Dichtung und Fabel.
i35
auch dann fordert die Muse von ihm, daß er unSeinen reichen Schatz edel öffne. Er lud Gaste zurUnterhaltan; mir sich, aus sich, über sichein; wie unangenehm tauscht er uns, wenn er unSin seinem Schneckcnhause einen dürftigen Haushalt,eine erkenntnißlose Seele und ein gemeines, alltäg-liches, niedriges Gcmüth zeiget. Unter allen Natio-nen waren daher der wirklich großen lyrischen Dich-ter immer nur wenige; manchen fehlte es daran ganzund gar. Sie sollten, wie der Seidcnwurm, dasGespinnst ihres Gesanges aus sich selbst weben; undhatten nichts in sich. Oder mit der Biene austausend Blumen Honig sammlen, und waren keineBienen. Dergleichen heilige, leichte, geflügelte Ge-schöpfe, wie Plato die Dichter nennet, die gleichden Bienen umhcrfliegcn, und ihre Melodie aus denGarten der Musen sammlen, gab es zu aller Zeitund allenthalben nicht Biele. — Wir leben z. B.jetzt in großen Zeiten; die merkwürdigsten Begeben-heiten haben wir erlebt; wie Vieles ist darüber ge-sprochen und geurtheilt worden; und wie Wenigesmöchte seyn, das, als lyrische Verkündigung derStimme der Musen, des Ohrs der Nachwelt werthWare! —
Hieraus erklärt sich also einem großen Theilenach, weßhalb die lyrische Poesie so viel von ihremWcrthe verloren, und in der Achtung der Menschentief hinabgesunken ist; sie ward nämlich von vielenschnöde gemißbraucht. Der wiederkommenden gemei-nen Bilder, des Trödels von Gesängen und Gesang-weisen alltäglicher Empfindungen und Gegenständewar und ist man so satt; man hat den Baum so