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9 (1907) Geschichte der Juden von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal (1494) bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland (1618)
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Talmudstudium iu Polen.

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nach Zaslaw und Iaroslaw und im Winter nach Lem-berg und Lublin. So kamen mehrere Tausend Talmudjüngerzusammen. Dort fand ein lebendiger Austausch der Bemerkungenund Subtilitäten über den talmudisch-rabbiuischen Lehrstoff statt.Es wurden öffentliche Disputationen gehalten, an denen sich jeder-mann beteiligen konnte. Die guten Köpfe erhielten auf diesenReisen als Lohn für ihre Geistesanstrengung reiche Bräute?) Dennvermögende und halbvermögende Eltern setzten einen Stolz darein,talmudisch-geschulte Schwiegersöhne zu haben, und suchten solche aufden Messen. Die Juden Polens erhielten durch diesen Feuereifersozusagen eine talmudische Haltung, die sich, in jeder Bewegung undÄußerung, im unschönen Achselzucken, in eigentümlicher Daumen-bewegung kund gab. Jedes Gespräch gleichgültiger oder auchgeschäftlicher Natur glich einer talmudischen Disputation; talmudischeWörter, Bezeichnungen, Phrasen, Wendungen und Anspielungengingen in die Volkssprache über und waren selbst Weibern undKindern verständlich.

Aber diese Übertreibung des Talmudstudiums in Polen hatdem. Judentums keinen Nutzen gebracht. Wurde es doch nicht be-trieben, um ein rechtes Verständnis desselben zu erzielen, sondernlediglich um etwas ganz Besonderes, Ausgesuchtes, Witziges, Pikantes,den Verstaudeskitzel Anregendes zu finden! Bei dem Zusammen-strömen so vieler Tausende Tälmudkundiger, Meister und Jünger,Lehrer und Schüler, an den Hauptmeßplätzen strengte sich jeder an,etwas,. Neues, Überraschendes, recht Kniffiges zu finden, auf denMarkt zu bringen und die übrigen zu überbieten, unbekümmert,ob es stichhaltig oder auch nur relativ wahr sei, sondern nur, umin den Ruf eines scharfsinnigen Kopses zu kommen. Das Haupt-bestreben der Talmudbeflissenen Polens ging dahin, etwas Neuesin der talmudischen Diskussion zutage zu fördern, etwas zu er-finden (Obiääusob). Die Vorträge der Schulhäupter und allerRabbiuen hatten nur dieses eine Ziel im Auge, etwas Ünübertroffenesaufzustelleu und ein Spinngewebe von sophistisch-talmudischen Sätzenzusammen zu leimen, unfaßliche Haarspaltungen noch mehr zuspalten (LbilluLim). Dadurch erhielt die ganze Denkweise derpolnischen Juden eine verkehrte Richtung; sie stellten die Dinge aufden Kopf und gerieten von einer Verkehrtheit in die andere. DieSprache litt besonders dadurch, sie artete zu einem lachenerregeudenKauderwelsch, zu einem Gemisch von deutschen, polnischen und tal-mudischen Elementen, zu einem häßlichen Gelalle aus, das durch

*) Die Schilderung aus Nathan Hannovers ;i> Ende; sie stammt zwarvom Jahre 1648, aber der Grund zu diesem leidenschaftlichen TalmudstudiumIvar früher gelegt.