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Geschichte der Juden.
die Kirche besuchen, die Sakramente mitmachen und ihre Kindertaufen lassen. Trotzdem wurden die fünfzig oder sechzig Familien,welche nach und nach aus Portugal und Spanien in Bordeauxeingewandert waren, als heimliche Juden beargwöhnt. Einfanatischer Parlamentsrat de Lancre, beauftragt, auf Hexenund Zauberer zu fahnden und sie dem Feuer zn überliefern, klagtediese marranischen Familien geradezu an, daß sie judaisierten, keinSchweinefleisch äßen und am Sabbat nicht ihre Speisen bereiteten.Wenn sie nicht das Parlament und die Schöffen dieser Stadt inSchutz genommen hätten, wären sie verfolgt worden. Diese winzigeGemeinde und ihre Kolonie in Bayonne müssen von einer außer-ordentlichen Liebe zu ihrem Bekenntnis durchdrungen gewesen sein,daß sie nicht im Christentum untergegangen sind, obwohl sie langedas Scheinchristentum bewahren mußten.
Es erscheint abermals als ein Werk der Vorsehung, daß derjüdische Stamm, der in Europa und Asien, in der Christenheit undunter dem Islam, am Ende des sechzehnten Jahrhunderts keinenrechten Halt mehr hatte, gerade in dem Lande ihres hartnäckigstenFeindes, Philipps ll. von Spanien, festen Boden fassen und vonda aus sich eine Gleichstellung erobern konnte. Und in letzter Ver-kettung von Ursachen und Wirkungen war es gerade das blutigeJnquisitionstribunal, welches ihnen die Freiheit vorbereiten half.Holland, dieses der Meeresflut abgerungene Stück Erde, wurde fürdie gehetzten Opfer des grausigen, raffinierten Fanatismus ein Ruhe-punkt, auf dem sie sich lagern und ihre Eigenart entfalten konnten.Aber welche Wandlungen und Wechselfälle mußten vorangehen, bisdiese kaum geahnte Möglichkeit eine Wirklichkeit werden konnte?Der nordwestliche Winkel Europas wurde von jeher nur vonwenigen Juden bewohnt, und es ist von ihnen nur eine geringeKunde vorhanden; hervorgetan haben sie sich durch nichts. Sielitten wie ihre Nachbarbrüder unter den Zuckungen des aufgeregtenFanatismus, waren zur Zeit der Kreuzzüge und des schwarzenTodes niedergemetzelt oder verjagt worden, hatten sich , wieder hierund da gesammelt, alles in lautloser Ungekanntheit und in dunklerVergessenheit. Als dieser Strich unter dem Namen der Niederlandeunter dem weitreichenden Zepter Karls V. mit Spanien vereinigtwar, wurden die Grundsätze der spanischen Judenfeindlichkeit auchauf die Juden dieses Landes übertragen. Dieser Kaiser hatte Be-fehle über Befehle erlassen, daß die wenn auch geringzähligen Judenaus den niederländischen Städten ausgewiesen werden sollten. JederBürger war gehalten, die widergesetzliche Anwesenheit von Judenden königlichen Beamten anzuzeigen. Infolge der Einführung derInquisition in Portugal hatten sich mehrere marranische Familien