ersten Gründern Jacob Tirado und Mose-Uri knüpfte er das Abenteuer von Maria Nunes und ihre Ankunft mit ihrem Bruder und Onkel in Amsterdam. Dieser Punkt ist also zweifelhaft. — Wunderlich genug setzt Koenen die Szene von der Entdeckung der geheimen gottesdienstlichen Zusammenkunft der neu angekommencn Marranen und von der Verhaftung des Vorbeters Mose-Uri durch die Polizei um 1602 bis 3, nachdem er vorher erzählt hat, daß die Marranen mit Jacob Tirado 1598 öffentlich die Synagoge Bet-Jacob errichtet hatten (a. a. O., p. 142 bis 143). Graek, Geschichte der Juden. IX. 36 Register. A. Abenacar, Isaak, s. Pimentel, Manuel. Abi-Ajub-Jakob 303. Ablaßschacher 172. Abrabanela, Benvenida 38, 22l, 292. Abrabanel, Isaak S, 7 f., 11, 37, 199. Abrabanel, Isaak II. 7, 344. Abrabanel, Jehuda (Leon Medigo) 5, 38, 199 f. Abrabanel, Samuel 7, 38, 221, 292 f. Abraham Levi 202. Abraham von Tunis 235. Äbulfarag, Barhebräus 375. Achmed I., Sultan 407. Achmed Schaitan 20. Adrian, Kardinal 140. Adrianopel, Juden in 33. Ägypten, Inden in 18 f. Ägyptische Purim, siehe Purim. Ärzte, jüdische 23, 38, 40, 72, 301, 305, 307, 321, 324, 327, 357, 364, 446, 449. Asia, Daniel Ahron 35. Ahnenprobe zum Ausschluß der Marionen 275. «risch, Isaak 8 f., 378, 379, 381. Alatino, Vital 321. Alaschkar, Mose 14 f. Alba, spanischer Feldherr 368, 457. Albert (Albrecht) von Bayern-München 51, 74. Albert (Albrecht) von Brandenburg, Bischof von Magdeburg und Mainz 145, 153, 154, 172. Aldobrandini 455. Alessandro, Konvertit 353. Alexander von Polen 58. Alexander VI., Papst 38, 81, 114, 206. Alfonso II. d'Este, Herzog von Ferrara 455. Alfonso, König von Neapel 5. Alfonso, Don, Jnfant von Portugal 252, 254, 264. Algasi, Jehuda 383. Algawri, Kanßu 17. Algier) Juden in 13. Alkabez, Salomo 286, 396. Almador, Manuel de 266. Almosnino, Mose 33, 362, 374. Alschaich, Mose 396 s. Alvalcnsi, Samuel 12 f., 15. Alvarez, Simon 266. Alvaro de Braganza, Don 4. Amatus Lnsitanus s. Lnsitanns. Amsterdam, Gemeinde in 460 f., 465, 470, 471. Ancona, Juden in 37, 293. Ancona, Marranen in 230, 250. Anconitani de St. Eusebio, Kardinal Pietro 142, 157. Andlau 153. Angelus von Freiburg 101. Anklagen gegen Juden 49, 50, 67, 180, 242, 288, 296, 303, 354, 426, 429. Anklagen wegen Hostienschändung und Blutaebrauch 48 f., 50, 53, 180, 288/296 f., 300, 302, 323, 426, 429, 454. Anklagen gegen den Talmud 68. Anna von Brandenburg 50. Antitrinitarier s. Unitarier. Antonio, Diogo 262. Arabien, Inden in 218. Ardut, Joseph, ben 380. Aristeasbrief, Übersetzung des 388. Arli, Joseph de 244. Arminius, Prediger 471. Arnold von Tongern 66, 102, 113 119, 123, 129, 148. Arnoldisten 138. Arta (Larta) 34. Register. 563 Ascher, Lämmlein s. Lämmlein. Ascher aus Udine 346. Aschkenasi, Bezalel 391. Ilschkenasi, Nathan 373, 407. Aschkenasi, Salomo ben Nathan 389, 370, 371, 376, 406, 428 f. Aschkenasii, Saul Kohen 7 f. Askaloni, Joseph 406. d'Ascoli, David 341. 4lstrologischer Wahnglanbe 262, 371. Asumyäo, (Ascencio'n) Diogo de, Franziskaner-Proselyt 463 f. ?lthias, Jom-Tob de Vargas 3>I, 334. Augenspiegel 106 s., 114, 128, 132. Augsburg, Juden in 45, 186. Augsburger Schule 54. Ausweisung der Juden aus Augsburg 45. Ausweisung der Juden aus Brandenburg 90. Ausweisung der Juden aus Böhmen 52, 293, 348. Ausweisung der Juden aus Colmar 51, 186. Ausweisung der Juden aus Cöln 44. Ausweisung der Juden aus Eßlingen 186, 303. Ausweisung der Juden aus Ferrara 341. Ausweisung der Juden aus Genua 305 f., 307, 353. Ausweisung der Juden aus dem Kirchenstaat 354. Ausweisung der Juden aus Magdeburg 51, 292. Ausweisung der Juden aus dem Mai- ländischen 45!. Ausweisung der Juden aus Mainz 44, 441. Ausweisung der Juden aus Neapel 293. Ausweisung der Juden aus Niederösterreich 347. Ausweisung der Juden aus Nörd- lingen 51. Ausweisung der Juden aus Nürnberg 49 f. Ausweisung der Juden aus Prag 294. Ausweisung der Juden aus Regensburg 180 f. Ausweisung der Juden aus Reutlingen 186. Ausweisung der