I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Dreizehnter Theil. Nachlese. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio, Carlsruhe, im Büreau der deutschen Classiker. I. u e b e r Bild , Dichtung und Fabel. t ? 8 7. HerdereM.Lit.u.Kunst. XIII. Vorerinnerung des Verfassers. .^^ie Mak>rialien in dieser Abhandlung sind ziemlich alt: denn die hsidanken, z. B. über die äsopische Fabel, sollen sichen im zweiten Theil der Fragmente über die neuere deutsche Literatur, d. i. im Jahr 1767 erscheinen. Damals wa^ diese Mat.rie neu; und sie kann es noch siyn, da, seit Lessing, Ue Theorie der Fabel, so viel ich weiß, nicht weiter fcrtgeführt worden. Die nach ihm kamen , sind ihm entweder gefolgt; oder sie Verliesen i! n, ohne die Sache auf's R.ine bringen zu wolsin. So z. B. ist Sulzer in seinem Wörterbuch, was diesen Artikel betrifft, den Schweizer- Kunsirichlern nachgegangcn, ohne auf Lessings Einwendungen Rücksicht zu nehmen: andre haben Lessing getadelt, ohne der Theorie selbst in'S Klare zu helsin; und doch ist für einen denkenden A a —'-- -7--^--— ^WWMNUVM!«/' 4 Vvrcrinncrung. Geist nichts schöner, als eine reine Theorie, worüber es auch scyn möge. Es würde mich freuen, wenn ich diese befördert hätte; wer aber darüber ucthcilen will, mnß den Stand der Sache kennen, das ist, er muß außer den alten , auch die Schriften der französischen und deutschen Theoristen, insonderheit Breilingers, Bodmers, Lessings über diese Materie gelesen haben. Ein neugebornes Kind mag sprechen, worüber es will; nur über Sachen, die eine Geschichte menschlicher Gedanken voraus- setzcn, sollte es nicht absprechen wollen und abspre- chen dürfen. Der Abschnitt über die Dichtung ist seit der Zeit in einigen Heynischen Aufsätzen durch Belege der schönsten, d. i. der griechischen Mythologie sehr glücklich erläutert worden; daher bin ^ ich in ihm nur kurz gewesen. Weimar, den 28. August 1787. Ueber Bild, Dichtung m>d Fabel. *) 1787. -^-^cr Mensch ist ein so zusammengesetzt-künstliches Wesen, daß, Trotz aller Anstrengung, in ihm nie ein ganz einfacher Zustand möglich ist. Zu eben derselben Zeit, da er stehet, höret er auch, und genießt unvermerkt durch alle Organe seiner vielarkigcn Maschine Einflüsse von aussen, die zwar größten- theils dunkle Empfindungen bleiben, jederzeit aber auf dis Summe seines ganzen Zustandes ingehcim Mitwirken. Er schwimmt in einem Meer von Eindrücken der Gegenstände, wo Eine Welle leiser, die andre fühlbarer ihn berühret, immer aber mancherlei Veränderungen von außen sein Inneres reiben. Aus dem Htcn Band der zerstreuten Blätter, nach der sten Auflage von >7g8. 6 I. lieber Bild, Auch in diesem Betracht ist er eine kleine Welt, wie ihn Protageras in einer andern Absicht daS Maas der Dinge nannte, die ihn umzebcn. Unter seinen Sinnen sind Gesicht und Gehör di, jeni.cn, die aus dem Ocean dunkler Empfindungen ihm Gegenstände um nächsten und klarsten vor die Seele bringen; und da er die Kunst besitzt, diese Gegenstände durch Worte festzuhalten und zu bezeichnen: so hat sich insonderheit aus dem Gesicht und aus dem Gehör eine Welt menschlicher Wahrnehmungen und Ideen in seiner Sprache geordnet, die auch noch in der fernsten Ableitung die Spuren ihres Ursprunges zeigen. Selbst die feinsten Wirkungen der Seele hat man daher aus dem Gesicht und Gehör bezeichnet, wie es die Namen, Anschauungen und Ideen, Phantasieen und Bilder, Vorstellungen und Gegenstände, nebst hundert andern Worten der Art, zeigen. Nach dem Auge hat sodann Ohr und Gefühl, insonderheit die tastende Hand, der Seele die meisten Ideen gegeben; der Geschmack und Geruch weniger, insonderheit in den nordischen Regionen. So viel man gegen den Namen Aestbetik, als Philosophie des Schönen betrachtet, cingc- wandt hat: so wenig sollte man ihn jetzt eingch.n lassen, da bereits, und vorzüglich von Philosophen unsrer Nation, eine Reihe der vortreff.ichstcn Bemerkungen an diesen Namen geknüpft ist. Er ist auch kein unschicklicher Name, sobald man eine Philosophie der sinnlichen Empfindungen darunter meynet, von welch.c die Phi- Dichtung und Fabel. 7 losophie des Angenehmen, des sinnlich- Vollkom menen und Schönen zwar nur ein Theil, aber gewiß nicht der verächtlichste Theil ist. Jede Empfindung, so wie jeder Gegenstand derselben hat nämlich seine Regeln der Vollkommenheit in sich, die der Philosoph aufsuchen muß, damit er den Punkt ihrer höchsten Wirkung finde, und aus ihm Regeln für seine Kunst ableite. Au diesem Zweck muß er nothwendig die Empfindungen mehrerer Sinne vergleichen , was in Jedem derselben ursprünglich und abgeleitet scy, bemerken, und vorzüglich ein Auge darauf haben, wie Ein Sinn den andern unterstützt, berichtiget und aufklaret. Könnte dieser schöne Theil der Philosophie einen bessern Namen als Aesthctik finden, da dieser Nam'e sowohl den Umfang seiner Gegenstände, als das Subject ihrer Wirkung genau bezeichnet? Eine Philosophie des Geschmacks, des Schönen u. s. w., die nur von Einem Sinne ausginge, müßte zur Philosophie der gesummten Empfindungen nothwendig nur unvollkommene Bruchstücke ljefern. » * * Wenn also das Gesicht der reichste, feinste und klarste Sinn ist, eine Welt von Empfindungen der Seele zu geben und zu bezeichnen: so muß sich an ihm auch die Philosophie sinnlicher Gegenstände vorzüglich und für alle andre Sinne üben. In der Mathematik hat sich die Optik nicht nur selbst sehr ausgebildet, sondern sie hat auch die Grundlage fast I. Ueber Bild, aller andern Wissenschaften werden können, eben weil die Natur uns in der Struktur des Auges und in den Gesetzen des Lichtstrahls das schönste Muster einer feinen Genauigkcir verlegte. Für die Philosophie der Empfindungen ist eine Theorie des Lichts und des Bildes von gleich mannigfaltigem Nutzen, sobald man sie in den Erscheinungen vcrschiedncr Kunstwerke aufzusuchcn und zu den allgemeinsten Regeln zu erheben strebet. 1. Vom Bilde. r. Bild nenne ich jede Vorstellung eines Gegenstandes mit einigem Bewusitscyn der Wahrnehmung verbunden. Steht es vor meinem Auge, so ist cs ein körperliches, sichtliches Bild. Wird cs meiner Einbildungskraft dargestellt: so ist es eine Phantasie, die aber dennoch von sichtlichen Gegenständen ihre Gesetze borget. Dort wache, hier träume ich; und man siebet, daß die Phantasie des Menschen auch wachend beständig fortträume. Alle Gegenstände unsrer Sinne nämlich werden nur dadurch unser, daß wir sie gewabr werden, de i. sie mit dem Gepräge u n sr e s Bewußt- seyns, mehr odr minder bell und lebhaft, bezeichnen. In dem Walde sinnlicher Gegenstände, der Dichtung und Fabel. 9 mich umgiebt, finde ich mich nur dadurch zurecht, und w rde über das Chaos dcr auf nüch zudringenden Empfindungen Herr und Meister, daß ich Gegenstände von andern trenne, daß ich ihnen Umriß, Maas und Gestalt gebe, mithin im Mannigfaltigen mir Einheit schaffe, und sie mit dem Gepräge meines innern Sinnes, als ob dieser ein Stempel der Wahrheit wäre, lebhaft und zuversichtlich bezeichne. Unser ganzes Leben ist alich gewissermaßen eine Poetik: wir sehen nicht, sondern wir erschaffen uns Bilder. Die Gottheit hat sic uns auf einer großen Lichttafel vorgemaht; wir reißen sie von dieser ab, und mahlen sie uns durch einen fei- nern , als den Pinsel d.r Lichtstrahlen , in die Seele. Denn das Bild, das sich auf dcr Netzhaut deines Auges zeichnet, ist der Gedanke nicht, den du von seinem Gegenstände dir zueignest; dieser ist bloß ein Werk deines innern Sinnes, ein Kunstgemahlde der Bemcrkungskraft deiner Seele. 2. Hieraus crgiebt sich, daß unsre Scele, so wie unsre Sprache, beständig alle- gorisire. Indem sie nämlich Gegenstände als Bilder sicht, oder vielmehr nach Regeln, die ihr cingepragt sind, solche in Gedankenbilder verwandelt; was tbut sie anders, als übersetzen, als m c lasch em a t i si r en? Und wenn sie diese Gcdankcn- bildcr, die blos ihr Werk sind, jetzt durch Werte, durch Zeichen für's Gehör sich aufzuhellen und andern auszudrücken strebet; was thut sie abermals anders, als übersetzen, als allüosircn? Dcr Gegenstand hat mit dem Bilde, das Bild mit dem Gedanken, dcr Gedanke mit dem Ausdruck, das io I. Ueber Bild, Gesicht mit dem Namen so wenig gemein, daß sie gleichsam nur durch unsre Wahrnehmung, durch die Empfindung eines viel-organifirten Geschöpfs, das durch mehrere Sinne Mehreres auf Einmal empfindet, an einander grenzen. Blos die M i tth e i l b a r k c i t, die Eommunikabilitat unsrer mehreren Sinne gegen einander, und die Harmonie zwischen ihnen, auf welcher diese Mitthei- lunq ruhet; nur sie macht die innere Form oder die sogenannte Perfectibilitat des Menschen. Hätten wir nur Einen Sinn , und hingen mit der Schöpfung gleichsam nur von Einer Weltscite zusammen, wäre kein Umsatz der Sachen in Bilder, der Bilder in Worte oder andre Zeichen für uns möglich: so lebe wohl, Vernunft des Menschen! Mit einer zehnfach großem Intuition, wenn sie blos einseitig und von keinen andern Sinnen unterstützt wäre, bliebe das anschauende Wesen ein viel unvollkommeneres Geschöpf, als jetzt, da cs seinen sparsamen Reichthum so häufig umsetzen kann, und dabei sich immer die Mühe geben muß, ihn frisch zu bearbeiten, ihm eine neue Gestalt zu geben. Er passirt durch das Thor eines andern Sinnes, und bekommt nach andrer Lebensart und zu anderm Gebrauch auch ein anderes Gepräge. 3. Unbeachtet der vcr'chicdnen Namen, mit welchen man die Seelenkräftc, die mit Bildern und dem Ausdruck derselben umgehn, bezeichnet; so sind doch allen diesen Kräften dieselben Gesetze der Vollkommenheit eines Bildes vorgezeich- nct; Wahrheit nämlich, Lebhaftigkeit und Klarheit. Zwar hat jeder Sinn und jede Kraft Dichtung und Fabel. r» der Seele ibre Art und ibren Grad dieser Eigenschaften : Einer der Sinne kenn und muß den andern einschränken; auch die besondein Zwecke der Darstellung jedes Bildes müssen ''einen Gesichtspunkt, mithin auch seine ganze Zeichnung jedesmal verändern; die inncrn Regeln seiner Vollkommenheit aber bleiben demunqcachtet immer dieselben. Ware es unscrm Bau und der harmonischen Stimmung unsrer Seelcnkraste nach möglich, daß in Einem Gegenstände für uns sich Wahrheit, Lebbaftigkeit und Klarheit in gleichem Grade verbinden ließen; warum sollten sie nicht mit cinand r dürfe» verbunden werden? In Gott ist die höchste Wahrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit, ohne daß Eine diesic Eigenschaften die andre schwächt, ohne daß er sich Einer derselben schämen dürste. Es ist also nur ein Vettelstolz der sogenannten obern Kräfte der Seele, daß sie sich ihrer Schwestern, die sie verächtlich die niedcrn nennen, als unachter Geschwister oder als dienender Mägde schämen. Von Sinnen und der Erfabrung gehet unser Erkcnntniß aus, und auf sie kommt alles zurück: ohne Glieder und Organe,' ohne Phantasie lind Gedächtniß hat der Verstand nichts, womit er sich beschäftige, die Vernunft nichts, worüber sie brüte, die Symbolik nichts, das sie durch Zeichen ausdrücken möge. Wahrbcit und Lebhaftigkeit der Bilder tragen also selbst zu ihrer Deutlichkeit und Klarheit bei; so daß, ohne jene, alle Abstraktion nur Täuschung wäre. Tas^ höchste Gesetz der Vollkommenheit in allen Wissenschaften und Künsten kann also nur seyn, daß dem Zweck der Vorstellung gemäß Eine Eigenschaft der andern, z. B. die Klarheit der Lebhaftigkeit, die 12 I. lieber Bild, Lebhaftigkeit der Wahrheit nicht schade, sondern aufhelse, und sic zu ihrem Zweck fördere. 4. Es wird hieraus deutlich, daß, da eigentlich nur der innere Sinn des Menschen der Bildner ist, der durch's Auge und durch jedes andre Organ sich nach innern Regeln Gestalten schafft, und das Gefundene Eines Sinnes allen andern, so weit er kann, mitthcilet; auch dieser innere Sinn, d. i. die Regel des Verstandes und Bewußt- seyns der einzige Maasstab seyn könne, wie in jedem Werk, in jedem System der Kunst oder des Vortrages ein Bild gestellet, gewandt, ausgemahlt, kurz, zu welchem Grad der Wahrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit cs in jedem Zuge gebracht werden dürfe. Allgemeine mechanische Regeln helfen hier nichts: denn, wie gesagt, es liegt nicht in den Dingen außer uns allein, war wir in ihnen sehen, sondern vorzüglich an dem Organ, das da sichet, und an dem innern Sinne, den gewahr wird. Die Fliege sicht eine andre Welt, als die Schnecke; der Fisch eine andre, als der Mensch; und doch sehen sic alle nach denselben Regeln der Wahrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit Eine und dieselbe Schöpfung. So ist's mit jedem veränderten Gesichtspunkt und Tageslichte: so zuweilen mit jeder veränderten Disposition unseres Körpers und unsrer Seele. Die Regeln indeß der Vorstellung und Empfindung bleiben dieselben; ja durch jeden Fall der Veränderung wird ihre innere Wahrheit bewahret. Also ist cs thöricht, der Seele vorzuschrei- hen , wie irgend Ein Bild der Natur von ihr ge- Dichtung und Fabel. .3 kraucht werden soll; nach innern Regeln des Verstandes und Bewußtseins muß sic cs brauchen lernen, wie dieses Kunstwcrk in seinem Zweck, zu seiner Zeit, nach seinem Ort, nach der Empssn- dungsact des Künstlers und Liebhabers das Bild federt. Man nehme z. B. Eine und dieselbe Allegorie, Ein und dasselbe Gleichnis!, und welle sie in einem mathematisch-philosophischen Buch, oder in einer Rede, einem Lehrgedicht, einem Liede, einer Ode, einer Epepce, in einem Trauer-Lust-Spiel und wo wAß ich mehr? anwenden. Sagt uns nicht der innere Sinn, dass an keinem dieser .Orte das Bild ausgeführt werden könne, wie am andern? Eine Allegorie im Trinkliede oder in einem philosophischen Gespräch des Plato, in Aeschylus Chören oder in AristophancS Sccncn, in einem Bilde Lpsippus oder in einem Gemahlde Apellcs wird ein ganz ander Werk, wenn sie auch allenthalben denselben Gegenstand schilderte. Verfolgt man nun diese Verschiedenheit durch alle Situationen des Gedichts und Kunstwerks, durch alle Leidenschaften des Dichters und Künstlers, durch jede Veränderung der Naticnal- Dcnkart, der Zeit, Sprache, der veranlassenden Umstande u. f.; so sehe ich nicht, was für allgemeine Regeln jedes besondcrn Falles übri; b'i.ben, außer sofern sie im Begriff der Allegorie selbst, und in der Natur des bilderdichtenden Verstandes durch eine innere Nothwendigkcit geg.ben sind, Wahrheit, Lebhaftigkeit, Klarheit. Jedes Sylbenmaas sogar, jeder Ton des Liedes schattiert die Bilder der Ich I. Ueber Bild, Phantasie auf eigne Weise; es wird sich selten aus Einem in's andre ein Gemahldc vollkommen übertragen lassen, wenn es nicht vcn einem neuen Geist belebt, und gleichsam neu erschaffen wird. Wie schlecht steht cs also mit aller knechtischen Nachahmung, mit jedem gelebit n Diebstahl fremder Alle- gori.n und Bild r, enduch gar mit jenen poetischen Blumenlesen und Vorratls'chranken aus, in denen man sich fremde Lappen für zukünftigen Gebrauch sammlet. Unfeine Uebung für Jünglinge, die zu solcher Bildcrkramerei gewohnt werden! Lasset sie jedes schone Bild, jedes treffende Gleichnis an seinem Ort lieben, sclratzen und bewundern lern.n, ohne daß ihnen ein Gedanke einkomme, Einen Zug desselben für ihr etwaniges Gemachte zu entwenden. Je wahrer und vollkommener ilmen das Bi d an St.lle und Ort erscheinet, desto weniaer werden sie räuberische Hände daran legen wollen, vielmehr von Eisir cntbrcnnen, selbst a» Siellen und Ort ein dergleichen naturvrlles Bild aus Wahrnehmung ihres Sinnes zu entwerfe». 5. Ungerecht ist also die Klage, daß das Dorrathshaus der Natur fü r uns e r- schöpft sey, m d daß-wir zu spat gebor>n worden, um den Löwen oder die Sonne besser zu schildern , als sie bereits oft geschildert sind. Vom Besserschildern ist hier die Rede nicht: den» die Wahrheit war zu allen Zeiten dieselbe; daß jeder wahr- nehmcnde Mensch aber seinen Gegenstand eigen schildern kann, als ob er noch nie geschildert wäre; darüber, dünkt mich, sollte kein mißtrauender Zweifel walten. In keinem seimr Gleichnisse ist Homer Dichtung und Fabel. i5 zu übertreffen; niemand aber wolle ihn auch übertreffen, und Homers Löwen und Esel, Homers Kraniche und Fliegen besser schildern, als Er selbst sie geschildert hat. Wenn deine Rede oder Dichtkunst dieser Bilder bedarf: so schildere sie nach deiner Art, wie du solche wahrnahmest, wie der Geist deiner Poesie sie fordert; nie wirst du sodann in Verlegenheit seyn, dem alten Dichter Eines seiner Gleichnisse entwenden zu müssen, ja du würdest sie unverändert kaum gebrauchen können, wenn sie dir auch alle geschenkt würden. Der Geist dichtet: der bemerkende innere Sinn schafft Bilder. Er schafft sich neue Bilder, wenn die Gegenstände auch tausendmal angeschaut und besungen wären: denn er schauet sie mit seinem Auge an, und je treuer er sich selbst bleibt, desto eigenthümlicher wird er zusammensetzcn und schildern. Auch das Uebermahlcn fremder Werke ist daher immer eine mißliche Arbeit. Gesetzt, du fügtest auch dem Bilde des Andern einen schönen Zug, der Allegorie eine neue treffende Bedeutung bei; du zerstörtest aber damit die cigenthümliche Harmonie des ganzen Gemähldes; wäre wohl der hcrcingemahlte blendende Farbenstreif der Grazie werth, die du eben durch ihn dem ganzen Kunstwerk raubtest? Am Materiellen des Bildes lieat's eigentlich nirgends: allenthalben aber am schaffenden Geist, der das Ganze erfand, und es noch jetzo hält und belebet. 6. Also auch über den Grad der Lebhaftigkeit in den Bildern lassen sich eigentlich keine allgemeinen Gesetze I. Uebcr Bild, -6 geben. Jedes Kunstwerk hat seinen Ton, seine sortgchaltene Melodie, in der nichts verschreien, nichts verstummen muß; eine wachsende oder abnehmende Empfindung stimmt diese Modulation von Anfänge bis zu Ende. So ists mit der Arbeit eines jeden Dichters, Schriftstellers und Künstlers: rr haucht dem Werk seinen Genius ein, daß es seinen Ton tönet. Lebhaftigkeit der Bilder ist nirgend weder der Wahrheit noch Klarheit derselben entgegen; sie muß, wenn sie rechter Art ist, von jener unterstützt werden, und diese befördern. Selbst die sogenannte Verwirrung der Ode ist eine Verwirrung nach Regeln, d. i. eine höhere Ordnung. Da nämlich in der Natur der Dinge keiner unsrer Sinne für sich allein wirket, und wir immer eine Aeols-Harfe sind , sofern wir von mancherlei Winden und Elementen belebt werden: so beruhet die Lebhaftigkeit der Vorstellung gerade auf der Mannigfaltigkeit dessen, was wir beim Genuß dieses Gegenstandes damals auf Einmal fühlten. Der innere poetische Sinn weiß dieses so wahr und genau zusammen zu knüpfen, daß wir in seiner Kunstwelt abermals seine ganze lebendige Welt suhlen: denn eben die kleinen Umstande, die der kalte Verstand nicht bemerkt hatte, und die der kältere Afterverstand als Ueberfluß wegstreichet, sind gerade die wahresten Striche des cigenthümli- chcn Gefühls, also auch eben dieser Wahrheit wegen von der entschiedensten Wirkung. Der sogenannte Ueber- Dichtung und Fabel. >7 Utberflusi in Homers Gleichnissen macht alle diese Gleichnisse erst lebendig: er setzet sie nämlich in Handlung und Bewegung, und so muß das lebendige Geschöpf nothwendig seine Glieder regen. Schneidet diese ab; der todte Rumpf wird weder stehen, noch wandeln. Das Weitere, daS ich über diese Materie zu sagen hatte, verspüre ich auf eine Zergliederung der Allegorie, sofern solche der Philosoph, der Dichter und Künstler, und zwar jeder in mancherlei Gattungen seiner Werke, zu mancherlei Zwecken brauchet. Hier sey es qnug für uns, das unerschütterliche Axiom zu bemerken, daß die ganze Welt für ein fühlloses Wesen eine todte Masse, für einen verworrenen Geist ein Chaos von Karben, und für ein flaches Gefäß auch eine flache Tafel sey, ohne innere Zuverlässigkeit und Wahrheit. Je genauer wir aber Wahrheit bemerken, je lebhafter und tiefer wir sie fühlen, desto mehr schildern wir Wahrheit, wir mögen sie in Bildern oder in Empfindungen und Tönen betrachten. Alle diese Dinge fließen zusammen, und bestimmen sich zuletzt Nach dem Gegenstände, den das Gemahlde der Natur vorstcllt, nach dem Standpunkt, in welchem man es flehet, nach dem Organ oder Ton der Empfindung, mit welchem man es zeichnet und bemerket. Es wird hievon die Rede sehn, wenn wir das schönste Gemahlde der menschlichen Sprache, die lyrische ^ Poesie, insonderheit die Ode in nähere Bctrach- . tung ziehen werden. Herders W.Lit.u.Kunst. XHl. B I. Uebec Bild, i8 H. Von der Dichtung. Jetzt gehen wie unsres Weges fort, und sehen, wie aus dem wahrgenommenen Bilde Dichtung werde? Und der Uebergang hiezu ist bereits gegeben. Liegt nemlich das, was wir Bild nennen, nicht im Gegenstände, sondern in unsrer Seele, in der Natur unsres Organs und geistigen Sinnes, der sich in jedem Mannigfaltigen immer ein Gins schafft, mithin immer, verständig oder unverständig, träumt und dichtet: so dürfen wir nur auf die innere Gestalt und eigne Akt, oder gleichsam auf den Habitus unsrer b i l d e r sch a f senden See len kraft merken, so wird steh daraus die Akt und Lieblingsmanier aller menschlichen Dichtung leicht ergeben. Wir dichten nämlich nichts, als was wir in uns fühlen: wir tragen, wie be, einzelnen Bildern, unfern Sinn, so bei Reihen von Bildern unscre Empfindungs - und Denkart, in die Gegenstände hinüber, und dicß Gepräge der Analogie, wenn es Kunst wird, nennen wir Dichtun g. Wir wollen nur drei Haupk- stücke des Habitus unsrer EmpsiNdungsweise aus- ^ zeichnen; alle andern werden sich daraus von selbst ergeben. i. Alles, was da ist, sehen wir wirken; und schließen mit Recht, daß der Wirkung eine wirkende Kraft, mithin ein Subject Dichtung und Fabel. »LI zum Grunde liege; Und da wir Personen sind, so dichten wir uns an allem Wirkenden der Natur- kraste persönliche Wesen. Daher nun jene Belebung der ganzen Natur, jene Gespräche mit allen Dingen um uns her, jene Verehrungen und Anschauungen derselben, als ob sie auf uns wirkten, jene Prosopopoien und Pcrsonisicationen bei allen Völkern der Erde. Man schreibt sie nieistenthcils der Unwissenheit zu; wenn aber Unwissenheit ihre Mutter wäre, so ist doch der bemerkende Verstand lbr Vater. Von den inncrn Kräften der Natur wissen Wir so wenig, als eine Negcrnakion weiß. Wir kenne» Zwar mehrere Wirkungen, Mehrere Kräfte, und haben sic nicht nur selbst nachzuahmen oder anzuwcnden versucht, sondern auch unter einander besser geordnet: indessen bleibt auch bei uns jede Phpsik eine Art Poetik für unsre Sinne, aus unfern Erfahrungen geordnet; und sobald unser Geist in andern Organen die Natur sähe, würde er nothwcndig anders classisicircn. Der sinnliche Mensch kann nun nicht anders, als sinnlich ordnen; und indem er in alles Wirkende seine eigne ganze Wirkungskraft hinüberträgl: so erscheinen ihm Goller in allen Elementen. Im rauschenden Wasserfall, im Meer, im Sturm, im Blitz und Donner, in der säuselnden Luft, in allen Bewegungen der Natur sind lebendige, wirkende, handelnde Wesen. Aus Neisebeschreibungcn ist bekannt, daß dieser Glaube allen sinnlichen Nationen gemein sey; ja wie sollte cr's nicht seyn, da auch wir ihn unter uns allen sinnlichen Menschen, Kindern, Weiber», Menschen in Leidenschaft, in Verrückung, im Traum det B 2 20 I. Ueber Bild Gedanken, sogar in jedem Augenblick, du sie nicht auf ihrer Hut sind, gemein finden? Die Furcht, zumal in der Finsternisi, die Traurigkeit, Liebe, Sehnsucht, Verzweiflung und jede andre Leidenschaft macht in unvccmutheten Augenblicken uns alle noch zu Wilden, denen bald dieser, bald jener Gegenstand zu leben scheint, und in sonderbaren Eindrücken auf sie wirket. In der Kindheit sehen wir lange Jahre die Welt so an, und in Traumen kommen uns solche Personifikationen der Kindheit häufig wieder. Der Zustand unsrer kalten Besonnenheit ist ein künstlicher, durch Erfahrung, Lehre und G ew o hn b c it al!- mählich erworbener Zustand, dessen Besitz uns in völlig unerwarteten Fallen zu erhalten oft schwer wird. Dasi nun jede Nation der Erde sich diese Personifikationen nach eigener Art bilde, bedarf keines Erweises; alle Reisebeschreibungcn, alle Mvthologieen sind davon voll, und ich wünschte, daß wir ein Nymvhaum dieser Phantasieen unsers Geschlechts rein gesammlct und klimatisch ausgelegt, besäßen. Es wäre die Geschichte eines vernünftigen Wahnsinnes, in welchem, wie Polonius von Hamlet sagt, allenthalben Methode statt rindet; eine sehr mannigfaltige Blumenlese, die Probe von Neichthum und der Acniuth aller menschlichen Erfindung. 2. So natürlich es dem Menschen scheitlet, daß alles Wirkende Person sey: so kann er sich auch seine andre Art der Wirkung, als die in seiner Dichtung und Fabel. 21 Natur liegt, Thatigkeit und Leiden, Empfangen und Geben, Liebe und Haß, am Ende endlich nichts, als die beiden Geschlechter, denken, in welche die Natur ihre belebtesten Wesen getheilt hat. Bei Menschen, bei Thiercn, ja sogar bei Pflanzen und Baumen sehen wir dieselbe ; warum sollten sic hier aufhören, und nicht auch bei den höhern elcmentarischen Wesen, bei den Kräften der Natur selbst statt finden, da ja Alles in der Schöpfung giebt oder nimmt, wirkt oder genießt, einander hastet oder liebet? Und so ward der Himmel mit Gött.rn und Göttinnen, so wurden die Elemente mit Wesen erfüllt, die sich einander fliehe» oder anziehen, einander fördern oder zerstören. Die Natur ward ein Kampfplatz verschiedener, gegenseitiger, sich einander einschränkender oder einander bcisiehender Kräfte; und ist sie etwas anders? Selbst die Philosophie der Naturgeschichte muß nach Verwandtschaften, nach Aehnlichkciten und den beiden Geschlechtern ordnen; sie kann nicht anders. Auch diese Sprosse der Dichtung ist uns also in der Analogie der Natur gegeben; der menschliche Sinn bemerkte, die Phantasie mahlte aus. Sogleich floß aus dieser eine andre Quelle der Dichtung , nämlich: 3. Die Erzeugungen und Geburten aller Naturerscheinungen, ihr wechselnder Zustand des Todes und Lebens. Aus vereinigender Liebe sähe man neue Wesen hervorgehn, im zerstörenden Kampf andre Gestalten verschwinden; was war also natürlicher, als jene Theogonieen, Kosmogonieen und Ecnealogieen er- 22 I. lieber Bild, scheinender und verscbwindcnder Naturfomicn, von welchen alle Mythologien! der Erde voll sind. Dieß sind die drei simpeln Ideen, aus welchen sich alle Dichtung des menschlichen Geistes hcrvor- gesponnen hat: ja ich zweifle, ob es eine vierte gebe. Sie heißen 1. Personifikation wirkender Kräfte. 2 . Liebe und Haß, Empfangen und Geben, Thatigkeit und Ruhe, Vereinigung und Trennung, kurz zwei Geschlechter. 3. A u s zwei vereinigten Dingen cin Drittes, aus zwei widerstrebenden Wesen Untergang des Einen. So erklärte man aus dem Seyn das Werden, den Tod aus dem Leben. Die älteste Mythologie und Poetik also ist eine Philosophie über die Naturgesetze; ein Versuch, sich die Veranderunacn des Weltalls in seinem Werden, Bestehen und Untergehen zu erklären. Dieß ist sie bei dem dümmsten Neger und ist's bei dem klügsten Griechen gewesen; weiter kann, mag und will der menschliche Geist nicht dichten. Denn was sollte es sonst heißen: dicbten? Etwa ex prokssso wie Satanas lügen? In einer menschlichen Seele begreife ich dieß Wort nicht, außer sofern sie völlige Absurditäten zusammcnsehte, und damit selbst ungereimt würde. Der Mensch erfindet s Dichtung und Jabel. 23 nur aus Armutb, weil er nicht hat: er wahnt und dichtet, weil er nicht weiß. Und auch dann ist der Wabn seiner Dichtung eigentlich nichts, als sinn- liebe A n sc b a u u n g , von seinem bemerkenden innern Sinn mit dem Gepräge der Analogie bezeichnet. Eigentlich und absolut kann der Mensch weder dichten, noch erfinden; er würde damit der Schöpfer einer neuen Welt. Was er thun kann, ist, Bilder und Gedanken paaren, sie smit dem Stempel der Analogie, insonderheit aus sich selbst, bewichnen; dieses kann und darf er. Denn alles, was Bild in der Natur beißt, wird solches nur durch die Empfängnis; und Wirkung seiner bemerkenden, absondernden, zusammensehenden, bezeichnenden Seele. Es versteht sich von selbst, daß, so lange diese Dichtung bei einer Nation blos Sage war, sie tbeils ein ungepragtcs Gold blieb, theils gar bald sehr verfälscht werden mußte. Verfälscht mußte sie werden, weil beinah jeder Sagende dazuthar oder abnahm, auch ohne daß er's wußte und wollte. Einige klare, kühne, lebhafte Geister hatten erfunden, und erzählten vor; schwächere Kopfe begriffen halb oder gar nicht; sie erzählten indcß weiter, So wurden endlich Sagen obne Sinn, Bilder ohne Verstand und Deutung- Mit den Geschlechtern kamen historische Umstände in die Erzählung, und mußten hincinkommcn, eben weil es Familicnsagc, Tradition der Kindheit war. Keine Mythologie der Welt hat sich also rein erhalten können, oder sie wäre keine Mythologie gewesen. Phantasiecn über die Natur und Bcgegniffe des Geschlechts, der Nation, des 24 7. Uebcr Bild, Lebens webtcn sich zusammen; und so wenig jene eine reine Physik waren, so wenig waren diese eine reine Geschichte. Zn keiner von beiden aber wollte der menschliche Geist geflissentlich weder dichten, noch lügen; er schauete an, und bemerkte; er druckte sich, so gut er konnte, in einer mit dem Gegenstände nicht zusammenhängenden, unvollkommenen, symbolischen Sprache aus, und was noch misslicher ist, er erzählte. Bon Kind zu Kind ging die Sage fort, und alle Dichtungen derselben wuchsen, wie der gewalzte Schneeball, in Gutem und Bösem. So schritt die Sage, als eine Tochter des Gedächtnisses, weiter, bis sie K u n s t ward , und diese Kunst hieß Dichtkunst. Das rohe Gold ward gepraget, und die Sage selbst war's, die diese Prägekunst aufbrachtc. Jeder Erzähler nämlich will gut erzählen, und da er als Unterrichter der Weisere ist, so will er auch seinen Unterricht angenehm, dauerhaft, lebhaft, kur; auf die vollkommenste Weise cinpragcn. Hiemit war die Dichtkunst erfunden. Dieser Erzähler nämlich erfand seinem ererbten oder erworbenen Gedanken neue, stärkere, lebhafte, liebliche Bilder und Worte; jener den Worten abgemessene Sylben- maaße, liebliche Töne. Die Eeberdensprache brachte den Accent, die Modulation des Tanzes ausgesuchte Metra in die Rede, und so war, ohne daß man beinah wußte, durch wen? die Dichtkunst da. Jede Nation, die sie nicht aus der Eltern Hause mit- brächte, erfand die ihrige, und mit jeder neuen Form nahm Bild, Sage und Dichtung auch eine neue schönere Gestalt an. Bei allen Völkern also, Dichtung und Fabel. 25 die ihre Mythologie nicht durch Gesänge und Lieder, durch Vorstellung, Kunst, den Tanz und zuletzt durch die Schrift vcrfeint haben, ist sie ein rohes Chaos geblieben; nie z. B. die meisten Negervölker und viele amerikanischen Nationen zeigen. Sobald der Peruaner aber seine Regcngöttin und ihren Bruder, den Donnerer, in ein Lied brachte, rundete sich die Dichtung. Jene rohe Schlacken der alten Sage wurden weggeworken, und durch jeden Gesang, durch jedes neue Sylbenmaas im Liede, durch jedes neue System eines epischen Mahrchcns, einer dramatischen Vorstellung, endlich gar einer sittlichen, philosophische» Anwendung wurde dicß Bild, jene Allegorie feiner geschlungen, fester geordnet. Kurz, nachdem ein Volk poetisch oder nicht poetisch war, nach- dem hat sich auch seine Mythologie und Spekulation ausgcbildct oder ist roh geblieben, wie dicß alles der große Markt der Volker auf jeder Stufe ihrer Eultur beweiset. Es würde uns zu weit führen, wenn wir uns nach Angabe dieses Ursprunges der Dichtkunst auf jede Gattung derselben cinlassen, und ihre Entstehungsart untersuche» wollten. Wie diese Gattungen in unfern Lehrbüchern vorgezahlt werden, sind sie eigentlich nicht philosophisch, sondern historisch gesondert; man ist der Geschichte gefolgt, wie hie und da, insonderheit unter Griechen und Römern, die eine oder die andre mit einem besonder» Namen bezeichnet worden, damit man, dem Zweck eines Lehrbuchs gemäß, aus ihren Vorbildern Regeln hcr- leitcn oder Regeln durch Epcmpel erweisen könnte. Zch zweifle also nicht, daß neben diesen Gattungen I. Uebcr Bild, 26 und -Namen nicht noch andre möglich und wirklich scrm sollten , wenn man sie nämlich philosophisch unterschiede : denn Griechen und Römer haben auch im Reiche der Dichtung nicht alles erschöpfet. Ge- v genthcils gehen manche dieser (blassen unter Eine Gattung zusammen, und vielleicht ließen sich alle unter drei oder vier Worte, der epischen, lyrischen, dramatischen und schlechthin lehrenden Poesie begreifen. Die epische Poesie erzählt die Sage einer Handlung, einer Begebenheit oder Geschichte, es möge solche von Göttern oder Hcldcn, von Menschen oder Tbicren, von Bürgern oder Hirten vollführt scyn; und die dramatische stellt diese Handlung, sie scv traurig oder fröhlich , unschuldig oder lasterhaft, wirklich vor, als ob sie vor uns gehandelt würde. Die lyrische Poesie singt; es scv nun Freude oder Leid, Haß oder Liebe, Unterricht für sich oder für andre, gnug sic modu- liret eine eigne Empfindung. Fallt diese Modulation weg , und es bleibt blos eine mit poetischem Schmuck gezierte Lehre: so wäre dies die dogmatische Poesie, die aber immer doch an Einer oder mehrerer der vorigen Gattungen Thcil nehmen, und von ihnen ihren Schmuck borgen mußte, wenn sie ihres Namens wcrth scyn wollte. Wir lassen vor jetzt diese Gattungen der Dichtkunst dahingestellt scyn, uni^nur Einer derselben, die mit der ältesten Sage und Dichtung nabe verwandt ist, eine nähere Aufmerksamkeit zu schenken; es ist dicß die sogenannte äsopische Fabel. Jeder kennet dieselbe aus gemeinen Begriffen und Beyspielen; daher wir mit keiner Erklärung anfangen dürfen, sondern diese Dichtung und Fabel. 27 vielmehr aus dem Ursprünge der ganzen Gattung aufsnchen wellen: denn auch hier zeigt die Entstehung das Wesen der Sache selbst. III. Bon der äsopischen Fabel. Wenn es der menschlichen Seele eine eigene, fortwährende Beschäftigung ist , sich Bilder zu schaffen , sie aus dem Ehaos der Naturgestalten zu sondern , ihre Wirkungsart zu bemerken, und solche mit einem Namen, den ihr der anfthauendc Sinn gab, zu bezeichnen: so konnte es unmöglich fehlen, daß nicht bald auch die ä s o p i s c h e Fab cl entstehen mußte. Der Mensch sichet nur, wie ein Mensch sicher; aus seiner Brust tragt er Empfindungen und Leidenschaften in andre Geschöpfe, aus seiner Vorstellungs - und Handlungsweise also auch Absichten und Handlungen zu ihnen hinüber; er sichet alles in seiner Person, nach seinem Maaße. Dieß nannten wir Dichtung; und wenn er diese Anschauungen nun so stellet und ordnet, daß er in ihnen einen Erfahrungssatz oder eine praktische Lehre für sich anerkannt, und daraus absvndert, so ist die äsopische Fabel gegeben. Mögen in ibr Götter, Thierc, Bäume oder Menschen hand.ln; gnug, wenn die Anschauungskraft unsrer Seele sie als Handelnde wähnen, und die Abstraktion aus ihrem Betragen eine Lehre fur'ö menschliche Lebe» abson- 2Ü ch Ueber Bild, dern mag. Demnach ist die nsopi'chc Fabel sofern nichts, als eine moralisirte Dichtung. Auf einmal treten wir durch diesen angegebnen Stand aus einem Netz von Fragen und Widersprüchen hinaus, welches man sich in der Theorie der Fabel .vielleicht unnothig vor die Füße knüpfte. 2. B. r. Warum handeln Thicre in derselben? Etwa des Wunderbaren oder der Bestandheit ihrer Charaktere wegen? Thiere handeln in der Fabel, weil dem sinnlichen Menschen alles Wirkende in der Natur zu handeln scheinet; und welche wirkende Wesen wären uns naher als die Thiere? Ein Kind zweifelt niemals, daß die lebendigen Geschöpfe, mit denen es umgeht, gewissermaßen seinesgleichen sind, also auch seiner Art nach begehren, wollen und wirken. Es halt sie, selbst wenn es sie quält, nicht für leblose Cartes- sische Maschinen. Mit allen si'nn'ichen Völkern ist's dasselbe. Der Araber spricht mit seinem Roß, der Hirte mit seinem Schaaf, der Jager nnt seinem Hunde, der Neger mit seiner Schlange, ja der arme Gefangene endlich mit seiner Spinne und sci- ner Maus. Je mehr der Mensch eine Thiergattung kennen lernt, und mit ihr vertraulich umgebh, desto mehr gewöhnen sich beide an einander, und theilcn einander von ihren Eigenschaften mit. Er glaubt, sie zu verstehen, und wähnt, daß sie ihn verstehe; Dichtung und Fabel. 29 also ist der Grund der kühnsten äsopischen Fabel, dem Wahn der Mcnlchen nach, beinab als Erfahrung, als historische Wahrheit gegeben. Allerdings sind die Gattungen der Thiere in ihren Fähigkeiten einander sehr ungleich: sie werden uns auch immer unbcmerkbarcr und unverständlicher, je unähnlicher sie uns sind, oder je entfernter sie von uns leben; den hochmüthigen Wahn indessen, daß das geringste Thier in seinen Wirkungen und Fähigkeiten ein dem Menschen gan; Ungleichartiges sev, sollte endlich die stolze Unwissende, die Metaphysik aufgcben: denn er wird durch die Naturgeschichte reichlich wiederlcgt. In ihrem ganzen Habitus des Lebens sind Thiere Organisationen, wie es der Mensch ist; es fehlt ihnen nur die menschliche Organisation, und das große Werkzeug unsrer abstrahieren, symbolischen Erinnerungen, die Sprache. Also iit's eigentlich nicht des Wunderbaren wegen willkührlich ersonnen, daß Thiere sprechen; *) cs war ein alter Glaube des sinnlichen Wahns der Menschen, der durch daS Ansehen der Sage bekräftigt , sich von den ältesten Zeiten hcraberbte. Niemand hatte etwas dagegen, wenn jedes Thier sprach, wie cs in seinem Eharakter, in der von ihm bekannten Lebensweise etwa sprechen konnte; und dem Ucbcrklugen, dem daran ein Zweifel ankam, durfte man nur sagen: „Es war einmal! Es war eine Zeit, da die Thiere sprachen, da also auch der Fuchs ) Breiringers Meynung in seiner lehrreichen kritischen Dichtkunst, Abschnitt 7. I. Ueber Bild, ll» und die Schlunde sprach; jetzt sprechen sie dir nur >n einem erdichteten Mahrchen." Dem Kinde und dem anschauenden sinnlichen Menschen knm der Zweifel nicht ein; und das um so weniger, je mehr er mit ibnen bekannt war, und ihre Circen vor Augen batte. Für Kinder und das Volk aber ward eigentlich die Fabel erzählet. Wenn man also nicht sagen kann, daß die Thierfabel blos des Wunderbaren wegen erfunden sei), wäre sie etwa blos der allgemein bekannten Bestandheit des THiercharakterswegen, ersonnen worden? *) Ausschließcnd glaube ich auch dieses nicht: denn die Bestandheit im Thiercharakter war zwar Eine, aber nicht eben die Erste und Einzige der Eigenschaften, die man im Reich der Tbiere bemcrkte, und in der Fabel dem Menschen lehrreich zu machen suchte. Viel andre Eigenschaften des ThiercharakterS waren ihm lebrrcich, da ja dcr ganze Habitus der Tbiere, eines jeden nach seiner Art, der Lebensart des Men-che», zumal in seinem früheren Zustande, sebr ähnlich war, mithin auch seiner Anschauung sebr nahe lag. Diese Ähnlichkeit, dieß durchgängige analo^on rationis stumanas , das auch der eigensinnigste Philosoph anerkennen muß, drängte sich dem Menschen auf, und so war die fabelnde Dichtung dem anschauenden Naturweiscn von H Lessinqs Meynung in seinenAbhandlungen über di« Fadel, S. iäi. u. f. Dichtung Und Fabel. 3t der Natur selbst vorgezcichnet. Wollen wir dieß Wahrluic und Wahrscheinlichkeit nennen; so war diese W a h rhei t der Analogie, mit der ihr beiwohnenden Lebhaftigkeit und Klarheit, die Ursache der Fabel: denn eben dadurch gewann sic alle drei Stücke, die ein Bild oder eine Allegorie haben Muß, um sich der menschlichen Seele zu empfehlen. Unter dieser Wabrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit war nun sowohl die Bestandheit der Tbieccharaktere, als ihre Verschiedenheit, Mithin der Reichthum, die abwechselnde Neuheit, das Unerwartete der Belehrung, die anschaulichste Einfalt, ja Alles enthalten, was man sonst von der Thierfabel zu rühmen pfleget; wovon doch das meiste sich aus anschauliche Aehnlichkcit znrückführen ließe. Die äsopische Fabel nämlich war gleichsam die Grenze zwischen Dichtung und Moral. Sie flog durch alle Raume der Natur, ja durch ein „man sagt" in die vorige Zeit zurück, lind sog aus allem, was ehemals sinnliche Anschauung gewesen war, den Saft einer Lehre. Aus diesem Standort muß Man sie, wie mich dünkt, nie entfernen: denn von abstrncten Philosophen für abstrakte Philosophen ward sie nicht erfunden. Also wird sich auch sogleich die Zweite Frage beantworten: 2. Wie müssen die Thiere in der Fabel handeln? Als Thiere oder als Menschen? Mich dünkt, als Thiere; aber M rusche n - a h n l i c h. Die anschauliche Wahrhrik und sinnliche Ueberzeugung beruhet ja eben darauf, j 32 l. Uebcr Bild, Laß der Fuchs als Fuchs, der Löwe als Löwe spreche und handle. Durchbreche ich diese Schranken der Anschauung, und erhöhe den Charakter der Thiere so hoch über ihre Sphäre, dass die Täuschung verschwindet: so wird, wie Lessing sinnreich sagt, der witzigsprcchende Esel der Sittcnlehrer, der Fabulist hingegen der Esel seyn, der ilm so ungereimt mctamorphosirte. Also leidet die Behauptung notb- wendig eine Einschränkung, *) „dass , wenn man den Thieren einmal Freiheit und Sprache zugestandcn, man ihnen zugleich alle Erkenntnisse zugestehcn müsse, die auS jenen Eigenschaften folgen, auf welchen unser Vorzug vor ihnen einzig und allein beruhet." Denn dieser Ausspruch könnte nicht anders, als alle sinnliche Anschauung und gefühlte Wahrheit einer so erhöhetcn Fabel rauben. Jst's allenthalben nur der verkappte Mensch, der geistreiche, witzige Sittenlehrer, der unter dem Gewände der Tbiere spricht: so mag dies? Maskcnspiel freilich ergötzen, man kann auch i» Em viel Gutes lernen und hören; die eigentliche äsopische Fabel aber ist damit zerstöret. Nach dieser spricht jcöes Thier genau nur in seinem Kreise, nach seinem Charakter; **) nicht als Mensch, sondern nur menschenähnlich. Die mensch- *) Lcssing'z Abhandlung, S. 203. 20g. u. f. ") Lessing selbst schränkt durch diese Bestimmung seine eben angeführte Behauptung ein, S. 208' 20g. JnBodmers Untersuchung der Lessing- schen Theorie S. 201. ist diese Einschränkung ausgelassen werden. Dichtung und Fabel. 33 mcnschlichc Seele ist gleichst,n unter alle Thiercha- reiktere vcrthcilt, und die Fabel sucht diese verthcilts Vernunft nur hie und du zu einem Ganzen zu bilden. Ihr süßester Rcitz ist eben diese treue Einfalt, diese Beurkundung aus kleinen Zügen der Natur, und aus der ganzen Sphäre des thicrischcn Lebens. Je genauer der Esel so spricht, daß, wenn ihm, wie Bileams Esel, der Mund aufgethan würde, er nicht anders, als also sprechen konnte: desto wahrer und anmuthiqcr ist die Fabel. Daher jener unnach- ahmbare Reih so vieler alten morgenläudischcn, griechischen und aller Nationen Fabeln, die im Stande der Natur den Thieren naher als wir lebten. Durch sinnliche Anschauung nämlich hatten sie den H a b i- tuS der Thiere erfaßt, und konnten gleichsam nicht anders, als in ihrer Sphäre dichten. So gemein zuweilen die Lehre ist, die sie das Geschöpf sagen lassen: so mächtig dringt sie an's Her;, als ob der Naturgcist selbst aus diesem Wesen spräche. Die feinere Fabel, da das Thier als Philosoph räsonni- ret, .mag für uns feinere Menschen seyn, deren Gaum von stärker» Gewürzen gereiht werden muß, wenn ec an dieser Milchspeise Geschmack finden soll; einfältigere Nationen würden in cjMr Reihe Fabulisten dieser Art ihren alten Aesop schwerlich erkennen, und sich oft wundern, warum man zu diesen unthicrischen feinen Sprüchen die Masken der Thiere brauchte. 3. Wie weit erstrecket sich das Gebiet der Fabel auch dieß - und jense, t dem Reich der Thiere? Herders W. Lit.u,Kunst.XIII. C ^Vac/r/e§e. 34 I. Uebcr Bild, Mich dünkt, soweit als der Fabulist sich getrauet, seiner gedichteten Handlung Wahrheit, Lebhaftigkeit und Klarheit, kur; der Lehre, die er im Sinn fübret, Anschauung geben zu können. Weiter lassen sich hur keine Grenzen zeichnen. Einer Nation, die unter Baumen lebt, spreche» die Bäume: cs ist hier nicht anstößig, daß Einer vor dem Andern König scyn will, denn wie verschieden ist das Ansehen, der Nutzen und Rang der Bäume dem sinnlichen Menschen! Es ist ihr nicht befremdend, dass Ein Baum die Tochter des Andern zur Braut begehret: denn sie kennet die Geschlechter der Bäume , und hat selbst Baume durch Bäume eiuim- pfend veredelt. Ihre Sprache ist dazu eingerichtet, daß Ausdrücke solcher Art, z. B. die Tochter des Baumes, der König der Baume, durchaus nichts Auffallendes mehr habe», weil sie in andern Dichtungen langst und kühner gebraucht sind. So erzählte Jotham, *) so ließ Joas eine külme Baum- fabcl dem werbenden Könige zur Antwort sagen, **) und in beiden Fallen war der Sinn der Dichtung keinem Zuhörer fremde. Gleiehergestalt werden bei allen sinnlich^Völkern Berge, Flüsse, Quellen, Sonne und Mond, Gestirne, Wind, Wolken für beseelt geachtet, und es liegt sodann nicht ausser der Sphäre ibrer Anschauung, wenn Geister der Berge, der Ströme, der Quellen, der Gestirne, wenn Wind und Wolke zu einander sprechen, und gegen *) Richter g, 7. s*) 2. Kön. il», g. Dichtung und Fabel. 35 einander wirken. Alles kommt hier, wie man sieht, auf den anschaucnden Sinn des Erfinders, auf dis Art, wie er die wirkenden Wesen zusammcnstellt, Und aus ihnen feine Welt dichtet, endlich auf die National - und individuelle Denkart der Zuhörer an, denen er feine Fabel vortragt. Wenn für Leser eine Fabel geschrieben wird, so ist dicß schon zwiefache Kunst oder eine Fabel der Fabel: denn auf der lebendigen Situation der Zuhörer, die da hörten, und des Redners, der zu ihnen sprach, beruhete eigentlich der Zweck der ersten Erfindung. Als Mcnenius Agrippa dem verfammleten Römervolk sei i>> Fabel vom Magen und den Gliedern vertrug, dachte er gewiß nicht daran, ob auch Zuhörer fevn würden, die philosophische Skrupel darüber faßten, daß weder Magen, noch Hand und Fuß sprechende Wesen oder römische Bürger waren. Er trug seine Fabel vor, 'und sie gelang: denn der Sinn derselben war dem aufgebrachten Volk anschaulich und überzeugend. So ist's niit allen Fabelwesen, sie mögen auf der Leiter der Dinge über oder unter das Thierreich von uns gestellt werden. Hat mich der Dichter durch die Anschauung, die er mir gewahren wollte, nicht sinnlich überzeugen können, daß diese Wesen handeln, daß sic nur diese Lehre, als eine ihrer Natur ncthwendige Lebrc sagen: so hasse ich den Fabulisten, er möge Götter oder Töpfe, verständige Wesen oder, wie Triller, unvernünftige Hemde auf den Schauplatz der Fabel führen. Gleich von Anfänge dieser Abhandlung bemerkt,» wir, daß selbst bei dem, was wir Bild nennen, für uns alles an der Seele liegt, die sich das Bild E 2 36 I. Ueber Bild, denket; wer also auch im Ruch der Fabcl aus völlig gen Ruinen oder sehr baufälligen Materialien mir einen Pallast herzustellen weiß, daß er bewohnt werde, der ist für mich dieses Pallastcs Dichter und Schöpfer. Ich berge es daher nicht, daß mir jene mancherlei Eintheilungen der Fabel in die mythische und hyp erphy fi sehe, die mythisch- und h y p e rp h i) si sc h sittliche, die mythisch- und hyperphysisch vernünftige, die wahrscheinliche und wunderbare, die wunderbar-göttliche und w u u d c r b a r - th i e r i- sche, die kosmische und h e te r o k o s m i sc he u. f. eine vergebliche Mühe ihrer sinnreichen Ccstn- dcr dünkcn. Db die Wesen, die uns ihre Handlung gegenwärtig machen, Götter, Menschen oder Thiere sind? kann dem Zuhörer gleichgültig seyn, gnug, wenn sie im lehrreichen Punkt ihrer Handlung nur in seine Welt gehören, da eben ihm die Fabel erzählt wird. Wesen außer unserer Welt kennen wir überhaupt gar nicht, noch minder eine Moral außerhalb dem Kreise der Menschheit; und aus welchem Fach vom Linncischen Natursystem die Geschöpfe der Fabel genommen seyen, kann uns nicht interessiren, sobald wir das Hauptgesetz der Dichtung an ihnen erfüllet sehe». Auch die Götter Aesops gehören zu unsrer Welt, zur Welt der Sage nämlich, und einer den Menschen angemessenen nutzbaren Lehre; das Mehr und Minder im Analogon ihrer Vernunft , wenn solches charaktcrmaßig beobachtet worden, ändert nichts im Wesen der Fabel. Dichtung und Fabel. 3? Indessen verdient Eine Elaste der handelnden Perlenen eine nähere Erörterung; es sind die allegor i s c b e n Wesen der Fabel. Darf der P e r st a n d, kann die Phantasie, der N c i d, das Glück, da-S Schicksal u. f. in ihr erscheinen oder nicht? Mich dünkt, ja! Jedes er'ch ine, wenn es erscheinen kann, wenn der Dichter sich getrauet, ihm Anschauung und gleichsam handelnde Substanzialitat zu geben. Kann er dieses, so ist die Person ein Gott, ein Genius oder ein Dämon; kann er's nicht, bleibet sie in siiner Dichtung ein gestaltloses Wort, eine Absiraction, ein Name: so ist sie ein Fehler seines Werks, nicht weil sie Allegorie, sondern weil sie kAn Wesen ist, dem Er Sprache und Handlung zu geben vermochte. Also kommt auch hier alles auf die Kunst des Dichters und auf den Zusammenhang an, in welchen er sein Figmcnt setzte. Niemand tadelt es an einem Fabulisten, wenn er den Tod, den Genius des Schlafs, den Schutzgeist des Menschen, od>r eine Fee, eine Nymphe, eine Najade handelnd einführt; gnug, wenn sie in ibrem Ebarakter handelten, und sich in ihrer Wirklichkeit darstcllten. Denn getraueten sich die Alten Götter und den Tod, oder Shakespcar Gespenster und Schatten sogar auf den dramatischen Schauplatz zu bringen; wie sollte cs nicht möglich seyn, daß der Fabeldichter einen Geist oder eine erdichtete Wortgestalt auf den viel engeren Schauplatz seiner Dichtung zaubre, und ihm so viel treffende Anschaulichkeit gebe, daß diesen Augenblick niemand an seinem Daseyn zweifelt? Allerdings aber muß er seiner Zauberkunst gewiß seyn: denn sonst wird jede solcher Erscheinungen lächerlich, abgeschmackt 33 I. Ueber Bild, oder wenigstens unkraftia, insonderheit wenn weder die Natur, noch dis Sage den Wahn, den er uns aufdringen will, vorbereitet, unterstützet und sesthalt. Wesen solcher Art können nicht vorsichtig gnug, dar zu nur an gehörigem Ort mit Anstand und Würde erscheinen; oder sie zergehen wie Luftblasen; sie sausen unserm Ohr wie ein nichtiger Wortschall vorüber, und die Mühe des Dichters ist verloren. 4. W a § i st' s, das uns in der Fabeldichtung anschaulich gemacht wird? Jst's ein bloßer Erfahrungssatz oder eine moralische Lehre? Mit dem einzigen Erempel einer Holberg- schcn Fabel, aus welcher erhellet, „daß keine Crcatur weniger in der Zucht zu halten ist, als eine Ziege," hat Lessinq treffend gnug gezeigt, *) daß nicht jeder Ersahrungssatz, nicht jede nichtige Lehre der Mühe einer Fabcldichtung wcrth scy; und wober käme ein großer Lhcil der so unbedeutenden Fabeln, mit denen die Welt überschwemmet ist, als eben auch des nichtigen Ziels wegen, das sie ihrer Mühe zum Zweck setzten? Sobald ich einen jeden Allge- mcinsatz auf einen besonder» Fall zurückführcn, chm in einer erdichteten oder wahre» Geschichte die Wirklichkeit crthcilen, und ihn nachher aus derselbe» durch eine leichte chemische Kunst wieder abzichcn Dichtung und Fabel. 3z will: so ist nichts leichter, aber auch nichts armseliger, als. die Fabeldichtung. Also, sagt man gemeiniglich, scy es ein allgemeiner moralischer Satz, der in der Fabel erscheine. Ein allgemeiner moralischer Satz? Indessen geh ich der besten Fabeldichter beste Fabeln durch, und finde in einer beträchtlichen Anzahl derselben nicht eben einen moralischen Satz k.nnt- lich, oder das Wort müßte in einem eignen Sinne genommen werdui. Oft sind es wirklich nur interessante E r fa h rungssatze, Regeln der Klugheit u. f.; auf welche in sehr schonen Dichtungen der Dichter cs anlegte. Ueberdem ist das Wort „moralischer Satz" an sich unbestimmt und undeutlich. Soll es eine wirkliche Pflicht der Moral seyn, die mich Tbicrc lehren? Wie konnte ich diese von einem Thier, einem an sich unmoralischen Wesen, das nur i» seinem Charakter handelt, und nur in ihm handeln muß, lernen? Der Fuchs bleibt immer ein Fuchs, der Wolf ein Wolf, der Löwe ein Lowe; und ich laufe Gefahr, die ungerechtesten, für uns unsittlichsten Allqcmeinsätzc zu abstrahiren, wenn ich dem instinktmäßigen Betragen dieser Tbiere blind folgte. Da wäre keine Gewaltsamkeit, keine List, keine blutdürstige Frechheit, die sich nicht aus dem Beispiel eines Thiers durch eine Fabel beschönigen ließe, so daß eben aus der durchgängigen Bestandheit ihres Charakters zuletzt kein andrer, als der allgemeine Fäbelsatz folgte: „jeder gehe seinem Instinkt mit Thierbestandheit nach: denn dcr Fuchs muß ein Fuchs sei)», bis an's Ent« seines Lebens." Eine Fabclmoral, die alle Moral aufhübe. „Aesop, sagt Lessing, machte die meisten seiner Fabel» bey wirklichen Vorfällen. Er mußte also die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte niit dem gegenwärtigen Vorfall faßlich machen, und zeigen, daß aus beiden sich eben dieselbe Wahrheit bereits ergebe, oder gewiß ergeben werde." *) Ist dieß, (und dcr Umstand ist eben so bekannt als unlaug- bar;) so war's offenbar weder eine abstracte Wahrheit, noch ein allgemeiner moralischer Satz, aus welche der Fabeldichter arbeitete; cs war ein besondrer praktischer Sah, eine Erfahrt! ngsleh re für eine bestimmte Situation des Lebens, die-er in einer ähnlichen Situation anschaulich und für den gegenwärtigen bestimmten Vorfall anwendbar machen wollte. Und hicmit ist unsre Frage auf's deutlichste beantwortet. Nun unterscheidet man zwar zwischen einfachen und zusammengesetzten Fabeln; „jene, sagt man, se» die Fabel mit dcr bloßen Lehre, diese mit dem Fall der Anwendung zugleich." Allein, was ist eine Lehre ohne Anwendung? Muß, wenn die Fabel von mir gefaßt werden soll, ich mir bei dem abstrakten Satz derselben nicht sogleich einen "bestimmten Fall denken, in welchem er mir wieder er- Dichtung und Fabel. 4 » scheine? Und woher käme abermals das Langweilige und Nutzlose vieler unsrer Fabelbücher, als unter andern auch von jenen wankenden, dürren Tobten- gestalten allgemeiner, unbestimmter, vielleicht unan- wenddarer Lehren, zu deren Anerkenntnis der Leser die Mühe seiner Fabelrcise schwerlich bedurfte. Das schone Anziehende der Fabeln Aesops u. d andrer alten Dichter, entsprang eben daraus, das; die Fabel anfeinen gegenwärtigen Fall des Lebens einen äußerst-passenden Fall der Dichtung darstellie, in welchem kein Umstand vergeblich war, der nicht eben der gegenwärtigen Situation Licht und Leben geschenkt hätte. Aus der Fabel mit der abstrakte!, Lehre ist diese anziehende Seele der Fab:! rerschwun- dcn; ein nackter Körper hängt am Kreuz: da, und die Aufschrift dessen, was er bedeuten soll, hängt unter dem Kreuze. Jeder Lehrer, der seinem Lehrlinge eine Fabel dieser Art nur einigermaßen nützlich machen will, muß zu ihr eine zweite fehlende Halste, den Fall der Anwendung nämlich, so gut er kann, erfinden; oder er ziert den Kopf des Kindes mit einem trocknen Attgcmeinsatz, und erndtet leere Hülsen." Es giebt also eigentlich keine einfache Fabel; jede ist zusammengesetzt aus dem wirklichen Fall, auf welchen sic angewandt werden soll, und aus dem erdichteten, den eben für ihn der Fabellehrer aussann. Daß die schriftlichen Sammler der Fabeln Aesops die Eine, die wahre und wirkliche Situation nämlich, oft ausließcn, kam daher, daß sie solche entweder nicht wußten, oder daß sic sich die Mühe verkürzten. Sic setzten dafür eine nackte, bisweilen I. Ueber Bild, 42 gar eine falsche und verzogne Lehre hin, und überließen jedem Lesenden die Anwendung; oder sie glaubten den Fall der Anwendung in die Lehre selbst schon verborgen zu haben, wie cs auch zuweilen wirklich geschehen war. Die altern wahren Fabeln indcß, deren Entstellung man weiß, sind jcdcrzcit mit diesem Gegenstück ihrer Dichtung ausgezeichnet worden, wie die Fabel Jothams und Joas, Nathans Parabel, die Dichtung des Stcsichorus, des Mcncnius Agrippa, selw viele, die in den Geschichten und andern Schriften der Morgenländer Vorkommen , ja auch selbst als Sammlung das ganze -Buch Kelileh und Damne zeiget. Nur den Sammlern haben wir's zuzuschreiben, daß wir die Lockmannischcn und Aesopischen Fabeln so abgekürzt, gleichsam als Enthymemen der Fabeldichtung vor uns sehen; wie sie denn auch sonst der Gnomen, Sprüche und Sprüchwörter gnug zusammengctragen haben, ohne daß sie es wußten und sagen konnten: woher oder wozu jeder Spruch ursprünglich erfunden wäre? Nachahmende Fabulisten, die für Bücher schrieben, fanden diese Abkürzung sehr bequem, da sie ihnen die Mühe ersparte, einen Fall der Anwendung sich selbst zu erdenken; und warum hatten sie damit den Leser belästigen wollen, da sie zum Zeitvertreib oder zur moralischen Provision auf's Gc- rathewohl der Zukunft schrieben? Daher nun die unerträgliche Langeweile, wenn wir eine Reihe Fabeln ohne Anwendung auf bestimmte Falle des Lebens nach einander lesen. Es ist als ob uns ein Sack voll moralischer Lehren und Anschauun en über das Haupt geschüttet würde, da, wenn jede dieser Fabeln in einer Geschichte an Stell' Dichtung und Fabel. 43 und Ort verkäme, sie unstreitig ihre Wirkung thate. Das ist aber einmal das Schicksal aller Sammlungen , sie mögen Fabeln, wieder, Epigramme, Sprüche und was cs sey, enthalten: man giebt zerstreute Blätter; Blumen, die ibrer Wurzel entrissen sind, und also, wie auf einem Todtenbctt, verwelkt trauren. — Wie angenehm ist's im Gegcntbcil, wenn man bei Aesvv und Phadrus, bei Lessing, Hagedorn , Gleim, Geliert, Lichtwehr u. a. hie und da eine zusammengesetzte Fabel liefet. Man fühlt sich gleichsam befriedigter, und wird gewahr, daß billig eine jede Fabel so erfunden seyn, oder ft angewandt wurden sollte. Lcssing insonderheit ist in den zusammengesetzten Fabeln sehr glücklich. / Ferne scy's von mir, die einfache Fabel aus unsrer jetzigen Bücherwelt zu verbannen, oder einen müßigen Kopf aufzufordern, daß er zu jedem Werk jeglichen Meisters eine zweite Halste hinzufügc. Jeder Lehrer indessen schäme sich mit seinem Lehrlinge dieser Mühe nicht. Statt die Moral der Dichtung weitlauftig zu erklären, und über sie neu zu moralischen , *) setze er sie in einen Fall der Anwendung , und je mehr dieser mit dem erdichteten über- tinkommt, desto cindrücklichcr, lebhafter und schöner 5) Leider ist dies der Fall in den meisten Ausgaben Aesops für Kinder, deren keines doch die sogenannten moralischen Erklärungen, die hinter jeder Fabel stehen, liefet. Ein eigentlicher Aesop für Kinder ist mir noch nicht bekannt. 44 I. Ucker Bild, wird dem Lehrlinge die Geschichte der Fabel. Wicr Lcssing einen hevristischcn Nutzen dieser Dichtungs-. art für die Schulen zur Bildung der Genies verschlug, *) „indem mem die Geschichte derselben bald eher abbricht, bald weiter fortführt, bald diesen und jenen Umstand so verändert, daß sich eine andere Moral darin erkennen laßt," und von diesem Spiel der Erfindung selbst schöne Beispiele gegeben hat: so möchte ich zu Bildung kluger Köpfe einen andern Gebrauch der Fabel verschlagen, der sowohl auf die elnwendung der Fabel selbst, als auf die Erfindung ähnlicher Fälle zum wirklichen Gebrauch des Lebens wiese. Es wäre nämlich die reine Erzählung der Situation, aus welche die Dichtung paßt, und zwar eine treffende Erzählung nach allen Umstanden der Fabel. Hier lernte der Jüngling nicht nur einen allgemeinen Satz aus einer Geschichte finden, und einen neuen aus einer veränderten Geschichte abstrahiren; (eine Uebung, der ich ihren Nutzen nicht abfprcchen will;) sondern er gewöhnte sich in der Fabel selbst das Wesentliche vom Unnöthigen zu unterscheiden, die ganze Situation derselben praktisch anzusehen, und die brauchbarste seiner Scelenkräfte, die analogische Erfindungskraft zu üb>n. In jedem Stande des Lebens ist uns diese unentbehrlich. Die Seele fragt sich unaufhörlich bei jeder neuen Situation, in der sic sich findet: „bist du in ihr oder einer ähnlichen gewesen? hast du sie bei andern bemerkt, und wie benahmen sich diese ?" Zu Bildung solcher prakti- 4 S. sZA. Dichtung und Fabel. 4L scheu Klugheit erfand Llesop seine Fabeln : nicht zinn Behuf der Abstrakti'n einer allgemeinen moralischen Wabrh.it. Er lehrte die Menschen, sich durch Erinnerung ähnlicher Falle zurecht zu finden in, Leben, und legte il'ncn in seinen Erfindungen dergleichen ihrer Situation zutreffende Falle vor. Den Sinn derselben ließ er sic selbst abstrahircn, und auf ihre jetzige Lage anwcnden; so war nicht nur ihr Räth- scl entrathselt, sondern ibre Seele ward auch gewohnt, in andern Fallen eben so zn denken, sich ähnlicher Vorfälle zu erinnern, und aus ihnen Belehrung, Rath, Trost her «holen. Ich kenne keine nützlichere Bildung menschlicher Seclcnkräfte, als diese Uebung der Analogie, ähnliche Falle zn erdenken, und in ihnen das Achnliche aus treffende Art genau zu bezeichnen. Nicht etwa nur die innere Möglichkeit eines gegebenen Falls wird dadurch anschaulich gemacht, und zur Anwendung seiner, als einer Erfahrung, der Weg auf's Geratbewohl gebahnt; man bahnet sich dadurch zugleich den sichern Weg, vielen Situationen allgemeine, feste Gesetze zu erfinden, und kommt also aus dem Lande der Dichtung in's Land der gewissesten Wahrheit. In allen Wissenschaften sind die größten Erfindungen nur durch Analogieen gemacht worden: man dachte sich mehrere ähnliche Falle, und machte Versuche; man verglich die Folge dieser Versuche, und führte sie auf allgemeine Begriffe, zuletzt auf ein Hauptprincipium zurück, und wenn dieß auf jeden der gegebnen analogischen Fällen paßte: so war die Wissenschaft erfunden. Ein Gleiches ift's auch mit den trefflichen Köpfen, die man im gemeinen Leben nicht gnug zu schätzen weiß. Sie 46 7. Uebcr Bild, wiffcn sich zu helfen; d. i. sic Heiden ähnliche Fälle, erlebt, oder dichten sich solche in der grössten Schrulle, lind treffen den Ausgang. Diese praktische Klugheit sowohl für die Wissenschaft als für das Leben zu bilden, ist das Werk der Erziehung, und Acsops Lehrart ist dazu eine gute Schule. Die Lehrart des altern Aesops nämlich; und ihr zufolge sehe man bei der Fabel vorzüglich dahin, daß man bei ihr nicht etwa blos die Lehre abstrahire, d. i. auf halbem Wege stehen bleibe; sondern daß man der ganzen F a be l fi t u at i o n sammt ihrer Lehre einen congruenten Fall der Anwendung erfinde: dann erst ist das ganze Fa- belgebaude fertig. — Hiernach crgiebl sich auch die fünfte Frage: 5. Wie muß die Handlung der Fabel beschaffen seyn? Jst's qnug, daß das Ganze, das sie erzählt, blos eine Folge von Veränderungen sey, deren jede dazu beiträgt, den moralischen Lehrsatz der F a- bel anschauend zu zeigen? oder muß sic auch in der Fabel wirkliche Handlung, d. i. eine Veränderung der Seele mit Wahl und Absicht seyn?*) *) Das Erste'ist Lessrngs, das Andre Brek- tingers, Bodmcrs und andrer Lheoristen Meynung. Dichtung und Fabel. ^7 Es ist leicht zu sehen, woher der Unterschied dieser Meinungen komme, und wie er einzig gehoben werden könne? Erfanden Aesop und seine Brüder ihre Fabel für eine wirkliche Situation des Lebens, in welcher ge handelt werden mußte; so konnte die Fabel nichts anders, als eine analoge Handlung schildern, die den Zweifelnden belehrte. Offenbar war hier eine ähnliche Bestim m u n g der Seele mit Wahl und Entschluß, in einer ähnlichen Situation vorzussell. n nötbig. Die meisten Fabeln der Alten sind also, ihrer Einfalt ungeachtet, selten ohne eine wirkliche Handlung, da ja eben diese zu einer ihr ähnlichen Bestimmung der Seele als ein Spiegel dienen sollte. — Der Kürze halben wollen wir diese praktische oder um des Aphtbonius Eintheilung beizubchalten, sittliche Fabeln nennen. Unlaugbar ist's aber auch, daß selbst unter den Alten viele Fabeln erscheinen, die blos einen Erfahrungssatz anschaulich machen. Ihr Amt ist also nur, eine Situation zu dichten, wo ein solcher in seinen Veranlassungen und Folgen gezeigt wird. Und was hinderte uns, diese theoretische oder nach dem Aphthonius, vernünftige, logische Fabeln zu nennen? In ihnen kommt auch eine Handlung vor; aber in einem weitern Verstände. Mehrere wirkende Wesen können an ihr Theil nehmen, da sie im Grunde nichts, als eine Begebenheit, ein Ereianiß (svenewmiit) seyn darf, das uns den Erfahrungss atz klar und vollständig vorstellt. 43 I. Ucker Bild, Die neuern Fabeldichter haben das Feld der Fabel noch mehr erweitert. Da sie nicht für wirkliche Situationen deS Lebens dichteten, und also weder eine praktische Lehre, noch einen uns mittelbaren Erfahrungssatz anschaulich machen wollten: so begnügten sie sich oft mit einer Spekulation, einem ästhetischen Urthcil, einer feinen Bemerkung, für welche sie einige veranlassende Umstande berbeiführ- ten, und sie am Ende einem der Fabelwesen in den Mund legten. Ich habe nichts dagegen, daß man diese Fabelgattung philosophische oder Con- versat i o ns fab e ln nennt: sie können viel Feines und Nützliches enthalten; selten aber wird die feine Bemerkung dieser Art in der gedichteten Situation selbst völlig anschaubar gemacht worden seyn, daß sie aus ibr durch eine Art innerer Nothwendig- kcit folge. Eine Reihe von veranlassenden Umstanden , oft nur eine Gedankenfolge ist, in ihr zusam- mengcstellt, damit die feine Bemerkung Stelle und Ort finde. Ich zweifle, daß Aristoteles diese Situationen für äsopische Fabeln erkennen würde; den Namen sinnreicher Dichtungen aber würde er ihnen gewiß nicht versagen. Und verlören sie mit diesem Namen? Leicht wird sich hieraus auch beurthcilen lassen, wiefern man der Fabel Allegorie zuschreibcn oder von ihr sagen könne, daß ein allgemeiner Satz in ihre Dichtung eingckleidet worden scy? *) Ist jede Fabel *) Lessing war gegen Beides, sowohl gegen die Allegorie der Fabel, als die Einkleidung Dichtung und Fabel. 49 Fabel eigentlich eine zusammengesetzte Fabel, da für einen gegebnen Fall des wirklichen Lebens ein anderer, ihm kongruenter erdichtet wird; so kann diese Congrumz in der Sprache der Alten allerdings Allegorie genannt werden. In jedem von beiden Fallen ist nämlich der Erfahrungssatz oder die praktische Lehre anschaubar, mithin wird wirklich Eine Handlung oder Begebenheit zur Anwendung für eine Andre als Allegorie gedichtet. — — Daß, wenn unwichtige Ecsahrungssätze eingekleidet oder alberne Mahrchen zu nützlichen Lebren alleqorisirt werd.n, auch alberne Allegorieen daher cntstebcn müssen, ist unzweifelhaft; die Schuld dieses Fehlers aber liegt am Bearbeitenden, der so schlecht« Materialien wählte, nicht aber am Wesen der Kunst seiner Bearbeitung. — Glcichergesialt ist das Wort, Einkleidung, der Fabel eigentlich nicht anstößig; es steht auch der an schauenden Erkenntniß nicht entgegen. Von uralten Zeiten an hat man den Ausdruck geliebt, dass die Wahrheit, die sich selten nackt zeigen dürfe, sich angenehmer und anständiger einkleide. Die besten Fabeldichter haben sich diese Idee zum Zweck dang der Lehre, für welche er das unstreitig treffendere Wort der Anschauung oder der ü n sc ha u e n d e n E e k« n ntn i ß wählte, S. 118 — ritz.. In Bodmers unäsopischen Fabeln S. 2l!i. ist der Lessing'schen Theorie zwar widersprochen; wenige Punkte derselben aber sind, wie es mir schein!, widerlegt worden, auch wo diese die Widerlegung selbst mit sich führten. HrrdersW.Lit.u.Kunst, XHI, 5c> I. Uebcr Bild, gesetzt, *) und fanden sich glücklich, wenn sie der nackten Vertriebnen ein etwaniges Gewand verschafft hatten, in welchem sie unerwartet, oder unerkannt erschiene, und desto mehr gefiele. Nur ungeschickte Hände warcn's, die sie unter diesem Gewände ganz unkenntlich machten, die ihr jene schwere gothische Drapperie Zuschnitten, und mit tausend Falten, mit einer langen Schleppe von Lehren und einem ganzen Markt von Zierrathen ihre schönen Glieder krümmten. Unmöglich aber kann diese Gallatracht der Wahrheit, wie Gleim sic nennet, jenes durchsichtige Koische Gewand verrufen, das alle ihre Glieder und ihren ganzen Wuchs im schönsten Ebenmaas zeiget. Selbst das härtere Wort, Verkleidung, ist einer gewissen Gattung von Fabeln nicht unanständig , deren Zweck cs eben war, den Sinn der Erdichtung eine ZcitlaNg aufzuhalten und zu verbergen, damit er am Ende der Erzählung auf einmal desto größere Wirkung thäte. Ost ging diese Verkleidung zweckmäßig so weit, daß der Dichter Len Zuhörer selbst mußte entkleiden helfen, und ihm, wie Nathan dem David, zurief: — iriutsto iiomiire äs lö kabilM riarralnr — Und wiewohl ich diese Verhüllung Nicht unbedingt vertheidigcn mag: so können doch Umstände eintre- ten, wo eben sie durch ihre Täuschung mehr Herzen gewinnet, als die nacktere Wahrheit je würde ge- *) Gleims, Lichtwehrs u. a. erste Fabel. Dichtung und Fabel. 