Druckschrift 
9 (1907) Geschichte der Juden von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal (1494) bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland (1618)
Entstehung
Seite
174
Einzelbild herunterladen
 

174

Geschichte der Juden.

sich infolge erhaltenen Ablasses einem sündhaften Leben überließen,faßte Luther Mut dagegen einzuschreiten, predigte dagegen und schlugan der Schloßkirche seine 95 Thesen gegen den Ablaßhandel an, woriner sich anheischig machte, die Verkehrtheit und Unchristlichkeit diesesAblaßschachers zu beweisen (31. Oktober 1517). In kaum vierzehnTagen war sein Widerspruch gegen Tetzels Frechheit in ganz Deutsch-land bekannt. Es kam daher, weil die Aufregung wegen des Talmudund der Reuchlin-Hochstratenschen Händel bereits eine öffentliche Mei-nung ausgebildet und die Dominikaner so sehr verhaßt gemacht hatte,daß nicht bloß die Vornehmen, sondern auch der Kern des VolkesPartei gegen den Aberglauben und den pfäffischen Betrug nahm.Reuchlin mit seiner Verteidigung des Talmud war wider WillenLuthers Elias geworden, ohne dessen Vorläuferschaft des letztemWiderspruch gegen Tetzels empörende Frechheit verhallt oder ersticktworden wäre. Luther selbst erkannte an, daß Reuchlin durch seine Ver-teidigung des Talmud und Fehde mit den Dominikanern, ohne es zuwissen, ein Organ des göttlichen Ratschlusses gewesen sei.r) Auch sofand Luthers Aufschrei anfangs nur stillen Beifall. Die Deutschenwaren damals nicht besonders rasch zum mannhaften Eintreten fürgewonnene Überzeugungen, und wenn die Dominikaner nicht ein Ver-folgungssystem gegen ihn eingeleitet hätten, wie gegen Reuchlin, wäredie Reformation in ihrem Keime totgeschwiegen worden. Aber nichtbloß der angegriffene Mönch Tetzel und ein anderer Streithahn, DoktorJohann Eck in Ingolstadt, der eine Zeitlang mit den Humanistengeheult hatte, sondern auch der Kardinal Prierias, der GegnerReuchlins, ferner der unermüdliche Hochstraten, endlich die F u g g e r,die ihre Kapitalien auf den Sündensold der Geistlichen ausgeliehenhatten, sie stachelten die päpstliche Kurie gegen Luther auf. Leo X.,der die neuen Händel in Deutschland anfangs als Mönchsgezänk mitderselben vornehmen Gleichgültigkeit wie früher den Reuchlin-Hoch-stratenschen Prozeß behandelte, wurde gedrängt, die Ablaßlehre inIhrer ganzen seelenverderbenden Kraßheit im Sinne der Dominikanerdurch eine Bulle gut zu heißen. Eben dadurch wurde die Reformationerst recht gefördert. Der Willensstärke Luther wurde durch den Wider-spruch allmählich zu der Überzeugung geführt, daß der jedesmaligePapst, und dann noch weiter, daß das Papsttum überhaupt uicht un-fehlbar sei, und daß der Glaubensgrund nicht der päpstliche Wille,sondern das Schriftwort sei. Es dauerte noch lange Zeit, bis sein Kopfdie Vorstellung faßte, der Papst sei der Antichrist, und die römische

Luthers Schreiben an Reuchlin vom Dez. 1518, Briefs. II, Nr. 73: . . .kuisti tu ssus orKuuum eonsilü ütviui, staut tibi ixsi ineoKnitum, itu om-«ibus xurus tkeoloZ-ias stmliosis sxsneetutissimns.