Juden aus Schwaben 45 Ausweisung der Juden aus Speyer 186. Ausweisung der Juden aus Steiermark, Käruthen, Kraiu 48. Ausweisung der Juden aus Ulm 51. Avignon, Juden in 304, 324. B. Bachur, Elia, s. Levita, Elia. Bachurim, Talmudjüuger 424. Baco von Verulam 440. Baffa, Sultaniu 408. Bajazet, Sultan 25, 360. Baldung, Hieronymus 101. Balmes, Abraham de 40, 14!, 192 Bames 46. Barbaro, Marc-Antonio, venezianischer Agent 369, 372. Barbarossa, Chairredin 253. Barkow, Palatin 426. Barocas, Thamar 464. Bartholomäusnacht 371. Baruch von Beuevent 41, 82, 202 Bajula, Mose 338, 340, 344, 396. Bathori, Stephan 429. Bauernkrieg 240, 242. Bayern, Juden in 5l. Beatrice de Luna s. Mendesia. Beifuß, Rabbiner in Wiesenau 131. Belmonte, Jacob Israel 460, 469. Benevent, Emauuel de 344. Benignus, Georgius 158, 160. Ben-Jsrael, Joseph 487. Ben-Israel, Manasse 487. Bcnvenistc, Jehnda 33. Beuveniste, Arzt 408. Benvenida, s. Abrahanela. Berab, Jakob 12f., 17, 54, 223, 279, 283, 284, 384. Berlin, Juden in 90, 440. Bernadino de Santa-Croce 140, 142. Bernardo, Fratre 212. Bertinoro, Obadja de 23 f. Bezalel, Chajim ben 445. Bezalels, Isaak 419. Bibelübersetzung, neusprachliche 194. Bibelübersetzung, persische 27. Bibel in Übersetzung verbrannt 341. Liblia, Uabbiniea 195. Blandrata 434. Blaues, Juda de 40. Blaues, Mardochak de 329. Böhmen, Juden in 52, 293, 346. Bologna, Juden in 353. Bömberg, Daniel 40, 176, 195. Bona, Königin von Polen 59, 411 s. Bauet, s. Lates, Bonet de. ! Bordeaux, Juden in 455. 36 * 564 Register. Borromeo, Carl, Kardinal 353. Bragadino, venezianischer Gesandter 369. Brandenburg, Mark 96, 410. Briese berühmter Männer 140. Brieswechsel, gefälschter 275. Briefwechsel zwischen Juden in Venaissin und denen in der Türkei 304 s. Bruno, Giordano 44l. Bucer, Martin 290. Budny, Simon 435. Bürgerrecht der deutschen Juden 98, 123, 147. Bugia, Juden in 14. Buia Jschtaki 407 f. Bulat, Juda Ben- 32. Bullen Papst Julius III. 322. Bullen Papst Paul IV. 324 f. Bulleu Papst Pius IV. 350. Bullen Papst Pius V. 352. Bullen Papst Gregor XIII. 446. Bullen Papst Sixtus V. 448. Bullen Papst Clemens VIII. 467. Busche, Hermann von dem 124, 132, 138. tL. Cajetan, Legat 178. Calabrese, Chajim Vital 390, 397, 398, 401. Calo Kalonymos 40. Campeggio, Kardinal 249. Cantareno 320. Cantori, Josua de 343. Capistrano 58. Capito, Wolfgang 291. Capnio, s. Reuchlin. Capodiserro, Geronimo Ricenati 257 f. Caraffa, s. Papst Paul IV. Carpentras, Juden in, s Venaissin. Castel-Brancv, Jeäo Rodrigo de, siche Lusitanus. Castro, Abraham de 18, 20. Castro, Mose 282. Ceueda, Sansoue 452. Cesis, de, Kardinal 249. Chabib, s. Lusitanus. Chabib Levi Jbn 283 f. Chabib Jakob Jbn 33, 280 f. Chaibar 218 f. Chajat, Juda 202. Chalfon, Elia Menahem 234. Chalil, Großvezier 408. Chamorro, Mose 276. Chandali, Elia 408. Chanina, Jsmael 353. Chasan, Salomo 328. Cheibeg, Vizesultan von Ägypten 18. Chisuk Emuna 437. Christian IV., König von Dänemark 472. Elemente, Familie, s. Chamorro. Elemente, Felipe 276. Elemente, Miguel Velasquez 276. Clemens VII., Papst 36, 220, 226, 230, 232, 239, 245, 248, 219, 325. Clemens VIII., Papst 274, 452, 467, Cifuentes 252. Cleve, Eberhard von 164, >76. Coen, Samuel 454. Cohen, Abraham, s. Lobato. dollsAium A'srmanienm 447. Cöln, Juden in 45, 65, 186. Colmar, Gemeinde in 186. Commendoni 370, 428. Conti, Vicenti 345. Cope, Leibarzt 143 s. Corcos, Elia 447. Corcos, Salomo 447. Cordova, s. Gonsalvo de C. Corduero, Mose 396 f. Coronello 363. Costa, Emanncl de 258. Continho, Fernando 229. Cremona, Juden in 454. Cremona, Lehrhaus in 342. Cremona, Verbrennung des Talmud 345. Crcscas, Bondian 304, 356. Crescas, Samuel 304, 356. Czcchowic, Martin 436 f. D. Dalbergs, Familie der 175. Dalberg, Bischof von Worms 80, 135. Damaskus, Gemeinde in 25. Daniel Cohen, s. Afia. Daniel aus Pisa 221. Daniel, Erzbischof von Mainz 44l. David (Daud), Naßis Agent 364 f., 382. David Reubeni, s. Röubeni. Delmedigo, Familie 34. Delmedigo, Elia 34, 40, 141, 202. Delmedigo, Juda 34. Denys Sylvcstre 202 „Der ganze jüdische Glaube" von Margaritha 290. Deutschland, Juden in 44, 147, 152, 198, 238, 254, 445. Register. 