Schicksal der Juden in katholischen und protestantischen Ländern. 441
Sprache und der Bibelkenntnis die katholische Kirche untergrabe?)Die Naturwissenschaften waren ans katholischer wie ProtestantischerSeite geächtet oder zur demütigen Stellung gegenüber der finsternTheologie mit der Zuchtrute verdammt. Das philosophische Denkenmußte sich verkriechen; freie Denker wurden verfolgt und auf demScheiterhaufen verbrannt, wie Giordano Bruno, oder mußtenheucheln, wie Baco von Verula m. So schien die mensch-liche Gesellschaft einen Rückgang anzutreten, nur mit dem Unter-schiede, daß das, was früher heitere, naive Gläubigkeit war, seitdemfinsterer, verbissener Glaubenstrvtz geworden war.
Die übereifrige Kirchlichkeit, welche jene Spannung erzeugte,die sich später in der gegenseitigen Vernichtung des dreißigjährigenKrieges entlud, machte den Aufenthalt der Juden in katholischenwie in protestantischen Ländern zu einer immerwährenden Qual.Luthers Anhänger in Deutschland vergaßen, was Luther im Anfangzu deren Gunsten so eindringlich geäußert hatte, um sich nur dessenzu erinnern, was er in seiner Verbitterung im Alter Gehässigesgegen sie vorgebracht hatte (o. S. 297 f.). So wurde den JudenBerlins und des Brandenburgischen Gebietes die traurige Wahlgestellt, sich taufen zu lassen oder ausznwandern, weil der jüdischeFinanzminister, der mächtige Günstling des Kurfürsten Joachim II.und seine rechte Hand in finanziellen Schwindeleien, der Arzt Lippold,von seinem Nachfolger Johann Georg in Untersuchung ge-zogen, unter der Folter ansgesagt hatte, seinen Gönner vergiftetzu haben, obwohl er es später widerrufen hatte.?) Die katholischenVölker und Fürsten brauchten ihren protestantischen Gegnern nichtan Duldsamkeit und Menschlichkeit voranzugehen, und so wurdendenn auch um dieselbe Zeit in einigen mährischen Städten dieJuden von der Bevölkerung totgeschlagen?) und im Mainzischenvon dem Erzbischof Daniel gequält, geschunden und dann aus-gewiesen?)
Es war ein hälbglücklicher Zufall für die Juden Deutschlandsund der österreichischen Erbländer, daß der damalige KaiserRudolph II., obwohl ein Jesuitenzvgling, in dem Lande der
') Bergt, über Arias Montanus' Verfolgung Ickorsnts, Iiistoirs cks I'In-gnisition sn RspaANS III p. 75 fg. und über den Charakter der ersten, Polyglotte (Regst»), gedruckt Antwerpen 1569—1572, bei Wolf Libliotbee» IIx. 341 fg.
?) 1573. S. Menzel, Geschichte von Preußen in Heeren und Uckert I. p. 346.Mendelsohns Vorrede zu Manasse ben Israel.
?) Gans, 2sm»ob Oavick I. und II. zum I. 1574.
> ch Schaab, diplomatische Geschichte der Juden von Mainz S. 182 fg. Zeit
zwischen 1577—1582.