Das Schwanken des Kaisers Maximilian. 85
dem Kaiser nicht gestattet sei, Eingriffe in ihre inneren Angelegen-heiten, in den Besitz ihres religiösen Schrifttums zu machen. DiesePrivilegien wurden von einer Person aus der Umgebung des Kaisersgeprüft und für bindend befunden. Die jüdischen Anwälte verfehltenauch nicht, dem Kaiser ein beglaubigtes Schreiben zu unterbreiten, daßihr Ankläger ein verworfener Mensch, ein Dieb und Einbrecher sei.Schon glaubten sie am Ziele ihrer Wünsche zu sein. Der Kaiser hatteihr Gesuch in einer Audienz angehört und ihnen baldige Antwortversprochen. Der freundliche Empfang erweckte in ihrer Brust oieHoffnung, daß ihr Erzfeind Pfefferkorn zuschanden werden, die ihnabgenommenen Schriften ihnen wieder zurückgegebcn werden unddie ganze peinliche Angelegenheit abgetan sein würde. Uriel vonGemmingen, ihr Gönner, sollte zum Kommissar in dieser Sache ernanntwerden. War das nicht ein günstiges Vorzeichen?
Allein sie kannten Maximilians wankelmütigen Charakter nicht.Sobald Pfefferkorn von neuen: bei ihm mit einem eigenhändigenSchreiben von seiner Schwester erschien, worin die überfromme Nonneihn beschwor, das Christentum nicht durch Rücknahme des Mandatszu schädigen, neigte sich das Zünglein der Wage gegen die Juden.HOhnehin wurmte es den Kaiser, daß die so tief stehenden Juden esgewagt hatten, seinem Mandat zuwider, die Auslieferung der Bücherin ihren Häusern zu verweigern.
Darauf hin erließ er ein zweites Mandat (10. November 1509).Darin machte Maximilian den Juden zum Vorwurf, daß sie sich, er-kühnt, Widerstand zu leisten, befahl die Konfiskation fortzusetzen,ernannte allerdings den Erzbischof Uriel zum Kommissar, gab ihmaber an die Hand Gelehrte von den Hochschulen Cöln, Mainz, Erfurtund Heidelberg und auch gelehrte Männer wie Reuchlin, Viktor vonKarben und auch den im Hebräischen völlig unwissenden KetzerrichterHochstraten hinzuzuziehen. Diese Männer sollten die von Pfeffer-korn eingezvgenen Bücher prüfen, die unschuldigen ihnen lassen, da-gegen bezüglich der verdächtig befundenen kundige Juden zu einerDisputation darüber berufen. So glaubte Maximilian beiden TeilenGerechtigkeit widerfahren gelassen zu haben.
Mit diesem Mandat in der Tasche eilte Pfefferkorn nach dein Schau-platz seiner Tätigkeit in die Rheingegend zurück. Der Erzbischof Urielernannte darauf den Regens der Universität Mainz, Herman nHeß, zu seinem Delegierten, um die Bücherkonfiskation seitens derJuden zu leiten. Mit ihm zusammen begab sich Pfefferkorn abermalsnach Frankfurt, und die Jagd auf hebräische Schriften begann vonneuem. So wurden den Frankfurter Juden 1500 handschriftliche