5r Wonnen Huben, ikloc airrat obscuruln; nmut Irac: Sud luos viäsri — Endlich wundre ich mich, wie den scharfsinnigsten Untersuchern der Fabeltheorie gerade der Punkt entgangen sey, auf den es doch, wie mich dünkt, bei dieser Dichtung am meisten ankommt. — 6. Beispiel, Parabel und Fabel, wie sind sic von einander unterschieden? und worauf beruht die vorzügliche Kraft der Fabel vor jenen beiden? Hat nicht auch das Epempel seine Wirklichkeit, und stellet einen Erfahrungssatz oder eine Lehre anschauend vor? Wird nicht auch die Parabel als ein wirklicher Fall erzählet? Allerdings; und dennoch kann das Beispiel der Geschichte nur zum Zeugniß der Möglichkeit einer Sache dienen, so lehrreich und aufmunternd es uns übrigens auch seyn möge. Immer bleibt bei ihm der Zweifel übrig, ob unter tausend Fallen der Geschichte der damalige Fall auch der unsrige sey, und ob wir ihm also sicher folgen mögen. Zween Rednern, die Falle der Geschichte entführen, wird es selten schwer seyn, gegenseitige Beispiele anzuziehen, und die Wirkung deS Einen durch das Andre wo nicht Zu vernichten, so doch zu schwachen und zu mindern: denn in der vollen Urne der Geschichtszufalle, die Alles aus- D 2 Ü2 I- Ueber Bild, schüttet, ist zu rechter Zeit und Stunde alles Mögliche möglich. Die Parabel gebt dem Beispiel zur Seite: denn sie ist nur ein erdichteter Fall aus der menschlichen Geschichte, der sich also zwischen Dichtung und Wahrheit in der Milte verliert. Was fehlet also beiden, dem Beispiel und der Parabel am Ueber- zeugenden der äsopischen Fabel? Das Hauptstück der letztem, die innere -Nothwendigkcit der Sache selbst fehlt ihnen, durch welche sich eine Fabel von Beispiel, von der Parabel und von allen emdcm Dichtungen auszeichnet. Ein Beispiel erläutert; aber es zwinget, cs überzeugt nicht. Eine Parabel macht wahrscheinlich; aber auch ihr fehlt der Punkt der inner» Gewißheit, der hier entscheidet. Andre Dichtungen können empfehlen; die Fabel allein dringet unausweichlich, weil sie uns die innere Nothwendigkeit der zu beginnenden Handlung oder des Erfahrungsfatzes anschaucnd zeiget. Und wodurch zeigt sich dicß? Eben durch den Charakter der Wesen , die sie handeln läßt; es mögen Götter und Dämonen, oder Bäume, Thiere, Pflanzen scyn, und was sonst zur Natur gehöret: denn eben sie führt die Fabel wirkend oder redend ein, damit sie dem Trüglichen des Beispiels, dem Mangelhaften der Parabel entweiche, und uns durch diese handelnde Naturwesen die moralischen Gesetze der Schöpfung selbst in ihrer innern Nothwendigkcit zeige. Der Charakter dieser Wesen nämlich und ihr Verhältnis gegen einander ist durch die Natur bestimmt: sie handeln in diesem Charakter, Dichtung und Fabel. und müssen in ihm handeln, nicht aus Willkühv, sondern aus Norhwendigkcit Er gehet fort durch ihr Leben, und kein Geschlecht kann ihn andern. Da er nun zugleich stark ausgeprägt und nicht wie bei dem Menschen unbestimmt, wandelbar und versteckt ist; da ihn jedermann, auch ein Kind, kennet, und von Jugend auf mit dem Namen und mit der Gestalt des Gottes, des Baums und Thiercs auch sein inneres Gepräge, ja mit der Geschichte desselben zugleich sein unwandelbares Schicksal verbindet: so ist's eben die Fabel, die uns jetzt eine Lehre, jetzt einen Er^ahrungssatz aus dieser Geschichte als noth wendig darstellt; mithin von den ewigen Gesetztafeln der Natur uns ein Wort oder eine Sylbe unauslöschlich iu's Gemöch präget. Eine Fabel, die diesen Zweck nicht erreicht, (und viele irren weit von demselben,) kann zwar als ein erläuterndes Beispiel, als eine uns zurvoende Parabel, als eine zeitkürzende Erzählung gelten; das hohe Ziel ihrer Gattung aber hat sie verfehlet. Denn wozu die mühsame Dichtung? wozu der gaioze Apparat neugeschaffner Wesen und ihrer Verhältnisse zu einander, wenn durch sic nicht etwas gelehrt und mit einer Kraft anschaulich gemacht werden konnte, wie solches uns weder Geschichte noch Parabel zu lehren vermochte? Zum Beweise meines Satzes liegt das ganze Feld der erlesensten Fabeln vor mir, und ich habe Mühe zu wählen. Wenn cs hier auf eine will- kührliche, klcinfüqige Menschenmoral ankäme, welchem Guten könnte nicht ein Uebel, welcher zu befolgenden Pflicht nicht eine andre entgegengesetzt Z4 I. Ucber Bild, werden, die sich eben sowohl im Reich handelnder Wesen zeigte? So könnte man durch das Beispiel des Habichts, des Hechts und andrer königlichen Würger den Würgern der Erde fein-äsopisch schmeicheln, durch das Beispiel des Sperlings die Wollust und,gar wie jener Weltwcise es that, durch's Vorbild des Schweins die unveränderliche Gemüthsruhe des Weisen empfehlen; sobald es nämlich auf nichts als auf herausgerissene Beispiele von Thierhandlungen ankäme, die sich allesammt schon dadurch entkräften, daß der Mensch weder Hecht noch Habicht, noch Sau noch Sperling ist und seyn soll. Also kommt es hier auf höhere, allgemeine Naturgesetze, auf die unwandelbare Verbindung der Wesen im Reich der Schöpfung an, wo kein Glied der Kette entweichen, wo jedes aber an seiner Stelle thun soll, was es zu thun vermag. Daß z. B. der Mächtigere den Schwächerer drücke, verzehre, ist eine traurige Bemerkung der Naturgeschichte; daß aber auch der Schwächere sich schützen könne gegen den Starken, daß Verstand, Fleiß, Klugheit und Tüchtigkeit oft mehr als die blinde Macht gelte, daß jedes Geschöpf seine Mängel und Vorzüge, sein Glück und Unglück habe, daß jedes also, mit seiner Natur zufrieden, die Natur keines andern begehren müsse, und alles glücklich scy, wem, es seinem Loose auf Erden treu bleibt; welche schöne Dichtungen hierüber haben wir in der Fabel! Dichtungen, die als Anschauungen der Natur, als Beweise der höchsten, der i nn er n No t hwen d i g- keit gelten können, und als solche von Dichtern ausgemahlt sind. Das Kind lernet sie und druckt Dichtung und Fabel. 55 sie sich ein; es empfangt mit dieser simpel» Anschauung cin Naturgesetz Gottes in seine Seele, nach welchem es in seinem Kreise gleichfalls handeln soll. Wie manche schöne Fabel haben wir darüber, daß wer keinen Verstand braucht, nothwendig zu Grunde gehe; daß wer nach fremden Vorzügen trachtet, die seinigen schändlich aufopfere; daß wer dem andern eine Grube grabt, sie sich selbst bereite; daß in der ganzen Natur ein Gesetz der Wiedervcrgcl- tung herrsche, mithin wer da hasset, gehaßt, wer verfolget, verfolgt werde; daß Falschheit, Tücke und Arglist überall niederträchtig, hingegen Wahrbcit, Liebe, Geselligkeit, Treue und Ordnung, die Beobachtung der väterlichen, mütterlichen, kindlichen, freundschaftlichen, häuslichen und Gescllschastspflich- tcn cin allgemeines, ersprießliches Gesetz der Natur sey u. f. In vielfacher Rücksicht sind Tbiere herüber die unbefangensten Lehrer der Menschheit: denn sie reden und handeln ohne Wjlleübr, gleichsam nur als Organe des Schöpfers. Wenn sie also den Menschen zur Zufriedenheit auf seiner Stelle, zum Fleiß und zu jeder Ausbildung seines Daseyns, zur Klugheit, Billigkeit, Treue, Geselligkeit, Großmuth antreiben: so jst's, als ob ihm der Schöpfer durch alle Stimmen der Natur dicß selbst geböte. Daher weilt auch die Fabel so gern im Kreise der Thiere: denn tiefer hinunter werden uns die Naturgesetze dunkler, unsere Achnlichkeit und Sympathie mit diesen niedrigen Elasten vermindert sich, und höher hinauf verschwinden die Naturgesetze in den Wolken. In den Fabeln Acsops kommen also auch die Götter meistens nur als Entscheide! des Schicksals vor, wo es bei widerwärtigen Fallen der Natur nicht wohl 56 I. Ucbcr Bild, anders, als durch sie kurz und anschaulich entschieden werden konnte. So erscheint auch der Mensch in ihnen, bald als ein niedrigeres, bald als ein höheres Wesen gegen die Thiere; immer aber, seinem ganzen Habitus nach, als ein bloßes Naturwesen. Solche Gesetze des ewigen Systems der Dinge macht uns die Fabel anschaulich, und eben in ihnen ist sie am glücklichsten. Alles, was in der Welt willkübrlich ist, es möge zur gesellschaftlichen oder politischen, zur häuslichen, gelehrten oder artigen Welt gehören, ist nicht für diese Lehrerin reiner Verhältnisse, die fabelnde Naturmuse; sie laßt solches ihrer jüngern Schwester, der Con- vcrsationscrzählung, und lasset's ihr gern. Wie ich nun wünschte, daß diese reine Naturfabeln, die uns ihren Erfahrungssatz oder ihre praktische Lehre nach einer innem Nothwendigkeit dcrsel- d n anschaulich machen, aus allen Nationen und Sprachen gesammlet würden: so bin ich euch, überzeugt, daß diese Quelle bei weitem noch nicht erschöpft, dieß Feld bei weitem noch nicht ganz gccrnd- ret sey. Ost sind schöne Erdichtungen schlecht vor- gelragen , oft die schlechtesten Privatvorfälle der Welt auf s zierlichste und schönste erzählet. Für diesen Ort ist's gnug, den reinen Begriff der äsopischen Fabel entwickelt zu haben, nach welchem sie eine Dichtung ist, die für einen gegebnen Fall des menschlichen Lebens in einem andern congruentcn Falle Dichtung und Fabel. 67 einen allgemeinen Erfahrungssatz oder eine prak- rische Lehre nach innerer Rothwendigkeit derselben so anschaulich macht, daß die Seele nicht etwa nur überredet, sondern Kraft der vorgestelltcn Wahrheit selbst sinnlich überzeugt werde. Anhang. Damit es nicht scheine, daß ich meine Fabek- theorie nur ausgestellt habe, um mich von meinen Vorgängern zu unterscheiden; so will ich aus dem größten Theoristcn aller Zeiten, dem Aristoteles, darthun, daß die seinige schwerlich eine andre hatte seyn können, wenn er diese Dichtungsart selbst z« behandeln werth gefunden hatte. Er denkt an die äsopische Fabel in seiner Rhetorik , *) und man hat daraus geschloffen, daß er sie eigentlich nicht für Poesie halte; ein gewagter Schluß, der im griechischen Philosophen keinen Grund findet. In seiner Rhetorik konnte er sic nur *) I.. 2. c. 2». 58 I. Ueber Bild, als ein theoretisches Werkzeug betrachten; er behandelt sie also nur als ein Beispiel, und begnügt sich daher, sic vom eigentlich-historischen Exempel blos sofern zu unterscheiden, als mit ihnen beiden in einer öffentlichen Berathschlagung Beweis geführt werden sollte. Hier mußte er nothwendig dem historischen Beispiel den Vorzug geben, und zwar nur aus dem Grunde, daß cs zur Berathschlagung brauchbarer se», weil das Zukünftige in Vielem dem Vergangenen ahn ich befunden werde, und man daher vorzüglich aus der Geschichte Beispiele brauchen müsse, wo dem Überredenden Beweisgründe fehlen. Vorsichtig gicbt er also den Rath, daß, wenn man Beweisgründe habe, man ihnen die Beispiele nicht vorsetzen dürfe, als ob man einen Beweis aus der Induktion führen ivolle; vielmehr müßten sic nur als Zeugnisse den Beweisen folgen. Der Fabel konnte er in diesem Felde durchaus keinen andern Platz anweisen, als daß man sie brauche, wo Beispiele der Geschichte fehlen, und setzt ihren Vorzug nur dahin, daß, weil man sie erfinden könne, sie uns auch dann nicht verlasse, wenn uns die Geschichte verlaßt; ja da sie sich auf den gemeinen Glauben gründet, sie in solchem Fall auch deme- gorisch, d. i. zur Ucbcrrcdung des Volks brauchbar werde. So spricht Aristoteles von der Fabel in seiner Rhetorik, und ich sehe nicht, wie er von ihr als einem Rcdncrbeweise anders sprechen konnte; um so sonderbarer ist's aber, daß man entweder aus dieser Stelle das ganze Wesen der Fabel entwickeln zu können glaubte, oder dem Aristoteles Schuld Dichtung und Fabel. 5) gab, daß cr's schlecht entwickelt habe. Er ist kuer so weit davon entfernt, daß er die Fabel nicht einmal erklärt, indem er nur von einem einzigen, dazu auficrwesentlichen Gebrauch derselben redet: denn für öffentliche Staatsrcden in Griechenland ist sie doch gewiß nicht zuerst und vorzüglich erfunden worden. Wenn man also den griechischen Pbiloso- phen auf der einen Seite tadelt, daß er die Fabel zum blos bistorischcn Beispiel erniedrige; und auf der andern ihm nnchspricht, daß die äsopische Fabel nur Beispiel sey, und als Beispiel wirke: so thut man ibm, wie mich dünkt, beidemal Unrecht. *) Er spricht hier nur als Rhetoriker, nicht als Philosoph der Dichtung. Zu seiner Poetik muß man gehen, wenn man seine Begriffe vom eigentlichen Wesen der Dichtkunst ersabren will; und ob er wohl in diesem uns mangelhaft zugekommenen Werk von der äsopischen Fabel selbst nicht redet: so redet er doch von der Dichtung überhaupt, und von ihr in Ansehung des Trauerspiels sehr genau und ausführlich. Wir dürfen also nur Alles, was der Tragödie eigenthümlich ist, weglassen: so wird die Natur der Dichtung offenbar, worauf sich solche auch beziehen möge. Allgemein also sagt er: **) „der Geschichtschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht *) Jenes ist Lessings, dieses ist Bodmers Meynung. c, g. 6v I. Ueber Bild durch's Sylbcnmaas, sondern dadurch von einander, daß d»r Geschichtschreiber erzählt, was geschehen sey, d.r Dichter, welcher Art Dinge geschehen n> ö g c n. Die Dichtkunst sey dcßhalb philosophischer und lehrreicher als die Geschichte, weil sie mehr das Allgemeine vortragt, da die Geschichte sich an das Einzelne halte (?"«>c«Ä'5x«5or.) Allgemein aber nennet er das, wenn anschaulich gemacht wird, wie einem Solchen ein Solches, d. >. einem Jeden das Seine zutreffe, oder wie inan nach innerer Wahrscheinlichkeit oder der Nothwen- digkeit handle. Dahin ziele die Poesie, auch wenn sie den Personen besondre Namen beilegt; mithin bestellet der Unterschied des Dichters und des Geschichtschreibers darinn, daß dieser sagt, was geschehen ftp, jener wie es geschehen könne und möge, nach' der Wahrscheinlichkeit oder der No th w c n d ig k ei t selbst." Goldne Worte, die uns auf einmal auch bei der äsopischen Fabel nicht nur ihren Unterschied vom historischen Beispiel, sondern zugleich den reinen höchsten Zweck anzeigen, zu welchem eine Fabel gedichtet werden soll. Die rnncrc Wahrscheinlichkeit oder die Nothwendigkeit selbst soll das Gewicht sepn, das bei der erdichteten Handlung zeigt, nicht blos Was, sondern auch Wie es geschehen möge (<"« ^sroc-no.) Und eben deswegen ist die Fabel philosophischer und lehrreicher, als alle Beispiele der Geschichte. Sie geht auf das Feste und Allgemeine, daß, wenn So etwas gegeben sey, wahrscheinlich oder nothwendig So etwas folge; das Beispiel der Geschichte schildert nur einen einzelnen Falt, dem nicht anders als nach dem zweifelhaften Maas der Ähnlichkeit die An- Dichtung und Fabel. (i. Wendung auf andere Falle zustehet. Für meinen gegenwärtigen Fall aber ist durch die Fabel das veov )5ooia'0 »«"va: "vo Lereo^ y «roe^uoieol' kongruent gedichtet worden, so daß sich, wie in der Geometrie, die beiden Falle decken, mithin gleich sind. Aus diesem Hauptbcgriff, den Aristoteles von der Dichtung giebt, wird sich alles bestätigen, was ich von der Natur der Fabel entwickelt habe. „Nachahmung, sagt er, *) ist ein dem Menschen einge- pflanztek Trieb, der sich von Kindheit auf b.i ibm zeiget: er unterscheidet sich eben dadurch von andern Mieren, daß er nachahmender ist, als sie. Die ersten Begriffe erwirbt er sich durch Nachahmung, und freuet sich, wenn er nachgeahmte Dinge flehet. Ein Zeichen hievon ist das Vergnügen, das wir bei Kunstwerken empfinden. Dinge, deren Anblick uns in der Natur unangenehm ist, sehen wir in der genausten Kunstnachahmung mit Freuden. Dicß zeigt, daß Lernen nicht für Philosophen allein das Süßeste ist, sondern auch für Andre, obgleich nicht in demselben Maaße. Denn sie freuen sich dcßhalb, wenn sie Bilder anschauen, weil der Anschauende lernt und schließt, was Jedes sey? wie es so sey und nicht anders? Träfe es sich aber, daß er den vorgestellten Gegenstand vorher noch nicht gesehen hatte: so würde seine Freude nicht aus der Nachahmung desselben, sondern aus der Kunst des Werks, kostia. a. 4, 62 I. Ueber Bild, der Farbe oder aus einer ähnlichen Ursache entspringen." Auf diesen so oft mißverstandenen Begriff der Äachabmung, d. i. der künstlichen Darstellung und der Uebung unsrer Vernunft in Anerkennung der Gegenstände, in freudiger Anschauung des Aehnli- chen u. f. bauet der philosophische Grieche sein Gebäude der Dichtkunst; und könnte der Ursprung aster menschlichen Dichtung, jener wirksame Trieb in uns, Analogi een zu schaffen, mit innerem Vergnügen sie a n z u er k e n n en, und jedesmal dadurch seine Begriffe zu erweitern, zu üben, zu stärken, in einer allgemeiner» Quelle gesucht werden? Auch der äsopischen Fabel ist also Analogie die Mutter; nicht Abstraktion, nicht eine leere Reduktion vom Allgemeinen auf's Besondre. Fabeln, die auf dem letzter» Wege erfunden wurden, sind meistens tobte Fabeln; dagegen die Dichtungen der 'Analogie in jedem Glieds leben. Auch die Freude des Zuhörers bei dieser Dichtung, seine Freude beim Anerkennen des ähnlichen Falls und sein unvermerktes, williges Lernen der eingeklcideten Lehre erklärt sich aus dem Aristotelischen Grundsatz vortrefflich; dagegen die Abstraktion und Reduktion nichts erkläret. Der Mensch ist ein nachahmendes Thier: ec freuet sich also über die Fabel nicht nur als über ein nachgcahmtes Kunstwerk, sondern als über eine geheime Anleitung, durch welche er theoretisch oder praktisch selbst nachahmen lernet. Die Thiere haben ihn Alles gelehrt? jetzt lernt er von ihnen auch Weisheit. Dichtung und Fabel. b>3 Weiter will ich mich nicht in's Einzelne einlassen , und was Aristoteles von der Handlung, den Sitten, deni Ausdruck, den Mcynungen der dramatischen Dichtung sagt, *) auf die Dichtung überhaupt und auf einen kleinen Bezirk derselben, die äsopische Fabel, nicht anwendcn. Auch bei dieser müssen die Begebenheiten verknüpft, die Charaktere der Handelnden beobachtet, die Meynungen, die sie äußern, ihrer Natur gemäß und in den Umstanden der Handlung gegründet, der Ausdruck der Fabel ihrem Zweck angemessen seyn u. f. Gleichergestalt hat die Handlung der äsopischen Fabel ihre Größe, ihr Ganzes, ihre Schönheit; auf die Zeichnung derselben kommt mehr an, als auf jeden andern Schmuck in Worten, in Beschreibungen, selbst in Ausmahlung des Charakters der Thiere; geschweige in jenen fehlerhaften Episoden, die uns von der Sache selbst abführen, und nicht diese allein, sondern jede andre anschaubare Dichtung verunzieren. Kur;, was Aristoteles von seiner höchsten, d. i. der dramatischen Dichtung sagt, gilt seinem allgemeinen Geist nach, Zug vor Zug auch von der niedrigsten regelmäßigen Dichtung; welches eben die beneidenswürdige Genauigkeit seiner Theorie zeiget. *) koetic. o. 6. 7, 8 64 I. Ueber Bild, Zn Ansehung des Splbenmaases bin ich ebenfalls von Aristoteles Mcynung. *) Das Splben- Maas allein macht kein Gedicht, sondern die Nachahmung, ob er wohl auch jenes sowohl seinem Ursprünge, als seiner Wirkung nach sehr glücklich erklärt hat. Auch in ungebundener Rede (^og-or? laßt er selbst eine Epopec gelten, und erkennet die Minen des Sophrons und Mnarchus, die Fabeln des Sokrates und alle übrige Nachahmungen vor Gedichte, die jemand z. B. in jambische, elegische und andre Versarten bringen könnte. Das Sylbenmaas allein entscheidet ihm nicht; er ist aber dafür, daß man mit dem Dichten (>ro«5U') geschickte Metra verbinde, und redet von den heroischen und jambischen Versen sehr- richtig. Die griechische Muse hatte diese Regel gleichfalls in sich. Man kam bald daraus, auch der äsopischen Fabel den Schmuck eines Sylbenmagses zu geben, der ihre Wirkung nicht schwächere, sondern erhübe. Das älteste dieser Art war, wie wir aus Hesiodus sehen, das heroische; es hat einen abgemessenen, simpeln, rastlosen Schritt, und daß mehrere Fabeln Aesops von einem Griechen selbst in diese Versart eingeklcidet gewesen, sehen wir aus Fragmenten beim Svidas. Noch besser aber schickte sich der Chorliamb zur Fabel, weil er der ungc- schmücktm, simpeln Erzählung näher trat, und mit der größten Klarheit den schönsten > Wohlklang verband. Reste von den Fabeln des sogenannten Babrius zeigen *) koLrio» L, 1 , Dichtung und Fabel. 65 zeigen dieß unwidersprcchlich; *) und hatten wir ihn ganz, wer würde die Prose unsrer griechischen Fabel lesen, die nicht Aesops, sondern der Grammatiker Prose ist, die größtenteils ungleich schönere versificirte Fabeln in sie aufgelöset haben. Der Glückliche, der uns den achten Babrius fände, hatte der Literatur ein treffliches Geschenk gemacht: denn die zwei oder drei ganze- Fabeln, die man von ihm hat, z. B. die Nachtigall und Schwalbe, die Ameise und Cicada, das Gefäß, wvrinn nichts als die Hoffnung blieb, **) und jedes kleine andre Frag- *) S, äiss. cle kukirio. Sclit, Narlse. LrlanZ. 1785. Ich glaube übrigens nicht, daß dieser schöne Versifikator Babrius geheißen habe, welches kein griechischer Name ist; wahrscheinlich ist sein Name Valerius gewesen, und die Fabeln haben L«X§§>/el oder geheißen. In einem Manuskripte, dasLyrwhitt anführt, (p. 86. eüir. klarier) steht auch dieser Name, und es ist Schade, daß man eben daselbst den wahrscheinlich lateinischen Vornamen dieses Valerius zu enträthscln nicht für werth geachtet hat. Gewiß brächte uns diese Spur um einen großen Schritt naher, wer dieser seynsollends Babrius gewesen? **) Nzcrvvliitt. äs Ladr. p. 46. 48, 6g. Da die Fabeln kurz sind, will ich für einige Leser zur angenehmen Probe zwei derselben hersetzen. Herders W.Lit.u.Kunst. XIII. E 7. Ucbcr Bild, 66 ment, haben beim schönstes Wohlklang eine so füfe Einfalt, daß der schöne, aber oft gezwungene Phadrus ihnen kaum zur Seite treten dürfte. Scha- LA»lX5>- 66V7-6V77W//66766L' 7766^' «vZ-^ai77Ä. O cex^cLT'-iL' «vA^wTtc-L', k«^k>-66< 7?7ku^v, „ - -- 7t< -7767' kt- «r-T"«, >///«§ ^66>9c>.'V 5V.«66V 5'/'/uc6//kVN ^ü-<75kv 5^//6iv u-e«<7«, ^U^7-«7-i1, ^woiL-. Hfw7-6V /3/.577W <75 <7>1//5§0V //.5T-66 G^«XNV. k/V^ 5L- 06^^>6V r<06< 77^-65 6N66V 067^^6770»'. Xv<7X>1VSL'»//tV ^§6/ XiXT'Stk-io'ktL', Dichtung und Fubel. 6 ? de, daß dieß griechische Sylbcnmaas der Fabel für die neuern Sprachen fast ganz unnachabmbar bleibet: seine zarte Abwechselung verliert sich bei uns Deutschen gcößtentheils in einförmige Jamben. "0778 rc' 8Ast «ctktL-. L« z/k Ttk^oe/L' «o<-cri'7o^» Ot-coL' /^0< TtorL' 1s 7 k «nH^W77«V 7 r«A«ste und liebste seiner Tochter, die Poesie, im Schoose. Ihre beiden altern Schwestern saßen zur Rechten und Linken vor ihr, und stritten über die Frage: welche von ihren Künsten, ob Dtahlerei oder Tonkunst die meisteWirkung auf menschliche Seelen habe? Ohne Zweifel die Meine, sagte die Muse der Mahlerei, denn das Reich meiner Wirkung ist so weit und umfassend als Himmel und Erde. Alle Gegenstände der Welt sind mein. Ich kann die Seele mit dem Blitz» des Himmels schrecken, und mit den schönsten Aussichten der Erde aufhcitcrn. Dichtung und Fabel. 7Z Ich erschüttre sie mit drohenden Felsklippen, und erweitere sie durch den Blick des unendlichen Meeres. Alle Leidenschaften stelle ich dar: ich bilde sie in sprechenden Gestalten, ich grabe ihren Ausdruck in die Seele — giebt's eine weitere größere Wirkung? Ob's eine weitere und umfassendere gebe? weiß ich nicht, antwortete die Tonkunst, aber, daß es eine tiefere, innigere, stärkere gebe, davon, glaube ich, ist meine Kunst'Probe. Du hast ein großes Reich, Schwester, aber in dem großen Reich wenige Kraft, denn du bist überall nur über die Oberflächen der Dinge verbreitet. Viel Gegenstände hast du, das ist unlaugbar; du kannst aber von allen nichts als die äußere Ansicht, die Gestalt des Spiegels geben. Auch von den tiefsten, unergründlichsten Gegenständen giebst du nicht mehr, und wirkest also mit sehr vielen Materialien nur sehr wenig. Ich hingegen, (erlaube, daß ich mich meiner Armuth rühme, und über meinen Mangel stolz bin,) ich mit meinen sieben armen unscheinbaren Tönen, die nirgend prahlen, die allenthalben nur stille verborgen liegen, mit ihnen bewege ich jedes fühlbare Herz; ja mit ihnen bauetc und erhalte ich die Welt. Auf den Klang meiner Leier ordneten sich alle Dinge, auch deine schönsten Gestalten: nur das Verhälrniß meiner Tone machte sie zu dem, was sie sind, und wodurch sie wirken. Ich gebe also mit wenigem viel; durch einige unsichtbare Wellen umringe ich das Herz unmittelbar, dringe zu ihm, und reiße es fort, denn alle Saiten der Empfindung sind meine Saiten; auf ihnen spiele ich, nicht auf diesen erzitternden 74 I. Ueber Bild, Faden des armen Instrumentes. Siehcst du, daß unser Vater Apollo den Pinsel führe ? aber die Either führt er, denn Musik ist die Kunst aller Künste — Der Vater Apollo wollte, daß sie ihn aus dem Streit ließen: denn, sagte er, ihr send beide meine Töchter, und ich führe außer der Cithcr ja auch die Sonnenpfeile, in denen alle Strahlen der Farben und Schönheiten liegen. Also, meine Tochter, -Mahlerei, vcrthcidige dich besser; jetzt scheinest du noch überwunden. Von Wirkung, nicht vom Umfange der Kunst, war die Rede. Die Mahlcrei that also den zweiten Lauf. Eben meine Wirkung, Vater, ist über allen Widerspruch die reinste und klarste, die erhabenste und dauerndste Wirkung. Meine Schwester hatte Ursach zu sagen, daß ihre Töne unscheinbar, d. i. dunkel in einander liegen: sic und ihre Wirkung find allerdings sehr dunkel. Kann jemand wohl, was Töne sagen wollen, sagen? reden sic nicht die verworrenste Sprache von Halbempsindungen, die sich unsrer Seele immer zu nähern scheinen, und sie nie fassen; die immer wie Sand oder Wellen des Meers uns umspülen, uns umrauschcn, und nie ihre Wirkung in uns nur halb vollenden? Vorüber sind sie, wie der Bach, wie das Lüftchen; und wo ist nun ihr Bild? wo ihre Stimme und Sprache? Ich hingegen darf's rühmend wiederholen, mache die bestimmteste, klarste, daurendste Wirkung. Meine Formen sind auf eine reine Weise da; man weiß doch und behalt, was man an mir siehct. Man behalt's nicht blos im Gcdachtniß, sondern im Blick, vor den Augen der Dichtung und Fabel. ?s Phantasie und der spätesten Erinnerung. Ich schreibe und zeichne mit dem Sonnenstrahl; meine Wirkung ist auch wie das Licht der Sonne ewig. Hat jemand Eine der himmlischen Erscheinungen Raphaels und seiner Gesellen auch nur wenige Augenblicke gesehen; die Formen, die Gestalten bleiben in ihm. Er ist in unserm Himmel gewesen, hat Göttinnen und Götter erblickt, hat das Ambrosia ihrer Lippen, den Duft ihres Schleiers, den Glanz ihres Antlitzes cenvssen und gekostet; die Bilder, die Eindrücke und Gedanken vergehen ihm nie! — Dahingegen du arme, auf drei Saiten umherirrendc Muse—— . Meine Schwester, fiel die bescheidene Tonkunst cin, und that einige linde Griffe auf ihrem Saitcn- fpiel, meine Schwester mahlt wieder reich/statt daß sie (wovon hier die Rede war) tief und bewegend ihre Wirkung andeuten sollte. Niemand läugnet dir, daß Linie, Linie, und Farbe, Farbe sey, daß man sic mit Augen sehen, und wenn man Zeit hat, sie so lang seben könne, als man will; aber sehen ist keine Rührung, das klarste und daurcndste Erkennen ist noch keine Empfindung; vielmehr ist bekannt, daß jenes diese immer in einem gewissen Grad bindre: denn eben die Kalte, mit der man betrachtet, macht klaren Begriff. Du schreibst mit dem Sonnenstrahl, aber auch nur in's kalte Gedachtniß. Selbst die Begeisterung, mit der du, glanzende Schwester, von Göttern und Göttinnen, von Duft und Ambrosia sprachst, ist nur Feuer der Phantasie, nicht des Herzens und der Empfindung. Keiner deiner Lieblinge ist bei uns im Himmel gewesen; er mahlte immer Menschen, unh es ist.gar I. Ueber Bild, 76 nicht denkbar, daß nicht immer noch taufend schönere Menschen auf Erden gelebt haben und leben werden , als einer deiner Mahler sie mahlte. Diese kopirten sich unaufhörlich, setzten oft, wie sie am meisten ideal scyn wollten, Ungeheuer auf einander, und wurden bei allen sogenannten Götter- und Heldenformen, zuletzt so enge und armselig, daß das, was du mir unrecht vorwirfst, vielmehr von ihnen gölte: sie klimperten auf einem Instrument von anderthalb zerrissenen Saiten, die sie die Antike nannten, da das volle Saitenspiel aller Gestalten und Seelen der Natur, in ihrer Hand hatte se»n sollen. Glaubst du, meine Schwester, der Klumpe von Farben, der auf der Palette liegt, könne mit der Natur wetteifern? geschweige daß er ihre allmächtige Fülle und Wahrheit übcrtrcffcn sollte? Das Feuer, das auf dem Brettlein gerieben und entzündet wird, wird nicht leicht ein menschliches Herz durchbrenncn, noch weniger die Schöpfung in die Asche legen, daß man neue Gestalten vom Himmel nöthig habe. — Du wirst zu scharf, meine Tochter, siel ihr der Präsident der Versammlung in die Rede: du tadelst an der Kunst, was blos Fehler der Künstler oder gar ihrer thörichtcn Lobredner ist, gnug davon, und vertheidige deine Sache. Die Maklerei beschuldigte dich, daß deine Wirkungen dunkel und verworren, dazu immer unvollendet, vorübergehend und kurz seycn; antworte darüber. Mich dünkt, sprach sie, darauf ist leicht geantwortet: wer weiß dieß besser, als du, der Vater Dichtung und Fabel. 77 der ewigen Tonkunst? Meine Schwester will, dafi meine Töne Gestalten und Farben seyn sollen, und das ist nicht möglich. Sie will, daß ich sie an die Wand hefte, damit sie, wie Memnons Statue, wenn die Sonne auf sie scheint, tönen, und wie ein Glockenspiel ewig tönen sollen; auch das ist unmöglich , und wäre in kurzer Zeit sehr widrig. Meine Wirkung ist also kurz und vorübergehend; aber wem ist sie's also? den armen, unter jeder Empfindung so bald erliegenden Menschen. Und ihnen mußte sic dicß seyn, eben weil sie so stark, so mächtig fort- reißend und überschwemmend für sie wäre, hatte sie nur etwas längere Dauer für sie erhalten. Nein! sie sind noch nicht zur ewigen Harmonie der Götter gebildet; sie versinken, sie gehn im Ocean meiner Kunst unter; darum wurden ihnen nur wenige Töne eines unendlichen Saitcnspiels, in wenigen Gattungen, nach sehr leichten Modulationen zuqemcsscn, zuaezählt, zuqetröpfclt. Ich lisple nur auf ihrem Saitenspiel, und schwebe wie ein harmonisch Lüftchen bei ihnen vorüber. Daher scheint meine Wirkung i^nen auch immer unvollendet: denn in ihrer Natur kann sie nicht vollendet werden, oder sie würden selbst zu Harmonie und Wohllaut. Das Dunkle und Verworrene ihrer Empfindungen liegt an ihrem Organ, nicht an meinen Tonen: diese sind rein und Helle, das höchste Muster einer zusammenstimmenden Ordnung. Sie sind, wie schon ein von mir begeisterter sterblicher Weise gesagt bat, die Verhältnisse und Zahlen des Weltalls im angenehmsten, lciä,testen, wirkendstcn aller Symbole. Du hast mich also, Schwester, gelobt, indem du mich tadelst. Du hast das Unendliche meiner Kunst und ihrer 7ö I. Ueder Bild^ innigsten Wirkung gepriesen; indem du qezeigethast> wie eine so edle Natur, als die Natur des Menschen ist, so wenig von meiner allmächtigen Wirkung fassen, sic nur noch so kurze Zeit, in so einfachen Anfängen und Gangen ertragen könne. Im Gewühl deiner Farben und Gestalten hingegen verwirret sie sich nie, und bat gar, wie du selbst gesagt bast, noch etwas nöthig, was über alle Erd- gestaltcn hinausgchet, um sich nur einigermaßen gegen das leere Wiederkommen derselben zu sichern. Bei mir hat sie dicß nicht nöthig: meinen Empfindungen bleibt jede Erdennatur unendlich nach, und sie wird lange von Stufe zu Stufe steigen, ehe sie das Tongebaude der allgemeinen Vollkommenheit nur in einigem Umfange, mit einiger Fortdauer seiner ewig steigenden Melodie empfindet — Indem die Tonkunst dieses sprach, und das ganze Gefühl der Begeisterung davon in ibrcm Gesicht, in ihrer Geberbe zeigte, hakte sich die Muse Urania zu ihr gesetzt, und sie umfasset mit ihren Armen. Auch die Augen der jungen Poesie waren auf sie geheftet, und fast waren ihre Worte selbst zu Tönen geworden, die Wirkungen ihrer Kunst dem ganzen Olympus zu zeigen. Aber Vater Apollo siel ihr zu rechter Zeit ins Wort, und gab ibr zu verstehen , daß hier nur von Erdemusik die Rede ssy, und was die Tonkunst für Wirkung auf menschliche Gemüther habe. Du hast dich genug gerechtfertiget , meine Tochter, ja deine Kunst dis zum Olymp erhoben; es ist Zeit, daß deine Schwester rede. Dichtung und Fabel. 79 Wohl, fügte die Mahlerei, Hut sie ihre Kunst bis zum Olymp erhoben, sie, die cs so fremde fand, daß meine Lieblinge nur den Traum einiger Eöttcr- gestalten hegten. — Lasset, sagte Apollo, den Olymp unvcrwocrcn, meine Töchter. Ihr scyd beide himmlische Wesen, und eure Künste meistens auch seyn, wenn sic einige Wirkung haben sollen auf der Erde. Auch die menschliche Seele ist unsre Schwester, und alles, was auf sie wirken soll, muß was Unermeßliches in sich baden, und also von himmlischer Art scnn. So nennen es die Menschen, und sie haben Recht. Alle Formen und Gestalten, so rein und ausstudirt sie seyn mögen, tbun nichts bei dir, Maklerei, wenn keine Seele, kein himmlischer Geist sie belebt. Auch in jede Deiner Eompositionen muß dieser Geist gehaucht fern, und das Ganze zu Einem bilden; sonst stehet alles, so treu und künstlich es nachgeahmt seyn möge, nur ann und todk da. Auch in dir, Tonkunst, muß Rührung der Seele alle Töne binden und begleiten, sonst werden sic nicht nur das, was du von den kalten Nachabmnnqen der Mahlerei sagtest; sondern sie sind vielleicht noch widriger, da deine Kunst blos vom Hauche diesis himmlischen Geistes lebet. Also lasset allen Wortstreit, und haltet euch an die bestimmten Wirkungen eurer Künste. Wollet ihr, so will ich den alten Aristoteles herbei rufen lasten ; er soll ein ausnehmender Meister in Unterscheidungen und bestimmten Worterklarun- gcn seyn, er wird euch olne Mühe rectisicircn — Beide Damen verbaten den Entscheidcr, sie wählten dafür, wenn sich Apollo nicht selbst bemühen Lo I. Ueber Bild, wollte, ihr,- jüngere Schwester, die Poesie ;ur Schiedsrichterin. Sie har von uns beiden gelernt, sprachen sie, und liebt uns beide. Sie ist Weib, und kann von Künsten und Wirkungen der Weiber am besten urtheilen; dazu ist sie unstre Schwester. „Komm, sagten sie, und rücke vom Schoos Apolls, wo du ihn mit deinen schönen Haarlocken nur verwirrest, naher zu uns herüber." Die Poesie thats gerne, und der Streit begann zum dritten und letz- tenmale. Mich dünkt, sprach die Poesie, meine Schwestern , wenn ihr zu einigem Vertrage kommen wollt, müsset ihr, wie Vater Apoll eben gesagt hat, sorgfältiger die Wirkungen unterscheiden, auf die ihr arbeitet, also auch mehr den Sinn der Seele bestimmen , auf den ihr wirket. Du Mahlerci, wirkst mehr auf Phantasie, als auf das Herz; aber die Phantasie kann auch zum Herzen kommen, und wenn sie nicht dabin reicht, ist sie gemeiniglich desto naher dem Verstände. Also sind alle deine Darstellungen klarer, aber wie du, Tonkunst, willt, auch kalter. Das ist der Mahlerei keine Schande, sondern mag eben ihr Vorthcil werden: denn Richtigkeit und Wahrheit sind die Hauptmirtel ibrer Wirkung, die sic mit Schönheit und Annehmlichkeit nur bekleidet. Jeder ihrer Künstler thate also übel, wenn er diese Hauptfcstung verließe und sich in das Ne- bcnwerk einer unmittelbaren Wirkung aufs Herz ohne Richtigkeit und strenge Wahrheit würfe. Immer ist Zeichnung und ein Geist der Zeichnung , der das Ganze belebt, bei dir, Mahlerci, die Hauptsache; an Dichtung und Fabel. an der auch ich lange gelernt habe, und noch täglich lerne. Das Rührende einzelner Gesichtszüge, das Tauschende der Carnation und der Farben, so wie fern herbei gesuchte tiefe Gedanken sind gut und vortrefflich, wenn das Hauptwerk zur Seele spricht — spricht, wie es durch diese Mittel zu ihr sprechen kann, Helle, klar, reich, deutlich. Je weniger die Mahlerei dem Schein nach wirken will, je mehr sie die scheußliche Repräsentation vermeidet, desto mehr wird sie wirken; desto mehr wird sie aus der bloßen Nachabmcrin, eine reine und demütbige Darstellerin der unergründlich-tiefen, immer neuen und schöiun Wahrheit. — Du hingegen , Tonkunst, auch mir bist du mehr , als mir die Mahlcrei seist, kann l denn wie du recht gesagt hast, bist du der harmonische Grund und die Melodische Begleiterin aller, selbst der wählerischen Schönheit. Du wirst mir aber zugeben, daß ohne weine Worte, obne Gesang, Tan; und andere Handlung, für Menschen deint Empsinoungcn immer im Dunkeln bleiben. Du sprichst zum Herzen; aber bei wie wenigen zum Verstände! ja auch, wo du zum Herzen sprichst, wie oft ist seine Regung blos eigentlich - sinnliche Rührung! Gicbis nicht auch Thicre, die sich nach gewissen Tönen oder Gängen von Toner, freuen oder betrüben? Ja, als man den grausarmn Versuch machte, lebendigen Geschöpfen das Gehirn zu öffnen, und durch gewisse Druckungen bei ihnen bald Schmerz, bald Freude erregte; mochten diese Empfindungen, auf eine grobe Weise bewirkt, etwas anders scyii, als was du auf eine unendlich feinere Weise bewirkest ? Freilich ist das ganze Herz des Menschen Herders W.Lit.u.Kunst. Xllt. F 82 l. Ueber Bild, dein Saitenspiel; aber siehe auch, wozu du es spielest? Und nun, nuine Schwestern, vergleichet euch selbst über bestimmte Fälle und Zwecke, in und zu denen eure Kunst sich äußert. Die Mahlerei fing an und schilderte die hohen Eindrücke, die sie manchmal durch die Darstellung eines Gemahldes gemacht habe. Sie sprach von Brutus Gemahlin, die nicht zu Thrancn zu bringen war, bis plötzlich ihr das Bild der Andromachc ins Gesicht fiel, und den frischen Damm ihrer Empfindungen aufciß. Sie führte cine Reihe anderer Gemählde an, dis plötzliche Bekehrungen, Tröstungen, Ermunterungen bewirkt, und die Seele, wie durch Erscheinungen aus einer andern Welt, umgekehrt und umgeschaffen haben.- Verzeihe, Schwester., sprach die Poesie, und bemerke auch hier, was von diesen Wirkungen eigentlich nur dir zugehörct. Das meiste hiervon liegt in den Gegenständen, die du nachahmest , und du kannst nicht läugncn, daß, wenn statt des Gcmahl- des der Andromache oder anderer edlen Gestalten, ihre Gegenwart selbst erschienen wäre, die du oder ich nur schwach schildern konnten, die Wirkungen derselben wahrscheinlich noch größer gewesen waren. Denke dir eine erscheinende Mutter Gottes, wie sie die Sterblichen nennen, oder cine Magdalene, in jeden idcalischen Reiz gekleidet, den wir beide ihnen schenkten; du wirst zugeben, daß du, wie ich, hierin nur ferne, schwache Nachahmerinnen waren, und was Wirkung anbctrifft, sey oft ein schlechter, sehr unidealifcher Auftritt der Natur, eben seiner indivi- duckten Wahrheit und Wirklichkeit wegen, unendlich reicher an grossen und guten Folgen, als die künstlichste Nachahmung desselben mit Farben je seyn würde. Du hingegen, Musik, sprach sie, bist immer Schöpferin, da du kein eigentliches Vorbild deiner Kunst hast, weder im Himmel noch auf der Erde. — Eben deswegen, fuhr die Tonkunst fort, ist auch meine Wirkung immer neu, ursprünglich und herrlich. Schöpferin bin ich, und ahme nie nach; ich rufe die Töne hervor, wie die Seele Gedanken hervorruft, wie Jupiter Welten hervorrief, aus dem Nichts, aus dem Unsichtbaren; und fo dringen sie auch, wie die Zaubersprache aus einer andern Welk, zur Seele, daß diese, ergriffen vom Strom des Gesangs sich selbst vergißt, sich selbst verliert. Alle habt ihr von den Wirkungen der Musik in alten und neuen Zeiten gehört, und nie habt ihr gnug davon gehört. Laßt mich nicht die alten Geschichten Amphions, Orpheus, Linus, Timotheus, Phemius, u. a. wiederholen; an jedem Fest der heiligen Cacilia werden sic auf der Erde immer Noch besungen und gepriesen. — Aber auch noch erreicht? siel ihr die Poesie in die Rede; und eben das, daß sie jetzt nicht mehr erreicht werden, zeigte es nicht, daß sie auch vor Alters nicht ganz dein, nicht immer das Werk der Kunst waren, auf die du es insonderheit in spater» Zeiten, ganz ohne mich, anzulegen vorhast? Damals, half ich dir. Ich unterstützte deine Töne, und du F , 84 I. Ueber Mild, dientest nur meinem Gesänge, ihn zu beleben. Ich hingegen klärte deine Sprache auf, verstärkte sie mit der Macht aller Empfindungen und Situationen der Seele; dadurch tbatcn wir vereint die Wirkung. Seitdem wir uns von einander getrennt haben, find unsre Künste tausendmal feiner geworden, die Grenzen von Allem in ibncn find scrgfältizcr geschieden, die Regeln stehn bestimmt da, wie Scylla und Eba- rybdis, oder wie die Säulen Herkuls, über die nicht hinauszuschiffen war: wo ist aber anjetzt unsre Wirkung auf der Erde, in dem Maas, wie sie die Alten priesen? Ich werde gelesen, du wirst gehört; bei mir tadelt und gähnt man, bei dir spielt oder plaudert man, und zuletzt schläft man ein bei uns beiden. — Das liegt nicht an uns, antwortete die Harmonie unerschrocken; cs liegt am Mißbrauch unsrer Namen. Die Geiger und Pfeifer, dis Quäler und Tandler der Saiten habe ich nie für Söhne meiner Kunst erkannt: denn wo sind die Wirkungen ihrer Töne? Hast du je in der Werkstatt Vulkans den Bratenwender daselbst mit der schonen Hebe verwechselt, die uns den Nektar mischt, und die ambrosische Götteckost bereitet? Und was sind so manche Quartette und Sonaten, manche Trio's und Symphonien, insonderheit jene unselige Menge einförmiger Licdermelodieen anders, als der lebendige Bratenwender des hinkenden Vulkanus. Man hat, wie sie sagen, eine Kunst erfunden, vermöge welcher man nach ewigen Regeln eine Melodie hcrvordrchen könne, ja hervordrehen müsse, gerade wie jenes Kü- chcnwerkzeug umläuft, nach seinen Gewichten. Mich Dichtung und Fabel. L5 dünkt, wir drei Schwestern haben uns mit dem Heer unserer Pfuscher und Freycr nichts vorzuwerfen. — Aber dennoch, siel ihr die Poesie ein, erinnere dich an die Zeiten deines einfachen Ursprunges und deiner damaligen Wirkung; deine Orpheus und Amphions, wenn auch nur die Halste der Sagen wahr wäre, die uns unsre Mutter Mncmosyne erzählt hat, wo schaffen, wo wirken sie jetzt? Freilich, antwortete die Tonkunst, sind diese Jahre meiner Jugend in manchen Landern vorüber; aber nicht ich, sondern sie, diese so genannt-gebildete Welt ist alt und grau geworden, und will zum Thcil jetzt, statt Tone zu genießen, mit Tonen bauen oder Seiltanzen und spielen. Sie bauen auch wirklich wunderhohe harmonische Gebäude, die rasch zum Himmel, zum Verstände hinauf streben, da sie ins Heiligthum, zum Herzen nicht mehr kommen können. Das Leichte ist ihnen zu leicht; mit übcr- standcnen Unmöglichkeiten suchen sie zu überraschen, zu prangen, zu glanzen. Glaubt ihr, Schwestern, daß mirs gefalle, wenn man, um eine neue Tonkunst zu geben, keinem Ton mehr seine Wirkung laßt, sondern mit Tönen mahlst und poetisirt? Meiner Kunst ist dieß so fremde, als da jemand auf den Gedanken kam, ein Farbenclavier zu erfinden, und sich wunderte, daß der Kinderjahrmarkt kein Vergnügen, wie das Clavicr der Töne machte. Indessen sind die achten Wirkungen meiner Kunst gewiß nicht ausgcstorbcn auf der Erde. Unter allen Völkern, stlbst unter Türken und Barbaren, lebt sic, und 86 I. Uebcr Bild,, jedes genießt an ibr, was ibm zu genießen vergönnt ist, wobin und wie weit sein Organ gebildet worden. Die feinern Völker bedürfen auch feinere Speist ; meine Wirkungen äußern sich also bei ihnen auch geistiger, und sie würdcn's für einen schlechten Erfolg meiner Kunst basten, wenn je ein Mensch durch sie rasend geworden,'einer Lais in den Schoos sänke, oder Pcrsepolis in Brand steckte. Ich wirke auf feinere Endzwecke und Vergnügen; glaubt nicht, daß ich defibalb auch schwacher oder unsichrer wirke. Wie oft hat der Ton eines Gesanges, der simple Gang einiger bimmlischen Töne einen Menschen aus dem tiefsten Abgründe der Traurigkeit bis in den Himmel erhoben! Wie oft geschichts, daß eine einfache Melodie zarte, wehmüthige Tbranen rinnen macht, die Menschen plötzlich in alte Empfindungen und Gegenden der Jugend, oder in, unbekannte Aue» eines seligen Paradieses versetzt, und völlig den Zaubertönen der ersten Welt nur auf feinere Art, gleich kommt. Gewiß, meine Schwestern, ein Liebling meiner Kunst kann Wunderdinge auf einen Menschen wirken , so bald er nur die Töne studirt, bei denen dieser am meisten gerübrt wird, die Gange der Melodie nämlich, die sein ganzes Empfindungssystem bewegen. Hielte er sich sodann an solche, und suchte ihre größte Wirkung; er hatte das Herz des Menschen in seiner Gewalt, wenn dieser auch sonst von Stahl und Eisen wäre. Und käme man nicht wieder zu dieser alten und großen Wirkung, meine Schwester , wenn deine Kunst sich mit der meinigen naher zusammen fände?> sprach die Poesie. Ich zeichne dir Empfindungen vor ;, du darfst nur folgen und dich an diese halten. — Dichtung und Fabel. 8 ? Del Tonkunst lächelte: „das wäre gut, es ist auch zuweilen nothwendig, schwerlich ists aber hinreichend. Wie oft verführen mich deine Dichter, statt mich zu führen? ja vielleicht haben sic meine Kunst unter den Menschen am meisten mit verderbet. Zudem erinnere dich , Schwester, an das , was du selbst sagtest: der Lonkünstler schöpfe aus sich selbst, er müsse jedesmal die Sprache seiner Empfindungen neu bilden. Kann er dieß nun nicht; fühlt er die Empfindungen nicht, die ja der Dichter nur bezeichnet, nur unvollkommen schildert, wie will er sie ausdrücken? wie könnte sie ihm der Dichter mit seinen Worten bci- bringen und einflößen? Mit Worten jemanden Töne, gar ein Tougcbaudc von Empfindungen einflößen, das er nicht in sich hat, ist unmöglich; also liegt die Sündenmateric im Mißbrauch der Tonkunst selbst, und muß von innen geheilt werden. Uebrigens blcibts dabei, Schwester, daß wir beide, Poesie und Musik, zusammengehörcn, und vereint auch die größte Wirkung bervorbringcn; nur daß ich nicht ganz deine Dienerin fern wollte, denn ich bin deine Lehrerin gewesen , und habe auch für mich selbst einen Kreis der Wirkung. Mir dient der Tanz wie die Worte; Ge- behrden und Bewegungen, wie deine Verse; und eigentlich schließe ich alles dieß, Modulation, Tanz, Rhythmus in mich. Der Tonkünstler dichtet, wenn er spielt, so wie der achte Dichter singt, wenn er dichtet.— Der Mahlerei sowohl als dem Vater Apollo ward bei diesem Gespräche die Zeit lang. Jene hatte so lang' eine schöne ruhige Landschaft gezeichnet, und allen Streit darüber vergessen. Das ist, sprach sie, die große Wirkung meiner Kunst, sie macht die Seele 88 I. Ucbcr Bild, ruhig und heiter. Ein Mensch, der sic liebet, gensißt jeden Sonnenstrahl fröhlich; wo andere nichts sehen, siebet er ein tausendfaches Spiel desselben. Uebcrall im Scbooße der Natur studirt er ihre stille- stcn, freundlichsten Wirkungen, und genießt sie auf unendliche Weife. — Das mochte von Natur- und Landschaftsmahlcn gelten, antwortete die Poesie, was aber deine historischen Mablcr anbctrifft, höre ich, daß auch du so leidenschaftliche Leute hast, wie ich und die Tonkunst schwerlich haben. Uns beiden wirft man vor, daß wir unsere Günstlinge statt der Begeisterung oft mit Launen beschenken; und mich dünkt, auch wenn du Leidenschaften studirst und ausdrückst, mußt du doch selbst diese Leidenschaft fühlen. ---- Hier siel ihr Apoll in die Rede, und gab zu verstehen, wie dieß alles nicht hcrgehörc und mit Er- laubniß zu sagen, zum Tbeil nicht wahr sey. Wenn man eine» Wüthendcn schildert, sprach er, darfman nicht selbst wüthen, und wenn man von einem Rasenden dichtet, nicht selbst rasen. Eben das ist das Vorrecht der Himmelgebornen Kunst, sprach er, daß sie durch eine Art von Allwissenheit und geheimer Vorahndung auch die Falten und Schlupfwinkel des menschlichen Herzens kennt, die der Künstler selbst nicht gefühlt haben darf, jetzt aber im Lichte seiner Muse gewabr wird, und wie durch rcflektirte Strahlen andern zeiget. Glaubt mir, der Trunkene singt von der Trunkenheit nicht am schönsten; der Dichter, der alle Leidenschaften schildert, der sie oft auf einmal im stärksten Contrast schildert, kann sie ja nicht alle als persönliches Eigenthum besitzen; gnug, wenn er sie Dichtung und Fabel. 89 als ein ruhiger Spiegel treu ausnimmt und wieder abglanzet. So ists auch mit der Maklerei und Tonkunst. Die größten Künstler jeder Art waren immer die Lcidcnschaftloscsten, heitersten Charaktere; sie waren Jünglinge wie ich, und lebten in meinem Sonnenglanze. Aber machet , daß des Streits ein Ende werde. — Du, Mahlerei machst mit deiner Kunst die hclle- ste, schönste, klarste, daurcndste Vorstellung; du sprichst durch deine Gestalten zur Phantasie und durch sie zum Verstände und Herzen ; du verfemst den Blick, öffnest die Thore der Schöpfung und machst deine Lieblinge ruhig und heiter; bist du zufrieden? Du Tonkunst hingegen hast den Zaubcrsiab der eigentlichen Wirkung auf menschliche Herzen unmittelbar ; du regst die Empfindungen und Leidenschaften, aber dunkler Weise , und hast einen Führer, einen Erklärer nöthig, der dich wenigstens zur besiimmtern Wirkung dem Verstände des Menschen nähere, und. mit dem physischen auch seinen moralischen Sinn vergnüge; bist auch du zufrieden? Ihr streitet beide über das Wort Wirkung, und das ist dem Sprachgebrauch nach mehr für die Tonkunst, als für die Mahlcrci, weil wir bei Wirkung immer nur aus Starke des Eindrucks zu sehen gewohnt sind, ohne zu bedenken, daß diese in Sachen des Kcisterreichs und der menschlichen Seele zuweilen auch mit Umfang, Klarheit, Dauer compensirt werde. Jbr streitet also immer nur, ob das Ohr Auge, und das Auge Lhr scyn soll? Beruht t euch Je verschiedener ihr von einander wirkt, desto eigner und besser wirkt ihr. Ihr bewegt eine nunschliche Seele , nur auf eine ganz incommcnsuradle Weife. Wollt ihr die Wirkungen eurer Kunst aufs. 9 » I. Ueber Bild, rc. reinste und ohne allen Wortstreit sehen : so betrachtet einen Blinden und Tauben, und seht, was beiden versagt sev? Der Taube mag unendlich feiner scbcn und unterscheiden; für die Gefellschaft ist er immer dumm, und in seinem Innern Freudenloser: ihm fehlt der Sinn und die Kunst, die unmittelbar zu seinem Herzen reden. Der Blinde ist ein armer Mann, vielleicht auch arm an gewissen feinen Unterschieden, Gestalten und Abmessungen, die nur der Sinn und die Kunst des Gesichts gewahren; er hat indessen das Saitcnspicl aller Empfindungen und Leidenschaften in sich, er kanns tonen lassen, wcnns ihm gefallt, und sich in seiner dunkeln Einsamkeit eine WcltvollHar- monie und Freuden schaffen. Oft waren Blinde große Tonkünstler, große Dichter; ob aber Taube bei aller genauen Nachahmung eben so geistvolle Zeichner gewesen ? möget ihr selbst wissen. Gnug, ihr seich beide meine Tochter; du Mahlerei, die Zcichnerin für den Verstand, du Tonkunst die Sprecherin zum Herzen, und du, meine liebe jugendliche Dichtkunst, du, die Schülerin und Lehrerin Beider. Sie umarmten sich alle: Apollo krönte sie mit seinen unsterblichen'Lorbecrkranzen, und Hebe bot ihnen auf ihr langes Gespräch die erquickende Neck- tarschaale. 3 . C ä c i l i a. *) » 7 9 3 . Borerinnerung. H, Cacilia hat einen besondern Ursprung. Die ungewöhnliche Art, wie sie zum Schutz-Patronat her Musik kam, veranlasste zuerst ein kleines Gespräch in ein geschriebenes Journal. Mein Aufenthalt in Italien liesi mich über die gottesdienstliche Musik mehr Nachdenken, als dazu in Deutschland Gelegenheit gewesen wäre; und so widmete ich aus Dankbarkzit der H. Cacilia diesen *) Aus dem fünften Band der zerstreuten Blätter, nach der zweiten Auflage yon 1798. I. Ueber Bild, S2 kleinen Aufsatz. Spreche man nicht von Hindernissen, von schonen Traumen; ich weiß, was sich darüber sagen laßt, und daß es endlich auf den Satz hinausgcht: „Die Zeit der christlichen Kirchenmusik ist vorüber." Scy sie cs, das Gefühl der reinen Herzensmusik wird nie ausstcrben auf Erden, in welcher Gestalt diese Himmlische auch erscheinen möge. Weimar, den 14. Juny 1793. Dichtung und Fabel. 5,3 V vielleicht ist keine Schuhpatronin in der Well;ii ihrem Amt unschuldiger gekommen, als Cacilia, die Schutzpakronin der heiligen Tonkunst. Sie kam dazu, weil sie auf die Musik nicht achtete, ihre Gedanken davon abwandte, und mit etwas Höherem beschäftigt, sich von ihren Reizen nicht verführen ließ. So schreibt die Legende: *) *) Oei vooern sueliens Lsecilio VirAo olarissiniL sbsconclitnin seniler üvsnAelinin Lbristi Ae- revst in Peetore, Ooininuni üetidus exorsns, ui virZinitss ejus i^iso oonservante invillliit-l ^ernrsneret. Usee Vnlerisnutn c^neinäsin jnvenein Ilokebut sponsuin, -ini jnvenis in »niore VirZinis pernrkns oniniuin, clieni oon- stitnit nnptisrnn,. Lseciiio vero snlitus sä oarnein eilicio inänts, äesuper snrstis vesti- bns teAel>Ltur. ksrentuin vero tontn vis et sponsi oiron illain erat exsestuans, nt non posset sniorern ooräis sni ostenclere et iznoä «oiunr Lliristuni äiiiZsret inäieiis eviäentikns 94 I. Ueber Bild, „Eine edle Jungfrau, Cacilia, hörcte Gottes stimme , und trug das Evangelium Christi verborgen in ihrer Brust. Mit Lhrancn bat sie den Herrn, daß unter seinem Schutz sie eine unbefleckte Jungfrau bliebe. Ein Jüngling, Valerian, ward ihr Bräutigam , von brennender Liebe zu ihr entzündet. Schon war der Tag ihrer Hochzeit bestimmt; mit Goldgestickten Kleidern ward Cacilic bekleidet; aber an ihrem Leibe trug sic ein haarcnes Gewand. Eltern und Bräutigam stürmetcn auf sie, daß sie die Liebe ihres Herzens, mit der sie Christum allein liebte, nicht zeigen konnte. Der Tag der Hochzeit kam, das Brautbett war gesetzt, die Jnstru- ntcnte tönten; sie aber in ihrem Herzen sang zum Herrn allein und sprach:" reinige mein Herz, mein Leib fey unbefleckt, daß ich nicht vor dir erröthe." Sic fastete zwei, drei Tage und empfahl sich Gott in ihrer Furcht. Sie lud die reperire. l)ni n s orAnnis, illa in covcls 8uo soli Domino po- Ltolos, et 8LnetL omni» Dliristo kamnk-lnti.l exorotzat, nt 8nis eom clepreeLtionitzu8 ->cl- jnvsrenr , 8NSM Domino puelieiriain coinmon- üantem. eteta Daecil, » Dichtung und Fabel. g:> Engel ln ihren Gebeten zu sich; mit Thranen fle- hcte sie die Apostel und alle Heiligen des Himmels, die Diener Christi, um ihren Bestand an, dem Herrn ihre Tugend zu empfehlen u. s. w." Sie erhielt diese, bekehrte ihren Bräutigam und dessen Bruder, die beide den Engel sahn, der sic begleitete; sie litt endlich das Martyrcrthum, und ward eine Heilige der Kirche." So sprach die Legende, und vergebens standen jetzt die Worte: onntantilans orZuuis illa in uorcls suo soll Oornino clsasntakat, nicht im Brevier der Kirche. Außer dem Zusammenhänge, bei der gewöhnlichen liturgischen Wiederholung, dachte man sich an den Hochzeit-Instrumenten, von denenCacilia ihrGemüth abwandt e, jetzt — eine Orgel; man machte sie also gar zur Erfinderin derselben, gab ihr die Werkzeuge dazu in die Hand, und ließ diese ihr inneres Herzensgebct begleiten. So kam sie zur zweiten unverhofften Eine, eine Erfinderin der Orgel zu scp», von der in ihrer Legende gar nicht die Rede sepn konnte. Endlich ward ihr eine dritte, ihrem Charakter »och fremdere Ehre. Scitocm sie zur Schutzpatronin der Musik (man weiß nicht, wann? und wo?) erwählet war, und sich an ihrem Hciligentage, den 22. November, die Meister und Zunstgenoffen derselben vccsammlcten, ihre Schutzgöttin musikalisch zu preisen, empfing sie mit der Zeit Opfer, die sie an ihrem Hochzcittage nicht angenommen hatte, und als eine Heilige des Himmels noch minder anneh§ men konnte. Man fang und muficirte vor ihr die 96 I. Uebcr Bild, Geschichte der Thais und des trunkenen Alerandets> wie er aus Kraft der Musik Pcrsepofts in BrrNd steckte; die Geschichte Orpheus, den die liebe ins Höllcnccich trieb u. f. So geht's mit dem Namen der Menschen, mir ihrem Charakter und ihren Verdiensten, aus dem Markte des Nachruhms, wenn alle aus ibm versammlet stünden, wie manch, r würde üb r das, was man an ihm pries, und wie man's an ihm preiset, erröthen ! — Weit entkernt indessen, die heilige Cacilia von ihrem schönen Sik der Unsterblichkeit verdrängen zu wollen, und statt ihrer, wie ein Schriftsteller ac- than hat, die heil. Psoie , St. Vincenz, St. Odo, St. Aldric, St. Galt, oder gar den heil. Dun st an zum Patron der Musik Vorzuschlag. n> preisen wir diesmal den MönchsirrthuM sehr glücklich. Er hat eine schöne christliche Mus.' geschaffen, die durch Gemahlde und Gesänge berühmt worden, und durch beide auf's Her; der Menschuit wohlthatig gewirkt hat. Das einzige Gemahlde Raphaels von ihr in Bologna macht sie, als eine himmlische Erscheinung, der Unsterblichkeit wecth j sie hat in ihm einen eignen Charakter gewonnen, der weder eine Clio, noch eine Maria oder Magdelena darstellt; eine erhabne, standhafte Heilige ist sie, Variet68 et Utersir. l?ar. 1752. Ut III, p. Dichtung und Fabel. 97 sie, und zugleich die personisicirte himmlische Andacht. Desgleichen hat ihr Festtag Kompositionen hcr- vorgebracht , die, wenn sie auch in Wahl der Materie nicht eben alle zum persönlichen Charakter der heil. Cacilia stimmten, dennoch zu den elastischen Meisterwerken der Kunst gehören, z. B. Drydens, Pope's, Addisons, Congreve's Oden zum Cacilientage, und vor allen andern Händels -Musik zum erstgenannten Gedichte. Schon ist's überhaupt für jede Kunst, eine solche Schutzgvttin, und einen Tag des Wetteifers zu ihrem Preise in Ausübung der Kunst selbst zu haben. Man freuet sich dabei ihrer in- ncrn Natur, als eines himmlischen Geschenkes, erinnert sich der Wohlthaten, die sic dem Menschengeschlecht brachte, und sieht, eben durch diesen festlichen Wetteifer neubelebt, ein fernes, unerreichbares Ziel vor sich; man fühlt die Kunst in ihrer unsterblichen, immer neuaufblühendcn Jugend-Schönheit. Noch edler und anständiger wird der Cäcilicn- tag dadurch, daß er eine christliche Heilige singet: denn Andacht, dünkt mich, ist die höchste Summe der Musik, heilige, himmlische Harmonie, Ergebung und Freude. Auf diesem Wege hat die Tonkunst ihre schönsten Schatze erbeutet, und ist bis zum Innersten der Kunst gelangt. Alle lustigen, kleinen Ergötzungen, die die Musik erschafft, sind unschuldige Spiele oder leichte Vorübungen zu dem Herders W. Lit. „.Kunst. XIII. G 93 I. Ueber Bild, erhabnen, umfassenden Genuß, den nur die reine heilige Musik unsrer Seele gewähret. Nach diesem Gruß an Eäcilia scy cs mir erlaubt, einige Worte über ihre Kunst zu sagen. I. Die tiefste Grundlage der heiligen Musik ist wohl der Lobgesang, Hymnus; ich mochte sagen, er sey dem Menschen natürlich. Wir finden uns nämlich so ganz umringt von ungeheurer Macht und Uebermacht der Schöpfung, daß wir in ihr nur wie Tropfen im Ocean zu schwimmen scheinen; und wenn dieß Gefühl über einen Gegenstand oder in einer Situation zur Sprache kommt, was kann es anders, als ein Ausdruck des Seufzers werden: „ungeheure Macht, erdrücke mich nicht! hilf mir"" Die wildesten Nationen haben auf solche Weile Anlässe zu -Hymnen gezeigt; gesetzt, daß sie solche auch nur an ein mächtiges Thier, an einen ungeheuren Wasserfall oder Fels, an die Nacht, an Sonne, Mond und Sterne gerichtet hätten. Je mehr indeß der Menschliche Verstand sich sammlet und gleichsam selbst begreift, desto mehr findet er in dieser ungeheuren Macht auch Regeln der Weisheit, einen Gang der Ordnung, der ihm dienen kann, und dem er dienen muß, mithin Gesetze der Güte und Milde. Sein Hymnus wird also immer beredter; er erzählt die wöhlthätigen oder wunderbaren Eigenschaften der großen Schöpfung in Beziehung auf sich selbst und auf andre mit ihm lebende Wesen: er nennt die Eigenschaften seines Dichtung und Fabel. SS «»gebeteten Gegenstandes mit tausend Namen, deren ganzer Inhalt dieser ist: „Du bist groß; sey auch gut! schade mir nicht, hjlfmir!" Wenn endlich der Geist sich zum höchsten Ideal der Schöpfung, zu Gott, erhebt; ein Meer, in dem «Ile Vollkommenheiten zusammen fließen; ein Mittelpunkt, aus welchem alle Radien strömen: was kann ein Wort an ihn scyn, wenn es ein Wort seyn soll, als Hymnus?" Von „Dir, durch Dich, „in Dir bin ich ; zu Dir gehe ich wieder. Du bist Alles, „Du hast Alles, Du gabst mir Alles ; gib mir das Edcl- „ste, Dlr abnlich zu seyN; hilf mir!" Alle Völker, die Gott erkannten, haben in Hymnen solcher Art ihr Herz ausgeschüttet, und ihre Vernunft gesammlet; duch in der höchsten Poesie ist der Plan solcher Lob- gesange äußerst einfach. Es giebt namüch zweierlei, physische und historische Hymnen. Jene wenden sich an Gegenstände der Natur, und suchen gleichsam den großen unumschränkten Himmel, unter dem sie ertönen; diese können nur entstehen, wenn die Religion schon Geschichte, Menschliche Geschichte worden ist, und lieben einen engem Kreis; aber auch sie gehen noch den einfachen Gang det alten Natur- hymncN. Von beiden werden wir ein andermal in Beziehung auf die Griechen reden; jetzt bleiben wir bei dem, was dem christlichen Hymnus Materie und Form gegeben. Ohne Zweifel war dieß vor allem ander» das ebraische Psalm buch. In ihm sind Lobgesänge der vortrefflichsten, reinsten Art vorhanden, G 3 1k>0 I. Ucber Bild, Gesänge, die noch von keiner Nation übcrtroffen worden, ja die in jedem ihrer Glieder Jubel und Klang gleichsam mit sich führen. Der Geist der Tonkunst wohnt ihnen so innig ein, daß er sich jeder Sprache mitthcilt, in welche sie übersetzt werden ; auch in den härtesten Mundarten roher Völker fangt sich mit ihnen heiliger Gesang an ;u regen. Und zwar ist cs Tempel- und Chorge- sang. Dieser Charakter ist ihnkn mit dem Parallelismus ihrer kurzen Verse und Glieder unaustilgbar cingcpraget: daher auch ins Christenthum mit ihnen sogleich die zwo Stimmen, (Priester und Volk,) die Antiphon Leen kamen. Mußte Musik nicht die Basis eines öffentlichen Gottesdienstes seyn, dessen Religion sich die ganze Schöpfung, ja die Freuden des Himmels selbst als einen Tempel - und Lob ge sang, als ein ewiges Hallelujah gedachte? Das Dreimal-Heilig, das Ehre sey Gott in der Höhe, das ewige Hallelujah der Schöpfung bewegte also auch das Schiff der christlichen Kirche; in Höhlen und Tempeln ward ihre Gemeine davon ein leises oder lautes Echo. Damit schließe ich nicht aus, daß nicht auch griechische und lateinische Modulationen den christlichen Kirchengcsang bestimmt haben; die alten Hymnen zeigen dieß unwidersprechlich. Nothwendig mußte das Christenihum, sobald es aus Judäa ausginq, in jedem Lande, in dem es sich festsetzte, den Charakter und die Modulation der Sprache dieses Lan des annehmen , also auch von ihrer Dicht- und Tonkunst lernen; und am meisten war dieß bei der griechischen und römischen Kirche der Fall, da beide Dichtung und Fabel. 101 dieser Sprachen, insonderheit die griechische, fopoesic- und tonrcich waren. Indessen war und blieb diefi alles nur ein Gerath, das man im Geist der Psalmen und des jüdischen, hin und wieder auch des ehemaligen heidnischen Gottesdienstes gebrauchte, au dessen Stelle die neue Liturgie trat. Das Volk sollte beschäftigt, ergötzt, erbauet werden; wie konnte dies? anders geschehen, als daß man sich seinem Ohr, Auge und Genius bequemte?, II. Nicht aber macht der Hymnus allein den Gottesdienst aus; die menschliche Seele, ein Instrument vieler Tonarten und Saiten, will auch ein sanftes, erbauliches Lied, den Zeugen einer stilleren Freude und leiseren Belehrung; sie will auch in Gefahr und Angst, in Kummer und Sehnsucht ein „H err erbarme dich unser," ein klagendes, ängstliches Missrsra. Für alle diese .Gemüthszu- ständc und Situationen des Lebens hatten die Psalmen einen reichen Vorrath; und da die Kirche oft in Umstande gerieth, in denen sie solcher Angstgebete nöthig hatte, so ward dieser Vorrath der Psalmen vielfach gebrauchet. Daher also die Bußpsalmen , die girrende Stimme der Turteltaube in den Höhlen und Stcinklüftcn, die langen, klagenden Litaneycn mit dem wiederholten Echo des Kyrie Eleison; daher die Seufzer um Errettung, die Gesänge der Hoffnung eines andern Lebens. Auf Glaube und Zuversicht war die christliche Kirche gegründet; Glaube und Zuversicht erheben und beflügeln sich am stärksten mit dem Gesänge der Andacht. Uebcr den Gräbern der Entschlafenen tönte nicht heidnische Verzweifelung und Furcht für'm I. lieber Bild, ic>2 Tvdtenreiche; sondern sanfte Trauer und fröhliche Hoffnung, Hoffnung des Wiedersehens, des ewigen Zusammenlebens mit einander. III. Das heilige Geheim« iß endlich, das Geheimnis eines der Kirche beiwohnenden, sie erfüllenden, im Sakrament theilhast werdenden Got- tes, wie konnte es anders, als mit Intonationen einer göttlichen Gegenwart und Begeisterung gefeiert werden? Daher die hoben und tiefen Accente bei Einweihungen, und in den Momenten des Wunders. Selbst das christliche Glaubensbekenn tniß, konnte von der Musik nicht ausgeschlossen sepn: denn es ward ein Gelübde des Herzens auf Leben und Tod über heiligen Gebeinen. Die ganze Idee der christlichen Kirche, daß sie cine Einzige, allgemeine, unter einander durch Einen Geist verbundene GcMcine scy, machte an sich schon Gesang, Gebet, Segen, Fürbitte zu einem allgemeinen Opfer, zu einem weitverbreiteten Halle; l u j a h. Nachdem, was bjer in grossster Kürze angedeutet worden, ist eö nicht zu verwundern, das die ganze Einfassung der chri st lieben Liturgie insonderheit in der griecbisch e n und römischen Kirche Gesang ward; auch die syrische, und keine andre, bat sich davon ausschliesen mögen. Vom frühesten Strahl Dichtung und Fabel. ic-3 der Morgcnröthe beginnet der Gottesdienst mit Ver- sikeln und Intonationen, Äntiphonieen und Doxolo- gieen; Psalmen und Hymnen wechseln; die Lesungen und Gebete, die Ermahnungen ans Volk sind gleichsam nur zwischengcstrcuct. Das Ehristenthum nämlich begann bei Völkern, die voll lebendiger Einbildungskraft und von großer Reizbarkeit waren; diese liebten Erweckungen des Herzens, einen Aufschwung der Phantasie durch Ohr und Auge. Und da ibnen, angezeigtermaßcn, das Pfalmbuch der Juden, sammt der Poesie und Tonkunst ihrer Landessprache, ja der Inhalt und Zweck der Religion nach Beschaffenheit der damaligen Zeiten, und des früheren Gottesdienstes, an welchen sie von Kindheit auf gewöhnt waren, zu Hülfe kam; fo ward aus Gesängen und Sprüchen des alten und neuen Testaments, aus dem Gloria und Ave, aus Credo und Kyrie Alles gemacht, was die andächtige Tonkunst daraus machen konnte. Man gehe das Ritual der griechischen und römischen Kirche in diesem Gesichtspunkte durch; sie sind große Gebäude, ich möchte sagen, Labyrinthe des musikalisch-poetischen Geistes, in denen Geschichte und Lehren nur ihre kleinen Wohnungen haben. Propheten und Psalmen sind hin und wieder vortrefflich gebrauchet, und über das Ganze ist ein Strom der Begeisterung, der lyrischen Fülle und eines so lauten Jubels verbreitet, daß, wenn man es auch nicht wüßte, man es mit großer Gewalt fühlet: ,,cine solche Anordnung sey nicht das Werk eines Mensche» , sondern die Ausbeute ganzer Nationen und Jahrhunderte in verschicdncn Himmelsstrichen und den mannigfaltigsten Situationen." Einem Dichter, der für die Kirche mehr als einzelne I. Ueber Bild, 104 Lieder dichten will, sind diese Bücher zu studircn eben so unentbehrlich, als dem Tonkünstlcr, wer er auch seyn mag, die unerreichbaren Muster der altern Musik dar Kirche. Denn, heilige Cacilia, mit welchen Wunder - und Hcrzenstönen hast du deine Lieblinge, einen Leo, Dur ante, Palcstina, Marcello, Pergolese, Händel, Bach 11. f. begeistert! In und aus ihnen tönte die heilige Musik in vollem, reinen Strome; bis sie sich nachher in tausend anmuthige Bäche zerthejst hat. Ziehen wir aus dem, was bistorisch bemerkt worden, einige Folgen: so ergiebt sich vor allem, daß der christliche Kirchengesang von Anfänge bis zu Ende eines Gottesdienstes oder Festes ein Ganzes seyn müsse, das vom ersten bis zum letzten Tone ein Geist belebet. AuS unfern protestantischen Kirchen ist diese Einheit ziemlich verschwunden , auf welche es doch in der ersten Kirche so fühlbar und groß angelegt war. Wir fangen freilich mit einem demuthsvollcn Kyrie an, und unterbrechen cs zuweilen mit einem Gloria. Ein Allein Gott in der Höh scy Ehr! soll das Gemüth erheben; Antiphonieen und Lectioncn werden cingestreuet; ein sanftes Lied, ein gesungener Glaube sollen die Seele zum Gehör göttlicher Worte bereiten ; der Genuß des Abendmahls endlich soll in der feierlichsten Rührung mit Gesang und Segen den Dichtung und Fabel. ic>5 Gottesdienst beschließen; wie weit sind wir aber davon weggekommen, daß dicß Alles ein Ganzes auch im sinnlich geistigen Eindruck werde! Die Musik der Kirche sollte dieß Band scyn: denn sie ist sinnlich und geistig; zwischen ihren Ufern sollte der Strom der Begeisterung und Andacht sanft oder starker fortströmen. Aber die Orgel allein thut's nicht; Instrumente allein werden's auch nicht bewirken. Die Anordnung des Gottesdienstes selbst im Innern und Aeußern, Sänger, Leser, Prediger, die Gemeine, also ihre Erziehung, der Zweck und die Art, wozu und wie sie beisammen ist, müssen dazu beitragen, daß Klopstocks goldener Traum, die Ehöre, erfüllt werde. *) Und ehe dieser goldene Traum erfüllet wird, wollen wir wenigstens einige Worte von dem reden, was dem musikalischen Dichter und seinem Ton- künstlcr auch jetzt schon vor der Hand zu liegen scheinet; so bald sie darauf Rücksicht zu nehmen geneigt wären. i. Die Basis der heiligen Musik ist Chor: denn eine Gemeine soll singen, und wenn zwei oder drei versammlet wären, so machen sic mit der ganzen Christenheit auf Erden eine Gemeine. Arien also, Duette, Terzette u. dgl. sind nie das Hauptwerk einer Musik der Kirche, gesetzt, daß sie auch in die Kirche gehörten. Nur auf dem Wege des Chors, (im weitesten Verstände genommen,) ) Klopstocks Oden, i. Th. S. oro. i i>6 I. Uebcr Bild, gelangt man zu jener Bewegung und Rührung, die diese Musik erfordert. Die tiefste Demuth, ja ich mochte sagen, Vernichtung und Zerschmelzung vor Gort, alte Ermunterungen zu Trost, Hoffnung und Freude, jene Ausbrüche des Glaubens, der Hoffnung, Frage und Antwort, Zweifel und Zuversicht, Kummer und Trost, Fluch und Segen sind in den reichen Sätzen und Gegensätzen der Eher spräche alten und neuen Testaments zu finden. Einen großen Theil der biblischen Bücher schlage man aus, wo man will; und es fallen Stellen iii'sAuge, die, wie Stimmen Gottes und der Gemeine, der Dichter nur ausnchmen und anwenden, derTon- künstlcr nur füblen und für das Her; der Menschen acccntuiren darf. Hier ist Vorrath auf ewige Zeiten- 2. Der Chor des heiligen Gesanges ist aller Abwechselungen und Veränderungen fähig, die irgend nur in der reichen und weiten Sphäre seines Inhalts liegen. Die Sprache der Psalmen und Propheten ist uns auch hier Muster. Man sebe z. B. den 2. 24. 42. g 3 . 46. 5 n. 68. 82. 87. Z 5 . n 3 —ir8. >2r—-129, Psalm; welche Abwechselung des lyrischen Gesanges vom leisesten Solo bis zum vollcstcn Chor, in allen Stufen und Inversionen , ist in ihnen vcrgezeichnet! und der Gebrauch derselben, die Anwendung einer jeden Stimme und Antwort, wie mannigfaltig darf und kann sie seyn nach Inhalt und Zeiten! Hier also ist das lyrische Gebäude in höchster Würde und Vollkommenheit zu erbauen; hier oder nirgend: denn mjh Worten und Tönen wirkt die Kunst hier rein. Es Dichtung und Fabel, 107 sind Stimmen, die sich hören lassen, und keine Personen; aber alle Stimmen der Welt, von der Stimme Gottes an, bis zum Laut und Seufzer jedes Herzens, jeder reinen menschlichen Empfindung. Die Symmetrie zweier Stimmen und Ehöre bleibt indessen die Hauptabthejlung, wie bej jedem symmetrischen Gebäude, so auch hier; djeßist der Einsalt gemäß, die sowohl das Herz als die lyrische Kunst wünschet. 