56ö Deza, Großinquisitor 207. VialoKbi ci'ainors 199. Diaz, Andre 216. Diaz, Lodovico 261. Dichterkreis, jüd. in der Türkei 378 f. Dissidenten in Polen 430 f. Dolmetscher, Juden als 27. Dominikaner 48, OS, 68, 76, 87, 90, 93, 99, 125, 130, 137, 139, 142, 144, 148 f., 173, 175 f., >77, 181, 206, 21t, 266, 302, 343. Doria, Andreas 30S, 307. Doria, Gianettino 307. Duartc Gomez, s. Usque, Salomo. Dnarte Pinel, s. Usque, Abraham. Dunkelmännerbriefe 148, 151, 160 f. Dura», Salomo» 13. Duran II., Simon 13. Turan II., Zemach 13. E. Eberhard, Herzog v. Württemberg 79. Eck, Johann 174, 178, 296. Edom, s. Rom. Egidio von Viterbo 39, 82, 138, 140, 191, 232, 237, 320, 344. Ehe, kabbalistische 395. 404. Eheauflösung einer Minderjährigen 56. Elia Lcvita, s. Lcvita. Elia Misrachi, s. Misrachi. Elia b. Chajim 383. Eliano, Vittorio 320, 343, 345. Elisabeth, Königin von England 459. Elsaß-Lothringen, Juden in 46. Emanucl, Philibert, Herzog von Savoyen 356. Hpistoias obseurornm virorum, siehe Dunkelmännerbriefe. Erasmus von Rotterdam 78, 110, 152. Erbsünde, kabbalistische 393 f. Ercole I. d'Este 43 Ercolc II. d'Este, Herzog von Ferrara 293, 310, 31 l, 326, 333, 341. Erdbeben in Portugal 234. Esther, Drama des Salomo Usque 311. Esther, Kicra 375, 376, 408. Evora, Flavio Jncobo de 378. Fagins, Paulus 191. Falco, Elia 400. Famagusta 367. Fano, Jakob de 328. Fano, Joseph de 453. Farag, Juda 337. Farissol, Abraham 42 s. Farnese, Alexander, Kardinal 272, 302, 323, 325. Ferdinand I., Kaiser von Deutschland 240, 294, 346, 363, 368. Ferdinand I., König von Neapel 5. Ferdinand, Herzog von Toskana 453. Ferhad, Pascha 407. Fernando der Katholische von Spanien 13, 210. Ferrara, Juden in 42, 310, 354, 450, 454. Fez, Juden in II. Fieschi 307. Firme Fe 215, 2l6. Fischet, Mose, von Krakau 59, 89. Flandern 234. Florenz 230. Foligno, Ananel de 321, 323. Folterqualen der Jnquis. in Portugal 267. Foya, Giovanni della 238. Francis, Mardochar 39 >. Francisco Maria von Urbino 450. Franco, Samnel 33. Franco, Mendes Christoval 462. Frankfurt a. M., Juden in 5l f., 75, 85, 122, 180, 424. Franz I., König von Frankreich 193. Franziskaner 68, 105, 139, 181. Friedrich III., Kaiser von Deutschland 45, 51, 79. Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen 127, 142, 187. Frusius, Andreas 320. Fuente, Inan de la 207. de Funchal, s. Marlinho Bischof. „Führer der Irrenden" (More Ne- buchim) 139, 198. Fugger, Familie der 174, 177. G. Galatinus, Petrus 170, 344. Galico, Elisa 389, 396. Galipapa 205. Gans, David 443 f. Gasthold, Kanzler 60. Gavisia, Peter 96. Gemcindegruppcn 28 f, 31, 34, 197, 339, 384. 566 Register. Gemetzel unter Marranen in Portugal 212 f. Genadji, Bischof 435. Genua, Juden in 321. 353. Georg, Herzog von Bayern 135. Georg von Baycrn-Landshut 52. Georg aus Roßheim 241. Gerber, Erasmus 241. Geschichtsschreibung, jüdische 14, 35, 198 f., 308 f., 312, 316, 375, 389, 408, 422, 469. Geusen 368. Ghetto in Venedig 37. Ghinucci, Geronimo 233, 237, 251, 257. Ghislieri, Michele, s. Papst Pius V. Gicatilla, Joseph 165. Gil, Francesco 266. Giulio, Kardinal 220. Glückstadt, Juden in 492. Goldecker 84. Gomarus 471. Gomez, Duarte, s. Usque, Salomo. Gousalvo de Cordova 6 f. Gottesuame, mehrbuchstabiger, mystisch gedeutet 169. Govea, Familie 455. Gracia, Dona, s. Mendesia. Graciau, Lazaro 311. Graes (Gratius), Ortuin de 66 sf., 119, 123, 148, 162 Graudchamp,französisch. Gesandter 364. Granvella 202. Gregor XIII., Papst 446 f. Gregor XIV., Papst 452. Grimani, Domenico, Kardinal 40, 141 f., 157. Grimani, Doge 409. Guido Ubaldo, Herzog von llrbino 326, 337, 340. „Grüne Buch von Aragonicn" 275. Günzburg, Simon 428. Gurk, von 140, 142. Gultcnstein, Graf von 65. H. Hadrian IV., Papst 188. Halbjuden 288 Halevi, Mose-Uri 460, 468. Hanion, Joseph 27. Hamou, Mose 27, 