Dichtung und Fabel.
55
sie sich ein; es empfangt mit dieser simpel» An-schauung cin Naturgesetz Gottes in seine Seele,nach welchem es in seinem Kreise gleichfalls handelnsoll. Wie manche schöne Fabel haben wir darüber,daß wer keinen Verstand braucht, nothwendig zuGrunde gehe; daß wer nach fremden Vorzügen trach-tet, die seinigen schändlich aufopfere; daß wer demandern eine Grube grabt, sie sich selbst bereite; daßin der ganzen Natur ein Gesetz der Wiedervcrgcl-tung herrsche, mithin wer da hasset, gehaßt, werverfolget, verfolgt werde; daß Falschheit, Tücke undArglist überall niederträchtig, hingegen Wahrbcit,Liebe, Geselligkeit, Treue und Ordnung, die Be-obachtung der väterlichen, mütterlichen, kindlichen,freundschaftlichen, häuslichen und Gescllschastspflich-tcn cin allgemeines, ersprießliches Gesetz der Natursey u. f. In vielfacher Rücksicht sind Tbiere her-über die unbefangensten Lehrer der Menschheit: dennsie reden und handeln ohne Wjlleübr, gleichsam nurals Organe des Schöpfers. Wenn sie also denMenschen zur Zufriedenheit auf seiner Stelle, zumFleiß und zu jeder Ausbildung seines Daseyns, zurKlugheit, Billigkeit, Treue, Geselligkeit, Großmuthantreiben: so jst's, als ob ihm der Schöpfer durchalle Stimmen der Natur dicß selbst geböte. Daherweilt auch die Fabel so gern im Kreise der Thiere:denn tiefer hinunter werden uns die Naturgesetzedunkler, unsere Achnlichkeit und Sympathie mitdiesen niedrigen Elasten vermindert sich, und höherhinauf verschwinden die Naturgesetze in den Wolken.In den Fabeln Acsops kommen also auch die Göttermeistens nur als Entscheide! des Schicksals vor, woes bei widerwärtigen Fallen der Natur nicht wohl