Dichtung und Fabel.
35
einander wirken. Alles kommt hier, wie man sieht,auf den anschaucnden Sinn des Erfinders, auf disArt, wie er die wirkenden Wesen zusammcnstellt,Und aus ihnen feine Welt dichtet, endlich auf dieNational - und individuelle Denkart der Zuhörer an,denen er feine Fabel vortragt. Wenn für Lesereine Fabel geschrieben wird, so ist dicß schon zwie-fache Kunst oder eine Fabel der Fabel: denn auf
der lebendigen Situation der Zuhörer, die da hör-ten, und des Redners, der zu ihnen sprach, beru-hete eigentlich der Zweck der ersten Erfindung. AlsMcnenius Agrippa dem verfammleten Römervolk sei i>>Fabel vom Magen und den Gliedern vertrug, dachteer gewiß nicht daran, ob auch Zuhörer fevn wür-den, die philosophische Skrupel darüber faßten, daßweder Magen, noch Hand und Fuß sprechende We-sen oder römische Bürger waren. Er trug seineFabel vor, 'und sie gelang: denn der Sinn dersel-
ben war dem aufgebrachten Volk anschaulich undüberzeugend. So ist's niit allen Fabelwesen, siemögen auf der Leiter der Dinge über oder unterdas Thierreich von uns gestellt werden. Hat michder Dichter durch die Anschauung, die er mir ge-wahren wollte, nicht sinnlich überzeugen können,daß diese Wesen handeln, daß sic nur diese Lehre,als eine ihrer Natur ncthwendige Lebrc sagen: so
hasse ich den Fabulisten, er möge Götter oder Töpfe,verständige Wesen oder, wie Triller, unvernünf-tige Hemde auf den Schauplatz der Fabel führen.Gleich von Anfänge dieser Abhandlung bemerkt,»wir, daß selbst bei dem, was wir Bild nennen,für uns alles an der Seele liegt, die sich das Bild
E 2