303, 333. Handel der Inden im Morgenland 337 ff. „Handspiegel" 102s. Handwerker unter den Juden in Polen 58. Haquinet, Petit Gnillanme 143, 193. Hebräische Sprache 52, 80 ff., 192 f., 202, 426, 440. „Hebräische Wahrheit" 84, IVO. Heilige Schrift, s. Bibel. Heinrich II, König von Frankreich 41, 293, 333, 361, 455. Heinrich III., König von Polen, später von Frankreich (von Anjou) 371, 429. Heinrich IV., König von Frankreich 47», 472. Heinrich VIII., von England >87, 289. Helena, Fürstin von Litauen 414. Helfenstein, Graf von 138. Henriquc, Bischof von Ceuta 229. Henrique, Nuiies, s. Firme Fe. Henrique Don, Jnfant, Großinquisitor 258, 259, 262, 264. Herrera, Alonso de 461. Hcrrmann, Erzbischof von Cöln 66. Heß, Hermann 85. Hochschulen, talmudische 4 >6, 424. Hochstraten 66, 85, 92 f., 115, 123, 126, 129, 142, 147 f., 157, 159, 176, 178. Hof, Stadt am 184. Holland, Juden in 456, 463, 471. Homem, Antonio Lopez 459. Homcm, Gaspar Lopez 459. Homem, Major Rodrigues 459, 462. Homem, Manuel 459. Hosiandcr 295. Hosiannatag 403. Hostienschändung, s. Anklagen. Hubmaier, Balthasar 181 ff., 240. Humanisten 118, 127, 137, 153, 160, 175. Hussiten 433. Hutten von, Eitelwolf, Anwalt des Erzbischofs von Mainz 77. Hutten von, Ulrich 78, 114, 132, 138, 115, 158, 160, 163. Jbn-Abi Simra, David I7f., 203, 391, 400. Jbn-Billa, Salomo 339. Jbn-Chabib, Jakob 33, 280 f. Jbn-Jachja, Familie 377, 389. Jbn-Jachia, David 39. Register. 567 Jbn-Jachja, David III. b. Salomo 2 ff. Jbn-Jachja, Jakob Tam 32, 377. Jbn-Jachja, Joseph 3 f. Jbn-Jachja IV., Joseph ben David 199. Jbn-Jachja, Gedalja 2a2, 355, 377. Jbn-Jachja, Gedalja II. 377, 389. Jbn-Jachja, Mose 377. Jbn-Jaisch, Abraham 32. Jbn-Lab, Joseph 330, 339, 383. Jbn-Schoschan, Abraham 17. Jbn-Schoschan, David 24. Jbn-Verga, Joseph 306, 399, 316. Jbn-Verga, Inda 398. Jbn-Verga, Salomo 399. Ibrahim Pascha 497. Index verbotener Schriften 346, 351, 449. Inquisition 314, 518. Inquisition in Italien 318, 321, 353, 446. Inquisition in Portugal 217, 254, 255 s., 261, 265, 268, 271, 311, 325, 336. Inquisition in Spanien 296 f., 223. Inquisition in den Niederlanden 363, 368. Jrira, s. Herrera. Jsserles, Mose 417. Italien, Juden in 36 f., 41, 445. Iwan IV, der Grausame 379, 414. Jabez, Joseph 199. Jachjiden 2, 4 f. Jacobaccio 257. Jafa, Mardochai 422, 431. Jaeger, Johann, s. Crotus Rubianus. Jakob von Bel,Vice 436. Jakob Ben-Chajim Masorct 195. Janus-Bey 369. Jahme, Don 247. Jechiel von Pisa, Söhne des 4 f. Jerusalem, Gemeinde in 18, 22 ff., 281. Jeruichalmi, Abraham 339. Jesaia Messeni 3. Jesuitenorden 279, 394, 317, 319, 312, 359, 429, 439, 447. Jesurnn, David 464. Jesurun, Rohel, s. Pina. Joachim I., Kurfürst von Brandenburg 99. Joachim II., Kurfürst von Brandenburg 299, 412, 441. Jcäo II., König von Portugal 3, 265. Jono III., König von Portugal 214 ff., 217, 222/228, 245, 247, 253, 256, 263, 279. Johann Albert von Polen 58. Johann, Bischof von Regensburg 181. Johann Friedrich, Kurfürst von Sachsen 299. Johann Georg, Kurfürst von Brandenburg 441. Johannes Baptist«, s. Romano. Johannes, Priester, Legende von 219. Jonathan Levi Zion 84. Joselin (Josselmann) von Rosheim 45, 47 s., 134, 153, 155, 185, 239, 242, 253, 299, 294, 392, 393. Joseph von Naxvs, s. Naßi, Joseph. Joseph aus Arli 244. Joseph ben Israel 468. Josselmann, s. Joselin. Juden, spanisch-portugiesische, s. Se- phardim. Judcnabzeichen 253, 256, 293, 324, 341, 347, 352. Judenbegünstigung verketzert 195, 119, 129j 133. „Judenbüchlein" 295. Judenhaß, fanatischer 153, 393, 325. Judentum, Stand des 197, 386, 493 s., 425. Judenzer, s. Halbjuden. Judenzettel 346 Julius II., Papst 36. Julius III., Papst 274, 321, 325. Jnsta Perehra 462. Justiniani, Augustin 193. K. Kabbala 33, 39, 164, 167, 199, 292 f., 294, 226, 285, 32a, 314, 385, 399, 394, 397, 499, 192, 418. 