3 . Daß die Ehöre von Hymnen und -Liedern unterbrochen oder gleichsam ausgenommen, besänftigt, oder beflügelt werden, liegt abermals in der Natur der Sache. Wir sind aber auch hierinn binter der altern Kirche zurück geblieben. Die lateinische hatte nur wenige, kaum neun Hauptsylbenmaaße zu ihren Hymnen; diese sind alle populär und sehr faßlich; und doch sind von ihnen kaum zwei und drei sehr unvollkommen zu uns hinüber gerettet werden. Das prächtige xanZs linAuu Aloriosi, die sappbi- schen und anapastischen sicketru wagen sich nicht in unfern Kirchcngesang, der größtenteils aus den Mci- stcrsängcrzeitcn seine Mclodiccn erhalten. Zn der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wollte man diesen mit weicheren, abwechselnden Sylbenmaafien vermehren; mststcns aber geschah es so ganz ohne Geschmack und Würde, daß sich die neuen polymctri- schen Gesänge zum Glück nicht erhalten haben; daher die ältern, unter welchen mehrere Vortreffliche sind, immer noch die vorzüglicheren bleiben. Und doch, wer sollte cs dem Kirchcngesange wehren, alle dse. Abwechselung, allen den Flug zu nehmen, dm I. Urber Bild, 108 der Hymnus oder das Lied fordern? Aber Musik muß diese Melodiken cinführcn; sie müssen zuerst in einem größeren Gebäude der Tonkunst erscheinen, daß die Gemeine sic, unvermerkt gleichsam und willig, lerne. Was in der Welt bedeutete sonst der einzelne Vers eines Chorals, den wir jetzt unfern Kirchenmusiken einstrcuen? Bei der einzelnen Strophe eines Liedes wird ja die Seele nie warm; man spüret, wenn die Strophe aufhöret, eine unangenehme Leere; und es bleibt bei diesen Zcrthei- lungen Alles ein künstliches Flickwcrk. Nicht also die altere Kirche. Ihre Hymnen sind kurz; allemal aber von mehreren Strophen, und zu allen blieb ihr das Drc i m a l h e i l i q ein Muster. Da es nun überdcm außer allem und über allen Widerspruch ist, daß unsre Poesie und Sprache gegen die Sprache unsrer Vorfahren zehnfach ausgcbildeter worden; warum wollten wir svrtfahren, nur zwo Saiten zu berühren, da wir ein Instrument von zwanzig, von hundert Saiten in unsrer Hand haben? Sehen wir nicht, daß außer der Kirche die Musik erstaunende Fortschritte gethan hat, daß durch diese selbst das Ohr des Volks vieltoniger worden ist, und daß wir folglich nicht mehr wie unsre alten Vorfahren leyern und singen können, weil wir nicht mehr, wie sie, acccntuiren, sprechen und leben? Eine Reformation des Kirchengesanges dünkt mich «lso ein natürliches Erforderniß der Zeit zu seyn; auf dem angczeigtcn Wege, unter den breiten Flügeln der Kirchenmusik kann sie am leichteste» und angemessensten erlangt werden. Hier wird sie in allen Theilcn harmonisch gebildet und eingeführet; der Chor der Kirche nimmt sie willig auf. Dichtung und Fabel. 109 4. Die Recitative können in der Kirchenmusik nichts als die Stelle der Lec- tionen vertreten; sic müssen also nur einge- streuet werden, dabei äußerst einfach, kräftig und kurz seyn. Sind uns die Evangelien nicht bekannt? lies't sie der Lector nicht vor dem Pult? und wir wollten uns damit aushelfen, daß wir ihre einfachen Worte, an denen die Wahrheit der Erzählung haftet, mit fremdem, rhetorischen oder poetischen Schmuck verbrämen? Durch dieß beschwerliche Kunststück erreichen wir nur Eins, daß wir mit vieler Mühe in langen Phrasen unmusikalisch sagen, was an sich in seiner alten evangelischen Erzählung größtcn- thcils sehr musikalisch gesagt war: denn es ist nicht zu bergen, daß der historische Styl der Bibel, so wie Ossi an, ja jede von Kindern und einfachen Völkern erzählte Geschichte der Musik viel empfänglicher ist, gls unsre künstlichsten Necitativ-Perioden. Die ältere Kirche fügte cs also anders. Nur wenige Hauptworte nahm sie aus den Lectionen zum Gesänge auf, ließ diese in Antiphoniecn wiederkommend ans Herz dringen, als Hauptdcnkmahle der ganzen Geschichte. Dieß, dünkt mich, fcy der wahre zweckmäßige Gebrauch derselben nach Ort und Zeit: denn warum dürfte der Gemeine eine Geschichte vorgesungen werden, die sie weiß, ja die sie eben gehört hat? Und welches sogenannte mahlende Rcci- kativ könnte eine Geschichte mahlen? Aber Worte, Stellen aus der Geschichte ans Herz legen, das kann die Tonkunst. 5 . Hiemit zeigt sich also, daß die Kirchenmusik auf keine Weise dramatisch seyn 1 t L) I. Ucbcr Bild, könne, lind wenn sie dieß seyn wolle, sie ganz ihren Zweck verfehle. Auf dem Theater ist olles auf dramatische Vorstellung, Charakterschilderung, auf's Spiel der Personen eingerichtet ; liier zeigen sich, wie gesagt, keine Personen, hier wird Nichts repkaseNtiret. Es sind reine unsichtbare Stimmen, die unmittelbar mit unscrM GAsi und Herzen reden. Wollte matt biblische Geschichten dramatisiren; so gehören sie nicht für die Kirche, sondern mögen zu Hause in sogenannten geistlichen EantateN gesungen oder gespielt werden. Vor der Gemeine verliert die einzelne Person , sic möge einen Petrus oder Johannes, eine Maria oder Magdalena verstellen, nicht nur alles Ansihn mit ihrer Geberde, sondern das Wort ihrer Stimme verliert auch alle Wirkung. Dieß Wort muß ihrem Munde schon entnommen, und allgemeiner Gesang, ein Wort an alle menschliche Herzen geworden seyn: alsdann wirds eine Stimme der heiligen Tonkunst. So z. B. der Gesang Simeons , so selbst die Worte Christi, der Propheten und Apostel. Die heilige Stimme spricht vom Himmel herab; sie ist Gottes Stimme und nicht der Menschen; web ihr, wenn sie, um sich sichtbar zu macheii, ein theatralisches Gewand anlcget! Dieft Unsichtbarkeit, wenn ich sie so nennen darf, erstreckt sich bis auf die kleinsten Anordnungen und Verhältnisse der geistlichen Tonkunst. Eine Arie, ein Dti.lt oder Terzett, das einzeln glanzet, jede Sylbe, in welcher der Dichter oder Künstler spricht, Um sich zu zeige», schadet der Wirkung des Ganze», und wird dein reinen Gefühl unausstehlich, Dichtung und Fabel. iir Dramatische und Kirchenmusik sind vcn einander beinahe so unterschieden, wie Ohr und Auge. - Hieraus crgiebt sich aber auch, daß Eine die Andre nicht schmähen, oder »erachten sollte: denn sie sind und bleiben, obwohl sehr ungleiche, Schwe- stern. Es war Natur der Sache, daß aus der Kirchenmusik dramatische Musik entstand, so wie bei den Griechen aus dem Chor und Dithyramb die Tragödie ward, und diese in natürlichen Stufen fortgieng. Es war Natur der Sache, daß die dramatische Musik »ielcs gewann, wozu sie im Heilig- thum nie kommen konnte, insonderheit, ich mochte fast sagen, sichtbare Bestimmtheit. Sie Mußte an einer vorgcstclltcn Handlung Thcil nehmen , diese »orbekciten, leiten, ausdcückcn helfen; tändeln und lachen, sogar niesen und gähnen mußte sic lernen. Da sie einzelne Charaktere ausdrücken, individuelle Situationen zu beleben hatte: so ward sie auf's feinste und lebhafteste charakteristisch. Dieß alles lag außer den Grenzen der heiligen Tonkunst; sie vergiftete sich selbst, wenn sie nach solchen verbotenen Früchten greifen wollte. Dafür aber blieb ihr ihr Baum des Lebens um so sicherer, die reine a l l g e me i nme n sc h li chc Rührung; die dramatische Tonkunst selbst mußte nach seinen Blättern und Blüthett greifen, wenn sie aus's Her; des Menschen , nicht blos auf Auge und Ohr wirken wollte. Wie oft schließen wir unser Auge bei einer schönen Musik des Theaters, und mögen die Gcbcrden des Sängers, die Reitze der Sängerin nicht mit ihr verbinden! Wie oft trennen wir einen Gelang des Herzens von der ganzen Scene, in der er gesungen ward, und nehmcn ihn als ein Privat-Eigcnthum Mit uns! Hat endlich die wahre Musik sich nicht sogar über alle Instrumente ergossen, und mit jeder Situation des menschlichen Lebens gleichsam familiari- siret, ohne daß sie weder hier noch dort als Drama erscheinet? Warum müßte sie denn im Tempel dramatisch werden? „Also ist doch, wird man sagen, die wahre Musik dem Tempel jetzt ziemlich entflohen? und wird sie je in denselben zurückkehren?" Ganz entfloh» ist sie daraus nicht; und es ist wahrscheinlich die Schuld der Tempel mit gewesen, wenn sie daraus hie und da entfliehen mußte. In andern Tempeln wohnet sie noch, ob zwar unerkannt der theatralischen Welt; und wenn sie sich aus ihnen in den Meisterwerken der alteren Zeit weit verbreitet hat, so werden diese Meisterwerke von allen innigen Tonkünstlern noch jetzt auf's höchste geschätzt, in der Stille studirt, auch angewandt, wo sie irgend angewandt werden mögen. Die heilige Musik ist so wenig ausgestorben, als das wahre Gefühl der Religion und Einfalt ausstcrbcn kann; indessen wartet und hoffet sie freilich auf eine Zeit der Wiedereinsetzung und Offenbarung. Sollte ihr diese auf immer versagt seyn? Ich sehe dazu keine Ursache. Lasset drei dazu geschaffene Menschen auflebcn, und einander begegne», einen Beschützer, einen Tcn- künstler und einen Dichter; so konnte in einem kleinen Kreise schon viel werden. Der Dichter dürste selbst nicht vom ersten Range seyn; nur von einer Art, stn der er hier der Erste wäre, ein Mann, der. Dichtung und Fabel. 11Z der, mit einem Gefühl für das, was heilige Musik ist, und allein seyn kann, allen Vorcath derselben in den heiligen Büchern kennte, das alte Ritual von den Schlacken, unter denen cs begraben liegt, zu reinigen wüßte, sich von allem Hergebrachten des neueren Mvdegefchmacks entfernt halten könnte, und darnach , unserer Zeit angemessen, eine simple, große Anordnung machte. Ein Tonkünstler, der mit warmem hohen Gefühl für das Göttliche feiner Kunst diesen Tempel erfüllte, diesen Tempel belebte; ein Beschützer endlich, der diesem Allen zur lebendigen Anwendung einen Platz, eine Schule der Kunst gönnte; fetzet diese drei zusammen, und cS könnte in der protestantischen Welt geschehen, was in ihr vielleicht noch nicht gcthan ist. Ob es zu unfern Zeiten geschehen wird , ist eine andre Frage. Es werden indeß noch manche andre Zeiten kommen, und was nicht heute geschieht, gefchiehet morgen. Cacilia wird wiederkchrcn vom Himmel, und sich hie und da eines reinen, eines ganz r.inen Tempels freuen. So lange wollen wir jeden Funken des heiligen Feuers in der Asche bewahren. Ich füge ein Lob der Tonkunst bei, das im musikalischen Kunstmagazin erschienen, übrigens aber zur Ecmposition auf einen Eacilientag nicht bestimmt ist. Es ist nur eine Schilderung, ein Lob der Tonkunst. HerbersW.kit.u. Kunst. XlH. I. Ueber Bild, Die Tonkunst. Eine Rhapsodie. D I. lieber Bild, rende Melodie mich unserer Weift, eine lyrische Muse ohne Lyra. Einige Leser, die, waS eine Fabel, eine Erzählung, ei» Drama fty, sehr wohl begreifen, können nicht einsehen, was man an einem Pindar, an einem Hora; liebe. Es ist ihnen dunkel, worinn das Wesen einer Kunst un sangbarer Gesänge zu finden fty, und schreiben den Werth, den man iknen beilegt, auf die Rechnung alter Traditionen. Andre glauben, die lyrische Poesie fty nur für rohe Zeiten ; Zeiten, in denen O r p h c u s mit seinem Gesänge das scheue Wild bezähmte; Zeiten, in denen Amphi on mit seiner Lyra Theben erbaute, und andre in der Fabel berühmte Namen durch süße Gesänge dem thierischen Menschengeschlecht Gesetze, Religion, Lehre und Zucht einschmeichelten. Für gebildete Jahrhunderte fty dieser Zauber dahin; man dürste nach einem mehr abwechselnden, feineren, geistiger» Vergnügen, als das unS die einförmige Ode gewähren könne. Andre, die zwar in Arkadien, aber etwa in Einathe geboren scheinen, finden in der ganzen Gattung nicht-, als Lcyergc- sang, ein phantastisches, ermüdendes Geklimper. Sollte es nicht der Mühe werth ftyn, diesen widersprechenden Mcynnngen und Gefühlen dadurch zu entkommen, daß man sich über die Natur und den Zweck der lyrischen Dichtkunst unterrichtet? Denn am Ende sind wir doch alle Menschen , mit einerlei Organen des Genusses und Verstandes begabt, auf deren verschfidne Ausbildung auch hier alles ankommt. Dichtung und Fabel. IUI I. Auge und Ohr, die feinsten Sinne unsrer Natur, die Organe alle« Woblgefalliaen, Reizenden und Schönen, sind, wie mich dünkt, in ihrem glücklichsten Zusammentreffen dieUreltcrn der lyrischen Dichtkunst. Das Auge erfaßt Bilder; die Seele erschaff, t sich durch dasselbe Gestalten; seine Welt ist das Nebeneinander, der R a u m. Ja sollte man nicht sagen können, die Seele schaffe sich selbst den Begriff des Raumes, indem sic nämlich Bewegungen der Gestalten wahrnimmt, und sich eben hieraus durch die Folge ihrer Empfindungen das Nebencinandc r klar macht? Das Ohr böret den Schall, die mancherlei Tone, durch welche sich die Gestalten in ihrer Bewegung ankündigen; diese Folge von Empfi n- dungen gicbt der Seele das Maas der Zeit, die in unscrm Innern eben das ist, was im Aeußern der Raum vorstellct. Sie selbst hat sich diesen Begriff durch die Folge ihrer Gedanken, harmonisch mit der Folge ihrer Empfindungen gebildet. Die zwei verschiedensten Sinne also (denn welche Aebnüchkeit gäbe es zwischen Auge und Ohr, so wir zwischen ihren beiderlei Sensationen?) werden einander dadurch ähnlich, daß sie nach einerlei Gesehen, unter dem Maaße des -Raumes und der Zeit, das fühlende Subjcct bestimmen 122 I. Uebcr Bild, helfen. Eine Folge von Anscha u u n g e n wird ihrer Natur nach Modulation: vcnn die Eindrücke wechseln, sic heben, stärken, schwächen einander. Eine Modulation von Tönen setzt in jedem wohlorganisirten Wesen eine Folge von Bewegungen, mirhin von A nschauungen voraus, die eben durch jene ihren Gang ankündigtc. So schöpft die Seele auf einmal aus zwei verschiedenen Quellen; eine doppelte Welt dringt auf sic, die Welt des Gesichtes und Gehörs. Beide führt sie in sich ein, bestimmt den Raum durch die Zeit, die Zeit durch den Raum, durch's Ohr das Auge, durch's Auge das Ohr, schmelzt die Empfindungen beider Sinne in einander, und wird, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, gleichsam das Ohr des Auges, das Auge des Ohrs, die Form aller Forme n. Man verzeihe diesen metaphysischen Anfang, der uns im Gebiet der Tecpifchore manches Nächst! lösen wird. Auch in Anschauungen z. B. herrscht eine Musik; daher selbst die bildenden Künste sich den kühnen Namen des Wohllauts, der Eurvthmie nicht unrecht zugeeignct haben. Wenn sic ihre Gegenstände nicht todt darstellen wollten , so mußten sic nicht allein Leben, Bewegung in dieselbe bringen, sondern selbst in der Zusammenordnung ihrer Thcile für eine Folge glücklicher Augenblicke im Betrachtenden, mithin für eine Art Musik seiner Seele sorgen. Wiederum konnte sich die Musik mit einer Folge gefälliger Anschauungen vermählen, weil sic Bewegungen der Seele oder des Körpers, inneres und äußeres Leben ausdrückt. Terpsi- 123 Dichtung und Fabel. cbore also begleitete den Tan; , sie belebte die Phantvmime; ihr Rhythmus bezcichnete das Maas jeder Bewegung, ihre Tone drückten die Geberde, die Leidenschaft, die Empfindung aus, die das Gcmahlde allein nicht ausdrückcn konnte. So geselleten sich die Musen; Eine ward die Bezeichnen», die Sprecherin der Lindern. Wie arm ist die Welt eines Blindgebor- nen! Er Hort Töne von Bewegungen der Gestalten, die er nicht stehet; er lebt in einem dunkeln Grabe. Wie arm ist aber auch die Welt eines Taubgebornen! Er steht Gestalten und Bewegungen, deren Inneres er durch ihre Töne nicht vernimmt; er lebt in einem stummen Grabe. Der Geist des Weltalls erfand eine glückliche Organisation , in der sich beide Sinne, beide Welten verbinden. Was sich beweget, tönt; was lebt, beweget sich und verkündigt sein Daseyn; so ward die Schöpfung für den durch beide Sinne Empfindenden gleichsam ein lyrischer Hymnus. Man gehe die ältesten Hymnen durch, die der Menschliche Geist ersann, und seine Brust ausströmte; sie sind Lobpreisungen der Natur, in welchen Laub und Baum, Bach und Strom, Wind und Hauch, alle Elemente tönen. Wer in wilden oder in sausten Sccnen des Jahres und Tages je diese S y m p h o n i e der Natur empfand, und den großen Eoncent des Sicht- und Hörbaren rings um ihn her in stiller Einsamkeit belauschte ; unwillkührljch vielleicht gerieth er selbst in diesen Strom des Wohllauts, des Ausammcnklanges der Schöpfung, also daß Davids, Miltons, 124 I. Ucbcr Bild, Thomsons, Kleists, KlopstockS Melodiecn in ihm erwachten, und ihre Naturpsalmcn die scinigen wurden. Auch unser Dichter hat an mehr als einem Ort das prächtige und leise Lied der Schöpfung fein belauscht, mächtig verkündigt. Auf dem Schiff seiner Urania wetteiferter mit Klopft ocks unsterblichem Gesang, die Gestirne; von allen Sonnen, von allen Welten höret er das Eonccrt der Schöpfung. *) II. Wir betrachteten jetzt Materialien der lyrischen Dichtkunst, die uns die Sinne zuführen; lasset uns dem inncrn Subject naher treten, das diese Gcrathschaften annimmt und gebrauchet. Allem, was lebt, gab die, Natur mehr oder minder Stimme. Und wer hat hier nicht das angenehme Wunder der Schöpfung bemerkt, durch welches sich über Meer und Erde ein feineres Lust- mccr erhob, das unzahlbare Stimmen lautbar machte? War cs eine Muse, die den stummen Fisch in den Wellen zum singenden Gesicder der Lüste erhob, wie Horaz von seiner Muse rühmet? Floßfedern wurden zu Flügeln; ein heiseres Fisch- S. Seite stg. 60. und an mehreren Orten. Dichtung und Fabel. 125 Haupt ward zur Kehle der Nachtigall und der Lerche. Unser Dichter hat diese Sängerinnen im Hain-Theater, jene Träumerinnen, die uns im Frühlinge ihre Wintcrtraume erzählen, und die gleichsam der lebendige Laut, das Echo des unsichtbare» Genius der Schöpfung sind, mehrmals so schön bezeichnet, *) daß ich alle seine Philo- m el e n - G c s a n g e ausdrücken zu können wünschte. Ob ich gleich nicht der Meynung bin, daß die Menschen nur von den Vögeln ihren Gesang gelernt haben, und ohne sie dazu, nicht gelangt wären; so war es wenigstens nicht dieß mannigfaltige, schöne Chor im Eonccrt der Schöpfung, das den Menschen bei seinen höheren Kräften und Empfindungen, bei seiner gesangreichcn Kehle stumm zu scyn lehrte. Denn ihm gab der Schöpfer nicht nur Stimme, sondern auch Sprache. Da jede Sprache nun, schon ihrer Natur nach, Musik ist: so war, auch ohne Lyra und Eilher, dem Menschen mit ihr das Werkzeug ciner lyrischen Poesie gegeben. Jede menschliche Sprache nämlich hat 1. Natur laute der Empfindungen, die der Mensch theils aus sich selbst schöpft, thcils andern nachahmet. Hiemit bezeichnet er 2. Die Gegenstände, die ihm vertreten, die Bilder, die er von ihnen abzicht, die Gesinnungen, mit denen er sie begleitet; und ge- *) S. ülr. i3o. rSZ. langt damit endlich zu einer allgemeinen Charakter i st i k d e r Schöpfung. Da dicß alles nun 3. Gemäß der Natur seiner S e e l en kr a ftc, vorzüglich feiner Phantasie und Empfindbarkeit/ zugleich aber auch seinen Sprach- Werkzeugen gemäß geschehen muß; war uns hicmit nicht die lyrische Poesie als eine Blülhe der menschlichen Sprache gegeben? Denn >. Die Sprache, als Laut der Empfindung, nimmt von dieser alle Gesetze an, die sie ihr gütig oder bnrl auflegt. Sie seufzet und ächzt; sie frohlocket und jauchzet. Wie einst IntetjectioncN zu Worten wurde» ; so formen sich die Worte nach dem ActeNt, dem Rhythmus, dem Intervall der Empfindung. Dieses Wort, steigt; jenes sinktt. Dieß tritt in mehreren starke» Sylben einher; jenes verand.rt die Töne. Allem aber drücket der Charakter der Nation/ ihr Klima, die Gegend, aus welcher sie kam, die Lebensart, zu der sic sich gewöhnte, die Stufe der Eulrur, auf welcher sie steht, endlich das mächtige Gesetz des Gebrauchs und der Mode sei» herrschendes Siegel auf. Nach solchem Allem bekommt Eine Spracht klingende, die A n dre dumpfe Worte. Jene zeichnet sich durch stolze Pracht , diese durch flüchtige Leichtigkeit, eine dritte durch weiche Fülle, eine vierte gar zischend aus; und allenthalben kommt's vck- züglich auf den Ton att, in welchem man spricht, Dichtung und Fabel. 127 auf den Arcen t, den man den Wörtern giebt, auf die Modulation, mit welcher man seine Empfindungen ausdruckt. Hier thate sich eine große Pforte auf, verschiedne europäische Sprachen in Ansehung ihrer lyrischen Fähigkeit zu bezeichnen; gnug aber, jede Sprache, die ihre Laute der Empfindung , ihre Schallworte und Sylbcnmaase hat, ist ihrer Art nach einer Gattung lyrischer Poesie empfänglich. Je mannigfaltiger, starker und zarter sie jede Art der Empfindungen bezeichnet; je reinerund voller sie die Worte aushatten lasset, und die Intervalle der Empfindungen müduliret, desto lyrischer ist die Sprache. Eine einsylbige, eintönige Mundart, die die Worte verschluckt, und den Mund kaum zu öffnen waget; eine Sprache, die gleichgültig in Scbmer; und Freude weinend lacht, und lachend weinet, die endlich aus ihrer Stelle sich kaum beweget, an überflüssigen Hülfswörtern reich, an Nothwendigen arm ist; sie kann zu Vielem gut und vortrefflich sc»n, nur Apollo und die Musen habe» sie nicht gebildet. 2. Da jede Sprache durch ibreTöne außer« und innere Gegenstände, Gestalten, Bildet, Vorstellungen, Gedanke« bezeichnet; so ist es nicht gleichgültig, in welcher Ordnung diese zu bezeichnen , sie sich zum Gesetz gemacht habe. Ob z. B. die Sprache in ihren Eonstructionen dem Eindruck der Sinne und der Phantasie, oder der Abstraktion und kalten Vernunft folge, macht einen wesentlichen Unterschied im Gange und Rhythmus ihrer Bilder, in der ganzen Form des Verhältnisses ihrer Glieder. Wie anders constcuirten Griechen I. Ueber Bild, 128 und Römer! wie anders die neueren Völker, und auch diese wie verschieden gegen einander! Da ist eine Sprache, die der Phantasie folgen darf, gewiß biegsamer und lyrischer, als eine andre, die sich in den Fesseln der Logik windet. Jene darf die Gegenstände auch im Bilde folgen lassen, wie der Sinn sie ihr darbcut; sie kann eine kleine Veränderung in der Folge des Bildes blos durch Stellung der Worte mühelos bemerken. Und wenn sie, an wesentlichen Bezeichnungen reich, ihre» Bildern todte Flickworte nicht zwischenschieben darf: wie fester wird dann ihr Gang! wie gchaltner der Flug der Muke! Jbre Gemahlde werden ein Tanz der Worte, weil die Gegenstände dem Auge und Ohr der Nation ursprünglich also erschienen, und ihrer Sprache die schwebende Spur ihres Ganges eindrück- ten; da andre Mundarten wie Fels und Blei am Bodcn haften. 3. Die Sprachorgane deS Menschen endlich sind, wie die Zergliederung zeigt, ihrem Baue nach, selbst Lyra und Flöte. Sie fordern Abwechselung; der Athcm der Stimme will Absätze, Ruhe, Erholung. Natürlicher Weise sucht also die Rcde einen Umfang (xerioclum) , und dieser will Absätze (cola), Strophen. Eben so natürlich erwartet das Obr schöne Abfälle und Endungen; cs liebct eine sanfte Auflösung, und zu gewissen Zeiten ein Wiederkommen der Töne, die es gleichsam als alte Freunde aufnimmt, und als Lieblinge beherberget. Bei dieser Einheit aber begehrt es zugleich Veränderung, nicht nur in Dichtung und Fabel. 129 in den Gegenständen selbst, sondern auch im Ver- hältniß der Glieder, in welchem ihm diese zugeführt werden; es liebt einen Zug der Worte, ein immer wachsendes Vergnügen, bei welchem es zuletzt eine stolze Befriedigung erwartet. Denn nicht» ist zarter, ja ekler und gebieterischer, als das hörende Ohr; zubald wird cs verscheucht , zubald ermüdet. Die Zunge also mit allen Werkzeugen, die ihr zu Gebote stehn, hat allen Fleiß nöthig, ihre Either und Tuba so anzustimmen, daß diese wählende Hörerin nicht nur nicht beleidigt, sondern auch in wachsend-höherem, bis znm höchsten Grad befriedigt werde. Wer stehet nicht, daß auch ohne Gesang und Either in diesem Allem der Saame der lyrischen Poesie, als einer höchsten Blükhe der inenschlichen Sprathe liege? Denn was kann der Gesang zu diesem Allen Hinzuthun? Nichts, als daß er die Töne erhebe und daurend mache, daß er sie klar und schön in harmonischen Intervallen dem Ohr zuZahle. Hierin muß auch Er dem Gange der Empfindungen, so wie den Gesetzen der Sprache folgen; Er declamirt Nur höher, bestimmter, pathetischer, rührender» Was ist Gesang? als Ausdruck der Empfindung, sowohl des Leides als der Freude; Sprache der Begeisterung, die belebende Gegenstände verkündigt; Erhebung unsrer Stimme zum angenehmsten, zum kräftigsten Tonausdruck der Worte. Kann also durch de» Gesang auch ohne Instrumente die Sprache ein solcher Ausdruck der Empfindungen, eine Herders W.Lit.u.Kunst. XIH. I ANcb/e.-e. I. Ueber Bild, tZc» solche Bezeichnung lebendiger Bilder und Gesinnungen, im reinsten Umriß, im schönsten Wohllaut werden; so sind Worte Gesang, wenn sie glcich nicht gesungen wurden; gnug, daß eine Musik der Empfindungen, der Bilder, der Sprache ihr Körper und Geist ist. Was componirt die Musik nicht i Sie kann ein Zeitungsblatt componiren. Und wie sie dieß thun kann, so kann ohne ihre Beihülfe auch eine Rede Musik sepn; ja sie muß dieß vorher und durch sich selbst seyn, damit sie ihrer Beihülfc werth werde. Hieraus erklären sich die Bilder, mit denen man die lyrische Poesie oft bezeichnt. Man nennet sie einen Strom, der unvermuthct aus einer lebendigen Quelle entsprang, jetzt als ein Bach da- herschlcicht, jetzt brauset, als Wasserfall stürzt, bald wieder still in Usern fließet, und endlich sich in's Meer ergießt oder verlieret — ein treffendes Bild für die Gattung der Oden, die als Ströme der Empfindung auf mancherlei Art ihren Lauf nehmen. Oder man verglich sie mit einem Fluge, da die Muse sich aufschwingt und niederlaßt, sich zu verirren scheint, und nie sich vcrirrct, zuletzt entweder zum Orr ihres Aufschwunges zurückkchrt, oder in den Wolken verschwindet — ein schönes Bild für die Gattung der Oden, die enthusiastische Gemählde der Phantasie sind. Wie man sie sonst benenne und erkläre: die lyrische Poesie ist „der vollendete Ausdruck einer Empfindung, o d er An sc ha u u n g i m h o c h- ,,sten Wohlklange der Sprache." Dichtung und Fabel. i3l III. Es folgt aus dieser Erklärung/ daß bei verschiedenen Völkern ihre Gestalt sehr verschieden s ey n müsse: denn wie weit gehen die Gedanken - und Empsindungsweiftn der Nationen , ihre Sprachen und Tonarten aus einander! Sinnliche Völker cultiviren sinnliche; geistige Nationen geistige Gegenstände. Weiche Völker drücken weiche Empfindungen, fast in sapphischen oder anakreoulischen SylbenmaascN; härtere Völker stärkere Leidenschaften aus. Von mehreren derselben wird uns Terpsichore Proben zeigen. Manche Nationen, die wir uncultivirt nennen, haben Lieder, die an die Skolien der Griechen reichen ; und die Griechen — hier wendet die Muse traurig ihren Blick auf die verlornen Schatze dieser einzigen Nation zurück, die Natur- und eigentliche Kunstpoesie besaß, die Musik und Sprache, Tanz und Pantomime im feinsten Punkt zu verbinden wußte. Wir werden indeß noch einige Töne aus ihrer goldnen Lyra hören. Die Römer ahmten den Griechen in der Kunst des Gesanges nach; und unter ibnen war Hora; der Glückliche, der als ein Isthmus zwischen der alten, größtentheils verlornen, und der neuern lyrischen Poesie dastehet. Er verdient den Namen, den er sich giebt, komanae iifiicen Ivrae, ja wenn Z 2 1 Z 2 I. Ueber Bild, es nicht ein Wortspiel zu seyn schiene, würde ich ihn des schönen Inhalts seiner meisten Oden wegen ssurnanae sickiuen 1)'rao nennen. Er verdient den Kranz der Unsterblichkeit, den ihm die Muse reichte, Kraft dessen der Klang seiner Eicher so viel edle Seelen mitten in der Nacht einer dunkeln Barbarei geweckt hat, und sie auf Schwanenflügcln des Gesanges in eine beßre Region trug. Unser Dichter gehört auch unter diese Erweckten; daher er semen Horaz schön preiset. *) Auch wir wollen ihm Kranze winden, wenn es unsrer Hand gelinget. Die neuere Theorie der Oden ist meistens nach seinem Muster gebildet. Unter allen jetzt blühenden cultivirtcn Sprachen Europa's ist es die untere, die sich, frei von den Fesseln des Reims, und zwar nicht in unprosodi- schen Declamationen, sondern in den Sylben- maasender Alten selbst ihrem lyrischen Gesänge hat nachschwingcn mögen. Ein unverkennbarer Vorzug, der sic uns wcrth machen sollte. Und wer ist's, der ihr zu diesem Aufschwünge geholfen? Undankbar wäre cs, den Namen des Mannes zu verschweigen, der gcthan hat, was achtzehn Jahrhunderte vor ihm nicht thaten, Klopstock. Mit leichter Hand machte er das Ei Eolumbus stehend, von dem man grammatisch erwiesen hatte, daß es nicht stehen könne, weil cs keine xeävs habe. Durch Wort und That hat er es dahingebrachl, daß manche schwergereimte, ehemals hochgepriesene Ode uns jetzt *) S. 65. Dichtung und Fabel. rZ3 so gezwungen und fremde dünkt, als alten Lesern damals das leichteste griechische Svlbcnmaas in unsrer Sprache kaum dünken konnte. Damit hat er nicht nur Griechen und Römer uns naher gebracht, daß wir ihre lyrische Kunst natürlicher anschn, richtiger schätzen, anmuthiger und würdiger gebrauchen können; sondern, was ungleich mehr sagt, Er hat uns in diesen Gedanken- und Empfindungswcisen der Alten für unsre eigensten und reinstcn Empfindungen gleichsam eine neue Sprache geschaffen, und damit dem innigsten Gcmüth eine Bildung, der Seele eine Sclbsterkcnntniß, dem Herzen einen Ausdruck, der Sprache eine Zartheit, Fülle und Wohlklang verliehen, von der man vor ihm nicht träumte. Großer, lieblicher Dichter, du Sprecher der eigensten Empfindungen unsrer Seele, du kannst dein Haupt einst fröhlich neigen; in deinen Gesängen bist du ein Schwan worden, dessen Stimme nur mit den letzten Tönen unsrer Sprache verklinget. IV. Soll die lyrische Poesie Empfindungen singen, welche Empfindungen sind des höchsten Nerzes ihrer Kunst , des ganzen Wohllauts ihrer Sprache Werth? Nur ein Unedler wird diese an gemeine, niedrige Begierden, die selbst der Prose unwerth sind, verschwenden. l. Uebcr Bild, ' ^4 Soll die lyrische Poesie G e si n n u n g e », Tbaten, Begebenheiten verkündigen: so seyn es merkwürdige Thaken, große Begebenheiten, oder seltne, liebliche, intcrcssünte Augenblicke; und die Gesinnungen des Dichters darüber seyn des Gottes werth, der ihn begeistert. Die lyrische Poesie darf sagen, was die Prose nicht sagen darf; sie kann es reiner, andringcndcr, mächtiger sagen, als wenn es in eine Fabel ver- hüllt, oder in Sccnen verkleidet, uns gleichsam nur von fern zuwinket. Wohlan, sie verwalke ihr edles Amt; in ihr spricht nicht die Person des Dichters , sondern ein Gottbegeistertcr, ein Priester der Muse, also aus ibm die Muse, der Gott selbst. Warum verkleidet sich so oft und gern der lyrische Dichter? Isis nicht dazu, daß er uns zeige, er spreche nicht in seiner Person; einer hoher.» Macht zufolge habe er jetzt über höhere Dinge, in einem weiteren Gesichtskreis, aus einer tieferen Brust zu reden, als ihm vielleicht sein Stand, seine irdische Lage erlaubte. Diese will er uns vergessen machen , indem er uns Wahrheiten enthüllet, mit denen ihn der Gott begeistert Von jeher war die lyrische Poesie heiligen, öffentlichen Dingen; sie war den Göttern, den Regenten und Weisen, der guten Sache der Menschheit, dem Volk und dem Vaterlande geheiligt. Ddcr spricht der Dichter in eigener Person, öffnet er uns als solcher sein Herz und seine Seele; Dichtung und Fabel. i35 auch dann fordert die Muse von ihm, daß er unS einen reichen Schatz edel öffne. Er lud Gaste zur Unterhaltan; mir sich, aus sich, über sich ein; wie unangenehm tauscht er uns, wenn er unS in seinem Schneckcnhause einen dürftigen Haushalt, eine erkenntnißlose Seele und ein gemeines, alltägliches, niedriges Gcmüth zeiget. Unter allen Nationen waren daher der wirklich großen lyrischen Dichter immer nur wenige; manchen fehlte es daran ganz und gar. Sie sollten, wie der Seidcnwurm, das Gespinnst ihres Gesanges aus sich selbst weben; und hatten nichts in sich. Oder mit der Biene aus tausend Blumen Honig sammlen, und waren keine Bienen. Dergleichen heilige, leichte, geflügelte Geschöpfe, wie Plato die Dichter nennet, die gleich den Bienen umhcrfliegcn, und ihre Melodie aus den Garten der Musen sammlen, gab es zu aller Zeit und allenthalben nicht Biele. — Wir leben z. B. jetzt in großen Zeiten; die merkwürdigsten Begebenheiten haben wir erlebt; wie Vieles ist darüber gesprochen und geurtheilt worden; und wie Weniges möchte seyn, das, als lyrische Verkündigung der Stimme der Musen, des Ohrs der Nachwelt werth Ware! — Hieraus erklärt sich also einem großen Theile nach, weßhalb die lyrische Poesie so viel von ihrem Wcrthe verloren, und in der Achtung der Menschen tief hinabgesunken ist; sie ward nämlich von vielen schnöde gemißbraucht. Der wiederkommenden gemeinen Bilder, des Trödels von Gesängen und Gesangweisen alltäglicher Empfindungen und Gegenstände war und ist man so satt; man hat den Baum so I. Ueber Bild i36 oft rauschen, den Bach rieseln, den Donner krachen gehört; Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Mädchen, Wein, Liebe, Genuß sind in gemeinen Vorstellungen so oft besungen worden, daß man an mancher Aufschrift des Gesanges schon qnug hat, und dem Dichter auch dre etwa cingestreueten neuen Züge gerne schenket. Selbst dem Hornz rückt man Wiederholungen vor; und er war Horaz: er wiederholt sich mit der schönsten Abwechslung über einen Inhalt, von dem man nie gnug singen und sagen kann, über den fröhlichen, weisen Genuß des Lebens, Meinem Dichter, dünkt mich, werde man (so arm seine nähere Welt gegen die Welt des Horaz war,'! diesen Borwurf nicht machen können. Er umfaßt viele, große, merkwürdige Gegenstände mit einer großen Seele; und an Formen der Eomposi- tion- an lyrischen Abwechselungen und Einkleidungen ist er so reich, als irgend kaum ein andrer Dichter, Auch mit Rosen ist seine Leyer umkranzt; und das falsche Feierliche, die Mutter der Einförmigkeit und Langenweile, jener Ddengang im Reifrock auf klappernden Stelzen ist ihm ganz und gar fremde. V. Sollen die Gegenstände der lyrischen Dichtkunst, jeder im schönstcnUmriß und Wohlklan ge verkündigt werden, so hat dicß Werk seine Regel schon in sich. Energie heißt die Regel, Dichtung und Fadel. fortwährende, weich sende Wirkung von Anfänge des Stücks bis zu dessen Ende. Die Begeisterung, die den Dichter vom Boden empor, ja über sich selbst hob, so daß er sich vergißt, und nur im Gegenstände lebet; die lyrische Weise, ein Anklang der Leycr Apolls, der ihm das Ohr rühret, daß er den Gesang der Muse zu hören glaubt, und ihre Töne nur wiederholet; sie werden ihn, wenn sie gefühlte Wahrheit sind, durch das ganze Stück begleiten, und jedem seiner Ausdrücke die unzerstörbare Form geben, die für diesen Gegenstand jetzt, und für ihn allein gehöret. Einzelne Regeln hierüber vorzuschreiben, ist eben so vergeblich , als unmöglich. Jeder Gegenstand will nach senicr Weise verkündigt werden; jedes Sylbenmaas, jede Hora desselben tragt ihr eigenes Saitcnspiel rn den Händen. Der Gott in ihnen ist's, sagen die Dichter, der ihnen die Wege des Gesangs zeigt, und sic durch die verschlungenen Labyrinthe der Harmonie hindurch geleitet. D. i. Einheit des Gefühls, anhaltende, stille AuH rmrkfamkeit, Durchdrungenheit von dem Gegenstände selbst, und innige Kenntniß dessen, was zum Vortrage, zur Sprache gehöret; sie sind's, die den Gesinnungen des Dichters den Adel, die Würde, die süße Anmuth, seinem Ausdruck den Ton, den gehaltenen Tact, die reiche Modulation geben, bei deren fortwachsenden Wirkung die Seele sich zuletzt angenehm befriedigt fühlet. Da wird, wie durch eine Schöpfung von inm.n hinaus, der Gesang mit jedem Wort, mit jedem Accent und Bilde ein lyrisches Ganzes, das den, der dafür einen Sinn hat, eben sowohl als ein schönes Gcmahlde, »33 I. Ueber Bild, oder irgend ein andres vollendetes Kunstwerk mit der süßen Empfindung beseeligt: „cs ist ganz, cs ist vollende t." Wenn also Eines Theils das Hauptgesetz der lyrischen Begeisterung dieß ist: sich selbst Gesetz zu seyn, und keines andern Gesetzes zu bedürsen; so ist andren Theils dieß Gesetz, das dem Dichter der Gott auflcgt, der ihn begeistert, das schwerste von allen. Er ists, der nichts Unvollendetes duldet; die Empfindung soll im schönsten Maas ganz ausgesprochen seyn; der Gegenstand soll im reinsten Umrisse da stehn, und keine Mühe gespart werden , die ihn zu diesem Punkt erhebe. Balde, der mehreren seiner Oden den Namen Enthusiasmus übersthrieb, weil, wie er sagt, er bei ihrer Geburt mehr in einem leidenden als wirkenden Zustande gewesen, ergreift jede Gelegenheit, seinen Freunden Fleiß und Feile, als unumgängliche Mittel zu Vollendung ihrer Werke an- zurathcn. Lasset uns hören, wie er diesen Gegenstand selbst lyrisch behandelt, indem er einem jungen Freunde zeigt, wie er gleichsam sein Saitenspiel zu stimmen, und die Bilder des Gesanges zur Harmonie zu bringen habe. Da das Stück sich aber auf die lateinische Sprache bezieht, so kann ich es nur unvollkommen und verkürzt geben. Ein Lehrer und Schüler des Gesanges sind in ihm die Redner. ) S. lir». A27. u. a. Dichtung und Fabel. iZg Die Symphonie. Eh wir das Lied beginnen, laß uns, Freund, Die Saiten deiner Leyer erst befragen Um ihrer Töne Symphonie, Des Ruhmes windige Freuden begehre nicht; Wie Winde gehn sie vorüber. Der Schiffer traut Dem blauen Marmor nicht, auf den der Ostwind Furchen und Wellen grab t," Hörst du nicht, wie die Töne Feindlich streiten gegen einander? In solchem Streit erklingt der Musen Stimme nie. Tritt näher zur Mauer hinan, Damit den wiederhallenden Ton Dein eignes Ohr yernehm' und deine Hand Der Saiten Aufruhr bändige. Bor allen stimme die tiefsten Töne fest. Auf denen die höheren ruh» ; so Hebel sich Der Genius des Liedes rein empor; Die falschen Töne verklingen und goldne Eintracht tönt. „Vom Raube leben die Sterblichen; Mein Raub sey, was mit Heldenhand Dem Schicksal Tugend entreißet; Das klebrige verweht, wie die leichte Luft." I. Ueber Bild, — „Stärker als Herkules ist, Dem das hundcrtköpsige Ungeheur, Der Pöbclwahn, gebändigt Zu Füßen liegt." Die Saiten stimmen schon mehr; jedoch ermüde nicht, Den Zwist zu dämpfen, der noch in ihnen schwirrt. „Wie viel Nebel umfangen, o welche finstere Nacht drückt Unfern Hellesten Lag. Folge den Göttern nach, Die aus Nebel und Dammrung Licht aufrufen und Morgenroch." „Würdiger ist kein Schauspiel; Daß ein Gort es erschau', als der gedultge Mann, Der im Ungemach fester steht. Alle Pfeile des Schicksals Prallen zurück von ihm; er seufzet nicht." Reiche die Leycr mir her, damit ich der freundlichen Echo Eie geselle; wohlan! nun stimme das Lied an. — „Einen Helden nenne nicht Den, Der, von Beute des Krieges schwer. Jetzt der Spindel des Weibes dient; Das ist Herkules Tugendpreis, Nicht zu dienen wie Herkule s." Rücke naher hinan zu Fl accus lieblicher Weise, Lheil' in Sprüche das Lied: „Miß aus die Laufbahn, eh' du zu laufen wagst. Der ist ein Vielbesitzer, der Nichts begehrt; Wer keines Reichs bedarf, ein König; Jeder ein Dürftiger, der vom Wunsch lebt. Dichtung und Fabel. 14 r Lob, das ma» suchet, fället in Schmach zurück. Wenn Dich die Well nicht kennet, so kenne Dich. Wie manche standen, da sie lagen; Andere lagen, indeß sie standen." Genug, genug! Der Würze Auch nicht zu viel! — Beginne Gehaltnen lyrischen Flug: „Berzeuch nicht länger. Treibe die Hunnen aus Dem Baterlande. Lugend erprobet sich In Uebung, wie der Pflug im Acker Glanzender wird und geschärft durch Arbeit. Durch frühern Lod ein ewiges Leben sich Erwerben, ist kein Jahre-, kein Zeitverlust; Wer eingedenk des Vaterlandes Matt auch erlieget, ist dennoch Sieger." Im Leben dieses Dichters wird über den Gesichtspunkt, aus dem er die Alten ansah, und über seine unglaubliche Versatilitat im Gebrauch ihrer Sylbenmaase ein MehrereS gesagt werden. I. lieber Bild, '^2 VI. Aber wozu dies Alles? Welche Wirkung kann die lyrische Dichtkunst in unfern Zeiten thun? welchen Erfolg kann sie gewähren? Uns ist ein Volk bekannt, dessen Hoffnung und Glaube auf Millionen menschlicher Gewütbcr in Gegenden und Zeiten, die man die cultivirtcst.n Nennen kann, den größesten Einfluß gehabt hat. Eine Religion entstand in Judäa, die die Retterin des menschlichen Geschlechts seyn sollte; woraus entstand sie? Aus Sprüchen alter Weissagungen, die der Mund göttlicher Propheten ausgesprochen, und eine Psalmcnstimme verewigt hatte. Jahrtausende hin hielt sich an sie die Hoffnung, der Glaube; und hält sich an ihnen noch. Man kann also sagen: selbst das Ehristentbum mit allen seinen ungeheuren Folgen ist durch die Stimme lyrischer Propheten entstanden, und hält noch fest an diesem Wort. Wir kennen ein andres Volk, das ohne Widerspruch das cultivirteste der alten Welt war; wodurch gelangte es zu diesem auf alle Jahrhunderte wirkenden Vorzüge? Die Griechen waren einst wie andre Völker, ihre Sprache so roh, wie andre Sprachen ; da stiegen Musen, da stiegen Götter hernieder, und verfemten sie durch Eicher und Lnra. Mit Recht ist Orpheus Leyer unter die Sterne verletzt; sie hat mehr gethan, als Herkules Keule: sie machte den Unmenschen menschlich. Alle Genossen Dichtung und Fabel. der griechischen Kunst, Linus, Musaus, E u- molpus, Homer und wer das Saitenspiel je würdig berührte, nehmen an diesem höchsten, unsterblichen Ruhm, die Menschen menschlich gemacht zu haben, Antheil. An der Lyra entstand der Hymnus, die Epopee; an Homer bildeten sich Dichter, Weise, Gesetzgeber, Philosophen, Künstler. Aus lyrischen Gesängen entstand das Drama. Gesang cultivirte die Grieche» an Festen, an Altären , bei öffentlichen Spielen, auf dem Schlachtselde, und an der Tafel der Freude. Gesang folgte ihnen bis in's Todt.n- reich nach, und milderte dort die Schrecken deS Orkus. Was also je Gutes von der Cultur der Griechen andern Völkern zu Theil geworden ist, hatten jene ursprünglich der Lyra zu danken. Vom wohlthatigen Einfluß des Horaz auf die Bildung der Nachwelt ist schon geredet worden. Er, Boethius und wenige andre wurden auch in den dunkelsten Jahrhunderten gelesen, und streueten einen Schimmer auf die Nacht hin. Mehrere, denen Virgil zu lang, zu trocken, zu ernsthaft war, lasen Horaz in seiner kürzeren, lieblichen Weise. Selbst die christliche Poesie, so schlecht sic in den mittleren Zeiten war, sie hat ihre Wirkung aus menschliche Seelen nie verfehlet. Die Hymnen der Kirchenvater, die Kirchenlieder, die Passionsgesange haben von Alters her mehr gewirkt, als Predigten und gelehrte Commentare. ,s'-V ^ "'-7-' 144 I. Ueber Bild, Ja was erhielt den Geist, die Sitten, den Charakter aller Völker der alten Welt, der Indier, Araber, Sinesen, Galen, Gothen? Neben Gesetzen oder Gebräuchen war's die Stimme ihrer alten Gesänge. Ossi an sey hier statt aller ein Zeuge. Ein Volk, das keinen Na t i 0 n a lg e sa n g hat, hat schwerlich einen Charakter; und wie hoch es in seiner Bildung gestiegen sey , an welchen Empfindungen und Gegenständen cs am liebsten und innigsten hafte, dicß zeigt nichts so sehr, als die Art und Gattung der lyrischen Muse, die unter ihm wohnet. Und warum sollte unsre Zeit der lyrischen Pocr sie entwachsen scyn? Bedürfen wir keiner Empfindung mehr, keiner Gesinnungen im edelsten Ausdruck? Geschehen keine Merkwürdigkeiten um uns her, die in Haß und Liebe unsrer Theilnehmung werth sind? Oder sind wir so prosaisch worden, daß kein Pfeil aus dem gold- nen Köcher Apoll's an uns gedeihet? Kommen wir als Greise auf die Welt? und leben keine Jünglinge unter uns, deren neues, frisches Gefühl durchaus die Stimme der lyrischen Muse fordert? Lasset uns nicht zweifeln I Es leben Jünglinge, es schlagen jugendliche Herzen, denen Pindar und H 0- raz, denen die drei Altväter unsres lyrischen Gesanges, Uz, Gleim, Klopstock, denen Kleist, G ötz und Ramler, Gerstcnberg, Claudius, die Stolberge, Voß, Hölky, und unter fremden Nationen die schönsten lyrischen Dichter werth sind. Oft sagt uns Eine Strophe von ilmen Dichtung und Fabel. 148 thNeU Mehr, als große Scenen der Anschauung uns sagen konnten: denn sie ergreifen das Herz. In verwickelten Situationen, in Dämmerungen unsrer Seele kommt ibrc Stimme uns wie aus einer andern Welk, weckend, ausmunterud, belehrend. Mehr als Ein Jüngling empfing aus der Lyra eines Dichters einen Anklang auf sein ganzes Leben. Nor allem, was man poetische Nachahmung neNnt, habe ich große Hochachtung, mag auch nicht wiederholen, was Plato und Rousseau dagegen sagen; eine blos poetische Nachahmung aber ohne das Pünktchen der Waage, das uns auf ein Haar lehret, was wahr, gut, ehrbar, recht und schön sey, gestehe ich, ist mir die geistreichste Nachahmung ein Marionettenspiel, eine sinnreiche Maskerade. Fücchie Jugend ist mir der Mann lieber, der, wenn es auch ohne Einkleidung geschähe, uns die Bekenntnisse seiner Brust, die verborgnen Schätze seines Geistes und Herzens, als eine Ausbeute seines Lebens rein darlegt; seine Gesinnungen nämlich, wie Er die Dinge der Welt ansah, welche Grundsätze er sich aus seinen Erfahrungen bildete, wie er in Freude und Leid sich daran hielt, und sie gegen Freunde und Feinde erprobte. Weder Plato noch Rousseau wollten diese Gattung Poesie aus ihrer -Republik verbannen: denn sie ist aNdringend, Moralisch, eine Stimme der Zeiten, der Volker, und in ihnen der edelsten Menschen. Der dreißigjährige Krieg z. B. ist langst vorüber : seine Naubscenen lesen wir als einen schlechten Roman mit Grauen und Abscheu; in unscrm Herders W.Lit.u.Kunst. XIH. K Dichter hören wir die Stimme eines mitfühlenden Wesens, das diese Gräuel erlebte, und über sie zugleich die Stimme der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Großmuth, des Erbarmens hören ließ; eine edlere Stimme, als diese, gicbts nicht auf der Erde. Wo sie ertönt, rein, klar und im rechten Maas, da wird sie vernommen;'sie töne aus der Eithcr oder der Tuba. „Nur, was Zevs nicht liebt, sagt Pin dar, bebt zurück vor dem Liede der Musen, es leb' auf Erden oder im Ocean, oder sey , wie das Ungeheuer Typhös in den Tartarus geschleudert. Sonst horchl Alles der goldenen Harfe Apollo's; der Adler auf dem Scepter Jupiters lasst seine Flügel' sinken, und selbst des ewigen Feuers spaltenden Blitz löschet sie aus." Dichtung und Fadel. '47 5 . Alcäuö und Sappho» Won zwei Hauptgattungen der lyrischen Dichtkunst. i 7 S e^)eNN Horaz in einer seiner schönsten Oden sich Nahe dem Todtcnreich fand: * **) ) „er sah d i e Reiche der dunkeln Proserpina, den richtenden Aeakus und die ab ge trennten Wohnungen seliger Seelen:" so höret er auch „die Klagen der Sa pp ho zu ihrem äolischen Saiten spiele;" et hört *) Lus dem u. Bande der Tirpsichore» **) Ode »3. B. s. l. Uebcr Bild, ^ 4 » den Alcaus, „der in v o l le r e n T ö n en auf goldner Harfe das harte Ungemach singet, das er auf dem Meer, auf der Flucht, im Kriege erduldet. Beider Lied, eines heilgcn Schweigens werth, bewundern die Schatten; begieriger aber trinkt das Ohr des Hausens, Schulter an Schulter gedrängt, das Lied von den Schlachten und von verjagten T yran n e n." An mehreren Orten preiset Hora; den Lesbischen Bürger, Alcäus, der die Lyra also zu beherrschen wußte, „daß er, ein tapfrer Krieger, selbst unter den Waffen, oder wenn er das umhergetricbene Schiff am nassen Ufer befestigt hatte, den Bacchus, die Musen, die Mutter der Liebe, und ihren Knaben besang, mit ihnen auch seinen schwarzäugigen, sch w a rz lock ig e n Lykus." *) Er nennet seine Muse die drohende, so wie des Stesichorus die ernste Kamöne. Und Quintilian, dessen strengem Urthcil wir trauen dürfen, halt den Alcaus in seinen strafenden Oden des goldenen Plectrums werth; **) „ein moralischer Dichter, sagt er, im Ausdruck kurz, prächtig, fleißig, oft dem *) Ode 32 . B. r. B. r». Kap. i. Dichtung und Fabel. *49 H 0 mer gleich; auch wcnn er zu Scherzen und zur Liebe h i n a b st ei g c t, fühlt man in ihm den höheren Dichter." Sappho, die Lcmdsmännin und Zeitgenassin Alcaus, besang die Liebe in allen ihren Freuden und süssen Quaalen. „Ganz Feuer ist sie, sagt Plutarch, *) die Glut des Herzens flammt in ihren Liedern." Und Horaz: „noch athmet die Liebe, noch leben die Flammen, die das Lesbische Mädchen den Saiten vertraute. **) Alcaus und Sa pp ho , der Lesbier und die Lesbierin, können uns also für Urbilder der Ode in ihren beiden H a u p t g a t t u n g e n, der kühnen und zarten Ode gelten; und hatten wir die Gesänge beider, (da wir von der Sappho nur wenig und von Alcaus beinahe nichts haben,) ***) so befassen wir wahrscheinlich den reinsten und schönsten Kranz der griechischen Lyra. Denn werfen wir ein Auge auf den Fortgang der lyrischen Kunst bei diesem Volke; so zeigt uns dieser drei Perioden. *) >1e ainors. Ode 9. B. h. ***) Diese Reste sind in bekannten mehreren Ausgaben hinter den lyrischen Dichtern, auch von Brunk in der niedlichen Ausgabe des Ana- kreon, Strasb. 1786. 12. gesammlet. x5c> I, Ucber Bild,, I. Als eigentliche lyrische Wci'cn noch nicht erfunden waren, gebrauchte man den Hexameter, den ich nach seinen Hnuxtgestalten das Orp hi sc he und Homerische Sylben in a a s nennen möchte. Eine prächtige, vielumfassende Gesangweise; sie vereinigt Umfang, Fülle, Verschiedenheit und Anmuth. Kein Gegenstand ist ihren Tönen zu hoch, keine Lehenswahrheit zu tief und gemein; mit großer Einfalt, bei einem immer wiedcrkchrenden Ausgange, giebt sie jcdcni Bilde das rechte Maas, und ist gleichsam eine gemessene A rea des Rhythm rrs. Ucbcr sie hinaus reicht nicht leicht das Ohr ohne Verwirrung; in ihr unterscheidet es jeden veränderten Tritt des Tanzes der Sylben. In Hexametern also wurden die ersten Hymnen gesungen; diese mochten Naturgegcnstände, oder die Geschichte und Thaten der Götter verkünden. Dem Hymnus blieb der Hexameter auch vorzüglich eigen, ein heiligcr Choxtanz, der sich langsam um die Altäre bewegte. Indessen enthielt er in seinen vcrschicdncn Regionen. schon, den Saamen der schönsten Melodieen der Lyxa, die ohne ihn so abwechselnd und wohlklingend nicht entstanden wären. Viele spätere Ge- sangwciscn behielten ihn sogar noch als den Ehoran- führcr bei, und ließen ihm kleinere Verse nur folge». Sein Strom ist der Vater aller lyrischen Rache und Ströme, die wir zuletzt als verschlungene Mäander erblicken werden. Heil dem Manne, der demOhrdiesen prächtigen A mbitus erfand! war cr Orpheus, so verdiente er, daß ihm die Bäume folgten. Dichtung und Fabel. Wie die Natur ein doppeltes Geschlecht liebet: so führte man diesem Hcldcnmanne mit der Zeit eine Heldcnjungfrau, den Pentameter, zu; ibm gleichsam entnommen, und mit ausgezeichneterm Tanz in leichterer Grazie ihm zugehörig. Der ernste Anklang dieses Sylbenmaases, in der Mitte sein unerwarteter Stillstand, und dann in einem bestimm, teren Schwünge sein angenehmer Ausgang nähern ibn schon dem lyrischen Fluge. Denn indem er die maiestatische Breite des Hcramcters verengt und dem Ohr auffallender umschranket, auch einen Schluß hinter steh liebet: so entsteht zwischen ihm und dem bercilchen Verse gleichsam eine Art Ehe, in welcher sich Hoheit und Milde, Pracht und Gefälligkeit, in Empfindungen gleichsam Freude und Leid paaren. In solchen Sylbenmaascn sangen Eallinus und Tnrtäus sogar Schlacht- und Kricgsgesänge. *) Sie munterten zur Tapferkeit, zur Liebe des Ruhmes, zum Leben und zum Tode füc's Vaterland an- dringend auf; nicht im Pauken- und Trompcten- schall, sondern von Flöten begleitet, in heroisch- sanftem, e l e g i sc h e n T o n e. Der Jonische Mimnermus stimmte dieHel- den-Elegie zu weicheren Klagen hinunter. Er besang die kurze Dauer der Jugend, der Freude, der *) Sie sind einzeln und in größer» Sammlungen oft herausgegeben, auch vielfach übersetzt worden. S, Vollständige Sammlung aller Uebersetzungen der Grieche» und Römer, Franks. 178b. ibz I. Ucbcr Bild Rose des menschlichen Lebens; seine Gesänge nehmen eine zarte Empfindung, und sind unter andern auch dem Hora; sehr lieb gewesen. Solon schritt auf seiner Bahn lehrender fort; und so entstand hinter dem Epischen Hymnus, die Elegie, die der Flöte zugehörte, mithin zuletzt sanfte Klage oder belehrenden Unterricht sich ;um Eigenthum machte. In der letzten Gattung haben wir unter Theognis Namen eine beträchtliche Sammlung der schönsten Sinnsprüch e, bei denen man natürlicher Weise keinen lyrischen Flug erwartet. Die erste Periode also, die ich die episch- elegische nennen möchte, war eine Vorbereitung zur eigentlichen lyrischen Gattung, deren Stelle sie damals schon vertrat. In dieser Periode that sich ein kühner Sänger, Archilochus mit wüthenden Jamben hervor, und machte einen neuen großen Schritt zur lyrischen Dichtkunst. Sein Jambus, der in später» Zeiten nicht blos auf dem Theater, sondern auch in lyrischen Gefangen auftrat, dringt wie ein Kriegsheer vor, das kurze Schwert in der Hand; mit jedem verdoppelten Schritt fürchterlicher, unaufhaltsam. Diese Gattung ist die schärfste Würze der lyrischen Dichtung; vortrefflich gegen die Faule, vielleicht auch gesund; sie muß aber mit weiser Behutsamkeit gebraucht werden. Da nun Archilochus mit dem Drcitakt auch die geschwindere Ucbergange aus einem in den Dichtung und Fabel. i53 andern Rhythmus erfand, woraus die Ep öden von selbst folgten; da er seine lebendigen Jamben nickt nur in bloßer Declamation von der Lyra begleiten ließ, sondern sic theilwcise auch lyrisch machte, mithin Sprache und Musik in größter Biegsamkeit zusammcnfügte, so konnte nach selchen Vor- schrittcn, zu welchen mehrere Tonkünstler, die damals auch Dichter waren, mithalfen, bald eine zweite Periode der lyrischen Kunst entstehen, die ich, ihrer Urheber wegen, die Lesbische Kunst nennen möchte. II. Auf Lcsbus nämlich, nahe dem glücklichen Jonien, wo so viele Epische und andre Dichter gesungen hatte», blühte Tcrpandcr auf, der die Lyra mit drei Saiten vermehrte, und ihr, wie es scheint, eine Schule stiftete. Des Lcsbicrs, Arions, Name ist in der Fabel berühmt; A l- caus, Sappho , und ihre Freundin Erinna erfanden oder bearbeiteten Gcsangweisen, die der eigentlichen Ode gleichsam Flügel ertheilct haben, und ihre ewigen, süßen Vorbilder worden sind. Den Römern gieng es, wie cs uns geht; sie konnten sich in die verwickelten Gesänge des Ehors der Griechen, Pindars oder gar der Dithyramben entweder nicht finden, oder sie nur mit Mühe nachahmcn. Aber die lesbischen Gesänge Alcaus, der Sappho, und ihrer Genossen bequemten sich ihrer, bequemen sich unsrer Sprache. Jedes dieser Sylben- maase ist mit einem eignen Charakter bezeichnet; alle aber beeifern sich dahin, das sie Starke und Milde, Schwung und Senkung, Auf- und Abspannung der Töne angenehm mischen und damit I. Ucker Bild« ,54 der lyrischen Strophe gleichsam einen Kranz flechten. Daß B. keine Strophe der andern gleich ist, daß in jeder die Cadcnz, der Abschnitt und Periodenbau wechselt, daß Strophe in Strophe angenehm hinüberlauft, und sich damit die einzelnen lyrischen Kranze selbst in einander winden, daß jede Gattung der Gegenstände und des Affects ihr Metrum bis auf die Wahl und Stellung der Worte, im Maasc der Bilder und Sylben, in Abschnitten und Ruhepunkten mit cineni eignen Geiste belebet; diese und andre Schönheiten des Ausdrucks wird sich das siincr gebildete Dbr, bei diesen Sylbcnmaastn selbst sagen. Die griechischen Grammatiker sind in Entwicklung derselben oft so fein, daß unser vielleicht bartrer Sinn, dcr von Kindheit auf an eine andre Sprache gewöhnt, und des lebendigen Vortrages jener alten Gesänge unkundig ist, sie zu begreifen oft Mühe bat, und was sie mit Entzückung bemerken, hie und da kaum wahrnimmt. Außer dem Angeführten halfen insonderheit drei Dinge bei den Griechen der lyrischen Kunst auf: der WechseIges ang, die Sk 0 lien , üind Wettkampfe dcr lyrischen Muse< Der Wechsclgcsang, (er töne zwischen Hirten auf dem Felde, oder zwischen Chören am Altar,) liebt wiederholte, A m öbaische Verse. Ein Hirt muntert den andern, ein Chor ruft das andre auf; so kommt ein gegebenes Thema, so kommen angenehme An- oder Ausklange wieder. Der lange Gang des Hexameters wird unterbrochen; Dichtung und Fabel.. i55, der Gcsanq antwortet dem mit ihm streitenden Echo,, und nähert sich dadurch der Strophe. Die Skolien oder überhaupt die Lieber der Griechen, die sie nicht etwa nur beim Wein und der Tafel, sondern auch bei andern Gelegenheiten, fast bei jedem Geschäft des Lebens sangen, trugen zur höheren lyrischen Poesie noch mehr bei. Aus angenehmen, kurzen Eadenzcn entsprossen, (deren j.de Nation nach Art ihrer Sprache und Sitten einige hat,! konnten unter dem griechischen, inson- deckest jonischen Himmel, und bei der Lebensweise dieser freien, fröhlichen, leichten Menschen sie nicht anders, als fröhlich ertönen. So halte ich z. B. das A n a kre o n t isch e Svlbenm a a s für Eine vielleicht der ältesten griechischen Lieblingsweifen, ob ihm gleich ein spät, rer Dichter, der in ibm am glücklichsten sang, den Namen gab. Es hat bei seiner lieblichen Einfalt cm so schönes Maas, sowohl zu Aufstellung eines Bildes, als zum Ausdruck einer leichten, fröhlichen Empfindung, selbst wenn diese am Witz und Scher; hinausgeht, daß ich es einen Ve i l c h e n kr a n; der Lyra, dic Ionische Blume des Gesanges nennen möchte. Die Naivetät des Tejsschcn Greises, Munterkeit und Einfalt ist fein Charakter. — Aber die griechische *) la Nauze. Abhandlung von den Liedern der Griechen, von Eb exr übersetzt, hinter Hagedorns Oden und Liedern ist uns Deutschen elastisch worden. i56 I. Ueber Bild, Skolie blieb nicht bei dieser spielenden Jugendeinfalt; auch in Sylbenmaascn wand sie reichere Kränze, weil sie in Empfindungen zu reichern Gegenständen ausstieg. Denn was besangen die Griechen in ihren Skolicn nicht? Götter und Helden, Freiheit und Freundschaft, Tugend und Vaterland, Genuß des Lebens, so wie Aufopferung, Beruf, Pflicht; Pflicht und Würde in allen einzelnen Bcrufsartcn und Ständen. — Götter und Helden wurden gepriesen; der Freund geliebt, getröstet, ermuntert; der Feind gehaßt, der Tyrann verfolget. Da sehe ich z. B. jenen Jüngling Kallistratus den Myrthcnzweig, (das gewöhnliche, an der Tafel umbergchende, Zeichen des Saugers) ergreifen; und welche Anwendung macht er von diesem Zweige? In die Myrthe will ich mein Schwert verbergen, Wie Armodius und Aristogeton, Die den Tyrannen niederstürzten, Und Athen die Gesetzesgleichheit schenkten u. ft In einem Volk, wo dergleichen Lieder Tafel- Impromptus waren, konnte wohl ein Insulaner, Alcäus, aufstehen, und die Schlachten, die verjagten Tyrannen, in volleren Tönen singen. Unter «mein Volk, wo die Liebe öffentlich verehrt ward, durfte auch Sappho die Glut ihres Herzens der Lyra schenken. III. Mit den öffentlichen Wettkämpfen gelangten wir zur dritten Periode der lyrische» Kunst, von der wir künftig reden werden. Jetzt bleiben wir bei der Vlüthe des Gesan- Dichtung und Fabel. r 57 ges, ehe sic sich ganz entfaltet; Alcaus und Sapuho stehen als Muster seiner beiden Hauptgatt ungen vor uns. 2. Musik und Sprache nämlich, sofern sie Wetten bewegen, können dieses auf zwiefache Art thun, indem sie Empfindungen aufrcgcn, und daS Gemüth gleichsam über sich selbst erheben, oder indem sie solche niederlegcn und besänftigen. Ein Drittes, daß die Empfindung schwebend erhalten wird, liegt in der Mitte, die aus den beiden Enden der Kunst von selbst folget. Zuerst also. Wenn mit jedem Gange der Töne, als einer Bewegung, eine Bewegung des G e- müths verbunden ist, so muß, wenn diese Töne in Intervallen au f wä r t s ste i g en, das Gcmüth mit ihnen steigen. Der Ton hat es aus seinem Schlummer geweckt, leise oder schrecklich; nur mußte auch das Schrecken, sofern es die Kunst gebraucht, in den Granzen der Kunst bleiben, und kein wildes Getümmel werden. Bey Hora; und den Griechen werden wir sehen, wie bescheiden sie sich kühner Anfänge bedienen, indem sie ihren prächtigsten lyrischen Tempeln Säulen und ein Portal vorbaun. Auch der Assect der Furcht, der leisen, immer wachsenden Furcht mußte einen edleren Zweck haben, als daß i53 I. Uebcr Bild, er in sinnlose Klcinmuth oder in Verzweiflung das Gemüth stürzen wollte. Entschluß ist dieser Zw ck, der nicht erreicht werden kann, als durch wachsende- stark- und starker anhaltende Vorstellungen und Töne; mit deren Fortgange gleichsam die innere Kraft der Seele sich gestärkt fühlet. Ein reines- ich möchte sagen, cin G ö t t er ver gnü g e n ist's, wenn hinter allen bestandnen Kämpfen und Stürmen das Gemüth sich im Besitz einer neugewonnenen Ansicht der Dinge, oder eines muthigen Entschlusses, als eines unzerstörbaren Gutes weiß und erfreuet. Diese Oden gehören zur prächtigen Arr, dem der Rede; sie liebet eindrückliche, langtönendc Worte, einen Siegsaufzug der Gedanken - eine Festigkeit und Härte der Eomposition - die jeden kleinfügigen Aierrath verachtet. Das Gewicht, die Majestät der Rede, der prächtig-auffliegende Federbusch (o>>cö^) ist ihr Charakter. Wie Wellen auf Wellen, drängen sich Vorstellungen, Bilder, Figuren auf einander, bis das Gemüth, über ihnen binaus, sich am Felsenuser , der Adler, über Stürme und Wolken erhoben , sich auf dem Fclscngipfel fühlet. Der m u- thige Entschluß, die Th a t , das Helle E p i- phonema steht da; der Gesang ist geendet; ein errungncr Kranz, den uns der Dichter darreicht, den sich die Seele selbst windet. Das prächtigste Bild dieser Vollendung war der Pythische Nomus, ein gewöhnlicher Wettkampf der griechischen Tonkünstler und Lichtet; er bestmrd aus fünf Theilen. Im ersten rüstete sich Dichtung und Fabel. iZ9 Apollo zum Kampf; im zweiten forderte er den Drachen heraus; der dritte enthielt den Streit; der vierte den Sieg des Gottes, der fünfte ein tanzendes Siegeslicd. Wir werden von diesem großen Bau noch einige Reste in lyrischen Gesängen der Allen wahrnchmen — Wo aber auch diese Vollendung in ihrer ganzen Größe nicht erscheint, ist eine Annäherung zu ihr merklich. Der P a a n muß stehen, bis er den Gott erweicht fühlt; dann verlasset er muthvoll den Altar. Das Kciegslied muß den Schritt des Heers bis zur Zuversicht des Sieges starken. So auch jede moralische Aufmunterung; sie erhebet die Seele zur Festigkeit, zur G e- wißheit, mindestens zur ausdaurenden Hoffnung. In Zeiten der Gefahr, des Angriffs und eines großen Unternehmens sind diese Gesänge von unbeschreiblicher Wirkung gewesen, wie die alte und neue Geschichte zeiget. Glücklich, wenn die Musik, die den Muth aufregt, nicht wild, sondern menschlich macht, und wah r h a.fte r h a b e n e n Gesinnungen cinstößt. Die Töne wirken alsdann mit einer beglückenden Allmacht, da ohne Sprache der Musen der Krieg cin Thiergemetzel scyn müßte. Nicht so erfreulich als die Ode des Muths ist die Ode des Unmuths, wenn sie sich an ihm als einem Ziel endet. Indessen giebt es Felsen und Dämme der menschlichen Zustande, da für den Augenblick dieß Ziel das höchste ist, an welchem sich sodann die berstende W>lle desto prächtiger hinan- I. Ucbcr Bild, i6o schleudert. Tausend brechen sich hinter ihr, und ihre Kraft war doch nicht vergebens. Es giebt einen edlen Unmuth , vielleicht die höchste Summe der Menschenfreundschaft; der eben deshalb sich weder in Aristophanischen Scherz, noch in Archilo- chische Satprcn auflöset, sondern wie die Muse des Trauerspiels, oder wie die gcwaffnctc Pallas mit ernstem Blick dasteht, und zürnet. Diese Odcngattung ist von einer fürchterlichen Grazie (cHy beseelt; je stiller und ge- haltner ihr Zorn ist, desto starker trifft ec. Noch stehen jene ernste Gestalten der Vorwelt, die man Propheten nannte, vor uns; Alcäus drohende, Stc sicheruS schwere Kamöne ist zwar verschwunden , aber auch im höflichen H 0 raz sind seine strafenden Oden gewiß nicht die schwächsten. In Uz und Klop stock sind Stücke voll so edlen patriotischen Unmuths, daß sie, obgleich zum Theil vor fünfzig Jahren geschrieben, noch jetzt von sammt- licher deutscher Jugend auswendig gelernt werden sollten. Und wenn ich dieser Reihe patriotischer Männer meinen Dichter bescheiden zugesellen darf: in ihm sind Oden des Mut Hs, des Entschlusses, des edlen Unmuths enthalten, die ihn des Namens eines deutschen Alcäus wohl werth machen möchten. Allenthalben drangt er zum Ziel, und setzt das Gcmüth in sich selbst fest; bereitet Muth im Unglück, unauslöschbaren Haß gegen Frevel, Willkühr und Sittenverderbniß, ohne sich dennoch freche Anzüglichkeit zu erlauben. Bon dem stärkenden Tranke, den er uns darrcicht, werden unsre Augen wacker, unser Herz frisch: denn er ist geschöpft Dichtung und Fabel. r6r geschöpft auf den Höhen des Rechts, aus dem Quelle der Wahrheit. Oden, die mit der höchsten Freude, mit Jubel und Halleluja!), so wie andre, die mit der feinsten Lehre endigen, gehören auch zur Erhebung der Seele, zur aufsteigenderr Odengattung; nur haben sie einer besondern Weisheit nöthig. Eine Freude, die uns blos von außen kommt, ist so lange ein fremdes Geschenk, bis sie uns eigen wird, und unser inneres Glück befestigt- Eine Hoffnung, die wir von außen erhaschen, betrüget oft, und verfliegt mit jedem wehenden Winde. Oden also, die über äußere Zufälle nur lobjauchzen, lassen uns meistens kalt, und wenn cs Dithyramben waren: denn die Natur des Menschen ist einmal so eingerichtet, daß sie sogar lieber am Sch mc rz des Andern Theil nehmen, als sich über ein äußeres, fremdes Glück müßig erfreuen wollte; zur Mithülfe , zur Thätigkcit ist sie gebildet. Vollends die Gl ü ckwünsch u n g s - Ode n sind Blümchen des Tages, oft schon am andern Tage verwelkt, wenn sie nicht ein Tbautropfc des Herzens, wie ein himmlischer Nektar befeuchtet, oder eine künstliche Hand sie auch als verwelkte Blumen angenehm zu machen wußte. Die sogenannten Lehr öden können auch nichts anders, als Oden des Muthes seyn. Nicht aus der Spekulation, sondern aus der Erfahrung mußten sie hervorgehn; alsdann auf eine lebendige Situation oder auf ein Beispiel der Geschichte gegründet, schreiben sie sich in Herz und Seele selbst ein. Herders W. Lit.u.Kunst. XM. L l62 I. Ucber Bild, Zweitens. Die h e ra b sti m m c n d e, besänftigende Gattung der Gesänge ist von einer gefälligen Art: denn selten läfset sich der Sturm eines aufgebrachten Gemüthes durch einen Sturm der Worte bezwingen; er will den Sonnenblick der Vernunft, den erwärmenden Zuspruch eines liebenden Herzens. Kaum Einmal hat cs Horaz gewagt , ein wüthendes Volk mit einem Zuruf zum Schweigen zu bringen; und doch konnte er's auf solchem Wege nicht mehr als beschämen. Seine Römer stehen erstaunt; sie erröthen. Nur die Stimme der Ueberzeugung ist's, die durch ihr Beispiel Ruhe gebietet; sie stillet den chaotischen Lärm, indem sie Harmonieen hervorruft, und damit die Hölle selbst bändigt. Darf ich abermals unfern Dichter anführcn? Mit einer Stimme der Macht und Liebe gebietet, erflehet, erschmeichelt er seinem verworrenen Vaterlande Eintracht, seinem bedrängten Vateclande Frieden. Die Stimme des Mitleids fordert einen noch sanftem Ton. Der Hauch der Liebe endlich crtragt durchaus keine Stürme. Liebe will G e- genlicbc, oder vielmehr sie setzt solche voraus, und sucht den schlafenden Funken nur zu erwecken, daß er sich selbst suhle. Wie flehend ist der Sap- pho Gebet um die Beihülfe ihrer Göttin! welche stille Gluth haucht ihre Ode im Anblick des Geliebten! So jedes ihrer kleinsten Fragmente. Die Oden des Horaz, die diesen Gegenstand betreffen, sind zwar nicht v^oll Sapphischcn Feuers, aber voll Artigkeit, Grazie und Anmuth. Die Oden unsres Dichtung und Fabel. i63 Dichters, die zu dieser Classc gehören, ctthmen den Hauch einer himmlischen Muse. Ich würde, da ich von Lesbiern zu reden anfing, auch die sogenannte Lesbische Regel zu gebrauchen scheinen, wenn ich mehr in's Einzelne ginge; der Lesbischen Regel nämlich ward der Vorwurf gemacht, daß sie, statt Dingen ein Maas zu seyn, sich selbst den Dingen anmesse und bequeme. Nur sieben Töne hat die Tonkunst; die Mclodieen aber, die Gange und Modulationen, die innerhalb dieser Intervalle von einem glücklichen Künstler hcrvorgcsunden werden; wer könnte, wer wollte sie zählen ? Der unglücklichste ist der, der regelmäßig immer auf derselben Saite umherirrct, und keine, als die Melodie der alten Langenweile herausfindet. Neuheit gefallt, das Unerwartet-Vortreffliche entzückt; Scherz und Grazie wollen nichts Gemeines. Drittens. Hiemit kommen wir auf die Wirkung zurück, die Horaz den Gefangen Alcaus und der Sappho, selbst im blutlosen Schattenreiche zuschreibt. „Sic waren werth der heiligen Stille, die um sie herrschte. Beiden Sängern horchte bewundernd die Schaar; enger aber drängte sie sich zusammen, Schulter und Schulter, wenn Alcaus sein Lied san g." Sagt uns diese schöne Fabel nicht manche treffende Wahrheit? L 2 I. Ueber Bild, 164 I. Der Schall gebietet Aufmerksamkeit; der Gesang weckt die Seele, und reißt das Herz an sich. Woher der Unwille, den wir empfinden, wenn einen Gesang, oder irgend sonst die Vorstellung eines Werks der Musen-Geschwätz unterbricht? Nicht etwa nur fühlen wir unsre Aufmerksamkeit widrig gestört; wir empfinden cs allgemein, daß bei Unge- weihten die Kunst ihren Zweck nie erreiche. Das „Hinweg, unheilger Pöbel! ich hasse die Hst' womit sich der lyrische Dichter ankündiget, schwebt uns auf der Zunge, das wir mit dem gelindem „Duvets linZnis!" vertauschen. Die Geschichte Orpheus mit dem Cerberus kommt uns in's Gedachtniß. Schon dies Gebot der Aufmerksamkeit rst eine Wohlthat der Musen. Aus unsrer Trägheit, aus einem alltäglichen Gcdankenschlummcr werden wir erweckt, um eine fremde, höhere Stimme zu hören. Bisweilen kann uns dies unangeucbm ftyn; sodann entferne man sich, und setze in beliebter Einsamkeit oder in Gesprächen seine Gcdanken- reihe fort. Auch meinen lyrischen Dichter lege man gütig aus der Hand, wenn in einer etwaunigen Mißstimmung man eine fremde Stimme zu hören nicht Lust hat. Er erwartet ein freundliches, ein liberales und freies Gemüth, oder wenigstens eine Seele, die sich des Traums, der sie umhüllet, der Bürde, die auf ihr liegt, aut einige Augenblicke zu entheben bereit ist. Dichtung und Fabel. i65 Mit allen Vorstellungen der Muse Kat dieses die lyrische Dichtkunst gemein, daß sie zu ihrem Vorträge freie Seelen fordert, und es darf ihr gewiß zu keinem befondern Vorwurf dienen, daß bei einer widrigen Stimmung des Gcmüths oder bei klang- und tonlosen Seelen ihr Gesang nicht wiederhalle, oder wie man sagt, der Ton des Dichters nicht anschlage. Nicht am Dichter, sondern am Hörenden liegt hier die Schuld; wie solches die Fabel langst bemerkt hat. Sie erzählt, daß allen, denen die Götter unhold sind, der Gesang der Musen nicht gefalle, und daß Tiphöus unter der Last seines Bergs sich sogar dabei krümme und Schmerzen empfinde. Sie erzählt aber auch, daß, als Orpheus sang, die Eiche ein Ohr empsieng, daß Jpions Rad stille stand, und die Danaide n ihre unselige Mühe vergaßen. Wenn, wie mehrere bemerkt haben, der Mensch sich nur dann am behaglichsten fühlt, wenn cr nicht zu scharf an sich denket; so müssen wir jeder Kunst danken, die uns nicht etwa blos zerstreut, sondern uns aus uns selbst hinauszieht, und an etwas Großes, Würdiges, Schönes heftet. Die fortschreitend, d. i. energisch wirkende Muse thut dieß am kräftigsten, oft sehr gelinde und unbcmerket. Ein Gemahlde gehe ich vielleicht vorüber, und sehe es nicht; oder lasse, was ich bemerken sollte, mit Fleiß unbcmerket. Es spricht, sagt man, nicht zu mir: es stehet außer mir da. Der Ton , der in mcin Inneres dringt, spricht oft auch wider meinen Willen zu mir; ein ungestümer, obgleich wohlthatiger Freund. In Kurzem hat er mich i66 I. Ucber Bild, mir selbst entnommen; mein Herz ist in seinen Händen. Wie manchen Roman, wie manä)es Drama, Buch, Blatt und Rede begannen wir, unvorbereitet, äußerst kalt: es kostete uns Mühe, uns in die Welt des Dichters, des Redners, des Philosophen hineinzusctzen, hinejnzudcnken. Kein Borwurf für den Urheber des Werkes. Nur dann war sein Zweck verfehlt, wenn er uns auch im Verfolg nicht hineinzuziehcn vermochte, und am Ende gar mißvergnügt entließ. Auch dann aber traf die Schuld nicht die Kunst, sondern uns oder den Künstler. Er war kein Orpheus, oder wir waren Sand, aus welchem kein Ton zurückhallcn konnte. 