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9 (1907) Geschichte der Juden von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal (1494) bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland (1618)
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Geschichte der Juden.

der Überlieferung ausgestattet hatte, blendete ihn nicht; er entkleidetesie desselben, um sie als Menschen anzusehen, welche wohl Wahresüberliefert und gedacht, aber auch Falsches mitgeteilt und geäußerthaben können.

Ein zufälliges Ereignis brachte die in der Rossi liegendengeistigen Schätze zutage. Ferrara, wohin er kurz vorher aus Bolognaübersiedelt war, war von einem grausigen Erdbeben heimgesuchtworden (18. November 1570); die zertrümmerten und baufällig ge-wordenen Häuser zwangen die Einwohner, Zufluchtsstätten außerhalbder Stadt aufzusuchen. In einem Dorfe war der Rossi mit einemgelehrten Christen zusammengetroffen, welcher seine schwermütigenGedanken infolge des Erdbebens durch das Lesen eines griechischenBuches aus dem jüdischen Altertums erheitern wollte. Im Gesprächedarüber wurde der Rossi inne, daß selbst seine gebildeten Glaubens-genossen aus einseitiger Beschäftigung mit dem Talmud oder mitabgelebten philosophischen Schriften ihre eigene glänzende Literaturaus der Epoche des zweiten Tempels so wenig kannten, währendChristen daran ihr verdüstertes Gemüt aufrichteten. Er faßte daherden Entschluß, von dem christlichen Freunde ermuntert, den Aristeas-brief, die angeblichen Gespräche eines griechischen Königs mit jüdi-schen Weisen über die jüdische Weisheit, ins Hebräische zu übertragen,um sie seinen Glaubensgenossen zugänglich zu machen. In zwanzigTagen hatte er diese Arbeit vollendet. Das waren die Erstlingeseiner Gelehrsamkeit, und sie führten ihn zu andern Arbeiten. SeinHauptwerkAugenleuchte" oderAugenspiegel"^) hat zumHauptinhalte, Parallelen talmudischer und profaner Angaben überdieselben Themata zusammen- oder gegenüber zu stellen. Voran-gehend mußte sich aber der Rossi entschuldigen, daß er auch aufaußerjüdische Zeugnisse Gewicht lege. Im Verlaufe kommt er garzum Ergebnis, daß manche Angaben talmudischer Lehrer in betreffgeschichtlicher und wissenschaftlicher Punkte falsch seien, daß sie alsogegen die Zeugnisse profaner Schriftsteller zurücktreten müßten. Erscheute sich nicht, den kühnen Satz auszusprechen, daß die Zählungs-weise nach Jahren der Weltschöpfnng innerhalb der Judenheit nichtrichtig sei, weil sie auf falscher Chronologie im Talmud beruhe.Vermöge seines Wahrheitsgefühls sprach er agadischen Erzählungenim Talmud jeden geschichtlichen Wert ab und ließ sie allenfalls alspoetische oder moralische Ausschmückungen gelten. Ter Rossis Bedeu-tung besteht eben einzig und allein darin/ daß er überhaupt nichtbeim Gegebenen stehen blieb, daß er Forschung und Prüfung auf

>) 1 IXL, ein Teil vollendet Nov. 1573, der andere Teil mit Berich-tigungen und Nachträgen 1575.