'Kabbala bei den Christen 89, 164 f., 344. Kabbala christlich gesärbt 164 s. Kabbalistische Schriften, gefälschte 166 f. Kahals, s. Gemeindegruppen. Kahija, Jndenanwalt in der Türkei 31. Kahijalik, s. Kahija. Kairo, Gemeinde in 29 f. Kammcrkncchte 147, 317. Kandia 197. Kapsali, Elia b. Elkana 34 f., 197, 199. Kapsali, Familie 31. 568 Register. Kapsali, Mose 29. Karner 69, 227. Karäer in Konstantinopel 3ü. Karben, Viktor von 66, 85, 89, 92. Karl V. Kaiser von Deutschland 158, 178, 185, 187, 208, 216, 220, 232, 249, 253, 265, 272, 292, 294, 302, 303, 330, 346. Karl VIII., König von Frankreich 3f. Karl IX., König von Frankreich 361, 371. Karlstadt 187, 289. Karo, Ephraim 285. Karo, Joseph 226, 244, 283, 284, 286, 340, 366, 382, 383, 385, 389, 396, 400, 403. Kasimir IV. von Polen 53, 58, 69. Katharina von Medici 202, 365, 371. Katharina. Königin von Portugal 214. Kahenellenbogc», Mclr, s. Melr von Padna. Kepler 423. Khotaib, Synagoge 25. Kiera, s. Esther Kiera. Kirchenstaat, Juden im 352, 380, 448, 453. Kleinasien, Juden in 303. Kmita, Piotes 411. Koberger, Antonius 50. Kodex, rabbinischer 287, 385, 421. Konfiskation jüdischer Schriften 86, 321, 346, 353. Konstantinopel, Juden in 27, 32, 335 ff , 339, 374. Korbek, kaiserlicher Hauptmann 182. Kohen, Berachja 33. Kohen, David aus Korfu 34. Kohen, Joseph, Geschichtsschreiber 244, 306, 317, 353, 376. Kohen, Josua Falk 432. Kohen, Saul aus Kandia 11, 202. Kollin, Konrad 115. Komödie, stumme 186 f. Kommentariensncht 198. Kontraremonstranten 471. Konzil von Trient 271 f, 319,351s., 439. Korsn 34. Kosoj, Thcodosins 435. Krakau (Kasiemicrz), Gemeinde in 414. Kunigunde, Tochter Friedrich III. 73 f., 87, 91, 145, 185. L. Ladislaus, König von Böhmen 53." Lämmlein, Ascher 69, 205. Lancaster, Alfonso von 327. Lancre de 456. Landau, Mose 421. Lansac, de 335. Larta, s. Arta. Lates, Bonet de 36, 134 f. Lates, Emannel de 324, 344. Laudadens, s. Blances, Juda de. Lecha Dodi, Gesang 286. Lefebrc d'Etable, Jakob 143. Lcnzi, Mariano 202. Leo X., Papst 36, 134 f., 141 f., 157, 159 f., 168, 174, 176, 181, 187, 214. Leonora d'Este 455. Leonora, Tochter Pedros de Toledo 38, 293. Leon Medigo, s. Abrabanel Juda. Levi, Abraham, s. Abraham Lcvi. Levita Elia (Elias) 82, 170, 190, 193, 195, 320. Limpo, Balthasar 267, 271. Lipomano, Alois 426, 433. Lipomano, Luis, 263, 269. Lippold, Leibarzt Joachims II. 291, 441. Lima b. Bezalel 442. Loans, Jakob b. Jechiel 45, 47, 79, 165. Loans, Joseph s. Joselin. Lobato, Diogo-Gomcz 465 f. Longo, Saadm 378, 405. Lopez, Finanzmann Sixtus' II. 448, 451. Lopez, Antonio 462. Loyola 270, 317. Lublin, Gemeinde in 414. Lucero, Diego Rodriguez 207, 215. Ludwig XII., König von Frankreich 144, 158. Luiz Don, Jnfant von Portugal 255. Lurja, Isaak 390, 395, 396, 397, 400, 401. Lurja, Salomo 417 f. Lurjanische Bräuche 399 f., 402. Lnsitanus, Amatus 321, 327, 341, 378, 466. Luther 171 sf, 174, 177 f., 187, 192, 244, 289, 291, 297. Luthers Judenfreundlichkeit 188. Luthers Judenfeindlichkeit 291, 298 f. Luthers Predigt gegen die Inden 301. Luthers Schriften 188, 298. Register. SW Ar. lllaelidi 239. Maciejowski, Samuel 415. Maggid, Lpiritus tämiliarm 225 f., ^ 285 f. Mailand, Juden in 450, 454. Majora, Doüa 328. Maltheserorden 381. Mauocl von Portugal 209, 213 f. Mantiu, Jakvb 41, 192 f., 234, 250. Marcellus II., Papst 323. Margalho, Pedro 217. Margaritha, Anton 182, 290, 298. Margoles, Jakvb von Nürnberg 55. Margoles, Jakob von Regensbnrg 79, >82, 290. Maria de Medici, Königin von Frankreich 470, 472. Maria, Statthalterin der Niederlande 331. Marranen in Ancona 230, 250, 325 f. Marranen in Frankreich 472. Marranen in Holland 330, 459. Marranen in Italien 5 f., 325, 333, 342, 455. Marranen in Portugal 209, 211, 213, 217, 222, 237j 249, 252, 257 f., 259, 261, 263, 264, 268, 273, 285. Marranen in Savoyen 356. Marranen in Spanien 222 f., 244, 271, 274. Marranen in der Türkei 277, 336, 378. Martin von Groningen 148. Martinho de Portugal, Bischof 246, 252. Märtyrer von Ancona 328. Märtyrer, jüdische von Brandenburg 90. Mascarenhas, Joäo Rodrigo 210, 213. Mascarcnhas, Pedro 258. Masora 193 f. Masscrano, Bczalel 450. Matte», Hans von der 241. Maximilian I., Kaiser von Deutschland 45. 