2. Wie Luft und Schall, so sind Sprache und Töne das Medium, das empfindende Wesen verbindet. Wohl kann es seyn, daß der Dichter mit Zufriedenheit sage: „ich singe mir selbst und den Musen;" seine Flöte tönt, unbekümmert, ob sie der Nachhall oder ein menschliches Ohr vernehme. Hindern kann er es indessen doch nicht, daß die Echo sic nicht vernehme, daß ein menschliches Ohr sie nicht belausche: noch weniger kann er die Töne verstummen machen, die gleichstimmig oder widrig in Menschenhcrzen schlummern. Für diesen Concent von Harmoniken und Disharmoniecn, für die Symphonie und Antiphonie menschlicher Empfindungen hat die Natur gesorget. Sie war's, die dem Dichter vorarbeitete, und wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, in deren großem Webestuhl er wirket. Alle kleinen egoistischen Dichtung und Fabel. 167 Zweifel von Wirksamkeit oder Unwirksamkeit des lvrischen Gesanges auf cultivirtc Denker verschwinden vor der lauten Stimme der That, dem großen Eoncert in allen menschlichen Gemüthern, so lange diese aus der ganzen Natur sich noch nicht hin- ausgedacht haben. Und diese Eintracht der Stimmen, diese Har- mbnie des Vergnügens in gemcinschaftlich-cmpfun- dcnen Gedankenformen und Regungen des Gemüths, sic ist der Ocean, aus dem der lyrische Dichter rudert. Sprache hat die Menschen gebunden, und für einander gebildet; sie entriß jeden Einzelnen dem stummen Grabe seiner eignen Existenz und Gcdan- kenweise. Musik trug ihn auf ihren Flügeln noch höher empor, indem sie ihm fremde Empfindung s - und G e dan ke n we i s en zauberisch ein- drücktc. Gleich denkend, mit einander fühlend, bleiben Menschen einander nicht mehr fremde, sobald sie Ein Aether umfangt, Ein Hymnus belebet. An Einer gemeinschaftlichen Regel lernen gleichsam ihre innersten Lebensgeister den Takt und Ton einer edlen Em p fi n d un gs- und Denkart, indem viele an der Denkart eines Einzigen Theil nehmen. Sey cs ein Mensch oder Genius , der also sang; gnug, er dachte , er handelte also; seine G ed anken w ei se ist der Sprache ein- verlcibet, und klingt wieder. Was ich an Homer, Pin dar, Horaz und andern lernte - warum sollten es nicht auch andre fühlen? Von jeher war die Lyra ein Sinnbild der Eintracht, der Ucbereinstimmung des Mannigfaltigen zu Einem, nach Maas, Zahl, Ordnung, Fortgang, auf eine i68 I. lieber Bild, unerwartete, anmuthig - zarte Weise; dies Sinnbild war sie und wird sie bleiben. Auch der Verstand und die Vernunft haben ihre Lyra; Wahrheit klingt in jedem menschlichen Gemüth wieder. Was unterscheidet Völker mehr von einander als das Medium ibrcr Gedanken, in welches sie den Ausdruck ihrer Sitten, den Ausdruck ihrer Empfindungen, ihrer Ansichten der Dinge, ihrer geheimsten Lieblingsneiqungen gebracht haben, ihre Sprache? Indem sie diese einander mittheilen, erziehet sich die Nation; in ihrer Sprache wird sie cha^ ra kte ri st i sc h gebildet. Nun umfassen der Materie nach alle Sprachen ohngesahr einerlei Bedürfnisse und Gegenstände; der Form nach aber, wie jede Nation die Gegenstände ansah, und den Bedürfnisse abhalf, wie weit geben sie hierinn aus einander! wie weit geht hierinn eine der andern vor! denn eben in dieser Form liegt es, was V i l- dunq der Nation heißet. Wer also behauptete, daß die edelste lyrische Poesie für eine cultivirte Natftn nicht gehöre, sagte eben damit, daß diese Nation in den reinsten und zartesten Empfindungen noch nicht cultivirt fty; denn sonst müßten eben diese Gedanken- und Emp fin du ngs for m cn, aus dem Innersten ihres Herzens genommen, ihr nicht nur einheimisch seyn, sondern auch Lieblinge seyn und bleiben. 3. Dem lyrischen Gesänge schwebt also ein immer wachsen des Ideal vor; ein Reichthum der edelsten Gedanken- Dichtung und Fabel. 16g und Empfindungs weisen im wohlklingendsten Ausdruck. Jeder, der die Dichtkunst liebet, hat seine Lieblingsdichter; wer wünschet sich aber bei diesen nicht manche Stücke weg? An andern nahm er weniger Tbcil; und vielleicht die wenigsten wurden seine Gedanken- und Empfindungs weisen. So manches z. B. hat man mit Recht und Unrecht an Horaz getadelt; einige seiner Stücke aber, in andern einzelne Sentenzen und Strophen sind und bleiben allen Nationen die Licblingscadenzcn ihres Ohrs, die Sittensprüche ihrer Muse des Lebens. Skaliger, der über mehrere sehr frei urthcilet, fand einige, die ihm alle Hoffnung, dergleichen hcr- vorzubringen, nahmen; und unter allen zwei, die „süßer als Ambrosia und Nectar," er lieber com- ponirt haben wollte, als alle Pytkischcn und Nemei- schcn Oden Pindacs, ja um deren Eomposition er, König in Spanien zu scyn, gern aufgäbe; cs sind die Oden. tu lVlelxonrens, und Ooner xratus srsut tiki. 'Andre werden mit minderm Enthusiasmus andre wählen ; kein alter Dichter aber hat auch unter Männern von Geschäften so viel Liebhaber gehabt, und sich erhalten als Horaz. In ihm wohnt die Grazie des Lebens. — So die Irrischcn Dichter andrer Nationen. Der Gesang mancher verhallete; gewähltere, schönere Formen der Empfindung , angemessenere Gedankenweiscn löseten die vorigen ab, die indeß zu ihrer Zeit auch nicht ohne Verdienst waren. Aus Liedern der besten Dichter verlieren sich Strophen, die man nicht mehr singet; und überhaupt hat alles, was zur Sprache gehört, I. Ueber Bild, ^ 7 » gleich dem Laube des Waldes, seinen Frühling unb Herbst, nach Horazens Ausdruck. In diesem Kranz indessen auch nur mitzu blühen, ist rühmlich ; nur in einigen Gcdankcnweisen auf seine Nation zu wirken, und mit seiner Flöte den Gang ihrer Empfindungen zu stimmen, ist Etwas. Mehrmals hat man die Frage ausgeworfen; „woher es komme, daß auch unangenehme Empfindungen in der Nachahmung des Dichters angenehm werden?" und hat sic theils witzig, thcils verständig beantwortet. Natürlich liegt die Antwort in der angenehmen Weise des Dichters. „Ost, sagt Pindar, tauscht ein Mahrchen im bunten Fabelsch» uck, mehr als die Wahrheit, der Sterblichen Herz. Der Dichtung Grazie ist's, die dem Menschen Alles versüßt." — Statt einer so allgemeinen Frage ist's nützlicher, auf das Maas und die Grade der Mischung zu merken, nach welchen uns in den Händen der Muse das Unangenehme schön , das Bittere süß wird: denn daß dieses seine Grenze, seine Schranken habe, zeiget uns, insonderheit mit der Musik vermählt, die lyrische Dichtkunst. Wessen Nerven sind nicht oft durchschnitten worden, wenn zwei Künstler, einer durch den andern verführt, die Affectcn der Furcht, des Grausens, des Schreckens, des Schauders, der Angst, der Verzweiflung zu lange festgehalten, oder übel gemischt und schlecht aufgelöset hatten? Wer erröthete nicht, wenn er die rührendsten Tone und Lonweisen an die schlechtesten Worte verschwendet, und mit den niedrigsten Empfindungen vermählt sah? Wer fühlte nicht seinen Busen in Aufruhr und zu- Dichtung und Fabel. letzt alle seine Glieder zerschlagen, wenn er die lyrische Bühne zur Frevel- und Lastecbude erniedrigt sah? Widrige Empfindungen solcher Art macht kein Honig der Musen süß; vielmehr wird unser Herz zerrissen, wenn man in jedem Augenblick die süßeste Gabe der Götter, die Musik, so mißverstanden, so entweiht sicht. Könnte cs überhaupt ein reineres Ideal geben, als was der lyrischen Dichtung vorschwcbet? — Der Eher der alten Schaubühne hatte nach Horaz *) die Rolle, Den Guten hold zu seyn, sie zu berathen, Im Zorne sie zurückzuhalten und Im Kampf der Leidenschaft und Pflicht zu unterstützen. Er preis' uns an, die lcichtbesetzte .Tafel Der Mäßigkeit, und das heilsame Recht, Das Glück des Ruhestands bei offnen Thoren. Was ihm vertraut wird, wiß' er zu verschweigen; Auch wend' er öfters an die Gbtrer sich Mit seirlichem Gebet und flehe um die Rettung Der unterdrückten Unschuld und des Stolzen Fall. Dies war die Rolle des Chors der Alten; der lyrische Dichter hat keine Rolle; seine P,rson verschwindet; denn durch ihn singet die Muse. Cr 's Unrat, cle arte poet, nach Wielands lieber- setzung. 172 I. Ueber Bild, ic. wähle sich also mit der schönsten Form des Gesanges auch den edelsten Inhalt. Möge dieser unsre Seele zu Muth oder Unmuth, zur Freude oder zur Pflicht erheben, unser Herz zur Zufriedenheit beruhigen, oder in Mitleid und Liebe zerschmelzen, gnug, er singe in den süßesten Ge- sangweiscn, in ewigen Formen der Sprache nicht Empfindungen des Menschen, sondern der Menschheit. II. Andenken einige ältere deutsche Dichter. Briefe. r 7 9 3. lieber Andrea und Wekhrlin hatte ich vor Jahren im deutschen Museum einige Briefe drucken lassen, die mich natürlich auf ältere Dichter zurückführten. Gewiß werden diese Briefe, der eingcrückten Stellen wegen, vielen Lesern nicht unangenehm seyn: denn ich glaube kein Wort davon, daß die Deutschen mehr als andere Völker für die Verdienste ihrer Vorfahren fühllos seyn sollten. Der Keim alter Rechtlichkeit, Biederkeit und Treue ist in ihnen ; ob sic gleich in altern und neuern Zeiten durch das Schaumgold mehrerer Ausländer, eben ihres guten Glaubens wegen, oft verführt und fast immer betrogen wurden. Mich dünkt, ich sehe eine Zeit kommen, da wir zu unserer Sprache, zu den Verdiensten, Grundsätzen und Endzwecken unserer Väter ernster zurückkehren, mithin auch unser altes Gold schätzen lernen. — *) *) Aus der Borrede zu den zerstreuten Blättern, »ter Lherl. L76 II. Andenken an einige 6 . Andenken an einige ältere deutsche Dichter» 1793. Erster Brief. ^6enn bei einer Nation das Andenken ihrer alten Dichter verschollen und verklungen ist: so ist's wohl bei der deutschen; die Ursachen davon mag ich nicht herzahlcN. Um so angenehmer ist mir's, daß Sie mich daran erinnern, und indem Sie eine Nachricht der Merkwürdigkeiten begehren, die mir auf diesem Wege vorgekommen seyn möchten, mich selbst zurück unter die Trümmer führen, die mir in früheren Jahren manche lehrreiche Stunde gewahrten. Eins muß ich vor allem sagen: zu einer Geschichte der deutschen Dichtkunst habe ich nie gesammlct; es hat mir dazu jederzeit entweder an Gelegenheit, oder altere deutsche Dichter. »77 oder an Muße und Geduld gesehlct. Ich gebe Ihnen also nichts als Stückwerk, sofern ich darauf traf, oder sofern es auf mich Eindruck machte; und empfehle Ihnen dabei nebst manchen Verzeichnissen und Entwürfen zur Geschichte deutscher Dichter, die Ihnen bekannt sind, ein unlängst angefangencs Magazin dieser Gattung, dem ich einen guten Fortgang wünsche. *) Zween Männer wollen hier ausführcn, was so viele deutsche Gesellschaften nicht ausgeführt haben; das Glück hat ihnen geschickte Mitarbeiter zugcfühct, deren ich ihnen noch mehrere wünsche. Ich werde mich also durchhin sowobl auf diese Schrift, als auf altere Sammlungen beziehen, und Ihnen gleichsam nur Winke meiner Erinnerung geben; ein Mchrercs verlangen Sie auch nicht. Daß unsre alten Barden untergegangen sind, ist bekannt; ebne Spur sind sie hinweg. Dürfen wir indcß aus den ältesten Versuchen, die deutsche Sprache vers- oder reimbar zu machen, (die uns aus der christlichen Zeitrechnung übrig sind,) auf das, was vor ihnen war, und ihnen doch hie und da, dann und wann zum Muster dienen mußte, schließen, so batte die Poesie unsrer Barden mit d.r Poesie der Skalden Aehnlichkcit, wenigstens im Ton und Gange der kurzen Verse, die Ltsricd und *) Bragur, ein literarisches Magazin der deutschen und nordischen Vorzeit. Heraris^egeben von Böckh und Gräter. Bisher 2 Bände, Leipz. lZr. 92. HerdersW.Lit.u.Kunst. Xlll. II. Andenken an einige 178 seine Nachfolger sich gewiß nicht erfunden habe». Wenn dieser z. B. ansängt: *) Ludwig, der schnelle der Weisheitvvlle, der Ostreich richtet all, wie der Franken König soll; Dem sey immer Heil, und Seligkeit gemein; (gellreine Wohlfahrt) Gott höh' ihm das Gut, erfreu' ihm den Muth. Denn er ist edler Frank«, Weiser Gedanken, Weiser Reden, thut alles mit Ebne, (mit Gleichmuth.) In sein selbst Brust Ist Her; viel fest, mannigfalre Güte; drum ist er den Seinen gemulhe sangcnehm.) Feiner Gedanken ist derselbe Franke; so ist derselbe Edeling der heißer Ludwig.-- *) solriltLr, riissnüL» antiguitLd. Dereioirierr. D. r. x. 1. ältere deutsche Dichter. 179 Dder wenn das Siegeslied über die Normanner anhcbt: *) Einen König weiß ich, heißet Herr Ludwig, der gern Gott dienet, weil er's ihm lohnet.- so fallen Ihnen nothwendig die alten Skaldengesnnge ein, die wir in der nordischen Sprache noch haben. Ungleich dichterischer sind diese; (ohne Zweifel sind unsre alten Bardenüeder auch dichterischer gewesen, als die christlichen Mönchsversuchc cs seyn konnten;) der Nachklang jener tönt aber in diesen noch wieder. Auch im Lobge sänge auf den heiligen Anno, der von spaterer Zeit ist, kommen diese kleinen Verse altdeutscher Kraft und Kurze wieder, sobald sich die Rede belebet: **) O wie die Waffen klungen, da die Rosse zusammen sprungen, Heerhörner tönten, Blutbache strömten u. f, daß man also diese Versart, die mit den einsplbi- gen Wurzeln der deutschen Sprache, und dem einsyl- bigen, biedern (Charakter der Nation, ohne Zweifel auch mit ihrem Gesänge, ihren Sitten und Gcber- *) Schiller, 1. II. (Uebersetzt, S. LH. VIII. hg. 9 . dieser Sammlung.) ") Schilrer, l'. I. das letzte Stück des Bandes. M 2 11. Andenken an einige iLo den zusammenzustimmcn scheint, für den achten Nachhall des uralten deutschen Bardits halten könnte. Die längeren, ich möchte sagen, ruhigern Sylben- maase scheinen viel spat.r in die Sprache gekommen zu scyn, theils durch die Eultur derselben mit dem Fortgange der Sitten, insonderheit aber aus fremden , der lateinischen und Provcnzalsprache, wie wir bei den Dichtern des schwäbischen Zeitalters sehen werden. Reine Reime also und eine Scansion nach unsrer Weise in diesen uralten Gedichten suchen zu wollen, wäre ganz außer Stelle und Drt, da wir einerseits die damalige Aussprache vieler dem Dtfried noch fast unschrcibbaren Worte nicht wissen, andrerseits die Poesie der Nordländer, den Skaldengesan- gcn zu Folge, auf einem freieren Wege der Assonanz, des Zusammentreffens der Töne einen rauben Wohlklang suchte. Damit schließe ich die Mühe nicht aus, die der Mönch Otfried seinem eigenen Geständnis; nach sich gegeben, mit Grieche» und Römern itti Sylbenmaas zu wetteifern. Er redet darüber weitlauftig und mit ängstlichem Zwange; seine Arbeit selbst aber Zeiget, wie weit er darinn gekommen, und was er geleistet. Sv viel von den Füßen dieser uralten Versuche; lassen sie uns auch von ihrem Körper und Geist reden. Die Sprache der Deutschen, wie wir sie in Dkfried und seinen Nachfolgern finden, hat Trotz .ihrer noch undisciplinirten Härte, die zum Theil von den unverkuchten Händen zeigt, die sie bearbeiteten, eine Macht, Fülle und Biegsamkeit, daß wir altere deutsche Dichter. i > r sie in Manchem beneiden möchten. Biele von Notkers *) Psalmen sind selbst in der Prosc Poesie; und über Otfried wünschte ich eine verständige Grammatik zu dem Glossarium , das der fleißige Schifter gesammlet. **) Flexionen hatte die Sprache damals, wie sie der unsterbliche König Friedrich für sein Ohr wünschen mochte; ***) und cs ist überhaupt zu bcdauren, daß die oberdeutsche Sprache, insonderheit seit der Reformation, aus Büchern so weit verdränget worden. Was den Geist betrifft, müssen Sie zwar in Mönchen, die zum Wohl der Seele schrieben, zumal in Otfried, der eine Harmonie der Evangelisten in's Metrum einer ihm ungeläusigen Sprache zusammen zwang, keinen poetischen Genius suchen; was aber bei ihm deutschen Geist, Begriffe von seiner Sprache, seinem Lande, seiner Nation charakterisiret, ist sehr merkwürdig. Die Sprache seiner Deutschen lobt er um des Volks willen: Sey's me so gesungen, mit Regeln bezwungen; sie hat doch die Rechte, in schöner Schlechte. (Simplicität.) Schilt e r, ch. I. **) 1°. III. tintig. I'eutoiiic. *") In seiner bekannten Schrift sur Is littoratnrs ^82 II. Andenken an einige Eil du ihr zu Roth, daß schön es getaut'; sie sind gesungen in edler Zungen. Seine Deutschen (Franken) setzt er Römern und Griechen nicht nach: Sie eignen ihnen zu Nütze so gleiche Witze; in Feld und in Wald sind sie ihnen gleich bald, (kühn.) Reich zur Gnüge, und auch so kühne, zu Waffen schnelle, so sind die Degen alle. Er rühmt ihr Land, daß cs erz - und kupferreich, auch bei dem Mayn cisene Stein, auch Silber bringe, und daß man Gold in seinem Sande lese. Von der Nation sagt er: Sie sind sehr muthig, zu vielem Guten, zu vielem Nutzen; das ist ihr Witze. Sie sind sehr fertig, sich Feindes zu retten, Man darf's an sie beginnen, so haben sie überwunden. Kein Volk hat sich entführet, das je ihr Land berühret, altere deutsche Dichter. ,83 wo sie nicht aus Güte ihnen «i Nöthen dienen. Unter den Menschen allen ihnen alle zufallen. Kein Volk ist, das beginne und wieder sie ringe. Das haben sie gemeynet, in Waffen erzeiget; sie lehrten mit Schwerte» und nicht mit Worten. Kein Volk ist, das trachte mit ihnen zu fechten, nichr Meder und Perser, noch Nubier — Er vergleicht sie mit den tapfern Makedonien,, und findet, daß im Erdringe, es keiner beginne, und nirgend ein Volk ist, das ihnen gebiete. — Und schreibt dies alles ihrer Schnelle und Klugheit zu — den Weisen und Kühnen, die ihnen eignen zu Gnüge, Wenn er hiebei aufseinen König Ludwig kommt, so äußert er sich mit der ganzen Innigkeit, Treue und Güte, die die deutsche Nation ihren Fürsten 184 II. Andenken an einige van jeher erzeigt hat. Ich habe den Anfang des Gedichts angeführt, und mag ihm bei Otfried nicht folgen. Dagegen folge ich gern dem bessern Siegs- liede gegen die N 0 rmanner, dessen Anfang ich auch bereits angezogen habe. *) Gleich nach dem Anklange desselben wendet sich der Dichter mit herzlicher Thcilnehmung auf seines Königs Leben: Kind ward er Valeries; das ward ihm sehr bös'; Gorr holl' ihn hervor, ging selbst ihm vor. Gab ihm tngendliche, edele Diener, Stuhl hier kn Franken, deß brauch' er lange. Der Dichter .nimmt Theil daran, wie er mit seinem Bruder Karlomann ohne Trug getheilet, und da das geendet war, wollte Gott ihn versuchen, ob er Arbeiten lang' mochte dulden, ließ Heiden - Männer über ihn kommen, daß Frankenmanner ihnen dienen mußten. Außer Schiller D. ll. ist es in den Gedichten von Gemmingen, den Volksliedern und sonst zu finden. ältere deutsche Dichter. i85 Einige gingen sogleich verloren, andre wurden verführet; Schmach mußte der leiden, der ihnen miß- lebte. Wer da ein Räuber war, der genas; er nahm seine Feste, und ward ein Gutmann. (Edelmann.) Der war ein Lügner, der war ein Mörder, der ein Verrather, und er geberdet sich deß. König war gerühret, das Reich war verwirret; ^ erzürnt war Christus, und ließ es geschehn. Da erbarmt' es Gott; er wußte die Noth. Er hieß Herr Ludwig eilig dahin ziehn. „Ludwig, König mein, hilf meinen Leuten. Es haben Normannen hart sie bezwungen. Da sprach Ludwig: „Herr, so thu ich. Tod nicht rette mich deß, was du mir gebietest." t86 II. Andenken ern einige Da nahm er Gottes Urlaub, hob die Kundfahn auf ritt daher mit den Franken gegen Normannen« Gotte dankend, sein erwartend, sprach er: „hieher, o Herr mein l lang' warten wir dein!" Dann sprach er laute, Ludwig der.'Gute: Tröster euch Gesellen, Meine Rothstallen, . (Nothhelfer.) Hieher sandte mich Gott, thut Ihr mir Rash. Mein will ich nicht sparen, bis ich euch befreie. Nun will ich, daß mir.folgen alle Gottesholden. Beschert ist unsere hiesige Frist, so lang' es will Christ. Er wartet unser Gebein, und hält die Wache drob. Wer also Gottes Willen, hier munter erfüllet; kommt er gesund aus, ich lohn' ihm das; bleibt er darinnen ist er Christs Hausgenoß. Da nahm er Schild und Speer ritt eilig daher; ältere deutsche Dichter. 187 wollt wehrhaft sich rachen, an seinen Widersachern. Es stund nicht an gar lange, da fand er die Normannen; „Gottlob!" sprach er, ^ er sah, was er begehrte. Der König beitet kühn, sang freies Lied, und alle zusammen jungen: „Kyrie Eleison!" Sang war gesungen, Schlacht ward begonnen, Blut schien in Wangen spielender Franken. Alle nahmen Rache gleich ; Nicht Einer wie Ludwig. Schnell und kühn, das war sein Sinn. Jenen durchstach er; Liesen durchhieb er. Gelobt scy Gottes Kraft! Ludwig ward sieghaft. Sagt allen Heiligen Dank. Sein war der Siegskampf. Sie glauben leicht, daß ich diesen Gesang als einest altern Bruder der preußischen ü ricgslicder nicht gering halte. Es ist Charakter in ihm; deutsche Brust, deutscher Muth, deutsche Treue; eiste i88 II. Andenken ein einige Anhänglichkeit der Nation an ihre Regenten, wie sic zu allen Zeiten der Deutschen Natur und auch ihrer Poesie eifrigster Ruhm war. Zu wünschen wäre cs, daß alle Fürsten, wie es die populärsten und edelsten thun, dies anerkennten, und sich, wie der König Artasastha von Persien, bei schlaflosen Nachten die Bücher und Geschichten vorlescn ließen, was ihre Völker von Anbeginn für sic gemeynet, gewollt und aethan haben. Nächstens etwas von einem uralt-deutschen Pindarischcn Liede. Zweiter Brief. „Ein Pindar unter deutschen Mönchen der dunkelsten Jahrhunderte?" Kein Pindar, aber ein pin- darisches Loblied. Thun Sie auf alles Verzicht, was die griechische Sprache, Mythologie und poetische Weisheit, vor dem versammlcten Griechenlands, beim Lobe ihrer Helden und jedes Vaterlandes derselben Glänzendes hatte, und erwarten hier, wie es billig ist, deutsche beschichte, deutsches Lob, Chronik- und Mönchssagen; bemerken dabei aber den epischen Gang des Gedichts, (die Seele des pindarischcn Liedes:) so wird Ihnen meine Benennung nicht anmaßend dünken. Sie werden am Gebäude des Liedes keinen Tempel des olympischen Jupiters , sondern in der Zusammenstellung seiner Glieder einen gothischen Bau finden, der indeß auch von ältere deutsche Dichter. iög Sinn und Kraft seines Urhebers zeiget. Es ist der Lobgesang auf den heiligen Anno, Erzbischof von Kölln, den Opitz fand und zu finden verdiente. *) Wir hörten vielfach singen von alten Dingen, wie schnelle Helden fochten, wie sie feste Bürge brachen, wie sich liebe Freunde schieden, wie reiche Könige all zergingen, — Nun ist Zeit, daß wir denken, wie wir selbst sollen enden. Christ, unser Herre gut, so manche Zeichen er vor uns thut, als er auf dem Siegberg hat gethan durch den theuerlichen Mann den heiligen Bischof Anno — Bemerken Sie, wie groß der Bischof angekündigt wird, als ein letzter Zeuge und Botschafter dcS nahenden Endes der Welt, von dem man sich damals überzeugt hielt. Schön wäre es, wenn wir noch jetzt die interessanten Gesäuge besaßen , die dieser Eingang anführt; sie find aber dahin, und deshalb wollen wir auf die wenigen Ueberbleibscl um so sorgsamer achten. Als ein frommer Gesang kündigt sich also dies Lied an, und holet weit aus: *) Sc Hilter, ll?. I. Opitz Gedichte, Bodmers Ausg. S. r/I. igo II. Andenken an einige An der Welt Anbeginne, da Licht war und Stimme, sdas schaffende Wort) , da die heilige Gotteshand die weisen Werke schuf so mannigfalt: da theilte Gott sie all' in zwei; diese Welt ist das Eine Theil, das andre ist geistig. Da mengete die weise Gotteslist von den Zweien Ein Werk, das der Mensch ist, der beides ist, Körper und Geist; dannenher ist Er nach den Engeln allermeist. Alles Geschöpf ist an den Menschen, wir sollen ihn zur dritten Welt zählen; in solchen Ehre» ist geschaffen Adam, hart' er sie sich erhalten! Der Mensch wird verführet, und Gott wird gewahr, daß, da alle seine andre Werke recht gehen, der Mensch ausschweife: Der Mond und die Sonne sie geben ihr Licht mit Wonne; Die Sterne behalten ihre Fahrt, sie geben Frost und Hitze stark. Das Feuer hat aufwärts seinen Zug, Donner und Wind ihren Flug; die Wolken tragen den Regenguß, nieder wenden Wasser ihren Ftuß. Mit Blumen zieret sich das Land, mit Laube decket sich der Wald, das Wild hat feinen Gang, schön ist der Vogelfang. Ein jeglich Ding die Art noch hat, die ihm Gort zuerst vergab; altere deutsche Dichter. igi waren nicht die zwei Geschöpfe, die er geschuf, die besten; die verkehrten sich in Tollheit, dannen erhub sich das Leid. Fünf Welten fahren zur Holle, bis Gott seinen Sohn sandte, der als Befreier der Menschen edel und sieghaft eingefühct wird; der Schluß davon ist: in der Taufe wurden wir Christusmann. Den Herren sollen wir lieben. Christus erhebt die Krcuzesfahnp, und sendet seine zwölf Boten in die Lander: Votn Himmel gab er ihnen die Kraft, Daß sie überwunden die Heidenschaft, Rom überwand Petrus, Die Griechen der weise PauluS, St, Andreas in Parras u. f> bis auf den heiligen Johannes, der süß predigen konnte, und aus dessen Grabe noch Himmelbrod wachset; ja bis auf alle Martirer, die mit ihrem heiligen Blute erfüllten Christus Gemüthe; Mir Arbeiten kamen sie zu ihrem Herren, nun hat er sie mit Ehren. So kommt der Gesang auf die Bekehrung der Franken, insonderheit Köllns, wo eine Menge Heiliger von St. Mauritius Heer rasten, »92 II. Andenken an einige auch die eilftausend Madge, durch Christus Lieb' erschlagene, manche Bischöfe so herrlich, und zeichenhaflig, als die Mähr' ist von St. Annen, dcß loben wir Christ mit Gesänge. Zu Kölln ward er geweihet Bischof, deß soll die Stadt loben Gott! daß in der schönsten Bürge, die in der Deutschen Lande je wurde, Richter war der frommste Mann, der je zum Rheine kam; dazu, daß die Stadt desto heerer gedieh, wenn ein so weiser Herr sie erleuchtete, und daß seine Tugend so Heller wäre, der einer so herrlichen Stadt pflegete. Kölln ist der Heeresten Bürge Eine, St. Anno bracht' ihr Wohlfahrt heim. Jetzt gehet er pindarisch zum Anbeginn der Burg zurück, kommt bis auf Ninus, Scmiramis. Die Bilder der vier Monarchieen aus Daniel werden prächtig aufgeführt, und bei dem dritten Tbierbilde Alexanders Feldzug nach Indien romantisch beschrieben. Mit vier Heeren fuhr er aus, bis er der Welt Ende an den goldnen Säulen erkannte; In Indien er die Wüste durchbrach, mit zweien Baumen er sich besprach; mit zweien Greifen fuhr er in Lüften. In einem Glase ließ er sich in die See — Seine ältere deutsche Dichter. i§3 Seine ungetreuen Männer werfen die Ketten weit hinaus, und rufen ihm zu: willt du sehen Wunder, so wälz' dich am Grunde. Er sieht fürchterliche Ungeheuer: die Woge führt ihn weit fort, bis er mit einem Blute das scharfe Meer grüßte; als die Flut das Blut empfand, warf sie den Helden ans Land. So kam er wieder in seine Reiche; wohl empfingen ihn die Griechen. Manches Wunders vergnügte sich derselbe Mann, Drei Lheile der Welt er ihm gewann. — Das erzählte Abentheuer ist keine leere Ausschweifung: denn es hat Bezug auf ähnliche Schicksale des St. Anno. Bei denk vierten Thierbilde, den Römern, eilt der Gesang zu Easar und zu den Deutschen, die dieser Held in mehr als Einem Iäbr nicht bezwingen konnte und zuletzt mit Bedinge gewann. Hier kömmt der Dichter auf das Lob der Völker Deutschlands , der Schwaben, Bayern, Sachsen, Thüringer, und zuletzt seiner Trojanischen Franken. Die Ordnung zu einander ist mit Verstände gedacht und mit den Fabeln des Ursprungs, dieser Völker, die damals für Wahrheit galten, sinnreich bekleidet. Wäre für Deutsche eine patronymische Mythologie in Herders W.Lit.u.Kunst. XIII. N i94 II. Andenken an einige den mittleren Zeiten zu gewinnen gewesen; so wäre sic auf diesem, obwohl ganz falschen und fabelhaften Wege gewonnen. Da dies nicht seyn konnte, so mag jede Provinz wenigstens ihre alten Lobsprüche hören. Die Schwaben, ein Volk, zu Nathe gut, Redfcrlig gnug, die sich deß fest Vornahmen, daß sie gute Helden waren, wohl fertig und krieghaft; doch bezwang Casar all ihre Kraft. Den Bayern lobet et ihr Bayerisch Schwert, (Nn- rrarrs ansls) das durch den Helm schlug; er lobt ihren Helm und Harnisch, und leitet sie aus Armenien ab, wo auf den Bergen Ararat die Arche noch zu sehen seyn soll. Man sagt, daß allf den Gipfeln Noch seyn, die Deutsch sprechen, gegen Indien so fern! Bayern waren immer zum Kriege gern; den Sieg, den Casar an ihnen gewann, mit Blut mußt' er ihn gellen. Der Sachsen Wankelmut!) thut ihm Leides gnug. So er sie wähnt all' überwunden zu haben, so waren sie aber gegen ihn — Sie, meynt der Dichter, seyn in Alexanders Heek gewesen, mit Schiffsmengen nieder zur Elbe gekommen. altere deutsche Dichter. ätzg dü die Thüringer saßen, die wider sie sich vermaßen. Bei den Thüringern die Sitte war; daß große Messer sie hießen Saß, deren die fremde Krieger viele trugen- ddmit sie die Thüringer schlugen. . Mit Untreu sie ihnen sprachen, da sie Fried' gelobet hatten; von den Messern groß wurden sie geheißen S u ß. Und wie sie auch ihre Ding' änfingen; den Römern mußten sie dienen. Seine Franken endlich leitet er von Troja her; mM hin werden sie Verwandte der Römer. Wie Aeneas in Welschland, so hat Franko in Deutschland sich angebauel; Lützelburg ist die kleine Troja, und ckanthcn nennet sich vom Flusse Tanthus. Alle diese überwundenen deutschen Nationen folgen ihrem Rundsverwandten Cäsar Rom entgegen: Wer mochte zahlen die Menge; die Cäsar'n eilte» entgegen; von Osten allenthalben, als der Schnee fällt auf den Alpen, mit Schaaren und Völkern, als der Hagel fährt von den Wolken. Da ward die Hehreste Volksschlacht die in diesem Mahregarte»; (berühmten Lande) je gerühmt ward: O wie die Waffen klungen, da die Rosse zusammen sprungeii! N a ag6 II. Andenken an einige Heerhorne tönten, Blutbache strömten; die Erde drunten spaltete, die Hön' entgegen schimmerte; da die Hehresten der Erde sich suchten mit Schwertern. Da erlag dann manche breite Schaar, mit Blute beronnen gar; da mochte man sehn dräuen, Lurch Helme zerhauen, manchen Pompejus-Mann, da Casar den Sieg nahm. Casar erfreuet sich des Sieges, 'geht an der Spitze des Heeres nach Rom; die Römer holen ihn ein in ihre Stadt, fangen ein neu Regiment an: Casar läßt die neue Negierungsart auch den deutschen Nationen anpreifen, damit sie ihrem Reich einen neuen Glanz verschafften. Er thut zu Rom die Schatzkammer auf, und beschenkt seine Getreuen mit Goldstücken , Kleidern und Mänteln. Seitdem waren Deutsche Mann zu Rom lieb und werthsam. Augustus folgt ihm; der läßt durch Agrippa Kölln bauen; Worms, Spcier, Metz, Trier werden allc- sammt mit Ehren genannt; und da jetzt alles aus der Geschichte und Fabel vorbereitet ist, den St. Anno durch Lobgesang zu ehren, so wird der Gesang eigentlich christlich. Unter August wird der Heiland der Welt geboren; zu Rom erscheinen heilige Gotteszeichen : ältere deutsche Dichter. -97 Aus der Erde» ein lautres Oel entsprang, schön rann es über's Land; um die Sonn' ein Kreis stund, also roth als Feur und Blut. Da begann zu nahen uns allen die Gnade, ein neues Königreich; dem muß die Welt entweichen. Petrus schickt aus Nom, den Franken zu predigen, Apostel, den Eucharius, Valerius, Maternus; sie werden mit Thatcn und Wundern hergenannt; drei und dreißig Bischöfe sind nach ihnen gewesen bis auf St, Anno Gewalt; deren sind nun heilig sieben. Die scheinen uns vom Himmel, wie das Siebengestirn des Nachts thut; St, Anno's Licht ist hehr und gut; unter den andern ist glanzender sein Schein, wie der Hyacinrh im goldnen Fingerlein. Den viel theuren Mann mögen wir nun zum Beispiel haben, den sollen als einen Spiegel anschn, die Lugend und Wahrheit wollen pflegen — So gehet der Gesang in seine Lebcnsgeschichte. Wie die Sonne in den Lüften, die zwischen Erd' und Himmel geht, igg !I. Andenken an einige beiden Hälften scheinet: so ging der Bischof Anno vor Gott und vor Menschen. Im ReichSpallast seine Lugend solche wak,^ daß ihm das Reich ganz untersaß; beim Gottesdienst in den Geberden war er als wenn er ein Engel war'. Seine Ehr' erhielt' er zu beider Seit, und ward zu den ersten Herren gezählt. Seine Gut' erkannte viel und mancher Mann; Vernehmt, wie seine Sitten waren gerhan. Offen waren seine Worte ; für die Wahrheit er niemand furchte. Als ein Löwe saß er yor den Fürsten, als ein Lamm ging er unter den Dürft'gen; den Dummen war er scharf, den Guten war er sanft; Waisen und Wittwen, die tobeten hoch seine Sitten. Seine Predigten und sein Ablaß, Niemand, könnt' sie thun baß; Selig stund die Köllnische Welt, da sie solches Bischofs war werth. Wenn jedermann des Nachts schlief, stund er auf, besuchte die Kirchen und Armen mit seiner Gabe, that Werke der Müdthatigkcit, daß er ein Vater aller Waisen heißen konnte. Desgleichen stand es im ganzen Wiche wohl, da er des Gerichts pflegte und den jungen Heinrich erzog. Auswärtige Könige sandten ihm darüber Geschenke, von denen jer zu Gottes Lobe vier Münster crbauete; ältere deutsche Dichter. 199 das fünfte ist Siegeberg, seine liebe Stadt, darauf steht nun sein Grab. Jetzt kommen die Widerwärtigkeiten die er erduldet. Daß nicht die große Ehre verwirrte seine Seele, thät ihm Gott, wie der Goldschmidt thut, so er wirken will, eine. Spange gut. Dieser schmelzt das Gold im Feuer, erhcbts mit feiner Arbeit, feinen Drathcn, schleift die Edelsteine Mit mancher Zubereitung; so schliff Gott St. Anno mit mancher Arbeit. Oft und viel fochten ihn die Landhcrren an, daS Gott ihm denn immer zu Ehren wandte; Wiel ihn verrielhen, die ihn sollten behüten; Wiel ihn verachteten, die Er zu Ehren gebracht. Zuletzt konnte es niemand vermeiden; er wurde zu Kölln mit Waffen aus der Stadt vertrieben, wie David einst vertrieben ward, All' nach des heiligen Christus Bild; das sankt' ihm Gott vom Himmel. Unter dem vierten Heinrich gerath das ganze Reich in Verwirrung: soc> II. Zlndcnkcn an einige Mord, Raub und Brand verheerten Kirchen und Land; von Dännemark bis in Apulien, von Kerlingen bis in Ungarn. Denen niemand mochte widerstehn, wenn sie mit Treue wollten beisammen gehn,, die stifteten jetzt Heerzüge groß wider Reffen und Hausgenoß. Das Reich kehrt seine Waffen in seine eigne Adern; mit siegehafter Faust überwand es sich selbst, daß die gerauften Leichnam' dahin geworfen lagen zum Aase den bellenden, den grauen Waldhunden, Da das nicht gelang St. Anno zu, söhnen,, verdroß es ihn langer zu leben, Jetzt- kommen die Offenbarungen, die ihm ge-, schebcn sind; der Lobgesang hebt sich: denn er nähert sich Anno's Tode. Auf einer Reise im Thüringer Lande thut sich ihm der Himmel schon auf; ersieht die göttliche Wonne, die er nicht verkünden darf einem, weltlichen Mann; er steht, was zukünftig ge-, schehen soll, und wird darüber so bestürzt, daß von dannen an er bcgonnte zu siechen. Eines Nachts dünkt ihn, er trete in einen königlichen Saal; ersieht wundersame Thronstühle, wie im Himmel feyn sollen, allenthalben behängen mit Golde: ältere deutsche Dichter. 2or Pie vielen theuren Steine leuchteten da überall, Sang und Wonne war da groß und mannigfalt; Da saßen der Bischöfe manche, sie schienen zusammen wie Sterne. Der Bischof Bardo war ihr Einer, St. Heribert glanzt als ein Edelstein; Andere Herren genug, und war ein Leben und ein Muth! — Da stund ein Stuhl ledig und prächtig; Sr. Anno ward deß hoch erfreut. Der Stuhl stand ihm zu Ehren da; nun lobt' er Gott, da er es sah. O wie gern hält' er da gesessen! den lieben Stuhl, wie gern erfaßt! aber das wollten ihm nicht erlauben die Fürsten, eines Fleckens wegen vor seiner Brust. Aus stand der Herren Einer, hieß Arnold,, zu Worms war er vormalen Bischof; St. Anno'n nahm er bei der Hand, sie gicngcn da besonders. Er sprach: tröst' dich Gottes Treu! Dieser Flecke wird dir weggethan. Bereit ist dir der ew'ge Stuhl, und das in kurzen Stunden; Dann bist du diesen Herren willkommen, Jetzt magst du unter ihnen nicht bleiben. Wie lauter der soll seyn, den sie' wollen lles- den, hat Christus dir in diesem Gesicht gezeiget. O was wartet auf dich für Ehr' und Gnade!" 2c>2 II. Andenken an einige Hart ging es ihm zu Herzen, daß er wieder kehren sollte zur Erde. Wars nicht mit ihm zur Stunde so bewandt; um alle Welt halt' er nicht geräumer das Paraz diescsland. Solch' ist die himmlische Wonne, an die wir denken sollen Alt und Junge. Won dem Schlafe der Herr da aufstund, wohl wußt' er, was er sollte thun. Er gab den Köllnern wieder seine Huld; wie groß auch, daß er sie haßre, war ihr; Schuld, Don diesem Flecken ist er nun gereinigt und er nahes sich Gottes Lohne. Noch wird er kasteiet wie Hioh von Haupt zu Füßen und hart betäubt; so schied die theure Seele von diesem siechen Leibe/ von menschlichem Jammer in's ew'ge Paradies. Das Fleisch empfing die Erde, der Geist fuhr auf zur Höhe, Als er zu Gottes Antlitz kam zu ewigen Gnaden, that noch sein edler Muth , wie der Adler seinen Jungen thut,. wenn er sie lehren will ausfliegen. Hr schwebet über ihnen in voller Zier; ältere deutsche Dichter. 2v3 Er schwingt sich auf zur Höhe, das sehn die Jungen gerne. So wollt' er uns auch führen, wohin wir ihm sollreu folgen; Er zeiget uns hienieden, wolch Leben sey im Himmel. Am Grabe, da sie wollten todt ihn haben, da wirkt' er schöne Zeichen; die Siechen und Gekrümmten die wurden da gesund. Mit ausführlicher Pracht wird Ein Wunder, das St. Anno an einem Blinden bewirkt, her erzählt, dies an die größesten, prächtigsten Wunder Moses geschlossen und mit cineni sehr treffenden cdeln Lobe der göttlichen Güte geendigt. Was sagen Sie zu diesem Gedichte? Zu seiner Eomposition, zu seiner Würde, zu seinem Umfange, zu Zusammcnleitung seiner Thei.le, zu seiner moralischen Schönheit, endlich zur Blume seines Vortrages? Hatte jeder Heilige einen solchen Lobrednev jedes Kloster einen solchen Dichter gezogen; wie reich waren wir! wie gern wollten wir diese Heiligen ehren! Lesen Sie jetzt das Gedicht im Schiller oder lieber in Bodmers Opitz, und suchen das Ganze, (wie schwer es auch würde,) in Eins zu fassen; cs ist wie eine ungeheure gothische Kirche im schönsten Styl dieses' Geschmacks. Nur St. Anno's Leben und die Geschichte seiner Zeit müssen Sie dazu lesen; unglaublich ists, wie der Dichter von Allem die würdigste Seite zeigt und gleichsam 204 II. Andenken an einige die schönste Blume gepflückt hat. *) Nächstens eröffnet sich uns ein neues Feld der Zeiten. Dritter Brief, Sie werden bemerkt haben, daß im Lobgesange auf den St. Anno schon eine biegsamere Sprache herrschte, als bei Ottftied oder dem Siegssauger gegen die Normannen zu finden seyn konnte. Wie wenn ich sie aus einmal in den Garten der feinsten Zucht und Sitte, der Ehre und Lübc einsühre, wo jede Blume in der artigsten Sprache genannt und gepriesen wird? Ich grüße mit Gesang die süße, die ich vermeiden nicht will, noch mag. Da ich sie von Munde selbst konnte grüßen, *) Eben lese ich im Bragur, Th. r. S. stü». daß eine Uebersetzung dieses Liedes mit historischen Anmerkungen von Herrn Prof. Hcgewisch in Eggers deutschem Magazin, (1791. May) zu finden. Der eben genannte würdige Mann hat uns vom Erzbischof Anno bereits einige Nachrichten übersetzt, in seinen Eharak- terzügen der Deutschen. ältere deutsche Dichter. 2o5 ach leider, dcß ist mancher Lag! — Wer nun dies Lied singe vor ihr, der ich so gar unsanstiglich entbehre; Es sey Weib oder Mann, der habe sie gegrüßer bon mir. Sie sehen, ich rede von den Dichtern des schwäbischen Zeitalters, und zürne auf mich selbst, daß ich auch diese erste Strophe eines Gesanges Kaiser Heinrichs des siebenden der Lieblichkeit ihres Dialekts cntraubt habe. Sie soll auch die einzige scyn: denn man MUß diese Poesien nothwendig in ihrer Mund» art selbst lesen. Jeden harten Buchstaben oder Vo- cal, den man aus unsrer rauheren Sprache cin- schaltet, jedes sanfte Bindewort, das man ausläßt, weil es uns ungclaustg ist, jede Regel der Grammatik und Construction, die man verändert, tödtet eine Grazie des Dichters. Bodmer hatte Recht, daß er diese Sprache so hoch pries, und Umbildungen dieser Gedichte nicht versuchte; sie sind äußerst schwer, ja fast unmöglich, es sey denn, daß man sie blos des Verständnisses wegen in Pcose gebe. Sie kennen das schone Lied König Konrads, (Vaters des unglücklichen Konradin:) Ich freue mich mancher Blumen roth, die uns der Maye bringen will u. f. Sie kennen den ungemein schönen Klagcgesang des Herzogs Heinrich von Breslau, den uns Götz in seiner Manier verkürzt gegeben: Ich klage dir, May; ich klage dir, Sommer- wonne^ 2»6 II. Andenken an einige Sie kennen ohne Zweifel noch manche, die Gleich und andre in sehr glücklichen Nachbildungen gegeben ; das Unmögliche ist aber unmöglich. Lesen Sie die Gedichte selbst und gewöhnen Sie sich an die Mundart dieses Zeitalters, oder vielmehr lassen Sie sich solche von einem zarten Munde, der sich in den Resten des Dialekts jugendlich gebildet hat, vorlesen; und Sie werden über die fließende Anmuth und Süßigkeit der alten deutschen Sprache erstaunen. Noch mehr werden Sie erstaunen, wenn Sic diesen gasigen Lorbeer- und Myrkhenwald allmählich mit Muße durchwandeln. Kaiser - Könige und Fürsten, Fürsten aus allen Gegenden Deutschlands in Böhmen, Schlesien, Brandenburg / Meißen, Thüringen, Brabant, am Rhein u. f. Edle aus den berühmtesten Geschlechtern aller Provinzen Deutschlands und der Schweiz; ausser ihnen Bürger und eine Menge Personen, die auf einen Liederstreit als auf ein Abentheuer ausgingen, kommen darin vor; die Gewächse ihrer Poesie sind zwar sehr verschieden, bald ansehnliche Stämme, schöne, fruchtbare Baume, bald kleine niedliche Gesträuche, hie und da auch ein verworrenes Gebüsch nicht ohne Unkraut; im Ganzen aber ist und bleibt dies dichterische Zeitalter ein Phänomenen in der deutschen Geschichte. Wer ist, der es uns erkläre, wie man die Entstehung eines Homers, Ossians, der Skalden erklärt hat? B od mer hoffte mit seiner Ausgabe der Manessischen Sammlung solcher Dichter einen Conimentar darüber aus den Umstanden der Geschichte zu veranlassen; *) *) Sammlung von Minnesinger» aus dem Schwäbischen Zeitalter, Zürich.,r7b8, Vorr, des zweiten Lheils^ ältere deutsche Dichter. 207 dieser Commcntar aber ist noch nicht erschienen. Und doch würde ein solches Unternehmen nicht nur das Lesen der Dichter selbst leicht und angenehm machen, sondern auch den lehrreichsten Aufschluß über eine der merkwürdigsten Perioden Deutschlands, ja des Menschlichen Verstandes selbst geben. Denn, m. Fr., warum haben diese merkwürdigen und großcntheils angenehmen Gedichte in un- serm Vaterlande bisher so wenig Wirkung hervorgebracht, ja selbst so wenig Aufmerksamkeit erreget? Warum liegt Bodmers Ausgabe in unfern Buchlae den rodt da? Lassen Sie uns, so manche Ursache wir dazu hatten, nicht blos das Klaglied über die Unachtsamkeit der Deutschen gegen alles was vaterländisch ist, anstimmen; etwas dazu möchte immer doch auch in der Art liegen, wie die Sache behandelt ward. Der vcrdienstreiche Bodincr gab zuerst Proben dieser Poesie mit einer kleinen Grammatik, einem Gloßarium, und einigen Nachrichten, so weit er sie damals hatte und haben konnte; *) er war dabei auf einem guten Wege. Bei der ganzenMa- ncsischen Sammlung ward ihm das Werk zu schwer; er gab sie ohne Gloßarium, ohne erläuternde Anmerkungen, so gar ohne Unterscheidung der Lieder heraus, blos und genau wie er sie in der Handschrift fand. **) Das war nun freilich zu einem *) Proben der alten schwäbischen Poesie des dreizehnten Jahrhunderts, Zürich 17HL. **) Sammlung von Minnesingern, si. Zürich 2v3 II. Andenken cm einige leichten, angenehmen und nützlichen Gebrauch dieser Gedichte dem Leser zu viel zugemutbet, von ihm zu viel erwartet. Die gedrungene enge der Verse von hundert und vierzig Dichtern übertaubte; und cs mögen wenige in Deutschland seyn, die das interessante Buch bis zu Ende gelesen, geschweige studirt und sich nutzbar gemacht haben. Diesen schreckt die Einförmigkeit, oder, wie er mcynt, die Trivialität des Inhalts, in dem so viel von Minne und Weibern, von May und Sommer , von Zucht und Ehre gesprochen wird, ab; jener kommt mit der Sprache ni cht fort: Ein unverständliches Wort hindert ihn am Genuß der ganzen Strophe; ein Dritter, der alles gern an Stelle und Drt betrachtet, weiß nicht, wohin er diesen oder jenen erwähnten Umstand bringen soll? wer dieser Wenzel und Conrad, jener Rudolf oder Heinrich sey? er glaubt also, da er diese Gesänge mit der Geschichte nicht verbunden sieht, Stimmen außer aller Zeit, etwa das ErdmHnnchcn zu hören, dem Bodmer in Einem seiner kritischen Briefe einige Strophen dieser Lieder in den Mund leget. *) Und so bleibt der mit -Mühe entdeckte Schatz wie begraben. Ich wüßte eine fügliche Auskunft. In der Jenaischcn Universitätsbibliothek liegt ein nicht unbekannter, schätzbarer Codex, von dem W Ledeburg vor fast vierzig Jahren Nachricht gegeben *) Neue kritische Briefe, Zürich 17^9. S. H- 7 H- ältere deutsche Dichter. 26 I geben *) und zu dessen Ansgabe man neulich Hoffnung gemacht hat. Ich kenne ihn ziemlich genau, und habe mir einen Theil der Gedichte selbst abge- schriebcn; er enthalt nicht nur einige völlig neue Dichter, die in der Manessischen Sammlung nicht sind, sondern auch von denen in dieser Sammlung vorhandnen neue Stücke, und endlich die schon her- ausacgcbnen (der Manesischc Eoder ist viel reicher) in einem andern, dem Thüringischen Dialekt. In alle diesem kann er sehr lehrreich werden. Was hecauSgegeben ist, darf nicht wiederholt werden; eine Vergleichung dieser Stücke aber möchte Materialien zu einer Abhandlung über die all- mahlige Bildung der verschiednen Dialekte Deutschlands geben, die manches aus- hellte. Eigentliche D innelieder sind in ihm wenige; die meisten sind moralisch, lobend oder strafend, satyrisch, geistlich. Dies führt von selbst auf die Geschichte der Begebenheiten, Mey- nungen und Sitten der Zeit. Viele Lieder haben Mclodieen, woran es dem Manessischen Codex fehlte; zum Vcrständniß der Snlbenmaafie und des Versbaues, überhaupt auch zur Geschichte der Declamation und des Tons der Zeiten sind diese ein schätzbares Hülfsmittel, gleichsam ein Aufschluß zur Form der Gedichte. Denn wenn wir un- parthciisch reden wollen, so dünkt uns oft doch, ws *) WiedebürgL Nachricht von einigen alten deutschen poetischen Manuskripten in der Jenaischen akademischen Bibliothek, Jena 175g. Hcrderk W.eit.u.Ku-ust. XIII. O 210 II. Andenken an einige das Gedicht nicht eigentliches, muntres Lied ist, die Minnesinger-Weise langweilig; die Strophe ziehet sich in langen und kurzen Zeilen für uns tonlos und matt dabin, wie sic in späterer Zeit bei den Meistersängcrn sich fast unausstehlich schleppte. Ein Aufschluß, den uns hierüber ein Toukünstlcr gäbe, wäre niemanden unwillkommen; und nicht unwillkommener die Untersuchung, wie diese schleichenden Sylbcnmaaße in die deutsche Sprache gekommen seyn, die ehedem so kurze, rasche Wortschällc liebte. Am willkommensten wäre uns dabei ein erläuternder Eommentar diser Gedichte aus den Begebenheiten und Sitten des damaligen Zeitalters. Von selbst würde sich dieser auf Bodmers und Müllers Sammlungen *) erstrecken müssen; und so würde der Eommentar den Dichtern selbst aufhel- scn. Jenes Zu gut würde man diese lesen. Noth- wendig käme man dabei der Sprache auch zu Hülfe, welches jetzt nach Oberlins Gloßario leichter ist, als es zu Bodmers Zeit war. Geschähe dieses durch ein Glossarium, oder durch Noten, oder durch eine prosaische Uebetsetzung unter dem Text, wie es dem Herausgeber am Zweckmäßigsten dünkte; auf jede Weise würden diese Gedichte unterrichtend , , angenehm , lesbar und lebendig. Ohne Zweifel wünschen Sie mit mir, daß ein so rühmliches Werk bald erscheine. Es falle aber ja einem verständigen Mann in die Hände, der uns *) Berlin, 1783. l». ältere deutsche Dichter. 211 , die Schönheit der alten deutschen Muse nicht 'vor- deklamire. Sie ist bescheiden und züchtig; sie will nicht gelobt, aber verstanden, geschätzt und geliebt seyn. Dabei wollen wir uns alle Hoffnung vergeben lassen, daß unsre jetzigen deutschen Fürsten, Kaiser, Könige, Herzoge, Grafen und Herren, wie ihre Vorgänger und Urabncn, Gedichte machen sollen und we'rden; die Zeit ist vorüber. Gnug, wenn sie aus diesem Werk die Sinnesart und den Ruhm ihrer Vorgänger und Urahnen kennen lernen; und dazu könnte für viele der edelsten Geschlechter im obengewünschten Commentar mancher Rath geschafft werden. Mein heutiger Brief liefert Ihnen keine Poesie i denn was hülfe es, aus einem so reichen Garten ein paar welke, ausgcrupste Blümchen vorzuzcigcn? In einer schönen Sommermuße müssen Sic den reichen Garten selbst kennen lernen. Ucber die langen epischest Gedichte dieses Zeitalters werde ich Ihnen gar nichts schreiben. Die wenigsten habe ich gelesen; es hat mir zu ihnen Lust und Muße gefehlet. Dem Inhalte nach möchte ich sie gern, auch wo ibr Stoff aus fremden Sprachen entlehnt ist, in ihrem deutschen Geschmacke kennen lernen; und ich wünschte , (denn mein Brief ist einmal auf dem Wege des Wünschens) daß uns ein deutscher Treßan, angenehm und interessant wie dek Französische, eine Bibliothek dieser epi- O 2 212 II. Andenken an einige sehen Romane gäbe. Er könnte auf seinen glanzenden französischen Vorgänger verweisen, und nur bemerken, welche neue Gestalt der fremde romantische Stoff in deutschen Köpfen angenommen habe. Dies möchte eine nicht zahlreiche, aber sehr unterrichtende Bibliothek der deutschen epischen Romane werden; worüber seit einigen Jahren hie und da in Schriften und Journalen manches Gute bereits versucht ist. *) Leben Sie wohl, und erwarten, daß ich Ihnen nächstens eine deutsche Epopce nennen und sie (xrolr Oü!) dem Homer unmittelbar zur Seite setzen werde. Vierter Brief. Die deutsche Epopee, die ich Ihnen zu nennen hatte, ist nichts anders als der Ulysses aller Ulysse, Reineke, der Fuchs; eine der ersten Eompo- sttionen, die ich in irgend einer neueren Sprache kenne. *) Journal von und für Deutschland, im deutschen Museum u. f. Auch die deutsche Bibliothek der Romane (Riga bei Hartknoch) hat für diese Werke ein eigener Fach. altere deutsch? Dichter. 21.; Ucber eine Suche, die uns lieb ist, mag man Hern reden; erlauben Sie also, daß ich hier etwas weit aushole. Lessing hat gezeigt, daß die Bestandheit der TKicrcharaktere Thiere vorzüglich zu handelnden Personen der Fabel empfehle. *) Er hat auch einen Vorschlag zu fortgesetzten äsopischen Fabeln gethan, und davon Proben gegeben; er wußte aber selbst, daß dergleichen fortgesetzte, ja zu einer grössere» Eomposition zusammengeordnete Fabeln langst da und bei mehreren Völkern beliebt waren. Sic kennen die Indischen Fabeln Bidpai, die Wil- kins vor einigen Jahren aus der Ursprache bekannt gemacht hat. **) Diese waren vorher im Persischen , Arabischen, Griechischen und seitdem unter verschiedenen Namen in mehreren europäischen Sprachen bekannt, und allenthalben mit Recht gepriesen; gegen unser» Reineke Fuchs find sie indessen nichts als ein zusammcngereiheter Rosenkranz, oder vielmehr eine Einschachtelung von Fabeln,, da eine in der andern steckt, so daß man zuletzt nicht weiß, wer erzählet? Die Morgenländer gingen auf dieses Kunststück eigentlich aus, und ich mag sie in ihrem Geschmack nicht tadeln; darf aber auch nicht bergen, wie lieber mir Reineke, der Fuchs, sey. Hur ist alles fortgehende Epische Geschichte; nirgend steht die Fabel stille; nirgend wird sie untcc- Abhandlungen hinter feinen Fabeln. ") l'bk: Kitnpbsä«? c>k Visbnn-Lsrrna, 1767- 214 II. Andenken NN einige krochen; die Thicr-Cbaraktcre bandeln in ihrer Bestimmtheit, mit der angenehmsten Abwechselung fort, und Reineke, der in einem großen Theil des Gedichts , wie. Achill, in seinem Schloß Malepartus ruhig sitzet, ist und bleibt doch, das Hauptrad, das alles in Bewegung bringt, in Bewegung erkält, und mit seinem unübertrefflichen Fuchscharaktec dem Ganzen ein immer wachsendes Interesse mittheilct. Man liefet eine Fabel der Welt, aller Vcrufs- arten, Stande, Leidenschaften und Charaktere. Eine Kenntnis der Menschen, der Höfe, der Geschlechter, des Laufs der Begebenheiten ist in ihm bemerkbar, daß man beständig vor dem köstlichen Spiegel zu stehen glaubt, von welchem der Fuchs so angenehm lüget; und die Scencn der größestcn Gefahr werden natürlich auch die lehrreichsten, die interessantesten Scenem Alles ist mit Kunst angelegt, ohne im, mindesten schwerfällig zu werden; die Leichtigkeit des Fuchscharakters, half nicht nur dem Reineke, sondern auch dem. Dichter arrs; sic half ihm zu sinnreichen Wendungen, in einer Leichtigkeit und An- muth, die ihn bis zur letzten Zeile begleitet. Ich gestehe,, daß dies alles der angenommenen Theorie ziemlich entgegen sey, und daß, wenn man mir von einer Thierfabel, die durch lange vier Bücher fortgeführt wird , erzählt hatte, man, mich ungläubig würde gefunden haben. In der Ausführung, je. länger der Fuchs schwatzt, und betrügt, je gelehrter und künstlicher er lüget; desto angenehmer wird, er. Durch unmerkliche Gradationen wurden wir. auf alles zubereitet; und die Geschichte vom Schatz und von den Kleinodien, die Ihren beiden. Majestäten bestimmt waren, ist vielleicht das Ergötzlichste,, altere deutsche Dichter. 21 » das in dieser Gattung je geschrieben werden konnte. Disputiere man von ve rn u n ft ma ß ig c r Erhöhung der Thicrcharaktere, wie weit sie dem Fabulisten erlaubt oder versagt scy; das Genie spottet dieser unbestimmten Verbote. Es weiß durch innere Regel, wie hoch cs den Charakter eines Thie- res oder Menschen hie und nicht dort, dort und nicht hie erhöhen könne, erhöhen müsse und dürfe. Diese innere Regel ist ihm Gesetz, und die Wirkung auf uns ein sicherer Bürge. Die anmuthige Ruhe endlich, die in diesem ganzen Gedicht herrschet, die Unmoralitat, ja sogar die Schadenfreude des Fuchses, die leider zum lustigen Gange der Welt mitgebörct; sic machen das Buch zur lehrreichsten Einkleidung eben dadurch, daß sie cs über eine enge, einzelne End-Moral erheben: denn eine Epopce oder Tragödie, die sich zuletzt in einen einzelnen Satz zusammenzöge, wäre zuverlässig arm und elcnh. Dank also dem Hcldcndjchter des Fuchses, wer er auch sey; Dank allen, die sich mit diesem Buche bemüht haben. Auch Gottsched wollen wir unter diesen nicht vergessen, so viel er bei seiner Ucbcr- setzung gefehlt haben möge. *) Seine Ausgabe hat di s Gedicht wenigstens bekannt gemacht; die dabei gebrauchten Ev erd ingsc h e n Kupfer, Baumanns moralischen Eommentar mit denen in ihm oft verkommenden Stellen alter deutschen Gnvmo- ') Heinrich von Alkmar Reineke der Fuchs, übersetzt von Gottsched, Leipzig 1752. in 2r6 II. Andenken an einige logen hat man auch daneben; und hinten beigcfügr ist die niederdeutsche Urschrift selbst. Allerdings ist diese von sonderbarer Süßigkeit und Anmutb; fast ohne gewöhnliche F'ickrcime fließen die Verse, wie ein sanfter Strom; das Lustige, Naive, Poßicrliche wird in ihm siebenfach natürlich und lustig. Aber, werden Sie sagen, ist dieses Gedicht denn ein deutsches Produkt? ist? nicht eine Ucber- setzunt aus dem 'Altftanzysi^chcn, wie sein Verfasser selbst saget i Allerdings, Darauf lasse ich mich aber nicht ein; gnug , wir sind im Besitz,, und kennen bisher kein französisches .Original, aus dem cs übersetzt wäre. Welche Nation sich des Werks anmaßet, beweise ihre Anmaßung, nicht durch Titel des oder jenes Romans, sondern durch Bekanntmachung des Originals selbst. *) Fände sich auch ein solcher Roman (und ich wünschte, daß man sich um die in dieser Streitsache genannten Gedichte Müde gäbe;) so bleibt meines Erachtens dem Alkmar oder wer der Verfasser unsres Gedichts scy, immer noch sein ganzes Verdienst; er hat, da er übersetzte, wirklich gedichtet. Da ist auch keine Lücke, kein Den von Sohl aus der Lübeckschcn Bibliothek herausgegebnen holländischen Reineke kenne ich noch nicht. Nach denen von Gottsched gegebne» Proben scheinet er dem Französischen Original näher zu kommen; das wahre epische Kunstger dicht bleidet indessen vor der Hand dennoch das deutsche» bis das Original selbst erscheinet. altere deutsche Dichter. 2»7 Zwang einer Nachahmung oder eines Erborgten sichtbar; die Scene des Gedichts liegt um den Verfasser wie seine Welt da; jede Thierseele, ja der lebendige Lauf der Zeit hat ihn beseelet. In einem Jahrhundert, da Eomines seine Geschichte schrieb, konnte ein andrer wohl auch Reineke den Fuchs schreiben; ste lebten auf einem Gipfel des Glanzes der Hofe, so wie auch politischer Ränke und Unterhandlung. Damals waren diese Dinge vielmehr in sinnlichem Anblick, als sie es jetzt sind; die Politik hat sich seitdem immer mehr in die Cabinetter verkrochen , die Charakter-Bestandheit einzelner Stande ist geschwächt, ja hie und da ausgelöscht worden. Zu unsrer Zeit kann kaum jemand mehr einen lRei- nekc Fuchs mit der anschaulichen Wahrheit schreiben, die in diesem Gedicht durchhin herrschet und lebet. Ein verdienter Jurist hat eine gelehrte und angenehme Abhandlung vom Nutzen dieses Gedichts in Erklärung der deutschen Rcichsaltcrthümer, insonderheit des ehemaligen Gerichtswesens geschrieben, *) die gelesen zu werden verdient; eine politische Abhandlung über Reineke aus dem Geist stincr und aller Zeiten macht Jeder sich leicht selbst in Gedanken. Damit aber bin ich nicht auf der Seite derer, die dem ganzen Gedicht ein einzelnes Historisches Factum, von dem cs nur Einkleidung Dreyers Rebenstunden, Bützow 1762. 2rö II, Andenken an einige ft», unterlegen wollen. Eccard brachte ejne solche Hypothese uns, *) und neulich Hot man sie sogar dabin erneuxen wollen, als ob der ganze Reineke nichts als ein fränkischer Edelmann, ein Herr von Fuchs oder Voß gewesen. **) Wahrlich, das wäre der Rede wcrth! Nein, mein feiner Reineke treibt seine Wirtkschaft im Namen all.r Füchse auf Gottes Erde; in ihrer aller Namen hintergekt er, beichtet, verantwortet sich und kommt von der Leiter des Galgens zu hohen Ehren empor. Sein Schloß Malepartus hat tausend und abcrmal tausend Namen; so wie Majestäten, Beichtvater, Gc- heimschrciber, Canzlcr und Rathe, (eben der von Lesung bewiesenen Eharakter.-Bestandheit wegeH ihre ewige Urbilder haben. Eine historische Hypothese solcher Art zerstört den Zweck und die Absicht der ganzen poetischen Schöpfung, und ist eben so unnatürlich als unpoetisch. Wenn alle Herren von Fuchs und Loß aussterbcn, stirbt das Geschlecht der Reineke zum Besten der Welt nie aus, und so lange es Löwen, Dachse, Wölfe, Baren, Kater, Böcke, Hasen und Schlangen gicbt, wirds den Füchsen wohlgehen, für die Hof und Welt gemacht zu seyn scheinen. Weil ich mit meinem Reineke der Zeit nach etwas vorgeschritten bin; so wollen wir nächstens einige Schritte zurückgehn, Im Wege sind wir dennoch geblieben. Vorrede zu Leibnitz ooHectsn, Mich dünkt, cim Journat von und für Deutschland habe ich die Hypothese gelesen. altere deutsche Dichter. 2r°> Fünfter Brief, Von jeher Hot- die deutsche Poesie die Moral gesiedet. Gewiß nicht nur, weil sie seit der christlichen Zeitrechnung von den Klöstern eiusging, und meistens religiösen Inhalts war; sondern wohl auch des biedern Charakters und der Rechtlichkeit der Nation wegen. Ein hoher Aufschwung, eine zügellose Liren; log weder in der Gemüthsnrt, noch in den Gewohnheiten, Sitten und Gesetzen der Deutschen; selbst dos Klima begünstigte solche nicht, oder es fodcrte sie wenigstens nicht auf. Wenn man also, hen warmern Nationen eine tiefere Empfindung zugebcn, mithin auch manche raschere Ausschweifung zu gut halten muß: so haben wir uns dagegen den. Weg der goldnen Mittelmäßigkeit gesichert , und dazu, wie alles, so auch unsre Versart eingerichtet, Für Fabel und Sprüche, die beiden leichtesten Einkleidungen der poetischen Moral, ist die kleine Vei;sart in achtsylbigcn Jamiun, die den mittleren Jahrhunderten isie gewöhnliche war, gleichsam ge-, schaffen. Beide haben sich ibr auch sehr glücklich, oft mit beneidcnswcrtbcr Kürze und wenn ich so sagen darf, mit einer Rechtschaffenheit cinge- präget, daß der ziemlich eintönige Vers gleichsam ein Echo der eintönig-starken Ucbcrzeugung zu seyn scheinet. Schon in den Dichtern der schwäbischen Zeiten bemerkt man, dass, so riel Kunst man auch auf die Bildung einer abwechselnden Strophe ver- 220 II. Andenken cm einige wandte, die moralischen Sprüche die einförmigsten und durch das Wiederkommen ihrer Schwere gleichsam die prägnantsten werden ; die Anmaimungen des Königes Tyrol an seinen Sohn, des Winsbeck und der Winsbeckin an ihre Kinder, (ob sie gleich noch lyrischer Art sind,) nähern sich schon diesem moralischen Rhythmus. *) Vortreffliche Stücke, ein Kern der alt-deueschcn Treue und Sitren-Erziehung! Im Manessischen sowohl als Jenaischen Codex kommen manche Fabeln, oder kleine allegorische Gespräche, z. B. zwischen der Treu und Untreu, der Wahrheit und Unwahrheit vor; leichte Einkleidungen, bei denen cs wenig auf Kunst, desto mehr aber auf gute Meynung und Lehre ankam. Der alte Gnomolog, der unter dem Namen Frei dank bekannt ist, brachte die kurze Sentenzen-Versart noch mehr in Gebrauch. Er scheint viel gelesen und auswendig gelernt worden zu seyn; und wahrscheinlich wird man bei Zusammenhaltunq der Handschriften an mehreren Orten ihn dort und hier verändert, vermehrt, verbessert finden, nachdem man aus dem Schatz seiner Erfahrung oder Belesenheit neue Sprüche und Lehren hinzufügte. Da jetzt verschiedene Gelehrte ihre Aufmerksamkeit auf diesen alten Sittenlehrcr zu richten scheinen; *') so werden wir darüber bald nähere Auskunft haben. Und sodann sollte dem Fr ei dank der Renner zugegeben werden, ein *) Schilter 1 *. lt. Bodmers Sammlung der Minnesinger, LH. 2. Bragur, LH. r. 2. > Rach verschiedenen Notizen im 2. LH. des Bragur. 22V ältere deutsche Dichter. schätzbarer Moralist, nicht nur des Inhalts, sondern auch seiner Dictivn wegen, ob ich diese freilich bisher nur aus seiner gedruckten Ausgabe kenne. Lessings Gedanke, ihn aus Handschriften her- auSzugebcn, unterblieb, wie leider mehrere seiner guten Gedanken; aber sollte nicht Eschen bürg, der sich um Lessings Nachlaß so sehr verdient gemacht hat und ganz der Mann zu diesem Werk ist, den Gedanken seines Freundes ausnehmcn, und uns den alten Hugo von Trimbcrg (etwa auch nur wie Lcssing und Rammler den Logau gaben,) aus Handschriften wiederherstellcn ? *) Sollte unsre Nation der Kindheit so ganz entwachsen seyn , daß sie die alte Moral und Fabel-Unterweisung ihrer Vater, mit der glücklichsten Pracision bicderherzig ausgedruckt, nicht wenigstens von den Motten befreit wünschte? „Nachdem alle Menschen, sagt Flacius „Jllyrikus, gern von ihren Eltern und Vorfahren „viel wissen wollen, auch alles so bei ihnen gewöhnlich und gebräuchlich, Hochhalten; weil auch alle „Menschen gern etwas, beides von den uralten und „von fremden Sprachen, wissen: so muß einer je „gar ein Stock und so zu reden kein rechter Deutscher seyn, der nicht auch gern etwas wissen wollte „von der alten Sprache seiner Vorfahren und Ellern." Mich dünkt, ich sehe eine Zeit nahen, da *) Im Bragur ist bereits der Anfang mit einigen Fabeln aus der gedruckten Ausgabe gemacht; die Sentenzen dünken mich das Vorzüglichere in diesem Autor. 222 II. Andenken ein einige wir unS mehr als bisher zu diesem Studium thun, und unsre Fürsten selbst sich bemühen werden, ihr Volk von der Nachabmung fremder Sitt.n und Sprachen zu ihrer eignen, und zu den Sitten ihrer Vorfahren zurückzulenken. Dann kommt es nur auf fabige Köpfe und rüstige Kräfte an, der Nation diesen Weg angenehm zu machen und sic mit edler Gewalt darauf fest zu halten. Der französische -Parnaß ist zerstöret, der italienische ist lange dahin, der brittische tragt mäßige Früchte; lasset uns unsre eignen Archer, die Felder unsrer Vater und Urvater bauen; hier blühet uns Glück! — Doch wo gerathc ich hin? Wo Sie mir indeß gewiß gern nachgefolgt sepn werden; ich komme wieder zu meiner Spruch- und Fabelpoesie der Deutschen. Boners Fabeln sind bekannt; cs haben sich ihrer nach und nach, zuletzt auf einmal so viel tüchtige und würdige Hände angenommen, Scherz, Bodmer, Lessing, Lberlin, daß jedem vergessenen Dichter der Deutschen ein ähnliches Schicksal und vom letztgenannten Gelehrten eine Ausgabe derselben zu wünschen wäre, wie Lessing sie vor- schluq. *) Da winkt uns aber noch ein andrer, meinem Ürthcile nach viel schätzbarerer Fabeldichter als Voner, es ist Burkard Wal dis. **) *) S. Eschenburg über Boners Fabeln, im Bragur, Th. 2 . S. 33?. ") Esopus, ganz neu gemacht, durch Burkärö Waldis, Fraukf. r58a. ältere deutsche Dichter. 22 3 Zachariä dichtete in seiner Manier und Eschenburg nahm Gelegenheit, sein Andenken wenigstens in einigen Proben zu erneuern; meinem Wunsche nach sollte, mit wenigen Ausnahmen, der ganze Burkard Waldis neu gedruckt werden. Seine Erzählung ist so natürlich und leicht; er hat eine so schöne Anschauung der Dinge um ihn her; seine Sentenzen, die oft langer als die Fabeln sind, schütten ein ganzes Füllhorn von Lehren, Bemerkungen, Sprüch- wörtcrn, Erfahrungen aus, daß er schon als Eno- molog vor vielem Andern, was in unsrer Zeit gedruckt wird, den Druck verdiente. Manche kleine Seite von ihm möchte ich lieber geschrieben haben, als große Geschichten und Lehrgebäude. Wie wäre cs, wenn ich mich sogleich von Duckend Waldis unterbrechen und ihn diesen meinen trocknen Brief endigen ließe? Hier ist sein Buch; und damit ich keine Vorliebe zeige, möge die erste Fabel statt aller dienen. Der Hahn findet eine Perle, und er erfreuet sich ihrer: Er sprach: was thust du, edles Kleinod, in diesem unflathigen Koth? Wenn dich ein reicher Kaufmann hätt', viel großer Ehr' er dir anthat, und würd' dich halten also hold, daß er dich fassen ließ in Gold. Du magst aber nicht nutzen mir; so kann ich auch nicht helfen dir, und dir erzeigen ziemend' Ehr; 224 H- Andenken an einig« ein Hand voll Gerst mir lieber war', damit ich macht' den Hunger stillen, der sich nicht läßt mit Perlen füllen. * * * Die llnverständ'gen merken beim Hah»! Kunst, Weisheit zeigt die Perle an. Ein Narr achtet nicht großer Kunst; Auch ist die Straf' an ihm umsonst. Das Bös' den Guten ist nicht gut; Das Gur' den Bösen Schaden thul. Das Heilthum (Heiligthum) ist nicht für die Hund'; Perlen sind Sauen ungesund. Der Muskat wird die Kuh nicht froh; Ihr schmeckt viel baß grob Haberstroh. Ein Atter sich zum Alren sindt; Luch mit einander spielen die Kind. (Kinder.) Ein Weib geht zu den andern Frauen; Ein Kranker will den andern beschauen. Darum sichs in der Welt jetzt hält; Zu gleichem Gleich sich gern gesellt. Welch ein Reichthum an leichten aus einander fließenden Sprüchen und Lehren! Sechs- ältere deutsche Dichten 225 Sechster Brief: Warum ich von den Meistersängern noch nicht gesprochen? Weil sic mir oft herzliche Langeweile gemacht haben. Sic sangen dicht hinter den Schwäbischen Dichtern an, und cs ist nicht zu laugncn, daß ein Theil dieser schon Meistersängcrei enthalte; je mehr aber dies Zunftwesen mit der Zeit zunahm, desto unbarmherziger sangen die Meister. Da ihre ganze Kunst aus Weise, d. i. auf Melodie gestellet war, und Tonlose Handwerker hierin wohl nicht viel Gutes erfinden konnten: so wurden in kurzem die Morgenrot!)- und Abcndröthwcisen so gedehnt, so langweilig, daß ich mir bei den meisten nur den Tuchmacher, Schneider und Schuster denken kann, der seinen Faden lang und kurz ziehet. Da ist auch kein SeelerKebender Ton , keine Gegenwart der Dinge, kein plötzlicher begeisternder Äugenblick; (denn wie konnte dcr in ihre Zünfte gelangen?) merklich; Christi Geburt und Auferstehung, der heil. Geist und geistlose Schwanke werden zu einem langen Seil gesponnen, und nach Hnndwerksgebrauch verdrehet. Viele ihrer Melodieen sind zum Einschlafen; die schönste Sage, das niedlichste Mahrchcn wird ein Handwerkslied, so tcödelhaft; aß es weder Gesellen noch Kinder singen mögen. HerdcrsW.Lltm. Kunst. XIII. P 226 II. Andenken an einige Und sie haben viel Schaden actban, diese langweiligen Meistergesänge. Alle Gesangbücher wurden damit augcsteckt ^ die Flickwörter, Flicksylben , jedes sijah der Meister gieng unvermerkt insonderheit in die geistliche Poesie über. Zeh w>iß wohl , daß man von dieser S.ite die Sache nicht hat betrachten mögen; meine Behauptung ist ab.r wahr, und laßt sich aus der Geschichte erweisen. Die älteste Poesie der Deutschen war kurz, die Lieder der Kirchenvater kurz und bündig; das Trödeln kam von den Handwerksstühlen her, und wie konnts auch anders? Ein Mann ohne Gedanken und Kenntnisse soll lange Weisen ausfüllen! Ein Mann ohne große, geschweige außerordentliche Empfindungen, soll neue Weisen erfinden und lehren! Nur unter den Deutschen , zumal in den Reichsstädten hat dieser Zunftkram so lange dauern und von da aus sich so weit fortbreitett können: denn der Deutschen Art nach wird alles gern langweilig und zünftig. Erlauben Sie also, daß ich vom großen klebe! mir das kleinste wähle, mithin auf die geistliche» und weltlichen Schwänke der mehresten Mcister- sangcr Verzicht tbue und mich a» ihre Grüße und Sprüche halte. Sie wissen, die Meister sagen einander vor der Lade den Gruß; der Geselle har seinen Spruch. Solche Grüße und Sprüche hat auch die Meistersan- geczunst fleißig gchandhabet. *) *) Eine Sammlung derselben war diesem Briefe bei- gclegt; sie mag indeß auf einen andern Ort warten. ältere deutsche Dichter. 