Dichtung und Fabel. 4L
scheu Klugheit erfand Llesop seine Fabeln : nicht zinnBehuf der Abstrakti'n einer allgemeinen moralischenWabrh.it. Er lehrte die Menschen, sich durch Er-innerung ähnlicher Falle zurecht zu finden in, Leben,und legte il'ncn in seinen Erfindungen dergleichenihrer Situation zutreffende Falle vor. Den Sinnderselben ließ er sic selbst abstrahircn, und auf ihrejetzige Lage anwcnden; so war nicht nur ihr Räth-scl entrathselt, sondern ibre Seele ward auch ge-wohnt, in andern Fallen eben so zn denken, sichähnlicher Vorfälle zu erinnern, und aus ihnen Be-lehrung, Rath, Trost her «holen. Ich kenne keinenützlichere Bildung menschlicher Seclcnkräfte, alsdiese Uebung der Analogie, ähnliche Falle znerdenken, und in ihnen das Achnliche aus treffendeArt genau zu bezeichnen. Nicht etwa nur die in-nere Möglichkeit eines gegebenen Falls wird dadurchanschaulich gemacht, und zur Anwendung seiner, alseiner Erfahrung, der Weg auf's Geratbewohl ge-bahnt; man bahnet sich dadurch zugleich den sichernWeg, vielen Situationen allgemeine, feste Gesetzezu erfinden, und kommt also aus dem Lande derDichtung in's Land der gewissesten Wahrheit. Inallen Wissenschaften sind die größten Erfindungennur durch Analogieen gemacht worden: man
dachte sich mehrere ähnliche Falle, und machte Ver-suche; man verglich die Folge dieser Versuche, undführte sie auf allgemeine Begriffe, zuletzt auf einHauptprincipium zurück, und wenn dieß auf jedender gegebnen analogischen Fällen paßte: so war
die Wissenschaft erfunden. Ein Gleichesift's auch mit den trefflichen Köpfen, die man imgemeinen Leben nicht gnug zu schätzen weiß. Sie