48 f., 51, 72, 01, 106, 126, 112, >53, 155, 158, 173, 175, 180, 182. Maximilian II 349, 370, 371. Mazliach, Felice 220. Mcdras, Salomo del 17. Mcdeyros, Francisco Mcndes 462, 468. Medigv, Leon, s. Abrabancl Inda. Mekron 393, 404. Mcrr ben Gabbät 203. Mckr von Padua, Katzenellcnbogcn 197, 340, 344, 317, 421. Weisel, Marco (Mardocho't) 443. Meiselsynagoge 444. Melanchthon 177. Mello, Doktor 258, 268, 330. Mendes, Diogo 255, 262, 263, 380 f., 457. Mcndes, Familie 330 ff. Mendes, Francesco 330. Mendes, Franco 462. Mendes, Manuel 252. Mendesia, Dona Gracia 255, 262, 329, 331, 335, 339 f., 362, 380, 457. Mendesia, Gracia die Jüngere 331, 335. Mendesia, Reyna 330, 332. Mendoso, Diego 42. Meneses, Hcnrique de 249. Mcnz, Abraham 40. Menz, Inda 30, 34, 40, 56, 198. Merinos 12. Messen, Frankfurter 86 f., 212. Blessen, polnische 424. Messen, s. Jesaia Messen!. Messias, Pseudo 205 f., 264, 399, 401. Messianische Erlösung 225, 396. Messiashoffnnng 204 ff., 282, 386. Messianische Schwärmerei 201, 223, 225, 278, 383. Messianische Zeit, Berechnung der 205, Meyer' Peter 109, 113, 148, 160. Michael von BrAecz 60. Michel, Hofagcnt in Berlin 291, 301. Miqnes, Joäo, s. Joseph Naßi von Naxos. Miazynski 430. Mirandola, Pico de 6, 78, 96, 166, 311. Mirjamqutllc 398. Mischkvw 426. Mischna 285. Misrachi, Elia 29. Mocenigo, Luis, Doge 367, 373. Mocho, Joäo 212. Mönchsorden, den Marranen verschlossen 276, 342. Mojczki 430. Mohammed IV., Sultan 407. Mohammed Bcy 21. Mohammed Sokolli, s. Sokolli, Moh. Molcho, Salomo 224 f., 230, 232, 233, 236, 239, 212, 243, 278, 287. Molokani 435. Montalto, Elia 446, 465, 4 70. Montano, Arias 440. Monti, Andrea de 447. Bloriscos 24. Moro, Joseph 321, 342. Morteira, Saul 470. Aloscssöhne, Sage von 219. 570 Register. Mostarabische Juden 19. Mülhausen 46. Münster, Sebastian 82s 19 l. Münzer, Thomas 298. Murad III., Sultan 405. Mustafa 360. Mutiau von Gotha 110, 129. Mystiker, s. Kabbalisten. N. Nagara, Israel 378. Nagid, Fürstenwürde l8f. Naglowic 427. Nantes, Juden in 472. Narboni 199. Naßi, Joseph 331, 333, 335, 339 f., 3'9f., 362, 365, 368, 370, 374, 376, 379, 380, 396, 405. Naßi, Samuel 341, 360. Navarra, Pedro 13. Naxos, Herzog von, s. Naßi Joseph. Neapel, Juden in 6, 37, 292. Negroponte 34. Neto, F.rnandcs 262. Neto, Bras 230, 233. Ncuchristen, s. Marranen. Niederlande, Juden in den 330 s. Nikopolis 33. Nikosia 367 Nizza, Juden in 472. Nuenaar, Graf Hermann von 120, 138 Nunes, Henrique, s. Firme Fe. Nunes, Maria 459, 462. Nürnberg, Juden in 49 f. Nürnberger Schule 54. O. Obadja di Bertiuoro, s. Bertinoro. Obadja di Ssoruo, s. Sforno. Obernai, Juden in 52, 153. Occamisten 68. Ohrcnbeichte der Kabbalisten 397. Ouqucneira, Isaak 382. Lranieu, Moritz von 471. Omnien, Wilhelm von 368, 459, 463. Ordination 278 h, 286, 384. Otto Heinrich, Herzog von Neuburg- Sulzbach 295. Ottolcnghi, Joseph 343. -Ortuin de Graes, s. Graes. P. Padua, Juden in 37, 39, 58. Padua, Mclr von, s. Merr von Padua. Pallache, Samuel 458, 460. Pardo, Joseph 468. Pariser Universität 143, 148, 192. Parisio, Kardinal 262. Paruta 434. Patras 34. Paul III., Papst 42, 250, 251, 254, 256, 258, 259, 262, 264, 270, 271, 272 f., 275, 304, 325. Paul IV., Papst 270, 317, 323, 325 f., 336 ff., 340, 341, 343, 344, 346, 348, 426, 445. Pauw, Reinier 471. Paz, Duarte de 245, 247, 251, 252 f., 254 f., 256, 262. Pereyra, Justa, s. Justa Pereyra. Pesaro, Juden in 314, 336 f. Petit, s. Haquinet, P. Peutinger, 106, 138. Pfefferkorn, Joseph (Johannes) 65 ff, 71, 74, 83 ff., 90, 95 f., 97, 107, 111 ff., 118, 122, 145, 148, 158, 178, 186. Pfefferkorn, Melr 56, 65. Philipp I., König von Spanien 208. Philipp II., König von Spanien 202, 324, 342, 363, 368, 374, 440, 454, 457, 462, 463. Philipp III., König von Spanien 463, 467. Philipp von Hessen 290, 298. Philipp, Erzbischof von Cöln 72, 120. - Pilpul 54, 425. Pimeutel, Manuel 470. Pina, Paul de 465, 466, 469. Pinczowiauer 434. Pinehas von Prag 55. Piuel, Duarte de, s. Usque Abraham. Piuheiro, Diogo, Bischof von Funchal 229. Piuto, Diogo Rodrigucs 251 f. Pires, Diogo,,, f. Molcho Salomo. Uirke-^bot, Übersetzung der 42. Pirkheimer, Willibald 50,110, 138, 177. Pius IV., Papst 348, 349, 449. Pius V., Papst 341, 352, 353, 368, 380, 387, 425, 449. Poeten, jüdische 378 f., 464, 465. Polak, Jakob 12, 54, 416. Polen, Juden in 53, 56, 59, 410 ff. Polen, Rabbiner in 59, 416. Polyglottcnbibel 440. Register. 