227 Sprüche einer gewissen Gattung nannte man Priameln, weil zuerst präambulirt wurde, che man zum Aufschlüße kam. Ich habe sie anderwärts das deutsche Epigramm genannt; die Ferm derselben ist aber sehr alt. In den Sprüchen Salonions und im Sirach ist schon der Keim zu Pria- meln da, woher ihre Form auch genommen scheinet. In den deutschen Zünften ward diese Form ausgebildet ; und wenn ich so sagen darf, zum Handwerksleisten. Sie ist in ihrer Art gewiss nicht verächtlich; man kann viel Scharfsinniges in einer vortrefflichen Kürze- mit Aufhalt der Erwartung, darin» sagen, welches allerdings die Seele des Spruchs zu scyn scheinet. Ich wünschte also, dass, wie Lessing und Eschenburg dcrglcichen bekannt gemacht haben, *) noch mehrere aus alten Papieren bcrvorgezogcn würden; sie enthalten wirklich, wie Lcssing sic nannte, Altdeutschen Witz und verstand. Auch will ich mit dem, was gesagt ist, keinem edleren Meister der Zunft seinen Nubm ab- sprechcn; und Hans Sachs bleibt in Deutschland, vielleicht in Europa, der Meistersanger Meister. In seiner schonen Provinzialsprache herrscht eine so angcnebmc Naivetat, deutsche Urbanität, Ruhe und Zünftigkeit der Gedanken, dass ich jedem Jahrhundert in seiner Art einen Hans Sachs wünschte. Lessings Beiträge zur Geschichte und Literatur. Btitr. L. S. tgä. Bragur Th. 2, S. 33 §; P 2 22F II. Andenken an einige Es war mir un'ieb, zu bemerken, daß die ange- fangcne Auswahl seiner Verse mit Sprachcrlauterun- qen von einem seiner geschickten Landsleute und Liebhaber vor einigen Jahren nicht zu Stande kam; ich hoffe, sie wird dazu kommen, oder ihr Urheber für sie auf eine andere Art sorgen. *) Leider erzeigen die Deutschen ibm nicht die Ehre, die die Engländer ihrem früheren Ehauccr beweisin; **) und doch hatten wir dazu Ursache. In Ansehung der kurzwei'igen Geschichten, die Er, Waldis u. a. baden, wäre cs kein übles Werk, wenn wir ihrem Ursprünge nachspürtcn; woher diese nämlich genommen sind? welche ausländische Schriften zu der und jener Z>it in Deutschland gegolten haben? Italiener, Engländer und Franzosen sind in Untersuchungen solcher Art vor uns voran; und zur Geschichte der Denkart der Nation sind sie unentbehrlich. Noch ist eine Gattung von Sprüchen in dieser Zeit merkwürdig, die B i l d e r sp r ü ch e, die emble- *) Auswahl Hans - Sächsischer Gedichte von H ä ße lein. Nürnberg rM. Th. i. Jin B r a g u r hat er nebft andern auch aus Hans Sachse Beiträge gegeben. ") Die schone Ausgabe dieses Dichters init L y r^ witts Glossarium sollte ein Borbild solcher Ausgaben werden. Ihren Spenser, Butt- ler u. f. haben die Engländer mit großen Coinr mentarien und Noten. ältere deutsche Dichter. 229 mansche Poesie der Deutschen. Von jeher liebte unsre rubia-sinnliche Nation das Anschauen; und wie sie einst ibre Schilde bemalnte, ihre Wappen und Helme emblematisirte: so ließ sie sich Bilder und Embleme auch gern intcrprelircn. Mochten es qemahlte Fensterscheiben, Holzschnitte oder Kupferstiche styn; man legte sie aus, und erfand gern etwas, was man auslegen könnte. Dies half der deutschen Kunst auf; und die alte Poesie gieng langsam und lehrbaft an ihrer Seite. Ich wollte, daß wir eine Geschichte dieser deutschen Bilderspr riebe, mit ibrcn merkwürdigsten Produkten hatten ; ohne Zweifel haben mehrere stille Liebhaber dazu ge- sammlet, und Meusels nützliche Journale dürften der beste Vcrsammlungsplatz dazu werden. Wie Ho ! bein des Erasmus unsterbliche Moria mit seiner Kunst begleitete: so rüstete Brand sein Narrenschiff in und zu Holzschnitten aus. In den Uebersetzungen desselben, sie mochten prosaisch oder poetisch sepn, *) in Kaiscrsbcrgs Predigten u. f. kanien diese wieder zum Anblick. Wie Aretino seine berühmten Sonnettcn zu unzüchtigen Zeichnungen erfand: so suchte der deutsche keuschere Geist sittliche Embleme kurz - oder langweilig zu empfehlen ; dagegen ibm auch die damals vortreffliche deutsche Kunst zu Gebot stand. Beide haben zu Vorbereitung und Ausbreitung der Reformation das ihrige tapfer beigctragen, so daß ich auch im LZon Jacob Locher, Ic,clacn8 Kollius u. f. Einer der Liebhaber, Kenner und Sammler altdeutscher Kupferstiche, Holzschnitte, Gespräche, 23 c» II. Andenken an einige Druck und in Verzierungen dies Zeitalter fast unübertroffen finde. Man ahmte den alten Mönchs- gemahlden nach; aber mit viel Verstand und grosser Anschauung der Dinge, daher ich dies Zeitalter beinahe das em b l cm a ti sc he nennen möchte. Unvermerkt sind wir also der Reformation nahe gekommen;, und Sie verzeihen, daß ich von den berühmten Produkten unsrer Sprache, die eine kaiserliche Majestät betrafen, dem Theurdank, Weiß - Kunig u. f. gar nicht rede. Aus keiner andern Ursache, als weil ich, sie zu lesen, bisher nicht Zeit gehabt habe; wie vieles überhaupt hatte ich noch zu lesen! und wie manches Gelesene könnte ick) cntbebren! Nächstens erwarten Sie etwas über die Reformation; doch daß Sie für die Poesie ja nicht zuviel davon erwarten!- Satyren, Verse u»b Schwanke sollte der Materie nachgehn, was dies alles zur Reformation und Aufhellung des Geistes beigetragen habe. Unglaublich frei , dreist und, kühn waren die damaligen Zeiten. ältere deut'che Dichter. 23 r Siebenter Brief. Luther war cin starker Geist, ein wahrer Prophet und Prediger unscrs Vaterlandes. Er hat die elastische Wücherfprache der Deutschen zuerst sipi- ret; alle seine Schriften sind voll Herz und Muth. Auch seine wenigen Lieder athmcn deutsche Kraft, obwohl seine Uebersetzungen alter Hymnen ziemlich hart sind. Es wäre zu wünschen gewesen, daß, wie in Allem, so auch jn dieser Licdersprache stin Geist hätte fortcrbcn können; leider aber war das unmöglich. Der einzige Erasmus Ulberus, und späterhin wenige Andere gingen iin Ton der Kir- chenpocsie, den er angegeben hatte, auf seiner Bahn, wiewohl auch mit .sehr ungleichen Schritten fort; der Meistersangerton bemächtigte sich des Gesangbuchs der Protestanten, und die kläglichen Zeiten, die bald nach Luther folgten, brachten vor Allem kincii klagenden Ton in die Gesänge. Bald nistete sich auch der dogmatische Geist in sie, und zulept ward der größcste Thcil derselben Machwerk; so daß nach Luther beinah der einzige Paul Gerhard, (und wie spat lebte dieser!) unt>r den Lie- dersangern hervorschimmert. *) Eine poetische Reformation bewirkte Luther also nicht; (dessen er sich ") Barth. Rigg walds treuem Eckard u. a. lasse ich auch ihr Rechr wicdcrfahrcri. 2Z2 II. Andenken an einige auch nicht anmaßte;) vielmehr Haben die dogmatischen Streitigkeiten, die durch seine Reformation entstanden, dem Geist der Gelehrten eine ganz andre, ziemlich unpoctüchc Wendung. Die lat inischen Schulen, die Mclanchthon und andre verdiente Männer beförderten, zogen dm ctwannigen Genius der Deutschen zur lateinischen Poesie herüber; und da mit dem obersachsischen Dialekt, der durch Luthers Bibelübersetzung und Schriften allgemach zur Bü- chcrsprache ward, die Mundarten anderer Provinzen in den Schatten gedrängt wurden: so gingen auch die in ihnen vorhandenen poetischen Produkte des obern und niedern Deutschlands auf eine Zeitlang und für die meisten Provinzen fast in Vergessenheit über. Bodmer hat diesen Schaden sehr beklagt, der in manchem Betracht auch nie ersetzt ward. *) Einmal für alle war Deutschland durch den Streit über die Reformation zertheilt, und wenn ich so sagen darf, seinem Gemeingcist entrissen; es scheint nicht, daß es zu diesem so bald zurückkehren werde. Indessen erholte sich allmählich der menschlich^ Geist wieder; und cs ist sonderbar, daß eben der Winkel, der in altern Zeiten der deutschen Sprache die ersten poetischen Knospen unh Blumen gegeben hatte, auch jetzt die ersten Schößlinge zu treiben anfing. Bis auf Opitz waren die ersten glücklichem Versmacher und Dichter Schwaben und Rheinländer ; auch die erste Ausgabe Opitzischcr Gedichte ward ch In seiner deutschen Grammatik, in seinen literarischen Aufsätzen, und sonst. ältere deutsche Dichter. 233 von Ainkgrefin Strasburg veranstaltet. Zwei, einander übrigens sehr ungleiche Männer, beide aus dem Würtembecgischen, zeichneten sich in dem damaligen Unwesen der Dinge Deutschlands vor andern an feinerem Geist aus; und es war natürlich, daß beide sich in der Poesie versuchten. Ich lege Ihnen darüber ein paar vor zwölf Jahren gedruckte Briefe bei , die ich nur hie und da nach meiner jetzigen Denkart verändert habe: denn, daß ich mich selbst ausschreibc, muthcn Sie mir wohl nicht zu; und wozu sollte cs auch in dieser Sache dienen? Brief über Johann Valentin Andreä deutsche Gedichte. **) Johann Valentin Andrea, geborcn i 5 M. im Würtembergischcn, ein Enkel des Jakob Andrea, ***) der Zur siorneula uonoorclias sich so t) Opitii deutsche kneinata. Sammt einem Anhänge mehrerer Gedichte andrer deutschen Poeten. Straßburg , 162h.. **) Deutsches Museum r.779. "*) Der Enkel hat das Andenken seines Großvaters auf eine sehr würdige Art zu erneuren gesucht. II. Andcnkm cm einige 2-^s geschäftig bezeigte, war in seinem Vaterlande Diakon, Spezial, Hochrcdiger, Doktcr, Kirchenrath, 2ibbt, Gcneralsupcriniendent u. f. Er hat vieles, und dies meistens in eimr sonderbaren Art geschrieben. Es sind nicht Schriften, sondern Schn stehen ; nicht große leere Säle, sondern niedliche Wohnzimmer, zum Thcil voll seltner, ungesuchter Merkwürdigkei- t»n; Aufsage, die der Pöbel seiner Zeit anstaunte, die auch vielen unsrer Zeit zuweilen befremdend, hie und da unverständlich und als Spielzeug Vorkommen müssen; die aber alle von der feinen Erfin- dungs- und Einbildungskraft, vom richtigen Gefühl und scharfen Uptbeil, von der ausgebreiteten Kennt- niß und dem wiewohl unausgcbildeten Dichtergeist des Verfassers zeugen, Alles, was er schreibt, wird Fabel, Gespräch, sinnreiche Einkleidung; er sagt in ihnen Wahrheiten, die wir jetzt uns kaum, nachdem wir ein Jahrhundert weiter gerückt sind, zu sagen getrauen; er sagt sie mit so viel Liebe und Redlichkeit als Kürze und Scharfsinn; so daß er in stinem streitenden, verketzernden Jahrhundert, wie eine Rose unter Dornen, noch jetzt, neu und frisch dastcht, und in zartem Woblgcruch blühet. Ich kenne einen Freund, der seine Schriften, so zerstreut und selten sic zum Thcil sind, mit großer Liebhaberei gesammlet, zum Thcil übersetzt hat und djesem guten Andrea ein kleines Denkmal)! zu siif- S. lk'grris spuclreslig. reklnreü-oons s. ssc. sg»- circ>6 vitae, kimsri.?, scichtorum eto. reuitutic,. ^r8>mt 16Ü0, 12, ältere deutsche Dichter. 235 tcn Willens ist, wie es unsere Zeit fordert. Ihm also nicht vorzugreifen, spreche ich von den Lateinischen Schriftchen dieses Mannes kein Wort mehr und bleibe bei seinen deutschen Versen, die er unter dem Namen: g c i st l i c h c K u rz w e i l Straßburg 1619 in 12. herausgegebcn hat, und die nur ö Bogen betragen« Erwarten Sie in ihm keinen klassischen Dichter unsrer Zeit; die seine und auch der damalige Zustand der deutschen Sprache litt es nicht. Damals schrieb alles Latein; und auch Er schrieb, was er gefeilt schreiben wollte, in dieser Sprache; fürs Deutsche blieben, wann ich so sagen darf, nur die Haus- und Hcrzensgeschafte übrig. Das meiste also, auch in dieser geistlichen Kurzweil, ist für Weib, Kinder, Volk, Freunde; und der Verfasser sagt am Ende: Ohn Kunst, ohn Müh und Fleiß ich dicht': Drum nicht nach deinem Kopf mich rieht. Bis du schwitz'st, spitz'st und schnitz'st im Sinn, Hab' ichs gesetzt und fahr dahin. Gefallt dirs nicht, wie ich ihm rhu, Machs besser, nimm ein Jahr dazu. Sie sehen hicmit ohngcfahr die Manier seiner Verse. Wir nennen sie jetzt Knittelreime, und haben sie zu possirlichcn Ideen bcrabgestoßcn; damals waren sie das angenommene Lehr - und Erzahlungs- metrum; so wie denn auch der schlichte, unermüdliche , gerade Gang dieser Verse, ihre Leichtigkeit und Freiheit sowohl zur Erzählung, als zum ge- 236 II. Andenken ein einige drangtesten Lehr- und Ermabnungsvortrage recht geschaffen scheinet. Nicht nur der berüchtigte Hans Sachs; auch Burkard Waldis, der Freidank, der Nenner und wer nichtk haben sich ldieses Sylben- maaßes bedient, daß ichs beinah den Hexameter der eilten Deutschen nennen möchte. Die Sprache un- sers Dichters ist der schwäbische Dialekt, der ihm zum Gebrauch desselben besondere Vorthelle giebt. Er wirst das der, die weg, und setzt ein d' hin, wie die Engländer: er zieht die Pronomina, einem, einen, die Supina, behütet, geachtet, in e i >n , ein, behüt, gcacht zusammen ; die Vor- schlagssylben ge, bc, zu macht er zum Vorschläge b, g/ Z/ wie der lebendige Dialekt thut — zehn Aortheile mehr, die den Vers so gedrängt und voll, die Sylben und Bilder so leicht und übcrhinlausend machen, daß wir mit unseren Sylbcnbau, wo jeder Vorschlag, jedes Vorwort, ein unwesentlicher, nur der Flexion wegen hinzukommcnder Thcil der Rede, wie ein großer Herr langsam einhcrschreitet, dagegen schlecht bestehen. Dorr zieht der Gedanke, oder das Gemahlde so leicht vorüber, als man sie spricht; ja auch im Bau und Maas der Sylben erscheint dadurch mehr Proportion und Zusammenordnung. In Lehrstellen, Sentenzen, kurzen Gleichnissen und Gegensätzen ist daher auch unser Andreä besonders glücklich; so wie auch in komischen, witzigen Zügen. Doch ich will Ihrem Urthcil nicht vergreifen, und wähle also gleich das erste, ein sehr ernsthaftes Stück seiner Sammlung, Es sst auf den Tod einer Freundin geschrieben, theilnehmend und voll edler Dichtung: eine wahre Gloristcation derselben. Setzen Sie Sich in diesen Zustand des Verfassers, wenn ältere deutsche Dichter. 23 -s Sie es lesen wollen, und nehmen ihm auch stinen kleinen Anstrich von Mystik, so wie den Trost seines Herzens uns. geistlichen Liedern nicht fremde: er schrieb uns seiner Seele und nicht für unsre Zeit, So hebt er ein: Wenn wir die Welt mit Fleiß ansehn, Wie All's thut durch einander gehn, Wie der Bös' herrscht, der Fromme leidt, Der Narr viel schwätzt, der Weise schweigt/ Der Dieb wohllebt, der Redlich' fast't, Faulheit bringt Lohn, die Arbeit Last, Frechheit gewinnt, der Sorgsam' liegt, Wer viel hat, nimmt; wer nichts hat, giebt: Und lauft also, in einer Summ, ? Die Weltkugel im Cirkel um — So wird uns unsre Lebenszeit Zu lauter Pein und Herzeleid, Zu Kerker, Ketten, Band und Strick, Und sehnen uns all' Augenblick, Wie wir ein' Luft mögen gewinnen, Daß wir der Dienstbarkeit entrinnen, Daß uns so manche Jahr' und Tag' Nicht werden zu ein'r lautern Klag', Daß wir in diesem Jammerthal, Erhalten auch ein klein Labsal, Drum mancher ihm selbst nimmt die Flucht/ Und nur Ruh in der Wildniß sucht, Bermeynt, was nicht bei Menschenkindern Woll' er bei wilden Thieren finden. Allda kein Hof, kein' Schul, kein Rath/ II. Andenken an einige Kein Schmeichler, Heuchler, Advokat, Kein Wuchrer, Künstler und Sophist, Kein Wirlh, Kriegsgurgel und Maulchrist- Und was dergleichen Werkzeug' seyn, Dadurch die Welt ihr macht viel Pein; Zumal der Mensch sein hoch Herkunft Macht schnöder denn die Unvernunft: Denn je die Lhier' in ihrer Art Mehr Gnüg' und minder Widerpart Haben in dem, was Gott beschert, Wo's ihnen nur der Mensch nicht wehrt, Der sie mit seiner List und Pracht Auch seiner Unruh theilhaft macht, Daß Unvernunft durch Witz rcgierr, Noch mehr ein wildes Leben führt. Also kam mir neulich zu Sinn, Daß ich von Menschen tief dahin, Und sucht mir einen grünen Wald, Da ich so manch scheußlich Gcstalt- Der Menschen Werk schlug aus dem G'müth- Und stillt mein Herz- das in mir wüt, Erholt die Sinn', die gar verwirrt, Erforscht mein' Seel, die sehr verirrt, Fragt die Natur um ihren Willen, Sprächet mit Gott, der gern bei Stillen, Schauer den Dienst der Kreatur, Und besah mit Fleiß die ganze Uhr Der großen Welt, wie die regiert, Mit Weisheit, Lieb' und Macht geziert: Das macht mich bald ein'n solchen Herren, Daß ich all' Gemeinschaft wollt verschwördn- Ünd deucht mich: ja- hie war' gut sehn- ältere deutsche Dichter. Da nicht war'n Löwen, Wölf und Schwein, Fuchs' und Hund' in der Menschen Gestalt, Sondern ein Jedes sein' Art behalt, Indem mein' Seel' sich so ergeht, Mein Leib sich auch in Schatten setzt, Meine Sinn' ruhten in sanftem Saus, Meine Fantasei wollt fliegen aus; Allgemach mein Haupt sich neigt zur Erd, Vor Sicherheit kein Sinn sich wehrt, Die Augen blinzle»; Hand' und Fuß' Mein ganzer Leib seine Nerven ließ. Ich hört' und hört nicht, sah ohn' Gesicht, Mein Leben war wie ein Gedicht, Bis daß der ganze Block da liegt, Und hat der Schlaf an mir gesiegt. Und sorgt' nun nicht, was Ost und West Uns bringen möcht' für fremde Gast, Oder das fünft' Hauptkönigrcich Glaub' und Scepter werd' manchen gleich, Oder wer mach' den großen Stein? Wenn lavf der ewige Haspel fein ? Das alles mich gar nicht verletzt; Aber ein Traum mich wohl ergeht. Mich daucht, wie es fast finster war, Wiel Nacht und Nebel um mich her, . Auch Schrecken, Furcht und Traurigkeit; Ein jedes scheint, als trüg' es Leid. Manch Bhglein seufzt, manch Täüblein kirrt, Und wurd' ein kläglich Leben geführt. Es schien, als wollt die Erd und Himmel, II. Andenken an einige 2^(t Einen Zank anheben und Getümmel/ Und jedes Ursach' Hab zu klagen, — Ich kann es doch nicht alles sagen: Den» mir in solchem Wunderding' All Muth und Witz war gar gering'; Zuletzt hört' ich ei»' weiblich Stimm: „Mit Fried und Freud' fahr' ich dahin: O treuer Gott, nach deinem Wort, Führ mich hin in der Freuden Ort." Die Wort hatt' sie kaum ausgeredt- Alsbald beweget sich die Stat', Und ließ sich merken ein dunkler Schein- Gleich wenn die Sonn' schier aus will seyn- Und faßt die ganze Natur ein Much, Hofft, es soll wieder werden gut. Ach, wie gar mag ich sprechen nicht, Wie sichs halt, wenn dies Licht anbricht Und wird dabei gehört ein Gesang, Wie aller Freude» ein Anfang — Der lautet: „Wohl dem Menschen, wohl! Der die Welt kann verlassen! Und lebet, wie ein Christ thun soll, Geht auf des Himmels Straßen, Der wird zuletzt, des Leids ergetzt- Jn Freud gesetzt, Da ihn kein Feind nicht mehr verletzt, DruMm komm hieher du Gottes Braut- Dich holet heim, dem du vertraut." Ö Wün altere deutsche Dichter. 24 r O Wunder groß! was seh ich hier! Der Himmel mache eine Helle Thür. Die Sonn muß viermal Heller seyn, Will sie gleichen dem hohen Schein. Nun ist das Erdreich ganz erleucht,' All Dunkel, Leid und Kummer weicht. Mein Herz, das hüpft; ich bin entzündt — Wer ist die, so mein Gesicht nicht kennt? Wer ist die weibliche Kreatur, Die ich dort seh so klar und pur? Wer ist so großer Ehren werth, Daß sich freut Himmel und die Erd? Wie ich mich so entsetzet fast Eine Wolk' gemach sich niederlaßt, Don Färb', gleich wie die Morgenröth, Bon Geruch, als der best Würzgart that? Darbei hört man ein' Musik rein, Vergleich aus Erd möcht keine scyn: „Dort beim Ewgcn ist der Nutz, Da ist Freude, da ist Schutz, Alles kann der bei ihm fassen Der durch ihn kann alles lassen- Ich dacht: o weh dem Menschenkind, Das da viel sucht, da man nichts sindt! — Indem hat sich die Wolk' getrennt, Daß man nunmehr die Musik kennt; Das waren zwölf Jungfrauen rein, Herders W.Lit.u.Kunst, XIII, Lt TVAc/iteee. 24 2 II. Andenken an einige Je zwo und zwo geschloffen fein: Ihr Gesichl, Habit und ganze Art, Zeigt wohl, daß es nichts Menschlichs ward: Ihr' Himmlisch Lieb' und Einigkeit, Ihr' göttlich Freud' und Freundlichkeit, Die gaben mir den schönen Bericht, Wies scy, wo Goties Will geschicht. Hierauf die Seel nach meinem Sinn Erhub mit Freud nochmal die Stimm, Und sprach: ,,O Herr, ich bin zu g'ring Deiner Lieb' und dieser großen Ding Doch thu, Herr, wie du hast gesagt, Hier bin ich, dein' unwürdig' Magd." Hiemit der ganz' jungfräulich Chor Rings um sie her schwebet empor — Hier, wo ich nun eben zu schreiben anfangen sollte, hier, wo der Mittelpunkt des Gedichts ist, daß alle Tugenden und Uebungcn der Erde, alle Mühe und Verlaugnung dort ewigen Werth und Lohn finden, hier — breche ich ab. Die Zwölf Jungfrauen, die erscheinen, sind Glaube, Hoffnung, Andacht, Liebe, Keuschheit, Gehorsam, Freigebigkeit, Duldung, Einfalt, D e- muth, Mäßigkeit, Arbeit. Alle reden die Ankommende aufs liebreichste an, loben sie, krönen sie mit ewigem Lohne. Die ganze Erfindung ist in Spensers Geist, und ihre Worte sind zum Theil Sprüche von ewigem Glanz und Werthe; welcher Ausdruck aber müßte nicht diesem Gegenstände, dieser Vorstellung selbst nachbleiben t Ich übergehe also ihre Reden und der entzückte Seher fahrt fort: ältere deutsche Dichter. Aber was hör' ich, ich vernimm, Der ganze Chor singt mit Heller Stimm l „So geh nun ein ins Lebe», Das dir von Anfang ist bereit ! Nimm an, was Gott thut geben, Geneuß der ewgen Freud ! In Ruh, in Freud', in Wonne- Tritt ein ins ewgc Licht. Ergetz dich in der Sonne, Da nun dir nichts gebricht. Dein warten mir Verlangen, So in der Freud' voran; Und werdens auch empfangen- Die du auf Erd vertan." Dies war also die letzte Stimm Damit fuhr all' mein' Freud dahin- Damit theilr sich oer Himmel wieder- Und nahm sie weg; ich blieb hicnieder- Und seufzte, sehnte mich nach ihn'n — Ach, daß ich noch im Fleische bin! Ach- daß ich trag so schwer Gewicht, Daß ich mich mag aüfschwingrn nicht! Ach, daß ich noch mit Fleisch und Bein Mit Stückwerk muß gebunden seyn! Was andre freut, mich nur betrübt, Was andre ehrt - mich nur bemüht, Was andre lehrt, mich nur verwirrt, Was andre speist, mich nur stets irrt. — II. Andenken an einige 2g 4 Das zweite Stück enthalt eine Pastoral- t h eo log i e für junge Candidaten , voll launiger, komischer Züge, und so wahr, so wahr auch jetzo; es ist aber zu lang und muß auf einen andern Ort warten. *) Die folgenden Gedichte sind theils Lieder, khcilS sehr wohl ausgedruckte moralische Sentenzen; ein paar Proben derselben will ich beifügen. Andrea hat auch einige Sonnctte von Eampa- nella ^übersetzt, die aber hart sind. Gnug, diese Anzeige soll nichts als einen feinen, dichterischen Kopf bekannt machen, der aber unter dem Geschmack seiner Zeit, und unter andern Geschäften erlag. Seine deutschen Verse zeigen nur von fern, was er hatte werden können; seine lateinischen Dichtungen zeigen zum Thcil, was er wirklich war. Und so lange sein Geist in diesen Schriftchcn, noch mehr aber in seinen thatig getroffenen Einrichtungen lebt, wird Nachwelt und Vaterland seinen Namen segnen. War er kein Dichter, so war er etwas Keffers, ein ausübender Lehrer der achten Menschenliebe und Mcnschcnwcishcit. — Lgargita Iirimuiu koliis, iiidrioits kontibur vmbras Uastores, maiiäat 6eri sik>i ralin Oaplenis. ) Ich habe es seitdem den Briefen, das Sludi« um der Theologie betreffend, beigefügt. altere deutsche Dichter. 2g 5 Einige Sprüche von I. V. Andres Wer sich demüthiget vor Gott, D c r Mensch gewiß auch Gaben hat. Nichts Eitelers als eigne Ehr'; Der Stolze ist gewiß auch lerr. Wer weise zähmet seinen Mund, Dem Menschen ist sein Herz gesund. Nichts schnöder, als Wort ohne Lhat; Geschwätz ist der Lhorheit Bcrrath. Wer sich verlobt zu Gottes Dienst, Der Mensch hat immer, was er wünscht; Nichts Aermers, als der Welt seyn hold, Undank und Schande ist ihr Sold. Wer sich vergnügt mit seinen Gaben. Der Mensch muß viele Gaben haben, i Nichts Schreiendcrs als leere Löpf, Suchen ohn' Zweck macht Schwindelköpf. Die verborgene Liebe. Edele Liebe, wo bist du bei uns verstecket, Daß sich dein Ursprung uns so selten nur entdecket? Von Gott bist du gebohren, Gott selbst hat dich erzeugt, Dem Menschen auserkohren, em die Natur sich beugt. 2^6 II. Andenken an einige Liebliche Liebe, wo bist du bei uns verborgen, Daß wir dein Saft und Kraft nichr schmecken heut noch morgen? Die Welt thust du erfüllen Mit süßem Honigseim, Das größte Leiden stillen Durch deinen milden Schein. Innige Liebe, wo bist du bei uns verschlossen, Daß wir zu deiner Treu uns schicken so verdrossen? Alles kannst du verbinden, Was irgend ist zerstreut, In dir ist Alls zu finden, Was Menschenherzen freut. Stetige Liebe, wo bist du bei uns verlohrcn, Daß du, Standhafteste, nie kommst vor unsre Ohren?, D» mußt den Bund erhalten Den Bund der Menschenpflicht: Den Liebe mag nicht alten, Die Treu kann rosten nicht. Tröstliche Lieb', wohin bist du bei uns vertrieben? Daß. uns dein Muth nicht stärkt, wie viel auch ausger, schrieben. Du nimmst dem Kreuz sein Gewichte, Du nimmst dem Kelch die Galt, Daß sich ein Christ aufrichte, Stärk mit den Brüdern all — u. s. ältere deutsche Lichter. 247 Achter Brief. Der zweite Dichter, den ich aus den unmittelbar vor Opitz vorhergehenden Zeiten nennen wollte, ist Georg Rudolph Weckhcrlin, von dessen Leben ich mehr zu wissen wünschte. In der Vorrede seiner Gedichte *) klagt er , daß sein väterliches Erbgut durch den unmenschlichen Krieg, in seines Bruders Händen zu Stuttgard und Blochingen, mit ihm selbst und seinem Vaterlands, auch viele seiner (Rudolph Weckhcrlin s) hinterlafsenen Schriften und Gedichte zu Grunde gegangen. Er führt an, daß die, denen er gnug bekannt gewesen, cs wohl wissen, daß er vor dreißig, ja mehr den vierzig Zähren der deutschen Sprache Reichthum und Zierlichkeit den Fremden durch seine Gedichte vor Augen gclegct. Die Buhlerlieder, die er sehr jung verfertiget, scyn längst verlohrenandre Stücke, sonderlich etliche ovidisthe Fabeln scyn ihm in Frankreich und England entführt; die übrigen, Sonnere und Buhlereien scyn in Deutschlands Feuer und As he gerathen und also als seiner jungen Thorbeit Funken zu nichts worden; inmaßcn cs denn gewiß sey, daß *) G. R. Weckherlins geistliche und weltliche Gedichte. Amsterd. 06. in 12. 248 II. Andenken an einige gleichwie wir Menschen dabin sterben^ also auch unsre Wer! verderben. Er freuet sich, daß viel hohe und vortreffliche Per-; sonen, ja auch gute Dichter in England, Frankreich, Italien, Spanien und andern Landen sowohl als in Deutschland ihn gclicbet haben und noch li.bcn. Er führet an, daß er schier ein ganzes Lebe», oder doch mehr den vierzig Hahr her ohn Ablaß in großer Herren, Fürsten lind Könige Diensten, schweren Geschäften und Reisen zugebrachc, und sich zwischen diesen mühsamen und stetigen Geschäften kaum einige angenebmere, denn diese, ihm natürliche , Ergötzung und Kurzweil genommen. Statt ihn zu radeln, möge man sich also vielmehr verwundern , daß er nicht lieber den Musen und der deutschen Sprache gar einen Scheidcbrief und ewigen Urlaub gegeben." Und in der That zeigen seine Gedichte, daß er nicht nur mit allen gebildeten Sprachen Europa's und mit den berühmtesten, trefflichsten Menschen seiner Zeit, sondern auch mit dem großen und feineren Weltlauf einheimisch und innig bekannt gewesen. Seine Gedichte athmen den Geist der großen Welt; sie sind voll sinnreicher, artigen Wendungen bis auf die damals viel geltenden Eon- cetti der Italiener. Die englische Sprache scheint ihm seine zweite Muttersprache geworden zu seynz ihr eisern seine Gedichte in Ansehung des Dranges der Worte bis zum Ueberladenen nach; sie sind voll Anglicismen. Außer englischen bat er aber auch griechische, lateinische, italienische Stücke, alle jedoch ältere deutsche Dichter. ?49 in eigner Art neichgcbildet. *) Die Liebesgedichte, (Buhlereien, wie er sie nennt,) scheinen ihm am meisten geglückt zu scyn; seine Äiyrtha ist so artig gind schön besungen, als kaum eine Doris und Ehloris besungen worden- Ohne Zweifel kennen Sie bereits einige Stücke von ihm, die Zinkgrcf, Bodmcr und Eschenburg bekannt oder wieder bekannt gemacht haben; her feine Geschmack des letztgenannten hat sich vorzüglich an seine schönsten Stücke gehalten. **) Indessen schlage man das Buch auf, wie es fallt; so stößt man in seinen weltlichen Gedichten, auf Artigkeiten und Lieblichkeiten, in denen ihn auch in spateren Zeiten wenige übcrtroffen haben möchten. Ich thcile Ihnen den Brief mit, den ich vor sunf- *) So ist z. B. die 3 o. Ode seines 2tcn Buchs, die Lüge, eine Nachbildung des herzlichen Stücks, das W a l t e r Ralrigh die Nacht vor seinem Lode geschrieben haben soll: §0, 8oul , rlie d,o-> clie's Auost; Ileli^nes 0--nicient koelr^ (Vol, 2. x. 3 » 6 .) Die 3 ute Ode Ulysses und die Syrene ist wörtlich das Gespräch: anä tlio (Ilelirs. Vol. t. p>. 512.) Die .Kennzeichen eines glückseligen Lebens Ilcl. Vol. i, p. 320. und dem Italienischen ist ungemein vieles sowohl in den Oden als Sonnetten nachgebilder. **) Auserlesene Gedichte der besten deutschen Dichter, von Eschenburg, B. 3 . Braunschw» 1778. 2nc> II. Andenken an einige zehn Jahren zu Erweckung seines Andenkens geschrieben habe / *) und lege seine Gedichte selbst bei. Sic werden, die Fehler seiner Zeit abgerechnet, in ihnen viel Vergnügen finden. Proben aus Rudolph Weck Herl ins. Gedichten. **) U e b e r einen Kranz. Die Rosen, Lieb' *") in deinem Kranz sind rothe, wie deiner Lefzen Glanz; Die frische Lilien vergleichen sich deiner zarten glatten Hand, und dieses gülden- klare Band, muß deines Haares Golde weichen. Der Rose giebt Ein Lag den Gang,, Die Liljen blühen auch nicht lang', und deine Blum' ohn Wiederkehren veraltet einst und neiget sich. So sollt' auch dieser Goldfad dich des goldnen Fadens Kürze lehren. *) Deutsches Museum, 1779. Octob. n. 2. **) Mit wenigen, fast unmerklichen Veränderungen. Kava, love. altere deutsche Dichter. 2-ßi Warum dann bist du so feindlich? Warum sprichst du so unfreundlich? Warum thust du mich so betrüben? Erbarmst du dich nicht über mich, Mein, so erbarm dich über dich, Und laß uns jetzt einander lieben! Stumme Rede der Liebe. Wenn, Myrta, Reden und Stillschweigen. Wenn beides hindert unser Glück, So laß uns unser Herz bezeugen Durch sich versprechende Anblick'; Denn Amor, den wir allzeit ehren, Wird diese stumme Sprach uns lehren. Laß hin und her die "licke fliegen, Getreue Boten deiner Gunst, Der Neider Thorheit zu betrügen, Hie nicht verstehn die leise Kunst. Denn Amor, welchen sie nicht ehren, Wird sic die stumme Sprach' nicht lehren. Sollt' aber JeMnb sich verdrießen Ob unsrer Lieb' Anblicken- Fahrt, So müssen wir uns dann begrüßen Mit. dem Geist, nach der Engel Art; Und Amor, welchen wir stets ehren, Wird solche stumme Sprach' uns lehren. 25s II. Andenken an einige Und also wollen wir betrügen Der falschen Schwätzer Müh und Leid, Und doppelt uns nach Lust vergnügen,! In ihrem Neid' und unsrer Freud'; Weil thöricht sie nicht Amorn ehren, Wird er sie diese Sprach' nicht lehren. Kennzeichen eines glückseligen Lebens, Ach, wie glückselig ist das Leben, Dem keines andern Will gebeut, Der ohne Mißgunst, Neid und Streits Sieht Andrer Glück vorüber schweben. Der feine Wünsche selbst regieret, Jndeß sein frommer deutscher Muth Ist sein bewehrter Schutz und Hut, Darunter sein Herz triumphiret,, Der kein Geschrey noch Lob begehret. Dem Wahrheit ist die größte Kunst, Den Fürsten - oder Pöbel-Gunst, Den Furcht und Hoffnung nicht bethöret. Der die Fuchsschwänzer fort laßt gehen, Nicht speisend sie von seinem Gut; Und dessen Fehl, Fall und Armuth Kann seine Hasser nicht erhöhen. altere deutsche Dichter. 253 Der selbst nicht weiß, wie übel schmerzet Des Bösen Lob, des Frommen Fluch; Dem ein Freund oder gutes Buch Schadlos die lange Zeit verkürzet. Und dessen Muth vor nichts sich scheuet, Als allzeit ferrig für den Tod — Der ernstlich früh und spät zu Gott Um Gnade, nicht um Güter schreiet. Der Mensch besorgt sich keines Falles, Denn Er ist frei, reich, gut und groß, Sein selbst Herr, ob er wohl landlos, s Und, habend nichrs, hat er doch alles. All Gl ü ck g u t. Das Glück ist allen gleich und gut, Ist auch beständig heut' und morgen; Den Reiche» giebts Furcht, Müh und Sorgen, Den Armen Hoffnung, Sinn und Muth. Tod eines Lasterhaften. Gelebet hat er nicht, als ob er sterben srllre, Gestorben ist er nicht, als ob er leben wollte. II. Andenken an einige 2L4 G l ü ck. Das Glück hat vielen, wohl zu leben- Zu viel, doch keinem gnug gegeben. Tod. Mit dem gnadlosen Tod muß Jung und Alt ddhing Die Jungen findet er, die Alten finden ihn. Ueberfchrrft eines Spiegels, Bist du schön, so gebrauche Fleiß, Dich nicht mir Lastern zu bestecken; Und bist du häßlich , . so sey weis', Den Fehl mit Tugend zu bedecken, Martinis Wunsch, was das Leben glücklich mache; verändert *) Fruchtreiche Arbeit, Müh' und Fleiß Ein wohlverdienend-srommer Wandel, Nicht köstlich, doch gut Trank und Speis', Errungner Reichthum ohn' Rechtshandel, *) Vitnm, Huae ksaiuni deatioroiri. ältere deutsche Dichter. 255 Gesund - und freier Geist und Leib, Behaus - und Kleidung , rein und tüchtig, Gin freundlich, keusch und kluges Weib, Ein Ehbett, fröhlich und doch züchtig. Trostreicher Schlaf, sorglose Nacht, Lieb' allen, niemand Leid zufügen, Ein Herz und Mund, ohn' Klag und Pracht, Mit seinem Stande sich vergnügen. Gedanken, Freund' und Bücher, gut, Was Recht, stets lernen oder lehren, Der Stirn und Zunge gleicher Muth, Den Tod Nicht fürchten, noch begehren. Die gegebne» Proben zeigen, daß Weckhcclin, wie alle seine Vorfahren, die Sylben zum Verse mehr zählte, als maas, liebcr, wenn ich so sagen darf, sie dem Sinn nach deklamirtc, als schulmäßig skandirte. Er that dabei, was die poesievollsten Nationen, Spanier und Italiener, (Franzosen ungerechnet) noch thun, und wovon sich die Wirkung jedem Ohr crgicbet: nämlich, der Vers bekommt dadurch Physiognomie und Leben, es wird eine Wortfolge, wie der Geist des Gedichts und der Strophe sie gleichsam fortbaucht. Die Seele des Verses belebt auch den Wortbali, und der Accent, den der Dichter jetzt auf dies Wort, jetzt auf jenes, als auf seine rechte Stelle zu legen wußte , thut seine natürliche Wirkung. Dazu kommt, daß, wie schon 256 II. Andenken nn einige Weckhcrlin anfübrt, die deutsche Spruche bei diesem Versbau im Besitz und Gebrauch aller ibrer schonen, viclsylbigen und zu ammengesetztcn Worte blubt, die zerfetzt und zerschnitten, oder zusammcngedrangt und aufgeopfert werden müssen, wenn das Mühlengeklapper des jambischen Rhythmus ein Erstes und das Hauptgesctz bleibet. Und wozu diente im Grunde dieser einförmige Rbntbmus? Nehmen Sic ein Gedicht, das am schulmafigsten skandirt ist, und wollen es lesen; reirds nicht unerträglich, wenn man im Lesen skan- diret? Sie müssen also erst zerstören, was der Prosodiker hineinzwang, damit nur im lebendigen Gange der Gedanken das Gedicht Gebende und Antlitz zeige— schone Kunst! schöne Mühe! Griechen und Römer konnten lesend skandiren und skandircnd lesen, Metrum und das lebendige Gemablde der Worte mischten sich, und der Sinn folgte. Wo geschieht dies bei unKrn eintönigen Jamben? Wer mag sie singen und skandiren, daß sie noch Jamben bleiben? Das feine Obr der südlichen Nationen Eu- ropens, die der römischen Sprache naher sind, verließ also ein Gesetz, das weder die Sprache noch der poetische Geist ertrug, indem es ihmN hölzerne Klötze an die Füße band und Schellen an die Ohren : sie zahlen, aber sie mcss en nicht genau: sic deklamiren und lassen der Sprache, der Strophe, dem Gedicht, dem Vene des Gedichts ihre natürliche Physiognomie und Miene. Entginge der Musik lyrischer Stücke damit etwas? Nichts weniger. Die wahre Musik hatte sich dieser niedrer» Natur zu erfreuen, nicht zu betrüben. Sie selbst soll dekla- ältere deutsche Dichter. deklamircn; sie kann also tiefer und cigcnthümlicher an di. Seele reden, wenn sic ei» lebendiges Wort- und Empfmdungsgemählde auszudrückcu hat, nicht csmn mechanischen Rhythmus. Italien ist abermals Zeuge. Gesang und Sprache wird bei ihm vielmehr Eins, als bei uns; warum? die italienische Poesie skandirt nicht, sondern sie deklamirct. Kurz, wenn Wcckherlin die englische Poesie in Allem auszudrücken suchte, so that er wohl, daß er sie hierum verließ und seinen Vätern folgte. Die englische Sprache ist voll cinsylbiqer Worte; die längeren werden zu- sammcngczogen und nach dem Schall im Munde, nicht nach den Sylben gerechnet; bei uns Deutschen ist Alles dies anders. Und doch bat die englische Prosodie Auskünfte getroffen, vor denen wir uns noch fürchten, und lieber unsre Sprache verderben. *)- *) So wahr dies alles in Absicht der einförmigen Jamben, zuM.al wenn sie hölzern gebraucht werden, seyn mag: so paßt es nicht auf andre lebendigere Sylbenmaaße, in denen das Metrum mit dem Geist und Genie des Gedichts, ja selbst mir der Physiognomie jedes Verses und jeder Strophe aufs innigste Eins wird. Keine Sprache Europas kann sich hierinn der Griechischen so zwanglos nähern als die Deutsche; und natürlich ist dies eine vollkommnere Wersification, als wenn die Deklamation eines Gedichts der Skan- sion desselben widerspricht und diese nur sür das Auge gemacht scheinet. Auf jedem Wege ist Herders W. Lit.u.Kunst. XIll. R 258 H. Andenken an einige Außer dieser lebendigen Deklamation hat Wca, herlin eine merkwürdige zum Thcil bencideuswürdige Sprache, die theils provinzial, theils von ihm selbst gebildet ist» Lft wird sie hart, weil er dem Drange der englischen Kürze zu sehr nachcifcrt; überall aber, und auch in seinen Fehlern, giebt er Lehren. Wenn ich ein Schwabe wäre, wollte ich mir die Ausgabe dieses Dichters in seinen besten Stücken nicht nehmen lassen, und ein Idiotikon seiner Sprache mit ihm liefern. — Ein großer Theil seiner Gedichte sind Lobgesänge, meistens auf sehr würdige Personen , z. E. Gustav Adolph, Bernhard von Sachsen, Ernst von Mansfeld, den Ritter W o t- ton u. a.; die meisten enthalten treffliche Stellen zum Lohn des Patriotismus und der Tugend. Kurz, mir wäre es nicht unwohl, wenn ich diesen Dichter von einer guten Hand wieder erweckt sähe; mich dünkt, Ihnen gewiß nicht minder. — Neunter Brief. Mich freuts , daß Ihnen Weckhcrlin Freude gemacht hat; wenn Sie mich aber zur Fortsetzung auch die innigste Jusammenschmclznng der Poesie und Musik allein möglich. Klopstock hat diesen Weg der Poesie eröffnet, und andre haben sich eigne Fußsteige gebahner, so daß wir zur unskandirren Barbarei nicht mehr zurückkehrcn können, noch dürfen. ältere deutsche Dichter. 25g meiner Briefe aufmuntern: so dachte ich, wir stünden bei Opitz vor der Hand stille. Freilich gicbt es auch in diesem bekaNNtern Zeitraum Mehrere sowohl weniger bekannte, als tnißkanntc Dichter; sie sind indessen nicht so selten, und inan kann sich in Absicht ihrer eher zurecht finden. Lieber wünschte ich ein andermal das Andenken einiger alten Prosaisten unsrer Sprache zu erneuern, die im Ganzen verkannter und dennoch gewiss nicht unmerkwürdigcr sind, als die Dichter. Am besten wäre es, wenn wir eine Geschichte der deutschen Sprache in Prosa und Dichtkunst, mit den gehörigen Belegen und einer Deduction der Ursachen erhielten, die beide befördert oder zurückgehal- ken haben. Die wäre mehr und ganz etwas anders, als das Andenken einzelner Dichter und Prosaisten. Also für jetzt zur Gnüge. R 2 n. Andenken NN einige u6o 7 - Der Garten der Ehre. Nach altdeutschen Versen. Dem Edelsten. Im Ehrengarten ward ein Kranz Geflochten von so lichtem Glanz, Daß er dem Edelsten gebühre, Den wegen Lreu und Männlichkeit, Zucht, Weisheit, Milde, Freundlichkeit, Der Lobpreis aller Guten ziere, Deß hohe Lhaten sie im Schwung' Erheben mit Begeisterung In frohe, selige Reviere. Ich fragte Frau» und Ritter drum: ,,Weß ist der Kranz? weß ist der Ruhm?" Und sieh, er ward — Dein Eigenthum. «ltcrc deutsche Dichter. 261 Die Ritterrüstung. Wer Ritters Namen will empfahn, Wie cs gestiftet hat der Mann, Der erst den Ritter machte; Der soll die Schaam zum Schilde ha'n^ Die Zucht soll er sich kleiden a», Wie cs sein Meister dachte. Sein Gürtel sey der Milde Ort; Sie preiset eines Ritters Wort. Sein Speer soll seyn die Muthigkeit, Sein' Mantelschnur mit Lobgeleit; Sein Schwert soll Freud' erwecken, Sein Hut vor Schand ihn decken. So ist der Ritter Falsch heit fr ei, Und Ehre wohnt ihm bei. Der Mann ohne Ehre. Ist ein Mann sonder Ehre gut? Das kann niemand beweisen; Wer auf Ehre richtet seinen Muth, Deß Leben soll man preisen. Gott und Ehr, die Zwei soll Niemand scheiden, Und froh dabei der Bösen Schalkheit leiden. Wer Ehre liebet, dem wird Ehr; (hör ich die Weise» sagen) Wer Schande liebet, dem wird sie in seinen letzten Tagen, 26L II. Andenken an einige Da Gott Gericht hält. Deß, der unwerth wahrer Ehren, Hier mit der Schand' umging, wird Er dort nicht begehren. Untreu und Treue. Untreu aus einer Straße fuhr; Treu ihr entgegen kam. Sie sah der Untreu großes Heer: „Wo soll ich hin für Schaam, (Sprach sie:) dem Himmel will ichs klagen, Daß ich so unwerth bin, muß meiden offne Straßen"-' Die mußt du hiev und überall mir lassen, „(Sprach Untreu) denn ich darf dir sagen; Als Hofgesinde fahr' ich breit; Es muß mix Alles weichen, Du — tritt mir aus den Augen weit! An mich kannst du nie reichen." Die Treue sprach: „So bleibt mir nichts am Ende, Als daß ich mich zu Gott und an die Guten wende," Die Dürrung in der Luft. Ein König vor einem guten Mann An einem Wald vorüber ritt, Der ohne seine Schuld viel manchen Kummer litt. ältere deutsche Dichter. 263 Bei seinem Haus' ein Garten lag, Darinn hakt' er einen Galgen aufgerichtet. Der König fragt, warum er dies gethan? Der gute Mann sprach: „manchen lieben Tag Hat Unkraut mir das beste Kraut vernichtet. Das zieh' ich aus mit meiner Hand, Und Hang' es an die Hölzer, daß es dürre. Ihr Herren seyd durch mich gemahnt, Damit das Unkraut Euer Land nicht wirre, So hört, wie euch der Ausgesogne ruft, Und dörrt die Schelme in der Luft." Ein Rath an die Jugend. Junger Mann von zwanzig Jahren, Lerne Tugend früh bewahren, Liebe Gott! Das ist mein Rath: So mag dir nichts mißgelingen, Deine Jugend sollst du zwingen, Daß sie frei sey übler Lhat. Treu und Schaam wird deinem Leben Freud' und Seligkeit vermehren, Und wirst du die Frauen ehren, So wird dir der Engel Lob gegeben. II. Andenken an einige 26-i Der junge Herr nach der Mode. Welch junger Herre, bald Lob und Ehr' erwerben will, Der soll der Messe, und des Gebetes achten nicht zu viel. Bei nüchtcrm Trunk ein Morgensegen, Schlingt er den früh, was mag ihm mißgelkngen? Ein junger Leere, fest lügen und trügen soll; Biel dräuen und wenig rhun, das ziemt ihm Alles wohl. Er soll auch loser Worte pflegen, Nach Lotterei und schlechten Weibern ringen; Soll niedern Grußes und Gespräches seyn; Die guten Speisen und guten Wein Soll er sich auf den Winkel sparen, Und über Lisch sich jämmerlich gebaren. Meineid und Untreu — Alles recht gethan i Den Freunden Wolf, den Feinden Schaag Und seine Diener in Nöthen la'n. Strauss und Löwe. Der Low' erweckt seine Kinder mit der Stimme so, Daß sie aufspringen muthiglich und froh. Dagegen, sagt man, brütet der Strauß Seine Jungen mit den Augen aus. « ältere deutsche Dichter. 265 Des Herren Pflicht ist, daß er beiden gleiche. In allen Zeiten Hab' er Löwenruf, Und denke, daß ihn Gort dazu erschuf Mir seinem Schwert zu schaffen Ruh dem Reiche. Auch soll er Straußes Augen ha'n Sein Volk zu lieben und ihm beizustahn. Den Edlen soll er Ehre geben; Sie verdienens wohl auf Einen Lag; sie opfern ihm ihr Leben. Haushalt der Tugenden. Ist jener Spruch der Alten wahr und treu, Daß nur die T u g e nd edel sey, So ists auch wahr, daß ohne Jucht Vergebens man die Lugend sucht; So will die Zilcht Bescheidenheit Iu ihrem Ingesinde ha'n; So will Bescheidenheit die Maaße Zum Rathe bei ihr la'n; Die Maaße will, daß Milde nie Durchs ganze Jahr ihr von der Rechten weiche; Die Milde will, daß ihr die Schaam Der Ehre Spiegel vor die Augen reiche; Dann kommt die Gottesliebe treu und zart — Welch Herz mit diesen Allen erfüllet ward, Ist alles Falschen frei, und jeden Ruhmes werth, Besitzer mehr als Gold und was d-ie Welt gewährt. II. Andenken an einige 266 Falscher Ruhm. Gelogen und unverdientes Lob will Manchen hoch erheben, Der ganzes Lob mit rechter Folg nie könnt' erstreben. Wie? daß er vor die Besten tritt, Würd' und Ehre zu empfangen? Seine krumme Ehr' ist falsche Färb' auf trüben blaffen Wangen. Abscheulich beide. Jedermann, den Guten und den Weisen. Der kranke Glanz, der falsche Ruhm, sie werden gbe reisen. Die Würde wird an Solchen Schand', Wie der im Löwenbilde schrie, Und an den langen Ohren Bald ward erkannt. Tugend und Schande. Nun hat die Schande Treu' und Ehr' verjaget, Daß man sie wenig sieht; die Schande desto mehr. An allen Orten bricht sie durch die Wehr, Daß auch der Edlen Mund nicht mehr die. Wahrheit saget. ältere deutsche Dichter. 267 Die Schande große Wunder thut; Sie selber gilt als Ehre gut, Ist guten Dingen stets gehaß Keuschheit und Zucht. Wer Lasterthat begeht, Den lohnet sie. Gar lästerlichen Sold Giebt sie, wer bei der Lugend steht: Denn Lugenden war nie die Schande hold. 268 II. Andenken an einige 6 . Johann Valentin Andreä. a. Vorrede zu Johann Valentin Andreä Dichtungen, zur Beherzigung unsers Zeitalters. 1786. Leipzig. (Uebersetzt von Herrn Pastor Sonntag in Riga.) V^orgen Sie nicht, m. H., daß Ihre Uebcrsetzung der A'po logen des verdienstvollen Johann Valentin Andrea dem kleinen Dcnkmahl in den Weg trete, das ich ihm aus seinen Schriften zugcsagt habe. In keiner andern Absicht geschah es, daß ich sein Andenken auszufrischcn suchte, und daher Gedichte , Fabeln, Gespräche von ihm hie und da aus- streuete, als daß die Aufmerksamkeit guter Menschen auf ihn gerichtet werden, und auch unsre Zeit den Mann kennen möchte, der in seinem Jahrhun- ältere deutsche Dichter. 269 dert wie eine Rose unter Dornen blühte. Es kann mir also nicht anders, als herzlich lieb sepn, wenn ein Andrer thut, was ich noch nicht thun konnte: denn die Zeit zu dem Denkmahl, wie ichs im Sinne halte, ist noch nicht da, und jede Bekanntmachung mit dem Geist der liebenswürdigen Männer arbeitet dieser wünschcnswcrkhen Zeit vor. Noch mehr freute cs mich aber, da ich aus den ersten sechs gedruckten Bogen Ihrer Uebersctzung sah, daß Sie den kühnen, menschenfreundlichen Gedanken gefaßt hatten, Ihren Autor nicht nur unsrer Zeit, sondern auch für unsre Zeit zu geben, ihn derselben durch 'Auswahl und Umklcidung seiner schönsten Stücke gleichsam zu;,, eignen, wie sie ihn sehen könnte und brauchen sollte. Valentin Andrea zu übersetzen, ist wahrlich keine Kleinigkeit, und ich wüßte beinah keinen alten Schriftsteller, der dem Uebersctzcnden hie und da schwerere Arbeit machte. Seine Schreibart ist ein feines Gewebe von Anspielungen, theils auf Bücher, die er las, theils auf Geschäfte, die er sah und trieb, theils auf Charaktere und den geheimen Geist seiner Zeit, den er durchschauend kannte. Wie es nun viel leichter ist, allgemeine Wabrhcitcn und Spekulationen, die vielleicht eben deswegen für alle Zeiten zu seyn scheinen, weil sie für keine recht sind, als jene feinen, individuellen Beobachtungen ans Licht zu stellen, die aus dem innersten Gefühl, aus anschaucnder Betrachtung des Geistes der Dinge um uns her entspringen: so wird diese Arbeit noch schwerer in der Manier, 27 « II. Andenken NN einige die Andrea wählte. Alles wird bei ihm Einkleidung und Dichtung: sein Witz trifft fein, aber auch flüchtig, wie der Sonnenstrahl: das leichteste Gewand ist seinen ätherischen Gestalten immer das liebste. So wenig also das Erklären und Para- phrasircn seine Sache ist: so wenig erlaubt er seinem Uebersetzcr. Dieser muß seiner Kunst nachbuhlen, eine sinnreiche kleine Dichtung, die im schärfsten Umrisse gedacht ist, seiner Zeit so anschaulich zu machen, wie sic auch selbst in den Zeiten Andrcäs es vielleicht nur für Wenige war und scyn sollte. Ueberdem lebte Andrea in Zeiten, die vom gothischcn Geschmack nicht frei waren, ja in denen sich dieser Geschmack eben auf die verführendste Art zeigte. Die neuern Sprachen, deren Lectüre er vorzüglich liebte, waren die italienische und spanische; gerade aber die berühmtesten Schriftsteller dieser Sprachen flössen damals von dem süßen Schaum über, der der Geschmack des siebcnzehnteu Jahrhunderts heißen konnte und ihm allein eigen bleiben möge, vom dem also auch unser Andreä nicht ganz, frei war. Sie mußten es beim Uebersetzen oft gefühlt haben, wie manche Feinheiten seines Styls, kleine Subtilitäten, überladene Putzwerke werden. Seine Manier ist sinnreich: er sagt mit wenigem viel, er will aber in dem Umriß einer engen Einkleidung mit zu wenigem zu viel sagen: und da die einkleidenden Schristchcn dieser Act in seine jünger» Jahre fallen und sein geschäftiger Geist nie die Muße gewann, sie nach Regeln der alten griechischen oder römischen Simplicikät auszufeilen, freilich so stehen seine Gespräche in Absicht der Reinig- ältere deutsche Dichter. 27 L seit des Styls hinter Erasmus Gesprächen, seine Apologicen hinter Ochins Apologen, so hoch er sich übrigens in scharfsinnigem, seinem Witz, insonderheit über den letzten emporschwingt. Ein Ucbersetzer für unsere Zeit sicht sich also in einer Verlegenheit, deren Mühe die wenigsten Leser erkennen oder ihm verdanke». Er will das schöne Blumen- und Ran- kenwcrk nicht verschneiden und muß es doch, wenn Andrea für uns lesbar werden soll; und doch muß er es immer nur so fern, daß das schöne lebendige Gewächs nicht nur nichts von seinem ganzen Wuchs verliere, sondern auch unser» Auge» da stehe, als ob cs vor ihnen entsprossen wäre. Wenn hiezu nicht ein treffendes Auge und eine leichte glückliche Hand gehören, so wüßte ich nicht , wozu sie gehören sollten: denn den Andrcä wie er ist, mit jedem kleinsten seiner veralteten Zeitumstande, mit jedem Spröß- ling seines Witzes und Styls in unüe Sprache zu bringen, hieße eben so viel als seine begrabene Wahrheit *) mit alle dem Moder ans Licht zu führen, womit ihre Zeit die Unverwesliche bedeckte. Um so mehr also, m. H., wird Ihnen jeder Verständige danken, daß Sie ein Gärtchen voll schöner, aber die und da zu üppiger Pflanzen eines vorigen Jahrhunderts in das unsrige mir vorsichtiger Gärtnerhand zu verpflanzen suchten, ja den schönsten Lohn hierüber wird Ihnen die überwundene Mühe und der erquickende Wohlgeruch der Blumen selbst gewährt haben. Wahrlich, Andreä ist ein seltner und lieber Geist, sowohl am Verstände als am Herzen. *) Ueberschrist eines seiner Apologen. 272 II. Andenken an einige Seine Organisation muß so fein gewesen sevn, wie sein moralischer Sinn es ist: denn sein Witz, seine Bemerkungen, die ganze Richtung seiner Empfindungen im Leide und in der Freude, selbst seine schärfsten Urtheile, seine bitterste Satyre sind allemal aufs feinste moralisch. Der unermeßliche Vorrats) von dem, was er wußte, die sonderbare Biegsamkeit seines Geistes für alle Kunst, für alles Wifscnswürdiqe und Schöne, noch mehr aber die zerstreuende Geschäftigkeit, in der er lebte, sein früher Zusammenhang und Umgang mit so mancherlei Menschen, die die Gahrung des vorigen Jahrhunderts hervorbrachte; nichts von alle diesem konnte ihn von jenem Einen Wahren entfernen, das allenthalben der Geist seiner Schriften ist, und aus jeder Einkleidung wie eine Blüthe emporsteigt. Der Leser, der Andrcä nicht kennt, wird ihn aus Ihrer historischen Einkleidung über sein Leben kennen lernen, und wenn er ein sichreres begehrt, darf er nur zu dem Denkmahl gehen, das ihm von der biedern Hand eines seiner patriotischen Landsleute im W ü r t cm b e r g i s c h e n Nepert 0 riu m *) ist gesetzt worden. Einen Mann, wie ihn, muß man zuerst in seinem Leben kennen, ehe man ihn in Schriften kennen lernt. Denn überhaupt Schriften, solch ein verratherischer Spiegel sie für Manchen sind, zeigen doch immer nur die Oberfläche unsres Herzens und Geistes. Aber auch als Schriftsteller unscrs Vaterlandes ver- *) S. 27/». u. ft ältere deutsche Dichter. ,.stZ verdient Andrea das Andenken an die Liebe seiner Nation vor so vielen, die mit ihm lebten. T h o- masius, jener belle Kopf, dem unter Jabrbun- dert mebr schuldig ist, als manche es glauben, tbcilt den Inhalt einiger seiner Schriften ziemlich ausführlich und mit der thcilncbmenden Warme mit, die völlig zeigt, daß er ihren Werth süblte; *1 aber cs war doch nur ein Auszug. Arnold prieS ibn nach seiner Weist an, und nutzte im Artikel von den RosenkrcuzerN die Nachrichten, die ibm Tbomasius wittbeilte; **) dadurch aber wurde Andrea noch mehr verdächtig. Fischlin hatte ihn unter einen Haufen andrer , zum Theil- ibm sehr unähnlicher Theologen zum zweitenmal begraben. ***) Wcis- mann gab Auszüge aus seinem Leben und beklar gets, daß die Ausgabe seiner Schriften , an welcher der Abt Zeller mit vieler Sorgfalt gearbeitet hatte, nicht zu Stande gekommen sey. st) In der Streitsache über die Roscnkrcuzer geschah Seiner bie und da, rechts und links Erwähnung, und ich weiß, daß eben auch daher in den neueren Zeiten mancher Verständige neugierig geworden ist, den merkwürdigen Mann aus seinen Schriften selbst kennen zu *) Summarische Nachrichten von erlesenen Büchern der Lhomasischen Bibliothek. Halle 171b. 17>6. ") l'boninsii tlsutelen kür einen LtuNiosnrn jn- ris. S. iiaß. *") ltleinor. Bbeolog, tVürteinh. l?, II. p. rag. st) Hist. Leeles. 1°. II. p. gZ 2 . seg. Herders W.Lit.u.Kunst. XIII. S 274 II. Andenken an einige lernen. Außer dem aber, uu>d was etwa ich hie und da ausgcstreut habe, ist er unsrer neueren lesenden Nation, die sich um lateinische Schriften schwerlich bekümmert, so gut als unbekannt geblieben : denn es scheint Einmal der deutsche» Natur zu scyn, daß sie ihre eigenen Schatze nicht achtet. Doch warum, m. H., sollten wir dies glaube» und nicht vielmehr der bescheidnen Vergeßlichkeit unsrer Landesleute entgegen arbeiten, wo sie ihnen selbst schaden konnte? Valentin Andre a gehört so eigentlich für unsre Zeit, daß ich in Vielem, Vielem ihr jetzt einen Andrea wünschte. Unläugbar haben sich zwar seit einem Jahrhunderte die Strahlen der Aufklärung sehr vermehrt: einzelne Menschen in allen Standen denken gut und fein und vernünftig; das alte Gerüst aber von Vorurthcilc», von Mißbrauchen und Verderbnissen in allen Geschäften und Standen sfthet in vielen Landern und Provinzen Deutschlands noch so da, wie es zu des guten Andrea Zeiten da stand! die öffentlichen Einrichtungen sowohl in der Kirche als im Staat, die Verwaltung oder Veruntreuung der Wissenschaften ! und Geschäfte ist in hundert Sachen noch cbm jene, j die ihm von Jugend auf leid that, und zuletzt das ! Herz fraß. Ja endlich die Gahrung selbst, in der sein Zeitalter war, hat sic nicht mit der unfern eine auffallende Aehnlichkcit und Gleichheit? Nicht nur, daß hundert Sekten, insonderheit die R.scn- kreuzcr damals ihr Gewerbe trieben, (mit welchen letzter» er wenigstens in dein Verhältnisse stand, daß beinah keine seiner Schriften mir vorgekommcn ist, in der er ihrer nicht, hoffend, spottend oder war- ältere deutsche Dichter. 276 ncnd gedächte), nicht nur diese gährcnden Selten selbst, sondern auch die unsichtbare Hand, die sie damals führte, sind seiner und unsrer Zeit gemein: so daß sein Thurm zu Babel, seine Warnung vor der Neugierde-, sein e m agische Unter w e i s u n g für Neugierige, sein Turbo und so manche andere seiner Einkleidungen wahre Arznei für die geheimen Wunden unsrer Zeit wären, w>nn >ine geschi^te Hand sie mir Andreas Geist, Wch und Zeitenkunde Air uns zuzuUereiren wüßt.. Ich will nicht laugnen, daß ich, so wenig i.h mir di.se Gaben zutraue, mit nuinem versprochenen LAnkmahl auch Vchstnausging; aber, die Gährun.z ist, wie mich dankt, noch nicht reis, und 'wer hat mich endlich zu Enem Geschäfte berufen, zu dem ich viel rüstigere Werkzeuge vor mir sehe? Indessen kann ich meinen Brief nicht schließen, ohne auf die Stelle Rücksicht zu nehmen, da Sie der Unschuld gchres Autors an der Rosenkränze r e i 'erwähnen. Keine Keynung, die ich darüber im Deutschen Merkur (Merz 1782) nur so fern es die Veranlassung federte, beiläufig äußerte, hat im würteinbcrgischen Repertorium einen doppelten Widerspruch gefunden, der sich selbst so aufzuheben scheinet: meine Mcvnung in der Mitte stehen bleibet. Der ruhmwürdige Verfasser der Lebensbeschreibung unsers Andreä glaubt, daß ich ibm nicht genug Antheil an dieser Verbin- dung einraunie; der Verfasser einer neuen Erläuterung der Geschichte der Roscn-- S 2 276 1l. Andenken ein einige kreuz er behauptet gegcntbeils, daß ich und Andre ihm viel zu viel eingeraunu baden, 'da er auch nicht einmal der Urheber der berüchtigten I'nrna fratsrnn-rtis scy, die damals so vielen Lärm erregte. Daß er der Verfasser dieser Fama scy, glaube ich noch jetzt, und hoffe es einmal aus seinen eignen Aeußcrungen so wahrscheinlich zu machen, als irgend etwas der Art gemacht werden kann. Daß die ihr bcigefügte Reformation der Welt aus Boccalini sey, wußte ich schon damals, so wie ich auc.) alle die Schriften der Nosenkrcuzcr kannte, die der ungenannte Verfasser der Erläuterung anfuhrt. *) **) Aber was hindert uns Boccalini? Kein damals lebender Autor hat so viel Einfluß auf die Manier unsers Andrea gehabt, als eben Er; und die ganze! si^tlioloAin cUristiana, aus der Sie, m. H., Ihre Apologie übersetzten, bat nicht, wie Sic meynen, mit Zwingers tlrsatro chuirmrms vitas, aber wohl mit des Boccalini rnA«cmAli cli ?urnasc> ***) die unverkennbarste Aehmichkeit; so unverkennbar, daß ich dem Andrea oft, sehr ort ein reineres Vorbild gegönnt habe. Ver. lcichen Sie die Manicr beider Schriften, und *) Würtemberg. Repertor. S. üi2. u. f. Auch die meiste» der andern literarischen Mutti- maßungen sind mir aus Fischlin u. a. wohl be- kannr gewesen. ^**1 Der erste Lheil der Ragguagli ist 1612 dem Cardinal Borghese, der zweite Lheil a 6 r 3 dem Cardinal Cajetano zugeeignet. altere deutsche Dichter. 277 es wird Ihnen kein Zweifel bleiben. Gerade also, daß jener Anhang der Fama ein übersetztes Stück aus B 0 cealini ist, konnte uns auf Andrea bringen, wenn uns auch keine anderen Gründe darauf brachten: denn eben die Stelle, aus welcher der Verfasser der neuen Erläuterung seine Entdeckung, „daß die Reformation der Welt*) aus Boccalini übersetzt sey/' her hat; von wem ist sie? Von Andreas größcstcm literarischen Freunde Christoph Besold. Der ist der Herausgeber von Ca mp eine lla's spanischer Monarchie (Tübing. 1624) der mußte cs also wohl wissen, woher jenes Stück sey? und was es bedeute? Und er spricht darüber gerade wie Andrea, gleichsam aus seinem Munde. „Als solches Phantasma (die Bruderschaft der Roscnkreu- zer) kaum ausgeschlossen war, ohngeachtet auch deren kAina und Conkssoio in vielen unterschiedlichen Orten klarlich bezeuget, daß dieses alles ein I-nsns ingsnii nimrurn lusuivisntis gewesen u. s" Dies InZsniuna lascivians kannte Besold wohl: denn cs lebte nahe bei ihm. Ucbrigcns hat niemand in der Welt gczweifelt, daß auch schon vor A ndre a das Kreuz und die Rose beliebte Symbole gewesen; **) niemand hat gczweifelt, vaß lange vor ihm cs ein Gcwicre von Sekten gegeben, mit welchem sich ja ein großer *) Würtembcrg. Repert. S. 5^2. u. f.. ") Ich habe dieses in gedachten Briefen im T. Merkur deutlich gesagt. 278 II. Andenken an einige Theil dcr Litcranzeschichte des XVI. und XVII. Jahrhunderts beschäftigt, die Frage aber ist, woher machte eben um diel Zeit dies Phantasma, dieser steame auf >inmal so viel Bewegung? Wer wars, der den rinschuldigen Jugendroman V. Andreas, Christian Rosen kreuz hin unschuldiges Familien- Petswast und die Vanin zum Aushängeschild eines solchen Lärms und so manches betrügenden Wahnes machte? Hatten wir aus Andrea's Papieren das geheime, treue Journal seiner Reisen (wenn er ein solches geführt) und dieses zwar von 1607 an, da er in Lauin gen, unfernDil- lingcn war, bis 1612 da er in Ik a- lien auf einmal das feierliche Gelübde that, nach Hause zu eilen und sich sciner Kirche in den A r in zu we r- fen: freilich so wüsten wir von seinen geheimen Verbindungen und Nicht- Verbindungen mehr als wir jetzt wissen und cs würde sich manches aufklaren, was jetzt nur un Nebel durchscheint. Das Phänomenen dcr Rosenkreuzerei aber im großen Ganzcn dicses Zeitraums klarte sich damit noch nicht aus: denn offenbar war dabei eine viel größere Triebfeder rege. Jene Triebfeder nämlich,, die seit dcr Reformation, insonderheit aber zu Anfänge des vorigen Jahrhunderts so außerordentlich wirksam war, daß sowohl im Staat als in der Kirche, an Höfen und in den Wissenschaften sie auch denn stumpfsten Auge des Geschichtforschcrs dieser Zeit unverkennbar bleibet , jene unsichtbare Hand,, die so gern im symbolischen Nebel wirket,, die die verschiedensten Menschen mit ihrem eignen Wahn b»raubt und zu dieser Absicht das Verschiedenste zu. ältere deutsche Dichter. 279 gebrauchen wußte; sie wußte auch die lsiama siratsr- iritati-! und den unschuldigen Christian Rosen- kreuz zu ibrem Zweck zu gebrauchen und dem guten Andrea blieb nichts übrig, als in hundert und abermals hundert Einkleidungen der Welt zu sagen, daß sic betrogen werde. Merkwürdig, äußerst merkwürdig ist in dieser Rücksicht das Titel kursier seiner Apo logen, für den nämlich, der diese Svmbolc versteht und sic in andern Verbindungen kennet. Lapiairti sat. Ich wünsche, m. H., daß Ihnen zu den übrigen Schriften des redlichen, mürbe gemachten Andrea bald ein Uebcrsetzcr folge, der daraus gebe, was für unsre Zeit dienet; »och mehr aber wünschte ich mir den Vorrath aller, insonderheit jugendlichen Papiere und Briefschaften unsers Autors, die aber längst verloren' oder vertilgt seyn mögen. Weimar, den 5 . Mai 17L6. I. G. Herder. b. Vorrede zu I. V. Andreä's Parabeln. Andre Zeiten, andre Gedanken. Als ich die fünfte Sammlung der zerstreuten Blatter unternahm, glaubte ich bei dem, was jetzt die Seelen so vieler 28o II. Andenken NN einige Menschen beschäftigt, eben nicht nach Ergöhlichkei- ten des Witzes und der Einbildungskraft suchen zu müssen, sondern nach Etwas, das dem Gemüth Belehrung und Starre erthcilet. Also kam mir mein alter, geliebt.r Johann Valentin Andrea wohl zu statten. Von diesem vortrefflichen Mann hatte ich in jugendlichen Jabrcn eine gute Anzahl Stücke übersetzt , einige derselben auch hie und da bekannt gemacht ; und ich darf wohl sag?» , daß mich keine Zeile reuet, die ich zu Erweckung des Andenkens dieser seltnen schonen Seele geschrieben habe. Im W ü rt e m b e r g i sc h cn Repertorium der Literatur erschien sein Le b c n, dessen bcsondre Herausgabe vielleicht nützlich wäre; es ist von einem gelehrten , den Charakter Andreas fassenden A anne geschrieben. Moser in seinem patriotischen Archiv für Deutschland (B. 6.) machte Briefe von ihm bekannt, mir Anmerkungen, in denen sich Mosers biedrer Geist nicht vcrläugnct. Was zunächst hierher gehört, sind Andrcä'S Dichtungen, zur Beherzigung unsres Zeitalters, die 2786 mit meiner Vorrede erschienen. Sie sind sehr gut gewählt, blühend und leicht übersetzt, oft auch nach den Bedürfnissen unsrer Zeit verändert, und verdienen allerdings die Beherzigung, die ihnen der Uebcrsctzcr wünschte. Mein Zweck war cs nicht, den alten Andrea zu verändern. Ich wählte also aus meinen Papic- altere deutsche Dichter, 281 rcn nur das, was noch nicht übersetzt war *), wenige Stücke ausgenommen, die ich gern in ihrer alten Gestalt zeigen wollte; fand aber bei dieser Auswahl etwas Sonderbares zu bemerken. Dichtungen und Gespräche, die in den Jahren 2770 und 1780 ohn' alle Gefährde erschienen waren, fand ich gut, im Jahr 2798 lieber zurückzuhalten, ob sie gleich 2627 oder 2620 verfaßt waren; es waren unter diesen treffliche Parabeln und Gespräche. In dem andern glaubte ich, spreche das unschuldige Herz eines Mannes, der vor zweihundert Jahren gelebt hat, so laut, daß man dabei an keine Mißdeutung denken möge. Wie belehrend und tröstend sind überhaupt diese Herzcnsergießungen des gedrückten Mannes! Er glaubte das Nebel seiner Zeit auf dem höchsten Gipfel; und aus wie manchem dieser Nebel ist seitdem Gutes entstanden! Manche Wunde hielt er für unheilbar, die die Zeit entweder geheilt, oder vielleicht zu cinep größer» Gesundheit des Körpers H Um Raum für Herders eigene Werke zu gewinnen, werde» seine Uebersetzungen von Andreas Parabeln, (aus dessen lVl^rboloZiu tllirisri-niu 1628) so wie die der nachfolgenden vaterländischen Gespräche (aus dessen Msnipxiis 2617) hier nicht beigesügt. Man findet jene in der Originalausgabe der zerstreuten Blätter, LH. V. S. 2 — 7H.. und letztere S. 9b— 262.) Anmerk, des Herausg. 282 II. Andenken an einige fortdaurend gemacht hat. Der Geist erhebt, das Gcmüth stärkt sich ungemein bei einer solchen Vergleichung der Zeiten nach dem damaligen Gefühl herzlicher Menschen. — lieber Andreä's Parabeln und vaterländische Gespräche. Die Parabeln nannte ihr Autor Apo logen. Gr hat ihrer nickt weniger, als dreihundert gedichtet, deren Sammlung ec eine christliche Mythologie oder Bilder von Tugenden und Lastern des menschlichen Lebens nannte. Schon diese Erklärung zeigt, daß cs dem Verfasser um eigentliche äsopische Fabeln nicht zu thun war. Wenige seiner Dichtungen grenzen an diese Fabel; die meisten gehen auf Sinn- und Denkbild er, (Embleme,) auf Allegoriecn, auf Personifikationen hinaus, die in die eigentliche Fabel nicht gehören. Andrea lebte, (was Kunst und Dichtkunst an- bctrifft,) in Zeiten, da man die Embleme sehr liebte. In Italien und Spanien war die Periode der großen Dichter vorüber; dagcgcn war theils aus (hrcn Werken, theils aus den Gcmahldcn mancher ältere deutsche Dichter. 283 großen Künstler eine Liebhaberei cm Symbolen, bedeutenden Attributen, Allcgorieen u. f. auch in das Gebiet d>r Buchstaben und Gedanken gekommen, die, um die Wabrbeik zu gestehen, den menschlichen Geist zwar erweiterte, aber die Kunst verengte. Eine große Menge symbolisch-cmblematischer Bücher und Verzeichnisse erschien zu Ende des sechzehnten und im Ansange des siebcnzehntcn Jahrhunderts. — Warum ? Die Geschichte dieser Zeit und dieses Geschmacks liegt noch sehr im Dunkeln, — Den Gedanken im Großen auszubilden, ihn in allen seinen Gliedern sich selbst gleichförmig dergestalt auszu- schaffen, daß kein Theil dem andern widerspreche und nur Ein Geist, wie im göttlichen Ldcm cinge- haucht, das ganze schone Gebilde belebe; diese Poesie schien der damaligen Zeit entweder zu groß, zu mühsam oder auf die Gegenstände, mit denen man sich damals beschäftigte, nicht anwendbar zu feyn. Villeicht war man der alten, simpeln Vorstellungen satt, und weil man sie nicht zu übcrtrcffen vermochte, wandte man an einzelne Theilc, oft außer dem Zusammenhänge des Ganzen, desto mehr Kunst. Häufig wollte man auch dem Auge darstellen, was ihm nicht darzusiellen war, sinnreiche Gedanken und Gleichnisse, selbst Phrasen und Formeln der Rede, Sprichwörter, politische Marimen; und wenn diese durch sich selbst nicht verständlich waren, ward der Bilderwitz durch Sprachwitz erläutert. Der Witz ist ein leichtes, flüchtiges Roß; nicht allenthalben kann und mag ihm die Kunst folgen. Er glaubt, nie fein gnug sprechen zu können, zumal wo er nicht rein heraus sprechen darf, wie bei politischen Gegenständen. Da wollte er also and ent cn, II. Andcnkcn an einige 284 wollte den Gedanken fast ohne Körper sichtbar machen , und bei dem kaum angedeutcten Körper wiederum neue Gedanken in Worten binmahlen. Di- grosse, offene Poesie erlag also unter Witz und Po- lüik, unter geheimen Winken, dahin geworfenen Bildern , unausgeführten , mit sich selbst kampfenden Zügen; die Kunst verbarg sich in Embleme. Es wird andcrSwo Gelegenheit fern, den Geist der reinen griechischen Allegorie vom e m b lc m a t i s c h en Schatten spaterer Zeiten nabcr zu unterscheiden; hier bleiben wir bei den Sinn- und DcnkbiIdern, von denen wir reden. Andrea, der die italienische und spanische Sprache liebte, und alles Witzige kannte, was damals im Gange war, nabm auch an der Form ihrer Einkleidungen Tbc:!; insonderheit schcintBoc- calini auf ihn gewirkt zu haben. Da sein Gewissen ihn trieb, die Fehler seiner Zeit zu rügen, und sich die nackte Wahrheit nicht sehen lassen durfte: so gab er ihr, wie er in einem eignen Apolog sagt, dies Fabelgewand, nicht um sie müßig oder üppig auszuzieren, sondern vielmehr sie den Augen der groben Menge zu entziehen, und für ihren Schlagen zu sichern. Den Weniger», die eine solche Einkleidung verstünden, traucte er schon einen feineren, billigeren Geist zu; und doch zeigt leider die Geschichte seines Lebens, daß er auch diesen viel zu viel zugetrauct habe. Für die bösen Deuter, die aus dem Kiesel Funken zu schlagen wissen, hatte er lange nicht emblematisch gnug geschrieben. Bei einem solchen Zustande der Welt fallt also jede Vorschrift der Kunst, wenn sie Ausführlichkeit und ältere deutsche Dichter. 285 deutliche Entwicklung gebietet, zu kurzl Wer will die Ruhe seines Lebens der Bestimmtheit eines Kunstwerks aufopfern? Auch hier, wie allenthalben, ist der Gedankenzwang der Vater der Barbarei; der Despotismus wird des guten Geschmacks Mörder. In Ansehung der Eomposttion bin ich also weit entfernt, die Denkbildcr des vortrefflichen Andrea zur Nachahmung zu empfehlen. Vielmehr könne» sie dem Lehrer des guten Geschmacks, wenn ec nichts besseres an ihnen zu bemerken weiß, nützlich seyn, seinem Schüler an ihnen mancherlei Fehler bemerkbar zu machen, und ihn dadurch vor Abwegen zu warnen. Was mangelt z. B. diesem Apolog, daß er keine achte Fabel, jenem Emblem, daß es kein vollkommenes Sinnbild ist? Wodurch wird diese Allegorie gestört? wodurch ward jene Personcndick- tunq zwanqvoll und überladen? Welcher fremde Gedanke unterbricht hier die sinnliche Vorstellung? welcher feine Witz, hier am Anfänge, dort am Ende des Gedankenbildes gehört nicht unmittelbar zu ihm? Kann aus dieser Dichtung, aus jenem Emblem ein klares schönes Epigramm werden? Wie faßt man diesen Edelstein simpler? — Solche und Mehrere dergleichen Fragen kann man sich selbst und andern vorlegen, gewiß zur Reinigung und Bildung des Geschmacks, zu Schärfung und Veredlung unsres poetischen Urtheils. Dem guten Andrea kommt dabei nichts zur Last; er wollte, wie er konnte und durfte, über einzelne Falle seiner Zeit, besonders seines Landes, sein Herz nusschütten, und sein moralisches Urthcil äußern, mit Nichten aber ei» Lehrer oder ein Stern der Dichtkunst werden. 