Reuchlins Vorurteil gegen die Juden, 83
Wem: Reuchlin in die Judeugasse Hinabstieg, um einen daselbstvergrabenen Schatz zu heben, so war er darum anfangs doch nichtweniger als seine Zeitgenossen von dickem Vorurteil gegen den jüdischenSlawin befangen. Uneingedenk seines ehemaligen Glanzes und ohneBlick für dessen gediegenen, wenn auch von einer abschreckenden Schaleumgebenen Kern, betrachtete Reuchlin ihn nicht nur als barbarisch undalles Kunstsinnes bar, sondern auch als niedrig und verworfen.Z Er be-teuerte aufs feierlichste, daß er weit davon entfernt sei, dieJuden zu begün-stigen. Mit dem zerfahrenen Kirchenvater Hieronymus, seinem Muster-bilde, bezeugte er, daß er die jüdische Nation gründlich haßte. ?) Erarbeitete, zugleich mit seiner hebräischen Sprachlehre, für einen Ritter,der mit seinen Juden ein Religionsgespräch einleiten wollte, ein Send-schreiben (Missive) aus, worin er alles Elend der Juden aus ihremverblendeten Unglauben herleitete, statt eS in der Lieblosigkeit derPhristen gegen sie zu suchen. Reuchlin beschuldigte sie nicht weniger alsCfefferkorn der Lästerung Jesu, Marias, der Apostel und derChristen überhaupt. Er berief sich dabei auf die gegenchristlichenSchriften (Lipmanns Nizachon)») und auf die Gebetformel der Judengegen die Ketzer.-) Später hatte es Renchlin zu bedauern, die'e juden-seindliche Schrift verfaßt zu haben. Denn sein Herz teilte nicht dasVorurteil seines Kopfes. Wo er mit einzelnen Juden zusammentraf,wendete er ihnen seine Liebe oder wenigstens seine Achtung zu; ermochte finden, daß sie besser waren, als das Bild, welches sich dieChristen von den Juden entworfen hatten. Sein Rechtsgefühl konntees nicht über sich bringen, den Juden geradezu Unrecht tun zu lassenoder gar die Hand dazu zu bieten.
Als Pfefferkorn und die Kölner Dominikaner mit Reuchlin an-banden, stand er bereits auf der Höhe seines Lebens und Ruhmes;Von Hoch und Niedrig wegen seiner Biederkeit geschätzt, vom KaiserFriedrich in den Adelstand erhoben, vom Kaiser Maximilian zum Ratund Richter des schwäbischen Bundes ernannt und auch persönlich hoch-geachtet, von dem Humanistenkreise, gewissermaßen dein Orden freierGeister innerhalb und außerhalb Deutschlands, verehrt, geliebt und fastvergöttert. Obwohl sich Reuchlin bis dahin auch nicht einmal einenSchatten von Ketzerei hatte zuschulden kommen lassen, mit dem Tomini-
h Eint, in Neuchlins Schrift äs arte Cabbatistioa.
2) Schreiben an Collin, sxistolae eil. virr. II. Bl. r. a.
2) Missive an einen Junkherrn, Pforzheim löOS, znm zweiten male abgc-drmkt in LövkinAS o>>era Ilntteni supptsin. I S. 177.
h B. VIIIz S. 7>.
b) Ans die Formell cvela-minim oder >vsla»i8selmmaclim i oder
die auch Reuchlin fälschlicherweise auf die Christen im allgemeinen
bezog.
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