176
Geschichte der Juden.
weisen, und dieser bestand ans seinen: Worte. So waren denn dieDominikaner gezwungen, klein beizngeben. Der halsstarrige Hoch-straten wurde seiner Befugnisse als Prior und Ketzermeister entsetzt;und der Provinzial Eberhard von Cleve und der ganze Kon-vent des Ordens mußte den Papst unter vollständiger VerleugnungHochstratens anflehen (10. Mai 1520), die Streitsache für alleZeiten niederzuschlagen und zu begraben, da Reuchlins Gelehrsamkeit,reiner Charakter und Glaubensaufrichtigkeit alle Berücksichtigung ver-dienten.r) Anstatt den Talmud zu verdammen, ermunterte der PapstLeo einige Unternehmer, denselben zu drucken.?) So war durch dieallen Zeitgenossen unbegreifliche Bewegung das Unerwartete einge-troffen: Reuchlin gerechtfertigt, der Talmud gerechtfertigt und gewisser-maßen vom Papsttum begünstigt. In der Tat unternahm DanielBömberg, der reiche und edle christliche Druckereibesitzer aus Ant-werpen, in demselben Jahre eine vollständige Ausgabe des baby-lonischen Talmudsin zwölf Foliobänden mit Kommentarienzu drucken, das Muster sämtlicher späteren Ausgaben, während frühervon Gerson Sonciu nur einzelne Traktate gedruckt waren.^)Leo versah die Talmudausgabe mit schützenden Privilegien. EinigeJahre vorher hatte Bömberg den unangefochtenen, weil unbekanntenj e r u s a l e m i s ch e n Talmud (um 1523 bis 1524) verlegt.^) Erbeschäftigte dabei gelehrte Juden und soll mehr als 400 000 Dukatenauf jüdische Druckerei verwendet haben. Die Dominikaner erlitten aufder ganzen Linie eine vollständige Niederlage. Hochstraten war ge-zwungen, Reuchlin die Strafgelder von 111 Goldgulden zu zahlen,welche der arm gewordene kaiserliche Rat sehr brauchte; denn er hatteseinen Acker, wovon er sich und die Seinigeu ernährt hatte, verkaufenund noch dazu eine Anleihe machen müssen. Er war ein Märtyrerseines aufrichtigen Herzens und des Wahnes geworden, daß der Talmudmystische Elemente enthalte, welche für die Wahrheit des Christentums
*) Das interessante Schreiben an den Papst das. Nr. 29.
") Hac occasions Lsntsntiam contra, libelinin Oapniouis sxtorssrunt(Oaräinalis krierias st tata ?rasäicatornin kactio>, guamvis panlo antskontit'sx gnosäam sxdortatns knissst, nt laiinnt iinpriinsrsntac ackso xrivilsAÜs sxornasset. Sendschreiben aus Rom v. 1521 inRiederers zur Kirchen-Gelehnen- und Buchergeschichten I. S. 180.
b) Bergt, darüber Wolf, öibliotbsca II. p. 890 f., 895 f. De Rossi, Ln-nalss 'Iz-poKrapInci von 1501 —1540. Ersch. und Grnber Enzyllop. Sekt. IIB. 28 Art. jüd. Typographie x. 35 ff. Von Soncin waren zuerst 1483—89nur die Traktate Lsracbot, Okinlin und lNckcka gedruckt. Übrigens gab es eineportugiesische Ausgabe vom Talmud, die Lampronti zitiert in :n->Artikel .nnu.
4) Geht aus dem Vorwort hervor. Vergl. Frankel, Einl. in den jerus.Talmud, p. 139 a.