286 II. Andenken an einige So fort ergiebt sich, warum ich, wenn ichs auch gekonnt hätte, seine Dichtungen in Absicht der Composition nicht habe ändern mögen. Ich wollte, als ich in jünqern Zähren diese Stücke übersetzte, gewiß keine Satyre meiner Zeit schreib.n, und mag cs' jetzt noch minder; ich wollte den alten Andrea zeigen, wie er ist. Warum sollte sich unsre Zeit nicht freuen dürfen, daß viele Laster lind böse Gewohnheiten, die er mit harten, dunkeln Farben schildert, in ibr nicht mehr, wenigstens nicht in der scheußlichen Blürhe herrschen, in der sie damals stolzicten? Warum sollten wir uns nicht freuen dürfen, daß die Unduldsamkeit der Theologie, der Scholasticismus der Philosophie, das harte Joch der Schulen, die rohe Wollust der obern Stände, der grobe Despotismus der Höfe- wo nicht allenthalben vertilgt, doch wenigstens allenthalben so geschwächt sind, daß wir in Manchem über die Zeiten An- dcea's mit einer Art frohen Schauders erstaunen mögen? Sey es ferne von uns, in solchen Gemäßsten den Mahler seiner Zeit als einen Trübsinnigen zu schellen; vielmehr wollen wir Gott danken, daß er uns die beschwerliche Arbeit erließ, und uns in lichtere oder leichtere Zeiten versetzte. Gar zu leicht indessen wollen wir auch hier die Sache nicht nehmen: denn nach Andrea's Meynung ändern sich zwar, aber sie bessern sich nicht, die Zeiten. Vielleicht ist manches jetzt, wie es lamals war; nur ist's^bei uns feiner oder versteckter. Die Dekoration ist anders; aber dasselbe Schau', iel wird fortgespielt in einem iväteren Act. Diese Vergleichung zu veranlassen, «warum sollt' ick dies verhehlen?) ist die vornehmste Absicht, weshalb ich allere deutsche Dichter. 2L7 diese Embleme und die folgenden Gespräche bekannt mache; selbst auch die Ursache, warum ich jene P a- rabcln, diese vaterländische Gespräche genannt habe. Bei jenen nämlich schien mir das Wort D ich- kun gen, § a b c l n zu unbestimmt; der Name Embleme (Denkbilder) war dem abwechselnden, geistreichen Werk zu enge; Apolog, Mähr- chm, (welchen Titel der bescheidene Andrea wahrscheinlich dem Och in abborgte,) war gar nicht zu gebrauchen; wie also, mevntc ich, wenn diese vermischte Gattung von Fabel und Emblem Parabel hieße? Parabel ist eine Gl c i ch n i fi re d e, eine Erzählung aus dem gemeinen Leben mehr zu Einkleidung und Verhüllung einer Lehre, als zu ihrer Enthüllung; sie hat also etwas Emblemati- scheS in sich. Uebcrdem gehet sie den Gang der Fabel, und maaßt sich sehr freie Schritte in diesem Gange an, indem sie oft mehrere Lebren verbirgt, und sich nicht, wie die äsopische Fabel an Einer derselben begnüget. Die gemeinsten Dinge des Lebens, so wie Engel und Geister einer .andern Welt, können in ihr erscheinen; warum also sollten nicht auch Abstraktionen und Personifikationen in ibr erscheinen dürfen? Kurz Parabel ist eine Gattung Gedichte, die zwischen der Fabel, dem Emblem, der Allegorie und Personifikation in der Mitte liegt, und wenn sie enthüllt wird, die schwersten und leichtesten Dcnksprüche aus ihrem breiten Rücken tragen kann; mögen also diese vermischte Dichtungen Parabeln heißen. > , 283 II. Andenken cm einige Dies mögen sie denn auch , meynte ich , fü r unsre Zeit sepn; in der Welt nichts als G leich- nissreden, die Andrea aus seiner, für seine Zeir machte, und die der unsrigen nur als alte Parabeln verkommen sollen, und Vorkommen werden. Mich dünkt, ich bore und leie bereits: „Gottlob, daß das alles nicht mebr auf untre Zeit „passet! wie weit sind wir voran!" und fr.uemich darüber, und saoc auch Gottlob! Und dennoch bitte ich diese alten Gleichnis; - oder Unqleicknißrcdcn mit nachsehender Geduld zu lesen. Denn eben zu Vergleichung unsrer mit jener Zeit wollte ich Anlaß geben. Je schärfer diese geschieht, je rühmlicher sie für unsre Zeit ausfällt; desto besser. Nur verzeihe man mir, daß ich den alten Andrea in dies neue Licht nicht qemahlt habe. Einem RembrandschcN Kopf TitianiAie oder Mcngsische Farben zu geben, wäre ganz außer Zweck und Ort. Also auch sein redliches cbrjstliches Herz konnte und wollte ich dem guten Andrea nicht aus- rcißen; und auch darüber wird kein Verständiger mich tadeln. Im Ernst geredet. Nicht jeder in der deutschen Nation liefet als Kunstlichter; nicht jeder Kunstrichter will alle Augenblicke seines LebeNS so le^en. Gute Aepfcl bricht man gern auch von einem alten, verwachsenen Baume, und genießt den Saft der Pom- meranze, selbst wenn sie nicht eben unter der mildesten Sonne Zur Reife gedieben wäre. Ja, (weil ich über Embleme auch emblcmatisch reden darf) oft, meine Brüder, ist das Halbe besser als das Ganze; und ältere deutsche Dichter. 2ÜI und wenn diese Parabeln unsrer Zeit sehr ungleichartig sind, so ists fürwahr besser, als wenn sic ihr ganz gleichartig waren. Jetzt wollen wir sie ungleichartige G l e i chn iß r e d e n, hyperbolische Parabeln nennen; und was wollen wir mehr? Als Kunstwerke betrachtet, mögen sie für das, was sie sind, gellen; wer aber in diesen Dcnkbildern Nicht Kenntnis der Welt, reiche Erfahrung des Lebens, einen, ich möchte sagen, Bakonischen Geist, und ein großes, sanftes, redliches Herz bemerket, der suche diese seltenen Kostbarkeiten irgendwo anders. Kein Wort zu weiterer Entschuldigung; vwle Mehr einiges zu Einleitung der folgenden vaterländischen Gespräche. Diese sind in eben dem Geschmack abgefgfit, als die Parabeln; deswegen nenne ich sie auch vaterländische, Nicht griechische, römische, französische Gespräche. Wer Plato, Lenophon, Lucia n, Eicer o, Erasmus, Fontenelle, Diderot u. f. sucht, wolle ihn bicr, in eintönigen kurzen Unterredungen zwischen A. und B. nicht finden. Der Vortrag ist hier fast so abgerissen und verstummend, als er in den Parabeln war; offenbar auch aus demselben Grunde. Wie ans jemn ließen sich auch aus diesen lange Faden spinnen, wenn man einige Seide mir dem wenigsten Golde glanzend mach.» wollte. Ich HerderSW.Lit.u.Kunst. All!. 2° dr-ieü/eer» 2g0 II. Andenken an cinlge gebe dir einzelnen Goldkorncr, wie ich sie finde; mache jeder daraus, was ihm gefallt. Zf und B sind die Anfangsbuchstaben des Alphabets, und jeder Mensch hat in seinem eigensten Selbstgespräch dies A und B in sich. Oft ist Eins im Kopf, das Andre im Herzen; kurz durch A und V wird ein Gespräch mit uns oder mit andern all, in möglich. Da ist es auch am ernsthaftesten und fübrt zu etwas; cs soll nicht blos, wie bei mehreren Zwischenrednern, etwa zur Unterhaltung dienen, und sich am Ende im Sande verlieren. Es kann auch zwischen A und B nicht wohl ausschwcifen: denn cs gestattet keine Grazien, wie eine dramatische Verhandlung; es lauft kur; ab. Man erwarte also hier nichts, als eine mit kurzen Worten dialogisirte Wahrheit; gnug, wenn diese des kurzen Dialogs werth war. Aber auch manche dieser Wahrheiten wird ei- ni>^n Lesern traurig scheinen. Man wird in mehreren Gesprächen eine niedergedrückte wunde Seele bemerken, und statt des fröhlichen Christian Rosenkreuz, der Andrea in seiner Jugend war, einen Mann finden, der in einer Gesellschaft, wo alles einen Namen haben mußte, sich nur den Mürben nannte. Hierüber giebt leider auch daS Leben des Verfassers Aufschluß. Nachdem dieser gedankenreiche, thatlge Geist in so Manchem zurück- gestoßen war, und so andre Dinge vor sich geschehen sah, als er wünschte; freilich da dünkte ihm die Verbesserung der Welt Nicht Mehr so leicht, als sie dem Jünglinge Christian Rosenkreuz ältere deutsche Dichter. 29 r gedünkt hatte. Er zweifelt, er warnt; aber dennoch hofft er und ermuntert. Wie viel Gutes hofft er vom Volk, wenn es gut gelehrt und geführt würde! wie ermuntert er durch das Vorbild der Helden, selbst neuer Secten in ihkcm ersten Eifer, z. B. der WaldeN'er, und Wiedertäufer! Nur alles, wie er M.ynt, hat seine Zeit und Stunde; die müsste Man befördern helfe» , st» vorbereitend herbeifühteN; nicht aber sie übereilen. Und hierin» bin ich ganz seines Glaubens. Wenn ein Kind den eingesponneneN Wurm zu früh aus seinem Grabe erwecken will, ehe diesen die Frühlingssonne selbst ruft, so schadet cs ihm, und Macht sein Wiederaufleben schwer - oder unmöglich. So liegen, so r-iken wir im Schooße der Zcitcm Nicht mit Monaten, sondern mit Zahrbunderten wird die edelste Frucht der Erde - der Menschliche Verstand in seinen allgemeinsten, größesten Wirkungen reif; dann aber, Nach der großen Analogie der Dinge, dränget er sich ans Licht; nichts aus der Welt- dtc MNtter selbst, kamt ihn nicht zu- tückhalteN. Fast biNteb jedem Gespräch Andrea's siel mir eine Reibe Gedanken ein - die ein EommeNtat hatten werden mögen; bald für - bald gegen seine Mey- Nungr Ich habt aber dein Leset batintt nicht vorgreisen wollen - weil ich keine edlere Frucht des Lesens kcNiic - als daß es zu eignen Gedanken tklzet. Und 0 wie weit haben uns die seitdem beinahe verflossenen zwei Jahrhunderte gefördert! Wie T s 292 II. Andenken an einige manche Triebfeder ist völlig stumpf werden, der Andrea noch viel zntraute! wie manches Samenkorn hat sich entwickelt, in dem er damals noch nichts weniger als die Kräfte ahncte, die cs seitdem gezeigt hat! In allen diesen Gesichtspunkten sind seine kurzen Gespräche sehr lehrreich. Ruhe also wohl, edle Asche! Was dein lieblicher ernster Geist mir war, möge er andern werden. altere deutsche Dichtet, S90 Beilage. Shakespeare» ' 7 7 3 . i-^)enn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfüllt: „hoch auf einem Fclsengipfel sitzend! „zu seinen Füßen, Sturm, Ungewitter und Brau- „sen des Meers; aber sein Haupt in den Strahlendes Himmels!" so ists bei Shakespeare! —> Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fuße seines Fclsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbetcn, verlaumdcn, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret! Welche Bibliothek ist schon über, für und wider ihn geschrieben! — die ich nun auf keine Wei'e zu vermehren Lust habe. Ich möchte es vielmehr 294 II. Andenken ein einige gern, deiß in dem kleinen Kreise, wo dies gelesen wird,.es niememd mehr in den Sinn komme, über, für nnd wider ihn ;u schreiben: ihn weder zu entschuldigen, noch zu verleumden; ober zu erklären, zu fühlen wie er ist, zu nützen, und — wo möglich ! — uns Deutschen herzustellen. Trüge dies Blatt dazu etwas bei! Die kühnsten Feinde Shakespeare's haben ihn — unter wie vielfache» Gestalten! beschuldigt und verspottet, das er, wenn auch ein grosser Dichter, doch kein guter Schauspicldichter, und wenn auch dies, doch wahrlich kein so klassischer Trauerspielcr sey, als Sophokles, Euripides, Corneille und Voltaire , die alles Höchste und Ganze dieser Kunst erschöpft. — Und die kühnsten Freunde Shakespears haben sich meistens nur begnüget, ih» hierüber zu entschuldigen, zu retten: seine Schönheiten nur immer mit Anstoß gegen die Rc- ^,.en zu wagen, zu kcmpensircn; ihm als Angeklagten das ak-solvo zu errede», und dann sein Grosses desto mehr zu vergöttern, je mehr sie über Fehler die Achsel ziehen mussten. So stehet die Sache noch bei den neuesten Herausgebern und Kommentatoren über ihn — ich hoffe, diese Blatter sollen den Gesichtspunkt verändern, daß sein Bild in ein volleres Licht kommt. Aber ist die Hoffnung nicht zu kühn? gegen so viele, große Leute, die ihn schon behandelt, zu anmaßend? ich glaube nicht. Wenn ich zeige, daß man von beiden Seiten blos auf ein Vorurtheil, auf Wahn gebaut, der nichts ist, wenn ich also ältere deutsche Dichter. 29.1 ,u,r eine Wolke von den Augen zu nehmen, oder höchstens dos Bild besser zu stellen Hube, ohne im mindesten etwas im Auge oder im Bilde zu ändern: so kann vielleicht meine Z.it, oder ein Zufall gar schuld seyn, daß ich auf den Punkt getroffen, darauf ich den Leser nun fest halte, „hier stehe! »der du sichest nichts als Karrikatur!" Wenn wir den großen Knaul der Gelehrsamkeit denn nur immer auf- und abwinden sollten, ohne je mit ihm weiter zu kommen — welches traurige Schicksal um dies höllische Weben! Es ist von Griechenland aus, da man die Wörter Drama, Tragödie, Komödie gecrbct; und so wie die Letternkultur des menschlichen Geschlechts auf einem schmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, so ist in dem Schooße und mit der Sprache dieser natürlich auch ein gewisser Regelnvorrath überall mitgekommen, der von der Lehre unzertrennlich schien. Da die Bildung eines Kindes doch unmöglich durch Vernunft geschehen kann und geschieht; sondern durch Ansehen, Eindruck, Göttlichkeit des Beispiel und der Gewohnheit: so sind ganze Nationen in Allem, was sic lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern würde ohne Schlaube nicht wachsen, und sic werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, selbst wenn sie von dieser ganz keinen Gebrauch machen könnt.n. Es ist der Fall mit dem griechischen und nordischen Drama. 2Z6 II. Andenken;NN einige In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. In Griechenland wars, was cs in Norden nicht seyn kann. In Norden ists also nicht und darf nicht seyn, was es in Griechenland gewesen. Also Sophokles Drama und Shakespears Drama sind zwei Dinge, die in gewistun Betracht kaum de» Namen gemein haben. Ich glaube djtt'e Satze aus Griechenland selbst beweisen zu können, und eben dadurch die Natur des nordischen Drama, und des grössten Dramakisien in Norden, Shakespears sehr zu entziffern, Man wird Genese Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Verwandlung sehen, daß sic gar nicht mehr dieselbe bleibt. Die griechische Tragödie entstand gleichsam aus Einem Austritt, aus dem Impromptu des Dithyramben, des mimischen Tanzes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung; Aescbylus brachte statt Einer handelnden Person zwecn auf die Bühne, erfand den Begriff der Hauptperson, und verminderte das Ehormaßige. Sophokles fügte die dritte Person hinzu, erfand Bühne: aus solchem Ursprünge, aber spat, hob sich das griechische Trauerspiel zu seiner Größe hervor, ward Meisterstück des menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristoteles so hoch ehret, und wix freilich nicht tief gnug in Sophokles und Ettt ripides bewundern können. ältere deutsche Dichter. S97 Man siedet über zugleich, daß aus diesem Ursprünge gewisse Dinge erklärlich werden, die man sonst, als todtc Regeln angestaunet, erschrecklich verkennen müssen. Jene Simplicitat der griechischen Fabel, jene Nüchternheit griechischer Sitten, jenes fort ausge- halt ne Kothurnmäßige des Ausdrucks, Musik, Bühne, Einheit des Orts und der Zeit — das Alles lag ohne Kunst und Zauberei so natürlich und wesentlich im Ursprünge griechischer Tragödie, daß diese ohne Veredlung zu alle .Jenem nicht möglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs. Tretet in die Kindheit der damaligen Zeit zurück: Simplicitat der Fabel lag wirklich so sehr in dem, was Handlung der Vorzeit, der Republik, des Vaterlandes, der Religion, was H e! d e n ha nd l u ng hieß, daß der Dichter eher Mühe hatte, in dieser einfältigen Größe Thcjlc zu entdecken, Anfang, Mittel und Ende dramatisch hincinzubringen, als sic gewaltsam zu sondern, zu verstümmeln, oder aus vielen, abgesonderten Begebenheiten Ein Ganzes zu kneten- Wer jemals Aeschylus oder Sophokles gelesen, müßte das nie unbegreiflich finden. Im Ersten was ist die Tragödie als oft ein allegorischmythologisch-halb episches Gemahldc, fast ohne Folge der Austritte, dcr Geschichte, der Empfindungen, oder gar, wie die Alten sagten, nur noch Ehor, dem einige Gcschichte zwischengesetzt war — Konnte hier über Simplicitat der Fabel die geringste Mühe und Kunst seyn? Und wars 2gS II. Andenken an einigt in den meisten Stücken des Sophokles ander- ? Sein Philoktet, Ajax vertriebncr Oedipus u. s. w. nähern sich noch immer so sehr dem Einaktigen ihres Ursprunges, dem dramatischen Bilde mitten im Ehor. Kein Zweifel! es ist Genesis der griechischen Bühne. Nun sehe man, wie viel aus der stmpeln Bemerkung folge. Nichts minder, als: „das Künstliche ihrer Regeln war — keine Kunst! war Natur ! — Einheit der Fabel — war Einheit der Handlung, die vor ihnen lag; die nach ihren Zeit- Vaterlands-, Religions-Siktenumstanden, nicht anders als solch ein Eins feyn konnte. Einheit des Orts — war Einheit des Orts; denn die Eine, kurze feierliche Handlung ging nur an Einem Ort, im Tempel, Pallast, gleichsam auf einem Markt des Vaterlandes vor: so wurde sie im Anfänge, nur mimisch und erzählend nachgemacht und zwischengeschoben: so kamen endlich die Auftritte, die Scenen hinzu — aber alles natürlich noch Eine Scene, wo der Ehor Alles band, wo der Natur der Sache wegen Bühne nie leer bleiben konnte u. s. w. Und daß Einheit der Zeit nun hieraus fo! tte und natürlich mitging — welchem Kinde brauchte das bewiesen zu werden? Alle diese Dinge lagen damals in der Natur, daß der Dichter mit alle seiner Kunst ohne sie nichts konnte! Offenbar flehet man also auch: die Kunst der griechischen Dichter nahm ganz den entgegen gesetzten Weg, den man uns heut zu Tage aus ihnen zuschreiet. Jene si mp l i sie i r t e n nicht , denke ich, ältere deutsche Dichter, 399 sondern sie vervielfältigten: Aeschvlus den Chor, Sophokles den Aeschvlus, und man darf nur die künstlichsten Stücke des letztem, und sein großes Meisterstück, den Oedipus in Thebe gegen den Prometheus, oder gegen die Nachrichten vom alten Dithyramb halten: so wird man die erstaunliche Kunst sehen, die ihm dahinein zu bringen gelang. Aber niemals Kunst aus Vielem ein Eins zu machen, sondern eigentlich aus Einem ein Vieles, ein schönes Labyrinth von Sccncn, wo seine größte Sorge blieb, an der verwickeltsten Stelle des Labyrinths seine Zuschauer mit dem Wabn des vorigen Einen umzutauschen, den Knäuel ihrerEm- psindnngen so sanft und allmahlig los zu winden, als ob sie ihn noch immer ganz hatten, die vorige Dithyrambische Empfindung. Dazu zierte er ihnen die Scene aus, behielt ja die Chore bei, und machte sie zu Ruheplätzen der Handlung, erhielt Alle mit jedem Wort im Anblick des Ganzen, in Erwartung, in Wahn des Werdens, des Schon- Habens, (was der lebrrciche Euripides nachher sogleich, da die Bübne kaum gebildet war, wieder verabsäumte!) Kurz, er gab der Handlung (eine Sache, die man so erschrecklich mißverstehet) Größe. Und daß Aristoteles diese Kunst seines Genies in ihm zu -schätzen wusste, und eben in Allem fast das Umgekehrte war, was die neuern Zeiten aus ihm zu drehen beliebt haben, müßte Jedem ein- leuchten, der ibn ohne Wahn und im Standpunkte seiner Zeit gelesen. Eben daß er Thespis und Aeschylus verließ, und sich ganz an den viel- 3oo II. Andenken an einige fach dichtenden Sophokles halt, daß er eben von dieser seiner Neuerung ausging, in sie das Wesen der neuen Dichtqattung zu setzen, daß es sein Lieblingsgcdanke ward, nun einen Homer zu entwickeln, und ihn so vorthcilhast mit dem Ersten zu vergleichen; daß er keinen unwesentlichen Umstand vergaß, der nur in der Vorstellung seinen Begriff der Große habenden Handlung unterstützen konnte, — alle das zeigt, daß der große Mann auch im großen Sinn seiner Zeit philoso- phirte, und nichts weniger, als an den verengernden kindischen Lappereycn schuld ist, die man aus ihm später zum Papiergcrüste der Bühne machen wollen. Er hat offenbar in seinem vortrefflichen Kapitel vom Wesen der Fabes „keine anderen Rc- „geln gewußt und anerkannt , als den Blick des „Zuschauers, Seele, Illusion!" und sagt ausdrücklich , daß sich sonst die Schranken ihrer Lange, mithin noch weniger Art oder Zeit und Raum des Baues durch keine Regeln bestimmen lassen. O wenn Aristoteles wieder auflebte, und den falschen, widersinnigen Gebrauch seiner Regeln bei Drama's ganz andrer Art sähe! — Doch wir bleiben noch lieber bei der stillen, ruhigen Untersuchung. Wie sich Alles in der Welt ändert: so mußte sich auch die Natur andern, die eigentlich das griechische Drama schuf. Weltverfassung, Sitten, Stand der Republiken, Tradition ältere deutsche Dichter. 3c-r der Hcldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck, Maas der Illusion wandelte: und natürlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbei holen, und nach der gegebnen Manier bekleiden: das khat Alles aber nicht die Wirkung: folglich war in Allem auch nicht Seele: folglich wars auch nicht (was sollen wir mit Worten spielen?) das Ding Mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Sraküe, in der nur noch der andächtigste Kops den Dämon finden konnte, der die Statue belebte. Lastet uns gleich (denn die Römer waren zu dumm, oder zu klug, oder zu wild und unmäßig, um ein völlig gräcifircndes Theater zu errichten) zu den neuen Atheniensern Europens übergehen, und die Sache wird, dünkt mich, offenbar. Alles was Puppe des griechischen Theaters ist, kann ohne Zweifel kaum vollkommener gedacht und gemacht werden, als cs in Frankreich geworden. Ich will nicht blos an die sogenannten Theaterregeln denken, die man dem guten Aristoteles beimisst, Einheit der Zeit, des Orts, der Handlung, Bindung der Scenett, Wahrscheinlichkeit des Brettergerüstes, u. s. w. sondern wirklich fragen, ob über das gleißende, klassische Ding, was die Eorneille, Racine und Voltaire gegeben haben, über die Reihe schöner Auftritte, Gespräche, Verse und Reime, mit der Abmessung, dem Wohlstände, dem Glanze — etwas in der Welt möglich sey? Det Verfasser dieses Aufsatzes zweifelt nicht blos daran, 3(12 II. Andenken an einige senden alle Bekehrer Voltaires und der Franzosen, zumal diese edlen Athcnienscr selbst, werden es geradezu laug Neu — Habens ja auch schon gnug gctban, thuns und wcrdeNs thun, „über das gehr nichts I das kann nicht übertroffen werden!" Und in den Gesichtspunkt des Uebereinkominnistcs gestellt, die Puppe aufs Brettergerüste gesetzt — baden sie recht, und müffcns von Tag zu Tage, je mehr man sich in das Gleißende vernarrt, und es nachaffet, in allen Landern Eiiropens Nichr bekommen ! Bei alle dem ists aber doch ein drückendes un- widerstreblicheS Gefühl „das ist keine griechische Tragödie! von Zweck, Wirkung, Art, Wesen kein griechisches Drama!" Und der partbeüschstc Verehrer der Franzosen kann, wenn ec Griechen gefühlt hat, das nicht laugNcn. Ich wills gar nicht Einmal untersuchen „ob sie auch ihren Aristoteles den Regeln nach so beobachten, wie sies vergeben, wo Lessing gegen die lautesten Anmaßungen neulich schreckliche Zweifel erregt hat." Das Alles aber auch zugegeben , Drama ist nicht dasselbe, warum? weil im Innern nichts Von ihm Dasselbe mit Jenem Ist, nicht Handlung, Sitten, Sprache, Zweck, nichts — und was Hülse also alles Acuficre so genast erhaltnc Einerlei? Glaubt denn wohl jeMand, daß Ein Held des großen E0rn rille ein römischer oder französischer Held sei) ? Spanisch-Sestckasche Helden! galante Helden, abentbcUrlich tapfere, großmütkige, verliebte, grausame HeldcN also dramatische Fiktionen , die außer dem Theater Narben heißen würden, und wenigstens für Frankreich schon damals halb sö ältcrc deutsche Dichter. 3o3 fremde waren , als sies jetzt bei den meisten Stücken ganz sind das sind sie. Racine spricht die Sprache der Empfindung — allerdings nach diesem Einen zugcgebNeN UeberciNkeMmnisse ist nichts über ihn; aber außer dem auch wüßte ich nicht, wo Eine Empfindung so spräche? Es sind Gemahlde der Empfindung von dritter fremder Hand; nie aber oder selten die unmittelbaren, ersten, ungeschminkten Regungen, wie sie Worte suchen und endlich finden. Der schöne Vollair'sehr Vers, sein Zuschnitt, Inhalt, Bilderwirthschast, Glanz, Witz, Philosophie — ist er nicht ein schöner Vers? Allerdings ! der schönste, den Man sich vielleicht denken kann, und >benn ich cln Franzose wäre, würde ich verzweifeln, hinter Voltaire Einen Vers zu machen — aber schön oder nicht schön, kein Thcatervers! für Handlung, Sprache, Sitten, Leidenschaften, Zweck eines (anders als Französischen) Drama, ewige Schulchric, Lüge und Galimathias. Endlich Zweck des Allen t durchaus kein griechischer, kein tragischer Zweck! Ein schönes Stück, wenn es auch eine schöne Handlung wäre, auf die Bühne zu bringen! eine Reihe artiger, wohlgekleidetcr Herren und Damen schöne Reden, auch die schönste und nützlichste Philosophie in schönen Versen vortragen Zu lassen! sie allesamml auch in elne Geschichte dichten, die einen Wahn der Vorstellung giebt, und also die Aufmerksamkeit Mit sich fvrtzicht! endlich das alles auch durch eine Anzahl wohlgeübter Herren und DamcN vorstellen lassen, die wirklich üuf Deklamation , Stelzen.Mtlg der Sentenzen und A'UßeN- wcrke der Empfindung, Beifall und Wohlgefallen anwenden — das Alles könNctt vortreffliche und di» - / ll. Andenken an einige besten Zwecke zu einer lebendigen Lectüre, zur UebuNg im Ausdruck, Stellung und Wohlstände, zum Gc- mahlde guter oder gar berojschcr Sitten, und endlich gar eine völlige Akademie der Nationalweishcit und Dcccnce im Leben und Sterben werden, (alle Nebenzwecke übergangen) schon! bildend! lehrreich! vortrefflich! durchaus aber weder Hand noch Fuß vom Zweck des griechischen Theaters. '' ' Und welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug darüber gestritten — nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschütterung des Herzens, die Erregung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gattung Illusion, die wahrhaftig ! noch kein französisches Stück zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Und folglich (cs heiße so herrlich und nützlich, wie cs wolle) griechisches Drama ists nicht! Trauerspiel des Sophokles ists nicht. Als Puppe ihm noch so gleich» der Puppe fehlt Geist, Leben, Natur, Wahrheit — mithin alle Elemente der Rührung — mithin Zweck und Erreichung dcS Zwecks — ists also dasselbe Ding mehr? Hicmit würde n«ch nichts über Werth und Un- werlh entschieden, cs wäre nur blos von Verschiedenheit die Rede, die ich mit dem Vorigen ganz außer Zweifel gesetzt glaube. Und nun gebe ichs jedem anheim, es selbst auszumachen, „ob eine Kopirung fremder Zeiten, Sitten und Handlungen tn Halbwahrheit, mit dem köstlichen Zwecke, sic der zwei- 3o5 ältere deutsche Dichter. zweistündigen Vorstellung auf einem Brcteracrüste fällig und ähnlich zu macken, wohl einer Nachbildung gleich" oder übergeschätzt werden könne, die in gewissem Betracht die höchste Nationalnatur war? ob eine Dichtung, deren Ganzes eigentlich (und da wird sich jeder Franzose winden oder vorbei singen müssen) gar keinen Zweck hat — das Gute ist nach dem Bekmntniß der besten Philosophen nur eine Nachlese im Detail — ob die einer Landcsanstalt gleichgeschatzt werden kann, wo in jedem kleinen Umstande Wirkung, höchste, schwerste Bildung lag? Ob endlich nicht eine Zeit kommen müßte, da man, wie die meisten und künstlichsten Stücke Eorneille's schon vergessen sind, Erebillon und Voltaire mit der Bewunderung anschen wird, mit der man jetzt die Astraa des Herrn von Urfe, und alle Elelien und Aspasien der Ritterzeit ansiebt, „voll Kopf und „Weisheit! voll Erfindung und Arbeit! es wäre „aus ihnen so viel! viel zu lernen — aber Schade! „daß es in der Astraa und Elelia ist." Das Ganze ihrer Kunst ist ohne Natur! ist abenteuerlich! ist cckel! — Glücklich wenn wir im Geschmack der Wahrheit schon an der Zeit waren! Das ganze französische Drama hatte sich in eine Sammlung schöner Verse, Sentenzen , Scntimens verwandelt — aber der große Sophokles stehet noch, wie er ist! Herders W. Llt.u.Kunst. XIII. U Zo6 II. Andenken an einige Lasset uns also ein Volk setzen, das aus Umstanden, die wir nicht untersuchen mögen, Lust hatte, sich statt nachzuaffen und mit der Wallnuß- schaale davon zu laufen, selbst lieber, sein Drama zu erfinden: so ists, dünkt mich, wieder erste Frage: wenn? wo? unter welchen Umstanden? woraus solls das thun? und es braucht keines Beweises, daß die Erfindung nichts als Resultat dieser Fragen seyn wird und seyn kann. Holk es sein Drama nicht aus Chor, aus Dithy- ramb der: so kanns auch nichts Ehormaßiges, Dithyrambisches haben. Lage ihm keine Simplicität von Faktis der Geschichte, Tradition, Häuslichen, und Staats - und Reli- g io n s b e z i e h u n g e n vor — natürlich kanns nichts von Alle dem haben. — Es wird sich, wo möglich, sein Drama nach seiner Geschichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meynungen, Sprache, Nationalvorurthci- len, Tradition und Liebhabereien, wenn auch auS Fastnachls - und Marioncttenspiel (eben, wie die edlen Griechen aus dem Ehor) erfinden — und das Erfundne wird Drama fern, wenn cs bei diesem Volk dramatischen Zweck erreicht. Man sieht» wir sind bei den Toto ckivisis at, orbe Lritanni» und ihrem großen Shakespeare. Daß da, und zu der und vor der Zeit kein Griechenland war, wird kein pullulu; ^ristotels, läugnen, und hier und da also griechisches Drama zu fordern, daß es natürlich (wir reden von ältere deutsche Dichter. 307 einer Nachäffung) entstehe, ist arger, als daß ein Schaf Löwen gebären solle. Es wird allein erste und letzte Frage: „wie ist der Boden? worauf ist er „zubcreitet? was ist in ihn gesaet? was sollte er „tragen können?" — und Himmel! wie weit hier von Griechenland weg! Geschichte, Tradition, Sitten , Religion, Geist der Zeit, des Volks, der Rührung, der Sprache — wie weit von Griechenland weg! Der Leser kenne beide Zeiten viel oder wenig, so wird er doch keinen Augenblick verwechseln, was nichts Aehniiches hat. Und wenn nun in dieser glücklich oder unglücklich veränderten Zeit, es eben Ein Aller, Ein Genie gäbe, das aus seinem Stoff so natürlich, groß, und original eine dramatische Schöpfung zöge, als die Griechen aus dem Ihren — und diese Schöpfung eben auf den verschiedensten Wegen dieselbe Absicht erreichte, wenigstens an sich ein weit vielfach Einfältiger und Ein- sachvielfältigcr — also (nach aller metaphysischen Definition) ein vollkommenes Ganzes wäre — was für ein Thor, der nun vergliche und gar verdammte, weil dies Zweite nicht das Erste se» ? Und alle sein Wesen, Tugend und Vollkommenheit beruht ja darauf, daß es nicht das Erste ist: daß aus dem Boden der Zeit, eben die andre Pflanze erwuchs. Shakespeare fand vor und um sich nichts weniger als Simpliciräk von Vaterlandssitten, Tha- tcn, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das griechische Drama bildete, und da also nach dem Ersten metaphysischen Wcishcitssatzc aus Nichts Nichts wird, so wäre Philosophen überlassen, nicht blos U 2 II. Andenken NN einige kein Griechisches, sondern wenns aufierdem Nichts giebt, auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und batte werden können. Da aber Gnus bekanntermaßen mehr ist, als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so irars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegengesetztesten Stoff, und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Wirkung bervorzurusen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jener Erste Stoff und Bearbeitung cs kaum vormals hervorzubringen vermocht! — Glücklicher Göttersohn über sei» Unternehmen ! Eben das Neue, Erste, ganz Vcrschiedns zeigt die Urkraft seines Berufs. Shakespeare fand keinen Ehor vor sich; aber wohl Staats - und Marioncttcnspiele — wobl! er bildete also aus diesen Staats - und Marionek- kcnspielcn, dem so schlechten Leim: das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vateclandscharakter, sondern ein Vielfaches von Standen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Spracharten — der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen; er dichtete also Stande und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen Ganze» ! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpsergeist das Verschiedenartigste Zeug zu einem Wundcraanzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im griechischen Verstände, so Aktion im Sinne der Mittlern, oder in der ältere deutsche Dichter. 3ng Sprache der neuern Zeiten Begebenheit (ckvs- nsmsnt) großes Ereignis? nennen wollen — o Aristoteles, wenn du erschienest, wie würdest du den neuen Sophokles homerisiren! würdest so eine eigne Theorie über ihn dichten, die jetzt seine Landsleute , H o in c und Hurd , Pope und Johnson noch nicht gedichtet haben! Würdest dich freuen, non Jedem Deiner Stücke, H and! u ng, E h a- cakter, Meiin ungen, Ausdruck, Bühne, wie aus zwei Punkten des Drcyecks Linien ziehen zu können, die sich oben in Einem Punkte des Zwecks, der Vollkommenheit begegnen! Würdest zu Sophokles sagen? mahle das heilige Blatt dieses Altars! und du o nordischer Barde alle Seiten und Wände dieses Tempels in dein unsterbliches Fresko l Man lasse mich als Ausleger und Rhapsodisten fortfabren: denn ich bin Shakespeare nabcr als dem Griechen. Wenn bei diesem das Eine einer Handlung herrscht: so arbeitet Jener auf das Ganze eines Ereignisses einer Begebenheit. Wenn bei Jenem Ein Ton der Charaktere herrschet, so bei diesem alle Charaktere, Stande und Lebensarten, so viel nur fällig und nöthig sind, den Hauptklang seines Concerts zu bilden. Wenn in Jenem Eine singende feine Sprache, wie in einem Hähern Actber tönet, so spricht dieser die Sprache aller Alter, Menschen und Menschenarten, ist Dollmetscher der Natur in all' ihren Zungen — und aus so verschiedene» Wegen beide Vertraute Einer Gottheit?— Und wenn jener Griechen vorstellt und lehrt und rührt und bildet, so lehrt, rührt und bildet Shakespeare II. Andenken cm einige 3ro nordische Menschen! Mir ist, wenn ich ihn leie, Theater, Akteur, Koulisse verschwunden! Lauter einzelne im Sturm der Zeiten wehende Blatter aus dcm Buch der Begebenheiten, der Vorsehung der Welt! — , inje.ne Gepräge der Völker, Stande, Seelen! die alle die verschiedenartigsten und ab- getcmntcst handelnden Maschinen, alle — was wir in der Hand des Weltschöpfers sind — unwissende, blinde Werkzeuge zum Ganzen Eines theatralischen Bildes, Einer Größe habenden Begebenheit, die nur der Dichter überschauet. Wer kann sich einen größcrn Dichter der nordischen Menschheit und in dem Zeitalter! denken! Wie vor einem Meere von Begebenheit, wo Wogen in Wogen rauschen, so tritt vor seine Bühne. Die Auftritte der Natur rücken vor und ab; wirken in einander so disparat sie scheinen; bringen sich hervor, und zerstören sich, damit die Absicht des Schöpfers, der alle im Plane der Trunkenheit und Unordnung gesellet zu haben schien, erfüllt werde —> dunkle kleine Symbole zum Sonnenriß einer Theodicee Gottes. Lear der rasche, warme, edel- schwache Greis, wie er da vor seiner Landcharte steht, und Kronen wcgschenkt und Lander zerreißt, — in der ersten Scene der Erscheinung tragt schon allen Saamen seiner Schicksale zur Ernte der dunkelsten Zukunft in sich. Siehe! der gutherzige Verschwender, der rasche Unbarmherzige, der kindische Vater wird es. bald seyn auch in den Vorhöfcn see- ner Tochter — bittend, betend, bettelnd, fluchend, schwärmend, segnend, — all), Gott! und Wahnsinn ahnend. Wirds seyn bald mit blassem Scheitel ältere deutsche Dichter. 8 «« unter Donner und Blitz, zur untersten Klasse von Menschen herabgestürzt, mit einem Narren und in der -Höhle eines tollen Bettlers Wahnsinn gleichsam pochend vom Himmel herab. — Und nun ist wie «rs ist, in der ganzen leichten Majestät seines Elends und VcrlassenS; und nun zu sich kommend, angeglanzt vom letzten Strahle Hoffnung, damit diese auf ewig, ewig erlösche! Gefangen, die tobte Wohl- tbaterin, Vcrzeihcrin, Kind, Tochter auf seinen Armen! auf ihrem Leichnam sterbend, der alte Knecht dem alten Könige nachstcrbend — Gott! welch ei» Wechsel von Zeiten, Umstanden, Stürmen, Wetter, Zeitläuften! und alle nicht blos Eine Geschichte -- Helden und Staatsaktion, wenn du willk! von Einem Anfänge zu Einem Ende, nach der strengsten Regel deines Aristoteles; sondern, tritt näher, und fühle den M cn sc h e n gei st, der auch jede Person und Alter und Eharaktcr und Nebcnding in das Gcmähldc ordnete. Zwee» alte Väter und alle ihre so vcrschicdne Kinder! Des Einen Sohn gegen ein.n beteogucu Vater unglücklich dankbar, der andre gegen den gutherzigsten Vater scheußlich undankbar und abscheulich glücklich. Der gegen seine Töchter! diese gegen ihn! ihre Gemahl, Freier und alle Helfershelfer im Glück und Unglück. Der blinde Gloster am Arm seines unerkannten Sohnes, und der tolle Lear zu den Füßen seiner vertriebnen Tochter! und nun der Augenblick der Wegscheide des Glücks, da Gloster unter seinem Baume stirbt, und die Trompete rufet alle Ncbcnumstände, Triebfedern, Charaktere und Situationen dahin cingcdichtet — Alles im Spiel! zu Einem Ganzen sich fortwickelnd — zu einem Vater- und Kinder-Königs- und Narren- und Bettler- und Elend-Ganzen 3t2 Ik. Andenken an einige zusammengeordnet, wo doch überall bei de» disparat- sten Sccnni Seele der Begebenheit athmet, wo Oerter, teilen, Umstände se.bst, möchte ich sagen, die heidnische Schicksals- und Stcrncnphi- loiophie, die durchweg herrschet, so zu diesem Ganzen gehören, daß ich Nichts verändern, versetzen, aus andern Stücken hichcr oder hieraus in andre Stücke bringen könnte. Und das wäre kein Drama ? Shakespeare kein dramatischer Dichter? Der hundert Austritte einer Weltbcgebenheit mit dem Arm umfaßt, mit dem Blick ordnet, mit der Einen durchhauchenden, Alles belebenden Seele erfüllet, und nicht Aufmerksamkeit; Herz, alle Leidenschaften , die ganze Seele von Anfang bis zu Ende sortrcißt — wenn nicht mehr, so soll Vater Aristoteles zeugen, „die Größe des lebendigen Geschöpfs darf nur mit Einem Blick übersehen wer- „den können" — und hier — Himmel! wie wird das Ganze der Begebenheit mit tiefster Seele fort- gcfühlt und geendet! — Eine Welt dramatischer Geschichte, so groß und tief wie die Natur; aber der Schöpfer giebt uns Auge und Gesichtspunkt, so groß und tief zu sehen! Zn Othello, dem Mohren, welche Welt! welch ein Ganzes! lebendige Geschichte der Entstehung, Fortgangs, Ausbruchs, traurigen Endes der Leidenschaft dieses Edlen Unglückseligen! und in welcher Fülle, und Zusammcnlauf der Räder zu Einem Werke! Wie dieser Zago, der Teufel in Menschen gestalt, die Welt ansehn, und mit allen, die um i^ihn sind, spielen! und wie nun die Gruppe ein ältere deutsche Dichter. Ar3 Cassis und Rodrich, Othello und Desdemone in d e n Charakteren, mit dem Zunder von Empfänglichkeiten seiner Höllenflamme, um ihn stehen muß, und jedes ihm in den Wurf kommt, und er alles braucht, und Alles zum traurigen Ende eilet. — Wenn ein Engel der Vorsehung menschliche Leidenschaften gegen einander abwog, und Seelen und Charaktere gruppicte, und ihnen Anlässe, wo Jedes im Wahn des Freien handelt, zuführt, und er sie alle mit diesen« Walmc, als mit der Kette des Schicksals zu seiner Idee leitet— so war der menschliche Geist, der hier entwarf, sann, zeichnete, lenkte. Daß Zeit und Ort, wie Hülfen um den Kern immer mit gehen, sollte nicht einmal erinnert werden dürfen, und doch ist hierüber eben das helleste Geschrei. Fand Shakespeare den Göttergriff, Eine ganze Welt der disparatesien Auftritte zu Einer Begebenheit zu erfassen; natürlich gehörte cs eben zur Wahrheit seiner Begebenheiten, auch Ort und Zeit jedesmal zu idcalisircn, daß sie mit zur Täuschung beitrügen. Ist wohl jemand in der Welt zu einer Kleinigkeit seines Lebens Ort und Zeit gleichgültig? und sind sie's insonderheit in den Dingen, wo die ganze Seele geregt, gebildet, umgcbildet wird? in der Jugend, in Scenen der Leidenschaft, in allen Handlungen auf's Leben! Jst's da nicht eben Ort und Zeit und Fülle der äußern Umstände, die der ganzen Geschichte Haltung, Dauer, Existenz geben muß, und wird ein Kind, ein Jüngling, ein Verliebter, ein Mann im Felde der Tha- tcn sich wohl Einen Umstand des Lokals, des Wie? 3rg. II. Andenken an einige und Wo? und Wann? weaschneiden lassen, ohne daß die ganze Vorstellung seiner Seele litte? Da ist nun Shakespeare der größte Meister, eben weil er nur und immer Diener der Natur ist. Wenn er die Begebenheiten seines Drama dachte, im Kopf walzte, wie walzen sich jedesmal Ocrter und Zeiten so mit umher! Aus Scenen und Zeitlausten aller Welt findet sich, wie durch ein Gesetz der Fatalität, eben die sicher, die dem Gefühl, der Handlung, die kräftigste, die idealste ist; wo die sonderbarsten, kühnsten Umstande am meisten den Trug der Wahrheit unterstützen , wo Zeit - und Ortwechsel, über die der Dichter schaltet, am lautesten rufen: „hier ist kein Dichter! ist Schöpfer! ist Geschichte, der Welt!" Als z. E. der Dichter den schrecklichen KönigS- mord, Trauerspiel Macbeth genannt, als Faktum der Schöpfung in seiner Seele wälzte — bist du, mein lieber Leser, so blöde gewesen, nun in keiner Scene, Scene und Ort mit zu fühlen — wehe Shakespeare, dem verwelkten Blatte in deiner Hand. So hast du nichts von der Eröffnung durch die Zauberinnen aus der Haide unter Blitz unb Donner! nichts nun vom blutigen Manne mit Macbeths Thaten zur Borbschafc des Königes an ihn, nichts wider die Scene zu brechen, und den prophetischen Aaubergeist zu eröffnen, und die vorige Bothschast nun mit diesem Gruffe in seinem Haupt zu mischen — gefühlt! Nicht sein Weib mit seiner Abschrift des Schicksalsbriefes in ihrem Schlosse wandern sehen, die hernach wie graucrlich anders wandern wird! Nicht mit dem stillen Könige noch zu ältere deutsche Dichter. 3t5 guter letzt die Abendlust so sanft gewittert,, rings um das Haus, wo zwar die Schwalbe so sicher nistet, aber du, o König — das ist im unsichtbaren Werk! — dich deiner Mördergrube näherst. Das Haus in unruhiger, gastlicher Zubereitung, und Macbeth in Zubereitung zum Morde! Die bereitende Nachtseen.e Bankos mit Fackel und Schwerin! Der Dolch! der schauerliche Dolch der Vision! Glocke — kaum ists geschehen und das Pochen an der Thür! — Die Entdeckung, Versammlung — man trabe alle Ocrter und Zeiten durch, wo das zu der Absicht, in der Schöpfung , anders als d a und s o geschehen könnte. Die Mordsccne Bankoü im Walde; das Nachtgastmahl und Bankos Geist — nun wieder die Hexenhaide (denn seine erschreckliche Schicksalschat ist zu Ende!) Nun Aaubcrhöhlc, Beschwörung, Prophezeihung, Wuth und Verzweiflung ! Der Tod der Kinder Macdufs unter den Flügeln ibrer einsamen Mutter! und jene zween Vertriebne unter dem Baum, und nun die grauer- lichc Nachkwanderin im Schlosse, und die wunderbare Erfüllung der Prophezeihung — der hcranzie- hende Wald — Macbeths Tod durch das Schwert »ines Ungebohrnsn — ich müßte alle, alle Scenen ausschreiben, um das idealisiere Lokal des unnennbaren Ganzen« der Schicksals-KönigsmordS- und Aauberwelt zu nennen, die als Seele das Stück, bis auf den kleinsten Umstand von Zeit, Ort, selbst scheinbarer Awischcnvcrwirrunq, belebt, Alles in der Seele zu Einem schauderhaften, unzertrennlichen Ganzen zu machen — und doch würde ich mit Allem nichts sagen. II. Andenken cm rinigr Dies Individuelle jedes Stücks, jedes «inzelnen Weltalls, gebt mit Ort und Zeit und Schöpfung durch alle Stücke. Lessing hat einige Umstände Hamlets in Vergleichung der Thcatcr- königin Scmiramis entwickelt — wie vvll ist Las ganze Drama dieses Lokalgeistes von Anfang, zu Ende. Schloßplatz und bittre Kalte, ablösende Wache und Nachterzahlungcn, Unglaube und Glaube — der Stern — und nun crscheintS! — Kann Jemand seyn, der nicht in jedem Wort und Um? stände Bereitung und Natur ahne? So weiter. Alles Kostüme der Geister erschöpft! der Menschen zur Erscheinung erschöpft! Hahnkrah und Paukenschall, stummer Wink und der nahe Hügel, Wort und Unwort — welches Lokal! welches tiefe Eingraben der Wahrheit! Und wie der erschreckte König kniet, und Hamlet vorbcyirrt in seiner Mutter Kammer vor dem Bilde feines Vaters! und nun die andre Erscheinung! Er amDcabe seiner Ophelia ! der rührende goocl Kollow in allen den Verbindungen mit Horazio, Ophelia, Lacrtes, Fortinbras! das Jugendspiel der Handlung, was durchs Stück fortlauft und fast bis zu Ende keine Handlung wird — wer da Einen Augenblick Bretergcrnste fühlt und sucht, und Eine Reihe ge- bundncr artiger Gespräche auf ibm sucht, für den hat Shakespeare und Sophokles, kein wahrer Dichter der Welt gedichtet. Hatte ich doch Worte dazu, um die einzelne Haupt-Empfindung, die also jedes Stück beherrscht, und wie eine Wcltseele durchströmt, zu bemerken. Wie es doch in Othello wirklich mit zu dem Stücke altere deutsche Dichter, 817 gehört, so selbst das Nachksuchen wie die fabelhaste Wunderliebe, die Seefahrt, der Seesturm, wie die brausende Leidenschaft Othellos, die so sebr verspottete Todesnot, das Entkleiden unter dem Sterbe- licdchen und dem Windessausen, wie die Art der Sünde und Leidenschaft selbst— sein Eintritt, Rede ans Nachtlicht in s. w. wäre cS möglich, doch da§ in Worte zu fasten, wie das Alles zu Einer Welt der Trauerbegedcnhcit lebendig und innig gehöre — aber cs ist nicht möglich. Kein elendes Farbenge- mahldc lasst steh durch Worte beschreiben oder Herstellen , und wie die Empfindung Einer lebendigen Welt in allen Sccncn, Umstanden und Zaubereien der Natur. Gehe, mein Leser, was du willt, Lear und die Richards, Cäsar und die Heinrichs, selbst Zaubcrstückc und Divertissements , insonderheit Romeo, das süsse Stück der Liebe, auch Roman in jedem Zeitumstande, und Ort und Traum und Dichtung — gehe cs durch, versuche Etwas der Art wegzunehmcn, zu tauschen, es gar auf ein französisches Bretergcrüste zu stmplificiren — eine lebendige Welt mit allem Urkundlichen ihrer Wahrheit in dies (Nn,sie verwandelt — schöner Tausch! schöne Wandlung! Nimm dieser Pflanze ihren Boden, Saft und Kraft, und pflanze sic in die Lust: nimm diesem Menschen Ort, Zeit, individuelle Bestandheit — du hast ihm Othcm und Seele genommen , und ist ein Bild vom Geschöpf. Eben da ist also Shakespeare Sophokles Bruder, wo er ihm dem Anschein nach so unähnlich ist, um im Innern, ganz wie Er, zu ftyn. Da alle Täuschung durch dies Urkundliche, Wahre, Zlü 1k. Andenken an einige Schöpferische der Geschichte erreicht wird, und ohne sie nicht blos erreicht würde, sondern kein Element mehr (oder ich hätte umsonst geschrieben) von S Hatz esp care's Drama und dramatischem Geist bli.be: so sicht man, die ganze Welt ist zu diesem großen Geiste allein Körper: alle Austritte der Natur an diesem Körper Glieder, wie alle Eharaltcre und Denkarten zu diesem Geiste Züge — und das Ganze mag jener Ricsengvtt des Spinosa ,,Pan! Univcr» sum!" heissen. Sophokles blieb der Natur treu, da er Eine Handlung Eines Orts und Einer Zeit bc» arbeitete: Shakespeare könnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheic und Mein schcnschicksal durch alle die Oerler und Zeiten walzte, wo sie — nun, wo sie geschehen: und Gnade Gott dem kurzweiligen Franzosen, der in Shakespeare'S fünften Aufzug käme, um da die Rührung in der Quintessenz herunter zu schlucken. Bei manchen französischen Stücken mag dies wohl angeben, weil da Alles nur fürs Theater versificirt und in Scencn schaugetragrn wird; aber hier geht er eben ganz leer aus. Da ist Weltbegebenheit schon vorbei: er sieht nur die letzte, schlechteste Folge, Menschen, wie Flic- gen fallen: er geht hin und höhnt: Shakespeare ist ihm Aergerniß und sein Drama die dümmste Thorheit. Ueberhaupt wäre der ganze Knäuel von Ort- und Aeitquastionen langst aus seinem Gewirre gekommen , wenn ein philosophischer Kopf über das allere deutsche Dichter. 3rg Drama sich die Mühe hatte nehmen wollen, auch hier zu fragen: „was denn Ort und Zeit sey?" Solls das Vretergerüste, und der Zeitraum eines Divertissements an iIEtrs ftyn: so hat niemand in der Welt Einheit des Orts, Maaß der Zeit und der Scenen, als — die Franzosen. Die Griechen — bei ibrer hohen Täuschung, von der wir säst keinen Begriff haben — bei ihren Anstalten für das OcffeNtliche der Bühne, bei ihrer rechten Tem- pclandacht vor derselben, habe» an nichts weniger als das je gedacht. Wie muß die Täuschung eines Menschen seyn, der hinter jedem Austritt nach seiner Uhr sehen will, ob auch so Was in so viel Zeit habe geschehen können? und dem cs sodann Hauptelement der Herzensfreude würde, daß der Dichter ihn doch ja um keinen Augenblick betrogen, sondern auf dem Gerüste Nur eben so viel gezeigt hat, als er «n der Zeit im Schncckcttgange seines Lebens sehen würde -— welch ein Geschöpf, dem das Hauptfrcude wäre! und welch ein Dichter, der darauf als Hauptzweck arbeitete , und sich dann mit dem Regclnkram brüstete: „wie artig habe ich nicht so viel und so viel schöne Spielewerke! auf den engen gegebnen Raum dieser Brctergrube, tUoLtrs t'ran^ois genannt, und in den gegebnen Zeitraum der Visite dahin eingeklemmt und eingepaßr! die Scenen silirt und ensilict! alles genau geflickt und geheftet" — elender Ceremonienmcistec! Savoparde des Theaters, nicht Schöpfer! Dichtet! dramatischer Gott!. Als solchem schlägt dir keine Uhr auf Thurm und Tempel, sondern du hast Raum und Zeitmaaße zu schaffen, und wenn du eine Welt hcrvorbringen kannst, und die nicht anders, als in Raum und Zeit 320 II. Andenken cm einige cxistiret, siche, so ist da im Innern dein Maaß von Frist und Raum; dahin du alle Zuschauer zaubern, dass du Allen aufdringen mußt, oder du bist — was ich gesagt habe, nur nichts weniger, als dramatischer Dichter. Sollte eK denn jemand in der Welt brauchen dcmonstrirt zu werden, dass Raum und Zeit eigentlich an sich nichts, dass sic die relativste Sache auf Daseyn, Handlung, Leidenschaft, Gcdankenfolge und Maass der Aufmerksamkeit in oder ausserhalb der Seele sind? Hast du denn, gutherziger Ukrstellcr des Drama, nie Zeiten in deinem Leben gehabt, wo dir Stunden zu Augenblicken und Tage zu Stunden; Gcqentbeils aber auch Stunden zu Tagen, und Nachtwachen zu Iabren geworden sind? Hast du keine Situationen in deinem Leben gehabt, wo deine Seele Einmal ganz außer dir wohnte, hier in diesem romantischen Zimmer deiner Geliebten, dort auf jener starren Leiche, hier in diesem Drückenden äusserer, beschämender Notb — jetzt wieder über Welt und Zeit hinausflog, Raume und Weltgegen- den überspringet, alles um sich vergaß, und im Himmel, in der Seele, iin Herzen dessen bist, dessen Existenz du nun empfindest? Und wenn das in deinem tragen, schläfrigen Wurm- und Baumleben möglich ist, wo dich ja Wurzeln gnug am tobten Boden deiner Stelle festhalten, und jeder Kreis, den du schleppest, dir langsames Moment gnug ist, deinen Wurmqang auszumessen — nun denke dich Einen Augenblick in Eine andre, eine Dichterwelt nur in einen Traum? Hast du nie gefühlt, wie im Traum altere deutsche Dichter. 321 Traum dir Ort und Zeit schwinden? was das also für unwesentliche Dinge, für Schatten gegen das, was Handlung, Wirkung der Seele ist, seyn müssen? wie es blos an dieser Seele liege, sich Raum, Welt und Zeitmaaß zu schaffen, wie und wo sie will? Und haltest du das nur Einmal in deinem Leben gefühlt, wärest nach Einer Viertelstunde erwacht, und der dunkle Rest deiner Traum- handlunaen hatte dich schwören gemacht, du habest Nachte hinweg geschlafen, geträumt und gehandelt! — dürste dir Mahomeds Traum, als Traum, noch Einen Augenblick ungereimt styn! und wäre cs nicht eben jedes Genies, jedes Dichters, und deS dramatischen Dichters imonderbcit Erste und Einzige Pflicht, dich in einen solchen Traum zu setzen? Und nun denke, welche Welten du verwirrest, wenn du dem Dichter deine Taschenuhr, oder dein Visi- tenzimmer »erzeigest, daß er dahin und darnach dich träumen lehre? Im Gange seiner Begebenheit, im orflins kuncsssivoruin und simultaneorurn seiner Welt, da liegt sein Raum und Zeit. Wie, und wo ec dich Hinreise? Wenn er dich nur dabin reist, da ist seine Welt. Wie schnell und langsam er die Zeiren folgen lasse; er laßt sie folgen; er drückt dir diese Folge ein: das ist sein Zeitmaaß — und wie, ist hier wieder Shakespeare Meister! langsam und schwerfällig fangen seine Begehen!,eiten an, in seiner Narur wie in der Natur: denn er giebt di.se nur im verjüngten Maaße. Wie mühevoll, ehe die Tricostdern in Gang kommen! je mehr aber, wie Herders W.Lir.u.Kunst. Xlli. T 322 II. Andenken an einige laufen die Sccnen! wie kürzer die Reden und geflügelter die Seelen, die Leidenschaft, die Handlung! und wie mächtig sodann dieses Laufen, das Hinstreucn gewisser Worte, da niemand mehr Zeit hat. Endlich zuletzt, wenn er den Leser ganz getauscht und im Abgrunde seiner Welt und Leidenschaft verloren sieht, wie wird er kühn, was läßt er auf einander folgen! Lear stirbt nach Cordelia, und Kent nach Lear! cs ist gleichsam Ende seiner Welt, jüngster Tag da, da Alles auf einander rollet und hinstürtzt, der Himmel eingewickelt und die Berge fallen: das Maaß der Zeit ist hinweg. — Freilich wieder nicht für den lustigen, munteren Ka k lo ga lli a n e r, der mit heiler frischer Haut in den fünften Akt käme, um an der Uhr zu messen, wie viel da in welcher Zeit sterben? aber Gott, wenn das Kritik, Theater, Illusion seyn soll — was wäre denn Kritik? Illusion? Theater? waS bedeuteten alle die leeren Wörter. Nun finge eben das Herz meiner Untersuchung an, „wie? auf welche Kunst und Schöpferwcise „Shakespeare eine elende Romanze, Novelle „und Fabelhistorie zu solch einem lebendigen Gan- „zcn habe dichten können? Was für Gesetze unsrer „historischen, philosophischen, drama- „ti sehen Kunst in Jedem seiner Schritte und „Kunstgriffe liege?" Welche Untersuchung ! wie viel für unfern Geschichtbau , Philosophie der Menschen- seelen und Drama. — Aber ich bin kein Mitglied ältere deutsche Dichter. 32S aller unsrer historischen, pbilosvphi'chcn und schön- künstlichen Akademieen, in denen man freilich an jedes Andre eher, als an so etwas denkt! Selbst Shakespeares Landsleute denkn nicht daran. Was haben ihm oft seine Kommentatoren für historische Fehler qezcihct! der fette Warburton z. E., welche historische Schönheiten Schuld gegeben! und noch der letzte Verkäster des Vetluchs über ihn hat er wohl die Licblingsidee, die ich bei ibm suchte: „wie bat Shakespeare aus Romanzen und „Novellen Drama gedichtet?" erreicht? Sie ist ihm wie dem Aristoteles dieses briktifchen Sophokles, dem Lord Home kaum eingefallen. Also nur Einen Wink in die gewöhnlichen Klassifikationen in seinen Stücken. Noch neuerlich hat ein Schriftstell.r, *) der gewiß seinen Shakespeare ganz gefüblt hat, den Einfall gehabt, jenen ehrlichen Fisbmonaer von Hofmann, mit grauem Bart und Runzelgefichk, triefend.n Augen und feinem plantikul lak ok nit toAMÜer Vvitlr ve-ealr Hains, das Kind Pvlonius :um Aristoteles des Dichters zu machen, und die Reihe von Alt und tüsls, die er in seinem Äeftlnvätz weqsprudelt, zuk ernsten Elassisikalion aller Stücke vorftk chlageN Ich zweifle. Shakespeare hat freilich locos comwunes, Moralen und Elassifikationcn, die auf hundert Falle an ewandt, auf alle und keinen recht passen, aM liebsten Kindern und Narren in den Mund zu legen; *) Briefe über Merkw. der Liter. 3te Samml, X 2 II. Andenken an einige und eines neuen 8tob>asi und iö'lorilsxii, oder Lornu oopias von Shakespcare's Weisheit, wie die Engländer thcils schon haben und wir Deutsche Gottlob! neulich auch hatten haben sollen — deren würde sich solch ein Polonius, und Launcc- .lot, Arlequin und Narr, blöder Richard, «der auf eblasncc Ritterkönig am meisten zu erfreuen hab.n, w>il jeder ganze, gesunde Mensch bei ihm nie mehr zu sprechen hat, als er aus Mund in Hand brauch!; aber doch zweifle ich hier noch. Polonius soll hier wahrscheinlich nur das alte Kind .seyn, das Wolken für Kameele und Kameele für Baßgeigen ansicht, in seiner Jugend auch einmal den Julius Caiar gespielt hat, und war ein guter Akteur, und ward von Brutus umgebracht, und wohl weiß is , Mßlit dligllr ancl lims is Ums also auch hier einen Kreisel theatralischer Worte drehet — wer wollte aber darauf bauen? oder was hätte man denn nun mit der Eintheilung? NraAs- o forttahren, oder deut.ich anwendcn sollten. Obige Wahrheit indessen und Treue als Charaktereigenschaft dieser Gedichte, wenigstens poetisch, zum Grunde gesetzt, welch ernstliches Interesse wird daraus! und wie manche fühlbaren Jünglinge werden scyn, die nicht ausrufen: hättest du so gesungen! so geleiert! sondern warst du es, der so d a c h t e, s o f ü h l t e! Natürlich folgt hieraus, daß Kl. am meisten und vielleicht allein auf die wirken könne, die mit ihm sympathisiren; allein, sollte er nicht wenigstens fordern können, so fein du mich als Dicbter liesest, so mußt du mit mir mindstens sympathisieren wollen r d. i. setze dich in meine Umstände, Denk-Fühlungsart, Lieb inqsbcgriffs u. s. w. Solltest du diese auch blos für Mytholog ie anzusehen geneigt seyn: habe wenigstens die Billigkeit, sie mir als etwas mehr zu gönnen, oder uns in Frieden zu trennen, „willst du zur Rechten, so will ich zur Linken!" u. s. w. Mich dünkt, das sind auch nach dem strengsten Kriegsrechte der Kritik zugestandnc Punkte, ohne die auch kein Recht und Urtheil mehr bleibt. Möge der Autor als Mensch, als Rcligions- III. Recensionen. 333 verwandter denken, was er wolle: als Dichter musit du ihm glauben. Und außer dem Gedicht sollte «s nicht so viel Ungläubige an Ramlers Friedrich geben können, als Ungläubige an Klop- stock s Jesus Christus? Jndeß, da dieser Zwang sich doch immer unvermerkt mehr ober minder äußern wird: so singt Orpheus immer für Wald und Fels, und der Dichter für die am meisten, die kein System haben, die sich von allem, was in ihnen ist, entaustern können. Für die ist sodann jede Situation neu und ganz: sie heben mit Augen des Sehers, und natürlich so sahen sie seine Wunder.- In solcher Sympathie nun wie acht und zart und schön charakterisirt sich beinahe jedwedes Klop- stockiiches Stück! Welch eigne Farbe und Ton des Ausdrucks ruhet auf jeglichem, die sich von der ganzen Mensur, Haltung und Benutzung des Gegenstandes bis auf den kleinsten Zug, Lange und Kürze des Perioden, Wahl des S y l b en m a a ß e s, beinahe bis auf jeden Harkern und leisern Buch stab, auf jedes O und Arb! erstrecken. Dem Ree. dünkt, daß hierinn diese Gedichte so was Eigenes, Ursprüngliches und E i n g eg e i s t e te s haben, daß so wie die Natur jedem Kraut, Gewächse und Thier seine Gestalt, Sinn und Art gegeben, die individuel ist und eigentlich nicht verglichen werden kann: so schwimmt auch ein andrer Duft und webt ein andrer Geist der Art und Leidenschaft in jedem individuellen Stück des Berf. Die Oden an Fanny 334 III. Ncccnsionen. (er hat nur Eine derselben behalten) sind ganz andre, als die an Eidli: die Jugcndgcdichte wahrlich nicht die — härtere oder festere — des dritten Buchs: das Gebet um Friedrich, oder die Messias Lde wahrlich nicht die Elegie um ihn, und so gchts bis auf die kleinste Witterung etwa der Scene, der Z e i t , der Umstande. Die Seele hat immer gewirkt, wie sie war, wie sie sich damals fühlte. Der Duft erfüllt den Leser bis aufs kleinste und der Reccnsent würde seiner Privatast- hetik Glück wünschen, wenn cr sich diese Melodie, diese Modulation jedes Stücks deutlicher machen und in Einem Worte dafür schreiben könnte. Welch eine herrliche Abenddämmerung geht zum Epempel durch die Erscheinung des Thuiskon! Mit Sylben- maaß und Jdccnfolge und Bildern und Anfang und Ende gleichsam aus dcn letzten Sonnenstrahlen und dem staubenden Sicher und rausch.nden Wipfeln, wie heilig, feierlich und stille zusammcnqewebt! Ss ähnlich die Sommernacht und die frühen Gräber! So, nur tönender, der Bach und Siona!-Braga, welch ein lebendig Ge- mabldevon Wintermorgen, R.if, Mond und Schrittschubtakt ! Der Rheinwein — Teone — wiederum die todte Elari'sa — man habe cbm den letzten Band diesis himnuischen Mädchens geschlossen , sehe sie im Sarge — Eidli daneben — Klopstocks Herz in der Brust, — — und es wird der so eigne, sauste, schaud.rhafte Klang werden, der dieß Stück durchweht-und welches hatte in d e m Verstände nicht seinen eigene» Geist? III. Recenfionen. 335 Nichts muß daher abscheulicher seyn, als alle diese Stücke mit feister Hand fort lesen und feister Stimme nach Einem gegebnen anticken oder modernen Flötentone fort deklamircn wollen. Wie jener, der sich vor sein Stammbuch setzte, die Namen seiner Freunde, sämnitlich und sonders, Blatt für Blatt, flugs und fort mit Gesundheiten zu ehren: so ohngefahc würde der handeln, der sich hinlagerte, um alle Klopst. Lieder nach der Reihe hinwegzusin- gcn, und so zu versuchen, ob sie auch viel Empfindung enthielten ? oder der allc Klopst. Oden nach der Reihe in Einer Fassung vordeklamirte. Zu jeder Ode würde ohne Zweifel so eine eigne Bereitung siin selbst und des Kreises, in dem man liesct, gehören, als — nun als die Lide eigne Art hat. Ein Gassenhauer last sich natürlich auf allen Straßen singen und ein blos künstliches Phantasiestück zu aller Zeit mit Pomp und Anstand hcrtönen — eine hölzerne Maschine kann überall hingestcllt werden , aber ein Naturprodukt, eine Blume, eine Pflanze? — muß auf ihrer Stelle wachsen, oder sie verdörrtt. Hierüber redet Leone S. 284. Man siebet leicht, daß der Rec. wenig Lust habe , das bekannte Regelnlineal der .Ode hier anzulc- gen und zu versuchen, ob jedes Stück schönen Plan, schöne Ordnung und Unordnung rc. habe. So fern diese Regeln mehr sind, d. i. so fern sie in der Natur des Einen Gegenstandes und der Weise, wie der Affcct handelt, liegen, wird sie gewiß die begeisterte Einbildungskraft von selbst in ihr Werk wirken , weil dies ohne solche Gesetze nicht möglich wäre. Und so dünkt uns, könnte!» J36 IH. Rccensionen. aus den vornehmsten Stücken dieser Sammlung die feinsten Regeln des Affects und eine Theorie der Ode abgezogen werden, die wir vielleicht noch nicht haben. Die meisten Oden des zweiten, und einige des dritte'n Buchs sind horazisch: die nachgeahmten Steilen in so vortrefflicher Manier nachgeahmt — und sonst muß der Rec. bekennen, daß ikn die meisten Odengesetzc, die man als solche in Lehrbüchern und Eritiken gang und gäbe gemacht, sehr willkührlich dünken. Sie sind fast nur, und nur aus dem kleinsten Theile des Hora; abgezogen, wurden auf Pindar, David, Hafiz, alle Araber und wenn man will, auch Engländer, angewandt, den meisten den Hals brechend, und wenn man sie so sicher für die einzige Ordnung und Gesetze der begeisterten Einbildungskraft an- giebt: woher als solche bewiesen? Hat diese nicht vielmehr bei jedem Gegenstände ihre eigene Art zu handeln? Die Eigenschaften, mit denen sie handelt, sind sie nicht entweder so wandelbar, oder aber so allgemein, daß man alles unter sie subsumircn kann, was man will? Und ich wüßte überhaupt nicht, warum nicht die Ode sich von einer kleinen poetischen Phantasie, wo cs der Gegenstand crfoderte, gleichem von einein Seufzer und einzelnen Ausbruch zum planvollsten Gebäude erheben konnte? Singt Nachtigall und Lerche immer gleich? gleich lang? und nach Einer Melodie? Ware es also auch, daß man hier manche Stücke, insonderheit des ersten Buchs an Gott für bloße Tiraden III. Necensionln. 337 Tiradcn der Phantasie und manche im dritten Buch für sihr kunstvolle Abhandlungen unodcnmäfiigerGegenstände dielte; in bttden Fallen lassen sich keine Gesetze geben, was? und wie weit ichs mit Phantasie bearbeiten soll oder darft oder es käme endlich darauf hinaus, wie strn es gut sei), daß dieser Mensch so viel Phantasie habe? und — wer beantwortet die Frage? — W.nn also auch der Rec> bei dem Tanz- der pcrsonisicirten Sylben- maaße in Sp ond a S. ins., bei dem großen Glauben an unsre altdeutsche Dichter, (S. r83.) an das Unheil der Sc ul da S 202. die oft ungerecht gnug richtet, an die nemrfvndne Harmonie (S. 216.) an das Wir und S i 0 (S. 220.) an den Gebrauch der altdeutschen Mvtbologie (S. 258.) und insonderheit an die Tapferkeiten Herrmanns (S. 26c.) andrer Meynung wäre, und wollte, daß die Sache von andern Seiten angesehen würde, kann der Dichter nicht, wie gesagt, fodern, daß man sie jetzt mit ihm nur so ansehe, wie er will! Hier mit Phantasie, und zwar in dem und dem Grade! Es bliebe uns also nichts übrig, als von den Sylbenmaaßen zu reden, und daß diese sehr mannigfaltig sind, ist bekannt. Zuerst hat Klovstock einige Griechische, und die Mit einet Leichtigkeit und Biegsamkeit nachgcahmt, die man an seinem Hexameter kennt, und die sich dem Sinne so tief und sanft anschmiegek. Sonderbar ists, daß selbst bei zween Autoren in Einer Sprache der Wohlklana Eines Sylbtnmaafies nicht derselbe ist, und in stimm Herders W.Lit.u.Kunst. XIII. V HVnclttere. 336 III. Reccnsionen. zartest?» Wunsche kaum Vergleichung leidet, bin Ehoriambc Klopstocks und Ramlcrs scheint bei gleich vorgczeichnetem Maaßc gar nicht das gleiche Ding zu scyn, und man versuche nur zwei Oden beider nach einander zu lesen. So Klop- stocks und KlcistS Hexameter, obgleich beide sehr wohlklingend sind: so Klops tock und die No acht de, ob gleich in der letzten Ausgabe dieser das Sylbenmaaß mit vieler Kunst zugerichtet worden. So Horaz und Eatull, Virgil und Lucre; u. s. w. Alles wird blos Werkzeug der Seele, die eine gewisse Farbe der Komposition, eine Starke oder Schwache, Fluß oder Strom auch bis ins Sylbenmaaß übertragt — wir wünschen die Sache mehr untersucht, und tiefer charaktcrisirt. Zweit ens sind aus dcin Nordischen Aufseher die freien Sy lbcn maaßc bekannt, in die Klopstock (nach dem Ausdruck der Liter. Br.) als in die Elemente des Woblklanges seine Zeilen aufgeloset hatte. Diese sind nunmebr wieder zusammen geschoben; vierzeiligte Strophen aber ohne bestimmtes Sylbenmaaß geworden, und wo Klopstock die Ründc der vierzeiligcn Stropbe verletzt oder mangelhaft fand , v c r a » d e r t. Sollte dies Zusammen- schiebcn und diese Veränderung nicht zeugen, daß das Ohr nur eine gewisse Anzahl, einen Kreis, einen Tanz von Tönen fodcrt, über den es nicht hinaus höret? und sollte auch in diesem Kreise, in diesem Tanze also nicht alles als das vollständigste Ganze behandelt werden tnüssen? Und nun hat drittens Klopstock eine Menge neuer Sylben- maaße erfunden, die, wenn wir seiner Muse (S. 216.) III. Recensionen. 3.?9 glauben, Bereicherungen der Harmonie selbst in Vergleichung der Griechen sind. Gr federt Alcaus und Apollo, Oßian und Britten und Gallier und Nachahmer des Horaz auf, dass er sie übersungen, daß sie „des Lyrischen Staabcs Ende," cr aber ihn aanz blitzen gcsebc» , daß sein arosscS Vorbild die Natur, der Ton beseelte Bach sey u. s. f. Es ist unlaugbar, daß einige dieser Sylben. maassc schon an sich betrachtet eimn Gcsanq, eine Melodie haben, die den sanglosesten Leser und Declamakor von der Erde erheben müssen. Die beiden ersten Zeilen in Siena (S. rt!8) in Spon- da (S- 192) Thuiskon (S. 196), die frühen Gräber, die Sommernacht, B r a g a, di? Ehvre, Tr 0 ne, der Anklang von Stinten- burg (S. 237) sind voll Melodie; wir wünschten aber von andern zu hören, ob in den meisten dieser (ich nehme die Sommernacht, B r a g a, Tronc, die Ehöre aus) das Ende dem Anfänge entspreche und den ganzen Strophenbau, die unaufgeha I tene Ründe und Glatte habe, die wir in den schönsten und gebrauchtesten Sylbenmaafien der Griechen sind.» i Nach einem meistens sanften Anfänge stemm cn sich die Töne, stemmen sich oft zwei, dreimal auf einander und dann schließt die Strophe, oder bricht meistens ab, ohne daß das Dbr im Tanze fortgcfübrt und bis zum letzten Tone abncnd erhalten wäre; und man weiß, das war das Gcheimniß des griechischen Perioden, Hexameters und der ichön-- P 2 III. Rccensioncn. 340 sten lyrischen Sylbenmaasse. Llristoteles vergleicht die Harmonie mit der olymvischcn Rennbahn , wo je näher dem Ende, desto mehr arbeiten die Läufer, denn sic sehen das Ziel. In den schönsten Tanzen, in den gefälligsten Spielen und Bewegungen scheint eben dies Runde und Endei lende nicht minder zu herrschen , wie in Epopee und Drama — der Knote, der in der Mitte geflochten wird, wird nur immer im Verhältnis aufs Ganze gross oder klein geflochten, wird wieder vorbereitet, und stückweise aufgelöset, dass man zu Ende eilet, und dahin gedrungen wird, ohne dass man weiß, wie? der Ree. wäre äußerst begierig, sich die Zweifel gegen einige der neuen Sylbcnmaaße entflössen zu lassen. Man nehme z. E. das melodische Siona S. i-stö. Tone mir, Harfe des, Palmenhaüis Der Lieder Gespielin, die David sang wie fließend! wie singend! — Aber nun gerath der Bach mit eincmmal über Stein und Fels Es erhebt s steigender sich 1 Sions Lied, s Als des Bachs j welcher des Hufs j Stampfen cntscholl — Wo scheint hier Fortfluß, allmahligc Entwickelung, und das prophetische Fortleitcn des Ohres zu bleiben? die Takte fallen aus einander, und scheinen mehr zusammen geschoben, als aus einander gearbeitet zu seyn. III. Rccensionen. 3,^i Dem Rec. ist vor einigen Jahren ein Bogen Klopstockischcr Sylbenmaaße zu Gesicht gekommen, da, (cs waren die meisten von diesen) hinter (Zeile lind Strophe das Verhältnis der langen und kurzen Sylben bemerkt und also die Harmonie ausgezahlt war — Aber außer der Harmonie wird wohl also die Melodie berechnet? kommt hier nicht alles auf die Succession der Tone, auf das Entwickeln des Gesanges der Seele, und der Bedungen des Herzens an, wo wir freilich hinten nach auch immer die vorige Proportion finden; aber gewiß nicht umgekehrt, sonst wäre der tiefste Berechner auch immer der melodievollste Tonkünstler. Noch weniger stehet man, ist hier von den» sogenannten lebendigen Laut und Ausdruck die Rede, d. st von der mnsikalifchcn Zustimmung der Worte zum Sylbenmaaße: In der ist Klop- stock allemal Meister, und auch die verflochtensten, sich stcmmendsten Strophengänge sind hier thcils mit einer Macht durchgetrieben, daß die Worte mit ihrem Klange gleichsam wie Orpheus Steine und Fels folgen müssen: thcils auch so tief in den Inhalt gewebt, daß wir z. E. jenem Sylbenmaaße unter dcn Gestirnen (S. 5 ^) jenen zwei letzten so künstlichen, knotenvollcn Zeilen der Stinten- blirg (S. 237) der Barden S. 287 den Zeilen der Ode, unsre Fürsten (S. 223 ) u n sr e Sprache (S. 2g 1 ) des S c h l a c h t g c s an g e s (S. 2v5), des Eislaufs u. s w. gut werden, weil uns die Materie entschädigt und gleichsam über Stock und Stein gewaltig mitreißt. Es wäre also 111. Recen fronen. 