571 Poniis, David de 446, 449. Portaleone, Abraham ben David 452. Posen, Gemeinde in 412, 444. Prag, Inden in 52, 293, 346, 347, 349, 424, 444. Prädicanten, s. Dominikaner. Predigten, christliche in Synagogen, s. Zwangspredigt, jüdische. Prierias, Kardinal Sylvester 159, 174, 177. Priester, Johannes, fabelhafter 219. Privilegien der Juden 147, 242, 393. Provenzali, Mose 344. Przemüerz, Bischof, 426. Pucci, Antonio. 246, 249. Pncci, Lorenzo 233, 237. Purim, ägyptische 21. Q. Questcnbcrg 149. R. Rabbaniten 30. Rabbi Leb, der hohe, s. Bezalcl Lima b. Rabbinerstener 29. Rache der Inden an Papst Paul IV. 329 ff., 337 ff. Radziwill, Nikolaus 434. Rapp, Pfaff 145. Reformation 53, 171, 178, 187, 189, 298, 220. Reformation in England 289. Reformation in Polen 433. Rcgcnsburg, Juden in 51 f., 122, 189 s. Regensburger Schule 54. Reggio, Inden in 472. Reisch, Georg 101. Religionskodex des Joseph Karo und Mose Jsscrles, s. das. Rcligionsgespräche 43. Rcmonstranten 471. Röubeni, David 218 ff., 224 f., 227, 233, 239, 243, 378. Rcnchlin 77 ff., 85, 92, 97, 105, 125, 130, 137, 140 f., 142, 147, 158, 159, 161, 167, 177 f, 186, 344. Reuchlinisten 138, 146, 159 f., 161. Reyna Naßi 405. Ricco, Paul 165. Rodrignes, Mayor 459, 462. Rom, Salomo 293. Rom-Babel 236, 319 f. Rom, Juden in 37, 141, 354, 445. Romagna, Juden in 355. Romano, Salomo 320. Rofsi, Asarja b. Mose dei 383, 386, 422. Noßheim, Stadt 241, 304. Noßheim, Joseph von, s. Joselin. Rovere, Maria della 231. Nvxolane 360. Nubianns, Crotns 138, 148, 163. Ruder, Andreas 89. Rudolph II., Kaiser von Deutschland 441 f. S. Saba, Samuel 339. Sabbatfeicr bei Christen 289. Sabbation 219. Sadolet von Carpentras 190, 250. Safet (Saphct), Gemeinde in 24, 278, 279, 281, 286, 340, 389, 396, 398. Sagis, Joseph 396. Salonichi, Gemeinde in 32 s., 304, 374. Santa-Cruz, Bcrnardo de, Inquisitor 267. Santafiore 272 Santiquatro, Kardinal 251. Saracenns, Karl 202. Saragossi, Joseph 17, 25. Sarrao, Thomc 252. Saruk, Israel 402, 461. Sanvage, Du-Parc 202. Savanoroln, Girvlamo 5. Schachna, Schalom 417. Schalal. Isaak Kohen 16, 18, 24, 281. Schakal, Nathan 16. Schaltiel 31. Scharajitcn, Sekte 414, 434. Scheiterhaufen in Portugal 229, 258, 259, 268, 274. Schcitcrhanscn in Mantua für Molcho 243. Scheiterhaufen in Ancona für Mar- rauen 328. Schimeoni, Elicjer 33. Schriften, gegenchristliche 83, 94. Schulam, Samuel 375 f. Schnlchnn Arnch 383. Schwärmerei mcssianifche, f. Messianische Schwärmerei Schwalbach, von 135. Schwarz, Peter 94. Scotisten 68. Secchi, Pietro 452. Seelenlehre der Kabbalisten 393. Scelenwandcrung 394 f. 572 Register. Scfardim I, 8, 33, 202. Sefirot 392, 399. Seidel, Martin 435. Sekten 435 f. Selaya, Inquisitor von Badajoz 227. Seliin I., Sultan 17, 25, 29. Sclim II., Sultan 36», 362 f., 366, 368, 374, 380. Selve, George de I9l, 193. Senensis, Sixtus 342, 343, 345. Servet, Michel 289. Storno, Obadja 41, 81, 165, 192, 199. Siavus, Pascha 408. Sickingen, Franz von 175. Sidillo, Samuel 16, 20. Siesa, Herzog von 343. Sigismund 1., König von Polen 59 f., 411,433. Sigismund III, König von Polen 439. Sigismund August, König von Polen 368, 370, 411. Siliceo, Inan Martinez 275, 276. Silva, Diogo 237, 247, 255, 257. Silva, Miguel 228, 264. Sinioncta, Kardinal 251, 257, 262. Simra, s. Jbn-Abi Simra. Sixtus IV., 96. Sixtus V., Papst 448, 450. Sixtus von Siena, s. Senensis. Soares, Joäo 258. Socin 434. Socinianer 434. Sohar 82, 344, 315, 386, 396, 