Druckschrift 
9 (1907) Geschichte der Juden von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal (1494) bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland (1618)
Entstehung
Seite
171
Einzelbild herunterladen
 

Martin Luther.

171

in diesen Strudel hiueinzieheu. Selbst der steife Geheimrat und Pa-trizier Pirkheimer in Nürnberg, ein Kenner und Verehrer der klassischenLiteratur, der Gewissensrat der Humanisten, schwärmte für die Kabbalaund kaute au deren unverdaulichen Formeln.-Um wieviel löblicherwäre es für die Tominikaner und Theologisten", sagte er,anstattihre geschwätzige Zunge gleich einem Schwert zu spitzen, in trägemGeiste und mit frechem Munde Trimmes und Geschmackloses auszu-stoßen, um wieviel löblicher wäre es für sie, die Lehren, welche inKabbala und Talmud noch verborgen liegen, zu erforschen, wie esReuchlin und Paul Ricio getan. Sie könnten sprechen über die z w e i -uud dreißig Bahnen der Weisheit und die Geheimnisse dergöttlichen Namen, der Worte des Gesetzes und der Synagoge, dergroßen zehn Siegel Gottes, der Buchstabenversetzung, was die Kabba-listen über die Geburt der Jungfrau, die Fleischwerdung des Gottes-sohnes, über dessen Tod, Auferstehung, Wandlung seines Leibes inBrot und Wein gedacht haben".^) Nur Hochstraten blieb von diesemkabbalistischen Wirbel unberührt. War es Einsicht oder Eingebungseiner Verbissenheit gegen Reuchlin? der Haß macht scharfsichtiggenug, er behauptete in einer Schrift, die Kabbala sei eine Feindindes Christentums und lehre Unglaubens)

Als das Interesse an dem Reuchlinschen Streit lauer zu werdenanfing, tauchte eine andere Bewegung in Deutschland auf, welche dasfortsetzte, was jener angebahnt hatte, die festen Säulen des Papst-tums und der katholischen Kirche bis ins Innerste zu erschüttern undeine Neugestaltung Europas vorzubereiten. Die so weittragende,von Luther ausgegangene Reformation, hatte durch den ursprünglichsich um den Talmud drehenden Streit einen günstigen Luftzug vor-gefunden, ohne welchen sie weder hätte entstehen, noch wachsen können.Aber die refvrmatorische Bewegung, welche in kurzer Zeit eine welt-geschichtlich wirkende Macht wurde, entstand aus winzigen Anfängenund bedurfte eines kräftigen Rückhaltes, wenn sie nicht im Keim ersticktwerden sollte. Martin Luther (geb. 1483, gest. 1546) wareine kräftige, derbe, eigensinnige und leidenschaftlich erregte Natur,die mit Zähigkeit au ihren Überzeugungen und Jrrtümeru festhielt.Diese Natur war beherrscht von religiöser Durchdrungenheit, voneiner zu dieser Zeit beispiellosen Hingebung an Gott und die An-forderung des Glaubens, der ihm nicht bloß Anflug, sondern tieferErnst, einzige Lebensaufgabe war, gegen die ihm alles unwichtigund bedeutungslos erschien. Luther war unstreitig der Frömmste un!>

y Pirkhciniers Brief an Lorenz Beheim vom 28. Angust 1517.

'h Oestrnetio dabbalns sen Oabbnlistns iierüäirce n Rsuoblino in Ineeiweditas 1519.