ältere deutsche Dichter. 307
einer Nachäffung) entstehe, ist arger, als daß einSchaf Löwen gebären solle. Es wird allein erste undletzte Frage: „wie ist der Boden? worauf ist er„zubcreitet? was ist in ihn gesaet? was sollte er„tragen können?" — und Himmel! wie weit hiervon Griechenland weg! Geschichte, Tradition, Sit-ten , Religion, Geist der Zeit, des Volks, derRührung, der Sprache — wie weit von Griechen-land weg! Der Leser kenne beide Zeiten viel oderwenig, so wird er doch keinen Augenblick verwechseln,was nichts Aehniiches hat. Und wenn nun in die-ser glücklich oder unglücklich veränderten Zeit, eseben Ein Aller, Ein Genie gäbe, das aus seinemStoff so natürlich, groß, und original eine drama-tische Schöpfung zöge, als die Griechen aus demIhren — und diese Schöpfung eben auf den ver-schiedensten Wegen dieselbe Absicht erreichte, wenig-stens an sich ein weit vielfach Einfältiger und Ein-sachvielfältigcr — also (nach aller metaphysischenDefinition) ein vollkommenes Ganzes wäre — wasfür ein Thor, der nun vergliche und gar verdammte,weil dies Zweite nicht das Erste se» ? Und alle seinWesen, Tugend und Vollkommenheit beruht ja dar-auf, daß es nicht das Erste ist: daß aus dem Bo-den der Zeit, eben die andre Pflanze erwuchs.
Shakespeare fand vor und um sich nichtsweniger als Simpliciräk von Vaterlandssitten, Tha-tcn, Neigungen und Geschichtstraditionen, die dasgriechische Drama bildete, und da also nach demErsten metaphysischen Wcishcitssatzc aus Nichts Nichtswird, so wäre Philosophen überlassen, nicht blos
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