3^2 Tborheit zu denken, daß man hier für Kl. kriti- sirte: Man betrachtet blos Kl. Sylbenmaaße an sieb, allgemein, und zum Gebrauch für andere. Cur Mädchen kan» für sich selbst das Lispeln und das kleine Mal ihrer Wanne licbenß- werth machen; deswegen wird ab.r an sich und für andre Rüpeln und Malzeichen kein Stück, keine Regel der Schönheit. Den Ree. dünkt, daß in Sachen, wo es blos auf sinnliches Verhältnis ankommt, k.ine neue Erfindungen ins Unendliche möglich sind. Gewisse Formen des Schönen müssen in der Sculptur wie Proportionen in der Baukunst wieder kommen, oder die Kunst wird wieder gordisch, d. st es werden da Glieder angcbraclrt, wo keine ferm dürfen, Glieder verwickelt, wo der Fortgang des Auges eine gelinde Succefsion forderte: auf eiere oder die andere Weist erliegt das Ganze unter keinen Tbeilen. Ein Versuch über die Sylbenmaaße, wo selbige ohne A n w endn n g auf Sprache und Worte, bloS als Tanz, als Folge von Tönen zu einer Melodie betrachtet würden, dürfte vielleicht dasselbe zeigen. Aus Psiu dar hat Kl. wenig nachoeabmt, weil ihm die Syl- benmaaße dieses Dichters nicht gefielen, der Rec. muß bekennen, daß er die Sylbenmaaße in P i n- dar und den Ehören meistens nicht verficht S>in Ohr ist zu kurz, eine piadarifche Strophe zu behalten, folglich kann dasselbe auch nicht sinnlich urtbeilcn und das Ganze des Tanzes und der Melodie der Töne cmvfinden. Den Römern muß es ebn so gegangen feyn, denn sic gingen nicht üb>r III. Recensioncn. 343 die vierzeiligte Strophe: Kl. geht auch nicht darüber: man sollte vermuthen, daß Alcäus u. a. auch seltner drüber gegangen seyn mögen, wo nicht eine andere Anordnung, Thcatermusik, olympische Musik den Numerus sehr hob, verlängerte und unterstützte. Sollte cs nun nicht in dieser cngern vierzcilig- tcn Bahn auch nur eine gewisse Anzahl Bewegarten und Melodieen der Sylben geben, die au S sc b li e ß e n d die schönsten seyn müßten! Der Nec. sollte es fast vermuthen, denn wo er auch bei den neuen Klopstockischcn Sylbcnmaaßen die harten Kontraste sich zu mildern, die Töne simpler in einander zu Verstößen, und das Ganze der Strophe runder zu machen versucht hat: ist immer mehr oder minder ein schon bekannteres Sylbenmaaß unvermerkt daraus geworden; wovon viele Proben gegeben werden könnten, wenn es der Raum litte. Selbst unverändert scheinen von den neuen Sylbcnmaaßen doch eben die simpelsten, die schönsten: ;. E. die Sommernacht, Braga, Thuis- kon, die Chöre, der Anklang des Bachs, Siona, u. s. w. sollte das nun nicht schon., da diese den Griechischen sich eben dadurch auch nähern, ein Vorurthcil erwecken? Und wenn man denn nun vom vcrwickeltstcn neuen Sylbenmaaße z. E. von einer Aga nippe und Phiala (S. 077) denn plötzlich zu einem rein griechischen Heinrich S. tLcr überkommt: istö nicht, als ob man aus einem allerdings erhabenen, aber zu künstlichen, dunkeln und ungeheuren gothischcn Gewölbe in einen freien, griechischen Tempel käme, und da in einer Melodie , als in einem schönen regelmäßigen Saulcngan- ge wandelte? der Rcc. fühlt sich frei von allem III, Reccnsionen. , -' '^44 Eigensinn und Parthcilichkeit: an Ungewohnhcit des Obrs, glaubt er, könne es nicht liegen, weil er Ohr und Zunge schon ganz zu diesen Gedichten gewöhnet und alles, auch musikalische Leben sonst in der Sprache fühlt — kurz! er wünscht sich dieses oder eines bessern belehrt, und warnt blos Nachahmer , deren cs in Deutschland sogleich hundert Arten giebt, auch für früheiligcr Nachstümpcrung dieser Sylbcnmaaße, die bei ihnen vollends unerträglich werden müßten. Hier hat der Dichter seiner Materie zugleich sein Svlbenmaaß eingebaucht, und jene mit diesem belebet; wie aber? wenn dies Si)l- benmaaß ein dürrer Leichnam wäre, oder elend nachj'chleppte. Ein Theil dieser Oden ist schon bekannt und zum Tbeil abgedruckt gewesen — welche Kritik in den Veränderungen! mit welcher Jugend! mit welchem Geiste! hiezu wird nun wenigstens die elende Sammlung Klopstocks poet. und prost Schriften einigcrmaaßen brauchlich; die sonst aber in allem Betracht falsch, fehlerhaft, und erbärmlich geworden. Wo Kl. die Alten nachahmt: mit welcher Eigenheit, mit welchem Geiste! Man sehe die erste Ode des zweiten Buchs und mehrere in diesem Buche: insonderheit das große pindarische Gebäude Wingolf; das nur indeß in seiner alt,n und griechischen Gestalt doch noch mchr Jugend und Naturgeist zu athmen schien, als in seiner korrekte rn Form. Das große Bild von Hebe, von der Ber ecy n t h i a, aus Ka tu ll sind verloren ge- HI. Recensionen. 34S gangen , und das Stonehenge dcr Freundschaft ist damit doch nicht in einen griechischen Tempel verwandelt. Wo endlich Al. im Muffe seiner Empfindung und im Fluge dcr Phantasie Gedanken einwebt (man erlaube uns den Schulausdruck, an den uns unsre M.tavhysik leider schon gewöhnt hat) — welche Gedanken ! „Wen, als Knaben, ihr einst Smintheus Ana-, krcons Fabelhafte Gespielinnen, „Dichtrische Tauben umflogen und sein Maonisch Ohr Bor dem Lärme der Scholien „Sanft zugirrtet und ihm, daß er das Allerthum Ihrer sättigen Stirn nicht sah', „Eure Firtige lieht —- Ihn läßt gütiges Lob oder Unsterblichkeit Des, der Ehre vergeudet, kalt! Kalt der wartende Thor, welcher bewnndernsvoli Ihn g r 0 ßäugigten Freunden zeigt, Und der lächelnde Blick einer nur schönen Frau Der zu dunkel die Singer ist. — — — Kommst duj Bon den unsterblichen sieben Hügeln Wo Scipionen, Flaccus und LulliuL Urenkel denkend, tönender redt^ und sang Wo Maro mit dem Kapitale Um die Unsterblichkeit murhig zankte. 3g6 III. Reccnsionen. MWKMMN- Voll sichern Stolzes sah' er die Ewigkeit, Des hohe» Marmors: Trümmer wirst einst du seyn Staub dann und dann des Sturms Gespiele, Du Kapitol und du Gott der Donner! — -- — Niemals sah' dich mein Blick, Socrates Addison Niemals lehrte dein Mund mich selbst Niemals lächelte mir Singer, der lebenden Und der Lobten Gesellen». -Soll Herrmanns Sohn und Leibnitz, dein Zcit- gencß (Des Denkers Leben lebet noch unter uns!) Soll der in Ketten denen nachgehn Welchen er kühner vorüberflogc? --Das Werk des Meisters, welches von. hohem Geist Geflügelt herschwebt, ist, wie des Helden That Unsterblich — — Ludewig, den uns Sein Jahrhundert mit aufbcwahrt. Doch wozu solche k'IovilsZiu? Man lese den Gesang an den König! den Zürchersce! den Rheinwein! welche innere tiefe Philosophie des Lebens! — Die Oden an Cidli, welche Metaphysik der Liebe! die auS dem letzten Buche, welche hundert feine Sentiment» über Sprache, III. Recensionen, 347 Dichtkunst, Sylbenmaaße, nordische Mythologie, Vaterland u. s. w. Nur freilich hatte, wer blos xsnssss sucht, eben den schlechtesten Lhcil der großen Seele Klopstocks! Klopstocks Werke, Oden, Erster und zweiter Band in gr. 4. und gr. 8. Leipzig »798. Mit dieser anständigen Ausgabe der Klopstock, schcn Werke haben wir in der ersten Liestrung, den Oden des Dichters , viel gewonnen. 'Nicht nur sind die, die in der Ausgabe 1771. bei Wohn er chie- nen, und oster nachgedruckt sind, hier nach der Zeitordnung, in der sie der Dichter schrieb, also biographisch geordnet, sondern auch nochmals von Klopstock mit stren er und linder Hand vollendet. Im ersten Gesichtspunkt erhalten wir bier, sofern Oden Abdrücke der Seele, Darltellun- gen aus der Ansicht der Dinge und den Empfindungen des Dichters >md, eine Folge von Zeichnungen dcr innern Welt eines schönen Gemüthes von seiner Jugend her bis zn de» Erinnerungen eines spöhlichen Alters, von 1747- bis 97. Im zweiten Gesichtspunkt findet der Jüngling , der beide Ausgaben mit der frühesten Be- III. Rcccnsionen. kauntmachnng einzelner Stücke vergleicht, eine Ernte feiner Bemerkungen über Wohlklang und Angcmes- scnkeit des Ausdrucks. Hie und da ist das Aclteste zurüekgenommcn, als das Bessere und Beste: denn es war der erste Ausdruck der Empfindung. So frcuete cs mich D. in einem der schönsten Ge- mahlde (der Zürchersce, S. 86) den „Gold- haufer" nicht mehr, sondern den alten Ausruf: „Ist, beim Himmel ! nicht wenig" wiederzuffnden; dagegen istü angenehm, andre jugendliche Stücke, die unter KlopstockS Siegel hier zum erstenmal erscheinen , z. B. Salem (S. 3 g) Petrarca und Laura (— g 5 .) Der Abschied (— 67.) Die Stunden der Weihe (— 6ö) an Gott (— 6ö) die und da verändert zn lesen, so dass der Liebhaber dieser alten Jugendfreunde vielleicht nur eins oder zwei Stücke, z. B. Verhängnisse (Königen gab der Olympier) und „am Thor des Himmels stand ich," vermisset. Sonst sind im ersten Bande — 128. Das-Rosen- dand, — 3 ri. Edone — 3o2. Der Kamin, — 3 n 6 . die Roßtrappe, — 3r2. der Unterschied, — 807 — 819. Klage und Warnung, der vorigen Sammlung hinzugekom- men, deren Jedes in Sylbenmaafi, 'Ausdruck und Inhalt seinen eignen Charakter an sich traget. Der zweite Band ist, (ein paar Stücke ausgenommen,) ganz ne»; ein Schatz von Sprache und Ausdruck, von Sylbentanz und lyrischer Bezeichnung der verschiedensten Gegenstände. Diese schildert das innere Leben des Dichters von 1776 bis g5; da sie also auf die merkwürdigsten, zum Theil HI. R ecen si onkn. ZgA schrecklichsten Vorfälle der neuern Jahre trifft, an denen der Dichter mit ganzer Seele Theil naknn, welche Welt steht vor uns da, verschieden in jeden« Gedichte! Um über diesen Reichthum nur einiges bestimmt zu sagen, (eine Anzeige, wie sie seyn sollte, würde ein Buch,) mag folgendes genug seyn r Erstlich. Alle diese Stücke, kleinere und grössere, die in der jetzigen Ausgabe korrect, rein und schön dastehn, sind lyrische Gedichte, d. i. Gesang. Also erhebe man die Stimme und lese sie vor, auch wenn man sie sich selbst liefet. So heben sie sich vom Blatt und werden nicht nur verständlich, sondern lebendig, im Tanze der Salben eine Gedankengestalt, sich schwingend auf und nieder; in den meisten Fällen aber, vom einfachen Laut an bis zur Vollesten Modulation, werden sie ein sich vollendender Ausdruck der Empfindung. Dazu sind hie und da Sylbenmaaße vorgesctzt, und auch im Eontext, wo es nöthig war, einzelne Sylbcn bezeichnet. Das Auge soll nicht stumm lesen; sondern was Laut des Herzens ist, soll Laut werden. Klopstocks Nkise, wie sie vor dieser Ausgabe sich zeigt, als Harfenspielerin und Sängerin Siona oder als Weissagerin Teuton (ein vortreffliches Bild in einer schönen Stellung!) ist Rednerin ans Herz, die von jedem Bilde der Empfindung gleichsam nur den See len laut nimmt und ihn dem Ohr.bald zulispelt, bald zutönet. Um dieser Kunst iune zu werden, lese man die Oden, in denen Klopstock sie selbst entwickelt hat, im ersten Bande Siona (S. 20L.) Sponda (— 21 r.) Z5c> HI. Rccensivnen. Thuiskon (— 2,5.) der Bach (— 24p.) Sie Ebörc i — 258 .) Teone l— 264) U Ilse rc Sprache. (— 27») Und im zweien Ban- de Tcut 0 ne (— 3 .) die Lehrstunde)— 9.) die M a a s b e s t i m m u n g ( — 55 .) die Sprache (— 66.) an Vofi (— 76.) die Vortreff- lic bke i t (— 99.) a n Z i g n 0 (— ,02.) die deutsche Sprache (— 104.) das Geher (— 106.) Henris und Tclon (— 124.) die Ratbgebcrin (— 23 !,.) die Lcrclie und die Nachtigall (— 25 «.) das Fest (— 272.) Einladung (—- 287.) W nn bei diesen Nach- weiningen Ohr und Seele sich nicht austbut, zu hören was geschrieben ist, nicht cs mit stummem Auge zu lesen, der lege das Buch weg und sage: es sei) unverständlich. Wenn aber, wie Hera; meynt, die Muse stummen Fischen sogar Sprache verleihen kann: sollte ein mclodi'ches Vorlese» dieser Gedichte jedem nicht ganz tauben oder verbildeten Ohr, ohne Eommentar, durch bwfie Bieauna der Stimme', nicht auch Verstand die'er Gedichte mitthcilcn? Kaum hat umre Sprache ein Buch, in dem so viel lebendiger Laut und W> bllaut in melodischer Bewegung so leicht und barmoni.nreich tönet, wie in diesem. Für Schulen ist cs >inwahres Odeum der verschiedensten Gewirr- und Ausdrucksarten, Stimme und Vwrrag aufs nncerAiei- dendstc zu bilden Wie Alcibiales zu Atinn in jeder Schule einen Homer verlangte: so sei, in Deutschland keine Schule ohne Ucbung der Stimme an Klopstock. Dc>- Dichter konnte sich mit Recht Has Lob geben: (Band 2. S. 5 o.) Die Erhebung der Sprache, Ihr gewählter Schall, Bewegterer, edlerer Gang, Darstellung, die innerste Kraft der Dichtkunst Haben mein Maal errichtet. Zweitens. Im großen Umfange der Ansichten und Empfindungen, der uns in diesen Banden vorliegt, mußte jeder Gegenstand seine Farbe, jeder Empfindung ihren Ton, jede Situation ihre Haltung haben, wodurch dann natürlicher Weise kein Stück dem andern gleich wird. Demnach unterscheiden sich diese Oden nicht etwa nur, (wie man blöde wähnt,) nach den Lebenszeiten des Dichters, etwa als Jugend- und reifere Stücke: denn, obwohl allerdings ein Unterschied dieser Art statt findet, so sehen wir dennoch auch in den spatesten Jahren den Dichter nichts weniger als altern. Die letzte Dde an die Freude. Sie (S. 296.) eine ähnliche an meinen Bruder (— 286.) der Wein und das Wasser, an Gleim (— 274.) Neuer Genuß (—264.) An die Nachkommen den Freunde (— 261.) Aus der Vorzeit (— 269.) Der Eapwcin und der Johannisberger (— 225.) Die Wiederkehr (— 206.) Erinnerungen (— 298.) alle diese, in spätern Jahren geschriebenen Gesänge zeigen in der Seele des Dichters die Abcndröthe so schön, als die allerdings raschere Morgenröthc. Der tiefere Grund des Unterschiedes der Dden liegt in ihren Gegenständen und in der Stimmung des Dichters. 352 III. Re c e n l'io n e n. Da sein Gesang die höchsten und niedrigsten, die schrecklichsten so wie die anmutbigsten Scencn um- fafit Hot, so konnte er ja dcrt und bi,r nickt auf Ein,r und Derü!b,n Saite leirn. Abstrakte oder moralische Wahrheit, n B. die Ankläger (— 25 .) verschiedene Zwecke (— 28.) der rechte Entschluss — 53 .) mein Wissen (— 58 .) d er Nachruhm (— 69.) die Verwandelten (— 88 .) der Grenzstein (— Ir.) der G 0 tte s l a u q n c r (— I> 5 .) das Gegenwärtige (— >28.) und f. konnten nicht als Psalme oder als Ditbvrambc» gesungen werden; Gesänge über Kunst,.egcnstande z. B. über die Wcrtordnunq der Griechen, der Kranz (— 6».) die Grazien (— rri.) Aestbctiker (—7,5.) die Jüngste (— 282.) noch minder. Wenn also Klopstocks Oden hie und da prosaisch- leicht, andre verwickelt sind, so frage man, warum sie es sind und an diesem Ort scyn mußten ? Leichter und einfacher kann ;. B. nichts gesagt seyn, als das Rosen band (B. r. S. 128.) Edone (— 3 rr.) ,m zw.it, n Bande die Lehrstunde (— 11.) die Treu n u n g (— 122.) die beiden Gräber <— 170.) das Wiedersehn (— 290.) und wer wünscht nicht ein Bändchen solcher Oden? Sie sind die Sprache der Wabrh.it und Empsinduna wie ein Kind sie ausspricht. Dagegen ist in den lebr.nden Oden sein Tcn lehrend, in den vertraulichen vertraulich, in den straf,ndett scharf, in den Zermalmenden zermalmend. Eb.n die Verschiedenheit solcher Unnifse und Schattirungen macht jede Ode zu dem, was sie ist, und das Buch III. NecensioneN. 55.1 Buch zu einem Muscuni: denn das Feinste in jeder Sache ist Verhältnis, Maas des Umrisses in jeder Bewegung. Wer einige von Gluck, Schulz, Reicb ard, Kunz u. a. glücklich componirte LdeN Klopsiocks in diesem böhern Rhythmus gehört bat- wird auch im Lesen der andern nichts weniger als immer denselben Trott erwarten. Rückt die Lese- und Bezeichnungskunst einst weiter als sie bisher gekommen ist: so wird man wahrscheinlich auch eine Manier finden , jedes lyrische Srück nach Gehalt und Ton charakteristisch zu bezeichnen. Drittens. Gesinnungen sinds, die jedes Kunstwerk eines denkenden Wesens als göttlich oder als gemein charaktcrisiren: Klopstock darf sich in keinem seiner Werke seiner Gesinnungen schämen. Seine jugend ichen Gesänge hauchten eine jugendlich-paradiesische Liebe; mit dem Händedruck der männlichen Freundschaft schlossen sich andre dem Leser ans Herz: andre belebte Religion und eine heitre richtige Weit heit; die hier zuerst erscheinenden Stücke aus dem reiften Ä.ter des Dichters verläug- Ncn ihre jüngeren Schwestern nicht; der süße Most ist guter alter Wein worden, im goldnen Becher deutscher Treue, mit griechischen Rosen umlaubt. Also herrschen in diesen neuen Gedichten i) Va t e rla tt d s g e si n nung eN. Jedermann kennet Klopstocks Denkart hierüber aus den altern Stücken und (Eins für alle zu nennen) aus den Einzigen: Mein Vaterland. kB, i. S. 296.) In den neueren Gedichten spricht diese Herr- Herders W. Lit. ».Kunst. XIH. Z 35 j. III. Rcccnsionen. schenke Empfindung, cbcn weil cs dic Zcit gebot, lgnter! An dcr Noßtrappe (B, >. S. 3 n 6 .) gehen 2 Schatten hervor, der.n Werth eine kurze Acitfolge bewahrt bat; dcr Dichter war Vater. Seiner frnkcn Gesinnung Fürsten lob (B. 2. S. 12.) ist Klopstock getreu geblieben, das Urtbcil, das er von jeder über den Einzigen salbte, iB. 1. S. 129. im Jadr 1752.) bat er in den spateren Gedichten nur entwickelt, nicht ver- laugnet. (Band 2. —- 32 . 33 . 35 . <>2. 72. 73. 74 . 36 .) Die Gesinnung, die Kl. über Für- ste n g r 0 ß c, Kr 1 e g e r g rö ß e, E r 0 b e r e r gc 0 ß e, von seinen Jugendjahren an geäußert hat, (B. 1. S. 88. 91. 98. 108. > 3 g. 235 . u. f.) tritt hier in Gründen aus Licht, die auch die strcngeste Untersuchung am Licht des Mittages nicht fürchten. Dahin gehört dcr Krieg er (B. 2. — 19.) der jetzige Krieg (— 43.45.) An Freund und Feind (— 49.) der N achr u h m (— 69.) der Grenzstein (— 91.) dcr Ungleiche, (— 122.) dcr Fürst und sein Kebsweib (— r 32 .) der Fre i heits krieg (—147.) ein unsterblicher Zuruf! 2) Gesinnungen der Menschlichkeit. Das Vaterlandsgefühl, das der Dichter für seine Nation hegte, konnte ihn nicht ungerührt lassen bei dem, was in dcr Nahe vorging, bei dem Unerwarteten, das er in seinen reiferen Jahren erlebte. Hoffnungsvoll schrieb er im Jahr 1788. die etats Aenüraux (S. 117.) wie viel Wei'e und Würdige in Europa thcilten damals die Erwartung mit ihm! Als die Sache anders lief, da Zuckungen III. Recensioncn. 355 und Greuel cintrat.n, vor d.nen die Menschheit schauert, als das heisige Wort, auf welches der gute Dichter gcbauet hatte: kein E r o b c r u ngs- krieg! gebrochen wurde und sich von allen S.iun der Himmel schwärzte: welcher Staatskluge in E„- ropa dürste wohl über sein momentanes Urthcil daun und dort weniger errothcn als Klvpstock, selbst wie er uns über getauschte ErwartiMgen seine Empfindungen nach Jabren hier aufst.lli? Ludwig der secb zehnte i.D. >26.) das Kennet euch selblt! (—> 3 ».) Sie und Wir! s— rgr.) An Eramcr, den Franken, (— 144.) der Freiheitskrieg (—- 147.) Friedrich, Kronprinz von Da n n e m a r k s— r 5 n.) die Jakobiner s —> 53 .) die Erschein ungs — l 55 .) An Rochesoucaulds Schatten (— i 58 .) das Wort der Deutschen (— l6r.) Mein Irrthu m s— 164.) der Eroberungskrieg (— , 70.) die Verwandln n g (— >72.) d i c Dcnkzeiten (— >76.) der Belohntes— 181.) das Neue (— >82.) Hermann aus W alball a (— l 87.) die T rü m m crn s— 19t.) der S c h 0 0 s h und (— 196.) das Denkmal s— 20«.) die Mutter und die Tochter (— 2»3.) die Wiederkehr s— 2n6.) das Versprechen (— 2in.) Nantes (—2 > 5 .) der Sieger (— 221.) zwei N 0 rdameri- kancr s— 228.) die Bestattung (— 280.) die Vergeltung (— 289s) die S 0 nne und die Erbes— 2g5.) M e i n G r a m s — 267.) die zweite Höhe endlich (— 278.) sind ein schreckliches Pöcile, eine Wand von Gewahlden, Z 2 356 III. Recensionen. bei deren Jedem die Stimme des Dichters dem Vorgänge gemäß, immer aber menschlich, menschlich tönet. Vielleicht besitzt die lyrische Poesie nichts schauderbafceres als Carriers Ankunft in der Hölle, die Vergeltung (S. 2Z9.) nichts Grausigcrs als die Erscheinung (S. r 55 .) an den Schatten (S. r 58 .) die Verwandlung (S. 172.) die Mutter und die Tochter (S. 2«3.) Die vom Dichter, damit er nicht trostlos würde, zwischen gespannten zarten Saiten sind über allen Ausdruck. Ob jene zweite Höhe, die der Dichter einer fortstrebenden Macht selbst ohne Zuversicht empfiehlt (S. 278.), werde gewählt werden, mag. die Zeit lehren; fahre der Weissager fort, feine Empfindungen über die Ereignisse unsrer Zeit, über den Sturz Roms ohne Schwertschlag, über das Beinhaus von Murten, Malta's Eroberung u. f. in herzergreifenden Gemahlden darzustcllen, und erlebe er das Ende derselben im folgenden Jahrhunderte fröhlich. 3 ) Gesinnungen der Weisheit. Sie stehen wie Blumen im Thal zwischen Eedern, Ey- pressen, Thranenweidcn und Eichen. Der Unterschied (B. 1. S. 3i2.) die Warnung (— 3 ig.) der Denkstein (R. 2. — 14.) die Beruhigung (— 16.) verschiedene Zwecke (— 28.) der rechte Entschluß (— 53 .) Mein Wissen (— 58 .) der Frohsinn (— rog ) der Psalm (— 119.) das Gegenwärtige (— 128.) die Freude (— 285. 296.) gehören dahin, nebst vielen andern. Daß des Dichters Weisheit nicht eben die neue Philosophie sev, möge folgende Ode zeigen: III. Recensionen. 357 kDcr Genügst mc. „Forschung des Wahren, geb' ich Dir mir ganz hm; Ernt' ich Erkennlniß, die mir den Geist erhellet, Löscht des Herzens Durst. Zwar nicht Garben ernt' ich, Aber doch Halme. „Laß mir den Stern, der Dir auf Deinem Scheitel Funkelt, hcsperusgleich erscheinen , daß ich Froh im Suchen bleibe und nicht zu wenig Finde der Halme. „Sende mir Deinen Blutsfreund, den, 0 Theure Du mit Innigkeit liebst, daß er mir treuer, Wahrer Leiter sey, daß er streng mir sey, der Warnende Zweifel. „Ihm ist ein Wechselbalg, der Tiefsinn lüget, Jetzo untergeschoben, der Gedanken Spinnwebt, der das Licht, das herab du strahlst, Kunst, Wörtelnd umdünstet. „Weise! Beschütze vor dem blauen Balge Wer selbst denket und nicht großäugig anstaunt, Schillernd; wer die Kennrniß nicht nur, daS Gut' auch Liebt und das Schöne. 353 III. Necensionen. „Also erscholl im deutschen Eichenhaine Mit Begeisterung eines Jünglings Stimme, Und mir Kalte. Leuchtender ward ihm da, ward Ryrher die Frühe." Dank dem Dichter für jedes neue Wort, womit er die Wortgrübelcien darstcllt. Der Dichter setzet sein Denkmahl sich selbst. Der Unsrige hat cs sich gesetzt in der Ode, an Freund und Feind (S. 46. B, 2.) Lange kehre ihm noch die Freude nieder, die er in dem neuen Genuß (S. 264.) schildert. Und dann endlich — Wenn von dem Sturm nicht mehr die Eiche rauschet, Keine Lispcl mehr wehn von dieser Weide, Dann sind Lieder noch, die vom Herzen kamen, Gingen zu Herzen. Zweites Fünfzig christlicher Lieder, von I. C. Lavater. Zürich bei Orell, 1776. ir Bog. in gr. 8. Das zweite Fünfzig dieser Lieder, hat vor dem ersten, wie uns dünkt, an Starke, Kürze, Wahr- IIl. Recensioncn. 35 9 heit, That, Kraft gewonnen, und die Leichtigkeit , den Fluß an Silben, Reimen, Seufzern und Tönen, die Klarheit und gleichsam den Guß der Kindes- und Bruderliebe mit ihm gemein. Sie werden also in ihrem Kreise nicht ohne Nutzen bleiben. Bekannt ists, daß Lavatcrs Muse sich von den geistlichen Schwestern ihrer Art, insonderheit an Menschlichkeit unterscheide, daß sie sich auf der cin.n Seite von der trockenen, kalten, hölzernen Buchstaben- und Formularsprache so entferne, als aus der andern Seite von den vcrschloßncn, dunkeln, trübseligen Gefühlen der Mystik. Menschen sollen wir werden, Söhne Gottes in seinem Erstgebohrnen, unserm Bruder, Christus. Einfalt, Liebe, Klarheit, Freude, allgemeine Demuth und Aufopferung, wodurch Er Weise, Fromme und Selbstgerechte so unendlich übertras, und den Weg des Sohnes Gottes ging, ^ des Menschen für alle Menschen, soll auch unser Weg scyn. Aus beide» Seiten ist Pharisäismus an Lehren und Gefühlen: in der Mitte ist Christus Lehre und Beispiel. — Auf diesem Wege suchen sich Lavaters Lieder zu halten; und wie sehr sic dadurch als Lieder und christliche Lieder gewinnen, braucht keines Beweises. Proben mögen scyn für den Leser, der sich davon selbst überführen will, der Lob ge sang S. >. der da beginnet : S. 65. an die nahe Gottheit: S 149. Bitten: S. ri 3 . Gott die Liebe: S. i«2. Christus ^auf einer offnen Höhe zu singen: S. > 17. d a s Licht — 36o III. Rcccnsionen. Und hättest du nichts geschaffen, Nichts' Gott wärst du Water nur des Lichts, Wo nähm' ich Wort' und Kräfte her Zu sagen: Gott, wie groß ist Er! Das Licht, Strahl deiner Herrlichkeit, Es strahlt vom Himmel und erfreut Und deckt im wunderschnellem Lauf Uns Millionen Wunder auf. Voll Gottes und voll Lebenskraft Durchdringts, erweichls, erwärmts und schafft. Verwandelt schnell die öde Nacht In eine Welt voll Licht und Pracht. Im liebevollen Menschenblick Wie sirahlts so herrlich mir zurück! Wie führts mir Freudenströme zu O Quell des Lichts, wie gut bist du! Gott sprach: Sey Licht! da strahlte Licht; Wem lcuchtets sanft ins Angesicht Und freut sich still anbetend nicht, Daß Gott Erle uchtungsfr enden spricht. Ja hättst du nichts geschaffen re. So ist S. 123. Jesus Christus, S. >53. Demuth und viele, viele nach Gottringende Gesänge. Indessen kann, der dies schreibt Knickst leugnen, haß ihm die Sprache dieser Lieder, wie HI. Rccensionen. 361 der meisten neologiscbcn Lieder, nicht ganz gefalle. Meistens hat Klopstock diesen Ton angegeben, und so vortrefflich dieser Ton, als Dichtkunst, als lyrisch er Schwung, seyn mag; so hat er für ein Lied, für ein bloßes simples Andachtslied, das Gebet, das höchste Einfalt und Natur seyn soll, zu viel Dichtkunst. Es nannte jemand Klopstocks Dichtersprache eine P andoren- büchse von Hexameter-Formeln, und ich weiß nicht, ob ganz unrecht? Es ist ein Flug in Bildern, eine Fluth säuselnder oder strömender Empfindung, eine Beredsamkeit, eine Sv ade in Klang, Reim, Wendung und Harmonie — auch in diesen Lav ater scheu Liedern, daß ein armer stummer Zöllner mit seinem einsylbigen Gebet, oft nicht weiß, wo er aus oder ein soll? Wenns wahr ist, daß der erstickte Seufzer mehr töne und rufe, als der zu Fluß und Guß gebrachte: wenn die gottgefälligen Opfer mchr in der todten Asche eines zerknirschten Herzens, als im harmo- nicnreichcn Köcher der Seraphim sind; so ist gewiß eine Zeit zu erwarten, wo der große und stille Lautrer aller Dinge auch bei der reichen Ausgeburt unserer neuesten zwei Olympiaden, den Kirchenliedern sitzen wird und schmelzen, und Schaum vom Silber wegthun. Unser Christenvolk, der arme Haufe, der von solchem hohen Geschmack dichtrischer Wendungen und Empfindungen noch nicht weiß! — Doch diese Lieder triffrs weniger! »yd denn sind auch die meisten ja nur zur Privatandacht solcher Christen bestimmt, die an die Sprache und Empfindungen gewohnt sind. — Nun kann's ich freilich noch nicht begrci- 362 III. Recensioncn. sin, wie weit diese Einschränkung reiche? Das wahre Lied ist für alle, und muß für allcseyn: sonst kein wahres Gebet, kein Gespräch mit Gott, kein Lied. Indessen, da alles auf Erden unvollkommen ist, da das beste Gute bei uns in Hülsen individueller Umstande wachst, und wachsen muß; so wird sich auch jeder gute Leser leicht und gern an des Dichters Stelle setzen, und d,n- ken : „Lav ater machte diese Lieder zuerst für sich!" Da war nun das feine Spracbe, sein reicher Fluß des Herzens, der Ausguß seiner Lcbensumstande, seiner Noch. — Das allgegenwärtige, alles durchsühlendc Drgan der Liebe, und Mitempnndung verstand ihn, und jeder muß die Lieder brauchen, daß Gott auch ihn verstehe, d. i. daß Er etwas dabei empfinde, cigcnthümlich aus seiner Seele heraus denke, und sich nicht den sanften Wortwcllcn eines andern überlaste; sonst wird er ein tonendes Erz und eine Schelle am Tem- vcl zu Dodona. — Lavatcr hat ein Verzeichn iß von wünsch baren Liedern (soll wobl heißen von gewünschten Liedern, oder von Liedern, die zu wünschen waren) hinzugcsügt, und jeder Gattung die Art und den Ton bestimmt, in dem sic seyn müssen. Es sind Arten, jede hat wieder ihre Materien, die oft über die 20 und einmal bis 5 n steigen — ein weites Feld! Er hat auch einige Jünglinge und Dichter genannt, und dazu um Beihülfe angerufen — trefflicher, gutgemeinter Anruf; was er geben werde, wird die Zeit lehren! Ein Mensch, der sich hinsetzt und sagt: ich III. Rccensionen. 363 will rin Lied machen, macht meistens nur ein Excr- citium, ein Formular. Luther sagt: „Wer solchs „mit Ernst glaubt, der kanns nicht lassen: er muß „fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, „daß es andre auch hören und herzu kommen. Wer „aber nicht davon singen und sagen will, daß ist „ein Zeichen, daß ers nicht glaubet und nicht ins „neue fröhliche Testament, sondern unter das alte, „faule, unlnstige Testament gehöret." Das beste Recipe zu guten Liedern und das Einzige auf der Welt. 2 - Gedichte von Anna Louisa Kar- schin, geb. Dürbach. Nach der Dichterin Tode nebst ihrem Lebenslauf herausgegcben von ihrer Tochter C. L. von Klenkc, geb. Karschin. Berlin. Zweite Aust, mit dem Bildniß der Dichterin. 1797. Man macht uns Deutschen nicht unbillig den Vorwurf, daß wir das Gute, das unter uns aufkeimt, nicht genug schätzen, nicht genug ausmuntern, und oft die ersten sind, cs zu verachten. Auch III. Recensionen. 364 die Dichterin, deren Nachlaß hier erscheint, ist davon ein Erweis. Von Kindheit auf brachte sie die schönsten Jahre ihres Lebens unter Menschen zu, üb r d.ren Rohheit unter den armseligsten Umstanden man beinabe nicht genug erstaunen kann. Ist das, (sa.t man zu sich selbst, wenn man die erste Halste der wohlgeschriebencn, äußerst merkwürdigen Lebensbeschreibung liefet, die hier die Tochter von ihrer Mutter giebt,) ist das eine Provinz Deutschlands? oder sind wir in Polen, in der Moldau? Leben so cultivirte Menschen miteinander? — Die talcntrcichc Mutter, derKarschin, ihr Oheim, dem sic das schöne Lied: ,,Kommt herauf gestiegen aus dem Sande," gesungen hat, sodann ein Hirtenknabe, der ihr Bücher zum Lesen verschaffte, sind die einzigen Gestalten, die uns in dieser Wüste noch einige Freude gewähren. — Der Baron Kottwitz brachte sie endlich nach Berlin, wo sie zuerst angestaunt, leider aber von den meisten nur angcstaunt ward. Man ließ sie singen; und glaubte zuletzt ihr eine Ehre zu erweisen, wenn man ihre Gesänge nur annahm. Natürlich stieg in dieser lobsingenden Sphäre ihr Flug nicht höher mit den Jahren, und cs ist sehr zu verwundern, daß sie noch so lange, immer mit einigen guten Tönen, ihre Stimme behalten. Ihr letztes Gedicht an die Herzogin von Port' (S. Zueignung dieser Samml. S. 2.) ist vom Oktobr. 1792 und sie starb am >2. Okt. Wenn einst eine, nicht nur dem Namen nach, sondern i m G em ü th cultivirte deutsche Nachwelt diese Lebensbeschreibung lesen und mit den unstreitigen Talenten unsrer Dichterin, die aus vielen Gedichten hervorleuchtcn, zusammen halten sollte, III. Recenfionen. 265 wird sie diese wilde Blume in Sch Wiebus, in Fraustadt, in G ! o g a u vcrlaßner finden, oder unter den Vornehmen der Hauptstadt, deren Vor- tcefflichkeiten sic rühmte? Man lese den letzten Thcil der Lebensbeschreibung mit Vergleichung der Gedichte, die zu ihm gehören, und übersehe ja dabei nicht S. r 85 . 188. 235 . vor allem S. r 53 . rög. Ein sonderbares Gefühl drangt sich uns bei dieser Vergleichung auf. Die besten Gesänge sang die Karschin in den Jahren 1761. 62. vielleicht noch bis 1768. Da hirlt sie sich an große Gegenstände; die bewundernde Aufmunterung ihrer Freunde hob sie gleichsam über sich selbst empor. Als sie durch ihre oder durch fremde Schuld sich überlassen blieb, oder gar nur lobte, nur rühmte, da sank ihr Flug. Der steigenden Lerche fehlte die Himmelsluft, die ihren Gesang weckte. Unstreitig sind die Gedichte, die sie in den Jahren der Freundschaft mit Gleim, Sulzer, Bach mann u. f. dichtete, die vorzüglichsten unter allen; Gleim insonderheit ward auch dadurch ihr größester Wohl- thätcr, daß er ihrer Harfe die kühnsten, die seelen- vollstcn Töne entlockte. Will man von den Gedichten unsrer Sängerin mit einiger Billigkeit reden, so muß man in ihnen Natur und Kunst unterscheiden. Alle reinen Empfindungen über Gegenstände der Schöpfung , über Gott, Vorsehung, über die Schicksale und Erfahrungen ihres eignen Lebens, über Menschenpflichten, über sich selbst, so wie auch über 366 III. Neccnsioncn. große Situationen der Menschheit, insonderheit im Kriege, beim Brande, in Hunger, Kammer und Elend, über tröstende Hoffnungen der Nuigionu. f. setze ich in die Sphäre ihrer hohen und starken 91 a- tureinpfind u n g c n. Die meisten auch spat geäußert, stammen bei ihr aus Jabren ihrer Kindheit und Jugend her; sic geben ihrer Muse die wahresten Bilder, die treffendsten Ausdrücke, und sind oft mit Flammenschrift geschrieben. In der älteren Sammlung der Karschffchen Gedichte (Auserlesene Gedichte von A. L. Karschin. Berlin 176g..) sind die Oden, Gesänge und Lieder dieses Inhalts z. B. an Gott, als die Dichterin bei Hellem Mondschein erwachte S. 3 . a» den Schöpfer bei ihrem Geburtstage, S. 7. das treffliche Lied: Erheb' auf mich dein Angesicht. S. 23 . der Morgcn- gesang an ihre Seele, S. 26. Der Frühling, S. 33 . an den May, S. 89. an einen Freund, der den Tod einer Freundin beweinte, S. 4 3 . vom Vertrauen auf Gott, S. 46. an den Neichsgraün von Stollbccg, S. 89. an ihren verstorbenen Oheim, S. 92. die Gesänge, S. 120. 141. der Tod 147. an Palamon, S. 2ri. 217. 228. das Klagelied über den Tod eines Vogels, S. 289. das Harzmooß S. 339. ihre beliebtesten Gedichte. Sie schließen ihr Herz auf; sie äußern ihre inneren Gesinnungen, meistens Erinnerungen aus ihrer Jugend und aus dem Laus ihres Lebens. Auch in dieser Nachlese tragen die Gesänge solches Inhalts, obgleich oft in schwächeren Zügen , denselben Charakter z. B. der sichre Fromme S. 41. an Gleim S. 72. über den Unbestand des Ruhms, S. 80. am Gott, S. 129. das Loblied, S. 141. Belloisens Lebenslauf, S. 197. an die Ostersonne, S. 270. Rede an Gott III. Recensionen. 367 S. 3 o 6 . Und unter ihren frühesten Gedichten das Schicksal S. 358 ., der Tag des Schreckens S. 362., die göttliche Vorsehung S. 38 g. Es wird vielleicht eine Zeit kommen, da man die erlesensten Stücke beider Sammlungen, die das reine Volk sge fühl der Dichterin über Gegenstände der Religion, der Natur und des menschlichen Lebens, mit starken Herzcnstöncn besungen, werth halten wird, und da diese Gefühle allezeit individuell bezeichnet sind: so bleibt schon mit ihnen der Dichterin Name und ihre Sprache daurend. — Gerade diesem Gefühl entgegen stehen die blossen Gegenstände der Pracht; Illuminationen, fürstliche Einzüge, gnädigste Herablassungen u. f. — Mas konnte die Naturdichterin hier singen, hier beschreiben? Zehntausend Lichter, gedrängte Gassen voll gaffender Augen, schallende Brücken, schmetternde Posthörner und dann eine Verbeugung, ein Eomplinunt, einen über allen Ausdruck herablassenden, erhabenen Anstand? — Alle neun und neunzig Meisen waren zu beklagen, wenn sie, wie die arme Karschin, dies alles so oft und so reichlich und so unbelohnt, singen müssten. Und doch lag cs in der Sphäre der Lebensumstande und der Denkart einer im niedrigsten Stande erzogenen Dichterin, daß sie sich von diesen Gegenständen bis an ihren Todestag nicht trennen konnte. Friedrich der Einzige mag auch hier eine Ausnahme bleiben. Vom allgemeinen Enthusiasmus ergriffen sang ihm unsre E rin na die schönen Gesänge, die in der ersten Sammlung S. 110. 120. 122. 167. und in dieser Nachlese S. 7. ui. 40. 5 u. i2r. blühende 368 III. RecensioneN, Lorbeerblätter seines Kranzes in einer Sprache sind, die er verachtete. Auch einige Gesänge an die Koniin , den Prinzen von Preußen, die beiden Prinzen Heinrich, den Herzog Ferdinand, der immer ibr Freund blieb, den jetzigen König, ihren Wohithat.c, reden die Sprache des dankbaren Herzens. Der Gesang auf den Tod des Prinzen Heinrichs von Braunschweig, S. 74. der altern Sammlung. „Wo ist er, daß ich ihn Mit Thranen satbe. ist eine der schönsten Threnodieen unsrer Sprache. — Findet man aber dagegen die Dichterin gcnöthigt, an die königliche Hofbauadministration wegen ein paar geschenkter eiserner Spare-ttn folgende Verse zu erlassen: Vergebung von der königlichen Administration bitt' ich, Weil auch des Winters Länge sich So nach und nach hinweggeschlichen, Eh die dankbare Karschin sich Mit großem Dank hat abgefunden Für ein paar Oefchen ihr geschenkt. — S. 168. so werden wir wie die Dichterin selbst nnmnthig, als sie S. 28. in ihrer Dachstube den Apoll bat, daß er die Leyer zurücknehmen möchte. O helfender Apoll, geschändet wirst Du, wenn Deine Vateryand mir nicht die goldnen Saiten sendet die der Sabiner aufgespannt. Wenn mich des dritten Easars Rechte nicht über Glück und Pöbel hebt. — Welcher III. Recen fronen. 36 ^ welcher Wunsch ihr ober nicht, oder zu spät erfüllt wurde. Merkwürdig ists, daß unter den Empfindungen, die diese Muse sang, sich die schmelzende, Sa pp hi sehe Liebe nicht finde; in dieser Hinsicht konnte sie also wohl nicht Sappho heißen. Nirgend weniger, als in den Garten des Adonis hatte sie ihre besten Jahre verlebt; alle Lasten und Qualen der Ehe hatte sie kennen gelernt, aber keine Freud.n der Liebe. Und wollen Empfindungen der zartesten Art nicht in den frühesten Jahren geweckt seyn? Erfordern sie nicht eine weiche, vielsiichr üppige Bildung der Seele, die sich mit dem wilden Feuer d.r Phantasie oder mit Noch und Kummer am wenigsten vertragt? Nach dem Fragment zu urthcilen, das wir vom Pindar (beim AthcnauS B. i3,) üb.r die riebe haben, besang auch Er die Liebe ohngcfahr in unsrer Dichterin Weise. Die Flamme glänzt, brennt, und leuchtet; aber sie erwärmt nicht, sie kann nicht zerschmelzen. Die Gaben der Neusen sind mancherlei. — Nähern wir diesen Reichthum dichterischer Talente einer sogenannten Kunstregcl; wohin werden wir die Karschin stellen? Denn einen Zunfk- rang muß sic bekommen nach deutscher Art und Kunst. Das Hora zische Kunstfach wird gegen sie pcolcstiren; und wie konnte man es von einer also erzogenen Sängerin fordern oder hoffen, daß die HerdcröW.Lit.».Kunst, XIII. Aa 370 III. Recensionen. Kunst des Horaz die Ihrige werden sollte? Jede Ode des Römers ist eine fein cingeleete Arbeit; er rühmt sich selbst des Verdienstes, seine k'eycr zum Nachhall der griechischen Kamöne gemacht zu haben. Dies gilt vom Plan seiner Gesänge sowohl als von ihrer Junctiir in Bildern und Worten. Dergleichen Kranze konnte und wollte die arme Karschin nicht flechten. Statt lyrischer Griechen schwebten aus ihrer Jugend ihr etwa Kirchenlieder im Ohr; diese enthielten und gaben aber keine horaziscben Weisen. Auch Ramlers Gcsangsart nabcrt sie sich daher ani glücklichsten nicht; und wo sie den Horaz selbst nachbildet, geschiehet es mit Auflösung seines Kunstwerks ganz in ihrer ei.men Art z. B. der unnachahmliche Pindar, (S. 067. der alteren Sammlung) und die Ode Liren lerknntnr. (S. 32 . dieser Nachlese). Eher nähert sie sich der zwanglosen Gesangesart Utz, Kleist, Gleims u. s. Das schöne Gespräch S. 276. Du Wonne meiner jungen Lage — mehrere insonderheit moralische Züge in großen und kleinen Gedichten setzen uns in die patriarchalische Zeit unsrer Poesie, in die schöne Einfalt der eben genannten drei Dichter zurück. Von Gleim vor andern scheint die Dichterin sich in ihrer kühnen nervcnvollcn Sprache viel eigen gemacht zu haben. Aber warum wollten wir einem ciaenthümlichen Genie nicht auch einen eignen Platz eincaumcn und es nicht lieber mit seinem als mit einem fccin- III. Recen fronen. 37» dm Namen nennen? Die Phantasie dieser Dichterin hat einen so festbezeichnetcn Gang; ohne Kunst- regeln kennet sie den Flug der Muse, der sich zu verirren scheint und doch nicht verirret; oft endet sie am unerwartetesten Lrt und hat aus ätherischen Bildern ein Ganzes gewebt, das ein angenehmeres Erstaunen wirket. Wenn Lccalzügc-in diesen Umriß fließen; so ist dies Natur der Sache, kein Fehler. Dieser kühne Schw un g der Gedanken, der süße Wahnsinn, das Wesin jeder Begeisterung, am meisten der lyrischen Poeüe ist ihr charakteristisches Göttergeschenk. Er kann nach Horaz allein nicht gemessen werden: denn Hora; ist nicht ausschließend das Muster aller Gesänge und Dden. Sonst waren Pindar und die Psalmen vom Anfänge bis zum Ende — Fehler. Statt vieler stehe hier eine Probe, eines Inhalts dessen Erfüllung auch wir wünschen *) S. 129. An Gott. Bei dem Ausruf des Friedens. Was hör ich? rauschen goldne Flügel Posaunet in zerlheiltec Luft Ein Seraph, welcher über alle Grabeshügel Daher fahrt Und die Lobten ruft? *) Dieser Wunsch vieler Millionen Menschen ist jetzo erfüllt. Es i sr Friede! Und wer könnte Aa 2 37 - III. Rece» fronen. Was reißet mich empor? ich suhle Den nahen Himmel; bin ich schon Hoch über der Gebirge Gipfel, über Stühle Der Zcpterführer iveggefloh»? Hör ich, du Gort der Erdengoltcr, Dich loben durch den ganzen Raum Der neuen Sck/öpfung, selbst von deines Glanzes Spötter, Der deine Wunder nannte Traum? . Erblick ich Myriaden Sterne Um deines Svnnenthrones Fuß? Hellleuchtcnd, daß davor ich zitternd in der Ferne Mein Angesicht bedecken muß? Horch' ich erstaunt dem hohen Liede Der Sänger deines Namens zu? Gott, welch ein Saitenspiel! es tönet Friedet Friede! Und Kronengeber, den giebst Du!! Du lassest deinem Wolke wieder Die Ruhe schmecken, rufest laut Und aus dem Schmerzensschlaf zum Jubel neuer Lieder Bei den Altären, dir gebaut. wohl dieses edle Geschenk des Himmels würdiger besingen als Herr Herder. Herr m a n n. III. Recensionen. 373 Wir lagen, gleich den Blumenstengeln Wenn sie der Nordost niederbeugt; Du hebst uns auf, und hörst dein Lob von allen Engeln Wenn unsre stumme Freude schweigt. Welch' eine süße Trunkenheit der Freude! Hie- nieden wird der Friede ausgerufcn; aber aus dem Munde der Menschen hört ihn die Dichterin nicht. Auf den Schwingen des Seraphs hebt sic sich über Sonnen und Sterne empor, und vernimmt den Ausruf Friede! Friede! aus dem Saitenspiel der Seligen, ja aus dem Munde Gottes selbst. Ein Blick auf die Erde hicniedcn endet das Lied in der erhabensten Andacht stummer Freude. Und dies ist nicht der einzige Gesang von so glücklicher Inspiration, von einer Einhauchung, die ihr see- lenvolles Bild gleichsam mit einem einzigen Zuge zeichnet. In dieser Begeisterung gelingen der Sängerin die kühnsten Wortcompositioncn, mit denen sie oft Pfeile schießt, wie Pindar. Zu wünschen ists, daß eine zweite Nachlese Karschischcr Gedichte erscheine, (aus dieser hatten viele, viele Gedichte wcgbleiben mögen) die uns noch manche, in beiden Sammlungen *) nicht befindliche b e s se r e Gesänge aufbewahre. ZnGleims, Im Jahr >.772 ist eine Sammlung Karschischcr Gedichte, Mietau und Leipzig heraußgekommen; ich besitze sie nicht, und weiß nicht ob sie in dieser Nachlese wiederholt oder genützt sey. III. Recensionen. ^ 74 - in Ebcrts und andern Briefsammlungcn sind deren gewiß vorhanden; selbst von den einzeln gedruckten Gesängen ist hier manche schöne Begeisterung nicht befindlich. S. z. B. der Gesang an dar Vaterland 1763. „Der seinen Stuhl hoch über alle Thronen." Die mahlcruche Ode: d e r Ci n z u g: „Mit lnm- dertausend Stimmen ruft." Eine andere: „Was hör ich i mit dem Klang von zehntausend Flöten." Ein Lied im Ton der Kriegslieder: (1729). „Wuth und Verwüstung waffnen sich." An den Uebcrwin- der der Rüsten (1758). „Held! und Monarch! aus feindlichen Gefilden." An das zerstörte Eüstrin. „Schwarz wie die Pforten der Nachl." u. f. Einige dieser Stücke scheint ein neidiger Ausall der Sammlerin entzogen zu haben: den» sie gehören zu den schönsten Begeisterungen der Karschischen Muse, von der man wie von der Eri n n a sagen kann: ersroc. „vor vielen andern ist ihr Gesang mächtig." III. Recensivncn. 375 3 - Griechische Vasengemahlde. Mit archäologischen und artistischen Erläuterungen der Originalkupfer. Herausgegeben von C. A. Böttiger. Ersten Bandes, erstes Heft. Mit fünf Kupfern in Folio , außer dem Titelkupfer. Weimar. ' 79 ?- Es ist ein zu enger Gesichtskreis, wenn wir die heiligen Reste der griechischen Kunst nur Ulterlhums- forschcrn und eigentliche» Künstlern überlasten wollen; in unser» Tagen kann niemand, der Geschmack des Schönen hat oder haben will, derselben entbehren. Von allen Seiten drangen sich uns griechische Kunstvorstellungen in Büchern in Zierrathcn, auf Gefäßen, bei Geschenken zum Schmuck, in Gcmahl- dcn, in Beschreibungen der Dichter, in Anspielungen fast jeden Vortrages zu, die wir verstehen müssen, wenn uns ihr Werth eiuleucht.n und uns nicht die Schande drücken soll, sie als Barbaren zu besitzen oder zu betrachten. Fast keine Lcctur zur Bildung findet jetzt statt, die nicht diese Kcnntniste vor- anssetzt; eben so fodcrt sie der Umgang des feincrn Lebens. In Verzierungen der Hauser , der Säulen, III. Recensionen. der Gärten, ein Wänden, an Tischen und 'Theeti- sclicn treten griechische Verstellungen vor uns, und niemand sagt gern: „das ist mir unverständlich, ssliiechisch." — Vollends Jünglinge, die die Alten lesin, kennen die Kunstvorstcllungen der Alten gar nicht entbehren. Ohne sie wird sich ihr Geschmack nie wobl befestigen; die Eomposition der griechischen und römischen Schriftsteller wird ihnen ohne K.nntniß der Eomposikion ihrer Künstler nie belle werden, wie solches der unselige Fleiß und die unwissende Frechheit mancher gelehrten Kritiker gnugsam bezeuget. Nun sind die Kunstvorstellungen der Alten von mancher Art, und alle sind sehr belehrend, Statüen, Gemmen, Münzen, Büsten, Gebäude; keine aber lehrreicher als Bas-ReliefS und Gcmahldc. In ihnen ist eigentliche Komposition: denn in ihnen treten mehrere Figuren, eine ganze Fabel oder Geschichte in schöner Anordnung, oft mit einer schönen Umfassung tritt uns vor Augen. Hier bildet sich der Geschmack am meisten: denn was ist Geschmack? als die schnelle Umfassung des Mehreren zu Einem mit der angenehmen Empfindung des Vollendeten, des Schönen. Hier lernen wir unsere Gedanken ordnen, den unnützen lieber, fluß hinwcgthun, das Entbehrliche absondcrn, und völlig durchdacht das Prägnantste, das Meiste im schönsten und richtigsten Umriß geben. Oft stehet hier cin ganzes Gedicht, ein philosophisches Buch in Einer Vorstellung da. — Da uns nun leider so wenig griechische Ge- mahlde übrig geblieben, und die prächtigsten Bas- HI. Recen fronen. S77 relicfs von Barbaren zerstört sind, wie froh müssen wir dem Genius .der Kunst und des guten Geschmacks danken, daß er viele seiner Heiligthümcr unter die Erde rettete, und sie auf der zerbrechlichsten Materie, auf Vasen, unsterblich machte. Diese enthalten einen Schatz schöner griechischen Vorstellungen, deren viele gewiß den alten und den besten Meistern nachgebildet und uns eine Schule griechischer Kunst und Denkart sind. Wenn Barbaren in Gräbern Schatze verbargen und andre Barbaren diese Schatze suchten: so verbargen die Griechen auch in ihren Grabkammern schöne Weisheit. Glücklich ist, wer sie darinn fand! glücklich, wer aus der Gefundenen lernet! Es ist bekannt, welche Mühe sich der brittische Gesandte in Neapel, stiitter Hamilton seit vielen Jahren um die griechischen Vasen gegeben, die in Eampanien und sonst bei eröffucten Grabmählcrn häufig gefunden werden. Er brachte deren eine Menge zusammen, ließ sie mit Farben stechen und durch d' Hankar v ille prächtig beschreiben, verkaufte sie darauf ins Londncr Museum für 800c, Pfund Sterling. Da stehen sie nun, und das kostbare d'Hankarvilluche Werk in vier Foliobanden ist so Wenigen, die es brauchen konnten, zum Gebrauch gekommen, als jene Vasen, die ins Londner Museum verkauft sind. Unter dem Schutz und Gewahrsam der brittischen Nation sind sie dort aufs neue begraben. Durch einen deutschen Künstler ist die zweite Hamiltonische Sammlung griechischer Vasen gemein- III. Rccensionen. 378 nütziger worden. Hr. Tischbein, Direktor der Mablerakademie in Neapel, lieferte sie mit uner- müdetcr Sorgfalt, bei der mehrere verfehlte Zeichnungen strenge verworfen wurden, in bloßen reinen Umrissen, d-ie uns bei dieser Art von Kunstvorstellungen alles sagen, was wir zu wissen begcbren. Dadurch ward die Sammlung wohlfeil, »nd konnte in deren Hände gelangen, die sie zu brauchen versteben und werth sind. Tischbein that mehr. Aus unbclohnter Liebe, die auch auswärtige Deutsche für ihr Vaterland haben, bestimmte er reine, sebr gute Abdrücke für sein Vaterland und sähe dies als das Dlympia seines Fleißes und der aus alten Gräbern erbeuteten griechischen Kunst an. Ec hat in Deutschland einen Erklärer gefunden, mit dem der Erklärer der erste» Sammlung d'Ha 11 k arvi l l c nicht zu vergleichen steht, und dem auch der Erklärer der zweiten Sammlung, H r. von Halinski, gewiß willig den Platz räumet. Fast um ei» Nichts bekommen wir armen Deutsche hier, wogegen andere reichere Nationen sich vielen Unsinn mit schwerem Golde erkaufen. 'Alles ist zweckmäßig eingerichtet, zur vielseitigsten Lehre, zur angenehmsten Bildung; nicht der bloßen Pracht gcschenkct, Der ersten Abtheilung des ersten Bandes steht ein Kupfer voran, die innere Ansicht eines Grabes bei Nola mit Skelet und Vasen; Hamiltons Zueignungsschrist und Einleitung ins Studium der Vasen, mit Zusätzen und Anmerkungen des Herausgebers, auch mit Nachrichten von Tischbein und Meier begleitet III. Recensioncn. ?79 (S. i — ? 5 .) geben bierübcr den bestimmtesten Aufschluß , den mun über das Ganze der Sache jetzt noch zu geben vermag. Die künftige Zeit wird Mebreres darthun; und eben daß der Herausgeber dieser Sammlung der Zeit nicht vorgrciftn, sondern sowohl Lücken als Hoffnungen hie und da nur an- dcuten wollte, zeigt von seiner auf den Fortgang der Zeit merkenden Klugheit. Jeder, der von Vasen spricht, und sie gewöhnlich für Aschengefaße ansieht, sollte diese kurzen Abhandlungen lesen; ihre Notiz ist unserm Vasen liebenden Jahrhundert, auch jeder Lefegesellschaft, die Vasen liebet, sebr zu empfehlen. Wer Vasen liebet, muß doch auch wissen, was eine griechische Vase fty? woher sie sey? wozu sie gewesen? u. f. Die Nachrichten und Winke in Meiers Briefe (S. 71. — 76.) sind für jeden, der sich mit diesem Studium abgab, höchst merkwürdig. Nach zehn Jahren werden wir hierin» wahrscheinlich weiter scyn, als wir jetzt sind: und wer wünschte nicht, mit diesen Jahren mitzugehen und ihre Ausbeute zu fördern ? Eine Abhandlung über die Vasen-Arabcske zur dritten Kupfertafcl folgt. (S. 76—roo.) Mit einem angenehmeren Unterricht konnte diese Sammlung kaum cingeleitct werden: denn wo wir auch griechische Vorstellungen nicht haben können, wollen wir doch griechische Verzierung; wir müssen diese also verstehen lernen. Der Vers, leitet sie aus dem rechten Grundsätze her, und so wohl die Vlumen - Einfassungen , (die Blat- l e r-Ar a b c s ke) als die Windungen, die man Mäander nannte, endlich auch die Thierpflanz e n - A r a b cs k e erhalten hier eine sehr durchdachte Erläuterung. Die letzte ließe sich ohne Zweifel weiter hinauf und früher in den Orient verfolgen ; für griechische Vasen aber gehörte dieser Verfolg nicht; dagegen ist der Uebcrganq dieses schönen Spiels der Einbildungskraft nach Griechenland neu und genau bemerket. Zwei Gemablde werden erklärt, die außer dem Titclkupfer, dem Kupfer mit Umrissen verschiedener Formen und Verzierungen der Vasen, diese erste Lieferung ausmachen: Bellerophons Kampf mit dcr Ehimära, und eine griechische Braut in ihrem Putzgemach. Beim ersten wird die Fabel erklärt, muthmaßlich die Entstehung der Fabel gezeigt; sodann das Gcmahldc betrachtet , mit andern Kunstwerken verglichen und feine Bestimmung nur mit einem Winke 'gedeutet. Die Erklärung ist mit einem großen Ucbcrblick und mit classischer Genauigkeit geschrieben; sic halt sich in den rechten Schranken, und ist Blatt für Blatt, >n onderhcit Jünglingen zu lesen sehr nutzbar. Der Erklärer hat seinem Pegasus nicht den Zügel gelassen, sondern heißt ihn an der Quelle trinken. Mit einem sehr glücklichen Blick, der alte und neue Zeiten erläuternd zusammenfaßt, und in jenen sowohl die Provinzen der Sage unter- sc Heidet, als ihre Kunstwerke verständig an einander reihet, zeigt er uns gleichsam die aus griechischer Natur wachsende Fabel. Tie Muthmaßungen selbst sind belehrend; und wenn III. Recensionen. 36 1. z. B. das phonicische Kvph auf Bellerophons Pflc- de auch nicht gestanden hatte, so sollte es diesmal statt der Schlange darauf gestanden haben. — Im Gemähldc der Braut überrascht die Deutung, daß es nicht die Schmückung derselben zu einer wirklichen , sondern zur Hochzeit der Mysterien sey , wozu der geflügelte Genius allerdings den Wink gibt, mit einer reichen Aussicht. Es kann nicht fehlen, daß der Erklärer, wenn er mit seinem Scharfsinn bei mehreren Vasen diese Idee verfolgt, eine Menge Vorstellungen ins Licht seht, die bei Gori, Passcri u. f. in wirklich geheimer Dunkelheit lagen. Hierauf sowohl, als auf die andre Hoffnung, die der Erklärer gibt, auf den eigcnthümlichen Geist des gewiß früh gebildeten, westlichen oder Großgriechenlandes bcstnlnre Rücksicht nehmen zu wollen, muß sich jeder sachverständige freuen, und dem Erklärer, der in die Schranken einer großen Laufbahn tritt, einen patriotischen , allgemeinnützlichen Sicgcswunsch zurufen. Ein großes Feld der schönsten Geschichte des menschlichen Geistes, der griechischen Poesie und Kunstfabel liegt vor ihm; in manchem derselben kann eine neue Epoche werden. Noch ist zu bemerken, daß zu diesen Vascnge- mahlden eine frühere Schrift des Erklärer» : Uebec den Raub der Eassandra auf einem Gefäß von gebrannter Erde, ni i t Erklärungen von Meyer und Völliger (Weimar 179-t-) i" Vielem gehöre. Sie ist so reich an Erläuterungen, daß sich darauf gewiß oft bezogen werden wird. - Und wenn diese Vasengcmählde rasch und glücklich 382 IH. Recensionen. geendigt sind, so ist zu wünschen, (die Arbeit selbst wird dem Verst dazu Trieb und Much sieben,) daß er mit seiner Erklärung sich in einem Nachträge auch an die her k u l an i sc h c n Gemäblde und an die D'H a n ka r v i l li sc h e Vascusammluug füge. B.ide warten auf ihn- denn überhaupt ist über Statuen, Gemmen und Münzen des Alrer- thums unstreitisi mehr, weit mehr sielcistet worden, als über Basreliefs, Vasen und Gcmahlde. (Erscheine also bald die zweite Sammlung; und jeder, der zu ihrer Forderung beitragen kann, trage dazu bei, daß die wieder erstandene Eampanische Muse sich Deutschlands freue. Griechische Basengemahlde. Mit archäologischen und artistischen Erläuterungen der Originalkupfer. Hcrausge- geben von C. A. Böttiger. Ersten Bandes zweites Heft, Weimar. Dies zweite Heft enthalt die Driginalkupfer N. 3 — 9 . deren die meisten archäologisch und artistisch Merkwürdig sind und cs durch die Erläuterungen des Herausgebers dem Alterthumsforscher so wie dem Kunstliebhaber noch mehr werden. Ihr Inhalt wird für sich selbst reden. III. Recensione». 383 1. Zuerst ist die Sammlung von Gefäßen i» gebrannter Erde zu Florenz von Hrn. Professor Meyer in Weimar in tuc meisterhaften Manier beschrieben, die mit jedem Wort gleichsam zu Werk geht, in der, treffend, kurz und gut, man alle Denkmahle der Art beschrieben wünschte. Uebcr die Entstehung der Schüsseln und Vasen von gemahlter Majolika ist S. 14. 20. 21. Auskunft gegeben. 2. Es folgen Auszüge aus Briefen über die Vasensammlungen in Rom, von unserm gelehrten Landsmann Uh den (S. 22 — 26.) über die Vasensammlungen in Paris vom Eonservateur des Museums der Antiken, Millin, mit der Beschreibung eines merkwürdigen Vasengemahldes von Lrest und Pylades, dessen Bekanntmachung mit Erläuterungen uns r ess Herausgebers auch in Deutschland zu wünschen wäre; (S. 27 — 35 .) sodann ein kurzer Brief von D. Scherer über die Glasur der Alten auf ihren Vasen. (S. 35 . 36 .) 3 . Nach diesem Vortrabc, der nach und nach eine allgemeine Vasen - Notiz werden kann , folgen die Erläuterungen der in diesem Heft gelieferten Gc- mahlde selbst. Das dritte enthält Mantelfiguren. Was über diese gesagt werden kann, scheint hier fast erschöpft Zu werden; die Materie wird aber auch lehrreich durch mehrere Ercurse, z. B. über die Vorstellung des Volks (^v.op) in Einer Gestalt oder in Gestalten, (S. 48.) als Zuschauer u. f. (S. 5 c>.) Regeln des Anstandes im Klciderum- wurf bei den Alten, mit Erklärung dec dabei ge- III. Reccnsioncn. 334 brauchlichcn Worte; (S. 62—-6z.) ein zumKunst- verstandniß der Dcappcrie der Zlltcn nicht zu übersehender Aufsatz, mit cm paar Bcilagcn. Das vierte Gemahlde, Iris die Waffe n ü b er b r i n g er i n , gicbt bei Auscinanderlc- gung dcs Panzers eines alten griechischen Heros zu mehreren Berichtigungen Anlaß, da in dieser Abbildung die alte Rüstung in ihren Theilen und Verzierungen sehr deutlich erscheinet. Sodann wird die Kleidung der Iris, ihr Kopfputz, ihr Kleid, ilre Flügel, ihr Caduceus vorgczeigt, und bei Gelegenheit dcs letztgenannten Symbols die Entstehung des Mer c u ri us sta b e s, als eines phonicischen Kaufmanns- und Handelszeichens, das ursprünglich mit Zweigen umwunden und mit dem Kunstknotcn , (als einer Firma), bezeichnet gewesen, so leicht und anschaulich gemacht, daß man fortan bei dem griechischen Hermes an den ägyptischen Thot schwerlich mehr denket. Zu wünschen wäre es, daß der Vers, diese glückliche Exposition weiter verfolgte. Wie sich die Ilias und Odyssee auch durch ihre Bolhschaster, die Iris und den Hermes unterscheiden, ist S. »i2. nicht übersehen worden. Beim fünften Gemahlde, Gruß u n d Handschlag wird die Sitte des alten Handschlages ans Licht gesetzt, und auS der Frage: „Werder junge Held sey, der die Hand dem Könige beut?" entspringt die andre: „wen oder was der Ring am Fuße dcs jungen Helden bezeichne?" Ein paar Bcilagcn hierüber von Tischbein und Uh- den folgen. Die III. Recensionen. 385 , Die Erklärung des sechsten Gema hldes : „Theseus bestraft den F i c b t e n b e u g e r" stellt jenen Heros nicht nur in der Unternehmung dar, die das Gemahldc zeigt, sondern überbaupt als den Herkules der Athenienscr, in dessen Thaten, die säst alle auf Entwilderung und Veredluin der Menschheit, auf Besirafung und Beschränkung d.r Bosb.it abzwcckt.n, von den Griech.n selbst eine M oral in B ei spiele n u n d Abb i l d u n g e n auf öffentlichen Platzen und in Tempeln als das sprechendste Erweckun.go-mittel zur Lugend und Psticht- maßigreit gegeben ward , dem also auch Euripides (wabrücheinlich nach der Bestrafung des Sciron,) die Worte in den Mund legt: „Schon ists, den Frevler zu bestrafen, schön !" Das bemerkte eigentlich Attische in der Geschichte und den Vorstellungen Theseus giebt manche weiter zu verfolgende neue Seite. Das siebende Gemahlde : „M cdea b e- rcdet die Töchter des Pelias zum Va- t e r m o r d e" ist sehr anschaulich ; daß es indesi die Stelle der tragischen Muse vertrete, (S. rl>r.) ist nicht zu wünschen. Vielleicht möchte auch Einiges in der Geschichte der Medea hier zu künstlich ausgclegt lern — eine Scilla, die wohl eben so vorsichtig zu vermeiden ist, als die gegenseitige Eharvbdis zu g cmeinc r Vorstellungen, in die unsere neuere Altertbumsausleguug der lieben Sim Plicitat wegen binsteuret. Die Zauber- und Hepen- geschichtcn der Griechen werden hier mehrmals wohl „orientir l." Herders W.Lit.u.Kuiist. XM. Bb 336 ZI7. Recensionen. . Endlich das achte und neunte Estmahl- de: Erscheinung des Triptole in u s ist in diesem Heft selbst eine schone Erscheinung. Di- Deutung des Gemabldes auf diesem Liebling der Ceres, sein Mtgclwagcn, die Drachen oder Schlangen desselben, seine Darstellung in den Mysterien u. f. (auf eine scharfsinnige Zusammenstellung gc- bauet, die das Titelkupfer auf Einmal darstellt); sie geben eine so neue Ansicht dieser Flügelthrone und Drachen - Flügelwagcn , daß man insonderheit auch auf die künftigen Gcmahlde von Mysterien- und T h ca te rer sch ei n un g e n aufmerksam wird , zu denen dem Vers. , der kleine Winke so lebhaft zu benutzen weiß, in den folgenden Gcmähldcn reiche Anlässe kommen werden. Möge der dritte Heft dem zweiten bald folgen! 4 . Blüth en aus Trümmern. Won G. A. von Halem. Bremen >798. 264 Seiten in li. „Nicht jeder Marmor allein, auch jeder Laut wecket auf dem klassischen Boden Griechenlandes un- willeührlich das Andenken des alten Hellas. zS. 27 .) Hier, sagt der Vcrf. S. 3. der Vorrede (auf den HI. Necen si o n e n. 3L? Inseln des griechischen Archipelaqnsl lebt ein Volk- chcn, das vom festen Lande und dessen Vcrderbniß getrennt, seine, ursprüngliche Eigenheit meist -erhielt., und ohne viele Gesetze, olme große Wissenschaft , nahe blieb der Natur. Sie kennen nichr die Türkische Sonderung der Geschlechter. welche die Griechen des feste» Landes schon nachabmtcn: nur die Tugenden ihrer Landsleute, die gneasische Gast- fr. ibeit, Nüchternheit, Keuschheit, Arbcit'amkeit, L. ildthatiqk.it sind einheimisch bei ibnc». Auw üb.r ste ward die Lebbasliqkeit der Gri.cnen und deren leidensichaftlickc Liebe für Gesang, Saitcnspiel, Tan; und Poesie in reichem Saaße ausge-.ossen. Ihre Frau.nzimmer sind große Kunst!.rinnen im Sticken. Cie v> Sammeln sich vor den Häusern und unterhalten sich wahrend der gemeinschaftlichen Arbeit mit kleinen Erzählungen (Paramnthien) oder fordern andre auf, sie damit ;u unterhalten." U. f. Aus dieser Idee, aus dem Eindruck ne.mlich, den dein Bert. die Beschreibungen Tourneforts, I > Roy, E b o i f e u l - G o u f f i e r, Spon, Wheler, Guys, Ehandler, Savary -und andre Reisende aaben, entstanden diese zarten Darstellungen , Schilderungen und Erzählungen, die dem größcstcn Theil nach selbst P a r a m yiheen sind. Ihr Inhalt ist sehr abwechselnd; ihre Einkleidung nichr minder. Leid und Freude treten uns in wohlgeordneten erlesenen Scenen vor, und überrasch.» oft mit einem uncrwart.tschonen Ausgange. Allesammt sind sie Kinder der ächten Naturcnipun- dung; Unschuld, Thattgkeit, Li.be und Eroßmuth, Bb 2 333 III. RcccnsioneN. häusliche und gesellige Tugenden sind hier in einem Kranz von Blüthen über Trümmern alter Aciren, mit Grazi.nhand.n gewebet. Der Verf. hat süfe Stunden genessen, da er die Erinnerungen seiner idcalisehen Reisen in diese Dichtungen ordnete; er schaffet sie auch seinen Lesern. Unter den Erzählungen macht i> der Pilger auf Pathmos (S. 9.) mit Recht den Anfang. Die Erfahrungen deS Papas und die Geschichte des Theobalds geben uns ein neues Interesse für diese Gegenden und für alle folgenden in ihren dae- gestellten Scene». 2. Der Bischof von D a- m a l a. Das griechische Wiegenlied, das von ibni handelt, sagt uns in einer dreifachen Anwendung, die sich gleichsam von selbst giebt, die weiseste Le- bcnslehre. 3 . Im Sebabculi sind, nach einer anmnthigcn Einleitung, mehrere Sentenzen Sa- di's, als gesungene Lieder in eine treffende Situation gesetzt. Das schöne Ufer von Stambül konnte nicht besser gefeuert werde». 4. Delli von E a- sos. Der Eontcast zwischen dem barbarischen Wohlleben des Türken und dem menschlichen Leben der Easiotcn konnte schwerlich,einen glücklicher» Moment geben, als diese Scene des Wicdcrsindens einer getrennten ehelichen Liebe und Freundschaft, ü. Die Quellen-Mädchen. 6. Elelia. 7. Die Stickerin. 8. G e m i l u n d Z 0 e. in. Dcr Traum. 11. Der Aaubcrcr auf Nax 0 s. 12. Die Eifersucht, sind griechifche Para- myt hsten; ein paar derselben sind aus G uyS nufgefaßt, die andern in dieser Manier gedichtet. Die Gaben des Zauberers auf Naxos und die Eh- HI. R e c e II si o n'e n. Z89 enrettung des weiblichen Geschlechts im Munde der Zclia sind von der zartesten Act. 9. Die Mutte r k I n g e beim ,T 0 de der T 0 chter könnte in cincr griechischen Anthologie sichen; c3. Die Laube zu Tcned 0 s ist wie ein Idyllengesprach Gcßncrs. iz. Das Grab Homers nuf Nio (Jos) hatte auch ohne die zweite Scene einen andern Ansgang gewinnen mögen; dieser indessen macht das Andenken Homers sinnlich, i5. Der Franke in Sc io preßt den Wunsch aus, daß alle Franken in allen Welttheilcn sich so verhielt,», wie dieser Franke; und rti. Die Blume Oschadi erregt den Wunsch, daß unser Verfasser mehrere Bilder der Hindu's so anwcnden möge, wie er hier den Solm des Himmels und der Täuschung, Kama, den indsschen Liebesgott, mit seinen Symbolen gewandt und angewandt hat. DaS Lied der Indianerin (S. 174. 176.) die ihrem Geliebten in die Flamme folgt, isi schauerlich gross. 17. Die Schlange Python, als ein Symbol der Pest betrachtet, leitet sehr edle Gesinnungen ein, diese und andre Pestschlangen zu überwinden. 16. Der F e l sen b c w 0 h n e r am Libanon, der einen harten Knoten zwischen Glauben und Liebe mit dem kalten ssiscn des Todes zerschneidet, laßt uns in einer Betäubung zurück, die vielen Gedanken den Weg öffnet. Als Anhang erscheinen Colli n s bekannte Idyllen Hassan der K a m e e l- t ccibcc und die Fluch klinge; und als Nachtrag Cyrhcrens Verheißung, ein schöner homerischer Hymnus. Die Anmerkungen (S. 22c — 204.) sind Früchte einer reisen Lcktur, sehr wohlgefällig zu lesen; so wie das Ganze eine Luftfahrt III. Ne een'jenen 3;)n auf den griechischen Inseln, anmuthig und belehrend. Möchte ein sanfter Zephyr jener Inseln diele Blätter in die Hände unsrer Töchter- und Jünglinge führen, daß sic sieitt langer berauschender Romane sich nach und nach an kurze Erzählungen, an stille und wahre Scenen der Natur gewöhnen. Die Griechen lübtcn Kemahlde solcher Art, d. i. einzelner häuslichen und öffentlichen Ereignisse; ihre schönste Mythologie ist daraus entstanden.' mir dem Andenken an dergleichen örtliche Begebenheiten schmückten sie Lustplatze, Tempel und Haine. Auch andre gebildete Nationen folgten ihnen hierin nach, und zu wünschen wäre es, das gleichsam an Drt und Stelle jede Gegend der Erde gefeuert würde, die der Genius der Menschlichkeit, der Liebe, des Erbarmens mit seinem Fußtritt je berührte. Denn wie heiliger sind die State» als Schlachtfelder, Prunkorte des leeren Wabnes! —- Auch geben dergleichen kleine Erzählungen etwas, was lange Romane selten geben, nämlich den Gei't e i q n e r E r; a b l u n g und geselliger Unterhaltun g. „Erzählt, rufen sie uns zu, wie ihr hier erzählen hört, Eure Begebenheiten und Vorfälle des Hcneiis und Tages. Vergnügt andre mit euren Parainvtkien; und die schönsten Zü-e, die euch in solchen Erzählungen gefalle», eignet euch zu, zu welchem Zweck, (die in der Erzählung verkommenden Lieder ausgenommen,) in dieser .Dichtungsart die Prose vor der Poesie Vortheilc zu haben scheint. III. Ncccnsionen. o. Wort«? der Lehre, des Trostes und der Freude, von I. Iac. Mnioch, Görlitz 179^. ,,Den 22., sagt eine Rciscbeschreibung, kamen wir an einen schönen Drt. Vor ihm begegnete uns eine Procession, die in der Landessprache, (sie feuerten eben das Früblingsfcst des Neujahrs) Bitten und Gebete sang fürs Wohl der Menschheit. Weiterhin empfing un-s ein Hain von Eypressen und Oelbaumen, in dem Inschriften und Bilder uns bald belehrten, wo wir waren. Der Jüngling mit der Fackel, Embleme von trauriger Saat und fröhlicher Ernte, Inschriften, wie diese: Alles kehret wieder, Was wir geliebt mit reinem Herzen, was Als gut und schön sich unseren Geist vermählte, fRbrten uns zu einem Rasenhügel, auf dem von -rhranenweidcn und Myrrhen bedeckt in weißem Marmor eine jugendliche Gestalt ruhte. Ein Kind im Arm haltend, reichte sie die andere Hand zwei Kleine», die diese Hand mit gesenktem Haupt küßten. Unser Begleiter sagte uns, daß sich auf dienin Hügel zuw.ilen ein Gesang in ruhr.ndcn Tönen hören lasse, dessen Endwortc seycn: Z92 1H. 3 > ec en si 0ncn. Ach, wozu empfingt ihr Herzen, Menschen, wenn ihr euch nicht liebt? Mehr wußte er von dem Gesänge nicht. Die Nachtigall schlug lieblich ans dem Grabe." So weit die Rcisebeschrcjbung. Der Leser bemühe sich um dieselbe nicht; sie ist des obengenannten Buchs Inhalt. Sein Verfasser, der dem Leser wahrscheinlich schon durch frühcre Schriften bekannt ist, bat zn ihm eine traurige Beranlassung gehabt, den Tob seiner Gattin, deren kleine aber sehr schätzbare Hinterlassenschaft er mit cinigcn seiner eianen Aufsatze cinlcitct und verflicht. Wir wollen wie in jener Rei- sebeschreibung seiner Einleitung folgen. r) ,,Litancy, oder allgemeines moralisch- politisches Gebet. Ein Zcitgedicht zum Neujahr 1797 nebst erläuternden Anmerkungen." — Eine herzlich-vertrauliche Anrede an den Vatcr Aller nach dt» Bedürfnissen der jetzigen drückenden Zeit. Kein Mcnschenhcr; wird sie ohne Lbeilnebmung lesen. Ab.r warum heißt sic Litanei)? Hinweg den verbrauchten Nam.n ! — So hatten wir auch dem Verfasser 2) „Den Versuch über eine zwi e- fache Hinsicht, in der ein V er s ma as behandelt werden kann," so viel Gutes cr enthalt, an diesem Orte verziehen. Der Herausgeber der Terpsichorc, der dazu Anlaß gegeben III. Necensionen. ^3 zu haben scheint, ehrt und liebt mit dcm Veröden Zanchus im hohen Grob; und wie sollte ers nicht, du cc ihm in Shakespear, Milton, Thomson, Kleist, Lessing, Gleim, Klopstock, Wieland, Goethe, Bürger u. a. oft und viel Freude gemacht hat ? Seine Absicht mar — doch hier ist nicht der Drt dazu; xs folgen: 3 ) „Zwei Gebete fü x eine aufgeklärte und gebildete christliche Gemeine, mit besonderer Hinsicht aus m 0 ra l i s ch - re! jg i 0 s e Bedürfnisse unsrer Zeit." Sie sind in Prose, voll desselben Herzens und Geistes, die das erste Stück beleben. 4) „Ucber Bilder und bildliche Vorstellungen des Todes, und über einige damit verwandte Gegenstände. In Form einer Rede," — nicht künstlerisch werden diese Vorstellungen erwogen, sondern herzlich, Menschlich. 5 ) „Tod u n h Unsterblichkeit. Eine Kantate. Voran einige Gedanken über Knntatcn- gcsänge und Kantatcnmusik." — Die Eednnken sind sehr gut; so auch das Urtheil über Rammlers Kantaten. Indessen streben sie zu einem Einförmigen bin, das der Musik nicht wohl thut, dem auch, ihres reinmenschlichcn Inhalts ungcach- ttt, die beigesügte Kantate schwerlich entgehen mochte. Die Musik ist Bewegung und liebt Bewegung. Sie will nicht nur stark nuancirt seyn, sondern IN. Recensionen. ^9-t federt Abwechselung, Handlung Ibrer Natur selbffnach ist sic M elodrama; dieß schaffet sic in teilen, die Griechen belebten cs mit Gestalten. Unläugbar aber sind in dicscr Kantate rühr.ndschone Stell.n und Stropb.n. Dieß wäre dann dcr crstc Eingang zu dcm kleinen Denkmahl, das d>n Namen Maria Mnioch j.dem Leser von r.inem Sinn werth mach.n muß. Es heißt: 6) „Zerstreute Blatter, beschrieben von A. DU D. E. Mn i oc li, ged. Sc lim i dt. Angeschloffen ein paar Morre über das Leben der Nerfasserin." — „Diese binteclassencn Proben, (lagt der Herausgeber,) von der stillen Gcistestha- tigkcit einer guten Frau, enthalten eine Darstellung, ein.n lebendigen Abdruck von einer wahrhaft weiblichen Seele in Empfindungen und Mey- m ngen über Gegenstände, die nicht außerhalb dcm Kultur - und Geschäftskreise des WeibeS liegen. Die B.rfaff.rin hat nie Vcrmuthct, daß diese Blatter von fremd.n Augen würden gelesen werden. Ihre Unhcilc über Bücher und Schriftsteller sind mit voller Unbefangenheit aus dcm Herzen niedergcschrie- bcn und uus einem Kopf dcr mit dcm Herzen in unschuldiger Freundschaft lebte. So originell, dreist und kühn manches dieser Urtkeile scheinen mag, so wollen wir doch hoffen, daß dariun mehrere weibliche Seelen das Bild ihrer eignen Gedanken und Gefühle erkennen und begrüßen werden. — Sie las selten, (sagen die paar Worte über ibr Lcb.n) wenn sie allein war; am liebsten las sie ilncm Mann vor, oder ließ sich von ihm verlesen. Aber sic schrieb nur in einsamen Ctuntun, wenn sie. III. Rcccnsionen. 