Asarja den Mose der Nvssi. 387
so sehr in Bücher vergraben, daß sein Körper davon Spuren tiefenLeidens an sich trug. Schwach, gelb, ausgetrocknet, mit Fieber be-haftet, schlich er wie ein Sterbender einher. Aber in dieser lebendigenLeiche arbeitete rührig ein kräftiger, gesunder Geist. Er hatte sichdas ganze jüdische Schrifttum zu eigen gemacht, sich noch außerdemin die lateinische Geschichtsliteratur eingelesen und auch Medizingetrieben. Dabei führte er ein Wanderleben, wohnte eine Zeitlangin Ferrara, dann in Bologna, mußte diese Stadt infolge der Folte-rung und Ausweisung der Juden unter Pius V. so. S. 354) meidenund ließ sich endlich dauernd zum zweiten Male in Ferrara nieder.Mit den Besten seiner Zeit, Juden, Marranen und Christen, Pflegteer Umgang und wurde von allen als ein Wunder der Gelehrsam-keit angestaunt. Dieser Schatz seines Wissens lag keineswegs tot inseinem Innern, sondern wucherte reichlich. Die ältere Geschichte hattefür ihn.besondere Anziehungskraft. Del Rossi war einer der wenigen,welcher die jüdisch-griechischen Glanzschriftsteller Philo und Josephus— wenn auch nur in lateinischem Gewände — und die kirchenväter-liche Literatur gründlich kannte. Aber mehr noch als seine erstaun-liche Belesenheit ist die Verwendung derselben an ihn: zu bewundern.Er war der erste, welcher diese zwei Literaturgebiete, die weitab von-einander lagen, den Talmud mit seinen Nebenzweigen einerseits unddie Elemente in Philo, Josephus und der kirchenväterlichen Literaturanderseits in Berührung und Beziehung brachte, um aus den: Mundeso verschiedener Zeugen die Wahrheit der geschichtlichen Nachrichtenzu prüfen. Der-Rossi war auch der einzige, welcher sich nicht beidem Gegebenen beruhigte, es nicht eher für wahr hinnahm, bis eres einer eingehenden Prüfung und Läuterung unterworfen hatte.Das war eben das Verkehrte in christlichen nicht minder als injüdischen Kreisen, daß alles, was in dem alten und für religiös an-gesehenen Schrifttum mitgeteilt ward, ohne weiteres als unumstöß-liche Wahrheit gehalten wurde. Diese Verkehrtheit war die Quelletrauriger Jrrtümer, beschämenden Wahnglaubens und einer feind-seligen Stimmung und Abschließung voneinander. Der Jude glaubtealles, was im Talmud als Geschichte und Geschehenes erzählt wird,und ebenso der Christ, was die Evangelien und die Kirchenväterüberliefert haben. Weil die Träger dieses entgegengesetzten Schrift-tums als religiöse Autoritäten galten, so nahmen die Bekenner derzwei verschiedenen Religionen alles darin Mitgeteilte gläubig hin,ohne zu untersuchen, ob es der Wahrheit entspricht. Es ist dahernicht hoch genug anzuschlagen, daß der Rossi sich von dieser Befangen-heit frei gemacht hat, daß er zuallererst Geschichte von Sage, Wahr-heit von Märchen, Kernhaftes von Hohlem zu unterscheiden anfing.Der Glanz, womit die allzu gläubige Nachwelt die alten Autoritäten
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