Dichtung und Fabel.
^7
Es ist leicht zu sehen, woher der Unterschieddieser Meinungen komme, und wie er einzig geho-ben werden könne? Erfanden Aesop und seine Brü-der ihre Fabel für eine wirkliche Situation des Le-bens, in welcher ge handelt werden mußte; sokonnte die Fabel nichts anders, als eine analogeHandlung schildern, die den Zweifelnden belehrte.Offenbar war hier eine ähnliche Bestim m u n gder Seele mit Wahl und Entschluß,in einer ähnlichen Situation vorzussell. n nötbig.Die meisten Fabeln der Alten sind also, ihrer Ein-falt ungeachtet, selten ohne eine wirklicheHandlung, da ja eben diese zu einer ihr ähn-lichen Bestimmung der Seele als ein Spiegel dienensollte. — Der Kürze halben wollen wir diese prak-tische oder um des Aphtbonius Eintheilungbeizubchalten, sittliche Fabeln nennen.
Unlaugbar ist's aber auch, daß selbst unter denAlten viele Fabeln erscheinen, die blos einen Er-fahrungssatz anschaulich machen. Ihr Amt istalso nur, eine Situation zu dichten, wo ein solcherin seinen Veranlassungen und Folgen gezeigt wird.Und was hinderte uns, diese theoretische odernach dem Aphthonius, vernünftige, logi-sche Fabeln zu nennen? In ihnen kommt aucheine Handlung vor; aber in einem weitern Ver-stände. Mehrere wirkende Wesen können an ihrTheil nehmen, da sie im Grunde nichts, als eineBegebenheit, ein Ereianiß (svenewmiit)seyn darf, das uns den Erfahrungss atz klarund vollständig vorstellt.