402. Sokolli, Mohammed 362, 365, 368, 369, 371, 381, 391. Soncin, Gcrson Kvhcn 53, 176, 339, 348. Soranzo, venezianischer Agent 369, 373. Svusa, Christovam de 263. Speyer, Gemeinde in 186. Spina, Alfonso de 50, 94. Sprache, hebräische, s. hebräische Sprache. Sprache der Inden in Denischland I I. Sprache der Juden in Polen 61, 425 s. Steinheim, Mrich von 113f. Straßburg, Gemeinde in 186. Struß, Franz 120. Subotniks, Sekte der 434. Snleimann II., Sultan 25 ff., 241, 303, 305, 333, 336, 359, 362, 374, 380. Snperkommcntarien 198. Synagogenritns 197. Synoden, jüdisch-polnische 430. Synode von Worms 133. Szydlowiezki, Christoph, Kanzler von Polen 59, 411, 413. T. Tagsatzung in Frankfurt gegen die Inden 154. Talmud, Anklagen und Bedeutung des 64, 69, 88, 101, 127, 139, 165, 299 f., 319, 321, 351, 384, 380, 416, 418, 450. Talmud, babylonischer 176. Talmud, jernsalemischer 176. Talmud, Auslegung spitzfindige 54,425. Talmudverbrennnng 32 i, 342,343,345. Talmudstndium 384, 424, 445. Tarnowski 427. Taytasak, Joseph 33, 226, 286. Taws, s. Tus. Tctzcl, Johann 173 ff. Theatinerordcn 304, 317. Theben, Inden in 34. Themudo, Jorge 215. Thiermayer von Ebertshofen 295. Thomas, jüdischer Arzt 104. Thomisten 68, 130, 137. Liberias, Wiederaufbau von 362, 380. Tirado, Jakob, 459, 460, 468. Tlemsen, Inden in 12. Toledo, Pedro de 38, 293. Tomizki, Bischof 59. Torqucmada 206. Trani, Mose de 283, 287, 340. Trevcs, Elisscr 317. Triest, Isaak 84. Troki, Isaak b. Abraham 437. „Trost in den Trübsalen Israels" 312, 333. Truchseß, Lorenz von 130 f. Truchseß, Thomas von 135. Tumanbcg 17. Tunis, Abraham von 253. Tunis, Juden in 253. Türkei, Juden in 25 ff, 277 f., 304 f, 337, 356, 358 f., 368, 374, 376, 383, 405, 409. Tus, Jakob 27. Tycho de Brahe 423. u. Überschwemmung in Rom 234. Übersetzung der Bibel ins Deutsche 187, 194. Übersetzung der Bibel in andere europäische Sprachen 195. Übersetzung der Bibel ins Polnische 435. Übersetzung der Bibel ins Spanische 195, 310 f. 573 Register. Übersetzung des Pentateuch ins Persische 27. Ulrich, Herzog von Württemberg 138, 142. Unitarier 265, 28g, 434. Universität, Pariser 143 f. Uri, Ahron 460, 468. Uriel von Gcminingeii, Erzbischof von Mainz 75, 85, 91, 100, 106, 131. Usiel, Isaak 469 f. Unglaube in christlichen Kreisen 134. Usgue, Abraham 195, 310, 334, 341. Usgue, Salomo 311, 335, 362. Usgue, Samuel 25, 32, 38, 259, 306, 310, 311 f., 316, 333, 379. V. Vargas, Jeronimo d., s. Athias, Jom- Tob. Vas, Ayres 262. Baz, Diego 216. Vega, Juda 468. Venaissin, Inden in 220, 304, 355, 452. Venedig 37, 366, 445. Berga, s. Jbn-Vcrga Bicente, Gil 235 Vicenzo, Gonzaga, Herzog von Mantua 453. Vidal de Saragossa 166. Vidas, Elia de 396. Vierländcrsynode, s. Synode in Polen. Vigne de la, französischer Gesandter 361. Virginitas innnacnlata 68. Vital, s. Calabresc. Vokalzeichen, hebräische 191. Vulgata 100. W. Wallfahrten, zum Grabe Simons bcn Jochal 399, 404. Wartburg 187. Welser 138, 140. Wertheim, Herz 198. Wertheim, Michael von 154. Wessel 78. Widmannstadt, Johann Albert 39, 82. Wien, Inden in 347. Wirth, Wigand 144, 148. Wissenschaft, Vernachlässigung der 9f., 198, 2o2, 208. Wolf, Moses 182. Worms, Juden in 52, 122, 180. Worms, Lehrhaus, talmudisches in 186. Worms, Synode in 133. Worms, Jakob von 347. X. Xeriss 12. Ximencs von Cisneros 13, 208. Z. Zacharias (Scharja), Sekten stifter 414. Zacuto, Abraham 14 f., 199, 408. Zahlen, mystische Spielerei mit 169, 204. Zarfati, Simeon 36. Zarko, Jchnda 378. Zasius 180. Zenders, David 55. Zehnstämme, angeblicher Sitz der 218. Zeitrechnung nach der Weltschöpfnng 19. Zeitrechnung, seleuzidische, Aufhebung der 19. Zelazewska, Katharina, jüdische Pro- selytin 434. Zcmach, Niardochar 348. Zensur, päpstliche 319, 351. Zensur jüdischer Schriften 351,450, 453. Zettelmeldnng, s. Judenzettel. Zinsennehmen 44. Zobel, Propst 106. Zosima, Metropolitan, 414, 435. Zwang, christliche Predigten anzuhören 342, 447 f. Zwingli 188. Truck von Lskar Seiner in Leipzig.