395 von den übrigen Haushaltungsgeschaften befreit, sich mit dcr Nobel beschäftigte und ihr mitten unter der Arbeit irgend ein Gedanke, eine Empfindung so lebendig wurde, daß sie sdlche auszudrückcn wünschte. Dann nahni sic ein Blättchen Papier, dos ihr zur Hund log und schrieb, oft nur mit Bleyfeder, nieder , was sie im Ausdruck beinah schon vollendet gedacht hatte. Sie legte Papier und Feder sogleich beiseite, wenn sie merkte, daß ihr dcr Ansdruck fehle. — Nut dem strengsten Ernst war sie dagegen, daß man einem Fremden Einiges dieser Blatter zeige. „Ich fürchte, sagte sic, daß wenn ein Fr. mdcr diese Versuche sabe, man mich vielleicht für ein literarisches Frauenzimmer hielte; ich würde es dann schwer haben in Gesellschaften. Man würde mich nach Dingen fragen, die ich nicht versiehe ; auch merke ich, daß inan sich gegen litera- risch-geglaubte Frauen öffentlich mehr erlaubt, als gegen ein stilles alltägliches Weib. Man setzt jene öfter in Verlegenheit, um zu sehen wie ihr Witz ihnen heraushclfen wird: man behandelt sie beinahe wie Männer. Wie cs mir dabei gehen würde, weißt du am besten." — Also aus dcr Hand dieser Kescheid,neu Hausfrau zur Probe ein paar beschriebene Blättchen. Friede, Geduld. Friede, mein Lieber, Friede! Schon oft versöhnte mein Kuß Dich Mit den Menschen, die ach! Ruhe suchen — im Str eit. Laß uns mir fröhlichem Sinn c.tragen wollen das Unrecht, III. Re ccn si 0 ncn. Das nicht schlechter uns macht. Liebe traget ja mit. Wahrlich, Du Haff Dich geübt in langem stillem Erdulden Uber nie mit Geduld, nie mit der inner n, mein Freund, * -r * Unser Vergißmeinnicht Blühet im Uugc der Kinder, Blübet so lange von uns Einer lebet, in Herzen, Die wir nach unsern erziehn, Lisderchcn sprechen nur dann, Wenn wir sie lesen, Mit dem Herzen nur glauben und zweifeln die Menschen. Die Unschuld Fürchtet kein Unglück; die Schuld athmet im Frühlings schwer. Von derselben Zartheit sind N. I. Die literarische Hausfrau. II. Glaube und Zweifel. V. VII. Pygmalion und Elise. VIII. IX. G lück und U n g lück der F c a u e n. XI. Dir an deinem Geburtstage. XVI. Ucker Terp sic höre. XVII. Hin ist hin, kehrt nicht wieder. XVIII. Gedanken nach Lesung des Schmidtischen Kalenders der Musen und Grazien. 1H. Recensioncn. 397 XIX. Allerhand Bemerkungen , einige darunter fürs Haus. XX. Gedanken nach mancherlei Lcctur. XXI. Liebe, Ein Gedicht voll heilsamer Lehre: Lernet das Gute genießen, ertragen das Böse. — Die Liebe Beut euch willig die Hand; sie ist des Lebens Gefährte; Aber täuschet sie nicht mit dem Ziele; Myrthe kränzet den Sieger nicht. XXI V. Bitte an die Weisheit. XXV Furcht und Hoffnung. Warum dürfen wir sie nicht abfchrciben? — Es folgen 7) Schattenrisse nach dem Leben. Gezeichnet in Stunden der Muse. 8) Bilder, benannt nach ihren Rahmen. Gesammelt auf ciner Reise durch SüdpreußcN. Mann und Frau haben sich mit diesen kleinen Ge- sellschaftsgcmählden und Eharaktetzügcn erlusiigt; und der Mann wird es nicht verübeln, wenn man die zartere weibliche Hand auch che man auf die Unterschrift sicht, wahrnimmc. Ohne die Personen zu kennen, greift es sich gleichsam, daß manche Gattungen treffend geschildert sind, z. B. der Kantianer, manche GeschaftsmanNec, so auch die Humanen nach der neuesten Art; desgleichen national der Pohle, die Pohlin, ist mehreren Rücksichten. Die Icichnerin trifft meistens den naivsten Ausdruck : z. V. 3 g 8 III. Necensivncn. Unfern täglichen Dichter in unserm eigenen Herzen, Der uns erfreut und betrübt, der uns erniedrigt und hebt, — Diesen Sohn der Statur zu bilden mit Weisheit und Güte, Sind uns, prosaischer Freund, Dichter vom Himmel gesandt. * * '(Langsam zu lesen.) Immer vernünftig, liebe Herren, Fein vernünftig laßt »ns bleiben. Auch mit Narren wollen wir weise, Immer weis' und besonnen reden. Hat doch jeder nicht für andre, Für sich selbst nur seine Vernunft. Unter den Bildern benannt nach ihren Rahmen sind N. 3 . <). r 3 , r6. 17. 19. naiv und schön; N. 20. edel und groß. — Das schöne Red endlich, zu singen im Kreise der allzukühnen W e lt r c so r m a t 0 r c n. 10) Das unmenschliche Streben zum Ziel der Menschheit ist vor andern einer Composition werth. Man höre die ersten Strophen : Solo. Ihr strebet und ringer zum Ziele der Menschheit; Doch selten aus Liebe fürs herrliche Ziel. Ihr strebet und ringet aus Dünkel und Ehrsucht Und tretet zu Boden — Was neben euch in gleicher Würde stand. III. R ecen fi o n e n. 3 gg Chor. Ach, wozu empfingt ihr Herzen, Menschen, wenn ihr euch nicht liebt! Solo. Bon diesen Altären der menschlichen Hoheit Steigt Jammer und Klage der Menschen empor; Empor zu den Sternen ! — Dort sollen sich freundlich Und brüderlich grüßen Der Priester und sein blutig Opferthier. Chor. Ach, wozu empfingt ihr Herzen, Menschen, wenn ihr euch nicht liebt. Die zwei folgenden Strophen führen den Inhalt fort. — Ein Lied für unsre Zeiten! Der Mitverfasser verspricht (S. 29.^.) eine Nachlese aus den Papieren der Verstorbenen.. nebst einer Schilderung derselben, die bisher wegen Krankheit, Sorge und Gram unvollendet geblieben. Befreie ihn der Himmel bald von diesen Plagegöttinnen, damit er sein Versprechen erfülle und dieser jungfräulich-mütterliche» Earita ein rühmliches Denkmahl stifte. 1!l. RecensioncN. 400 6 . Elcgieen von Proporz. (Sehr sauber gedruckt mit voranstehender Vignette von Mayer gezeichnet, von Guttenberg gestochen, ein mit Herkules Rüstung beschwerter Eros.) Leipzig 1798. (r Thlr. 12 gr.) Ein schönes und daurendcs Geschenk, für untre Sprache sowohl als für jedes Geniüth, das den Reiz sanfter und großer Empfindungen mit Kunst in Dichtungen ausgesprochen, zu empfinden und zu schätzen vermag. Man hat langst eine zwiefache Art Uebersetzek von einander unterschieden. Die eine sucht das Urbild Wort für Wort, ja wo möglich mit den Tönen der Worte herüber zu tragen; man hat sie Uebersetz er gettaNnt, indem man den Ton auf das Ucber legte. Die andre Gattung übersetzt, d. i. sie druckt die Gestalt des Autors aus, wie er für uns, wäre ibm unsre Sprache zu Thcil geworden und er seine Gedanken, in sei nein Umriß uns mittheilcn wollte, etwa sprechen würde. Dies ist die Art männlicher Ue Versetzung: denn wieweit es jene Gattung auch bringen und wie nutzbar sie zu gor III. Recensionen. zu andern Zwecken sevn maq, kommt sie doch nicht zum Ziel, indem sich unmöglich Eine Sprache in die andre verwandeln laßt. Unser Uebersetzer gehört zur zweiten Gattung; er hat sich darüb.r in der männlich schon geschriebenen Vorrede selbst erkläret. Nachdem er die Dichtkunst, besonders die erotische und dann seinen Proper; mit treffenden Gründen in Schutz genommen , auch die Veranlassungen berührt bat, die ihn, „in einem Zeitpunkt, der durch seinen unglücklichen politischen Einfluß jedes Herz erschütterte" erst in Prosa dann in Sylbenmaaßcn zum Uebersetzer des Proper; machten, fahrt er fort: „In der „That, ein prvperzisches Distichon immer wieder in „die ähnlichen deutschen Zeilen zu schließen, ist eine „Aufgabe, die zuweilen ihre Schwierigkeit hat. „Der Pentameter ist immer unsrer Sprache unbequem, weil er durch die wenige Abwechselung, die „wir ihm verschaffen können und durch öfternMan- „gel eines freiem Ausganges der letzten Halste, gar „leicht in Mattigkeit und Monotonie verfallt. — „Ucbrigens ist seit einiger Zeit viel, vielleicht zu viel „über unsre Sprache und Sylbenmaaße geschrieben „und gcklügelt worden; cs könnte fast schurren, „man wolle, statt den Kern zu nehmen, sich lieber „mit der Schale belustigen." Und fügt folgende Bemerkung hinzu: „Eine Sprache ist eine feste bleibende Sache. „Sie ist mit der Natur des Menschen, seiner Vor- „stcllungsart und Empfindung innigst verknüpft, so Herders W.Lit.u.Kunst. XIH. Ec Aac/Uere. 402 III. R e c ensi o n e n. „daß wer davon abwricht, unsre Empsindungsart „gewaltsam verändert. Jede Nation hat ihrc eigne „Empsindungsart, durch ihre Sprache ausgcdrückt; „und jede Sprache hat ibren eignen Wohllaut, dem „Sinn und Organ der Nation angepaßt, die sie spricht. „Daher fremden Wohllaut in unsre Sprache mi- „schcn, oder solche durch gezwungene Stellungen „gleichsam verzerren, äußerst widrig ist und jederzeit für Barbarismus gelten muß. Der Dichter „dürfte dies am wenigsten wagen; denn da er für „die Gefühle spricht, und dem Zuhörer den in ibm „selbst verborgenen eignen Laut gleichsam nur ab- „zulocken sucht, so beleidigt und verwirrt er sein „Gefühl durch fremde und gezwungene Töne aufs „gewaltigste. Nur, wenn der Dichter Gegenstände „auf eine Weile singt, die ein geleh rteres Ohr „erfordert, darf er Abweichungen wagen; doch müs- „scn solche nicht als Nothdurst oder Federung erscheinen , sondern als ein Geschenk, von dein man „den Gewinn sogleich gewahr wird." „Aller Vorthcil scheint hauptsächlich darinn zu „liegen, daß man die Sprache gut spricht, das „heißt, sie auch gut ausspricht. Hiermit hat „die Natur einen gewaltigen Unterschied in das Or- „gan der Menschen selbst gelegt; und hiermit ist auch „am meisten Verfeinerung und Verbesserung anzu- „bringen. Wohlgesctzte Tone, wohlgcsprochcn, entzücken jedes menschliche Ohr; aber am meisten in „der Sprache, die uns zugehört, und durch die ein „reicherer Empsindungsquell uns zuströmt. Bci „Gedichten ist dieses Studium der A ussp r a- „c h e am meisten zu empfehlen, da sie auf Ohr III. Recensionen. 4^3 „und Her; zugleich die Wirkung thun sollen. Die „bessere Aussprache unsrer Verse wird hauptsächlich „auch darinn mit bestehen, daß wir gleichgültigcrn „Sylben zu gehöriger Zeit einen Pollern Ton zu Zeichen wissen, vorzüglich nach gewissen Ruhepunkten, „und daß wir das Rauhe und Schwere gewisser „Töne durch die Aussprache lindern. Nicht alle „Harte übrigens ist Uebellaut, so wie nicht immer „das Weiche Wohllaut ist. Wir haben durch Nachahmung der griechischen und römischen Sylbcn- „maaße und Vcrsarten gleichsam den Harnisch der „Alten angezogen. Einige kleidet er wie Waffen „des Achilles; andre thun sich vielleicht zu viel dar- „auf zu gut. Möge er uns auch den Geist und „die Kraft der Alten verleihen, damit eine glückliche Aera unter uns gebildet werde, und die „Enge und Klcinseligkcit entweichen möge , die noch „überall den Geist unsrer Nation zu beschranken „scheint." Nach Grundsätzen dieser Art wird man keine gemeine Uebcrsetzung des Pcoperz in rasselnden Hcpamctern und hinkenden Pentametern erwarten; auch auf eine eigne Art der Scansion, die der Uebersetzer hie und da mit Fleiß und Geschmack anbringt, ist man bereitet. Ucbrigens ist zu wünschen, daß sich die guten Köpfe und Organe unsrer Nation nicht sowohl über die Lange und Kürze als über die Schnelle und Langsamkeit (rnoras) gewisser Sylben , Worte und Regionen vereinigen möchten e denn hieran scheint es besonders zu liegen. Kein Sprach- concilium, auch keine gebietende Zeitschrift; alsiin Cc 2 III. Rccensionen. die Einstimmung mehrerer Dichter und der daher unmcrklich entstehende Gebrauch, Istsus, penes guorri est ark>1triniri et jus et nornia Ivgueneii muss und kann sie allein vereinigen. Der Vecsi gegenwärtiger Anzeige erinnert sich der Stunden, in welchen er diese Übersetzung des Proper; von einem guten Organ verlesen horte, mit innigem Vergnügen. Vom Stvl zum Werk! Der Uebersetzer hat seinen Dichter in dem großen Sinn genommen, der ihm gebührt; dies beweiset sowohl die getroffene Wahl , als die Uebersctzung und die ikr beiqefügten kurzen Anmerkungen über die Pr 0 perzische Elegie. Ein falscher B.griff isis nämlich, daß diese schone Dichtungsart sich nur mit Klagen , ja gar nur mit Klagen der Liebe abgebe, mithin so gut als planlos sey: denn welche Abwechselung , welcher Reichthum des Stoffs bliebe dem elegischen Dichter, der immer nur klagen und klagen müßte? Schon Hora; hatte diesen falschen Begriff entfernen sollen, der ausdrücklich sagt: Versibus iinpsriter juiictis g n e ri in 0 nis p r iinn in, i?08t stism inolu8s «8t v 0 ti sunt« iitis «0INP08. Die Ucberbleibsel der griechischen Elegie, (Schade, daß ihrer so wenige sind) noch mehr die Nachrichten, die wir von ihr haben, am meisten Proper; selbst, der es ausdrücklich unternahm, die griechische Elegie, wie Hora; die Lpra der Griechen, in ihrem ganzen Umfange seiner Nation lind Sprache, sofern diese es gestattete, zu schenken , zeigen das weite Gebiet dieser Dichtungsart, das an Umfange sowohl als Einheit der Regeln der Ode nicht nachstehct. Den höchsten Gegenständen füget sich, obgleich in dem mildern Ton, den ihr Syl- benmaaß gebietet, die Elegie an, sogar das Schreckliche , Gransendc fürchtet sie nicht. Kühn kann man sagen, daß Properz in seiner Art so reich,, ja vielleicht reicher als Horaz in der scinigen sey, und daß er von der griechischen Elegie in jeder künstlichen Gattung eine Probe zu geben gesucht habe. Eine Abhandlung hierüber von unseren Ucbersctzcr würde belehrend gewesen seyn; belehrend ist, was er hievon durch Wahl und Lhat erweiset. Die vielartigsten, zugleich die schwersten Kunstwerke des Römers, der sich durch sie mit dem ganzen Fleiß und Ernst seines Lebens ein unsterbliches Denkmahl zu errichten strebte, sind durch ihn mit fein.r und fleißiger Nacheiferung in unsre Sprache verpflanzet. Buch I. El eg. i. Eynthia. „Der Ausbruch einer Leidenschaft vom ersten Funken zu einem unlöschbaren Brande." Eieg. 2. Der Dichter mißrath der Geliebten den Putz, und preiset ihr statt dessen die Grazie der ungeschmücktcn Schönheit- Sanft und harmonisch. El eg. 3. Die Schlummernde. Ein Gcmahlde des größten Mahlers Werth; ein Nachrstück voll Leben. Eleq. 4. (lat. 6.) Kampf zwischen Liebe und Freundschaft, in d,m jene bei weitem sieget. Der Dichter kann sich nicht trennen von seiner Geliebten. El eg. 5. (lat. 3.) III. Reccnsioncn. 406 Ennthia will ikm verlassen; er halt sie zurück, zuletzt mit trunkmr Freude. Eleg. 6. (lat. 6.) Rath- schlage an seinen Freund, den Hcldendichter Penti- cus, über die Liebe. In eignem Ton thcilnebmend, neckend und selbst voll Liebe. Eleg. 7. (lat. 11.) An Ennthia zu Baj a. Leise warnend und sehnend e Du bist, Cynthia, mir mein Haus und Vaier und Mutter, Du mein, einziges Gut, du mein Bcrlangen allein. Geh' ich traurig einher, begcgn' ich fröhlich den Freunden; Traurig und fröhlich, cs kommt, Cynthia alles von dir. Eleg. 8. (lat. 14.) Glück der Liebe, verglichen dein Glück des Rcichthums. Ist die Göttin mir hold, was frag'ich nach lydischcn Schätzen? Auch Alcinous Reich ist mir des Wunsches nicht werch. El eg. 9. (lat. 17.) Ht insrito! Mitten auf der See, in Gefahr des Schiffbruchs, mit Wünschen nach dem Ufer und feiner Geliebten. Hatte das Schicksal bei mir mein langes Leiden begraben — O so deckele dann leichter die Erde den Staub. III. Rccensionen. 4»7 El cg. 10. (lat. 18.) „Eine einsame, öde Gegend. Nur geheime Klagen nimmt der Ort auf, den außer des Zephyrs Hauch niemand bewohnet." Eleg. rr. (lat. 19.) „Hier führt uns der Dichter ins Tod- tcnrcich." tleber des. Schicksals Fluth schrecket der Liebe Gewalt. Eleg. 12. (lat. 20.) Geschichte des KnabenS Hy- las. „Eine genauere Vergleichung zwischen der Erzählung des Proper; und Theokrits müßte allerdings unterrichtend seyn." Zweites Buch. „Mit ihm steigt der Dichter von den simpeln Formen des ersten Buchs zu höheren Formen. Eleg. 1. Die Elegie ist wie ein Portal zum Eingang in ein neues Buch bestimmt. „Indem der Dichter versagt, erhabne Gegenstände zu singen; zeigt er, daß er sie singen könne und hebt Eynthiens Lob desto höher." Eleg. 2. 3 . Die letzte hat fast den Eingang einer Ode. Eleg. 5 — 7. Voll kühner Uebergange; zum Thcil selbst zerrissen. Auch über diese zerrissenen, von den Herausgebern umhcrgetvorscnen Stücke sind die Bemerkungen unsers Uebersetzers nicht unwürdig. Eleg. 8. (lat. 12.) Ein treffliches Gemahlde! Eleg. 9. (lat. 12.) Liebe und Dichtkunst wettck- fcrn; die Richtcrin des Gesanges erhält denselben Preis, den Liebe und Schönheit ihr zusagt. Eleg. rn. (lat. 19.) „Warum weinst du? Eleg. n. (lat. 24.) Die Kranke. Schönheit ist sterblich. Es ist kein Glück ausdaurend auf Erden. 4v3 III. Recensionen. Früh senkt oder auch spat jeden sein Schicksal ins Grab. Aber o du, mein Leben, aus großen Gefahren entronnen. Gieb im Tempel de» Tanz, den du Dianen versprachst. Eleg. 12. (lat. 25.) „Alle Liebesgötter nehmen sich der Verlassenen an und zeigen auf sie als auf den Reichthum aller Schönheit. Buch 3. Mit diesem Buch nimmt der Dichter einen neuen Schwung. Er verseht sich unter die Manen der griechischen Elcgiaker: Die Must breitet ihm einen Triumphswagen ; er verspricht sich, dem Neide zum Troh, die Unsterblichkeit. Nicht der köstliche Schatz des mausoläischen Grab^ mahls Mag der verheerenden Zeit letztem Verhängnis entgehn — Aber des Genius Ruhm mag kein Zeitalter verwüsten, »- Ewig steht er, und blüht auf, mit erneuerte« Glanz. . Eleg. 2. Ein Traum auf dem Parnassus. Eleg. 3. „Liebende lieben den Frieden." Der Dichter zeichnet die Beschäftigungen und das Glück seines künftigen Lebens aus, eines friedlichen, nicht kriegerischen Lebens. Eleg. 4. (lat. io.) Die Musen selbst wecken den Dichter, den Geburtstag seiner Eynthia zu feyern; das Stück scherz ihn, wie je einer gefeycrt ward. El eg. 5 . (lat. 11.) Eleg. 6 (lat. r2.) An einen Gatten, der aus Ruhmsucht seine Gattin verlassen hatte: „voll Warme für die eheliche Verbindung und voll Würde." Buch 4. Eleg. 1. Von der Stadt Rom, an einen Sterndeuter. Eine Elegie von i 5 o Versen, enthaltend Roms Veschrcibung und des Dichters eigene Geschichte. Eleg. 2. (lat. 3 .) Arethusa an Lykotas; „eine der zierlichsten und herzlichsten aller Elegiecn." Eleg. 3 . (lat. 6.) Der Attische Sieg, eine Lobesfcier Augusts; voll Dichtkunst. Wahrscheinlich ein Tributs den der Dichter Einmal für Allemal brachte; und er brachte ihn reich, prächtig. Eleg. 4. (lat. 7.) Eynthiens Schatten. Auch die Manen sind Etwas. Nicht alles endet im Tode; Ueber der Flamme schwebt bleich noch der Schatten davon. Cynthien sah ich — Sie machte ihm Vorwürfe, hat Federungen an ihn, spricht erst wie ein Schatte — dann — endete sie den klagenden Zwist; und umarmen Wollt' ich sie; sie verschwand meinem umfassenden Arm. Eleg. 5 . (lat. 3 .) Das Lanuvifche Fest. Ein Römisches Sittengemahlde. Endlich die Königin aller Elegien des Altert hu ms: Eleg. 6. (lat. ii.) Cornelia an Paulus. Die sterbende oder vielmehr gestorbene Römerin, ein Ab- st' W -r 4io III. Reccnsionen. kömmlinq der Scipioncn und Libonen, spricht ihrem Gemahl und ihren beiden Kindern mit allem edlen Stolz ihres Geschlechts , mit aller Würde einer Matrone, und dem häuslich-zartesten Gefühl für Gatten und Kinder ihre letzten Worte, nach welchen sie fest und stolz vor Minos erscheint. Meine Sach' ist gesprochen. Ihr thränenden Zeugen, erhebt euch! — Sitten erheben zum Himmel. — Schon diese Anzeige macht auf den Reichthum an Dichtungen aufmerksam, den wir mit diesem Geschenk in unsrer Sprache besitzen; trete nun ein andrer hinzu, und füge die hier vorübcrgegangenen Stücke bei. So viel die Dde vor der Elegie an Schwünge sowohl als an lyrischer Abwechselung voraus hat: so hat diese Gcgentheils das vor Ihr voraus, daß sie in ihrem sanfteren Schwünge tiefer ins Herz grabt, die Empfindungen, indem sie sie spielen laßt, viel artig er verwebt, leiser entwickelt und gewiß künstlichere Wendungen nehmen muß, als ein gebundnes lyrisches Sylbenmaaß nöthig hat oder erlaubet. Mit ihrer rührenden Doppelflöte kann sie die Weckerin aller unsrer Empfindungen von der höchsten und stürmischen bis zur sanftesten seyn; eine Heroide der Dichtkunst, wie auch ihr Name sagt. Unscrm Ucbersetzer, der den Wunsch des Proper;: Sanft hin fließe mein Vers unter gefälliger Kunst, erfüllt hat, werde in seiner Nation ein Zweig vom Kranze des römischen Dichters. Das Werk verdient, daß sein Name genannt werde: von Knebel. III. Recensionen. 4 " 7 - Ludwig The obul Kosegarten Brit- tisches Odeon. Erster Band. Oder: Denkwürdigkeiten aus dem Leben und den Schriften der neuesten Br itti scheu Dichter. Bon L. T. Kose garten. Berlin 1800. Seit cincr Reihe von Jahren waren wir in Ansehung der Brittischen schonen Literatur ziemlich zurückgeblieben; jene rasche Thcilnahme, zu der Bodmer, Ebert, Lessing, Meinhard, Blankenburg, Eschenbucg u. a> so viel beitrugen, hatte sich lRomane etwa ausgenommen) ziemlich geleget. In Kosegarten tritt ein Mann auf, der sie wieder erwecken kann, und zwar hat Er sich ins rechte Feld, die lyrische Dichtkunst (das Wort im weitesten Sinne genommen), mit großem Glück gcwaget. Unglaublich steht ihm die Sprache zu Dienst; wie ein Genius herrschet er in ihr, und weiß ihre Fülle, ihren Reichthum und Wohlklang mit einer Gewandhcit und zugleich mir einer Natur anzuwenden, die oft überrascht, oft bezaubert. Fast mochte man sagen, Ec habe diesen Theil deS brittischen Parnasses, der in der Ursprache 412 III. Recensionen. bisweilen sehr eintönig ballet und wicderhallet, zu einem Odeon gemacht., und indem er manche Bilder von ihrem drückende» Schmuck entlud, für uns Deutsche wenigstens genießbarer, freier und schöner Naturalist ret. Die Dichter, die in diesem Bande vorgcführt werden, sind Ehatterton, Graeme, Bruce, Pen rose, Jago, Jenyn, Lowibond, B l n ck l o ck. Die Denkwürdigkeiten ihres Lebens stehen voran; wohlgewahlte Proben aus ihren Werken folgen. Im folgenden Bande, dessen Erscheinung sehr wünschenswerth ist, dürste man jene, die Lebensumstande der Dichter, hie und da kürzer, die Gedichte selbst aber mit einer strengeren Würdigung begleitet wünschen, daß auf solche Weise das Brittische Odeon für uns Deutsche auch ein Kritiken würde. Die Dichter, zu denen uns einige, obwohl leider ungewisse Hoffnung gemacht wird, sind Dodslei, Langhorne, Shaw, Whitehead, Warton, Cotton, Day, Dy er, allcsammt rühmlich bekannte Namen. In diesem Bande sind Ehatterton'S Gedichte eine Erscheinung, die (wie der Liebhaber weiß), zu ihrer Zeit viel Aufsehen erregte, viel Streit ver- anlaßte; des Dichters Leben ist der Aufschluß des Räthsels, ein trauriger Roman. O daß der kalte Horaz Walpole, der den Jüngling bei seiner vochabcnden Täuschung des Publikums vornehm von sich stieß, genialischer gefühlt, ihn bei der Hand ergriffen und gefahrloser in die Welt eingeführt hatte! Dadurch wäre ein Genie gerettet und sich selbst hatte III. Rcc c n i, o ii e n. 4.3 er den edelsten Kran; geflockten. Oder Ware, da der junge Mann einmal mit seinem genialischen Blendwerk „gefundner alter Gedichte" zu weit vorgeschritten war, der hülfreiche Freund, der d n Tag nach seinem Tode, ihn aufzisiuchen, in London ankam , einen Tag früher angclangt! Nun ist Charte rton eine poetische Rakete, die glänzend empor- sticg, um schnell zu sinken; sein Leben aber bleibt eine sehr denkwürdige Lection der Menschheit. In einem andern Betracht ist Blacklocks Leben merkwürdig, des bekannten blinden Dicht,rs, Predigers, Philosophen und Musikers, der wenige Monate nach seiner Geburt das Gesicht völlig verloren batte. Einige Strophen von ihm mögen ihres Inhalts wegen hier stehn: (On Isis resineinants ok Isis Ieletapsi)sicak xsiilosoxsi)',) A b s a g u n g. Falsche Weisheit, fleuch mit deinen Eulen! Deines Schulslaubs , deiner Spinngewebe Hat der lang' Getäuschte einmal satt. Diese Hefte , die ich, deinen Sprüchen Gleich Orakeln lauschend, mühsam füllte, Opsr' ichsiehe! dem Vulkan. Lange Hab' ich Mich durch Sinn und Unsinn, Mich durch Seim und Unreim durchgewunden, Dir nachtappend, blinde Leiterin. !-- ! i III. Reccnsionen. 414 Rachgeschlagen Hab' ich mqnches Deutschen, Manches Niederländers dicke Bande, Sehnlich harrend auf den lieben Tag. Nimmer ragt' es. Dunkler nur und dunkler Ward es rings um mich, wie um den Maulwurf, Welcher in die Tiefe grabt. Vor der Formeln Wust, dem Wörterschwalle Flohen zürnend Menschensinn und Wahrheit, Bis ihr letzter Schimmer mir verblich. -Wozu doch so vornehm dich gebchrden? Wozu deine Armuth so verlarven? Wörterselige Gelehrsamkeit. Deine steife Würde, deine Dreyfußsprache, Wiegt den Layen wohl in dummes Staunen; Aber allem Regelnkram zum Trotz Achteten die Weisen aller Zeiten Deinen Tummelplatz (bei Licht besehen) Für der Narren Paradies. Glücklich , wer mit unverrücktem Gleichmuth Lehrgebäude steigen sieht und fallen, Wie die Lüftchen wechseln im April, Sicht, wie jegliches die Lanze schwinget Seines Gegners Blöße zu durchbohren, Und wie Jeglichem der Stoß gelingt.- Laßt mich! laßt mich! nichtige Fantome, Der Verrückung und des Stolzes Kinder, Friedenstörer der gepreßten Brust. III. Recensionen. ^,5 Heilge Einfalt! lächle du dem Blöden, Leite mich in Platons Schattenhaine, Wo die Schönheit und die Liebe wohnt. Zu wünschen wäre cs bei diesem und einigen andern Gedichten, daß der Ucbcrsetzcr sich (wie z. B. Uz bei seiner Ucbertragung des Gesanges an die Weisheit) dem Sylbenmaaße des Originals naher gefügt hatte. Mit verändertem Rhythmus ändert sich, mehr oder weniger, sogleich der Geist, wenigstens die Stimmung und Farbe des Gedichtes. Da indessen die Originale nebenan stehen, so hat der beider Sprachen Kundige einen doppelten Genuß, zu sehn, wie sich derselbe Gedanke, dieselbe Empfindung Englisch und Deutsch sagen ließ. In diesem Betracht ist K o s e g a r- tens Odeon das, was Klopstock-s Ode besang, ein Wettstreit der beiden Musen, nicht selten ein kühner glücklicher Wettstreit. III. Recensioneü. 4 l6 8 . Ein andres gutes Werk hat Kose garten ge- than, da er folgende, im Ganzen schöne und nützliche Schrift übersetzte: Der Prediger, wie er seyn sollte. Oder Denkwürdigkeiten aus dem Leben und den Schriften des Robert Robertson, gewesenen Baptistenpredigers zu Cambridge. Nach dem Engl, des Georg Dy er für den Standpunkt des deutschen Publikums bearbeitet von L^ Th. Kosegarten. Leipzig r8oo. Für diesen Standpunkt scheint der gewählte Titel „der Prediger, wie cr seyn sollte," nicht recht gewählt: denn ein Dissenter und Baptistenprediger, der sich vom Haarkräuslcrjungen zu der Sphäre von Wirksamkeit, in der er als Mittelpunkt stand, hinaufarbeitet , kann in Manchem das Vorbild unsrer Prediger nicht seyn. Sein Eifer für die Dissenters gegen die herrschende Kirche, untersuchend und praktisch, insonderheit seine Gabe, das Größte neben das Kleinste zu stellen, und die daraus entspringende oft scharfe Ironie, die ihm selbst manchen Gegner machte, mögen ihm eigen bleiben. Vielmehr, wenn man den engen Kreis von Ideen betrachtet, in welchem jenseit HI. Recensionen. jenseit dcs Meers die Dissenters sowohl alsdieSttei- lcr der herrschenden Kirche Nmherfcchtcn, fühlen wir Deutsche mit Freuden, daß wir Gottlob aus dieser Enge hinaus im Freieren sind, und bisweilen kaum begreifen, wie man über solche Nußschalen so hitzig, so eigensinnig und verengt streiten könne. Nicht also der Prediger unbedingt Aber der Mensch, der edle Mensch, der Helle durchdringende Kopf, der unablässig thakige Mann, der wie ein Genius wirkende reine Charakter dcs Mannes, sie seyn Vorbild! Nicht etwa dem Geistlichen nur: (denn wer wünschte nicht, wenn er dies Leben liefet, Robertson auf einer andern Stelle als aus der ec stand? ob ec gleich auch aus ihr so zahlreiches Gute geleistet); sondern Jedem, der sich durch Meynunaen durchzuarbciten, seine dlebcrzengung frcy zu sagen, das rcinmcnschliche Gute wirksam zu befördern hat (und wer hatte dies nicht?) Ihm sey dieser arme Dissenter VorlM. Dem Lebcnsbeschrciber selbst, seinem Freunde, dem Dichter Dy er, ist offenbar Robertsons Charakter zu groß gewesen; er erliegt gleichsam unter den Materialien , und hat Jenen nicht ganz zu der lichten Höhe gehoben, auf welcher man ihn zu seben wünschet. Man halte sich daher, wenn man dies LebcN liefet, vorzüglich an Robertson selbst, an die Lhat- sachen seines Lebens, an seine Plane, Entwürfe, Anschläge, Schriften, Bestrebungen, vor andern an seine Briefe. Sic sind mit so freiem Geist und bei Gelegenheit mit so feinem Salz geschrieben, daß man den Mann eben so lieb gewinnet, als man Herders W. Lit,ii,Kunst. XIII, Dd III. Recensionen. seine Talente und seinen Charakter verehret. Proben davon sind der ökonomische Brief, wie Robertson einen Tag verwandte (S. 167.), und ein an« drer,, den Tod seiner Tochter betreffend (S. 235 .) Im ganzen Buche sehnt man sich, mehr aus-Robertsons eignem Munde zu hören, ihn zu sehn, zu sprechen, oft zu umarmen. Ungemein schön würde esseyn, wenn der Ueber- setzcr dieses Lebens aus Robertsons eignen Schriften, aus seinen Predigten (selbst seine Dorf-und sogenannte S ch e u n en p re d i g tc n haben herrliche Stellen), aus seinen Arcanis, den Historien und Mysterien des Karfreitags, den Untersuchungen über die Kirchenyeschichte u. f. die Stellen aushübe, in denen sich das große Herz, der Helle Verstand, der warme Freiheitssinn , der glanzende Witz und Scharfsinn des seltnen Mannes gleichsam entscheidend zeiget. Es müßte ein schöner zweiter Theil seiner Eusebia werden. Dycrs Elegie auf Robertsons Tod ist am Ende des Buchs wohlklingend übersetzt; überhaupt freuet man sich des unvermuthct-sansten Hinscheidens des thatigen Mannes, nachdem seine Kräfte erschöpft waren. Hl. Retensionen. 4^9 9 - Friedrich von Hagedorn poetische Werke. Erster Theil, Lehrgedichte und Epigramme. Zweiter Theil, Fabeln und Erzählungen. Dritter Theil, Oden und Lieder. Vierter Theil, Leben, Charakteristik, Nachtrag von Gedichten, Abhandlung über die Gesundheit und die Trinrgesäße der Alten und Nachträge vermischten Inhalts. Hamburg >800. Längst ist geklagt und geklagt worden, daß wir Deutsche in der Achtung, die den vcrdienstrcichcn Männern, sie scyen Denket oder Künstler, Dichter oder andrer Art Schriftsteller, gebührt, ander» Nationen weit nachstchen. Wie verehrt ist Newton bei den Britten! Unscrs Kcpplers Schriften sind weder gesammelt, noch rommeNtirt, ein großer Th.il derselben noch nicht einmal ans Licht gestehet worden. Die Ausgabe unsers Sleidnns, die ein Gegenstück des de Thou scyn sollte, unterblieb. Die Sammlung Hutten sch er Schriften schloß Mit dem ersten Thcile. Opitz Ausgabe von Bod- Mer blieb unvollendet; seine Ausgabe der sogenannten Minnesinger steht nackt und dürftig, ohneMn- Dd 2 Ilft. Recensionen. ^20 leitung, okne Eommentar da. Der Dutcn fischen Ausgabe Leibnitzischer Schriften ist noch kein Nachtrag zngeführet u. s. ft Doch was bisher nicht geschehen ist, wird geschehen; schweige der feige Verzweiflet! Und je un- übereilter, vielleicht desto zweckmäßiger, desto pertinenter. Wenn nur nichts vom Nachlaß der Verstorbnen verloren geht, wie cs bci Canitz, Lis- kow u. a. der Fall war. Die Verdienste, die sich Esc Ken bürg bereits um eine Reihe merkwürdiger Deutschen, insonderheit Dichter, z. B. Tscherning, Weckherlin, Zinkgref, Homburg, Filidor *) um B u r.- card Waldis **), sodann um seiner näheren Freunde Zachariä, Arnold, Schmidts, Lessing's, Eberts u. a. Schriften erworben, sind bei Jedem, der an den Gedanken und Bemühungen der Besten unsrer Nation Theil nimmt, in rühmlichem Andenken. Jetzt fübrt ec unfern Hagedorn (wir wollen nicht sagen von den Todten heraus, den» Hagedorn war nie verstorben), er führt ihn mir dem bescheidnen Kranze hervor, der ihm gebühret. Seine Werke sind unverändert geblieben, denn an so vollendeten, so oft durchgeacbeitetcn Wcr- Auserlesene Stücke der besten deutschen Dichter, von Martin Opitz bis auf gegenwärtige Zeilen. Dritter Bd. Braunschweig 1778, **) Fabeln von Bure. Waldis. III. Recen fronen. 421. ken, wer wollte, wer dürste andern? Auch H a- gcdorns Anmerkungen zu seinen Gedichten stehen unversehrt da; zum Dank der Leser. Außer der Vorrede des Herausgebers zum ersten Theil, ist der vierte Theil als Zusammenstellung Eschenburgs Jedem gewiß willkommene Arbeit. Hagedorns Leben ist erzählt ; als Dichter ist er charaktcrisirt, d. i. geschätzt, aber nicht übergeschatzt worden; Hagedorn selbst könnte beides lesen und würde wahrscheinlich sagen: „Der war ich ! Der befliß ich mich zu seyn!" Aus den vom Dichter selbst verworfnen Iugendstü- cken sind Proben gegeben ^ aber mit Auswahl, nie ermüdend. Als Nachtrag aus Hagedorn Papieren erscheinen von S. iig. einige poetiche Schreiben, unter denen die beiden in des guten Brockes Manier, insonderheit das zweite an L lskow (S. ri8.) voll glücklichen Humors sind; sodann einige Lieder, Sinngedichte, Gesundheiten, allcsammt Kinder des Frohsinns und der Freude: O nicht den Königen! nein! Uns den starken Wein Denn Balhseba hat Rechr *). Ihr Herren, schenket ein. In Arbeit ungestört! 2m Bitten erhört! Im Glück unbethört! Gesunden Leib, gesunde Scheitel, Und viel Gesundheit in dem Beutel. ) Sprüche Salomen, 3i> h. III. Recensionen. S, 1^7. scheu wir, daß das vielgesungene Lied: „Mein Her; gleicht den zufriednen Herzen," auch von Hagedorn fty. Das Interessanteste des Nachtrags aber sind ohne Zweifel die Briefe, vorzüglich Hagedorns eigne Briese, Welch eine schöne Seele spricht in ihnen! und so klassisch-schön, so verständig, so freundschaftlich, an seinen Bruder so brüderlich, an Nothleidcnde unermüdet-hülfteich, ausmuntcrnd an junge Freunde, und allenthalben so fern vom Egoismus, so bescheiden und weise! In wie schöne Zeiten wird man versetzt, die man das Jugend alter des deutschen Geschmacks nennen könnte. Mit Kühnheit und Freudigkeit rang dieser sich aus und in der tiefsten Armuth hervor, ununtcrstntzt von Mächtigen und Großen, verkannt, ja verfolgt von den damaligen Geschmacks-Inhabern, den Altfranken. Die Bessern aber hingen fest an einander; die Sache war ihnen Ernst; die Jünger» strebten nachcif.rnd weiter. Und Hagedorn am Ufer der Elbe, allen Streitigkeiten abgeneigt, steht wie die schöne, alte, große Linde zu Harvstehudc da (S. r-?9.s die aber — langst nicht mehr ist. Die Zusammenstellung dieser Briese an und von Hagedorn ist in vielerlei Betracht, auch zu Schatzung unsrer Zeiten lehrreich; die Briefe des Dresdner Hagedorns an unfern Dichter,' die dcr Herausgeber verspricht, wünscht ohne Zweifel ein Jeder, der die Baden sc he Sammlung, oder auch nur die wenigen , die sich auf Hagedorns Gedichte beziehen, in dieser Sammlung liefet. III. Recensionen. 423 Wir können nicht umhin , dem Verdienst Eschen- burgs um Hagedorn ein andres älteres beizufügen: io- Denkmahler altdeutscher Dichter. Beschrieben und erläutert von I. I. Eschen bürg. Bremen 179g. „Seinen und der vaterländischen Dichtkunst ehrwürdigsten Freunden , Gleim und K l 0 p- stock gewidmet." Mit Recht Ihnen gewidmet. Einige Notizen dieser Dcnkmählcr waren in periodischen Schriften, z. B. dem Deutschen Museum, Lessings Bept ragen, dem Bragur erschienen; sie verdienten gesammelt zu werden; und außer ihnen erscheinen hier 7 neue Nummern. Das gegcnwaitige Blatt vcrstattet nur eine Anzeige des gesammelten Inhalts dieser Sammlung. I. Uebcr das Rittergedicht Wigamur. II. Ueber Engelhart und Engel drut, von Conrad von Würzburg. III. Ueber die Wolfenbüttelsche Handschrift von Ulrichs von Turheim Rittergedichte, Wilhelm von Nar könne. Au beklagen ist's, was E a- spa rson 1798 dem Vers, schrieb: „Nachdem der erste Theil (des Wilhelms von Narbonne) durch den nun verstorbnen Buchhändler Cramcr in die deutsche Welt gekommen, so habe ich den auch abgedruckten zweiten unter keiner Bedingung, selbst unter der billigsten nicht, anbringen können. III. Recensionc». 424 Der dritte liegt also in dcr übrigens mit Mübe gemachten Handschrift todt." IV. lieber das Sprach- gcdicht Frei dank. V. lieber den Welschen Gast. VI. lieber das Gedicht Salomon und Marko if. VII. Zur Literatur und Kritik dcr Von er sehen Fabeln. VIII. lieber das alte niederjachsische Gedicht von Flos und Blank- flos, und über die Quellen und bisherigen Bearbeitungen dieser Gedichte. IX. Studentcnglück. Eine alte niedersachsische Erzählung. X. Gespräch in plattdeutschen Reimen über die Liebe. XI. Fragment einer Erzählung in plattdeutschen Reimen. XII. Zwei altdeutsche Lehrgedichte, Tobias Segen und Cato des Meisters Rath. XIII. Auszug aus Sebastian Brants N a r ren sc h i ff. XIV. Ein alter Meistergesang mit seiner Melodie. XV. lieber des Cyrillus Fabeln, und deren gereimte Einkleidung von Daniel Holzmann. XVI. P r i a m e l n, 77 Stück, nebst einem Anhänge. XVII. Altdeutsche Lieder, 16 an dcr Zahl. Dcr Reichchum dieser Sammlung erhellet durch sich selbst; die sorgfältige Bearbeitung derselben zum Vcrstandniß des Lesers durch historische und literarische Erläuterungen, Erklärung dunkler Worte u. f., ist sichtbar auf allen Blattern. Gefiele cs dem Verfasser, aus dcr He linst ädtisc hen und andern Handschriften uns endlich den Renner, dies in der Sprache so schöne, durch seine Abwechselung so angenehme Denkmahl des altdeutschen Witzes und Verstandes, nach seiner Weise hcrauszugeben; so crfüllete er auch dadurch einen Lessing sehen Wunsch zum Dunk aller Freunde unsrer Nation, unsrer Sprache und Dichtkunst. Ein paar kurze Priameln mögen diese Anzeige schließen: XIX. Morde, raub', henk und stiel, Und treib' alle Bosheit, wo man will, Und treib' das also lange Zeit an, Bis daß du wirst ein alter Mann, Hast du Geld, Kleinod und gute Wat, (Kleidung) Die Herren nehmen dich noch in de» Rath, XXXIV. Sehen, hören und wünschen umsunst, Gedenken Weisheit, und lehren Kunst, Fromm gegen Gott, und Mäßigkeit Wahrheit, Zucht und treue Arbeit, Und fromm' Ehleut, die gute Kinder bar'n, Die vierzehn Ding' kann niemand wehr'n. I-XII. Gott gebe, daß ich lange leb', Daß ich wenig Hab' und viel geb', Und viel wiß' und wenig sag' Und antworr' nicht auf alle Frag'. ,2k III. Neecnsionck. i l. Gedichte von Sophie Mereau. Erstes Bändchen. Berlin 1800. Wie diese Gedichte aufzunehmcn, also auch zu deucthcilcn sind, sagt der Name der Verfasserin und die bescheidne Vorrede, eine beliebte Stanze von Schiller: Nicht tanger wollen diese Lieder leben, Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut, Mit schöner» Phantasieen es umgeben, Zu höheren Gefühlen es geweiht. Zur fcrnern Nachwelt wollen sic nicht schweben; Sic tonren, sie verhallen i» der Zeit. Des Augenblickes Lust hat sie gebohren; Sie fliehe» fort im leichten Tanz der Horen. So wenig man nämlich in einer weiblichen Bildung, in weiblichen Sitten, Gesprächen, im Ton ihres Umganges und ihrer Lebensführung so genannt männliche oder gar Riesen formen erwartet, vielmehr solche fliehet und verabscheut; so wenig wird ein Verständiger in den zartesten Reden einer weiblichen Seele, in Aussprüchen ihres Herzens, in den Schildereyen ihrer Empfindung, den männlichen Tritt oder gar ein Riescnmaas suchen und erwarten. Gerade umgekehrt, was der Mann nicht liefern, IH. Neccnsionen. ^27 was er nicht oder wenigstens nicht so sagen konnte, das erwartet man in weiblichen Gedichten. So betrachteten alle gebildete Nationen die Sache; wenn wir Deutsche sie anders betrachten, und im literarischen oder im wirklichen Umgänge nur Einen Ton, Eine Form (natürlich ist dies unsre eigne), haben wollen, so ist dies, aufs lindeste zu sagen, ein „Unbenehmen," das selbst jede Uebcrlc- gung ausschließt. Da Ein Geschlecht nicht statt des andern Daseyn oder an seiner Stelle, in seiner Wci'c wirken kann und soll, vielmehr beide auch im Umfange des Geistes, in Bildung der Cm» pfindunqcn, der Grundsätze und Sitten, einander an die Hand gehen, einander in die Hand arbeiten müssen: so zeigt die Geschichte gnugsam, daß in Griechenland und Italien, in Frankreich und England auch weibliche Hände zum Altar der Grazien mit beigetragen, d. i. zu Bildung und Feinheit der Sprache, des Geschmachs, der Sitten, der Phantasie, ja der praktischen Grundsätze selbst, die weibliche Muse mitgeholftn habe. Woraus aber auch folgt, daß weibliche Gedichte Männern schlechthin und ohne Ausnahme absolute Muster weder seyn können, noch seyn wollen. Ein Jüngling , der das Weib nachahmt, das er doch nie darstellcn kann, ist dem Weibe selbst verächtlich, so wie dem Mann die Henne widrig ist, die wie ein Hahn kräht. Nach so geschiedenen Grenzen der männlichen und weiblichen Poesie, blühen die Gedichte unsrer Verfasserin in einem schönen Garten. Sie tritt nie über die Grenzen ihres Geschlechts hinaus; ihre 423 III. Reccnsionen. Empfindungen und Empfindnisse in Leid und Freude, in Kummer und Sehnsucht, in Hoffnung und Zufriedenheit, so wie ihre Maklereien der Natur, selbst ihre ersten Vor- oder Grundsätze, sagt 'sie aus dem Herzen, mithin weiblich. Wem hie und da ein Gcmahlde zu lang, eine Schilderung zu ausführlich vorkommt, der stimme sich ins Gefühl der Singenden, oder spare die Ansicht auf eine andere Stunde. Nie können Empfindungen oder Empfindnisse, in denen sich Herz und Phantasie zu einander mischen und verweben, rein genug ausgesprochen werden. Herz und Phantasie sprechen sich gleichsam nie ganz ans. Eine bloße Anzeige des Inhalts der Gedichte (da zu langen Proben cs diesem Blatt an Aaum fehlt), rechtfertige unsre Einleitung. Frühling s a b e n d; Zukunft: O Unsterblichkeit, dem Erdcnwaller, So entzückend und so fürchterlich! — O der Gottheit großer Wille webte In sein Wesen selbst den Wunsch hinein Und des Herzens ewig reges Sehnen Muß ihm Bürge der Erfüllung seyn. An ** Dank für die edleren Freuden des Lebens (S. 20.) Abschied. An einen Freund. A n einen Baum am Spalier. An ein A b e n d lü ftc h en. Dichterglück. Voll großer Empfindung, in schönem Ausdruck. Der Hirtin Nacbtlied. Keine Parodie, aber eine Sopranstimme zur beliebten Reichardsch en Gesangweise: III. Recensionen. 42A Jägers Nachtlied. Frühling. S. 24. Ein frohes Aufathmcn voll Leben, voll Liebe. Schwärmerei der Liebe. Die Lieb' ist ewig. Ihren Harmonieen Folgt treu die ganze bildende Natur — Im Schbpsungskreis von Dir stets angezogen Vermahlt uns ewig hcil'ge Sympathie; Im Sternenranz und im Gesang der Wogen Weht uns Ein Geist, der Liebe Harmonie. Das Rildniß (S. 32 .) Eine kräftige Beurkundung, daß die Sprache der Dichtkunst der Dichterin nicht Spiel und Tand, sondern eine unentbehrliche Sprache des Herzens sey. Klage. Die letzte Nacht. Schwermut!,. Andenken (S. 42.) Ein süßes Andenken. Frühling (S. 44.) Voll inniger Empfindung. Schwärmerei. Die Landscbaft. Licht und Schatten. Der Liebende. Gebet (S. 58 .) Wie ein Götterstrahl dem Nichts entflogen Ging die Sonne einst am Himmelsbogerr Ewiger! auf Deinen Wink hervor; O laß auch des Geistes Nacht entfliehen, Deiner Weisheit Strahlen in uns glühen; Heb' zu Deiner Liebe uns empor. Gieb, Erhabner! die Natur uns wieder, Mach' uns wahr, gerecht und gut und bieder; Allerkannt sey Deine Göttlichkeit. Deine heiligen Gesetze binden Die Natur; doch Deine Menschen sinken Nur in Freiheit ihre Seligkeit. III. ReccnsioneN. An Cynthien (S. 61.) Der verkürzte Hexameter nimmt sich in diesem Mond-Hymnus wohl aus. Mitgefühl. Ö Mitgefühl, der Menschheit Glück! Was trocknete den nassen Blick, Was hielt an der Verzweiflung Rand Zurück, war's nicht der Freundschaft Hand? Die Farbe der Wahrheit (S. 67.) Ich weiß eine Farbe, der bin ich so hold, Die achte ich höher als Silber und Gold, Die trag' ich so gerne um Srirn Und Gewand, Und habe sie Farbe der Wahrheit genannt. Welches diese Farbe sey, und warum die Dichterin sic so nenne, lese man bei ihr selbst. Ihr voraus gehen die Farbe der Liebe, der Treue, der Unschuld, der Hoffnung— An meines Vaters Grabe. Schöne Empfindungen. Die Herbstgegend. Das Lieblingsörtchen. Vergangenheit. Des OertcheNs Wiedersehen. Erinnerung und Phantasie. Natur. Liebliche Gedichte; das letzte ein warmer Hymnus. Die Morgenstunde. Der Garten zu W ö r l i tz. B e r g p h a n t a s i c. S ch w a rz- burg. Leichter und erster Sinn. Ein Gespräch zwischen Mirtha und Lina, in angenehmer Haltung. Psyche an Amor. Verschiedne Eindrücke des Frühlings, auf das Kind, den Unglücklichen, die Reisenden, die Mutter, den Zufriednen; ein schattirtes Gemahlde voll zarter Züge. Die Schw arm er in (S. i36.) Hier ist III. Rccensionen. 43 » ein Druckfehler, der irre machen muß, vorgegangcn. Es soll nämlich dies Gedicht auf der fohlenden Seite ohne neue Ucberschrift fortgehen , obgleich auf r36 in der Seitenzahl 047 folgt. Der Kalte (S. 149.) Eine furchtbar-eiserne Denkart. Einige Epigramme in der sanften griechischen Manier bergen sich unter den zu bescheidnen Namen Einfalle; sie sind mehr als dies, z. B. der Dichter, Rakete und Schwärmer, die Nachtigall, die Wolke, der Wein, der grüne Schlcier, Liebe des Dichters. Sie fugen sich den schönsten Epigrammen dieser Art, die wir in unsrer Sprache haben, bei. Einmal lieb' ich und Einmal leb' ich. Unsterbliche Götter Wenn ihr das Eine mir raubt, nehmt auch das Andre dahin. Aus diesem ganzen Verzeichnis! erhellet, daß die Dichterin nickt etwa nur im genuine» Sinn des Worts durchaus moralisch, sondern gerade auf der feinen Saite des Herzens moralisch sey, wo das xoco äi pirr so sehr beleidigt; diese Saite betrifft Schmerz und Liebe. I» beiden beobachtet sie, fast schüchtern, den innern Wohlstand des Herzens , der ihrem Geschlecht der größeste Schmuck ist. Lieber unterwirft sie sich dem Vorwurf der Monotonie , als daß sie „Flammen sprühen" oder auch den empfindlichsten Schmerz zu laut singen wollte. Auch muß es ihr zum Lobe ungerechnet werden, daß sie den neuesten Dichter-Zargon nicht nachahmt, nicht affectiret. Allenthalben spricht sie ihre eigne, sehr gebildete Sprache. III. Recensionen. 482 Neckereien über einige Provincialreime, z. B. Reime zwischen d und t, kleine Fehler im Sylbcn- bau u. f. mögen unfern ariticis, Arumrriatiais Lt^us prosoäicrs überlassen bleiben. Schon im Lesen verbessert man sie leicht. Und so bleibe der Sängerin dann ihr schönes Musengeschenk, die ernste Lyra, fernerhin die Begleiterin ihres Lebens, und mit ihr jenes höhere Gut, das sic sich S. 48. wünschet: Wae nur allein des Zufalls Laune trotzet, Die schöne Blüthe reiner Menschlichkeit, Das uns allein zu freien Wesen gründet, Woran allein sich unsre Würde bindet, Dies höchste Gut, es heißt — Selbstständigkeit. 12 . Rhapsodieen. Von L. LH. Kose garten. Dritter Band. Leipz. 180». Mit dem Bildniß des Verfassers. Dem größten Theil des Inhalts nach stehen diese Rhapsodiecn dem britti sehen Odeon desselben Berf. zur Seite; die englischen Gedichte, die diesen größten Theil ausmacheu, sind mit gleichem Geist in unsre Sprache nicht sowohl übersetzt, als >w IH. RetensioNen. gZZ im Hauch hcrübergetragen. Die vier prächtigen Lobgesange auf die Tonkunst, auf welche die Britten stolz sind, Alexanders Fest von Dry den, Eon greve's Hymnus an die Harmonie, Popels und Smarts Oden am Eacilienfest, machen den Anfang. Die drei ersten waren ins Deutsche, einige mehrmals, übersetzt; in dieser Zusammenstellung geben sie Zur Kritik nicht nur Anlaß, sondern fodctn zu ihr auf. Der Ucbersetzer hat sich indes dieser Kritik enthalten. Bei der ersten werden eS manche b, dauern, dass sich der deutsche Wortbau "ine und da etwas zu weit von der Ursprache entferne, in der Handel fast icdcs Wort, jeden Einschnitt des Rhythmus durch seine Eomposiiion canonisirt hat; bei den andern Waken dem Ucbersetzer weniger die Hände gebunden. Hier also treten Timotheus, Orpheus, ANiphion, die Harmonie, selbst auf, und lassen in Worten und Gangen ihre melodischen Stimmen Horen. — Was folgt, ist Etwas über Gray'L Schicksale und Charakter. Ohn- geachtet Gray's Briefe und die meisten seiner Gedichte, einige mehrmals, übersetzt sind, so wird man doch dies kurze Etwas mit dem dariNN aus dem Latein übertragenen Oden, sodann die bekannte iind beliebte Elegie aufdeN D o r fki rc h ho f, die beiden Pin da rischen Oden, nicht minder die nachgebildete Nieder fahrt Odins und die Walische Elegie gern lesen; der Ucbersetzer hat (wie cs auch Nicht anders seyn könnte), Gra y'S Ausdruck simplisicirt; in Odins Niederfahrt hatte er immer noch einige Ueberladungcn weglassen HerdersW.Lii.u.Kunst. Xlll. Ee §34 III. Rccensioncn. mögen. — Dann folgt das Lob des Eisens, ein Hymnus des Berfassers, von einem Elogium des Britten Iago, des Deutschen Ncubccks, des Franzosen läsinonä eis Eavbannierss, auf eben dieses unentbebrlich-surchtbare Metall begleitet. — Des Philologen Hieronymus Wolfs Denkwürdigkeiten seines Lebens von ihm selbst beschrieben, folgen. Den Gelehrten waren sie in Reiskens Sammlung griechischer «Redner, der schönen lateinischen Ursprache nach, bekannt; hier lese sie, wer sie latein lesen nicht mochte oder konnte. Ein 'trauriges Leben. Nur Reiske, der diesem Selbstbiographen in Manchem so ähnliche Reiske, Er verdiente eine andre Erwähnung, als die ibm K. schenket. — Die Mexikanische Weissagung nach Scott steht, so hingestellt, fremd da. Sie erforderte eine nähere Einleitung. — Drei Reden, einen« Landesgc- brauch nach, am Ufer gehalten. — Sodann abermals Gedichte. Aristoteles Hymnus an die Tugend. Das vielbckanntc Skolion, hier in regelmäßigem Metrum übersetzt. Agathon und Thelxione. Eleonore und Jutta. Eine altenglische Ekloge. Er und Sie. Schottisch. Admiral Hosiers Geist. Eine der geprie- sensten brittischen Balladen, nach Glover. Des blinden Dichters Blacklock Wehklage. Ebendesselben Hymnus an die ewige Liebe. Im brittischen Odeon ist das Leben dieses Mannes kurz erzählt; beide Gedichte sind, jedes in sciner Art, herzlich. An die Jungfrauen, nach dein Engländer Logan. Zwei Gedichte des Berf., eins an seine Tochter, das andre Erinnerungen HI. Necensioncn. 435 an eine Freundin. Das letzte ist die Schildern einer hohen und weiten Rügischcn Aussicht; wie sehr dergleichen dem Vers, gelingen, weiß man aus der grösseren Sammlung seiner Gedichte; das erste ist eine herzlich-väterliche Lehre. — Da zum Urthcil über jedes einzelne Stück hier kein Raum ist, so wiederholen wir den Wunsch, der sich beim brittischen Odeon dem Leser aufdrang, nämlich eine „Würdigung der übersetzten Stücke vom Ucbersetzer selbst." Bei einer Sammlung so verschiedene» Inhalts wissen manche Leser und Leserinnen schwerlich, wohin sie das Stück setzen sollen, was sie mit ihm zu thun haben. Dem reich - und süßsprechenden Dichter selbst wäre vielleicht hie und da die freundschaftliche Stimme nöthig: „ns guiä nimis! Auch der süßesten Worte und Bilder laß nicht zu viel seyn." Ohn- streitig haben wir auch mit diesen Rhapsodiecn einen schönen dichterisch-moralischen Erwerb aus einer fremden Sprache. i3. Einige Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen Gottfried August Bür- gers, nebst einem Beytrag zur Charakteristik desselben. Von Ludwig Christ. Althof, Or. und Prost der Arzneiwissen- fchaft in Göttingen. Bei Dietrich, 1798. Nebst dem Bildniß des Dichters. Traurige Nachrichten, vom Arzt und Freunde des Dichters treu, aber schonend gegeben. Jeder Ee 2 4^6 III. Necensionen. studierende Iünoling lese sie als Warnung. Er siebet hier einen Mann von edeln Anlagen des G.istcs und Herzens nicht nur nicht werden was er ftyn konnte, sondern sicht auch die Ursachen, warum ers nicht ward, auf eine schreckhafte Weise, Auch in dem feinsten Vergnügen gicbt cs ein Uebcrmaaß, das, wenn die Seele sich dazu gewohnt, Ausschweifung (ckskuualrs) wird. Es entwöhnt von BerufSgcschaften, von 'Ausdaurung bei mühsamen oder ungefälligen Arbeiten; es macht zuerst leichtsinnig, dann oberflächlich und gegen sich selbst gelinde, zuletzt matt und über sich selbst verzagend. Wer seine Kräfte nicht fortwährend auch an den ungefälligsten Arbeiten, sobald sie uns Pflicht sind, üben lernte, ward nie Meister über sich selbst, genießt also auch nie die edelste Gewißheit, sich selbst gebieten zu können und geht, wenn ihn das Glück nicht außerordentlich anlacht, mit dem besten Ge- müth, mit den schönsten Anlagen drohenden Gefahren entgegen. Bürgers Lcbcnsgang zeigt dieses Schritt für Schritt. Er lernte vieles, nur nicht sich selbst bezwingen, anhaltend ausdaucrn, Maas und Zweck feiner Bestimmung kennen; er ward also nie fein selbst mächtig. Und wenn wir hier deutlich wahrnehmen, woher dies kam? woher einem liebenswürdigen Gcmüch diese Zwecklosigkeit und eigentlich so zu nennende Unart zur Gewohnheit werden konnte? ja werden mußte? so erschrickt man über die Sammelplätze, genannt akademische Institute, auf denen als auf anerkannten Platzen der Freiheit sich. III. Recensionen. 4Z7 selbst überlassene Jünglinge leichter nichts als diese Liren; , eine Losgebundenhcit auch in Beschäftigungen und Arbeiten, kurz akademische Will- kühr lernen und üben. Jeder studirt was er will, wie viel und wie lange crs will, ohne Zwang und Aufsicht, aber auch ohne Zucht im edleren Wort- vcrstande. Alles kommt auf die Zeit an, in welche er trifft, welche Mode, welcher Geschmack, welche Sucht eben in dem Wirbel, der ihn ausnimmt, herrsche; er folgt dem Wirbel oder schafft einen neuen um sich her. Sehr gut ists, daß in unserer Zeit auch hierüber das Verborgene an den Tag kommt; Lebensbeschreibungen wie Laukharts u. a., die, was zu ihrer Zeit auf Akademieen als Lebensweise galt, unverholen sagen , sind die nützlichsten Wecker und Warner. Indem sie einen Abgrund aufdecken , der in den kustis der Universitäten gewöhnlich nicht gcmahlt steht, sagen sie Eltern, Vormündern, Lehrern, Curatoren, Fürsten dringend-nützliche Worte. Bürgers erste akademische Jahre fielen in die Zeiten der Klotzischcn Schule; ein Unglück wars, daß er zu lange auf Universitäten, nachher einer Universität zu nahe blieb und in sie gleichsam zurücksiel. Da verkam und verschmachtete er im Altgesellcnstande. Einem Petrarca, der in seinen jüngern Jahren Manches mit unscrm Dichter gemein hatte, kam seine Nation , seine Zeit zu Hülfe; sie hoben ihn und halfen ihm auf. Dem armen Bürger half nichts auf, und zuletzt war ihm nicht aufzuhclfen. Er ging zu Grunde. 438 III, Necensionem Dank den Guten , die ihm wenigstens gulmüthig die Hand reichten, seinem Freunds Boje, der sich seiner wie er konnte, annahm, Kästner, der seinen Almanach unterstützte, und dem Namenlos-Edeln, auf den der Lebcnsheschrcibcr auszcichnend deutet. Auch der Frau sey Dank, die sich seiner verlassenen Kinder annahm. — Denen aber, die ihn ins Unglück brachten oder ihm den Weg der Errettung verrennten , denen möge ihr Herz — doch dies wird ihnen nichts sagen. Statt einzelner trauriger Lcbensumstände lassen aus diesen Nachrichten sich besser ein paar literarische Anmerkungen ausheben. i. Da neuerlichst von einigen Engländern die Originalität der Bürg ersehen Lenore angestritten ist, wird S. 37. u, f. diese mit Recht behauptet und dabei die Strophe angeführt, die Bürger singen hörte und die ihm Veranlassung zur ganzen Romanze gab. „Nach dem alten Liede, wovon jene Laute ein Theil seyn müssen, erkundigte sich Bürger immer vergebens," — Der Vers, dieser, Anzeige kennet dies Lied zwar nicht; aus seiner Kindheit aber erinnert er sich,, daß er in einer Weltecke, wohin kein LnIkolL -- lVIirarls jemals drang , in Ostpreußen ein Zaubermährchen oft erzählen gehört hat, in dem der Refrein, (und zwar mit einer Antwort vermehrt) gerade die Strophe war, die Bürger singen hörte. Der Geliebte nämlich reitet mit der Geliebten in einer kalten mondhellen Winternacht und spricht, je weiter sie kommen, Wiederholt sie an:. III. Ncce ns jenen. 4^3 „Der Mond scheint hell, Der Tod reit't schnell, Feinsliebchen, grauets dir?"^ Worauf sie antwortet: „Und warum sollt mirs grauen? Ist doch Feinslieb mit mir." Hatte Bürger Me zwei letzten Zeilen doch auch gehört! Vielleicht hatte er seiner ganzen Lenore einen gefälligem, ich möchte sagst,, menschlicher,, Ausgang gegeben- 2. S. 1,2. ,,A. werden von den Ovidischen Versen, die Bürgern zur Uebcrsctzung aufgcgcben waren, Li ni8i gune sorrnn potsrit te äigirn vläeri, dlulln lntur» tua eit, irnlla sutniL tau est. drei seiner Versuche in Alexandrinern angeführt; und natürlich bleiben diese dem Ovidischen Wort» spiel »ach. Aber warum mußte der Versuch in Alexandrinern seyn? Bleibt bei der Versart des Originals, und es ist gewiß nicht unmöglich, auch den Klingklang des Ovidischen Pentameters auszu- drückcn, auf den cs hier cbm ankam. Z. B. Wird nur Eine, die Dir an Schönheit gleichet, die Deine, Keine sonst; o so wird keine die Dein?, mein Freund. und noch wäre der Ausdruck zwei-dreimal zu va- riiren. — III. Reccnsionen. Bürgers Leben ist in seinen Gedichten; diese blühen als Blumen auf seinem Grabe; weiter bedarf Er, dem in seinem Leben Brod versagt ward, keines steinernen Denkmahls. Möge eine freundschaftliche Hand Bürgers Gedichten die Flecken nehmen, die zuweilen in den besten Stellen eben aus seinen Lebcnsnmstandcn ihnen wie angcflogen sind, daß eine Ausgabe solcher gewählten Stücke zum bleibenden Ruhm des Dichters veranstaltet werde? Wer konnte dies zarter und besser lhun, alö Bürgers Freund, Boje? > 4 . Die Kunst immer gesund zu seyn. Ein Lehrgedicht aus dem Engl. des D. John Armstrong, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Georg Justus Friedrich Nvldecke, Doktor beider Heil, künde u.f. Bremen bei Wilmanns. »799. Dem Ucberseher gebühret Dank, daß er sich durch den Rath seiner Freunde, das Armstrongische Jambische Gedicht tds Art of xraservinZ krenltkr in Hexameter zu übersetzen, nicht irre machen ließ, sondern die schwerere Arbeit übernahm, es in deutschen Zamben nachzubildcn. Zuerst nämlich III. Recensionen. 44 -, wäre durch diese Vertauschung der Sylbenmaaße der ganze Gang und Charakter des Gedichts verfehlt worden, wie (um nur Ein Beispiel anzuführen) eine Vergleichung der A a c h ar i a s ch c n und B ü r- di sehen Uebersetzung von Milton's verlohrnem Paradiese beurkundet; an sich aber auch wäre die Arbeit des Uebcrsetzcrs in Hexametern für unsre Sprache weniger verdienstlich gewesen. Durch die Bearbeitung des Jambus nämlich ist die poetische Sprache der Britten unstreitig mehr gebildet und yusgebildet worden, als (da sie keine Hexameter haben) durch ihre oft eintönigen Reime; dessen sind Shakespcar, Milton,, Pöring, Thomson, Akenside, Churchill, Coopchr, Grainger u. f. Zeugen, Der reimlose Jambus, recht bearbeitet, giebt einer Abwechselung der Abschnitte und Cadenzen, einen Neichrhum der Wortfügungen und Redcbindung Raum, die der Hexameter kaum erlaubet- Schlotternde Hexameter haben wir in unsrer Sprache gnug; der abwechselnde harmonische Jambus, mit welchem Kleist, Gleim, Klop- st ock, Lessing in seinem Nathan, Zacha- xiä in seinem Cortes, und nach ebnen neuere dramatische Dichter den Gang unsrer Sprache gehoben und vielseitiger gemacht haben, ist zu Fortbildung derselben ohnstreitig die geradere Straße. Armstrong behauptet unter den oben genannten Jambcndichtcrn bei seinen Landsleuten einen anerkannten Rang; und der Deutsche hat dem Britten trefflich nachgecifert. Daß nicht jede Schönheit und Zierlichkeit deä Wort - und Sylbenbaues übertragen werden konnte, ist durch sich verständlich;, zu rathen wäre es vielmehr jedem Uebcrseßer solcher Jambischen m. Rcceusionen. ^42 Gedichte, z. V. wenn uns jemand Akensidc's klsusurs.? ol lirrnAinntion u. f. in Jamben gäbe, daß er den mit Beiwörtern übcrladnen Ausdruck, der den Britten geläufig, uns aber widrig ist, verständig s i m p I i fic irt e. Eine Probe der Ueberfctzung mag der Schluß des Werks ftyn , wie nämlich auch Musik zu Erhaltung der Gesundheit beitrage(B. 4. V. 53z.) Da wo es der Vernunft an Kräften oder Rn List zum Kampf gebricht mit schlauen und Gewalt'gen Machten, da wollt' ich für euch Zu Hülfe neue Leidenschaften rufen. Durch Unmurh wollt' ich dämpfen Furcht. durch Furcht Und edles Mitleid siegen über W u t h, Durch Ehrgeiz über Liebe; der Gewalt Wollt' ich Gewalt gerat,' entgcgcnstellen. Da gisbt cs einen Zauber, der die Brust Beherrscht, jedwede Leidenschaft erweckt Und stillt, zur Wurh begeistert oder uns! Jedwede Sorge scheucht, Zerstreuung und Berzweifelung besänftigt, Deine Macht, O Tonkunst! Weit erhaben über jene Sinnlose Kehlen unsrer Bühnensänger u. f. — Der nimmt mit Recht der Muse Lorbeer, Ein Dichter, angeweht vom Geniusfeuer Des Himmels, der mit kühner Raserei Die Seele oder mit dem Feuerpomp Der Lgn' entflammt, erhöbt und mit sich fortreißt. III. Recen fronen. 443 Jetzt zärtlich klagend, fast zu Qualen fuß Löst er euch auf in Liebe; haucht jetzt Mit raschem Ton ein freudiges Entzücken In den durchbebtcn Busen euch; nun schmelzt er Mit himmlischsanftcn Liedern euch das Herz. Dann weckt zu Schauder er die kühnen Saiten. Ein solcher war der Barde u. f. — Die Tonkunst flügclt jede Lust, wiegt ein Jedweden Gram , treibt Siechthum aus, besänftigt Der Qualen jegliche bezähmt die Wuth Des Giftes und der Pest; und darum ehrten Der Borwelt Weisen göttlich im Vereine Des Tons, des Sanges und der Heilkunst Macht. Zu einem Eommentar über einzelne Stellen, z. B. die Harte mancher kurzgebrauchtcn febr langen Worte, über die Leere mancher Ausgange mit und, und daß ec. gewahret dies Blatt keinen Raum; llbi plura witcwt iw cariniwo, wow ego Purici» Okkewclar inaanlw — die Kritik der Britten fand es nicht unter der Kritik sich über einzelne Eigenheiten des Jambus bei Milkon , Shakespear, Thomson n. f. selbst in Wochenschriften zu verständigen; wir Deutsche, bei denen Manches noch so willkührlich schwankt, sollten ein Gleiches thun. — Ein eignes Gedicht des Uebersetzers, Hymnus an den Apoll, leitet Armstrongs Lehrgedicht ein; ein andres, Hymnus an die Gesundheit 444 III. Rccensionen. beschließt es; beide in Hexametern, das erste in der Homerischen, das andre in der Orphischen Weise. Beide haben schöne Stellen, z. B. wenn Apollo sich, im Gegensatz seiner Schwester, der Jägerin Diana, eine Lebensart wählet, heilbringend und wohlthätig den Menschen: Aber in seiner Seele ging auf der große Gedanke Unter den Menschen ein Gort, ein Mensch zu seyn bei den Göttern lind so würdig allein zu werden der himmlischen Abkunft. Bon jeher waren Aerzie Freunde der Musen, alle neuere gebildete Sprachen, die Lateinische nicht ausgeschlossen, zeigen Aerzte als ausgezeichnete Dichter. In der unser» sind die Namen Haller, Witthof u. a. verehrt; noch grünet ein Lorbccr- wald für andre Namen: denn war nicht Apolls selbst Arzt und Dichter? A n m c r k u N g. Ausser den vorstehenden Rccensionen habe» sich von dem Verfasser in verschiedenen kritischen Zeitschriften noch 36 andere gefunden, deren Vcrzcichniß hier folgt. Zwar zeichnen sie sich vor vielen andern in jenen Journalen aus, und zeigen überall de» geistreichen Mann, der in allem neue Bahn brach; um aber diese Sammlung seiner Werke nicht zu überladen, und weil das, was er in denselben gelegentlich III. Recensionen. 44 Z lich über einzelne Gegenstände dec schönen Wisi- senschaften sagt, in seinen spätem Schriften wieder, aber reifer, schöner, oft auch milder gesagt, vorkömmt , so lasse ich cs an den hier abgedruckten bewenden. A. d. H. In der allgemeinen deutschen Bibliothek: 1) Dithyramben (von Willainot). Berlin 1766. (Band V. St. I. S. 37.) 2) Joh. Elias Schlegels Werke, 4ter Theist Koppenh. 17(16. (Ebcnd. S. i 65 .) 3 ) dürr. Xlotrii Lairriiira oinnig. 1766. (EbeNd. S. 224.) 4) — — — oxrrrcmla, varii arAumsnti» r^lterik. 1766. (Ebend. 2tesSt. S. 74.) 5 ) Nie. Dietr. Giesecke poetische Werk«. Herausg. von C. E. Gärtner. Braunschw. 1767. (Th. VII, I. i 5 o.) 6) (Dusch:) Briefe zur Bildung des Geschmacks; an einen jungen Herrn vom Staude. 2tcr Theist Lcipz. 1766. (Ebend. II. 142.) 7) (B 0 dmer:) die (.Grundsätze der deutschen Sprache; oder von den BestaNdtheileu derselben und von dem Redesatze. Zürich 1768. (Bd. IX St. l.S. ig 3 .) 8) des E. E. Tacitus sämmt. Werke; übery durch I. S. Müller. Hamburg, 3 Bande. 176b, (Ebcnd. St. II. rio.) 9) — — — — übers, von Pazke Magdeburg 1766. (Ebcnd. S. 119.) Herders W.Lit.u.Kunst. XlH, Ff tVeicL/c.er. 446 III. Nccensi 0 nen. ro) die Gedichte Ossi ans, von I. M. Denis übers 3 Bande. Wien 1768. u. f. (Ebend. B. X. r, 63. u. XVII. 2, 437.) n) Ugolino; eine Tragödie (von G e r st e n b e r g.) Hamburg. 1768. (Eb. IX. 1, 8.) 12) Batteux Einschränkung der schönen Künste auf einen einzigen Grundsatz; üb.rs u. mit Abhandlungen begleitet von I. Ad. Schlegel. Dritte Ausgabe. Lpz. 1770. (Eb. XVI. ,, 17.) LZ) von Ereuz, Oden und andere Gedichte. 2te Auflage. Frkft. 1769. (Eb. S. 127.) 14) Bricqleb's Vorlesungen über den Horaz. Altenb. 17701. (Eb. XVII. 1, 61.) r5) Dan. Wcbb's Bctr. über die Verwandtschaft der Poesie u. Musik. Hebers, von Eschenburg. 1771. (Eb. 2c>5.) 16) Versuch über Sh akespcars Genie u. Schriften in Vergleichung mit den dramatischen Dichtern der Griechen u. Franzosen. A. d. Engl, übers, von Eschen bürg. (Eb. 207.) 17) Denis, Bardcnfcyer am Tage Theresicns. Wien 1770. (Eb. II. 447.) 18) (Kr et sc h m a n n :) der Gesang und die Klage Rhingulfs des Barden — der Barde bei Kleists Grabe— die Jagerin. 1769— 1772. (Eb. 462.) 19) G. E. Lessings vermischte Schriften, rter Th. Berlin 1771. (Eb. 467.) 20) M. E. I. Sucro kleine deutsche Schriften. Eoburg 1770. (XIX. r, 2.43.) 21) David: ein Trauerspiel von Klopstock. Hamburg 1772. (XX. 1, 3.) III. Recensioncn. 447 22) I. G. Sulzcrs allgemeine Theorie der schonen Künste. itcrTH. Lpz. 1771. (XXII. 1, 5.) *) In der Lemgo'ischcn auserles. Bibliothek der neusten deutschen Literatur, ^772 — »780. 23 ) 24) Lavaters physiognomischeFragmente, iru. 2r Bd. 1775 u. 76. (Bd.X. 335 ....) 26) Pfenningers Appellation an den Menschenverstand, gewisse Vorfälle, Schriften und Personen betreffend. Hamburg 1776. (Band.) 26) I. H. Tönnies Auszug der Geschichte zur Erklärung der Offenbarung Johannis. Lpz. 1776. (B. X. 365.) 27) I. KI. Os SN Sri IsaASAS. (ist abgedruckt in Herders Schriften zur Philos. u> Geschichte B. XII. 291.) In die Frankfurter gelehrte Anzeigen 1772. 28) Denina, Staatsvcranderungen von Italien. Aus dem Jtal. von V 0 l k m a n n übersetzt. Leipz. 0771. Erster Bd. (Num. 5^.) *) Im 8k>sten Band der Neuen Allg.d. Bibl. wird bei der Anzeige des Lobes Hrn. v. Herders gesagt, daß er von 1766 —1777 ein fleißiger Mitarbeiter der Bibliothek gewesen sey, und zwar vom stten bis zum linsten Band. Dies ist aber nicht richtig, denn 177g. im August hat Hr. v. Herder den Briefwechsel mit Hrn. Nicolai abgebrochen, und aller Thcilnahme an der Bibliothek entsagt. H. 44 » III. Recensioncn. 29) Schlözers Vorstellung seiner Universalhistorie. Göttingen 1772. (Num. 60.) 3 0) Io. 8a>. 8 eitel e r I xsrapkrasis, Svangelii loliannrs. Hui. 1771. (Num. 61.) 3 r) Fragen cm Kinder, eine Einleitun in die Religion. Von der ascetischen Gesellschaft in Zürich. (Eb.) 32 ) I. D. Michaelis Versuch über die l^XX Wochen Daniels. Gott. 1771. (Num. 64.) A 3 ) Betrachtungen überden Orient. Aus Rcisebcschrei- bungen zur Aufklärung der heil. Schrift. Aus dem Engl, übers, von Fabe r. Hamb. 1772. (St. 69.) 34) I. Mi klar vom Unterschied d.r Stande in der bürgerlichen Gesellschaft. A. d. Engl. i!pz. 1772. (Num. 77? 35 ) I Beattis über die Natur und Unverander- lichkeit d.r Wabrb.it, im Gegensatz der Kmgelei und Zweiftlsucht. A. d. Engl. Kopcnh. 1772. (Num. 84. u 95 .) A6) I- L. II arles , Us virls s>1nlo)oAoruna nos- ira gerate elarissiirioruin. V^pl. IVtuw. Lrsrn. 4772. (Num. 87.) Z n h a l t. I. Seite 1. Ueber Bild, Dichtung und Fabel. 1787. 5 2. Ob Mahlerej oder Tonkunst eine größere Wirkung gewahre? Ein Gvttcrgcsprach. 178b. ...... 68 3 . Cacilia. 1792. ..... Zr 4. Die Lyra. Von der Natur und Wirkung der lyrischen Dichtkunst. 1796. . .119 5 . Alcaus und Sappho. Von zwei Hauptgattungen der lyrischen Dichtkunst. 179b. 147 II. 6. Andenken an einige altere deutsche Dichter. Briefe. 1793. . .176 Erster Brief. Acltcste deutsche Poesie. . 176 Zweiter Brief. Lobgesang auf den heil. Anno.. Dritter Brief. Die schwäbischen dichter. (Vcn der Jenaf'chcn Handschrift.) Vierter Bichs. Reineke Fuchs. . Fünfter Brief. Moralische Dichter. Frey- dane. flecnner. Bencr. Sechste Brief. Die Meistcrsanger. Pria- meln. Hans Sachs. Emdlemaiische Poesie. ..... Siebenter Brief. Luther. Joh. Valentin Andrea. ..... Achter Brief. Georg Rudolph Wrckkcrlin. 7. Der Gart n der Ehre. Nach altdeutschen Vcrftn. (Adrastca, /,ten Bandes 2tes Stück. r8r>2.) ..... 8. Johann Valentin Andrea. s, Vorrede zur deutschen ftebcrsetzung von I. V. Andreä's Dichtungen. 1786. . k. Vorrede zur deutschen Uebcrsetzung von I. B. Andreä's Parabeln. (Zerstreute Blatter, 5 r Thcil.) 0. Vorrede zur deutschen Uebersctzung von I. V. A. vaterländischen Gesprächen. (Zerstr. Blatter, 5 r Thcil.) Beilage: Shakespeare. 1772. (Aus den fliegenden Blattern von deutscher Art Inhalt. S-ite III. Recensionen: 1) Klopstocks Oden. 1771. (Allg. deutsche Bibliothek, B. XIX. 1. 109 ff.) . 32g — Neue Ausgabe; Leipzig, 1798. (Erfur- lische Nacht, v. gel. Sachen; 1798, 5rs Stück.).347 — Lavater, zweites Fünfzig christlicher Li.der. 1776. (Lenigoer Bibi. B. X. 486.) 353 2) Anna Luise Karst hin Gedichte. 1797. (Erfurtische Nachr. 1797 , 2.5s St.) . 363 3) E. A. Böttigcrs griechische Valenge- mahlde. I. Bd. rs, 2s Hst. 1797. (Erfurtische Nachr. 46s St.) . . . 376 4) von Halem, Blüthen aus Trümmern. Bremen 1798. (Ebend. 1798, St. 87.) 386 ö) J.J. Mnioch, Worte der Lehre, des Trostes u. der Freude. 1798. (Eb. St. 48.) 3g>. 6) Elegieen von Properz. 1796. (Ebend. 1799, Sr...).400 7) L. T. Kosegarten Brittischcs Odeon. 1800. (Eb. 180», St. 44.) . .411. L)-Denkwürdigkeiten aus dem Leben und den Schriften R. Robertsons; oder der Prediger, wie er seyn sollte. (Ebend.) 406 9) Friedr. von Hagedorn, poetische Werke. 1800. (Ebend. St. 46.) . 419 ro) I. I. Eschenburgs Denkmahler altdeutscher Dichter. 1799. (Ebend.) . 42Z Seite 11) Sophie Mcreau Erdichte. 1800. (Eb. St. 46.) ...... 426 12) Kosegarten, Rhapsodieen, 3 r Band. 1601. (Ebcnd. i6nr, St. 48.) . 482 r 3 ) E. C. Alt Hofs Nachrichten von den vornehmsten LcbensuMstanden G. A. Bürgers. 1798. (Ungedruckt.) . . 43A ^ 14) I. Armstrongs Kunst immer gesund zu seyn; aus dem Engl, übers, von G. I. F. Nöldecke. 1799. (Ungedruckt.) . 44a WMLNÄW