418
Geschichte der Juden.
werfen, wäre Lurja zu einer andern Zeit selbst über den Talmudhinausgegangen, wenn ihm die Widersprüche grell entgegengetretenwären. Die so weit auseinandergehende Meinungsverschiedenheitüber jeden einzelnen Punkt in dem Wirrwarr der talmudischen undrabbinischen Diskussionen war auch ihm anstößig, aber er legte siesich durch eine eigene kabbalistische Seelenlehre zurecht. SämtlicheSeelen seien von jeher geschaffen und im Seelenraume vorhanden.
Sie alle seien bei der sinartischen Offenbarung zugegen gewesen,und je nach dem höhern oder niedern Grade des Verständnissesauf der Stufenleiter der 49 Pforten oder Kanäle (Lnorot) hättensie das Vernommene schärfer oder schwächer erfaßt. Von dieserVerschiedenheit der ursprünglichen Auffassung stamme die auseinander-gehende Auslegung der Thora durch die in die Zeitlichkeit ein-getretenen Geister?) Natürlich galt dem Sohne einer gläubigenZeit der ganze Talmud als die echte Erweiterung der sinartischenOffenbarung, als unanfechtbare Autorität, die nur verstanden seinwolle, an der nur hier und da etwas zu berichtigen sei, die aberim ganzen und großen die Wahrheit enthalte. Aber auf alles,was in der spanischen und deutschen Schule über den Talmud ge-schrieben war, sah Salomo Lurja von seiner stolzen kritischen Höhemit Verachtung herab, selbst auf Maimunis Leistungen. Er be-trachtete sie als Verkleisterung und oberflächliche Übertünchung, welcheeiner ernsten Prüfung nicht Stand halte. Ganz besonders war erder Spielerei der nur auf Witz ausgehenden, von Jakob Polak an-geregten (populistischen) Lehrweise gram. Er suchte Wahrheit, unddaher war ihm die Geistesspielerei auch der Schachnaschen Schulewiderwärtig. Lurja war zugleich ein ausgeprägter Charakter mitaller Herbigkeit und Eckigkeit eines solchen. Unrecht, Käuflichkeit,Scheinheiligkeit waren ihm so verhaßt, daß er darüber in einenöfter unklugen Feuereifer geriet. Mit dieser seiner Selbständigkeitund Charakterfestigkeit, die er überall geltend zu machen wünschte,stieß er freilich öfter an und verletzte manche Eitelkeit. In herbemTon geißelte er die Talmudgelehrten, deren Tun nicht der Lehreentsprach, die nur des Disputierens wegen, oder um sich einenNamen zu machen, dem Studium oblägen. Daher zog er sich viele ^Feinde zu, namentlich im eigentlichen Polen, wo die SchachnascheSchule tonangebend war. Salomo Lurja war daher zu seiner Zeitmehr gefürchtet als beliebt, und war gezwungen, ein unstätes Lebenzu führen. Er eröffnete hier und da eine Schule, noch im kaumbeginnenden Mannesalter, sammelte Jünger um sich, verließ siewieder und siedelte sich erst in seinem vierzigsten Lebensjahre in
*) Einleitung zu sämtlichen Traktaten seines w.